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Title: Bericht über den Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation in Genf (1866)
Description: Johann Philipp Beckers Bericht im «Vorbote» über den ersten Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation (Genf, 3.–8. September 1866): Eröffnung, Verhandlungen über die Fragen des Programms, Abstimmungen und Schlußfeier.
Author: Johann Philipp Becker (Der Vorbote)
Date: 1866-09
URL: https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1866%20Bericht%20%C3%BCber%20den%20Kongre%C3%9F%20der%20Internationalen%20Arbeiterassociation%20in%20Genf%20%28I.%20Internationale%29
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*Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation, Genf, 3.–8. September 1866. Offizielle Protokolle wurden nicht veröffentlicht; der Text folgt dem Sitzungsbericht von Johann Philipp Becker: «Der Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation in Genf», in* Der Vorbote*, Genf, Erster Jahrgang, Nr. 9 (September 1866), S. 125–140, Nr. 10 (Oktober 1866), S. 141–155, und Nr. 11 (November 1866), S. 157–174, nach dem Scan bei [archive.org](https://archive.org/details/bub_gb__H4ZAAAAMAAJ). Die vom Kongreß angenommenen Dokumente werden hier nicht wiederholt; sie stehen auf der Seite [1866 Congrès de Genève (AIT)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1866%20Congr%C3%A8s%20de%20Gen%C3%A8ve%20%28AIT%29). Die Überschriften der Sitzungen sind von uns. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/congresos/1866%20Actas%20del%20Congreso%20de%20Ginebra%20%28I%20Internacional%29).*

## Vor der Eröffnung

Mit diesem Kongresse ist ein bedeutungsvolles Ereigniß an uns vorübergegangen, ein Ereigniß, das allgemein wirkenden Thatsachen entsprungen, auch nicht ohne geschichtliche Folgen bleiben kann. Während hergebrachter Despotismus und bürgerliche Freiheit komödienartig mit einander spiegelfechten (wobei jedoch der erstere seine Geschosse immer scharf und die letztere die ihrigen nur blind geladen hat), die mittelalterliche und moderne Weltanschauung in Karakterlosigkeit Schmollis trinken, sich aber fort und fort einander hinter die Ohren schlagen, wenn sich nach ihrem monarchisch-konstitutionellen Doktrinarismus Feuer und Wasser nicht versöhnen wollen; ja, während die ökonomisch befriedigte Klasse der Gesellschaft — die Bourgeoisie — in Kompromissen und Konzessionen alle Prinzipien in den Kauf gibt, um jeden Preis ihr «gesetzliches» Ausbeutungsrecht der Arbeitskraft zu retten und konserviren trachtet, entwickeln sich, lange unbeachtet und geringgeschätzt, aus dem Schooße aller modernisirten Völker eine einheitliche, jugendkräftige Regenerationspartei, welche in einer allgemeinen Brudergenossenschaft jeden übersprudelnden Nationalismus in seine natürlichen Schranken zurückgewiesen, und die Gleichberechtigung aller arbeitenden Menschen am Lebensgenusse begehrend, die Fahne der Menschheit und Menschlichkeit aufgepflanzt hat, Freiheit, Friede und Gerechtigkeit will und aller politischen, religiösen und sozialen Tyrannei den Fehdehandschuh offen hingeworfen. Ja, diese Partei, die auf dem ersten Kongresse, der Internationalen Arbeitergenossenschaft vor ganz Europa feierlich ihr Dasein verkündigte, wird, obwohl jetzt noch in ihrer Kindheit, alsbald als Riese die Leitung der Weltgeschichte in die Hand nehmen und der hier durch Mangel und dort durch Ueberfluß gequälten Menschheit zu dem einzig möglichen Paradiese auf Erden die Thore öffnen.

Wir wollen nun eine kurze Beschreibung des ersten Jahreskongresses dieser internationalen social-demokratischen Partei versuchen, die jedoch, so gedrängt sie auch ausfallen mag, einige Nummern unseres Schriftchens in Anspruch nehmen wird. Indessen können wir unsern Associationsmitgliedern hiermit zugleich die Anzeige machen, daß unser Generalrath, der alle bezüglichen Aktenstücke zur Hand nahm, in möglichst kurzer Zeit einen Gesammtbericht in deutscher, englischer und französischer Sprache veröffentlichen wird.

Nachdem schon am Sonntage des 2. Septembers die meisten auswärtigen Delegirten angelangt und von Abordnungen der hiesigen Sektionen am Bahnhofe und Hafen brüderlich bewillkommt waren, wurden sie zu einem freundlichen Abendbrod in unser Gesellschaftshaus und später in die für sie bereit gehaltenen Privatwohnungen geführt. Trotz der gemüthlichen, oft humoristischen Heiterkeit des ersten Zusammenseins, hatte man aber keineswegs den Ernst der bevorstehenden Aufgabe aus den Augen verloren und wurden schon jetzt über verschiedene Kongreßfragen die eifrigste Unterhaltung gepflogen. Schon hiebei konnte es allen Anwesenden nicht entgehen, daß unsere Abgeordneten Geist, Sachkenntniß und Redegewandtheit mitgebracht hatten und daß es zur klaren Begründung und logischen Folgerung jedweder Ansichten durchaus nicht unbedingt nothwendig ist, Universitäten-Bier getrunken zu haben. Mit welcher Leichtigkeit man sich schon da in dreierlei Sprachen verständlich machte, war für unsere hiesigen Associationsmitglieder eine imponirende Erscheinung, die allen die Beruhigung bot, daß die Sprachverschiedenheit bei den kommenden Verhandlungen keine sonderlichen Schwierigkeiten bieten werde. Ja man begriff sich leicht, gewann sich lieb und fand so gleichsam an diesem Abend die gegenseitige Verlobung verschiedener Nationalitäten statt.

## Eröffnung und erste Sitzung, Montag, 3. September

Mit dem 3. September war der längst ersehnte Tag angebrochen. Morgens 9 Uhr versammelten sich die Abgeordneten der Association, die genfer Sektionen derselben und die andern Arbeitervereine und Handwerkskörperschaften auf der Bastion Bourgeois. Mit ihren Gesellschaftsfahnen waren vertreten, der Grütliverein, Deutsch. Arbr.-Bildungsverein, der deutsche Kranken-Unterstützungsverein (Concordia), die Körperschaften der Graveure, Schreiner, Zimmerleute, Schlosser, Steinhauer, Schneider, Schuhmacher, Musikdosenmacher, Buchdrucker, Schalenmacher, Bijoutier, genf. gegenseitige Unterstützungsgesellschaft. Der Zug durch die Straßen in's Kongreßlokal nach entgegengesetzter Seite der Stadt ward nun von den dazu ernannten Führern angeordnet. Voraus zog die Musik, welcher sich die Träger der Schw. Eidgenössischen und Associationsfahne angeschlossen und worauf die Abgeordneten, auf beiden Seiten von den Komitemitgliedern der genfer Sektionen begleitet, folgten, welchen sich die verschiedenen Arbeitervereine, je mit ihrer Fahne an der Spitze, nach der Ordnung gezogener Nummern anreihten, und wovon die genfer Associationsmitglieder den Schluß bildeten. Der Zug soll, trotz des Werktages, der die Arbeiter an ihre tägliche Beschäftigung fesselte, nach der Angabe, der unserer Sache fernstehenden genfer Journale, 1500 Mann stark gewesen sein und sich nach der Aussage derselben Blätter, ob seiner Einfachheit, in aller Würde und Feierlichkeit bewegt haben. Die ganze Gewerksbevölkerung war vor den Häusern, auf der Straße und konnte man die freudige innere Theilnahme auf allen Gesichtern lesen. Im Kongreßsaale (Hause Treiber a. d. Terrassiere) angelangt, nahmen zuerst die Delegirten und dann die verschiedenen Gesellschaften, soweit der sonst weite Saal es möglich machte, ihren Platz und begann hierauf, nachdem obgenannte Gesellschaften in angemessener Weise mit ihren Fahnen die Lokalität ausgeschmückt hatten, die Eröffnungsfeierlichkeit. Zuerst trugen die Sänger des Grütlivereines ein dem Momente entsprechendes Lied vor, worauf Bürger Düpleix, Präsident der romanischen Sektion Genf's und des Zentralkomitees des romanischen Schweiz, die Bühne betrat, in warmen Worten die Delegirten begrüßte und den großen Zweck der Internationalen Arbeiter-Association kurz auseinandersetzte:

«Wohlan denn», sagte er, «der Tag ist angekommen, an dem die Arbeiter Angesichts Europa's die Frage ihrer Interessen behandeln. Zu lange haben wir gelitten in der Vereinzelung und Zersplitterung unserer Kraft; allein die Association, welche wir gegründet haben, wird uns die nöthige Macht geben, um endlich das Loos der Arbeiterklasse zu verbessern und nach dem Beispiele des großen Bürgers Linkoln, wie in Amerika die Sklaverei der Schwarzen, so in Europa die Sklaverei der Weißen zu vernichten.

«Den Arbeitern sind bis jetzt nur Mühsale und Elend zu Theil geworden, weil sie in der Unwissenheit geblieben sind, weil sie die Wahrung ihrer Interessen Andern überlassen und vernachlässigt haben, sich mit ihrem Klassenschicksal zu befassen. Der 3. Sept. wird daher ein denkwürdiger Tag der Geschichte sein; die Delegirten aller Gegenden, abgeordnet von Arbeitergesellschaften, welche Europa bedecken, hegen das Vertrauen auf die Stütze und Beharrlichkeit aller Arbeiter, denn es ist diese Stütze und diese Beharrlichkeit, welche nothwendig sind, das große Ziel zu erreichen.

«Ich fühle mich daher glücklich, berufen zu sein, an diesem Tage den Arbeiterkongreß zu eröffnen und zwar in einem Lande der Freiheit, wo wir reden dürfen wie wir wollen, wo wir aber, eingedenk unserem Wahlspruche: «*Ohne Rechte keine Pflichten und ohne Pflichten keine Rechte*», dieses freie Land zu respektiren wissen und vermeiden werden, ihm in unsern Reden und Diskussionen gewisse Unannehmlichkeiten zu bereiten.»

Nach einem abermaligen Gesangvortrag der schon erwähnten Gesellschaft nahm Bürger Becker, als Präsident der deutschen Sektion Genf und des Zentralkomites für Deutschland und die Schweiz, das Wort, und können wir nach stenographischen Notizen den Inhalt dessen Rede fast wörtlich mittheilen:

Arbeitervertreter! Bundesgenossen!

Ich soll Euch Alle, Alle, die Ihr von Nah und Ferne hier versammelt seid, brüderlich willkommen heißen. Ja, willkommen sollt Ihr sein bei einer Arbeit, wozu Ihr gewiß all’ Euere Kraft und Euer Licht, all’ Euere Beharrlichkeit und Euere Liebe mitgebracht habt.

Wem von uns sollte sich die Brust nicht heben bei der Feierlichkeit eines Moments, wo sich zum erstenmale, seitdem eine Weltgeschichte berichtet, die Arbeiter aller Länder die Hände reichen, die Hände reichen zu einer gemeinschaftlichen That, zu einer That wobei nur die Freiheit unsere Lebensluft, wo nur die Wahrheit unser Sonnenschein, wo nur die Gerechtigkeit unser Boden sein kann.

Jawohl, theuere Bundesbrüder! wir dürfen Alle mit Recht stolz sein auf diesen Tag, an dem der erhabenste Gedanke, der je dem menschlichen Geiste entsprungen, uns vereinigt hat zur ewigen, ja, wir schwören es, zur ewigen Genossenschaft. Und von einem Werke, welchem wir jetzt die erste Grundlage geben wollen, soll Niemand sagen können: es gehört mein, es gehört dein, sondern wovon wird Jeder sagen müssen: nein! es gehört unser. Ja, es muß aller Klassen und aller Racen, es muß der ganzen Menschheit Eigenthum werden!

Darum wird auch mit dem großen Gedanken der uns Alle beseelt, und auf dem in Heiligkeit unsere Grundsätze beruhen, die gegenwärtige Generation eine neue Kulturepoche einweihen; wird sie die Schleußen öffnen zu einer jugendkräftigen, weltumschaffenden Zivilisationsströmung.

Nur der blinde Eigennutz vermag es nicht einzusehen: daß die Geschichte aus dem Kampfe für das *Ich*, jetzt zur Arbeit für das *Wir*, übertreten will; daß sie aus dem Zustande des «Krieges Aller gegen Alle» in den Zustand des «Friedens Aller für Alle» übergehen muß, — und daß ohne diesen Uebergang allen Errungenschaften der Kultur nichts Anderes übrig bleiben kann als der Untergang.

Hat doch die dominirende Klasse der modernen Gesellschaft in dem tagtäglichen Kampfe für das Mein und Dein allen sittlichen Halt verloren, hat sie vor der «Baarzahlung» alle Segel der Menschlichkeit gestrichen, hat sie oft für weniger als für ein Linsengericht die heiligsten Grundsätze verrathen und verschachert — ja für einen Gnadenblick die innerste Ueberzeugung dahingeopfert.

Daher muß die Errettung von unten herauf kommen, muß die Arbeiterklasse, muß das ausgebeutete, enterbte und mißhandelte Proletariat, muß der verhöhnte «Pöbel» der Messias der Zukunft sein.

Ja, meine wackere Bundesgenossen! die Erlösung der Arbeiterklasse von allem Uebel bedeutet die Errettung der ganzen Gesellschaft vor jähem Untergange. So laßt uns denn auch unerschütterlich festhalten an unserer Fahne, auf welcher unauslöschlich geschrieben steht:

*Gleichberechtigung aller Menschen am Vollgenusse aller Lebensgüter.*

Jawohl, Ihr lieben Brüder! Aller Leib soll sich an den Gaben der Natur, Aller Geist an den Werken der Wissenschaft, Aller Gemüth an den Schöpfungen der Kunst erlaben.

*Doch wie es ohne Rechtsnießung keine Pflichterfüllung geben soll, darf auch ohne Pflichterfüllung keine Rechtsnießung zur Geltung kommen.*

Jeder Mensch, der, ob mit der Hand oder mit dem Kopfe, Gemeinnützliches leistet, leibliche, geistige oder sittliche Nahrung uns bereitet, ist Arbeiter und seines Lohnes werth. Und wir Alle, die wir hier versammelt sind, sind wohl solche Arbeiter.

Bei dieser Stelle muß ich einem drückenden Gefühle Luft machen, denn trotz der uns jetzt Alle erhebenden Stunde, müssen wir es tief betrauern, daß es durch die Folgen des jüngsten raubmörderischen Krieges des Gottesgnadenthums, vielen unserer Bundesgenossen, namentlich in Deutschland und Italien, unmöglich geworden, bei uns einzukehren und uns mit dem Drucke ihrer Bruderhand noch mehr zu erwärmen und Theil zu nehmen an unserer schweren Arbeit. Doch eben diese Thatsache belehrt uns neuerdings wie die Arbeiterklasse noch allenthalben ihren Nacken herhalten muß, wo die Tirannei ihren Grimm abladet; wie sie noch überall mit ihrem Elend als Schlagschatten dienen muß um den Glanz großbürgerlicher Herrlichkeit in blendendes Licht zu stellen, wie sie eben noch Alles leiden und der Lazarus der christlichen Zivilisation sein muß.

So ist es, Arbeitsbrüder! wir sind zwar nicht ein «verlassener Bruderstamm,» wir sind die Verlassenen aller Brüderstämme.

Immerhin brauchen wir noch keineswegs, ob unserer geringen Anzahl, zu verzagen; wissen wir doch, daß noch hunderttausende brave Herzen für unsere Sache hoch aufschlagen, daß sie im Geiste bei uns weilen und unsere Werke segnen. Haben ja vor mehr als 500 Jahren nur drei Männer auf dem Grütli den Grund zur schweizerischen Eidgenossenschaft gelegt, zur Eidgenossenschaft, ohne welche wir wohl auf dem ganzen Festlande Europa's keinen Fußbreit Erde gefunden hätten, um, so wie heute hier, frei vor aller Welt unsere Fahne zu entrollen. Wenn wir dabei bedenken, liebe Freunde! wie auch dereinst von Berg zu Berg, und von Thal zu Thal, die Erlösungsstunde schlagen wird, wie alsdann die Söhne der Arbeit von Haus zu Hof, und von Hütte zu Hütte, ziehen und rufen werden: «wachet auf, ihr Brüder! wachet auf! der große Tag bricht an!» und weiter sagen: «Das haben unsere Väter vermocht, die haben (1866) in Genf die Auferweckungsglocke gegossen, haben den Stundenzeiger der Erlösung für uns hergerichtet; ja dann muß bei solchem Hinblicke uns Alle ein beseligendes Gefühl erfüllen, eine heilige Begeisterung ergreifen, die uns über alle Widerwärtigkeiten des Tages erhebt, über alle Jämmerlichkeiten der Gegenwart vertröstet und uns tragen hilft jede Last und uns muthig haltet bei allem Ungemach.

So, wohlan denn meine Brüder! haben wir uns derart auf die Höhe unserer Aufgabe gehoben, so wird auch jener heilige Geist über uns kommen, der uns stark macht ein dreifaches Joch für immer zu zerbrechen, — zu zerbrechen das Joch brutaler Gewalt hinter Stahl und Eisen; zu zerbrechen das Joch des zaubermächtigen Geldsacks; zu zerbrechen das Joch der ererbten Vorurtheile und erschlaffenden Gewohnheit — das Joch des Pfaffenthums!

Und mit der Abschüttelung des letzteren Joches müssen wir den Anfang machen, wenn wir uns zur Zerbrechung der andern befähigen wollen. Wir müssen zuerst in uns hineingreifen, — zuerst in unserem Innern aufräumen und unsere Rechtsbegriffe und unsere Moral in Uebereinstimmung bringen mit den unumgänglichen Geboten unseres großen Zweckes.

Unsere Lehre muß frei sein von allen überlieferten politischen und religiösen Dogmen; unsere Grundsätze müssen unvermischt und klar sein wie der hellste Bergkristall; — keine Konzession und kein Kompromiß sollen sie trüben. Ja, nie und nimmermehr dürfen wir, wie die veralteten Parteien, unsere Gesinnungen und Handlungen nach dem Hausgeschmack und Privatbedarf einrichten und zustutzen, nicht dem Volke ein X für ein U vormachen, sondern wir müssen ihm stets gesunde Kost vorstellen, reinen Wein einschenken, müssen mit ächter Münze ausbezahlen und nicht mit Blech und Klappergold.

Wir kennen keinen anderen Gott und keinen anderen Leitstern gelten lassen, als unser von der Vernunft gerechtfertigtes Ideal.

Wir können keinen andern Richter anerkennen als unser eigenes Gewissen.

Wir können keinem andern Glauben huldigen als dem an die menschliche Schöpfungskraft und an die Siegesmacht unserer Grundsätze.

Und solcher Gott und solcher Richter, und solcher Glauben, werden uns frei machen, werden uns hinüberführen in das Himmelreich der Allgerechtigkeit, allwo wir Alle, Alle mit unserem Schiller ausrufen können: «Seid umschlungen Millionen!»

Sofort erscheint nun Bürger Coullerie, Präsident von Chauxdefonds, und der Sektionsgruppe des Neuenburger und Berner Juragebirgs, auf der Tribüne und sprach sich etwa folgender Maßen aus:

«Wir sind erfreut, im Namen der Arbeiter der Juraberge hier in Genf den Brüdern von Nah und Fern die Hand zu drücken.

«Wir müssen uns glücklich preisen, daß die Arbeiterklasse endlich begreift, daß sie ihre Erlösung nur von sich allein, nur durch ihre eigene Kraftanstrengung erwarten darf.

«Allein diese Anstrengungen müssen übereinstimmend und gut geleitet sein. Man bedient sich oft des Arbeiters zu rein politischen Zwecken und persönlichem Ehrgeiz, weil er unwissend ist, oder weil der Unterricht, den er in den jetzigen Schulen erhält, seine Begriffe über das Gute, Wahre und Gerechte verfälscht, anstatt sie zu entwickeln.

«Das geschieht in den Schulen, in welchen man uns ohne Unterlaß von unsern Pflichten, aber niemals von unsern Rechten spricht, oder wo man uns über die nothwendige Unterwerfung unter jede bestehende Gewalt belehrt, oder uns von einem Gotte der Schlachten vorpredigt, um mit verlogener Wissenschaft das Arbeitervolk auf immer unter dem ihm auferlegten Joche zu beugen.

«Daher muß vor allen Dingen das Schulwesen umgestaltet und durch die Association ersetzt werden, in deren großer Schule alle Arbeiter die wahre Wissenschaft des Lebens lernen werden; ja, alsdann, wenn die Tyrannei der falschen Ideen vertilgt sein wird, wird es auch keine Tyrannen mehr geben.

«Arbeiter von Genf! Ihr besitzt politische Freiheit, aber ihr habt noch nicht Alles, was an Freiheit nothwendig ist, um das Reich der Gleichheit in Wahrheit herzustellen, welches nichts Anderes ist als die Gerechtigkeit. Ihr habt daher wohl gethan, uns zu Euch zusammen zu berufen, um in der Freiheit die Interessen unserer Freiheit zu besprechen; und kommt der Tag, wo wir sie vollständig besitzen, werden Alle, Alle sie genießen.

Es versteht sich von selbst, daß alle diese Reden von anhaltendem Beifallsrufe begleitet waren. Mit einem nachträglichen Gesangs- und Musikstück wurde die Empfangs- und Eröffnungsfestlichkeit geschlossen.

Die Delegirten begaben sich nun im Vereine vieler genfer Komite- und Associationsmitglieder zu einem gemeinschaftlichen Mittagsmahle in den obern Saal desselben Hauses, wo sie auch während der ganzen Kongreßzeit zusammen speisten. Hier war Alles frohen Muths und erstieg die Heiterkeit den höchsten Grad, als sich Bürger Coullerie über das bei seinen Kinderjahren am väterlichen Herde übliche Vor- und Nachtischgebet in launischer Weise aussprach.

Um 2 Uhr begann die erste Kongreßsitzung und schritt man nach Prüfung der Vollmachten zur Wahl des Büreau. Bis jetzt waren 54 Delegirte eingetroffen, zu welchen sich am folgenden Tage noch die aus Zürich, Wetzikon, Stuttgart und Magdeburg hinzugesellten. Da sich Bürger Jung, Mitglied des Generalraths und Delegirter London's (aus St. Immer in der Schweiz von deutschen Eltern stammend) schon auf der Londoner-Konferenz (25.—28. Sept. 1865) durch seine Gewandheit in der deutschen, französischen und englischen Sprache bemerkbar machte, so war man über seine Wahl zum Präsidenten bald einig und er mit 45 Stimmen zum Vorsitz gebracht. Zu Vizepräsidenten wurden die Bürger Dupleix mit 45 und Becker mit 47 Stimmen gewählt und fielen die übrigen auf die Bürger Coullerie und Card (Pole). Die Wahl der vier Sekretäre traf einstimmig die vorgeschlagenen Bürger Coullerie, Card, Moll (Delegirter für Köln und Solingen) und Bourdon (Paris).

Ehe wir mit der Congreßbeschreibung weiter fahren müssen wir hier eines Zwischenfalls erwähnen, der, so bedeutungslos er an und für sich war, dennoch zu so vielem Zeitungslärm, was sehr den Standpunkt heutiger Journalistik karakterisirt, Veranlassung gab, daß wir ihn nicht mit Stillschweigen übergehen wollen. Vier junge Männer, Rechtskandidaten, von Paris kommend, verlangten nämlich als Congreßmitglieder zugelassen zu werden, obwohl sie hiezu kein Mandat vorweisen konnten. Sie meinten ein solches Aktenstück sei nicht nöthig und müsse auf einem internationalen Congresse Jeder bereitwillig aufgenommen werden, der für das angestrebte Ziel die rechte Gesinnung und Sachkenntniß mitbringe und sie müßten gegen solchen Despotismus der Ausschliessung protestiren. Sie bestanden sogar mit lärmender Frechheit noch auf ihrer Zulassung, als man sie auf das in den Associationsorganen und in vielen tausenden Exemplaren besonders veröffentlichte Congreßprogramm aufmerksam, und ihnen begreiflich machte daß es sich nicht hier um einen allgemeinen Congreß handle, sondern um den Congreß der internationalen Arbeiterassociation und zwar durch die Vertreter deren Sektionen. Doch trotz allen sachgemäßen Vorstellungen, tumultirten sie in einer Verschämtheit, fort als hätten sie es wirklich darauf abgesehen handgreiflich vor die Thüre gestellt zu werden, bis es endlich gelang sie in besserer Manier aus dem abgeschlossenen Raume der Delegirten-Sitze, wohin sie sich, mit Umgehung aller Anordnungen, unbefugt eingedrängt, wieder hinaus zu bringen. Diesen Leuten, die vor allen Delegirten, schon Sonntags den 1. September in Genf angelangt waren, und welchen man schon am 2. September auf das Bestimmteste bedeutete, daß sie unter bewandten Umständen unmöglich als Congreßmitglieder aufgenommen werden könnten, entblödeten sich nicht nach obigem Vorfalle dennoch am Montage Abends in das Associationslokal zu kommen, wozu nur Mitglieder und die von diesen eingeladenen Freunde das Recht haben, um dort durch Schimpfen über Personen und die Congreßanordnungen wiederholten Tumult zu erregen, bis man sie endlich kategorisch hinausgewiesen hatte. Nun verlegten sie sich auf Verdächtigung und Verläumdung in den Kaffeehäusern, am Vorplatz des Congreßlokals, sogar auf den Straßen, und es ist kein Wunder daß sich im Publikum bald allgemein die Meinung kundgab, als habe man es hier mit franz. Polizeispionen, bezahlten Congreßstörern zu thun. Ja, diese Herrn hatten es nur den beständigen Abmahnungen der Congreßmitglieder zu danken, daß sie nicht als solche mit gehöriger Derbheit behandelt wurden. Doch gegenüber der Nachsicht und Schonung die man gegen sie übte, wurde ihre lästerliche Unverschämtheit nur noch größer. In der Donnerstagssitzung verlangten sie von den Sitzen des Publikums aus, wohin man sie in liberaler Weise dennoch treten ließ, abermals stürmisch das Wort, was wiederholt zu längerem Tumult führte, bis sie das Publikum selbst, ohne zur Mißhandlung zu schreiten, in einmüthigem Unwillen zum Saale hinaus gewichen. So überall mit Schande abgefahren, nahmen sie nun zur Auslassung ihres Aergers, sei es über verletzte Eitelkeit ihre Weisheit nicht an den Mann bringen, oder gewisse Zwecke nicht erreichen zu können, zur löblichen Zeitungspresse ihre Zuflucht und fanden sie wirklich am «Genfer Journal», Organ der altgenfer Aristokratie, einen würdigen Dolmetscher ihrer noblen Empfindungen.

Diesem ergrauten Aristokratenblatte, daß sich, so lange es nicht recht wußte wo die Sache mit dem internationalen Congresse hinaus wollte, hübsch arbeiterfreundlich gebahrdete, war nun diese Gelegenheit seiner gepressten Brust über die schrecklichen Dinge, die da kommen möchten, Luft zu machen, um so willkommener, als es mit «unparteiischer Miene hinter der Verantwortlichkeit der Stimmen dritter Personen geschehen konnte. Da wurde jetzt, ja, als die Congreßverhandlungen schon beendigt und die Mitglieder schon verreist waren, mit Herzenslust zu Entstellungen der Thatsachen geschritten und den feigen Waffen der Lüge und Verläumdung gegriffen. Und Juheisa! Diese edle Geschichte war (der offiziellen und offiziösen Presse, die nicht nur unterläßt, was ihr verboten, sondern nur thut was ihr befohlen ist, gar nicht zu gedenken) für die ganze groß- und spießbürgerliche Zeitungsschreiberei, konservative, liberale und radikale, bis auf einige ehrenvoller Ausnahmen, ein deliziöser Schleckerbissen und wurde er mit Wollust wiedergekäut von den Alpen bis über die Nord- und Ostsee hinaus. Da war die Internationale Arbeiterassociation hier dem Bonapartismus und dort dem Orleanismus (das reimt sich gut zusammen!) verfallen und blieben, um die Schurkerei mit einer Heimtückerei zu vollenden, noch «verborgene (!) Geheimnisse zu enthüllen.» Weil man eben die große Erscheinung eines internationalen Arbeitertags doch nicht so mir nichts dir nichts todtschweigen konnte, so griff man gerne zu einer Kost von starkem Geruche, um das neugierige Lesepublikum, wenn auch in Geringschätzung dessen Geschmacks und Urtheilsfähigkeit, mit einem gut vermatschelten Häringssalat abzufüttern. Außerdem wußte man zum Nachtische noch einige Lapalien, d. h. Läppigkeiten mit Blendwerksschnirkeln, wohl nicht zur Schwächung, sondern Stärkung allgemeinen Katzenjammers, aufzustellen, wie etwa: «Die Theilnahme der genfer Bevölkerung am Arbeiterkongreß muß eine sehr geringe sein, da sich keine dortige Musikgesellschaft unentgeltlich dazu anerboten hat.» Doch wie verhält sich die Sache? Außer den beiden Milizmusikkorps, aus welchen eine «Fanfare» rekrutirt ist, die aber bei der gleichzeitigen landwirthschaftlichen Ausstellung schon ihre Verwendung gefunden, gibt es keine genfer Blasinstrumenten-Musikgesellschaft. Aber den sonst im Sommer oft zahlreich nach Genf kommenden fremden «Musikbanden», die sich und ihre Familien in der Heimath zu ernähren haben, konnte wahrlich eine unentgeltliche Mitwirkung zugemuthet werden. Die Fanfare in dem französischen Nachbarorte Fernex, die aus Arbeiter bestehend, freiwillig ihre Betheiligung anerboten, wurde durch ein Verbot des Unterpräfekten in Gex an der Ausführung verhindert und ihr überdieß, wegen ihres unschicklichen Vorhabens, eine jährliche Subvention von zweihundert Franken entzogen. (Dem kaiserlichen Herrn Unterpräfekten war scheint's neben dem «verborgenen Geheimniß» auch noch das unverborgene verborgen: daß die Internationale Association «bonapartistisch» ist.) So steht's mit der Nebensache als Hauptsache in der Musikgeschichte. Die Zeitungen hatten aber auch eine Fahnengeschichte von hoher Wichtigkeit zu vermelden: «Der Kongreß hat seine Lustfahrt auf einem franz. Dampfschiff und unter französischer Flagge gemacht, während der «Wilhelm Tell» ruhig im Hafen lag,» war der Tadelsruf von Schweizerblättern, der natürlich auch in Deutschland wiederhallte. Ob der «Wilhelm Tell» ruhig im Hafen gelegen, wissen wir nicht; wir wissen nur, daß die betreffende französische Dampfschifffahrts-Gesellschaft, wohl weil die Lustfahrtszeit ihr am besten in ihren sonstigen Fahrplan paßte, bei Weitem den billigsten Preis forderte, was bei der armen Arbeiterklasse, der nicht, wie der reichen Bourgeoisie zu ihren Festlichkeiten, nationalen und internationalen Kongressen, mit Gemeinde- und Staatsunterstützungen bereitwillig entgegengekommen wird, entscheidend sein mußte. Die Flaggen betreffend, hat der leitende Kapitän bei der Besteigung des Dampfbootes sofort die schweizerisch-eidgenössische, nordamerikanische, englische, sowie die aller Schweizerkantone und die rothe der Internationalen Arbeiterassociation, welche die Inschrift «Keine Rechte ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte» trägt, letztern auf den Gipfel des Hochmastes, aufhissen lassen. Hätten die Herren Zeitungsredaktoren, oder ihre Herren Korrespondenten die Internationale Arbeiterassociation nur mit einem Blick in den Kongreßsaal beehrt, so würden sie gleich wahrgenommen haben, wie es diese mit der Fahnensache gehalten; denn dort waren, außer den meist indifferenten Fahnen der Vereine, nur die schweizerische und nordamerikanische, also der beiden Republiken, neben der der Association entrollt. Wenn man sich aber über auffallend sichtbare Dinge abgeneigte Mißdeutungen erlaubt, wie mag es erst da aussehen, wo es sich um Ideen und Begriffe handelt. Auf einem französischen Privatschiffe und nebenbei unter franz. Flagge gefahren zu sein, konnte wohl für einen internationalen Kongreß nur bei Leuten vom Bewußtsein eigener Grundsatz- und Karakterlosigkeit verdächtig sein. Um ihren Mittheilungen mehr Glaubwürdigkeit zu geben, waren einige Blätter sogar so gewissenhaft, den Anschein zu nehmen, als hätten sie eigene Berichterstatter an Ort und Stelle, während man doch der «Berichterstattung» voll Entstellungen, Irrthümer und Verwechselungen der Personen und deren Funktionen im Nu ansah, daß ein solcher «Berichterstatter» nicht einmal in Genf gewesen sein, geschweige denn seinen Fuß in den Kongreßsaal gesetzt haben kann.

Derart wird jetzt überall in den herrschenden und tonangebenden Kreisen und sogar auch dort, wo man den hohen Beruf zu haben vorgibt, dem Volke nur Wahres und Aechtes darzulegen, Alles verfälscht und verlogen, nicht nur der Wein und das Brod, sondern auch die Gesinnung und das Wort, und dieß Alles um sein tägliches Geschäftchen zu machen und mit des Magens Zufriedenheit die Stimme des Gewissens zu beschwichtigen. Wenn nun doch hie und da eine verehrliche Zeitungsredaktion mit herablassender Wohlgewogenheit der großen Arbeiterfrage, über die sie jahrelang hohnäßig hinwegblickte, eine Spalte widmet, in Rührung einen großmütterlichen Rath ertheilt, mit der ersten Zeile aber bewiesen, daß sie von dem Ding kein Jota versteht, so nimmt sie damit dennoch die prätentiöse Miene an, als müsse die Arbeiterklasse, das ihr in dieser Weise hingeworfene Almosen eines falschen Pfennigs, mit ersterbender Dankbarkeit aus dem Bodenstaube auflesen.

Doch wenden wir uns nach dieser abgedrungenen Abschweifung wieder unserm Kongresse zu, wo es uns beim Hinblicke auf die heilige Sache und die Einträchtlichkeit ihrer Bekenner, ein Leichtes sein wird uns über den von Außen hineingeworfenen Schmutz freudig emporzuheben.

Da, wie schon erwähnt, die Protokollstücke zur Ausarbeitung eines offiziellen Generalberichts nach London abgegangen sind, so vermögen wir nicht in die Detail der Sitzungen einzugehen, sondern nur in allgemeinen Umrissen die Vorgänge zu beschreiben und die wesentlichsten Beschlüsse mitzutheilen. Am Montage wurden nur noch die Tagesordnung und die Sitzungsstunden (von 9 bis 12 und von 2 bis 5 Uhr) und außerdem bestimmt, daß die Vormittagssitzungen, mit innern Verwaltungsangelegenheiten der Sektionen und nationalen Gruppen beschlagend, vertrauliche und die des Nachmittags öffentliche sein sollten.

## Sitzungen vom Dienstag, 4., und Mittwoch, 5. September

Nachdem in der ersten Dienstagssitzung einige Verwaltungsgegenstände erledigt und die verschiedenen Rechenschaftsberichte der nationalen Abtheilungen mit vielem Interesse angehört waren, schritt man zur Verlesung der von der englischen, französischen und deutschen Delegation vorgelegten Denkschriften über die von der Londoner-Konferenz (25.—28. Sept. 1865) bestimmten Kongreßfragen. Die deutsche Denkschrift ist unsern Lesern bekannt und von der englischen und französischen werden wir im nächsten «Vorbote» die Uebersetzungen bringen. Die Einheit der Ideen, die Uebereinstimmungen der Gesinnungen in den Hauptpunkten dieser Arbeiten, boten eine freudige, ja stärkende und erhebende Ueberraschung dar: sie zeigten, wie nach richtiger Wahrnehmung der vielorts aber gleichzeitig wirkenden Thatsachen sich überall dieselben sich begegnenden Gedanken erzeugen, worin zugleich eine Bürgschaft für die Harmonie der Handlungen gefunden ist. Die Vorlesungen wurden auch in der Nachmittagssitzung fortgesetzt und am Mittwoche Morgens zur Diskussion über den ersten Punkt, d. h. die definitive Organisation der Association geschritten. Man war bald einig, eine Dreizehner-Kommission (5 Franzosen, 3 Engländer, 2 Schweizer und 4 Deutsche) zur Ausarbeitung der Generalstatuten auf Grundlage der provisorischen londoner Bestimmungen (25. Sept. 1864) zu ernennen. Dieselbe entledigte sich dieser Arbeit, obwohl nicht ohne heiße Erörterungen, in zwei Stunden und legte sie der Nachmittagssitzung in deutscher, französischer und englischer Sprache redigirt vor. Hier wurden, nachdem sie vorerst im Ganzen vorgelesen waren, Artikel für Artikel zur Besprechung gebracht und wurden sie alle, theils nach heftigen Debatten, einstimmig angenommen wie folgt:

*Die vom Kongreß angenommene französische Fassung der Generalstatuten steht in [Statuts généraux (5 septembre 1866)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1866%20Congr%C3%A8s%20de%20Gen%C3%A8ve%20%28AIT%29#statuts-generaux-5-septembre-1866); der Bericht gibt folgende deutsche Fassung:*

Generalstatuten.

In Erwägung, daß die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß;

daß der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse kein Kampf für die Klassenprivilegien und Monopole bedeutet, sondern den Kampf für gleiche Rechte und Pflichten und die Abschaffung aller Klassenherrschaft; daß die ökonomische Unterwerfung des Mannes der Arbeit unter den Monopolisten der Arbeitsmittel, d. h. der Lebensquellen, der Knechtschaft in allen ihren Formen zu Grunde liegt, allem socialen Elend, aller geistigen Degradation und politischen Abhängigkeit;

daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse daher das große Ziel ist, dem jede politische Bewegung als Mittel untergeordnet sein muß; daß alle Bestrebungen nach diesem großen Ziel bisher gescheitert sind an dem Mangel der Solidarität zwischen den mannichfachen Zweigen der Arbeit in jedem Lande und an der Abwesenheit eines brüderlichen Bandes der Einigung zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder; daß die Emanzipation der Arbeiter weder ein lokales, noch ein nationales, sondern ein soziales Problem ist, welches alle Länder umfaßt, worin die moderne Gesellschaft existirt, und wobei seine Lösung abhängt von dem theoretischen und praktischen Zusammenwirken der fortgeschrittensten Länder;

daß das gegenwärtige, gleichzeitige Wiederaufleben der Arbeiterbewegung in den industriellen Ländern Europa's einerseits neue Hoffnungen erweckt, anderseits feierlich warnt vor dem Rückfall in die alten Irrthümer, und zur sofortigen Combination der bisher zusammenhanglosen Bewegung aufruft;

aus diesen Gründen erklärt der am 3. bis 9. Sept. in Genf versammelte Kongreß, daß die Internationale Arbeiter-Association, sowie alle ihre zugethanen Gesellschaften und Individuen, als leitender Grundsatz: Wahrheit, Gerechtigkeit und Moral in ihrem Verkehr und Umgange mit allen Menschen und zwar ohne Unterschied der Hautfarbe, des Glaubens und der Nationalität anerkennt.

Der Kongreß betrachtet es als Pflicht, die Bürger- und Menschenrechte nicht bloß für sich zu verlangen, sondern auch für Jedweden, der seine Pflicht erfüllt.

«Keine Rechte ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte.»

In diesem Sinne und Geiste hat der Kongreß folgende Statuten für die Internationale Arbeiter-Association definitiv beschlossen:

1) Die Association ist gegründet, um den Arbeitergesellschaften, die in verschiedenen Ländern bestehen und nach demselben Ziele streben, nämlich dem Schutz, der Förderung und der vollständigen Emanzipation der Arbeiterklasse, einen centralen Mittelpunkt der Mittheilung und Mitwirkung zu bieten;

2) Der Name dieser Gesellschaft soll sein: Internationale Arbeiter-Association.

3) Der Generalrath soll zusammengesetzt sein aus Arbeitern, angehörig den verschiedenen, in der Internationalen Association repräsentirten Länder. Er soll aus seiner eigenen Mitte die zur Geschäftsführung nöthigen Beamten ernennen, einen Präsidenten, einen Cassier, einen General-Sekretär und korrespondirende Sekretäre für die verschiedenen Länder. Der Kongreß bestimmt alljährlich den Sitz des Generalrathes, wählt dessen Mitglieder und bestimmt Zeit und Ort der Zusammenkunft des nächsten Kongresses. Die Delegirten werden sich daher von Rechtswegen zur benannten Zeit, und ohne spezielle Einladung, am Ort, wo der Kongreß stattfinden soll, versammeln. Im Nothfall kann der Generalrath den Ort der Zusammenkunft abändern, ohne indessen die Zeit, zu welcher der Kongreß sich versammeln soll, hinausschieben zu dürfen.

4) Auf seinen jährlichen Zusammenkünften soll der allgemeine Kongreß einen öffentlichen Bericht über die Transaktionen des Generalrathes erhalten. Im Nothfall mag er den allgemeinen Kongreß vor dem regelmäßigen jährlichen Termin zusammenrufen.

5) Der Generalrath bildet das internationale Bindeglied zwischen den verschiedenen zusammenwirkenden Associationen, so daß die Arbeiter eines Landes beständig über die Bewegungen ihrer Klasse in jedem andern Lande unterrichtet bleiben; daß eine Untersuchung über den gesellschaftlichen Zustand Europa's gleichzeitig in den verschiedenen Ländern und unter gemeinschaftlicher Direktion veranstaltet wird; daß Fragen von allgemeinen Interessen, angeregt von einer Gesellschaft, in allen andern erörtert werden, und daß, wo unmittelbare praktische Schritte wünschenswerth, wie z. B. im Fall internationaler Zwiste, die Aktion der associirten Gesellschaften gleichzeitig und gleichförmig sei. So oft er es für passend hält, soll der Generalrath die Initiative von Vorschlägen an die verschiedenen internationalen oder lokalen Gesellschaften ergreifen.

Er soll ein Bülletin herausgeben, um seine Mittheilungen zu erleichtern.

6) Da der Erfolg der Arbeiterbewegung in jedem Lande nur durch die Macht der Einheit und Combination gesichert werden kann, während anderseits der Nutzen des internationalen Generalrathes größtentheils davon abhängen muß, ob er mit wenigen nationalen Mittelpunkten der Arbeiterassociationen oder mit einer großen Anzahl kleiner und zerstreuter Lokalgesellschaften zu verhandeln hat, sollen die Mitglieder der Internationalen Association keine Mühe sparen, um die zerstreuten Arbeitergesellschaften ihrer resp. Länder in nationale und durch Centralvorstände repräsentirte Körper zu vereinen. Es versteht sich jedoch von selbst, daß die Anwendungen dieses Paragraphen ganz und gar von den besondern Gesetzen eines jeden Landes abhängt, und daß, auch von gesetzlichen Hindernissen abgesehen, jede unabhängige Arbeitergesellschaft direkt mit dem Generalrath korrespondiren kann.

7) Jedes Mitglied der Internationalen Association wird bei Verlegung seines Domicils von einem Lande zum andern den brüderlichen Beistand der associirten Arbeiter erhalten; derselbe besteht:

a. In dem Rechte um Auskunft über Alles, was seine Profession betrifft, an demjenigen Orte, wo er sich hinbegibt;

b. In dem Rechte auf Credit zu den im Reglemente seiner Sektion bestimmten Bedingungen und dem durch dieselbe verbürgten Betrag.

8) Jeder Mann, der die Grundsätze der Internationalen Arbeiter-Association anerkennt und vertheidigt, kann als Mitglied aufgenommen werden.

Selbstverständlich ist jede Sektion für die von ihr getroffenen Wahlen verantwortlich.

9) Jede Sektion ist souverain und hat das Recht seine mit dem Centralkomite seiner nationalen Gruppe correspondirenden Mitglieder zu wählen.

10) Obgleich vereinigt zu brüderlicher Cooperation, bewahren die der Internationalen Association beitretenden Arbeitergesellschaften ihre Unabhängigkeit und bisherige Organisation unversehrt.

11) Alles in den gegenwärtigen Statuten Unvorhergesehene wird durch Reglemente bestimmt werden, welche der Congreß jeweilen revidiren kann.

In derselben Sitzung wurde eine Vierer-Kommission (Coullerie, Ekarius, K. Bürkli und Fribourg) zur Entwerfung reglementarischer Bestimmungen, als Anhang zu obigen Generalstatuten, gewählt. Der Entwurf dieser Kommission wurde in der Morgensitzung des Freitags in den genannten drei Sprachen vorgelesen und dann nach artikelweiser, oft warmer Besprechung, mit unwesentlichen Abänderungen in folgender Fassung fast einmüthig angenommen worden:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der «Reglementarischen Bestimmungen»; siehe [Règlement (8 septembre 1866)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1866%20Congr%C3%A8s%20de%20Gen%C3%A8ve%20%28AIT%29#reglement-8-septembre-1866).*

*(Fortsetzung.)*

So waren denn, trotz der Schwierigkeiten in dreierlei Sprachen die Verhandlungen zu führen, in zwei Sitzungen die Hauptgeschäfte von Leuten aus dem Arbeiterstande erledigt. Wie oft sehen wir in verschiedenen Ländern konstituirende und gesetzgebende Versammlungen der «Weisesten» einer Nation in ihrer einen Muttersprache sich viele Monate lang zu ähnlicher Leistung herumzanken. In welcher Versammlung ist es je vorgekommen, daß sich Männer, die sich nie gesehen, kaum von einander etwas gehört hatten, in einer fremden Sprache anredend, so rasch zur Vollbringung eines gemeinsamen Werkes, wovor die parlementarische Welt den Hut abziehen muß, verständigt haben? Darin liegt für die dominirende Klasse der Gesellschaft ein wahres Räthsel, dessen Lösung nur in der Gemeinschaftlichkeit der Ideen, Interessen und Gefühlen, welche die Arbeiter aller Nationalitäten belebt und erregt, gefunden werden kann. So heiß und so heftig in unserem Kongresse oft gestritten wurde, war dennoch nie einem der Abgeordneten ein Wort über die Lippen gekommen, das irgendwie das Zartgefühl eines Mitgenossen, oder überhaupt den öffentlichen Anstand hätte verletzen können. Und doch war man dabei kühn, frei und frisch; aber eben auch voll Sachkenntniß und Takt.

Bei Behandlung der leitenden Grundsätze der Association, wie sie in den bereits erwähnten Denkschriften niedergelegt, hatte der Kongreß seinen Glanzpunkt, worüber wir nun mit Freuden Bericht erstatten wollen, erstiegen. Einstweilen notiren wir nur noch, daß dem hiesigen Zentralkomite während des Kongresses Zustimmungsadressen, die vorgelesen und den Akten einverleibt wurden, von folgenden, theils rühmlichst bekannten Namen und Arbeitervereinen, eingegangen sind: Den Bürgern, Louis Büchner in Darmstadt, Verfasser von «Kraft und Stoff»; F. A. Lange, sozial-ökonomischer Schriftsteller; Professor Heinrich Wuttke, in Leipzig; Martini, Rechtsanwalt in Kaukehmen; Beust, Instituteur und August Ladendorf in Zürich; W. Vogel, Bezirkslehrer in Rheinfelden; dem Arbeiter-Fortbildungsverein in Augsburg, dem Zentralkomite von 44 italienischen Arbeitervereinen in Mailand und allen Sektionen, welche für diesmal den Kongreß nicht beschicken konnten. Auch vor und nach dem Kongreß sind dem Zentralkomite von Gesellschaften und Personen Beifallsschreiben eingegangen, auf welches Alles wir später näher eingehen werden.

Ehe wir nun wieder zur Beschreibung der Kongreßverhandlungen schreiten, müssen wir vorausschicken, daß die von den genfer Zentralkomites in deutscher und französischer Sprache veröffentlichte Tagesordnung zur Besprechung der die Association leitenden und zweckbestimmenden Grundsätze in der Mittwochs-Morgensitzung (während die Dreizehnerkommission anderweitig beschäftigt war) bedeutende Veränderungen erlitten hat. Die Fragen wurden nun nach einer Reihenfolge vorgenommen, wie sie in der Denkschrift des Generalraths zusammengestellt und von der englischen Delegation präsentirt war. Dadurch fielen einige Punkte weg, oder sie wurden im Verein mit andern, mit welchen sie ihrem Wesen nach verknüpft sind, besprochen. Dies war zwar um so weniger ein Fehler, als der Generalrath mit seinen Anträgen und Rathschlägen, in praktischer Sichtung und bündigster Abfassung, direkt in den Kern der Sache einging und wodurch auch die Verhandlungen bedeutend verkürzt wurden. Nur klappten mit der hierin aufgestellten Reihenfolge der Fragen, die in den Denkschriften der andern Nationalitäten eingehaltene, nicht mehr zusammen, weßhalb zuweilen, freilich nur vorübergehende, Mißverständnisse eingetreten waren. Indessen hatte die deutsche und deutsch-schweizerische Delegation, die jeden Abend im Vereine von Mitgliedern des genfer Zentralkomites zur Bereinigung innerer Angelegenheiten und Besprechung über eine gemeinsame Haltung bei den Kongreßverhandlungen, besonders um deren Verlängerung zu vermeiden, folgenden Beschluß gefaßt:

1) Auf die Vorlesung ihrer Denkschrift unter der Bedingung zu verzichten, daß diese Arbeit den Protokoll-Akten einverleibt und somit im offiziellen Bericht den Sektionen der andern Nationalitäten zur Kenntniß gebracht werde.

2) Nur da zur Vorlesung einzelner Abschnitte derselben zu schreiten, wo es bei deren Besprechung ersprießlich erscheinen möchte.

3) Dieselbe vor der Uebergabe zu den Akten von allen Mitgliedern der Delegation unterzeichnen zu lassen.

4) Sich der Auffassung der englischen Denkschrift anzuschließen, aber nur alsdann das Wort dafür zu ergreifen, wenn ihr die Stimmenmehrheit nicht hinlänglich gesichert erscheine.

Die Haltung der deutschsprechenden Delegirten bei dem Kongresse, läßt sich deßhalb hauptsächlich nach dem Sinne dieser Beschlußnahme beurtheilen.

Stellen wir das Wesen der verschiedenen Denkschriften vergleichend zusammen, so finden wir, daß die deutsche mehr den Karakter der Propaganda an sich trägt, durch Aufstellung eines entsprechenden Ideals menschheitlicher Bestrebung, neben den leiblichen und geistigen Bedürfnissen auch die gemüthlichen und sittlichen in hervorstehender Weise zu erwecken und zu harmonisiren, eines Jeden gesunde Neigung zu befriedigen und den ganzen Menschen zu erfüllen trachtet — kurz, die sich die Massen der Arbeiter zuerst heran- und in den Kreis der Bewegung hineinzuziehen zur Vorbedingung macht. Dagegen setzt die englische Denkschrift diese Herangezogenheit schon voraus, stellt sich vor die Leute von entsprechender Erkenntniß, richtet sich ohne Umstände an den nüchternen Verstand und legt sofort trockener Miene die Hand an's Werk. Die avansirteren industriellen Verhältnisse England's, die dort in dem großen tagtäglichen Kampfe zwischen dem Kapital und der Arbeit am lautesten zu den Arbeitern sprechenden Thatsachen, mögen gar wohl die Verfahrungsweise des Londoner Generalraths rechtfertigen. Was die französische Denkschrift anbelangt, so schwebt sie in der Mitte beider obgenannten; nur ist sie unverläugbar von einem besorgten Gefühl über ihren heimatlichen Despotismus befangen und scheut sie sich zuweilen, wohl um die Existenz der Association nicht zu kompromittiren, die rechten Schlußfolgerungen auszusprechen, verschweigt so lieber, um keine Grundsätze zu verfälschen und ihre Ueberzeugung zu wahren, was ganz zu sagen sie unter bewandten Umständen nicht für angemessen hält. Doch zeigt sich, wie schon erwähnt, im Gesammt dieser drei verschiedenen Arbeiten, bezüglich der Grundprinzipien, Strebeweise und Endziele, eine überraschende Uebereinstimmung.

Obwohl nun der erste Punkt der englischen Denkschrift mit der Abfassung und Annahme der schon mitgetheilten Reglemente («Vorbote» Nr. 9) größtentheils erledigt war, so wollen wir ihn dennoch unsern Lesern zur bessern Verständniß des ganzen Aktenstücks hier beifügen:

### 1) Organisation der internationalen Arbeiter-Association.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 1 der Instruktionen des Zentralrats (Organisation der Internationalen Association); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Die gegenseitigen Hülfsgesellschaften betreffend, wurden dieselben erst in der letzten Sitzung besprochen, und werden wir an geeigneter Stelle darauf zurückkommen.

Wir müssen jedoch hier noch beifügen, daß sich bei Berathung des Artikel 8 der Generalstatuten, die Aufnahmsweise der Associationsmitglieder bestimmend, eine hitzige Debatte entspann. Französische Delegirte (Friburg, Tolain) schlugen nämlich den Beisatz vor: «Nur Handarbeiter können als Mitglieder in die Internationale Arbeiterassociation aufgenommen werden,» was von genfer Delegirten (Düpleix, Rau) unterstützt, dagegen aber von den englischen, deutschen und schweizerischen (Odgars, Cremer, Ekarius, Carter, Schleifer, Coullery, Hoppenworth, Vuillemier, Becker) entschieden bekämpft und endlich auch mit großer Mehrheit verworfen wurde. Schließlich erhielt der Artikel 8 durch Stimmeneinhelligkeit seine dermalige Fassung.

Der Kongreß schritt noch in derselben Sitzung (Mittwochs Nachmittag) zur Behandlung des folgenden Gegenstandes:

### 2) Internationale Verbindung der Bestrebungen durch Vermittlung der Association in dem Kampf zwischen der Arbeit und dem Kapital.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 2 der Instruktionen des Zentralrats (Internationale Vereinigung der Anstrengungen im Kampf zwischen Arbeit und Kapital, mit dem Untersuchungsschema); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Waren auch diese Vorschläge allseitig mit Beifall aufgenommen, so glaubten doch mehrere Sprecher (Coullery, Card, Tolain, Fribourg und Becker), daß die Arbeitseinstellung (Greve), welche in diese Verhandlung gezogen wurde, so sehr sie auch berechtigt, den Arbeitern keineswegs als Mittel der Verbesserung ihrer Lage empfohlen werden dürfte, sondern daß dieser Zweck nur durch Ersetzung des Arbeits*lohns* durch den Arbeits*ertrag* und vorläufig wohl am erfolgreichsten, durch Gründung von Produktiv-Genossenschaften, in Gegenseitigkeit und Gesammtverbindlichkeit, erreicht werden könnte. Sie erklärten die Greve in gewissen Fällen beim Kampfe der Arbeit mit dem Kapital wohl als ein nothwendiges Kriegsmittel, welches oft maßloserer Begehrlichkeit in Lohnerniedrigung und Arbeitsstundenvermehrung der Arbeitgeber Schranken setze, die Arbeiter selbst an gemeinsame Aktion gewöhne und zuweilen der Produktiv-Association zuführe. Nachdem in diesem Sinne der englischen Fassung des Artikels 2 ein, von Düpont, Delegirter des Generalraths, formulirter Schlußsatz angehängt war, wurde sie einstimmig angenommen und die Sitzung geschlossen.

## Sitzungen vom Donnerstag, 6. September, bis zum Schluß des Kongresses

Die Donnerstags-Morgensitzung war, wie nun alle folgenden, weil schon Mittwoch Morgens die Verwaltungsangelegenheiten der Association erledigt waren, eine öffentliche.

Wir lassen nun, schon ihres logischen Zusammenhangs halber, die Verhandlungsgegenstände laut der englischen Denkschrift folgen, ohne uns dabei genau an die Sitzungszeit zu halten:

### 3) Beschränkung der Arbeitszeit.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 3 der Instruktionen des Zentralrats (Beschränkung des Arbeitstags); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Ganz unerwartet entspann sich über diesen Artikel eine sehr lebhafte Diskussion. Einige Delegirten schienen zu glauben, daß, wenn derselbe angenommen wäre, auch kein Mitglied der Association eine Stelle von über 8 Stunden Arbeitszeit mehr annehmen dürfte. Vuillemier und Coullery (Chauxdefonds), von einigen französischen Delegirten unterstützt, meinten, es seien 10 Stunden Arbeitszeit als Normalzahl anzunehmen.

**Odgers** vertheidigte mit Energie und Geschick den Vorschlag des Generalraths und er sagte: «Wenn eine Lohnerhöhung wichtig ist, so ist eine Arbeitszeitverminderung auf 8 Stunden noch weit wichtiger und sollte sie als Standarte der Arbeiter der ganzen Welt aufgenommen sein. Robert Owen sagte, wenn jedes Mitglied der Gesellschaft seinen Theil arbeitet, so wären 3 Stunden Arbeitszeit zur Erzeugung aller Lebensbedürfnisse hinreichend. Bis jetzt haben sich die Arbeiter hoher Löhne wenig um das Schicksal der andern bekümmert. Künftighin muß man das Gegentheil thun. Es ist hauptsächlich das Loos der Arbeiter von geringen Löhnen, womit wir uns befassen und die Solidarität unter allen zu Stande bringen müssen. Es ist schwer, ein Lohnminimum zu bestimmen, aber vor der Verminderung der Arbeitszeit auf 8 Stunden, dürfen wir keinen Anstand nehmen.» Cremer sprach sich in gleichem Sinne aus und wies namentlich auf die große Bewegung Nordamerika's für die 8 Stunden Arbeitszeit hin, wo sie auf dem Wege sei, durch die Gesetzgebung anerkannt zu werden. Auch in England habe diese Frage die ganze Arbeiterwelt erfaßt und er selbst sei beauftragt gewesen, eine Propagandareise dafür zu machen. In einigen großen Manufakturen habe man sich vereinigt, statt der jetzt gesetzlichen 10 Stunden nur 9 zu arbeiten und man hat 9½ erlangt. Hätte man 8 Stunden verlangt, so hätte man wohl schon jetzt 9 Stunden erhalten. Es sei durchaus nothwendig, daß sich die Internationale Arbeiterassociation mit aller Kraft dieser Bewegung anschließe. Mehrere französische und schweizer Delegirten sprachen in gleichem Geiste. Becker erklärte im Namen der deutschen und deutsch-schweizerischen Delegation, daß die 8 Stunden Arbeitszeit schon längst und motivirter Weise auf ihrem Programm stünden, das sie aber, um die Verhandlungen nicht unnütz, besonders wegen der dadurch nothwendigen Verdollmetschung in verschiedenen Sprachen, zu verlängern, auf dessen Verlesung Verzicht leisteten und sich völlig dem Vorschlage des Generalraths anschlössen. Zur völligen Beseitigung der noch von Coullery, Bütter und Marat geäusserten Bedenklichkeiten, nahm Odgers abermals das Wort und zeigte, in welch' haarsträubender Weise die Arbeitskraft zur Zeit der 15 Stundenarbeit in England von den Fabrikherren mißbraucht wurde, wie die Ueberwacher mit der Peitsche einhergingen, um die vor Anstrengung erschöpften Kinder mit Hieben aufzuwecken und wie diesem Unfug und Mißbrauch nur durch das Gesetz und die 10 Stundenbill gesteuert werden konnte. Er hob ferner mahnend hervor, daß wenn die europäischen Arbeiter auf jede geistige Entwicklung verzichtend, sich die Barbarei einer längern Arbeitszeit gefallen ließen, die Arbeiter Nordamerika's jede Gemeinschaft mit ihnen ablehnen müßten und wohl darauf bedacht sein würden, einen erhöhten Eingangszoll gegen die Konkurrenz der Produkte der weißen Sklaverei zu erwirken. Im Namen der Eintracht und Solidarität müsse man die 8 Stunden Arbeitszeit als Grundsatz annehmen. Bürkli (Zürich und Wetzikon) kennzeichnete scharf die beklagenswerthen Mißstände in den großen Industriebezirken der Schweiz und drang entschieden auf Annahme des Artikels. Ebenso empfahlen unbedingt die Annahme Schleifer (Arbeiterbildungs-Verein Lausanne), Hoppenworth (von dem nämlichen Verein Genf's), Peter (deutsche Sektion Chauxdefonds) und Müller (Stuttgart).

Die französische Delegation resümirte nun ihren Standpunkt in dieser Frage mit folgendem Resolutionsvorschlag:

«1) Der Mensch ist nur unter der Bedingung der Entwicklung seiner Fähigkeiten frei; infolge dessen ist jede Arbeitsverlängerung, welche ihn an dieser Entwicklung hindert, als natur- und sozialwidrig zu verdammen.

«2) Von nun an betrachten wir die Arbeitszeit von 8 Stunden den Tag für hinreichend zur Erzeugung aller für das Leben nöthigen Bedürfnisse.

«3) Die Association muß alle Anstrengungen machen, um den Gegenwerth für jede Bethätigung zu sichern, indem sie ein Minimum des Arbeitslohns für einen Dienst bestimmt, den das Individuum der Gemeinschaft damit geleistet hat.»

Hiernach waren die Verhandlungen über diesen Gegenstand geschlossen und wurde sammt der französischen die Resolution des Generalraths einstimmig angenommen.

### 4) Die Arbeit von Frauen und Kindern.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 4 der Instruktionen des Zentralrats (Arbeit der Jugendlichen und Kinder beiderlei Geschlechts); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Sofort hält Coullery einen Vortrag in warmer Herzensergießung für die Emanzipation der Frauen. Er macht eine ergreifende Schilderung der traurigen Stellung des weiblichen Geschlechts in der gegenwärtigen Gesellschaft: wie die jungen Mädchen in fataler Weise, kaum ausweichlich, der Prostitution überliefert werden, was die allerschrecklichste Seite des Proletarierthums bezeichne. In einem düstern Gemälde weist er nach, wie unzureichend in der Regel die Erhaltungsmittel seien, die sich die Frauen bei der ihnen zugewiesenen Arbeit erwerben können, was um so mehr zur Demoralisation führe, als man sie oft mit schweren Arbeiten belaste, wozu sie nicht geschaffen, wodurch sie ihrem natürlichen Wesen entfremdet werden und um so leichter den Schlingen der Klasse der Schmarotzer erlägen. «Der Platz der Frauen,» rief er, «ist am häuslichen Herd, inmitten ihrer Kinder, über die sie wachen und ihnen die ersten Grundsätze einhauchen müssen. Ihr Beruf ist groß; wenn wir ihnen den Platz anweisen, der ihnen gebührt, wenn wir sie den verderblichen Einflüssen entheben, so werden sie eine Stütze der Freiheit und der Demokratie sein!»

**Bütter** (Magdeburg) spricht sich in gleichem Sinne aus und schreitet, seine Anschauung zu bekräftigen, zur Verlesung des betreffenden Artikels der deutschen Denkschrift («Vorbote» Nr. 3, Seite 44). «Jawohl,» schließt er, «es liegt im Interesse der beiden Geschlechter, der Frau eine ehrenhafte Stellung zu sichern. Macht es durch eine vernünftige Organisation der Gesellschaft jedem erwachsenen Manne möglich, eine Familie zu gründen und die Prostitution hört von selbst auf!»

Chemale, Tolain und Fribourg von der französischen Delegation schlagen folgende Fassung vor:

«In physischer, moralischer und sozialer Beziehung muß die Arbeit der Frauen als Prinzip der Entartung und eine der Triebfedern der Demoralisation der Kapitalistenklasse, verdammt werden.

«Die Frau hat von der Natur bestimmte Aufgaben erhalten: ihr Platz ist in der Familie; es ist an ihr, den Kindern die erste Erziehung zu geben. Die Mutter allein ist fähig zu dieser Leistung.

Sie konstatiren ferner durch statistische Notizen die Sterblichkeit der der mütterlichen Sorgfalt entzogenen Kinder; wie die Mutter allein fähig ist, der Erziehung der Kinder eine sittliche Grundlage zu geben und würdige Menschen zu formen. Die Frau wäre das Band, welches den Mann an die Häuslichkeit knüpfe, ihn an Ordnung gewöhne und seine Sitten mildere. — «Das sind,» schließen sie, «die Dienste, welche die Frau zu leisten, die Arbeit, welche sie zu verrichten hat; ihr andere aufdringen, ist eine schlechte Sache.

Varlin, Bourdon (Paris) sind etwas anderer Meinung und schlagen folgende Resolution vor:

«Mangel der Erziehung, Ueberladung der Arbeit, zu geringe Belohnung und schlechte Bedingungen der Gesundheit in den Manufakturen sind jetzt für die Frauen, welche darin arbeiten, die Ursachen physischer und moralischer Verkommenheit; diese Ursachen können vernichtet werden durch eine bessere Organisation der Arbeit, d. h. durch die Kooperation. Man muß trachten, die Arbeit, welche die Frau zu ihrer Lebensfristung nöthig hat, ihrer Kraft angemessener zu machen, aber sie ihr nicht wegnehmen.»

Obgleich dieser Vorschlag, in Anreihung zu dem vorhergehenden, den gegenwärtigen Umständen mehr anpaßt und auch den generalräthlichen vermittelt, so konnte dennoch nicht er, sondern nur der von Chemale und Tolain, die Mehrheit der Stimmen erhalten.

Was nun die Arbeit der Kinder betrifft, so kritisirte Düpont die Lehrlingsverhältnisse in Frankreich, wo zwar ein Gesetz darüber existire, das in seiner Ausführung noch schlechter sei, als es selbst. Ein Junge auf drei Jahre einem Lehrherrn übergeben, der dessen Dienste mißbraucht, lerne gemeiniglich seinen Beruf nicht, sondern es fange seine eigentliche Lehrzeit gewöhnlich erst an, wenn er kein Lehrling mehr sei. Das Lehrlings- und das Schulwesen müßten reorganisirt werden, Schulbildung und Handwerkslehre nebeneinander laufen. Es sollten Anstalten gegründet werden, wo der theoretische und praktische Unterricht in einen zusammenfallen.

Die Verhandlung über diese Frage wird nun als geschlossen erklärt und der Vorschlag des Generalraths, sammt allen mit diesem übereinstimmenden Propositionen, einstimmig angenommen.

### 5) Kooperativ-Arbeit.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 5 der Instruktionen des Zentralrats (Kooperativarbeit); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Wir erwähnen hier nachträglich, daß jeder dieser Artikel nur in deutscher und französischer und nicht, weil den Engländern bekannt, in englischer Sprache vorgelesen wurden, und daß aber Alles, was man dafür und dagegen gesprochen oder beantragte, stets in den andern Sprachen, sei's vom Präsidenten oder von andern dazu bereitwilligen Delegirten, verdollmetscht wurde.

Ueber die Fassung der vorliegenden Frage sah man allseitig nur Zeichen des Beifalls und wurde sie auch ohne nennenswerthe Diskussion mit folgendem, von Fribourg im Namen der französischen Delegation beantragten Nachsatz, obwohl er wesentlich nichts Neues beifügte, mit allen Stimmen angenommen:

«Der Kongreß empfiehlt allen Arbeiter-Associationen, Formen der Leitung und Verwaltung zu vermeiden, welche alle Macht in die Hände eines Einzigen legt. Die Theilhaber müssen sich das volle und ganze Recht bewahren, eine in jeder Beziehung dem ihnen festgesetzten Vertrag treue Verwaltung aufrecht zu erhalten.

**Cremer** (London) erzählte im Verlaufe dieser Verhandlung eine Thatsache, die beweist, in welch' hohem Grade die großen Industriellen und Kapitalisten gegen jede Arbeitergenossenschaft eingenommen sind. Als nämlich der amerikanische Krieg die Ankunft der Baumwolle in England verhinderte, die Arbeiter allen Schrecken des Hungers ausgesetzt waren, ja, da wurde allen Mitgliedern einer Arbeitergenossenschaft, die natürlich ebenfalls, wie die aller andern Fabriken, beschäftigungslos waren, jedweder Beistand versagt, — wurde ihnen jedoch, um ein Profitchen aus ihrem Hunger zu ziehen, Kredit anerboten, — wenn sie ihre Aktien, die unter bewandten Umständen ohne Werth waren, verkaufen wollten. (!)

Schließlich wurde noch auf Antrag von Bocquin (Montreux, Schweiz) die Sektion Lausanne beglückwünscht, daß sie durch Uebernahme öffentlicher Bauten die von Unternehmern beabsichtigte Herabdrückung der Arbeitslöhne vereitelt und eine gegenseitige Kreditanstalt gegründet habe.

Ehe wir in der Beschreibung der allgemeinen Kongreßverhandlungen weiterfahren, wollen wir hier noch in Kürze der besondern in den Abendsitzungen der deutschen und deutsch-schweizerischen Delegation unter dem Vorsitze Becker's gedenken.

Auf der Tagesordnung stand:

1) Rechnungsablage der Zentralkasse durch den Kassier Bürger Heydt.

2) Die Zentralisirung der Krankenunterstützungskasse nach dem Antrage der Sektion Stuttgart.

3) Wahl des Zentralkomites und Bestimmung des Wohnsitzes desselben.

4) Ausarbeitung eines Zentralreglements für die deutsche und deutsch-schweizerische Sektionsgruppe.

Die Rechnungsablage geschah mit der Vorweisung des Kasse- und Hauptbuchs, wobei die Delegirten die offenen Rechnungen aller Sektionen nachsehen konnten. Kassebestand und Buchführung wurde nach kurzer Prüfung unter dem Vorbehalt gutgeheißen, daß von der Ueberwachungskommission der Genfer-Sektion nochmals Alles untersucht und das Resultat in einem Rechnungsauszug allen Sektionen mitgetheilt werden soll. (Dies wird demnächst geschehen.)

Die Zentralisirung der Krankenunterstützungskassen nach dem Antrage der Sektion Stuttgart betreffend, war man im Prinzip, das auch schon im Lokalreglement der Sektion Genf anerkannt ist, sofort allgemein einverstanden. Das Zentralkomite wurde beauftragt, ein Gutachten über die Ausführbarkeit und eventuell ein Reglementsprojekt zu Handen der Sektionen zu entwerfen. (Wir verweisen hier auf die Kongreßverhandlungen über diesen Gegenstand, die wir in der unseren nächsten Nummer bringen werden.)

Auf das Verlangen des Vorsitzenden um Vorschläge für den Sitz des Zentralkomites, sprach man sich allseitig für die Beibehaltung Genf's aus, das unter den obwaltenden Verhältnissen der geeigneteste Ort wäre. Genf wurde sonach einstimmig als Zentralsitz, kürzestens bis zum nächsten Kongreß, beliebt.

Nun wurde auch von mehreren Delegirten zugleich für die Wahl des Zentralkomites vorgeschlagen und allgemein unterstützt, daß das Zentralkomite für diesmal noch aus dem Lokalkomite der Sektion Genf zur Uebernahme der Geschäfte bis zum nächsten Kongresse hervorgehen soll. Auch dieser Vorschlag wurde einstimmig zum Beschluß erhoben.

Zur Erledigung des vierten Punktes der Tagesordnung, wurde das Zentralkomite mit der Abfassung eines Zentralreglements, welches die Beziehungen zu den Sektionen einerseits, und zum Generalrath anderseits, sowie die Befugnisse des Zentralkomites und der Lokalkomites feststellt, beauftragt und angewiesen den Entwurf den Sektionen zur Prüfung und Annahme durch Abstimmung vorzulegen.

*(Schluß.)*

Wir müssen hier noch einer von einem Theile der französischen Delegation (Lyon) eingebrachten Denkschrift erwähnen. Dieses interessante Aktenstück erging sich zwar nicht abschnittsweise in den Fragen des Kongreßprogramms, sondern es behandelte bei scharfer Kritik die modernen Zustände, die Arbeiterangelegenheit im Allgemeinen. Mit großer Aufmerksamkeit und Zeichen des Beifalls wurde die Verlesung der Schrift angehört. Sie ist voll trefflicher Bilder und Gleichnisse, sehr geeignet der Arbeiterklasse ihre Aufgabe zum Bewußtsein zu bringen. Doch müssen wir es dem offiziellen Bericht überlassen, sie ihrem ganzen Inhalt nach unsern Mitgenossen zur Kenntniß zu bringen.

Keine geringe Aufregung brachte in der Versammlung die Mittheilung hervor, daß ein Lyoner-Fabrikherr seinem auf den Kongreß delegirten Arbeiter schreiben ließ, daß er augenblicklich zurückkehren müsse, wenn er nicht für immer seine Stelle verlieren wolle. Der um seinen Lebensunterhalt bedrohte Arbeiter entschloß sich aber auszuharren, noch ehe ihm die Versammlung in Einmüthigkeit den Beistand der ganzen Association zusicherte. Auch das zahlreich anwesende Publikum gab laut seinen Unwillen kund über die großbürgerliche Maßregelungsordonnanz.

Nach diesem Zwischenfall, der nicht ohne Notiz bleiben durfte, schritt man zur Besprechung des folgenden Punktes:

### 6) Gewerbe-Vereine. Ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 6 der Instruktionen des Zentralrats (Gewerkvereine, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Dieser Artikel wurde nebst dem untenstehenden von Fribourg und Chemale proponirten Zusatz fast ohne Diskussion angenommen:

«In der Vergangenheit war der Zustand der Arbeiter durch das Zunftwesen und der Meisterrechte der der Sklaverei; in der Gegenwart ist er der der Nichtverbindlichkeit (non-solidarité) und Anarchie; und in der Zukunft wird der Arbeiter Produzent, Kapitalist und Konsument zugleich sein.»

### 7) Direkte und indirekte Besteuerung.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 7 der Instruktionen des Zentralrats (Direkte und indirekte Besteuerung); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Ueber diese Frage, die in der deutschen Denkschrift, weil nachträglich auf die Tagesordnung gekommen, nicht bearbeitet ist, schlägt die französische Delegation folgende Fassung vor:

«Welches auch die Steuerform sein mag, so ist es schließlich immer der Produzent — der Arbeiter allein, der bezahlt. Jederman *muß* Produzent sein. Jedwede Abgabe und Steuer ist der Antheil, den jeder Bürger zur Bestreitung der allgemeinen Ausgaben zu zahlen hat: daher sind die Bürger allein Richter über den Steuersatz und die Nützlichkeit der Ausgaben. Diesem entsprechend eine Radikalreform erwartend, eine Reform, welche eine sociale Umgestaltung in sich einschließt, soll der Kongreß die direkte Besteuerung in's Auge fassen, ähnlich, wie sie in der Republik Neuenburg durchgeführt ist. Fort mit der Büreaukratie, fort mit der Verletzung persönlicher Freiheit, fort mit aller Polizei-Inquisition. Die direkte Steuer ist übrigens das einzige Mittel, den Abgabenantheil nach dem Verhältniß des Vermögens jeden Bürgers zu bestimmen.»

Nachdem noch eine von Coullery zu Gunsten einer direkten und *einzigen* Steuer (impôt direct et unique) beantragte Abänderung verworfen war, wurde ohne weitere Diskussion die englische und französische Fassung allgemein angenommen.

Die Pariser Abordnung drang nun, ohne viel Einsprache zu begegnen, darauf nachstehende Frage, obwohl sie nicht im Programm verzeichnet war, in Beschlußform zur Behandlung zu bringen:

### 8) Organisation internationaler Kreditanstalten.

Erstens, der Kongreß empfiehlt allen Sektionen, Studien über den internationalen Kredit zu machen und die betreffenden Arbeiten dem Generalrath einzusenden, der sie in seinen Bülletins derart allen Mitgenossen zur Kenntniß bringt, daß auf dem nächsten Kongresse bestimmte Entschließungen darüber gefaßt werden können.

Zweitens, der Kongreß empfiehlt sofort die Studien der Idee der genossenschaftlichen Vereinigung aller gegründeten und noch zu gründenden Arbeiterkreditanstalten zu einer spätern Zentralbank der Internationalen Arbeiterassociation.

Diese, von mehrern, namentlich von den Genfer-Sektionen besprochene Frage, deren einstmalige Lösung selbstverständlich die Aufgabe der Internationalen Arbeiterassociation ist, wurde natürlich von der Versammlung erheblich gefunden und mit allgemeinem Interesse behandelt. Coullery erblickte in dieser Organisation das beste Heilmittel gegen Gewerbskrisen und Arbeitslosigkeit, dieser periodischen Landplagen der Arbeiterklasse. Becker meinte, daß alle genossenschaftlichen Arbeiteretablissemente, die Produktiv- wie Konsumgewerbe und Unterstützungsanstalten, eine ähnliche Organisation erhalten müßten, wie man eben durch den direkten Austausch der Industrie- und Naturprodukte aus der Hand des Produzenten in die des Konsumenten gegenseitig von Land zu Land, den Raub der Spekulation beseitigen und der Schmarotzerpflanze des Zwischenschachers die Verwelkung bringen könne. Nachdem Fribourg und Tolain nochmals ihren Antrag mit Wärme erläuterten und auch die englische Delegation sich dafür aussprach, wurde der Artikel einstimmig angenommen.

### 9) Die Nothwendigkeit der Beseitigung allen imperialistischen Einflusses Rußland's in Europa durch die Aufrechthaltung des Prinzips der Selbstbestimmung der Völker und die Herstellung eines sozial-demokratischen Polens.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 9 der Instruktionen des Zentralrats (die polnische Frage); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Nach Vorlesung dieses Artikels erhebt sich Fribourg und stellt im Namen der französischen Delegation den Antrag, daß der Kongreß nicht über diese Frage abstimmen, sondern sich mit der Erklärung begnügen möge: daß er den Despotismus jeder Art und aller Länder verabscheue, daß er aber in die verwickelte Frage der Nationalitäten nicht eintrete. «Man muß,» fügte er bei, «ebensowohl in Rußland als in Polen die Emanzipation des Volkes wünschen und verlangen und die alte Politik, welche ein Volk dem andern gegenüberstellt, verwerfen.»

Die englische Delegation, besonders Odgers, Ekarius, Carter, erklärten sich mit Entschiedenheit für die Annahme der vorgeschlagenen Resolution zu Gunsten der Sache Polens, wie diese Sache auch bei dem demokratischen und intelligenten Theile des englischen Volkes immer die größten Sympathien gehabt habe, ja, wie sogar die erste Vereinigung englischer, deutscher und französischer Arbeiter zum Zwecke einer Manifestation ihrer Gesinnung gegen die Unterdrückung Polens stattgefunden habe, *wodurch eigentlich der erste Schritt zur Gründung der Internationalen Arbeiterassociation gemacht worden sei.*

**Düpleix** will dagegen die Frage, die nur ein deutsches Interesse haben könne, fallen lassen und schließt sich dem Antrage der französischen Delegation an.

**Becker** verwundert sich, wie die Versammlung bei der vorliegenden Frage übereinmal eine wenig würdige Engherzigkeit beschleiche; es handle sich nicht darum, dem russischen Volke den Krieg zu erklären, und verstehe es sich von selbst, daß die Internationale Arbeiterassociation jedweden Absolutismus verdamme und die Emanzipation aller unterdrückten Völker zum Ziele habe, daß aber die Befreiung des polnischen Volkes die Beschleunigung der Befreiung des russischen bedeute. Er machte darauf aufmerksam, wie das russische Kaiserreich durch seinen Umfang, seine geographische Lage und klimatischen Verhältnisse, seine Bodenbeschaffenheit, die tiefe Kulturstufe seiner verschiedenen Völkerschaften, seiner in politischer und religiöser, sozialer und ökonomischer Beziehung, mit Ausnahme einiger größerer Städte, noch völlig mittelalterlicher Zustände, nur ein geringes Bedürfniß des Friedens haben könne, und wie dort durch den Krieg bei Weitem nicht, wie in den modernisirten Staaten, häusliche und wirthschaftliche Verhältnisse zu zerrütten, also die Seele und die Materie zur Testamentsvollstreckung Peter des «Großen» genugsam vorhanden wären, um eine permanente Gefahr für die Kultur und freie Entwicklung Europa's zu sein. Er wies durch statistische Notizen nach, wie Rußland nur durch die polnischen Provinzen zu seiner Angriffsstellung gegen das westliche Europa gekommen, wie ihm dieselben, vermöge ihrer dichteren und dadurch zivilisationsfähigeren, der westlichen Bildung näherstehenden, Bevölkerung, die Elite zu seiner Armee und hauptsächlich die Mittel zu deren Ausrüstung und Ernährung liefern, wie ihm durch die Herstellung eines größeren unabhängigen Polens die Agressivkraft gebrochen und dadurch mehr auf innere Entwicklung angewiesen werde, was eben die Emanzipation der unter dem Czarenthum schmachtenden Völkerschaften allein beschleunigen könne. Auch wies er darauf hin, wie der Czar die Kirchengewalt mit der Staatsgewalt in sich vereinige, wie ihn der griechische Klerus auch außerhalb Rußland als Messias hinstelle; wie der Panslavismus die Religion der russischen Jugend geworden und die Herstellung eines slavischen Weltreichs in poetisch-prophetischer Form als der Wille der göttlichen Vorsehung gepredigt und besungen werde. Es handle sich hier hauptsächlich darum, daß die Arbeiterklasse, als sozial-demokratische Partei, im Gegensatz zum Verhalten der Bourgeoisie und Diplomatie, die aus Selbstgenügsamkeit, Geldsacks- und Haus- und Hofpolitik, ein wackeres Volk hinschlachten, aufhängen, in sibirische Gefangenschaft schleppen ließ, einen Hoffnungsstern für die Zukunft leuchten zu lassen und ihm zu sagen und zu zeigen, daß seine Sache die Sache der Arbeiterklasse aller Länder, ja die Sache der ganzen Menschheit sei. Schließlich bemerkte er, wie irrthümlich die in der Versammlung gefallene Meinung sei, als wäre die polnische Frage nur für Deutschland von Interesse und empfahl er die Annahme des Artikels.

Coullery, Vuillemier (Chauxdefonds), Schwitzguebel (Sonvilliers), Mössner (Deutscher Arb.-Bild.-Verein Vivis), Eggenwieler (Grütliverein Lausanne) und andere deutsche und schweizer Delegirten sprachen ebenfalls für Annahme.

**Card** liest ein älteres gedrucktes Dokument über die Wichtigkeit der Frage vor, enthält sich aber in der für ihn als Pole sehr delikaten Angelegenheit, seine eigenen Gesinnungen kund zu geben.

Die französische Delegation plaidirt abermals eifrig für ihren Antrag, unterstützt von einigen Delegirten Genf's und des Waadtlands.

Als sohin die Mehrheit für den Artikel zwar noch nicht zweifelhaft war, es aber, da sonst alle Artikel bisher einstimmig angenommen wurden, nicht angemessen erschien, durch eine Abstimmung auf einer oder der andern Seite Mißstimmung zu erregen, so schlug Becker vor, dem Protokoll folgende Erklärung beizufügen:

«Da sich die Internationale Arbeiterassociation die Emanzipation der Arbeiterklasse aller Länder, somit die Bekämpfung jedweder Gewaltherrschaft und die Verwirklichung der Gleichberechtigung aller Menschen und aller Völker zur Aufgabe stellt, so ist in ihrer Bestrebung die Beseitigung des imperialistischen Einflusses Rußland's und die Wiederherstellung eines sozial-demokratischen Polens mit eingeschlossen.»

Dieses Amendement wurde sofort von allen deutschen, deutsch-schweizerischen Delegirten und den französischen Schweizern des Jura unterstützt, in seiner schriftlichen Vorlage unterschrieben und ohne weitere Diskussion mit dem Antrag der französischen Delegation einmüthig angenommen.

### 10) Stehende Heere und ihr Einfluß auf die Produktion.

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut von Punkt 10 der Instruktionen des Zentralrats (Armeen); siehe [Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1866%20Instruktionen%20f%C3%BCr%20die%20Delegierten%20des%20Provisorischen%20Zentralrats%20zu%20den%20einzelnen%20Fragen).*

Nachdem Ekarius diesen Artikel in deutscher Sprache vorgelesen, las ihn Düpont in französischer vor und fügte bei: «Das demokratische Prinzip steht im Gegensatz zu dem der Eroberungen und ein freies Volk muß sich immer selbst gegen feindliche Ueberfälle zu schützen wissen.»

Vuillemier und Coullery sprachen sich mit Wärme für den Antrag aus; ebenso Chemale (Paris), der beifügt: «Die stehenden Heere entreißen der Arbeit des Friedens die kräftigsten Männer, bringen der sozialen Produktion unberechenbare Verluste bei und demoralisiren die Völker. Sie sind die Verneinung der Freiheit, ein Zerstörungsinstrument in den Händen der Tyrannen, der Herd der Verkommenheit in allen Ländern.»

Inzwischen wurden mehrere Stimmen laut, die einige statistische Daten, die für die Arbeiterklasse in weitem Kreise sehr belehrend, hier für zweckmäßig. Um hiermit aufzuwarten, las Schlaifer (D. Arb.-Bild.-Verein Lausanne) den betreffenden Artikel aus der Denkschrift der deutschen Delegation (Vorbote Nr. 7, Seite 107) vor.

Hierauf sprachen sich Bürkli, Hoppenworth, Peter für die Annahme des Artikels aus und meinte Bütter (Magdeburg), die stehenden Heere seien die stehenden Gefahren der Freiheit. Heidt (Sektion Genf) beantragte den Zusatz, daß, um den Zweck um so schneller zu erreichen, in allen Sektionen, nach dem Beispiele der deutschen Sektion Genf's, Wehrabtheilungen eingeführt werden möchten und daß dort, wo die Polizeistaaterei noch ein Hinderniß biete, wenigstens regelmässige Turnübungen veranstaltet werden sollten.

Die ganze Versammlung war über diese Frage einig und wurde die Annahme des Artikels mit dem Zusatz von Heidt mit allen Stimmen beschlossen.

Weil wir eben an der allgemeinen Volksbewaffnung sind, so wollen wir nicht unterlassen, hier zu erwähnen, daß der Delegirte von Zürich und Wetzikon, K. Bürkli, auf Verlangen vieler Delegirten seine von ihm erdachte Pionierwaffe — Hellebarde, Erdschaufel, Beil, Säge, Hammer, Stoß- und Schlagwaffe zu einem Stück zusammengesetzt — im Gesellschaftslokal der Association vorlegte und die Art deren vielfältiger Anwendung unter großem Beifalle der Versammlung erklärte. Dasselbe geschah auch in der deutschen Turnhalle, um die Mannschaft der Wehrabtheilung der deutschen Sektion damit betraut zu machen.

Die folgende Frage war in der englischen Denkschrift nicht bearbeitet, wir bringen daher nur die Arbeit der französischen darüber, weil die der deutschen im «Vorbote» längst veröffentlicht ist.

### 11) Die religiösen Ideen, ihr Einfluß auf die politische, soziale und intellektuelle Entwicklung.

Der Kongreß erkennt die geistige und körperliche Freiheit des Menschen und bestätigt, daß der Einfluß der religiösen Ideen sich zur Verneinung des freien Willens und der Menschenwürde hinneigt. Da sich alle religiösen Ideen vor der Erforschung der Wahrheit verschleichen, so beschränken sich die Arbeiter darauf, mit Energie dagegen zu protestiren und darüber hinweg zu gehen. Die Internationale Arbeiterassociation erkennt den Fortschritt der Wissenschaft an und betrachtet den theoretischen und praktischen — wissenschaftlichen und industriellen — Unterricht als das richtige Mittel der Emanzipation der Arbeiterklasse. Sich unter einen andern Einfluß, als den der Wissenschaft, zu stellen, erzeugt Widerspruch und Gefahr.

**Schlaifer** liest nun die Abhandlung der deutschen Denkschrift (Vorbote Nr. 8, Seite 122) über diese Frage vor. Er glaubt damit genügend dargelegt zu haben, wie sehr sich die Religion von der Moral unterscheide, wie sich die Gemeinschaft mit der erstern nicht zu befassen habe, sondern es dem Einzelnen überlassen müsse, seine religiösen Phantasie- und Gemüthsfahrten nach Geschmack und Bedürfniß einzurichten.

**Coullery** zeigt den Unterschied des Dogma und Kultus zwischen der Moral und meint, daß diese in den Schulen auf vernunftgemäßer Grundlage gelehrt werden müsse und daß die vollständige Trennung der Kirche vom Staat eine Nothwendigkeit sei.

**Müller** (Stuttgart) weist in einem längern Vortrag darauf hin, wie namentlich unter der Landbevölkerung die religiösen Vorurtheile in großem Maße herrschten, die Entwicklung hemmten und den Lebensgenuß störten, und daß namentlich der Unterricht vernünftiger, dem praktischen Leben angemessener, Moral noththue.

**Odgers** schlägt vor, in dieser Frage noch keine bestimmte Resolution zu fassen. Er und seine Kollegen seien mit den andern Kongreßmitgliedern ebenfalls von dem üblen Einfluß der klerikalen Erziehung, welche den Geist der Jugend abstumpfe, völlig überzeugt, allein er meint, sich viel mit der religiösen Frage abzugeben und Beschlüsse darüber zu fassen, dürfte der Ausbreitung der Association nicht förderlich sein.

**Tolain** (Paris) denkt, daß direkte Anstrengungen der Rationalisten, für den Moment, noch keine großen Erfolge erwarten könnten. Man müsse auf einen allgemeinen bessern Unterricht und auf den Fortschritt der exakten Wissenschaften zählen, um durch Vernichtung der Vorurtheile den Menschen der Intelligenz und Würde heimzugeben.

**Becker** meint auch, daß man nun über diese Frage weggehen könne, indem die Versammlung die Nothwendigkeit einer positiven Religion deutlich verneint und den Unterschied zwischen den herrschenden Religionsbegriffen, Religionsübungen und einer auf Allgerechtigkeit beruhenden Moral genügend dargelegt habe, daher die Association wohl immer im Geiste der gefallenen Meinungen und Erklärungen wirken werde. *Sicherlich werde unser hohes Ideal und großes Ziel, durch die Hoffnung auf eine beglückseeligerende Zukunft des Menschengeschlechts, die Arbeiterklasse vernunftgemäß moralisiren und mehr und mehr auch die Bedürfnisse religiöser Gemüther sattsam befriedigen.*

Der Kongreß beschließt nun auf erneuerten Antrag der französischen Delegation, zur Tagesordnung überzugehen, und alle gemachten Anträge und gefallenen Meinungen zu Protokoll zu nehmen.

### 12) Gegenseitige Unterstützungsanstalten der Internationalen Arbeiterassociation.

a) Gründung von Unterstützungskassen im Krankheitsfalle.

b) Betheiligung der Frauen und Kinder bei solchen Kassen.

c) Moralischer und materieller Beistand für Wittwen und Waisenkinder der Associationsmitglieder.

d) Unterstützung durch rückzahlbaren Vorschuß an reisende Associationsmitglieder.

Dieser, von den Sektionen Genf's eingebrachte Antrag, wurde von Düpleix näher begründet und die Wirksamkeit der, in der romanischen und deutschen Sektion in Genf seit 8 Monaten bestehenden Krankenunterstützungskassen, wobei auch Frauen und Kinder betheiligt seien und für Arbeitsunfähige gesorgt werde. Er fügte bei, daß aber der wahre Zweck nur alsdann erreicht werden könnte, wenn in allen Sektionen ähnliche Anstalten errichtet und diese in Gegenseitigkeit und Gesammtverbindlichkeit als wahre internationale Institutionen, zentralisirt wären.

**Fribourg** glaubt nicht, daß von der Versammlung ein entsprechender Beschluß gefaßt werden könne, da er in gewissen Ländern, namentlich in Frankreich, nicht ausgeführt werden könne. Dort dürfe keine Krankenunterstützungs-Gesellschaft ohne Staatsgenehmigung erstehen, setze der Staat den Präsidenten, Kassier und überhaupt die Verwaltung ein und nehme die Gelder unter seine Obhut. Er schließt, daß der Kongreß immerhin erklären möge, wie wünschbar allenthalben die Bildung von gegenseitigen Hülfsanstalten seien, daß derselbe aber für den Moment auf eine allgemein bindende Maßregel verzichten solle.

**Odgers** schlägt vor, der wohlthätigen Initiative der genfer Sektionen folgendermassen zu antworten: «Der Kongreß beschließt die Aufsuchung und Prüfung der Mittel, die gegenseitigen Hülfsvereine zu verallgemeinern und zu zentralisiren, und fordert alle Sektionen auf, sachkundige Mittheilungen zu diesem Behufe einzusenden.»

**Müller** (Stuttgart) theilt mit, daß er von seiner Sektion den speziellen Auftrag habe, für die Generalisirung der Krankenunterstützungs-Kassen auf dem Kongreß zu wirken; er zeigt, wie die Lebens-, Brand- und überhaupt alle Versicherungsanstalten, die ein weites Gebiet umfassen, in den meisten Fällen, wie die Erfahrung gezeigt, nur allein ihren Zweck erreichen könnten, wie dagegen vereinzelte Kräfte und Mittel jedem ungewöhnlichen Vorgange unterliegen müßten und im Ganzen mehr Zeit und Mittel vergeudeten, als bei einer Vereinigung aller Hülfsanstalten erforderlich wären.

Schlaifer, Hoppenworth, Eggenwieler, Schwitzguebel und andere Delegirten äußern sich in gleichem Sinne.

**Becker** ist der Meinung: die Sache werde sich, um das täglich daran mahnende Bedürfniß zu stillen, allmälig von selbst machen; denn da die Genfer-Sektionen sie einmal zur Hand genommen, auch schon so glücklich gewesen wären, seit dem Monat März vielen kranken Mitgenossen mit Unterstützungen im Betrage von etwa Fr. 2000 beizustehen, indeß auch Bestimmungen ihres Lokalreglements auf die Gründung einer Zentralkasse hinwiesen, so würden sie nun fortfahren, gedachte Anstalten allenthalben, soweit es die Umstände ermöglichten, hervorzurufen und eine ihren Verhältnissen entsprechende Zentralisation zu verschaffen trachten. Würden später die Hindernisse gewisser Länder, die keinenfalls von ewiger Dauer, hinweggeräumt, so wäre es dann ein Leichtes, bei dem auf breiter Grundlage geschaffenen sichern Anhaltspunkt, die bisanhin ferngestandenen Arbeitergruppen in diesen heilsamen Wirkungskreis unserer Association hineinzuziehen.

**Düpleix** anerkennt die zahlreichen Schwierigkeiten, welche einer sofortigen allgemeinen Ausdehnung im Wege sind; dagegen meint er, daß es schon jetzt an der Zeit wäre, zu beschließen, daß jedes Associationsmitglied das Recht habe auf einen von seiner Sektion garantirten Vorschuß.

Da dieser letztere Punkt schon in dem Art. 7 der Generalstatuten und dem Art. 7 der «Reglementarischen Bestimmungen» seine Erledigung gefunden, so wurde der Antrag Odgers: die Frage der verschiedenen gegenseitigen Unterstützungsgesellschaften zum Gegenstand des Studiums der Association zu machen, zum Beschluß erhoben.

Die Proposition von Aubry (Rouen): «Der Kongreß erklärt, daß die Internationale Arbeiterassociation ebensowohl die Emanzipation der Arbeiter der Landwirthschaft, als die der Industrie, anstrebt,» wird ohne Diskussion angenommen.

Noch sonst angeregte Fragen kamen wegen vorgerückter Zeit weder zu Besprechungen, noch zu Beschlüssen und trachtete die Versammlung ihren Arbeiten noch rasch die Schlußsteine einzufügen:

1) Bestimmung des Orts zum Sitz des Generalraths.

2) Wahl der Mitglieder des Generalraths.

3) Bestimmung der Zeit und des Orts für den nächsten Kongreß.

London wurde unter obwaltenden Umständen als der geeignetste Sitz für den Generalrath einstimmig anerkannt.

Ebenso wurden mit allen Stimmen die Mitglieder des bisher provisorischen Generalraths in ihren Funktionen bestätigt.

Für Kongreßort war von Coullery Brüssel, von Cornaz (Delegirter von Lausanne) Lausanne vorgeschlagen. Brüssel wurde wegen des, eines freien Volkes unwürdigen, Fremdengesetzes, nicht beliebt, dagegen einmüthig Lausanne gewählt. Nachträglich wurde noch der erste Montag des Monats September 1867, als der Eröffnungstag des nächsten Kongresses, festgestellt.

Somit war Sonntags, den 9. September, Abends 8½ Uhr, also nach sechstägiger Arbeit, der erste Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation ohne irgend eine Ceremonie geschlossen.

## Nach dem Schluß des Kongresses

Wir haben hier noch nachzutragen, daß während dieser Tage an mehreren Abenden und verschiedenen Orten nacheinander allgemeine Versammlungen der Schneider, Schuster, Bauschreiner und Zimmerleute, auf Anregung der englischen Delegirten, die diesen Berufsarten angehören, stattgefunden hatten. Es wurden in diesen außerordentlich stark besuchten Versammlungen die speziellen Berufsinteressen besprochen und hatten die Engländer die freudige Gelegenheit, ihren Gewerksgenossen mit Dank hingenommene praktische Rathschläge zu ertheilen. Trotz großem Gedränge und eifrigster Besprechung herrschte auch hier alle Eintracht und Brüderlichkeit und war Würde mit Heiterkeit gepaart.

Jetzt bleibt uns nur noch übrig die Festlichkeiten zu beschreiben, welche in offizieller Weise den Kongreßverhandlungen folgten. Nach sechstägiger ernster Arbeit wollte man den siebenten Tag feiern und seines Lebens sich freuen. Der gemeinschaftliche Genuß der Gaben der Wissenschaft, Kunst und Natur, sollte der höchste Kultus — die wahre «Kommunion» sein.

Sonntags, den 10. September, Morgens 9 Uhr, versammelten sich die Delegirten und die genfer Arbeitervereine vor dem Kongreßlokale, wo ein feierlicher Zug nach der Ordnung vom Montage, Fahnen und Musik an der Spitze, organisirt wurde, der sich gegen 10 Uhr nach dem Hafenplatze bewegte. Unterwegs schloß sich noch eine eben angelangte Deputation der Sektion Lausanne mit ihrer prachtvollen neuen Fahne an. Es galt nun, eine Lustfahrt, vom herrlichsten Wetter begünstigt, auf dem blauen, gerade spiegelglatten Genfersee, nach dem 4½ Stunden entfernten Nyon, der alten Römerveste (Noviodunum). Leider war das allein erhältliche Dampfschiff, «Le Chablais», viel zu klein, um alle zu dieser Fahrt bereitwilligen Arbeiter zu fassen und konnte nur der bei weitem kleinste Theil, d. h. 420 Personen, daran Theil nehmen. Von den Flaggen fast aller Nationen umgeben, prangte auf dem Hochmast die rothe der Association. So ging's unter Musik und Gesang, namentlich des Grütlivereins, fröhlich vorwärts, das verjüngte Genf und den alten Montblanc und seine Kameraden in ihren Mänteln von ewigem Eis und Schnee bis über die Schädel gehüllt, im Rücken lassend. Der durch den Gang des Boots erzeugte Zug frischer Seeluft brach den Sonnenstrahlen die heißen Spitzen ab und es blieb ihnen nur noch übrig, das herrliche Ufergelände im erhebendsten Festschmuck zu zeigen. Die Freude vertreibt aber nicht bloß die Sorgen, sondern auch die Zeit, denn übereinmal hieß es: «wir sind schon da!» Es war Mittag. In Nyon, von einer großen Volksmenge freundlich begrüßt, theilte man sich in verschiedene Gruppen, ein schattiges Unterkommen zu suchen und der Erfrischung zu finden. Die Engländer machten sich bergauf, um recht den Anblick der Gegend, in der Nähe das liebliche Rebgelände, aus welchem Bachus mit reichen Früchten herauslachte, und in der Ferne das Zickzack der Alpen, das stets dem Horizont den starren Rand hinzeichnet, zu genießen und sich die Römerburg und andere Werke der alten Zeit zu beschauen. Den lustigen Seefahrern war aber nur eine Stunde Glückseligkeit, die ebenfalls rasch auf Fortunasflügeln entwischte, auf dem Lande vergönnt. Schon blies wieder das Horn zur Abfahrt. Man sammelte sich schnell und bald hatte das Schiff wieder seine beglückte Ladung. Der stramme und artige Schiffskapitän hätte, nachdem er seine Häupter gezählt, ausrufen können: «siehe es fehlt mir kein theures Haupt» — wenn nicht die bergschaubegeisterten englischen, nebst einigen andern Brüdern, sich auf den Höhen selbst vergessen hätten. Doch das nahm sich nur aus, wie ein heiterer Spuck und was der Dampf auf dem See in Eile verloren, das hatte der Dampf auf dem Lande in Weile wieder gewonnen und es hieß: «Nicht in Philippi, aber in Genf bei fröhlichem Mahle sehen wir uns wieder.» Bis man sich in den Kajüten und auf dem Verdecke die freudestrahlenden Gesichter von Frauen und Männern, Mädchen und Jünglingen einige Male ansah, da und dort ein launisches Gedicht vortragen hörte und eben Alles in das Lied einstimmte: «Lauter Lust und Freude», läutete schon wieder das Schiffsglöcklein, die Einfahrt in den Hafen ankündend. Jetzt wurde alsbald wieder der Zug, wie am Vormittage, angeordnet; alle Arbeiter, welche aus Mangel an Schiffsraum die Parthie nicht mitmachen konnten, schlossen sich an, und muntern Schrittes ging es zum Festlokal an die beladene Tafel.

Dort beim Festmahl herrschte der keckste Geist und ungetrübster Humor. Die heitersten Gespräche wurden nur durch Reden, Gesang- und Musikvorträge unterbrochen, wobei die Société Chorale und die Sängerabtheilung des Grütlivereins mit einander wetteiferten. Ein lustiges Intermezzo brachten die das Dampfboot verspäteten Engländer, die mit Laubkränzen auf den Hüten und mit Blumensträußen in den Händen einrückten und unter rauschenden Hallos empfangen wurden. Wenn bei den Kongreßverhandlungen die nüchterne Ueberlegung und ernste Betrachtung vorwalteten, so ließ man sich hier in heißer Begeisterung, im Bewußtsein die Zügel schießen, einer Sache zu dienen, die der gedrückten Menschheit die Mittel der Erlösung verkündet. Alle Redner des Kongresses und andere Mitglieder und Freunde der Association betraten nacheinander die Rednerbühne. Wer wollte da all' die ausgesprochenen Wahrheiten, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen, berichten? Da war erst der allgemeine Kongreß, der wahre Arbeiter- und Volkstag, da verschaffte auch die Kunst sich Geltung, brachten die Poesie und die Musik, das Gedicht und das Lied ihren Zauber, erhielten Geist und Gemüth ihre Speisen.

Ein karakteristisches Merkmal dieser Festlichkeit gegenüber solcher des Groß- und Spießbürgerthums war aber: daß sie eben frei blieb von jeder unwürdigen Autoritätshuldigung, von jeder Abgötterei bekannter und unbekannter Größen und von der Kniebeugung vor dem Erfolg und obligater Lobassekurranz. Bei allen Reden und Trinksprüchen hatte man nur das große Ideal, das keine Götter neben sich duldet, das hohe Ziel der Menschheit vor Augen: «*Wir wollen das Recht und keine Gnade und für erfüllte Pflicht keinen Dank.*» Das war die stillschweigend angenommene Devise dieses Fests. Eine Stunde nach Mitternacht ging Alles heiter auseinander. Wer der Theilnehmer Morgens seine Ruhestätte mit der Hoffnung verließ, einen frohen brüderlichen Tag mit seinen Berufsgenossen zu verleben, der begab sich gewiß befriedigt zur Ruhe und wird sich freudig an die Tage des Kongresses erinnern sein Lebenlang.

Schlußbetrachtungen über den Kongreß, seine Haltung und Wirkung im Ganzen, werden wir im Dezemberheft folgen lassen.
