---
Title: Bericht über den Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation in Lausanne (1867)
Description: Johann Philipp Beckers Bericht im Vorboten über den zweiten Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation (Lausanne, 2.–8. September 1867): Verzeichniß der Delegirten, Sitzungen, Verhandlungen über den Friedenskongreß, den «fünften Stand», Kredit, Unterricht, Staat und politische Freiheit.
Author: Johann Philipp Becker (Der Vorbote)
Date: 1867-09
URL: https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Bericht%20%C3%BCber%20den%20Kongre%C3%9F%20der%20Internationalen%20Arbeiterassociation%20in%20Lausanne%20%28I.%20Internationale%29
---


*Text nach: Der Vorbote. Organ der Internationalen Arbeiter-Association, redigirt von Joh. Ph. Becker, Genf, II. Jahrgang, Nr. 9 (September 1867), S. 137–143; Nr. 10 (Oktober), S. 153–155; Nr. 11 (November), S. 169–172; Nr. 12 (Dezember), S. 182–189 ([archive.org](https://archive.org/details/bub_gb__H4ZAAAAMAAJ)); III. Jahrgang, Nr. 1 (Januar 1868), S. 7–11; Nr. 2 (Februar), S. 17–23; Nr. 3 (März), S. 38–43; Nr. 4 (April), S. 53–61; Nr. 5 (Mai), S. 73–76 ([archive.org](https://archive.org/details/bub_gb_A8tMAAAAYAAJ)); durch OCR erfaßt und nach den Seitenbildern berichtigt. Die Überschriften der Abschnitte sind von uns. Die vom Kongreß angenommenen Resolutionen werden hier nicht wiederholt; sie stehen auf der Seite des Kongresses: [1867 Congrès de Lausanne (AIT)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/congresos/1867%20Actas%20del%20Congreso%20de%20Lausana%20%28I%20Internacional%29).*

## Vor der Eröffnung

Inzwischen wollen wir von dem Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation in Lausanne etwas berichten. Sechsundvierzig Delegirte waren Sonntag Abends am 1. Sept. angelangt, zehn Montag Morgens und acht im Laufe der Woche, also im Ganzen vierundsechzig, die alle von einer Kommission des Organisationskomites brüderlich empfangen und theils in Privatwohnungen und theils in Gasthöfen untergebracht wurden. Mit einer heitern Abendunterhaltung im Casinogarten wurden die kommenden Arbeitertage eingeweiht.

Anwesende Delegirte am Internationalen Arbeiterkongreß (2.—8. Sept.) in Lausanne:

Düpont, Eugen, Musikinstrumenten-Arbeiter, Delegirter der französischen Sektion von London; Lessner, Friederich, Schneider, aus Sachsen, Delegirter des Arbeiter-Bildungs-Vereins von London; Kugelmann, Doktor der Medizin, Hannover; Büchner, Ludwig, Doktor der Medizin, Darmstadt; Bürkli, Carl, Gerber, Zürich; Lüwenthal, Schneider, Lausanne; Schleifer, Schneider, Delegirter des Arb.-Bild.-Vereins von Lausanne; Neubrand, Delegirter der deutschen Sektion von Chauxdefonds; Förderer, Messerschmied, Yverdon; Gries, Schneider, Delegirter des Arb.-Bild.-Vereins von Vivis; Kircher, Wirth, Delegirter des Grütlivereins und der Schreinergesellschaft von Lausanne; Hafner, Journalist, Murten; Frei, Bandweber, Basel: Krebser, August, Schneider, Zürich; Müller, Ludwig, Delegirter der deutschen Sektion Genf; Becker, J. Ph., Delegirter des Zentral-Comites der Sektionsgruppe deutscher Sprache, Genf; Eccarius, Schneider, aus Sachsen, London; Carter, James, Parfümeur, London; Walton, Alfred, Architekt, Präsident der Nationalreform-Liga, Brecon (South Wales); Swann, Daniel, Bandmacher, Coventry; Treboux, Samuel, Gypser, Delegirter der Gebäudearbeitergesellschaft, Genf; Quinet, Ferdinand, Steinhauer, Genf; Monchal, Graveur, Genf; Perron, Carl, Emaillenmaler, Genf; Marli, Johann, Delegirter der Katundrucker, Paris; Garbe, Delegirter der Blechschmiede, Paris; Pioley, Delegirter der Mechaniker, Paris; Raymund, Delegirter der Steindrucker, Paris; Longuet, Carl, Journalist, Delegirter der Sektionen von Caen (Normandie) und Conde-sur-Noireau; Guillaume, James, Professor, Delegirter der Sektion von Locle; Cuendet-Kunz, Musikdosenfabrikant, St. Croix; Roth, Mechaniker, Biel; Blanc, Professor, Delegirter der Sektion Carouge; De Panpe, Cesar, Typograph, Delegirter der belgischen Sektionen, Brüssel; Gret, Isaak, Delegirter des Gerbervereins, Lausanne; Favrat, Philipp, Geschäftsagent, Delegirter der Sektion Lausanne; Aviolat, Marc, Typograph, Delegirter der Sektion Lausanne; Rubaud, Ludwig, Katundrucker, Neuville-sur-Saône; Vezinand, Stiefelmacher, Delegirter der Sektion Bordeaux; Kastner, Delegirter der Union Typographique Lausanne; Vanza, Schreiber, St. Immer; Dupleix, Buchbinder, Genf; Chemale, Zeichner, Paris; Murat, Mechaniker, Paris; Ailloud, Schneider, Sektion Vienne (Isère); Chassin, Weinhändler, Sektion Villefranche (Rhone); Schettele, Mechaniker, Sektion Lyon; Tanari, Sebastien, Delegirter der Arbeitervereine von Bologna und Bazzano; Vasseur, Blechschmied, Delegirter von Marseille und Fuveau; Klein, Carl, Messerschmied, Delegirter von Köln und Solingen; Coullery, Peter, Doktor, Delegirter der französischen Sektion Chauxdefonds; Tolain, Delegirter von Puteaux und Suresne, Paris; Anbry, Lithograph, Rouen; Kunkel, Schneider, Neuchatel; De Beaumont, Delegirter des Credit Mütüel der Bronzearbeiter, Paris; Stampa, Gaspard, Delegirter des Zentral-Comites der italienischen Arbeitergenossenschaften, Mailand; Raoux, Professor, Delegirter der phonographischen Gesellschaft, Lausanne; Palix, Louis, Schneider, Lyon; Lombard-Martin, Delegirter des Grütlivereins Delsberg (Bern); Lange, Delegirter aus Duisburg: Specht, Sattler, Yverdon; Rumpf, Mechaniker, Delegirter von Wiesbaden und Mainz; Ladendorf, August, Professor, Delegirter der Sektion Magdeburg, Berlin; Allemann, Typograph, Delegirter des Arbeiter-Vereins Bern.

Das deutsche Element war demnach mit 25 Mitgliedern vertreten.

## Erste Sitzung, Montag, 2. September, vormittags

Am 2. Sept., Morgens 9 Uhr, begann die erste Sitzung. Man verzichtete auf alle Eröffnungsfeierlichkeiten und schritt sofort zur Arbeit. In Bestellung des Büreau wurde, nachdem die vorgeschlagenen Bürkli und Becker entschieden ablehnten, Eugen Düpont zum Präsidenten, und wurden Eccarius und Becker zu Vizepräsidenten, Büchner und Bürkli für's Deutsche und Guillaume und Vasseur für's Französische zu Sekretären erwählt. Gesprochen wurde nur in deutscher, französischer und englischer Sprache. Die Uebersetzung besorgten abwechselnd die Sekretäre und Vizepräsidenten und wurden diese darin noch unterstützt von Hafner, Coullery und Müller.

Zu den im «Vorboten» schon veröffentlichten Kongreßfragen waren noch folgende drei eingebracht:

1) Wird nicht aus der, durch das Genossenschaftswesen zu bewirkenden Emancipation des «vierten Standes», ein noch weit nothdürftigerer *fünfter Stand* hervorgehen? Und wie kann, wenn dies der Fall, die Gefahr beseitigt werden?

2) Welche Stellung hat die Internationale Arbeiterassociation gegenüber der Internationalen Friedensliga, speziell auf deren Kongreß in Genf einzunehmen?

Von dem Zentralkomite der Sektionsgruppe deutscher Sprache gestellt, und

3) Was ist der Grund der Arbeitslosigkeit? und welches sind die Mittel der Abhülfe?

Durch die romanische Sektion Genf auf das Programm gebracht.

Auf den Spaziergang, den das Programm des Lausanner Organisationskomite vorsah, um den Nachmittag, während eine Kommission die Tages- und Geschäftsordnung ausfertige, auszufüllen, die Merkwürdigkeiten der Stadt und die Schönheiten der Gegend zu sehen, wurde verzichtet und Nachmittags 2 Uhr die zweite Sitzung anberaumt.

## Zweite Sitzung, Montag, 2. September, nachmittags

Von Chemale wurden die Kongreßkosten und die Frage des freien Eintritts des Publikums in den Kongreßsaal in Anregung gebracht. Nach einer lebhaften Diskussion wurde beschlossen, daß die Delegirten die Saalmiethe von Fr. 150 übernehmen, das Publikum freien Eintritt habe und nur für die Mitglieder der Internationalen Arbeiterassociation die Plätze reservirt bleiben. In Betreff der Geschäftsordnung wurde vom Büreau beantragt: es möchten den Rednern nur 10 Minuten Sprechzeit und auch nur einmal in derselben Frage das Wort ertheilt werden — mit Ausnahme der Berichterstatter und da, wo die Versammlung selbst anders darüber entscheidet. Wurde angenommen. Ferner wurde beschlossen, daß sich zu jeder Sitzung alle Abgeordneten in eine Liste einzuschreiben und beim Verlangen des Worts ihren Namen zu nennen haben. Ebenso, daß alle Anträge schriftlich mit Namensunterschrift eingereicht werden müssen. Noch wird eine Siebnerkommission (Dupleix, Chemale, Perron, Schettel, Guillaume, Coullery, Becker) gewählt, um die Kongreßfragen in angemessene Reihenfolge zu bringen und die Tagesordnung für alle Sitzungen vorzuschlagen. Die Vorschläge dieser Kommission wurden in der Nachmittagssitzung angenommen, dagegen wurde der Antrag der romanischen Sektion Genf: es möge die von ihr eingebrachte Frage: «die Nothwendigkeit der Betheiligung der Arbeiterklasse an der Politik», zuerst behandelt werden, nach längerer Diskussion mit 28 gegen 17 Stimmen abgewiesen.

Die Fragen, wie sie nach dem Antrag der Siebnerkommission auf die Tagesordnung kamen, werden wir weiter unten nach der Reihe ihrer Besprechung mittheilen.

## Dritte Sitzung, Dienstag, 3. September, vormittags

In der Dienstags-Morgensitzung beantragt Chemale, eben so viele Kommissionen, zur Berichterstattung und formulirten Resolutionsvorschlägen, zu ernennen, als Verhandlungsgegenstände vorlägen. Dagegen gab es starke Opposition, namentlich von Seite der deutschen Vertretung, da, wenn sich die ganze Versammlung in 8 Kommissionen theile, man schwerlich für jede Kommission, zur geeigneten Bearbeitung der ihr zugewiesenen Frage, genügend befähigte Kräfte, namentlich auch in Betreff der nothwendigen sofortigen Uebersetzungen in die verschiedenen Sprachen, finden werde. Dennoch wurde nach längerer und theils heftiger Debatte der Antrag Chemale's mit geringer Mehrheit angenommen. Die Kommissionen gingen sofort an ihre Arbeit, gruppirten sich theils im Saale, theils im Vorzimmer und im Garten. Vorher wurde noch bestimmt, daß die Fragen nach der Reihe der zuerst fertigen Kommissionsberichte diskutirt werden sollten.

## Vierte Sitzung, Dienstag, 3. September, nachmittags

In der Dienstags-Nachmittagssitzung wird über die Entlassungsbegehren der Bürger Chassin und Favrat aus der sechsten Kommission zur Tagesordnung geschritten. Von der Sektion Moutier-Grand-Val ward ein Schreiben vorgelesen, tägliche Mittheilungen der Verhandlungen und die Photographie aller Kongreßmitglieder verlangend. Ferner wurde ein Schreiben der Generalversammlung der Schneider in Berlin mitgetheilt, worin dem Kongreß die brüderlichsten Sympathien und wärmsten Glückwünsche ausgesprochen waren; ebenso ein solches von einer Arbeitergesellschaft in Dresden, das auch die Anzeige der Gründung einer Sektion enthält.

Um nun auch schon in dieser Nummer unserer Schrift einen Beschluß des Kongresses, besonders weil er Bezug auf den Friedenskongreß hat, mitzutheilen, wollen wir die chronologische Reihe der Verhandlungen unterbrechen und in der Oktobernummer wieder anknüpfen.

## Die Frage des Friedenskongresses

Da die achte Kommission (Düpont, Hafner, Klein, Bürkli, Ribaud) ihren Bericht über die Frage: «Welche Stellung hat die Internationale Arbeiterassociation gegenüber der Friedensliga, speziell auf deren Kongreß in Genf einzunehmen?» vollendet hatte, so kam derselbe auch zuerst in der Mittwochs-Morgensitzung zur Verhandlung. Es lag dieser Kommission eine Resolution des Zentralkomites der deutschen Sprachgruppe und Generalversammlung der deutschen Sektion Genf vom 25. August, folgenden Inhalts vor:

In Erwägung:

Daß das Dasein der Internationalen Arbeiterassociation die thatsächliche Verbrüderung der Völker — einen Friedensbund — bedeutet;

Daß nur durch die Ergebnisse der intellektuellen und materiellen Arbeit die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft gegründet werden kann;

Daß aber die Schaffung, Veredlung und Vermehrung der sittlichen und leiblichen Güter nur im Frieden allein zu bewerkstelligen sind;

Daß dagegen durch den Krieg die Produktion nicht bloß gehemmt und vermindert wird, sondern auch Produkte, Produktivkräfte und Produktivmittel zerstört werden;

Daß schon der bewaffnete Frieden sowohl einen großen Theil der Produktivkräfte lahmlegt, als auch die Arbeit zu viel unfruchtbarer Leistung zwingt, ihr sogar die Erzeugung von Zerstörungswerkzeugen auferlegt, den Krieg beständig in Aussicht stellt und somit die Produktion einschüchtert und abschwächt;

Daß aber weder der bewaffnete Friede beseitigt, noch der Ausbruch des Kriegs verhütet werden kann, so lange die Freiheit nicht überall erobert und gesichert, nicht alle Souveränität in den Schooß der Völker gelegt und das stehende Heerwesen vom Volkswehrwesen ersetzt ist;

Daß jedoch die Völker nur durch gegenseitige Dienstleistung (Mütüalität) und Gesammtverbindlichkeit (Solidarität) die Freiheit und Souveränität erringen und sicherstellen können;

Daß hingegen auch die Gegenseitigkeit und Gesammtverbindlichkeit nur lebendig werden und fruchtbar wirken kann, wenn sie die Identifizirung (Uebereinstimmendmachung) der Privat- und Gemeininteressen — die thatsächliche Gerechtigkeit für alle Menschen — zum Endzweck hat;

Daß dieser Endzweck immerhin nur durch enge Vereinigung aller zerstreuten Mittel, durch feste Organisation aller vereinzelten Kräfte — durch internationale Association — zu erreichen ist;

Daß die alten Fortschrittsparteien zu sehr von politischen und religiösen, nationalen und sozialen Vorurtheilen befangen, durch Partikularinteressen ihrer Genossen zu keiner entscheidenden Handlung — Erfüllung eines kultur-historischen Berufs — mehr befähigt, am Verkommen sind;

Daß nur das kopf- und handarbeitende Proletariat, dessen Interessen mit aller kulturgeschichtlichen Aufgabe im Einklang stehen, in Vereinigung mit allen großen Herzen, die Fahne der Menschheit und Menschlichkeit aufrecht zu halten und als Regenerationspartei der Weltgeschichte eine neue Bahn zu brechen im Stande sein kann;

Beschließt der Kongreß der Internationalen Arbeiterassociation:

1) Den Kongreß in Genf in seinen Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens, Beseitigung der stehenden Heere bei Errichtung von Volkswehren, Vereinigung der Strebmittel und Thatkräfte, mit aller Energie zu unterstützen, ohne jedoch irgendwie das bisher angestrebte Ziel der Emanzipation der Arbeiterklasse von der Kapitalherrschaft — d. h. der Umgestaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Zustände — und der Herstellung eines europäischen Freistaaten-Bundes aus dem Auge zu verlieren.

2) Eine Abordnung von vier Mitgliedern zu ernennen, welche diesen Beschluß in deutscher, französischer, englischer und italienischer Sprache dem internationalen Friedenskongreß in Genf zur Kenntniß bringt, ihn in allen seinen Theilen näher zu begründen und allen mit ihm übereinstimmenden Anträgen die Beschlußnahme zu verschaffen sucht.

Genf, den 20. August 1867.

(Dieser Antrag wurde von der Sektion Genf in ihrer Generalversammlung vom 25. August einstimmig angenommen.)

Der Sinn dieser Resolution wurde nun von der respektiven Kommission in folgender verkürzten und gemilderten Fassung vorgelegt, nebst einem Amendement von Tolain mit großem Applaus angenommen, vom Büreau unterzeichnet und von Dr. Büchner in deutscher und von Prof. Guillaume in französischer Sprache auf dem Friedenskongreß vorgelesen. Dieses Aktenstück sagt:

*Hier folgt im Bericht die deutsche Fassung des Beschlusses über den Friedenskongreß mit dem Amendement Tolain's; den französischen Wortlaut siehe [Résolution sur le Congrès de la paix](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolution-sur-le-congres-de-la-paix).*

In Erwägung, daß der Druck des Krieges auf keinem Stande der Gesellschaft schwerer lastet, als auf dem Arbeiterstande, welcher durch denselben nicht bloß seiner Ernährungsmittel beraubt wird, sondern auch vorzugsweise sein eigenes Blut dabei verspritzen muß;

In Erwägung, daß fast ebenso schwer wie der Krieg, der Druck des sogen. bewaffneten Friedens auf dem Arbeiter lastet, indem er die besten Kräfte des Volkes in unproduktiver und zerstörender Arbeit verzehrt;

In Erwägung endlich, daß, um diesem Uebelstande gründlich abzuhelfen, die Aenderung der gegenwärtigen, auf Ausbeutung des Einen Theiles der Gesellschaft durch einen Andern beruhenden sozialen Zustände, eine nothwendige Bedingung ist,

Erklärt:

Seinen vollkommenen und entschiedenen Beitritt zu der in Genf am 7. Sept. konstituirten Friedensliga und deren Bestrebungen im Interesse und zur Erhaltung des Friedens, und verlangt nicht bloß das Aufhören des Krieges, sondern auch die Aufhebung der stehenden Heere und an deren Stelle einen allgemeinen und freien Bund der Völker, auf den Grundlagen der Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit, unter Voraussetzung jedoch, daß die Emanzipation der Arbeiterklasse aus ihrer unfreien und gedrückten Stellung und aus ihrer gesellschaftlichen Zurücksetzung erreicht und dem gegenseitigen Klassenkampfe durch Ausgleichung der bestehenden Gegensätze ein Ende gemacht werde.

(Amendement.) «In Erwägung, daß der Krieg die Hauptursache der Verarmung und des Mangels des ökonomischen Gleichgewichts ist, daß es, um den Krieg zu unterdrücken, nicht genügt, die Armeen zu entlassen, sondern die soziale Organisation im Sinne einer billigen Vertheilung der Produktion vorzunehmen.

«Der Arbeiterkongreß bedingt seine Adhäsion von der Annahme obiger Erklärung durch den Friedenskongreß.»

## Zuschriften an den Kongreß

Zu den schon in voriger Nummer erwähnten Beistimmungsadressen und Beglückwünschungen von Berlin und Dresden, sind dem Präsidenten der Sektionsgruppe deutscher Sprache zur Mittheilung an die Kongreßversammlung noch folgende zugegangen: Von den Sektionen Köln, Solingen und der Schneidergesellschaft in Köln; von einem dänischen Arbeiterverein in Kopenhagen, welcher der Zahlung für «Vorboten»-Abonnements 1 Thaler für Beitrag an die Kongreßkosten zufügte; von Marting, Advokat in Kaukehmen, eine telegraphische Depesche, von Tilsit datirt; von der Sektion Magdeburg; vom Präsidenten des Arbeitervereins in Berlin, Robert Krebs; vom Schweiz. Arbeiterverein in Schwanden (Kanton Glarus); von Heinrich Wuttke, Professor an der Universität in Leipzig; von der Sektion Genf eine telegraphische Depesche; von Liebknecht in Leipzig, in seinem Namen und im Auftrage der Volksvereine in Zwickau, Meerane, Werdau, Crimmitschau und Leipzig; von C. M. Gast in Zürich, welcher 200 Exemplare seines Werkes — «Der «ohne Blut und Eisen» zu erringende naturgemäße Sieg des sittlichen Fortschritts- über das unsittliche Rückschrittsprinzip» (zwei Bände) — die in Leipzig liegen, zur zweckmäßigen Vertheilung an die Arbeitervereine, zum Geschenk gemacht hat, was mit wärmstem Danke aufgenommen wurde. Das sind nur die Zuschriften, welche deutscher Seits anlangten, und es verging keine Sitzung, wo nicht eine oder mehrere vorgelesen wurden. Es versteht sich von selbst, wie dies von mächtiger geistiger Anregung war und in Jedem das Bewußtsein stärkte, daß an allen Orten und Enden Europa's Brüder und Bundesgenossen zur Weiterführung und Vollendung des Werkes bereit sind. Wir bedauern nur, wegen zu engen Raumes dieselben nicht in ihrem ganzen Wortinhalte mittheilen zu können. Wir werden jedoch in den spätern Nummern das Wesentlichste und namentlich den Brief von Bürger Wuttke, der sich über die gegenwärtige Lage Deutschland's ausspricht, unsern Lesern mittheilen. Noch längst nach dem Kongresse, am 18. Sept. (vom 15. datirt), kam uns eine gemüthliche leutselige Adresse von Lippenhuizen (Provinz Friesland), der auch die oben erwähnte an den Friedenskongreß beigefügt war, in holländischer Sprache, von einer dortigen Arbeitergruppe, zu, unterzeichnet von Ul. D. Dilnaar und B. L. van Leer. Sehr erfreute uns die Zuschrift einer sozial-republikanischen Liga aus Barcelona, die, vom 3. Sept. datirt, uns durch Gelegenheit über Malta, Livorno und Genua, der Cholera-Quarantäne wegen, leider erst am 20. Sept. zukam und mit folgenden Worten schließt:

«Jawohl! denket daran, daß Ihr auch über den Pyrenäen Brüder habt, die ihre Hände an das gleiche Werk gelegt. Wir haben aber noch eine große Vorarbeit mit der Zerschlagung der Altäre der Lüge und des Thrones voll Betrug, mit der Verjagung der geistlichen und weltlichen Tyrannen, zu verrichten. Nicht zu Werken eines Kaiser Karl V. und seiner Nachfolger, sondern zu Schöpfungen des Friedens und der Humanität werden wir, und wir hoffen in nicht gar ferner Zeit, mit Euch zusammenkommen und Euch die Bruderhand drücken.» Brav, Spanier! wir schlagen ein!

## Die Berichte über die Sektionen (Dienstag nachmittags und Mittwoch, 4. September, vormittags)

Wir knüpfen nun den Faden unseres Berichts wieder dort an, wo wir ihn in der Dienstags-Nachmittagssitzung abgebrochen haben. Der Rest des Tages und die ganze Mittwochs-Vormittagssitzung (4. Sept.) wurde mit der Berichterstattung über den Zustand und die Wirksamkeit der Sektionen und kooperirenden Gesellschaften, ausgefüllt. Die Reihe kam zunächst an den Generalrathsbericht, der, von Eccarius vorgelegt, nur in deutscher und französischer Sprache, weil den Engländern der Inhalt bekannt, vorgelesen und durch Becker's Bericht über die Sektionsgruppe deutscher Sprache ergänzt wurde. Es waren nun fast ebensoviele Berichte anzuhören, als Delegirte anwesend waren, die oft sehr in die Details eingingen und manch' Interessantes enthielten, namentlich wo es sich über schon errichtete oder noch zu errichtende Konsum- und Produktivanstalten handelte. Man müßte aber ein Buch schreiben, wollte man die erhaltenen Mittheilungen nur halbwegs wiedergeben. Wir behalten uns daher vor, das Material zu sichten und das Wissenswertheste davon später in einem speziellen Bericht kurz zusammenzustellen. Wir wollen hier nur melden, daß Coullery von der Uhrenmachergenossenschaft der romanischen Sektion in Chauxdefonds 12 silberne Cylinderuhren mit 8 Steinen, zu 25 Fr. das Stück, mitbrachte, welche auch sofort unter den Kongreßmitgliedern abgesetzt waren. Ein täglicher Vergleich erwies, daß sie richtig und auf die Minute genau zusammengingen, genau gearbeitet und gut regulirt sind. (Adresse: Dr. Coullery in Chauxdefonds.) Von der Stahlarbeitergenossenschaft in Solingen (nach der Steinhauer- und Bürstenmachergenossenschaft in Zürich und Genf die dritte, welche sich auf die von uns entworfenen und im «Vorboten» veröffentlichten Statuten, worin das Prinzip der Gemeinschaftlichkeit vorherrschend, gegründet hat) sind leider durch Nachlässigkeit einer der Eisenbahnverwaltungen die Muster zu spät angelangt. Dies sind Tafelbestecke, Scheeren und Messer aller Art, bis zu den einfachern chirurgischen Instrumenten, dann Thürdrücker, Rollen für Sopha's, Bettstellen, Tische u. dgl. und verschiedenem Handwerksgeschirr; alles Gegenstände, würdig einen Platz auf einer Weltausstellung einzunehmen. (Adresse: Carl Klein «zu den drei Eidgenossen» in Solingen, Rheinpreußen.) So verbindet sich allmälig mit den Kongressen der Internationalen Arbeiterassociation eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse, wird eine Art Messe gestiftet, Idealismus mit Realismus in Einklang gebracht, für geistige Entwickelung und leibliche Wohlfahrt zugleich gearbeitet.

## Sechste Sitzung, Mittwoch, 4. September, nachmittags

In der Mittwochs-Nachmittagssitzung wird von den italienischen Delegirten Stampa und Tanari der Antrag gestellt: es möge die Versammlung eine Deputation ernennen, welche dem nach Genf reisenden General Garibaldi bis Villeneuve entgegengehe, um ihn im Namen des Arbeiterkongresses zu begrüßen und zum Besuche einzuladen. Man war jedoch hierüber, ohne lange Besprechung allgemein der Meinung, daß dem hochgeehrten General sicherlich die Abhaltung unseres Kongresses nicht unbekannt und daß, wenn ihm die Zeit und Neigung zu einem Besuche nicht ermangle, er auch des brüderlichsten Willkomms gewiß sei; bei aller Anerkennung seiner großen Verdienste für sein Volk und die Menschheit, müsse man sich sehr hüten, einem sich selbst entwürdigenden Autoritätsglauben, der stets in Götzendienerei ausschlage, die Volksmassen beirre und den edlen Kern der gefeierten Männer vergifte, Raum zu geben. So wurde der Antrag mit allen gegen zwei Stimmen verworfen, den Bürgern Stampa und Tanari, die dennoch nach Villeneuve zu gehen entschlossen waren, der Auftrag ertheilt, den großen Bürger im Namen des Kongresses herzlich zu begrüßen.

Es begannen nun die Verhandlungen über die eigentlichen Kongreßfragen, worüber wir in den folgenden Nummern Näheres berichten werden.

## Neben den Sitzungen

Auch hier fehlte es den Franzosen nicht an üppiger Redseligkeit, die wohl, nebst der gallo-fränkischen Nationaleigenthümlichkeit, auch in der gedrückten Lage ihres Heimatlandes gesucht werden muß. Doch ließ sich dieselbe um so eher im Laufe der Verhandlungen in gewisse Schranken bringen, als sie durch die fast jeden Abend im Kasinogarten veranstaltete gesellige Unterhaltung einen zweckmäßigen Ableitungskanal gefunden. Da gab es reichliche Gelegenheit in dem von Arbeiterfamilien angefüllten Raume zwischen den Gesangaufführungen des deutschen Arbeiterbildungs- und Grütlivereins und den Musikproduktionen eines sehr guten Orchesters sich in freier Rede zu ergießen und die Masse der Lausanner Bevölkerung mit der großen sozialen Bewegung vertraut zu machen. Alle und dabei deutsche Redner wurden mit großem Beifall angehört. Da jedoch, wie schon gemeldet, jedes Kongreßmitglied mindestens einer Kommission zur Berichterstattung und Resolutionsvorschlägen der Verhandlungsgegenstände angehörte, jeder Bericht und Antrag in deutscher, französischer und englischer Sprache vorzulegen war, so waren die meisten, besonders ihrer Sprachkenntnisse wegen die deutschen, fast allabendlich an die Kommissionssitzungen und Uebersetzungsarbeiten gebunden. Es ist hier hervorzuheben, daß bei diesem engern Zusammenwirken von Männern verschiedener Sprachen und Auffassungen sich unwillkürlich eine Abschleifung nationaler Eigenthümlichkeiten, innere Uebereinstimmung thatsächliche Verbrüderung den Weg bahnten. Freilich ist die Lebensstellung der so häufig in aller Welt herumkommenden Arbeiter, die bei ihrem Tagwerke zwischen Genossen aller Nationen stehen, mehr als die jeden andern Standes dazu angethan, die internationale Annäherung zu beschleunigen und die Gründung eines freien Weltbürgerthums, wenn auch für fernere Zukunft, zu bewirken.

Auch die Kongreßmitglieder der in diesem Sommer erstandenen Schneiderarbeiter-Gesellschaften hielten einige Abende besondere Sitzungen um sich über eine angemessene Zentralverfassung zu verständigen. Es lagen zwei Projekte, eins von der Sektion Lausanne und eins von der Sektion Zürich vor. Bürger Schlaifer präsidirte mit Takt und Umsicht. Der Entwurf Zürich's, wovon Bürger Krebser Berichterstatter, ward mit unwesentlicher Abänderung in allen seinen Artikeln fast einstimmig angenommen, Zürich zum Vorort gewählt und die Gründung eines kleinen, monatlich erscheinenden Zentralorgans unter der Redaktion Krebser's beschlossen. (Die Schustergesellen der Schweiz sind auf gutem Wege, eine gleiche Fachgenossenschaft zum Anschlusse an unsere Association zu gründen und ist eben in Genf eine weitere Sektion in der Bildung begriffen.) Am Donnerstag Abend hielt Dr. Ludw. Büchner im Kongreßsaal einen sozialwissenschaftlichen Vortrag, auf den wir später besonders zurückkommen werden.

## Die Jahresgeschäfte (Freitag, 6. September, nachmittags)

Zu den Kongreßverhandlungen zurückkehrend, wollen wir nun zunächst über jene berichten, welche zu Beschlüssen von geschäftlichem Werth für unsere Genossenschaft führten und jedem Mitgliede zur Nachachtung mitgetheilt werden müssen. In der Freitags-Nachmittagssitzung (6. Sept.) wurde, von 11 deutschen Delegirten unterzeichnet, folgender Antrag dem Büreau übergeben: «Der Kongreß möge vor Behandlung aller andern Fragen die unverschiebbaren Jahresgeschäfte erledigen:

1) Den Bericht über die Rechnungsverhältnisse und den Zustand der Zentralkasse vornehmen;

2) Zur Wahl des Generalraths schreiten und

3) Zeit und Ort des nächsten Kongresses bestimmen.

**Becker** begründete diesen Antrag dadurch, daß man nach Erledigung dieser Geschäftsangelegenheiten, sich um so ruhiger der Besprechung der theoretischen Fragen widmen könne, als, wenn auch eine oder die andere derselben für dießmal nicht zum Schluß gebracht werde, sie doch leicht auf den nächsten Kongreß verschoben werden dürfte. Der Antrag wurde ohne Diskussion angenommen. Der Bericht der Zentralkasse, von Eccarius vorgelesen, wurde genehmigt. Hiebei wurde bestimmt, daß für das laufende Jahr von jedem Mitgliede einer Sektion und der kooperirenden Gesellschaften ein Jahresbeitrag von 10 Centimes und in Deutschland 3 1/2 Kreuzer oder 1 Silbergroschen, welcher in Vierteljahrsraten von den Zentralkomites jeden Landes einzuziehen ist, für die Generalrathskasse erhoben werden soll. Ferner, daß (Antrag Coullery's) der Generalrath angewiesen sei, den Zentralkomites der verschiedenen Sektionsgruppen alle 3 Monate ein Bülletin über den Entwicklungsgang der Gesammtassociation zuzusenden, um dieß in den nationalen Zentralorganen zu veröffentlichen.

Die Wahl des Generalraths wurde mit dem frisch bestimmten Sitz in London den englischen Sektionen, weil die geeigneten Persönlichkeiten besser kennend, einstimmig überlassen.

Für den nächsten Kongreßort wurde von De Päpe Brüssel und von Becker Zürich vorgeschlagen. De Päpe suchte nebst der Bereitwilligkeit, womit die Brüsseler Sektion die Abhaltung des Kongresses übernehme, die massenhafte Arbeiterbevölkerung Belgien's, des nordöstlichen Frankreichs und des nordwestlichen Deutschland's, bei den bequemen Eisenbahnverbindungen zur Geltung zu bringen. Becker betonte dagegen die Nothwendigkeit, daß der 3. Kongreß endlich einmal in einer Stadt abgehalten werde, wo statt der französischen auch einmal die deutsche Sprache bei der Verhandlung die dominirende werde und auch wegen ihrer Lage mehr geeignet sei, die deutsche Arbeiterwelt in den Kreis der Bewegung hineinzuziehen. Doch die Engländer erklärten durch den Mund von Eccarius, daß die Kongreßorte in der Schweiz ihnen zu größerer Betheiligung zu entfernt lägen, daß sie sich aber in Brüssel in starker Anzahl einfinden würden. Dieß wirkte entscheidend, da wirklich von Arbeitern eines Landes, wo die modern industriellen und ökonomischen Verhältnisse am meisten entwickelt sind, viel zu lernen ist. Mit großer Mehrheit wird Brüssel als der Sitz und der erste Montag September 1868 als der Eröffnungstag des nächsten Kongresses bestimmt.

Wir werden nun in den folgenden Heften näher in die Verhandlungen der Kongreßfragen eintreten und schließen für dießmal mit dem versprochenen Briefe unseres wackern Veteranen Wuttke:

## Zuschrift von Heinrich Wuttke

An das Zentralkomite der Internationalen Arbeiter-Association.

Mitbürger!

Wie sehr es mir auch im Sinne liegt, den dießjährigen Berathungen beizuwohnen, und wie außerordentlich erquickend für mich, der ich jetzt ringsum die Menschen gleich Strohhalmen sich beugen sehe vor dem Erfolge, der Verkehr mit charakterstarken Männern wäre, die ihre Grundsätze treu festhalten, die ohne Wanken und Wandel auf das klar erkannte Ziel arbeiten, so gestatten mir jetzt die Verhältnisse die Reise nach der Schweiz zu meinem größten Bedauern nicht.

Ich kann nur aus der Ferne mit den lebhaftesten Wünschen die Verhandlungen, die stattfinden werden, begleiten und Ihnen aus Herzensgrund zurufen: Ermüden Sie nicht an dem Werk der Menschheit zu bauen!

Schwere Zeiten sind über Mitteldeutschland gekommen und noch schwerere werden folgen.

Bin ich der Ueberzeugung, daß Lassalle in der Hauptsache den richtigen Weg ging, so beklage ich um so stärker die Bethörung derjenigen, die, seine Anhänger sich nennend, durch verkehrtes Treiben dem Vorschub thun, was den Fortschritt hemmt.

Der erste Sieg der Bismark’schen Politik hat die Entwicklung weit und auf lange Zeit zurückgeworfen; sie verträgt sich nicht mit Selbstständigkeit der Menschen, sie wird jede aus dem Volke sich entwickelnde Macht zerstören.

Um so wichtiger ist es, daß in den Kreisen, die Unterdrückungsmaßregeln entrückt sind, die vorwärtsführende Anschauung fort und fort nachdrücklichst geltend gemacht wird, und daß in ihnen die organisirende Bewegung fortschreite. In Nord- und Mitteldeutschland wird so lange, als die in jüngster Zeit hergestellten politischen Zustände bestehen, der Ankampf gegen die Uebermacht des Kapitals völlig aussichtslos bleiben.

Ich bin begierig zu erfahren, wie die ausgezeichneten und erfahrenen Männer, welche in Lausanne tagen werden, die beiden dem Kongreß vorliegenden, ebenso wichtigen als schwierigen Fragen, beantworten.

Mit brüderlichem Gruß und Handschlag!

Dr. Heinrich Wuttke.

Reudnitz bei Leipzig, 23. August 1867.

## Sechste Sitzung, Mittwoch, 4. September, nachmittags (Fortsetzung): die Kommissionsberichte

In der Mittwochs-Nachmittags-Sitzung (2 1/4 Uhr) wurde ein Brief des Bürgers Hugentobler, aus Cortaillod bei Neuenburg, der von 20 Exemplaren eines Werkes «Ueber die Zunahme des Pauperismus» begleitet war, vorgelesen und sammt der freundlichen Gabe bestens verdankt.

### Erste Frage

An die Tagesordnung kam nun der Kommissionsbericht über das Studium der ersten Frage. Die Kommission war zusammengesetzt aus den Bürgern: Eccarius aus London, Tolain aus Paris und Becker aus Genf.

Die Frage heißt: Welches sind die praktischen Mittel der Internationalen Association, für die Arbeiterklasse in ihrem Kampfe gegen das Kapital einen gemeinsamen Mittelpunkt zu verschaffen?

Nach Verlesung desselben von Tolain (Paris) wurde, da er noch nicht mit Conclusionen in Resolutionsform begleitet war, die Diskussion darüber auf den folgenden Tag verschoben.

### Sechste Frage

Da die Kommissionsberichte über die zweite, dritte, vierte und fünfte Frage noch nicht vollendet waren, so kam der Kommissionsbericht über die sechste Frage an die Tagesordnung. Die Kommission bestand aus den Bürgern: Krebser aus Zürich, Chassin aus Villefranche, Vasseur aus Marseille, Neubrand aus Chauxdefonds, Fabrat aus Lausanne, Lüwenthal aus Riga.

Die Frage heißt: Bestimmung und Rolle des Staats. — Oeffentlicher Dienst, Transport und Verkehr. — Gemeinsame und persönliche Interessen. — Der Staat als Richter und Beschützer der Verträge betrachtet. — Das Recht zu strafen.

Der Bericht, von Vasseur vorgelesen, wurde ebenfalls von der Versammlung mit der Empfehlung an die Kommission zurückgewiesen, diskussions- und beschlußfähigere Conclusionen zu formuliren.

### Siebente Frage

Nun kam der Kommissionsbericht der siebenten Frage an die Reihe.

Kommissionsmitglieder waren die Bürger: Perron von Genf, Pioley von Paris, Reymond von Paris, Vassinand von Bordeaux, Trebeaux von Genf.

Die Frage heißt: Ist nicht die Entbehrung der politischen Freiheit ein Hinderniß zur ökonomischen Emanzipation der Arbeiterklasse und eine der Hauptursachen sozialer Mißstände? Welches sind die Mittel, die Herstellung politischer Freiheit zu beschleunigen? Wäre dieß nicht durch alle Arbeiter die Anspruchnahme unbeschränkten Vereinsrechts und unbeschränkter Preßfreiheit?

Der Bericht, kurz und bündig abgefaßt, von Perron vorgetragen, enthält für den ersten Theil der Frage folgende Beschlußform:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der vorgeschlagenen Erklärung zu beiden Theilen der Frage, die angenommen wurde; siehe [Déclaration sur la septième question (les libertés politiques)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#declaration-sur-la-septieme-question-les-libertes-politiques).*

Nachdem dieser Bericht und Beschlußfassungsvorschlag von Hafner (Murten) auch in deutscher Sprache vorgelesen war, wurde derselbe ohne Diskussion mit allen gegen zwei Stimmen angenommen.

Diese Beschlußnahme wurde dann auch mit einer identischen, von einer über 2000 Mann starken Arbeiterversammlung in Genf gefaßten, durch Perron von der Rednerbühne dem Friedenskongreß verkündet. Es findet sich hierin, besonders mit der schon früher (Vorbote Nr. 9, 1867, Seite 142) veröffentlichten, an den Friedenskongreß gerichteten Ansprache, die Stellung der Internationalen Arbeiterassociation zur Internationalen Friedens- und Freiheitsliga scharf und unzweideutig bezeichnet und ist es an der letztern, durch geschickte und thatkräftige Wirksamkeit das auf übereinstimmenden politischen Interessen beruhende Bündniß für alle Welt fruchtbar zu machen.

### Fünfte Frage

Es kam nun der Bericht über die fünfte Frage zur Verhandlung.

Die Mitglieder der betreffenden Kommission waren die Bürger: Cuendet-Kunz aus St. Croix, Guillaume aus dem Locle, Coullery aus Chauxdefonds, Blanc aus Carouge, Vanza aus St. Immer.

Die Frage heißt: Soziale Verrichtungen. — Rolle des Mannes und der Frau in der Gesellschaft, — Erziehung der Kinder. — Vervollkommneter und verallgemeinerter Unterricht. — Phonographie.

Der Bericht, von Guillaume erstattet, stellte auffallender Weise die Phonographie (Lautschreibart) voran, in dem er in heißem Eifer die allgemeinen Vortheile derselben, besonders in Betreff der französischen Orthographie, und die dadurch zu erlangende Faßlichkeit des Schriftwesens für die Arbeiterklasse hoch herausstrich und folgende Beschlußfassung beantragte:

Der Kongreß, betrachtend, daß eine Vereinfachung der Schreibart, welche Allen das Lesen und Schreiben leichter und zugänglicher macht, eine Frage von hohem Interesse für die arbeitende Klasse ist, fordert alle Sektionen der Internationalen Arbeiterassociation auf, allen Bestrebungen zur Erreichung dieses Zieles ihren Beistand zu Theil werden zu lassen.

**Lessner** (London) verlangte das Wort und protestirte mit Heftigkeit gegen eine Diskussion über diesen Gegenstand, der vor einen Kongreß von Philologen und nicht vor einen solchen von Arbeitern gehöre, die brennendere Fragen zu lösen hätten und verlangte er, daß seine Protestation zu Protokoll genommen werde.

Die Diskussion wurde nun auch auf eine der nächsten Sitzungen in der Erwartung verschoben, die Kommission werde eine sachentsprechendere Beschlußform vorlegen.

### Achte Frage

Man schritt nun zur Besprechung der unsern Lesern schon (Vorbote Nr. 9, 1867, Seite 141) mitgetheilten achten, von dem Zentralkomite der Sektionsgruppe deutscher Sprache und der deutschen Sektion in Genf, auf die Tagesordnung gebrachten Frage, aus der die ebenfalls bekannte Ansprache an den Friedenskongreß hervorging. Hafner (Murten) trug den Bericht in deutscher und französischer Sprache vor. Es gab eine lebhafte Debatte, an der Chemalé, De Päpe, Eccarius, Tolain, Mürat, Perron, Coullery, Müller, Schlaifer, Carter, Büchner, Düpleix, Lombard-Martin und Becker Theil nahmen. Obwohl anfänglich mehrere Sprecher gegen jeden Beschluß in dieser Angelegenheit opponirten, indem sie meinten, wir müßten unbekümmert über die Bestrebungen der Bourgeoisie unsern eigenen Weg gehen, da, wenn es der bürgerlichen Demokratie mit ihrem Friedenswerke Ernst sei, sie sich an uns hätte anschließen sollen, da wir dasselbe ja längst auf dem einzig richtigen Wege begonnen hätten, so vereinigte man sich schließlich dennoch zu der vorgeschlagenen Adresse mit dem Amendement von Tolain, wovon die erstere einstimmig und das letztere mit 32 gegen 14 Stimmen angenommen wurde. Schluß der Sitzung 6 1/2 Uhr.

Ehe wir nun fortfahren, über die Verhandlungen der Kongreßfragen zu berichten, müssen wir bemerken, daß wir solche verschiedener Zwischenfälle, veranlaßt durch falsche Zeitungsberichte über den Kongreß, Reden bei den Abendunterhaltungen im Casinogarten u. dgl., vorläufig bei Seite lassen und nur später insoweit besprechen werden, als sie allgemeines Interesse erregen.

## Siebente Sitzung, Donnerstag, 5. September

Donnerstags Vormittag fand wegen der Kommissionsarbeiten keine Sitzung statt.

In der Nachmittags-Sitzung (2 Uhr) zeigt der Präsident an, daß Bürger Acollas (Paris) dem Kongreß ein Exemplar seines Werkes: «De la révision des Codes», und Bürger Raoux 3 Exemplare seines Werkes: «Orthographe rationnelle ou écriture phonétique» verehrt habe und daß sich die Delegirten dasselbe beim Verleger, G. Bridel in Lausanne, um die Hälfte des Preises verschaffen könnten. — Nun galt es, den Bericht über die dritte Frage zu vernehmen und darüber zu entscheiden.

### Dritte Frage

Die Kommission war zusammengesetzt aus den Bürgern: Büchner von Darmstadt, De Päpe von Brüssel, Mürat von Paris, Müller von Genf, Garbe von Paris.

Die Frage, die ebenfalls von dem Zentralkomite der Sektionsgruppe deutscher Sprache und der deutschen Sektion in Genf vorgelegt wurde, heißt:

Wird nicht aus der durch das Genossenschaftswesen zu bewirkenden Emanzipation des «vierten Standes» (Arbeiterklasse), ein noch weit nothdürftigerer *fünfter Stand* hervorgehen? Und wenn dies der Fall, wie kann diese Gefahr beseitigt werden?

Dieser Frage wurden noch, zum Studium derselben Kommission, folgende Sätze einverleibt:

Die Gegenseitigkeit als Grundlage gesellschaftlichen Verkehrs. — Gleichseitliche Verwerthung der Verrichtungen. — Gesammthaftbarkeit. — Arbeitergesellschaften.

Der Kommissionsbericht, von De Päpe erstattet, schloß mit folgendem Resolutionsantrag:

*Hier folgt im Bericht der Resolutionsantrag der Kommission in drei Punkten; den angenommenen Wortlaut siehe [Résolutions sur la troisième question (les associations ouvrières et le « cinquième état »)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolutions-sur-la-troisieme-question-les-associations-ouvrieres-et-le-cinquieme-etat).*

Diese 3 Punkte führten zu einer langen, theils heftigen Debatte. De Baumont (Paris) befürchtet, daß man mit dem erstern eine Entmuthigung unter Diejenigen werfe, welche eifrig am Werke sind. Die Genossenschaften seien im Fortschritte und auf bestem Wege begriffen, die Schwachüberzeugtesten von ihrem Werthe zu überzeugen; man müsse sie nicht mit Dingen entmuthigen, die nie kommen würden; ihnen nicht mit eitlen Befürchtungen die Zuversicht rauben.

**Mürat** (Paris) sagt dagegen: Die Genossenschaften auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, hieße nicht sie entmuthigen, sondern sie zur Besonnenheit und richtigen Ansicht über die Sachlage zu bringen.

**Eccarius** (London) legt zu Artikel 1 der Resolution ein Amendement vor:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut des Amendements, das als Zusatz zum ersten Punkt angenommen wurde; siehe [Résolutions sur la troisième question (les associations ouvrières et le « cinquième état »)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolutions-sur-la-troisieme-question-les-associations-ouvrieres-et-le-cinquieme-etat).*

**Eccarius** begründet diesen Resolutionszusatz, indem er darauf hinweist, wie in England die Fabrikbesitzer mehr und mehr durch die große Industrie zur Nothwendigkeit gedrängt würden, ihren Arbeitern einen Gewinnantheil zu bewilligen und ihnen sogar zu ermöglichen, Miteigenthümer der betreffenden Etablissemente zu werden. Würden also die Arbeiter in kollektiver Weise Eigenthümer werden, so wäre auch keine Gefahr vorhanden, daß ein Theil der Arbeiter im Zustande des Proletariats bleiben und einen «fünften Stand» bilde; diese Gefahr sei nur zu befürchten, wenn das Eigenthum, statt ein kollektives zu werden, ein gestückeltes bliebe.

**Becker** erklärt zunächst, wie und warum das Zentralkomite der Sektionsgruppe deutscher Sprache diesen Gegenstand zu den Traktanden gebracht habe und zwar mit Beibehaltung der veralteten Benennungen «vierten und fünften Stand», obwohl man wisse, daß sich die moderne Gesellschaft nur in zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat, die Eigenthümer und die Enterbten, scheide. Die Frage sei in der gegebenen Form vielorts in deutschen Sektionen diskutirt und sogar von einem Mitgliede unseres Kongresses, Dr. L. Büchner aus Darmstadt, schon voriges Jahr in einem Briefe an das Zentralkomite (Vorbote Nr. 1, 1867, Seite 7) ernstlich angeregt worden. Auch sei etwas an der Sache, denn wo die Arbeiter-Genossenschaften einige Bedeutung erlangt, sei ein «fünfter Stand» schon wirklich vorhanden. Nur die bessergestellten, intelligentern, energischeren, sachkundigeren Arbeiter und solche, die noch etwas ererbt oder erheirathet hatten, und zwar auch nur die der Kleinproduktion — die Handwerker — könnten sich bei Gewerbgenossenschaften betheiligen, während die große Mehrheit derselben nicht nur in der alten nothdürftigen Lage blieben, sondern sich des tüchtigeren Theils ihrer Klasse beraubt und gegen sie gekehrt fänden. Solche Genossenschaften ersetzten nur die Einzelproduktion der bisherigen «Meister», beuteten die übrigen Arbeiter, wie diese, aus, um möglichst große Dividenden zu theilen. Allerdings komme die moderne Industrie und das große Privatkapital der sozialen Bewegung zu Hülfe, indem sie auf ihrem Expropriations- und Enterbungswege zuletzt alle Arbeiter in Nothdürftigkeit zurückschleuderte, zu gemeinsamem Leben und Widerstreben zwängen. Allein es sei nicht gesagt, daß man überall sich, wie in England, erst völlig durch das Fegfeuer des Großkapitals, die dortige Erfahrung vor Augen, jagen lassen müsse, um zu Einsicht, selbstbewußtem Handeln und gemeinsamem Widerstande zu kommen. Zumal sei auf dem Continent ein festes, auf dem Prinzip der Gemeinschaft beruhendes Zusammenhalten der Arbeiterklasse um so dringender nothwendig, als bei dem hierseits existirenden Militärdespotismus eine politische und soziale Umgestaltung nicht ohne gewaltige Katastrophe vorübergehen werde. In den Zentralstatuten der Sektionsgruppe deutscher Sprache, sei daher auch Bedacht darauf genommen, daß alle, in ihrem Schooße zu gründenden Gewerbsgenossenschaften nur in Ausnahmsfällen, aber immerhin gut gestellt, Lohnarbeiter verwenden dürfen, daß jeder Mitgenosse von dem Reinertrag nur so viel erhalte, als zu anständigem Lebensunterhalt von Nöthen, dagegen mit dem Uebrigen ein Gemeingut, als Kitt festen Zusammenhaltens, schaffen müssen, damit die Gegenseitigkeit und Gesammtverbindlichkeit, welche man bisher überall nur im Munde führe, zur Wahrheit gemacht werden könne. Er unterstütze das Amendement von Eccarius, weil dies die Sachlage klarer bezeichne und darauf hinweise, wie die ökonomischen Thatsachen rücksichtslos über die theoretische Weisheit der Oekonomisten alter Schule hinwegschritten.

Der Zusatzartikel von Eccarius wurde nun zur Abstimmung gebracht und mit 21 gegen 15 Stimmen angenommen. Ebenso der erste Resolutionstheil mit 28 gegen 4 Stimmen.

Man bemerkte bei dieser Abstimmung, daß viele Delegirten fehlten, was sich bei näherer Untersuchung durch Kommissionsarbeiten entschuldigte.

Es wurde nun zur Diskussion über den zweiten Resolutionstheil geschritten. Jetzt wurde erst recht heiß, aber bloß von Vertretern der französischen Sprache, De Päpe, Chemalé, Coullery, Tolain, Mürat, debattirt, aber endlich der Artikel in vorgelegener Fassung, trotz verschiedener Abänderungsvorschläge, einstimmig angenommen.

Ueber den dritten Resolutionspunkt, der nun zur Sprache kam, wurde leichter hinweggeschritten. Ein Amendement, das Coullery zum zweiten Punkte vorgeschlagen hatte, nachher aber, zur Verwendung beim dritten, zurückzog, ist folgender Fassung:

Um zum Ziel zu gelangen, ist für den Moment den Arbeitern kein anderes praktisches Mittel geboten, als die Gründung, Entwickelung und nachträgliche Verbündung von Gewerbgenossenschaften in ihren verschiedenen möglichen Gestalten, um endlich zum Austausch der Erzeugnisse um den Produktionspreis zu gelangen, was die Arbeit und die Verbrauchsgegenstände von der Spekulation und dem Wucherhandel befreien und die ganze Gesellschaft eines Tages in eine einzige Klasse, die Klasse der Produkteurs-Konsumateurs umgestalten wird.

**Tolain** meinte, man könne dies Amendement sehr leicht mit dem Text des Kommissionsantrags vereinbaren, in Betracht, daß beide beinahe dasselbe sagten. Es genüge nicht, dem Ende der Resolution die Worte «und der Verbündung» beizufügen.

**Coullery** hielt jedoch sein Amendement aufrecht.

Der Präsident ließ aber über die Resolution mit der Amendirung Tolain's abstimmen und wurde sie ohne Opposition fast einstimmig, also mit Beseitigung von Coullery's Zusatzartikel, angenommen.

**Coullery** sagte hierauf, daß nach allen Regeln berathender und beschließender Versammlungen, sein Amendement vor dem Hauptantrag zur Abstimmung gekommen wäre.

Schluß der Sitzung 6 1/2 Uhr.

## Achte Sitzung, Freitag, 6. September, vormittags

Die Freitags-Morgensitzung (8 Uhr) wurde durch den Präsidenten mit der Vorlesung eines Briefes von Bürger E. Lebloys in St. Leonard (Haute-Vienne) eröffnet. Dem Briefe waren 150 Exemplare eines Vorschlages unter dem Titel: «Der entwaffnete Frieden in beiden Welttheilen» für den Kongreß beigefügt, was verdankt wurde.

Vize-Präsident Becker las den schon erwähnten Brief der Arbeiter Kopenpenhagen’s vor.

Dr. Lange von Duisburg (jetzt in Winterthur) nahm wegen Unwohlsein Bürkli’s die Stelle des deutschen Sekretärs ein.

An der Tagesordnung war die Erstattung des Kommissionsberichtes über die vierte Frage. Die Kommission bestand aus den Bürgern: Düpleix von Genf, Quinet von Genf, Merly von Paris, Schettel von Lyon, de Baumont von Paris.

Die Frage heißt: Grund der Arbeitslosigkeit. — Arbeit und Kapital. — Die Maschinen und ihr Einfluß. — Verminderung der Arbeitsstunden. — Theilung der Arbeit. — Umgestaltung und Beseitigung der Arbeitslohnverhältnisse. — Verwendung des Ertrags

Der Bericht von Quinet im Französischen erstattet, wurde von Kästner im Deutschen und von Eccarius im Englischen wiedergegeben.

**Murat** (Paris) fand, daß der Rapport keine Konklusion enthielt und die Arbeitseinstellungen betreffend glaubte er nicht, daß sie zu einer günstigeren Vertheilung des Arbeitsertrages führen würde.

**Coullery** (Chaux-de-fonds) sagte: «Die Greve hat vom Standpunkte der persönlichen Freiheit die vollste Berechtigung, wenn man mir sie nicht mit Bedingungen auferlegt, welche ich ungerecht finde; ich habe zwar das Recht die Hände in den Schooß zu legen und nichts zu arbeiten; in dieser Hinsicht ist die Greve gerecht und heilig. Allein man muß den Arbeitern begreiflich machen, daß die Greve nicht in ihrem wirklichen Interesse liegt und daß sie die ersten sind, welche unter ihren Folgen leiden. Das Geld, welches man für die Greven verbraucht, wäre besser für Produktivgenossenschaften zu verwenden».

**Tolain** (Paris) meinte, es wäre zu weit gegangen, die Greve eine heilige und gerechte Sache zu nennen; sie wäre ein Krieg, der zuweilen nothwendig aber nicht gerecht sei.

**Chmale** (Paris) sprach in gleichem Sinn. Er fügte bei, daß in gegenwärtiger Zeit die Maschinen für die Arbeiterklasse von Nachtheil sei, weil sie im Besitze der Kapitalisten, während sie das Eigenthum des Arbeiters sein sollten.

**De Baumont** (Paris) vertheidigte die Greve als eine nothwendige Sache; sie sei unter anderm nützlich, weil sie die Arbeiter zur Vereinigung und zum Bewußtsein ihrer Kraft führe. Sich gegen Coullery, der Anspielungen auf die Greve der Bronzearbeiter in Paris machte, wendend, sagte er, daß diese die Greve nicht gewählt, sondern von den Arbeitgebern hiezu genöthigt worden seien.

**Dupleix** (Genf) erklärte sich für die Verminderung der Arbeitsstunden, da bei dem jetzigen System, der an die Maschine zu lange gefesselte Arbeiter endlich stumpfsinnig werden müsse. Die Greve sei bis jetzt das einzige Mittel des Widerstandes, allein man könne es nicht anwenden, wenn man es verdamme.

**Cehmale** beantragte, daß man sich in Betreff der vierten Frage mit dem Beschlusse des vorjährigen Kongresses begnügen möchte.

Präsident Düpont las denselben vor:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der Erklärung des vorjährigen Kongresses, die in Lausanne erneuert wurde; siehe [Déclaration sur la quatrième question (travail et capital)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#declaration-sur-la-quatrieme-question-travail-et-capital).*

**Perron** (Genf) hatte folgenden Antrag auf dem Büreau niedergelegt:

«Als angemessene und anwendbare Beschlußform jenes Theils der Frage, welche Verminderung der Arbeitsstunden anbelangt, schlage ich die Fassung vor: «Uebereinkommen aller Arbeitergesellschaften um überall und gleichzeitig im Laufe des Jahres 1868 die Verminderung der Arbeitszeit um eine Stunde zu verlangen.»

**Eccarius** war über die Proposition Perron’s der Meinung, daß man in diesem Punkte das gleiche Verfahren einhalten sollte, wie bèi der Erringung politischer Freiheiten, indem man jede Nation auf eigene Faust agitiren lasse.

**Perron** meinte jedoch, daß im Gegentheil ein internationales Einverständniß unentbehrlich hiezu wäre.

**Tolain** sagte, wenn die internationale Arbeiterassociation mit rechtem Erfolg in diesem Sinne wirken wolle, so müsse sie erst eine größere Ausdehnung gewonnen haben; er bekämpfte die Meinung Perron’s.

**Perron** erklärte, daß er anerkenne, daß die Intern. Association zu solch’ entscheidendem Schritte noch nicht stark genug sei und ziehe seinen Antrag zurück.

Die deutschen Delegirten hatten sich bei dieser Diskussion nicht betheiligt, weil der Meinung, daß sie überflüssig, indem der vorjährige Kongreßbeschluß über diesen Punkt völlig genüge. Sie drangen auf Fallenlassung der vierten Frage und Abstimmung zur Beharrung auf besagtem Beschluß, was einmüthig angenommen wurde.

Auf den Antrag Becker’s, daß nach der Diskussion der jetzt an die Tagesordnung kommenden ersten Frage, die Versammlung zur Wahl des Generalraths u. des nächsten Kongreßortes schreiten möge, fand einstimmige Annahme.

**Eccarius** legte nun den Kommissionsbericht über die erste Frage vor (Vorbote, N. 12, Seite 182, Jahr. 1867).

Der Schluß des Berichts zielt auf Umänderung der Art. 3, 4 u. 12 des Generalstatuten und auf Beifügung eines neuen Artikels hin.

**Tolain**, Kommissionsmitglied, brachte einen Rapport der Minderheit (aus ihm allein bestehend), andere Modifikationen vorschlagend.

Nach einer langen Diskussion vielseitiger Betheiligung beschließt der Kongreß, auf Antrag von Coullery, keinerlei Umänderungen mit den Generalstatuten und Reglementen, zur Vermeidung der Druckkosten, vorzunehmen, sondern in Resolutionsform folgende reglementarische, wesentlich den Zentralstatuten der Sektionsgruppe deutscher Sprache entnommenen Bestimmungen, welche die Anträge der Kommissionsmehrheit zusammenfassen in Anwendung zu bringen:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der vier Bestimmungen; siehe [Résolutions sur la première question (l’Association, centre commun d’action)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolutions-sur-la-premiere-question-lassociation-centre-commun-daction).*

Dem ersten Artikel dieser Resolution fügte Mürat in unmaßgeblichem Rath folgende Empfehlung bei: «Jede Sektion, welche einen Reservefond gründen kann ohne sofortige Verwendung dafür zu haben, soll dem Generalrathe Kenntniß davon geben, damit dieser den Sektionen entsprechende Mittheilung machen kann. Dies wird, ohne große Kosten zu verursachen, an den Sektionen einen großen Dienst leisten und in Gegenseitigkeit auch denjenigen, welche mit solchen Vorschüssen die ersten waren.»

Schluß der Sitzung um zwölf Uhr.

## Neunte Sitzung, Freitag, 6. September, nachmittags

Bei Beginn der Freitags-Nachmittagssitzung (2 Uhr) verlas Vizepräsident Eccaris den Rechenschaftsbericht des Generalraths.

**Languet** (Caen) beantragte die Gutheißung der Rechnung u. Entlastung des Generalraths. Es geschah dies mit Einmüthigkeit.

**Enerius** dankte dem Kongreß im Namen des Generalraths, indem er beifügte es sei dies die einzige Entschädigung für die Mühe der Verwaltung, aber dennoch von Werth, da leider noch häufig in den Arbeiterkreisen für die der Gemeinschaft geleistete Dienste Vorwürfe und Undank der Lohn seien.

Es kam nun ein Glgenstand zur Sprache der uns zur Ermahnung eines frühern Vorgangs nöthigt und was Alles zur nähern Karakterisirung des herrscheidenden Geistes dieser Arbeiterversammlung gehört:

Bei den wenigen Worten, die der Präsident des Organisationskomites Lausanne zur Kongreßeröffnung sprach, war zum Schlusse auch die Bitte um den «Segen der Vorsehrng» zu den bevorstehenden Arbeiten enthalten, aber theils mit Gelächter, theils mit Gemurmel begrüßt wurde. Die Gazette de Lausanne brachte diese Worte Aviola’s bei ihrem Bericht über die erste Sitzung, ohne die Zeichen des Mißfallens der Versammlung zu erwähnen. Der Kongreß wollte aber nicht vor der Welt unter dem Scheine des Kirchenlichtes stehen und beantragte daher Murat in der Mitwochs-Sitzung, der Gazette de Lausanne durch das Büreau eine angemessene Rektifikation übersenden zu lassen. Der Sekretär Guillaume bemerkte dagegen, daß, weil der Kongreß der Redensarten Aviolas keine weitere Wichtigkeit beigelegt habe, so habe man geglaubt ganz darüber hinweggehen zu müssen und weder die Rede noch die Zeichen des Mißfallens in das Protokoll aufzunehmen. Unter bewandten Umständen schlage er aber jetztvor, um jede Verfälschung der Thatsachen zu verhüten, folgenden Satz dem Protokoll beizufügen:

«Aviolat, von Lausanne, Präsident des Organisationskomites, erbat, indem er die Delegirten willkommen geheißen, für die Arbeiten des Kongresses den Segen der Vorsehung. Diese letzten Worte riefen auf allen Bänken lebhafte Protestationen hervor. Doch blieb der Vorfall ohne Folgen.»

Die Einverleibung dieser Zeilen dem Protokoll der ersten Sitzung wurde einstimmig beschlossen und zur Tagesordnung geschritten.

Nun machte aber in der Freitags-Nachmittags-Sitzung Pioley (Paris) die Mittheilung, daß in Nr. 211 der Gazette de Lausanne ein, angeblich: stenographirter Brief abgedruckt sei, um zu bestätigen, daß die Anrufung des Segens der Vorsehung ’durch Aviales, keine Zeichen des Mißfallens im Kongreß erregt hätten.

**Bürkli** (Zürich) sprach aber über diesen Gegenstand die einmüthige Gesinnung der Versammlung in den Worten aus: «Der eben vorgelesene Brief ist eine Lüge; doch die Unehrlichkeit der von uns bekämpften Journale darf Niemand wundern; wir sind an ihren bösen Willen gewöhnt. Die Würde des Kongresses erheischt einfachen Uebergang zur Tagesordnung. Es hieße der Gazette de Lausanne eine unverdiente Wichtigkeit geben, wollte man sich mit Rektifikation mit ihr einlassen.»

Die Erklärung wurde unter allgemeinem Beifallsrufe angenommen.

Wir stehen mit unserm Bericht noch in der Freitags-Nachmittagssitzung. Die Wahl des Generalrathes, dessen Wohnsitzes und des Ortes und Zeitpunktes des 3. Jahreskongresses kam nun an die Tagesordnung. Die Verhandlung und Beschlüsse hierüber finden sich schon in unserer Novembernummer, Seite 170, beschrieben. Wir haben hier nur noch nachzutragen, daß Eccarius darauf bestand, daß der Generalrath, um diesem größere Autorität zu verleihen, nicht von den englischen Sektionen, sondern von dem Kongresse gewählt werden möge, und daß alsdann der Kongreß zur Wahl derjenigen Mitglieder des Generalrathes in Einstimmigkeit geschritten, welche die Sitzungen am fleißigsten besuchten und für die Sache der Association sich überhaupt am wärmsten bethätigten. Es wurden demnach in ihren bisherigen Stellen bestätigt: Beson, Bobcynski, Buckly, Carter, Dell, Düpont, Eccarius, Fox, Hariette Law, Howell, Hales, Jung, Lucraft, Lessner, Lassasie, Lafargue, Lawrence, Marx, Morgan, Maurice, Odger, Schaw, Stainsby, Williams, Weston, Yarrow, Zabicki und vom Kongreß als neue Mitglieder hiezu gewählt: Walton von Brecon und South von Wales. Auch wurde der Generalrath ermächtigt, sich je nach Bedürfniß durch andere Mitglieder zu ergänzen.

Es rief nun die Tagesordnung nach dem Kommissionsbericht über die zweite Kongreßfrage. Die Kommission bestand aus den Bürgern: Walton von Brecon, Longuet von Caen, Mouchal von Genf, Aubry von Rouen, Ailloud von Vienne, Kugelmann von Hannover, Bürkli von Zürich, Schlaifer von Lausanne, Stampa von Mailand.

Es galt der Frage:

Wie kann die Arbeiterklasse den Kredit, welchen sie der Bourgeoisie und den Regierungen verleiht, zu ihrer Emanzipation benützen? — Kredit und Volksbanken. — Metall- und Papiergeld. — Gegenseitige Versicherungsanstalten. — Arbeitergenossenschaften.

Leider enthielt auch dieser Bericht, vorgelesen durch Longuet, keine schließliche Resolutionsform. Er bekräftigte das Prinzip der Gegenseitigkeit in Organisirung des öffentlichen Kredits, empfahl die Errichtung von Nationalbanken mit unentgeltlichem Kredit (d. h. immerhin in Anrechnung der auf vorgeschossene Beträge verhältnißmäßig fallender Verwaltungskosten) an alle Produktivgeschäfte gegen reelle Hinterlage, sowie die Organisation von gegenseitigen Versicherungsgesellschaften, gegründet auf das Prinzip der Theilung der Verlustgefahr, der persönlichen Verantwortlichkeit und der Verhältnißmäßigkeit je nach der Verlustgefahr.

Man sah gleich dem ganzen Bericht an, daß die Mehrheit der Kommissionsmitglieder vom Proudhon’schen Sozialismus befangen war, einem Sozialismus, der ohne an radikale Umänderung der ökonomischen Basis der Gesellschaft zu denken, durch Verkünstlichung der Zustände die üblen Wirkungen der bleibenden Ursachen zu Erlösung bringenden zu machen wähnt.

**De Päpe** las zur Vervollständigung des obigen Berichts einen solchen, von der Sektion Brüssel über die zweite Frage gefertigten, vor.

Eine längere und lebhafte Debatte brachte mehr Klarheit und schließlich erfreuliches Einverständniß in die Sache.

**Schlaifer** (Lausanne) empfahl die Gründung von Gesellschaften der gleichen Gewerkszweige, weil dieselbe durch die Bekanntschaften der Arbeiter desselben Fachs unter sich erleichtert wäre und eher zu Produktivgenossenschaften führte, wodurch eben die auf den Banken deponirten Ersparnisse der Arbeiter Verwendung finden und den Kapitalisten entzogen würden. Gesellschaften, welche noch nicht Produktivgeschäfte errichten wollten, hätten ihre Fonds an andere solche, von Arbeitergenossenschaften geleiteten, zu leihen. Um zu Kreditanstalten zu gelangen, müßten die Arbeiter auf nicht Interessen tragende Aktionen zeichnen, um mit dem derart gebildeten Kapital eigentliche Volksbanken zu gründen.

**Chemale** (Paris) war der Ansicht, daß die Frage des gegenseitigen und gemeinsamen Kredits von solcher Wichtigkeit, daß der Kongreß die Zeit nicht bereuen dürfte, welche er zu deren Besprechung verwendete; es läge darin die Grundlage unserer Emanzipation. Um den Kredit herzustellen, wären weder Billets noch Papiergeld nöthig; es genügte, daß die Produktion und der Verkauf der Produkte eben so gesichert wäre, als die Wiedererstattung derselben Produkte. Jede, die Produktion überreizende Bestellung, hätte durch eine Reihe von Thatsachen dieselben Folgen, wie der persönliche Kredit. Die durch einen Vertrag der Gegenseitigkeit vereinigten Arbeiter wären zugleich Produkteur und Konsomateur, die einen für die andern, und dadurch solidarisch und direkt für den gemeinsamen Erfolg interessirt. Wenn sich die Produkte gegen Produkte vertauschten, so würde jede Bestellung eine andere hervorrufen und in solcher Weise die Zirkulation herstellen. In Frankreich mache die Arbeiterklasse seit langer Zeit alle Anstrengungen, um durch Ersparnisse das ihr mangelnde Kapital zu konstituiren. Der gegenseitige Vorschuß hätte alsdann den Zweck, diese Bewegung zu begünstigen. Die Frage wäre zu wichtig, als daß man sich länger an der Theorie aufhalten dürfte, die französischen Delegirten würden das nächste Jahr mit Thatsachen kommen und durch Vorlegung der Rechnungen der föderirten Arbeit die Möglichkeit des allwärtig gegenseitigen Kredits zu beweisen. Die Zentralisation des Kredits betreffend bemerkte er: daß der Kredit keine greifbare Sache, die sich einmagaziniren ließe; der Kredit bedeute Vertrauen, das nicht zentralisirt werden könnte und hätte daher der Staat nur die Ausführung der Verträge zu sichern. Die Zeit der Theorie sei aber vorüber, um der Verwirklichung Platz zu machen.

So sprach der Franzose Chemale, der sich jedoch wesentlich im Gesichtskreis des Kommissionsberichtes bewegte und dem man im Hinblicke auf die Kaiserreichsherrlichkeit seines Landes es zu Gute rechnen muß, wenn er sich gegen jedwede Einmischung des Staates sträubte, eines Staates, der in politischer und religiöser Beziehung in das Mittelalter greift und in sozialökonomischer Hinsicht in den Händen der Bourgeoisie, als faktisch privilegirten Klasse, liegt und den Lehrsätzen der Manchesterschule die Heiligung verschafft. Ueberhaupt merkte man es allen französischen Delegirten an, daß sie in völliger Ermanglung von Vereins- und Preßfreiheit die soziale Frage sehr einseitig behandeln, daß sie namentlich, weil in ihren Arbeiterorganen die Politik durch despotische Preßgesetzbestimmungen ausgeschlossen, des Blicks über das Ganze der Sachlage entbehren und schwerer als sonstwo begreifen, daß in der zu reorganisirenden Gesellschaft der Staat und die Gesellschaft in einen einzigen Begriff zusammenfallen müssen.

Der Engländer Walton (Brecon) faßte die Frage schon von etwas anderer Seite auf. Er meinte, es müßten allerdings schon jetzt die Arbeiter alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel aufbieten zur Errichtung von Gewerbsgenossenschaften bei solidarischer Verbündung und gegenseitiger Kreditleistung; immerhin müsse man aber als Grundprinzip anerkennen, daß es Pflicht aller Regierungen wäre, dem Volke durch Hülfe des Staates ein sicheres und solides Kreditsystem zu schaffen. Er verstände den Staatskredit der Art, daß wenn z. B. eine Genossenschaft ein Eigenthum eines bestimmten Werthes von Fr. 10,000 besäße, der Staat hierauf die gleiche Summe vorzuschießen hätte, wodurch den industriellen Operationen einer Nation außerordentliche Erleichterungen geboten wären. Er wüßte zwar, daß keine der gegenwärtigen europäischen Regierungen sich zur Gründung eines Kreditsystems im Interesse der Arbeiterklasse hergeben würde, daß aber die öffentliche Meinung zu solchem Umschwung vorbereitet werden und die Arbeiterklasse, als die Mehrheit des Volkes, den ihr gebührenden Einfluß auf die Gesetzgebung und Staatsgewalt erringen müßte.

Der Deutsche, Eccarius, fügte Walton’s Worten bei: die Regierungen würden nur dann zur Errichtung nationaler Kreditanstalten im ausgesprochenen Sinne schreiten, wenn das Proletariat Meister geworden wäre. Auf die Schlüsse des Kommissionsberichtes kommend, sagte er: die Fragen ob entgeltlicher oder unentgeltlicher, ob Staats- oder nicht Staats-Kredit, das wären im Augenblick rein theoretische Fragen; was uns aber am nächsten berührte und vor Allem besprochen werden müßte, das wäre die Frage, in welcher Art und Weise die schon jetzt gesammelten Geldmittel der Arbeitergesellschaften sofort den Händen der Bourgeoisie und Regierungen, wo sie deponirt, entzogen und am vortheilhaftesten zum Nutzen der Arbeiterklassen verwendet werden könnten. Die engl. Arbeiter hätten 25 Millionen Pfund Sterling, also 625 Mill. Franken auf den Banken der Bourgeoisie deponirt, die winzige Zinsen zahlten und mit dem Arbeiterkapital spekulirten. Dasselbe zurückziehen, hieße der Bourgeoisie eine Waffe entreißen und sie den Arbeitern in die Hand geben. Die Schlüsse des Kommissionsberichtes sagten nichts Praktisches; es schiene, wir wären in einer Versammlung deutscher Professoren, die sich in den Wolken der Abstraktion verlöre. Es handelte sich hier nicht um Theorien, sondern um so und so viel hundert Millionen Proletariergeld. In Folge dessen proponirte Eccarius die Beschlußvorschläge der Kommission durch andere zu ersetzen, indem er beifügte: «das was ich nun vorschlage, sind keine abstrakten Prinzipien, sondern es ist ein Ding so einfach und leicht auszuführen, als eine Wurst in Stücke zu schneiden.»

Hier seine Resolutionsvorschläge:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der Resolutionsvorschläge von Eccarius, die der Kongreß annahm; siehe [Résolution sur la deuxième question (le crédit)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolution-sur-la-deuxieme-question-le-credit).*

**Eccarius** erklärte noch die Worte: «abgesehen von metallischem Werthe,» sagend: daß bis jetzt nur das Metall die Garantie des Kredits böte, er möchte aber, daß auch Land, Maschinen und überhaupt alle nicht metallischen Güter zur Erwerbung des Kredits als Pfandschaft dienen sollten.

Der Berichterstatter Longuet erklärte, daß er nichts gegen die Resolutionsvorschläge von Eccarius einzuwenden hätte, sondern daß man sie als praktische Schlüsse den theoretischen des Kommissionsberichtes beifügen könnte. Eccarius zeigte sich mit dieser Auffassung der Sache einverstanden.

**Aubry** (Rouen) sagte, er habe vorher die Absicht gehabt, die Einmischung des Staates in das Kreditwesen, wie es Walton angeregt, zu bekämpfen, allein nach der Auseinandersetzung von Eccarius habe er gefunden, daß der Staat, von dem es sich handelte, nicht der gegenwärtige, sondern vom Proletariat umgeschaffene Staat sein sollte, womit er einverstanden wäre.

**Lessner** (London) unterstützte das, was Walton und Eccarius gesagt und fügte bei, daß eine Ersparnißkasse in den Händen der Regierung, wie dies in England der Fall, eine gefährliche Einrichtung wäre; sie mache den Arbeiter politisch konservativ, indem er mit dem Sturze der Regierung den Verlust seiner Ersparnisse befürchte. Herr Gladsstone, der sich so großmäulig liberal nenne, hätte wohl gewußt, was er gethan, als er eine Regierungsersparnißkasse gegründet, er hätte gewußt, daß er damit die Arbeiter an den Staatswagen festschmiede.

**Carter** (London) meinte, daß die nationalen Banken keine überflüssige Sache wären, daß die Arbeiter schon jetzt genügende Mittel besäßen, wenn sie nur deren richtige Verwendung wollten und verstünden. Es gälte der Gründung neuer Institutionen. «Schaffen wir Neues!» rief er, «aber man muß nicht neue Häuser auf alte bauen, sondern den Neubau am Fundament anfangen.»

Wir machen unsere Leser wiederholt aufmerksam, daß Alles, was in eine der drei Sprachen (der deutschen, französischen und englischen) gesprochen wurde, sofort in den andern zwei Sprachen seine mündliche Uebersetzung erhielt. Becker schloß, wenn er solche Uebersetzung unternommen, öfters seine eigene Meinung an. So auch bei diesem Gegenstand. Indem er sich mit der Auffassung von Walton, Eccarius, Lessner und Carter einverstanden erklärte, fügte er bei, wie die deutsche Sektionsgruppe schon vor zwei Jahren in ihrer Denkschrift («Vorbote» 1866) auf die Gefährlichkeit der Ersparnisse der Arbeiter in den Kassen der Regierungen und Bourgeoisie aufmerksam machte. Er wies darauf hin, wie namentlich in Frankreich die Fonds aller Ersparniß- und Krankenunterstützungskassen, selbst auch die aller Wohlthätigkeitsanstalten, der Spitäler u. s. w. in Staatspapieren angelegt werden müßten, ja daß man sogar dort bei Kaiserreichsanleihen in unverschämtester Verlockung den Arbeiter zur Betheiligung mit 10 Franken heranziehe, was man schelmisch die «Demokratisirung der Staatsfinanzen» nenne. So sähe man auch anderwärts ähnliche Erscheinungen und hätten leider die Arbeiter, auch wo sie nicht gezwungen wären, dem Staate zu borgen, die alberne Illusion, ihre Ersparnisse am sichersten in Staatspapieren anzulegen, wie es, nur von einem alleinigen Vereine zu reden, die Buchdruckergehülfen in Berlin mit einem Betrage von etwa 50,000 Thaler gethan. Wäre auch an die völlige Lösung der Frage erst in der sozial-demokratischen Republik zu denken, so müßten eben zur beschleunigteren Erreichung des großen Zieles die bereits erworbenen Mittel den Gegnern entzogen und inzwischen durch Gründung von Gewerbsgenossenschaften für die Arbeiterklasse fruchtbar gemacht werden.

**De Päpe** (Brüssel) vertheidigte die im Kommissionsbericht kritisirten gegenseitigen Hülfsanstalten, wenigstens jene, welche keine Ehrenmitglieder aufnähmen; sie schienen ihm wahrhafte, auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhende Versicherungsanstalten zu sein; es wäre von ihnen nur thöricht, von «Hülfe» zu reden, wo man «Versicherung» sagen sollte.

**Chemale** (Paris) bemerkte, daß er keineswegs das Prinzip der gegenseitigen Hülfsanstalten tadle, sondern daß er ihnen blos den Vorwurf mache, Kapitalien todtzulegen.

**Murat** (Paris) unterstützte Chemale; er meinte, die gegenseitigen Hülfsvereine sollten zwar stets einen kleinen Reservefond besitzen, um nicht in gewissen Fällen zu allzuhoher Auflage bei den Theilnehmern greifen zu müssen, allein sie dürften niemals große Kapitalien aufhäufen.

Man schritt nun zur Abstimmung und wurden die Konklusionen des Kommissionsberichts in Beifügung der Resolutionsvorschläge von Eccarius einhellig angenommen.

Jetzt kam der schon erwähnte Bericht über die fünfte Frage, die Phonographie (Lautschreibart) betreffend («Vorbote» 1867, Seite 184), zur abermaligen Besprechung.

**Guillaume** (Locle), Berichterstatter, schlug nun folgende Beschlußfassung vor:

«Der Kongreß betrachtet die Vereinfachung der Schreibart, welche die Erlernung des Lesens und Schreibens für Alle erleichtert, als eine Frage von hohem Interesse für die Arbeiterklasse und empfiehlt allen Sektionen jedem Vorgehen in dieser Richtung materiellen und intellektuellen Vorschub zu leisten.»

**Bürkli** (Zürich) sagte: für den Deutschen, selbst Italiener und Spanier hätte die Phonographie keine Wichtigkeit, weil die geschriebene Sprache dieser Völker mit der Aussprache ziemlich übereinstimmte; allein die französische und englische Orthographie hätte wenig Uebereinstimmung mit dem Ausdruck der Sprache. Er meinte, es herrschte hierin das, was man das «historische Recht» nenne, wie es in unsern politischen und sozialen Institutionen noch vorhanden wäre. Er schloß, hoffend, daß der Kongreß seine Zustimmung zu den Tendenzen der franz. Phonographie nicht versagend erklären werde, daß sie die Aufmerksamkeit aller Männer des Fortschritts verdiene.

**Longuet** war der Meinung, daß die Phonographie gar nicht auf einen internationalen Kongreß gehöre; es wäre keine ökonomische Frage und der Kongreß kein Kongreß von Grammatikern. Ja selbst die Grammatiker könnten keine so wesentliche Sprachveränderung vornehmen, hätten nur das aus dem kollektiven Sprachleben der Völker Hervorgegangene zu sichten und zu ordnen. Er schloß, daß sich der Kongreß in dieser Frage für inkompetent erklären und zur Tagesordnung übergehen möchte.

Die deutschen Delegirten schienen der gleichen Meinung zu sein, verhielten sich passiv bei dieser Besprechung und nur Eccarius empfahl noch, wahrscheinlich um rascher über den Gegenstand hinwegzukommen, die Annahme des Resolutionsvorschlags.

Chemale und Tolain sprachen ähnlich wie Longuet und auf Uebergang zur Tagesordnung dringend. Ebenso De Päpe, der noch beifügte: «Wollt ihr für den Schulunterricht Zeit gewinnen und Vorurtheile vernichten, so unterdrückt vor allen Dingen von jedwedem Kultus den Religionsunterricht, denn dieser ist es hauptsächlich, der jedes Verständniß verfälscht.»

Auch Mürat verlangte Tägesordnung, weil er nicht wollte, daß sich die französischen Delegirten mit dieser Frage lächerlich machten.

Vanza, Guillaume, Lombard-Martin, Perron und Coullery versuchten für die Lautschreibart noch eine Lanze zu brechen. Walton trat vermittlend ein, folgende Resolution vorschlagend:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der Resolution Waltons, die der Kongreß annahm; siehe [Résolutions sur la cinquième question (l’enseignement)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolutions-sur-la-cinquieme-question-lenseignement), Punkt 4.*

Diese Resolution wurde, da sich viele Delegirten schon entfernt hatten, mit 27 gegen 11 Stimmen angenommen.

**Mürat** verlangte, daß zu Protokoll genommen werde, daß er dagegen gestimmt habe.

**De Päpe** legte zwei Exemplare einer Broschüre: «Examen de quelques questions sociales», gegeben von den Arbeitern, Mitglieder des Wetteifer-Zirkels (cercle d’émulation) in Brüssel, auf dem Büreau nieder, ebenso Rapporte und Statuten von Seite der brüsseler Gesellschaft der Gesammthaftbaren (société des solidaires.)

Schluß der Sitzung um 6 Uhr.

## Zehnte Sitzung, Samstag, 7. September, vormittags

Wir kommen nun zur zehnten Sitzung, die Samstag Morgens 8 Uhr 15 M. eröffnet wurde. Die Tagesordnung rief den übrigen Theil der fünften Kongreßfrage, wie oben aufgezeichnet (Vorb. 1867, S. 184), zur Besprechung.

**Cuendet-Kunz**, Berichterstatter, las den Bericht in französischer und Karl Klein (Köln und Solingen) in deutscher Sprache vor. Derselbe glich mehr einer Volksrede, ja, ob einiger theologischen Ergüssen, sogar mehr einer Predigt als einem berichtenden Aktenstücke. Er hatte deßhalb auch lange und eifrige Debatten hervorgerufen. In wärmster Brüderlichkeit und Menschenliebe gehalten, suchte er in der Tugend und Heiligung der Familie die Grundlage aller Moralität, und ließ er dieser Moralität bessere Zustände entwachsen, während man allgemein der Meinung war, daß ein besserer sittlicher Zustand nur der Ausfluß gerechterer ökonomischer Verhältnisse sein könnte. Auch die Nothwendigkeit der Emanzipation der Frauen war stark betont. Vornehmlich wurden aber folgende Sätze beanstandet und als unstatthaft in einem offiziellen Aktenstücke des Kongresses betrachtet. Es hieß nämlich darin: «Der Name des Königs hat viel gelitten, die Völker haben dem Königsthum Haß geschworen, sogar der Name Gottes beleidigte, und beleidigt noch immer ein ganzes Geschlecht von Philosophen ohne Philosophie, von falschen Gelehrten und kosmopolitischen Patrioten, die nur geboren zu sein scheinen, um die Menschheit zu verhindern, der Vollendung ihrer Bestimmung entgegen zu gehen.» Ferner: «In der Familie zeigt sich das herrlichste und rührendste Abbild der göttlichen Macht, welche erschafft, der Weisheit, welche regiert, der Liebe, welche aufrecht erhält und tröstet.» — «Die Familie: Ewiger Gegenstand, erstes und letztes Ziel der Sorgen des Schöpfers und der göttlichen Gesetze.» — «Diese Frage ist ernst und wichtig; die Geschichte, die Psychologie und das Evangelium schließen die Elemente ihrer praktischen Lösung in sich ein.» — Befriedigender wurde der Bericht aufgenommen, wo er bei Berührung des Erziehungswesens in praktischere Richtung kam, in diesem Punkte Idealismus mit Realismus, Theorie nit Praxis in Einklang gebracht haben wollte und, zum Schlusse eilend, sich wie folgt aussprach:

«Wohlan also! Da wir Genossenschaften bilden für die Produktion, den Kredit und Konsum, so wiederholen wir: bilden wir auch Genossenschaften für den Unterricht, diesen mächtigen Hebel für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Schaffen wir Genossenschaften, um Lehrer zu bilden, welche fähig sind, die neuen Generationen zu führen, stolz auf dem Wege der Freiheit nach dem letzten Ziele menschlicher Bestrebungen. Ihre Kommission bringt diese heißen Wünsche dar, damit jeder Einzelne Hand anlegen kann für den Unterricht, damit wir auf dem nächsten Kongresse mit Ehren sagen können: «Wir Proletarier haben auch unsere genossenschaftlichen Werkstatt-Schulen!“»

Die Kommission schlägt vor:

«Der internationale Kongreß in Lausanne billigt und empfiehlt allen Mitgliedern der Internationalen Arbeiterassociation:

1) Den wissenschaftlichen, gewerblichen und produktiven Unterricht.

2) Die Organisation der Werkstatt-Schule.

3) Er verlangt Unterrichtsfreiheit, indem er übrigens den obligatorischen und unentgeltlichen Unterricht durch den Staat billigt.

4) Endlich empfiehlt er die Organisation von Primar-, Sekundar- und Normalschulen auf genossenschaftlichem Wege.»

**Coullery** nahm nun, und wie er sagte, als Kommissionsmitglied das Wort, nicht um einen Minoritätsbericht zu bringen, indem er den der Majorität im Ganzen gut gedacht und gut gemacht finde. Allein, wenn er ihn selbst geschrieben hätte, so würden einige Ausdrücke nicht darin vorgekommen und die Konklusionen etwas veränderte sein. Er kam nun zunächst auf die Frauen-Emanzipationsfrage; er wollte dabei nicht, daß man sich nach der bisherigen Geschichte und ebensowenig nach abstrakten Vorstellungen richte, sondern, daß man dem weiblichen Geschlechte eine seinem von der Wissenschaft festgestellten physischen und psychologischen Wesen entsprechende Rolle in der Gesellschaft zuweise. Sich der Unterrichtsfrage zuwendend, sprach er sich dahin aus, daß aller Religionsunterricht aus der Schule zu verbannen, wie die Trennung der Kirche vom Staat durchzuführen wäre und die Unterrichtung unentgeltlich, pflichtschuldig und frei sein müsse; frei in dem Sinne, daß Eltern, welche ihre Kinder dem öffentlichen Unterrichte entzögen, den Nachweis zu liefern hätten, daß dieselben eine den Bedürfnissen und dem Zwecke der Gesellschaft entsprechende Belehrung außerhalb der Schule erhielten. Er wiederholte, daß, wie auch die Kommission die Freiheit des Gewissens vom Vater geachtet wissen wolle, so könne in Folge dessen der Staat nie etwas mit einer religiösen Belehrung zu thun haben. Coullery wunderte sich noch, daß der Rapport keinen Bezug auf die öffentlichen Zeugnisse und Diplome genommen habe, obwohl die Kommission in Betreff derselben seiner Ansicht huldigte. Solche Zeugnisse und Diplome seien eine Ueberlieferung des Mittelalters, Zeichen der Ungleichheit, des Monopols, Privilegiums und der Sklaverei. Er setzte sodann in einem längeren Vortrage, mit Beispielen aus verschiedenen Wissenschafts- und Gewerbszweigen mehrerer Länder belegend, ihre Verwerflichkeit auseinander. Nach Amerika hinweisend, das solchen Quark völlig abgeschüttelt habe, rief er: «Wohlan, warum erscheint uns das amerikanische Volk so außerordentlich? warum wird es jeden Tag größer? warum hat es unsere Bewunderung und warum erscheinen die Völker Europa’s ihm gegenüber nur als Kinder, oder vielmehr als abgeschwächte Greise?»

Der Redner schlug hierauf zu den Beschlußanträgen ein Amendement vor, nach welchem Jedermann, ohne alles Diplom, das Recht zu lehren und zu unterrichten haben soll.

**De Päpe** (Brüssel) las hierauf zwei Berichte (eine Mehr- und Minderheit) vor, welche von einer Kommission belgischer Sektionen über die soziale Stellung der Frauen ausgearbeitet war.

**Chemale** (Paris) legte in Betreff der Arbeit der Frauen den Auszug eines Berichts vor, der sich im Bülletin der Akademie der Medezin (Sitzung vom 9. Mai 1866) über den Einfluß der Nähmaschinen auf die Gesundheit und Moralität der Arbeiterinnen ausspricht. Er fügte diesen heilwissenschaftlichen Zeugnissen mehrere Betrachtungen über die Anwendung der Maschinen vom sozial-demokratischen Standpunkte bei.

(Die englischen und deutschen Delegirten enthielten sich der Besprechung, weil sie diese Frage auf dem Kongreß in Genf (Vorbote 1866, S. 149—153) für einstweilen als genügend erörtert betrachteten.)

**Perron** (Genf) erklärte sich mit Chemale und De Päpe einverstanden, indem sie die Emanzipation der Frau mit der Emanzipation des Mannes im gleichen Punkte zusammenfallend betrachten; ebenso gehe er mit Coullery in Betreff der Diplomfrage einig. Was jedoch einige Stellen in dem von Cuendet-Kunz vorgelesenen Bericht, wie die folgenden betreffe (er las die oben zitirten Stellen vor), so müsse er deren Streichung beantragen. Jeder Mensch — fuhr Perron fort — habe das Recht, in der Philosophie zu denken, wie er wolle, allein es schicke sich keineswegs für einen Rapporteur, die Gottesleugner Philosophen ohne Philosophie zu nennen, ebensowenig, als es keinem Gottesleugner zustehe, ein Gleiches von einem Gottesverehrer oder Christen zu sagen. Das Evangelium schließe wohl sittliche Wahrheiten in sich ein, allein es enthalte auch Irrthümer und unsittliche Grundsätze, wie z. B. folgenden: «Unterwerft Euch der Obrigkeit, denn sie ist von Gott eingesetzt.» Man dürfe also nicht, wie es der Bericht zu thun scheine, das Evangelium als Quelle der Moral zitiren. Perron legte hierauf eine Resolution auf dem Büreau nieder, worin die Ausarbeitung eines Lehrbuches der Moral verlangt war, um diejenigen Schriften zu ersetzen, welche heutigen Tages als Grundlage der Erziehung dienen.

Perron’s Reklamationen wurden unterstützt von Longuet, Guillaume, Mürat, Tolain und Chemale. Dieselben meinten, ein offizieller Bericht dürfe keine philosophischen Begriffserläuterungen enthalten, die nichts Anderes als der Ausdruck der persönlichen Meinung des Berichterstatters seien.

Der Berichterstatter, Cuendet, erklärte hierauf, daß er nach den vernommenen Betrachtungen gerne bereit sei, die anstößigen Stellen des Berichtes zu streichen.

Man ging nun zur Abstimmung der Beschlußanträge über.

**Languet** verlangt, dem ersteren derselben folgende Worte beizufügen: «und daß ein Programm für das gesammte Unterrichtswesen zum Gegenstande des Studiums gemacht werde.»

Der erste Resolutionsartikel ward sammt diesem Zusatze einstimmig angenommen. Ebenso der zweite.

Für den dritten Resolutionsartikel lagen mehrere Amendements vor; da jedoch die Verfasser derselben in ihren Ansichten nicht sehr weit auseinander zu gehen und einer Verständigung nahe zu kommen schienen, so wurde der Artikel zur Vornahme einer neuen Redaktion an die Kommission gewiesen und die Sitzung um 11 Uhr 30 M. geschlossen, um am 1 Uhr wieder eröffnet zu werden.

Wir kommen also in nächster Nummer an die Beschreibung der elften und letzten Sitzung.

## Elfte Sitzung, Samstag, 7. September, nachmittags

Wir müssen vor Allem den Irrthum berichtigen, daß wir nun nicht, wie wir in voriger Nummer gesagt, zur Beschreibung der elften und letzten, sondern vorletzten Sitzung gelangen. Dieselbe wurde Samstag Nachmittags (7. September) 1½ Uhr eröffnet.

**Vasseur** (Marseille) machte die Mittheilung, daß die Arbeiter des franz. Departements der Bouches-du-Rhone (Rhonemündungen) einer sehr beeinträchtigenden Konkurrenz der piemontesischen Arbeitern ausgesetzt seien und er verlangte, daß der Kongreß auf Mittel bedacht sein möchte, dem hierin liegenden Mißbrauch möglichst ein Ziel zu setzen. Um die Nothwendigkeit einer Einmischung darzulegen, zitirte er folgendes Beispiel: «Die Aktiengesellschaft der dortigen Steinkohlenmienen lassen Kasernen bauen und zwingen alle Piemontesen, mit ihren Familien nebst den französischen Angestellten darin zu wohnen; unglücklich der Arbeiter, welcher sich darin nicht den willkürlichen Anordnungen unterwirft; er wird ohne Erbarmen davon gejagt. Vasseur formulirt schließlich eine Resolution wie folgt:

«In Erwägung, daß die Arbeiterklasse im Departement der Bouches-du-Rhone im Allgemeinen, in Marseille und Faveau im Besondern durch die piemontesische und italienische Konkurrenz erdrückt wird.

«Daß vornehmlich die Interessen der Grubenarbeiter stark beeinträchtigt sind, ohne den piemontesischen Arbeitern, welche diese verderbliche Konkurrenz hervorrufen, eine halbwegs befriedigende Lebensstellung zu gewähren.

«Ladet der Kongreß die piemontesischen Arbeiter, die in Frankreich oder sonstwo beschäftigt sind, ein, sich nach den Prinzipien der Intern. Arbeiterassociation zu richten; denn ehe man Piemontese und Italiener ist, ist man Mensch und Produkteur.»

Diese Resolution wurde unterstützt von Chemale und Becker. Auf eine Anfrage von Schettel, welche Meinung wohl die italienischen Delegirten, Tauari und Stampa, über diesen Gegenstand haben möchten, wurde, da diese im Augenblick abwesend, von mehreren Seiten her bemerkt, daß sie sich schon vorher völlig mit der Resolution einverstanden erklärt hätten. Es erfolgte hierauf einstimmige Annahme derselben.

Nun wurde ein Brief, voll Sympathie für den Kongreß, von Bürger Negre (Castelnaudary) und ein solcher von Bürger Ernst Lebloys vorgelesen. Im letztern Schreiben, dem der Verfasser sein Werk «Quel gouvernement remplacera l’empire?» beigefügt, war auch das Verlangen gestellt, der Kongreß möchte die Frage «la paix desarmée» (der entwaffnete Friede) in Erwägung bringen. Da jedoch die Adresse an den Friedenskongreß in Genf schon votirt war, so wollte man nicht mehr auf diesen Gegenstand zurückkommen und ging die Versammlung zur Tagesordnung über.

Es folgte jetzt die schließliche Diskussion über den dritten Resolutionspunkt der fünften Kongreßfrage.

Der Berichterstatter, Cuendet-Kunz, sagte, daß er den frühern Text mit dem von Coullery beantragten Zusatz beibehalten, da er keine Fassung zefunden habe, die seinen Gedanken besser ausspreche. Er beantragte demnach folgende Beschlußform:

«Freiheit des Unterrichts, doch immerhin den obligatorischen und unentgeltlichen Unterricht des Staates, ohne Diplom, ohne Patent und ohne religiösen Unterricht gutheißend.»

**Chemale** wollte vom Unterricht des Staates nichts wissen, oder der Staat wäre die Gesammtheit (collectivité), bestünde aus uns Allen und alsdann hätte die Sache keinen Sinn; oder wir wären nicht der Staat, dann dürfte man auch nichts von ihm verlangen. Er formulirte daher folgenden Antrag:

«Der Kongreß anerkennt die Freiheit des Unterrichts, legt jedoch jedem Familienvater die Pflicht auf, seinen Kindern jeden unentbehrlichen Unterricht zu Theil werden zu lassen, ohne vorher die hiezu nöthigen Mittel zu bestimmen.»

**Longuet** meinte, der unentgeltliche Unterricht durch den Staat sei eine Illusion, denn dieser lasse sich doch Alles durch die Steuern wieder vergüten. Er schlußfolgerte, daß in gewissen Ländern der Unterricht in den Händen des Staates ein politisches Werkzeug und das den Schulen vom Staate aufgezwungene Programm immer ein anti-revolutionäres wäre.

**Tolain** sprach in gleichem Sinne und schlug folgende Redaktion vor:

*Hier folgt im Bericht der Wortlaut der Redaktion Tolains, die der Kongreß annahm; siehe [Résolutions sur la cinquième question (l’enseignement)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolutions-sur-la-cinquieme-question-lenseignement), Punkt 3.*

**Coullery** war der Meinung, daß der unentgeltliche Unterricht keineswegs eine Chimäre sei, wie Longuet und Tolain äußerten, besonders in der Schweiz, wo der Staat die Kollektivität der Bürger bedeute. Ein Familienvater, der hierlands jährlich Fr. 1. 50 Cts. Steuern entrichte, könne dafür seinen Kindern keinen Schulunterricht ertheilen lassen. So müßten aber durch den unentgeltlichen Staatsschul-Unterricht die wohlhabenden, höher besteuerten Bürger dem armen Manne die Erziehungspflicht gegen seine Kinder erleichtern. Anders würde es natürlich noch kommen, wenn einmal soziale Zustände, wie wir sie anstrebten, vorhanden wären.

**Carter** (London) erklärt mit dem Vorschlag des Berichterstatters, der obligatorischen Unterricht verlange, ganz einverstanden zu sein. Ebensowenig, als der Mensch nach menschlichen wie Naturgesetzen das Recht habe, seine Kinder zu tödten, so wenig habe er das Recht, sie dem Unterricht zu entziehen und der Unwissenheit zu überlassen.

Nach einigen gegenseitigen Erklärungen der verschiedenen Antragsteller und Verständigung derselben wurde die Redaktion Tolains einstimmig angenommen.

Es kam nun der vierte Punkt des Rapports zur Besprechung, welcher heißt:

«Organisation genossenschaftlicher Primar-, Sekundar- und Gewerbsschulen.»

**Tolain**, indem er die Nothwendigkeit auseinandersetzte, daß der nächstjährige Kongreß sich mit der Frage einer völligen Umgestaltung des Unterrichtswesens befasse, trug er die Verweisung dieser Frage, inzwischen deren Studium empfehlend, auf das kommende Jahr an. Dieser Vertagungsantrag wurde auch sofort einstimmig angenommen.

Hierauf las Becker die schon früher erwähnten Zustimmungsadressen von Zwickau, Merane, Werdau, Crimmitzschau und Leipzig, sowie die telegraphische Depesche von Dr Martini (Kankehmen) aus Tilsit vor.

Der Kongreß ging nun zur Diskussion eines von Perron (Genf) schon Vormittags auf dem Büreau niedergelegten Resolutionsantrages folgender Fassung über:

«In Erwägung:

«Daß die Bücher, welche heute noch als Grundlage der Erziehung zur Moral im Gebrauch sind, Irrthümer aller Art und viele der Moral, Wahrheit und Gerechtigkeit widersprechende, gefährliche Verhaltungsmaßregeln enthalten.

«Daß durch die bisherige religiöse und politische Erziehung die Unsittlichkeit, die Lüge und Ungerechtigkeit geheiligt ist.

«Daß eine Gesellschaft, die ihre Regenerirung anstrebt, klar und bestimmt erläuterte Lehrsätze über Rechte und Pflichten Aller und Jedens als Grundlage der neuen Ordnung der Dinge haben muß.

«In Erwägung, daß diese Lehrsätze nicht existiren,

«Beschließt der Kongreß:

«Daß ein allen Völkern gemeinschaftliches Lehrbuch der Moral eine unbestreitbare Nothwendigkeit ist. Er empfiehlt diese Arbeit allen seinen Mitgliedern, wie allen Denen, welche die Prinzipien der franz. Revolution anerkennen und mit jedem religiösen Glauben gebrochen haben.»

Dieser Antrag veranlaßte lange und warme Debatten.

**Chemale** meinte, da wir eben eine Resolution angenommen, wodurch der Religionsunterricht von der Schule ausgeschlossen sei, so scheine ihm dies zu genügen, da die Lehre der Moral Sache der Familie wäre.

**Tolain** sprach in gleichem Sinne und er glaubte, daß es genüge, wenn dem Kinde nicht solche der Gerechtigkeit und Moral entgegengesetzte Ideen eingeimpft würden.

**De Päpe** bekämpfte ebenfalls den Antrag Perron’s, nicht daß er keinen Unterricht der Moral wolle, sondern weil er denke, daß bei dem gegenwärtigen Stand der Geister die Redaktion eines fraglichen Lehrbuches unmöglich sei. Die Moral verhalte sich zum Fortschritte der menschlichen Gesellschaft und so möchte es gefährlich sein, feste Lehrsätze darüber aufzustellen, indem sie der Entwicklung hinderlich werden könnten; das Evangelium habe nun auch das Schicksal erlebt, von dem fortgeschrittenen Zeitgeist verworfen zu werden.

**Coullery** war entgegengesetzter Meinung; er hielt die Abfassung eines Lehrbuches der Moral für möglich und zweckmäßig, weil die Grundsätze der Moral ewig seien. Er beantragte sogar, der Kongreß möchte einen Preis für das beste Werk dieser Art aussetzen.

**Cuendet-Kunz** sprach ebenfalls zu Gunsten Perron’s Antrag und wie Coullery für Aussetzung eines Preises.

**Eccarius** resümirte die bisherige Diskussion im Deutschen und Englischen und unterstützte Perron’s Antrag.

**Tolain** wollte vor allen Dingen besser festgestellt haben, auf welcher Grundlage die Moral, worüber man Lehrsätze aufstellen wolle, beruhen sollte. Die Redaktion der Proposition sei zu seicht; sie lasse annehmen, als suche man die Moral in einer Konzeption a priori völlig außerhalb der Menschheit; eine Moral dürfe aber nicht außerhalb der menschlichen Vernunft gesucht werden.

**Lombard-Martin** unterstützte entschieden den Antrag Perron’s. Die bisherige Morallehre könne nur das Erkenntniß verfälschen, sie beruhe nur auf einer vorgestellten Grundlage, der vermutheten Existenz erster Ursache — Gottheiten. Ein entsprechendes Lehrbuch wäre nicht so unmöglich zu verfassen, über die Hauptpunkte wären wir Alle einig, z. B. «das Gute für das Gute», ohne Rücksicht auf Belohnung. Ein solches Buch ersetze vortheilhaft die Literatur, womit uns jetzt die der alten Anschauung überschwemme. Unsere Feinde benützten die Freiheit, um uns mit Verbreitung unzähliger kleiner Schriften den Krieg zu machen; sie hätten das Recht dazu, allein auch wir sollten unsererseits die Lehrsätze des sozialen Fortschrittes zu verallgemeinern suchen.

**Becker** sagte, wir Alle, Jeder nach seiner Weise, arbeiteten an dem Lehrbuche einer neuen Moral. Die Moral komme nicht von Außen in die Zustände, sondern sei die aus gesundem sozialen Leben herausgewachsene Frucht; die praktische Moral verhalte sich immer zu der in’s Leben übergegangenen Vernünftigkeit und Gerechtigkeit. Schon jetzt stünden schöne Moralsätze in den Büchern; aber sie würden in dem täglichen Streit um das Mein und Dein, im Verzweiflungskampfe um die Existenz, dem «Kriege Aller gegen Alle», vor dem «praktischen» Verstande der herrschenden Klasse Lügen gestraft und zu Einfältigkeiten gestempelt. Alle Grundsätze und Ideen der Sozial-Demokratie enthielten Moralsätze und könnte in einer geschickten Zusammenstellung derselben zu einer Schrift immerhin eine wirksame Propaganda auf die Jugend gemacht werden.

**Longuet** sprach in gleichem Sinne, wie Tolain, und brachte folgendes Amendement:

«Die Grundlage der Gerechtigkeit, auf welcher das Lehrbuch der Moral beruhen soll, darf nicht außerhalb, sondern nur innerhalb der Menschheit gesucht werden.»

**Perron** sagte, daß das Werk, welches er verlangt, sicherlich eine Lücke ausfüllen werde; man sei in Verlegenheit, was man am Platze der unbrauchbar gewordenen Lehrbücher der Jugend in die Hand geben sollte; er wollte nur die demokratischen Denker zu entsprechenden Arbeiten anregen und wenn dann mehrere solcher erschienen, so hätten die Eltern mehr Wahl, die ihrem Gewissen zu sagenden ihren Kindern zu übergeben. Mit dem Amendement Longuet’s sei er einverstanden.

**Mürat** theilte mit, daß das Journal «La Moral independente» (Paris) gerade eine Preisaufgabe auf ein ähnliches, wie von Perron vorgeschlagenes Werk, ausgeschrieben habe und dürften sich nur Diejenigen, welche zu solcher Arbeit Lust hätten, bis zum 1. Dezember 1867 melden. Für uns, glaubte er, wie auch De Päpe sagte, bedeute die Ausarbeitung eines Lehrbuches der Moral die Gründung einer Sekte.

**Kircher** sprach aus zwei Gründen gegen den Resolutionsantrag Perron’s: erstens sei es eine Unmöglichkeit, ein fragl. Lehrbuch abzufassen, da die aufgeklärtesten Männer über viele Punkte noch nicht einig seien, und zweitens befürchtete er, daß viele Leute durch Aufstellung besonderer Morallehrsätze sich abhalten ließen, sich uns anzuschließen.

**Walton** sagte, obgleich Freidenker, so halte er es nicht für zweckmäßig, sich offiziell in diese Materie einzulassen, es möchte damit der pfäffischen Scheinheiligkeit eine Waffe gegen uns geboten werden.

Da nun mehrseitig Abstimmung über den Antrag Perron’s, amendirt von Longuet, und Tagesordnung verlangt war, so wurde hiezu geschritten und der Antrag mit 30 Stimmen gegen 12 verworfen.

Die Tagesordnung rief die sechste Kongreßfrage zur Besprechung:

Dieselbe heißt:

«Erläuterung der Rolle des Staates. — Oeffentlicher Dienst; Transport und Verkehr, kollektive und individuelle Interessen; der Staat als Wächter und Beschützer des Rechts; das Recht zu strafen.»

Kommissionsmitglieder waren: Krebser (Zürich), Chassin (Villefranche), Vasseur (Marseille), Neubrand (Chaux-de-Fonds), Favrat (Lausanne), Lüventhal (Lausanne).

Der von Vasseur vorgetragene Bericht enthielt folgende Konklusionen:

*Hier folgen im Bericht die vier Konklusionen der Kommission, die der Kongreß annahm; siehe [Résolutions sur la sixième question (l’État)](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1867%20Congr%C3%A8s%20de%20Lausanne%20%28AIT%29#resolutions-sur-la-sixieme-question-letat).*

**Longuet** ist mit diesen Konklusionen einverstanden, vorausgesetzt, daß man unter dem Begriffe Staat die «Kollektivität der Bürger» verstehe. Ferner, daß die Eisenbahnen, Kanäle, Mienen und der öffentliche Dienst nicht von Staatsangestellten geleitet und verwaltet werden sollten, sondern, daß dieselben von Arbeitergenossenschaften verwaltet und ausgebeutet werden müßten und zwar für den Kostenpreis, ohne sonstigen Gewinn, d. h. in Anwendung des allgemeinen Prinzips der Gegenseitigkeit.

**De Päpe** nahm Veranlassung, seine These in Betreff des Gemeineigenthums des Bodens Longuet entgegen zu halten. Er sagte, der Unterschied der Theorie Longuet’s und der seinigen bestehe nur darin, daß nach jener der Unterboden der Eisenbahnen und Kanäle und nach der seinigen aller Boden kollektives Eigenthum sein sollte.

Diese Aeußerung führte zu einer langen lebhaften Diskussion.

**Longuet** meinte, das Gemeineigenthum der Eisenbahnen, Kanäle und Mienen sei nothwendig, das des Ackerlandes keineswegs.

**De Päpe** entgegnete, der Meinungsunterschied bestehe also nur darin, daß Longuet nur die eine und er beide Maßregeln für nöthig halte.

**Chemale** kam auf die Definition des Staates und dann auf das Recht, zu strafen, zurück; diese Frage, ohne einen neuen Gesichtspunkt bringend, mehr erläuternd. Gegen De Päpe gekehrt, bekämpfte er das Gemeineigenthum des Bodens und der einheitlichen (unitaire) Ausbeute.

**De Päpe** vertheidigte seinen Standpunkt mit Energie und zeigte, wie die Nothwendigkeit, den Boden zum Gemeingut der Gesellschaft zu machen, noch größer sei, als die des kollektiven Eigenthums der Eisenbahnen u. s. w.

**Longuet** setzte in längerem Vortrage auseinander, daß er Parteigänger des Privateigenthums des Bodens vornehmlich aus politischen Gründen sei, er befürchte den nachtheiligen Einfluß des Staates, wenn aller Boden Nationaleigenthum sein sollte; dagegen wolle er Vorkehrungen getroffen wissen, daß nicht jeder Grundeigenthümer seinen Boden nach Belieben bebauen oder auch brach liegen lassen könnte. Er gab zu, daß in diesen Verhältnissen viel zu ändern und zu verbessern sei. Indessen gehöre nicht der Boden, sondern nur das Erzeugniß dem Feldarbeiter, den Boden habe er von der Gesellschaft als Gabe erhalten, wofür er an den Staat die Steuern zahle.

**Coullery** ereiferte sich für die absolute persönliche Freiheit und demnach für das persönliche Eigenthum; die Zustände der Türkei, wo aller Boden Staatseigenthum, seien nicht erbaulich; nur die Eisenbahnen u. s. w. dürften Gemeingut sein.

**Tolain** stellte sich auf die Seite Longuet’s und bekämpfte die Ansichten De Päpe’s und er endigte mit der Formel seiner Theorie: «Die Erde gehört dem Ackerbauer und der Kredit dem Arbeiter.»

**De Päpe** fühlte sich gedrungen, vor Allem Coullery zu antworten, welcher so ein großer Freund der individuellen Freiheit sei, daß jeder Gedanke an gemeinschaftliches Eigenthum ihm Schrecken verursache, daß jedoch dessen Aussprüche nicht nur ihm, sondern auch Tolain, Chemale und Longuet gegolten hätten, welch’ letzteren die großen Instrumente der Arbeit: Straßen, Kanäle, Eisenbahnen, Mienen, Banken u. s. w. als soziales Eigenthum verlangten. Auch er wäre Freund der persönlichen Freiheit; da es aber keine Freiheit ohne Befreiung des Magens, keine Freiheit ohne Brod gebe, so verlange er ein Schutzmittel für seine persönliche Freiheit gegen Solche, welche ihm die Brodquelle verstopften. Coullery habe gesagt, in der Türkei existire das Gemeineigenthum des Bodens, das sei aber nicht der Fall, sondern gegentheils gehöre aller Boden dem Sultan. Sich gegen Longuet wendend, sagte er: «Sie verlangen das Grundeigenthum als Garantie der Freiheit des Individuums gegen die Unterdrückung der Kollektivität, was nichts Anderes ist, als das komplette Eigenthum, das Eigenthum der Römer mit dem Recht, es zu «gebrauchen und zu mißbrauchen», ohne welches jede Garantie illusorisch ist. Damit diese Garantie der politischen Freiheit kein Privilegium sei, muß jeder Bürger Theil haben am Grundbesitz.» Für Tolain und Leute dessen Meinung, welche sagten: «die großen Arbeitsinstrumente müßten, ausgenommen die Mienen, Kanäle, Eisenbahnen u. s. w., Privatgut sein», füge ich nur bei: «Und der Boden», und wenn Tolain die Formel seiner Theorie: «Land dem Bauer und Kredit dem Arbeiter» ausgesprochen hat, so sage ich: «Kredit dem Bauer und Kredit dem Arbeiter.»

**Longuet** beharrte auf seiner Ansicht, indem er sagte, die Ungleichheit des Industrie- und Landarbeiters sei nach seiner Theorie nur scheinbar vorhanden: wenn der Landarbeiter sein Arbeitsinstrument — den Boden — nicht erzeugt, so sei er auch deßhalb mit Steuern dafür belastet. Das System, das er vertheidige, sichere durch Gründung einer großen Anzahl Grundeigenthümer die politische Freiheit.

**Chemale** sprach abermals gegen die Theorie De Päpe’s, doch will er die Pratik entscheiden lassen, welches das bessere Mittel sei.

**Coullery** suchte nochmals eine Lanze zu brechen für das individuelle Grundeigenthum und er nannte jede Maßregel der Gesellschaft, die den Eigenthümer hindere, mit seinem Boden zu machen, was er wolle, eine kollektive Tyrannei.

Eccarius, Lessner, Stampa, Stumpf, Ladendorf, Becker, die bisher sich aller Theilnahme an der Diskussion enthielten, sprachen sich nun nacheinander mit aller Entschiedenheit für kollektiven Grundbesitz aus. Besonders waren es die deutschen und englischen Delegirten, welche nachwiesen, daß das Großkapital fort und fort die Massen der industriellen und landbäuerlichen Arbeiter enterbte, die Erzeugungsinstrumente der Industrie und Landwirthschaft in einige wenige Hönde bringe, so daß von persönlicher Freiheit und Lebensgenuß der Massen keine Rede sein könne.

Bei der vorgerückten Zeit schien es allen Delegirten angemessen, die Diskussion über diesen Gegenstand zu schließen, und es wurde einstimmig beschlossen, die Eigenthumsfrage dem Studium Aller zur Besprechung auf den nächsten Kongreß zu empfehlen.

Auch die hierauf erfolgte Abstimmung über die nach dem Kommissionsbericht vorgeschlagene Resolution über die sechste Kongreßfrage geschah mit Stimmeneinheit.

Schon wieder gebietet uns der enge Raum unseres Schriftchens, die Berichterstattung über die ferneren Geschäfte, die in dieser Sitzung erledigt wurden, auf die nächste Nummer zu verschieben.

Wir befinden uns noch in der Sonntagnachmittagssitzung. Da alle Kongreßfragen diskutirt waren, so handelte es sich nur noch um die Aufstellung eines Programms für den künftigen Kongreß.

**Chemale** (Paris) empfahl hiezu die Aufnahme folgender Fragen:

1) Organisation des Kredits. Austausch-Comptoir. Papiergeld. (Vom praktischen Standpunkt, Statuten formulirend.)

2) Die Maschinen und ihr Einfluß.

3) Der professionelle und allgemeine Unterricht. Vernunftgemäße Erziehung.

4) Arbeiterstatistik.

5) Bürgerliche, politische und soziale Gleichheit.

6) Arbeiter-Zeugnißbüchlein.

**De Päpe** (Brüssel) schlug seinerseits vor, noch folgende Fragen beizufügen:

1) Sollen Boden, Kanäle, Straßen, Eisenbahnen u. s. w. soziales oder individuelles Eigenthum sein? — Und wie können dieselben zum größten Vortheile des Individuums und der Gesellschaft ausgebeutet werden?

2) Die Arbeitseinstellungen der verbündeten Widerstandsvereine (Trades Unions) im Schooße der Internationalen Arbeiterassociation und die Errichtung von Schiedsgerichten zur Vermeidung und eventueller Schlichtung der Grevestreitigkeiten.

Diese Fragen wurden dem Generalrathe, dem die Abfassung der Kongreßprogramme zukommt, zu zweckmäßiger Verwendung empfohlen.

**Chemale** (Paris) machte hiezu noch folgende weitere Vorschläge:

1) Jede Sektion, welche außer obigen Fragen noch andere in das nächste Kongreßprogramm aufgenommen zu haben wünscht, hat diese vor dem 31. März nächsthin dem Generalrathe einzusenden.

2) Alle auf die Fragen der Tagesordnung bezügliche Denkschriften und Aktenstücke sind spätestens bis zum 25. August der mit der Kongreßorganisation beauftragten Sektion zu übersenden.

Auch diese Vorschläge wurden angenommen.

Nachdem nun der Kongreß beschlossen, sich Abends 8 Uhr nochmals zu vereinigen, ward die Sitzung 6 Uhr 30 M. aufgehoben.

## Zwölfte Sitzung, Samstag, 7. September, abends

Die zwölfte und letzte Sitzung wurde präzis 8 Uhr unter Namensaufruf eröffnet.

Polix (Lyon), Schettel (Lyon), Chassin (Villefranche), Rübaud (Neuville-sur-Saone) und Allioud (Valence) legten auf das Büreau eine Protestation nieder gegen einen Willkürakt der Polizei von Tournon.

Dieselbe lautet:

Die Sektion von Lyon hat sich gegen einen Mißbrauch der Gewalt des Polizeikommissärs von Tournon (Ardeche) zu beklagen.

Dieser Herr ließ, nachdem er vernommen hatte, daß sich an besagtem Orte durch Vermittlung der Lyoner und anderer Nachbar-Sektionen eine Sektion der Internationalen Arbeitersektion bildete, den Bürger Richard, Delegirter von Lyon, verhaften. Allein nach einigen Auseinandersetzungen des Letztern hatte der Kommissär dennoch die Artigkeit, seinen Gefangenen wieder zu entlassen. Nach einigen Tagen ließ er jedoch die Mitglieder der Association von Tournon vor sich laden und zwang sie, ihre Aufnahmskarten niederzulegen. Es liegt also hier Gewaltsmißbrauch vor.

Aus diesen Gründen verlangt der Delegirte Polix und die Mitunterzeichneten eine energische Protestation des Kongresses gegen einen Verwaltungsbeamten, welcher sein Mandat überschreitend eine ansehnliche Anzahl Bürger in ihrer individuellen Initiative lähmte und in ihren sittlichen und materiellen Interessen beeinträchtigte.

Der Kongreß gab dieser Protestation in vorliegender Form seine Zustimmung.

In Uebereinstimmung des Beschlusses bei Eröffnung des Kongresses, den Miethpreis des Sitzungssaales durch Beiträge der Delegirten zu decken, wurden zu diesem Behufe von denselben Fr. 124 zusammengeschossen.

**Tolain** (Paris) frug an, ob noch weitere Kosten zu decken seien.

**Favrat** (Lausanne) antwortete, daß noch ein Kostenbetrag von mindestens Fr. 60 zu tilgen sei.

**Coullery** (Chaux-de-Fonds) erklärte jedoch, daß diese Kosten nicht der Kongreß, sondern die Sektionen der romanischen Schweiz zu decken hätten.

Es wurden nun die während des Kongresses eingelaufenen Werke unter die Delegirten vertheilt.

**De Päpe** verlangte noch Aufschluß über die Art und Weise, den internationalen Kredit der, ihren Aufenthaltsort verändernden Mitglieder in Anwendung zu bringen.

**Rübaud** verlangt ähnliche Auskunft.

**Chemale** sagte, die Sache werde in Paris in folgender Weise geübt: «Man giebt dem Genossen kein Geld, sondern eine Anweisung in sein Mitgliedsbüchlein, wonach er bei einer andern Sektion einen Betrag von so und so viel beziehen kann.» Coullery gab die gleiche Auskunft und fügte bei, daß sich übrigens die Generalstatuten deutlich genug über diesen Gegenstand aussprächen.

**Chemale** beantragte eine Danksagung an die Sektion und mitgenössischen deutschen und schweizerischen Arbeitervereine von Lausanne, was mit allgemeiner Zustimmung angenommen wurde.

Ebenso wurden dem Präsidenten, Bürger Düpont, und dem Sekretär, Bürger Guillaum, einstimmiger Dank für ihre mit Eifer erfüllte schwierige Aufgabe ausgesprochen.

Nach Vorlesung des Protokolls durch De Päpe, der diesmal die Stelle des Sekretärs versah, wurde die Sitzung und damit der Kongreß am 9 Uhr geschlossen.

## Nach dem Kongreß

Die Delegirten begaben sich hierauf zur vorbereiteten geselligen Abendunterhaltung im Garten des Kasino’s, massenhaft besucht durch die Lausanner Arbeiter und ihre Familien, wo man in Abwechslung von Musik und Gesang des deutschen Arbeiter-Bildungs- und Grütlivereins und theils ernst und theils humoristisch gehaltenen Reden und Toasten noch einige recht vergnügte Stunden verlebte. Am andern Morgen, Sonntags 8. September, landeten im Hafen von Ouchy, unterhalb Lausanne, die Sektionen Genf’s auf einem eigens gemietheten, festlich geschmückten Dampfboote, um die Delegirten und die Sektion und Arbeitervereine in Lausanne zu einer Lustfahrt nach dem geschichtlich und architektonisch merkwürdigen Schlosse Chillon abzuholen. Die Kongreßmitglieder und genannte Arbeitervereine waren, Musik und Fahnen an der Spitze, die rothe Fahne der Internationalen Association als Einheitszeichen der Menschheit voran, am 9 Uhr zum Seeufer hinabgezogen. Die Stimmung wurde zur heitersten gehoben durch das schönste Wetter und die herrliche Aussicht über den blauen Spiegel des Lemansee’s nach den Firnen der Alpen im Walliser- und Savoyerlande. Bald kam der ersehnte Dampfer herangegleitet und führte nach gegenseitiger Begrüßung die in seinem Schooße vereinigten Genossen dem Rhonenthale entgegen. Die Freuden des Tages schlossen nach der Rückkunft am Abend mit einem wahren Verbrüderungsfest der Arbeiter fast aller Nationen auf dem Banket im Kongreßsaale. Die Delegirten verreisten theils noch am späten Abend, theils am frühen Morgen nach Genf, um, 42 an der Zahl, dem am 9. September eröffneten internationalen Friedenskongresse beizuwohnen.

Wer nun einen Blick wirft über sämmtliche Verhandlungen des Arbeiterkongresses, wird zugestehen müssen, daß man sich dabei, sowohl in politischer, als sozial-ökonomischer und philosophischer Beziehung auf der Höhe des Zeitgeistes gehalten und daß man auch diesmal, wie auf dem ersten Kongresse, die Schwierigkeiten, die Diskussion in drei Sprachen (englisch, deutsch und französisch) zu führen, glücklich überwunden hat. Kein unfreundliches Wort, keine unschickliche Aeußerung und kein taktloser Antrag gab es zu registriren. Die Vertreter der europäischen Arbeiterfamilie haben sich kennen, achten und lieben gelernt; sie sind durch erleuchtetere Erkenntniß der Sachlage zu innigerem Verständnisse ihrer Strebweise gekommen, haben dem allgemeinen Bruderbunde einen neuen Ring der Befestigung beigefügt, und sicher denken alle mit freudigem Hoffen auf das Wiedersehen am 7. September d. J. in Brüssel.

Schließlich bedauern wir, daß uns der Raum nicht erlaubte, die den Resolutionsvorschlägen vorausgegangenen Kommissionsberichte mitzutheilen, wodurch man in umfassenderer Weise den Ausdruck des auf dem Kongresse herrschenden Geistes gefunden haben würde. Gerne wollen wir jedoch, soweit es uns die Umstände erlauben, hierauf zurückkommen.
