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Title: Der Erste Kongreß der kommunistischen und revolutionären Organisationen des Fernen Ostens. Berichte (1922)
Description: Vorwort, Charakteristik der Organisationen, Berichte und Schlußsitzung des Ersten Kongresses der kommunistischen und revolutionären Organisationen des Fernen Ostens, Moskau und Petrograd, Januar–Februar 1922.
Author: Der Erste Kongreß der kommunistischen und revolutionären Organisationen des Fernen Ostens
Date: 1922-01
URL: https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1922%20Der%20Erste%20Kongre%C3%9F%20der%20kommunistischen%20und%20revolution%C3%A4ren%20Organisationen%20des%20Fernen%20Ostens.%20Berichte
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*Text nach:* Der Erste Kongreß der kommunistischen und revolutionären Organisationen des Fernen Ostens. Moskau, Januar 1922, *Verlag der Kommunistischen Internationale, 1922, S. VII–IX und 1–112, nach dem Exemplar des Feltrinelli-Nachdrucks im [Internet Archive](https://archive.org/details/dererstekongress00conguoft); neu erkannt und an den Seitenbildern berichtigt. Kein vollständiges Protokoll: die Debatten sind nur in der englischen Ausgabe (The First Congress of the Toilers of the Far East, Petrograd 1922) erschienen. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/congresos/1922%20Actas%20del%20I%20Congreso%20de%20las%20Organizaciones%20Comunistas%20y%20Revolucionarias%20del%20Lejano%20Oriente)*

*Resolutionen, Thesen, Gruß und Manifest: [Der Erste Kongreß der kommunistischen und revolutionären Organisationen des Fernen Ostens](https://marxismo.school/archivo/congresos/originales/1922%20Der%20Erste%20Kongre%C3%9F%20der%20kommunistischen%20und%20revolution%C3%A4ren%20Organisationen%20des%20Fernen%20Ostens).*

## Vorwort

Der erste Kongreß der revolutionären und kommunistischen Parteien des Fernen Ostens trat unter großen Schwierigkeiten im Januar dieses Jahres in Moskau zusammen.

Zum ersten Mal versammelten sich nach Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten und Gefahren im Roten Moskau die Delegierten des revolutionären Proletariats von Japan und der unterdrückten Massen von China und Korea, der Mongolei und Holländisch-Indiens. Auf dem Kongreß waren mehr als dreißig verschiedene Organisationen vertreten, die alle organisierten revolutionären Elemente des Fernen Ostens umfaßten — von den unlängst gegründeten Kommunistischen Parteien Japans, Chinas und Koreas und den Partisanentruppen Koreas, die zehn Jahre lang mit den Waffen in der Hand gegen die japanischen Militaristen gekämpft haben, bis zu der republikanischen Partei Chinas Go-Min-Dan, die im vorigen Jahre als Ergebnis eines zehnjährigen Kampfs gegen die Militaristen des nördlichen China zur Regierungspartei des südlichen China geworden ist.

Unter den Delegierten befanden sich auch die Vertreter der revolutionären Jugendorganisationen des Fernen Ostens und die Vertreterinnen der Frauenorganisationen.

Der Kongreß war zuerst für die Zeit der Eröffnung der Washingtoner Konferenz vorgesehen; einerseits war das aber infolge der weiten Entfernung nicht leicht durchführbar, andererseits waren auch einige Organisationen des Fernen Ostens wie z. B. die Kommunistische Partei Chinas dafür, mit der Eröffnung des Kongresses bis zum Abschluß der Washingtoner Konferenz zu warten, die viel Material zur Entlarvung der Imperialisten geben würde.

Das Ziel des Kongresses — die werktätigen Massen des Fernen Ostens in einen brüderlichen Bund gegen die Imperialisten zusammenzuschließen, die seit dem Abschluß des Weltkriegs mit stetig wachsender Gier über die Länder des Fernen Ostens herfallen, sowie das Zusammenwirken der antimilitaristischen Kräfte herzustellen, die bis jetzt sogar auf dem Gebiete des gleichen Landes getrennt wirken — dieses Ziel wurde auf dem Kongreß in hohem Grade erreicht.

In den angenommenen Thesen und Resolutionen (die in der vorliegenden Broschüre veröffentlicht sind) wurden die Methoden und Wege des organisierten Kampfes der werktätigen Massen in den verschiedenen Ländern des Fernen Ostens gegen den gemeinsamen Feind — den Weltimperialismus — vorgezeichnet.

Auf den Fraktionssitzungen wurde die tatsächliche Vereinigung der anarcho-syndikalistischen Elemente der revolutionären Arbeiter Japans mit der Kommunistischen Partei Japans erreicht. Auch wurde ein Block aller revolutionären Gruppen in China und Korea, auch die nationalistischen Gruppen miteingeschlossen, zum Kampf gegen den Imperialismus vorbereitet.

Die Kommunistische Partei Chinas hat sich auf dem Kongreß die Parole „Heran an die Massen“ zu eigen gemacht, und wird auf Grundlage der angenommenen Thesen mit einem politischen und ökonomischen Programm auftreten, das die Massen durch den praktischen Sinn, die Konkretheit und den wirklich zeitgemäßen Inhalt der aufgestellten Forderungen anziehen kann.

Die brennende Frage der koreanischen revolutionären Bewegung, die Bildung eines einheitlichen revolutionär-nationalen Zentrums, wurde auf dem Kongreß gelöst.

In den Sektionen des Kongresses, die sich der Gewerkschaftsbewegung gewidmet hatten, wurden zum ersten Mal die Eigentümlichkeiten dieser Bewegung in jedem Lande des Fernen Ostens aufmerksam studiert, und die Wege angedeutet, um die breiten Arbeitermassen in — den Bedingungen jedes Landes entsprechenden — Arbeitervereinigungen zu sammeln.

Die Aktualität und Unaufschiebbarkeit der letzterwähnten Frage sogar für ein Land wie China wird hervorgehoben durch die Welle der Streiks in China, die zu Ende des verflossenen und zu Beginn des laufenden Jahres den größten Umfang angenommen haben, sowie durch den Sinn des letzten, eben abgeschlossenen Streiks der Seeleute von Hong-Kong.

Die in letzter Zeit wieder aufsteigende Welle der antijapanischen und antiangelsächsischen Bewegung in China, die ihren Ausdruck gefunden hat in Massenkundgebungen und Protestversammlungen, an denen Arbeiter, Handwerker, Händler und sogar Beamte teilnahmen, wird zweifelsohne einen günstigen Boden schaffen zur Durchführung des auf dem Kongreß vorgesehenen Plans einer Zusammenfassung aller antiimperialistischen Kräfte von China.

Die Worte des Manifests, das auf der letzten Plenarsitzung des Kongresses in Anwesenheit Tausender russischer Arbeiter angenommen wurde:

„*Von nun ab schließen wir einen unzerstörbaren Bund der Werktätigen des Fernen Ostens unter dem Banner der Kommunistischen Internationale*“ — diese Worte werden in der nächsten Zukunft den ganzen Sinn und die Bedeutung des ersten Kongresses der Werktätigen des Fernen Ostens auf dem Gebiet der ersten Arbeiter- und Bauernrepublik zeigen.

*G. Wojtinski.*

## Charakteristik der Organisationen auf Grund der Berichte

### Japan

*1. Arbeitsassoziation von Kansai.*

Dieser Assoziation gehören folgende Organisationen an: „Kosho-Kai“ (Rekonstruktionsorganisation), deren Mitglieder die Arbeiter von Regierungsunternehmen der Kriegsindustrie sind, der Verband der Eisenindustriearbeiter, der Verband der Druckereiarbeiter in Osaka und die Arbeiterassoziation von Kobe, der die Werftarbeiter von Kobe angehören. Die Arbeitsassoziation von Kansai zählt etwa 13 000 Mitglieder; sie führt den Kampf um die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter durch Streiks und Sabotage. Bei den großartigen Streiks der Schiffbauarbeiter in Kobe, die im vorigen Jahre stattfanden, gehörte die führende Rolle der Assoziation von Kansai. Eine der politischen Parolen dieser Assoziation ist der Kampf um das allgemeine Wahlrecht. Die Assoziation von Kansai gehört zu der Allgemeinen Arbeitsföderation, der früheren „Ju-Ai-Kai“, und befindet sich unter dem Einfluß des japanischen Kompromißlers und Führers der „Ju-Ai-Kai“, Susuki, und des christlichen Sozialisten Kagava. Der vorgeschrittene Teil dieser Organisation befreit sich allmählich von den trade-unionistischen Einflüssen, benutzt aber noch die legale Form der Organisation zur Führung revolutionärer Propaganda und Hineinziehung der Arbeiter in den aktiven Klassenkampf.

*2. Arbeitsassoziation (Rodoscha).*

Diese Assoziation, die mehr als 500 Mitglieder zählt, befindet sich in Tokio. Die Vertreter einer ganzen Reihe von Arbeiterorganisationen in Tokio sind Mitglieder der „Rodoscha“. Diese Assoziation war bisher anarcho-syndikalistisch und verzichtete auf politischen Kampf, insbesondere auf den Parlamentarismus. Die Aufgabe der Assoziation war, die Unterschichten der Arbeiter zu revolutionieren. Die Methoden des Kampfs um ökonomische Forderungen waren Streik und Sabotage. Gegenwärtig kämpft die Assoziation aktiv gegen die Herabsetzung des Arbeitslohns. Die „Rodoscha“ befand sich bisher unter dem geistigen Einfluß des Anarchisten Osugi. Die Führer der „Rodoscha“ sind alle Arbeiter. Diese Assoziation ist sehr populär unter den Arbeitern. Die Mitglieder der „Rodoscha“ nützen jede Aktion der japanischen Arbeiter aus, führen eine breite Agitation und geben die Parole der direkten Aktion. Jetzt hat sich diese Organisation der Kommunistischen Partei Japans angeschlossen und ändert ihre Taktik, entsprechend den Aufgaben des organisierten Klassenkampfs, im Sinne der Kommunistischen Partei. Einer der Führer dieser Organisation — ein Metallarbeiter — war als Vertreter auf dem Kongreß anwesend.

*3. Verband der Druckereiarbeiter in Tokio.*

Dieser Verband ist entstanden durch die Vereinigung zweier Organisationen: Schinju-Kai (Verein der Zusammenarbeit) und Seisin-Kai (Verein „Vorwärts“). Der Verband hat etwa 1000 Mitglieder und kämpft für die wirtschaftliche und politische Befreiung der Arbeiter. Seine Taktik ist die direkte Aktion. Gegenwärtig nimmt er aktiven Anteil an dem wirtschaftlichen Kampf der japanischen Arbeiter. Gleich der „Rodoscha“ war dieser Verband von anarcho-syndikalistischen Tendenzen durchdrungen. Er wurde 1917 gegründet und leitete bald darauf einen großen Streik der Druckereiarbeiter von Tokio (im Laufe von fünf Tagen erschien keine einzige Zeitung in Tokio). Dieser Verband befand sich auch unter dem Einfluß des Anarchisten Osugi. Unter den Mitgliedern des Verbandes gibt es jedoch eine ganze Reihe geschulter Marxisten, deren Einfluß sich festigt. An dem Kongreß nahm ein Delegierter dieses Verbandes teil.

*4. Verband der Druckereiarbeiter in Kiu Siu.*

Dieser Verband steht in der Art seiner Tätigkeit und in seinen allgemeinen Tendenzen der „Rodoscha“ und dem Verband der Druckereiarbeiter von Tokio nahe. Er war auf dem Kongreß durch einen Delegierten vertreten.

*5. Kommunistische Partei Japans.*

Ausführliche Mitteilungen über die Organisation und die Taktik der Kommunistischen Partei Japans sind in dem Bericht des Gen. Tahawa gegeben, den wir weiter unten veröffentlichen.

Die Kommunistische Partei Japans hat eine Frauensektion, die aktive Propagandaarbeit betreibt. Die Frauen haben zusammen mit den Mitgliedern der Kommunistischen Partei Japans an den Kundgebungen am ersten Mai und an allen Aktionen der Arbeiterklasse, die seit dem Entstehen der Kommunistischen Partei stattgefunden haben, aktiv teilgenommen. Der Einfluß der Kommunistischen Partei Japans verstärkt sich, wie wir aus dem Bericht ersehen; gleichzeitig wächst die Zahl der Parteimitglieder.

### Korea

*1. Allgemeine Arbeitsföderation von Korea.*

Diese Föderation entstand im November 1919 in Seul; sie ist durch ein ganzes Netz von Abteilungen und Unterabteilungen mit dem gesamten Korea verbunden, ihre Mitgliederzahl beträgt über 85 000. Zu dieser Föderation gehört eine Reihe von Gewerkschaften, die in den Industriebezirken von Korea und hauptsächlich in Seul gegründet worden sind. Viele Gewerkschaften sind unter der Leitung dieser Föderation entstanden, viele haben früher bestanden und sich später der Föderation angeschlossen. Außer den schon bestehenden Gewerkschaften gehören zu der Föderation noch zahlreiche Arbeitervereinigungen, die Kulis, Rikschas, Transport- und Eisenbahnarbeiter, sowie Grubenarbeiter umfassen. Diese Arbeitervereinigungen befinden sich in Seul und in den meisten industriellen Häfen. Sie sind der Föderation untergeordnet auch in den Aktionen, die mit dem Kampf um die Unabhängigkeit Koreas verknüpft sind. Die Föderation hat seit ihrer Entstehung vier große Streiks in Seul, in Fusan, in Tschemulpo und in Potschan geleitet. In Seul wurde ein Streik in den größten Tabakfabriken der japanischen Regierung organisiert. Die Streikenden verlangten Erhöhung des Arbeitslohns, Verringerung der Arbeitszeit und gleiche Behandlung mit den japanischen Arbeitern. Der Kampf um die Bildung von Betriebsräten gehört als nächstes Ziel zum ökonomischen Programm der Organisation. Außerdem hat die Föderation immer am Kampf um die nationale Befreiung teilgenommen. Die Arbeit der Organisation muß unter dem stets wachsamen Auge der japanischen Behörden geführt werden. Die Ideen der proletarischen Revolution fassen aber feste Wurzeln unter den Arbeitern. Sechs Delegierte dieser Föderation weilten als Vertreter auf dem Kongreß der Werktätigen des fernen Ostens.

*2. Zentralstab der koreanischen Truppen zur Wiederherstellung Koreas.*

Diese Organisation entstand am 1. Januar 1920 und hatte zum Ziel die Bewaffnung und Schulung der Truppen zum Kampf um die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von Korea; sie besteht aus Partisanen der Mandschurei und Koreas, die seit mehr als zehn Jahren mit den Waffen in der Hand in verschiedenen Verbänden gegen den japanischen Militarismus gekämpft haben. Den sozialen Bestand dieser Organisation bilden aus Korea emigrierte Bauern und Arbeiter. Die Organisation zählt etwa 30 000 Mitglieder, miteinbegriffen die im eigentlichen Korea befindlichen vier Hauptabteilungen. Die Organisation nimmt aktiven Anteil an dem Partisanenkrieg; sie befindet sich in der südlichen Mandschurei und führt ihre militärische Tätigkeit hauptsächlich auf der Grenzlinie gegen Korea; im eigentlichen Korea wirkt sie in kleinen Trupps zu je 50 bis 100 Mann. Diese Organisation zählt in ihren Reihen viele angesehene Kommunisten, die unter den koreanischen Partisanen tätig sind. Zwei Delegierte vertraten diese Organisation auf dem Kongreß.

*3. Föderation der koreanischen Jugend.*

Dies ist eine einflußreiche Organisation der revolutionären Jugend von Korea und entstand im April 1920; sie hat 13 Hauptabteilungen (je eine in jeder Provinz von Korea) und 210 kleine Zentren; die Mitgliederzahl beträgt mehr als 57 000. Diese Organisation wurde durch die Vereinigung aller Jugendorganisationen von Korea gebildet. Das Hauptziel der Organisation ist die geistige Entwicklung der Jugend, die Einführung europäischer Wissenschaft und Technik; der ideelle Inhalt der Föderation ist der nationale Befreiungskampf. Die Föderation hat Verbindungen mit der Arbeiterjugend in Fabriken und Werften. Diese Föderation ist eine der einflußreichsten im nationalen Befreiungskampf von Korea. Die Organisation gibt Zeitungen und Zeitschriften heraus und hat viele eigene Schulen. Die Föderation war auf dem Kongreß durch zwei Delegierte vertreten.

*4. Kampforganisation der Jugend[^a1].*

Die Organisation setzt sich zum Ziel die Bewaffnung von Truppen zum Befreiungskampf; sie entstand im Oktober 1919 in der Mandschurei (Kwantun); sie hat in Korea sieben Hauptabteilungen; die Mitgliederzahl beträgt etwa 20 000; die Organisation entstand durch die Vereinigung von 150 verschiedenen Jugendorganisationen. Sie nimmt aktiven Anteil an den militärischen und revolutionären Aktionen, die gegen die japanische Macht gerichtet sind. Die meisten Mitglieder der Organisation sind emigrierte Bauern, die sich in der südlichen Mandschurei niedergelassen haben; die übrigen sind Intellektuelle und Bauern, die im eigentlichen Korea leben. Es ist eine der erprobtesten und aktivsten Organisationen im Kampf um die Unabhängigkeit Koreas. Von den anderen Jugendorganisationen unterscheidet sie sich durch ihre unmittelbar aktive Teilnahme am revolutionären Kampf. Sie war auf dem Kongreß durch zwei Delegierte vertreten.

*5. Die junge Partei des neuen Korea.*

Diese entstand in Schanghai im November 1918; sie hat eine Abteilung in den Vereinigten Staaten; ihre Mitgliederzahl beträgt 126. Dieser Organisation gehören Männer an, die mehr oder minder Führer der Freiheitsbewegung sind. Dadurch ist auch die geringe Mitgliederzahl der Organisation zu erklären. Die Organisation ist gebildet, um die Tätigkeit der verschiedenen Vertreter der revolutionären Bewegung in Korea zu koordinieren. Den sozialen Bestand der Organisation bilden revolutionäre Intellektuelle; viele der Mitglieder waren seinerzeit Mitglieder der provisorischen Regierung von Korea, jetzt aber, aus der Regierung ausgetreten, haben sie sich auf den Standpunkt des revolutionären Kampfs gegen den japanischen Imperialismus gestellt; die Tätigkeit der Organisation besteht hauptsächlich in der Propaganda der Idee der Befreiung von Korea im Ausland, in Agitationstätigkeit und aktiv-revolutionären Aktionen innerhalb Koreas. Die Partei des neuen Korea ist eine Organisation mit sozialistischen Tendenzen; es gehören ihr auch Kommunisten an. Sie war auf dem Kongreß durch einen Delegierten vertreten.

*6. Liga der koreanischen Studenten in China.*

Die Organisation entstand im August 1921 in Schanghai. Sie zählt 165 Mitglieder. Diese Organisation setzt sich zum Ziel die geistige Entwicklung der Jugend, die Einführung neuer Methoden in der Bildung; sie nimmt keinen aktiven Anteil am Befreiungskampf. Sie war auf dem Kongreß durch zwei Delegierte vertreten.

*7. Verein der aus Japan zurückgekehrten koreanischen Studenten.*

Dies ist eine revolutionäre Organisation, gegründet von den aus Japan zurückgekehrten organisierten Studenten; sie entstand im Februar 1920 in Schanghai und zählt 55 Mitglieder. Der Grund zu diesem Verein wurde schon im Februar 1919 in Japan gelegt, wo er unter dem Namen „Koreanische Jugendliga der Unabhängigkeit“ bestand. Diese Liga veröffentlichte in Japan eine Deklaration der Unabhängigkeit von Korea und eine Reihe von Manifesten und betrieb ihre Tätigkeit trotz der Verfolgungen und Verhaftungen seitens der japanischen Verwaltung. Diese Organisation spielte eine aktive Rolle in der Vorbereitung der Märzdemonstration 1919. Nach dem März 1919 kehrten die Mitglieder der Organisation nach Korea zurück; viele ließen sich in Schanghai nieder und beeinflußten von dort aus die Freiheitsbewegung in Korea. Die Organisation gibt Zeitungen, Zeitschriften und Literatur heraus. Sie dient als Bindeglied zwischen den koreanischen Studenten in Japan und der Jugend des eigentlichen Korea. Sie war auf dem Kongreß durch einen Delegierten vertreten.

*8. Vertreter der koreanischen christlichen Kirchen.*

Diese Gruppe von Vertretern der koreanischen christlichen Kirchen umfaßt an 40 000 zum Christentum übergetretener Koreaner. Die koreanischen Christen begannen seit 1905 ihre Tätigkeit zu entwickeln, d. h. seit der Einsetzung des japanischen Protektorats über Korea; sie gründeten geheime politische Organisationen und versuchten die Massen zum Auftreten gegen die Okkupation zu bringen. Viele der Führer benutzten die Kirche zur politischen Arbeit. Diese kirchlichen Organisationen sind kein geringer Faktor im Befreiungskampf. Auf dem Kongreß weilte ein Delegierter dieser Organisation.

*9. Patriotischer Frauenverein von Korea.*

Der Verein entstand im März 1919 in Seul; er zählt in Korea selbst bis 3000 Mitglieder. Die Aufgabe der Organisation ist der Kampf um die nationale Befreiung und die Emanzipation der Frauen. Die Mitglieder dieser Organisation nahmen unmittelbar teil an der Märzdemonstration 1919 und haben seitdem die Zusammenarbeit mit den übrigen revolutionären Gruppen nicht eingestellt. Der Verein kämpft auch gegen die Traditionen und Ueberlieferungen der Vergangenheit, die die koreanischen Frauen fesseln. Die Organisation hat Abteilungen in Schanghai, in Japan, in Amerika und steht mit der koreanischen Frauenorganisation in Sibirien in Verbindung; der Verein gibt Zeitungen und Zeitschriften für koreanische Frauen heraus und betreibt Agitation trotz der grausamen Verfolgungen der japanischen Behörden. Legal wirkt der Verein durch seine Abteilung zur Organisation der Frauenerziehung, die Abendschulen, Vorlesungen, Exkursionen veranstaltet. Diese Organisation spielt eine bedeutende Rolle im Befreiungskampf; die meisten Mitglieder sind Studentinnen und Schülerinnen. Auf dem Kongreß war der Verein durch eine Delegierte vertreten.

*10. Kommunistische Partei Koreas.*

Der Bericht der Delegierten der Kommunistischen Partei Koreas, der dem Kongreß erstattet wurde, ist weiter unten angeführt. Entstanden in Rußland unter der unmittelbaren Leitung der Kommunistischen Internationale, hat die Kommunistische Partei während der kurzen Periode ihres Daseins sowohl unter der koreanischen Emigration als auch in Korea selbst tiefe Wurzeln gefaßt. Die Kommunistische Partei ist mit den werktätigen Massen von Korea verbunden und hat großen Einfluß auf ihren revolutionären Befreiungskampf.

Die besten Vertreter der kommunistischen Bewegung Koreas haben einen hartnäckigen Kampf zu führen gegen eine ganze Schar kompromißlerischer und abenteuerlicher Elemente, die zersetzend auf die noch junge Bewegung einwirken; auch haben sie die koreanischen Massen zur Erkenntnis ihrer Klassenziele zu erziehen. Die stetig wachsende Mitgliederzahl der Kommunistischen Partei Koreas und ihr zunehmender Einfluß im Lande sprechen dafür, daß die Kommunistische Partei Koreas zum dominierenden Faktor in der Freiheitsbewegung Koreas werden wird. Auf dem Kongreß war die Kommunistische Partei Koreas durch sechs Delegierte vertreten.

*11. Koreanische Studentenliga.*

Diese Liga wurde im April 1920 in Korea gegründet; die Mitgliederzahl beträgt etwa 13 000. Das Ziel dieser Organisation ist die geistige Entwicklung ihrer Mitglieder, die Verbreitung von Kenntnissen und Bildung. Die Mitglieder der Organisation nehmen teil an der revolutionären Bewegung von Korea. Die Liga steht in enger Verbindung mit den koreanischen Studentenorganisationen in China und in Japan, sie betreibt Propaganda und Agitation, organisiert Abendschulen und allgemein aufklärende Diskussionen. Die Organisation war auf dem Kongreß durch zwei Delegierte vertreten.

*12. Liga der Unabhängigkeit Koreas.*

Entstanden im April 1919 in der Mandschurei, betätigt sie sich auf dem Gebiet der militärischen Ausbildung ihrer Mitglieder zu aktiven Aktionen gegen die japanischen Kräfte in Korea. Sie zählt 8600 Mitglieder und hat vier Hauptabteilungen; die meisten Mitglieder sind Bauern und Arbeiter, die nach der Okkupierung Koreas durch Japan nach der südlichen Mandschurei emigriert sind. Die Truppen dieser Organisation nehmen teil am Partisanenkrieg. Ein Teil ihrer Führer sind Kommunisten. An dem Kongreß nahmen zwei Delegierte dieser Organisation teil.

*13. Liga der Wiederherstellung Koreas.*

Sie wurde gegründet im Februar 1920 und hat drei Hauptabteilungen; die Mitgliederzahl beträgt 1050. Das Ziel und die Aufgaben dieser Organisation sind die gleichen, wie die der „Liga der Unabhängigkeit Koreas“. Auf dem Kongreß vertrat diese Organisation ein Delegierter.

### China

Die revolutionäre Bewegung von China war auf dem Kongreß reichlich vertreten durch eine ganze Reihe sozialistischer, national-revolutionärer und Arbeiterorganisationen. Zu den sozialistischen gehören solche wie der „Verein der Erneuerung“ von Schantung, die Sozialistischen Jugendverbände von Tjan-Schan und Taivan, die „Organisationen gegenseitiger Hilfe“ und die „Arbeiterliga“ von Hankou, der „Verein des Studiums und der praktischen Anwendung des Sozialismus“ in Hunan, das „Marxistische Institut“ in Kanton, die Assoziation „Jung-China“, der „Verein zum Studium des Gewerkschaftsaufbaus“.

Die national-revolutionären Organisationen waren vertreten durch die „Lehrerverbände“ von Schantung, Hankou und Anhui, die „Studentenverbände“ von Schantung, Anhui und Hunan, die Partei Go-Min-Dan, die Verbände der Pressevertreter von Schantung, Hunan und Hupei, den Vereinigten Verband der chinesischen Frauen.

Die Arbeiterorganisationen waren vertreten durch die Arbeiterverbände der Mechaniker von Schanghai und Kanton, den Industrieverband der Peking-Mukdener Eisenbahnarbeiter, den Verband der Bauarbeiter von Kanton, den Verband der Druckereiarbeiter von Han-Tsju (Provinz Tsche Dsjan), den Arbeiterverband von Hunan, den Arbeiterverband von Schantung und die Bauernverbände von Hunan und Tsche-Kiang.

Die kommunistische Bewegung war durch die Delegierten der kommunistischen Organisationen von Peking, Schanghai, Setschuan und Kanton vertreten.

## Auszüge aus den Materialien der Fragebogen für die Delegierten des Kongresses des Fernen Ostens

| | | |
|---|---:|---|
| 1. Koreanische Delegation | 52 | Delegierte |
| 2. Chinesische Delegation | 37 | „ |
| 3. Japanische Delegation | 13 | „ |
| 4. Mongolei (allein) | 14 | „ |
| 5. Burjaten (Sektion) | 8 | „ |
| 6. Insel Java | 1 | „ |
| 7. Sektion der Kalmücken | 2 | „ |

*Mit beratender Stimme.*

| | | |
|---|---:|---|
| 8. Indien | 2 | Delegierte |
| 9. Japan | 3 | „ |
| 10. Jakuten | 3 | „ |
| 11. Burjaten der R. S. F. S. R. und der Republik des Fernen Ostens | 4 | „ |
| 12. China | 5 | „ |

*Soziale Lage der Delegierten.*

| | Intellektuelle u. Studenten[^a2] | Arbeiter | Bauern | Angestellte etc. |
|---|---:|---:|---:|---:|
| Koreanische Sektion | 18 | 2 | 25 | 3 |
| Chinesische Sektion | 20 | 9 | 9 | 1 |
| Japanische Sektion | 4 | 12 | — | — |
| Mongolen und Burjaten[^a3] | 4 | 12 | — | — |

*Bildung.*

| | Höhere | Mittlere | Niedere | Analphabeten |
|---|---:|---:|---:|---:|
| Koreanische Sektion | 10 | 29 | 9 | — |
| Chinesische Sektion | 9 | 26 | 4 | — |
| Japanische Sektion | 5 | 5 | 5 | 1 |
| Mongolen und Burjaten[^a3] | — | 4 | 8 | 4 |

*Parteizugehörigkeit.*

| | | |
|---|---|---:|
| Koreanische Sektion: | Kommunisten | 37 |
| | Komm. Jugendverband | 5 |
| | Parteilose | 6 |
| Chinesische Sektion: | Kommunisten | 14 |
| | Soz. Jugendverband | 11 |
| | Parteilose | 14 |
| Japanische Sektion: | Kommunisten | 9 |
| | Anarchisten | 4 |
| | Parteilose | 3 |
| Sektion der Mongolen und Burjaten[^a3] | Kommunisten | 1 |
| | Komm. Jugendverband | 1 |
| | Nationale Parteien | 11 |
| | Parteilose | 3 |

## G. Sinowjew: Die internationale Lage und der Ferne Osten

Genossen! Es ist meine Aufgabe, selbstverständlich nur in den wichtigsten Hauptzügen, die internationale Lage darzulegen und in den allgemeinsten Grundzügen die Aufgaben unseres Kongresses zu berühren, wie sie sich die Exekutive der Kommunistischen Internationale denkt.

Es sind nun schon mehr als drei Jahre verflossen seit dem Abschluß des imperialistischen Krieges. Es ist aber vollkommen klar, daß noch so manches Jahr vergehen wird, bis die Menschheit die Folgen dieses Krieges zu vergessen beginnen wird. Die ganze Welt schlägt um sich, wie ein Vogel im Garn, um wenigstens einigermaßen die verzweifelten Folgen des Krieges zu überwinden, die man auf Schritt und Tritt fühlt. Der Hauptzug der gegenwärtigen Nachkriegsperiode ist, wie mir scheint, die Tatsache, daß sich immer hartnäckiger dieses Mal nicht mehr europäische, sondern asiatische Fragen, die Fragen des Fernen Ostens in den Vordergrund drängen. Ich will damit nicht sagen, daß diese Fragen bisher keine große Rolle gespielt haben. Allen ist bekannt, daß das asiatische Problem seit einer Reihe von Jahrzehnten eine große Rolle in den Fragen der Weltpolitik spielt. Allen ist wohl bekannt, daß auch die erste Revolution in Rußland im Jahre 1905 aufs engste mit dem russisch-japanischen Kriege verbunden war, dieser aber seinerseits mit vielen Grundfragen des Problems „Ferner Osten“. In der letzten Periode beginnt jedoch das asiatische Problem, das Problem des Fernen Ostens, geradezu alle übrigen Fragen der Weltpolitik zu verdrängen. Das wird besonders anschaulich, wenn man den Kampf betrachtet, der sich um den Frieden herum abspielte, der nach dem Ende des imperialistischen Krieges geschlossen wurde. Wenn Ihr die allerletzten Ereignisse betrachtet, wenn Ihr den kürzlichen Sturz des französischen Ministeriums Briand ins Auge faßt, der jetzt die beabsichtigte Konferenz von Genua in Frage stellt, so seht Ihr sofort, wie die europäischen Streitigkeiten immer mehr verflachen und sich immer mehr erschöpfen.

Die siegreichen Länder, in erster Reihe das bürgerliche Frankreich, können trotz aller ihrer Bemühungen keinen einigermaßen bedeutenden Teil der Summe erhalten, die sie vom besiegten Deutschland zu erhalten hofften, die zu erhalten Frankreich für sein Recht hält. Ihr konntet gestern die Erklärung des Ministers des bürgerlichen Frankreich, Poincaré, lesen: „Uns Franzosen will man als ‚tolle Imperialisten‘ (so drückt er sich nämlich aus) verschreien, unsere ganze Schuld aber ist, daß wir fordern, Deutschland solle das bezahlen, was es verpflichtet ist zu zahlen, was es selbst unterzeichnet hat.“ Eine anscheinend gerechte Forderung, indessen wissen wir, daß Deutschland nicht zahlen kann, daß, welche Aenderungen im französischen Ministerium auch vor sich gehen mögen, sich in dieser Beziehung nichts ernstlich ändern kann. Diese kleine unbedeutende Tatsache gibt ein Beispiel, wie die europäischen Probleme verflachen und sich erschöpfen. Der verzweifelte Krieg, der die größten Opfer gekostet hat, führte gewissermaßen zu einem Hin- und Hertrampeln auf einem Fleck. Die siegreiche Bourgeoisie kann im europäischen Rahmen nichts Ernstliches von dem besiegten Lande erhalten. Das ist ein ziemlich weiter Rahmen, aber im Vergleich mit der Weltkugel ein sehr kleiner; und in diesem Rahmen können keinerlei ernste Probleme gestellt werden. Am imperialistischen Krieg von 1914/1918 hatten selbstverständlich auch die asiatischen Probleme ihren Anteil; sie spielten eine bedeutende Rolle. Dennoch standen in diesem Krieg in vielen Beziehungen die europäischen Probleme — die Balkanfrage, die Meerengen usw. — im Vordergrunde. Jedoch nach Abschluß dieses blutdürstigsten und grausamsten Kriegs, den die Menschheit je gesehen, müssen sich die Sieger und die Besiegten nun überzeugen, daß er, weil nur auf den Rahmen Europas beschränkt, mit Weltmaß gemessen, ein Sturm im Wasserglas war. In den Grenzen Europas ist aller imperialistische Wettstreit mehr oder minder beendet. Jetzt rücken die Brennpunkte des imperialistischen Wettbewerbs nach Asien. Eben dadurch wird das Problem des Fernen Ostens tausendmal aktueller, als es bisher war, es wird zur Frage aller Fragen, zur Achse der gesamten Weltpolitik, sowie zur Achse der gesamten Freiheitsbewegung des Proletariats und der unterdrückten Völker.

Die Geschichte der letzten Jahre wird erschöpft durch die Namen einiger großer Städte, wo die wichtigeren Uebereinkommen der Imperialisten mit ihren Opfern getroffen wurden. Wenn wir Brest-Litowsk, Bukarest, Saint-Germain, Versailles nennen, so nennen wir damit die größten Akte, durch welche die imperialistische Politik der letzten Jahre erschöpft wird. Zu solchen Städten ist in letzter Zeit noch eine Stadt hinzuzufügen — Washington, das zum Knotenpunkt geworden ist, gerade für die Euch am meisten interessierenden Probleme, die Probleme des Fernen Ostens. Ihr erinnert Euch sehr gut, wieviel Staub Washington aufgewirbelt hat. Ihr erinnert Euch, wie man auf dieser Konferenz die Abrüstungsfrage zu lösen versprach, wie man auf dieser Konferenz die Wunden solcher Länder wie Korea zu heilen, die chinesische Frage zu lösen, die Völker des Fernen Ostens zu beglücken versprach. Es ist selbstverständlich, daß die vorgeschrittenen Vertreter der Völker des Fernen Ostens kaum irgend ein ernstliches Vertrauen zu Washington haben, kaum irgend eine ernstliche Hoffnung darauf setzen konnten. Wenn man die letzten Jahre verfolgt, kommt man unwillkürlich zu der Ueberzeugung, daß man dort, wo der Imperialismus besonders heuchlerische Formen annimmt, als Wortführer dieser Heuchelei die Vertreter der amerikanischen Bourgeosie zu suchen hat, die bestrebt sind, den unverschämtesten imperialistischen Raub mit pharisäischer Doppelzüngigkeit und Heuchelei zu vereinen. Es genügt, an das berüchtigte Auftreten Wilsons zu erinnern, der, wie bekannt, fast alle Fragen des Fernen Ostens lösen wollte, der alle unterdrückten Völker zu beglücken versprach. Ebenso war es auch dieses Mal: die größten imperialistischen Raubmächte suchten die Illusion zu erwecken, als ob die Mächtigen der Welt die brennenden Fragen der unterdrückten Völker des Fernen Ostens lösen wollten. Im Vordergrunde stand wiederum die amerikanische Bourgeoisie. In Washington sollte das große Wunder geschehen. Die gequälten Völker des Fernen Ostens und die unterdrückten Völker überhaupt setzten, trotzdem sie schon viele Male betrogen worden waren, doch einige Hoffnungen auf die Washingtoner Konferenz — ganz ebenso, wie seinerzeit einige unterdrückte Nationen Hoffnungen auf die Versprechungen Wilsons setzten. Jetzt können wir schon das Fazit der Konferenz von Washington ziehen. Der 10. Dezember 1921 wird meines Erachtens einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Menschheit bleiben. Am 10. Dezember des vergangenen Jahres wurde in Washington ein Uebereinkommen der vier im gegenwärtigen Augenblick stärksten, reaktionärsten und am meisten Völker unterdrückenden Regierungen (England, Frankreich, Japan und Amerika) getroffen. Ich denke, in der Geschichte wird dieser Bund von seiner Gründung an unter der Benennung „Bund der vier Blutsauger“, „Bund der vier blutdürstigsten imperialistischen Mächte“ dastehen, die, bevor sie einander in die Haare geraten — und sie werden dies unvermeidlich — einen Waffenstillstand untereinander geschlossen haben, um mit größerem Erfolg die Nationen zu unterdrücken, auf deren Kosten diese imperialistischen Räuber schon so manches Jahr leben.

Das Hauptversprechen von Washington ist Euch bekannt. Es bestand darin, daß man die Frage der Abrüstung lösen werde. In der Tat hat man — und das ist jetzt vollkommen klar — die Frage der Rüstung gelöst. Diejenigen von Euch, die die Diskussion der in Washington versammelten gelehrten Herren verfolgt haben, erinnern sich sehr gut der giftigen Debatte zwischen dem gestürzten Briand und seinen Gegnern auf dieser Konferenz, wo darum gehandelt wurde, wie stark die Unterseeflotte dieses oder jenes Landes sein sollte. Diese Herren vergaßen, daß ganz Europa ihnen lauschte, daß die Augen aller unterdrückten Völker Asiens auf ihnen ruhten, und dachten, daß sie ganz untereinander seien; daher tauschten sie unschuldige Scherze über das Thema aus, daß sie der Unterseeflotte bedürften, um den Meeresboden zu untersuchen, bunte Steinchen zu sammeln u. dergl. Es ist selbstverständlich, daß diese Konferenz keinerlei Abrüstung gezeitigt hat. Diese Konferenz hat noch einmal das bestätigt, worauf die Kommunisten stets hingewiesen haben, daß keinerlei Abrüstung unter dem Kapitalismus möglich ist und daß man über die Abrüstung erst ernstlich reden wird, nachdem die unterdrückten Völker die bürgerlichen, imperialistischen Regierungen besiegt haben werden. So wurde die Frage der Abrüstung gelöst.

Wie wurde nun die Frage der einzelnen Länder des Fernen Ostens gelöst? Wie wurde die chinesische Frage gelöst? Man hat uns mitgeteilt, daß selbst einige Funktionäre der Freiheitsbewegung von Korea trotz allem einige Hoffnungen auf Washington gesetzt und gemeint haben, daß dort vielleicht doch irgend eine Aufklärung des koreanischen Problems erfolgen werde. Was geschah? Das Wort „Korea“ wurde auf der Konferenz in Washington nicht ausgesprochen als ob Korea nicht auf der Welt wäre, als ob in Washington Mächte versammelt gewesen wären, die nie davon gehört haben, daß Korea existiert; niemand erwähnte das koreanische Problem, wenigstens soweit es sich um offizielle Diskussionen auf der Konferenz handelte, was diese Herren wahrscheinlich nicht hinderte, hinter den Kulissen ihre Meinungen darüber auszutauschen, wie sie Korea weiter würgen werden. Wenn das koreanische Volk noch irgend einer Lehre bedurfte, so kann man sich, wie mir scheint, keine überzeugendere denken als die, daß es auf der Washingtoner Konferenz ganz mit Schweigen übergangen wurde.

Das chinesische Problem wurde, wie Ihr wißt, im großen und ganzen im amerikanischen Sinn gelöst. Man verständigte sich mehr oder minder dahin, daß in bezug auf China die sogenannte Politik der „offenen Tür“ anzuerkennen sei, eine Politik, die das amerikanische Kapital in Vorschlag bringt, von seinen eigennützigen Zielen ausgehend, von der Hoffnung ausgehend, durch den sogenannten „freien“ Wettbewerb dank seiner größeren Kraft im Konkurrenzkampf auf dem chinesischen Markt alle andern Kapitale zu schlagen. Der Handel mit China, der 1916 noch 189 Mill. Dollar betrug, erreichte 1920 schon 385 Mill. Dollar, d. h. er verdoppelte sich beinahe. Das gibt dem amerikanischen Kapitalismus immer mehr Hoffnung, durch die Politik der offenen Tür am leichtesten Riesenprofite aus China saugen zu können. Und es wäre der traurigste Fehler, den man sich nur denken kann, wenn es unter den Funktionären z. B. des südlichen China solche Einfaltspinsel gäbe, die die Parole der „offenen Tür“ für bare Münze des echten Demokratismus hielten und auf diese Weise auf den allergewöhnlichsten kapitalistischen Leim gerieten. Leider muß ich sagen, daß es, soweit wir informiert sind (und ich betone: wir sind sehr schlecht und nur teilweise informiert), unter den Funktionären des südlichen revolutionären China, unter den Anhängern Sun-Yat-Sens, unter den Hauptfunktionären seiner Partei solche gibt, die bisweilen nicht ohne Hoffnung nach Amerika hin schauen, d. h. nach dem amerikanischen Kapitalismus, und darauf rechnen, daß sich gerade von dort aus die Wohltat des Demokratismus und des Fortschritts über das revolutionäre China ergießen werde. Die Washingtoner Konferenz hat, hoffe ich, die weitsichtigeren Funktionäre des südlichen China, die chinesischen Revolutionäre, überhaupt alle diejenigen, die für die wirkliche Selbständigkeit ihres Volkes kämpfen wollen, auch wenn sie nicht Sozialisten sind, davon überzeugt, daß sie in der Person des amerikanischen Kapitalisten keinen Freund haben, sondern den bittersten kapitalistischen Feind, der sich (ich habe bereits gesagt, daß dies besonders dem amerikanischen Kapitalismus eigen ist) seinen Opfern unbedingt unter der Parole der Demokratie nähert und immer als ausgeprägtester Heuchler und Scheinheiliger auftritt.

Ueber das mongolische Problem hat man auf der Washingtoner Konferenz auch zu sprechen vergessen. Seitdem die Mongolei dank einiger schwacher Unterstützung, die ihr die Sowjetmacht erwiesen hat, worauf die Sowjetmacht selbstverständlich immer stolz sein wird — sie ist stolz darauf, daß ihren Truppen manchmal die Möglichkeit zuteil wird, der Mongolei wenigstens schwache Hilfe zu leisten — seitdem die Mongolei also etwas selbständig geworden ist, wird das mongolische Problem zu einem Spielball, den jetzt alle Kapitalisten hin und her werfen. Mit diesem Problem versuchen jetzt die japanischen Kapitalisten zu spielen, die einen Teil der käuflichen chinesischen Politiker bestechen, um durch sie unter der Fahne des angeblich patriotischen Demokratismus die Beziehungen zwischen der Mongolei und den chinesischen Revolutionären zuzuspitzen, wegen der Frage, ob Mongolien jetzt an China zurückgegeben werden solle. Auf der Washingtoner Konferenz wurde über die Mongolei ebenso wie über Korea offiziell nicht gesprochen. Ihr wißt, daß das diplomatische Hinzögern (das in Washington begonnen wurde), auch jetzt fortdauert. Bisher sind keine bestimmten Ergebnisse gezeitigt worden. Nun ist das Problem der neuen Konferenz in Genua auf die Tagesordnung gesetzt und verdrängt zum Teil die Washingtoner Gespräche. Niemand kann voraussagen, ob die Konferenz in Genua stattfinden, womit sie enden wird, inwiefern dort nicht nur die europäischen Probleme, sondern auch die Probleme des Fernen Ostens zur Behandlung kommen werden. Eins ist klar: Washington hat jedenfalls bestätigt, was unvermeidlich war, daß, solange an der Spitze der vier gegenwärtig reichsten Länder — Japan, Amerika, England und Frankreich — die imperialistische Bourgeoisie steht, nur eine Zuspitzung der Probleme des Fernen Ostens möglich ist, aber keinesfalls ihre Lösung. Einfach ausgedrückt, in Washington wurde noch einmal die Teilung bestätigt, die von den imperialistischen Mächten schon früher ausgeführt war. Der Krieg von 1914/1918 wurde ja zu 9/10 wegen der Umteilung der Welt geführt. Die Welt wurde von den Imperialisten schon vor Beginn des Jahres 1914 geteilt. In diesem ersten imperialistischen Kriege handelte es sich nur um eine Neuteilung der Welt. Schon vor Beginn des imperialistischen Krieges von 1914 wurde ausgerechnet, daß ein englischer Kaufmann im Durchschnitt nicht weniger als 800 Personen Eingeborene der Kolonie ausbeutet, aus denen England Blut und Profit saugt. Der weitere Kampf und Wettbewerb wird um dasselbe Ziel geführt. Und ich sage, Washington hat in der Hauptsache die Beuteteilung bestätigt, deren Fazit im Jahre 1918, dem Jahre, da der erste imperialistische Krieg seinen Abschluß fand, gezogen wurde. Japan behält Korea, Lao-tung, Schantung, Amerika behält die Philippinen, England behält Aegypten und Indien, Frankreich Indochina. Wie konnten sie jetzt, wo sie sich nur unter sich versammelt hatten, auch nur eins dieser Probleme von Grund auf stellen? Es ist vollkommen klar, daß sie nach der Formel handeln: ich helfe Dir gewisse Kolonien plündern, damit Du mir hilfst, gewisse Kolonien zu plündern. Als ich die Diskussionen auf der Washingtoner Konferenz verfolgte, erinnerte ich mich besonders oft an eine ausgezeichnete Rede des verstorbenen Jaurès, die sozusagen einige Stunden vor Beginn des imperialistischen Krieges von 1914 gehalten wurde, als es schon klar war, daß dieser Krieg unvermeidlich sei. Die Ursachen der drohenden Katastrophe betrachtend, sagte er damals auf einer Pariser Versammlung: „Morgen bricht der Krieg los, morgen wird man Euch sagen, daß es ein Krieg um die Freiheit, ein Krieg um die Befreiung der unterdrückten Nationen ist. Ich aber sage Euch, daß dies ein Krieg um die Teilung der Beute sein wird. Ich sage Euch, daß das ein Krieg um die Verteilung der unterdrückten Völker sein wird.“ Und weiter sagte er: „Die Vertreter der heutigen Regierungen handeln nach folgender Formel: ich werde an dieser Straßenecke plündern und ein Auge zudrücken, wenn Du an jener Ecke plünderst.“ Eben nach derselben Formel wurde in Washington die Diskussion geführt. Japan sagte zu Amerika: Ich werde ein Auge zudrücken, wenn Du an einem gewissen Ort plündern wirst, aber ich fordere, daß Du beide Augen zudrückst, wenn ich Korea ausplündern werde usw.

Es scheint mir, daß die Washingtoner Konferenz auf diese Weise allen Führern der unterdrückten Völker des Fernen Ostens, darunter auch denen, die nicht die kommunistischen Anschauungen teilen, mit besonderer Anschaulichkeit beweisen mußte, daß kein einziger denkender Mensch von den Imperialisten der stärksten Mächte etwas erwarten kann außer neuer Unterdrückung und neuer Ausbeutung. Nach Washington steht mit nie dagewesener Aktualität vor allen Funktionären der Freiheitsbewegung der Völker des Fernen Ostens die Frage: was weiter? Worin besteht denn die wirkliche Lösung der Fragen der nationalen Befreiung für diejenigen Völker, die jetzt das Objekt der Unterdrückung für die imperialistischen Mächte sind?

Verweilen wir kurz bei diesen Aufgaben mit bezug auf die wichtigsten Länder, die auf diesem Kongreß vertreten sind.

*Die chinesische Frage.* China ist für die letzten Jahrzehnte in allen Beziehungen geradezu ein klassisches Beispiel dafür, wessen die blutdürstigen Imperialisten fähig sind, wenn sie es mit einem unbewaffneten oder jedenfalls mit einem zur Verteidigung gegen sie nicht genügend starken Lande zu tun haben. Wenn wir uns der Ereignisse zu Beginn des Jahres 1900 erinnern — ich will von keiner noch früheren Periode reden —, so sind die unerhörten Brutalitäten, durch die sich die Imperialisten aller Länder, sowie die russischen Imperialisten glorreichen Angedenkens ein schmähliches Denkmal gesetzt haben, ein Muster des imperialistischen Zynismus und Raubes. Nirgends hat sich die Rücksichtslosigkeit, die Barbarei, die Zügellosigkeit der sogenannten Zivilisation der europäischen imperialistischen Mächte in solcher Gemeinheit gezeigt wie in China. Das zahlreiche, viele Millionen zählende Volk war der Ausplünderung des imperialistischen Gesindels preisgegeben und ist es zum Teil auch noch heute. Nach den letzten Daten, die uns zu Gesicht gekommen sind, gibt es in Schanghai im Verhältnis zu 1½ Millionen Chinesen 20 000 Ausländer. Und diese 20 000 halten, wie allen bekannt ist, die gesamte einheimische Bevölkerung nicht nur in ökonomischer Knechtschaft, sondern sie versuchen auch ihr kulturelles und nationales Leben zu erwürgen. Die Imperialisten nehmen jetzt vor keinerlei unerhörten Verhöhnungen der einheimischen Bevölkerung Abstand. Es ist selbstverständlich, Genossen, daß ich Euch nicht davon zu erzählen brauche, wie die amerikanischen oder englischen Offiziere oder Kaufleute Euch verhöhnen, davon, wie sie die Chinesen ins Gesicht schlagen, Gärten einrichten, die kein einziger Einheimischer besuchen darf, wie sie die Frauen Eures Landes beleidigen. Davon könntet Ihr selbstverständlich uns Europäern viel erzählen. Die größte Schande für die ganze Menschheit ist, daß solche Erscheinungen überhaupt noch in der Gegenwart möglich sind. Wenn China bis jetzt in Stücke gerissen wird, wenn es so viele Opfer auf dem Altar des Bürgerkriegs zu bringen hat, wenn in China heute die Herrschaft solcher Herren wie Tschang-Tso-Lin, der noch kürzlich Straßenräuber war und auch jetzt nicht seinen Namen zu unterzeichnen versteht, möglich ist, und noch dazu über so ungeheure Provinzen; wenn die berüchtigten Tutschunen das reichste Land ausrauben und es wieder an sich reißen können, wenn sie bestrebt sind, in China den „kleinen Kaiser“ zu erhalten, dem sie eine für einen kleinen Kaiser sehr große Summe — 4 Millionen Dollar jährlich — anweisen, wenn wir jetzt, im Zusammenhang mit der Offensive des Kapitalismus in China, dort eine unerhörte Form der Ausbeutung der Arbeit sehen, so ist das alles, Genossen, vor allen Dingen durch die freche Einmischung gerade der ausländischen Imperialisten zu erklären. Und es ist die Aufgabe des gegenwärtigen Kongresses, den Funktionären der revolutionären Bewegung in China Richtlinien zu geben. Die Aufgabe Chinas und insbesondere die Aufgabe des gegenwärtigen Kongresses ist, eine Vereinigung der zerstreuten Truppen der chinesischen Revolutionäre zustande zu bringen. Es ist die Aufgabe der in der Kommunistischen Internationale organisierten Arbeiter, dem zerstückelten und ausgebeuteten chinesischen Volke zu helfen, die elementarste, einfachste Aufgabe zu lösen: alle Räuber aus China zu vertreiben, alle Unterdrücker des chinesischen Volkes, die Euch so viel Schaden bringen, von dort zu verjagen.

Wir wissen sehr gut, in welch schwieriger Lage sich China befindet. Die imperialistischen Räuber haben die Sache soweit gebracht, daß die Schulden Chinas 1920 etwa 3 Milliarden Dollar, genauer 2 Milliarden 895 Millionen betrugen. Wir wissen, daß China dank der Einmischung der Imperialisten, dank der inneren Zerstückelung, eine Armee von fast 2 Millionen Mann unterhält, und dennoch ist China eigentlich ein ganz wehrloses Land, denn infolge der Einmischung der Imperialisten ist diese Armee nicht vereinigt, sondern zerstreut, was die Imperialisten ausgezeichnet für ihre eigenen Zwecke ausnutzen.

Wir wissen, daß die westeuropäischen Imperialisten Euch durch ihre Missionare zu beglücken versuchen und sich der großen Ziffern rühmen, die sie aus diesem Anlaß nennen können. Kürzlich habe ich das Buch eines Imperialisten gelesen, der mit Befriedigung die folgenden Ziffern nennt: die katholische Kirche hat 50 Bischöfe, 1½ Tausend ausländische Priester, 1000 chinesische Priester usw. Das Ergebnis ihrer Arbeit sind 1½ Millionen zum Christentum bekehrter Chinesen. Die evangelische Mission hat nach seinen Angaben 5½ Tausend Instrukteure, 383 Missionare, etwa 100 chinesische Doktoren, 1092 Pastoren und dergl. und im ganzen wurden etwa eine halbe Million Menschen zum evangelischen Glauben bekehrt. Diese Missionare haben bei Euch zweifellos im Zusammenhang mit der Washingtoner Konferenz viel Lügen verbreitet, aber es war nichts davon zu hören, daß sie die Stimme des Protestes erhoben hätten, daß sie dort die Leiden und Erniedrigungen geschildert hätten, die das chinesische Volk infolge der Einmischung der imperialistischen Räuber in sein Leben erduldet.

So stellen wir, die wir leider sehr wenig informiert sind, uns das Bild Eures Kampfs, Eurer Leiden vor, so stellen wir uns die gegenwärtige Lage in China vor. Wir wissen wahrscheinlich weit weniger, als es in Wirklichkeit zu wissen gibt; uns zeigt sich nur ein kleiner Teil der Leiden, Erniedrigungen und Entbehrungen, die das chinesische Volk als Ergebnis der groben Einmischung der Imperialisten erduldet. Wir legen uns vorzüglich Rechenschaft darüber ab, daß der Protest, der in China gegen die Imperialisten heranwächst, kein kommunistischer Protest ist, daß es der elementare einfache Wunsch des Volkes ist, seine eigenen Geschicke zu bestimmen. Aber wir erklären, daß die Kommunistische Internationale ganz und gar und von Herzen dieses Bestreben unterstützt und es für selbstverständlich hält; sie nimmt an, daß es ihre Aufgabe ist, ihren ganzen Einfluß, alle ihre Kräfte und ihre moralische Autorität für die Unterstützung des chinesischen Volkes zu verwenden, das die elementare Befreiung, die einfache Unabhängigkeit zu erreichen bestrebt ist. Die Kommunistische Internationale wird dafür kämpfen, daß die japanische, die amerikanische, die englische Bourgeoisie oder ihre Offiziere, diese groben Haudegen, nicht die Volksmassen Chinas verhöhnen, sich dort nicht fühlen könnten, wie sie sich im Pferdesattel fühlen, sich keinen solchen Raub erlauben, wie sie ihn sich straflos zur Zeit der Unterdrückung des Boxeraufstandes erlaubten, den ihr nicht nur mit blutigen Tränen, sondern auch mit Gold bezahlen mußtet.

*Korea.* Die Geschicke Koreas waren früher eng verknüpft mit dem Wettbewerb zwischen den russischen und den japanischen Imperialisten, in den letzten Jahren jedoch ist sein Schicksal hauptsächlich mit dem Imperialismus von Japan verknüpft. Wir wissen sehr gut, daß gegenwärtig Tausende koreanischer Revolutionäre in den Kerkern schmachten, wir haben von Hunderten und Tausenden gehört, die im Kampf gegen den japanischen Imperialismus gefallen sind, wir haben von den Aufständen von 1919 gehört, und wir verfolgen mit gespannter Aufmerksamkeit den sich entfaltenden Kampf gegen die Unterdrücker. Die koreanischen und japanischen Imperialisten herrschen auch durch eine ganz geringfügige Minderheit. Nach den Angaben, die ich gelesen habe (vielleicht sind sie nicht ganz genau) gab es im Jahre 1917 in Korea 332 000 Japaner im Verhältnis zu einer etwa 20 Millionen zählenden Bevölkerung. Von diesen 332 000 lebten 144 000 in acht Städten von Korea, d. h. sie hatten sich nicht auf dem flachen Lande niedergelassen, wo der Hauptkern des koreanischen Volkes lebt. Japan kann sich dessen rühmen, daß es durch eine so geringe Zahl Japaner (1,5 % der koreanischen Bevölkerung von Korea), vorwiegend Kapitalisten und ihre Handlanger und Agenten, 98,5% der Bevölkerung von Korea beherrscht und unterdrückt. Selbstverständlich interessieren Japan in Korea hauptsächlich dessen Reichtümer: Steinkohle, Graphit, Eisen und Gold. Im Jahre 1917 betrug die Summe des in Korea angelegten japanischen Kapitals 33 Millionen Yen. Das japanische Kapital in Korea wird mit jedem Jahr stärker werden, selbstverständlich nur solange, bis das koreanische Volk sein Schicksal in seine eigenen Hände nimmt. Korea spielt im Verhältnis zu Japan beispielsweise (natürlich gibt es auch Abweichungen) die gleiche Rolle, wie Irland sie jahrelang im Verhältnis zu Großbritannien spielte, mit dem Unterschiede, daß der Imperialismus, wie bekannt, je östlicher, desto niederträchtiger, blutdürstiger, zynischer und schamloser ist. Wenn die englischen Kapitalisten in Irland durch sozusagen verhältnismäßig zivilisierte Methoden wurzelten, wenn die Henker aus den Reihen der englischen Imperialisten in bezug auf Irland zuweilen in Handschuhen auftraten, so greifen die japanischen, in bezug auf Korea, zu unerhört barbarischen Mitteln, die nicht nur die Entrüstung jedes koreanischen Revolutionärs, sondern auch jedes ehrlichen Menschen überhaupt entfachen müssen.

Die Kommunistische Internationale, sage ich, achtet mit der größten Aufmerksamkeit auf den Kampf um die Befreiung, den das koreanische Volk führt. Die Kommunistische Internationale hat mit Bedenken und Schmerz die Wendungen im Laufe dieses Befreiungskampfs des koreanischen Volkes verfolgt, da einige Führer der koreanischen Freiheitsbewegung ihre Hoffnungen auf Versailles setzten und meinten, daß es ihnen gelingen würde, die europäischen und asiatischen Imperialisten zu begütigen. Der gegenwärtige Kongreß wird den koreanischen Revolutionären ohne Unterschied der Schattierung sagen müssen, ihnen aufrichtig sagen müssen, daß sie und ihr Volk ein für allemal jeden Hoffnungsschimmer aufgeben müssen, die Lösung der koreanischen nationalen Frage könne auf einem anderen Wege geschehen, als im engsten Bund mit den vorgeschrittenen revolutionären Arbeitern Europas, Amerikas und Japans. Sie sollen ein für allemal jeglichen Gedanken daran aufgeben, daß es möglich sei, irgendwelche Wege zu einer kompromißlerischen, ausgleichenden Lösung der nationalen Frage zu finden durch Unterordnung unter die Imperialisten.

*Das mongolische Problem.* Ich sagte beiläufig, daß manche jetzt die Frage der Mongolei mit der Möglichkeit ihrer Rückgabe in den Besitz Chinas verbinden und daß die Imperialisten diese Frage gleich einem Spielball einander zuwerfen. Das sind dieselben Herren, die jeden Schatten einer Autonomie verhöhnen in dem Falle, wenn sich irgend ein Volk in ihren Tatzen befindet, wie z. B Japan in bezug auf Korea. Jetzt genieren sich die japanischen Kapitalisten aber nicht, in einer anderen Rolle aufzutreten, da es für sie vorteilhaft ist. Mir scheint, es wäre äußerst betrüblich, wenn sich unter den Funktionären, sagen wir z. B. des südlichen revolutionären China Leute, fänden, die sich dem mongolischen Problem gegenüber doktrinär verhielten und jetzt die Frage auf die Tagesordnung brächten, daß die Mongolei an China zurückgegeben werden solle. Mir scheint, daß die endgültige Lösung der mongolischen Frage in dem Augenblick eintreten wird, da China selbst sich vom Joch der Unterdrücker befreit haben, wenn China selbst die Soldaten der imperialistischen fremdländischen Nationen aus seinem Bereich verjagt, wenn in China die Revolution einen dauernden Sieg errungen haben, wenn dort die Anfangsstufe der Befreiung erreicht sein wird. Wenn China sagen kann, daß sein Schicksal in den Händen seines Volkes ruht, dann kann auch die mongolische Frage in einer neuen Perspektive gestellt werden. Jetzt aber sagen wir den südchinesischen Revolutionären, die noch selbst von allen Seiten von Feinden umringt sind, daß es der größte Fehler, wenn nicht mehr als ein Fehler, wäre, wenn im gegenwärtigen Augenblick, wo sie genug Scherereien mit den Imperialisten haben, wo sie selbst jeden Tag als Opfer der Imperialisten fallen können, wo der Bürgerkrieg fortdauert, wo China nicht nur in Nord und Süd, sondern in eine ganze Reihe anderer territorialer Teilungen zerrissen ist, und wo schließlich in China wie ehedem der fremde imperialistische Wille zu wirtschaften fortfährt, irgend ein Doktrinär aus den Reihen der südlichen Revolutionäre fordern würde, daß die Mongolei jetzt zurückgegeben werden solle, unabhängig von der Lage des chinesischen Volkes selbst. Das würde als schweres Gewicht nicht nur auf der Mongolei, sondern auch auf China selbst lasten. *Denn das Volk kann nicht frei sein, das irgendwie ein anderes Volk zu unterdrücken sucht.* Dieses Axiom sollen alle Völker des Fernen Ostens nicht vergessen. Wir sehen oft, wie ein Volk, das von irgend einem anderen Volke unterdrückt wird, dieses Axiom ausgezeichnet versteht, solange es sich um dieses Volk handelt; aber sobald es sich um das Verhältnis zu einem anderen Volke handelt, das von ihm abhängig ist, sieht es dieselbe Frage in anderer Perspektive. Wir haben das oft unter den Völkern beobachtet, die früher zum Bestand des russischen Kaiserreiches gehörten, und wir halten es für unsere Pflicht, die chinesischen Revolutionäre zu warnen, nicht diesen Fehler in bezug auf die Mongolei zu machen. „Mit welchem Maße Ihr messet, soll Euch gemessen werden.“ Wenn Ihr eine völlige Befreiung des chinesischen Volkes von Japan und von anderen Unterdrückern wünscht, seid eingedenk, daß Ihr verpflichtet seid, genügende Weitsichtigkeit zu zeigen einem Volke wie den Mongolen gegenüber, dessen Geschicke eng mit den Eurigen verknüpft sind.

So stehen die Dinge mit den drei wichtigsten unterdrückten Völkern des Fernen Ostens, deren Vertreter wir hier bei uns sehen. Wir haben zu diesem Kongreß auch die Vertreter der unterdrückenden Nationen eingeladen, wir haben hier eine zahlreiche Delegation aus Japan, und das ist, wie mir scheint, ein Symbol, das ist ein Vorzeichen dessen, daß die Kommunistische Internationale sich auf dem rechten Wege zur Lösung des Problems des Fernen Ostens befindet. Es ist unmöglich, dieses Problem ohne Japan zu lösen: der Schlüssel zur Lösung der Frage des Fernen Ostens befindet sich in Japan, in den Händen des japanischen Proletariats, und die Anwesenheit der Delegierten der japanischen Arbeiter auf diesem Kongreß ist für uns die einzige ernstliche Garantie dafür, daß wir uns der wirklichen Lösung der Frage des Fernen Ostens wenigstens zu nähern beginnen.

Die Japaner nennt man, wie Ihr wißt, die Preußen des Ostens. Darauf ist ein Teil der japanischen Bourgeoisie sehr stolz. Dieser Teil versucht die japanischen Arbeiter mit dem gleichen vergifteten Patriotismus anzustecken, mit dem es den englischen Kapitalisten gelungen ist, die englischen Arbeiter anzustecken. Es gibt keine bedrückenderen Tatsachen als die, daß die englischen Arbeiter z. B. in bezug auf das irische Problem nicht immer so urteilen, wie Arbeiter urteilen müssen, und man fühlt, daß sie mit der Muttermilch die nationalen Vorurteile der englischen Bourgeoisie eingesogen haben. Wir wollen offen bekennen, sogar unter den kommunistischen Arbeitern finden wir lange nicht immer ein richtiges Verhalten zur irischen Frage. Marx sagte schon vor 50 Jahren, daß die englische Arbeiterklasse sich nicht befreien kann, bis Irland nicht befreit ist. Theoretisch haben sie das anerkannt, praktisch aber ist doch ein ganz unbewußt verächtliches Verhalten Irland gegenüber, dem irischen Bauern, dem irischen Arbeiter gegenüber, bestehen geblieben. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die japanische Bourgeoisie genau dasselbe in bezug auf China und Korea durchsetzen will und daß sie bestrebt ist, der jungen japanischen Arbeiterklasse die schlimme Krankheit einzuimpfen, die man Chauvinismus nennt. Wir hoffen dennoch, daß das Gefühl der Selbsterhaltung die junge Arbeiterklasse in genügendem Maße davor bewahrt und nicht zuläßt, daß ihr diese böse Krankheit eingeimpft wird. Auf diesem Kongreß jedoch, wo wir zum ersten Mal mit einer so bedeutenden Gruppe japanischer Arbeiter zusammenkommen, halten wir es für unsere Pflicht, brüderlich offen und ehrlich zu sagen, was wir in dieser Hinsicht denken: Wir halten es für notwendig auf Grund der Erfahrung, die die Kommunistische Internationale in allen anderen Ländern gesammelt hat, sie vor diesem abgefeimten, raffinierten Spiel zu warnen, das die Kapitalisten Englands treiben und das die Kapitalisten Japans zu treiben versuchen. Der Schlüssel zur Lösung der Frage des Fernen Ostens liegt in Japan. Wenn Marx einmal sagte, daß ohne eine Revolution in England jede Revolution in Europa eigentlich nur ein unbedeutender Sturm in einem kleinen Glase Wasser sein werde, weil England die Geschicke der europäischen Revolution entscheide, so müssen wir, die Behauptung von Marx anwendend, sagen, daß ohne eine Revolution in Japan jede Revolution im Fernen Osten nur eine örtliche Erscheinung, ein verhältnismäßig unbedeutender Sturm in einem verhältnismäßig kleinen Glase Wasser bleiben wird. Die japanische Bourgeoisie, die die Beherrscherin und Unterdrückerin der viele Millionen zählenden Völker des Fernen Ostens ist, hält die Geschicke des Fernen Ostens in ihren Händen. Nur der Sieg der Revolution in Japan wird die Frage des Fernen Ostens mit genügendem Ernst lösen. Erst nach dem Sieg in Japan wird die Revolution im Fernen Osten aufhören, ein Sturm im Wasserglase zu sein. Eine um so größere Verantwortlichkeit liegt daher auf der jungen Arbeiterklasse Japans.

Nach den unvollständigen Daten, die uns erreicht haben (wir haben jetzt die erste Möglichkeit freundschaftlicher Zusammenkünfte mit der japanischen Arbeiterklasse), wissen wir, daß die japanische Arbeiterbewegung zu erwachen und sich zu organisieren beginnt. Sie macht noch in vielen Beziehungen die Kinderkrankheiten durch. Japan hat fast drei Millionen Arbeiter (manche Berichte zählen noch mehr). Japan hat etwa fünf Millionen besitzlose Bauern. Japan durchlebt einen rasenden Aufschwung des Kapitalismus, und doch sehen wir, daß die Arbeiterbewegung in Japan noch sehr schwach ist. Die Zahl der klassenbewußten Kommunisten beträgt nur Hunderte. Die Zahl der Revolutionäre, der Syndikalisten, der Anarchisten beträgt auch nur Hunderte. Seit den Reisunruhen von 1918, dieser großen elementaren Massenbewegung, hat die japanische Bourgeoisie augenscheinlich mit keiner großen revolutionären Bewegung zu rechnen gehabt. Wenn wir von fern die gegenwärtige Lage in Japan betrachten, so kommen wir zu der Schlußfolgerung, daß die japanische Bourgeoisie vorläufig in einer außerordentlich glücklichen Lage ist, in der sie die Früchte der rasenden Entwicklung des Kapitalismus einheimst und sich in unerhörtem Maße bereichert. Gleichzeitig hat sie vorerst noch nicht mit der Kehrseite zu rechnen; sie sieht vor sich noch nicht die geballte Faust der japanischen Arbeiterbewegung.

Das Schicksal der japanischen Arbeiterbewegung erlangt die größte internationale Bedeutung. Ich sprach schon davon, daß der in Washington geschlossene Bund der vier Blutsauger dazu geschlossen wurde, um jetzt vorläufig in engstem Kontakt — mit weit größerer Rücksichtslosigkeit, als es bisher geschah — die unterdrückten Völker des Fernen Ostens zu zerstückeln, zu teilen und zu quälen. Und doch kann dieser Bund der vier Blutsauger durch nichts den Augenblick des unvermeidlichen blutigen Gemetzels um den Stillen Ozean hinausschieben. Dieser Krieg naht unvermeidlich. Mit der gleichen Unvermeidlichkeit, wie dem Morgen der Abend folgt, kann man voraussagen, daß dem ersten imperialistischen Kriege, der 1918 endete, ein zweiter Krieg folgen wird, der den Fernen Osten und das Problem des Stillen Ozeans zu seinem Objekt haben wird. Diesen Krieg könnte nur der Sieg der proletarischen Weltrevolution verhüten. Man kann nicht bestimmt sagen, ob er 1925 oder 1928 losbrechen wird. Aber — ob ein Jahr früher oder später — er ist unvermeidlich. Das Weltkapital kann ihm, seinem Schicksal, nicht entgehen. Nur wenn die junge Arbeiterklasse Japans genügend rasch soweit erstarkt, um die japanische Bourgeoisie an der Gurgel zu packen, und wenn sich parallel eine siegreiche revolutionäre Bewegung in Amerika entwickeln wird, kann dieser Krieg vermieden werden. Wenn in Amerika der Bürgerkrieg losbricht, wird er all das, was wir bisher gesehen haben, weit überflügeln. Die Hartnäckigkeit des Bürgerkriegs in Amerika wird gigantisch sein. Mir scheint, die amerikanischen Genossen haben vollkommen recht, die da sagen, daß, wenn es in Amerika zu einem solchen Kampf mit der Bourgeoisie kommt wie in Rußland, man dort ganze Städte in die Luft sprengen wird. Der Widerstand der Bourgeoisie in Amerika wird so hartnäckig sein, daß wir unerhörte Katastrophen sehen werden, im Vergleich zu denen der Kampf in Rußland während der letzten Jahre als Kinderspiel erscheinen wird. Die Hartnäckigkeit des Widerstands der amerikanischen Bourgeoisie wird gigantisch sein. Und ebenso hartnäckig wird der Widerstand der räuberischen, gewandten, vorläufig noch ungefährdeten japanischen Bourgeoisie sein.

Nur die rasche parallele Entwicklung und der Zusammenschluß der Arbeiterklasse in Japan und in Amerika könnten der Menschheit den neuen Krieg ersparen, könnten uns bis zum völligen Siege der proletarischen Weltrevolution vor den Zerstörungen der Produktion bewahren, die durch den unerhörten furchtbaren Kampf zwischen Amerika und Japan hervorgerufen würden. Deshalb können wir mit Recht sagen, daß der Schlüssel der Geschicke von einigen Hundert Millionen Menschen, die in China, in Korea und in der Mongolei leben, sich in den Händen der Arbeiterklasse von Japan befindet. Und es ist die Aufgabe des gegenwärtigen Kongresses, die Aktionen der unterdrückten, wenn auch nicht proletarischen Volksmassen des gesamten Fernen Ostens einerseits und des Industrie- und Landproletariats von Japan andererseits zu koordinieren. Durch Euren Mund, durch den Mund eines verhältnismäßig kleinen Häufleins der vorgeschrittenen Arbeiter Eurer Länder werden Hunderte Millionen der unterdrückten Bevölkerung des Fernen Ostens sprechen. Ihr habt eine glückliche Lösung zu finden, die eine wirkliche Koordinierung der Bewegung der jungen Arbeiterklasse von Japan einerseits und der Bewegung der nicht proletarischen, aber zahlreichen Volksmassen der von Japan unterdrückten Länder andererseits, bringt. Für alles übrige wird wohl die ganze Kommunistische Internationale sorgen müssen. Die Koordinierung im weitesten Umfang, d. h. die Koordinierung mit der Arbeiterklasse Amerikas, Englands, Frankreichs — der Länder, die auch an der Unterdrückung und Beuteteilung im Fernen Osten, an dem Bunde der vier Blutsauger teilnehmen — diese Koordinierung im Weltmaßstabe durchzuführen, muß Euch die gesamte Kommunistische Internationale helfen, die darin die Hauptaufgabe ihres Bestehens erblickt. Die Kommunistische Internationale hat auf ihr Banner die Weltrevolution geschrieben, nicht nur die europäische Revolution. Die europäische Revolution ist nur ein kleiner Teil, ein kleines Winkelchen auf der geographischen Karte der Weltrevolution. Wir legen uns ausgezeichnet Rechenschaft darüber ab, daß es unsere Aufgabe ist, diese richtige Zusammenarbeit und Koordinierung der Kräfte Eurer Arbeiterklasse und der Arbeiterklasse Amerikas und Europas zu vollziehen. In Euren Händen liegt jedoch die Initiative und von Euch wird es in hohem Maße abhängen, inwiefern es gelingen wird, eine richtige Koordinierung der Interessen einerseits des Proletariats, andererseits der nichtproletarischen unterdrückten Massen und unterdrückten Völker des Fernen Ostens zu finden, für die gegenwärtig das Hauptziel die nationale Befreiung, die nationale Unabhängigkeit ist. Das Pathos, das wir hier hören, ist vorläufig noch nicht kommunistisch, sondern nur nationalrevolutionär. Wird es uns gelingen, diesen ungeheuren Strom der stetig wachsenden nationalrevolutionären Bewegung mit dem allgemeinen, weit mächtigeren Strom der proletarischen Bewegung zu vereinigen, die sich rein kommunistische Aufgaben stellt? Diese Vereinigung ist notwendig und unvermeidlich. Die Kommunistische Internationale hat seit den ersten Augenblicken ihres Bestehens die Unvermeidlichkeit dieser Vereinigung eingesehen. Die Kommunistische Internationale hat auf ihrem zweiten Kongreß die Frage der unterdrückten Nationalitäten als besonders wichtige Frage behandelt.

Ihr werdet ausführlicher über die Taktik der verschiedenen Parteien im Fernen Osten sprechen. Es ist nicht meine Aufgabe, heute diese Frage zu erschöpfen. Meine Aufgabe ist nur, Euch in allgemeinen Zügen zu zeigen, wie wir im Zusammenhang mit der allgemeinen internationalen Lage die Aufgabe des Kongresses uns vorstellen. Ich muß Euch an den Beschluß der Kommunistischen Internationale im Jahre 1920, an den Beschluß des zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale erinnern, der im Namen der kommunistischen Arbeiter der ganzen Welt erklärt hat, daß wir uns gegenwärtig nicht auf die Parole der Gleichberechtigung der Völker beschränken können. Daß die Gleichberechtigung der Völker notwendig ist, das ist eine uns allen bekannte Binsenwahrheit. Es muß eine Lage erreicht werden, wo die Zeiten, in denen ein Volk über ein anderes herrschen wollte, als wilder Archaismus, als Barbarei erscheinen. Aber dabei darf man nicht bleiben.

Die bürgerlichen Demokraten haben unter der Parole der Gleichberechtigung der Völker oft ihre bürgerliche Schmuggelei betrieben. Die Kommunistische Internationale sagt direkt und konkret, daß die unterdrückten Völker sich um ein bestimmtes Land — um Sowjetrußland — vereinigen sollen. Das hat nicht nur irgend eine Partei gesagt, das haben die 42 Parteien gesagt, die auf dem zweiten Kongreß vertreten waren, die sich aus der ganzen Welt versammelt hatten. Sie haben die Verantwortung für Sowjetrußland übernommen, indem sie alle unterdrückten Völker aufforderten, sich um Sowjetrußland als erstes Land, wo zum ersten Mal die nationalen Fragen gestellt und ehrlich gelöst wurden, zu sammeln. Freilich sind viele andere Fragen in Sowjetrußland noch nicht gelöst, viele Fragen, besonders die Fragen der Oekonomie, sind noch nicht entschieden. Die bangsten, brennendsten Fragen der Sowjetrepublik sind noch nicht gelöst. Es gibt noch viele blutende Wunden an dem Körper der Sowjetrepublik, aber eine Frage existiert dort nicht mehr — das ist die nationale Frage. Die nationale Frage wurde in der Sowjetrepublik mit ungewöhnlicher Schmerzlosigkeit zur großen Befriedigung aller, das frühere russische Kaiserreich und jetzt Sowjetrußland bewohnenden Nationalitäten gelöst. Noch vor einigen Tagen hatte das Allrussische Zentralexekutivkomitee im Fernen Osten, in Sibirien einige nationale Fragen über die autonomen Gebiete und Republiken zu lösen, und sie wurden ebenso leicht und schmerzlos gelöst. Ihr wißt, daß Rußland Dutzende von Völkerschaften bewohnen, die unter dreifachem Joch gestöhnt haben; Ihr wißt, daß sich unter ihnen während der Herrschaft des Zarismus und der Herrschaft der Bourgeoisie traditioneller Haß und jahrhundertealtes Mißtrauen gegen alles Russische angesammelt haben. Das, was die Bourgeoisie und der Adel im Laufe vieler Jahrzehnte und Jahrhunderte verdorben hatten, alles das verbesserte die Arbeiterklasse Rußlands ehrlich und schmerzlos in einigen Monaten, indem sie die nationale Frage brüderlich löste, indem sie sie in Wirklichkeit und zu völliger Zufriedenheit aller Nationalitäten löste, die Sowjetrußland bewohnten und noch bewohnen. Eben daher dürfen wir annehmen, daß wir in dieser Beziehung ein lebendiges konkretes Muster von Fleisch und Blut gewonnen haben. Wir brauchen jetzt nicht abstrakt zu erwägen, sondern wir haben ein lebendiges Beispiel dafür, wie die Völker, die ihre Bourgeoisie besiegt haben, die nationalen Probleme lösen sollen. Und darum konnte und durfte es der zweite Kongreß der Kommunistischen Internationale wagen, alle unterdrückten Völker, darunter die unterdrückten Völker des Fernen Ostens, aufzufordern, sich um ein bestimmtes Land zusammenzuschließen, das in dieser Beziehung schon Erfahrungen hatte, und zwar um Sowjetrußland, um zusammen mit ihm und nach seinem Beispiel die quälenden nationalen Probleme zu lösen, die noch auf vielen Hunderten Millionen Menschen lasten. Und dieser Kongreß hat in den Grundzügen die gleiche Frage gelöst, die Ihr zu lösen habt — das ist die Frage der Koordinierung der Kräfte der erwachenden unterdrückten Völker, die noch nicht den Kampf um den Sozialismus, sondern um die eigene Befreiung führen, und des kämpfenden Proletariats der Länder, in denen ein Proletariat existiert. China, Korea, die Mongolei sind nicht schuld daran, daß sie kein Industrieproletariat haben, sie können nicht gleich über einige Stufen hinwegspringen. Das ist auch kein Unglück. Es wäre aber ein wirkliches Unglück, wenn Ihr nicht verstehen würdet, diese Bewegung mit der Bewegung der Arbeiterklasse von Japan und Amerika zu koordinieren. Wir sind keine Doktrinäre und keine Sektierer. Wir entsagen nicht den Grundgedanken des Kommunismus und werden ihnen nicht entsagen. Wir werden den Kommunismus überall propagieren, wo wir auch nur als kleines Häuflein bleiben, wir werden aber auch zusammen und Schulter an Schulter leben und kämpfen mit den viele Millionen zählenden Massen, wie sie auf dieser unserer sündigen Erde leben und kämpfen. Wir werden unseren Genossen, den chinesischen, koreanischen und japanischen Kommunisten, die vorläufig noch eine kleine Gruppe sind, den Rat geben, nicht abseits zu stehen, nicht von oben herab auf jene „Sünder“ und „Zöllner“ zu blicken, die noch nicht Kommunisten geworden sind, sondern sich in die tiefste Tiefe, unter jene Millionen Menschen zu drängen, die in China kämpfen, Menschen, die vorläufig um die nationale Unabhängigkeit und Befreiung ringen. Das ist notwendig, denn die Geschichte hat jetzt die Frage ganz bestimmt gestellt. Die Lösung der nationalen Frage liegt nicht bei Versailles und bei Washington, sondern in den Händen des Proletariats und nur in seinen Händen. Andererseits wenden wir uns an die Funktionäre der nationalen Bewegung und sagen: Laßt Euren Glauben an Versailles und Washington fallen, glaubt nicht an die bürgerlichen Kombinationen, seht ein, daß die Frage durch den Gang der Geschichte so gestellt ist: entweder erkämpft Ihr zusammen mit dem Proletariat die Unabhängigkeit oder Ihr erkämpft sie überhaupt nicht; entweder erhaltet Ihr die wirkliche Befreiung aus den Händen des Proletariats, im Zusammenwirken mit ihm, unter seiner Führung, oder Euch ist beschieden, die Sklaven der englischen, amerikanischen, japanischen Kamarilla zu bleiben; entweder werden die Hunderte Millionen der Werktätigen Chinas, Koreas, der Mongolei und der anderen Länder einsehen, daß ihr Verbündeter und Führer das Weltproletariat ist, und ein für allemal die Hoffnungen auf irgendwelche bürgerliche und imperialistische Kombination aufgeben, oder ihre nationale Bewegung ist dem Verderben geweiht und es wird immer irgend ein Imperialist über sie die Peitsche schwingen, den Bürgerkrieg fortführen, China zerstückeln und zerbröckeln. Diese Frage ist heute so gestellt nicht von Theoretikern, nicht von Schriftstellern, nicht von der Phantasie dieses oder jenes Führers, sondern sie ist so gestellt durch den Entwicklungsgang der Weltgeschichte, durch den Entwicklungsgang des Weltimperialismus, der jetzt die Frage des fernen Ostens in den Vordergrund rückt. Das sagt die Kommunistische Internationale, indem sie sich an beide Teile des Kongresses wendet: den Teil, der aus klassenbewußten Kommunisten besteht und dessen Aufgabe es ist, die Arbeiterklasse zum Sieg über die Bourgeoisie zu organisieren, und den Teil, der aus den nicht proletarischen Elementen, aus den Führern der werktätigen Massen besteht, die gegen den fremdländischen Unterdrücker kämpfen. Euer Bund ist notwendig, und wir werden für die Bourgeoisie arbeiten, wenn wir diesen Bund irgendwie schwächen. Unser Kongreß wird eine weltgeschichtliche Bedeutung erwerben, wenn wir die Aufgabe der Koordinierung und Zusammenarbeit dieser zwei gigantischen weltgeschichtlichen Kräfte vorwärts bringen und sie, wenn auch nur im Entwurf, lösen. Gen. Lenin hat so manches Mal gesagt, daß die Hunderte Millionen Bewohner des Fernen Ostens, wie er sich ausdrückte, die letzten Reserven der Menschheit seien. Ja, sie sind wirklich die letzten Reserven der Menschheit. Seit langen Jahren blutet das russische Proletariat auf seinem Posten des Vorkämpfers, der Vorhut der proletarischen Weltrevolution. Wenn uns selbst im europäischen Rahmen der Sieg beschieden ist, so wird er nicht haltbar sein, bis sich nicht die letzten Reserven der Menschheit erheben, bis sich nicht die viele Millionen zählenden Massen der Länder, deren Vertreter Ihr seid, erheben. Eine weltgeschichtliche Aufgabe ist diesem an Zahl geringen, aber an Bedeutung sehr gewichtigen Kongreß gestellt in der heutigen, überaus wirren Weltsituation, da die heuchlerischen Stimmen der Räuber in Washington noch nicht verklungen sind, da man, wenn nicht heute, so morgen sich in Genua versammeln wird, um zu versuchen, Sowjetrußland zu erdrosseln und um Eure Gewänder zu losen. Denn der einzige, vorläufig noch nicht verteilte Leckerbissen seid Ihr, die viele Millionen zählenden Völker des Fernen Ostens. Jetzt, da die Weltbourgeoisie selbst noch nicht weiß, was vorgeht, was der kommende Tag ihr bringen, nicht weiß, womit sie erwachen wird; da sie nicht weiß, ob sie den Vorabend eines neuen Aufschwungs oder den letzten Weg zu ihrem Aussterben vor sich hat, jetzt seid Ihr das entscheidende Gewicht auf der Wagschale. Und wenn das Erwachen der Völker des Fernen Ostens rasch, organisiert, energisch vorwärts schreitet, wenn Ihr dem östlichen Winterschlaf den Kampf erklärt, wenn Ihr als die Fortgeschrittensten unter Euren Völkern Euch an die Spitze dieses Kampfs stellen, keine Opfer scheuen und einsehen werdet, daß Ihr einen anerkannten Führer — die Kommunistische Internationale — habt, dann werden viele von Euch den wirklichen und völligen Sieg der Weltrevolution erleben. (Stürmischer Beifall.)

## G. Safarow: Die Nationalitäten- und Kolonialfrage

Genossen, niemals ist das kapitalistische Weltsystem in einem so zerrütteten Zustande gewesen, wie in der Zeit, die wir eben durchleben. In dem imperialistischen Kriege von 1914—18 gelangten die Länder zum Siege, die an dem Kriege den wenigsten und vielleicht einen rein fiktiven Anteil genommen hatten. Während dieser Krieg den größten Teil Europas ruinierte, die europäische kapitalistische Wirtschaft in ihren Grundfesten erschütterte, schuf er in Amerika und in Japan in der ersten Zeit auf dem Boden zunehmender Kriegslieferungen für Europa den Anschein eines industriellen Aufschwungs. Wenn Ihr die Ziffern der Warenausfuhr, die Ziffern des Außenhandels von Amerika und Japan nehmt, so seht Ihr, daß die kapitalistische Industrie während dieser Periode, der Periode des Kriegsaufschwungs, in diesen Ländern einen ungeheuren Sprung vorwärts gemacht hat. Es schien, daß es diesen Ländern gelingen würde, die Früchte ihres Sieges zu genießen, es schien, daß sie wirklich Sieger in diesem imperialistischen Kriege geblieben waren. Indessen beginnt bereits im März 1920 in Japan eine Krise. Es kommt ein rascher Niedergang des Außenhandels, es kommen eine Reihe von Zusammenbrüchen großer Bankunternehmen. Die Krise, die ursprünglich in der Seidenindustrie Japans begann, griff später nach Amerika über und begann dort ihre Früchte zu tragen. In Amerika, im Lande des blühenden Kapitalismus, in Amerika, das ungeheure Reichtümer an Rohstoffen besitzt, das ungeheure Mengen noch in der Vergangenheit angehäufter Produktivkräfte besitzt, in Amerika entsteht ein ungeheurer Kader von Arbeitslosen, ungefähr von 6 Millionen Mann. Die letzten Nachrichten deuten ganz bestimmt darauf hin, daß in Amerika auch jetzt, Ende 1921 und Anfang 1922, keine Erleichterung in der wirtschaftlichen, in der ökonomischen Lage eingetreten ist.

Der imperialistische Krieg hat die europäische kapitalistische Wirtschaft in einen Abgrund gestürzt, und später sind auch der amerikanische und der japanische Imperialismus die schiefe Ebene hinab in den gleichen Abgrund gerollt. Das kapitalistische System, die kapitalistische Weltwirtschaft hat ihr Gleichgewicht verloren. Die Grundlage, das Fundament des kapitalistischen Systems ist eingeengt.

Auf dem zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale wurde eine besondere Resolution zur Nationalitäten- und Kolonialfrage angenommen. In dieser Resolution war mit völliger Bestimmtheit gesagt, daß die imperialistische Politik in Europa und Amerika unvermeidlich zum Ruin nicht nur der breiten Schichten der Arbeiterklasse, sondern auch eines bedeutenden Teils des ländlichen und städtischen Kleinbürgertums führt und der Kapitalismus Raubpolitik in den Kolonien treiben, immer größere Gebiete ergreifen und in seinen eigenen Reihen einen erbitterten Konkurrenzkampf um den Besitz der Kolonien führen muß. Insoweit der imperialistische Krieg und die Nachkriegskrise des Kapitalismus das Fundament, die Grundlage der kapitalistischen Produktion eingeengt haben, insoweit ist die Frage der Kolonien in unserer Zeit unvermeidlich der Angelpunkt der imperialistischen Weltpolitik. Und da der Ferne Osten bisher ein wenig abseits von der imperialistischen Konkurrenz, von der Rauferei der einzelnen Großmächte untereinander gestanden hat, sind jetzt natürlich alle ihre Blicke dorthin gerichtet, und versuchen sie jetzt mit seiner Hilfe und vor allem mit Hilfe der ungeheuren Vorräte an Rohstoffen und billiger Arbeitskraft in China, ihre ehemalige Macht sowohl auf politischem als auf ökonomischem Gebiet wieder herzustellen. Niemals noch hat der Kapitalismus eine so schwere Krise durchgemacht, niemals war der Kapitalismus noch so von räuberischen, annexionistischen Absichten durchdrungen.

In der Resolution des zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale ist direkt und bestimmt gesagt, daß die Parole der bürgerlichen Demokratie, die formelle Gleichheit aller Nationen, sowohl der Völker, die auf dem Wege der kapitalistischen Entwicklung stehen, als auch der rückständigen, von fremdländischem Joch unterdrückten und der freien Völker, nur eine leere Illusion ist. Eben diese Illusion entlarvt die Resolution der Kommunistischen Internationale; diese Politik, die sich hinter pseudodemokratischen Phrasen versteckt, deckt die Kommunistische Internationale vor allem auf.

In den Berichten der einzelnen Organisationen und der Diskussion über den Bericht des Gen. Sinowjew haben die Genossen kraß genug geschildert, was die Parole der bürgerlichen Demokratie von der Gleichheit aller Nationen bedeutet. Die Genossen gaben eine lebhafte Schilderung dessen, was die Parole der Gleichheit der Nationen in der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Unter der Herrschaft der Bourgeoisie, unter der Herrschaft des Kapitalismus kann es keine Gleichheit der Nationen geben. Es kann keine Gleichheit geben, weil das Kapital der mächtigeren Großstaaten immer bestrebt ist, die unterdrückten Völker sich zu unterwerfen, weil das Kapital der mächtigeren Großstaaten bestrebt ist, die rückständigen Völker als billige Arbeitskraft auszubeuten, die Naturreichtümer ihrer Länder zu rauben. Und das Wichtigste, was auch in der Resolution dieses Kongresses angeführt und ausgesprochen werden muß, ist das Verständnis dafür, daß es auf dem Wege des Kompromisses mit der Weltbourgeoisie, auf dem Wege des Uebereinkommens mit den imperialistischen Großmächten für die unterdrückten kolonialen und halbkolonialen Länder keine Rettung geben kann. Viele von denen, die vor ein bis eineinhalb Jahren noch auf Versailles rechneten, dann auf die Hilfe dieser oder jener imperialistischen Räuber hofften, sind jetzt zu uns gekommen; sie alle haben sich überzeugt, daß alle Hoffnungen darauf, mit Hilfe der räuberischen Großmächte irgend etwas zu erreichen, die Geschicke erleichtern zu können, umsonst sind; sie alle haben jetzt eingesehen, daß all das sinnlose Illusionen sind. Ein Volk, das ein anderes Volk unterdrückt, kann nicht frei sein. Eine kapitalistische junkerliche Regierung kann den Unterdrückten nicht die Freiheit geben, die für diese Unterdrückten ebenso notwendig ist, wie Licht, Luft und Brot.

Genossen, im Gegensatz zu den bürgerlichen Politikern, im Gegensatz zu den Vertretern der großmächtigen europäischen und amerikanischen Bourgeoisie, wendet sich die Kommunistische Internationale an die unterdrückten Völker mit der Erklärung: Eure Befreiung liegt in Euren eigenen Händen. Aber Ihr könnt Eure Befreiung nur erreichen, wenn Ihr Euch Schulter an Schulter neben das internationale Proletariat stellt, das um seine eigene soziale Befreiung kämpft.

Das internationale Proletariat versteht sehr gut, daß es das kapitalistische Joch nicht in der ganzen Welt zerstören, daß es nicht die Diktatur des Proletariats in der ganzen Welt errichten kann, ohne die rückständigsten Schichten der Menschheit, die letzten Reserven der Menschheit, in diesen großen Kampf um die Befreiung hineinzuziehen. Der Weltimperialismus hat die Geschicke der werktätigen Massen Japans, Chinas, Koreas, der Mandschurei und der Mongolei in einen gemeinsamen Knoten geknüpft. Und jetzt können sich weder die Werktätigen Koreas, noch die Werktätigen der Mongolei ihre Freiheit sichern, sie können sich nicht die freie nationale Entwicklung sichern, ohne einmütige solidarische Arbeit Schulter an Schulter in ihren eigenen Reihen und Schulter an Schulter mit dem internationalen Proletariat. Um dies zu verstehen, müssen wir ein wenig bei den Zuständen verweilen, die in diesen Ländern herrschen. Die meisten Länder des Fernen Ostens sind rückständige Länder, die kaum ihre ersten Schritte auf dem Wege der kapitalistischen Entwicklung machen. Sie machen diese ersten Schritte auf dem Wege der kapitalistischen Entwicklung unter dem Druck äußerer Kräfte, unter dem Druck äußeren Zwangs, unter den Hieben der imperialistischen Besitzergreifer, unter den Hieben der fremdländischen Eroberer. In den meisten dieser Länder herrscht noch die kleinbürgerliche Halbnaturalwirtschaft. Die fremden Eroberer sind in diese Länder gedrungen, um sie auszubeuten. Sie haben die alten rückständigen Verhältnisse nicht zerstört, sie haben die Verhältnisse nicht vernichtet, die im Laufe von Jahrhunderten entstanden sind, die den Willen der Werktätigen lähmten, sie jeglicher Freiheit beraubten, ihnen jede Möglichkeit nahmen, sich selbständig in eine bewußte Klasse zusammenzufassen. Der Kapitalismus nutzt die mittelalterliche, halb feudale Rückständigkeit Chinas, Koreas und der anderen Länder des Fernen Ostens aus, um die reichen Quellen dieser Länder, die reichen Vorräte an Arbeitskraft und Rohstoffen auszubeuten und die ungeheuerlichsten Profite zu machen. Es ist wohl begreiflich, daß unter solchen Umständen ein klares Verständnis des Stadiums der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung, in dem sich die unterdrückten Völker des Fernen Ostens befinden, die zwingendste Notwendigkeit für jeden Kommunisten, jeden Revolutionär, jeden ehrlichen Demokraten ist.

Anfangs trat in China die einheimische Bourgeoisie ausschließlich in der Rolle einer Vermittlerin zwischen dem europäischen Kapital und dem einheimischen Markt auf. Der chinesische Kaufmann war der Handelskommissionär, der unter dem Oberbefehl des europäischen Kapitals in den einheimischen Kreisen, unter den unaufgeklärten Bauern wirkte und das einheimische Handwerk zerstörte, das viele Millionen Menschen ernährte. Das ausländische Kapital errichtete, als Ueberbau, seine Macht über den rückständigen einheimischen Verhältnissen, über den rückständigen werktätigen Massen. Der Vertreter des südlichen China wies während der Diskussion darauf hin, daß der ausländische, der fremde Kapitalismus in China allmählich alle Hauptquellen der Existenz der werktätigen Massen, die Hauptmasse der Produktivkräfte in Besitz genommen habe. Der Genosse zählte die einzelnen Betriebe auf und wies darauf hin, welcher Teil dieser Betriebe dem ausländischen Kapital gehört. Soweit das ausländische Kapital ein rückständiges Land erobert und dort seine Herrschaft errichtet, soweit führt es auch eine gewisse Arbeitsteilung ein, eine Arbeitsteilung zwischen der europäischen „Herrenrasse“ und den rückständigen einheimischen Massen. Der Chinese muß die ganze Zeit seines Lebens der zur Zwangsarbeit verurteilte Bauer bleiben, der an sein Land gebunden ist, der sein letztes Vermögen dem Dorfwucherer gibt und durch diesen Schweiß und Blut dem amerikanischen Kapitalismus darbringt. Der einheimische Handwerker muß sein Handwerk, sein einfaches Werkzeug aufgeben, das nicht mit europäischen und amerikanischen Fabriken konkurrieren kann, weil dies das Gesetz der kapitalistischen Gesellschaft ist. Dieser Handwerker, dieser ruinierte Bauer wird aus dem wirtschaftlichen Betrieb geschleudert und führt das jämmerlichste Dasein als Lumpenproletarier, als Bettler, der seine Lage im Rahmen der europäischen Herrschaft, im Rahmen der imperialistischen Herrschaft auf keine Weise verbessern kann.

Das europäische Kapital hat die wichtigsten Knotenpunkte des Verkehrs im Lande, die wichtigsten politischen Zentren in seine Hände genommen und dort seine Macht errichtet. Als Beispiel dieser Herrschaft können verschiedene Konzessionen und das Prinzip der Exterritorialität in China dienen. Der ausländische Imperialismus hat von allem Besitz ergriffen, was zu haben war, von allen strategischen Punkten in der Oekonomik wie in der Politik. Das ausländische Kapital bestimmt die Geschicke der unterdrückten Massen, und es zwingt diese unterdrückten Massen, unter seinem Oberbefehl zu arbeiten. Der Kapitalismus, der in Europa eine große revolutionäre Tat vollbracht hat, indem er die rückständigen Bauernmassen in den Fabriken sammelte, diese Massen die kollektive Arbeit lehrte, sie organisierte, ihnen den Geist des Kampfs einhauchte, sie zum Kampf für ihre Interessen zwang, dieser Kapitalismus entwickelt nicht die Industrie in den rückständigen Ländern, dieser Kapitalismus ist bestrebt, diese rückständigen Länder rückständig zu erhalten als Lieferanten des Rohstoffes. Während der Kapitalismus in Europa die Bauernschaft zum Proletariat macht, verwandelt er hier den Bauer in einen Lumpen, der aus dem wirtschaftlichen Betrieb geschleudert und des öfteren gezwungen ist, Straßenräuber zu werden, weil er keine Mittel zur Existenz hat, weil er nicht die Möglichkeit hat, sich und seine Familie zu erhalten. Das Schicksal, das China und Korea betroffen hat, zeigt uns anschaulich, daß der europäische Kapitalismus, der amerikanische Kapitalismus und überhaupt der internationale Kapitalismus an der Entwicklung der Produktivkräfte dieser rückständigen Länder nicht interessiert ist, sondern im Gegenteil auf jede Art und Weise versucht, die industrielle Entwicklung dieser Länder zu hemmen, um seine räuberischen Interessen auf Kosten der Lebensinteressen der breiten werktätigen Massen zu sichern. Und als einige Vertreter der nationalrevolutionären Organisationen der bürgerlichen Demokratie Hilfe in Versailles und an anderen Orten suchten, stießen sie daher jedes Mal auf völliges Unverständnis ihrer Interessen, auf Feindseligkeit, die in äußersten Haß überging. Man konnte sie dort nicht verstehen, weil dort die Vertreter jener Klassen saßen, die unmittelbar an der Ausbeutung dieser Länder interessiert sind. In China unterstützen diese Gruppen die feudale Monarchie. Das währt seit der Revolution von 1911. In China bestand der Feudalismus als militärisch-bürokratische Organisation, die über die patriarchalische bäuerliche Kleinwirtschaft herrschte. Die Ueberbleibsel dieses Feudalismus versucht der Kapitalismus, der ausländische Kapitalismus, auszunutzen, um den Körper Chinas zu zerfleischen, um das staatliche Gebiet Chinas zu zerstückeln, und er ist bestrebt, die beständigen Wirren und den Bürgerkrieg in diesem Lande zu unterstützen, um durch die Unordnung und die Anarchie seine räuberischen Interessen zu sichern. Die japanische Politik, die Politik unverhohlener Plünderung, die Politik offenen Raubes und offener Gewalt war besonders klar ausgedrückt in einem Dokument, in einer Denkschrift, die von dem japanischen reaktionären patriotischen Verein „Der schwarze Drache“ noch zu Beginn des imperialistischen Weltkriegs verfaßt wurde. In dieser Denkschrift schrieben diese Herren, hervorragende Leiter der imperialistischen Politik Japans, ganz offen, ohne sich im geringsten zu genieren und zu beunruhigen, folgendes:

> „Wir müssen unverzüglich anfangen, die chinesischen Revolutionäre, die chinesischen Imperialisten und überhaupt alle unzufriedenen Elemente in China zu provozieren, um Unruhen hervorzurufen.

> Gleichzeitig müssen wir in den einflußreichsten und höchsten Kreisen der Bevölkerung eine Person vorbereiten, die wir im Falle der Errichtung einer neuen Regierungsform und der Beruhigung des Landes unterstützen können. Das können wir natürlich nur mit Hilfe unserer Armee tun, und wenn letztere Leben und Besitz der chinesischen Bevölkerung beschützt, wird diese gern einverstanden sein, eine Regierung anzuerkennen, die bereit ist, einen Bund mit Japan zu schließen.

> Der gegenwärtige Augenblick ist günstig zur Erregung von Unruhen. Es fehlt nur an Geldmitteln. Wenn die japanische Regierung aber die geschaffene Lage ausnutzt und eine Anleihe macht, werden unverzüglich Aufstände ausbrechen. Dann können wir ganz ruhig auftreten und leicht unser Ziel erreichen. Jedoch ist in Anbetracht des Verlaufs des europäischen Krieges äußerste Schnelligkeit des Handelns notwendig, denn es kann sein, daß sich ein so günstiges Zusammentreffen der Umstände, wie das gegenwärtige, niemals wiederholt.

> Wir müssen darüber nachdenken, inwiefern die republikanische Regierungsform dem Charakter und den Bedürfnissen des in Frage kommenden Volkes entspricht. Nichts außer Enttäuschung sehen wir bisher auf jedem Gebiet der Verwaltung, seit der Errichtung der Republik bis auf den heutigen Tag. Sogar diejenigen, die ursprünglich für die Republik waren, anerkennen heute, daß sie einen Fehler gemacht haben. Die Erhaltung der bestehenden Regierungsform auch in der Zukunft würde daher die Möglichkeit eines Uebereinkommens zwischen China und Japan immer mehr erschweren.

> Im Interesse der japanischen Politik, die sich einen dauernden Bund mit China zum Ziel setzen soll, ist es, daß gleichzeitig mit dem Wechsel der Regierung in China auch eine Aenderung der Regierungsform und die Verwandlung der Republik in eine konstitutionelle Monarchie stattfindet, die der in Japan bestehenden vollkommen entspricht.“ (V. Band Nr. 7/8. Seite 234—235.)

Diese Leute sind ganz offen. Ehe sie ihre räuberische Politik durchführten (sie haben sie auch früher durchgeführt), ehe sie sie in größerem Maßstabe durchführten, setzten sie ihre Absichten auseinander und sprachen sich offen über das Programm der japanischen Regierung, des japanischen Imperialismus aus: Wirren im Lande zu erwecken, ihm jede Möglichkeit eigener ökonomischer Entwicklung zu nehmen und auf diese Weise ihre Tatzen nach den natürlichen Reichtümern des unterdrückten Landes auszustrecken. Das, was weiter geschah, war eine direkte Verwirklichung dieses Plans. Es bestand gerade darin, den Abschaum des chinesischen Volks, die räuberischen Tutschunen, und durch sie den Bürgerkrieg zu unterstützen, mit ihrer Hilfe die chinesische Nation zu ruinieren. Der Vertreter der Partei Go-Min-Dan hat geschickt charakterisiert, was die verschiedenen nördlichen Regierungen vorstellten, die seit 1918 viele Male gewechselt haben. Er sagte: diese Leute fahren im Auto, machen Schulden bei Ausländern und tun nichts. Ihre einzige Beschäftigung besteht darin, erstens ihr Land stückweise an die ausländischen Besitzergreifer zu verhandeln, und zweitens sich selbst jeden Tag, jede Stunde, jede Minute an diese ausländischen Besitzergreifer zu verkaufen.

Es ist selbstverständlich, daß hinter jedem der militaristischen Räuber, hinter jedem der Tutschunen, die den Bürgerkrieg in China unterstützen, das ausländische Kapital steht, das wie auf einem Schachbrett verschiedene Züge macht. Wenn der japanische Imperialismus in der von mir zitierten Denkschrift mit so außerordentlicher Offenheit und mit so außerordentlichem Zynismus seine Absichten äußerte, so ist das kein Wunder. Die ökonomischen Interessen des japanischen Imperialismus drängten ihn dazu. Die Ausfuhr aus Japan nach China betrug im Jahre 1908 52, im Jahre 1917 221 Millionen Tael. Während die japanische Ausfuhr nach China 1908 nur 14 Prozent der gesamten Ausfuhr bildete, betrug sie 1917 bereits 42 Prozent, d. h. sie war auf das dreifache gestiegen. Nach 1917 ist die Ziffer der Ausfuhr aus Japan nach China ununterbrochen gewachsen, und zwar deshalb, weil der japanische Imperialismus um jeden Preis und so rasch wie möglich die Gelegenheit, daß die anderen imperialistischen Räuber durch den Kampf an anderen Fronten abgelenkt waren, benutzen mußte, um einen bedeutenden Teil des chinesischen Territoriums in Besitz zu nehmen, seine Herrschaft in der südlichen Mandschurei zu errichten, seine tatsächliche Herrschaft im nördlichen China durchzusetzen. Der Versuch, China formell in den imperialistischen Weltkrieg hineinzuziehen, ist ein treffendes Beispiel des Zynismus der imperialistischen Diplomatie. Japan hatte keine Bedenken, China in den Abgrund des imperialistischen Krieges zu stoßen, weil es hoffte, unter dem Vorwande des Kampfes für China gegen Deutschland den größten Druck auf das chinesische Volk auszuüben, seine Rückständigkeit und Schwäche am bequemsten ausnutzen zu können, um sein räuberisches, zerstörendes Werk zu vollenden.

Soweit der ausländische Kapitalismus in solche rückständige Länder wie China dringt, schafft er sogar in den Fabriken, sogar in der Industrie solche Arbeitsbedingungen, die auf einen ganz unglaublichen Grad der Ausbeutung der einheimischen werktätigen Massen hinweisen. So starben z. B. in den zwei größten Eisenbahnwerkstätten, die 5000 Mann beschäftigten, während des Jahres 1920 3 Prozent aller Arbeiter an der Tuberkulose. Die Sterblichkeit an der Tuberkulose erreicht unter den Grubenarbeitern 9 Prozent. Man könnte denken, daß der japanische Kapitalismus, der unter anderem in den rückständigen Ländern solche unmenschlichen Arbeitsbedingungen schafft, seine eigenen Arbeiter besser behandelt, seinen eigenen Arbeitern bessere Existenzbedingungen bietet. In Wahrheit sehen wir, daß von 1000 Frauen in der Baumwollenindustrie Japans 34 an der Lungentuberkulose erkranken, an Tuberkulose anderer Organe 47; in der Textilindustrie 210 an Lungentuberkulose, 280 an Tuberkulose anderer Organe; in der Hanfindustrie erkranken an Lungentuberkulose 114, an Tuberkulose anderer Organe 114. Der Profit, der blutige Mehrwert, der den werktätigen Massen des chinesischen Volkes abgepreßt wird, kommt nicht dem japanischen Arbeiter, dem japanischen Bauern, der japanischen Arbeiterin zugute, sondern verschwindet ausschließlich in der Tasche des japanischen Kapitalisten, des japanischen Gutsbesitzers, der durch die Plünderung des fremden Landes seine Einkünfte vergrößert und diese größeren Einkünfte dazu benutzt, seine eigenen Arbeiter und Bauern noch grausamer zu plündern. Die Sterblichkeit unter der Arbeiterbevölkerung Japans, unter den chinesischen Arbeitern ist grauenerregend. Sie erinnert an die Ziffern, die Marx anführte, als er die sogenannte Epoche der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals beschrieb. Es ist selbstverständlich, daß jetzt, wo ein ungeheurer Hunger nach Heizmaterial und Erzen in der ganzen Weltwirtschaft herrscht, der englische, amerikanische, japanische und auch französische Kapitalismus ihre Blicke nach China wenden. Ich gebe hier eine vergleichende Tabelle der Kohlenvorräte in der ganzen Welt: Vereinigte Staaten Nordamerikas 3838 Milliarden Tonnen, Kanada 1234, China 996, Deutschland 423 und Großbritannien 189 Milliarden Tonnen.

Ihr seht, daß der amerikanische Kontinent der reichste ist an Kohlenvorräten, gleichzeitig erseht Ihr aber aus dieser Tabelle, daß ganz Europa um die Hälfte ärmer ist an Kohlenvorräten als China allein. Großbritannien, das im Laufe vieler Jahrzehnte die Kohlengrube der europäischen Industrie war, Deutschland, das dank seiner Kohlenreichtümer die größten Eroberungen auf dem Gebiet der Industrie machen konnte, besitzen beide zusammen nur die Hälfte der Kohlen, die China allein besitzt. Jedoch die Ausbeutung der Kohle beginnt dort erst. Im Jahre 1900 erreichte die Ausbeutung 5 Millionen Tonnen, 1917 schon 20 Millionen Tonnen. Die chinesische Industrie beginnt erst sich zu entwickeln. (Aus der Zeitschrift „Der neue Osten“, Band II, Heft 2, Seite 10.) Im Jahre 1913 betrug die Zahl der nach den Anforderungen der modernen Technik eingerichteten Fabriken und Werke 21 713; die Zahl der dort beschäftigten Arbeiter betrug 630 982. Unter den 21 713 Betrieben gab es 347 mit mechanischen Motoren, davon 295 mit Dampfmotoren; außerdem gab es 141 Elektromotoren und 212 Betriebe mit verschiedenen anderen Motoren. Unter den Arbeitern gab es 418 000 Männer und 212 000 Frauen. Ende 1913 zählen wir 565 Gesellschaften, die industrielle Unternehmen besitzen; wobei die allgemeine Summe der in ihnen angelegten Kapitalien 59 857 000 Dollar erreicht mit einem Reservekapital von 1 857 000 Dollar. Nach den letzten statistischen Angaben verteilen sich die Fabrikunternehmen auf folgende Industriezweige:

| Industriezweig | Betriebe | Arbeiter |
|---|---:|---:|
| Landwirtschaftliche Maschinen | 6030 | 94 745 |
| Spinnerei- und Webereiunternehmen | 4652 | 249 324 |
| Lebensmittelproduktion | 6175 | 181 732 |
| Papierfabriken und Druckereien | 2184 | 64 352 |
| Metallindustrie | 158 | 4 040 |

Diese Fabriken beschäftigen sich, soweit sie einheimischen Ursprungs sind, hauptsächlich mit der Verfertigung von Halbfabrikaten. Nur die Fabriken, die sich in fremdländischen Händen befinden, sind großindustrielle Unternehmen.

Wenn wir China als Wirtschaftsgebiet nehmen, müssen wir sagen, daß ihm in der Industrie eine große Zukunft bevorsteht. Kein einziges Land der Welt besitzt solche natürlichen Reichtümer, kein einziges Land in der Welt ist so dicht bevölkert wie China, und kein einziges Land in der Welt wird so grausam ausgebeutet wie China, vielleicht mit Ausnahme Indiens. Der amerikanische und der englische Kapitalismus sind gleich interessiert an der räuberischen Ausbeutung der Rohstoffe in China; sie sind nicht interessiert an der Entwicklung der Industrie in China. Die Washingtoner Konferenz mit ihrer Vereinigung der vier größten Mächte zeigt, daß nicht einmal die Vertreter der chinesischen Bourgeoisie irgendwelche Hoffnungen in dieser Richtung hegen können. Die chinesische Industrie, der chinesische Kapitalismus kann sich mit Hilfe des ausländischen Kapitalismus, mit Unterstützung des amerikanischen, englischen und japanischen Kapitalismus nicht entwickeln, weil das nicht im Interesse der Großmächte ist, weil das ihren Kolonialinteressen, ihren kapitalistischen Interessen widerspricht. Welche Aufgaben sind nun den chinesischen werktätigen Massen gestellt? Die Hauptaufgabe, die den werktätigen Massen Chinas zu lösen bevorsteht, ist die Befreiung vom fremdländischen Joch. Man muß jede Schwankung der verschiedenen chinesischen Politiker, jedes Hinneigen zu Verabredungen, zu Zugeständnissen an diesen oder jenen imperialistischen Räuber auf das erbarmungsloseste kritisieren (das ist die Aufgabe der Kommunisten, und nicht nur der Kommunisten, sondern auch aller ehrlichen chinesischen Demokraten). Ganz richtig hat Genosse Sinowjew bemerkt, ohne natürlich die besten Vertreter der Partei Go-Min-Dan im Auge zu haben, sondern gewisse Kreise, die mehr oder minder mit der Regierung des südlichen China politisch verbunden sind, daß es in diesen Kreisen amerikanophile Elemente gibt. Und ganz richtig hat er bemerkt, sogar die chinesische Bourgeoisie habe keine Hoffnungen, daß China „Karriere machen“ könne, daß es mit Hilfe des englischen, amerikanischen und japanischen Kapitalismus in die Reihen der Großmächte treten könne. Solche Hoffnungen gibt es nicht und kann es nicht geben, weil das amerikanische Kapital vor allem daran interessiert ist, China als Arbeitskraft, als Bezugsquelle für Rohstoffe auszunutzen. Es bedarf eines entschiedenen Kampfes für den Sturz der Ordnung, die die feudale Anarchie innerhalb des Landes unterstützt. Es bedarf des Kampfes aller chinesischen Demokraten um die föderative Republik China. Es ist nötig, daß die chinesischen Demokraten sich nicht nur auf die Arbeit in den Oberschichten, in der sogenannten gebildeten Gesellschaft beschränken, sondern es ist nötig, daß sie auch in die tiefste Tiefe der Volksmassen gehen und diese Bauernmassen unter der Parole des Kampfes um eine billige, demokratische Regierung organisieren. Den chinesischen Bauer plündert jeder Spitzbube, den chinesischen Bauer plündert der ausländische Kapitalismus, der japanische Offizier, der chinesische Tutschun, der einheimische Wucherer. Es ist nötig, diese viele Millionen zählende Masse, die die Grundlage Chinas bildet, die die Hauptmasse der chinesischen Bevölkerung ist, zu erwecken; ohne das Erwachen dieser Bauernmasse kann es keine Hoffnung auf eine nationale Befreiung geben. Das kleine Häuflein Arbeiter und bürgerlich-demokratisch-radikaler Elemente kann nichts tun, wenn es nicht die Bauernmassen zur Erhebung bringt, wenn es nicht den Bauernmassen sagt, daß anstatt der Steuern, die das Land endgültig zerstören, die der Zukunft der chinesischen Völker das Grab bereiten, daß anstatt all dieser Steuern und Abgaben eine einheitliche Einkommensteuer eingeführt, eine einheitliche, vom Volke gewählte Administration, die vor dem Volke verantwortlich ist, eingesetzt werden muß. Ohne das Hineinziehen dieser breiten Bauernmassen in die Bewegung kann man keine Erfolge erringen. Den chinesischen Bauer beuten auf ihren Pflanzungen die Europäer aus, er wird auch von einheimischen Wucherern ausgebeutet, die ihr Eigentumsrecht auf Grund und Boden ausnutzen und den Bauer als kleinen Pächter aussaugen.

Die Parole der Nationalisierung von Grund und Boden, die Parole der Enteignung der fremdländischen Konzessionen muß gegeben werden. Diese Parole ist keine rein kommunistische Parole; jeder ehrliche Demokrat, der wirklich für die Interessen der breiten Massen kämpft, der wirklich daran interessiert ist, daß diese breiten werktätigen Massen zu aktiven Kräften der Revolution werden, muß diese Parole unterstützen. Für die Kommunisten handelt es sich also darum, die Revolution für die breiten werktätigen Massen zu erstreben. Die bürgerlichen Demokraten müssen einsehen, daß sie die Revolution nicht erreichen werden, daß es ihnen nicht gelingen wird, die ausländische Herrschaft zu stürzen, ohne diese werktätigen Massen erobert zu haben. Hier ist völlige Klarheit und vollkommenes Verständnis notwendig. Die allererste Aufgabe, die den chinesischen werktätigen Massen und ihren vorgeschrittenen Elementen — den chinesischen kommunistischen Arbeitern — gestellt ist, besteht in der Befreiung Chinas von dem ausländischen Joch, in der Nationalisierung des Grund und Bodens, im Sturz des Tutschunats, in der Errichtung einer einheitlichen föderativen demokratischen Republik, in der Einführung der einheitlichen Einkommensteuer. An der Errichtung einer einheitlichen föderativen Republik sind die breiten Bauernmassen Chinas interessiert, die einerseits Opfer der Raubzüge der Tutschunen, andererseits aber Kanonenfutter und Soldaten in deren Armeen sind.

Diese Bauernmassen müssen für die Revolution gewonnen werden. Die chinesische Arbeiterbewegung ist noch im Werden begriffen. Wir denken uns keine rosigen Perspektiven aus für die nächste Zukunft in dem Sinne etwa, daß die chinesische Arbeiterklasse eine ähnlich leitende Stellung einnehmen könnte, wie sie das japanische Proletariat in der nächsten Zukunft einnehmen kann. Wir haben keine utopistischen Gedanken in dieser Beziehung. Aber die junge chinesische Arbeiterbewegung wächst. Die bestehenden Verbände, die mit Zünftevorurteilen behaftet sind, die in vielen Beziehungen die früheren Zünfteorganisationen geblieben sind, müssen als wirkliche proletarische Verbände reorganisiert werden. Das ist die allererste Aufgabe. Es ist ein erbarmungsloser Kampf gegen die rückständigen Ausbeutungsformen zu führen, die von den Meistern in China durchgeführt werden, wo der chinesische Unternehmer der unmittelbare Verwirklicher der ausländischen kapitalistischen Ausbeutung ist. Gleichzeitig muß man mit Bestimmtheit sagen, daß die chinesische Arbeiterklasse, die chinesischen Arbeiter, ihren selbständigen Weg zu gehen haben, ohne ihr Geschick mit dieser oder jener demokratischen Partei, mit diesen oder jenen bürgerlichen Elementen zu verbinden. Wir brauchen die Wahrheit nicht zu scheuen. Wir wissen sehr gut, daß es in der nächsten Zeit zwischen uns und diesen bürgerlich-demokratischen Elementen, die in die national-revolutionäre Organisation eingereiht sind, keine Konflikte, keine scharfen Zusammenstöße geben kann. Gleichzeitig müssen wir aber diesen bürgerlich-demokratischen Elementen sagen, daß wir entschieden dagegen ankämpfen werden, wenn sie versuchen sollten, die junge chinesische Arbeiterbewegung in den Windeln zurückzuhalten, wenn sie versuchen sollten, die chinesischen Arbeiterverbände für ihre kleinlichen Politikasterziele auszunutzen und in diesen Verbänden den Geist der alten Zünfteorganisationen wachzuhalten und die Harmonie von Arbeit und Kapital zu predigen. Wir unterstützen jede national-revolutionäre Bewegung, aber wir unterstützen sie nur, soweit sie nicht gegen die proletarische Bewegung gerichtet ist. Wir müssen sagen: der ist ein Verräter an der Sache der kommunistischen proletarischen Revolution, der diese national-revolutionäre Bewegung nicht unterstützt. Andererseits sagen wir jedoch: ein Verräter an der nationalen Sache ist derjenige, der gegen das Erwachen der proletarischen Bewegung ankämpft; derjenige ist ein Verräter seines Volkes und der nationalen Sache, der die chinesische Arbeiterklasse hindert, auf eigenen Füßen zu stehen und ihre eigene Sprache zu sprechen. Vor mir liegt der Bericht des chinesischen Metallarbeiterverbandes der Stadt Kanton. Der Bericht schließt mit den Worten:

„Bertrand Russell sagte: „Wenn man mich fragen würde: Wie kann China seine Industrie ohne den Kapitalismus entwickeln, dann würde ich antworten: vor allem durch den Staatssozialismus.“ Schreiber dieser Zeilen, Delegierter dieses Verbandes, ist derselben Meinung wie der bekannte englische Philosoph.“

Bertrand Russell ist ein Vertreter des marktschreierischen kompromißlerischen Sozialismus. Es ist selbstverständlich, daß die chinesischen Arbeiter nicht den Führern dieses europäischen kolonisatorischen Sozialismus folgen sollen; sie sollen aber den Weg gehen, den die viele Millionen zählenden werktätigen Massen der ganzen Welt betreten haben, d. h. den Weg des Kommunismus. Es ist selbstverständlich, daß alle Gespräche über Staatssozialismus, ohne daß China zur Sowjetrepublik wird, ohne daß die werktätigen Massen Chinas, die Arbeiter- und Bauernmassen Chinas für eine Sowjetrepublik reif werden, ein Betrug anderer und ein Selbstbetrug sind, und gegen diesen Betrug muß der entschiedenste und erbarmungsloseste Krieg geführt werden. Es ist notwendig, daß die Arbeiterklasse in ihrem revolutionären Kampf sich nicht von den Bauernmassen isoliert. Es ist nötig, daß die Arbeiterklasse mit größerer Konsequenz als die bürgerlichen Demokraten in die Bauernmassen dringt, daß sie den Bauernmassen Licht, Aufklärung und kommunistische Ideen bringt. Gewiß steht China nicht unmittelbar vor einer kommunistischen Umwälzung und der Errichtung einer Sowjetregierung. Dennoch muß die Propaganda der Idee der Sowjets durchgeführt werden, als der geeignetsten Form der Organisation zum revolutionären Kampf der Massen und zur revolutionären Kontrolle der demokratischen Machtorgane. Die Sowjets sind die geeignetste Waffe in den Händen der Werktätigen in allen Ländern ohne Ausnahme, sowohl in den Ländern mit vorwiegend proletarischer Bevölkerung als auch in den Bauernländern. Die Erfahrung der revolutionären Bewegung im Nahen Osten und in Mittelasien hat dies aufs glänzendste bewiesen, und diese Erfahrung kann für den Fernen Osten nicht wertlos sein.

In Korea sind die Aufgaben der werktätigen Massen einfacher. Ebenso wie in China unterstützen wir dort jede national-revolutionäre Bewegung, die wirklich gegen alle Uebereinkommen mit den Imperialisten auftritt und bereit ist, den konsequenten Weg der nationalen Befreiung zu gehen. Und es soll uns nicht beunruhigen, daß die einen dieser Organisationen christliche Gemeinden sind, die anderen religiöse Vereine anderer Sekten usw. In klarer Einsicht, daß diese Bewegung bürgerlich-demokratisch ist, unterstützen wir sie doch, wie wir jede nationale Freiheitsbewegung unterstützen, denn sie ist gegen den Imperialismus gerichtet, sie entspricht den Interessen des internationalen Proletariats; und das fordern wir auch von den koreanischen Arbeitern. Dort tritt als imperialistische Kraft, welche die Aristokratie zersetzt hat, der japanische Imperialismus auf. Daher kann man dort eher von einer einheitlichen nationalen Front reden, gleichzeitig muß man aber auf das entschiedenste jeden Versuch, auf kompromißlerischem oder pazifistischem Wege das Problem der Befreiung des Landes zu lösen, entlarven. Die Märzrevolution von 1919, dieses große Ereignis im Leben des koreanischen Volkes, war eine Empörung auf den Knien, die nicht zum Siege führen konnte. Als das koreanische Volk sich voll Begeisterung den japanischen Bajonetten entgegenwarf und für seine Sache starb, war es eine Empörung auf den Knien. Jeder ehrliche Demokrat muß sagen, daß nur im bewaffneten Kampf mit den Waffen in der Hand, in gleichem Schritt und Schulter an Schulter mit dem kommunistischen Proletariat der ganzen Welt, nur in dem entschiedenden Kampf mit den Waffen in der Hand gegen die fremdländischen Besitzergreifer und ausländischen Gewalttäter ein wirklicher Sieg errungen werden kann. Die Washingtoner Konferenz hat die letzten Illusionen in bezug darauf zerstört, daß Korea auf irgend welche Art und Weise mit Hilfe der imperialistischen Länder — Amerikas, Frankreichs oder eines beliebigen anderen Landes — sich aus dem Schraubstock des japanischen Imperialismus befreien kann. Korea ist entweder dem völligen Aussterben geweiht, oder es befreit sich auf revolutionärem Wege. Es gibt keinen anderen Ausweg. Das japanische Regime in Korea läßt sich nur mit dem englischen Regime in Indien vergleichen. Ich zitiere einige Daten über die Ausgaben der Verwaltung für das Jahr 1919—20 laut dem offiziellen Bericht des japanischen Generalgouverneurs in Korea.

| | 1919 in Yen | 1920 in Yen |
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| Für den Hof des ehemaligen koreanischen Kaisers | 1 500 000 | 1 500 000 |
| Für das Amt des japanischen Generalgouverneurs in Korea | 5 192 000 | 7 202 000 |
| Für Polizei und Gendarmerie | 19 826 000 | 41 940 000 |
| Für den Bau von Gefängnisgebäuden | | 850 000 |
| Für Schulen | 773 000 | 1 228 000 |
| Für Volksgesundheit | 709 000 | 912 000 |
| Für die japanischen Besatzungen in Korea | 17 259 000 | 15 383 000 |

Wenn der japanische Militarist, der japanische Offizier seine Ausgaben berechnet, gibt er also selbstverständlich den größten Teil des Inhalts seiner Börse dafür aus, um seine räuberische Würgepolitik in bezug auf das koreanische Volk fortzusetzen. Japan hat Korea ausgeplündert und erobert, und der Kampf um die nationale Befreiung Koreas, sowie um die nationale Befreiung Chinas ist die erste Pflicht der japanischen Arbeiterklasse. Der japanische Arbeiter muß sich sagen, daß der Feind in seinem eigenen Lande ist. Der japanische Arbeiter ist die vorgeschrittenste revolutionäre Kraft im Fernen Osten, und er muß als erster dem japanischen Imperialismus einen entscheidenden Schlag versetzen, denn sonst kann er sich selbst nicht von den Ketten befreien, mit denen ihn das japanische Kapital an Händen und Füßen fesselt. Ohne die Ketten Chinas und Koreas zu brechen, ohne diesen zerstörenden, tötlichen Stoß gegen die Politik des japanischen Imperialismus, kann er selbst auch nicht frei werden.

Genossen, jetzt möchte ich, obgleich meine Zeit abläuft, noch kurz bei den Aufgaben verweilen, die Euch in Japan bevorstehen.

Japan ist ein Land des hoch entwickelten Kapitalismus. In Japan gibt es eine zahlreiche Arbeiterklasse, der eine große Zukunft harrt. 2½ Millionen Industriearbeiter, 6 Millionen Proletarier überhaupt, mehr als 5 Millionen kleine Pächter, Halbtagelöhner, das sind Ziffern, die, wenn sie gezwungen werden in der Sprache der revolutionären Arithmetik zu sprechen, verderblich für das japanische Kapital werden müssen. Japan hat sich nach preußischem Muster entwickelt. Die japanischen Feudalen, die Offiziere, haben sich der bürgerlichen Entwicklung angepaßt, sie haben den besten Teil der japanischen Bourgeoisie in ihren Kreis gezogen. In Japan herrscht jetzt ein Block der Militaristen, der Genro und des Finanzkapitals. Das ist eine gutsherrlich-plutokratische Ordnung, verdeckt durch pseudo-konstitutionelle Formen. In Wirklichkeit aber gehört die Macht dem Mikado, den alten Adelsfamilien, die mit verschiedenen Unternehmungen verbunden sind und wie früher die Geschicke des japanischen Volkes in ihren Händen halten. Ein Teil dieser Adelsfamilien ist verbunden mit dem Landesheer, ein anderer mit der Flotte, ein dritter mit Unternehmungen verschiedener Art — Werften, Fabriken usw. Die japanischen Gutsherren und Edelleute sind in höherem Maße verbürgerlicht als anderswo. Und der Mikado selbst, der, wie bekannt, ein Mann göttlicher Abstammung ist, „hat kein schlechtes Hotel in Tokio“. In unserer Zeit ist alles möglich. Und sogar Edelleute des Ostens beginnen Bordelle, große Werften, Schiffbaufabriken usw. zu halten. Hier haben wir den Bund der Plutokratie mit den Ueberbleibseln der feudalen Gesellschaft. Die japanische Bourgeoisie, die erzogen ist im Geiste des Servilismus, im Geiste der Hochachtung vor dem japanischen Militarismus, der monarchistischen Ordnung, diese Bourgeoisie ist unfähig, den Knoten der politischen Geschicke des japanischen Volkes zu lösen. Die bürgerlichen Parteien Japans sind Gruppen, Cliquen, aber nichts weiter. Ein Teil der japanischen Bourgeoisie, der in bedeutenderem Maße mit dem Großgrundbesitz verbunden und in der Partei Sei-Yu-Kai vereinigt ist, stellt eine aggressive und militaristische Partei dar. Eine andere Partei, die sich bisweilen liberale Sprünge erlaubt, ist eine plutokratische, die werktätigen Massen unterdrückende Partei. Während das japanische Kapital zur internationalen Größe geworden ist, macht die japanische Arbeiterklasse erst die ersten zaghaften Schritte. Die größte gewerkschaftliche Organisation, die in Japan existiert und bis 50 000 Mitglieder vereinigt — die Organisation Yu-Ai-Kai — ist organisiert von dem typischen Speichellecker Herrn Susuki, einem Freund von Gompers, dem auch nicht unbekannten Spitzbuben. Die Föderation wurde im Jahre 1911 gegründet. Bis zum Jahre 1920 wirtschaftete dort Susuki Hand in Hand mit den bürgerlichen Intellektuellen, die unmittelbar mit den Handels- und Industrieunternehmen verbunden waren. Noch jetzt kreisen um die japanischen Arbeiter die Vertreter des Staatssozialismus aus den Reihen verschiedener verabschiedeter Generale, die die Harmonie der Arbeit und des Kapitals unter dem Joch der kaiserlichen Monarchie predigen. Jedoch führten zuerst die Reisunruhen, die ein elementarer Ausbruch der Unzufriedenheit der Massen auf dem Boden der Nachkriegskrise waren, später aber die breite Streikwelle dazu, daß die japanische Arbeiterklasse sich von der Vormundschaft der bürgerlichen Intellektuellen, von der Vormundschaft der japanischen Bourgeoisie zu befreien begann. Wenn wir im Jahre 1914 fünfzig Streiks zählen, fanden ihrer 1920 bereits 185 statt; wenn 1914 an einem Streik im Durchschnitt 158 Streikende teilnahmen, so waren ihrer 1920 schon 878. Was hat das zu bedeuten? Das bedeutet das Erwachen der Arbeiterklasse. Sie wird zu einer klassenbewußten revolutionären Kraft. Die breiten Massen der japanischen Arbeiterklasse sind noch nicht von der Idee des Massenkampfes durchdrungen. Als während der Streiks der Terror der Regierungsclique wütete, gingen die japanischen Arbeiter in die Bethäuser, gingen sie in die Tempel und beteten dort besondere Gebete; und von diesen Versammlungen auseinandergehend, riefen sie: „Es lebe die Arbeit! Hoch der Mikado!“ Das beweist, daß die japanische Arbeiterklasse noch nicht fest auf ihren Füßen steht. Herr Susuki hat jedoch bereits seinen Einfluß verloren. 1920 entstand in den Gewerkschaften ein radikaler klassenbewußter Flügel, und die Vertreter dieses Flügels sind auf unserem Kongreß anwesend. Diese Genossen, die hierher gekommen sind, nannten sich zuerst Anarcho-Kommunisten und Syndikalisten. Nach langen Unterredungen mit uns, nachdem sie sich über die russische Revolution, über die Erfahrung der internationalen revolutionären Bewegung orientiert hatten, kamen sie zu dem Schluß, daß sie Anhänger der proletarischen Revolution — Kommunisten — sind. Und Gen. Kato erklärte: „Wenn wir früher Anarcho-Kommunisten waren, werfen wir nun die Vorsilbe ‚Anarcho‘ ab und erklären, daß wir Kommunisten sind.“ Das ist ein großer Fortschritt! Wenn in dem besten Teil der japanischen Arbeiterklasse eine ausgeprägt feindliche Haltung gegen die Intellektuellen entstanden ist, so ist das eine vollkommen rechtmäßige Reaktion auf das abscheuliche Kompromißlertum, auf das Regime der Alleinherrschaft, das Herr Susuki in den Gewerkschaften durchführte. Es ist selbstverständlich, daß die Anarcho-Kommunisten und Syndikalisten ebenso vollberechtigte Mitglieder der Kommunistischen Internationale sind, wie jeder von uns.

Genossen, die Vereinigung der einflußreichsten Elemente der japanischen Arbeiterbewegung, die hier auf dem Kongreß stattfindet, hat die größte Bedeutung für die Geschicke des Fernen Ostens. Das japanische Proletariat wird zu einer revolutionären Kraft. Das japanische Proletariat lebt in schlechteren Bedingungen als die waren, unter denen wir zu kämpfen hatten, und doch organisiert es sich zu einer selbständigen politischen Kraft. Die japanischen Arbeiter können nicht darauf rechnen, die ganze Last der sozialen proletarischen Revolution auf einmal unmittelbar zu bewältigen. Sie müssen die Gegner teilweise schlagen und alle Mittel in Bewegung setzen, um ihren Klassenfeind zu vernichten. Vor allen Dingen muß der Block der Plutokratie, der Genro und Gutsbesitzer, zerschlagen werden. Diesem Block muß ein so entscheidender Stoß versetzt werden, wie wir russische Arbeiter ihn zuerst im Jahre 1905 und dann 1917 versetzten. Die nächsten Parolen der Arbeiterklasse sollen sein: „eine demokratische Republik, Nationalisierung von Grund und Boden, Nationalisierung der großen Industriezweige mit der Bedingung der Kontrolle über die Produktion“.

Wenn wir die Zahlenangaben betrachten, so sehen wir, daß es in den japanischen Dörfern genügend Zündstoff gibt, der in dem Augenblick der demokratischen und der proletarischen Revolution einen guten Dienst erweisen wird.

Laut den Angaben von 1916 und 1918 hatten 219 859 Familien oder 4% der Ackerbau treibenden Bevölkerung mehr als 7,85 Acker Land zu ihrer Verfügung; 1 449 340 oder 26,5% — mehr als 4,90 Acker, 3 696 968 oder 69,4% weniger als 2,45 Acker. Großgrundbesitzer, die Grundstücke von mehr als 125,5 Acker besaßen, gab es nur 3495 oder 0,07%.

Etwa 70% Bauern besitzen Grundstücke von weniger als 2 Ackern. Das ist ein solcher Bettelanteil, der sie nicht versorgen, der sie nicht vom Hunger retten kann. Es ist selbstverständlich, daß diese Halbpächter und Halbtagelöhner unsere sicheren Verbündeten im Kampf gegen die Unterdrücker sind. Die Gründung selbständiger Verbände der Halbpächter, die sich zum Kampf um bessere Pachtbedingungen organisieren, ist der beste Beweis dafür, daß ihr Erwachen schon begonnen hat. Die Tatsache, daß sie Verbindungen mit der Arbeiterklasse und ihre Unterstützung zu suchen beginnen, beweist, daß die japanische Arbeiterklasse den gleichen Weg des Bundes der Arbeiter und Bauern gehen wird, wie wir russische Arbeiter und Bauern ihn gegangen sind. Die japanische Arbeiterklasse erwartet eine große Zukunft, und hier muß man ganz bestimmt sagen, daß sie, wie jung sie auch noch ist, in wie schwieriger Lage sie sich auch befindet, die entscheidende Rolle an dem Werke der Entwirrung des Knotens im Fernen Osten übernehmen wird. Etwa 50% des japanischen Proletariats bilden Frauen. 25% des japanischen Proletariats sind erst während des Krieges zu Proletariern geworden. Dieser äußerst ungleichartige Bestand hindert die japanische Arbeiterklasse daran, ihre eigene Sprache, die Sprache der proletarischen Revolution zu sprechen. Andererseits aber ist, soweit diese vorgeschrittene Vorhut zu sprechen beginnt, vollkommen klar, daß dieser Bund der japanischen Arbeitermassen mit den kleinbürgerlichen halbproletarischen werktätigen Massen ein bestimmtes Plus sein wird, und daß dieser Bund der Arbeiterklasse die Hegemonie im allgemein revolutionären Kampf um die völlige Demokratisierung der politischen Ordnung in bedeutendem Maße garantieren, sowie den Arbeitern auch die Rolle als Führer in der sozialen proletarischen Revolution sichern wird. Die Parole der Sowjets als Organen des revolutionären Kampfes und der Kontrolle der Massen in Japan muß mit aller Entschiedenheit propagiert werden. Die Genossen, die sich Anarcho-Kommunisten nennen, haben die Befürchtung geäußert, daß ein solcher Kampf auf dem Boden der Demokratie, wo wir einzelne Fraktionen absägen, unseren Gegner vereinzelt schlagen, daß eine solche Lage zum Kompromißlertum, zur Verbreitung demokratischer Illusionen führen kann. Dem ist nicht so, und die Genossen haben sich davon überzeugt. Daheim in Japan haben sie keine wirklichen Kommunisten, keine revolutionären Kommunisten gesehen, die wirklich das Instrument der Politik im Interesse des proletarischen Kampfes beherrscht hätten.

Wenn wir jetzt der Arbeiterklasse sagen, daß sie über den Sturz des Mikado, der Militaristen und der Plutokratie hinweg zur sozialen Revolution schreiten soll, so bedeutet das nicht, daß wir sie zum Kompromiß mit den bürgerlichen Parteien, wie sie auch heißen mögen, auffordern. Das heißt nicht, daß wir der Arbeiterklasse vorschlagen, ihrer selbständigen politischen Rolle zu entsagen. Das bedeutet, daß sie durch Kundgebungen, Streiks und, wenn nötig, durch bewaffnete Aufstände den Kampf um die Vernichtung der bürgerlichen und militärischen Ordnung in Japan führen soll. Das bedeutet, daß sie alle Mittel beherrschen muß, um die Herrschaft des japanischen Imperialismus und Kapitalismus zu zerschlagen.

Die Pflicht, die der japanischen Arbeiterklasse auferlegt ist, die internationale Pflicht erfordert, daß sie den wichtigsten Teil des Kampfes auf ihre Schultern nimmt. Vom Erwachen der japanischen Arbeiterbewegung, vom Wachsen ihrer Kräfte ist das Geschick des Fernen Ostens, das Geschick Koreas und Chinas abhängig. An diesem Beispiel muß jeder bürgerliche Demokrat einsehen, daß nur die Verbindung mit der proletarischen Bewegung, nur die Unterstützung dieser proletarischen Bewegung die unterdrückten Völker in Wirklichkeit zur wahren Befreiung führen kann.

Im großen und ganzen bestehen also die Aufgaben, die den werktätigen Massen des Fernen Ostens gestellt sind, vor allem in der Befreiung der unterdrückten Länder. Wir werden jede nationale Bewegung unterstützen, soweit sie gegen das imperialistische Joch gerichtet ist, und wir werden aufs erbarmungsloseste gegen alle Strömungen und Organisationen ankämpfen, die versuchen werden, der internationalen imperialistischen Diplomatie auch nur einen Finger zu reichen. Solche Elemente werden wir entlarven. Die Hauptaufgabe besteht darin, das Gebäude des japanischen Imperialismus von innen heraus zu sprengen. Wir wollen hoffen, daß die japanische Arbeiterklasse diese Aufgabe mit Ehren erfüllen wird. Ich habe nicht bei den einzelnen Paragraphen der Resolution des Kongresses zur Nationalitäten- und Kolonialfrage verweilt und habe versucht, sie auf die Lage, die im Fernen Osten besteht, anzuwenden.

Es dürfte wohl allen vollkommen klar sein, daß nur die Orientierung auf Sowjetrußland hin, nur die Orientierung auf die Kommunistische Internationale, auf die Arbeiterklasse als internationale Kraft, als internationale Größe, daß nur diese Orientierung die unterdrückten Massen Koreas, Chinas, der Mongolei retten kann. Nur diese Orientierung kann sie aus der Sackgasse des Imperialismus führen, in der sie sich jetzt befinden.

Genossen, das wichtigste Ergebnis unseres Kongresses, das Hauptergebnis unserer heutigen Erörterung soll sein, daß alle Teilnehmer des Kongresses sich vollkommen klar und bestimmt vorstellen, welcher Art das Verhältnis der national-revolutionären Bewegung und der Arbeiterbewegung sein muß. Wir wollen niemand gewaltsam, zwangsweise unsere Anschauungen aufdrängen. Wir wollen niemandem unser Programm aufdrängen, wir rufen niemand, der nicht dazu reif ist, unmittelbar in die Reihen der Kommunistischen Partei, wir wollen niemand gewaltsam „sowjetisieren“. Andererseits aber sagen wir, daß wir, soweit wir die national-demokratische Bewegung unterstützen, ein loyales Verhalten zur Arbeiterbewegung, zur Kommunistischen Partei und zur Arbeiterklasse fordern. Wir rufen zum erbarmungslosen Kampf gegen den Imperialismus. Der Kongreß soll die internationale Solidarität aller Völker des Ostens festigen. Der Kongreß soll den japanischen Arbeiter mit dem chinesischen revolutionären Arbeiter und Bauern vereinigen und mit den chinesischen Revolutionären, die nicht Arbeiter und Bauern sind, sondern bürgerlich-demokratische Elemente, die aber aufrichtig kämpfen wollen. Proletarische Revolutionäre können nicht auf dem falschen Standpunkt stehen, daß es notwendig sei, nur die proletarische Bewegung in den Kolonien zu unterstützen. Es ist nicht die Schuld, sondern das Unglück der rückständigen Länder, daß ihre proletarische Schicht äußerst gering an Zahl ist. Nur im Bunde mit der proletarischen Bewegung erlangen die unterdrückten Völker ihre Befreiung, nur dieser Bund gibt ihnen die Möglichkeit, die verfaulten und verrosteten Fesseln, die sie binden, loszuwerden. Das Ergebnis unserer heutigen Erörterung soll ein klares Verständnis dafür sein, daß die Möglichkeiten für den Sieg der national-revolutionären Bewegung um so größer sein werden, je mehr die proletarischen Massen eine selbständige Rolle in dieser Bewegung spielen werden, je mehr das proletarische Element der unterdrückten Völker als Führer in diesem national-revolutionären Kampf auftreten wird. Das Ergebnis unserer Erörterung soll ein klares Verständnis dafür sein, daß das japanische Proletariat die Hauptkraft zur Entwirrung des Knotens im Fernen Osten ist, daß die Verbindung mit dem japanischen Proletariat, brüderliche Solidarität mit den japanischen Kommunisten, mit den japanischen proletarischen Revolutionären die Bedingung nicht nur eines erfolgreichen Kampfes, sondern auch die notwendigste Vorbedingung der Befreiung der unterdrückten Massen Koreas und Chinas vom imperialistischen Joch ist, nicht in Worten, sondern durch die Tat.

*Es lebe die Befreiung der Werktätigen des Fernen Ostens!*

*Es lebe der Bund der Arbeiter und Bauern unter dem Banner der Kommunistischen Internationale!* (Stürmischer Beifall.)

## T.: Die Arbeiterbewegung in China

Die gegenwärtige Lage der chinesischen Arbeiter und Bauern ist nur aus einer bestimmten historischen Perspektive verständlich. In China — einem Agrarlande — gibt es keinen Großgrundbesitz, sondern ohne Ausnahme Mittel- und Kleinbauern. Das läßt sich erklären durch das bis auf den heutigen Tag bestehende traditionelle System der Vererbung kleiner Grundstücke von Generation auf Generation. Das Handwerk ist auch nur relativ entwickelt, denn die Bauernschaft befriedigt ihre Bedürfnisse mit eigenen primitiven Mitteln.

Trotz der außerordentlichen Dichtheit der Bevölkerung in China (350 Millionen, von denen 70 Prozent, d. h. 245 Millionen die ländliche Bevölkerung bilden) befindet sich nur ein Zehntel der Bodenfläche unter Ackerkultur (d. h. 300 000 Quadratmeilen von der gesamten Bodenfläche Chinas, die Mongolei mit ihren 3 Millionen englischen Quadratmeilen ausgenommen). Die landlosen Bauern bilden einen ungeheuren Prozentsatz der Landbevölkerung. Mit Handwerk beschäftigen sich jedoch nur 2½ Prozent (9 250 000 Personen).

Es ist die Aufgabe dieses Berichts, die entsetzlichen Arbeitsbedingungen in China zu schildern.

### Die Lage der Industriearbeiter

Die Industrialisierung Chinas beginnt mit dem Eindringen des ausländischen Kapitals der europäischen Länder, das eine Reihe großer Industrieunternehmungen in verschiedenen Mittelpunkten Chinas gründete. In Abhängigkeit von den Ausländern befinden sich auch infolge des Mangels an großen Betriebsmitteln die wenigen Unternehmen, die den chinesischen Kapitalisten gehören. Die stetig wachsende Zahl des Fabrikproletariats, die gegenwärtig mehr als 2 Millionen beträgt, bildet einen ungeheuren Kader von Sklaven der ausländischen Ausbeutung, die sich in gleichem Maße auf Männer, Frauen und Kinder erstreckt.

Der Lohn der Arbeiter beträgt im Durchschnitt 30 Cent pro Tag (Minimum 5 Cent) und wird in Naturalien oder in Geld ausgezahlt. Da aber das Existenzminimum der Arbeiter ungefähr 7 Dollar im Monat beträgt, führen sie ein elendes Hungerdasein.

Der Arbeitstag ist verschieden: die Eisenbahner haben einen 10-Stundentag mit eintägiger Erholung alle vierzehn Tage; die Fabrikarbeiter arbeiten 10—12 Stunden und haben einen Ausgehtag in der Woche. Die Grubenarbeiter arbeiten sowohl 8 als auch 12 Stunden, in einigen Gruben aber sogar 24 Stunden mit einer Erholung jeden zweiten Tag. Das hat seinen Grund darin, daß der Grubenarbeiter infolge seines jämmerlichen Lohnes gezwungen ist, durch Ueberstunden etwas mehr zu verdienen. Das zeigt den Umfang der Ausbeutung der chinesischen Arbeiter durch die Kapitalisten. Viele Arbeiter brechen zusammen unter der unerträglichen Last der entkräftenden Arbeit und Unterernährung.

An eine Gesetzgebung, die wenigstens einigermaßen die Arbeitsbedingungen in den Unternehmungen regulieren würde, ist überhaupt nicht zu denken. Es gibt keinen Schutz der Frauen- und Kinderarbeit, das Recht auf Mutterschaft wird durch nichts geschützt. Es besteht keine Arbeiterversicherung und keine Inspektion.

Die Fabrikambulanzen sind nur dem höheren Angestelltenpersonal zugänglich; die unter den anti-sanitären Bedingungen der Fabriken erkrankenden Arbeiter sterben jedoch zu Tausenden in den engen, schmutzigen Wohnungen und auf der Straße. An Tuberkulose starben im vorigen Jahr 3 % der 5000 Eisenbahner und 9% der Grubenarbeiter.

In den Betrieben herrscht die Willkür der Meister (Foremen), die auf jede Art und Weise die Arbeiter gewalttätig behandeln, sie der körperlichen Züchtigung unterziehen, sich von ihnen bestechen lassen (in den meisten Betrieben sind die Foremen Ausländer). Das verschlimmert die ohnehin schwere Lage der Arbeiter, macht sie zu ewigen Schuldnern der dienstbereiten Gläubiger. Nicht selten finden jetzt Proteststreiks gegen die Grausamkeiten der Foremen statt.

Von Bildung kann unter solchen Bedingungen wohl nicht die Rede sein. Nicht mehr als 5% der Arbeiter sind einigermaßen des Lesens kundig.

Die Preissteigerung der Bedarfsartikel (eine Teuerung um 150%), die um viele Male die Erhöhung des Arbeitslohnes (die Erhöhung beträgt nur 15%) übersteigt, lastet als noch schwereres Joch auf den hungrigen, entkräfteten Sklaven. Von der Ernährung einer ganzen Familie kann überhaupt nicht die Rede sein. Die Frauen und Kinder der Arbeiter sind daher gezwungen, sich für einen noch jämmerlicheren Lohn und unter noch schwereren Bedingungen in den Fabriken zu verdingen. So arbeiten gegenwärtig in der Textilindustrie, die in China am meisten entwickelt ist, 250 000 Kinder im Alter von 10 Jahren und 200 000 Frauen; sie haben den gleichen Arbeitstag wie die Männer; es erhalten aber im Durchschnitt Frauen 21 Cent und Halbwüchsige 16 Cent. Die Fabriken verlassen und aufs Land gehen können die Arbeiter nicht, denn dort bedroht sie der Hungertod.

### Gilden und Handwerk

Wie gesagt, gibt es in China ungefähr 2,5% Handwerker. Als vor dem Eindringen der Ausländer die Nachfrage nach Erzeugnissen des Handwerks zu wachsen begann, stieg auch die Zahl der Handwerker aus den Reihen der Bauern, aber mit dem Eindringen der ausländischen Industrie kann das Handwerk die Konkurrenz nicht aushalten und geht zugrunde. Das ist besonders in den Eisenbahnbezirken zu bemerken.

Die ein Handwerk betreibenden Arbeiter werden eingeteilt in Meister, Gesellen und Lehrlinge. Werkstätten gibt es in den Städten und Dörfern (in den Dörfern Wanderwerkstätten). Der Besitzer einer Werkstatt, der Meister, unterscheidet sich wenig von seinen Gesellen; sein Gewinn übersteigt nur um einige Cent den Verdienst der Gesellen. Die Gesellen erhalten im Durchschnitt 2 Dollar 50 Cent monatlich oder 25 Dollar im Jahr und freie Kost vom Meister. Sie verdingen sich tagweise, monatlich oder auf ein Jahr.

Die Lage der Lehrlinge ist weit schlimmer. Sie werden bis aufs äußerste ausgebeutet. Die Lehrzeit dauert gewöhnlich drei Jahre. Sie bekommen keinen Lohn, nur freie Kost. Außer der Arbeit in der Werkstatt haben die Lehrlinge verschiedene grobe Arbeiten im Hause des Meisters zu verrichten.

Der Arbeitstag in den Werkstätten währt vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, im Durchschnitt 14 Stunden.

Unter den Handwerkern ist das System des „Berufsgeheimnisses“ sehr verbreitet, das zum Ziel hat, den Zutritt neuer Personen zu diesem oder jenem Beruf zu erschweren. Zu demselben Zweck der Monopolisierung des Handwerks wird das System der Gilden, denen die Meister eines gewissen Berufs und ihre Gesellen angehören, energisch unterstützt. Es bestehen 27 Arten der Heimindustrie, daher auch 27 Gilden. Zu einigen gehören auch die Händler der gleichen Spezialität. Die Lehrlinge haben, trotzdem sie den Gilden angehören, doch keinen Einfluß auf die Berufsangelegenheiten. An der Spitze der Gilden stehen die Aeltesten — die „Väter des Berufs“ —, sehr einflußreiche Personen in den Angelegenheiten der Gilden. Die Handwerker sind verpflichtet, ihrer Gilde anzugehören, sonst riskieren sie, ohne Arbeit zu bleiben. Durch die Statuten der Gilde ist dem Meister verboten, mehr als einen Lehrling zu haben. Das Ziel ist klar — man will die Zahl der qualifizierten Handwerker begrenzen. Die Gilden bestimmen die Preise, den Arbeitslohn und die Arbeitsbedingungen nach Kategorien, und diese Bestimmungen sind für alle obligatorisch. Der ausländischen Konkurrenz gegenüber sind die Gilden jedoch machtlos. Und die Handwerker sind gezwungen Tag und Nacht zu arbeiten, um sich den Unterhalt zu verdienen. Einige Meister führen neue Maschinen ein, aber das bringt nur ihnen selbst Vorteil. Nicht selten finden in der letzten Zeit Streiks der Gesellen statt, die freilich noch von den Gilden beigelegt werden, aber doch von der bereits beginnenden innerlichen Zersetzung dieses mittelalterlichen Instituts zeugen.

### Kulis und Artels

Die Kader der Kulis, deren Zahl auch nur ungefähr festzustellen unmöglich ist, denn sie wächst ununterbrochen, rekrutieren sich aus den landlosen und den ihres Landes verlustig gegangenen Bauern. Das sind Lastträger, Rikschas, Stauer, Kahnführer. Das Angebot ihrer Arbeit übersteigt um das zwei- bis dreifache die Nachfrage. Ihr Verdienst ist außerordentlich ungleichmäßig. Der Arbeitstag ist unbestimmt. Ihre Lage ist noch aussichtsloser als die Lage der Arbeiter; wenn es keine Arbeit gibt, hungern sie buchstäblich. Sie leben im Schmutz, sind Erkrankungen und Epidemien ausgesetzt.

Der verzweifelte Kampf um das „Stück Brot“ veranlaßt sie, sich in Verbände, die etwa den Artels ähnlich sind, zu vereinigen. Solche Gruppen oder Artels bilden sich sehr oft nach dem Prinzip der Landmannschaft. Die „Artels“ wirken durch das Besitzergreifen irgend einer „Einflußsphäre“, wo nur Kulis einer gewissen Bande arbeiten dürfen. Nicht selten entstehen Zusammenstöße zwischen den „Artels“ um diese oder jene „Einflußsphäre“. Diese Banden werden von denen geführt, die am stärksten sind. Die ausländischen Unternehmer ernennen diese Anführer zu „Foremen“, wenn sie diesen Artels Arbeit geben, und die Kulis zittern vor ihren Führern und versuchen, sie durch verschiedene Gaben und Geschenke milder zu stimmen. Diese „Artels“ sind natürlich eine ernste Bremse für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in China.

### Gewerkschaften

Bis zur Revolution von 1911 waren die Gilden der Heimarbeiter die einzigen Arbeiterorganisationen. Es bestanden auch einige Gilden der Fabrikarbeiter, aber wie die ersteren, hatten auch sie zum Ziel, die Produktion eines gewissen Fachs in ihren Händen zu monopolisieren. Zu diesen Gilden gehörten privilegierte Arbeiter, Foremen usw. Diese Gilden führten eine teilweise Versicherung der Arbeiter gegen Arbeitslosigkeit ein. Die stärksten waren die Gilden der Fabrikarbeiter von Kanton, in denen sich bereits Klassenbewußtsein geltend machte. Jedoch zeigte sich ein Mangel an Solidarität in ihren bisweilen energischen Aktionen gegen ihre Herren. Gegenwärtig sind die meisten Gilden der Fabrikarbeiter in Gewerkschaften organisiert. Die übrigen Gilden sind für das Kapital nicht gefährlich

### Die Industriearbeiter und die Go-Min-Dan

Im Jahre 1911 wurde von der Partei Kuo-Mni-Tan (auch Go-Min-Dan) die sogenannte „Arbeiterpartei Chinas“ organisiert, der ungefähr 200 000 Arbeiter beitraten. Ihr Hauptstab war in Schanghai. Die „Arbeiterpartei“ unterschied sich wenig von der Go-Min-Dan selbst und erstrebte hauptsächlich die Ausdehnung des Wahlrechts. Sie hatte nichts mit dem Klassenkampf gemein, führte aber doch im Jahre 1912 zwei Streiks in Schanghai, die den Beginn der Streikbewegung in China bezeichneten. Die „Arbeiterpartei“ wurde von Yuan-Schi-Kai auseinandergejagt. 1916 begann der Einfluß der Go-Min-Dan aufs neue zu wachsen, und gleichzeitig begannen in Schanghai Arbeiterorganisationen zu entstehen, die die Go-Min-Dan für ihre politischen Ziele auszunutzen hoffte. Für den Schutz der Arbeiterinteressen sorgten die Gründer dieser Organisationen überhaupt nicht und verloren natürlich ihren Einfluß auf die Arbeiter, die eine unmittelbare Verbesserung der Arbeitsbedingungen erstrebten. Das Mißtrauen der Arbeiter gegen diese „Arbeiterorganisationen“ führte dazu, daß ihre Bedeutung gleich Null wurde.

In Kanton wurden von der Go-Min-Dan im Jahre 1915 folgende, noch heute bestehende Organisationen gegründet: die „Republikanische Arbeiterpartei“, die „Föderation der außerhalb der Heimat lebenden Industriearbeiter“, der „Klub gegenseitiger Hilfe“, der Metallarbeiterverband von Kanton. Diese Organisationen haben den Charakter jener in Schanghai gegründeten Organisation. Die Go-Min-Dan kann sich noch auf sie stützen, da sich die Mitglieder noch nicht in der Praxis vom wahren Gesicht ihrer „Führer“ haben überzeugen können. So wurde durch den Streik der Arbeiter der Kanton-Hankou-Eisenbahn im Jahre 1920 die Aufgabe der Besetzung Kantons durch die Truppen der Go-Min-Dan um vieles erleichtert.

### „Sozialistische“ Partei, Anarchisten, Studenten und Arbeiterbewegung

Im Jahre 1912 wurde von der Gruppe der sogenannten „Sozialisten“ in Nanking die „Sozialistische Partei“ gegründet, die 1913 von Yuan-Schi-Kai auseinandergejagt wurde. Es gab in ihr nicht viel Sozialistisches.

Bald erschienen die Anarchisten auf der Bildfläche. Sie begannen Zeitschriften und Flugblätter herauszugeben. Die Anarchisten leisteten eine ziemlich ernste Arbeit auf dem Gebiet der Organisation der Maikundgebungen in China und leiteten die Aktion am ersten Mai vorigen Jahres in Kanton, an der mehr als 40 000 Personen teilnahmen. Dank ihrer Teilnahme an den Arbeiteraktionen, begannen sich die Anarchisten ein gewisses Vertrauen in den Arbeiterschichten zu erwerben.

Die chinesischen Arbeiter haben auch lebhaft auf die antijapanische Studentenbewegung reagiert und die Studenten in der Kampagne von 1919 gegen die räuberische Politik Japans in China durch eine ganze Serie von Streiks und Kundgebungen unterstützt. Der Einfluß, den die antijapanische Bewegung auf die Arbeiter ausgeübt hat, ist noch heute zu spüren. Es ist das Erwachen des Widerstandsgeistes in den Arbeitern gegen die ausländische Knechtung. Dieses Erwachen fand später in einer ganzen Reihe von Streiks seinen Ausdruck; in den größten — den Streiks der Metallarbeiter von Hong-Kong und der Grubenarbeiter von Tjan-Schan, die gegen die Engländer gerichtet waren und ökonomische Forderungen stellten — blieben die Arbeiter Sieger.

### Die Kommunistische Bewegung

Aus dem Gesagten ist ersichtlich, daß erst im Jahre 1919 die tatsächliche Sammlung der Kräfte der chinesischen Arbeiterklasse beginnt, die durch die Ereignisse des verflossenen Jahrzehnts erweckt wurden. Bis zu dieser Zeit trug die Tätigkeit den planlosen Charakter isolierter Streiks und Aktionen. 1919 beginnen die Arbeiter an der anti-imperialistischen Bewegung teilzunehmen, freilich eher aus nationalen Beweggründen denn aus Klassenbewußtsein.

Die Kommunistische Organisation Chinas entfaltete ihre Tätigkeit im Sommer 1920 und übernahm die Leitung des Kampfes um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und gegen das einheimische und das ausländische Kapital. Es wurden drei Wochenblätter gegründet: die von den französischen Behörden verbotene „Welt der Arbeit“ in Schanghai und das von der Pekinger Regierung verbotene „Arbeiterecho“ in Peking. Die dritte Zeitschrift „Arbeiter“ ging ein, weil die Mittel zur Herausgabe fehlten. Es wurden mehrere, bis zum heutigen Tage mit Erfolg funktionierende Schulen in einer Reihe von Zentren gegründet, deren Aufgabe die Entwicklung des Klassenbewußtseins der Arbeiter ist. Eine dieser Schulen in einem Vorort von Peking, die Ende 1920 gegründet wurde und damals etwa 700 Mitglieder zählte, hat jetzt 12 200 Besucher. Seit dem September 1920 haben die Kommunisten die Organisation einiger Arbeiterverbände geleitet, aber die Arbeit war dort aus Mangel an Erfahrung nicht immer erfolgreich. Die kommunistische Organisation nahm auch an der vorjährigen Maikundgebung teil.

Der Eisenbahnerverband von Tjan-Schan wurde unter dem Einfluß der Kommunisten im Frühling 1921 aus einer nationalen in eine revolutionäre Organisation umgewandelt. Er zählt 2500 Mitglieder. In Kanton haben die Kommunisten viele kleine Zunftvereinigungen organisiert.

Die Kommunisten unterstützen jede entstehende Streikbewegung. Unlängst nahmen sie teil am Streik der Straßenbahnarbeiter in Schanghai, am Metallarbeiterstreik in Kanton und an einigen Streiks der Arbeiterkonföderation.

Der Textilarbeiterverband in Hunan wurde von einigen jungen Kommunisten gegründet, im März 1921 traten sie in den Ausstand und forderten die Kontrolle über die erste Textilfabrik in Hunan, die ein Staatsunternehmen ist. Dieser Streik führte jedoch zu keinen einigermaßen bedeutenden Ergebnissen. Der Verband gibt ein Wochenblatt heraus unter dem Namen „Arbeiter“, das die Arbeiter die Grundsätze des Klassenkampfs lehrt.

Im August vorigen Jahres unterstützten die Kommunisten die Organisation des Arbeitersekretariats in China mit einer Hauptverwaltung in Schanghai und mit Abteilungen in Peking, Hankou und Kanton. Das Ziel dieser Organisation ist laut ihrem ersten Manifest die Propaganda des Trade-Unionismus unter den Arbeitern, Unterstützung der Entwicklung der Gewerkschaften, Hebung des Klassenbewußtseins unter den Arbeitermassen, Vereinigung und Reorganisierung der Gewerkschaften des alten Typus, sowie endlich Unterstützung der Vereinigung der chinesischen Arbeitermassen mit ihren ausländischen Genossen. Obgleich dieses Sekretariat erst kurze Zeit existiert, hat es doch bereits nicht wenig für die Vereinigung aller Kräfte der Arbeiterklasse zum künftigen Kampf getan.

Das Sekretariat gibt eine Zeitung „Das Arbeiterwochenblatt“ in einer Auflage von 5000 heraus, und die Pekinger Abteilung gibt ihr Organ unter demselben Namen in einer Auflage von 2000 heraus. Diese Blätter werden ausschließlich unter den Eisenbahnern verbreitet.

Das Sekretariat unterstützt jeden Streik. Kürzlich wurde mit seiner Unterstützung ein Streik der Arbeiter der „Britischen Tabakgesellschaft“ in Schanghai durchgeführt, an dem 9000 Arbeiter teilnahmen und der drei Wochen lang dauerte, d. h. länger als irgendein anderer Streik, der je in China stattgefunden hat. Das Ergebnis dieses Streiks war die Erhöhung des Arbeitslohns um 10%, sowie das Versprechen besserer Behandlung von seiten der britischen Aufseher. Während des Streiks wurden einige Führer der Streikenden zweimal verhaftet, und die Arbeiter veranstalteten mehrere Kundgebungen, um ihre Befreiung zu fordern. Es kam auch zu einigen Zusammenstößen mit der Polizei während dieser Kundgebungen, die Verhafteten aber wurden doch freigelassen. Dieser Streik hat auch eine neue Aera eröffnet, die Aera unmittelbarer Unterhandlungen der chinesischen Arbeiter mit ihren Arbeitgebern, während die Kapitalisten bisher selbständig die Arbeitsbedingungen festsetzten. Aus diesem Streik erwuchs der Verband der Tabakarbeiter. Ein anderer Streik wurde im Oktober erklärt infolge der Entlassung von drei Arbeitern derselben Fabrik ohne Wissen der Gewerkschaft. Dieses Mal waren die Arbeiter jedoch gezwungen, die Arbeit wieder aufzunehmen, ohne einen Erfolg erzielt zu haben.

Die Kantoner Abteilung des Sekretariats hat den dortigen Streik von 2000 Zimmerleuten unterstützt. Einige Mann wurden verhaftet. Es wurde eine Protestkundgebung veranstaltet, an der 5000 Arbeiter teilnahmen. Das Ergebnis des Streiks war die Erhöhung des Arbeitslohns um 50%. Nach dem Streik liquidierten die Zimmerleute ihre alte Zunft und organisierten den Verband der Zimmerleute und Bauarbeiter, der 13 000 Mitglieder zählt.

Das Hauptbureau des Sekretariats in Schanghai hat auch keine geringe Arbeit geleistet auf dem Gebiet der Reorganisation der Gewerkschaften der Metallarbeiter, der Textilarbeiter und der Druckereiarbeiter und hat in bedeutendem Maße zur Stärkung dieser Organisationen beigetragen. Es hat auch die Gründung einer Arbeitsschule für die Arbeiter von Tjan-Tsin und eines Klubs für die Eisenbahner von Tan-Tschou unterstützt.

Mitte September kamen an das Sekretariat Beitrittserklärungen vom Arbeiterverband in Hunan und von der Zunft der Druckereiarbeiter in Wu-Si. Arbeiter verschiedener Berufe wenden sich auch sehr oft an das Sekretariat um Rat und Hilfe in Fragen der Organisation von Streiks usw. Als ich China verließ, beabsichtigte das Sekretariat, eine Konferenz aller Arbeiterverbände von Schanghai einzuberufen, um ein einheitliches Zentralorgan für alle dortigen Arbeiterverbände zu gründen und die Einberufung eines Kongresses aller chinesischen Arbeiterorganisationen vorzubereiten.

Die Gewerkschaften stoßen jedoch auf ihrem Wege auf nicht wenige Hindernisse; erstens können sie ihre Arbeit nirgends legal führen, mit Ausnahme von Kanton, und sind allen Arten von Verfolgungen seitens der Behörden ausgesetzt; zweitens begegnen sie vielen Schwierigkeiten von seiten der verschiedenen Elemente, die allen möglichen „Blauen“ und „Roten“ Gruppen der Aufseher und Meister angehören, die Interessen der Besitzer verfechten und bisweilen zu grausameren Repressalien greifen als die Polizei, wodurch sie die Arbeiter vom Eintritt in die Gewerkschaften abschrecken. Alle diese Hindernisse werden jedoch überwunden werden.

Die letzten Nachrichten weisen darauf hin, daß die Arbeiter von Schantung und die Druckereiarbeiter von Wu-Si und Tsche-Kiang Schritte zur Vervollständigung ihrer Organisationen unternehmen.

Wenn man diese ganze Entwicklung beobachtet, so kann man sagen, daß die Geduld der chinesischen Arbeiter zu reißen beginnt und daß sie vom Schlaf erwachen. Sie haben den Weg des Kampfs um die Verbesserung ihrer Existenzbedingungen betreten, sie haben ihren Ausbeutern den Krieg erklärt, insbesondere den ausländischen Räubern, die sie in Knechtschaft halten. Erst kürzlich fand ein Streik der Eisenbahner in Lung-Kung statt, der vom Arbeitersekretariat unterstützt wurde und gegen die französischen Unterdrücker gerichtet war; die Eisenbahner in Tsin-Pon und Kin-Hou drohten auch mit einem Streik als Zeichen der Solidarität mit ihren Genossen. Solche Erscheinungen beweisen, daß, wenn an der Spitze der Bewegung eine Organisation wie das Arbeitersekretariat steht, nicht daran zu zweifeln ist, daß die Bewegung sich in richtigen Bahnen entwickeln und vorwärtsschreiten wird. Das Arbeitersekretariat ist berufen, zur wirklichen Kraft im Kampf gegen die Imperialisten im Fernen Osten zu werden.

## Sen Katayama: Die politische und ökonomische Lage Japans. Die Arbeiterbewegung

Mein Bericht wird kurz sein. Ich habe schon früher der Kommunistischen Internationale Berichte über die politische und ökonomische Lage Japans und über die dortige Arbeiterbewegung vorgelegt. In diesen Berichten jedoch war das Material, mit dem ich Euch heute bekannt machen werde, nicht enthalten.

### Die politische Lage in Japan

Die gesetzliche Staatsform des heutigen Japan ist, wie Ihr wißt, die konstitutionelle Monarchie. Die Person des Mikado ist heilig. Die politischen Geschicke Japans befinden sich in den Händen der sogenannten Genro. Nach der Staatsverfassung, die vor 30 Jahren angenommen wurde und bis auf den heutigen Tag in Kraft ist, existiert im Lande ein Parlament, das aus einem Oberhause, der „Kammer der Lords“, und einem Unterhause besteht, das die Vertreter des Volks umfassen soll. Die Mitglieder des Oberhauses sind hohe Würdenträger und vorwiegend Schützlinge des Mikado selbst. Was das Unterhaus betrifft, so sollte es eigentlich wohl das Volk vertreten, das bestehende Wahlgesetz jedoch gibt in Wirklichkeit nur einem geringen Teil der Bevölkerung das Wahlrecht. So haben von der 60 Millionen zählenden Bevölkerung von Japan nur 2 Millionen das Wahlrecht, und erst kürzlich ist die Zahl der Wähler auf 3 Millionen gestiegen. Alle Vorteile des Wahlsystems sind natürlich auf der Seite der besitzenden Klassen.

Das ganze System des Regierungsapparats ist rein bureaukratisch und hat seine jahrzehntelangen Traditionen. Unter besonderem Schutz der Regierung befinden sich z. B. die Universitäten (es gibt ihrer 5), wo die künftigen Beamten erzogen werden. Die Zöglinge dieser Universitäten erhalten später hohe Verwaltungs- und Regierungsposten. Hieraus ist ersichtlich, daß sich die Verwaltung des Landes in den Händen der Bureaukratie befindet, obgleich die bürgerliche Partei Se-Yu-Kai an der Macht steht.

Das Verhältnis des Volkes und der Regierung zueinander läßt sich durch eine einfache Formel ausdrücken: unumschränkte Unterdrückung des Volkes. Die Regierung kann sich in diesem Sinne auf eine sehr imposante Kraft stützen in Gestalt der Polizei, der Gendarmerie, der Geheimagentur und der Spionage.

In seiner Außenpolitik ist Japan ein würdiger Schüler der deutschen Imperialisten. Nicht umsonst hat die japanische Regierung die japanischen Offiziere zur Erlernung des Kriegshandwerks nach Deutschland gesandt. Die Zahl der ständigen, regulären Truppen, außer der ungeheuren Kriegsflotte, erreicht 400 000 Mann. 48% des Gesamtbudgets werden jetzt zur Deckung der Kriegskosten verwendet, und diese Rubrik der Ausgaben hat die Tendenz zum weiteren Steigen. Selbstverständlich lasten diese übermäßigen und durchaus unproduktiven Ausgaben für den „Kriegsbedarf“ als schwere Bürde auf den Arbeitern und Bauern von Japan. Die Regierung benutzt in weitem Umfang die Steuererpressung durch das in Japan sehr verbreitete System der Staatsmonopole. Laut der Staatsverfassung können Steuern nur durch das Parlament eingeführt werden, aber durch Einführung des Monopols auf Salz, Tabak, Verkehrsmittel, Telephon, Telegraph usw. gelingt es der Regierung, die Bevölkerung in Wirklichkeit mit Umgehung des Parlaments zu besteuern.

Ich gehe nun zur Betrachtung der ökonomischen Lage der werktätigen Massen in Japan über. Wie bekannt, war Japan bis zur Revolution von 1868 ausschließlich ein Agrarland. Die Industrie, wenn sie auch existierte, war erst in den Kinderschuhen. Während Europa und Amerika schon mit einem dichten Netz von Eisenbahnen bedeckt waren, gab es in Japan noch keine einzige Eisenbahn, keine einzige große Fabrik, keine einzige Dampfmaschine. Japan unterschied sich durch seine Rückständigkeit schroff von allen europäischen Ländern. Die Revolution von 1868 brachte große Aenderungen in das Leben des Landes. Es erfolgte die Abänderung des Reismonopols und die Abschaffung einer ganzen Reihe von Steuern. Auch das Eigentum der Kirchen wurde abgeschafft und die Rechte der Geistlichkeit wurden beschnitten. Auf dem Gebiet der Agrarverhältnisse erfolgte eine ganze Reihe von Aenderungen. Bis zum Jahre 1868 gab es in Japan keine kleinen Grundbesitzer, und es bestand das System der Pächter. Tatsächlich bearbeitete die Bauernschaft jedoch den Boden fast als Eigentum. Der Grund und Boden wurde, als Ergebnis der Revolution, formell der Bauernschaft zugesprochen und dementsprechend wurde auch das Steuersystem reorganisiert. Die Steuern waren zu der Zeit nicht sehr hoch und betrugen 3% des Bodenwertes. Die Kapitalisierung des Landes und die damit zusammenhängende Verschlechterung der Lage der Bauernschaft beginnt erst nach dem japanisch-chinesischen Kriege. Japan betrat den Weg einer raschen Entwicklung seiner Industrie und Technik. Japan zählt heute bald mehr als 6000 Meilen Eisenbahngleise und der Tonneninhalt der japanischen Dampfmaschinen, die meistens auch in Japan gebaut wurden, übersteigt eine Million Tonnen. Ich verweile bei solchen Tatsachen, die das schnelle Wachstum der japanischen Industrie und die gigantischen Erfolge, die die japanische Bourgeoisie während des europäischen Krieges erzielt hat, kennzeichnen. 1914 gab es in Japan 491 landwirtschaftliche Genossenschaften mit einem Kapital von 27 Millionen Yen, 1919 gab es bereits 795 solcher Genossenschaften mit einer Gesamtsumme dort angelegter Kapitalien von 44 Millionen Yen. Ausführlicheres über das Wachstum der Unternehmungen und Aktiengesellschaften während der Jahre 1914/19 siehe Tabelle Nr. 1.

In bedeutendem Maße ist in Japan auch die Anpflanzung von Getreide und Gemüse gestiegen. Das ist anschaulich aus Tabelle Nr. 2 ersichtlich.

Besonders stark ist die Erzeugung von industriellen Fabrikaten gewachsen. Die japanischen Kapitalisten, deren Zahl ununterbrochen steigt, begannen ungeheure Profite einzuheimsen.

Im Laufe der letzten 55 Jahre ist Japan zu einem der mächtigsten kapitalistischen Staaten geworden. Und entsprechend dem Wachstum des Kapitalismus wuchsen auch die Kader des Industrieproletariats und der ärmsten Landbevölkerung.

Die Zahl der ärmsten Bauernschaft, die weniger als zwei Acker Boden bearbeitet, beträgt in Japan etwa 3 796 900 Familien. Im ganzen beschäftigen sich in Japan mit Landwirtschaft ungefähr 5 Millionen Bauernfamilien, die Zahl der Grundbesitzer, die ihr Land nicht selbständig bearbeiten, beträgt ungefähr 900 000. Aus Tabelle Nr. 3 ist ersichtlich, daß die Zahl der in der Industrie beschäftigten Arbeiter und Bauern, die Frauen mitgerechnet, im Jahre 1917 mehr als 11 Millionen betrug. Gegenwärtig ist die Zahl der Arbeiter um nicht weniger als 25% gestiegen und erreicht ungefähr 13¾ Millionen.

Auf die wirtschaftliche Lage der Bauernschaft läßt das gegenwärtig in Japan bestehende System der indirekten Steuern schließen. Diese lasten schwer auf der Landbevölkerung, die ohnedies nur mit Mühe und Not die wachsende Grundsteuer bezahlt. Wenn die Grundsteuer der Regierung im Jahre 1894 etwa 80 Millionen Yen einbrachte, so werden heute unter dieser Rubrik schon 178 Millionen Yen Einnahmen verzeichnet.

Die Lage des Fabrikproletariats von Japan ist eine unglaublich schwere. Die Arbeiter leben in den schlimmsten, unhygienischsten Verhältnissen. Es herrscht die rücksichtsloseste Ausbeutung, die in gleichem Maß auch die Frauen und sogar die Halbwüchsigen trifft. Ueber die Zahl der in der Produktion beschäftigten Frauen kann man auch nach Tabelle Nr. 3 urteilen. Die Arbeiterinnen müssen bis 12 Stunden und bisweilen auch mehr der erschöpfenden Arbeit widmen und erhalten einen ganz geringen Arbeitslohn. Sie müssen in den drückenden Verhältnissen der Fabriken leben. Die Ziffer der Sterblichkeit und schweren Erkrankungen unter den Frauen ist sehr hoch. Es gibt viele Fälle von Erkrankungen an Tuberkulose. Das japanische Proletariat, das durch die Gesetzgebung nur schwach geschützt wird, befindet sich vollkommen in der Macht der Unternehmer und Fabrikbesitzer.

Zur Charakteristik dieser Gesetzgebung, die vor drei Jahren eingeführt wurde und deren Ziel es war, das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit „zu regeln“, weise ich darauf hin, daß durch die Gesetzgebung ein zwölfstündiger normaler Arbeitstag vorgesehen ist und daß in einigen Fällen die Verlängerung des Arbeitstages bis auf vierzehn Stunden zugelassen wird. Wir sehen, daß die kapitalistische Sklaverei in Japan durch die unmittelbare und wohlgeneigte Unterstützung der Regierung aufrechterhalten wird.

### Die Arbeiterbewegung

Seit dem Beginn der industriellen Entwicklung fingen die japanischen Arbeiter an, sich zu organisieren und auf dem Wege des Streiks um die Verbesserung ihrer ökonomischen Lage zu kämpfen. Seinerzeit bestand in Japan sowohl die Streikfreiheit, als auch die Freiheit der Verbände. Erst später begannen die japanischen Kapitalisten, alle Mittel zur Erwürgung der Arbeiterbewegung anzuwenden. Im Jahre 1898 existierte schon eine ganze Reihe von Verbänden. Der Verband der Druckereiarbeiter zählte 3000 Mitglieder, der Verband der Eisenbahner — 1500 Mitglieder. Einige Jahre später gab es in Japan schon 70—80 000 Arbeiter, die Mitglieder einer Gewerkschaft waren, und im ganzen gab es ungefähr 100 000 organisierte Arbeiter. Die Arbeiterbewegung war damals im wesentlichen reformistisch. Im Jahre 1900 wurde zum ersten Mal ein Gesetz erlassen, das Streiks unter der Androhung von Gefängnishaft verbot. Die Arbeiterbewegung entwickelte sich jedoch weiter. Im Jahre 1901 wurde der Eisenbahnerverband, der nach dem großen Eisenbahnerstreik im Februar 1897 gegründet worden war, von der Regierung aufgelöst.

Im Jahre 1906 brach ein großer Streik in den Kupfergruben von Washio aus, der mit Zusammenstößen endete. Diese Unruhen entstanden infolge der Repressalien, die von den Kapitalisten gegen die streikenden Arbeiter angewandt wurden. Einige Zeit später entbrannten Unruhen in den Gruben von Bessi, bei denen das Eigentum der Grubenverwaltung zerstört wurde. Auch diese Unruhen waren das Ergebnis des bewaffneten Vorgehens gegen die Arbeiter. Das Jahr 1918 ist unvergeßlich als das Jahr der großen Reisunruhen. Sie begannen als Protest gegen das Steigen der Reispreise. Die Unruhen, die in einem Fischerdorf im Norden Japans begannen, griffen rasch auf die nächstgelegenen Städte über, und nach einigen Tagen erreichte die Welle die Industriezentren, überschwemmte Osaka, Kobe und schließlich ganz Japan. An diesen „Reisunruhen“, die 45 Tage dauerten, nahmen, wie man annimmt, mehr als 10 Millionen Personen teil. An vielen Orten wurde das Eigentum der Reishändler und der Reichen vernichtet, ihre Häuser niedergebrannt. Die Regierung kämpfte gegen die aufständischen Massen durch brutale Polizeimaßnahmen. Viele büßten ihr Leben ein und mehr als 7000 Personen wurden strengen Strafen unterzogen. Diese Ereignisse bildeten einen wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung der japanischen Arbeiterbewegung. Die japanischen Arbeiter und Bauern, die nicht weniger als 90% der Teilnehmer an den Reisaufständen ausmachten, wurden zur aktiven revolutionären Tätigkeit erweckt. Während der letzten vier Monate des Jahres 1918 entbrannten mehr als 40 Streiks, im Laufe des Jahres 1919 zählen wir 480 Streiks. Das Jahr 1920 war für Japan das Jahr einer schweren ökonomischen und finanziellen Krise, die den Stillstand einer ganzen Reihe von industriellen Unternehmungen nach sich zog. Viele Arbeiter waren ohne Arbeit und ohne Existenzmittel. In demselben Jahre findet eine ganze Reihe Streiks von ungeheurer Bedeutung in den größten Industriezentren statt. Es entbrannte ein großartiger Streik, an dem mehr als 27 000 Arbeiter teilnahmen, in den Stahlwerken von Kiuschu. Dieser Streik wurde durch Polizeimittel unterdrückt. Es streikten die Kohlengruben von Hokaido. Es fand ein Streik auf zwei großen Schiffbauwerften in Kobe statt, der sechs Wochen dauerte und bis 30 000 Arbeiter umfaßte. Während dieser Streiks fanden Kundgebungen und öffentliche Versammlungen statt. Die Forderungen der Arbeiter wurden entschiedener und dringender. Unter anderem forderten sie Einführung der Arbeiterkontrolle über die Industrie und Einführung des Achtstundentags. Die Arbeiter begannen von den Gewerkschaften geleitete Massenversammlungen zu organisieren, auf denen sie die Verbesserung ihrer ökonomischen Lage forderten. Es wurden politische Parolen aufgestellt. Im vorigen Jahr fanden in Osaka Versammlungen der Arbeitslosen statt, die von der Föderation der Gewerkschaften organisiert waren und Resolutionen annahmen, in denen die Vernichtung des Kapitalismus gefordert wurde, als einziges Mittel gegen die Arbeitslosigkeit. So erstarkt das Selbstbewußtsein der japanischen Arbeiter unter dem Einfluß der sich immer mehr zuspitzenden Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit in Japan, und ihre Widerstandskraft wächst mit jedem Tag.

Ich will nun mit einigen Worten eine Methode berühren, die von den Arbeitern Japans in großem Umfang angewendet wird — die Sabotage. Die Sabotage hat in Japan schon viele Jahre existiert, aber sie wurde geheim betrieben. Vor zwei Jahren traten die Arbeiter der Werften von Kavasaki mit offener organisierter Sabotage hervor als Antwort darauf, daß die Gesellschaft ihre Forderungen der Erhöhung des Arbeitslohnes nicht befriedigen wollte. Die Arbeiter kamen rechtzeitig in die Fabrik, produzierten aber nichts. Die Gesellschaft wollte nicht alle 1700 Arbeiter entlohnen, weil das nachteilig für das Unternehmen gewesen wäre. Sie konnte aber auch nicht einen Mann entlassen, ohne Protest hervorzurufen und eine neue Verwicklung der Lage zu riskieren. Diese Lage währte 10 Tage, nach deren Ablauf die Arbeiter beschlossen, die Sabotage bis zur Befriedigung ihrer Forderungen fortzusetzen. Die Gesellschaft gab jedoch nicht nach. Da erklärten 4000 Arbeiter einer anderen Fabrik derselben Gesellschaft, daß auch sie aus Solidarität sabotieren würden. Die Gesellschaft war schließlich gezwungen, die Forderungen der Arbeiter zu bewilligen und ihnen auch die Tage der Sabotage zu bezahlen. Da Streiks durch das Gesetz verboten sind, Versammlungen aber von der Polizei auseinandergejagt werden, halten die japanischen Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Sabotage für das verläßlichste Kampfmittel gegen die Unternehmer.

Das sind einige Striche zur Charakterisierung der Arbeiterbewegung in Japan. Die japanischen Arbeiter haben während der letzten 50 Jahre denselben Entwicklungsgang durchgemacht, wie die europäischen Arbeiter im Laufe von zwei Jahrhunderten. Ich bin überzeugt, daß das japanische Proletariat in nächster Zeit eine organisierte widerstandsfähige Kraft darstellen wird, die mit größerer Entschiedenheit und Hartnäckigkeit für ihre Klasseninteressen kämpfen wird als die Arbeiter Westeuropas und Amerikas. Der Kapitalismus in Japan ist zu jung, um das Klassenbewußtsein einzelner Schichten des Proletariats demoralisieren zu können, aber doch genügend entwickelt, um das Problem des Klassenkriegs in seinem ganzen Umfang zu stellen. Die Aufgabe des japanischen Proletariats ist nun, zusammen mit den werktätigen Massen der anderen Länder des Fernen Ostens, einen Plan des gemeinsamen Kampfs gegen die Imperialisten des Fernen Ostens auszuarbeiten.

*Entwicklung der Industrie nach dem Kriege.*

a) Wachsen des Aktienkapitals.

(Kapital in Millionen Yen.)

| Jahre: | 1914 Gesellschaften | 1914 Kapital | 1915 Gesellschaften | 1915 Kapital | 1916 Gesellschaften | 1916 Kapital | 1917 Gesellschaften | 1917 Kapital | 1918 Gesellschaften | 1918 Kapital | 1919 Gesellschaften | 1919 Kapital |
|---|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|
| 1. Landwirtschaft | 491 | 27 | 492 | 32 | 485 | 32 | 587 | 76 | 624 | 78 | 795 | 145 |
| 2. Transport | 9 923 | 974 | 9 943 | 1 011 | 10 551 | 1 071 | 10 714 | 1 918 | 12 132 | 2 934 | 13 137 | 3 768 |
| 3. Handel | 1 176 | 234 | 1 225 | 246 | 1 241 | 274 | 1 430 | 511 | 1 694 | 858 | 1 833 | 1 101 |
| 4. Industrie | 5 266 | 834 | 5 489 | 880 | 5 942 | 1 057 | 6 677 | 1 827 | 8 221 | 2 757 | 10 112 | 3 383 |

b) Entwicklung des Kapitals in den einzelnen Industriezweigen.

(Kapital in Millionen Yen.)

| Jahre: | 1914 Gesellschaften | 1914 Kapital | 1915 Gesellschaften | 1915 Kapital | 1916 Gesellschaften | 1916 Kapital | 1917 Gesellschaften | 1917 Kapital | 1918 Gesellschaften | 1918 Kapital | Zuwachs des Kapitals von 1914 bis 1919 in % von 1914 |
|---|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|
| 1. Textilindustrie | 1 080 | 136 | 1 071 | 141 | 1 110 | 161 | 1 302 | 225 | 1 609 | 297 | 118 |
| 2. Metallurgie | 491 | 54 | 469 | 74 | 619 | 109 | 746 | 166 | 1 129 | 341 | 520 |
| 3. Mechanik und Maschinenbau | 620 | 76 | 690 | 88 | 816 | 115 | 1 197 | 193 | 1 650 | 325 | 220 |
| 4. Lebensmittel | 1 350 | 74 | 1 442 | 66 | 1 456 | 74 | 1 577 | 69 | 1 737 | 119 | 90 |
| 5. Elektrizität | 427 | 275 | 463 | 318 | 479 | 339 | 581 | 433 | 599 | 449 | 90 |
| 6. Verschiedenes | 901 | 33 | 968 | 31 | 983 | 33 | 254 | 70 | 1 497 | 87 | 175 |
| 7. Bergbau | 197 | 166 | 190 | 139 | 234 | 208 | 288 | 302 | 357 | 468 | 195 |
| Zusammen | 5 066 | 814 | 5 293 | 857 | 5 697 | 1 039 | 5 945 | 1 458 | 8 578 | 2 086 | 201 |

*Ernte der hauptsächlichen Agrarprodukte.*

| Bezeichnung der Produkte | Einheiten | 1903 | 1906 | 1912 | 1914 | 1915 | 1916 | 1917 | 1918 |
|---|---|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|---:|
| 1. Reis | 1000 Roku (1 Roku = 4.96 Bushel) | 46473 | 46309 | 50223 | 57007 | 55925 | 58442 | 54699 | 60818 |
| 2. Gerste | 1000 Roku | 7468 | 9465 | 9791 | 7549 | 10254 | 9532 | 9835 | 8290 |
| 3. Roggen | 1000 Roku | 4207 | 6958 | 7900 | 7207 | 8298 | 7920 | 7621 | 8297 |
| 4. Weizen | 1000 Roku | 1676 | 3968 | 5179 | — | 5230 | 5887 | 6261 | 5866 |
| 5. Sojabohnen | 1000 Roku | 3648 | 3517 | 3511 | — | 3808 | 3750 | 3451 | 3931 |
| 6. Türkische Bohnen | 1000 Roku | 918 | 897 | 947 | — | 962 | 887 | 811 | 878 |
| 7. Süßkartoffeln | 1000 Kau (1 Kau = 8.26 Pfund) | 75118 | 793664 | 980502 | — | 1055634 | 1092027 | 1098520 | 1194757 |
| 8. Gewöhnliche Kartoffeln | 1000 Kau | 71896 | 175650 | 186292 | — | 254759 | 281832 | 323930 | 487964 |

*Zahl der in der Industrie beschäftigten Arbeiter im Jahre 1917.*

(Nach den Angaben der Zeitschrift und des Jahrbuchs „The Oriental Economist“.)

| Industriezweig bzw. Arbeiterkategorie | Männer | Frauen | Zusammen |
|---|---:|---:|---:|
| Rohseideproduktion | 20 010 | 285 291 | 305 301 |
| Baumwollenspinnerei | 29 006 | 104 869 | 133 875 |
| Seidenspinnerei | 4 100 | 9 466 | 13 566 |
| Flachsspinnerei | 2 364 | 5 035 | 7 399 |
| Wollindustrie | 1 009 | 3 639 | 4 648 |
| Seidenfaden | 2 159 | 7 610 | 9 769 |
| Glatte Seide | 382 | 682 | 1 064 |
| Seidenweberei | 7 417 | 40 581 | 47 998 |
| Baumwollenreinigung | 1 105 | 2 067 | 3 172 |
| Baumwollweberei | 22 747 | 106 488 | 129 235 |
| Uebrige Webereien | 69 899 | 862 303 | 932 202 |
| Verschiedene Industriezweige | 701 190 | 610 206 | 1 311 396 |
| Bergbau | 342 285 | 91 558 | 433 843 |
| Fischerei | 1 055 438 | 339 041 | 1 394 479 |
| Eisenbahnen | 112 550 | 4 703 | 117 253 |
| Bergbahn Tokio-Osaka | 25 351 | — | 25 351 |
| Telephon und Telegraph | 22 782 | 21 177 | 43 959 |
| Restliche Arbeiter | 2 028 | 222 | 2 250 |
| Arbeitslose | 567 844 | 713 120 | 1 280 964 |
| Kulis in den obengenannten Betrieben | 58 236 | 17 315 | 75 551 |
| Bauern, die 2,45 Acker bearbeiten[^ck1] | 3 796 968 Familien, die im Durchschnitt aus je 5 Personen bestehen | | |
| Salzwerke | 45 155 | — | 45 155 |
| Goldausbeutung | 1 972 | — | 1 972 |
| Seeleute | 254 113 | — | 254 113 |
| Matrosen der Dampfer | 144 637 | — | 144 637 |
| Dockarbeiter | 299 150 | — | 299 150 |
| Rikschas | 50 345 | — | 50 345 |
| Arbeiter der Regierungsunternehmen | 125 907 | 32 166 | 158 073 |
| Zusammen: | 7 765 149 | 3 254 529 | 11 019 678 |

## Tahawa: Die Organisation und die Taktik der Kommunistischen Partei Japans

Die „Reisunruhen“ bilden einen Wendepunkt in der japanischen Arbeiterbewegung. Die sozialistische Bewegung begann in Japan um die Jahrhundertwende. Sie hatte einen theoretischen Charakter, an ihrer Spitze standen die japanischen Intellektuellen. Die Verbindung mit der damals noch unorganisierten Arbeiterbewegung war schwach. Aber die Arbeiterbewegung entwickelte sich rasch unter dem Einfluß der ökonomischen Verhältnisse und die Sozialisten versuchten, sich ihrer zu bemächtigen. Im Laufe der Jahre gelang ihnen dies. Davon zeugt am besten die Geschichte der Yu-Ai-Kai, der größten Organisation in Japan, die durch den Zusammenschluß einer ganzen Reihe von Verbänden und Arbeitsvereinigungen entstand. Die Taktik der Yu-Ai-Kai war im großen und ganzen eine Taktik des Kompromisses mit dem Kapital. Die Arbeiterbewegung wurde in das Bett des Trade-Unionismus gelenkt. Die letzten Jahre aber haben in der Praxis die Notwendigkeit bewiesen, Taktik und Kampfmethoden zu ändern.

Die Arbeiter begannen, die Unumgänglichkeit revolutionärer Selbsttätigkeit und Aktivität einzusehen. Es setzte eine Bewegung ein, die unter dem etwas unbestimmten Namen „syndikalistisch-kommunistisch“ bekannt ist. Gleichzeitig machte sich aber auch die Notwendigkeit der Gründung einer Partei geltend, die wirklich die Interessen des Proletariats widerspiegelt — einer kommunistischen Partei. Den japanischen Kommunisten gelang es, eine praktische Verbindung mit den Arbeitermassen herzustellen. Die geschickte Teilnahme der Kommunisten an der Bewegung von 1920 trug zur Steigerung des Einflusses der Kommunistischen Partei Japans im Lande viel bei. Seit dieser Zeit ist ihr Einfluß in stetigem Wachsen begriffen.[^ck2]

Die Kommunistische Partei Japans ist ihrem Bestande nach allerdings etwas verschiedenartig und enthält einen bedeutenden Prozentsatz Intellektueller. Daher manche Unentschlossenheit in den Aktionen der Partei, die sich den Arbeitern mitteilte. In der Partei war aber eine Gruppe junger, energischer Genossen, die mit der akademischen Auffassung der Intellektuellen in der Partei unzufrieden war und eine rege Tätigkeit in den Massen begann. Gegenwärtig sind 40% der Mitglieder der Kommunistischen Partei Japans Arbeiter. Die kommunistische Arbeit wird selbstverständlich illegal geführt, denn die Regierung verfolgt die Kommunisten hartnäckig.

Die Partei hat seit ihrer Entstehung trotz der Verfolgungen und der strengsten Zensur in allen größeren Zentren Japans Zellen zu organisieren vermocht und eine große Menge legaler und illegaler Literatur herausgegeben. Die Arbeit entwickelt sich aber vorläufig verhältnismäßig langsam und es ist notwendig, sie energischer und geschickter weiterzuführen.

Dazu bedarf es der Vereinigung der japanischen Syndikalisten mit der Kommunistischen Bewegung und der Gründung einer vereinigten Kommunistischen Partei. Hier habe ich japanische Genossen angetroffen, die erklären, daß sie zu den Anarcho-Kommunisten gehören. Nach den Verhandlungen mit ihnen und mit den Führern der Kommunistischen Internationale bin ich zur Ueberzeugung gelangt, daß diese Genossen sich der rein kommunistischen Klassenbewegung anzuschließen haben. Jetzt, nachdem wir Einsicht in den Aufbau Sowjetrußlands erhalten haben, kehren ich und meine Genossen im Glauben an den Sieg der sozialen Revolution in Japan und zum Kampf bereit heim.

## Kato: Die japanische Organisation „Radoschi“

Die sozialistische Bewegung in unserem Lande wurde von den Intellektuellen eingeleitet, deren Vertreter Genosse Sakai ist, gegenwärtig einer der Führer der japanischen Kommunisten. Ein anderer Vertreter der Intellektuellen, Genosse Osugi, ist Anarcho-Kommunist. Ihr Einfluß in den Massen ist, trotzdem sie Intellektuelle sind, dank ihrer energischen Tätigkeit in der Tiefe der Arbeiterbewegung außerordentlich groß. Genosse Osugi ist einer der hervorragendsten und energischsten revolutionären Führer in Japan, dessen Lebensaufgabe ist, die revolutionäre Bewegung Japans vorwärts zu treiben und zu entwickeln. Unter den Führern — den Sozialisten, den Kommunisten und den Anarcho-Kommunisten — entstanden jedoch sehr oft Streitigkeiten und scharfe Konflikte.

Im südlichen Teile Japans bestehen Verbände in der Art des „Uaki“ und „Kayawas“, gemäßigte, kleinbürgerliche, reformistische Organisationen. Wir haben nun, den Reformisten als Gegengewicht, einen revolutionären Verband unter dem Namen „Radoschi“ gegründet. Die Rolle und der Einfluß dieses Verbandes ist sehr bedeutend, dank seiner lebhaften und energischen politischen Tätigkeit. Wir haben uns bisher Anarcho-Kommunisten genannt. Unsere Zentralorgane befinden sich in Tokio, in Osaka und in Okuso und zählen bis 500 Mitglieder aus den Reihen wirklicher Arbeiter. In unserer Organisation gibt es keine „Führer“, es gibt auch keine Intellektuellen. Jedes Mitglied unseres politischen Verbandes ist gleichzeitig auch Mitglied irgend eines Arbeiterverbandes. So ist z. B. der am Kongreß teilnehmende Genosse I. Mitglied der Yu-Ai-Kai. Die Aufgaben unserer Organisation sind von den Forderungen des Augenblicks diktiert. Unser Ziel ist, die Arbeiterverbände zu revolutionieren, sie vom Einfluß der Reformisten zu befreien.

Die Organisation, die mich als ihren Vertreter hierher gesandt hat, gibt offen in drei Zentren Literatur heraus. Außerdem geben wir viel illegale Literatur heraus, die wir auch unter den Fabrikarbeitern verbreiten. Mein Aufenthalt in Rußland, meine persönliche Einsicht in die Lage der Dinge in Sowjetrußland, meine Begegnungen mit vielen kommunistischen Genossen und darunter mit vielen angesehenen Führern haben meine persönlichen Anschauungen geändert und meine Augen über vieles geöffnet, was ein Hindernis für die japanische Bewegung ist. Ich dachte früher, daß man der Führer nicht bedarf; ich dachte, daß es auch überflüssig ist, eine politische Partei zu haben; ich setzte mir nur das eine Ziel, die Arbeiterverbände zu revolutionieren. Jetzt aber sehe ich, daß dies alles ungenügend ist und erkläre feierlich, daß ich Kommunist geworden bin. Ich lege die Vorsilbe „Anarcho“ ab und werde ein reiner Kommunist. Nach meiner Ankunft in Japan werde ich unter dem Banner der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale arbeiten.

Unsere Organisation erstreckt sich von Tokio bis Osaka und Uhusa, wir müssen aber jetzt die Bewegung auch auf Korea ausdehnen. Es ist außerordentlich wichtig für uns, eine Vereinigung mit den revolutionären Führern Koreas zu erzielen, mit ihnen zusammen zu arbeiten, nicht nur für unsere Sache in Korea und Japan, sondern auch für die Sache der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt.

## Ho: Die Lage in Korea

Korea war immer vorwiegend Agrarland und ist es auch jetzt. Das gesamte ökonomische Leben des koreanischen Volkes basiert daher auf der Landwirtschaft, und das gesamte Steuersystem basiert hauptsächlich auf der Agrarfrage. Freilich entstanden im Mittelalter, das in der koreanischen Geschichte das 13. und 14. Jahrhundert umfaßt, im Lande viele Industriezweige; es entwickelte sich auch der Außenhandel, insbesondere zwischen China und Korea, das damals sehr aufblühte. Die Spuren dieser Periode sind auch noch heute zu bemerken.

Später aber, im Laufe der hundertjährigen despotischen Herrschaft der Dynastie Mi, als die herrschende Klasse streng die Lehre des Konfuzius befolgte, begann der Gedanke vorzuherrschen, daß die Landwirtschaft die ehrenvollste Beschäftigung für jedes Volk sei. Daher begünstigten sowohl die herrschende Klasse als auch die Regierung selbst die Landwirtschaft mehr als Handel und Industrie, unterdrückten sogar alle Versuche, diese Wirtschaftszweige zu entwickeln. Außerdem war die herrschende Klasse Koreas sehr stark von der Idee der nationalen Isolierung Koreas durchdrungen, was im Grunde genommen die Ursache der äußerst schwachen Entwicklung des Außenhandels im Lande ist. Das Ergebnis ist, daß sich das koreanische Volk seit Jahrhunderten hauptsächlich mit Landwirtschaft beschäftigt. Aber selbst diese Beschäftigung des Volkes wurde, besonders während einiger der letzten Jahre, stets gestört. Die Vertreter der herrschenden Klasse, die sogenannten Yang-Ban, hemmten sie auf jede Weise, die Bevölkerung wurde beständig von ihren friedlichen Beschäftigungen losgerissen. Man ließ sie in vielen Fällen nicht durch friedliche Arbeit ihre Existenzmittel erwerben. Die Bauern waren nicht imstande, Vorräte für schwere Zeiten anzusammeln. Wenn der Hunger kam oder Unruhen im Land entstanden, kam das Volk daher an den Rand des Todes vor Hunger und Elend. Das führte auch im Jahre 1904 zu dem unter dem Namen Tong-Han bekannten Aufstand. Dies war ein Aufstand der geknechteten Bauern gegen ihre Unterdrücker. Man kann ihn mit Recht Klassenkampf nennen. Dieser Bürgerkrieg erschütterte bis auf den Grund die hergebrachte Ordnung und gewohnte Beschäftigung des koreanischen Volkes.

Später, unmittelbar nach dem russisch-japanischen Kriege, drangen die japanischen Kapitalisten in das Land. Hier muß man bemerken, daß die Ansichten in dieser Frage nicht übereinstimmen; einige meinen, daß das Eindringen des japanischen Kapitalismus in Korea sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vollzog, wir aber halten für zweifellos, daß der japanische Kapitalismus als unterdrückende Kraft erst während des russisch-japanischen Krieges in Korea erschien. Die friedliche Beschäftigung des koreanischen Volkes wurde also zuerst gestört von den Yang-Ban, der herrschenden Klasse, später aber durch die Ausbeutung der japanischen Kapitalisten. Die Klasse der Yang-Ban müßte man eigentlich richtiger die Klasse der „Räuber und Blutsauger“ nennen, und ihre gesamte Unterdrückungspolitik verdient Räuberpolitik genannt zu werden.

Nach ihrem Eindringen in das Land führten die Japaner eine strenge Kontrolle über das ökonomische Leben ein: ihr erster Schritt bestand in der Herausgabe der sogenannten Kriegsbanknoten. Das waren Banknoten, die speziell zu Kriegszwecken herausgegeben worden waren und während des russisch-japanischen Kriegs zum ersten Mal in Umlauf gesetzt wurden. Die Japaner zwangen die Koreaner, diese Kriegsbanknoten im Austausch gegen Lebensmittel entgegenzunehmen, und deckten auf diese Weise alle Ausgaben für den Bau der Haupteisenbahnlinie in Korea von Fusan bis Evidge, was übrigens fast das ganze Netz der koreanischen Eisenbahnen ausmacht. Es ist selbstverständlich, daß dieses Papiergeld auch in Korea keinerlei Deckung in Silber oder Gold hatte. Infolge dieses Geldes, das das Volk gezwungen war, zu benutzen, entstand ein System, das an eine Seifenblase erinnerte, d. h. ungefähr das gleiche, das während der französischen Revolution bestand. Es ist auch selbstverständlich, daß dies zu einem chaotischen Zustand führte und jegliches ökonomische Gleichgewicht in Korea vollkommen zerstörte. Die Preise aller Waren stiegen unglaublich und die japanischen Kapitalisten verstanden die gebotene Gelegenheit in großem Umfang auszunutzen und Wucherprofit einzuheimsen. Aber auch die koreanischen Halbbourgeois benutzten die Gelegenheit, den Glauben an den Mammon anzunehmen und durch Erfahrung die Lehre zu prüfen, die besagt, daß Geld Macht ist. Die beschriebene Erscheinung ist ein Blatt aus der Geschichte des Klassenkampfs, den das koreanische Volk kämpft. Das imperialistische Japan begnügte sich natürlich nicht damit, das ökonomische Leben Koreas zu zerstören, und nach der tatsächlichen Annexion des Landes im Jahre 1910 begann auch die politische Unterdrückung des koreanischen Volkes.

Sofort nach dieser Annexion, im Jahre 1910, erreichte die Summe der Steuern im ganzen Lande etwa 11 053 000 Yen, aber schon nach neun Jahren japanischer Herrschaft, im ersten Halbjahr 1919, finden wir in der japanischen Statistik, daß die Gesamtsumme der Steuern sich vervierfacht hat und 52 643 000 Yen erreicht. Japan hat die Kontrolle über den gesamten Umsatz an sich gerissen, sowie über alle Produktionsmittel in den profitabelsten Industriezweigen. Die Japaner haben eine ganze Reihe von Gesetzen, Dekreten, Bestimmungen und Instruktionen erlassen, die den Handel und die Industrie, sowie die Banken und überhaupt die Kreditinstitutionen betreffen. Sie haben auch ihre eigenen Körperschaften gegründet, ihre Banken eröffnet, eigene Banknoten herausgegeben bezw. die „Koreanische Bank“ mit der Notenausgabe beauftragt. Diese Banknoten haben eine weite Verbreitung gefunden, obgleich sie, wie man sagt, nicht ganz durch Metallwährung gedeckt waren. Das beste Beispiel für die japanischen Ausbeutungsmethoden ist die „Handelsgesellschaft des Ostens“ oder die „Gesellschaft der Entwicklung des Ostens“, wie sie manchmal genannt wird, die halb und halb ein Regierungsunternehmen ist. Diese Gesellschaft hat die Kontrolle über alle Ländereien der Regierung bis aufs letzte Handbreit, und hat auch angefangen, das Land der koreanischen Bauern aufzukaufen, durch verschiedene Betrügereien und Spitzbübereien wegzunehmen. Dadurch wurde dem Andrang der aus Japan einwandernden Bauern der Weg gebahnt, und schon 1910 bildeten die 400 000 japanischen Bauern, die nach Korea übergesiedelt waren, ¹/₉ der gesamten Einwohner Koreas.

Darauf entstanden so unerhörte Verhältnisse, wie man sie in keinem anderen Lande, sogar in keinem unterdrückten Lande, in keiner Kolonie, erlebt hat. Wie wir schon erwähnt haben, war die Hauptbeschäftigung des koreanischen Volkes die Landwirtschaft. Durch die Einwanderung der 400 000 japanischen Bauern kam es jedoch dazu, daß auf je 5 koreanische bäuerliche Kleinwirtschaften ein japanischer Konkurrent kam. Und diese Japaner nahmen einigen Hunderttausenden koreanischer Bauern ihr Land fort, was eine Emigrationswelle in die Mandschurei und nach Sibirien zur Folge hatte.

Im Jahre 1919, als es in Japan an Korn mangelte, wurde aus Korea, trotzdem dort der Hunger wütete, zur Ergänzung der Vorräte etwa ein Viertel der gesamten Ernte im Betrage von 120 Millionen Yen (genauer 117 Millionen Yen) nach Japan ausgeführt. Vergleichen wir diese Ziffer mit der allgemeinen Ausfuhr aus Korea (222,2 Millionen Yen), so bildet sie weit mehr als die Hälfte. Außerdem exportierte Japan aus Korea für 20 Millionen Yen Bohnen, für 8 Millionen Yen Baumwolle usw. Womit bezahlte aber Japan diese aus Korea exportierten Produkte? Japan schickte nach Korea minderwertige Waren, die auf anderen Märkten keinen Absatz fanden. Diese Waren bestanden meistenteils aus Weinen, Tabak, Zigaretten und dergl.

Früher waren der Handel und die Industrie Koreas in den Händen der sogenannten „Gildenkaufleute und -industriellen“. Diese „Gildenmänner“ kontrollierten alle koreanischen Märkte, sowohl in den Städten als auch auf dem flachen Lande, aber auch sie fühlten den Druck der Yang-Bang (der herrschenden Klasse) und später der Japaner, von denen sie ganz ebenso unterdrückt wurden wie die Arbeiter- und Bauernbevölkerung. Uebrigens war schon vor dem Eindringen der Japaner der Einfluß der „Gildenmänner“ fast ganz zunichte gemacht.

Sobald die „Handelsbeziehungen“ zwischen Korea und Japan begannen, war in den Städten und Häfen von Korea ein Andrang japanischer Kaufleute zu beobachten. Heute befindet sich in Fusan, Tschemulpo und in anderen Städten der größte Teil des Handels in den Händen der Japaner, die alle Verkehrsmittel, d. h. den Eisenbahn- und anderen Transport, sowie die Post- und Telegraphenverbindung kontrollieren und überhaupt wie in ihrem eigenen Lande schalten und walten. Schließlich zwangen sie unter dem Vorwande des Baues von Eisenbahnen, Landstraßen und anderen Verkehrsmitteln die koreanischen Bauern für sie zu arbeiten. Man findet jetzt japanische Kleinhändler und japanische Geschäfte sogar im gottverlassensten koreanischen Krähwinkel. Das frühere Handwerk und der frühere Kleinbetrieb Koreas konnten natürlich nicht mit den vervollständigten Methoden der Industrie konkurrieren, die von den japanischen Kapitalisten eingeführt wurden, und die Koreaner mußten, ob sie wollten oder nicht, alle Produkte der japanischen Industrie kaufen, auch Kleider und alltägliche Bedarfsartikel nicht ausgenommen. Es ist daher nicht schwer, sich vorzustellen, daß die Japaner zu völligen Herren der Situation wurden. Alles kam in ihre Hände. Japaner, die größeren Kaufleute und die kleinsten Krämer, wurden zu Vermittlern bei der Ausfuhr koreanischer Produkte, sowie bei der Einfuhr japanischer Waren nach Korea.

Nach der Annexion wurde von den Japanern eine ganze Reihe von Ausnahmegesetzen, Verordnungen und verschiedenen Instruktionen erlassen, die das koreanische Volk daran hinderten, Handelsunternehmungen zu organisieren und Geschäfte zu eröffnen, was auch eine der Ursachen ist, die die Märzrevolution von 1919 beschleunigten. Es ist klar, daß die Japaner mit diesen Ausnahmegesetzen und Verordnungen das Ziel verfolgten, den japanischen Handels- und Industrieunternehmungen, die völlig dem imperialistischen Programm entsprachen, zur Alleinherrschaft zu verhelfen. Nach den statistischen Angaben von 1919 betrug die Gesamtzahl der japanischen Gesellschaften in Korea 339, während es nur 63 koreanische Gesellschaften gab. Im Handel und in der Industrie Koreas waren 552 Millionen Yen japanisches Kapital angelegt, während das einheimische Kapital nur etwa 23 Millionen Yen, d. h. ungefähr 4 Prozent betrug. Daraus ist schon ersichtlich, wie der Handel und die Industrie Koreas der Kontrolle und dem Einfluß Japans unterworfen wurden. Mit Ausnahme einiger kleinerer Unternehmen befindet sich fast die gesamte Industrie in japanischen Händen. So ergibt sich aus den Angaben von 1918, daß es in Korea damals 1700 Fabrikunternehmen gab mit einer Arbeiterzahl von fünf bis einige hundert oder tausend Mann. Die meisten dieser Unternehmungen gehörten Japanern, und nur eine geringe Anzahl Chinesen. Die Gesamtsumme der in diesen Unternehmungen angelegten Kapitalien betrug 48 Millionen Yen, von denen mehr als 40 Millionen dem japanischen und chinesischen Kapital gehörten und nur der Rest den Anteil der koreanischen und ausländischen Kapitalisten ausmachte.

Korea ist von drei Seiten vom Meere umgeben — von Süden, von Osten und von Westen; die Länge seiner Küstenlinie beträgt mehr als 9.300 Meilen. Einen bedeutenden Teil der Naturreichtümer bilden die Produkte des Meeres. 73% des Landes ist bergiges Gebiet, in dessen Schoß wir die wichtigsten Bodenschätze Koreas finden. Unerschöpfliche Gruben, unermeßliche Waldungen — all das befindet sich wie die Landwirtschaft und das Meer unter vollständiger Kontrolle der Japaner. So waren z. B. 1919 die Koreaner mit einer Summe von 20 Millionen Yen an dem Fischfang beteiligt und standen sogar in diesem einheimischen Hauptgewerbe um 3 Millionen den Japanern nach. Ebenso liegen die Dinge in dem Bergbetrieb: 1919 hatten die Koreaner 621 Bergwerke, die Japaner aber 763. So ist die Lage auch in der Forstwirtschaft, wo sich mehr als 50% aller Waldreichtümer unter der Kontrolle der Japaner befinden, darunter auch die ehemaligen Staatswäldereien. Alles Gesagte weist nur in allgemeinen Zügen auf die verschiedenen Methoden und Wege hin, die die japanischen Imperialisten benutzen, um einen politischen und wirtschaftlichen Druck auf Korea auszuüben.

Wie wir bereits erwähnt haben, befinden sich die Hauptreichtümer des Landes in den Händen der japanischen Kapitalisten. Es ist daher leicht sich vorzustellen, unter wie schweren Bedingungen die Arbeiter- und Bauernmassen von Korea leben. Zu unserem äußersten Bedauern haben wir keine Zeit, bei dieser Frage ausführlicher zu verweilen. Wir können jedoch sagen, daß gerade dieser Umstand eine der Hauptursachen ist, die die Koreaner heute zwingen, sich so hartnäckig gegen die fremdländische imperialistische und kapitalistische Ausbeutung zu verteidigen.

### Die Lage der koreanischen Bauern

85% der Bevölkerung von Korea bilden Landbewohner. Es gibt in Korea 3 980 000 Männer und 3 500 000 Frauen, die sich ausschließlich und unmittelbar mit der Landwirtschaft beschäftigen, und ⁴/₅ davon sind sogenannte Kleinbauern-Pächter. Sie befinden sich unter dem Joch der herrschenden Klasse, in deren Händen das meiste Ackerland ist. Die Bauern sind selten Grundeigentümer und die meisten von ihnen pachten Grund und Boden. Dadurch ist unter anderem der schon früher erwähnte Aufstand von Tang-Han zu erklären, der übrigens mißlang. Die Lage der werktätigen Massen Koreas, die jahrhundertelang den Druck der herrschenden Klassen gespürt haben, ist jetzt schwieriger denn je. Es kann keine Rede sein von einer erfolgreichen Konkurrenz mit dem japanischen Imperialismus, mit allen den von ihm angewandten verhaßten Methoden. Wir haben schon gesehen, daß Japan durch die Gründung des „Vereins zur Kolonisierung des Ostens“ die Einwanderung der japanischen Bauern zu ermuntern begann. Unter den letzteren befanden sich einige der schlimmsten Elemente und Agenten der imperialistischen despotischen japanischen Regierung; diese letzteren begannen unter der Protektion ihrer imperialistischen Herrscher sogar die wenigen Landstücke wegzunehmen, die noch in den Händen der koreanischen Bauern (Pächter) geblieben waren, um dort Japaner anzusiedeln. Mit dem Wechsel der Eigentümer wurde die Ausbeutung der koreanischen Bauern noch größer. Es war natürlich, daß die koreanischen Grundbesitzer im Falle von Dürre, Hunger oder anderer Not die Lage ihrer Pächter einsahen. So ist es aber nicht mit den Japanern, die unter dem Vorwand der Anwendung zeitgemäßer Methoden und unter dem Schutze besonderer Verordnungen und Regeln, die von der Regierung herausgegeben werden, das Volk bedrücken und von ihm zu ihrem Nutzen und Frommen alles erpressen, was es nur produzieren kann. Es ist selbstverständlich, daß die japanische Regierung die Außenwelt betrügt, indem sie sie glauben macht, daß die Japaner die Landwirtschaft in Korea vervollkommnen. Sie haben wohl einige Verbesserungen eingeführt, durch Anwendung einiger neuen Methoden und Benutzung moderner landwirtschaftlicher Maschinen beim Besäen der Felder, im System der Düngungen, insbesondere aber in der Bewässerung. Alle diese Verbesserungen dienen aber natürlich nur zum größeren Vorteil der japanischen Einwanderer, nicht aber des koreanischen Volkes. So sind z. B. zur Verwirklichung verschiedener Bewässerungspläne von den Japanern besondere Unternehmungen eingerichtet worden, die sich unter der Kontrolle der Japaner befinden, während alle Ausgaben zur Durchführung des Systems den Koreanern auferlegt wurden. Obgleich die koreanischen Landwirte aus den Reihen der Kleingrundbesitzer gezwungen waren, ihr Geld für diese Ausgaben herzugeben, war das gesamte Bewässerungssystem in den Händen der japanischen Kapitalisten, und die Ländereien, die das Bewässerungsnetz umfaßte, waren von Japanern besetzt, die auf diese Weise alle Vorteile des neuen Systems genossen. Was die Düngemittel betrifft, kam es so weit, daß die Bauern gezwungen wurden, sie sogar gegen ihren Willen zu kaufen. Die Bodensteuer wurde um viele Male vergrößert, und das Volk muß jetzt alljährlich mehr als die Hälfte dessen bezahlen, was es verdient. Aus Mangel an freiem baren Gelde müssen die ärmsten koreanischen Bauern zur Bezahlung der Steuern bei den Schiebern und Wucherern Schulden machen und ihnen ungeheure Zinsen zahlen, während sie ihre eigenen Produkte nicht selten zu außerordentlich niedrigen Preisen verkaufen. Es kommt vor, daß sie, da sie nicht genügend Getreidevorräte bis zum Ende der Saison haben, gezwungen sind, die Ueberreste ihres Grundeigentums zu verkaufen. Auf Grund des Regierungsmonopols kaufen die Japaner mit Gewalt den Bauern die gesamte Tabak- und Tschinsingernte ab (Tschinsing ist eine Arzneiwurzel, die im Osten gebraucht wird), wofür die Bauern meistenteils nur die Hälfte des Barwerts bekommen. Aber auch diese geringe Bezahlung wird erst nach sechs Monaten oder, was oft vorkommt, auch erst nach einem Jahre geleistet. Zu alledem müssen die Koreaner für das Recht, diese Produkte zu säen und zu produzieren, die sie später für den halben Preis verkaufen müssen, unerhört hohe Steuern zahlen. Am meisten jedoch — mehr sogar als Dürre, als Hunger, als jedes beliebige Unglück oder jede elementare Not — fürchtet der koreanische Bauer und Arbeiter die Zwangsarbeit. Sie werden zwangsweise zum Bau von Eisenbahnen und Landwegen, zum Bau von Regierungsgebäuden, sogar von Häusern für japanische Beamte und von Räumen für die Polizei verwendet. Es kommt auch nicht selten vor, daß man die Koreaner nötigt, zwangsweise in japanischen Beamten gehörenden Privatwirtschaften zu arbeiten. Da das aber im Frühling geschieht, so haben sie sogar keine Zeit zum Schlafen und zum Essen, denn die Zeit der Saat ist die schwerste Arbeitszeit. Und zu alledem erhalten sie für diese Zwangsarbeiten keinen einzigen Cent Lohn. Diejenigen, die es wagen, sich diesen Befehlen nicht zu fügen, werden natürlich verschiedenen Strafen unterzogen, kommen ins Gefängnis, müssen Geldstrafen zahlen. Ich kann mich auf die äußerst interessanten Berichte des Professors der Kaiserlichen Universität in Tokio Yoshiko über die Lage der Bauern (Pächter) in Korea berufen. Nach seit langer Zeit bestehenden Traditionen werden zwischen dem Grundbesitzer und dem Pächter niemals schriftliche Verträge abgeschlossen, und infolgedessen verfällt der Pächter völlig der Gewalt des Grundbesitzers, der ihn, wenn er will, von Grund und Boden verjagen kann. Natürlich wurde mit dem Eindringen der japanischen Kapitalisten und Bureaukraten und der sie begleitenden verschiedenen Agenten und Handlanger die Ausbeutung der koreanischen Bauern nur verstärkt. Ohne jegliche Hoffnung darauf, sich selbst helfen oder auf irgend eine Weise die Wiederherstellung der Gerechtigkeit erreichen zu können, wurde das koreanische Volk in das schrecklichste Elend und die grausamste Not gestürzt. Und doch haben die koreanischen Bauern in der Hoffnung, einen, wenn auch geringen Widerstand leisten oder sich gegen ihre Unterdrücker erheben zu können, einen Verband gebildet, der bekannt ist unter dem Namen: „Konsumverband der Bauern (Pächter)“. Die Regierung hat natürlich diesen Verband verboten, der aber trotzdem seine Tätigkeit nicht eingestellt hat.

Die koreanischen Bauern und Arbeiter arbeiten im Schweiße ihres Angesichts und opfern fast ihr Leben, um die Gier der japanischen Kapitalisten zu befriedigen. Der historische Kampf des koreanischen Volkes spitzt sich mit jedem Tage zu und verwandelt sich aus einem nationalen Klassenkampf in einen allgemeinen Klassenkampf gegen die imperialistische Unterdrückung, was von dem Klassenbewußtsein der werktätigen Massen Koreas zeugt.

### Die Lage der Arbeiterklasse

Die Arbeitermassen von Korea kann man in vier Hauptgruppen einteilen: Transportarbeiter, Bauarbeiter, Grubenarbeiter und Fabrikarbeiter. Die Gesamtzahl der Arbeiter beträgt etwa 280 000. Außerdem haben wir noch landwirtschaftliche Arbeiter, sowie die beim Fischfang beschäftigten Arbeiter, insgesamt ungefähr 900 000 Personen. Die Arbeiter bilden somit ungefähr ¹/₉ der Landbevölkerung. Das beweist, daß Korea vorwiegend ein Agrarland ist. Der Arbeitstag des koreanischen Arbeiters währt gewöhnlich 10—11 Stunden. Der Arbeitslohn schwankt zwischen 50 Cent und 1 Yen pro Tag. Wie auch in allen übrigen Ländern des Fernen Ostens, blickt man in Korea mit Verachtung auf die Arbeiter.

Nach dem Eindringen der japanischen Kapitalisten fielen alle Fabrikunternehmungen und Produktionsmittel in ihre Hände. Die Japaner wurden auf diese Weise Herren der Situation. In den meisten Fällen können die koreanischen Arbeiter nur mit Mühe und Not genug verdienen, um sich und ihre Familie zu ernähren, sogar wenn letztere aus nicht mehr als 3 Personen besteht. Infolgedessen mußten viele koreanische Bauern trotz all ihrer Liebe zu Grund und Boden dem Leben auf dem Lande entsagen und in den Städten Arbeit suchen, wo sie sogleich allen Entbehrungen ausgesetzt waren, an die die Arbeiterklasse gewöhnt ist. Die Arbeitslosigkeit unter dem Stadt- und Landproletariat von Korea ist sehr groß. Man muß sagen, daß auch die japanischen Arbeiter, die nach Korea eingewandert sind, Hand in Hand mit den japanischen Imperialisten wirken, die das koreanische Volk unterdrücken. Sie verhalten sich auch äußerst verächtlich ihren Kameraden, den koreanischen Arbeitern, gegenüber und halten sie fast für Vieh. Die japanischen Behörden achten nicht darauf, daß der koreanische Arbeiter vielleicht bessere Arbeit leisten könnte als der japanische, sondern nehmen den letzteren, dem sie um 30—50% mehr zahlen. Das Ergebnis ist, daß die Werktätigen Koreas natürlich die Japaner als ihre Todfeinde betrachten, ohne einen Unterschied zwischen den Arbeitern und den Kapitalisten zu machen. Sie erblicken in ihnen Leute, die sie der Existenzmittel beraubt haben, die sie unterdrücken und sie schlechter behandeln als Vieh. Seit 1910, wo Korea der Freiheit beraubt wurde, hat das koreanische Volk keine Versammlungsfreiheit, keine Freiheit irgend welcher Organisation oder Agitation. Das koreanische Volk hat nicht die nötige Schule durchgemacht, hat nicht gelernt, sich zu organisieren, ist nicht gewöhnt an systematische Zusammenarbeit, und daher war es für die Koreaner äußerst schwer, eine passende Form der Organisation zur Vorbereitung des Kampfes gegen ihre Unterdrücker zu finden. Außerdem befand sich das koreanische Volk, wie wir wissen, vollkommen unter dem Druck der Repressalien, die von der japanischen Regierung angewendet wurden. Es war in einer hoffnungslosen Lage.

Unter diesen Umständen vollzog sich die Märzrevolution von 1919. Nach dieser Bewegung wurde ein Dekret herausgegeben, das den koreanischen Arbeitern und Bauern gestattete, Verbände und verschiedene Organisationen zu gründen. Es begann ein rasches Wachsen der Arbeiterorganisationen: es entstanden Klubs und Verbände. So entstanden wirtschaftliche Vereinigungen (Klubs) der Fabrikarbeiter in verschiedenen Orten des Landes. Diese Organisationen sorgten für die Interessen der Arbeiter, sie beschäftigten sich mit dem Einkauf von Lebensmitteln und anderen Waren, auch Kleider nicht ausgenommen, und taten mit vereinten Kräften, was den Arbeitern gestattete, ein Sümmchen zu ersparen. Hier und da sind für die Arbeiter auch Heime eingerichtet und Abendkurse organisiert worden. Die größte der Arbeiterorganisationen ist die „Allgemeine Konföderation der Arbeit“. Eine andere Organisation, der Arbeiterkonsumverband, ist bemerkenswert durch die Unterstützung seiner Mitglieder und den Arbeitsnachweis. Während der 3 Jahre ihres Bestehens haben die koreanischen Arbeiterorganisationen sich so rasch entwickelt, daß sie gegenwärtig in 450 Ortschaften insgesamt mehr als 252 000 Mitglieder zählen.

Schon das allein zeigt, welche Kraft der Organisation das koreanische Volk jetzt besitzt. Sogar unter den schwierigsten Bedingungen hat es verstanden, sein Klassenbewußtsein zu wahren. Die Organisation kleiner Arbeiterkonsumvereine und Genossenschaften haben die Werktätigen Koreas jetzt in ihre Hände genommen. Sie denken, daß sie dadurch, daß sie selbst zu Besitzern einiger Unternehmen werden, ihre Lage erleichtern und die schweren Bedingungen ein wenig verbessern werden, die ihnen das kapitalistische Joch auferlegt. So gründeten im Januar 1921 nach einem erfolgreichen Streik etwa 100 Schuhmacher eine kleine Genossenschaft und eröffneten ihre eigene Fabrik, die ausgezeichnete Ergebnisse zeitigte. Dieses Beispiel an und für sich ist schon bezeichnend für die Arbeiterbewegung in Korea und beweist das Klassenbewußtsein und das Solidaritätsgefühl der koreanischen Arbeiter. Am stärksten hat sich die wachsende Widerstandskraft der werktätigen Massen Koreas in der Streikbewegung geäußert; zu größeren Aktionen konnte es ihr Protest und das Bestreben, die Lebensbedingungen zu verbessern, nicht bringen zu einer Zeit, wo sogar Streikversuche und überhaupt jede Aeußerung der Arbeiterbewegung grausam verfolgt wurden. Dennoch sind sogar unter diesen Verhältnissen im Jahre 1921 Streiks in Seul, in Tschemulpo, in Klamip, in Fusan und in vielen anderen Städten zu verzeichnen, Streiks, die monatelang dauerten. Die meisten dieser Streiks begannen mit Lohnforderungen, hatten jedoch keinen Erfolg. Die koreanischen Arbeiter hatten ja keine Erfahrung auf dem Gebiet systematischer Organisation. Sie waren nicht genügend vorbereitet und konnten daher nicht mit genügender Hartnäckigkeit gegen die ungeheuren Schwierigkeiten und Hindernisse ankämpfen. Außerdem greifen auch hier in Korea, sowie in Japan selbst und überhaupt in allen anderen kapitalistischen Ländern die japanischen Kapitalisten eifrig zu ihrem erprobten Mittel — zu Kompromissen. Sie versuchen, die werktätigen Massen Koreas zu überlisten und zu betrügen, indem sie versprechen, für sie bessere Bedingungen zu erstreben. In Wirklichkeit bleibt es natürlich nur beim Versprechen.

### Bewegung der Arbeiter- und Bauernmassen

Die unterdrückten Arbeiter- und Bauernmassen erwarten noch immer mit Ungeduld die Morgenröte ihrer Freiheit. Den Aufstand von „Tang-Han“ von 1914 kann man den Beginn des Klassenkampfs nennen: er war die natürliche Folge der viele Jahrhunderte langen Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie, die sich in allen möglichen Formen dieser Unterdrückung geübt hat. Auch jetzt kämpfen die werktätigen Massen Koreas auf Leben und Tod gegen ihre Unterdrücker, die japanischen Kapitalisten. Durch diesen erbarmungslosen Kampf wurde die Märzbewegung beschleunigt. Hunderte und Tausende Werktätiger Koreas opferten in dieser Bewegung ihr Leben für die Freiheit des koreanischen Volkes und die Abschüttelung des japanischen Jochs.

Während der letzten fünf Jahre waren sie Zeugen des heldenhaften Kampfs der Sowjets, eines Kampfs unter ungleichen Bedingungen. Das gab ihnen nicht nur einen neuen Antrieb, sondern zeigte ihnen auch, daß sie nicht einsam dastehen in ihrem Kampf. Sie sind sich jetzt dessen bewußt, daß Seite an Seite mit ihnen in diesem großen gemeinsamen Kampf um die Weltrevolution nicht nur die unterdrückten Massen des Fernen Ostens stehen, sondern das gesamte Weltproletariat. Sie glauben an den Endsieg und schreiten zuversichtlich vorwärts.

## Pak-Kieng: Die revolutionäre Bewegung in Korea

### Ursachen, Charakter und Entwicklung der Bewegung

Der Aufstand vom 1. März 1919 steht mit der früheren revolutionären Bewegung des koreanischen Volkes im engsten Zusammenhang.

Die ersten unorganisierten Ausbrüche der koreanischen Massen gehören zur Periode ihres Kampfs gegen die Yang-Ban, die Aristokraten, die ohne Kontrolle im Lande schalteten und walteten. Die Yang-Ban genossen unbegrenzte Vorrechte und besaßen die absolute Macht.

Die Bauernschaft litt sogar nach der Abschaffung der feudalen Verhältnisse unter dem erbarmungslosen Druck dieser privilegierten Schichten der Aristokratie und des Beamtentums. Daher die zahlreichen elementaren Aufstände, die übrigens nicht selten von politischen Konkurrenten für ihre eigenen Zwecke ausgenutzt wurden.

Den ersten großen Aufstand, der die Vergangenheit Koreas mit seiner Gegenwart verbindet, bezeichnen die Ereignisse von Tang-Han im Jahre 1894. Dies war die Zeit, da ein Teil der herrschenden Klasse Koreas den Standpunkt einnahm, daß innere Staatsreformen nach europäischem Muster notwendig seien. Korea litt im Innern unter der unumschränkten Gewalt der Yang-Ban und der Despotie des Thrones, von außen unter den ständigen Belästigungen der Küsten Koreas durch die Kriegsflotten Amerikas, Japans und der europäischen Länder. Die Intellektuellen Koreas, die von europäischen Anschauungen durchdrungen waren, gaben den Anstoß zur nationalistischen Bewegung. Die Bauernmassen wurden durch den Hunger von 1893 zum Aufstand getrieben. Unter diesen Umständen fand der Massenaufstand von Tang-Han statt, der später in seinen Ergebnissen ebenso gewertet wurde, wie der Boxeraufstand in China, der aber im wesentlichen eine wirkliche Bewegung der werktätigen Massen Koreas war. Schon damals waren die Parolen der „Rebellen“: „Es lebe die Gleichheit der Reichen und Armen“ und „Nieder mit den privilegierten Klassen!“.

Dieser Aufstand bezeichnet drei wichtige Momente in der Geschichte Koreas:

1. Die Auflösung der erblichen Macht, das Auftauchen des Problems der Reformen auf der Tagesordnung. (Dazu trugen die Ergebnisse des japanisch-chinesischen Krieges bei).

2. Das Ende des Prestiges der herrschenden Macht, der Yang-Ban, zugleich mit dem Zusammensturz der patriarchalischen Agrarverhältnisse und der Einführung moderner Formen des Handels und der Industrie.

3. Beginn des Eindringens von ausländischem Kapital, womit sich die koreanische Handelsbourgeoisie, ob sie wollte oder nicht, zufriedengeben mußte.

Die Periode 1895—1905, vom japanisch-chinesischen bis zum russisch-japanischen Krieg, ist eine chaotische Periode in der Geschichte der koreanischen Revolution, eine Periode des Banditentums und des Vergessens der revolutionären Aufgaben.

Nach dem russisch-japanischen Krieg gerieten Finanzen, Transport, Produktion und Industrie, überhaupt alle Gebiete des ökonomischen Lebens von Korea, in die Hände der japanischen Imperialisten. Die koreanischen Bauern wurden Opfer der Kolonialpolitik.

### Nationale Tendenzen und Entwicklung des Patriotismus

Die Errichtung des Protektorats über Korea als nächste Folge des russisch-japanischen Krieges rief ein Wachsen nationaler Gefühle unter den koreanischen Bauernmassen hervor und trieb sie unter die Banner der sogenannten „Gerechtigkeitsarmee“.

Zahlreiche Truppen zerstreuten sich im Lande und überfielen die Japaner. Ihnen schlossen sich die Ueberreste des koreanischen Heeres an, das schon damals auf Grund eines Zwangsvertrags mit Japan aufgelöst wurde. Insgesamt machte das ein Heer von 100 000 Mann aus. Die Japaner erlitten während der Tätigkeitsperiode der „Gerechtigkeitsarmee“ (Bui-Bjung) große Verluste. Es ist jedoch klar, daß diese Armee aus Mangel an genügender Disziplin und Organisiertheit nicht mit der großen Aufgabe der Befreiung Koreas fertig werden konnte. Die Angriffe des Feindes wurden intensiver und die Unterstützung der Bevölkerung war schwach.

Die Periode der größten Erfolge der „Gerechtigkeitsarmee“ ist mit der Ausbreitung der Tätigkeit koreanischer Organisationen in Amerika, in Europa und auf den Philippinen verbunden. Die Tätigkeit der ausländischen koreanischen Organisationen war darauf gerichtet, Verbindungen und Zusammenarbeit mit den christlich-kirchlichen Organisationen und mit den Bildungsvereinigungen zu erzielen. In Korea wurde ein Verein gegründet, der Hand in Hand mit der koreanischen National-Assoziation in Amerika die Tätigkeit der „Gerechtigkeitsarmee“ leitete.

Die Vorhut der aufeinander folgenden Bewegungen war immer die Jugend. In der Periode des japanischen Protektorats entwickelten der „Koreanische Jugendverband“ und die „Föderation der Studenten“ ihre Tätigkeit; hier spielten die aus Japan zurückgekehrten koreanischen Studenten eine hervorragende Rolle. Den Zielen des Kampfs um die mit Füßen getretenen nationalen Rechte dienten auch zahlreiche Gemeinden koreanischer Christen wie z. B. der Christliche Jünglingsverein in Seul und die Kirchen, die etwa 300 000 Gemeindeglieder zählen. Aus einfachen Agenten zur Verbreitung des europäischen und amerikanischen Einflusses sind sie nach und nach zu Widerstandszentren geworden. Keinen geringen Einfluß auf die nationale Freiheitsbewegung übten die Bildungsvereine aus, deren Zahl 3000 überstieg und die bis 100 000 Mitglieder zählten.

### Die Annexion Koreas und der Kampf um die Unabhängigkeit

Die Bewegung der werktätigen Massen Koreas für ihre ökonomische Befreiung, eine Bewegung, die ihrem Wesen nach eine Klassenbewegung war, machte unter dem verstärkten Druck von Japan der nationalen Bewegung Platz. Nach den Verträgen, die Korea in den Jahren 1905 und 1907 aufgezwungen wurden, und endlich nach der endgültigen Annexion im Jahre 1910 wurde der Kampf um die nationale Befreiung zum Hauptziel aller Bewegungen.

Es begann die Vereinigung der revolutionären Bauernschaft mit allen anderen Bevölkerungsschichten unter dem Banner nationaler Aufgaben. Die Bewegung wuchs und erstarkte. Die japanischen Behörden griffen zu Repressalien und zur grausamsten Bestrafung der Bevölkerung. Die Bildungsvereine wurden auseinandergejagt, die Schulen geschlossen, die Presse erwürgt. Die Bevölkerung wurde terrorisiert. Die geringste Verdächtigung der Teilnahme am politischen Leben und an der Freiheitsbewegung hatte Foltern und Erschießen zur Folge. Ganze Dörfer wurden von der japanischen Gendarmerie niedergebrannt, die Bevölkerung wurde auf jede Denunziation hin in den Kerker geworfen.

Es begann eine lebhafte Emigration ins Ausland.

Die „Gerechtigkeitsarmee“ und eine Reihe anderer Organisationen verlegten ihre Tätigkeit nach China, der Mandschurei und nach Sibirien.

In Korea selbst entfaltete eine Organisation junger Südländer, der sogenannte „Verein der Wiedergeburt“ (Kwang-Pok-Tan) eine terroristische Tätigkeit. Aber auch diese Organisation wurde nach der 1911 entdeckten Verschwörung zerstört.

Die koreanische revolutionäre Emigration fuhr fort, die Bewegung in der Heimat zu unterstützen, und bereitete sich zum Befreiungskampf vor. Den Kern dieser Kräfte bildeten die in Sibirien und in der nordwestlichen Mandschurei entstandenen Organisationen. Sibirien war von jeher ein Sammelplatz für die politischen Emigranten Koreas. Hier entstanden je nach den Bedingungen und Umständen zahlreiche Organisationen verschiedener Schattierungen und Strömungen, die sich aber alle den Kampf gegen die japanische Gewalt zum Ziel setzten. Die Organisationen in der Mandschurei dienten als Bindeglied zwischen den Organisationen Sibiriens und Koreas. Diese Organisationen waren die Basis für Partisanenaktionen an der koreanischen Grenze. In Amerika, in Mexiko und auf den Hawaiinseln vereinigten sich auch 7000 Koreaner zu einer Organisation. Trotz ihrer geringen Zahl boten sich ihr günstige Arbeitsbedingungen, und sie wurde zur Vermittlerin zwischen den kirchlichen und anderen Organisationen der Heimat und der Emigration.

Die in der Heimat gebliebenen revolutionären Elemente setzten ihre Arbeit unter der Maske der Religiosität fort. Eine solche „sektiererische“ Bewegung Tschun-Do-Kio (Doschin des Himmelsweges) vereinigte etwa 2 Millionen Anhänger, die später an der Märzbewegung aktiven Anteil nahmen. Ferner nahmen die christlichen Kirchen, die keine geringe Zahl ihrer Führer und Mitarbeiter geopfert haben, einen bedeutenden Platz in der nationalen Bewegung ein. Sie beteiligten sich aktiv an der Vorbereitung zur Märzbewegung.

An dritter Stelle stehen die Buddhatempel. Ihre legale Existenz ausnutzend, gruppierten sie um sich als Mönche aktive junge Revolutionäre. Endlich besteht eine ganze Reihe von Sekten, die die patriotischen Schichten der koreanischen Bevölkerung zur Unterstützung der Freiheitsbewegung vereinigen. Zurzeit der Beendigung des europäischen Krieges und der „Friedenskonferenz“ gab es unter den koreanischen revolutionären Organisationen zwei, die die Bestrebungen des koreanischen Volkes formulierten und die Hauptrolle in der Märzbewegung spielten. Das waren der in Schanghai entstandene „Neue Jugendverband“ Koreas, der eine Delegation nach Paris sandte, und die „Organisation der koreanischen Studenten in Japan“. Die letztere bevollmächtigte am 8. Februar 1919 ihr „Zehnerkomitee“, die erste Deklaration der Unabhängigkeit Koreas zu veröffentlichen, die unter den Mächten des Stillen Ozeans Panik hervorrief und bei den koreanischen Volksgenossen Anklang fand. In der Märzbewegung vereinigten sich die Kräfte aller revolutionären Organisationen innerhalb und außerhalb des Landes, deren Ziel die nationale Befreiung war.

### Die Märzbewegung, ihr Charakter und ihre Ausdehnung

Die chinesische Revolution von 1911, der Weltkrieg von 1914—18, die russische Revolution von 1917 und die Gerüchte von der Wiedergeburt einiger kleiner slavischer Nationen — abgesehen von den wirklichen Motiven, die die Mächte zur Wiederherstellung dieser kleinen Staaten veranlaßten — all das mußte der Bewegung des koreanischen Volkes, insbesondere der revolutionären Bauernschaft, einen neuen Anstoß geben.

Die japanischen Behörden taten alles mögliche, um zu verhindern, daß Nachrichten über die russische Revolution nach Korea drängen; was in japanischer Beleuchtung dargeboten wurde, waren falsche und entstellte Tatsachen. Die koreanische Masse hatte damals noch nicht den Glauben an den amerikanischen Demokratismus verloren und befand sich unter dem Einfluß der von Wilson proklamierten „14 Punkte“.

Die Nachrichten über die Wiedergeburt kleiner Nationen, ungeachtet der Rolle dieser Nationen im großen imperialistischen Spiel, fanden viel Widerhall in Korea. Aber das koreanische Volk war sich auch bewußt, daß es ungenügend vorbereitet war, um einen regelrechten Krieg gegen die japanischen Unterdrücker zu führen. Das koreanische Volk beschloß durch eine friedliche, aber allgemeine Kundgebung, an der das ganze Volk teilnehmen sollte, seine Rechte geltend zu machen. So entstand die Märzbewegung, die ein neues Blatt in der Geschichte der revolutionären Bewegung Koreas aufschlug.

Die Aktion begann mit einer Deklaration der Freiheit und Unabhängigkeit Koreas, die in Seul von den Vertretern der drei wichtigsten religiösen Organisationen bekannt gegeben wurde. Dann strömten nach Hunderttausenden zählende Volksmassen durch die Stadt. Aehnliche Kundgebungen fanden am 1. März in einer ganzen Reihe koreanischer Städte statt. Diese Bewegung dauerte einen ganzen Monat, etwa 3 Millionen Personen nahmen an ihr teil. Die Märzkundgebungen waren eine widerstandslose Bewegung im weitesten Sinne des Wortes. Die koreanischen Massen enthielten sich der Gewalt und betonten nur den demonstrativen Charakter der Aktion. Die Massen griffen sogar dann nicht zur Gewalt, als die japanischen Gendarmen sie aus Maschinengewehren niederzuknallen begannen. Der friedliche Charakter der Demonstrationen wurde bis zum Ende gewahrt.

Dieser „widerstandslose“ Charakter läßt sich damit erklären, daß die Führer aus den Reihen der Intellektuellen und der religiösen Organisationen hofften, durch eine friedliche Aktion die Sympathie der europäischen Mächte zu erwecken. All ihre Propaganda war auf eine friedliche Kundgebung gerichtet.

Das Ergebnis der Märzbewegung war die Bildung der sogenannten „Provisorischen Regierung Koreas“.

### Die Provisorische Regierung

Einen Monat nach der Märzbewegung, am 11. April 1919, wurde im Namen des „Provisorischen Nationalrats“ von Korea eine provisorische Verfassung angenommen und dann eine „Provisorische Regierung“ von Korea organisiert.

Das koreanische Volk aus allen Klassen begrüßte diese Regierung, da es in ihr die Wiedergeburt der nationalen Idee sah. Die Regierung war in der ersten Zeit sehr populär im Lande. Die Bauern und Arbeiter unterstützten sie und gaben ihr die Ueberschüsse ihrer knappen Einkünfte.

Die Regierung beschäftigte sich aber anstatt mit schöpferischer Organisationsarbeit mit Fraktionskämpfen und persönlichem Intrigantentum. Sie versuchte die Führer verschiedener Richtungen ihrem Einfluß zu unterwerfen und vertiefte dadurch die Uneinigkeit mit den revolutionären Elementen des Landes. In politischen Aktionen ließ sie eine Reihe grober Fehler zu. Der Hauptfehler war, daß sie alle Berechnungen und Hoffnungen auf die europäische und amerikanische Diplomatie setzte.

Die Regierung, die die Interessen des koreanischen Volkes vertreten wollte, rannte hilflos von Versailles, wohin eine Delegation gesandt wurde, nach Genf, von Genf nach Washington. Alle diese Konferenzen bestätigten jedoch das Recht Japans auf Raub und Terror in Korea. Die Regierung verharrte immer noch in der Hoffnung auf die Unterstützung der bürgerlichen Länder. Sie sandte Kommissionen nach Europa und Amerika, deren Aufgabe es war, die Großmächte mit den Gemeinheiten, die Japan in Korea trieb, „bekannt zu machen“, über den Charakter und die Ziele der koreanischen Freiheitsbewegung „aufzuklären“. Selbstverständlich schenkten die Mächte Europas und Amerikas diesen Kommissionen gar keine Aufmerksamkeit. Im besten Fall kamen aus Kreisen ausländischer Missionare mitfühlende Stimmen. Und das war alles.

Die Regierung hat also in der Periode ihres Bestehens nichts Konkretes ausgerichtet, wenn man nicht einige mißglückte Versuche, bei den imperialistischen Ländern Europas und Amerikas Mitleid zu erwecken, mitrechnet.

### Der Druck Japans und der Widerstand Koreas

In der „widerstandslosen“ Märzkundgebung wurden von den Japanern 7600 Koreaner getötet, 46 000 verwundet und 49 000 in den Kerker geworfen. Die Japaner unterdrückten die Bewegung mit unerhörter Grausamkeit. Nur ein geringer Teil der Leiden des koreanischen Volkes drang in die Oeffentlichkeit dank der Enthüllungen ausländischer Missionare. Es fehlte nicht an Gewalttätigkeiten gegen schutzlose Frauen, Kinder und Greise.

Die Methoden der Verhöhnung und Gewalttätigkeit der japanischen Behörden lassen sich nicht beschreiben. Die Japaner verübten Grausamkeiten, die an die fernen Zeiten der Inquisition erinnern. Gleichzeitig setzten sie ihr Knechtungswerk fort, das auf die völlige politische und ökonomische Versklavung Koreas abzielt.

Diese unerträglichen Zustände zwangen die koreanischen Revolutionäre, der Taktik des „passiven Widerstands“ zu entsagen. Es begann die Periode terroristischer Akte gegen japanische Amtspersonen. Die Tätigkeit der Partisanentruppen an den Grenzen Koreas wurde verstärkt. Es entstand eine Reihe terroristischer Organisationen, die Ueberfälle auf die Regierungsinstitutionen in Seul und in anderen Zentren unternahmen. Aber der Mangel an Ausrüstung und Mitteln hinderte den planmäßigen und intensiven Kampf und Japan ging mit verstärkter Grausamkeit gegen den Terror vor.

Gleichzeitig wurden in dem nördlichen Kando, das sich in der nächsten Nachbarschaft von Sibirien befindet, reguläre, gut bewaffnete koreanische Truppen vorbereitet; man schuf einen gut ausgebildeten Kommandobestand. In diese Truppen traten die Bewohner des nördlichen Kando ein.

Infolge unzeitgemäßen Auftretens einer nicht genügend disziplinierten Gruppe wurde jedoch die Basis der koreanischen Truppen entdeckt. Das Ergebnis davon war die Zerstörung von Hung-Behun durch die Japaner. Die Teilnehmer des Kampfs waren gezwungen, sich nach Sibirien zurückzuziehen, nachdem sie zuerst den regulären japanischen Truppen erbitterten Widerstand geleistet hatten.

Die Ereignisse in Kando verhinderten die rasche Verwirklichung des Plans eines Einmarsches der unabhängigen koreanischen Truppen. Andererseits zwangen sie aber zur Einsicht in die Notwendigkeit, eine einheitliche feste Basis für alle in Sibirien verstreuten Truppen und Partisanentrupps zu schaffen und hoben noch mehr die Notwendigkeit militärischer Vorbereitung und Disziplin hervor. In Sibirien wurde ein koreanischer Nationalrat gebildet, der die Tätigkeit aller koreanischen Truppenteile leiten sollte. Der Provisorischen Regierung in Schanghai wurde die Zivilmacht überlassen.

Der Nationalrat wählte das Amurgebiet für seine militärischen Vorbereitungen und hauptsächlich für die Bildung des Heeres. Als Zentrum wurde Blagoweschtschensk ausersehen. Die koreanischen Truppen befanden sich in enger Berührung mit der russischen revolutionären Armee und genossen ihre moralische Unterstützung. So wurden die bisher zerstreuten, unorganisierten, unabhängigen koreanischen Streitkräfte nach unvermeidlichen Streitigkeiten endlich vereinigt. Es wurde ein einheitlicher Oberbefehl verwirklicht. Jetzt befinden sie sich in engem Kontakt mit Sowjetrußland und mit der Kommunistischen Internationale. Gegenwärtig bilden den Mittelpunkt der koreanischen revolutionären Armee die koreanischen Brigaden in Irkutsk, die unter der politischen Führung der Kommunistischen Partei Koreas wirken und mit der fünften Sowjetarmee in Verbindung stehen.

Aus dem Gesagten ist klar, daß das koreanische Volk eine reiche Erfahrung im revolutionären Kampf hat. Die werktätigen Massen Koreas werden immer mehr von der Einsicht der Notwendigkeit einer organisierten revolutionären Arbeit durchdrungen. Ihr Selbstbewußtsein erstarkt. Sie horchen auf die Stimme des Weltproletariats und streben die Vereinigung mit allen unterdrückten Völkern und besonders mit den Völkern des Fernen Ostens an.

In den zahlreichen Organisationen — der Bauernassoziation, den Arbeiterverbänden, der „Föderation der Jugend“, den Studentenligen, den Frauenvereinen — kann man jetzt Gemeinsamkeit der Ziele und Bestrebungen beobachten. Diese Organisationen arbeiten innerhalb und außerhalb Koreas legal und illegal.

Der allgemeine Zustand im Lande und die revolutionäre Stimmung der Massen haben einen günstigen Boden für das Wachstum der kommunistischen Bewegung geschaffen. Die Träger des Kommunismus in Korea waren die vorgeschrittenen koreanischen Elemente, die auf dem Gebiet Sowjetrußlands lebten und dort revolutionäre Erfahrungen schöpften. Sie haben auch den Grund zur Kommunistischen Partei Koreas gelegt. Die Kommunistische Partei Koreas ist jetzt eine wirkliche Kraft, die die revolutionäre Bewegung in Korea leitet. Die verschiedenen Gruppen und Strömungen des revolutionären Korea erkennen ihr Recht an, die aktive Vertreterin der Interessen des koreanischen Volks zu sein.

Der Einfluß der Provisorischen Regierung von Schanghai, die noch bis auf den heutigen Tag existiert und wie ehedem amerikafreundlich ist, schwindet rasch und der Standpunkt aller, auch der fortschrittlichen bürgerlichen Elemente des Landes ändert sich in der Richtung des aktiven Kampfs um die nationale Befreiung. Die allererste und wichtigste Aufgabe der Kommunistischen Partei Koreas ist, die werktätigen Massen Koreas zum gemeinsamen Kampf gegen den Imperialismus und die Ausbeutung zu organisieren. In der Frage des Kampfs gegen den japanischen Imperialismus erstrebt die Kommunistische Partei Koreas eine Einigung der gesamten revolutionären Bewegung Koreas. Sie unterstützt aktiv die Einberufung eines nationalen Kongresses, wo der Versuch gemacht werden soll, ein zentrales und führendes revolutionäres Landesorgan zu bilden.

Zusammenfassend kann man also zu der Schlußfolgerung kommen, daß die koreanische revolutionäre Bewegung nach jahrelangen Opfern und Leiden sich in den allgemeinen Strom der sozialen Weltrevolution ergießt. Noch unlängst setzte das revolutionäre Proletariat Koreas, durch die religiösen Sekten irregeführt, seine Hoffnungen auf die koreanischen Intellektuellen. Jetzt nimmt es die Sache seiner Befreiung in seine eigenen Hände, denn es weiß, daß es nur auf diesem Weg zum Siege gelangen kann.

## Dyn-Dyb: Die Mongolei und ihr Kampf um die Befreiung

Nachdem die mandschurische Dynastie die bereits zermürbte und geschwächte Mongolei der staatlichen Selbständigkeit beraubt hatte (1691), begann sie energisch ihre politische und ökonomische Herrschaft im Lande zu festigen.

Im Laufe von mehr als 200 Jahren unterstützten die Mandschuren auf jegliche Art und Weise die feudale Ordnung der Mongolei und das System der Fürstenanteile (Hoschun). Sie vergaben diese Anteile an die kleinen Fürsten und suchten sie durch verschiedene Belohnungen sich geneigt zu machen: so fand die Pekinger mandschurische Regierung in dieser Gruppe eine feste Stütze. Die Hoschun wurden zu Bezirken vereinigt, mit deren Aufsicht die mandschurischen Statthalter beauftragt waren. Das mächtigste Mittel zur Festigung der chinesischen Herrschaft in der Mongolei war die von den Mandschuren begünstigte Verbreitung des Buddhismus mit seinem Kultus der Widerstandslosigkeit und Demut. Die höhere Geistlichkeit und die buddhistische Kirche, die sich später zu einer einflußreichen Behörde mit einem selbständigen Verwaltungsapparat entwickelte, wurde von den Schützlingen des chinesischen Kaiserreichs in hohem Maße als Werkzeug zur Versklavung des mongolischen Volkes ausgenutzt. Ein dritter bedeutender Faktor war die ökonomische Herrschaft des chinesischen Handelskapitals, das im Laufe von mehr als zwei Jahrhunderten mit Hilfe seiner zahlungsunfähigen Schuldner, der mongolischen Fürsten, ein ganzes System von Sklaverei und Wucher geschaffen hatte, das die mongolische Volksmasse immer mehr umgarnte.

Die werktätige, Viehzucht treibende Bevölkerung der Hoschun war verantwortlich für die Schulden jedes ihrer Mitglieder und für die Schulden ihrer Fürsten. Die Privatschulden der Fürsten bei chinesischen Handelsfirmen dienten als Anlaß zur Besitzergreifung mongolischer Ländereien für den Kolonisationsfonds der Regierung sowohl in der Periode der Dynastie, als auch später unter der republikanischen Regierung von Yuan-Shi-Kai. So wurde das mongolische Volk allmählich zum Sklaven der chinesischen Kaufmannschaft und Bureaukratie gemacht.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist zu beobachten, wie das Interesse des russischen Handelskapitals an der Mongolei wächst. Die russischen Kaufleute dringen in den sechziger Jahren in die westliche Mongolei ein und von dort aus weiter in die anderen Teile der äußeren Mongolei. Die Methode des russischen Kapitals war die gleiche primitiv räuberische, aber noch ungenierter und frecher. Interessiert an den Rohstoffen der Mongolei, bekam das zaristische Rußland bald annexionistische Gelüste und wollte sich Uranhais bemächtigen, eines der wenigen Bezirke der Mongolei, wo eine ausgedehnte Entwicklung der Landwirtschaft möglich ist. Uranhai wurde von Rußland nach dem russisch-japanischen Kriege — im Jahre 1909 — tatsächlich annektiert.

Nach dem für Japan siegreichen Krieg von 1905 begann auch der japanische Imperialismus Ansprüche auf die Rohstoff- und Grubenreichtümer der Mongolei zu erheben. Japanische Agenten kamen in die Mongolei. Seit dem russisch-japanischen Krieg wird die Annexion der Mongolei für den internationalen Imperialismus, darunter auch für das amerikanische Kapital, allmählich zu der brennendsten Frage der Politik des Fernen Ostens.

Während der ganzen Periode, da sich die Mongolei als Hirtenland unter der Macht der mandschurischen Monarchie befand, schritt sie fast garnicht vorwärts auf dem Wege kultureller Entwicklung und ihre ökonomische, soziale und administrativ-politische Ordnung blieb bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die gleiche, wie sie im Augenblick des Verlusts der Selbständigkeit gewesen.

Zur Zeit, da die mandschurische Dynastie in China gestürzt wurde (1911), war die Mongolei ökonomisch vom russisch-chinesischen Kapital geknechtet, die Verwaltung jedoch befand sich in den Händen einer kleinen Gruppe von Erbfürsten; eine einflußreiche politische Gruppe bildeten die Lama, die Mönche; die übrige Bevölkerung aber, die recht- und hilflos war, trug die ganze Schwere der Steuerlast und der zahlreichen Naturalabgaben an den Staat, die Kirche und die feudalen Fürsten.

Die chinesische Revolution von 1911 erweckte unter den Mongolen die Hoffnung auf nationale Befreiung. Die Agenten der Mandschuren wurden verjagt und die Mongolei wurde als unabhängig erklärt.

Den Platz der Mandschuren nahm jedoch sogleich das zaristische Rußland ein, an das sich die Geistlichkeit und die Fürstentümer der Mongolei um Hilfe wandten und das die Freiheitsbestrebungen der Mongolen zur Verwirklichung seiner annexionistischen Pläne ausnutzte. Auf Grund der Verträge von 1911 mit der theokratischen Regierung der Mongolei (diese Regierung wurde unter Mitwirkung Rußlands gebildet) und der Verträge von 1912 und 1915 mit China wurde die Mongolei faktisch zwischen China und Rußland geteilt: die innere Mongolei wurde als organischer Teil Chinas anerkannt, die äußere Mongolei (Halha, Bezirk Kobde) wurde als autonom erklärt, verfiel aber tatsächlich der Gewalt Rußlands. Die wenigen Jahre des Bestehens der autonomen Mongolei unter dem Protektorat des zaristischen Rußland bewiesen den Mongolen, daß zwischen den Agenten der mandschurischen Despotie und den diplomatischen Agenten des zaristischen Rußland kein Unterschied bestand, daß Reaktionäre, gleichviel welcher Nation sie angehören, alle in gleichem Maße Gewalt und Unterdrückung erstreben.

Der Weltkrieg und die darauf folgende russische Revolution schufen für den japanischen Imperialismus eine bequeme Gelegenheit für den Versuch, die Mongolei zu annektieren. Japan nutzte zu diesem Zweck die nationale Bewegung der östlichen Mongolei aus, wo die Agenten der chauvinistischen Clique Chinas hausten und wüteten, einer Clique, die dazumal in Peking die Macht ergriffen hatte. Die mongolischen Nationalitäten versuchten, eine Bewegung unter der Parole der Befreiung und Vereinigung der Völker der Mongolen zu organisieren und hofften auf Unterstützung von Versailles.

Japan rechnete darauf, die Idee der Vereinigung der Mongolei zur Vergrößerung seines politischen Einflusses auf die Mongolei auszunutzen. Die in Tschita zusammenberufene Beratung zeitigte jedoch keine Ergebnisse und die mongolische Delegation konnte nicht einmal nach Versailles reisen, weil die japanischen Behörden und der Ataman Semenow ihr Hindernisse in den Weg legten.

Die Japaner hatten ihre Taktik geändert und beschlossen, die Mongolei auf raschere Art und Weise zu annektieren durch Ausnutzung der chinesischen Militaristen (Anfuisten), die damals die Macht im nördlichen China ergriffen hatten. Im November 1919 wurde Urga (die Hauptstadt der äußeren Mongolei) von den Truppen des Schützlings der Anfuisten, Sui-Shi-Tschan, besetzt, der in der äußeren Mongolei das Regime der militaristischen Diktatur einführte.

Die chinesische Okkupation von Halha gab einen noch stärkeren Anstoß für das Erwachen der patriotisch und revolutionär gestimmten Elemente des mongolischen Volkes und schuf den Boden für das Entstehen der revolutionären Volkspartei der Mongolei.

### Die Revolutionäre Volkspartei der Mongolei

Die schmähliche Rolle der regierenden Fürsten bei der Liquidierung der Autonomie hatte sie ganz und gar in den Augen der Volksmasse diskreditiert. Das mongolische Volk, ungebildet, aber auch ungebrochen, sieht in den Fürsten nicht mehr die Führer des gesellschaftlich-politischen Lebens im Lande. Seit dieser Zeit traten in der Rolle geistiger Führer die Vertreter der mongolischen Intellektuellen auf, die aus dem Volke, dem Stande der kleinen Lama und Beamten entsprossen sind, und einige regierende Fürsten, die die Notwendigkeit der Verbindung mit dem Volke eingesehen hatten. Die revolutionäre Volkspartei der Mongolei, die Anfang 1921 entstanden ist, bald nach dem Sturz von Koltschak und dem Zusammenbruch der Intervention in Sibirien, entwickelte die Idee der nationalen Befreiung auf der Grundlage der Selbsttätigkeit der werktätigen Massen in der Mongolei, in welchem Sinne sie auch ihre Agitationstätigkeit im Lande betreibt. Die revolutionäre Volkspartei der Mongolei basierte in ihrer Tätigkeit auf der Unterstützung Sowjetrußlands.

Nach dem Sturz der Anfuisten in Peking, Mitte 1920, und der Flucht des Sui-Shi-Tschan, der japanische Pläne ausführte, aus der Mongolei, öffnete die japanische Regierung die Mongolei den russischen weißgardistischen Banden des Barons Ungern und war bestrebt, durch diesen aufs neue von der Mongolei Besitz zu ergreifen, um sie in eine Basis für Ueberfälle auf Sowjetrußland zu verwandeln. Die Banden Ungerns, die in der Zahl von einigen tausend Mann nach Halha kamen, schlugen die dort befindlichen chinesischen Truppen, begannen, nachdem sie Urga besetzt hatten, Massenplünderungen und mordeten die friedliche chinesische, russische und mongolische Bevölkerung. Sie brannten ganze Ansiedlungen und Klöster nieder, nahmen der mongolischen Bevölkerung ungeheure Viehherden weg, führten eine zwangsweise Mobilmachung der männlichen Bevölkerung durch.

Die Volksregierung der Mongolei, die von der revolutionären Volkspartei im März 1921 im nördlichen Teil von Halha organisiert worden war, trat in den Kampf gegen die Banden Ungerns und besiegte sie. Nachdem Halha befreit war, schritt die mongolische Regierung zur Liquidierung der letzten Reste der weißen Banden im Gebiet der westlichen Mongolei, und jetzt ist das gesamte Gebiet der äußeren Mongolei von den Weißgardisten gesäubert.

Die revolutionäre Volkspartei stellt sich folgende Aufgaben: völlige Befreiung der Mongolei von dem ökonomischen und politischen Druck ausländischer Gewalttäter, Befreiung der Volksmassen von der feudal-klerikalen Sklaverei, Errichtung der Grundlagen der Volksherrschaft, Entwicklung der Produktivkräfte des Landes und Schutz seiner wirtschaftlichen Reichtümer vor Raub, Verbreitung europäischer Bildung.

Die Regierung hat eine Reform der Lokalverwaltung auf Grundlage des Wahlprinzips durchgeführt, die juridische Ungleichheit der Stände ist aufgehoben, die Körperstrafen sind abgeschafft, eine ganze Reihe für die Volksmasse äußerst drückender Naturalabgaben ist aufgehoben, die Konzessionen sind annulliert, die von der alten feudalen Regierung der autonomen Mongolei unter für den Staat äußerst ungünstigen Bedingungen an verschiedene Räuber und Abenteurer erteilt worden waren; die Vergünstigungen, die den Fürsten- und Lamastand von aller Besteuerung befreiten, sind abgeschafft, es ist eine allgemeine Einkommensteuer eingeführt, eine Reihe von Maßnahmen zur Entwicklung des Genossenschaftswesens getroffen und endlich ein Gesetz über die Staatsverwaltung angenommen worden, das jedes theokratische Prinzip beseitigt; außerdem sind eine ganze Reihe anderer, nicht weniger wichtiger Gesetze von den periodisch einberufenen Kongressen der örtlichen Vertreter sanktioniert und durchgeführt worden.

Auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen hat die Regierung der freien Mongolei im November vorigen Jahres einen Vertrag mit Sowjetrußland geschlossen, der die Existenz der Mongolei als Staat anerkennt. Sowjetrußland ist auch einverstanden mit dem Antrag der mongolischen Volksregierung, die Vermittlung in der Frage der Regulierung der Beziehungen zwischen der Mongolei und China zu übernehmen.

Das sind in den Hauptzügen die Ergebnisse der inneren Tätigkeit der Regierung während des halben Jahres der freien Existenz der äußeren Mongolei.

Unsere Partei ist nach ihrem Programm weder kommunistisch noch sozialistisch, aber die ganze Summe der geschichtlich-politischen Erfahrung unseres Volkes zwingt uns mit eiserner Notwendigkeit in die Bahn der internationalen proletarischen Bewegung und veranlaßt uns, im Kontakt mit dieser gewaltigen Bewegung zu handeln.

Im Kampf der Völker des Fernen Ostens ist das soziale Moment, das Moment des Kampfs um eine bessere Zukunft der werktätigen Massen überall und allerorts mit dem nationalen Moment verknüpft. Unsere Partei sieht die Aufgaben des Kongresses in der Einführung einer engen Zusammenarbeit aller revolutionären und werktätigen Kräfte der Völker des Fernen Ostens zwecks Schutzes gegen den Andrang des Imperialismus einerseits und innerer Erneuerung jedes Landes andererseits.

*Es lebe die Bewegung der werktätigen Völker des Fernen Ostens!*

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## Schluss-Sitzung des Kongresses

Auf die Einladung des Petrograder Proletariats hin kamen die Delegierten des Kongresses der Völker des Fernen Ostens am 2. Februar nach Petrograd. Die Schlußsitzung des Kongresses fand im Uritzkipalais in Anwesenheit der Vertreter des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten statt. Die Delegierten wurden von den Petrograder Arbeitern mit stürmischen Ovationen empfangen. Es begrüßten die Delegierten die Vertreter des Petrograder Komitees der K. P. R., des Petrograder Gewerkschaftsrats, des revolutionären Kriegsrats der Armee und der Flotte, die Vertreterinnen der Petersburger Arbeiterinnen. Begrüßungsreden hielten auch der Sekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs, Genosse Ker, und der Vertreter der Kommunistischen Partei Amerikas, Genosse Carr.

In den Worten der Redner, sowie in den Antworten der Delegierten klang das Bewußtsein der großen Tat, die den werktätigen Massen des Fernen Ostens bevorsteht, an dessen Entwicklung das Proletariat Rußlands und der ganzen Welt mithelfen soll.

Die Schlußworte des Genossen Sinowjew an den Kongreß waren:

„Zwei Ströme vereinigen sich unter unseren Augen. Der eine Strom ist die Bewegung der unterdrückten Völker, die Selbständigkeit wünschen, die wollen, daß ihr Volk sich frei entwickle, daß keine Imperialisten auf ihrem Halse sitzen. Der andere Strom ist ein weit mächtigerer, es ist der Strom der klassenbewußten proletarischen Bewegung.

Die Vereinigung dieser zwei Ströme ist die Bürgschaft für den Sieg unserer Revolution.

Es lebe die Kommunistische Internationale!

Es lebe die Befreiung der Völker des Fernen Ostens!

Nieder mit dem Weltkapitalismus!“

[^a1]: Aus konspirativen Gründen wird der Name der Organisation nicht angegeben.
[^a2]: Alle Intellektuellen unter den Delegierten und die meisten Schüler von Mittel- und Hochschulen stammen aus dem Bauernstande.
[^a3]: Ueber einige Burjaten (acht) fehlen die Fragebogen.
[^ck1]: Die Ziffern von hier an sind dem Jahrbuch des „Oriental Economist“ von 1916 entnommen.
[^ck2]: Offiziell wurde die Kommunistische Partei Japans im April 1921 gegründet, nachdem es einer Gruppe in Amerika befindlicher japanischer Kommunisten gelungen war, mit ihren Genossen in Japan in Verbindung zu treten.
