---
Title: Engels an seine Schwester Marie, [Bremen,] 28. April 1839
Description: Ein paar Neckereien, eine Zeile Stenographie und die kleine Komödie „Die Verkleidung“, in der Engels einen Nachmittag der Familie in Barmen vorführt, mit Zeichnungen von Masken.
Author: Friedrich Engels
Date: 1839-04-28
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1839-04-28%20Engels%20an%20Marie%20Engels
---


*Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Barmen, [Bremen] 1839, 28. April. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 582-586. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1839-04-28%20Engels%20a%20Marie%20Engels)*

Den 28. April 39.  
Liebe Marie!

Auch Du bekommst heute nur wenig, damit ich an die Komödie komme, die ich Euch schicken will. Daß die Herren 6 Maupen volle Makronen gegessen haben, ist doch wahr, Du magst es nun glauben oder nicht, es waren an die 600 Menschen.

Daß Du das Nesselfieber bekommen hast, ist Dir recht, es juckt Dir so immer in den Fingern, daß Du dummes Zeug machen willst, jetzt hast Du was zu jucken. Du bist und bleibst eine alte Juckmaschine.

Auch rate ich Dir, mir ja kein leeres Papier in Deinem Brief zu lassen, denn da male ich immer Karrikaturen hin, um nicht aus der Übung zu kommen.

Dies, meine liebe Marie, Dein Bruder  
Friedrich.

Das nennt man Stenographie, das Gekritzelte. —

Die Verkleidung. Komödie in 1 Akt, für Marie.

Erste Szene.

(Die Wohnstube, an dem Tisch sitzt die Mutter, und hilft Emil und Hedwig. Die Marie sitzt am Ofen und liest; Rudolf läuft herum und vexiert sie alle.)

Mutter: Marie, gib’s Lesen auf. Das ist kein Buch für Dich. Du liest so viel Zeug, das kann Dir gar nicht helfen.

Marie: O Mutter, die eine Geschichte noch, dann sollst Du das Buch wieder haben!

Emil: Mutter, wat heißt dat Wort: kewatroze?

Mutter: Og, das heißt quatorze, 14, das hast Du ja schon lange gelernt; Du mußt nicht alles wieder vergessen — Hedwig! Läuft das Kind wahrhaftig nach der Marie hin und prügelt sich mit dem Rudolf. Hedwig! Willst Du wohl arbeiten? Ihr seit heute ja alle verkehrt!

(Anna und Laura Kampermann treten ein.)

Anna: So Mutter wir haben unsre Sachen gemacht, jetzt gehn wir herauf und verkleiden uns, dat duhn wir.

Mutter: Ja, macht aber nicht zu viel Lärmen.

Hedwig: Mutter, ich kann dat Exempel nit herauskriegen!

Mutter: Og, denk’ nach! Ich hab’s ja schon einmal mit Dir gerechnet. Sei nicht so zerstreut!

Hedwig (weint): Ich kann et aber nit herauskriegen!

Anna: Mutter, willst Du Dich auch verkleiden?

Mutter: Was sagst Du? Geh, laß mich zufrieden. Immer Mutter, immer Mutter. Es ist nicht zum Aushalten.

Anna: Sag Mutter, willst Du?

Mutter: Ja, ja! Macht, daß ihr fortkommt!

(Anna und Laura jubelnd und schreiend ab.)

Marie: Da haste et Buch, Mutter! Ich hab die Geschichte aus, ich will mich auch verkleiden. Sagemal, wat soll ich anziehn?

Mutter: Og! Eben sag ich zu der Anna, sie soll ruhig sein, und nu fängst Du an?

Rudolf (fällt auf die Erde): O Mutter, Ooo Mutter (schreit).

Mutter: Was ist Dir? (geht zu ihm).

Emil: Mutter, wie heißt der Satz.

Hedwig: Mutter, da is eine Zahl, die is so kurios.

Mutter: Wollt Ihr wohl stille sein? Alle durcheinander, ich kann's nicht aushalten!

Emil: Mutter, willst Du mich nich helfen sag mir mal? O Mutter, Mutter, ich muß mal auf den Abc!

Mutter: Dann geh!

Marie: Is dat wahr, Mutter, willst Du Dich verkleiden?

Mutter: Dummes Zeug! Tut’s Dir noch weh, Rudolf?

Hedwig: Ja Mutter, he hat ene große Düll vor ein Kopf! Wie heißt die Zahl, Mutter?

Marie: Ja, Du mußt Dich aber verkleiden.

Anna (kommt herein): Mutter, die Laura is auf dem Abc und der Emil steht davor und brüllt in Eins fort, und schlägt an die Tür.

Mutter: Kommst Du auch noch? Ich hab jetzt keine Zeit.

Luise (kommt): Madam, der Wendel geht nach der Gemarke, haben Sie auch was?

Mutter: Jawohl, ich muß mich erst besinnen. Seid einmal stille. Rudolf, laß das Janken!

Marie: Anna, hat die Mutter nicht gesagt, dat se sich mit verkleiden wollt?

Anna: Ja, Mutter, dat hast Du gesagt.

Mutter: Wollt Ihr wohl stille sein? Marsch, fort.

Emil (tritt weinend ein): O Mutter, die Laura — wollt mich nich auf den Abtritt lassen, un da hab ich und hab wat — in de —

Alle: d hat wat in de Boxe gemacht!

Mutter: Das auch noch? Kann man keinen Augenblick Ruhe haben? Alle schreien sie durch einander. (Nimmt die Reitpeitsche.) Da, Emil, eins, zwei, drei, Anna, Marie, heraus mit Euch. Der Wendel soll selbst herkommen!

(Zwei Masken, ein Mann und eine Frau treten ein).

Mutter: Wer ist das? Das ist ja wieder was!

(Der Mann springt auf die Mutter los und nimmt ihr die Reitpeitsche leise aus der Hand. Alle springen auf und jubeln durcheinander. Die Frau stellt sich neben Mutter und setzt ihr eine Knipbrill auf die Nase.)

Mutter: Dummes Zeug! Aber man muß doch drüber lachen. (Wendel tritt ein.) Wendel, hier den Brief auf die Post. Das nach Cleners. Das Geld nach dem Schneider Hühnerbein. Das ist alles. (Wendel ab.) (Die Mutter setzt sich mit der Brill hin.) Emil, Du gehst einmal fürs Erste und läßt Dich waschen. (Die Masken packen ihn, der mit offnem Munde dasteht, und jagen ihn mit Schreien und Prügeln zur Tür hinaus.)

Hedwig: O Mutter, ich seh eben, dat ich schon zwei Exempels mehr gerechnet habe als nötig is. Juchhe!

Marie: Hör einmal, Mutter, willst Du Dich denn nu auch verkleiden?

Mutter: Og dummes Zeug!

Marie: Ja hör mal, Mutter, dann will ich Dir aber doch mal wat sagen. (Sie sagt ihr was ins Ohr.)

Mutter: Nein, das geht nicht.

Marie: Ja, das geht doch! Das sollst Du sehen! (Alle ab.)

(Zwei Stunden später. Hedwig hat Rudolfs, Rudolf Hedwigs Zeug angezogen, beide eine Maske, die sie sich einer dem andern losbinden. Dann kommen nach und nach die andern hinein, alle ganz kurios verkleidet.)

Hermann: O August, ich hab doch die längste Nas! Kik es, Jon, ek hew ok en Bat drop äs use Fritz mols het!

August: Aver ek hew so nette gröne Backen und sonen grisen Bat, un mine Nas es ok völl röader.

Marie: Kik ens, Laura, ek sie doch gewest en netten Jongen! Du bös somen kotten, ongerhatten, ek sie völl gröter als Du bist. Und mein Ponnepatshut is auch größer!

(Die Mutter kommt, in einem alten Schlafrock, dem Vater seinen Pelzschlafrock drüber, eine spitze Nachtmütze über die Haube auf und die Kniepbrill auf der Nasen.)

Alle schreien: O Mutter, Mutter!

Hermann: August, dat es mine Moder nit!

Mutter: Junge, willst Du wohl stille sein? Und setzt Euch alle um den Tisch, bis er kommt.

(Pause. Der Vater tritt ein, sieht sich erstaunt um, bis endlich alle die Masken abnehmen und unter Schreien und Lärmen und Jubeln durcheinander rennen; Finale: ein ungeheurer Schmaus.) —

Ich hätte das Ding noch weiter ausführen können, aber das wird wohl die Zeit nicht erlauben; in einer halben Stunde geht die Post, ich schließe also.

Dein Bruder Friedrich.
