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Title: Engels an Wilhelm Graeber, [Bremen,] 20.-21. Oktober [1839]
Description: Engels klagt über die Einsamkeit unter Bremer Philistern, nachdem Adolf Torstrick, der Überbringer des Briefes, nach Berlin abreist.
Author: Friedrich Engels
Date: 1839-10-20
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1839-10-20%20Engels%20an%20Wilhelm%20Graeber
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*Friedrich Engels an Wilhelm Graeber in Berlin, [Bremen 1839] 20.-21. Oktober. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 541-542. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1839-10-20%20Engels%20a%20Wilhelm%20Graeber)*

den 20. Oktober. Herrn Wilhelm Graeber. Ich bin ganz sentimental, es ist ein schwieriger Kasus. Ich bleibe hier, entblößt von aller Fidelität. Mit Adolf Torstrick, dem Überbringer dieses, geht die letzte Fidelität weg. Wie ich den 18. Oktober gefeiert, ist in meiner letzten Heuserlichen Epistel zu lesen. Heute Bierzech, morgen Langweile, übermorgen geht der Torstrick weg, Donnerstag kommt der in vorerwähnter Epistel erwähnte Studio wieder, worauf zwei fidele Tage folgen, und dann — ein einsamer, greulicher Winter. Die ganze hiesige Welt ist nicht zum Zechen zu bringen, es sind alles Philister, ich sitze mit meinem Rest burschikoser Lieder, mit meinem renommistischen studiosistischen Anhauch allein in der großen Wüste, ohne Zechgenossen, ohne Liebe, ohne Fidelität, einzig mit Tabak, Bier und zwei zechunfähigen Bekannten. Sohn, da hast du meinen Spieß, kneip’ daraus mein Cerevis, So du kneipest comme il faut, wird dein alter Vater froh, möcht’ ich singen, aber wem soll ich meinen Spieß geben, und dann kann ich auch die Melodie nicht recht. Eine Hoffnung allein hab’ ich noch, Euch übers Jahr, wenn ich nach Hause geh, in Barmen zu treffen, und wenn in Dich und Jonghaus und Fritz der Pfaffe noch nicht zu sehr gefahren ist, mit Euch dort herumzukneipen. Den 21. — Heute einen furchtbar langweiligen Tag gehabt. Auf dem Comptoir halbtot geochst. Dann Singakademie gehabt, ungeheuren Genuß. Nun muß ich sehen, daß ich Euch noch was schreibe. Verse mit nächster Gelegenheit, ich habe keine Zeit mehr, sie zu kopieren. Nicht einmal was Interessantes zu essen gehabt, alles langweilig. Dabei ist es so kalt, daß man es auf dem Comptoir nicht aushalten kann. Gottlob, morgen haben wir Hoffnung, geheizt zu bekommen. Von Deinem Bruder Hermann werde ich nächstens wohl einen Brief bekommen, er will meiner Theologie auf den Zahn fühlen und meine Überzeugung massakrieren. Das kommt vom Skeptizismus, die tausend Haken, mit denen man am Alten hing, lassen los und haken sich wo anders ein, und dann gibt’s Disputationen. Den Wurm soll der Teufel holen, der Kerl läßt nichts von sich hören, er encanaillisiert sich täglich mehr. Ich vermute, er kommt ans Branntweintrinken. Nun nehmt mir den Torstrick freundlich auf, laßt ihn Euch von mir erzählen, wenn Euch das interessiert, und setzt ihm gutes Cerevis vor. Fare well.

Dein Friedrich Engels.

[Auf der Adreßseite]  
Herrn Wilhelm Graeber, Berlin, Mittelstraße No. 52. 2 Treppen hoch.
