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Title: Engels an Wilhelm Graeber, Bremen, 13.-20. November 1839
Description: Engels plant eine „Märchen-Novelle“ über Faust, Ahasver und den wilden Jäger, schmuggelt verbotene Bücher nach Preußen, schreibt Börnes Satire auf König Otto ab und erklärt sich auf dem Punkte, ein Hegelianer zu werden.
Author: Friedrich Engels
Date: 1839-11-13
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1839-11-13%20Engels%20an%20Wilhelm%20Graeber
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*Friedrich Engels an Wilhelm Graeber in Berlin, Bremen 1839 13.-20. November. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 548-553. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1839-11-13%20Engels%20a%20Wilhelm%20Graeber)*

Den 13. Novbr. 1839.  
Liebster Guilielme,

warum schreibst Du nicht? Ihr gehört sämtlich in die Kategorie der Faulenzer und Bärenhäuter. Aber ich bin ein andrer Kerl! Nicht nur, daß ich Euch mehr schreibe als Ihr verdient, daß ich mir eine ausnehmende Bekanntschaft mit allen Literaturen der Welt verschaffe; ich arbeite mir auch im Stillen in Novellen und Gedichten ein Denkmal des Ruhmes aus, welches, wenn nämlich die Zensur den blitzenden Stahlschimmer nicht zu häßlichem Rost anhaucht, mit hellem Jugendglanz durch alle deutschen Lande, Östreich ausgenommen, hinscheinen wird. Es gärt und kocht in meiner Brust, es glüht in meinem, bisweilen besoffenen Kopfe ganz ausnehmend; ich sehne mich, einen großen Gedanken zu finden, der die Gärung aufklärt und die Glut zur lichten Flamme anhaucht. Ein großartiger Stoff, gegen den alle meine bisherigen nur Kindereien sind, ringt sich in meinem Geist empor. Ich will in einer „Märchen-Novelle“ oder einem derartigen Ding die modernen Ahnungen, die sich im Mittelalter zeigten, zur Anschauung bringen, ich will die Geister aufdecken, die unter der harten Erdrinde nach Erlösung pochten, vergraben unter den Fundamenten der Kirchen und Verließe. Ich will wenigstens einen Teil jener Aufgabe Gutzkows zu lösen versuchen: der wahre zweite Teil des Faust, Faust nicht mehr Egoist, sondern sich aufopfernd für die Menschheit, soll noch erst geschrieben werden. Da ist Faust, da ist der ewige Jude, da ist der wilde Jäger, drei Typen der geahnten Geistesfreiheit, die leicht in eine Verbindung und eine Beziehung zu Johann Huß zu setzen sind. Welch ein poetischer Hintergrund, vor dem diese drei Dämonen schalten und walten, ist mir da gegeben! Die früher metrisch angefangne Idee vom wilden Jäger ist darin aufgegangen. — Diese drei Typen (Menschen, warum schreibt Ihr nicht? d. 14. November) werde ich ganz eigentümlich behandeln; besonders verspreche ich mir Effekt von der Auffassung Ahasvers und des wilden Jägers. Leicht kann ich, um die Sache poetischer und Einzelheiten bedeutender zu machen, noch andre Dinge aus deutschen Sagen einflechten — doch das wird sich schon finden. Während die gegenwärtig von mir bearbeitete Novelle nur mehr Studie des Stils und der Charakterschilderung ist, soll diese das Eigentliche werden, worauf ich Hoffnungen für meinen Namen begründe.

Den 15. November. Auch heute kein Brief? Was mach’ ich? Was denk’ ich von Euch? Ihr seid mir unbegreiflich. Den 20. November. Und wenn Ihr heute nicht schreibt, so kastrier’ ich Euch in Gedanken und lasse Euch warten, wie Ihr tut. Aug’ um Auge, Zahn um Zahn, Brief um Brief. Ihr Heuchler aber sagt: Nicht Aug’ um Auge, nicht Zahn um Zahn, *nicht* Brief um Brief, und laßt mich bei Eurer verdammten christlichen Sophistik sitzen. Nein, lieber ein guter Heide als ein schlechter Christ.

*Weltschmerz-Poeten.*

Da ist ein junger Jude aufgestanden, Theodor Creizenach, welcher ganz vortreffliche Gedichte und noch bessere Verse macht. Er hat eine Komödie gemacht, in der W. Menzel und Konsorten aufs kostbarste persiffliert werden. Es strömt jetzt alles der modernen Schule zu und baut Häuser, Paläste oder Hüttlein auf dem Fundament der großen Ideen der Zeit. Alles andre kommt auf den Hund, die sentimentalen Liedlein verhallen ungehört und das schmetternde Jagdhorn wartet eines Jägers, der es blase zur Tyrannenjagd; in den Wipfeln aber rauscht der Sturm von Gott, und die Jugend Deutschlands steht im Hain, die Schwerter zusammenschlagend und die vollen Becher schwingend; von den Bergen lohen die brennenden Schlösser, die Throne wanken, die Altäre zittern, und ruft der Herr in Sturm und Ungewittern, voran, voran, wer will uns widerstehn?

Wir Friedrich Engels  
oberster Poet im Bremer Ratskeller und privilegierter  
ZECHER  
Tun kund und zu wissen allen Vergangenen, Gegenwärtigen  
Abwesenden und Zukünftigen  
daß ihr sämtlich Esel seid, faule Kreaturen, die an dem Überdruß der eignen Existenz dahinsiechen, mir nichtschreibende Canaillen und so weiter  
Gegeben auf unsrem Comptoirbock,  
zur Zeit da wir nicht den Katzenjammer hatten.  
Friedrich Engels.

In Berlin lebt ein junger Poet, Karl Grün, von dem ich dieser Tage ein Buch der Wanderungen gelesen habe, welches sehr gut ist. Doch soll er schon 27 Jahre alt sein und dafür könnt’ er besser schreiben. Er hat zuweilen sehr treffende Gedanken, aber oft greuliche Hegelsche Floskeln. Was heißt das z. B.: „Sophokles ist das hochsittliche Griechenland, das seine titanischen Ausbrüche an der Mauer absoluter Notwendigkeit sich brechen ließ. In Shakespeare ist der Begriff des absoluten Charakters zur Erscheinung gekommen.“

Vorgestern Abend hatte ich große Knüllität im Weinkeller von zwei Flaschen Bier und zweieinhalb Flaschen Rüdesheimer 1794er. Mein Herr Verleger in spe und diverse Philister waren mit. Probe einer Disputation mit einem dieser Philister über die Bremer Verfassung: Ich: In Bremen ist die Opposition gegen die Regierung nicht rechter Art, weil sie in der Geldaristokratie, den Älterleuten besteht, die sich der Rangaristokratie, dem Senat, widersetzen. Er: Das können Sie doch so ganz eigentlich nicht behaupten. Ich: Weshalb nicht? Er: Beweisen Sie Ihre Behauptung. Dergleichen soll hier für Disputation gelten! O Philister, geht hin, lernt griechisch und kommt wieder. Wer griechisch kann, der kann auch rite disputieren. Aber solche Kerle disputier’ ich sechs auf einmal tot, wenn ich auch halb knüll bin und sie nüchtern. Diese Menschen können keinen Gedanken drei Sekunden in seine notwendigen Konsequenzen fortspinnen, sondern alles geht ruckweise; man braucht sie nur eine halbe Stunde sprechen zu lassen, ein paar scheinbar unschuldige Fragen aufwerfen und sie widersprechen sich splendidamente. Es sind gräßlich abgemeßne Menschen, diese Philister; ich fing an zu singen, da beschlossen sie einstimmig gegen mich, daß sie erst essen und dann singen wollten. Da fraßen sie Austern, ich aber rauchte ärgerlich drauflos, soff und brüllte, ohne mich an sie zu stören, bis ich in einen seligen Schlummer geriet. Ich bin jetzt ein ungeheurer Spediteur von verbotnen Büchern ins Preußische; der Franzosenfresser von Börne in vier Exemplaren, die Briefe aus Paris von demselben, 6 Bände, Venedey Preußen und Preußentum, das strengst verbotne, in fünf Exemplaren liegen zur Versendung nach Barmen bereit. Die beiden letzten Bände der Briefe aus Paris hatte ich noch nicht gelesen, sie sind herrlich. König Otto von Griechenland wird fürchterlich durchgenommen; so sagt er einmal: wenn ich der liebe Gott wäre, so würde ich einen kostbaren Spaß machen, ich ließe alle großen Griechen in einer Nacht wieder aufstehen. Nun kommt eine sehr schöne Beschreibung, wie diese Hellenen in Athen umhergehen, Perikles, Aristoteles etc. Da heißt es: König Otto ist angekommen. Alles macht sich auf, Diogenes putzt das Licht in seiner Laterne und alle eilen zum Piräus, König Otto ist ausgestiegen und hält folgende Rede: „Hellenen, schaut über Euch. Der Himmel hat die bayrische Nationalfarbe angenommen. (Diese Rede ist gar zu schön, ich muß sie ganz abschreiben.) Denn Griechenland gehörte in den ältesten Zeiten zu Bayern. Die Pelasger wohnten im Odenwalde und Inachus war aus Landshut gebürtig. Ich bin gekommen, Euch glücklich zu machen. Eure Demagogen, Unruhestifter und Zeitungsschreiber haben Euer schönes Land ins Verderben gestürzt. Die heillose Preßfreiheit hat alles in Verwirrung gebracht. Seht nur, wie die Ölbäume aussehen. Ich wäre schon längst zu Euch herübergekommen, ich konnte aber nicht viel eher, denn ich bin *noch nicht lange auf der Welt*. Jetzt seid Ihr ein Glied des Deutschen Bundes; meine Minister werden Euch die neuesten Bundesbeschlüsse mitteilen. Ich werde die Rechte meiner Krone zu wahren wissen und Euch nach und nach glücklich machen. Für meine Zivilliste (Gehalt des Königs im konstitutionellen Staat) gebt Ihr mir jährlich 6 Millionen Piaster, und ich erlaube Euch, meine Schulden zu bezahlen.“ Die Griechen werden konfus, Diogenes hält dem König seine Laterne ins Gesicht, Hippokrates aber ließ sechs Karren Nießwurz holen etc. etc. Diese ganze ironische Dichtung ist ein Meisterstück der beißendsten Satire, und in einem Stil, der göttlich ist. Daß Dir Börne weniger gefällt, kommt daher, daß Du eins seiner schwächsten und frühesten Werke, die Schilderungen aus Paris, liest. Unendlich höher stehen die Dramaturgischen Blätter, die Kritiken, die Aphorismen, und vor allen die Briefe aus Paris und der wundervolle Franzosenfresser. Die Beschreibung der Gemäldesammlung ist sehr langweilig, darin hast du recht. Aber die Grazie, die herkulische Kraft, die Gemütstiefe, der vernichtende Witz des Franzosenfressers sind unübertrefflich. Hoffentlich sehen wir uns Ostern oder doch Herbst in Barmen, da sollst Du andre Begriffe von diesem Börne bekommen. — Was Du über Torstricks Duellgeschichte schreibst, ist freilich differierend von seinen Nachrichten, doch ist er auf jeden Fall der, der am meisten Unannehmlichkeiten davon hatte. Der Kerl ist gut, lebt aber in Extremen: besoffen hier, etwas pedantisch dort. —

Fortsetzung. Wenn Du meinst, die deutsche Literatur sei allmählich eingeschlafen, so bist Du bedeutend irrig. Denke nicht, weil Du wie Vogel Strauß Deinen Kopf vor ihr verbirgst und sie nicht siehst, hörte sie auf zu existieren. Au contraire entwickelt sie sich ansehnlich, was Dir einleuchten würde, wenn Du mehr acht darauf gäbst und nicht in Preußen lebtest, wo die Werke von Gutzkow etc. erst einer besondern und selten erteilten Erlaubnis bedürfen. — Ebenso sehr irrst Du, wenn Du meinst, ich müßte zum Christentum zurückkehren. Pro primo ist mir ridikül, daß ich Dir nicht mehr für einen Christen gelte und pro secundo, daß Du meinst, wer einmal um des Begriffs willen das Vorstellungsmäßige der Orthodoxie abgestreift hat, könne sich wieder in diese Zwangsjacke bequemen. Ein rechter Rationalist kann das wohl, indem er seine natürliche Wundererklärung und seine seichte Moralsucht für ungenügend erkennt, aber der Mythizismus und die Spekulation kann nicht wieder von ihren morgenrotbestrahlten Firnen in die nebligen Täler der Orthodoxie herabsteigen. — Ich bin nämlich auf dem Punkte, ein Hegelianer zu werden. Ob ich’s werde, weiß ich freilich noch nicht, aber Strauß hat mir Lichter über Hegel angesteckt, die mir das Ding ganz plausibel darstellen. Seine (Hegels) Geschichtsphilosophie ist mir ohnehin wie aus der Seele geschrieben. Sieh doch, daß du Strauß’ Charakteristiken und Kritiken bekommst, die Abhandlung über Schleiermacher und Daub ist wundervoll. So gründlich, klar und interessant schreibt außer Str[auß] kein Mensch. Übrigens infallibel ist er gar nicht; ja wenn sein ganzes Leben Jesu als ein Komplex von lauter Sophismen sich herausstellte, denn das Erste, wodurch dieses Werk so wichtig ist, das ist die ihm zugrunde liegende Idee des Mythischen im Christentum; diese wäre auch durch jene Entdeckung nicht verletzt, denn sie kann immer wieder neu auf die biblische Geschichte angewandt werden. Aber die unleugbar ausgezeichnete Durchführung zugleich mit der Idee gegeben zu haben, das erhöht Strauß’ Verdienst noch mehr. Ein guter Exeget mag ihm hier und da einen Schnitzer oder ein Verfallen ins Extrem nachweisen können, ebenso gut wie Luther im einzelnen angreifbar war; aber das schadet ja nichts. Wenn Tholuck was Gutes über Str[auß] gesagt hat, so ist das reiner Zufall oder eine gut angewandte Reminiszenz; Tholucks Gelehrsamkeit geht zu sehr ins Breite, und dabei ist er nur rezeptiv, nicht einmal kritisch, geschweige produktiv. Die guten Gedanken, die Tholuck gehabt hat, werden sich leicht zählen lassen, und den Glauben an die Wissenschaftlichkeit seiner Polemik hat er durch seinen Streit mit Wegscheider und Gesenius schon vor zehn Jahren selbst zerstört. Tholucks wissenschaftliche Wirksamkeit ist in keiner Weise nachhaltig gewesen, und seine Zeit ist längst vorbei. Hengstenberg hat doch wenigstens einmal einen originellen, wenn auch absurden Gedanken gehabt: den von der prophetischen Perspektive. — Es ist mir unbegreiflich, daß Ihr Euch um alles nicht kümmert, was über Hengstenberg und Neander hinausgeht. Allen Respekt vor Neander, aber wissenschaftlich ist er nicht. Statt Verstand und Vernunft bei seinen Werken tüchtig arbeiten zu lassen, auch wenn er einmal mit der Bibel in Opposition käme, läßt er da, wo er dergleichen fürchtet, die Wissenschaft Wissenschaft sein und kommt mit der Empirie oder dem frommen Gefühl. Er ist gar zu fromm und gemütlich, um Straußen opponieren zu können. Gerade durch diese frommen Ergüsse, an denen sein Leben Jesu reich ist, stumpft er die Spitzen auch seiner wirklich wissenschaftlichen Argumente ab.

A propos — vor ein paar Tagen las ich in der Zeitung, die Hegelsche Philosophie sei in Preußen verboten worden, ein berühmter Hallischer Hegelianischer Dozent sei durch ein Ministerialreskript bewogen worden, seine Vorlesungen zu suspendieren und mehrere Hallische jüngere Dozenten derselben Farbe (wohl Ruge etc.) seien bedeutet worden, sie hätten keine Anstellung zu erwarten. Durch eben dieses Reskript sei das definitive Verbot der Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik entschieden worden. Weiter habe ich noch nichts gehört. Ich kann an einen so unerhörten Gewaltstreich selbst der preußischen Regierung nicht glauben, obwohl Börne dies vor fünf Jahren schon prophezeite, und Hengstenberg Intimus des Kronprinzen, sowie Neander erklärter Feind der Hegelschen Schule sein soll. Wenn Ihr etwas über die Sache hört, so schreibt mir davon. Jetzt will ich Hegel studieren bei einem Glase Punsch. Adios. Dein baldiges Schreiben erwartender Friedrich Engels.
