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Title: Engels an seine Schwester Marie, [Bremen,] 18.-19. September 1840
Description: Äquinoktialsturm, das Lager der hanseatischen Truppen, ein Sonntagsritt nach Vegesack, Lektüren in der Union, eine gezeichnete Szene von der Schlachte und die Philosophie des Domingokaffees.
Author: Friedrich Engels
Date: 1840-09-18
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1840-09-18%20Engels%20an%20Marie%20Engels
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*Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, [Bremen] 1840 September 18-19. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 597-599. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1840-09-18%20Engels%20a%20Marie%20Engels)*

Den 18. Sept. 1840.

Meine Allerwerteste!

Augenblicklich ist der Äquinoktialsturm los auf eine furchtbare Weise; in unsrem Hause ist diese Nacht ein Fenster eingeweht worden, und die Bäume krachen ganz gotteserbärmlich. Morgen und übermorgen werden was Nachrichten von gescheiterten Schiffen einlaufen! Der Alte steht am Fenster und macht ein kraus Gesicht, denn vorgestern ist ein Schiff in See gegangen, worin er für 3000 Taler Leinen hat, und die sind nicht versichert. Du schreibst ja Nichts über den Brief an Ida, den ich meinem vorigen Brief beilegte, oder sollte ich vergessen haben, ihn hineinzutun? — Ich bleibe jetzt wirklich bis Ostern hier, welches mir aus diversen Gründen äußerst gepfiffen ist. Also die Ida ist nun weg, das wird Dir sehr fatal sein.

Wir haben hier auch ein tüchtiges Lager, das beinah 3000 Mann stark ist. Oldenburger, Bremer, Lübecker und Hamburger Trupfen. Neulich war ich da, es war ein enormer Witz. Gleich vorn im Zelt (da hat ein Kneipeninhaber ein großes Eßzelt gebaut) saß ein Franzose, der war ganz knüll und konnte nicht mehr auf den Beinen stehen. Die Kellner hingen ihm einen großen Kranz um und nun fing er an zu brüllen: Bekrenst mit Laup ten libehn vollehn Beker. Nachher schleppten sie ihn auf die Totenkammer, d.h. den Heuboden, da blieb er liegen und schlief. Als er wieder nüchtern war, lieh er von einem Andern ein Pferd, setzte sich drauf und galoppierte in Einem fort am Lager auf und ab. Er war immer nah dran, aufs Angenehmste herunterzufallen. Wir haben dort äußerst viel Jokus genossen und besonders schönen Wein. Vorigen Sonntag ritt ich nach Vegesack, bei welcher Tour ich das Vergnügen hatte, viermal durch naß geregnet zu werden, und ich hatte doch so viel innere Glut in mir, daß ich immer gleich wieder trocken wurde. Ich hatte aber auch ein abscheuliches Roß, das furchtbar hart trabte, so daß das infame Schmeißen einem durch Mark und Bein ging. — Soeben werden wieder 6 Flaschen Bier für uns angeschleppt, welche sogleich in den Entzündungsprozeß — ich dachte an Zigarren — es muß heißen in den Ausleerungsprozeß übergehen sollen. — Eine Flasche hab ich schon beinah verzehrt und einen Brand dabei verraucht, sogleich geht unser Don Guillermo, der junge Prinzipal, nochmals weg und dann wird von Neuem angefangen.

Den 19. Sept. 1840.

Ihr habt doch ein langweiligeres Leben als wir. Gestern Nachmittag waren keine Arbeiten mehr zu tun, und der Alte war weg, und Wilhelm L[eupold] ließ sich auch selten sehen. So steckt’ ich mir eine Zigarre an, schrieb erst das Vorstehende an Dich, sodann nahm ich Lenaus Faust aus dem Pulte und las darin. Nachher trank ich noch eine Flasche Bier und ging um halb acht zum Roth; wir schoben in die Union, ich las Raumers Geschichte der Hohenstaufen und aß dann ein Beefsteak und Gurkensalat. Um halb elf ging ich nach Hause, las Diez’ Grammatik der romanischen Sprachen, bis ich schläfrig wurde. Dazu ist morgen wieder Sonntag und am Mittwoch Bremischer Buß- und Bettag, und so kramt man sich allmählich bis in den Winter hinein. Diesen Winter werd’ ich mit Eberlein Tanzstunde nehmen, um meine steifen Beine an ein wenig Grazie zu gewöhnen. — Hier hast Du eine Szene von der Schlachte, d. h. der Straße, die an der einen Seite die Weser hat, und wo die Waren ausgeladen werden. Der Kerl mit der Peitsche ist der Fuhrmann, der die Kaffeesäcke, die dahinten liegen, eben wegfahren will; der Kerl mit dem Sack rechts ist der Schlachtkaper, der sie aufladet; neben ihm ein Küper, der eben eine Probe gezogen hat und noch in der Hand hält, und daneben der Kahnschiffer, aus dessen Kahn die Säcke geladen wurden. Du wirst nicht leugnen können, daß diese Gestalten sehr interessant sind. Wenn der Fuhrmann fährt, so setzt er sich ohne Sattel, Bügel und Sporen aufs Pferd und hackt ihm die Fersen fortwährend in die Rippen, so:

Jetzt regnet’s wieder ganz ungebührlich für einen Sonnabend Abend, es sollte eigentlich nur in der Woche regnen, aber von Sonnabend Mittag an schönes Wetter sein. Weißt Du, was superfein mittelgut ordinärer Domingokaffee ist? Das ist wieder einer von den tiefen Begriffen, die in der Philosophie des Kaufmannsstandes vorkommen, und die Eure Geisteskräfte nicht verstehen können. Superfein mittelgut ordinärer Domingokaffee ist Kaffee von der Insel Hayti, der einen leisen Anflug von grüner Farbe hat, im Übrigen grau ist, und wo man zu zehn guten Bohnen vier schlechte Bohnen, sechs Steinchen und ein viertel Lot Dreck, Staub usw. in den Kauf bekommt. Jetzt hast Du’s wohl begriffen. Davon kostet das Pfund jetzt 9½ Groten, das sind 4 Silbergroschen 8¹²³/₁₃₇ Pfennige. Solche Handelsgeheimnisse dürfte ich eigentlich nicht verraten, da man nicht aus der Schule schwatzen soll; aber weil Du es bist, so will ich eine Ausnahme machen. — Eben sagt unser Arbeitsmann: Herr Derkhiem, wann Se sek met de Jungens gemein mokt, so met Se sek en beten mehr en Respekt hohlen, sons krigt Se dat Volk ganz unner de Föte, Heinrich dat es en slimmen Jung, do hebb’ ick manch’ en Tuck med har’d, Se met nich so veel domet speelen, Se möt se gliks wat achter de Ohren geven, anners helpt nich, um wann Se no’n Ohlen geht, de dait de Jungens ok nix, de segt man blot: Laßt mir den Kerl vom Halse. Da kannst Du Dich ein wenig in unsrem Plattdeutsch üben.

Im Übrigen bin ich Dein ganz ergebenster  
Friedrich.
