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Title: Engels an Wilhelm Graeber, Bremen, 20. November 1840
Description: Brief an Wilhelm Graeber: Vorwürfe wegen des Schweigens der Freunde, Spott über die politische Schlafmütze und ein erfundener Feldzug zwischen Krummacherianern und Panielitern in Bremen.
Author: Friedrich Engels
Date: 1840-11-20
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1840-11-20%20Engels%20an%20Wilhelm%20Graeber
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*Friedrich Engels an Wilhelm Graeber, Bremen, 20. November 1840. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 559-561. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1840-11-20%20Engels%20a%20Wilhelm%20Graeber)*

Bremen, 20. November 1840.  
Mein lieber Wilhelm!

Es ist nun schon wenigstens ein halbes Jahr vorbei, daß Du mir nicht geschrieben hast. Was soll ich zu solchen Freunden sagen? Du schreibst nicht, Dein Bruder schreibt nicht, der Wurm schreibt nicht, Grel schreibt nicht, Heuser schreibt nicht, der W. Blank läßt keine Zeile erblicken, von Plümacher ist mir noch weniger etwas bewußt, sacre tonnerre, was soll ich dazu sagen? Meine Rolle Kanaster war noch sieben Pfund schwer, als ich Dir zum letzten Male schrieb, jetzt ist kaum noch ein Kubikzoll davon übrig, und noch keine Antwort. Statt dessen jubiliert Ihr in Barmen herum, — wartet Kerls, als ob ich nicht von jedem Glase Bier wüßte, das Ihr seitdem getrunken habt, ob Ihr’s in einem oder mehreren Zügen getrunken habt.

Namentlich Du solltest Dich schämen, über meine politischen Wahrheiten loszuziehen, Du politische Schlafmütze. Wenn man Dich auf Deiner Landpfarre, denn ein höheres Ziel wirst Du doch wohl nicht erwarten, ruhig sitzen und jeden Abend mit der Frau Pfäffin und den etwaigen jungen Pfäfflein spazieren gehen läßt, ohne Dir eine Kanonenkugel vor die Nase zu schicken, bist Du seelenvergnügt und kümmerst Dich nicht um den frevelhaften F. Engels, der gegen das Bestehende räsonniert. O ihr Helden! Aber Ihr werdet dennoch in die Politik hereingerissen, der Strom der Zeit überflutet Eure Idyllenwirtschaft, und dann steht Ihr da wie die Ochsen am Berge. Tätigkeit, Leben, Jugendmut, das ist der wahre Witz!

Von dem großartigen Ulk, den unser gemeinschaftlicher Freund Krummacher hier angeregt hat, werdet Ihr nun wohl schon gehört haben. Jetzt ist es so ziemlich vorbei, aber es ist arg gewesen. Die Panieliter haben sich bataillonsmäßig formiert, haben das Arsenal der Bürgerwehr gestürmt und sind mit einer großen dreifarbigen Fahne durch die Stadt gezogen. Sie sangen Ein freies Leben führen wir und Vivat Paniel, Paniel lebe, Paniel ist ein braver Mann. Die Krummacherianer scharten sich auf dem Domshof, besetzten das Rathaus, wo gerade der Senat Sitzung hielt, und plünderten die Waffenkammer. Mit Hellebarden und Morgensternen bewaffnet, stellten sie sich auf dem Domshof in ein Karree, richteten die beiden Kanonen, die an der Hauptwache stehen (Pulver hatten sie aber nicht), gegen die Obernstraße, von wo die Panieliter kamen, und erwarteten so den Feind. Dieser aber, als er vor den Kanonen angekommen war, kam von der andern Seite auf den Markt, und besetzte ihn. Die 600 Mann starke Reiterei okkupierte den Grasmarkt, gerade den Krummacherianern gegenüber, und war des Kommandos zum Einhauen gewärtig. Da trat der Bürgermeister Smidt aus dem Rathause. Er ging zwischen die Parteien, stellte sich festen Fußes auf den Stein, auf dem die Giftmischerin Gottfried hingerichtet wurde, und welcher gerade einen halben Zoll aus dem Pflaster hervorragt, und sprach, zu den Krummacherianern gewendet: „Ihr Männer von Israel!“ Dann drehte er sich zu den Panielitern: „Ἄνδρες Ἀθηναῖοι!“ Dann wandte er sich bald rechts bald links und hielt folgende Rede: Sintemal Krummacher ein Fremder ist, so ziemt es sich nicht, daß ein Streit, den er erregt hat, in unsrer guten Stadt ausgefochten werde. Ich schlage also den geehrten Teilen vor, sich gütigst auf die Bürgerweide begeben zu wollen, welche für dergleichen Szenen ein sehr passendes Terrain bietet.

Dies wurde billig befunden, die Parteien zogen zu verschiedenen Toren hinaus, nachdem Paniel sich mit dem steinernen Schilde und Schwert Rolands bewaffnet hatte. Den Oberbefehl der Krummacherianer, welche 6239½ Mann stark waren, übernahm Pastor Mallet, der 1813 den Feldzug mitgemacht hat; er befahl, Pulver zu kaufen und ein paar kleine Pflastersteine mitzunehmen, um sie in die Kanonen zu laden. Auf der Bürgerweide angekommen, ließ Mallet den Kirchhof besetzen, der daran stößt und von einem breiten Graben umgeben ist. Er stieg auf das Monument des Gottfried Menken und befahl die Kanonen auf dem Wall des Kirchhofs aufzufahren. Aber aus Mangel an Pferden waren die Kanonen nicht fortzuschaffen gewesen. Inzwischen war es neun Uhr abends und pechdunkel. Die Heere biwakierten, Paniel in Schwachhausen, einem Dorfe, Mallet in der Vorstadt. Das Hauptquartier war in der Reitbahn vor dem Herdentore, welche zwar schon von einer Kunstreiterbande okkupiert war, aber als Pastor Kohlmann von Horn in der Bahn einen Abendgottesdienst hielt, liefen die Reiter weg. Dies geschah am 17. Oktober. Am 18. morgens rückten die beiden Armeen aus. Paniel, der 4267¾ Mann zu Fuß und 1689¼ Reuter hatte, griff an. Eine Infanteriekolonne, die Paniel selbst anführte, drang auf das erste Treffen Mallets ein, welches aus seinen Katechisationsschülern und einigen zelotischen Frauen bestand. Nachdem drei alte Weiber gespießt und sechs Katechumenen erschossen waren, stob das Bataillon auseinander und wurde von Paniel in den Chausseegraben geworfen. Auf dem rechten Flügel Paniels stand Pastor Capelle, der mit drei Schwadronen Kavallerie, die aus den jungen Comptoiristen gebildet war, Mallet umging und ihm in den Rücken fiel; er besetzte die Vorstadt und nahm dem Mallet so seine Operationsbasis. Paniels linker Flügel rückte unter Pastor Rothes Befehl auf die Horner Chaussee und drängte den Jünglingsverein, der mit den Hellebarden nicht umzugehen wußte, auf das Gros von Mallets Armee zurück. Da hörten wir, unsrer sechse, in der Fechtstunde das Schießen, stürzten mit Fecht-Jacken, -Handschuhen, -Masken und -Hüten heraus; das Tor war geschlossen, ein Angriff auf die Wache verschaffte uns den Schlüssel, und so kamen wir, das Rappier in der Hand, auf dem Kampfplatz an. Richard Roth von Barmen formierte den zersprengten Jünglingsverein aufs neue, während Höller von Solingen sich mit dem Rest der Katechumenen in ein Haus warf; ich und drei andre hieben ein paar Panieliter vom Pferde, stiegen auf, warfen, vom Jünglingsverein unterstützt, die feindliche Kavallerie; Mallets Hauptarmee rückte vor, unsre Rappiere verbreiteten Quarten, Terzen, Schrecken und Tod, und in einer halben Stunde waren die Rationalisten zerstreut. Jetzt kam Mallet um zu danken, und als wir sahen, für wen wir gefochten hatten, sahen wir uns erstaunt an.

Se non è vero, è come spero ben trovato. Schreibt nun aber bald! Und animiere den Wurm, daß er mir schreibt!

Fr. Engels.
