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Title: Engels an seine Schwester Marie, Bremen, 6.-9. Dezember 1840
Description: Ein parodistisches Danksagungsschreiben für den „gelben Kuvertorden“, Napoleons Leiche, das Ministerium Guizot-Soult, Fechtstunden und ein Selbstbildnis mit Schnurrbart und Zigarre.
Author: Friedrich Engels
Date: 1840-12-06
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1840-12-06%20Engels%20an%20Marie%20Engels
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*Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, Bremen 1840 Dezember 6-9. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 603-605. Die Fußnote ist von Engels. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1840-12-06%20Engels%20a%20Marie%20Engels)*

Alleruntertänigstes Danksagungsschreiben des mit dem gelben Kuvertorden allergnädigst begnadigten F. Engels.

Wohlgebornes! Hochzuverehrendes Fräulein!

Der alleruntertänigst Unterzeichnete, den Ew. Wohlgeboren unverdientest mit dem gelben Kuvertorden zu beleihen Allergnädigst geruheten, verfehlt nicht, Allergehorsamst seinen allerergebensten Dank zu Allerhöchst dero erhabnen Füßen niederzulegen.

Alleruntertänigst derselbe hat auch nicht umhin können, die hohe Gnade zu bewundern, nach welcher Allerhöchstdieselben das begleitende Handbillet Dero dienstwilligstem Knechte offen und aller Welt zugänglich zugehen ließen,[^1] so daß Jedermann sich von der hohen Gnade überzeugen konnte, welche Dero erhabne Milde und umfassende Weisheit mir geruheten zu Teil werden zu lassen.

Schließlich empfiehlt sich Dero gnädigstem Andenken Allerhöchstdero in tiefster Ehrfurcht ersterbende[r] alleruntertänigster  
Fr. Engels.

Bremen, 6. Dez. 1840.

Liebe Marie!

Um aus der Form zu fallen, die ich für die erste Seite dieses Briefes gewählt hatte, bin ich Dir gar nicht dankbar für die schlechten Oblaten, mit denen Du Deine Briefe versiegelst, und die halbwegs aufspringen. Mit welchem Kuvertorden Du mich beglücken willst, ist mir einerlei, aber hau’ ein reelles Petschaft drauf in des Kuckucks Namen, daß die Geschichten nicht schon in Mainz auseinanderfallen. Vorgestern war der Anna ihr Geburtstag oder gestern, das weiß ich nicht, ich hab ihn gestern gefeiert in Schwachhausen mit einer Portion Kaffee, kost’ mich 6 Grote, ist das nicht brüderliche Liebe? Sonnabend vor acht Tagen, als ich 20 Jahr wurde, feiert’ ich meinen Geburtstag mit Zahnschmerzen und einer dicken Backe, welches mir infame Pein machte. Auch wirst Du gehört haben, daß Napoleons Leiche in Frankreich angekommen ist, hei, das wird ein Skandal werden! Ich wollt’, ich wäre jetzt in Paris, das ist ein Witz! Liest Du auch wo die Zeitung? Hast Du an Krieg geglaubt? Was denkst Du vom Ministerium Guizot und Soult? Singst Du auch das schlechte Lied: Sie sollen ihn nicht haben?, während Du, wenn Du weit gucken kannst, die französische Grenze jenseits des Rheins sehen kannst. Wir haben jetzt Fechtstunde, ich schlage alle Woche viermal, heut Mittag auch wieder. Auf der andern Seite kannst Du mich beschauen, wie ich haue.

Den 8. Dezember.

Gestern hatt’ ich höllisch viel zu tun und heut morgen auch. Jetzt will ich diesen Brief an Dich schließen und dann werd’ ich wohl zum Kaffeetrinken kommen. Hörst Du, zu Weihnachten machst Du mir eine neue Zigarrentasche, und zwar schwarz, rot und gold, das sind die einzigen Farben, die ich leiden mag.

> „Rot wie die Liebe sei der Brüder Zeichen,  
> Rein wie das Gold der Sinn, der uns durchglüht,  
> Und daß wir auch im Tode nimmer weichen,  
> Sei schwarz das Band, das unsre Brust umzieht.“

Aus einem verbotenen Studentenliede. Hier haben einige Schafsköpfe einen Verein gestiftet, wo sie Reden halten, und da soll ich einmal hospitieren und nolens volens eine Rede halten. O weh, das wird schönes Zeug werden. Übrigens kann ich sehr gut predigen, auch ohne vorher drauf studiert zu haben, und wenn’s aufs Lügen ankommt, da bin ich gar nicht still zu kriegen, das geht in Einem fort. Wenn ich auf dem Landtag wäre, so ließ’ ich keinen zu Worte kommen. — Ich habe mich jetzt in meinem Schnurrbart malen lassen und damit Du siehst, wie ich aussehe, kopiere ich das Bild. Du siehst, daß ich gemalt bin, als ich wütend war. Die Zigarre wollte nämlich nicht ziehen. In diesem Augenblick erschien ich so geistreich, daß der Maler mich beschwor, ich solle mich in dieser Situation malen lassen. Ich legte mir alle schlechten Zigarren zurück, und jedesmal, wenn ich wieder saß, rauchte ich ein solches gräßliches Ding. Das war mir die größte Pein.

Freu Dich, daß Du nichts mit Musterkisten zu tun hast! Das ist ein Unsinn und eine Konfusion erster Klasse, da kann man den ganzen Tag auf dem Packhausboden am offnen Fenster stehn in dieser Kälte und Leinen packen, das ist das Fürchterlichste, und zuletzt kommt doch nur Unsinn dabei heraus.

Meine teure Schwester, ich bin Dein ergebener

*d. 9 Dzbr 40.*  
*Friedrich*

[Auf der Adreßseite]

Fräulein Marie Engels im großherzogl. Institut, Mannheim.

[Poststempel] Bremen 9. Dez. Mannheim 11. Dez.

[^1]: Ich habe Deinen Brief offen bekommen. Die elende Oblate war abgesprungen.
