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Title: Engels an seine Schwester Marie, Berlin, 14.-16. April 1842
Description: Aus dem Militärdienst in Berlin: Parademarsch, Bombardierstressen, die „elektrische“ Kompagnie auf dem Grützmacher und der Liszt-Rausch der Berliner Damen, mit einem Konterfei des Pianisten.
Author: Friedrich Engels
Date: 1842-04-14
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1842-04-14%20Engels%20an%20Marie%20Engels
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*Friedrich Engels an seine Schwester Marie in Mannheim, Berlin 1842, 14.-16. April. Nach: Marx/Engels, Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 2, Berlin 1930, S. 619-621. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1842-04-14%20Engels%20a%20Marie%20Engels)*

Liebe Marie!

Dieses zarte Blättchen, welches ich, nachdem es ein halbes Jahr in meiner Mappe gelegen hat, herausziehe und Dir dediziere, wird Dich hoffentlich für die lange Zeit entschädigen, die ich, mit Reue bekenn’ ich es, Dich habe warten lassen. Der Herr Hösterey haben mir Dein Brieflein richtig überbracht, nachdem Hochdieselben es vor den Augen der österreichischen Zöllner in der Hosentasche verborgen hatten, wofür Höchst-Sie mich um Verzeihung baten, und zwar in einem sehr schönen Deutsche. Ich kann es nun nicht vor meinem Gewissen rechtfertigen, Dich noch länger warten zu lassen, und schreibe also. Was? Ja, das weiß ich noch nicht. Daß ich heut morgen von 8—½12 Parademarsch geübt habe? Daß ich dabei eine sehr bedeutende Nase vom Herrn Oberstleutnant besehen habe? Daß wir am Sonntag Kirchenparade haben werden? Daß meine guten Zigarren auf sind und das Bier bei Wallmüller seit einigen Tagen sehr schlecht ist? Daß ich jetzt ausgehen muß wegen ein paar Töpfe Ingwer, die ich für Snethlagens bestellt habe? Ja, das ist’s. Also bis morgen.

Heute als Freitag, 15. April, fahre ich fort. Wir haben ein weit schöneres Wetter bekommen. Vor meinem Hause liegen eine Menge Droschken und halten ihr Standquartier daselbst. Die Droschkiers sind gewöhnlich besoffen und amüsieren mich sehr. Wenn ich also einmal ausfahren sollte, so habe ich das sehr bequem. Ich wohne überhaupt ganz angenehm, eine Treppe hoch, ein elegant möbliertes Zimmer, dessen vordere Wand aus drei Fenstern besteht, zwischen denen nur schmale Pfeiler sind, so daß es sehr hell und freundlich ist.

Gestern, als ich dies geschrieben hatte, wurde ich gestört. Heute kann ich Dir die erfreuliche Nachricht melden, daß wir morgen wohl keine Parade haben werden, weil Seine Majestät der König Allerhöchstdieselben nach Potsdam und Brandenburg zu gehen geruht haben. Welches mir sehr angenehm ist, da ich doch keine Lust habe, mich morgen auf dem verfluchten Schloßplatz herumzutreiben. Hoffentlich kommen wir auf diese Weise ganz an der Parade vorbei. Auch haben wir jetzt ein sehr anmutiges Exerzieren auf dem sogenannten Grützmacher, welcher ein sehr großer Platz ist, wo man bis über die Kniee in den Sand versinkt und welcher die schöne Eigenschaft hat, daß er elektrisch ist. Wenn nun die zwölfte Gardefußartillerie-Kompagnie, bei welcher ich stehe und welche auch elektrisch ist, aber negativ, dahin kommt, so stoßen positive und negative Elektrizität zusammen, machen Skandal und Verwirrung in der Luft und ziehen die Wolken an. Anders weiß ich es mir wenigstens nicht zu erklären, daß es immer regnet oder schneit, wenn unsere Kompagnie auf den Grützmacher geht. Übrigens bin ich seit vier Wochen Bombardier, wenn Du dies noch nicht wissen solltest, trage die Tressen und Litzen und den blauen Kragen mit roter Paspelierung. Das verstehst Du nun zwar nicht, aber das ist auch nicht nötig, wenn Du nur weißt, daß ich Bombardier bin, so ist das genug.

Daß der Herr Liszt hier gewesen ist und durch sein Klavierspielen alle Damen entzückt hat, wirst Du wohl noch nicht gehört haben. Die Berliner Damen sind aber so vernarrt gewesen, daß sie sich im Konzert um einen Handschuh von Liszt, den er hatte fallen lassen, komplett geprügelt haben, und zwei Schwestern, deren eine ihn der andern abnahm, deshalb in ewige Feindschaft gerieten. Den Tee, den der große Liszt in einer Tasse stehen ließ, goß sich die Gräfin Schlippenbach in ihr Eau de Cologne-Flacon, nachdem sie die Eau de Cologne auf die Erde gegossen hatte; seitdem hat sie dies Flacon versiegelt und auf ihrem Sekretär zum ewigen Andenken hingestellt und entzückt sich jeden Morgen daran, wie auf einer deshalb erschienenen Karikatur zu sehen ist. Es ist ein Skandal gewesen wie noch nie. Die jungen Damen haben sich um ihn gerissen, und dabei hat er sie alle ganz entsetzlich links liegen gelassen und lieber mit ein paar Studenten Champagner getrunken. Aber in jedem Hause sind ein paar Bilder von dem großen, liebenswürdigen, himmlischen, genialen, göttlichen Liszt zu sehen. Ich will Dir doch auch ein Konterfei davon machen.

*F. Liszt*

Das ist der Mann mit der kamtschadalischen Frisur. Übrigens hat er hier gewiß 10000 Taler verdient, und seine Rechnung im Wirtshause betrug 3000 Taler. Ungerechnet, was er sonst noch verkneipt hat. Ja, ich sage Dir, das ist ein Mann. Der trinkt täglich zwanzig Tassen Kaffee, auf jede Tasse vier Lot, zehn Flaschen Champagner, woraus mit ziemlicher Sicherheit geschlossen werden kann, daß er in einem fortwährenden gewissen Trane lebt, wie sich dies auch bestätigt. Jetzt ist er nach Rußland gegangen und es fragt sich, ob die Damen dort auch so verrückt werden können.

Übrigens muß ich jetzt ausgehen und schließe deshalb. Leb wohl und antworte bald

Deinem Bruder  
Friedrich

Berlin, 16. 4. 42. Dorotheenstraße 56.

[Auf der Adreßseite]  
Fräulein Marie Engels im großherzoglichen Institut  
Mannheim.
