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Title: Engels an das Kommunistische Korrespondenzkomitee in Brüssel, Paris, 23. Oktober 1846
Description: Dritter Komiteebrief aus Paris: wie Engels in den Versammlungen der deutschen Schreiner die Anhänger Grüns und Proudhons schlägt und eine Definition des Kommunismus durchsetzt; dazu Kriege in New York und der Streit zwischen Réforme und National.
Author: Friedrich Engels
Date: 1846-10-23
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1846-10-23%20Engels%20an%20das%20Kommunistische%20Korrespondenzkomitee%20in%20Br%C3%BCssel
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*Brief von Friedrich Engels an das Kommunistische Korrespondenzkomitee in Brüssel, Paris, 23. Oktober 1846 (Komiteebrief Nr. 3). Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 13, S. 49-54, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1846-10-23%20Engels%20al%20Comit%C3%A9%20de%20Correspondencia%20Comunista%20de%20Bruselas).*

Komiteebrief (No. 3.) —

Über die hiesigen Straubingergeschichten ist wenig zu sagen. Die Hauptsache ist, daß die verschiedenen Streitpunkte, die ich bisher mit den Jungens auszufechten hatte, jetzt entschieden sind: der Hauptanhänger und Schüler Grüns, Papa Eisermann, ist herausgeschmissen, die übrigen sind in ihrem Einfluß auf die Masse vollständig gestürzt, und ich habe einen Beschluß einstimmig gegen sie durchgesetzt.

Der kurze Verlauf ist der:

Über den Proudhonschen Assoziationsplan wurde drei Abende diskutiert. Anfangs hatte ich beinah die ganze Clique, zuletzt nur noch Eisermann und die übrigen drei Grünianer gegen mich. Die Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution zurückzuweisen und überhaupt den Grünschen wahren Sozialismus, der in der Proudhonschen Panacee neue Lebenskräfte gefunden, als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch nachzuweisen. Zuletzt wurd’ ich wütend über die ewige Wiederholung derselben Argumente von seiten meiner Gegner und attackierte die Straubinger geradezu, was bei den Grünianern große Entrüstung erregte, wodurch ich aber dem edlen Eisermann einen *offnen Angriff* auf den Kommunismus entlockte. Darauf deckelte ich ihn so rücksichtslos, daß er gar nicht wiederkam.

Jetzt knüpfte ich an die mir vom Eisermann gegebne Handhabe — die Attacke gegen den Kommunismus — an, um so mehr, als Grün in einem fort intrigierte, auf den Ateliers herumlief, Sonntags die Leute zu sich zitierte usw. usw., und den Sonntag nach der obigen Sitzung *selbst* die grenzenlose Dummheit beging, vor acht bis zehn Straubingern den Kommunismus zu attackieren. Ich erklärte also, ehe ich mich auf weitere Diskussion einließe, müsse abgestimmt werden, ob wir hier qua Kommunisten zusammenkämen oder nicht. Im ersten Falle müsse Sorge getragen werden, daß Angriffe auf den Kommunismus, wie die von Eis[ermann], nicht mehr vorkämen, im andern Fall, wenn sie bloß beliebige Individuen seien, die hier über dies und jenes beliebige diskutierten, könnten sie mir gestohlen werden und würde ich nicht wiederkommen. Dies erregte großes Entsetzen bei den Grünianern, sie seien hier „für das Wohl der Menschheit“ zusammen, um sich aufzuklären, Männer des Fortschritts und nicht einseitig, Systemfänger usw. usw., und solche Biedermänner könne man doch unmöglich „beliebige Menschen“ nennen. Übrigens *müßten sie erst wissen*, was Kommunismus eigentlich sei (diese Hunde, die sich seit Jahren Kommunisten genannt haben und bloß durch die Furcht vor Grün und Eisermann abspenstig wurden, nachdem diese sich unter dem Vorwande des Kommunismus bei ihnen eingeschlichen hatten!). Ich ließ mich natürlich nicht durch ihre liebevolle Bitte fangen, ihnen, den Unwissenden, in zwei bis drei Worten zu sagen, was Kommunismus sei. Ich gab ihnen eine höchst simple Definition, die gerade so weit [ging] wie die vorliegenden streitigen Punkte, die die Friedlichkeit, die Zartheit und Rücksicht gegen die Bourgeois resp. das Straubingertum und endlich die Proudhonsche Aktiengesellschaft nebst beibehaltenem individuellem *Besitz*, und was sich daran knüpft, durch Behauptung der Gütergemeinschaft *ausschloß* und im übrigen nichts enthielt, was Anlaß zu Abschweifungen und zur Umgehung der vorgeschlagenen Abstimmung geben könnte. Ich definierte also die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein andres Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution. — Hierüber zwei Abende diskutiert. Am zweiten ging der beste der drei Grünianer, die Stimmung der Majorität merkend, vollständig zu mir über. Die andern beiden widersprachen sich fortwährend einer dem andern, ohne es zu merken. Mehrere Kerls, die noch nie gesprochen, taten auf einmal das Maul auf und erklärten sich ganz entschieden für mich. Bisher hatte dies nur Junge getan. Einige dieser homines novi sprachen, obwohl zitternd vor Todesangst, stecken zu bleiben, ganz nett und scheinen überhaupt ganz gesunden Verstand zu haben. Kurz, als es zur Abstimmung kam, wurde die Versammlung für eine kommunistische im Sinne der obigen Definition erklärt von dreizehn Stimmen gegen die beiden der zwei treu gebliebnen Grünianer, — von denen einer auch nachträglich erklärt hat, daß er die größte Begierde habe, sich zu bekehren.

Hiermit ist endlich einmal tabula rasa gemacht, und man kann jetzt anfangen, etwas aus den Kerls zu machen, soweit dies geht. Grün, der sich aus seiner Geldgeschichte leicht herausreißen konnte, weil die Hauptgläubiger ebenselbige Grünianer waren, seine Hauptanhänger, ist jetzt bei der Majorität und einem Teil seiner Anhänger selbst sehr herunter und trotz aller Intrigen und Experimente (z. B. in der Mütze auf die Barriereversammlungen gehen usw. usw.) mit seiner Proudhonschen Sozietät glänzend durchgefallen. Wär ich nicht da gewesen, so hätte unser Freund E[werbec]k allerdings tête baissée dahinein gegeben. —

Was der Grün für ein schönes Stratagem hatte! An der Intelligenz seiner Kerls verzweifelnd, repetiert er ihnen seine Geschichten so oft vor, bis sie sie auswendig können. Nach jeder Sitzung — es war natürlich nichts leichter, als so eine Opposition zum Schweigen zu bringen — lief die ganze geschlagne Bande zu Grün, erzählten, was ich gesagt hatte — natürlich alles entstellt —, und ließen sich wieder wappnen. Wenn sie dann das Maul auftaten und zwei Worte gesagt, so wußte man jedesmal den ganzen Satz vorher. Natürlich nahm ich mich bei dieser Zwischenträgerei sehr in acht, den Kerls irgend etwas Allgemeines zu sagen, was Herrn Grün zu neuen Ausschmückungen seines wahren Sozialismus dienen könnte; dennoch aber hat der Hund in der Kölner [Zeitung] mit diversen Entstellungen bei Gelegenheit der Genfer Revolution Sachen exploitiert, die ich den Straubingern sagte, während er ihnen hier das *Gegenteil* einpaukte. Er treibt jetzt Nationalökonomie, der Brave.

Das Buch von Proudhon werdet Ihr angezeigt gesehen haben. Ich werde es dieser Tage bekommen; es kostet 15 fr., man kann es nicht kaufen, das ist zu teuer.

Das obige Publikum, vor dem die Geschichte aufgeführt worden, besteht aus ca. zwanzig Schreinern, die sonst nur auf der Barriere noch mit allerlei Volks sich versammeln, außer einem Sängerklub keine eigentlich geschlossene Verbindung haben, sonst aber teilweise Rudera des Bundes der Gerechtigkeit sind. Könnte man sich öffentlich versammeln, so würden wir bald über 100 Kerls aus den Schreinern allein haben. Von den Schneidern kenn ich nur einige, die auch in die Schreinerversammlung kommen. Von Schmieden und Gerbern ist in ganz Paris nichts zu erfahren. Kein Mensch weiß was von ihnen.

Kriege hat dieser Tage seinen Bericht als Mann der Gerechtigkeit an die „Halle“ (Zentralverwaltung) abgestattet. Natürlich hab ich das Sendschreiben gelesen; da dies aber Eidesverletzung war, worauf Todesstrafe, Dolch, Strang und Gift stehen, so müßt Ihr das nirgends hinschreiben. Der Brief beweist, gerade wie seine Replik auf unsren Angriff, daß dieser Angriff ihm sehr genützt hat und er sich jetzt doch mehr um die Dinge dieser Welt kümmert. Er gab eine lange Erzählung ihrer Schwierigkeiten. Der erste Abschnitt dieser amerikanischen Straubingergeschichte enthielt ihr Pech — offenbar stand Kriege an der Spitze und betrieb die Geldgeschichten vom Standpunkt des weltumfassenden Herzens aus, der Tribun wurde verschenkt, nicht verkauft, Liebesgaben bildeten den Fonds, kurz, man wollte Kapitel III—VI der Apostelgeschichte wieder aufführen, Ananias und Sapphira fehlten auch nicht, und zum Schluß fand man sich voller Schulden. Die zweite Periode, wo Kriege zum bloßen „Registrator“ wird und andre Kerle an die Verwaltung der Geldgeschäfte getreten zu sein scheinen, die des Aufkommens. Statt an die volle Brust der Menschen zu appellieren, wurde jetzt an ihre tanzlustigen Beine und überhaupt an die mehr oder weniger unkommunistischen Seiten appelliert, und man fand zu seinem Erstaunen, daß durch Bälle, Landpartien usw. das nötige Geld vollständig aufzubringen sei und daß auch die Schlechtigkeit der Menschen für den Kommunismus exploitiert werden könne. Jetzt seien sie vollständig pekuniär auf dem Strumpf. Unter den „Hindernissen“, die sie zu überwinden hatten, zählt der tapfre Tecklenburger auch die allseitigen Verleumdungen und Verdächtigungen auf, die sie, u.a. „zuletzt noch von den ‚kommunistischen‘ Philosophen in Brüssel“, zu erdulden hätten. Im übrigen schwatzt er einiges triviale Zeug gegen die Kolonien, empfiehlt ihnen (d. h. seinen entschiedensten Feinden) den „Bruder Weitling“, hält sich aber im ganzen ziemlich irdisch, wenn auch etwas gesalbt, und nur von Zeit zu Zeit so etwas Gestöhn von Brüderlichkeit usw.

Habt Ihr dort die *Réforme*? Wenn Ihr sie nicht lest, schreibt es mir, ich werd Euch dann berichten, wenn was besondres drin steht. Seit vier Tagen reitet sie auf dem National herum wegen seines refus, einer Petition, die wegen Wahlreform hier zirkuliert, seine unbedingte Adhäsion zu geben. Dies geschehe, behauptet sie, aus bloßer Hinneigung für Thiers. Vor einiger Zeit zirkulierte hier, Bastide und Thomas seien vom National ausgetreten, Marrast sei allein geblieben, und dieser habe mit Thiers Allianz gemacht. Der National widerrief. Veränderungen in seiner Redaktion sind allerdings vorgegangen, Genaueres weiß ich nicht; daß er seit einem Jahre besonders günstig für Thiers ist, ist bekannt; die Réforme setzt ihm nun auseinander, wie sehr er sich durch diese Hinneigung in Blamagen verritten hat. — Übrigens hat der National aus bloßer Opposition gegen die Réforme in der letzten Zeit einige Dummheiten gemacht, so die von der Réforme zuerst erzählte portugiesische Konterrevolution aus bloßer Malice geleugnet, bis er nicht mehr konnte usw. Die Réforme plagt sich jetzt, eine ebenso brillante Polemik zu führen wie der National, aber es geht nicht. —

Nachdem ich bis hieher geschrieben, ging ich noch zu den Straubingern, wo sich folgendes herausstellte: Der Grün, zu ohnmächtig, mir irgendwie Schaden anzutun, läßt mich jetzt auf der Barriere denunzieren. Der Eisermann attackiert in der öffentlichen und von Mouchards besuchten Barriereversammlung den Kommunismus, wo ihm natürlich keiner antworten kann, ohne sich der Gefahr des Geschaßtwerdens auszusetzen; der Junge hat ihm sehr wütend geantwortet, ist aber von uns gestern verwarnt. Darauf hat der Eisermann den J[unge] für das Sprachrohr eines Dritten erklärt (der natürlich ich bin), und der plötzlich wie eine Bombe unter die Leute gefahren sei, und er wisse wohl, wie da die Leute zu den Barrierediskussionen eingepaukt würden usw. usw. Kurz, er schwatzte da Dinge aus, die einer *vollständigen Denunziation* bei der Polizei gleichkommen; denn der Wirt, wobei die Geschichte sich zutrug, sagte noch vor vier Wochen: il y a toujours des mouchards parmi vous, und der Polizeikommissär war zu jener Zeit auch einmal da. Den J[unge] griff er geradezu als „Revolutionär“ an. Herr Grün war während der ganzen Zeit gegenwärtig und paukte dem E[isermann] ein, was er zu sagen habe. Diese Gemeinheit übersteigt doch alles. Der Grün ist mir, wie ich die Sachen kenne, vollständig verantwortlich für alles, was der Eisermann sagt. Dagegen ist nun platterdings nichts zu machen. Der Schafskopf Eisermann kann auf der Barriere nicht attackiert werden, weil man da die Wochenversammlung nochmals denunzieren würde, der Grün ist zu feige, in eignem Namen *selbst* etwas zu tun. Das einzige, was man tun kann, ist, auf der Barriere die Leute erklären zu lassen, über Kommunismus diskutierten sie nicht, weil das die ganze Versammlung bei der Polizei gefährden könne.

Schreibt endlich einmal.

Euer E.

Paris, 23. Oktober 1846.
