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Title: Wilhelm Pieper und Marx an Engels, London, 26. Februar 1851
Description: Pieper berichtet, wie er und Schramm auf dem Bankett der Willich-Schapperschen Fraktion vom 24. Februar 1851 als Spione beschimpft und hinausgeprügelt wurden; Marx fügt hinzu, was Harney vorzuhalten ist.
Author: Wilhelm Pieper und Karl Marx
Date: 1851-02-26
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1851-02-26%20Wilhelm%20Pieper%20und%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Wilhelm Pieper und Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, London, 26. Februar 1851. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 69, S. 160-164, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1851-02-26%20Wilhelm%20Pieper%20y%20Marx%20a%20Engels).*

*[Von Pieper]*

Lieber Engels,

Wie Du wissen wirst, sollten am 24. hier zwei Feste zur Feier des emanzipierten Spießbürger- und Straubingertums stattfinden. Von dem ersteren, wo Wolff und Liebknecht gewesen, will ich Marx berichten lassen; auf dem zweiten, wohin ich mit Schramm gegangen bin, sind Dinge vorgefallen, die ich Dir notwendig mitteilen muß. Die Verbindung Harneys mit den deutsch-französischen Galeeren- und Kasernenlümmeln wird Dir Marx schon geschrieben haben; ich verliere daher kein Wort über die Art und die Umstände, unter denen diese *Verbrüderung* stattgefunden hat; ich will nur als meine Meinung geben, daß Harney sich hauptsächlich durch Blanc unter Vermittlung Landolphes dazu hat verleiten lassen. Landolphes bekannte gutmütig fraternelle Zudringlichkeit und honnête Bayard-Tournüre hat Harney zum Esel gemacht, die Freundschaft kannte keine Grenzen, natürlich ging sie bis zum Verrat älterer bewährter Parteigenossen, die nicht jene angenehmeren Qualitäten besitzen. Die Allianz datiert seit dem Meeting in Sachen Bem, und Harney selbst ist am unermüdlichsten gewesen, das Bankett zustande zu bringen. Wir hielten es für angemessen, Harney auf dem Bankett zu überwachen, und verschafften uns Karten dazu, von wem? durch Schramm von Harney, der sich zum Hauptkolporteur der Herren Straubinger gemacht hatte. Im Vorbeigehn erwähne ich, daß Harney seit dem Bem-Meeting Marx sorgfältig vermieden und Schramms Erscheinen bei ihm ihn soweit in Konsternation versetzte, daß er kirschrot im Gesicht geworden. Kurz und gut, Schramm und ich verfügten uns nach dem Bankett, was in Islington abgehalten wurde. Wir kamen etwas spät und wurden sogleich beim Eintritt bemerkt. Nachdem wir uns einen Platz verschafft, waren wir Zeugen dessen, was folgt. 700 Personen, Saal dekoriert mit den üblichen Fahnen und einer ansehnlichen Auslese von Namen, wo Moll zwischen Kossuth und Garibaldi, Jakoby zwischen Blanqui und Cabet, Robert Blum neben Barbès und Robespierre paradierten. Willich Präsident, alles möglichst rot, es war wie der Magnus Groß sagt, das Einweihungsfest der rötesten aller roten Republiken. Wir machten uns zunächst das Vergnügen, der Spinne Frau Harney den Abend zu verderben, der wir unsre Anwesenheit bemerklich machten. Verlesene Adressen: 1. durch Louis Blanc vom 12. Arrondissement, d. h. von seinen alten ouvriers maçon Delegierten des Luxemburg, 2. durch Vidil sonstwoher, 3. durch Landolphe sonstwoher, 4. durch Schapper aus der Schweiz, 5. durch Sawaszkiewicz von den Polen etc. *Keine* aus Deutschland — warum, man hatte *keine*.

Toaste: die Intelligenz basiert auf das sentiment de l’égalité von ami Landolphe, dto. Intelligenz von Gebert, Sozialismus von Galérien etc. Endlich erschien Harney, der zuvor auch auf dem Bankett der Churchstreet gewesen war. Schapper introduzierte ihn mit Emphase als our friend citizen G. J. Harney. Der citizen verlas die Adresse der Fraternal Democrats, schloß sich dem Schapperschen war to the knife an und feierte vermutlich, nach der blinden Sucht und Erpichtheit auf dies Bankett zu schließen, einen der schönsten Triumphe seines Lebens, einen Triumph, dessen Illusionen er sich beeilte gegen Deine und Marx’ Freundschaft und Verbindung einzutauschen. Bei unserm Eintritt von Haude empfangen und bemerkt, dauerte es nicht lange, bis das tapfere Willichsche Korps sich zum Angriff um uns postierte, und seit einer halben Stunde waren wir den feigsten, infamsten Injurien von Seiten der Herren Wengler, Prochasky, Covend und zehn andrer ausgesetzt. Es wäre unmöglich gewesen, daß wir uns ruhig hätten zurückziehen können; wir sahen eine Katastrophe vor Augen und bereiteten uns darauf vor, sie möglichst zum Vorteil unsrer Partei ausfallen zu machen. Noch waren wir jedoch nicht eklatant genug attackiert, um die Tribüne zu verlangen und Skandal zu schlagen, obgleich der Lazzaroni-Chef und Präsident unsre Lage mit innerer Satisfaktion bemerkte. Wenige Minuten und die Aufmerksamkeit des Saales wurde durch die immer lauter werdenden Verletzungen im genügenden Grade auf uns gelenkt; jetzt ging Schramm zur Tribüne und forderte Landolphe auf, die Ordnung in jenem Teile des Saales aufrecht zu halten, den Straubingern Contre-Ordre zu geben (denn Willichs wenn auch stillschweigende Ordre war da), sonst sei ein Eklat unvermeidlich. Qu’est ce que répond le noble, le beau, le brave et généreux Landolphe? Ce n’est pas ici le lieu d’arranger des querelles que vous avez avec d’autres. Natürlich war Schramms vergebliches Verlangen das sofortige Signal; on nous livra. Gerade sollte die Marseillaise beginnen, einige Stimmen riefen Chapeau bas, gleichzeitig sprangen unsre Angreifer auf und suchten uns die Hüte abzureißen; nicht zufrieden damit erhoben sie das Geschrei: des espions, a spy, zwanzig Fäuste erhoben sich vor uns, und wir wurden unter möglichster Gegenwehr mit Faustschlägen aus dem Saale gestoßen. Von der nun folgenden Infamie kannst Du nur dann den nötigen Begriff Dir machen, wenn Du an die Zusammensetzung der Versammlung denkst. Der Ruf „a spy“ genügte nicht, die Lynchgelüste mußten noch besser encouragiert werden, man hetzte durch den Ruf Haynau; das Präsidium tat nichts, kein order, keine Glocke, kein Versuch, dem feigen Attentat von hundert gegen zwei einzelne Einhalt zu tun. Auf dem Hofe (das Bankett war in einem Gartensaale) Wiederholung und Fortsetzung der Pöbelhaftigkeit, Schapper, Barthélemy, Gebert, die ganze Windmill um und über uns. Endlich erschien Landolphe, um uns zu sagen, daß wir wohl selbst einsähen, wie gut es sei, uns nun auch vollends auf die Straße setzen zu lassen. Hunde, die wir nie gekannt, taten sich durch renommierende Schmähungen und Schläge, gegen die wir uns fortwährend möglichst wehrten, hervor, vermutlich um sich bei Willich zu poussieren. Zuletzt ließ sich Harney sehen, um in schüchterner Weise zu bezeugen, daß wir keine Spione seien; zu feig, uns als Freunde in Schutz zu nehmen, unsre Sache zur seinigen zu machen, war es ihm an einem feigen Vermittlungsversuche genug, und wie wir hören, ist er in denselben Saal zurückgekehrt, um ruhig dem Ende des Meeting of the *fraternal* socialists and *communists* Europas beizuwohnen. Während dieses vorfiel, hatte Herr Louis Blanc das Malheur, seinen discours sur la fraternité etwas in seiner Tasche kalt werden zu sehen, ce qui pourtant ne l’a pas empêché de le tenir après ce déplorable accident.

Über unsre Absicht, wie wir Revanche zu nehmen gedenken, schreibe ich Dir morgen abend; es ist zuvor nötig, mit Jones zu konferieren, der sich von beiden Meetings ferngehalten und voraussichtlich unsre Partei zu nehmen, et plus chaleureusement que notre ami du peuple.

Freundschaftlich grüßt W. Pieper.

London, den 26. Februar 1851.

*[Von Marx]*

Lieber Engels,

Ich habe Dir in den Briefen von Pieper und Schramm die Tatsachen von den Beteiligten selbst erzählen lassen. Du wirst Dir so am besten ein eignes Urteil bilden. Unbegreifliche lâcheté von seiten der 200 fraternal murderers, die ihren revolutionären Tatendrang an zwei einzelnen auslassen, unbegreifliche lâcheté des Dear, des Landolphe, des Louis Blanc usw., ruhig zuzusehn und ihre fraternellen Phrasen zu memorieren.

Eins noch aus der Unterredung Schramms mit Harney: H[arney] hob hervor, daß Schapper ein „langjähriger Bekannter“ von ihm sei und, während wir in Brüssel gewesen, in sehr intimen Verhältnissen mit ihm gestanden.

Apropos! Den *ganzen Rapport* über das Meeting hatten die Herren L. Blanc und Konsorten *schon den Tag vorher* an ein Pariser Blatt abgeschickt.

Die gerichtliche Prozedur würde L. Blanc ruinieren. Du denkst Dir, welches Fressen für die Times, namentlich da *Barthélemy*, der galérien, der meurtrier usw., als Angeklagter und provocateur à l’assassinat erscheinen würde. Barthélemy sagte nämlich mitten in der Keilszene, auf Schramm zeigend: „C’est un infâme, il faut l’écraser.“

Das Gerichtliche hat nur *den* schlimmen Effekt: Harneys und Jones’ projektiertes Blatt ist Klatsch, Harney und die Fraternals sind Klatsch, die Times wird jubilieren, Pieper wird seine Stelle verlieren (er ist nobel genug, nichts danach zu fragen) und Schramm usw. werden schließlich doch die gesamten Chartisten auf den Hals brechen. Que faire? Ich werde morgen mit Jones darüber sprechen. Freund Harney scheint sich mit Schapper darauf zu verlassen, daß die Sache ruhig vorübergeht. Er hat es daher nicht der Mühe wert gehalten, die nötigen steps uns gegenüber zu tun und die nötigen Konzessionen zu machen. Der Esel erschwert so die Situation. Ungerochen kann man diesen Dreck doch nicht vorübergehn lassen.

Wenn Harney Dir schreibt, nimm Dich nur vor einem in acht. Du hast in Deinem Brief zu sehr verweilt auf der theoretischen Kritik Ledru-[Rollin]s und Blancs. H[arney] macht jetzt, als verlangten wir, daß er unsre queue bilden solle. Es ist ihm also vor allem vorzuhalten:

1. daß es sich *ganz allein* handelt um sein Verhältnis zu Schapper und Willich, indem er unsern direkten persönlichen hundskommunen Feinden sich als *Anhang* konstituiert hat und, so viel Gewicht er hat, für sie gegen uns in die Wagschale vor Deutschland geworfen. Und hatte er nicht *mit uns schriftlich* die Verbindung mit Vidil, mit Barthélemy und mit Willich abgebrochen? Und wie konnte er sie aufnehmen ohne uns, hinter unsrem *Rücken* und *wider* unsern Willen! Wenn das fair ist, so begreif ich es nicht.

2. Er hat *uns verleugnet*, indem er *nach* dem Vorfall mit Schramm und Pieper nicht sofort öffentlich in dem Meeting eine Revanche gab und dann sich sofort zurückzog. Statt dessen tut er bei seinen Freunden alles, um die Sache als irrelevant darzustellen.

Einliegend den Brief von Dronke. Du mußt ihm ausführlich die ganze Schmiere, das Neuste eingeschlossen, schreiben. Ich habe eine Masse nach Köln, Hamburg usw. zu schreiben.

Wenn heute der Brief nicht frankiert ist, mußt du entschuldigen. Es ist zu spät, nach stamps auszugehn, und es ist notwendig, daß der Brief noch heut abend auf die Post kömmt.

Dein K. Marx.
