---
Title: Marx an Joseph Weydemeyer, [London], 11. September 1851 (Bruchstück)
Description: Marx bedauert Weydemeyers Abreise nach Amerika und kritisiert Mazzinis Politik, die die italienischen Bauern vergißt.
Author: Karl Marx
Date: 1851-09-11
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1851-09-11%20Marx%20an%20Joseph%20Weydemeyer
---


*Karl Marx an Joseph Weydemeyer, [London], 11. September 1851. Bruchstück: Franz Mehring zitierte den Brief auszugsweise in „Neue Beiträge zur Biographie von Karl Marx und Friedrich Engels“, Die Neue Zeit, 25. Jg., 2. Bd. (Stuttgart 1907), S. 58-59; hier ohne Mehrings Zwischenbemerkungen. Mehring gibt den Brief ohne den Anfang bis zur Unterschrift wieder. [Übersetzung ins Spanische](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1851-09-11%20Marx%20a%20Joseph%20Weydemeyer)*

[…]

Wenn ich nur mehr Bekanntschaft hier hätte, so würde ich gesucht haben, Dir hier eine Stelle als Ingenieur, Eisenbahnvermesser oder dergleichen zu verschaffen. Leider bin ich ohne alle Verbindung. Ich bin sonst überzeugt, daß in dieser line hier Beschäftigung zu finden ist. Schlimm ist's, daß wir alle so short of money sind und Du nicht die Mittel hast, einige Zeit hier abzuwarten und Dich umzusehen. Wenn es Dir aber gelingt, Dein Vorhaben in New York auszuführen, so findest Du dort jedenfalls leichter die Mittel zur Rückkehr nach Europa im Falle einer Revolution, als wir von hier.

Und dennoch mühe ich mein Gehirn mit Plänen ab, wie Du hier doch settlen könntest, denn einmal drüben, wer bürgt denn dafür, daß Du Dich nicht nach dem far west verlierst. Und wir haben so wenige Kräfte und müssen so ökonomisch mit unseren Kapazitäten umgehen.

Dabei wählst Du eine schlechte, unbequeme Zeit zum Reisen. Indes il n’y a rien à faire contre la nécessité des choses. Und davon bin ich wenigstens überzeugt, daß Du, einmal drüben, nicht dieselbe Misere durchzumachen hast, wie wir alle hier. Und diese Aussicht ist wenigstens auch in Rechnung zu ziehen.

Wie dies die Zeit der Auflösung der „demokratischen“ provisorischen Regierungen ist, hat auch Herr Mazzini erfahren müssen. Die Minorität ist aus dem italienischen Komitee nach heftigen Kämpfen ausgetreten. Es sollen dies die weiter Entwickelten sein.

Ich halte Mazzinis Politik für grundfalsch. Er arbeitet ganz im Interesse Österreichs, indem er Italien zum jetzigen Losbruch sollizitiert. Andererseits versäumt er es, sich an den seit Jahrhunderten unterdrückten Teil Italiens zu wenden, an die Bauern, und bereitet damit der Konterrevolution neue Ressourcen vor. Herr Mazzini kennt nur die Städte mit ihrem liberalen Adel und ihren citoyens éclairés. Die materiellen Bedürfnisse des italienischen Landvolkes — so ausgesogen und systematisch entnervt und verdummt wie das irische — liegen natürlich unter dem Phrasenhimmel seiner kosmopolitisch-neokatholisch-ideologischen Manifeste. Aber allerdings gehörte Mut dazu, den Bürgern und dem Adel zu erklären, daß der erste Schritt zur Unabhängigkeit Italiens die völlige Emanzipation der Bauern und die Verwandlung ihres Halbpachtsystems in freies bürgerliches Eigentum ist. Mazzini scheint eine Anleihe von zehn Millionen Franken für revolutionärer zu halten, als eine Gewinnung von zehn Millionen Menschen. Ich fürchte sehr, daß die österreichische Regierung im äußersten Notfall selbst den Besitzstand in Italien ändern und „galizisch“ reformieren wird.

Besten Gruß an Dich und Frau von meiner Frau und mir. Überlege Dir noch einmal, ob Du die Sache hier versuchen willst.

Dein Karl Marx.
