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Title: Marx an Engels, London, 4. Februar 1852
Description: Marx über Weerths Abreise, Harneys wiedererstandenen „Friend of the People“, den Verfall der Chartistenführer, Kossuths Intrigen und Besuche französischer Emigranten.
Author: Karl Marx
Date: 1852-02-04
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1852-02-04%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, London, 4. Februar 1852. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 149, S. 316-319, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1852-02-04%20Marx%20a%20Engels).*

4. Februar 1851. 28, Deanstreet, Soho.

Lieber Engels,

Weerth ist heute morgen nach Holland abgereist. Wohin er sich von da begeben wird? Ich weiß es nicht, und Weerth vielleicht auch nicht. Er war, wie immer, höchst zerfallen mit seinem Schicksal, und was das unsre angeht, so schien ihm nur das eine unbequem daran, daß wir in London sitzen mußten statt in Cadix, in Saragossa oder an einem andern verwünschten spanischen Platze. Denn seit Weerth wieder in Yorkshire gelebt hat, erklärt er, daß er in Spanien seine schönste Zeit erlebt hat. Er behauptet, daß er das englische Klima nicht vertragen kann und wird das holländische daher wohl sehr comfortable finden. Wünschen wir ihm le bon voyage und attendons, ob er sein Wort halten und an Weydemeyer denken wird.

Ich hatte der „Times“ vorigen Donnerstag, il y a donc presque une semaine, den „letter to the Editor“ zugeschickt. Es scheint, daß dieses Blatt jetzt, wo es aus der Polemik gegen Bonaparte ein Metier macht, Preußen zu schonen für nötig hält. Du mußt Dich also an die Daily News wenden. Mißlingt auch das, was ich nicht glaube, so bleibt der Spectator. Il est presque sûr.

Gestern schickt mir G. J. Harney die erste Nummer seines wiedererstandnen und etwas vergrößerten „Friend of the people“ zu. Wenn er sich darum acht Monate aus der Welt zurückgezogen und in dem tiefsinnigen Schottland vergraben hatte — doch un seul passage suffira pour te faire goûter cette fruit délicieuse: „*Justice — Immuable, Universal — Eternal* proclaims the sublime principle which will be, at once, our guiding star, the rule of our conduct, and the test etc.“ En voilà assez! Den Bonaparte aber hat er hinlänglich gestraft, indem er ihn „Louis the Base“ nennt.

Ich weiß nicht, ob der Exdear mir das Blättchen zugeschickt hat, um uns Mitleid abzunötigen, oder ob er aus Malice gegen uns noch platter demokratisch geworden ist, als wir es für möglich gehalten hätten. Übrigens neben der Plattheit und der Justice immuable finden sich die schamlosen Kunststücke des trading demagogue. Gegen Jones — durch den spirit of freedom, den spouter Massey, Sekretär der Schneiderassoziation von Castlestreet, Speichellecker der Pfaffen, die diesen shop halten, Herold à tort et à travers des petits grands hommes, die der Kontinent ausgespien hat, Verleumder von Jones, Ehemann einer saltimbanque, die ihm weisgemacht hat, daß sie clairvoyante ist, durch diesen Massey läßt er eine Apologie der Assoziationen im allgemeinen und der Amalgamated Society im besondern bringen, die sich durch viele Nummern abzuspinnen droht. Und Rhadamantus Harney hat Jones selbst gesagt, daß er au fond seiner Ansicht über die Assoziationen ist. Gleichzeitig zeigt er an: „Kossuths Reception and Progress in America“, obgleich er in einem Briefe an Jones K[ossuth] als Humbug bezeichnet hat. So sind die Herrn von dem „sublime principle“. Je ne sais que c’est que des principes, sinon des règles qu’on prescrit aux autres pour soi. Harney hat sich eine Zeitlang zurückgezogen, den Jones mit seinem temperament fougueux in die Suppe der Popularität spucken lassen, um sie selbst zu essen. Aber, wenn er vielleicht dem J[ones] schadet, er selbst wird zu nichts kommen. Der Kerl ist vollständig gebrochen als Schriftsteller, und wie mir Lupus sagt, der ihn in Jonesstreet speechmachen hörte, auch als Redner, vor allem aber als homme. Der Teufel soll diese Volksbewegungen holen und gar, wenn sie pacifiques sind. In dieser Chartistenagitation ist O’Connor *verrückt* geworden (hast Du seine jüngste Szene vor Gericht gelesen?), Harney abgeschmackt und Jones bankrott. Voilà le dernier but de la vie dans tous les mouvements populaires.

Gestern war „Colonel Bangya“ bei mir. Er erzählte u. a.: „Kossuth hielt folgende Ansprache an die in London bei ihm versammelten ungarischen Flüchtlinge: Ich werde für Euch alle sorgen, aber ich verlange, daß Ihr mir alle treu, ergeben und anhänglich seid. Ich bin nicht Narr genug, um Leute zu füttern, die mit meinen Gegnern intrigieren. Ich verlange, daß jeder sich unbedingt erkläre.“ So sprach dieser humble Kossuth hinter den Gardinen. Weiter erfuhr ich von B[angya], daß Szemere, Kasimir Batthyányi und Perczel (le général) nach London kommen und ein Antikomitee gegen Kossuth errichten werden. Endlich: Der Leiter des ganzen dodge ist signore Mazzini. Er benutzt K[ossuth] als Maulstück und dünkt sich selbst in seinem Kabinett ein Stück Macchiavelli. Er hält die Fäden in der Hand. Nur weiß der Herr nicht, daß die Puppen, die er springen läßt, nur in seiner eignen Einbildung und in sonst keiner, Helden vorstellen. So hat er an Kossuth geschrieben, sich in intime Verhältnisse mit Kinkel einzulassen. Er persönlich habe dies nicht gekonnt, da er die andre Portion wichtiger deutscher Männer sur le bras habe, und Kossuth soll nun wirklich mit Kinkel in freundschaftlichem Verkehr stehn, und Kinkel in jedem seiner Briefe von seinem würdigen, seinem eminenten, seinem „ebenbürtigen“ Freunde Kossuth schreiben. Kossuth seinerseits aber bildet sich ein, einerseits auf den Diktator Deutschlands, Kinkel, andrerseits auf den Diktator Italiens, Mazzini, sich zu stützen und im Rücken den alliierten Diktator Frankreichs, Ledru-[Rollin], sicher zu haben. Der arme Teufel ist tief gesunken.

Ein Franzose namens Massol hat mich besucht. Kurze Zeit Mitarbeiter an der Réforme unter Lamennais. Früher unter den civilisateurs, die sich Mehemed Ali aus Gallien verschrieben hatte. Er ist einer von den wenigen hommes d’esprit, die man unter den Franzosen noch findet. Nach ihm ist Sassonoffs Aufenthalt in Paris (den dieser jetzt übrigens verlassen muß) durchaus erklärt durch einen sehr soliden falschen Paß und durch Verbindungen mit einigen femmes galantes, die in den höchsten Kreisen influence haben. Massol wird Dir gefallen.

Außerdem habe ich les citoyens Vallières (alten Barbésist und Barrikadenoffizier), Bianchi und Sabatier gesehn. Letztrer sehr fein, aber en général nicht über dem Durchschnittsniveau.

Dronke ist, wie ich höre, in Savoyen.

Bangya hat mir Mitarbeiten von Szemere und Perczel für Weydemeyer angeboten. Über welche Punkte in der ungarischen Geschichte (Kriegs- oder sonst) soll man hauptsächlich Aufklärung von diesen Herrn verlangen? Es versteht sich, daß sie nicht unter ihrem Namen schreiben dürfen, denn wir wollen mit *keiner* Koterie uns identifizieren. Aber Perczel ist du moins bon républicain und weiß allerlei.

Sei so gut — vergiß es aber nicht —, mir die Tribunes zu schicken. Johnson, der Freund Freiligraths, wünscht die Artikel über Germany zu lesen. Lupus will gegen Kossuth schreiben für W[eydemeyer].

Was die Handelsgeschichte angeht, so werde ich nicht mehr klug daraus. Bald scheint die Krise vor der Tür zu stehn, die City niedergeschlagen, bald alles wieder obenauf. Ich weiß, daß das alles der Katastrophe keinen Eintrag tut. Aber um die aktuelle Bewegung zu verfolgen, dazu ist London in diesem Augenblick nicht der Ort.

Salut.

Dein K. M.

Mit dem Siegel, das ist sehr verdächtig. Schick mir *das jetzige*, das ich genau in Augenschein genommen, zurück.
