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Title: Engels an Marx, Manchester, 2. März 1852
Description: Engels über Stirners „Geschichte der Reaktion“, den Plan der Artikel für die Tribune, das Ministerium Derby und die Aussichten der nächsten Handelskrise.
Author: Friedrich Engels
Date: 1852-03-02
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1852-03-02%20Engels%20an%20Marx
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*Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 2. März 1852. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 156, S. 326-328, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1852-03-02%20Engels%20a%20Marx).*

Lieber Marx,

Die £ 5, die ich gestern zur Hälfte an Dich direkt, zur Hälfte unter Kuvert an Lupus schickte, wirst Du erhalten haben. Zu der Nachricht von der Krankheit des alten Braunschweiger Erbschaftsverhinderers gratuliere ich und hoffe, daß die Katastrophe endlich eintreten wird.

Stirners Geschichte der Reaktion ist, nach der A[ugsburger] A[llgemeinen] Z[eitung], eine miserable Kompilation oder vielmehr Zusammenstellung von Lesefrüchten und gedruckten und ungedruckten Stirnerschen Zeitungsartikeln — „verschmähte Blätter und Blüten“ über alles in der Welt und noch einiges andere —, zwei Bände, die mit der Drohung schließen, daß der dritte „die Grundlage und das Lehrgebäude“ enthalten werde. Weit entfernt, sich zum Heiligen zu versteigen, sind seine eignen Glossen vielmehr für höhere Töchterschulen bestimmt.

Der kleine Simon von Trier muß sich doch bei Dana schrecklich blamieren, wenn er uns so lächerlichen Blödsinn unterschiebt und Dana dabei unsre Artikel liest, die doch anything but that enthalten. Es ist abgeschmackt, daß Dana uns weder die Tribune noch Dir das Geld schickt, ich glaube, es wäre am besten, ihm Weydemeyer auf den Hals zu schicken, der uns wenigstens die Tribune schicken könnte und gleichzeitig mündlich die Geldgeschichte regeln. Ob er Dir ein Haus in London angibt oder einen Wechsel schickt, ist gleich. Mein Artikel für den Southampton Steamer hat diesen verfehlt, da ich mich um einen Tag wegen dessen Abfahrt verrechnet hatte; Du erhältst ihn nun Freitag mit noch einem zweiten, der die Sache bis Ende 1848 bringen wird. Dann kommen die preußischen Kammern, die Reichsverfassungskampagne und schließlich die preußisch-östreichischen Wirren von 1850/51, endlich Konklusion — zusammen wird das Ganze vielleicht noch sechs bis acht Artikel machen, Summa Summarum 17—20 Artikel. — In vierzehn Tagen wird Charles wieder hier sein, und dann hab ich mehr Zeit. Jones muß sich bis dahin gedulden. —

Herr Derby also erklärt gradeheraus, daß er à la Sir J. Graham etwaige zukünftige Bandieras wieder den Östreichern und Konsorten in die Hände spielen wird. Also wieder Brieferbrechungen en masse. Wer hauptsächlich hierunter leiden wird, ist Mazzini und die Ungarn. Uns wird das wenig genieren.

Die Unverschämtheit des Derby ist aber groß. „Ich erkläre euch hiermit, daß ich bei passender Gelegenheit einen Zoll auf Korn legen werde. Wann, darüber habe ich allein zu urteilen. Wenn ihr, die Majorität des Unterhauses, aber nicht des factieux sein wollt, so müßt ihr mich in Ruhe lassen, bis ich mich so weit konsolidiert und das Land so weit toryfiziert habe, daß ich in aller Gemütsruhe den ganzen Fortschritt der letzten zwanzig Jahre wieder umwerfen kann.“ Das arme house of commons! Anstatt eines Ministeriums, das sich in relativer Minorität befand, erhält es jetzt eins, das in der absoluten und permanenten Minorität ist; und es soll ihm nicht einmal Opposition machen dürfen. Den schlappschwänzigen Freetraders aber geschieht ganz recht. Die Kerls hatten eine Schlacht gewonnen, eine neue strategische Linie erobert und vernachlässigen, sie zu besetzen und zu befestigen, ja vernachlässigen, vom Siege zu profitieren und selbst bloß den Feind zu verfolgen. Jetzt haben sie die Schlacht noch einmal auf demselben Terrain zu liefern. Dies Tory-Avènement hat den Kerls die Fragen aber plötzlich enorm klar gemacht. Die Parlamentsreform, und zwar bis zu einem Grade, der wenigstens die unvermischten Tories und Whigs auf ewig von der Herrschaft ausschließt und eine Majorität von Industriellen im Kabinett und im Parlament sicherstellt, ist jetzt Lebensfrage für die Fabrikanten. Hier sind diese Gentlemen wieder sehr aktiv. In diesem Augenblick ist die Anti-Corn-Law-League versammelt und berät, ob sie sich wieder organisieren soll. Cobden, Bright, M[ilner] Gibson etc. sind hier. Wahrscheinlich werden sie das Gerippe der Organisation wenigstens wieder zusammenstoppeln. Aber erst wenn es zur Auflösung kommt, wird der rechte Tanz losgehn. Die Auflösung muß aber bald kommen, die Kollisionen können trotz der sanften Worte und friedlich-versöhnenden Absichten des Derby nicht ausbleiben.

Leider ist wenig Aussicht da, daß die Handelskrise mit der Auflösung gleichzeitig eintritt. Der Commerce geht hier fortwährend brillant. Die Nachrichten von Amerika sind äußerst günstig. Was die Krise hinausschiebt und noch etwas hinausschieben kann, ist 1. Kalifornien, sowohl der trade dahin, wie die Massen Gold, die in Verkehr kommen, und die Auswanderung dahin, kurz, der ganze Stimulus, den Kalifornien auf die ganzen Vereinigten Staaten ausübt; 2. der Zügel, den die hohen Baumwollpreise von 1849 und 1850 der Baumwollindustrie anlegten, die sich erst seit Frühjahr 1851 flott entwickelt hat; 3. der enorme Fall in den Baumwollpreisen — fast 50% — seit 1½ Jahren. In New Orleans kostete Baumwolle (Middling, die Durchschnittssorte) am 1. September 1850 — 13½ Cents = 7¾ Pence in Liverpool; jetzt kostet Middling in New Orleans 7⅝ Cents = 4⅞ Pence in Liverpool und stand eine Zeitlang auf 7 Cents. Das muß den Konsum natürlich bedeutend vermehren. Im vorigen Jahr — Januar und Februar — wurden hier im Baumwollbezirk wöchentlich 29 000 Ballen konsumiert, dies Jahr 33 000, und das ist bloß amerikanische, dazu noch Surat, ägyptische, etc. — Wenn das so fortgeht, konsumiert England dies Jahr 800—850 Millionen Pfund Baumwolle; 4. die allgemeine Scheu vor der Spekulation, die nicht einmal auf Goldminen und Dampfschiffe sich mit Ausdauer werfen will. Nach allem, was ich sehe, sollte ich meinen, daß noch sechs Monate so forcierter Produktion wie jetzt hinreichen müßten, um die ganze Welt zu überführen; dazu noch ca. vier Monate für die Zeit, bis die Waren am Bestimmungsort ankommen und die Nachrichten von der definitiven Überführung wieder her, sowie für die Zwischenzeit, wo die Leute sich besinnen, bis sie vom panic erfaßt werden — so wäre die Zeit vom November 1852 bis Februar 1853 wohl die wahrscheinlichste für den Ausbruch der Krise. Das ist aber alles guess-work, und wir können sie ebensogut schon im September haben. Sie wird aber schön werden, denn solche Massen Waren aller Art sind noch nie auf den Markt geschleudert worden, und solche kolossale Produktionsmittel sind noch nie dagewesen. Der dumme strike der engineers hält sie gewiß für einen Monat wenigstens auf; Maschinen werden jetzt so gut wie gar keine gemacht und sehr viele verlangt. Hibbert, Platt & Son haben Hunderte von Ordres sowohl für hier wie fürs Ausland und können natürlich nicht eine einzige ausführen. Wenn dies kommerzielle Ungewitter übrigens dem Herrn Derby über den Hals kommt, so wird’s ihm schlecht gehn!

Meinem Alten ist die letzte Bilanz, bei der er, trotz der allgemeinen Prosperität, Geld verloren hat, höllisch in die Beine gefahren, und er wird wahrscheinlich kündigen (d. h. seinen Gesellschaftsvertrag mit den Ermens). Dann wird das hiesige Geschäft wohl schon im nächsten Jahr sich auflösen. Der Wirrwarr in diesen Geschichten hier ist jetzt auf die Spitze getrieben, und trägt dazu bei, mir eine Masse zu tun zu geben.

Das Buch von Ewerbeck schick mir ja nicht. Es ist die 6 Pence nicht wert, die das Porto kosten würde.

Grüß Deine Frau und Kinder bestens.

Dein F. E.

Manchester, 2. März 1852.
