---
Title: Marx an Engels, London, 2. Juni 1853
Description: Marx über Willichs zweite Erklärung gegen ihn, sein Englisch und die Tribune, Bernier und das Fehlen des Privatgrundeigentums als Schlüssel zum Orient.
Author: Karl Marx
Date: 1853-06-02
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1853-06-02%20Marx%20an%20Engels
---


*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, London, 2. Juni 1853. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 258, S. 474–478, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1853-06-02%20Marx%20a%20Engels).*

2. June 1853.

28, Deanstreet, Soho.

Dear Frederic,

Die erste Hälfte der 20£-Note eingesprungen. Ich schreibe Dir vor meinem Gang ins Museum, also noch sehr früh zu Tag.

Einliegende Erklärung des großen Willich an die Neu-England-Zeitung hätte ich Dir längst geschickt, wenn ich nicht vorausgesetzt, daß Weydemeyer Dir die Sache zugesandt. Das *Konzept* dieser zweiten Erklärung ist genuine, echter Willich. Die andern schreiben „Aufsätze“, er schreibt „Tatsachen“, und man muß „in persönlicher Beziehung“ zu ihm gestanden haben, damit die Verleumdung ihren Stachel verliert. Dies das kleine Partisanenmanöver. Er antwortet nicht auf seinen eignen Hirsch. Er setzt dem Publikum vielmehr die „Motive“ auseinander, warum Marx seinen Hirsch *nicht* widerlegt. Und nun hat er das Terrain gefunden, wo er sich mit einiger Virtuosität herumtreiben kann. Und der edle Mann übergibt „ungern“ der „Öffentlichkeit“ die Tatsachen. Natürlich, er zog es vor, sie geheim hinter der Bierbank den Philistern vorzuraunen und sie durch zwei Erdteile auf „contrabandweg“ seit drei Jahren zu kolportieren, juvante Kinkelio. Dann das Manöver, das Publikum gespannt zu halten. Es vergißt die Tatsachen, unter denen er sich windet. Es ist gespitzt auf die Tatsachen, die die „kritischen Schriftsteller“ vernichten sollen. Dabei ist der edle Mann auch „vornehm“, wie es einem „öffentlichen“ Charakter geziemt. Wenn er antwortet, geschieht es nicht auf die rohen „Agenten“ von Marx, sondern auf die „geschickten“ Federfuchser. Schließlich gibt er dem Publikum zu verstehn, daß seine Gegner nur so keck auftreten, weil sie an seinen „Entschluß“ glaubten, sich zurückzuziehn, und der wichtige Mann kündet mit Trommelschlag an, daß er seinen Entschluß „geändert“ hat.

Tout ça n’est pas trop mal pour un vieux souslieutenant. Was aber den Stil der Erklärung Nr. 2 angeht — so schlecht er ist, er ist dennoch apokryph. Es sind andre Hände drüber gefahren, wahrscheinlich die von Madame Anneke. Jedenfalls wird jetzt das nötige Supplement zu Tellerings Broschüre von Herrn Willich herausgegeben werden, und da die Scheiße einmal vors Publikum gebracht ist, il faut aller jusqu’au bout. Wenn Weydemeyer, Cluß et Co. geschickt operieren, so müßten sie jetzt dem Willich in die Parade fahren und im voraus den Überraschungen, die er dem Publikum vorbehält, die Pointe und die Neuheit abbrechen. Nous verrons.

Das Lob, das Du meinem „jungen“ Englisch erteilst, hat sehr aufmunternd auf mich gewirkt. Was mir hauptsächlich fehlt, ist einmal grammatische Sicherheit und zweitens die Gewandtheit in gewissen sekundären Wendungen, ohne die alles schlagfertige Schreiben unmöglich ist. Herr „Tribune“ hat zu meinem zweiten Artikel über Gladstones Budget eine Bemerkung an die Spitze ihres Blatts gesetzt, worin sie das Publikum auf die „masterly exposition“ aufmerksam macht und erklärt, sie habe nowhere „a more able criticism“ gesehn und tue „not expect to see one“. Das ist nun all right. Aber in dem folgenden Artikel blamiert sie mich wieder, indem sie einen ganz unbedeutend und unbedeutend sein sollenden Kopf von mir unter meinem Namen druckt, während sie sich Deinen „Schweizer“ aneignet. Ich werde Dana schreiben, es sei mir sehr „schmeichelhaft“, wenn sie die Sachen manchmal als leader benutzen. Nur sollten sie dann gefällig meinen Namen nicht unter unbedeutende Notizen setzen. Ich habe den Eseln jetzt u. a. zwei Artikel über „China“ in Beziehung auf England geschickt. Wenn Deine Zeit Dir erlaubt und Du grade Lust hast zu schreiben über irgend etwas, Schweiz, Orient, Frankreich, England oder cotton oder *Dänemark*, so tu es von Zeit zu Zeit, da ich jetzt gewaltsam auf den Beutel der Kerle losarbeite, um den Ausfall von drei weeks zu decken. Wenn Du mir von Zeit zu Zeit so was schickst — de omnibus rebus —, so kann ich’s immer unterbringen, denn Du weißt, daß ich das „Mädchen für alles“ bei den Kerls bin, und es ist immer leicht, alles an alles, an jeden Tag anzuknüpfen. παντα ἐν παντα.

In bezug auf die Hebräer und Araber war Dein Brief mir sehr interessant. Es lassen sich übrigens 1. *allgemeines* Verhältnis nachweisen bei allen orientalischen Stämmen, zwischen dem settlement des einen Teils derselben und der Fortdauer im Nomadisieren bei den andern, seit die Geschichte geschieht. 2. Zur Zeit Mohammeds hatte sich der Handelsweg von Europa nach Asien bedeutend modifiziert, und die Städte Arabiens, die am Handel nach Indien etc. großen Anteil nahmen, befanden sich kommerziell im Verfall, was jedenfalls mit Anstoß gab. 3. Was die Religion angeht, so wird sich die Frage in die allgemeine und darum leicht beantwortbare auflösen: Warum *erscheint* die Geschichte des Orients als eine Geschichte der Religionen?

Über die orientalische Städtebildung kann man nichts Brillanteres, Anschaulicheres und Schlagenderes lesen als den alten François Bernier (neun Jahre Arzt von Aureng-Zebe): „Voyages contenant la description des états du Grand Mogol etc.“ Auch setzt er das Militärwesen, die Art, wie diese großen Armeen sich ernährten etc., schön auseinander. Über beides bemerkt er u. a.: „Die Kavallerie bildet den Hauptteil, die Infanterie nicht so groß, als das Gerücht geht, si ce n’est qu’avec les véritables gens de guerre, ils ne confondent tous ces gens de service et de bazars ou marchéz qui suivent l’armée; car, en ce cas-là, je croirois bien qu’ils auroient raison de mettre les 200000 et 300000 hommes dans l’armée seule qui est avec le roi, et quelquefois encore d’avantage, comme quand on est assuré qu’il sera longtemps absent de la ville capitale; ce qui ne semblera pas si fort étonnant à qui saura l’étrange embarras de tentes, de cuisines, de hardes, de meubles et de femmes même assez souvent, et par conséquent d’éléphans, de chameaux, de bœufs, de chevaux, de portefaix, de fourageurs, vivandiers, marchands de toutes sortes et de serviteurs qui traînent après soi ces armées, et à qui saura l’état et gouvernement particulier du pays, à savoir que le *roi est le seul et unique propriétaire de toutes les terres* du royaume, d’où vient par une certaine suite nécessaire que toute *une ville capitale* comme Delhi ou Agra ne vit presque que de la milice, et est par conséquent obligée de suivre le roi quand il va en campagne pour quelque temps; ces villes-là n’étant ni ne pouvant être rien moins qu’un Paris; mais *n’étant proprement qu’un camp d’armée* un peu mieux et plus commodément placée qu’en rase campagne.“

Bei Gelegenheit des Marschs des Großmoguls nach Cachemire, mit 400 000 Mann etc. Armee, sagt er: „La difficulté est de savoir d’où et comment peut subsister une si grande armée en campagne, une si grande quantité d’hommes et d’animaux. Il ne faut pour cela que supposer, ce qui est très vrai, que les Indiens sont fort sobres et fort simples dans leur manger, et que de tout ce grand nombre de cavaliers, il n’y a pas la dixième, ni même la vingtième partie, qui, dans la marche, mange de la viande; pourvu qu’ils aient leur kicheri ou mélange de ris et d’autres légumes, sur lesquels ils versent du beurre roux quand ils sont cuits, ils sont contents. Il faut encore savoir que les chamaux résistent extrêmement au travail, à la faim et à la soif, vivent de peu et mangent de tout, et qu’aussitôt que l’armée arrivée, les chameliers les mènent brouter à la campagne, où ils mangent tout ce qu’ils attrapent; de plus que les mêmes marchands qui entretiennent les bazars dans Delhi, sont obligés de les entretenir dans les campagnes, ebenso die petits marchands etc. ... enfin au regard du fourrage, tous ces pauvres gens s’en vont rôdans de tous les côtés dans les villages pour en acheter et y gagner quelque chose, et que leur grand et ordinaire refuge est de raper, avec une espèce de truelle, les campagnes entières, battre ou laver cette petite herbe qu’ils ont rapée, et l’apporter vendre à l’armée. . . .“

Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des Orients — er spricht von Türkei, Persien, Hindostan — darin, daß *kein Privatgrundeigentum* existierte. Dies ist der wirkliche clef selbst zum orientalischen Himmel.

Da es mit Borchardt nichts zu sein scheint, glaube ich doch, daß der Kerl bereit sein wird, von Steinthal etc. dem Lupus Empfehlungen an Londoner Kaufleute auszuwirken. Das kannst Du ihm wenigstens abzwingen und das wäre für Lupus sehr wichtig.

Was sagst Du zum failure des “financial scheme for reducing the national debt“ des hudibrasiac Rodolpho Gladstone?

Das „Journal des Débats“ hat vorgestern das wahre Geheimnis ausgesprochen, warum Rußland so frech ist. Entweder, sagt es, muß der Kontinent seine Unabhängigkeit russischer Gefahr aussetzen oder er muß dem Krieg sich aussetzen, und das ist „la révolution *sociale*“. Nur vergißt das elende Débats, daß Rußland sich ebensosehr vor der Revolution fürchtet wie Mr. Bertin, und daß der ganze Witz jetzt darin liegt, wer sich den meisten Schein der „Nichtfurcht“ zu geben weiß. Aber England und France — die offiziellen — sind so miserabel, daß, wenn Nicholas steifhält, er alles ausrichten kann.

Vale faveque.

C. M.

An Lassalle ist geschrieben, und er wird wohl ready sein, ein paar 100 Exemplare der Broschüre in Empfang zu nehmen und in Deutschland zu vertreiben. Nun fragt es sich, wie hinüberbringen? Charles meinte, als ich in Manchester war, es ließe sich tun durch Verpackung mit Kaufmannsgütern? Frag ihn jetzt einmal darüber.

P.S. Die Abschickung des Briefes hat sich verspätet, und so kann ich Dir noch nachträglich Ankunft des Bücherpakets und der zweiten Hälfte der Note anzeigen.
