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Title: Marx an Ferdinand Lassalle, London, 6. April 1854
Description: Marx widerspricht Lassalles militärischen Ansichten über den Kriegsschauplatz an der Donau und begründet seine Überzeugung, daß Palmerston ein russischer Agent ist.
Author: Karl Marx
Date: 1854-04-06
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1854-04-06%20Marx%20an%20Ferdinand%20Lassalle
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*Brief von Karl Marx an Ferdinand Lassalle, London, 6. April 1854. Text nach Gustav Mayer (Hg.), Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, Bd. III: Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx, Stuttgart und Berlin 1922, Nr. 31, S. 77–80, nach dem Original, ohne den Apparat des Herausgebers. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1854-04-06%20Marx%20a%20Ferdinand%20Lassalle).*

London, 6. April 1854.

(Adresse kennst Du.)

Lieber Lassalle!

Deinen Brief vom 7. März richtig erhalten. Ich muß Dir einige Bemerkungen machen, erstens auf Deine militärischen und zweitens auf Deine diplomatischen Views.

ad 1. Auf meine Bemerkung in bezug auf Enos und Rodosto antwortest Du — hierin im Einverständnis mit den englischen ministeriellen Blättern —, daß Konstantinopel zu decken sei. Wenn die zwei Flotten im Schwarzen Meer und die Donauarmee es nicht decken, so auch 100 000 Franzosen und Engländer nicht. Das leugne ich natürlich nicht, daß sie in Rodosto näher zur Hand sind als in Malta oder Toulon, um nach Sebastopol oder Odessa geworfen zu werden.

Die Vorstellung, als ständen die Österreicher beim Einrücken in Serbien „im Rücken der türkischen Donauarmee“, scheint mir nicht ganz richtig. Die Österreicher müssen bei Belgrad oder nicht viel weiter abwärts hinüber oder über Mehadia auf dem *linken* Donauufer in die Walachei. Im ersten Falle stehen sie in der *Verlängerung* des türkischen linken Flügels, im zweiten in seiner *Front*. Daß alsdann Kalafat und Widdin, außer einer Besatzung, die dort bleibt, preisgegeben werden müssen, ist klar, aber nicht daß dieser linke türkische Flügel verloren ist, und seine Reste sich auf die Schumlalinie zurückziehen müssen. Au contraire ist die richtige Taktik der Österreicher sofort über Nissa nach Sofia zu marschieren, also die richtige der Türken, von Widdin *ebenfalls* auf Sofia zurückzugehen. Da sie den kürzeren Weg haben, sind sie *vor* den Österreichern da und können sich im Balkan halten oder auf Adrianopel zurückgehen.

Sollten die Österreicher sich verleiten lassen, auf Widdin zu marschieren, so gehen die Türken doch nach Sofia. Diese Trennung von Omer-Paschas Hauptkorps ist dann keine Zersplitterung der Kräfte, da der neue Feind eine neue Operationslinie Adrianopel-Sofia-Belgrad-Widdin erheischt. Der türkische linke Flügel wird also eine *selbständige Armee*.

Sollte aber trotz alledem die Kriegsführung, die Du voraussetzest, sich ereignen, so hülfe alles Replizieren auf die Schumlalinie nichts, da diese durch die Preisgebung der *Hauptstraße* von Belgrad nach Konstantinopel bereits umgangen wäre, und nun im Gegenteil erst recht verlassen werden müßte, Hals über Kopf, um bei *Adrianopel* *alle Reserven* zu sammeln und gegen den ersten Feind, der den Balkan passiert, vorzudringen.

ad 2. *ad vocem Palmerston*. Deine Ansicht über Palmerston ist die auf dem Kontinent und bei der liberalen Masse des englischen Publikums vorherrschende. Für mich steht keine Konklusion fester als die, daß Palmerston — dem en passant die Prinzeß Lieven 1827 seine Schulden zahlte, den Prinz Lieven 1830 ins Foreign Office brachte, und vor dem Canning auf seinem Totenbette warnte — ein *russischer Agent* ist. Ich bin zu diesem Resultat gelangt durch eine höchst gewissenhafte und sorgsame Prüfung seiner ganzen Karriere, und zwar, der „Blue books“, der „Parliamentary Debates“, und der Aussagen seiner eignen diplomatischen Agenten. Die Arbeit war keineswegs amüsant und dazu sehr viel Zeit raubend, aber sie war insofern lohnend, als sie den Schlüssel zur geheimen diplomatischen Geschichte der letzten 30 Jahre enthält. — (En passant. Einige meiner *Tribune*artikel über Palmerston sind zu 50 000 Exemplaren als besondre Pamphlete wieder in London nachgedruckt worden.) — Palmerston ist kein Genie, ein Genie gibt sich zu solchen Rollen nicht her. Aber er ist eines der größten Talente und ein vollendeter Taktiker. Seine Kunst besteht nicht darin, daß er Rußland dient, sondern daß er sich in der Rolle des „truly English minister“ zu behaupten weiß, während er ihm dient. Er unterscheidet sich von Aberdeen nur darin, daß Aberdeen Rußland dient, weil er es nicht versteht, und Palmerston ihm dient, obgleich er es versteht. Der erste ist deswegen der offene Parteigänger, der zweite der geheime Agent Rußlands, der erste gratis, der zweite für empfangenes Honorar. Wollte er sich selbst jetzt *gegen* Rußland wenden, so kann er nicht, weil er in seiner Hand ist und jeden Tag in Petersburg geopfert zu werden fürchten müßte. Er ist der Mann, der 1829 Aberdeen anklagte, seine Politik sei nicht russisch genug, dem Robert Peel im House of Commons erklärte, er wisse nicht, wessen Repräsentant er sei, der 1831 die Polen opferte, der 1833 den Vertrag von Unkjar Skelessi der Pforte aufzwang, der 1836 den Kaukasus und die Donaumündungen an Rußland preisgab, der die Verträge von 1840 und 1841 und eine neue Heilige Allianz gegen Frankreich bewirkte, der den Afghankrieg im Interesse der Russen führte, der 1831, 1836, 1840 die Inkorporation von Krakau vorbereitete, um 1846 dagegen zu — protestieren etc. Wo immer er seine Hand hatte, hat er dem englischen Handelsinteresse entgegengearbeitet, unter dem Vorwand, sie zu schützen. So in der neapolitanischen Schwefelfrage. Günstige Handelstraktate mit Frankreich, die auf dem Punkt waren, ratifiziert zu werden, hat er hintertrieben. Er ist der Mann, der Italien und Ungarn geliefert hat. Hätte er bloß gegen revolutionäre Nationalitäten operiert, so wäre das erklärlich. Aber in Fragen, wo es sich um exklusiv englische Interessen handelte, hat er wie immer in der *raffiniertesten* Weise an Rußland verraten. Übrigens fängt man hier an, ihn zu verstehen. Baldigen Nachrichten von Dir entgegensehend

Dein K. M.
