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Title: Marx an Engels, London, 29. Februar 1856
Description: Marx berichtet über Bücher zur slawischen Geschichte für Engels’ Panslawismus-Arbeit, über Manuskripte zu Rußland im Britischen Museum und Klatsch aus der Emigration.
Author: Karl Marx
Date: 1856-02-29
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1856-02-29%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, London, 29. Februar 1856. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 376, S. 111–115, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1856-02-29%20Marx%20a%20Engels).*

29. Februar 1856.
28, Deanstreet, Soho.

Lieber Engels,

Ich hatte während der ganzen Woche zum Besuch hier den G. Levy aus Düsseldorf, den die dortigen Arbeiter als Legatär hergesandt. Er ist erst gestern abgereist und nahm meine ganze freie Zeit so in Beschlag, daß ich trotz des besten Willens nicht dazu kam, Dir zu schreiben. Ich werde Dir weiter unten über die teilweis wichtigen Mitteilungen berichten, deren carrier er war.

Von den drei Büchern, die Du verlangtest, hatte Norgate and Williams keins ready. Ich habe das *Siegeslied Igors bestellt*, wollte Dir aber vorher über die beiden andern berichten.

*Dobrowskys Slavin*, Ausgabe von *Hanka*, entspricht in keiner Art den Erwartungen, die sein Titel erregt. Das Buch zerfällt in zwei Teile, wenn nicht der Anordnung, doch dem Inhalt nach, nämlich: 1. Kleine essays über slawische Sprachforschung, die nach den neuern Forschungen höchstens noch ein antiquarisches Interesse besitzen können (z. B. Probe aus dem Windischen Neuen Testament, slowenische Deklination, über die slowenische Übersetzung des Alten Testaments etc.).

2. Ein *jeden* polemischen Stachels ermangelnder Versuch, den Charakter der slawischen Völker in integrum zu restituieren. Dies geschieht durch Auszüge aus verschiednen Werken, meist aus *deutschen* Schriften. Folgendes ist der Katalog dieser Aufsätze, die das corpus des Buchs konstituieren:

*Slavische Völker*. (Aus Herders Ideen etc.)

*Sitten der Kroaten*. (Aus von *Engels Geschichte* von Dalmatien, Croatien und Slavonien. Halle, 1798.)

*Sitten und Gebräuche der Illyrier, der Morlaken etc.* (Aus *ditto*)

*Charakter der Illyrier* (Aus *Taubes*: Beschreibung des Königreichs Slavonien. Leipzig, 1777.)

*Die Tracht der Illyrier* (Aus *Hacquets*: Beobachtungen auf einer Reise nach Semlin.)

*Prokops Schilderung der Slaven und Anten* (Aus *Stritters Geschichte der Slaven nach den Byzantinern*. *Schlözers* allgemeine Nordische Geschichte.)

*Auszüge aus des Herrn Prof. B. Hacquets Abbildung und Beschreibung der südwest- und östlichen Slaven*.

*Volkstümliches der Russen* (Aus *Dupré de St.-Maure*: Observations sur les mœurs et les usages russes. Paris, 1829. 3 vol.)

*Charakter und Kultur der Slaven im Allgemeinen*. (Aus *Schaffarik*, Geschichte der slavischen Sprache etc. Ofen, 1827.)

Dies ist ungefähr alles. Angehangen ist in czechischer Sprache: „Der *böhmische Cato*“, aus einer alten Handschrift, die der selige Voigt in Act. Lit. beschrieben hat.

Dobrowsky schreibt in einem knotenhaft gutmütigen und naiven Stil, mit der höchsten Kordialität gegen seine „seligen“ oder noch lebenden deutschen Kollegen. Das einzige, was mir interessant in der „Slavin“ schien, sind die paar Stellen, worin er die Deutschen direkt als die Väter der slavischen Geschichts- und Sprachforschung anerkennt.

In bezug auf Sprachforschung zitiert er u. a. „*Schlözer*, Vorschlag zu einer allgemeinen vergleichenden slavischen Sprachlehre und Wörterbuch“. Ferner „*Schlözer*, Vorschlag, das Russische vollkommen richtig und genau mit lateinischer Schrift auszudrücken“. Überhaupt erscheint „Herr Hofrat Schlözer“ als der Patriarch, als dessen Schüler sich die andern bekennen. „*Schlözers Nestor*. Ein unentbehrliches Werk für jeden, der sich mit der kritischen Behandlungsart der slavischen Geschichte überhaupt und der russischen Annalen insbesondre bekannt machen will.“ Von *Voigts Geschichte Preußens*: „War der *erste*, der die *Böhmen* mit den Denkmalen des Altertums bekannt machte.“.

Werden sonst zitiert:

„*Johann Leonhard Frischens Programmen von der* slavischen Literatur“ 1727—1736, „der die Geschichte mehrer slavischer Mundarten erläutert hat“.

„*Slavischer Bücherdruck in Würtemberg im 16. Jahrhundert. Ein literarischer Bericht von Chr. Fried. Schnurrer*, Prof. in Tübingen, 1799“ — „sehr schätzbares Buch, das die schönsten und wichtigsten Beiträge zur Geschichte des windischen und kroatischen Bücherwesens enthält“.

Sonst noch zitiert: *Schlözer*, Allgemeine Nordische Geschichte. *Joh. Christoph de Jordan, de originibus Slavicis opus* etc. Wien, 1745, fol. 2 Bde. *Gelasius Dobner und Hagek, Annales Bohemorum*. Prag, 1761 und 1763 (Schlözer sagt davon: primus delirare desiit). *Stritter*, Memoriae populorum olim ad Danubium … script. Byzant., Petersburg, 1774. *Gercken*, Versuch in der ältesten Geschichte der Slaven. Leipzig, 1771. *Gatterers* Einleitung in die synchronistische Universalhistorie. Göttingen, 1771, und *Gebhardi*, Allgemeine Welthistorie, 1789.“

Von allen diesen Werken *nur* die Titel mit Ausnahme der oben ausgezognen Urteile. Voilà le „Slavin“.

Was das dritte Werk betrifft, so ist sein Titel:

*Dr. M. W. Heffter*: „Der Weltkampf der Deutschen und Slaven seit dem Ende des fünften Jahrhunderts. 1847.“ (Kostet 7 sh.) Der Verfasser gesteht in der Vorrede selbst, daß er eigentlich nur genau und originell bewandert ist in der slawischen Geschichte, soweit sie das preußische „Vaterland“ betrifft. Von den 481 Seiten des Buchs werden über drei Viertel eingenommen von der Periode vom Ende des fünften Jahrhunderts bis 1147. Der Rest geht nur gelegentlich und ganz kursorisch über das dreizehnte oder gar vierzehnte Jahrhundert hinaus.

Nach diesem avis, das ich Dir über die beiden Schriften gegeben, erwarte ich nun Deine ordre, sie zu bestellen oder nicht. Von Heffter ist ferner noch erschienen:

„*Das Slaventum*.“ Leipzig, 1852. (45 Seiten oder so.) Bildet das zehnte Bändchen der bei Brockhaus erscheinenden „Unterhaltungen, Belehrungen etc.“ Populäre Zusammenfassung slavischer Geschichte. Aus diesem Büchelchen habe ich ersehn, daß Nicolas im Jahre 1849 durch Ukase „allen seinen Untertanen die Beteiligung am Panslawismus aufs strengste verboten hat“.

Im Museum habe ich fünf Foliobände *Manuskripte* über Rußland (nur über das achtzehnte Jahrhundert) aufgetrieben und ausgezogen. Sie gehören zum Nachlaß des Archdeacon Coxe, der wegen seines Sammlerfleißes bekannt ist. Enthalten viele *Originalbriefe* (bisher noch ungedruckt) der englischen Gesandten in Petersburg an das hiesige Kabinett, worunter manche very compromising indeed. Aus dem Jahr 1768 befindet sich ein Manuskript dadrunter von einem der Gesandtschaftsattachés über „den Charakter der russischen Nation“. Ich werde Dir einige Auszüge daraus schicken. Von einem Vetter Pitts, Gesandtschaftskaplan, ebenfalls ein interessanter Bericht über die russischen „Artels“.

Die neusten französischen Schriften sind mit wenigen Ausnahmen fast alle panslawistisch tingiert, obgleich antirussisch. So Desprez, besonders aber Cyprien Robert, der 1848 zu Paris ein Journal herausgab: „La Pologne. Annales contemporaines des peuples de l’Europe orientale etc.“ Von demselben Mann erschienen u. a.: „Les Slaves de la Turquie, édition de 1844, précédée d’une introduction etc. 8°, Paris, 1852.“ Ferner: „Le Monde slave, son passé, son état présent et son avenir. Paris, 1852.“ Ein Pariser Schriftsteller, dessen nom de guerre *Edmond* ist, soll aber ein Pole sein, bildet Ausnahme, insofern er eine höchst giftige Schrift gegen die russischen Prätensionen auf Sozialismus, über ihre Commune etc. publiziert hat. Es ist mir bisher nicht möglich gewesen, die Schrift aufzutreiben. Ich werde in der Revue des deux Mondes nachsehn, wo sich Auszüge daraus befinden sollen.

Ich hatte den Brief heut angefangen mit der Absicht, Dir eine Unmasse Klatsch zu schreiben. Da ich aber auf einen Abweg geraten bin und die Zeit drängt, so will ich das für morgen lassen und mich für heute nur mit der Mitteilung begnügen, daß Heise (wie Imandt schreibt) infolge der spirituosa einem schnellen Ende zugehn soll; daß der Tabaks- und Flüchtlings-Oswald, der kein Wort Französisch weiß, als Professor der französischen Sprache am Londoner University college angestellt ist; daß Ruges Freunde verbreiten, er habe die „Wassersucht“, obgleich er wahrscheinlich nur einen Wasserkopf hat; daß einige gediegne deutsche Männer (Faucher, Meyen, Frank, Tausenau etc.) sich morgen bei Gastwirt Kerb versammeln, um zu einer entente cordiale über das, was dem Vaterland not tut, zu kommen, und daß „Meyen“ die „Hoffnung“ ausgesprochen hat, Bucher „zur Teilnahme“ an dieser Konsultation bewegen zu können; schließlich daß Proudhon Königlich Kaiserlich französischer Eisenbahndirektor geworden ist.

Salut.

Dein K. M.
