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Title: Marx an Engels, [London], 24. November 1857
Description: Marx über die Geldpanik in London und die Suspension der Bankakte, Ruges Zeitschriftenplan und Jones' Kompromiß mit den Bourgeoisradikalen.
Author: Karl Marx
Date: 1857-11-24
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1857-11-24%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London], 24. November 1857. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 471, S. 245–247, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1857-11-24%20Marx%20a%20Engels).*

November 24. 1857.

Dear Frederick,

Du mußt mich entschuldigen, daß ich weder den Empfang des Geldes, Artikels, noch diverser Briefe angezeigt habe. Domestic affairs haben meine Zeit so mit Hin- und Herlaufen in Anspruch genommen, daß kaum die nötige Zeit zum Arbeiten blieb. —

Die monetary panic in London hat einigermaßen subsided in den letzten Tagen, wird aber bald von neuem beginnen, wozu unter anderm Fould beitragen wird, der mit einem französischen Bankdirektor hier angelangt ist, um den Geldexport von England nach Frankreich zu regulieren. Die Suspension des Bankaktes selbst konnte natürlich nur so weit wirken, als sie das künstliche surplus der Panics abnahm, das der Akt geschaffen hat. Das banking department hätte sich den folgenden Tag insolvent erklären müssen, da der Reservefonds nur noch 400 000—500 000 £ St. betrug, während die deposits — public und private — sich zu über 17 Millionen beliefen. Andrerseits war diese Gefahr rein durch den Akt selbst produziert, indem der Metallvorrat im issuing department nicht tief unter einem Drittel der issued Notes stand. Beschleunigt hat der Akt den Ausbruch der money panic und ihn dadurch vielleicht weniger intensiv gemacht. Indes wird andrerseits das Pumpen der Bank zum Maximum von 10% (für firstrate papers) eine Masse Transaktionen in Gang halten, die schließlich doch zu einem neuen crash treiben. Z. B. das Korn, Zucker etc. werden jetzt noch im Preise gehalten dadurch, daß ihre owners die für dieselben auf sie gezognen Wechsel diskontieren, statt die Waren zu verkaufen. Da mir der Fall dieser Warenpreise unvermeidlich scheint, glaube ich, daß diese Kerls sich nur einen schweren Bankrott vorbereiten. Das war exactly the case May 1847. Was in London, im Unterschied von frühern Krisen, den sogenannten moneymarket noch einigermaßen hält, sind die joint-stock-banks, die sich eigentlich erst in den letzten zehn Jahren entwickelt haben. Diese zahlen den Philistern, kleinen Rentiers etc. 1% weniger Zins, als die offizielle Zinsrate der Bank von England beträgt. Die Lockung von 9% ist zu groß, um ernsthaften Widerstand zu finden. So disponiert jetzt das Citygesindel in höherem Grad als je zuvor über die kleinen Kapitalien der Philister. Wenn nur eine dieser banks jetzt zusammenbräche, würde das Hallo allgemein. Es ist sehr bedauerlich daher, daß die Royal British Bank zu früh explodiert hat.

In Amerika scheint es fast sicher, daß die Protectionists obenauf kommen infolge der Krisis. Dies wird für die Herrn Engländer nachhaltiges Pech bewirken.

Ich weiß nicht, ob Steffen Dir schon mitgeteilt hat, daß er England verläßt. Seine Schwester hat nämlich ihr kleines Vermögen infolge der Krisis (Wie? weiß ich nicht) verloren. Um sie zu sich nehmen und sich wechselseitig durchschlagen zu können, geht er nach Deutschland. Ich glaube, daß der Schritt sehr falsch ist. Wie ich aus sichrer Quelle weiß, ist die Frau Ruge (die nur ein sächsisches Patois spricht) die einzige Professorin von Deutsch in Brighton, und die Nachfrage übersteigt so sehr die Zufuhr, daß sie jetzt schon ihre Tochter in demselben trade lanciert. S[teffen]s Schwester würde also in Brighton gutes employment finden, wenn S[teffen] selbst mit den Leuten umzugehn wüßte. Apropos Ruge. Der alte Esel hat einen Prospektus, seit Monaten, in die Welt geschickt zur Wiederherausgabe der ci-devant Deutschen Jahrbücher. Ihre Hauptbestimmung soll sein: anzukämpfen gegen den Materialismus, naturwissenschaftlichen und industriellen; item gegen die grassierende vergleichende Sprachforschung etc., kurz gegen alles, wozu exakte Kenntnisse nötig sind. Zur Ausführung verlangt er 1000 Subskribenten à 10 Taler. In den zwei Monaten haben sich summa summarum 40, sage 40 Schwärmer für die „geistige Freiheit“ aufgetan. Die Musterung seines Anhangs in Deutschland ist, consequently, höchst blamabel ausgefallen.

Von Herrn Dronke weiß ich nur, daß er vor Monaten bei Freiligrath anlag, das Mittelglied für Wechselreiterei (nämlich den Diskonteur) zu spielen, die er mit dem alten Naut ins Werk zu setzen dachte. F[reiligrath] ließ ihn natürlich abfahren. Kurz darauf schrieb er ihm, daß er zwar „ganz gut“ stehe, doch aber bereit sei als Commis für 200—250 £ Salär irgendwo einzutreten. F[reiligrath] soll sich für ihn nach einem Posten derart umsehn. Dies alles scheint auf ein baldiges Exit aus der kommerziellen Welt zu deuten.

Becker ist aus dem Gefängnis entlassen; Bürgers dagegen neuen Beschränkungen unterworfen worden.

Du schreibst in einem Deiner Briefe, daß die Fabrikanten nur vorangehn können mit 6 d. für Baumwolle. Aber wird die große Einschränkung der Produktion die cottonpreise nicht notwendig bald zu dem Punkt herunterbringen?

Jones spielt eine sehr alberne Rolle. Du weißt, daß er — ohne andre bestimmte Absicht, als in der lauen Zeit irgend einen Vorwand für Agitation zu finden — lang vor der Krise eine Chartistenkonferenz anberaumt hatte, worin dann zugleich Bourgeoisradikale (nicht nur Bright, sondern selbst Kerls wie Cunningham) eingeladen werden sollten. Es sollte überhaupt ein Kompromiß mit den Bourgeois geschlossen werden, so daß *ihnen* das Ballott gegeben würde, wenn sie den Arbeitern manhood suffrage einräumten. Dieser Vorschlag gab Anlaß zu Spaltungen in der Chartistenpartei, die ihrerseits wieder den Jones tiefer in sein Projekt hereintrieben. Statt nun die Krise zu benützen, um die wirkliche Agitation mit einem schlechtgewählten Vorwand für Agitation zu vertauschen, hält er fest an seinem nonsense, chokiert die Arbeiter durch Predigen des Zusammenwirkens mit den Bourgeois, während er weit entfernt ist, den letztern das geringste Vertrauen einzuflößen. Einige der radikalen Blätter kajolieren ihn, um ihn vollständig zu ruinieren. In seinem eignen Blatt ist der alte Esel Frost, den er selbst zum Helden heraufdeklamiert und den er zum Präsidenten seiner Konferenz ernannt hat, in einem saugroben Brief gegen ihn aufgetreten, worin er ihm u. a. sagt: Wenn er die Kooperation der middleclass für nötig halte — und *ohne* diese sei *nichts* zu machen —, solle er bona fide auftreten. Wer ihm das Recht gebe, das Programm der Konferenz aufzusetzen *ohne* die Alliierten? Wer ihn ermächtige, Frost zum Präsidenten zu ernennen und selbst den Diktator zu spielen etc.? So sitzt er nun in der Patsche und spielt zum erstenmal nicht nur eine *alberne*, sondern eine *zweideutige* Rolle. Ich habe ihn lang nicht gesehn, will aber jetzt ihn besuchen. Ich halte ihn für ehrlich, und da es unmöglich ist für a *public character*, in England durch Dummheiten etc. unmöglich zu werden, so kommt es nur darauf an, daß er sich sobald wie möglich aus der selbstgelegten Falle herauszieht. Der Esel soll erst eine Partei *bilden*, wozu er in die Fabrikdistrikte muß. Dann werden die radikalen Bürger zu ihm für Kompromisse kommen.

Salut.

Dein K. M.
