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Title: Engels an Marx, Manchester, 7. Dezember 1857
Description: Engels berichtigt Marx über die Wechseldiskontierung und berichtet über den Fortgang der Krise in London, Manchester und Hamburg.
Author: Friedrich Engels
Date: 1857-12-07
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1857-12-07%20Engels%20an%20Marx
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*Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 7. Dezember 1857. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 472, S. 247–250, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1857-12-07%20Engels%20a%20Marx).*

Manchester, 7. Dezember 1857.

Lieber Marx,

Die Krisis mit dem ewigen Wackeln der Preise und den sich häufenden Vorräten machte mir vorige Woche viel Schreiberei; ich konnte Dir also nur Guardians schicken und keinen Brief.

In Deinem letzten ist ein slight mistake. Du schreibst, „das Korn, Zucker usw. werden jetzt noch im Preise gehalten dadurch, daß ihre owners die für dieselben auf sie gezognen Wechsel diskontieren, statt die Waren zu verkaufen“. Sie, als *Bezogne*, können die Wechsel nicht diskontieren; sie haben mit den Wechseln nichts zu tun, als sie zu akzeptieren und bei Verfall zu bezahlen. Die holders von Waren können sich vor den Zwangsverkäufen nur dadurch retten, daß sie Vorschüsse auf die Ware aufnehmen. Dies wird schwer sein under the circumstances, und jedenfalls reduzieren sich die Beträge dieser Vorschüsse mit dem kolossalen Fall im Preise der Waren (35% bei Zucker!) und mit der Gewißheit, daß, sobald nur *einige* Zwangsverkäufe doch gemacht werden müssen, die Waren noch mehr fallen werden. Wo also die holders früher ⅔ oder ¾ des *höheren* Werts vorgeschossen erhielten, bekommen sie jetzt höchstens ½ des *reduzierten* Werts, also ca. die Hälfte des früher zu erlangenden Vorschusses. Dies muß die Sache bald zum Explodieren bringen. Es ist aber auch möglich, daß der Mincing lane and Mark lane trade noch etwas länger in langsamem Fallen bleibt und dann erst einige große Falliten darin eintreten. Daß diese wie auch Falliten in Liverpool und andern Häfen kommen, ist sicher. Was an Zucker, Kaffee, Baumwolle, Wolle, Häuten, Farbstoffen, Seide usw. verloren wird, ist enorm. Die Baumwollernte von 1857, zu 3 Millionen Ballen angenommen (sie wird 3¼ werden), ist dies ganze lot jetzt £ 15 000 000 weniger wert als im September. Ein hiesiges Haus hat 35 000 Säcke Kaffee schwimmen, an jedem wird ein Pfund verloren. Auf ostindische Baumwolle ist der Verlust ebenso groß — 33%. In dem Maße, als die für diese Waren gezognen Wechsel fällig werden, müssen auch die Falliten kommen.

Das große amerikanische Haus, das neulich nach zweitägiger Unterhandlung von der Bank von England eine Million vorgeschossen erhielt und sich dadurch rettete, war Mr. Peabody, der 4th July-anniversary-Dinner-Mann. Neuerdings *sollen* sogar die unerschütterlichen Suse & Sibeth, die einzigen außer Frühling & Göschen, deren Wechsel in Ostindien nach 1847 negoziierbar waren ohne Ladungsschein der Ware als Garantie, genötigt gewesen sein, die Bank um Rettung anzuflehn. Diese S[use] & S[ibeth] sind die größten Knicker und so ängstlich, daß sie lieber gar keine Geschäfte machten, wenn es anginge, um nichts zu riskieren.

Hier sieht es noch immer aus wie früher. Vor acht bis zehn Tagen kamen plötzlich die indischen und levantinischen Käufer in den Markt, versahen sich zu den niedrigsten Preisen mit ihrem Bedarf und halfen dadurch einigen schwer mit Baumwoll-, Garn- und Stoffvorräten belasteten Fabrikanten aus dem ärgsten Pech. Seit Dienstag (4. November?) ist wieder alles still. Die Kosten laufen fort für den Fabrikanten, Kohlen, Ölschmiere usw. bleiben ganz dieselben bei short and full time, nur wages sind um ein Drittel bis zur Hälfte reduziert. Dabei wird nichts verkauft, und das floating capital ist bei den meisten unsrer Spinners and Manufacturers sehr knapp, und viele sind durch und durch faul. Acht oder neun kleine sind dieser Tage schon gepurzelt, aber das ist nur das erste Symptom, daß die Krisis diese Klasse erreicht. Heute hör ich, daß die Cookes, die Besitzer der kolossalen Fabrik in Oxford Road (Oxford Road Twist Comp.) ihre hunters, foxhounds, greyhounds usw. verkauft haben, daß einer seine Dienstboten ent- und seinen Palast verlassen hat, *to be let*. Kaputt sind sie noch nicht, werden aber wohl bald fliegen. Noch vierzehn Tage, und der Tanz ist hier vollständig im Gange.

Durch Sewells und Necks Fallissement wird Norwegen schwer mitgenommen; bisher war es noch nicht betroffen.

In Hamburg sieht es großartig aus. Ullberg und Cramer (Schweden, die mit Schulden von Banko Mk. 12 000 000 falliert sind — worunter 7 Millionen Wechsel auf sie!) *hatten ein Kapital von nicht mehr als 300 000 Mark*!! Eine Masse Kerls sind bloß dadurch hereingeritten, daß sie für einen einzigen fälligen Wechsel keine baribus auftreiben konnten und vielleicht den hundertfachen Betrag in momentan wertlosen Wechseln im Pult hatten. So komplett und klassisch ist noch nie eine Panic gewesen wie jetzt in Hamburg. *Alles ist wertlos*, absolut wertlos außer Silber und Gold. Christ. Matth. Schröder, ein sehr altes reiches Haus, fallierte auch vorige Woche. Der J. H. Schröder & Co., London (sein Bruder) telegraphierte, wenn zwei Millionen Mark Banko hinreichend wären, wolle er das Silber dafür schicken. Antwort: drei Millionen oder gar nichts. Die drei Millionen konnte er nicht missen und Christian Matthias flog. Wir haben Debitoren in Hamburg und wissen gar nicht, ob sie noch existieren oder kaputt sind. Die ganze Geschichte in Hamburg beruht auf der großartigsten Wechselreiterei, die je gesehen worden. Zwischen Hamburg, London, Kopenhagen und Stockholm ist dies am tollsten getrieben worden. Der amerikanische crash und der Fall in Produkten brachte dann die ganze Geschichte an den Tag, und für den Moment ist Hamburg kommerziell vernichtet. Die deutschen Industriellen, besonders in Berlin, Sachsen, Schlesien, werden damit wieder schwer gepackt.

Baumwolle ist jetzt auf 6 9/16 d. für Middling und wird wohl bald auf 6 d. kommen. Die Fabriken hier aber können erst dann wieder volle Zeit arbeiten, wenn durch ihre dadurch gesteigerte Produktion der Preis nicht wieder sofort *über* 6 d. getrieben wird. Das würde jetzt aber sofort der Fall sein.

Unter den Philistern hier wirkt die Krisis stark aufs Trinken. Niemand kann es zu Hause allein mit der Familie und den Sorgen aushalten, die Klubs beleben sich, und die Konsumtion von liquor wächst stark. Je tiefer einer drein sitzt, desto gewaltsamer strebt er sich aufzuheitern. Am nächsten Morgen ist er dann das schlagendste Exempel von moralischem und physischem Katzenjammer.

Diese Woche werd’ ich mich wieder an die Enzyklopädie machen und die C-Artikel möglichst weit bringen. Viel und andauernd kann ich jetzt nicht arbeiten, das Mögliche soll aber geschehn.

Beste Grüße an Deine Frau und Kinder.

Dein F. E.

Lupus ist auch in die Krise verwickelt, es wird aber sein Glück sein. Sein Samson hat falliert, dadurch bekommt er die Morgenstunden frei.
