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Title: Engels an Marx, [Manchester], 17. März 1858
Description: Engels über die Lage Bonapartes nach dem Orsini-Attentat, die Garde und die Aussichten einer Revolution in Frankreich, Preußen und Österreich.
Author: Friedrich Engels
Date: 1858-03-17
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1858-03-17%20Engels%20an%20Marx
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*Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, [Manchester], 17. März 1858. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 513, S. 302–306, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1858-03-17%20Engels%20a%20Marx).*

17. März 1858.

Lieber Mohr,

Wenn dieser Brief und der gleichzeitig gesandte heutige Guardian ankommen, so gib Deiner Frau die Pariser Korrespondenz zu lesen. Es erregt einem doch ganz merkwürdige Empfindungen, wenn man einen Bonapartisten und Beamten erzählen hört, daß 100 000 ouvriers im Faubourg St. Antoine auf Orsinis Hinrichtung mit Vive la république geantwortet haben. Die Deportationen und Verhaftungen à tort et à travers haben also ebensowenig gefruchtet wie die cités ouvrières und Nationalateliers en gros, und zu einer Zeit, wo der große Tanz herannaht, ist es erfreulich, einen solchen Appell abhalten zu sehn und 100 000 Mann antworten zu hören: *Hier*! Leid tut es mir nur, daß Orsini diesen Ruf nicht noch hat hören können.

Ein hiesiger Philister, der vor kurzem in Paris war, brachte die Nachricht mit, daß seit Orsini wieder zwei Attentate auf Monsieur Boustrapa gemacht worden sind. Das erste wurde auch in englischen Blättern erwähnt: der Kerl wurde im Bois de Boulogne abgefaßt im Augenblick, wo er die Pistole anschlug; das zweite war mir neu, im Tuileriengarten soll der Kerl auf ihn geschossen oder gestochen haben und sofort von den Gardesoldaten in der vom Juni 1848 her bekannten Galerie unter der terrasse du bord de l’eau erschossen worden sein.

Damit sich alle verschlissenen patriotischen Nobilitäten blamieren, muß der alte verrückte Landor heute seinen Brief in die *Times* schicken. Es fehlt jetzt nur noch, daß Venedey gegen Orsini protestiert.

Boustrapa ist aber in der Tat in einer schönen Lage, und es ist jammerschade, daß der *Constitutionnel* nicht mehr in der Position ist, sagen zu dürfen, daß l’horizon politique s’obscurcit. Man kann sich doch keinen besseren Jocus denken, als daß der *Moniteur* selbst erzählt, wie die Offiziere in Châlons erst zum Souspréfet laufen und sich versichern, ob die Republik nicht auch wirklich in Paris proklamiert ist, ehe sie ihre Haut und ihre Charge für den empereur riskieren. Man sieht aber auch, wie selbst in der Armee nur die Spitzen wirklich bonapartistisch sind, weil sie kompromittiert und durch Aussicht auf wirklich glänzende Prämien angezogen sind. Was kann Boustrapa auch der Masse der Leutnants bieten? Der Schuft weiß wahrscheinlich so gut wie wir, daß er außer der Garde sich auf wenig Truppen verlassen kann. Die Garde ist leider stark und weiß, daß sie bei *jeder* andern Regierung wieder in Linie verwandelt oder aufgelöst wird. Sie besteht an Infanterie aus vier Regimentern Grenadiere, zwei Voltigeure, ein Gendarmen, ein Zuaven, ein Bataillon Jäger (zusammen siebzehn Bataillone Infanterie), zwei Regimenter Kürassiere, zwei Dragoner, ein Grenadiere zu Pferd, ein Husaren, ein Chasseurs — einundzwanzig Schwadronen und einer starken Artillerie. In allem 18 000—20000 Mann mit vierzig bis fünfzig Kanonen, ein hinreichend fester Kern, um der etwa wankenden Linie ziemlichen Halt einzuflößen. Dabei ist alles auf rasche Konzentration von Truppen aus der Provinz eingerichtet (sieh nur eine Eisenbahnkarte von Frankreich an), so daß eine *erwartete* Bewegung gewiß 60 000—80 000 Mann sich gegenüber findet. Gegen diese Masse gibt es nur zwei Mittel zu siegen: entweder geheime Gesellschaften in der Armee selbst — und diese sollen zahlreich sein — oder ein entschieden antibonapartistisches Auftreten der Bourgeoisie wie im Februar. Ich glaube nicht, daß ein Sieg möglich ist, ohne eine oder gar beide dieser Bedingungen. Daß die Armee in den unteren Schichten von den Roten, in den höheren von Orleanisten und Legitimisten unterwühlt wird, ist sicher, und daß die loi des suspects nebst sonstigen Maßregelungen der Bourgeoisie das Leben unmöglich macht, ebenfalls. Die wachsenden Verlegenheiten des Boustrapa treiben ihn zu täglich verzweifelteren Geschichten; einen Krieg mit Preußen darf er nicht riskieren, Italien hat er sich vernagelt; an den Boustrapaschen Sozialismus glaubt niemand mehr; Algier bietet keine Kampagnen mehr. Alle Diversionen sind abgeschnitten, reste la répression croissante, d. h. das direkte Hineindrängen der Bourgeoisie in die Revolution. Den Orleanisten und Legitimisten muß eine Erneuerung der konstitutionellen Republik unter gemeinsamer Herrschaft schon jetzt als nächstes pis aller in the distance loomen, falls die Umstände nicht einer der Parteien den Sieg sofort als wahrscheinlich erscheinen lassen. Le cas de soulèvement donné, und er muß im Laufe dieses Jahrs kommen, ist alle Chance da, daß sie Februar 1848 nachmachen, sauf à lancer plus tard les troupes sur les faubourgs. Und dann wissen wir, was kommt. Sowie ihre Angst vor Bonaparte die Truppen so wacklig gemacht hat, daß die Insurrektion siegen *muß*, wird ihre Angst vor den prolétaires dann die Truppen wieder bearbeiten, daß sie die Insurrektion niederschlagen sollen — trop tard! — der Strom geht über ihren Leib fort, die Truppen sehen mit offnem Maul zu — und dann werden wir sehn, wieviel Terrain das Wasser seit der letzten Springflut von 1848 gewonnen hat.

Der Commerce in Frankreich ist jetzt glücklicherweise in einer Lage, die sich nicht verbessern *kann*, ehe die chronische Krise in einer politischen Revolution kulminiert hat. Ich halte es für unmöglich, daß sich die Handelslage in Frankreich bessert, solange Boustrapa am Ruder ist. Die Phrasen, daß Orsini, Espinasse etc. das „Vertrauen“ stören, bleiben während der Krise faule Beschönigungen; gehn die Umstände vorüber, die die Krise bedingen, so werden sie zur Wahrheit mit einem solchen Régime. Übrigens bin ich ganz zu Deiner Ansicht gekommen, daß der Crédit mobilier in Frankreich kein zufälliger Schwindel, sondern ein durchaus notwendiges Institut war, und daß die daran baumelnden Mornyschen Diebereien ebenso unvermeidlich waren; denn ohne Aussicht auf so rapide Bereicherung wäre in Frankreich gar kein Crédit mobilier zustande gekommen. Wer unter diesen Umständen einen Tag früher fällt — Boustrapa oder der Crédit mobilier, ist dann ein toss-up. — Die Wechselprolongationen müssen zu enormen Verlusten führen. Solch ein Mittel, über eine Krisis zu kommen, kann nur helfen, wenn die reprise des affaires auch in der Industrie *wirklich* ist; der bloße easy money-market hilft aber dem nicht, der keinen Kredit hat — und ich glaube, Kredit gibt man in Frankreich jetzt keinen mehr außer der Prolongation des früher gegebnen.

In Preußen scheint es mir sehr faul auszusehn. Das bißchen Kammern hat den Philistern dort ihren preußischen Lokalpatriotismus sehr gehoben, und ich fürchte, auch der Spießbürger hofft auf eine mit der englischen Heirat sicher bevorstehende englische Konstitution, nur verdemokratisiert. Wenn nur der Unteroffizier sich noch schleunig blamierte! Ich fürchte, in Preußen wird es nicht ganz leicht sein, die royal family loszuwerden, es sei denn, daß das Proletariat ganz enorme Fortschritte gemacht hat. Bourgeoisie und Spießbürgertum haben sich jedenfalls seit 1848 noch verschlechtert. Auch in Deutsch-Östreich scheint nicht viel los zu sein. Der deutsche Michel hat offenbar seinen Winterschlaf nach der schweren Anstrengung von 1848 noch nicht ausgeschlafen. Losreißung von Ungarn und Italien und slawische Aufstände werden übrigens in Östreich schon das Ihrige tun, und dann haben wir in den großen Städten und Industriebezirken die Nachwirkung der Krise, die sich von hier aus und jetzt nicht beurteilen läßt. Après tout, wird es einen harten Tanz setzen.

Wie aber, wenn Boustrapa den ersten großen Insurrektionsversuch niederschlüge? Ich halte diesen Fall für fast unmöglich, eben weil er solche Maßregeln getroffen hat, daß nur bei ganz großen Gelegenheiten es zu etwas Ernstlichem kommen kann. Aber gelänge es ihm auch, so wäre B[oustrapa] doppelt fest. Pelissier wäre empereur. Die Linie, in der sich jedenfalls Symptome von Schwäche und Zaudern zeigen würden, würde in Verschiß erklärt, die Garde allein und noch mehr bevorzugt. Sicheres Mittel, in der Armee Komplotte zu produzieren. Den Orleanisten und Legitimisten müßte B[oustrapa] dann direkt auf den Pelz rücken, und Thiers würde nicht damit wegkommen, in Mazas ein paar Tage lang seinen eignen Schiffprügel auswaschen zu müssen. Sicheres Mittel, den Commerce vollständig zu ruinieren. Wenn B[oustrapa] einmal siegte, so wäre er um so sicherer verloren.

Ich hoffe nur, daß der Kerl nicht ermordet wird. Ich glaube, in diesem Falle würde es gehn, wie Morny ihm sagte: Nous commencerions par jeter tous les Jérôme par la fenêtre et puis nous tâcherions de nous arranger tant bien que mal avec les Orléans. Ehe die Foubourgs sich besinnen, hätte Morny seine Palastrevolution gemacht, und obwohl dadurch eine Revolution von unten nur kurz aufgeschoben, so wäre doch die Basis eine andre.

Um auf unser eignes Privatgeschäft zurückzukommen, so habe ich in Jomini und Cathcart so gut wie gar nichts über Bülow finden können und will sehn, ob ich nicht noch eine andre Quelle auftreibe. Bomarsund werde ich suchen heut abend abzumachen. Diese beiden Artikel liegen mir schwer im Magen.

Sowie die indische Post Details über den Zug Campbells gegen Lucknow bringt (in ca. acht bis vierzehn Tagen), schick mir alles auftreibbare Material, damit ich *unverzüglich* losgehn kann. Die Times werd’ ich hier kaufen können, andre Londoner Journale *nicht*, d. h. in einzelnen Nummern.

Grüß Deine Frau und Kinder herzlich. Ich schickte Dir gern noch etwas Geld, muß aber wirklich erst sehn, welche Zahlungen ich noch werde diesen Monat zu machen haben; sobald ich darin klar sehn kann, geschieht das Mögliche, darauf kannst Du Dich verlassen.

Dein F. E.

Lupus hat die feierliche New Yorker Historie. Ist Kamm nicht der Kinkelsche „Proletarier“, der ein Hurenhaus hielt? F. Jacobi ist ein lächerlicher Referendar aus Münster, der in der Schweiz überall zum Narren gehalten wurde.
