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Title: Marx an Engels, [London], 22. April 1859
Description: Marx resümiert die Parlamentsdebatten über die italienische Krise, analysiert das diplomatische Spiel Bonapartes und Rußlands vor dem Krieg und berichtet über Vogts politisches Programm.
Author: Karl Marx
Date: 1859-04-22
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1859-04-22%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London], 22. April 1859. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 583, S. 379–382, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1859-04-22%20Marx%20a%20Engels).*

22. April 1859.

Lieber Frederick,

Ich habe Deinen article modified nach den letzten news.

Ich glaube nicht, daß Du Deine Zeit so verschwendet hast (ich war gezwungen dazu), die parlamentarischen Debatten von letztem Montag durchzuwaden. Der gist davon war der:

1. England ist dupiert worden während der ganzen Verhandlungen;

2. England ist dezidiert für Östreich.

Ad 1. Die englischen Minister hatten schon einmal angekündigt, alles sei settled. Dies war, als die Nachricht von der Räumung Roms durch alle Blätter lief. Aus den Erklärungen im Oberhaus folgt: Der Papst verlangt wirklich die Räumung seines Gebiets. Frankreich hatte beständig England vorgeheult, seine Position in Rom sei falsch. Es wolle abziehn, aber des Papstes Befürchtungen einerseits, andrerseits die Weigerung der Östreicher, ebenfalls zu ziehn, hinderten es. Dies war sogar der *offizielle* Pretext, wodurch Boustrapa England die Szene mit dem östreichischen Gesandten am 1. Januar rechtfertigte. Well! Der Papst schnitt diesen Pretext ab. Östreich zog *actually* zwei Bataillons aus Bologna weg und hatte orders gegeben für den Aufbruch der übrigen Truppen. Da fand Bonaparte Vorwände, *nicht* zu räumen, und so zerschlug sich die ganze Sache. Dies hatte Herrn Derby in sehr bad temper versetzt, und Bonaparte, to sooth him, eröffnete sein Herz über die „Italian Question“ dem Lord Cowley, der nach London telegraphierte und seine Forderungen „satisfactory“ fand. Auf dies hin ward Cowley — mit den *von England* akzeptierten Forderungen B[onaparte]s — nach Wien gesandt. (Dieser Cowley ist derselbe Schweinhund, der 1848/49 in Wien gegen die deutsche Revolution intrigierte.) Dies war Ende Februar. Östreich, das sich nur mit schwerem Herzen zum Krieg entschloß und damals noch lange nicht so weit wie Mitte März mit seinen Rüstungen vorgeschritten war, *nahm alles an*. Als Cowley auf der Rückreise nach Paris über London kam, war „er“ und das „Ministerium“, sagt Derby selbst, völlig überzeugt, daß alles settled sei, und *blamierten sich wieder* durch eine neue Erklärung in diesem Sinn vor dem Parlament. Cowley reist also sanguinisch nach Paris. Hier erfährt er, daß man Blindekuh mit ihm gespielt und daß auf den *Vorschlag Rußlands* Boustrapa a general congress akzeptiert, auf dem, ebenfalls nach dem *Vorschlag Rußlands*, nur die fünf Großmächte repräsentiert, also Sardinien ausgeschlossen sein sollte. Derby sagt gradezu, daß *Rußlands Intervention* (obgleich mit Frankreich verabredet; aber *Bonaparte* konnte natürlich nicht conditions abschlagen, die England in *seinem* Namen an Östreich gestellt) allein schuld sei, daß der Friede nicht zustande gekommen. Palmerston, denselben Tag im House of Commons, sagte, er tadle Rußland nicht (of course). Wenn die englische Vermittlung geglückt, habe Rußland nicht die Rolle gespielt, die ihm auf einem Kongreß sicher sei und die ihm in europäischen Fragen zukomme. Obgleich sehr verdrießlich, nahm Derby den russischen Vorschlag an, unter gewissen Bedingungen, wovon the principal, daß die territorial settlements des Wiener Vertrags von 1815 nicht angetastet werden sollten. Östreich, das sich bereits eingebildet hatte, alles sei abgemacht, sah nun klar, daß Krieg *beschlossen* und daß man es nur an der Nase herumführen wollte. Auf den englischen neuen Vorschlag antwortete es daher mit der unverschämten Forderung, Sardinien müsse, als Präliminarie zu dem Kongreß, entwaffnen. Darauf schlug Derby Bonaparte vor, Sardinien zu dieser Blamage zu bewegen, so daß aber gleichzeitig England und Frankreich zusammen es kontraktlich verbürgen sollten gegen einen Friedensbruch Östreichs während des Kongresses. Der Esel Bonaparte schlug das ab. Hätte er es angenommen, so konnte er durch seine Agenten an der östreichisch-piemontesischen Grenze irgendwie einen Krawall veranlassen, und dann was England bound down to an offensive treaty with France and Sardinia against Austria, und Palmerston würde die Tories schon gezwungen haben, to be as good as their word. Andrerseits erschraken die Östreicher über die Leichtigkeit, mit der England unter gewissen Bedingungen Offensivallianz gegen sie einzugehn bereit war. Sie erklärten sich also nun sofort für den englischen Vorschlag und verwandelten die Entwaffnung Sardiniens in eine allgemeine Entwaffnung. Nun kam der Skandal, ob, wie Östreich sagte, vor, oder wie Bonaparte sagte, nach dem meeting der congress entwaffnen sollte, dann, ob Sardinien zuzulassen sei oder nicht etc. Kurz, alle neuen Schwierigkeiten gingen von Bonaparte aus, 1. die quibbles wegen der Entwaffnung; 2. *er* und *Rußland* hatten ja *vorgeschlagen*, Sardinien vom Kongreß auszuschließen. Derby war so wild letzten Montag, daß er förmlich geschrien haben soll, als er erklärte, England mache jetzt noch einen *ultimate* Vorschlag; aber er sei des triflens müd und werde, wenn der mißglücke, nicht mehr als Mediator auftreten etc.

Ad 2. Bonaparte konnte diese letzten Vorschläge annehmen, da sie nur Östreich *schädlich*, sofern dies mit seinen Rüstungen voraus. Er *mußte* sie annehmen, um dem Derby den Vorwand zu nehmen, sich direkt gegen ihn zu erklären. Östreich mußte sie ablehnen, wollte es nicht sich um alle Vorteile bringen etc. Bonaparte, der auf den Sturz Derbys und den Eintritt Palmerstons gerechnet hatte, war in a plight the worse, da Derby und D’Israeli in ihren Reden direkt zeigten, daß sie müd seien, von Bon[aparte] und Rußland düpiert zu werden, außerdem direkt für Östreich Partei nahmen. Malmesbury sagte, er begreife nicht, *auf welchen Vorwand* hin Bonaparte sich in die italienischen Wirren eingemischt. Derby sagte, England werde erst armed neutrality halten, dann aber sich gegen die Macht wenden, die auf „falschen Vorwand“ hin den Krieg hervorgerufen. Derby sagte, Englands Interesse im Adriatischen Meer erlaube ihm nicht, die Arme zu falten; einen Angriff auf Triest bezeichnete er fast als Casus belli. Disraeli sagte, Östreich habe sich mit „dignified moderation“ benommen, Sardinien „ambiguous, vexing and even ambitious“. Endlich sagten sie alle, die Verträge von 1815 müßten maintained werden, und, direkt in bezug auf das territorial settlement in Italy, diese Verträge, heben sie wiederholt hervor, „intended putting a check upon the encroaching ambition of France“.

So viel ist sicher: durch den Witz, daß Derby, statt abzutreten, das Parlament zum Teufel schickte und so den Palmerston einstweilen ins Privatleben bannte, ist das russisch-französische Spiel in ein ernsthaftes Dilemma gekommen.

Es sind nur zwei Fälle möglich. Entweder Östreich läßt sich einschüchtern durch drohende telegramms von London und Berlin und withdraws Gyulais ultimatum an Piemont. In *diesem* Fall kann dem Bonaparte kein Gott helfen. Dann muß er, in fact, *entwaffnen*, und die Armee behandelt ihn als Soulouque. In Paris sind ohnedem die Arbeiter rasend über die Gemeinheit von Blanquis Deportation nach Cayenne. Oder Östreich ist der diplomatischen Spielerei müd und marschiert los auf Turin. In diesem Fall hat Herr Bonaparte diplomatisch gesiegt, weil Östreich zuerst den Krieg erklärte; erkauft aber diesen diplomatischen Sieg mit an ugly military defeat. In diesem Falle gebe ich nicht vier months purchase for his crown and dynasty.

Morgen schick’ ich Dir die Tribunes.

Apropos!

Der große Reichs-Vogt hat eine Epistel an Freiligrath geschrieben, worin er ihm anzeigt, daß diese Reichsbande eine neue Zeitung in Zürich (oder Bern, ich hab das vergessen) herausgibt. Er fordert Freiligrath auf, für das Feuilleton zu schreiben und den tiefsinnigen Bucher als politischen Korrespondenten zu werben.

Das Programm, worauf Reichs-Vogt eine neue „Partei“ bilden will, und das, wie er selbst sagt, sehr wohlwollend von A. Herzen aufgenommen, ist dies: Deutschland gibt seine außerdeutschen Besitzungen auf. Unterstützt nicht Östreich. Der französische Despotismus ist vorübergehend, der österreichische bleibend. Man erlaubt beiden Despoten zu verbluten. (Sogar gewisse Hinneigung zu Bona sichtbar.) Deutschland bewaffnete Neutralität. An revolutionäre Bewegung in Deutschland ist, wie Vogt „aus bester Quelle weiß“, nicht zu denken during our lifetime. Consequently, sobald Östreich ruiniert durch Bon[aparte], beginnt von selbst eine reichsregentschaftlich gemäßigt liberalnationale Entwicklung in dem Vaterland, und Vogt wird vielleicht noch preußischer Hofnarr. Aus Vogts Brief sieht man, daß er glaubt, Freil[igrath] habe mit uns gar keinen Zusammenhang mehr. Die Unwissenheit dieses Reichsvogts über die Leute, mit denen er zu tun. Bucher, als Urquhartit, ist *Östreicher*. Der große Blind, on the other hand, in dem Dilemma, daß er gegen Bona als Deutscher und gegen Östreich als √Rotteck ist, beruft, at the present moment, ein „deutsches Parlament“ zusammen, was der Telegraph bald nach Manchester melden wird.

Salut.

Dein K. M.
