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Title: Marx an Lassalle, [London,] 22. November 1859
Description: Marx legt seine Ansicht über den italienischen Krieg dar — der Kriegsruf hätte gegen die russisch-französische Allianz erhoben werden müssen — und verlangt, daß in Krisen niemand im Namen der Partei auftrete, ohne sich mit den andern zu beraten.
Author: Karl Marx
Date: 1859-11-22
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1859-11-22%20Marx%20an%20Ferdinand%20Lassalle
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*Karl Marx an Ferdinand Lassalle in Berlin, [London,] 22. November 1859. Text nach: Gustav Mayer (Hrsg.),* Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, *Bd. III:* Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx *(Stuttgart und Berlin 1922), Nr. 88, S. 238-240, nach dem Original, ohne die Anmerkungen des Herausgebers. [Übersetzung ins Spanische](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1859-11-22%20Marx%20a%20Ferdinand%20Lassalle)*

22. November 1859.

Lieber Lassalle!

Einerseits ist heute Posttag nach Amerika: andrerseits habe ich Medizin im Leib. Also in jeder Beziehung schreibschwierig. Ich fasse mich daher ganz kurz:

1. Thanks für Deinen vorletzten Brief. Wahrscheinlich jedoch wird es mir gelingen, hier in London auf *mich selbst* einen Wucherwechsel zustand zu bringen.

2. Deine Erklärung gegen Vogt unterbleibt jetzt besser, nachdem die *Reform* schon eine Erklärung von mir gebracht. Mir ist es besonders darum zu tun, Herrn Vogt zu zwingen, die Sache in London weiterzuführen.

3. Ich habe Freiligrath erzählt, daß Du seine Verse auf Schiller gelobt und sein Betragen gegen Dich getadelt. Er wird Dir nun schreiben. Lies Nr. 43 der „*Gartenlaube*“, worin Kinkels Trabant Herr Beta (früher Redakteur des How do you do, den Louis Drucker hier herausgab, jetziger Hauptfaiseur des *Hermann*, dessen Editors ganz aus dem literarischen Lumpenproletariat rekrutiert sind), die Entdeckung ist, daß Freiligrath „selten mehr Jungheit“ ich „ihn anhauchte“. Freiligrath hat in den letzten Jahren zu sehr gebuhlt mit den Götzen von Babylon, weil die Popularitätssucht groß in ihm ist. Seine Gattin hat vielleicht nicht den vorteilhaftesten Einfluß in this respect. Ich will nicht weiter auf dies Thema eingehn, nur bemerken, daß ich mit alten persönlichen und Parteifreunden mehr rücksichtsvoll bin als manchen sehr tüchtigen Leuten unsrer Partei recht scheint.

4. *Ad vocem Bonaparte.* Soviel ich sehe, hat der italienische Krieg Bonaparte pro tempore in Frankreich befestigt; die italienische Revolution in die Hände der piemontesischen Doktrinäre und ihrer Gehilfen verraten; Preußen für seine Haugwitzsche Politik außerordentlich mit dem liberalen vulgus popularisiert; *Rußlands* Einfluß in Deutschland vermehrt; endlich eine unerhörte Demoralisation, die widerlichste Combination von Bonapartismus und Nationalitätsredensarten propagandiert. Ich für meinen Teil sehe nicht, wie fare Leute unsrer Partei diese ekelhaften, konterrevolutionären Illusionen der Spießbürgerliberalen dialektisch zu fördern hatten. Von dem Moment an, wo Disraeli das Bündnis zwischen Bonaparte und Rußland öffentlich zugab; und noch mehr von dem Moment, wo Rußland die schamlose Zirkularnote an die deutschen Höfe erließ, war nach meiner Ansicht der Kriegsruf gegen die *russisch-französische* Allianz zu erheben. Durch den Gegensatz gegen Rußland wurde alles Antiliberale, was der Wendung gegen Frankreich in der Illusion anzuhängen schien, sofort beseitigt.

Schleinitz' Depeschen, die ich genau studiert, nebst den Erklärungen, die die hiesigen Minister teils direkt im Parlament, teils in der Presse machten, bewiesen mir, daß *Preußen* nicht daran dachte, zu intervenieren, so lang die deutsche Grenze nicht verletzt war. Bonaparte unter russisch-englischer Protektion hatte damals die Erlaubnis erhalten, einen „lokalisierten“ Krieg zu führen, um ihn in Frankreich zu halten. Preußen hätte keinen Finger zu rühren gewagt, und wenn es das getan, wäre der Krieg zwischen Deutschland und Rußland, das wünschenswerteste aller Ereignisse, dagewesen. Aber in fact handelte es sich nicht darum, weil Preußen *nie* die Courage zu einem solchen Schritt besessen hätte. Es handelte sich vielmehr darum, teils die preußische Regierung in ihrer jämmerlichen Schwäche bloßzustellen, teils und vor allem die bonapartistischen Delusions zu enthüllen. Das Spiel war nicht so schwierig, weil alle Vertreter der revolutionären Partei von Mazzini bis Louis Blanc, Ledru Rollin und selbst Proudhon sich angeschlossen haben würden. Dadurch konnte die Polemik gegen Bonapartes Betrug nicht das Ansehn der Feindschaft gegen Italien oder Frankreich bekommen.

Ich gehe hier natürlich nicht gründlich auf die Sache ein, sondern werfe nur ein paar Punkte hin. Du wirst mir aber erlauben, eine Bemerkung zu machen: Die Dinge mögen bald wieder zu einer Krise kommen. In diesem Falle muß eins von beiden in unsrer Partei gelten: Entweder keiner tritt im Namen der Partei auf, ohne sich konsultiert zu haben mit den andern, oder jeder hat das Recht, seine Ansicht darzulegen, ohne sich um den andren zu kümmern. Letztres wäre nun allerdings nicht empfehlenswert, da öffentliche Polemik einer so wenig zahlreichen Partei (die aber hoffentlich durch Energie ersetzt, was ihr an Zahl abgeht) keineswegs zuträglich. Ich kann nur sagen, daß ich auf meiner Streife (im Sommer) durch England und Schottland — und unsre alten Parteifreunde sind verteilt hier — keinen fand, der nicht gewünscht hätte, Du hättest Deine Broschüre in vielen Punkten modifiziert. Ich erkläre mir das ganz einfach aus dem Umstand, daß namentlich auswärtige Politik sehr verschieden sich darstellt vom englischen und vom kontinentalen Boden aus.

Salut

Dein K. M.
