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Title: Marx an Johann Martin Weber, [Manchester,] 3. März 1860 (Bruchstück)
Description: In einer „Nachträglichen Information“ für seinen Berliner Anwalt im Prozeß gegen die National-Zeitung faßt Marx sein öffentliches Wirken von 1842 bis 1860 zusammen.
Author: Karl Marx
Date: 1860-03-03
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1860-03-03%20Marx%20an%20Johann%20Martin%20Weber
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*Karl Marx an den Justizrat Johann Martin Weber in Berlin, 3. März 1860. Bruchstück: aus der „Nachträglichen Information“, die Marx diesem Brief beilegte, druckte Gustav Mayer nach dem Original in Webers Handakten nur das Autobiographische ab: „Neue Beiträge zur Biographie von Karl Marx“, im* Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung *(Bd. X, 1922), S. 63-66. Was Marx unterstrichen hat, ist dort gesperrt und steht hier kursiv. [Übersetzung ins Spanische](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1860-03-03%20Marx%20a%20Johann%20Martin%20Weber)*

Da ich selbst der Sohn eines Advokaten (des verstorbenen Justizrats Heinrich Marx zu Trier, der lange bâtonnier des dortigen barreaus und ebenso durch die Reinheit seines Charakters wie seine juristischen Talente ausgezeichnet war), so weiß ich, wie wichtig es für einen gewissenhaften Rechtsanwalt ist, über den Charakter seines Klienten ganz klar zu sein....

1842 (damals 24 Jahre alt) ward ich Hauptredakteur der alten „Rheinischen Zeitung“, die, erst unter *einfache*, dann unter *doppelte* Zensur gestellt, schließlich *gewaltsam* (Frühling 1843) von der preußischen Regierung unterdrückt ward. Einer der Männer, mit denen ich damals zusammen arbeitete, war Herr *Camphausen*, nach der Märzrevolution Ministerpräsident in Preußen. Die alte „*Rheinische Zeitung*“ hat unbedingt die Macht der Zensur in Preußen gebrochen (ich bemerke *konfidentiell*, natürlich nicht zu öffentlichem Gebrauch: Nach der Unterdrückung der „Rheinischen Zeitung“ ließ mir die preußische Regierung Offerten machen durch den Geheimen Revisionsrat *Esser*, einen Freund meines Vaters. *Esser* befand sich nämlich mit mir im Bad zu Kreuznach, wo ich meine jetzige Frau heiratete. *Nach dieser Mitteilung* verließ ich Preußen und ging nach Paris).

Zu Paris gab ich die *Deutsch-Französischen Jahrbücher* heraus zusammen mit *Friedrich Engels*, *Georg Herwegh*, *Heinrich Heine* und *Arnold Ruge*. (Mit *Herwegh* und *Ruge* brach ich später.) Ende 1844 wurde ich auf Antreiben der preußischen Gesandtschaft in Paris (durch *Guizot*) ausgewiesen und ging von da nach Brüssel. Welche Stellung ich *unter den französischen Radikalen* während meines Pariser Aufenthalts einnahm, ergibt sich am besten aus Anlage h aus dem Schreiben *Flocons* vom 1. März 1848, worin er mich im Namen der provisorischen Regierung nach Frankreich zurückrief und den Ausweisungsbefehl *Guizots* anullierte.

[*Konfidentiell*: Im Sommer 1844 erhielt ich in Paris nach dem Bankerott des Buchhändlers (*Julius Fröbel*) der *Deutsch-Französischen Jahrbücher* einen Brief (nebst 1000 Th.) von Dr. *Claessen* im Namen *Camphausens* und der übrigen Aktionäre der *Rheinischen Zeitung*, einen Brief, worin meine Verdienste hyperbolisch koloriert waren und den ich schon deswegen *nicht* beilege.]

In Brüssel lebte ich von Anfang 1845 bis Anfang März 1848, als ich wieder ausgewiesen ward und auf *Flocons* Brief hin nach Frankreich zurückkehrte. In Brüssel schrieb ich, außer Gratisbeiträgen zu verschiedenen radikalen Pariser und Brüsseler Zeitungen, „*Kritik der kritischen Kritik*“, zusammen mit *Friedrich Engels*. (Eine Schrift über Philosophie) (herausgegeben 1845 Frankfurt a. M. bei Rütten), „*Misère de la Philosophie* (ökonomische Schrift, 1847 herausgegeben bei Vogler in Brüssel und Franck in Paris), *Discours sur le libre échange* (Bruxelles 1847); ein zweibändiges Werk über neueste deutsche Philosophie und Sozialismus, erschien nicht, siehe meine Vorrede: „*Zur Kritik der politischen Ökonomie*“ (Duncker, Berlin 1859) und viele Flugschriften. Während meines ganzen Aufenthaltes in Brüssel hielt ich Gratisvorlesungen über „Politische Ökonomie“ im *Deutschen Brüssler Arbeiterbildungsverein*. Die Druckschrift, worin ich sie gesammelt hatte, wurde unterbrochen im Druck durch die Februarrevolution. Meine Stellung unter den Radikalen (sehr verschiedener Farben) in Brüssel ist dadurch bezeichnet, daß für die öffentliche *société internationale* ich Komiteemitglied für die Deutschen war, *Lelewel* (jetzt 80jähriger Greis, der Veteran der polnischen Revolution von 1830—31 und gelehrter Geschichtsforscher) für die Polen, *Imbert* (später Gouverneur der Pariser Tuileries) für die Franzosen und *Jottrand*, Brüsseler Advokat, ehemaliges Mitglied der *Konstituierenden Versammlung* und Chef der belgischen Radikalen, für die Belgier, präsidierte zugleich. Aus den beiden Briefen *Jottrands* (jetzt ein alter Herr) an mich (Anlage k1 und k2), ebenso aus dem Brief *Lelewels* (Anlage 1) ersehen Sie mein Verhältnis zu diesen Herren während meines Brüsseler Aufenthalts. *Jottrands* Brief (Anlage k2) ist geschrieben nach einem Zwist, den ich mit ihm hatte auf einem öffentlichen Meeting, 22. Februar 1848, worauf ich meine Demission aus der *société internationale* ihm eingereicht hatte. Den zweiten Brief schrieb er mir, als ich in Köln die „Neue Rheinische Zeitung“ stiftete.

In Paris hielt ich mich wieder auf März bis Ende Mai 1848.

[*Konfidentiell*: *Flocon* bot mir und *Engels* für die Stiftung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Geld an. Wir schlugen es ab, weil wir als *Deutsche* selbst nicht von einer *befreundeten französischen Regierung* Subsidien annehmen wollten.]

Mai 1848 bis Ende Mai 1849 gab ich die „*Neue Rheinische Zeitung*“ zu Köln heraus. Aus Anlage 1 ersehen Sie, daß ich als einer der drei Vorsteher der „Rheinisch-westfälischen Demokratie“ erwählt war.

[*Konfidentiell*: bei meiner Ankunft in Köln wurde ich von einem Freund *Camphausens* aufgefordert, zu ihm nach Berlin zu gehen. Berücksichtigte die Insinuation nicht.]

Zu Paris von Juni 1849 bis August 1849. Ausgewiesen unter *Bonapartes* Präsidentschaft.

*Ende 1849 bis jetzt*, 1860, in London. Herausgegeben 1850 zu Hamburg „*Revue der Neuen Rheinischen Zeitung*“, „*Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte*“ (zu New York 1852), „*Diplomatic Revelations of the 18th Century*“ (London 1856), „*Kritik* der politischen *Ökonomie*“, 1. Heft, Duncker, Berlin, 1859 usw. Mitarbeiter der *New York Tribune* seit 1851 bis jetzt. Solange ich Mitglied des *Deutschen Arbeitervereins* (Ende 1849 bis September 1850), hielt ich gratis Vorlesungen. Aus *Anlage o* (sie ist konfidentiell) ersehen Sie, wie ich mit *David Urquhart* zusammenkam. Ich arbeitete seitdem bis jetzt mit an seiner *Free Press*. Ich gehe mit ihm in seiner *auswärtigen Politik* (*Gegensatz gegen Rußland und Bonapartismus*), nicht in der innern, wo ich mit der Chartistenpartei (die ihm feindlich) gehe. Für die Journale der letztern (namentlich das „Peoples Paper“) habe ich während sechs Jahren gratis gearbeitet. Siehe *Anlage m*.

Meine 1853 in *New York Tribune* gegen *Palmerston* geschriebenen Artikel sind wiederholt in England und Schottland in Pamphletform zu 15—20000 Exemplaren abgedruckt worden.

Aus Anlage n, die von dem Sekretär eines der *Urquhart*schen Clubs, die sich nur mit Diplomatie beschäftigen, 1856 im Auftrag des Sheffield Clubs an mich gerichtet wurde, ersehen Sie, wie ich mit den *Urquhartiten* trotz der Differenz über *innere* Politik stehe.

*Brief in Anlage m* rührt her von *Ernest Jones*, Advokat (barrister at law) zu London, anerkannter Chef der Chartistenpartei, auch als Dichter anerkannt.

Die Übersetzungen von *Anlagen* o, n, m befinden sich in *Anlage p*.

Über den von gewissen deutschen Seiten in London gegen mich verbreiteten Klatsch ist charakteristisch der *Anlage g* „*Ritter vom edelmütigen Bewußtsein*“ abgedruckte Brief (S. 14) meines Freundes *Steffen* (früher preußischer Leutnant und Lehrer an der Divisionsschule, jetzt in Boston).

Ich habe *nie* das deutsche Publikum mit *einem* Wort, ungeachtet zehn Jahre fortgesetzter Angriffe, meiner Biographie belästigt. Meinem Rechtsanwalt gegenüber hielt ich es in einem Falle, wie dem gegenwärtigen, für unerläßlich,

Mit Bezug auf den *italienischen Krieg* muß ich noch bemerken, daß *meine* Ansicht darüber ganz zusammenfällt mit der, die mein Freund *Fr. Engels* in dem bekannten, 1859 bei F. Duncker, Berlin, erschienenen Pamphlet ausspricht: „*Po und Rhein*“. Das Manuskript desselben ward mir *vor* seiner Versendung nach Berlin von *Engels* zugeschickt. Wir sind für ein freies und selbständiges Italien, wie wir uns 1848 in der „*Neuen Rheinischen Zeitung*“ von allen deutschen Blättern *am entschiedensten* dafür aussprachen, ganz wie für Ungarn und Polen. Aber wir wollen nicht, daß *Bonaparte* (im geheimen Einverständnis mit Rußland) italienische Freiheit oder irgendeine andre Nationalitätsfrage zum *Vorwand* macht, um *Deutschland* zu ruinieren.
