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Title: Marx an Ferdinand Lassalle, [London], 15. September 1860
Description: Marx über den Druck des Herrn Vogt in London, Garibaldi, die Notwendigkeit eines Parteiprogramms und die Aufnahme seiner Kritik der politischen Ökonomie.
Author: Karl Marx
Date: 1860-09-15
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1860-09-15%20Marx%20an%20Ferdinand%20Lassalle
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*Brief von Karl Marx an Ferdinand Lassalle in Aachen, [London], 15. September 1860. Text nach Gustav Mayer (Hg.),* Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften*, Bd. III:* Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx*, Stuttgart und Berlin 1922, Nr. 108, S. 329–331 (nach dem Original), ohne die Anmerkungen des Herausgebers; Gesperrtes kursiv. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1860-09-15%20Marx%20a%20Ferdinand%20Lassalle).*

15. September 1860.

Lieber Lassalle!

Ich schreibe nur ganz kurz, damit Dich diese Zeilen noch treffen.

1\. An Freiligrath habe ich geschrieben (vorgestern) um Antwort auf Deine Frage. Sie ist nicht erfolgt. Natürlich, da es *gegen seine Amtspflicht*, auf solche Frage zu antworten.

2\. In bezug auf das Buch über Vogt: Nach Versuchen aller Art zum Schluß gekommen, daß nur eines möglich — *Druck in London*. Übrigens absichtlich *nicht konfiszierbar* geschrieben, obgleich nicht in Berlin druckbar, würde von Leipzig aus wie jedes andre Buch vertrieben werden in Deutschland; von hier direkt aus nach Schweiz, Belgien, Amerika. Engels zahlt einen Teil, ich einen. Aber die Sache ist teuer, da Bogen hier 4½ Pfund Sterling kostet. Einen Teil mußt Du beibringen, wenn Du kannst. Auf gut Glück habe ich den Druck gleich für nächste Woche beginnen lassen. Kommt das Geld nicht zusammen, so ist nichts verloren als nur das Druckgeld für das vorläufig Gedruckte.

3\. Garibaldi teilte meine Ansicht über *Bonapartes Mission* ganz wie Mazzini. Ich habe Briefe Garibaldis über diese Sache in Händen gehabt. Indes die Vergangenheit jetzt gleichgültig. Sobald Garibaldi (*und das ist sein Zweck, wie er ausdrücklich in einem Brief* an einen meiner englischen Bekannten (Green) schrieb) die italienische Sache von Bonaparte befreit hat, hören alle Streitfragen *innerhalb der revolutionären Partei* auf. Nun aber ist es wichtig, daß *wir* uns über ein Programm verständigen. Wenn Du ein Brouillon aufsetzen willst, so werden Engels, Wolff und ich uns mit Dir über die etwaigen Modifikationen verständigen. Der Augenblick naht heran, wo unsere „kleine“, aber doch in gewissem Sinne „mächtige Partei“ (insofern die andern nicht wissen, was sie wollen oder nicht wollen was sie wissen) ihren Feldzugsplan entwerfen muß. Daß *grade wir* (hier in England) national auftreten, scheint mir selbst als Taktik — von der innern Berechtigung abgesehen — richtig.

4\. Über unsere Rußlandbeziehung glaube ich, daß Du Dich täuscht. Die Ansicht, die ich und Engels sich gebildet haben, ist ganz selbständig, und ich kann sagen mühsam, durch vieljähriges Studium der russischen Diplomatie erzeugt. Man haßt Rußland allerdings in Deutschland, und wir haben schon in der ersten Nummer der Neuen Rheinischen Zeitung den Krieg gegen die Russen als Revolutionsmission Deutschlands hingestellt. Aber Hassen und Verstehen sind zwei ganz verschiedene Dinge.

5\. Dein Lob über mein Buch hat mich gefreut, da es von einem kompetenten Richter kömmt. Ich denke, bis Ostern wird der zweite Teil wohl erscheinen können. Form wird etwas verschieden sein, populärer to some degree. Keineswegs aus innerm Drange meinerseits, aber einmal hat dieser zweite Teil eine direkt revolutionäre Aufgabe, und dann sind die Verhältnisse, die ich darstelle, konkreter.

In Rußland hat mein Buch viel Aufsehen gemacht, und ein Professor in Moskau hat eine Vorlesung darüber gehalten. Auch habe ich grade von Russen viel freundschaftliche Zuschriften darüber erhalten. Ditto von deutsch verstehenden Franzosen.

6\. *Ad vocem H. Bürgers*. Sieht dem sanften Heinrich ähnlich. Er war allerdings nomineller Mitredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung, hat aber nie an derselben geschrieben, außer einen Artikel, von dem ich die eine Hälfte strich und die andre umwandelte. Darüber war er so erzürnt (es war in den ersten Tagen der Zeitung), daß er ans allgemeine Stimmrecht appellierte. Ich gab dies ausnahmsweis zu, gleichzeitig erklärend, auf einem Zeitungsbureau müsse Diktatur, nicht allgemeines Stimmrecht herrschen. Das allgemeine Stimmrecht erklärte sich allgemein gegen ihn. Seit der Zeit schrieb er nicht mehr. Übrigens soll ihn das Gefängnis sehr moderiert haben. Da lobe ich mir den Kasemattenwolf. Allerdings eine Bürgers diametral entgegengesetzte Natur.

Was mich mehr als Bürgers ennuyiert hat, war, daß Advokat Miquel in Göttingen, ein sehr talentvolles und energisches Mitglied unsrer Partei, sich an Bennigsen angeschlossen hat.

7\. Von Dr. Eichhoff sind in Berlin *Polizeisilhouetten* erschienen. Schlecht geschrieben, aber köstliche Tatsachen drin. Wirft ein schönes Licht auf die „liberale Polizei“ und „Gerichte“ in Berlin. Ist sofort konfisziert worden. Ein Exemplar hier glücklich angekommen.

8\. In bezug auf preußisches *Gerichtsverfahren* muß ich meine komplette Unwissenheit gestehen. Ich bildete mir nie ein, *materiell* Recht zu erhalten. Glaubte aber das Verfahren sei so, daß ich wenigstens es zur *öffentlichen Prozedur* bringen könnte. Das war alles, was ich wollte.

Ist nach (altem) rheinischem Verfahren eine Privatklage auf Injurie oder Verleumdung auch von der vorläufigen Erlaubnis der richterlichen Beamten, i. e. der Regierung, abhängig?

Salut

Dein K. M.
