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Title: Marx an Engels, [London,] 26. Dezember 1860
Description: Marx erzählt, wie er hinter das Geheimnis Ludwig Simons kam, und enthüllt die „materielle Grundlage“ der Verbindung zwischen Freiligrath und Blind: das Geschäft mit der Schillerkantate.
Author: Karl Marx
Date: 1860-12-26
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1860-12-26%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London,] 26. Dezember 1860. Text nach MEGA¹ III/2, Berlin 1930, Nr. 722, S. 534–536, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1860-12-26%20Marx%20a%20Engels).*

26. Dezember 1860.

Dear Frederick,

Der einliegende Ausschnitt der Anzeige des „Herr Vogt“ in der Genfer Grenzpost läßt schon aus den enormen letters Braß’ Liebe für Vogt erkennen. Übrigens sind in den letzten fünf Nummern der Grenzpost *sehr gute* Artikel.

In London, wie Petsch mir gestern berichtet, bis jetzt 80 Exemplare abgesetzt. Dagegen klagt er, daß in Manchester aber „ooch jar keene nicht“.

Sonst ist in den deutschen Blättern, soviel ich weiß, bisher noch nichts erschienen außer in der „*Reform*“, die eine Reihe Notizen gebracht hat (wohlwollend) und einen langen Artikel für nächste Woche versprochen. Mit der *Allg[emeinen] Augsb[urger] Z[eitung]* ist die Sache kurios. Sie hat zwei ausführliche Kritiken erhalten, die eine von Schaises Biskamp, die andre, für die Beilage, von Herrn L. Bucher. Und noch kein Wort. But nous verrons.

Also:

1. *L. Simon*. Das Buch war bis auf die letzte Seite beinahe fertig, als ich eines Abends späte, der Korrektur wegen zu Hirschfeld laufend, vorher in der City einen Augenblick auf das Office von Freund Rheinländer ging. Dieser erzählte mir mit höchst fidelem Gesicht, von Paris sei der junge Höchster (Sohn des Advokaten) nach London gekommen und dort ins Geschäft getreten. Rheinländer kannte Höchster, Vater und Sohn, sehr genau von Paris her. Jung Höchster, den ich später einmal bei R[heinländer] sah, ist ein harmloser Bursche ohne alle politischen, ich will nicht sagen Ansichten, sondern Vorstellungen. Er war Commis gewesen bei Bankier Königswärter oder ähnlich (dieser bekannte bonapartistische Name ist mir nicht ganz sicher im Augenblick), wo L. Simon der chief clerc. R[heinländer] fragte den Höchster aus über die sanfte Kunigunde. Ach, sagte der, wir haben ihn nicht gern auf dem Bureau. Obgleich der chief der clercs, ist er so ängstlich, daß er bei jedem Schritt den principal fragt, versteht auch nicht sehr viel vom Geschäft, ist verdrießlich, und dann beschäftigt er sich sehr großen Teil seiner Zeit mit Politik. Der berühmte E. About ist fast jeden Abend bei ihm, er arbeitet mit ihm zusammen; ich habe selbst gesehn, wie sie die Korrekturen einer ihrer gemeinschaftlichen Schriften durchsahn. Auf cross examination des R[heinländer] stellte sich dann „La Prusse en 1860“ als diese gemeinschaftliche Arbeit heraus. Auf dem bonapartistischen Bureau des Königswärter renommierte L. Simon rather mit seiner Verbindung mit E. About, und der junge Höchster, in der Politik wie ein neugebornes Kind, glaubte dem R[heinländer], gegen den er natürlich nicht den geringsten Verdacht hat, etwas sehr Rühmliches über L. S[imon] zu berichten. Das sonderbarste ist, daß später auf dem Essen bei Zimmermann (wo Höchster junior nicht zugeladen war) R[heinländer] ganz naiv den alten Höchster fragte, was er von meiner Denunziation gegen L. S[imon] halte? Höchster aîné erklärte, er habe sich prinzipiell seit Jahren nicht mehr beschäftigt mit Politik, die ihn schon zweimal ruiniert hätte. Doch scheine ihm das Ding unglaublich; aber R[heinländer] blieb dabei, daß ich eine sehr „zuverlässige“ Quelle besitze.

2. *Blind* hat sich in graußer Weise gerächt. Er hat Petsch et Co. seine Kundschaft aufgekündigt. Dies ist „des blinden Mannes Rache“, Alter Ziska!

3. Über Freiligrath — der heute sich laben wird an dem Pflaster, das Du ihm auf das verkältete Maul gelegt hast — und die materielle Grundlage seines Zusammenhangs mit Blind habe ich Dir früher schon, wenn ich nicht irre, geschrieben. Ganz exakt war die Sache so:

Zur Zeit der Schillerfeier (1859) bot der edle Dichter *durch seinen Agenten Blind* die bekannte Kantate erst der Direktion des Kristallpalasts an. Sie sollte ihm in hand cash 40 £ St. down zahlen für die Erlaubnis, die berühmte Kantate *drucken* und *an dem Tage* der Schillerfeier *im Kristallpalast* verkaufen zu dürfen. Den sonstigen Vertrieb behielt der merkantilische Poet sich selbst vor. Die Direktion dankte schönstens für die Güte und ersuchte Herrn F[reiligrath], seine Kantate selbst zu hausieren.

Nun ließ der Edle, angeblich auf eigne Kosten, 20000 Stück der Scheiße bei Hirschfeld drucken. Produktionskosten 40 £. Nach dem Plan des edlen Dichters sollte *die Hälfte* des Erlöses der Schilleranstalt gewidmet sein, die andre Hälfte seinen propriis laribus, so daß er nach Abzug der Produktionskosten (Stück per Stück zu 6 d. war sein Preis) 210 £ St. für sich gecleared und noch obendrein mit seiner Großmut in Deutschland renommiert hätte.

Aber die Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Es wurden vielleicht (all in all) in ganz England ein paar hundert copies, und zwar nur durch äußerste Notzucht von Privatpersonen, an den Mann gebracht.

Jetzt also war Holland in Not. Blind wirkte nun von morgens bis abends und von abends bis morgens, um das Schillerkomitee in London zur Zahlung der Druckkosten zu vermögen, was endlich nach heftigen Debatten gelang. Hinc illae lacrimae.

Die vielen auf Lager befindlichen copies hat Freiligrath seinem blinden Freund zum Vertrieb anvertraut, und dieser unermüdliche Kleinmogler hat noch letzten November (1860) eine eigne Schillerfeier zusammenintrigiert in London, um F[reiligrath]s Makulatur loszuschlagen. Kein Wunder also, daß F[reiligrath] nach wie vor seinem Blind „nah steht“. F[reiligrath] versteht sich auf seinen Privatvorteil wie kein andrer, und das shopinterest (den Dichterruhm, of course, eingeschlossen) avant tout.

Noch eine für den Blind charakteristische drollery bei dieser Gelegenheit zu erwähnen.

Ohne Freund Freiligrath und Freund Kinkel zu unterrichten, hatte der tiefsinnige Blind ganz im stillen (aus dem bekannten 100 £ fonds) etwas Vorläufiges oder ein vorläufiges Etwas über Schiller und Blum drucken lassen. Morgens um halb achte, als noch niemand Böses dachte, postierte er am Eingang des Palastes eine Kiste mit seinem „radikalen Flugblatt“, überwacht von dem Morning Advertiser entliehenen Laufburschen, die die Schmiere jedem Besucher in die Hand gaben. Fragte einer wieviel es koste, so wurde ihm mit Rücksicht auf seine äußere appearance 6 d., 3 d., bis hinab auf 1 d. abgenommen. Fragte einer nicht, so erhielt er die Schmiere gratis. Und so, ehe noch Kinkels Rede oder F[reiligrath]s Kantate an Ort und Stelle, hatte der badensische Schlaukopf den Rang abgelaufen und seinen Schund Gott und der Welt aufgedrängt.

Salut. Die Kinder wieder im Hause. Gruß an lupus.

Thanks for the article.

Dein K. M.
