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Title: Marx an Engels, [London,] 9. April 1863
Description: Marx verspottet Lassalles Offenes Antwortschreiben und Blinds Selbstreklame in Glasgow, berichtet über das Meeting der Trade Unions mit Bright und liest Engels’ Buch über die englische Arbeiterklasse wieder.
Author: Karl Marx
Date: 1863-04-09
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1863-04-09%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London,] 9. April 1863. Text nach MEGA¹ III/3, Berlin 1930, Nr. 829, S. 136–138, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1863-04-09%20Marx%20a%20Engels).*

9. April 1863.

Lieber Frederick,

Tussychen war sehr entzückt über den Brief und seinen Inhalt und wird sich nicht abhalten lassen, Dir „persönlich“ zu antworten.

Mieroslawskis Plonplonismus war mir seit Jahren mit allen seinen Details durch J. Ph. Becker und Schily bekannt. Übrigens hatte ich ihn schon früher aus seinem Buch ersehn, das während des letzten Kriegs zwischen Rußland und Türkei erschien. Der Edle schlug dabei u. a. vor, Deutschland in 2 Länder zu teilen. Was den Koscielski dagegen betrifft, ist mir die Sache neu. Über die lächerliche Eitelkeit und namenlose Leichtgläubigkeit M[ieroslawski]s, sobald auf seine Eitelkeit gezogen wird, hat Becker mir 1860 von Italien aus höchst possierlichen Bericht geschickt.

*Itzig* hat schon 2 Broschüren wieder über seinen Prozeß veröffentlicht, die er mir glücklicherweise *nicht* mitgeteilt. Dagegen schickt er mir vorgestern sein offenes *Antwortschreiben* an das Zentralarbeiterkomitee für den Leipziger Arbeiter (lies *Knoten*) Kongreß. Er gebärdet sich — sehr wichtig mit den uns abgeborgten Phrasen um sich werfend — ganz als künftiger Arbeiterdiktator. Die Frage zwischen Arbeitslohn und Kapital löst er in „spielend leichter Weise“ (verbotenus). Nämlich die Arbeiter müssen für *allgemeines Wahlrecht* agitieren und dann Leute wie ihn „mit der blanken Waffe der Wissenschaft“ in die Abgeordnetenkammer schicken. Dann bilden sie Arbeiterfabriken, wozu der *Staat* das Kapital vorschießt, und diese Anstalten umfassen by and by das ganze Land. Dies ist jedenfalls überraschend neu! Einen Satz will ich Dir zitieren:

„Daß heute schon von einer deutschen Arbeiterbewegung die Frage diskutiert wird, ob die *Assoziation* in *seinem* (Schulze-Delitzsch’s) oder *meinem Sinne aufzufassen sei* — das ist zum großen Teil *sein* Verdienst. Das eben ist sein *wahres* Verdienst, und dies Verdienst läßt sich nicht zu hoch veranschlagen. . . . Die Wärme, mit welcher *ich dies Verdienst anerkenne*, darf uns nicht verhindern usw.“ Ça ira.

Zur selben Zeit, wo Palmerston in Glasgow war, ließ sich ein andrer großer Mann daselbst ankündigen, Studiosus *Karl Blind*. Vor seiner Ankunft schickte er der Glasgow „*North British Mail*“ eine Notiz zu, überschrieben M. *Karl Blind* und unterhauen von der Redaktion mit dem verhängnisvollen Wort: „*Communicated*“.

Dies merkwürdige *Communiqué* — wie alle über ihn roulierenden Zeitungsnotizen *von ihm selbst* geschrieben, durch den Esel McAdam in das Blatt gebracht — beginnt mit folgender *einzigen* Introduktion:

„At the present moment when a patriot exile is about to visit Glasgow, for the purpose of bringing under public notice the merits of the Polish question, it is fitting that a few remarks should be made upon his political career, and more especially so from *the unfortunate fact* that he is *comparatively* unknown in Scotland. German by birth and German by exile, M. Karl Blind’s efforts have not come *so prominently and so persistently before Europe* as to have gained for him *universal admiration* from the liberating party, or *universal execration* from the oppressing party. He has hitherto stood in that middle way, where *he has the honour of being both beloved and hated*; but in these *two contending ranks* which have rendered to him their tribute *after its* kind **the whole of Europe is not ranged,** M. Karl Blind having *the satisfaction of knowing* there is a *third section of his friends* who are simply indifferent. He therefore comes before the Scottish public with perhaps less prejudice against him than has been *the case* with most of the *distinguished exiles* who *preceded* him.“

Folgt dann eine kurze biographische Notiz über den great unknown, worin Schottland und „the third section“ of mankind belehrt werden, daß dieser „M. Karl Blind“ is a native of Baden, and was originally, *like Kossuth and Mazzini, trained to the law*. Daß die „Badish revolution . . . *the result of his* propagandism“ war, daß die „Governments of Baden and the Palatinate“ ihn im Juni „in the capacity of diplomatic envoy“ nach Paris sandten usw., und wirkt „in that spirit of co-operation which so distinguishes the more celebrated exiles!“

Ist das nicht „scheen“?

Meine Frau ist seit zwei Wochen bettlägerig und fast ganz taub, der Teufel weiß, woher. Jennychen hat wieder eine Sorte von Diphtherieattacke. Wenn Du mir einigen Wein für beide (für Jennychen will Allen Portwein) schicken kannst, so sehr lieb.

Hier in London hält jetzt ein Pfaffe (im Unterschied von den Atheisten, die in Johnstreet predigen) deistische Predigten für die Bürger, worin er sich voltairisch über die Bibel erlustigt. (Meine Frau und Kinder waren zweimal da und lobten ihn als Humoristen.)

Ich wohnte dem Meeting bei, das Bright an der Spitze der Trade Unions hielt. Er hatte ganz das Aussehn eines Independent, und so oft er sagte „In the United States no kings, no bishops“ war ein burst of applause. Die Arbeiter selbst sprachen *vorzüglich*, mit völliger Beseitigung aller Bürgerrhetorik, und ohne ihren Gegensatz gegen die Kapitalisten (über die Vater Bright übrigens auch herfiel) im geringsten zu verdecken.

Wie bald die englischen Arbeiter von ihrer scheinbaren Bourgeoisansteckung sich befreien, muß man abwarten. Im übrigen, was die Hauptgeschichten in Deinem Buch betrifft, sind sie bis ins kleinste durch die spätere Entwicklung seit 1844 bestätigt worden. Ich habe das Buch nämlich selbst wieder mit meinen Notizen über die Nachzeit verglichen. Nur die kleinen deutschen Spießgesellen, die die Weltgeschichte an der Elle und der jedesmal „interessanten Zeitungsnachricht“ messen, können sich einbilden, daß in dergleichen großen Entwicklungen 20 Jahre mehr als ein Tag sind, obgleich nachher wieder Tage kommen können, worin sich 20 Jahre zusammenfassen.

Das Wiederlesen Deiner Schrift hat mich mit Bedauern das Altern merken lassen. Wie frisch, leidenschaftlich, kühn vorausgreifend und ohne gelehrte und wissenschaftliche Bedenken wird hier noch die Sache gefaßt! Und die Illusion selbst, daß Morgen oder Übermorgen das Resultat auch geschichtlich ans Tageslicht springen wird, gibt dem Ganzen eine Wärme und lebenslustigen Humor — wogegen das spätere „Grau in Grau“ verdammt unangenehm absticht.

Salut.

Dein K. M.
