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Title: Marx an Engels, [London,] 7. Mai 1870
Description: Marx über das angebliche Komplott gegen Bonaparte, die Hetze gegen die Internationale, die Unmöglichkeit einer Auslieferung Flourens’ nach englischem Recht, Robins Niederlage in Paris und Bakunins neuen „Kolokol“.
Author: Karl Marx
Date: 1870-05-07
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1870-05-07%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London,] 7. Mai 1870 (auf Briefpapier des Generalrats der Internationale). Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1368, S. 316–319, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1870-05-07%20Marx%20a%20Engels).*

7. Mai 1870.

Dear Fred,

Es sind diese Woche allerlei interessante Dinge hier vorgegangen. Doch ist die englische Post in diesem Augenblick zu inquisitive, und ich fühle keinen Beruf in mir, sie indirekt mit Nachrichten zu supply. Also darüber später mündlich.

Die *Marseillaise* ist heut nicht angekommen. Sie ist möglicherweise mit Beschlag belegt. Wir hatten letzten Mittwoch selbiger telegraphisch angezeigt, sie würde den Beschluß des Generalrats Donnerstag im französischen Original erhalten, solle nicht aus dem Englischen sie übersetzen. Dies Telegramm ist natürlich sofort zu Augen der Pariser Polizei gekommen, und Pietri wünschte vielleicht nicht unsre Bekanntmachung einen Tag vor dem Plebiszit.

Die abgeschmackten Reuter-Havasschen Telegramme haben uns endlich die längst gewünschte Gelegenheit gegeben, öffentlich in den Pariser Journalen zu erklären, daß die so called London French Branch *nicht zur Internationale* gehört.

Der *Standard* publizierte gestern und vorgestern zwei Sauartikel gegen die *Internationale*, direkt aus der französischen Gesandtschaft diktiert, wie ditto die Artikel im Londoner französischen Blatt „*L’International*“.

Alle Londoner Blätter haben von *Bruce* Anweisung erhalten — und befolgen das natürlich als geborne Hunde —, kein Wort in ihren Spalten fallen zu lassen über die Schritte, welche die *englische Polizei* mit Bezug auf *Flourens* und den *Internationalen General Council* (man macht aus beiden einen hodge podge) ganz im Stillen während der letzten Woche genommen hat.

*Zehntausend* copies von eben besagten *Standardnummern* sind nach Frankreich geschickt worden. Dies ist auch Zahlungsmanier, oder hätte die Société du 10 Décembre plötzlich Englisch gelernt?

Letzten Dienstag war das Gerücht in London verbreitet, wir würden in unsrem Sitzungslokal verhaftet werden. Es hatten sich daher auch ausnahmsweis Nachrichtlustige press Reporters eingefunden.

In England vergessen die Kerls im Augenblick einer panic sofort ihre eignen Gesetze und lassen sich durch die teils ignorante, teils bewußt lügende Presse fortreißen.

Nehmen wir der Polizei zulieb an, alles, was Grandperret, Reuter und das Journal Officiel berichten, sei ein Evangelium. Dennoch könnte die englische Regierung *nichts* tun, außer höchstens sich lächerlich machen.

Von *Auslieferung* des Flourens — der *Gaulois* sagt, sie sei verlangt — kann d’abord gar keine Rede sein. Es existiert nur *ein* Auslieferungsvertrag zwischen Frankreich und United Kingdom, der von 1843. 1865 erklärte die französische Regierung, sie werde ihn nach 6 Monaten aufkündigen, weil er praktisch wegen der English laws of evidence unausführbar sei. 1866 wurden daher einige auf die Evidence bezügliche Formalitäten geändert, ohne irgend eine Änderung im Inhalt des Vertrags. Es sind in demselben sehr genau die Verbrechen spezifiziert, die Auslieferung nach sich ziehn, u. a. Mord (Vatermord (parricide), infanticide und Giftmord) und Mordattentat, notabene, Attentat in dem Sinne qu’il y avait un *commencement d’exécution* „the *direct* consequence of which would probably be the death of the individual whose life was attacked“. Nach *diesem* Vertrag könnte also Burry z. B., wenn er nach England geflüchtet wäre, *nicht* ausgeliefert werden, und um so viel weniger Flourens.

Die einzige Frage ist, ob ein Foreigner *hier* von einem englischen Tribunal wegen *complicity in a conspiracy to commit the crime of murder abroad* verurteilt werden kann?

Bis 1828 konnte Niemand — Engländer oder Foreigner — hier verfolgt werden wegen murder committed out of the United Kingdom. Die englischen Duellisten benutzten dies. Nach Sect. 7 of 9, Geo. IV vorgesehn, „that if *any of* H. M’s. ‚*Subjects*‘ should be charged with murder or with any accessory to murder committed on land out of the United Kingdom he should be *triable* for such offences in the United Kingdom“.

Das Gesetz wurde in der Tat für englische Duellisten gemacht und bezieht sich daher nur auf „Her Majesty’s *Subjects*“.

1858 bei dem trial von Dr. Bernard plädierte er daher „that the *Court had no jurisdiction*“. Der servile court behielt diesen Punkt vor, ohne darüber zu entscheiden, und verordnete, daß zunächst a Plea of Not Guilty should be recorded. Sein acquittal verhinderte jede weitere Entscheidung über diesen legal point.

Gleich nach dem Orsini plot von 1858 brachte Palmerston *conspiracy* bill ins House of Commons, „with the object of making *conspiracy* to commit murder either within the United Kingdom or within the territory of any Foreign State a *felony*“. Diese bill wurde dadurch gerechtfertigt, daß

1. „conspiracy was only a *misdemeanour*“ und daß nach dem englischen law eine conspiracy to murder nichts mehr und nichts weniger sei als a conspiracy to blacken a man’s character.

2. Und dies wurde sehr gründlich vom Attorney General — Sir R. Bethell — nachgewiesen, „that the 9 Geo. IV Sect. 7 only applied to *national born British subjects*, and that *Foreigners resident in this United Kingdom could conspire to commit murder abroad with impunity*“.

Die Conspiracy-Bill fiel bekanntlich durch, und mit ihr fiel Lord Palmerston for the time being.

Der ganze Lärm der englischen und französischen Presse also reiner Blödsinn. Im schlimmsten Fall könnte Flourens wegen misdemeanour verfolgt werden, um endlich eine definitive judicial decision über den Akt 9 Geo. IV Sect. 7 zu erhalten und sicher damit durchzufallen und zu einer Vorlage von Conspiracy-Bill gezwungen zu sein. Gladstone wird den Teufel versuchen, was dem Palmerston nicht gelang.

Wenn dieser plot — zur assassination des Badinguet — keine bloße Polizeierfindung, so ist er jedenfalls die größte menschenmögliche Albernheit. Glücklicherweise ist das Empire selbst nicht mehr durch die Dummheit seiner Feinde zu retten.

Bakunins Agent *Robin*, jetzt in Paris und Mitglied der Pariser Fédération (*Internationale*) hat in selbiger sofort Antrag gestellt, den neuen *Conseil Romand* als den echten anzuerkennen und in der *Marseillaise* öffentlich anzuzeigen, daß nur dessen Anhänger wirkliche members der *Internationale*. Doch hatten wir unsre Leute in Paris avertiert. Robin fiel daher glänzend mit seinem Antrag durch. Es wurde beschlossen, die *Fédération Parisienne* habe durchaus keine autorité zur Einmischung, die Sache gehöre vor den Conseil Général zu London. Die Sache aber charakteristisch für den Operationsmodus des Gospodin Bakunin.

Der Pariser plot macht dem schon weit gereiften Plan, den *Kongreß in Paris* abzuhalten und bei der Gelegenheit auch den Generalrat dahin zu verlegen, ein Ende mit Schrecken.

Ich habe von Bakunin die 5 ersten Ns. des Kolokol neben französischem supplément erhalten. Das russische Programm gleich ist sehr charakteristisch. Dies Blatt wird keineswegs der Ausdruck einer *ausschließlichen Partei sein* (Выраженіе какой-либо исключительной партіи), sondern aller anständigen Leute (честныхъ людей), welche die „Befreiung Rußlands“ wollen und mit „den jetzigen Zuständen unzufrieden“ sind. Keine Prinzipienreiterei, vor allem *praktisch*! Wir, unsrerseits, das westliche Europa und United States, haben uns dagegen *ausschließlich* auf Propaganda der *Theorie* des Herrn Bakunin (i. e. der Absenz aller Theorie) zu beschränken, und zwar in der Art, als ob bereits alle Nationen abgeschafft seien. Er verbietet uns daher auch alle Einmischung, sei es in innere, sei es in auswärtige Politik. Welch ein Schlaukopf!

Mit Borkheim geht es langsam voran, doch Besserung. Ich war letzten Donnerstag wieder bei ihm (zog mir bei dieser Tour scheußlichen Schnupfen zu, der mich fast toll macht). Er war sehr entzückt über Deinen Brief. Aus seinem „einliegenden“ siehst Du sein Bedürfnis, sich lächerlich zu machen. Die Vornehmheit, mit welcher er — ein geborner Kladderadatsch — über Lever urteilt — war so herablassend, zu lachen dann und wann, entschuldigt dies mit seiner Krankheit —, und die Naivität, mit der er glaubt, man könne ihm wie Brombeeren Harry Lorrequers par douzaines verschaffen! Ich schickte ihm nach diesem den Peter Simple, den er in der Tat „viel besser“ findet.

Schapper wurde letzten Mittwoch begraben. Was Du von biographischen Notizen über ihn im Kopf hast, schreib mir nieder. Man muß doch eine kurze Nekrologie machen.

Compliments to Mrs. Lizzy, Moore, Jollymeyer.

El Moro. (Der Bart wird täglich weißer.)

Du erhältst beigehend: 2 Nummern der *Egalité* und von den pamphlets plébiscitaires „*Aux Electeurs*“, „*Par Alceste*“ (fein geschrieben), „*Le Plébiscite Impérial*“ par *Rogeard* (grundschlecht), „*Le Plébiscite de Boquillon*“ par A. *Humbert* (einer der *Marseillaise*-Redakteure, famose Burleske, im Stil von Offenbachs Musik).
