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Title: Marx an Engels, [London,] 5. Juli 1870
Description: Marx über Duponts Übersiedlung nach Manchester, Lopatin und seine Enthüllungen über Netschajew, Tschernyschewskis Verurteilung und Flerowski.
Author: Karl Marx
Date: 1870-07-05
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1870-07-05%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London], 5. Juli 1870. Mit Nachschrift von Jenny Marx (Tochter). Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1377, S. 331–335, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1870-07-05%20Marx%20a%20Engels).*

5. Juli 1870.

Dear Fred,

Du mußt die Unterbrechung der Korrespondenz seit meiner Rückkehr nach London entschuldigen. There was so much international and other business pressing upon me.

Dupont, dessen eines Kind (baby) vorläufig bei seinem Schwager, zweites bei Seraillier untergebracht ist, drittes bei ihm selbst — alle kleine Mädchen —, hatte unterdes zwei offers als Art manager oder Hauptoverlooker erhalten (in Blasmusikinstrumentfabriken), eine von Paris, andre von Manchester. Ich riet ab gegen No. I, weil er dort nicht nur bald verhaftet, sondern auch ganz in quarrels mit den verschiednen Cliquen dort absorbiert werden würde. Ich riet dagegen sehr für No. II, trotz seiner Abneigung dagegen. Er hat also akzeptiert bei J. Higham, 131 Strangeways, Manchester. (Brass Musical Instruments.)

Die Schwierigkeit ist, daß er das eine Kind, No. II, gleich mitbringen muß und die beiden andern in wenigen Wochen nachkommen lassen will. Er braucht daher kleines Häuschen in Manchester und irgendeine zuverlässige weibliche Person für Wartung der Kinder und domestic management. Sein Einkommen zunächst 3 £ weekly. Könnte Lizzy nicht für letztres direkt oder indirekt etwas tun?

Dupont ist politisch ein Charakter, aber privatim enorm schwach. D’abord verträgt er nur sehr wenig Spirituöses, ohne gleich sehr excited zu werden. Secondly läßt er sich leicht von seiner Umgebung beherrschen und ausbeuten.

Er wird vielleicht noch im Lauf dieser Woche nach Manchester kommen. Jedenfalls schreibe ich Dir über den Tag seiner Ankunft vorher.

Aus einliegendem Brief von Meißner wirst Du sehn, wie die Sache dort steht. Auf die Trittbriefe von Kugelmann, der 12. August abreist nach Karlsbad und mit Hausmiete auf meine Erklärung wartet, habe ich geantwortet mit Meißners Brief. Ich erinnerte ihn, daß Meißner in seiner Gegenwart mir bestimmte Aussicht auf zweite Auflage und Zahlung für Ostermesse gemacht, und setzte hinzu, daß, under present circumstances, ich nicht sagen könnte, weder wann, noch ob ich überhaupt nach Karlsbad gehn würde. Hence sein einliegender Brief. Ich habe noch nicht geantwortet, weil wir noch warten auf Antwort von Dublin von wegen O’Donovan Rossas Photogramm.

Lafargue hatte mir angezeigt, daß ein junger Russe, Lopatine, von ihm ein Empfehlungsschreiben bringen würde. L[opatine] besuchte mich Sonnabend, ich lud ihn für Sonntag ein (war bei uns von 10 o’clock bis Abends 12) und retournierte Montag nach Brighton, wo er wohnt.

Er ist noch sehr jung, war 2 Jahre im Karzer, nachher 8 Monate Festungsgefängnis im Kaukasus, von wo er entfloh. Er ist Sohn armen Adligens und hatte sein Brot auf der Universität von St. Petersburg sich durch Stundengeben zu verdienen. Lebt jetzt sehr dürftig von Übersetzungen für Rußland. Wohnt in Brighton, weil er dort 2—3mal täglich gratis — in gewisser Entfernung von offiziellem Badeplatz sich im Meer baden kann.

Ein sehr aufgeweckter, *kritischer* Kopf, heitrer Charakter, stoisch wie ein russischer Bauer, der mit allem vorlieb nimmt, was er findet. Schwacher Punkt: *Polen*. Hier spricht er ganz wie ein Engländer — say an English chartist of the old school — von Irland.

Er erzählte mir, daß die ganze Geschichte von Н[ечаевъ] (23 Jahre) erstunken und erlogen. Н[ечаевъ] hat *nie* in einem russischen Gefängnis gesessen, die russische Regierung hat nie ein Assassinat auf ihn unternommen etc.

Die Sache ist die. Н[ечаевъ] (einer der wenigen Agenten Bakunins in Rußland) gehörte einer geheimen Gesellschaft an. Ein andrer junger Mann X., reich und enthusiastisch, unterstützte diese Gesellschaft via Н[ечаевъ] mit Geld. One fine morning erklärte X. dem Н[ечаевъ], er werde keinen Kopeken weiter geben, da er nicht wisse, was mit dem Geld geschehe. Herr Н[ечаевъ] schlug darauf (vielleicht, weil er keine Rechenschaft über das Geld ablegen konnte) seinen Geheimbündlern vor, den X. zu ermorden, weil er *künftig* einmal seine Ansichten wechseln und Verräter werden könne. *Er hat ihn wirklich ermordet.* Er ist also von der Regierung einfach *als Mörder* vulgaris verfolgt.

Lopatine in Genf stellte d’abord den Н[ечаевъ] persönlich zur Rede (wegen seiner Lügen), der sich mit der politischen Sensationsnützlichkeit für die sogenannte Sache entschuldigte. Lop[atine] erzählte dann die Geschichte dem Bakunin, der ihm sagte, als „bon vieillard“ habe er alles geglaubt. B[akunin] forderte dann den Loplatine] auf, dies in Gegenwart des Н[ечаевъ] zu wiederholen. Loplatine] ging sofort mit B[akunin] zu Н[ечаевъ], wo sich die Szene wiederholte. Н[ечаевъ] schwieg. Solange Loplatine] in Genf war, hielt sich Н[ечаевъ] sehr bescheiden, muckste nicht mehr. Kaum war Loplatine] nach Paris abgereist, als die Affenkomödie von neuem begann. Kurz nachher erhielt Lop[atine] einen insultierenden Brief von Bakunin über diese Affäre. Er antwortete ihm noch insultierender. Resultat: Bakunin schrieb einen pater peccavi Brief (in Lop[atines] Besitz *hier*), aber — il est un bon vieillard crédule. (En passant: L[opatine] sagt, daß ganze Sätze von Borkheim absolut unverständlich und absoluter Blödsinn im Russischen sind, nicht nur grammatisch falsch, sondern „gar nisch“! Und der Narr Borkheim hat unterdes, wie er mir vor meiner Zusammenkunft mit Loplatine] mitteilte, durch Freund Eichhoff in Berlin einem dortigen Deutschen, — der als russischer Interpret von der Berliner Polizei angewandt wird, sein Machwerk zukommen lassen, um von ihm ein offizielles Attestat zu erhalten, daß *er* russisch schreiben kann. Das Talent unsres Gaudissart fürs unbewußt Komische ist denn doch unrivalled!)

Чернышевскій, erfuhr ich von L[opatine], wurde 1864 zu 8 Jahren travaux forcés in den sibirischen Minen verurteilt, hat also noch zwei Jahre zu schanzen. Das erste Gericht war anständig genug zu erklären, daß absolut *Nichts* gegen ihn vorliege und die angeblichen umtrieberischen Komplott-Geheimbriefe evidente *forgeries* seien (was sie waren). Aber der *Senat*, auf kaiserlichen Befehl, warf dies Urteil allerhöchst um und sandte den listigen Mann, der so „geschickt sei“, hieß es im Urteil, „daß er seine Schriften in einer gesetzlich unantastbaren Form halte und dennoch darin öffentlich Gift ausschenke“ — nach Sibirien. Voilà la justice russe.

Flerowski ist in besserer Lage. Er ist nur in administrativer Verbannung in einem kleinen Nest zwischen Moskau und Petersburg!

Du hattest richtig gerochen, daß *Flerowski ein Pseudonym* ist. Doch sagt Lopatine, daß der Name, obgleich nicht ursprünglich russisch, häufig unter russischen Pfaffen vorkommt (namentlich *monks*, die ihn für die russische Übersetzung von Fleury halten und ebenso große Leidenschaft für wohlriechende Namen haben wie die deutschen Juden). Lopatine ist von Haus Naturalist. Dies war sein Fachstudium. Er hat aber auch kommerzielle Geschäfte getrieben, und es wäre ein Glück, wenn man ihm etwas derart auftreiben könnte. Ich werde darüber mit Borkheim und Pohl sprechen. Über Paris etc. nächstens.

Dein Mohr.

Apropos! Jennychen will wissen, ob sie Dich nicht als Verfasser der Note nennen soll?

Dann — sie ist sehr eigensinnig — will sie mir nicht ohne Deine Spezialerlaubnis erlauben, einige Worte im Manuskript zu ändern! 

My best compliments to Mrs. Lizzy.

[Nachschrift von Jenny Marx]

5 July 1870.

Dear Engels,

Thank you very much for your letter and the most interesting notes. I only hope Mr. Risse would interlard them with the Judenkirschen of which he seems to have a plentiful stock on hand. For O’D[onovan] Rossas portrait I have written to Pigott. In case a good photograph is not to be had, of course, I can as you say, send Kugelmann the print which appeared in the Irishman.

With many thanks, I remain

Affectionately yours Jenny.
