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Title: Engels an Marx, Manchester, 22. Juli 1870
Description: Engels über den deutschen Nationalkrieg, die Mobilmachung beider Armeen und Bonapartes sichere Niederlage; Angebot von Kriegsartikeln für die Pall Mall Gazette.
Author: Friedrich Engels
Date: 1870-07-22
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1870-07-22%20Engels%20an%20Marx
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*Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, Manchester, 22. Juli 1870. Mit beiliegenden Notizen von Engels. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1383, S. 341–345, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1870-07-22%20Engels%20a%20Marx).*

Manchester, 22. Juli 1870.

Lieber Mohr,

Bravo Kugelmann! Man sieht, der Mann hat seine Schule nicht umsonst durchgemacht. Die Hypothese ist ganz im Geist der Aktoren und erklärt Alles. Ist sie aber in der Tat richtig, so ist wenigstens dem Bismarck die Geschichte schon über den Kopf gewachsen. Es ist den Herren offenbar gelungen, in Deutschland einen vollständigen Nationalkrieg hervorzurufen. Die vielen tâtonnements von wegen deutscher Gebietsabtretung, Luxemburg usw., wodurch L. Bonaparte, wie üblich, das Publikum schon vorher an das bevorstehende fait accompli gewöhnen wollte, haben beim deutschen Michel ganz umgekehrt gewirkt. Er ist offenbar diesmal ganz mit sich einig darüber, daß diesem Schwindel ein für allemal ein Ende gemacht werden muß. Demgegenüber, und auch den beiden Armeen und dem alten eigensinnigen Wilhelm gegenüber, ist kein Scheinkrieg möglich, on ira au fond.

Das plötzlich eingetretene Schwanken und Zaudern in den — offenbar auf Mitte dieser Woche berechneten — französischen Operationen ist Beweis, daß L[ouis] B[onaparte] einsieht, wie sehr er sich verrechnet hat. Das rasche Eintreten der Süddeutschen und dann die Gewißheit, daß er es mit dem deutschen Volk selbst zu tun haben wird, hat die rasche Überrumpelung von Mainz durch ein Bombardement und eine Pointe in der Richtung auf Würzburg *mit nur halb gesammelten Kräften vereitelt*. Wenn überhaupt, muß er jetzt mit *allen* Kräften angreifen. Das hat aber noch Zeit. Die 4. Bataillone der Regimenter zu bilden, ist erst am 15. oder 16. *befohlen* worden, ihre Cadres bestehn aus 4 Kompagnien der 3 Feldbataillone jedes *Regiments*, müssen also erst auf 6—8 Kompagnien *erhöht* und durch Reserven *vervollständigt* werden. Die Einziehung der *Beurlaubten* erfolgte in *Paris* am 19. und 20., die der *gedienten* Reserven 21. und 22. Juli, die der ungedienten Reserven morgen. Die ersten beiden Kategorien müssen erst zu ihren Regimentern eintreffen, ehe diese komplett sind. Und dadurch wird die Eröffnung der Kampagne — Scharmützel abgerechnet — bis Mitte nächster Woche mindestens verschoben. Dann aber können die Deutschen so stark sein, daß Bonaparte die vierten Bataillone abzuwarten für nötig hält, und das gibt wieder 8—14 Tage Aufschub. *Und dann ist er foutu.*

Gestern erzählte mir ein hiesiger deutscher Philister, er sei Samstag in Westfalen auf der Eisenbahn mit einem preußischen General gereist, der ihn für einen Engländer gehalten und englisch mit ihm gesprochen. Der sagte: It is true enough, we are about ten days behindhand, but if during ten days you do not hear that we have suffered a great defeat, we shall soon have your sympathies. Auf die Frage, was er damit meine, sagte er: The sympathies of the English, you know, are always on the side of success.

Die Mobilmachung hat in Norddeutschland am 16., in Baiern am 17. angefangen. Reserven und Landwehrinfanterie können in ca. 8 Tagen, das übrige wird in 13 Tagen vom Anfang der Mobilisation fix und fertig. Am 25. wird also die gesamte Infanterie, am 30. Alles fertig sein. Da aber die Reserven sich schon unaufgefordert massenweise stellen, so wird die Feldarmee noch früher fertig. Am Rhein stehn, sicher, das 7., 8., 11. und 12. Armeekorps. Die Garde ist ebenfalls von Berlin weg, wie mir Borchardt sagt, der gestern von da ankam; ich vermute nach Baiern, um unter dem schönen Kronprinzen zu dienen. Die Durchzüge von Truppen aus dem Osten durch Berlin sollten gestern beginnen. Von Sonntag oder Montag an wird Bonaparte höchstens die Pfalz besetzen können, aber nicht mehr über den Rhein können, ohne große Fehler der Andern. Von Ende nächster Woche an können die Deutschen angreifen und eine Armee nach Frankreich hineinwälzen, die Alles, was B[onaparte] ihr entgegenstellt, niederwerfen muß, wenn auch nach mehrmaligem hartem Kampf. Ich halte, wie die Sachen jetzt stehn, eine für Bonaparte glückliche Kampagne für eine Unmöglichkeit.

Ich hätte wohl Lust, der P[all] M[all] Gaz[ette] 2 Artikel wöchentlich über den Krieg für *gute* bare Zahlung zu machen; ich will einen über die Militärorganisation probeweise anfertigen. 3—4 Guineen pro Artikel sollte man haben, der Guardian zahlte mir damals 2 Guineen und hätte mehr gezahlt. Kannst Du das morgen in Ordnung bringen, so laß mich’s gleich wissen. Als Korrespondent ins preußische Hauptquartier zu gehn, hat viele Haken, der größte heißt Stieber, und dabei würde ich dort weniger kritischen Blick haben als hier.

Was wir hier getrieben, siehst Du aus inliegenden Ausschnitten. Der Guardian-Report ist von uns selbst, was ein penny a liner daraus macht, beweist inliegender Bericht des Courier — zum Totlachen. Es ist wohl das erste Mal, daß die französischen Arbeiter in Manchester von deutschen Philistern und Commis fanatisch applaudiert worden sind.

An Dupont hab’ ich geschrieben, ich denke ihn heute Abend zu sehn.

Wohin willst Du an der sea side? An der Ostküste ist südlich vom Humber Nichts. Nördlich Scarborough — teuer und voll, und Bridlington Quay; wenn Du Letzteres nimmst, könnten wir uns dort treffen. Die £ 40 schick’ ich Dir, sobald Du willst.

Ich wollte, die verdammte Panik hörte etwas auf, ich muß shares verkaufen.

Den Rößler hab’ ich mir noch aufgespart.

Wilhelms Volksstaat letzte No. ist mir nicht zugekommen. Grade jetzt ärgerlich.

Beste Grüße von Lizzie und mir an Euch Alle.

Dein F. E.

Kugelmann inliegend retour.

Hast Du gelesen, wie Bon[aparte] jetzt mit der Marseillaise kokettiert und die edle Therese sie allabendlich mit ihrer grosse voix de sapeur vorträgt?

Die Marseillaise im Maul der Therese, das ist das leibhaftige Bild des Bonapartismus. Pfui Teufel.

[Dem Briefe liegen folgende Notizen von Engels bei:]

*Norddeutsche Bundesarmee.*

| | | |
|:--|--:|--:|
| 1 Gardekorps und 12 Linien-Korps: Summa 114 Regimenter Infanterie à 3 Bataillone | = Bataillone | 342 |
| Jäger und Schützen-Bataillone | = „ | 16 |
| Hessische Division: 4 Regimenter à 2 Bataillone und 2 Bataillone Jäger | = „ | 10 |
| | Linie-Bataillone | 368 |
| *Landwehr.* 93 Regimenter à 2 Bataillone und 12 lose Bataillone | = Bat. 198 | |
| Hessen angeschlagen zu | „ 6 | 204 |
| | Fertig organisiert Bataillone | 572 |

Ersatztruppen werden organisiert, sobald die Feldarmee und Landwehr mobil gemacht ist, und zwar ohne weiteren speziellen Befehl:

| | | |
|:--|--:|--:|
| Linie, 4-te Bat. von 114 Regimentern | Bataillone | 114 |
| Landwehr, 3-te „ „ 93 „ | „ | 93 |
| | Bataillone | 779 |

Für diese Ersatztruppen sind die Offiziere sofort bei der Mobilmachung auszuscheiden, sie können 4—6 Wochen nach der Mobilmachungsordre fertig sein, es sind *die besten Bataillone der Armee*. Sowie sie organisiert sind, wird mit den 5-ten Bataillonen der Linie und den 4-ten der Landwehr angefangen, usw. Es sind also organisiert:

| | | |
|:--|--:|--:|
| Linie, 368 Bataillone à 1000 Mann | 368 000 | |
| Landwehr, 204 „ à 800 „ | 163 200 | 531 200 |
| Vorgesehen zur Organisation: | | |
| Linie, 114 Bataillone à 1000 Mann | 114 000 | |
| Landwehr, 93 „ à 800 „ | 74 400 | 188 600 |
| | Total Infanterie | 719 800 |

| | |
|:--|--:|
| Baiern 2 Armeekorps, sage 50 Bataillone + 30 Bat. Landwehr | = 80 Bataillone |
| Württemberg 1 Division, sage 16 Bataillone + 10 Bataillone Landwehr | = 36 „ |
| Baden 1 Division, sage 9 Bataillone + 5 Bataillone Landwehr | = 14 „ |
| | 130 Bataillone = ca. 110 000 |

Die Süddeutschen schlage ich so niedrig wie möglich an. Kavallerie und Artillerie lasse ich ganz aus dem Spiel, um nur die Stärke an Infanterie zu vergleichen, weil diese entscheidet. Die Franzosen haben:

| | |
|:--|--:|
| Garde 33 Bataillone, Linie 100 Regimenter à 3 Bataillone | Bataillone 333 |
| Zuaven 3 Regimenter = 9 Bataillonen | |
| Turcos 3 Regimenter = 9 Bataillonen | |
| Fremde etc. 5 Bataillone | „ 23 |
| Chasseurs à pied | „ 20 |
| | Bataillone 376 |
| Davon hat das Bataillon 8 Comp. wenn, wie 1859, die 24 Comp. des Bataillones in 4 Bataillone à 6 Comp. geteilt wird, so kann man die Comp. auf 150 Mann verstärken und das 4-te Reserve Bataillon bilden, auf 115 Regimenter | Bataillone 115 |
| | Bataillone 491 |
| Wenn von der Mobilgarde *viel* organisiert, so sind’s | „ 100 |
| Infanterie 580 000 Mann | = Bataillone 591 |

Alles Andre muß *neu formiert* werden durch von der Feldarmee zurückgehaltene oder wieder in Aktivität gerufene Offiziere. Dabei ist die Mobilgarde im Feld als solche nicht zu verwenden, wenigstens nicht vor 2—3 Monaten, da sie nur 14 Tage jährlich seit 1868 exerziert hat. Die Cadres der französischen Armee (Linie) sind andrerseits zu eng, um die zahlreichen (nicht oder nur wenig einexerzierten) Reserven zu fassen. Das ganze neue System existiert erst seit 1868. Übrigens muß ich doch über dieses neue System, das die *innere* Organisation der französischen Armee fast ganz unberührt gelassen, Näheres abwarten, es mag da Manches im Stillen gemacht sein. Jedenfalls reichen die *ausgebildeten* Mannschaften nur hin, die organisierten Linienbataillone auf Kriegsfuß zu setzen.
