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Title: Marx an Engels, [London,] 8. August 1870
Description: Marx nach den ersten deutschen Siegen: das deutsche Kaisertum ist gemacht, ein Krieg zwischen Preußen und Rußland wahrscheinlich; Sorge um Frankreich nach zwanzig Jahren Bonapartismus; Echo der Adresse der Internationale.
Author: Karl Marx
Date: 1870-08-08
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1870-08-08%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester, [London], 8. August 1870. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1392, S. 357–360, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1870-08-08%20Marx%20a%20Engels).*

8. August 1870.

Dear Fred,

Ich gehe erst Morgen fort (zurückgehalten durch business des *International*), und zwar nicht nach Brighton, sondern nach Ramsgate, weil es nach eingegangener Erkundigung an erstrem Ort zu heiß ist, außer[dem] Arnold Winkelried Ruge den Platz unsicher macht.

L’Empire est fait, i. e. das deutsche Kaisertum. By hook and crook, weder auf dem beabsichtigten Weg noch in der vorgestellten Weise, scheint es, daß alle Mogeleien seit dem Second Empire schließlich dahin geführt haben, die „nationalen“ Zwecke von 1848 auszuführen — Ungarn, Italien, Deutschland! Mir scheint diese Sorte Bewegung erst zu Ende gebracht, sobald es zur Keilerei *zwischen den Preußen und Russen* kommt. Dies keineswegs unwahrscheinlich. Die Presse der Moskowitischen Partei (ich habe allerlei davon bei Borkheim gesehn) hat die russische Regierung wegen ihrer freundschaftlichen Haltung zu Preußen ebenso heftig angegriffen, als die französischen Blätter im Sinne von Thiers 1866 den Boustrapa wegen seiner Liebkoserei mit Preußen angriffen. Nur der Kaiser, die deutsch-russische Partei und das offizielle St. Petersburger Journal bliesen ins Horn gegen Frankreich. Sie erwarteten aber auch nichts weniger als so entschiedne preußisch-deutsche Sukzesse. Sie glaubten, wie Bonaparte 1866, die belligerent powers würden einander durch langen Kampf abschwächen, so daß das heilige Rußland als höchster arbiter gebietend dazwischen treten könne.

Aber jetzt! Wenn Alexander nicht vergiftet zu werden wünscht, something must be done zur Beschwichtigung der nationalen Partei. Das Prestige Rußlands wird offenbar noch mehr „verletzt“ durch ein deutsch-preußisches Kaisertum, als das Prestige des „Second Empire“ es durch den Norddeutschen Bund ward.

Rußland wird also, ganz wie Bonaparte es von 1866—1870 tat, mit Preußen mogeln, um Konzessionen nach der türkischen Seite hin zu erlangen, und alle diese Mogeleien, trotz der russischen Religion der Hohenzollern, werden in *Krieg zwischen den Moglern* enden. Wie albern der deutsche Michel immer sei, sein neugestärktes Nationalgefühl (namentlich jetzt, wo man ihm nicht mehr vorreden kann, er müsse sich alles gefallen lassen, um die deutsche Einheit erst zu Stand zu bringen), wird sich kaum *in russischen Dienst* pressen lassen, wozu gar kein Grund, nicht einmal ein pretext mehr vorhanden ist. Qui vivra verra. Lebt unser schöner Wilhelm noch einiges, so können wir noch seine Proklamationen an die Polen erleben. Wenn Gott was besonders Großes tun will, sagt old Carlyle, wählt er immer die dümmsten Menschen dazu aus.

Was mich in diesem Augenblick ängstet, ist der Stand der Dinge in Frankreich selbst. Die nächste große Schlacht kann wohl kaum anders als gegen die Franzosen ausfallen. Und dann? Wirft sich die geschlagne Armee nach Paris *unter Boustrapas* Leitung, so kömmt es zu einem Frieden demütigendster Art für Frankreich, vielleicht mit *restauration* der Orleans. Bricht eine Revolution in Paris aus, so fragt es sich, ob sie die Mittel und die Führer haben, den Preußen ernsthaften Widerstand zu leisten? Man kann sich nicht verbergen, daß die 20jährige bonapartistische Farce enorm demoralisiert hat. Man ist kaum berechtigt, auf revolutionären Heroismus zu rechnen. Was denkst Du davon?

Ich verstehe nichts vom Militärischen, aber doch scheint’s mir, daß selten ein Feldzug kopfloser, planloser, mittelmäßiger geführt worden, als der Badinguets. Dazu die schöne Eröffnungsszene, ganz die Porte St. Martin-Melodramatik des lower empire, der Vater mit dem Sohne an dem Zündloch der Kanone, und die Infamie, womit dieses „Erhabene“ verquickt ist, das Bombardieren Saarbrückens! Der Kerl, wie er leibt und lebt.

Mac Mahon drang im primitiven Kriegsrat zu Metz auf rasches Vorgehn, aber Leboeuf war entgegengesetzter Ansicht.

Apropos! Aus einem Brief von Wien (vom Vetter des Eccarius, einem 72jährigen Greis) ersehn wir, daß *Bismarck* ganz im Stillen dort war!

Ganz dem Geist des lower empire entsprechend zeigt dieser Krieg, sein Kommissariatswesen und seine Diplomatie die Parole: Wechselseitig sich bestehlen und wechselseitig sich belügen, so daß in Frankreich alle Welt vom Minister bis zum Clerk, vom Marschall bis zum Gemeinen, vom Kaiser bis zu seinem Stiefelputzer, ganz verdutzt dasteht, sobald sich the true state of things unter Kanonenfeuer offenbart.

Herr John Stuart Mill hat unsrer Adresse große Elogen gespendet. Sie hat überhaupt viel Effekt in London gemacht. Unter anderm hat sich die spiess-Cobdensche Peace Society schriftlich zur Verbreitung derselben erboten.

*Ad vocem Oswalds Adresse*: Ich habe von Deiner Erlaubnis Gebrauch gemacht, da es mir in der Tat unlieb war, ohne „Dir“ zu figurieren. Die Adresse wird durch die Verschleppung natürlich noch dümmer. Doch macht’s uns nicht[s], da wir nur its general sentiments etc. *soweit* etc. endorsieren. Zurückziehn — trotz der Lächerlichkeit — kann man sich jetzt nicht, da Louis Blanc etc. sonst glauben würden, die preußischen Siege seien daran Schuld.

Apropos! Old Ruge hatte dem Oswald vor 8 Tagen geschrieben, er könne nicht zeichnen. Warum? Er ist „*überzeugt, daß die* **Preußen** *zu Paris die französische Republik proklamieren werden*“! Erkennst Du da das alte Konfusions-Konstruktions-Vieh nicht in all seiner Gloria wieder?

Einliegend Einiges von Prophet Urquhart. Salut.

Dein K. M.

P. S. In Artikel der *Fortnightly Review* (Augustnummer) über „*Our uncultivated lands*“ findet sich folgendes über irischen Boden:

„That her soil is fertile is proved upon the testimony etc. etc. and M. de *Laveleye*: the latter gentleman says etc. etc.“ (p. 204). Da Laveleye unter den Engländern für große agronomische Autorität gilt wegen seiner Bücher über belgische und italienische Agrikultur, diese Stelle brauchbar für Dich.
