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Title: Marx an Engels, [London,] 23. Juli 1877
Description: Marx begründet, warum er statt nach Karlsbad nach Neuenahr reist, berichtet über Hirschs Mitteilungen aus Frankreich und aus der Partei und weist den Brief Mosts für die „Zukunft“ zurück.
Author: Karl Marx
Date: 1877-07-23
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/originales/1877-07-23%20Marx%20an%20Engels
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*Brief von Karl Marx an Friedrich Engels in Ramsgate, [London,] 23. Juli 1877. Text nach MEGA¹ III/4, Berlin 1931, Nr. 1468, S. 461–463, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/cartas/1877-07-23%20Marx%20a%20Engels).*

23. Juli 1877.

Dear Fred,

Beiliegend *Journal des Débats*, ist schon ältere Nummer, aber, namentlich auch der leader über den Orientalkrieg und Korrespondenz von Rußland, interessant. Ferner *Volksfreund*, Moniteur des Herrn Dühring, wie’s scheint, geworden. *Collets*: England, enemy of Turkey etc.

Ich hatte vor, für 2, 3 Tage Dich in Ramsgate zu besuchen; Reise zu Gumpert wäre nutzlos, da ich alles weiß, by heart, von ihm sowohl wie von den Karlsbader Ärzten und Professoren, was die medizinische Wissenschaft in diesem bestimmten Fall *nicht* leisten kann. Außerdem geht’s etwas besser mit der insomnie. Aber un homme propose et l’autre dispose. Der andre in diesem Fall ist Hirsch, der express nach London gekommen, um mit mir während Woche zu verkehren. Weiteres über ihn und seine Mitteilungen im Verlauf dieses Epistels. Tout d’abord aber meine Pläne für nächste Zukunft.

Ich habe vor, womöglich 12. August schon nach *Neuenahr* aufzubrechen und *nicht nach Karlsbad*, und zwar aus folgenden Gründen:

*Erstens von wegen der Kosten*: Du weißt, daß meine Frau ernsthaft an Verdauungsstörungen leidet, und da ich Tussy, die wieder arge Attacke hatte, jedenfalls mitnehme, würde meine Frau ihr Zurückbleiben sehr übel nehmen. Die bloße Hin- und Herreise für uns 3, mit Gepäck, und wenn man, wie ich’s mehrmals getan, für die Kur nicht zu forciert reist, kommt an 70 £. Außerdem habe ich Lenchen, die sehr krackschälig, seit lange versprochen, sie nach ihrer Heimat zu fördern, wo sie nicht ganz gratis leben kann. Außerdem hat die Familie noch allerlei Anschaffung für die Reise nötig.

*Zweitens*: Die Karlsbader Ärzte selbst haben in Augenblicken des Vertrauens mir gesagt, daß, wenn man Karlsbad nicht jedes Jahr besuchen will, Neuenahr als Intermezzo wohltätig sein möchte. Natürlich, sie wünschen, daß man immer nach Karlsbad geht. Es ist aber wahrscheinlich sogar hygienisch besser, einmal zu alterieren und schwächeres Bad zu nehmen, denn variatio delectat corpus. Zudem ist mein Übel jetzt viel weniger lever als das davon herkommende Nervenderangement. Schwächeres Bad daher, aber essentiellement von selber Zusammensetzung.

Ferner habe ich eben der Kosten halber eine Hauptsache immer vernachlässigt, die Nachkur. Bei den ungleich geringeren Reisekosten und dem Verschluß des Hauses (in Hut von Withers) während der Kurzeit wären durch die Verlegung von Karlsbad nach Neuenahr alle diese Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Hence q. e. d. Ich hoffe, daß Du damit einverstanden.

Nun zu anderm, zunächst zu Hirsch.

Er hat sich sehr gut herausgemacht und seine Zeit nicht verloren. Ich habe ihm unter anderm über die französische Statistik den Zahn gefühlt und ihn à la hauteur gefunden. Er hat mir auch interessante Mitteilungen über die *fast allgemeine* Umwandlung aller französischen industriellen Geschäfte in jointstock company-Geschäfte gemacht. Einmal dies erleichtert durch die Gesetzgebung während des Empire. Zweitens liebt der Franzos das Geschäft nicht, sondern will womöglich als Rentier leben. Dazu diese Form des Geschäfts natürlich a godsend.

Nach Hirsch (hier sieht er vielleicht zu rot) die Offiziere der französischen Armee, mit Ausnahme der höchsten, republikanisch. Jedenfalls ein charakteristisches fact, daß Gallifet (die Affäre mit der Beaumont faktisch, wie H[irsch] versichert hat, nach weiteren recherches) sich in eigenhändigem Brief Herrn Gambetta angeboten und daß selber Gallifet, nach der Absetzung des Präfekts seines Garnisonplatzes durch Broglie, nebst Generalstab dem beangnadigten Präfekten Kondolenzvisite abgestattet. Wenn das am dürren Holz geschieht etc. Andrerseits unter den Unteroffizieren, die zum größten Teil aus neuen Leuten bestehn, allgemein der Glaube verbreitet, daß Mac Mahon die Kammer verjagt hat, weil sie die Lage der Unteroffiziere durch Reihe von Vorschlägen zu verbessern suchte.

Über alles, was im Elysée vorgeht, weiß man täglich alles in Paris, da die bonapartistischen tapageurs, die dort ein und aus gehn, nicht das Maul halten. Mac Mahon höchst erbittert. Dies Vieh, dessen erstes historisches Wort: J’y suis, j’y reste; dessen zweites: C’est assez, spricht jetzt sein letztes Wort. Er sagt von Morgens bis Abends: „*Merde!*“

Hirsch ist wütend über das „Vorwärts“, sowohl die Dühringaffäre als das „Nieder mit der Republik“. Er hat in höchst derber Weise an den Vorstand (Geib etc.) über beides geschrieben. Er sieht jetzt auch ein, daß die Fusion die Partei theoretisch und praktisch degradiert hat.

Mit Bezug auf das „Nieder mit der Republik“ bemerkt er, daß der große Hasenclever als preußischer Soldat (wahrscheinlich Reservist oder Landwehrmann) vor Paris stand zur Zeit der Commune, also keinen Grund hat, Prinzipreiterei zu betreiben.

Er behauptet, Hasenclever sei zur Zeit des preußischen Konflikts Redakteur eines progressistischen Blatts in Krefeld gewesen, habe dies an einen ultra Reaktionär verkauft und sich bei dieser Gelegenheit in einem aus diesem Verkauf hervorgehenden Prozeß schwer kompromittiert. Dies, wie Bracke ihm selbst gesagt, wußten Bracke und Genossen, als sie den H[asenclever] zum gleichberechtigten Redakteur des „Vorwärts“ mit Liebknecht ernannten!

Liebknecht, meanwhile, est puni par où il a péché. Die Lassallebande tut alles, um ihn zu hänseln und demütigen. Z. B. werfen sie ihm sein Hundesalär am „Vorwärts“ vor, seine Frau (mit 5 Kindern) brauche keine Magd etc. Sie haben es absichtlich so eingerichtet — mit Umkehrung alles Partei- und Journalusus, daß Liebknecht brummen muß für alle Artikel, auch die während seiner Abwesenheit geschriebnen, also in der Tat beim *Vorwärts* die Rolle spielt, die der Strohmann bei den französischen Blättern.

Hirsch geht von Paris für nächsten Monat nach Berlin, wo er für 1 Monat die Redaktion der litographierten Parteizeitungen führt und dies in einer Art tun will, die dem alliierten Lumpengesindel Kummer machen soll.

Ich lege folgenden „Zukunfts“-Brief ein, für den Fall, daß Du ihn nicht auch erhalten. Schick mir ihn zurück zur Antwort.

Das ist schön und schlau von „Bürger“, „Denker“ und „Zukunftssozialist“ Most. So also zweite Fusion vorbereitet; wir mit Herrn Dühring, denn der wird dort nicht fehlen, zusammen; zugleich durch unsere Namen unter Redaktion von Most et Co. alle ihre Gemeinheiten vor dem Publikum von uns dankbarst eingesteckt! Dann hätte ich doch hundertmal eher dem Wiede den Gefallen getan. Doch hat Most mir einen Gefallen getan, indem er mir Gelegenheit gibt, ihn abschlägig zu bescheiden. Diese Kerls glauben mit „frommen Lämmerschwänzchen“ zu tun zu haben. Quelle impudence.

Die Russen scheinen mir mit ihrem Schreckschuß arg durchgefallen zu sein; und wenn solche antimilitaristische coups de tête nicht here and then gelingen, wirken sie sehr katzenjämmerlich kompromittierend auf eigne Armee und eignes Publikum, namentlich dicht auf dem Fuß des armenischen Exit.

Freund Lopatine soll unterdes wieder antipatriotisch geworden sein.

Ich hoffe, daß es mit Deiner Frau besser geht.

Salut an alle.

Dein Mohr.
