---
Title: Oulanem. Trauerspiel (1837)
Description: Der erste Akt des Versdramas, das der junge Marx 1837 als Berliner Student schrieb, mit Oulanems Monolog gegen Ewigkeit und Welt; Marx selbst nannte es „ein mißlungenes, phantastisches Drama“.
Author: Karl Marx
Date: 1837
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1837%20Oulanem.%20Trauerspiel
---


*Text nach Marx/Engels, Historisch-kritische Gesamtausgabe (MEGA¹), Abt. I, Bd. 1, 2. Halbband, Berlin 1929, S. 59-75 („Szenen aus Oulanem. Trauerspiel“), ohne den Apparat der Herausgeber. Im Anhang des Gedichthefts, das Marx 1837 seinem Vater zum Geburtstag schenkte; zuerst in der MEGA¹ veröffentlicht. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1837%20Oulanem.%20Tragedia).*

Personen:  
Oulanem. Deutscher Reisender.  
Lucindo. Sein Begleiter.  
Pertini. Bürger einer Gebirgsstadt in Italien.  
Alwander. Bürger derselben Stadt.  
Beatrice. Seine Pflegetochter.  
Wierin.  
Perto. Ein Mönch.

Die Szene spielt in und vor dem Hause Pertinis, Alwanders und auf dem Gebirge.

Erster Akt. Eine Gebirgsstadt.

## Erste Szene

*Straße. Oulanem, Lucindo; Pertini vor seinem Hause.*

**Pertini.** Ihr Herrn, die ganze Stadt ist übersetzt  
Von Fremden, welche Fama hergetrieben,  
Die Wunder dieser Gegend zu beschaun.  
Drum kurz und gut, ich biet’ euch meine Wohnung an,  
Da ihr kein Gasthaus offen finden könnt,  
Und was nur meine schwache Kraft vermag,  
Das will ich gern euch leihn, es zieht mich hin.  
Zu eurer Freundschaft, glaubt, ich schmeichle nicht.

**Oulanem.** So danken wir dir, Fremdling, doch ich fürchte,  
Du magst zu große Meinung von uns hegen.

**Pertini.** Schon gut, schon gut, laßt Komplimente sein!

**Oulanem.** Doch länger denken wir hier zu verweilen!

**Pertini.** Der Tag, der euch zu wenig hier bescheint,  
Ist mir Verlust.

**Oulanem.** Dir nochmals heißen Dank!

**Pertini** *(einen Knaben rufend)*.  
He Knabe! führ’ die Herrn hinauf zum Saal,  
Sie wünschen nach der Wand’rung wohl Erholung,  
Und auch allein zu sein und wollen wechseln  
Des Reisekleides lästige Beschwer.

**Oulanem.** Wir lassen dich und kehren bald zu dir zurück.

*(Oulanem und Lucindo mit dem Knaben ab.)*

**Pertini** *(allein, sieht sich behutsam um)*.  
Er ist’s! bei Gott, er ist’s, der Tag ist da!  
Den alten Freund, den konnt’ ich nicht vergessen,  
So wenig mein Gewissen mich vergißt,  
Ha schön! jetzt tausch’ ich mein Gewissen um,  
Und er wird’s jetzt, er ist’s, ’s ist Oulanem!  
Nun mein Gewissen, wohl bekomm’ es dir,  
Du standest jede Nacht vor meinem Bette,  
Schliefst mit mir ein und hobst dich mit mir auf, —  
Mein Aug’ dagegen, Mann, wir kennen uns!  
Und mehr noch weiß ich, andre sind noch hier,  
Die sind auch Oulanem, auch Oulanem!  
Der Name klingt, wie Tod, er klinge fort,  
Bis er im schnöden Träger ausgeklungen.  
Halt! hab’ ich’s jetzt! Es steigt aus meiner Seele,  
So klar wie Luft, so fest wie meine Knochen,  
Geharnischt steht sein Schwur mir vor dem Auge,  
Ich hab’s gefunden und ihn laß’ ich’s finden!  
Mein Plan ist fertig, seine tiefste Seele,  
Sein Leben bist du selber, Oulanem,  
Willst dir das Schicksal ziehn, wie eine Puppe?  
Den Kalkulator mit dem Himmel spielen?  
Aus deinen morschen Lenden Götter drechseln?  
Mein kleiner Gott, bet’ deine Rolle ab,  
Doch halt — bis auf das Stichwort — das für mich!

*(Lucindo kömmt.)*

## Zweite Szene

*Pertini, Lucindo.*

**Pertini.** Warum denn so allein, mein junger Herr?

**Lucindo.** Mich treibt die Neugier, Alten ist nichts neu!

**Pertini.** So! Euer Alter!

**Lucindo.** Nein, doch wenn die Seele je  
’Nen tiefen Wunsch in ihrem tiefsten Sitz,  
Wenn ahndungsvolles Sehnen je genährt,  
So wär’s ihn Vater nennen, Sohn ihm heißen,  
Den solch ein männlich tief begeistertes,  
Die Welten in sich saugendes Gemüt,  
Die Götter aus sich strahlend, warmes Herz,  
Ihr ahnt’s nicht, daß es einen Menschen gebe,  
Bis ihr ihn kennt.

**Pertini.** Es klingt recht zart und fein,  
Wenn aus der Jugend üppig warmem Mund  
Des Alters Lob ertönt, wie Flammenwehn,  
Es klingt moralisch, wie ein Bibelspruch,  
Wie die Geschichte von der Frau Susanne,  
Und jene Mär’ von dem verlor’nen Sohn,  
Doch darf ich’s wagen, kennt ihr jenen Herrn,  
Dem ihr durch Herzensbund, wie’s scheint, verknüpft?

**Lucindo.** Wie’s scheint? und scheinen, nichts als Wahn und Schein,  
Seid ihr ein Menschenhasser?

**Pertini.** Nun, zum wenigsten  
Bin ich ein Mensch!

**Lucindo.** Verzeiht, wenn ich gekränkt!  
Ihr seid dem Fremdling freundlich zugetan,  
Und wer dem Wand’rer liebend näher tritt,  
Dess’ weiter Geist ist nicht in sich gegrenzt! —  
Doch Antwort wollt ihr, Antwort soll euch werden.  
Uns beide knüpft ein seltener Verein,  
Gewebt in unsrer Herzen tiefstem Grund,  
Dem gleich, wie lichterlohe Fackelbäume,  
Die Geister seiner Brust mit Glanz umweben.  
Und als wenn liebgesinnte Lichtdämonen  
Uns für einander sinnend zart erwählt,  
So kenn’ ich ihn seit langer, langer Zeit,  
Ja kaum, daß noch Erinn’rung leise spricht,  
Wie wir uns fanden, denn, beim großen Gott,  
Ich weiß es nicht.

**Pertini.** Das klingt romantisch, klingt,  
Doch lieber junger Herr, es ist nur Klang,  
Um klingend eine Bitte abzuschlagen.

**Lucindo.** Ich schwör’s euch zu.

**Pertini.** Was schwört ihr zu, mein Herr?

**Lucindo.** Ihn kenn’ ich nicht und dennoch kenn’ ich ihn.  
Tief birgt er ein Geheimnis in der Brust,  
Noch dürft’ ich es nicht wissen, jetzt noch nicht,  
So tönt es jeden Tag und jede Stunde,  
Denn seht, mich selber kenn’ ich nicht!

**Pertini.** Hm! Schlimm!

**Lucindo.** So abgeschlossen steh’ ich, so vereinzelt!  
Was auch der Ärmste prangend von sich rühmt,  
Wenn er mit Schmunzeln von dem Stamm erzählt,  
Der ihn erzeugt, wenn er den kleinsten Vorfall,  
In treuem Herzen sorgend aufbewahrt,  
Ich kann es nicht, Lucindo nennt man mich,  
Man könnt’ mich Galgen nennen oder Baum!

**Pertini.** Was wünscht ihr? Freundschaft mit dem Galgen,  
Verwandtschaft gar? nun, dafür schaff’ ich Rat!

**Lucindo** *(ernst)*. Ha, spielt mit leeren Silben nicht und Tönen.  
Wo mir mein Inn’res braust!

**Pertini.** Laßt’s brausen, Freund,  
Bis es sich ausgebraust!

**Lucindo** *(auffahrend)*. Was soll’s?

**Pertini.** Was? Nichts!  
Doch seht, ich bin ein trock’ner Hausphilister,  
Ein Mensch, der jede Stunde Stunde nennt,  
Und abends einschläft, daß er sich erhebe,  
Wenn’s wieder Morgen ist, und Stunden zähle,  
Bis er sich ausgezählt, das Uhrwerk steht,  
Und nun die Würmer seine Zeiger werden,  
So fort bis zu dem letzten Reichsgericht,  
Wenn Jesus Christ mit Engel Gabriel  
Den Katalog von unsren Schuldregistern,  
Aus seiner Zorndrommete richtend liest,  
Und uns zur Rechten oder Linken stellt,  
Und uns die Felle mit der Gottesfaust betastet,  
Zu finden, ob wir Lämmer sind, ob Wölfe!

**Lucindo.** Mich nennt er nicht, weil ich nicht Namen trage!

**Pertini.** So recht, so mag ich’s von euch hören!  
Doch seht, weil ich ein Hausphilister bin,  
So hab’ ich Hausgedanken, fasse an  
Gedanken, wie ihr Steine faßt und Sand.  
So scheint mir denn, wer seinen Stamm nicht kennt,  
Und doch bei einem andern Stamm sich findet,  
Der sei ein Nebenstamm!

**Lucindo.** Mensch, Mensch! Was war das?  
Denk’ eher schwarz die Sonne, platt den Mond,  
Und Alle, keinen Pfeil entsenden sie,  
Doch hier ein Laut, — ein Ahnen — Leben wiegt’s!

**Pertini.** Mein Freund, extemporiert mir nicht so wild.  
Glaubt mir, ich leide nicht an Nervenkrampf!  
Doch Nebenstämme sind oft grünend und bemoost,  
Ja, ja, sie heben üppig ihren Lauf,  
Und schießen prangend bis zum Himmel auf,  
Als wüßten sie, daß sie in Freud’ entsprossen,  
Daß nicht ein sklavisch Band sie dumpf erzeugt!  
Seht, solche Nebenstämme sind Pasquille,  
Natur ist Dichter, Ehe sitzt im Sessel,  
’Ne Haube auf, nebst andrem Zubehör,  
Das grämlichfade Antlitz dumm verzerrt,  
Ein trocknes Pergament zu ihrem Fuß,  
Des Pfaffen Lästerwort hineingekritzelt,  
Der Kirche dumpfe Halln als Perspektiv,  
Im Hintergrund des Pöbels schalkig Gaffen,  
Da lob’ ich Nebenstämme!

**Lucindo** *(auffahrend)*. Genug, für Gott!  
Was ist es Mensch? Was meinst du? sprich’ es aus,  
Doch bei dem Ewigen — ich spreche mit.  
Was frag’ ich? liegt’s nicht klar vor mir entrollt,  
Grinzt nicht die Hölle draus, steigt’s nicht  
Vor meinem Blick, wie dürre Todgestalt,  
Und glotzt mich an und murmelt Sturmesdrohn?  
Doch Mensch, so leicht nicht, glaub’ mir, nicht so leicht  
Hast du den Fackelbrand mir in die Brust  
Aus dürrer Teufelsfaust hinabgeschleudert,  
Glaub’ nicht, daß du mit einem Knaben würfelst,  
Und ihm die Würfel an das kind’sche Haupt  
Zerschmetternd wirfst, du spieltest rasch mit mir,  
Nun sind wir, merk’ dir’s, sind wir Spielgenossen,  
Schnell hast du dich vertraut gemacht, heraus  
Mit allem, was dein Schlangenbusen wogt,  
Und ist es Argwohn nur und ist es Hohn,  
Dann schleudr’ ich ihn zurück dir in den Rachen,  
Dann sollst du selbst dein Gift hinunterwürgen,  
Dann spiel’ ich mit dir, doch nun sprich’, ich will’s!

**Pertini.** Ihr wollt’s? Ihr denkt an Mephistopheles und Faust,  
Habt euch wohl tief darein vertieft, doch seht,  
Ich sage nein, den Willen laß’ ich euch,  
Und streu’ ihm Sand in seine blöden Augen!

**Lucindo.** Schon’ deiner selbst und blase nicht die Glut  
Zu eng zusammen, bis sie aufwärts lodernd  
Dich selbst verschlingt!

**Pertini.** ’Ne Phrase das, ’ne Phrase!  
Der Einzige, den sie verschlingt, seid ihr!

**Lucindo.** Mich selbst! mich selbst! es sei! ich bin mir nichts,  
Doch dich, dich fassen meine Jugendarme,  
Sie klammern krampfhaft sich um deine Brust,  
Der Abgrund gähnt uns beiden Nacht herauf,  
Und sinkst du unter, lächelnd folg’ ich nach,  
Und raun dir zu, hinab, komm’ mit, Genosse!

**Pertini.** Ihr scheint mit Phantasie begabt zu sein,  
Habt wohl schon viel geträumt in eurem Leben?

**Lucindo.** Getroffen habt ihr’s, Träumer bin ich, Träumer!  
Was will ich von euch wissen, der nichts weiß?  
Ihr seht uns eben, seht uns, kennt uns nicht,  
Und werft mir Spott und Lästerwort entgegen,  
Was lang da zaudern? mehr von euch begehren?  
Mehr habt ihr nicht — ich hab’ noch was für euch —  
Für mich — die Schuld, — Schmach, Gift, ihr sollt sie lösen,  
Ihr habt den Kreis gezogen, zwei erträgt  
Er nicht — braucht eure Springerkünste jetzt —  
Das Schicksal ziehe, was es zieht, es sei!

**Pertini.** Den Schluß las’t ihr wohl eurem Lehrer vor,  
Aus ’nem vertrockneten Tragödenbuch?

**Lucindo.** Tragödie spielen wir zusammen, recht,  
Doch kommt, jetzt gleich, wo, wie, womit ihr wollt!

**Pertini.** Und wann und überall und irgendwann  
Und nirgend!

**Lucindo.** Ha! Memme, klaub’re meine Worte nach,  
Ins Antlitz zeichne ich die Memme hin,  
Ich schrei es laut durch alle Gassen aus,  
Und schlag’ dich vor dem Haufen, folgst du nicht,  
Wagst du mit abgedrosch’nem Basenwitz  
Zu spielen, wo mein Herzblut starrend stockt.  
Kein Wort mehr, keine Silbe, folg’, folg’ nicht,  
Dein Urteil ist gesprochen, Memme, Bube!

**Pertini** *(auffahrend)*. Noch einmal das, noch einmal sag’ ich, Knabe!

**Lucindo.** Wenn’s euch Vergnügen macht, noch tausendmal,  
Wenn’s euch die Galle kitzelt, bis sie strömt,  
Bis Blut aus eurem Auge wütend springt,  
Ha, einmal noch, noch einmal, Bube, Memme!

**Pertini.** Wir sprechen uns, das schreibt in euer Hirn!  
Ein Ort gibt’s noch, der uns zusammenknüpft,  
Es ist die Hölle! nicht für mich, für euch!

**Lucindo.** Was zählt ihr Silben her, gleich auf der Stelle  
Ist’s abgemacht, dann flieht zur Hölle, flieht,  
Erzählt den Teufeln, ich hätt’ euch gesandt!

**Pertini.** Ein Wort noch!

**Lucindo.** Nichts, was sollen Worte?  
Ich hör’ euch nicht, haucht Blasen in den Wind,  
Schreibt Züge ins Gesicht, die dazu passen,  
Ich seh’s nicht. Waffen bringt, die sollen sprechen,  
Das ganze Herz leg’ ich in sie hinein,  
Und bricht’s nicht, — dann —

**Pertini** *(ihn unterbrechend)*.  
Nicht zu verwegen, Knabe, nicht zu knabenhaft!  
Zwar du, du hast nichts zu verpfänden, nichts!  
Du bist ein Stein, gefallen aus dem Mond,  
Drauf hat man einen Konsonant gekitzelt,  
Du sahst den Konsonant, er hieß Lucindo.  
Sieh! an die leere Tafel wag’ ich nicht  
Mich, meine Ehre, Leben, alles dran.  
Willst du mein Blut als Malertopf gebrauchen,  
Ich soll der Pinsel sein, der Ton dir leiht?  
Zu ungleich ist der Stand, zu fabelhaft,  
Setz’ ich mich gegen dich, so wie du bist,  
Ich bin, weiß, was ich bin, doch du, was du?  
Du kennst dich nicht, bist nicht, hast nichts zu wagen?  
Die Ehre willst du diebisch mir verpfänden,  
Die nie in deiner Bastardbrust geglüht?  
Du wucherst deine leere Niete um  
’Gen meinen vollen Satz, mein Freund?  
Nicht so, schaff’ Namen an, schaff’ Ehre, Leben,  
Noch bist du nicht, dann setz’ ich Namen, Ehre,  
Dann setz’ ich gern mein Leben gegen dich!

**Lucindo.** So Mann, ha so! willst du dich retten, Memme,  
So witzig hat dein tölpelhaft Gehirn  
Die Rechnung kalkuliert, so witzig, Memme?  
Doch täusch’ dich nicht, ich streich’ das Fazit aus,  
Ich setz ’ne Memme an die Stelle hin,  
Ich höhn’ dich, wie ein wahnberauschtes Tier,  
Ich schände dich, vor allen schänd’ ich dich,  
Dann magst erzählen, auseinandersetzen,  
Der Base und dem Mann, dem Kind und jenem,  
Ich heiß’ Lucindo, heiße mich Lucindo,  
Man nenn’ mich so und könn’ mich anders nennen,  
Ich ginge so und könne anders gehn,  
Ich sei nicht, was man Sein versteht, sei doch,  
Doch du seist, was du bist, seist eine Memme!

**Pertini.** Schon gut, recht gut! doch sieh, wie wär’ es wohl,  
Wenn ich dir Namen geben könnte, hörst es, Namen?

**Lucindo.** Du, der du selber keinen hast, ihn geben,  
Du, der mich eben sah, und nie gesehn,  
Und Sehn ist Lüge, ist der ew’ge Hohn,  
Der uns verfolgt, wir sehn und das ist alles!

**Pertini.** Nun gut, wer mehr als Sehn versteht?

**Lucindo.** Du nicht,  
Du sahst in allem, was du bist, ’nen Schurken!

**Pertini.** Sehr wahr, mich täuscht nicht leicht der erste Blick,  
Doch weißt du, jener ist nicht grad’ von heut!  
Er hat schon manches durchgemacht, das glaubst du,  
Wie? wenn wir uns gekannt?

**Lucindo.** Das glaub’ ich nicht!

**Pertini.** Nicht wahr, es gibt ’nen wundersamen Dichter,  
So ’ne ästhet’sche, finst’re Blindekuh,  
Die selt’ne Grübeleien hat und Stunden,  
Das Leben zu ’nem Reime machen will,  
Und gern das Leben selbst gedichtet hätte?

**Lucindo.** Ha! Zufall mag es sein, du täuscht mich nicht!

**Pertini.** Zufall! so heißt der Philosophentext,  
Wenn die Vernunft nicht zufällt und sie rettet!  
Zufall ist leicht gesagt, zwei Silben nur,  
Der Namen ist auch Zufall, Oulanem  
Kann jeder heißen, der nicht anders heißt,  
Drum ist es Zufall, wenn ich so ihn nenne!

**Lucindo.** Ihr kennt ihn? Himmel! sprecht, beim Himmel!

**Pertini.** Kennt ihr den Knabenlohn? er nennt sich — schweigen.

**Lucindo.** Es ekelt mir, von euch zu bitten, Mensch,  
Doch ich beschwör’, bei allem, was ihr schätzt.

**Pertini.** Was schätzen? handel’ ich mit Scheidemünzen?  
’Ne Memme, wißt, die läßt sich nicht beschwören.

**Lucindo.** Nun denn, ihr müßt, wollt ihr die Memmen schütteln  
Von eurem Haupt, so müßt ihr denn ans Werk!

**Pertini.** Ich schieß mich jetzt, so wie ihr seid, ich stehe,  
Ihr seid mir gut genug, drum schieß’ ich mich!

**Lucindo.** Ha! treibt mich nicht zum Äußersten, nicht dahin,  
Wo keine Grenze steht, wo alles endet!

**Pertini.** Ei seht, wir wolln das Äußerste versuchen,  
Das Schicksal ziehe, was es zieht, es sei!

**Lucindo.** Ha! keine Rettung, keine, nirgendwo?  
Die undurchdringlich harte Eisenbrust,  
Das hohnverpestete, verdorrt’ Gemüt,  
Es mischt das Gift und treibt’s wie Balsam ein,  
Und lächelt, Mensch, vielleicht die letzte Stunde,  
Für dich die letzte, faß es an, saug’s ein,  
In einem Augenblicke stehst du vor dem Richter,  
Drum lösch’ des Lebens lange Lasterkette  
Durch eine letzte, letzte gute Tat,  
Und nur ein Wort, so leicht, wie zarter Äther,  
So leicht gehaucht!

**Pertini.** ’s war Zufall, guter Freund!  
Ich glaube selbst an Zufall, glaube mir!

**Lucindo.** Vergebens! — alles — alles — doch — halt, seichter Tor,  
So ist’s nicht abgetan, so nicht, bei Gott,  
Noch einmal hat dein scharfer Blick getäuscht,  
Ich ruf’ ihn selber her, dann steh’ vor ihm,  
Steh’ vor ihm Stirn an Stirn und Aug’ an Auge,  
Und blicke drein, wie ein verzagtes Kind,  
Mich hältst du nicht mehr, weg, weg, Bube, laß!

*(stürzt weg.)*

**Pertini.** Ein größ’rer Plan errettet jetzt dich, Knabe,  
Doch glaub’ mir, Pertini heißt nicht vergessen!

**Pertini** *(ruft)*. Heda Lucindo! he! beim Himmel, komm!

*(Lucindo kehrt zurück.)*

**Lucindo.** Was solls, doch weg!

**Pertini.** Ha schön, schön ehrenhaft,  
Sag’ auch dem würd’gen Herrn, wir stritten uns,  
Du hättest mich gefordert, doch zu artig,  
Zu artig seist du, seist ein frommes Kind!  
Bereutest deine Sünde, sprächst dich los,  
Und wein’ dann eine Träne, küß die Hand,  
Und schneide dir die Rute selbst zurecht!

**Lucindo.** Du zwingst mich!

**Pertini.** Läßt zwingen dich, moralisch,  
Moralisch klingt’s, wie eine Kinderfibel.  
Glaubst du an Gott?

**Lucindo.** Soll ich dir beichten, Mensch?

**Pertini.** Verlangst du nicht, daß ich dir beichten soll?  
Schon gut, ich will’s, doch sag’, glaubst du an Gott?

**Lucindo.** Was soll es dir?

**Pertini.** Nun, ’s ist nicht grad’ modern,  
Drum möcht’ ich’s ganz bestimmt von dir vernehmen!

**Lucindo.** Ich glaub’ ihn nicht, was man so glauben heißt,  
Doch weiß ich ihn, wie ich mich selber weiß.

**Pertini.** Nun, das bei mehr Gelegenheit und Laune;  
Wie du ihn glaubst, das ist für mich dasselbe,  
Du glaubst ihn, gut, so schwöre mir bei ihm!

**Lucindo.** Was? Schwören dir?

**Pertini.** Daß nie der Zunge Lauf,  
’Ne Silbe nur verratend weiter trägt!

**Lucindo.** Ich schwör’s, bei Gott!

**Pertini.** Dann, daß du mir nur Freundschaft hegst. Siehe,  
Ich bin so schlimm nicht, bin nur gradeweg!

**Lucindo.** Daß ich dich liebe, freundlich ehrend schätze,  
Ich schwör’s dir nicht für eine Welt, bei Gott,  
Ich kann es dir, ich darf es nicht beschwören,  
Doch was vergangen, das sei ausgelöscht,  
Es sei ein widerwärtig böser Traum,  
Dahingerafft, wie Träume denn vergehn,  
Ich stürz’ es in die Woge der Vergessenheit;  
Das schwör’ ich dir bei dem, der heilig ist,  
Aus dem sich Welten kreisend aufwärts tauchen,  
Der mit dem Blicke Ewigkeit gebiert,  
Ich schwör’s, doch jetzt den Lohn für meinen Schwur!

**Pertini.** Komm’ mit! ich führe dich an stille Stätte,  
Zeig’ dir noch dies und jenes, Felsenschluchten,  
Wo Seen sich vulkanisch aufgetaucht,  
Die stille Wasser abgerundet wiegen;  
Wo Jahresreihen stumm vorbeigerauscht,  
Dann legt sich wohl der Sturm und dann —

**Lucindo.** Was? Stein, Buchten, Würmer, Schlamm?  
Es türmen überall sich Fels und Klippen,  
Es braust an jeden Ort ’ne Quelle hin,  
Ob allgewalt’ger, nieder, mehr, was soll’s?  
Es bleiben uns geheimnisvolle Stätten,  
Die uns gebannte Sklaven an sich ketten,  
Sie schaun, das reizt mich, mehrt den Sturm der Brust,  
Und sprengt er sie, was ist’s, ’ne Narrenposse,  
Drum führ’ mich, wo du willst, führ’ mich zum Ziele,  
Drum zaud’re nicht, bedenk nicht, fort, hinweg!

**Pertini.** Die raschen Donner müssen erst verhallen,  
Soll Flammenblitz den Busen rein durchwallen,  
Drum führ’ ich dich vorher an einen Ort,  
Fast fürcht’ ich, kömmst von da nicht weiter fort.

**Lucindo.** Sei’s, wo es sei, ich folg’ auf jeder Bahn,  
Führt sie zum Ziel und schreitest du voran!

**Pertini.** Mißtraun! *(beide ab.)*

## Dritte Szene

*Saal in Pertinis Hause, Oulanem allein, sitzt schreibend an einem Tische, Papiere liegen umher, rasch aufspringend, geht auf und ab, bleibt plötzlich stehen mit verschränkten Armen.*

**Oulanem.** Verfall’n! Die Stunde, sie ist abgelaufen,  
Die Horen stehn, der Zwergbau stürzt zusammen!  
Bald preß’ ich Ewigkeit ans Herz und heule  
Der Menschheit Riesenfluch in sie hinein.  
Ha, Ewigkeit! Das ist ein ew’ger Schmerz,  
Ein unaussprechlich unermess’ner Tod!  
Schnöd’ Kunstwerk, uns zum Hohn ersonnen,  
Wir Uhrwerk, blindmechanisch aufgezogen,  
Des Zeitenraums Kalendernarr zu sein,  
Zu sein, damit doch irgendwas geschieht,  
Zerfall’n, damit doch irgendwas zerfällt!  
Ein Ding mußt’ sein, das für die Welten fehlt,  
Des Schmerzes stumme Pein, der sie umklaustert,  
Mit seiner Seele Riesenmacht in Lüfte wälzt,  
Lebendig wird der Tod, trägt Strümpf und Schuhe,  
Der Pflanze Leid, des Steines dumpf Vergehn,  
Der Vogel, der umsonst die Töne sucht,  
Zu klagen, was sein luftig Leben kränkt,  
Das Alles blinder Zwist und Kampf, zu schütteln,  
Sich von sich selbst, im Zank sich aufzureiben,  
Das alles steht nun auf und hat zwei Beine  
Und eine Brust, den Lebensfluch zu fassen!  
Ha! flechten muß ich mich ans Flammenrad,  
Im Kreis der Ewigkeiten Lust zu tanzen!  
Gäb’s außer ihr ein Etwas, das verschlänge,  
Ich spräng’ hinein, müßt’ ich ’ne Welt zertrümmern,  
Die zwischen ihr und mir sich aufgetürmt!  
Zerschelln müßt’ sie am langgedehnten Fluche,  
Die Arme schlüg’ ich um das harte Sein,  
Und mich umarmend müßt’ es stumm vergehn,  
Und dann hinab, versinken in dem Nichts,  
Ganz untergehn, nicht sein, es wäre Leben,  
Doch so gewälzt hoch auf dem Strom der Ewigkeit,  
Wehmelodie zu brausen für den Schöpfer,  
Hohn auf der Stirn! Brennt ihn die Sonne weg?  
Vermess’ner Fluch in zwanggebannter Seele!  
Vernichtung jauchzt der Blick in gift’gen Strahlen,  
Wälzt er die plumben Welten fort, die binden?  
Gebunden, ewig, bang, zersplittert, leer,  
Gebunden an dem Marmorklotz des Seins,  
Gebunden, ewig angebunden, ewig!  
Die Welten fassen’s und sie roll’n dahin,  
Und heulen ihren eig’nen Totensang,  
Und wir, wir Affen eines kalten Gottes,  
Wir hegen noch die Natter üppig warm,  
Mit toller Müh’ an voller Liebesbrust,  
Daß sie zur Allgestalt hinauf sich dehnt,  
Von ihrem Gipfel aus uns anzugrinzen!  
Und ewig braust die überdrüss’ge Welle,  
Den Ekel zu erschöpfen, in das Ohr!  
Jetzt schnell — das Los geworfen — alles fertig,  
Zerstört, was Lügendichtung nur ersann,  
Mit Fluch vollendet, was der Fluch begann!

*(setzt sich an den Tisch, schreibt.)*

## Vierte Szene

*Haus des Alwanders; im Anfang vor dem Hause. Lucindo, Pertini.*

**Lucindo.** Was soll ich hier?

**Pertini.** Ein zart Stück Weiberfleisch,  
Das alles! seht’s euch an und wenn sie Ruhe  
In eure Seele sanft melodisch haucht,  
Dann weiter!

**Lucindo.** Was Mensch? Zu Dirnen führst du mich?  
In dem Moment, wo mir das ganze Leben  
Zermalmend auf die Schulter niederstürzt,  
Wo sich der Busen allgewaltig dehnt,  
Begierig selbst sich irrend zu vernichten,  
Wo jeder Hauch mir tausend Tode weht,  
Und jetzt ein Weib!

**Pertini.** Ha! sprudelt junger Mann,  
Weht Tod und Flamme durcheinander hin,  
Was Dirne? hab’ ich recht verstanden,  
Seht euch das Haus! Sieht’s dirnenmäßig aus?  
Glaubt ihr, ich woll’ für euch den Pandor spielen  
Und werd’ den Tag gar als Lanterne brauchen?  
’S ist lustig, nur herein, vielleicht erfahrt  
Ihr dort, was ihr begehrt!

**Lucindo.** Ich seh den Trug,  
Habt ihn aus zu mäßigem Stoff gebaut,  
Ihr wollt der Hand entschlüpfen, die euch hält.  
Dankt dem Moment, wenn ich euch horchen muß,  
Doch zaudert ihr, dann kostet’s euer Leben!

*(Sie gehn in das Haus, der Vorhang fällt, ein andrer wird aufgezogen. Zimmer, modern, elegant. Beatrice sitzt auf dem Sofa, eine Gitarre neben ihr; Lucindo, Pertini, Beatrice.)*

**Pertini.** Beatrice, ich bringe hier,  
’nen jungen Reisenden, ’nen art’gen Herrn,  
Weitläufig ist er meinem Blut verwandt!

**Beatrice** *(zu Lucindo)*. Ihr seid willkommen!

**Lucindo.** Verzeiht, wenn ich nicht Worte,  
Nicht Sprache find’ für mein erstaunend Herz,  
So selt’ne Schönheit schlägt die Geister nieder,  
Das Blut zuckt hoch empor, das Wort versagt.

**Beatrice.** Schön, junger Herr! ihr seid wohl gut gelaunt,  
Und eurer Laune dank’ ich’s, nicht dem Nutz,  
Den mir ungütige Natur versagt,  
Wenn eure Zunge spricht, nicht euer Herz.

**Lucindo.** O dürft’ mein Herz nur sprechen, dürft’ es nur  
Ausströmen, was ihr tief hinabgesenkt,  
Die Worte würden Flammenmelodieen,  
Und jeder Hauch wär’ eine Ewigkeit,  
Ein Himmel, ein unendlich großes Reich,  
In dem die Leben all’ Gedanken blitzten,  
Voll zarter Sehnsucht, voller Harmonien,  
Das All in ihrem Busen hold verschließend,  
Der Schönheit Ätherschein aus sich ergießend,  
Denn jedes Wort, es trüg’ nur euren Namen!

**Pertini.** Ihr nehmt’s nicht übel, Fräulein, sag’ ich euch,  
Ein Deutscher ist’s, er wirft aus allen Ecken,  
Mit Melodie und Seele um sich her.

**Beatrice.** Ein Deutscher! nun, die Deutschen mag ich wohl,  
Ich selbst, ich rühme mich desselben Stammes,  
Setzt euch hieher, Herr Deutscher!

*(bietet ihm einen Platz auf dem Sofa an.)*

**Lucindo.** Dank’ euch, mein Fräulein!

*(heimlich zu Pertini.)*

Hinweg! jetzt gilt’s noch, hier bin ich verloren!

**Beatrice** *(beschämt)*. Hab’ ich zu viel gesagt? —

*(Lucindo will sprechen, Pertini läßt ihn nicht zu Wort kommen.)*

**Pertini.** Ha! spart ’nen Einfall, spart ’ne Schmeichelei,  
’S war nichts, Beatrice, nur ein Geschäft,  
Daß ich dem Herrn noch rasch besorgen soll.

**Lucindo** *(verwirrt, leise)*.  
Was Pertini? Bei Gott, ihr spielt mit mir!

**Pertini** *(laut)*.  
Nun laßt euch das nicht grämen, nicht so bang!  
Das Fräulein traut mir auf mein Wort, nicht wahr,  
Nicht wahr, Beatrice, er darf verweilen,  
Bis ich zurückgekehrt, Bedenklichkeit,  
Ihr seid ein Fremder, drum nicht blöde.

**Beatrice.** Wie, junger Herr, hab’ ich euch so empfangen,  
Daß ihr mir denken könnt, ich werde euch,  
Den Freund des alten Freundes Pertini,  
Den Fremden aus dem Hause gastlos stoßen,  
Das jeden willig gern in sich empfängt,  
Nicht schmeicheln sollt ihr, aber billig sein!

**Lucindo.** Bei Gott! Es schlägt mich eure Güte nieder!  
Ihr sprecht so mild, so wie die Engel sprechen,  
Verzeiht, wenn ich beschämt, wenn hingerissen,  
Vom wilden Strom vergess’ner Leidenschaft,  
Die Lippe sprach, was sie verschließen sollte,  
Doch blickt den Himmel, wenn er rein umflort,  
Aus blauen Wolkeshöhn herniederlacht,  
Schaut Farben, die in süßem Glanze wogen,  
Von Schatten bald und bald von Licht umzogen,  
Die sich melodisch voll und weich vereinen,  
In einem Bild beseelet zu erscheinen,  
Und schweigt dann, wenn die Lippe schweigen kann,  
Ihr könnt nicht, ’s zieht euch hin, wie Zauberbann,  
Besinnung ach! und Vorsicht sind geschwunden,  
Die Lippe bebet, wo das Herz empfunden,  
So wie die Äolsleier weiterklingt,  
Wenn seine Flügel Zephir um sie schwingt.

**Beatrice.** Die Schmeichelei’n, mein Herr, will ich verzeihn,  
Ihr wißt zu süßen Schein dem Gift zu leihn.

**Lucindo** *(leise zu Pertini)*.  
Verdammter Schurk’ und doch ein braver Schurk’,  
Was soll ich? fliehn, bei Gott, ich muß hinweg!

**Pertini** *(laut)*.  
Er kann es mir noch immer nicht vergessen,  
Daß ich vorhin sein Wort ihm weggegessen,  
Er hatte sich was Schönes ausgedacht,  
Da hab’ ich aus der Fassung ihn gebracht,  
Doch ’s ist schon gut, Beatrice, sie denkt,  
Ihr hättet euren Einfall ihr geschenkt,  
Er war wohl lang, wie alle deutsche Possen,  
Schwer zu verdauen, wenn man sie genossen.  
Ich geh!

**Lucindo** *(leise)*. Ha! Mensch!

**Pertini** *(laut)*.  
Doch denkt an Sympathien,  
Die aus dem Magen bald ins Herz uns ziehn,  
Bald kehr’ ich wieder, bring’ euch rasch dann fort,  
Zu fesselnd wär’ euch wohl der süße Ort!  
*(für sich.)* Ich muß hinweg, der Alte soll’s verderben,  
Und er getrost um ihre Liebe werben.

*(ab.)* *(Lucindo verwirrt.)*

**Beatrice.** Soll ich noch einmal euch zu sitzen heißen?

**Lucindo.** Gern, wenn ihr wollt, so gern hier bei euch sitzen!

*(setzt sich.)*

**Beatrice.** Freund Pertini ist seltsam oft gelaunt!

**Lucindo.** Ja seltsam! wirklich seltsam! seltsam ist’s! ’s ist seltsam!

*(Pause.)*

**Lucindo.** Verzeiht, mein Fräulein, schätzt ihr diesen Mann?

**Beatrice.** Er ist ein alter, treuer Hausgenosse,  
Und mir stets freundlich zugetan gewesen,  
Doch recht, ich weiß nicht, kann ich ihn nicht dulden,  
Er ist oft springend roh, oft ruft versteckt,  
Verzeiht, ’s ist euer Freund, ein Wundergeist  
Aus seinem Busen, glaubt, nicht, wie ich’s möchte;  
Es ist, als wenn er Nächt’ges in sich wälzte,  
Was bebend feig des Tages off’nen Liebesblick  
Nicht offen auch erwidern darf, was schlimmer,  
Als seine Zunge spricht, vielleicht als selbst  
Sein Herz es denken mag, doch nur Vermutung,  
Nicht recht, daß ich es euch so schnell vertraue,  
Denn Argwohn ist es, Argwohn ist ’ne Natter!

**Lucindo.** Bereut ihr, mir vertraut zu haben, Fräulein?

**Beatrice.** Wär’s ein Geheimnis, das mich selbst betrifft —  
Doch ach! was sag’ ich! habt ihr Recht erworben  
Auf mein Vertraun? allein, nichts übles ist’s,  
Wenn ich euch alles sagte, was ich weiß,  
Denn jedem könnt’ ich alles anvertraun,  
Weil ich nichts weiß, was nicht auch alle wissen.

**Lucindo.** So, alle! schön! Ihr meint es wohl mit allen?

**Beatrice.** Ihr auch, nicht wahr?

**Lucindo.** O Engel, süßes Wesen!

**Beatrice.** Ihr macht mich bange, Herr, was soll das hier?  
Ihr springt so rasch von einem auf das andre!

**Lucindo.** Rasch muß ich handlen, denn die Stunde schlägt,  
Was lange zaudern? Jeder Augenblick ist Tod.  
Kann ich’s verbergen? freilich seltsam, wunderseltsam,  
Ich sah euch kaum, ich kann’s mir nicht erklären,  
Es ist, als wenn wir lang vertraut schon wären,  
Als wenn aus Tönen, die ich in mir trug,  
Lebendig jetzt ein warmes Wesen schlug,  
Als wenn ein Geisterband uns längst umschlungen,  
Das jetzt zur Wirklichkeit sich losgerungen!

**Beatrice.** Ich will’s nicht leugnen, kann nicht fremd euch achten,  
Und doch seid ihr ein Fremder, unbekannt,  
Allein, wie finst’re Genien umnachten,  
Die, eh’ wir kamen, uns schon weggewandt,  
So mögen andre süß’ren Trug ersinnen,  
Durch magisch fernes Band uns zu gewinnen!  
Und dann, dann sehe man noch mehr sich vor,  
Der stärkste Blitz schlägt nicht aus dunklem Flor!

**Lucindo.** Ihr schöne Herzensphilosophin, Gott,  
Ich kann nicht widerstehn, du zwingst mich, du,  
Glaub’ nicht, daß ich dir Ehrfurcht nicht empfinde,  
Weil ich so kühn und schnell mich unterwinde,  
Den Busen preßt’s, die Nerven alle reißen,  
Ich kann nicht widerstehn, bald bin ich fern,  
Bald fort von hier, von dir, von dir geschieden,  
Dann Welten, taucht in Abgrund, taucht euch unter,  
Verzeih’, mein süßes Kind, verzeih’ den Zeiten,  
Die rasch mich drängen, Ungestüm bereiten,  
Ich liebe dich, Beatrice, bei Gott,  
Beatrice und Liebe ist ein Hauch,  
Ich kann sie nur in einem Atem wehn,  
Ich wollt’ in dem Gedanken untergehn!

**Beatrice.** Ach, laßt die Rede, denn sie kann nicht frommen,  
Gesetzt, doch hört, ’s ist nichts, als ein Gedicht,  
Ihr solltet jetzt sogleich mein Herz bekommen,  
Gewiß, dann schätztet ihr mich weiter nicht.  
Ihr dächtet nun, ’s ist ein gewöhnlich Kind,  
Schnell hingegeben, wie es tausend sind,  
Und wenn ihr den Gedanken nur gedacht,  
Wär’ ich um Lieb’, um Achtung selbst gebracht,  
Mein Herz, es könnte euch nicht weiter gelten,  
Und ich, ich selber müßt’ mich schmerzlich schelten.

**Lucindo.** O seelenvolles, üppig warmes Wesen,  
O könntest du in meinem Busen lesen,  
Ich habe nie geliebt, noch nie, bei Gott,  
Doch dein, dein Vorwurf ist der Liebe Spott.  
Laß lang den schnöden Kaufmann mäkelnd sinnen  
Behutsam zaudernd will er mehr gewinnen,  
Doch Liebe, sieh’ das All in uns gefaßt,  
Nicht weiter, weiter nichts, nichts, nichts zu hoffen,  
Bedenken mag, was bindet und sich haßt,  
Die Liebe schließet sich, wie Zauber offen,  
Es ist ein Lichtfunk, aus dem Sein entglüht,  
Drum sei sie auch in dem Moment entsprüht,  
Wo noch ein andres liegt, da gilt das Wägen,  
Rasch ist die Flamme, rasch der Liebe Segen.

**Beatrice.** Soll ich mich zieren? alles muß ich wagen,  
Die Flammen mögen hoch zusammenschlagen,  
Doch ach! das Herz ist mir gepreßt, geengt,  
Es ist, als sei der Lust der Schmerz gemengt,  
Als steige zwischen unsrem Bund ein Zischen,  
Das die Dämonen höhnend in ihn mischen.

**Lucindo.** Es ist die Glut, die dir noch nicht bekannt,  
Das alte Leben, von uns abgewandt,  
Noch einmal läßt’s den Abschiedsgruß uns hören,  
Dann wagt es nimmer mehr sich zu empören.  
Doch wie, Beatrice, wie wirst du mein?

**Beatrice.** Mein Vater will ’nem Menschen mich verbinden,  
Ich haßt’ ihn, wenn ich Menschen hassen könnte,  
Doch sei gewiß, du sollst bald mehr von mir vernehmen,  
Wo wohnst du, süßer, holder Herzensfreund?

**Lucindo.** Bei Pertini.

**Beatrice.** Ich werd’ ’nen Boten senden,  
Doch deinen Namen, sicher voll, wie Töne,  
Die Sphärenlauf in seinem Kreise schlägt?

**Lucindo** *(ernst)*. Ich heiß’ Lucindo, ich!

**Beatrice.** Lucindo, süß,  
Süß klingt der Namen, mein Lucindo  
Ist meine Welt, mein Gott, mein Herz, mein alles.

**Lucindo.** Beatrice, das bist du selbst, und du  
Bist mehr, wie alles, bist Beatrice.

*(er drückt sie heftig an seine Brust, die Tür springt auf, Wierin tritt ein.)*

**Wierin.** Ha schön! ha Schlange, ha Beatrice,  
Du marmorkalte Tugendpuppe, ha!

**Lucindo.** Was soll’s, was soll’s? Was hast du hier zu schaffen,  
Bei Gott, ich sah noch nie ’nen schön’ren Affen.

**Wierin.** Verdammter Knabe, was es soll, es soll,  
Wir sprechen uns, du mein Rivale, du,  
Ein Mensch, geformt, um Menschenform zu hassen,  
Ein Wicht, von eitler Frechheit aufgeblasen,  
Ein Druckpapier, um Federn abzuwischen,  
Ein Held, für die Komödie, wie geschaffen.

**Lucindo.** Und wie gesagt, ’nen ganz vollkomm’nen Affen!  
Doch schämt euch, Worte streitend hier zu wechseln,  
Hier gleicht der Mut ’ner Straßenorgel nur,  
Die zu ’nem Bildnis spielt und Schlachten lügt,  
Bald kann es gelten.

**Wierin.** Bald, gleich, gleich Knabe, laß mich mit dir sprechen,  
Es es es, ha ’s überrinnt mich kalt,  
Beatrice, ich schaff den Buhlen fort.

**Lucindo.** Schweig’, Wicht, ich folg dir gleich, gleich auf der Stelle.

*(Pertini tritt ein.)*

**Pertini.** Was ein Geschrei? Seid ihr auf off’ner Straße,

*(zu Wierin.)*

Schreit ihr so, Krähe, wart’, ich stopf’ den Mund.

*(für sich.)*

Ich habe mich glücklich adressiert, der Kerl  
Hat mich doch etwas mißverstanden!

*(Beatrice fällt in Ohnmacht.)*

**Lucindo.** Ha! Hilfe! ach, sie sinkt, o Gott,

*(sich über sie lehnend.)*

Komm’ zu dir, Engel, süßes Seelenwesen, sprich!

*(er küßt sie.)*

Fühlst du die Glut, sie schlägt den Blick, sie atmet,  
Warum nur das, Beatrice, warum?  
Willst du mich töten, kann ich so dich sehn?

*(er hebt sie auf, sie umschlingend, Wierin will auf ihn zustürzen, Pertini hält ihn zurück.)*

**Pertini.** Freund Krähe, kommt, ein Wort in euer Ohr!

**Beatrice** *(schwach)*. Lucindo, mein Lucindo, ach verloren,  
Verloren, eh’ ich dich, mein Herz, gewann!

**Lucindo.** Sei ruhig, Engel, nichts ist zu verlieren,  
Den Menschen will ich bald zur Ruhe führen.

*(er trägt sie aufs Sofa.)*

Hier ruhe, länger dürfen wir nicht weilen,  
Den heil’gen Ort soll nicht der Greuel teilen.

**Wierin.** Nur weg, wir werden sprechen!

**Pertini.** Fort, ich auch,  
Ein Sekundant bei zwei’n ist neuer Brauch!

**Lucindo.** Sei ruhig, süßes Kind, wofür der Schmerz?

**Beatrice.** Leb wohl.

**Lucindo.** Leb Engel wohl.

**Beatrice** *(tief seufzend)*. Mein ahnend Herz!

*Vorhang fällt. Ende des ersten Akts.*
