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Title: Die deutschen Volksbücher (1839)
Description: Friedrich Oswald (Engels) prüft die deutschen Volksbücher, vom gehörnten Siegfried bis zum hundertjährigen Kalender, danach, ob sie dem Volk Freiheitssinn und Vernunft oder Aberglauben und Unterwürfigkeit vermitteln.
Author: Friedrich Engels
Date: 1839-11
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1839%20Die%20deutschen%20Volksb%C3%BCcher
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*Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 49-56), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), November 1839, Nr. 186, S. 1481-1484; Nr. 188, S. 1501-1502; Nr. 189, S. 1509-1512; Nr. 190, S. 1518-1519; Nr. 191, S. 1526-1528. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1839%20Los%20libros%20populares%20alemanes).*

*Von Friedrich Oswald*

Ist es nicht ein großes Lob für ein Buch, wenn es ein Volksbuch, ein deutsches Volksbuch ist? Aber darum dürfen wir auch Großes von einem solchen Buche verlangen, darum muß es allen vernünftigen Ansprüchen genügen und von jeder Seite in seinem Werte unangreifbar sein. Das Volksbuch hat den Beruf, den Landmann, wenn er abends müde von seinem harten Tagewerk zurückkehrt, zu erheitern, zu beleben, zu ergötzen, ihn seiner Mühen vergessen zu machen, sein steiniges Feld in einen duftigen Rosengarten umzuwandeln; es hat den Beruf, dem Handwerker seine Werkstatt, dem geplagten Lehrjungen seine elende Dachkammer in eine Welt der Poesie, in einen goldenen Palast umzuzaubern und ihm sein handfestes Liebchen in Gestalt einer wunderschönen Prinzessin vorzuführen; aber es hat auch den Beruf, neben der Bibel ihm sein sittliches Gefühl klarer zu machen, ihm seine Kraft, sein Recht, seine Freiheit zum Bewußtsein zu bringen, seinen Mut, seine Vaterlandsliebe zu wecken.

Sind also im allgemeinen die Anforderungen, die man, ohne ungerecht zu sein, an ein Volksbuch machen darf, reicher poetischer Inhalt, derber Witz, sittliche Reinheit, und für das deutsche Volksbuch kräftiger, biederer *deutscher* Geist, Eigenschaften, die zu jeder Zeit sich gleichbleiben, so sind wir daneben auch berechtigt, zu verlangen, daß das Volksbuch seiner Zeit entspreche oder aufhöre, Volksbuch zu sein. Sehen wir insbesondere die Gegenwart an, das Ringen nach Freiheit, das alle ihre Erscheinungen hervorruft, den sich entwickelnden Konstitutionalismus, das Sträuben gegen den Druck der Aristokratie, den Kampf des Gedankens mit dem Pietismus, der Heiterkeit mit den Resten düsterer Askese, so sehe ich nicht ein, inwiefern es Unrecht wäre, zu verlangen, das Volksbuch solle hier dem Ungebildeteren zur Hand gehen, ihm, wenn auch natürlich nicht in unmittelbarer Deduktion, die Wahrheit und Vernünftigkeit dieser Richtungen zeigen — aber auf keinen Fall die Duckmäuserei, das Kriechen vor dem Adel, den Pietismus befördern. Von selbst versteht es sich aber, daß Gebräuche früherer Zeiten, deren Ausübung jetzt Unsinn oder gar Unrecht wäre, dem Volksbuche fremd bleiben müssen.

Nach diesen Grundsätzen dürfen und müssen wir auch diejenigen Bücher beurteilen, die jetzt wirklich deutsche Volksbücher sind und gewöhnlich unter diesem Namen zusammengefaßt werden. Sie sind teils Erzeugnisse der mittelalterlichen deutschen oder romanischen Poesie, teils des Volksaberglaubens. Früher von den höhern Ständen verachtet und verspottet, wurden sie von den Romantikern hervorgesucht, bearbeitet, ja gefeiert. Aber die Romantik sah nur auf den poetischen Gehalt, und, wie unfähig sie war, ihre Bedeutung als Volksbücher zu fassen, zeigt *Görres* in seinem Werk darüber. Daß Görres überhaupt seine Urteile alle *dichtet*, hat er ja noch in der neuesten Zeit gezeigt. Doch beruht auf seinem Buche noch immer die gewöhnliche Ansicht über diese Bücher, und *Marbach* beruft sich noch darauf bei der Ankündigung seiner Ausgabe. In der dreifachen neuen Bearbeitung dieser Bücher — durch Marbach in Prosa, durch *Simrock* eine prosaische und eine poetische — von denen zwei wieder für das Volk bestimmt sind, war die Aufforderung gegeben, die Gegenstände dieser Bearbeitungen nochmals genau in ihrem volkstümlichen Werte zu prüfen.

Das Urteil über den poetischen Wert dieser Bücher muß jedem Einzelnen überlassen bleiben, so lange die Poesie des Mittelalters überhaupt so sehr verschieden beurteilt wird; daß sie aber wirklich echt poetisch sind, wird wohl keiner leugnen. Mögen sie also auch als Volksbücher sich nicht legitimieren können, der poetische Gehalt soll ihnen ungeschmälert bleiben, ja, nach Schillers Worten:

> Was unsterblich im Gesang soll leben,  
> Muß im Leben untergehn,  

möchte vielleicht mancher Dichter einen Beweggrund mehr finden, das, was sich als unhaltbar fürs Volk erweist, der Poesie durch Bearbeitung zu retten. — Zwischen denen dieser Erzählungen, die deutschen, und denen, die romanischen Ursprungs sind, findet sich ein sehr bezeichnender Unterschied; die deutschen, echte Volkssagen, stellen den Mann handelnd in den Vordergrund; die romanischen heben das Weib, entweder geradezu duldend (Genovefa) oder liebend, also auch passiv gegen die Leidenschaft, hervor. Nur zwei sind ausgenommen: die Haimonskinder und Fortunat, beide romanisch, aber auch Volkssagen, während Oktavian, Melusine usw. Produkte der Hofpoesie und erst später durch prosaische Bearbeitung ins Volk übergegangen sind. — Von den komischen ist auch nur eins nicht geradezu deutschen Ursprungs, Salomon und Morolf, während Eulenspiegel, die Schildbürger usw. uns nicht streitig gemacht werden können.

Fassen wir die Gesamtheit dieser Bücher ins Auge und beurteilen wir sie nach den im Anfange ausgesprochenen Grundsätzen, so ist es klar, daß sie nur nach einer Seite hin diesen Ansprüchen genügen; sie haben Poesie und Witz in reichem Maße und in einer auch dem Ungebildetsten im allgemeinen ganz verständlichen Form, nach der andern Seite hin aber genügt die Gesamtheit gar nicht, einzelne sprechen gerade das Gegenteil aus, andere genügen nur teilweise. Die besonderen Zwecke, die die Gegenwart von ihnen verlangen dürfte, gehen ihnen als Produkten des Mittelalters natürlich ganz ab. Trotz der äußeren Reichhaltigkeit dieses Literaturzweiges und trotz Tiecks und Görres’ Deklamationen lassen sie also noch sehr zu wünschen übrig; ob diese Lücke aber jemals auszufüllen sein wird, ist eine andere Frage, die ich mir nicht zu beantworten getraue.

Um nun zu dem einzelnen überzugehen, so ist ohne Zweifel das wichtigste die **Geschichte vom gehörnten Siegfried.** — Das Buch laß’ ich mir gefallen; das ist eine Erzählung, die wenig zu wünschen übrig läßt, da ist die üppigste Poesie, bald mit der größten Naivetät, bald mit dem schönsten humoristischen Pathos vorgetragen; da ist sprudelnder Witz — wer kennt nicht die kostbare Episode vom Kampf der beiden Memmen? Da ist Charakter, ein kecker, jugendlich-frischer Sinn, an dem sich jeder wandernde Handwerksbursche ein Exempel abnehmen kann, wenn er auch nicht mehr mit Drachen und Riesen zu kämpfen hat. Und werden nur die Druckfehler verbessert, an denen besonders die mir vorliegende (Kölner) Ausgabe überaus reich ist, und die Interpunktion richtig gesetzt, so verschwinden Schwabs und Marbachs Überarbeitungen gegen diesen echten Volksstil. Das Volk hat sich aber auch dankbar dagegen bewiesen; keines dieser Bücher ist mir so häufig vorgekommen wie dieses.

**Herzog Heinrich der Löwe.** — Von diesem Buche habe ich mir leider kein altes Exemplar verschaffen können; die neuere, in Einbeck gedruckte Ausgabe scheint ganz an die Stelle der alten getreten zu sein. Voran geht eine Genealogie des Braunschweigischen Hauses, die bis zum Jahr 1735 geht, dann folgt die Biographie des Herzogs Heinrich nach der Geschichte und darauf die Volkssage. Noch sind beigefügt eine Erzählung, die von Gottfried von Bouillon dasselbe erzählt, wie die Volkssage von Heinrich dem Löwen, die Geschichte vom Sklaven Andronicus, welche einem palästinischen Abt Gerasimi zugeschrieben und am Schluß bedeutend verändert wird und ein Gedicht aus der neueren romantischen Schule, dessen Verfasser mir nicht einfällt, in dem die Sage vom Löwen noch einmal erzählt wird. So verschwindet die Sage, auf der doch das Volksbuch beruht, gänzlich unter den Anhängseln, mit denen es die Freigebigkeit des weisen Herausgebers ausstattete. Die Sage selbst ist sehr schön, aber das übrige kann nicht interessieren; was geht den Schwaben die braunschweigische Geschichte an? Und was soll die moderne, wortreiche Romanze hinter dem einfachen Stil des Volksbuches? — Doch auch der ist fort; der geniale Bearbeiter, der mir ein Pfarrer oder Schulmeister aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts zu sein scheint, schreibt folgendermaßen: „So war das Ziel der Reise erreicht, das heilige Land lag vor Augen, der Boden wurde betreten, an den sich die bedeutendsten Erinnerungen der religiösen Geschichte knüpfen! Die fromme Einfalt, die hieher verlangensvoll geschaut hatte, ging hier über in inbrünstige Andacht, fand hier volle Befriedigung und ward die lebhafteste Freude in dem Herrn.“ — Man stelle die Sage in ihrer alten Sprache wieder her, füge, um ein Buch voll zu machen, andre echte Volkssagen hinzu und sende sie so unters Volk, so wird sie den poetischen Sinn wach halten; aber in dieser Gestalt ist sie es nicht wert, unter dem Volke zu zirkulieren.

**Herzog Ernst.** — Der Verfasser dieses Buches ist kein besonderer Poet gewesen, indem er alle poetischen Momente im orientalischen Märchen vorfand. Doch ist das Buch gut geschrieben und sehr unterhaltend für das Volk; das ist aber auch alles. An die Wirklichkeit der darin vorkommenden Phantasiegebilde wird doch kein Mensch mehr glauben; man mag es darum unverändert in den Händen des Volks lassen.

Ich komme jetzt zu zwei Sagen, die das deutsche Volk schuf und ausbildete, zu dem Tiefsten, was die Volkspoesie aller Völker aufweisen kann. Ich meine die Sage von **Faust** und vom **ewigen Juden.** Sie sind unerschöpflich, jede Zeit kann sie sich aneignen, ohne sie in ihrem Wesen umzumodeln; und wenn auch die Bearbeitungen der Faustsage nach Goethe zu den Iliaden post Homerum gehören mögen, so decken sie uns doch immer neue Seiten daran auf — von der Wichtigkeit der Ahasversage für die neuere Poesie gar nicht zu reden. Aber wie enthalten die Volksbücher diese Sagen! Nicht als Produkte der freien Phantasie, nein, als Kinder eines sklavischen Aberglaubens sind sie aufgefaßt; das Buch vom ewigen Juden verlangt sogar einen religiösen Glauben an seinen Inhalt, den es mit der Bibel und vielen abgeschmackten Legenden zu rechtfertigen sucht; von der Sage enthält es nur das Alleräußerlichste, aber eine sehr lange und langweilige christliche Vermahnung über den Juden Ahasverus. Die Faustsage ist zu einer gemeinen Hexereigeschichte herabgesunken, mit ordinären Zauberanekdoten verziert, sogar die wenige Poesie, die sich in der Volkskomödie erhalten hat, ist fast ganz verschwunden. Nicht nur aber sind diese beiden Bücher unfähig, einen poetischen Genuß zu bieten, sie müssen in der gegenwärtigen Gestalt den alten Aberglauben wieder befestigen und erneuern; oder was soll man anders von solchen Teufeleien erwarten? Das Bewußtsein der Sage und ihres Inhalts scheint auch im Volke ganz zu verschwinden; Faust gilt für einen ganz gewöhnlichen Hexenmeister und Ahasver für den größten Bösewicht außer Judas Ischariot. Aber sollte es nicht möglich sein, diese beiden Sagen dem deutschen *Volke* zu retten, sie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herzustellen und ihr Wesen so klar auszudrücken, daß auch dem Ungebildeteren der tiefe Sinn nicht ganz unverständlich ist? Marbach und Simrock sind noch nicht zur Bearbeitung dieser Sagen gekommen; möchten sie bei diesen eine weise Kritik vorwalten lassen!

Eine andre Reihe der Volksbücher liegt vor uns, es sind die scherzhaften, **Eulenspiegel, Salomon und Morolf, der Pfaff vom Kalenberge, die sieben Schwaben, die Schildbürger.** Das ist eine Reihe, wie sie wenige Völker aufzuweisen haben. Dieser Witz, diese Natürlichkeit der Anlage wie der Ausführung, der gutmütige Humor, welcher den beißenden Spott überall begleitet, damit er nicht zu arg werde, diese frappante Komik der Situation könnte wahrlich einen großen Teil unserer Literatur beschämen. Welcher Autor der Gegenwart hätte Erfindungsgabe genug, ein Buch wie die Schildbürger schaffen zu können? Wie prosaisch steht Mundts Humor da, vergleicht man ihn mit dem der sieben Schwaben! Freilich gehörte eine ruhigere Zeit dazu, dergleichen zu produzieren, als die unsrige, die, einem ruhelosen Geschäftsmanne gleichend, stets die wichtigen Fragen im Munde führt, die sie zu beantworten habe, ehe sie an andres denken könne. — Was die Form dieser Bücher betrifft, so möchte außer Entfernung eines oder des andern mißratenen Witzes und Reinigung des entstellten Stils, wenig an ihnen zu ändern sein. Von Eulenspiegel sind mehrere, mit preußischem Zensurstempel versehene Ausgaben weniger vollständig; gleich im Anfange fehlt ein derber Witz, der bei Marbach in einem sehr guten Holzschnitte dargestellt ist.

Einen schroffen Gegensatz hierzu bilden die Geschichten von **Genovefa, Griseldis** und **Hirlanda,** drei Bücher romanischen Ursprungs, die alle ein Weib zur Heldin haben, und zwar ein leidendes Weib; sie bezeichnen das Verhältnis des Mittelalters zur Religion, und das auf sehr poetische Weise — nur sind Genovefa und Hirlanda zu sehr über einen Leisten gehauen. Aber, um Gottes Willen, was soll das deutsche Volk heutzutage damit? Man kann sich zwar unter Griseldis das deutsche Volk sehr schön vorstellen und unter Markgrafen Walther die Fürsten — aber da müßte denn die Komödie doch ganz anders schließen, als es im Volksbuche geschieht, man würde sich die Vergleichung beiderseits verbitten und würde hie und da gutes Recht dazu haben. Soll die Griseldis noch Volksbuch bleiben, so kommt sie mir vor wie eine Petition an die hohe deutsche Bundesversammlung um Emanzipation der Frauen. Man weiß aber hie und da, wie vor vier Jahren dergleichen romanhafte Petitionen aufgenommen wurden, weshalb ich mich sehr wundere, daß Marbach nicht nachträglich zum jungen Deutschland gerechnet worden. — Das Volk hat lange genug Griseldis und Genovefa vorgestellt, es spiele jetzt auch einmal den Siegfried und Reinald; aber der rechte Weg, es dahin zu bringen, ist doch wohl nicht das Anpreisen jener alten Demütigungshistorien?

Das Buch vom **Kaiser Octavianus** gehört seiner ersten Hälfte nach dieser Klasse an, während es durch die zweite Hälfte sich an die eigentlichen Liebesgeschichten anschließt. Die Geschichte von der **Helena** ist nur eine Nachahmung des Oktavian, oder beide sind vielleicht verschiedene Auffassungen derselben Sage. Die zweite des Oktavian ist ein vortreffliches Volksbuch und allein dem Siegfried zur Seite zu stellen; die Charakteristik des Florens, sowie seines Pflegevaters Clemens und des Claudius ist ausgezeichnet, und Tieck hatte es hier sehr leicht; aber zieht sich nicht überall der Gedanke hindurch, daß adliges Blut besser sei als Bürgerblut? Und wie oft finden wir nicht diesen Gedanken noch im Volke selbst! Wenn dieser Gedanke nicht aus dem Oktavian verbannt werden kann — und das halte ich für unmöglich — wenn ich bedenke, daß *er* zuerst entfernt werden muß, wo konstitutionelles Leben erstehen soll — so mag das Buch so poetisch sein, wie es will, censeo Carthaginem esse delendam.

Den genannten tränenreichen Leidens- und Duldergeschichten stehen drei andre gegenüber, die die Liebe feiern. Es sind: **Magelone, Melusina** und **Tristan.** Magelone sagt mir als Volksbuch am meisten zu; Melusina ist wieder voll von absurden Monstrositäten und fabelhaften Übertreibungen, so daß man beinahe eine Donquijotiade darin sehen möchte, und ich wieder fragen muß: was soll das dem deutschen Volke? Und nun gar die Geschichte von Tristan und Isolde — ihren poetischen Wert will ich nicht antasten, weil ich die herrliche Bearbeitung Gottfrieds von Straßburg liebe, wenn auch hie und da Mängel in der Erzählung zu finden sein möchten — aber es gibt kein Buch, das weniger dem Volke in die Hände gegeben werden dürfte als gerade dieses. Zwar liegt hier eine moderne Frage wieder sehr nahe, die Emanzipation der Frauen; ein geschickter Dichter würde bei einer Bearbeitung des Tristan jetzt diese Frage gar nicht mehr von seiner Arbeit ausschließen können, ohne darum in eine gesuchte und langweilige Tendenzpoesie zu verfallen. Aber im Volksbuch, wo von dieser Frage keine Rede ist, kommt die ganze Erzählung auf eine Entschuldigung des Ehebruchs heraus — und das in den Händen des Volks zu lassen, ist doch sehr bedenklich. Indes verschwindet das Buch fast ganz, und sehr selten bekommt man ein Exemplar davon zu Gesicht.

Die **Haimonskinder** und **Fortunat,** wo wir wieder den *Mann* im Mittelpunkte der Handlung sehen, sind einmal wieder ein paar rechte Volksbücher. Hier der heiterste Humor, mit dem der Sohn Fortunas alle seine Abenteuer durchficht — dort der kecke Trotz, die ungebändigte Oppositionslust, die der absoluten, tyrannischen Gewalt Karls des Großen jugendkräftig entgegentritt und sich nicht scheut, erlittene Beleidigungen mit eigner Hand, auch vor dem Auge des Fürsten, zu rächen. Solch’ ein jugendlicher Geist muß in den Volksbüchern herrschen, der läßt viele Mängel übersehen; aber wo ist der in Griseldis und ihren Verwandten zu finden?

Zuletzt kommt das Beste, der geniale hundertjährige **Kalender** das superkluge **Traumbuch,** das nie fehlende **Glücksrad** und ähnliche unsinnige Kinder des leidigen Aberglaubens. Mit welchen elenden Sophismen Görres dieses Zeug entschuldigt hat, weiß ein jeder, der sein Buch nur einmal angesehen hat. Alle diese traurigen Bücher hat die preußische Zensur mit ihrem Stempel beehrt. Freilich sind sie weder revolutionär, wie Börnes Briefe, noch unsittlich, wie man von der Wally behauptet. Man sieht, wie falsch die Anschuldigungen sind, als sei die preußische Zensur ausnehmend scharf. Ich brauche wohl kein Wort mehr darüber zu verlieren, ob solches Zeug ferner unter dem Volke bleiben solle.

Von den übrigen Volksbüchern ist nichts zu sagen; die Geschichten von **Pontus, Fierabras** usw. haben sich längst verloren und verdienen also diesen Namen nicht mehr. Aber ich glaube schon in diesen wenigen Andeutungen gezeigt zu haben, wie ungenügend diese Literatur erscheint, wenn man sie im Interesse des Volks, nicht im Interesse der Poesie beurteilt. Was ihr nottut, sind Bearbeitungen einer strengen Auswahl, die vom alten Ausdruck nicht ohne Not abgehen und gut ausgestattet, unter das Volk gebracht werden. Mit Gewalt die auszurotten, die vor der Kritik nicht bestehen können, dürfte weder leicht möglich, noch rätlich sein; nur dem wirklich Abergläubischen darf der Zensurstempel versagt werden. Die übrigen verlieren sich von selbst; Griseldis findet sich selten, Tristan fast gar nicht. In manchen Gegenden ist es nicht möglich, auch nur ein einziges Exemplar aufzutreiben, z. B. im Wuppertal; in andern, wie in Köln, Bremen usw. hat fast jeder Krämer Exemplare an den Fenstern für die hereinkommenden Bauern ausgehängt.

Aber eine vernünftige Bearbeitung ist das deutsche Volk, sind die besseren dieser Bücher doch wohl wert? Es ist freilich nicht jedermanns Sache, eine solche Bearbeitung auszuführen; ich kenne nur zwei, die kritischen Scharfsinn und Geschmack genug bei der Auswahl, Gewandtheit im altertümlichen Stil bei der Ausführung besitzen; das sind die Brüder *Grimm*; ob sie aber auch Lust und Muße zu dieser Arbeit haben würden? Die Marbachsche Bearbeitung paßt gar nicht für das Volk. Was ist da zu hoffen, wenn er gleich mit Griseldis anfängt? Nicht nur fehlt ihm alle Kritik, auch hat er sich zu Auslassungen hinreißen lassen, die gar nicht nottaten; dazu hat er den Stil recht matt und farblos gemacht — man vergleiche das Volksbuch vom gehörnten Siegfried und jedes andre mit der Bearbeitung. Da ist nichts als auseinandergerissene Sätze, Wortversetzungen, zu denen keine Veranlassung war, als Herrn Marbachs Sucht, in Ermanglung anderweitiger Selbständigkeit, hier selbständig zu scheinen. Oder was trieb ihn sonst dazu, die schönsten Stellen aus dem Volksbuch zu verändern und mit seiner unnötigen Interpunktion zu versehen? Wer das Volksbuch nicht kennt, für den sind die Marbachschen Erzählungen ganz gut, aber sobald man beide vergleicht, sieht man, daß Marbachs ganzes Verdienst die Verbesserung der Druckfehler ist. Seine Holzschnitte sind von ganz verschiedenem Wert. — Die Simrocksche Bearbeitung ist noch nicht weit genug gediehen, um ein Urteil darüber fällen zu können; doch traue ich Simrock weit mehr zu als seinem Nebenbuhler. Seine Holzschnitte sind auch durchgängig besser als die Marbachs.

Sie haben für mich einen außerordentlichen, poetischen Reiz, diese alten Volksbücher mit ihrem altertümlichen Ton, mit ihren Druckfehlern und schlechten Holzschnitten; sie versetzen mich aus unsern geschraubten, modernen „Zuständen, Wirren und feinen Bezügen“ in eine Welt, die der Natur weit näher liegt. Aber davon darf hier keine Rede sein; Tieck freilich hatte in diesem poetischen Reiz sein Hauptargument — aber was gilt Tiecks, Görres’ und aller andern Romantiker Autorität, wenn die Vernunft dawider spricht, und wenn es sich um das *deutsche Volk* handelt?
