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Title: Ein Abend (1840)
Description: Gedicht Friedrich Oswalds (Engels) vom kommenden Freiheitsmorgen.
Author: Friedrich Engels
Date: 1840-08
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1840%20Ein%20Abend
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*Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 83-87), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), August 1840, Nr. 125, S. 498-500. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1840%20Una%20tarde).*

*Von Friedrich Oswald*

> To morrow comes!  
> *Shelley.*

## 1.

Im Garten sitz’ ich — eben ist gesunken  
Des alten Tages Sonne in die Fluten  
Und, die von ihr beherrscht, verborgen ruhten,  
Sprüh’n lustig jetzt, der Abendröte Funken.  
Die Blumen steh’n und schau’n sich an so trübe,  
Daß ihnen schwand der Sonne heit’res Leuchten,  
Die Vögel aber auf den unerreichten  
Baumgipfeln singen froh ihr Lied der Liebe.  
Die Schiffe ruhen auf des Stromes Rücken,  
Die sonst den weiten Ozean durchfahren,  
Und fernherüber dröhnt das Holz der Brücken,  
Drauf heimwärts ziehn der Menschen müde Scharen.  
Der kühle Trank braust auf im hellen Becher,  
Und vor mir liegen Calderons Komödien;  
Und so berausch’ ich mich, ein rechter Zecher,  
Am Wein und den gewaltigen Tragödien.  

## 2.

Bleich wird das Abendrot im Westen schon —  
Geduld, ein Morgen kommt, ein Freiheitsmorgen,  
Die Sonne steigt, und ewig glüht ihr Thron,  
Fern bleibt die Nacht mit ihren trüben Sorgen.  
Da sprießen neu die Blumen, nicht in Beeten,  
Nicht da allein, wo wir den Samen säeten,  
Die ganze Erde wird ein lichter Garten.  
Und alle Pflanzen wechseln ihre Länder,  
Die Friedenspalme schmückt des Nordens Ränder,  
Der Liebe Rose kränzt die Frosterstarrten.  
Die feste Eiche wandert nach dem Süden,  
Despoten trifft als Keule dort ihr Ast,  
Und wer dem Lande wiedergab den Frieden,  
Der sieht von ihrem Laub sein Haupt umfaßt.  
Die Aloe sproßt in aller Welt empor —  
Ihr ist der strenge Geist des Volkes ähnlich,  
So stachelvoll, so plump und unansehnlich,  
Bis plötzlich, laut erkrachend, bricht hervor  
Durch jedes Hemmnis eine lichte Blüte,  
Die Freiheitsflamme, die verborgen glühte,  
Den Duft verhauchend, der zu Gott mag dringen  
Eh’ als der Weihrauch, den ihm Heuchler bringen.  
Und einsam steh’n im Haine und vergessen,  
Jetzt ohne Deutung, einzig die Zypressen.  

## 3.

Die Vögel, die dann auf den grünen Zweigen  
Mit lautem Sang das Morgenrot verkünden,  
Die schon erkennen, wenn die Wolken neigen  
Ihr feuchtes Haupt zu niedern Tälergründen,  
Daß bald die Sonne wird den Thron besteigen,  
Das sind die Männer aus dem Dichterreigen;  
Ihr Wort wird fortgetragen an den Winden,  
Die, frei, sich gern mit freiem Wort verbünden.  
Die Sänger stehn nicht auf der Schlösser Warten —  
Die Adelsschlösser sanken längst, zertrümmert —  
Von stolzen Eichen, die im Sturm nicht knarrten,  
Sehn sie zur Sonne kühn und unbekümmert;  
Ob sie der Strahl des Lichts, des langerharrten,  
Auch blende, wenn er rein die Welt umschimmert,  
Und ich bin einer auch der freien Sänger;  
Die Eiche *Börne* ist’s, an deren Ästen  
Ich aufgeklommen, wenn im Tal die Dränger  
Um Deutschland enger ihre Ketten preßten.  
Ja, einer bin ich von den kecken Vögeln,  
Die in dem Äthermeer der Freiheit segeln;  
Und wär’ ich Sperling nur in ihren Zügen —  
Ich wäre Sperling lieber unter ihnen,  
Als Nachtigall, sollt’ ich im Käfig liegen,  
Und mit dem Liede einem Fürsten dienen.  

## 4.

Dann trägt das Schiff, das durch die Wogen schäumt,  
Nicht Waren mehr, um einz’le zu bereichern,  
Nicht dient’s dem gier’gen Kaufmann mehr zu Speichern,  
Es bringt die Saat, der Menschenglück entkeimt;  
Es ist ein Roß, das jugendfroh sich bäumt,  
Sein Reiter bringt den Heuchlern Tod und Schleichern,  
’s ist einer von den mut’gen Gramverscheuchern,  
’s ist ein Gedanke, der von Freiheit träumt.  
Die Flagge trägt nicht mehr des Königs Wappen,  
Dem sich das Schiffsvolk beugt mit Furcht und Zittern —  
Sie trägt die Wolk’, um die nach Ungewittern,  
Wenn sie der Blitz zerriß mit seinen Schlägen,  
Sich sühnend will der Friedensbogen legen.  

## 5.

Dann wölbt die Liebe Brücken, unsichtbare,  
Von Herz zu Herzen; ob durch ihren Bogen  
Herniederbraust der rasche Strom der Jahre,  
Der Strom der Leidenschaften, schaumumflogen,  
Die Brücke wanket nicht, die demantharte,  
Und d’rüber weht der Freiheit Lichtstandarte  
Und d’rüber geht der Mensch; wohin er sendet  
Den Blick, wohin sein Fuß ihn möge tragen,  
Er sieht ein gastlich Dach gen Himmel ragen,  
Erquickung wird ihm gerne stets gespendet;  
Wo er sich legt, das Auge schlafgeblendet,  
Da fühlt er heimisch sich und sonder Zagen.  
Zum Äther aber wölbet neue Brücken,  
Ein rein’rer Glaube, d’rauf die Menschen dreister  
Zum Himmel geh’n, demütig-stolz zu blicken  
Ins Aug’ dem ew’gen Urbild aller Geister.  
Aus seinem Schoße sind sie ausgegangen,  
Zu seinem Schoße kehren sie hinwieder,  
Sich fühlend als der Geisteskette Glieder,  
Die ewig die Materie umfangen.  

## 6.

Ein neuer Wein wird dann die Becher füllen,  
Der Freiheit Wein, zu üppiger Berauschung;  
Er wird die Sinne nicht in Nebel hüllen,  
Gibt neuen Sinn in glücklicher Vertauschung,  
Daß du vermagst, die Melodie der Sphären  
Dir aufzufangen mit des Ohres Lauschung,  
Daß in den Adern sich dein Blut verklären,  
Zu Äther wird, der die Unendlichkeiten  
Durchströmt, daß deine Blicke durch den hehren  
Uralten Raum, wie kecke Krieger schreiten,  
Und Sterne sich erobern in der Höh’;  
Dazwischen, wie Irrlichterscheine, gleiten  
Vorbei die Bilder aus vergangenem Weh’.  

## 7.

Und dann ersteht, ein Calderon, ein neuer,  
Ein Perlenfischer in dem Meer der Dichtung,  
Von Bildern flammt sein Lied, die Opferfeuer  
Von duft’ger Zedernblöcke hoher Schichtung;  
Es rauscht sein Sang, es rauscht die gold’ne Leier  
Von des Tyrannen blutiger Vernichtung:  
Die Menschheit horcht dem stolzen Siegesliede,  
Und alle Welt durchhaucht der milde Friede.  
Auch jener singt, wie einst den Sieg erstritten  
Die Menschheit über der Tyrannen Heere  
Auf der *Mantibler Brücke*[^1], wo sie mitten  
Durch alle Lanzen eindrang in das hehre  
Gelobte Freiheitsland mit kühnen Schritten;  
Wie da sie ward der *Arzt der eignen Ehre*[^2],  
Sie, die so lang’, gleich dem *standhaften Fürsten*[^3],  
In Ketten mußte nach Erlösung dürsten.  
*Tochter der Luft*[^4], stieg da die Freiheit nieder  
Zur Erde fröhlich aus des Äthers Raum,  
Sang ihre wundervollen Zauberlieder,  
Da ward *das Leben*[^5] rings ein süßer *Traum.*  
Da glänzte klar der Freude Becher wieder  
Und ungetrübt von wilder Gärung Schaum;  
Die Sonne scheucht die Wolken wie die Sorgen  
Und bringt, stets froh, *April- und Maienmorgen*[^6].  

## 8.

Doch wann wird jene neue Sonn’ erstehen,  
Wann wird die alte Zeit zusammenkrachen?  
Wir sah’n die alte Sonne untergehen,  
Wie lang wird uns die finst’re Nacht umdachen?  
Durch Wolkenschleier lugt der trübe Mond,  
Der Nebel lagert auf den Tälergründen;  
Im Nebel ruht, was auf der Erde wohnt,  
Wir, die wir wachen, tappen wie die Blinden.  
Geduld! die Wolken, die den Mond umringen,  
Scheucht vor sich her die Sonne schon im Steigen,  
Die Nebel, die sich durch die Täler schlingen,  
Sind morgenhauch-geweckte Geisterreigen.  
Im Osten tanzt der Morgenstern empor,  
Blutrote Strahlen durch die Nebel schießen —  
Seht ihr nicht Blumen schon den Kelch erschließen,  
Schmettert nicht schon der Vöglein froher Chor?  
Der halbe Himmel strahlt im lichten Scheine,  
Schneegipfel werden Rosenedelsteine;  
Die gold’nen Wolken, die dort aufgeschossen,  
Die Häupter sind’s von edlen Sonnenrossen;  
Schaut dorthin, wo die dicht’sten Strahlen fließen,  
Die junge Sonne jubelnd zu begrüßen!

[^1]: La puente de Mantible
[^2]: El Médico de su honra
[^3]: El Principe constante
[^4]: La hija del aire
[^5]: La Vida es sueño
[^6]: Mañanas de Abril y Mayo
