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Title: Korrespondenzen aus Bremen (1840)
Description: Die drei Bremer Korrespondenzen des jungen Engels für das Stuttgarter „Morgenblatt für gebildete Leser“: Theater, Buchdruckerfest, Presse, der Kirchenstreit zwischen Rationalisten und Pietisten, Schiffahrt, Musik und Plattdeutsch.
Author: Friedrich Engels
Date: 1840-07-30
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1840%20Korrespondenzen%20aus%20Bremen
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*Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA¹), I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930), S. 121-125, 128-131, 141-146, ohne den Apparat der Herausgeber. Zuerst erschienen im „Morgenblatt für gebildete Leser“ (Stuttgart): I. Nr. 181-182, 30.-31. Juli 1840; II. Nr. 249-250, 17.-19. Oktober 1840; III. Nr. 13-16, 15.-19. Januar 1841. Die Überschrift dieser Seite stammt nicht von Engels. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1840%20Correspondencias%20de%20Bremen).*

## I. Theater, Buchdruckerfest

Bremen, Juli

Soviel ich weiß, hat kein namhaftes Journal einen stehenden Korrespondenten in Bremen, und man könnte aus diesem Consensus gentium leicht schließen, daß von hier aus nichts zu schreiben wäre, dem ist aber nicht so; haben wir doch ein Theater, bei dem noch vor kurzem rasch nacheinander Agnese Schebest, Caroline Bauer, Tichatscheck und Mad. Schröder-Devrient gastierten, und dessen Repertoire es an Gediegenheit mit manchem andern und berühmteren aufnehmen könnte. Wurden doch bereits Gutzkows „Richard Savage“ und Blums „Schwärmerei nach der Mode“ hier gegeben. Das erste dieser beiden Stücke ist nun schon zum Überfluß besprochen worden; ich halte dafür, daß eine Jüngsthin in den Halleschen Jahrbüchern enthaltene Besprechung desselben nach Abzug der häufigen Animositäten sehr viel Wahres enthält, und namentlich darin den Grundfehler trifft, daß das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, als ein unfreies, niemals die Basis eines Dramas abgeben kann. Gutzkow hat diesen Fehler vielleicht schon von vornherein eingesehen, aber er hatte Recht, wenn er sich dadurch von der Ausführung nicht abhalten ließ; denn wollte er sich mit einem einzigen Stücke die Bahn zum Theater brechen, so mußte er dem eingerissenen Theaterschlendrian einige Konzessionen machen, die er späterhin, wenn ihm sein Plan gelang, immerhin wieder zurücknehmen konnte. Er mußte seinem Stücke ein originelles Fundament geben, auch wenn dasselbe vor der poetischen Kritik nicht bestehen konnte, auch wenn seine Szenen ins Melodramatische, Effektsuchende überschlugen. Man mag Richard Savage tadeln, man mag ihn verwerfen, aber man gebe auch zu, daß Gutzkow sein dramatisches Talent dadurch bewiesen hat. — Von Blums „Schwärmerei nach der Mode“ würde ich gar nicht sprechen, wenn dieses Stück nicht in vielen Journalen als „zeitgemäß“ ausposaunt worden wäre. Es ist aber ganz und gar nichts Zeitgemäßes darin, weder in den Charakteren, noch in der Handlung, noch im Dialog. Es ist wahr, Blum hat sich ein Verdienst dadurch erworben, daß er den Mut hatte, den Pietismus auf die Bühne zu bringen; aber auf so leichte Weise wird man mit diesem verrenkten Fuße des Christentums nicht fertig. Man höre doch endlich auf, hinter dem Pietismus Betrug, Habsucht oder raffinierte Sinnlichkeit zu suchen; von solchen Potenzierungen und Extremen, wie sie in Königsberg sich zeigten, von solchen Mißbräuchen, wie sie Stephan aus Dresden sich erlaubte, wendet sich der eigentliche Pietismus entschieden ab. Als Stephan mit seiner unglücklichen Gesellschaft hier war, um sich nach New-Orleans einzuschiffen, und noch keiner den geringsten moralischen Verdacht hatte, habe ich selbst gesehen, mit welchem Mißtrauen die hiesigen Pietisten sich gegen ihn benahmen. Wer über diese Richtung schreiben will, der gehe einmal unter die „Quäker“, wie man sie hier nennt, und sehe, mit welcher Liebe sich diese Menschen entgegenkommen, wie rasch die Freundschaft geschlossen ist zwischen zwei wildfremden Menschen, die weiter nichts von einander wissen, als daß sie „gläubig“ sind, mit welcher Sicherheit, Konsequenz und Entschiedenheit sie ihren Weg gehen, mit welchem feinen psychologischen Takte sie alle ihre kleinen Fehler aufzufinden wissen, und ich bin überzeugt, er schreibt keine Schwärmerei nach der Mode mehr. Gegen die Vorwürfe dieses Schauspiels hat der Pietismus ebenso sehr recht, wie er gegen den freien Gedanken unseres Jahrhunderts Unrecht hat. — Deshalb nahm der hiesige Pietismus auch nur insofern Notiz von dem Stücke, als er fragte, ob „lästerliche Reden“ darin vorkämen.

Das Gutenbergsfest ist hier, in der ultima Thule der deutschen Kultur auch gefeiert worden, und zwar auf eine erfreulichere Weise, als in den beiden andern Hansestädten. Die Buchdrucker hatten schon seit mehreren Jahren sich wöchentlich etwas von ihrem Lohne zurückgelegt, um das Fest würdig zu begehen; schon früh wurde ein Komitee gebildet, indessen fand die Durchführung auch hier von Staatswegen Schwierigkeiten. Kleine, meist an Persönlichkeiten geknüpfte Kabalen wurden gesponnen, wie es in solchen kleinen Staaten nicht anders möglich ist; eine Zeitlang hörte man gar nichts über die ganze Sache, und es hatte den Anschein, als werde höchstens ein „Fest der Handwerker“ zutage gefördert werden. Erst am Vorabend wurde das Interesse allgemeiner, das Programm erschien, Professor Wilhelm Ernst Weber, bekannt durch seine vortrefflichen Übersetzungen alter Klassiker und seine Kommentare zu deutschen Dichtern, lenkte durch seine in der Aula gehaltene Rede die Aufmerksamkeit auf das morgende Fest, und die Kaufherren waren unschlüssig, ob nicht morgen den Comptoirarbeitern ein halber Feiertag zu bewilligen sei. Der festliche Tag kam; alle Schiffe auf der Weser hatten ihre Flaggen aufgesteckt, und am untern Ende der Stadt lagen zwei Schiffe, deren Maste an den Spitzen durch ein langes, mit unzähligen Flaggen besetztes Band zu einer ungeheuren Ehrenpforte verbunden waren. Auf einem dieser Schiffe lag auch die einzige disponible Kanone, die den ganzen Tag hindurch donnerte. Das Komitee begab sich mit den sämtlichen Buchdruckern in feierlichem Zuge zur Kirche und von da zu dem neuerbauten Dampfschiffe „Gutenberg“, dem schönsten Steamer, der je auf der Weser gefahren, mit schneeweißem, goldverziertem Rumpf. Für diese seine erste Fahrt war er festlich mit Kränzen und Flaggen verziert; der Zug ging an Bord, fuhr unter Musik und Gesang die Weser hinauf und hielt an der Brücke, wo ein Choral gesungen und von einem Buchdrucker eine Rede gehalten wurde. Während die sämtlichen Teilnehmer des Festes an Bord ein von dem Eigner des Schiffes, Herrn Lange von Vegesack, veranstaltetes Frühstück einnahmen, fuhr der „Gutenberg“ mit einer Schnelligkeit, die dem Erbauer Ehre machte, durch die Flaggenpforte nach Lankenau, einem Vergnügungsorte unterhalb der Stadt, während Tausende von der Brücke und dem Quai ihm ein Hurra nachriefen. Durch den feierlichen Zug und diese Weserfahrt erhielt die Feier erst den Charakter eines Volksfestes, noch mehr aber durch die, anfangs beschränkte, später indes freigegebene Austeilung der Karten zu einem für diesen Abend in Beschlag genommenen und erleuchteten öffentlichen Garten, wohin sich das Komitee nach eingenommenem Festmahl begab. Hier wurde das Fest bei Musik und Lichterglanz mit Haut-Sauternes, St. Julien und Champagner beschlossen.

### Literatur

Im übrigen ist das hiesige Leben ziemlich einförmig und kleinstädtisch; die haute volée, d.h. die Familien der Patrizier und Geldaristokraten, sind den Sommer über auf ihren Landgütern, die Damen der mittleren Stände können sich auch in der schönen Jahrszeit nicht von ihren Teekränzchen, wo Karten gespielt und die Zunge geübt wird, losreißen, und die Kaufleute besuchen Tag für Tag das Museum, die Börsenhalle oder die Union, um über Kaffee und Tabakspreise, und den Stand der Unterhandlungen mit dem Zollverband zu sprechen; das Theater wird wenig besucht. — Eine Teilnahme an der fortlaufenden Literatur des Gesamtvaterlandes findet hier nicht statt; man ist so ziemlich der Ansicht, daß mit Goethe und Schiller die Schlußsteine in das Gewölbe der deutschen Literatur gelegt seien, und läßt allenfalls die Romantiker noch für später angebrachte Verzierungen gelten. Man ist in einem Lesezirkel abonniert, teils der Mode halber, teils um bei einem Journal bequemer Sieste halten zu können; aber Interesse erregt nur der Skandal und alles, was etwa über Bremen in den Blättern gesagt wird. Bei vielen der Gebildeten mag diese Apathie freilich in dem Mangel an Muße begründet sein, denn besonders der Kaufmann ist hier gezwungen, sein Geschäft stets im Kopfe zu behalten, und den etwaigen Rest der Zeit nimmt die Etikette unter der meist sehr zahlreichen Verwandtschaft, Besuche etc. in Anspruch. Dagegen existiert hier eine abgeschlossene Literatur, die sich teils in Broschüren, meist auf theologische Streitigkeiten sich beziehend, teils in der Journalistik zur Genüge ausbreitet. Die „Bremer Zeitung“, ein mit Takt redigiertes, referierendes Blatt, erfreute sich eines bedeutenden Rufes in weitem Umkreise, der indes seit den unfreiwilligen Verwickelungen in die politischen Verhältnisse des Nachbarstaates abgenommen hat. Ihre westeuropäischen Artikel werden mit Geist geschrieben, wenn sie auch nicht entschieden freisinnig sind. Ein Beiblatt zu ihr, das „Bremische Conversationsblatt“, versuchte Bremen in der deutschen Tagesliteratur zu vertreten, und brachte geistreiche Artikel von Professor *Weber* und Dr. *Stahr* in Oldenburg; die Gedichte lieferte Nicolaus *Delius*, ein talentvoller junger Philologe, der sich auch als Dichter allmählich eine ehrenvolle Stellung erringen dürfte. Bedeutende auswärtige Mitarbeiter waren aber schwer zu erwerben, und so mußte das Blatt aus Mangel an Beiträgen eingehen. Eine andere Zeitschrift, der „Patriot“, dessen Bestreben dahin ging, sich als würdigeres Organ für die Besprechung lokaler Interessen hinzustellen, und zugleich in ästhetischer Beziehung Gediegeneres zu leisten als die kleinen Lokalblätter, starb an der schwankenden Stellung zwischen einem Lokal- und belletristischen Blatte. Zäheren Lebens können sich die kleineren Lokalblätter rühmen, die mit Skandal, Streitigkeiten zwischen Schauspielern, Stadtgeklatsch und dergleichen gefüttert werden. Das „Unterhaltungsblatt“ besonders ist durch seine zahlreichen Mitarbeiter (fast jeder Comptoirist kann sich rühmen, ein paar Zeilen fürs Unterhaltungsblatt geschrieben zu haben) zu einer seltenen Allwissenheit gediehen. Wenn im Theater ein Nagel aus der Bank hervorsteht, wenn in der Union eine Broschüre nicht angeschafft ist, wenn ein betrunkener Zigarrenmacher auf der Straße die Nacht verjubelt hat, wenn ein Rinnstein nicht gehörig gefegt ist — wer zuerst aufmerksam darauf wird, ist das Unterhaltungsblatt. Wenn ein Offizier der Bürgerwehr kraft seines Amtes auf Fußwegen reiten zu dürfen geglaubt hat, so kann er gewiß sein, daß in der nächsten Nummer dieses Blattes die Anfrage steht, ob Offiziere der Bürgerwehr auf Fußwegen reiten dürfen. Man könnte dieses vortreffliche Blatt die Vorsehung von Bremen nennen. Sein Hauptmitarbeiter aber ist Crischan Tripsteert, der pseudonyme Verfasser plattdeutscher Gedichte. Es wäre besser für die plattdeutsche Sprache, daß sie nach Wienbargs Forderung abgeschafft würde, als daß sie sich von Crischan Tripsteert zu seinen Gedichten muß mißbrauchen lassen. Die übrigen Lokalblätter sind zu ordinär, um auch nur ihren Namen vor das größere Publikum zu bringen. Ganz abgeschlossen steht der „Bremer Kirchenbote“ da, ein pietistisch-asketisches Blatt, von drei Predigern redigiert, wofür zuweilen Krummacher, der bekannte Parabeldichter, Beiträge liefert. Das Blatt eifert so sehr, daß die Zensur häufig einschreiten muß, was bei dem Anklang, den seine Tendenz höhern Orts findet, gewiß nur im Notfalle geschieht. Es polemisiert fortwährend gegen Hegel, den „Vater des modernen Pantheismus“, und „seinen Schüler, den eiskalten Strauß“, wie gegen jeden Rationalisten, der sich zehn Meilen in der Runde blicken läßt. — Nächstens etwas über Bremerhafen und über die sozialen Zustände Bremens.

## II. Rationalismus und Pietismus

Bremen, September

Endlich einmal wieder ein Stoff, der über das Geklatsch der Teegesellschaften hinausgeht, der das ganze Publikum unseres Freistaates aufregt, so daß jeder für oder gegen Partei nimmt, und der auch dem Ernsteren zu denken gibt. Das Gewitter am Himmel der Zeit hat auch in Bremen eingeschlagen, der Kampf um freiere oder beschränktere Auffassung des Christentums hat auch hier, in der Hauptstadt des norddeutschen Buchstabenglaubens, sich entzündet, die Stimmen, die sich jüngst in Hamburg, Kassel und Magdeburg erhoben, haben in Bremen ein Echo gefunden. — Der Verlauf der Sache ist kurz folgender: Pastor F. W. *Krummacher*, der Papst der Wuppertaler Kalvinisten, der Sankt Michael der Prädestinationslehre, besuchte seine Eltern hier und predigte zweimal für seinen Vater in der St. Ansgariuskirche. Die erste Predigt behandelte sein Lieblingsschauspiel, das jüngste Gericht, die zweite eine anathematisierende Stelle des Galaterbriefes; beide waren mit der flammenden Beredsamkeit, mit der poetischen, wenn auch nicht immer gewählten Bilderpracht geschrieben, die man an diesem reichbegabten Kanzelredner kennt; beide aber, und namentlich die letzte, sprühen von Verfluchungen Andersdenkender, wie sie von einem so schroffen Mystiker nicht anders erwartet werden können. Die Kanzel wurde der Präsidentenstuhl eines Inquisitionsgerichts, von dem der ewige Fluch auf alle theologischen Richtungen gewälzt wurde, die der Inquisitor kannte und nicht kannte; jeder, der den krassen Mystizismus nicht für das absolute Christentum hält, wurde dem Teufel übergeben. Und dabei wußte sich Krummacher mit einer Sophistik, die seltsam naiv herauskam, immer hinter den Apostel Paulus zurückzuziehen. „Ich bin es ja nicht, der da flucht, nein! Kinder, besinnt euch doch, es ist ja der Apostel Paulus, der da verdammt!“ — Das Schlimmste bei der Sache war, daß der Apostel griechisch schrieb, und die Gelehrten sich über die bestimmte Bedeutung einiger seiner Ausdrücke noch nicht haben verständigen können. Zu diesen dubiosen Wörtern gehört denn auch das an dieser Stelle gebrauchte Anathema, dem Krummacher hier ohne weiteres die schärfste Bedeutung, als einer Anwünschung der ewigen Verdammnis, beigelegt hatte. Pastor Paniel, der Hauptvertreter des Rationalismus auf jener Kanzel, hatte das Unglück, dieses Wort in milderem Sinne zu fassen, und überhaupt ein Feind der Krummacherschen Anschauungsweise zu sein; er hielt darum Kontroverspredigten. Man mag über seine Gesinnungen denken, wie man will, so wird sich doch gegen sein Benehmen kein gegründeter Tadel beibringen lassen. Krummacher wird nicht leugnen können, daß er bei der Abfassung seiner Predigten nicht nur an die rationalistische Mehrzahl der Gemeine, sondern auch speziell an Paniel gedacht hat; er wird nicht leugnen können, daß es unrecht ist, als Gastprediger eine Gemeine gegen ihre angestellten Seelsorger einnehmen zu wollen; er wird zugeben müssen, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Was sollte hier alles Schelten auf Voltaire und Rousseau, vor denen sich in Bremen auch der ärgste Rationalist wie vor dem Teufel fürchtet, was alles Verfluchen der spekulativen Theologie, über die sein ganzes Auditorium mit zwei oder drei Ausnahmen ebensowenig urteilsfähig war wie er, was sollte das anders, als die sehr bestimmte, ja persönliche Tendenz der Predigten bemänteln? — Paniels Kontroverspredigten wurden nun im Geiste des Paulusschen Rationalismus gehalten, und leiden trotz ihrer belobten gründlichen Disponierung und ihres rhetorischen Pathos an allen Fehlern dieser Richtung. Da ist alles unbestimmt und phrasenhaft; der hie und da angebrachte poetische Schwung gleicht dem Arbeiten einer Spinnmaschine, die Behandlung des Textes einem homöopathischen Aufguß; Krummacher hat in drei Sätzen mehr Originalität, als sein Gegner in allen drei Predigten. — Eine Stunde von Bremen lebt ein pietistischer Landpastor, der seinen Bauern so sehr überlegen ist, daß er angefangen hat, sich für einen großen Theologen und Sprachkundigen zu halten. Er gab gegen Paniel einen Traktat heraus, in dem er den ganzen Apparat eines philologischen Theologen aus dem vorigen Jahrhundert spielen ließ. In einer anonymen Schrift wurde dem guten Landpfarrer sein wissenschaftlicher Star auf sehr empfindliche Weise gestochen. Mit ebensoviel Geist als Gelehrsamkeit wies der Anonymus, in dem man einen, in meinem vorigen Bericht mehrfach erwähnten, verdienten Gelehrten unserer Stadt entdecken will, dem weisen „Gottes Wort vom Lande“ alle die Verkehrtheiten nach, die er sich mühsam aus längst antiquierten Handbüchern zusammengesucht hatte. Krummacher ließ eine „theologische Replik“ gegen Paniels Kontroverspredigten ergehen, worin er seine ganze Persönlichkeit unverhohlen angriff, und zwar auf eine Weise, die den seinem Gegner gemachten Vorwurf des Schmähens paralysiert. So geschickt diese Replik die schwachen Seiten des Rationalismus und namentlich des Gegners zu fassen weiß, so ungeschickt benimmt sich Krummacher bei dem versuchten Umsturz der Panielschen Exegese. Das Tüchtigste, was vom pietistischen Standpunkt aus in dieser Streitsache geschrieben wurde, war die Broschüre des benachbarten Predigers Schlichthorst, worin auf ruhige, leidenschaftslose Weise der Rationalismus, und gerade der des Pastors Paniel, auf seine Basis, die Kantsche Philosophie zurückgeführt, und ihm die Frage gestellt wurde: warum seid ihr nicht so ehrlich, zu gestehen, daß nicht die Bibel der Grund eures Glaubens ist, sondern die Exegese derselben im Sinne der Kantschen Philosophie, wie sie Paulus aufbrachte? — Eine neue Schrift von Paniel wird dieser Tage die Presse verlassen. Wie diese auch ausfalle, er hat den alten Sauerteig aufgerüttelt, er hat die Bremer, die an alles glaubten, nur nicht an sich selbst, an ihre eigene Vernunft gewiesen, und der Pietismus, der es bisher für eine Schickung Gottes ansah, daß seine Gegner in so viele Parteien unter sich selbst zerfielen, spüre nun auch einmal, daß wir alle zusammenhalten, wo es den Kampf gegen die Finsternis gilt.

### Schiffahrtsprojekt. Theater. Manöver

Man geht hier jetzt mit einem Plane um, dessen Ausführung von den wichtigsten Folgen, und nicht allein für Bremen, sein würde. Ein hiesiger geachteter junger Kaufmann ist vor kurzem von London zurückgekehrt, wo er sich über die Einrichtung des Dampfschiffes Archimedes, das bekanntlich auf eine neuerfundene Art, durch eine archimedische Schraube in Bewegung gesetzt wird, genau unterrichtet hat. Er machte die Probefahrt dieses Schiffes, das es an Schnelligkeit den auf die gewöhnliche Art eingerichteten Dampfbooten bedeutend zuvortut, um ganz Großbritannien und Irland mit, und geht jetzt damit um, die neue Erfindung bei einem projektierten Dampfschiffe anzuwenden, das eine rasche und beständige Kommunikation zwischen New-York und Bremen vermitteln soll. Das leere Schiff, das sogenannte Casco, will unser erster Schiffsbaumeister für seine eigene Rechnung bauen, wogegen die Kosten der Maschine etc. durch Aktien aufgebracht werden sollen. Die Wichtigkeit eines solchen Unternehmens fühlt jeder; obgleich einzelne unserer Segelschiffe in der unbegreiflich kurzen Zeit von 25 Tagen die Strecke von Baltimore bis hieher machen, so hängt diese Schnelligkeit doch stets vom Winde ab, der eine solche Reise auch auf das Dreifache verlängern kann, und ein Dampfboot, das für den Fall des günstigen Windes auch zum Segeln eingerichtet ist, würde ohne Zweifel von einem Hafen der vereinigten Staaten bis Bremen nur 11—18 Tage brauchen. Ist dann einmal der Anfang einer Dampfpaketfahrt zwischen Deutschland und dem amerikanischen Kontinente gemacht, so wird die neue Einrichtung ohne Zweifel bald ausgebildet und von den größten Folgen für die Verbindung beider Länder werden. Die Zeit wird nicht lange mehr auf sich warten lassen, wo man aus jedem Teile Deutschlands in vierzehn Tagen New-York erreichen, von dort aus in vierzehn Tagen die Sehenswürdigkeiten der vereinigten Staaten beschauen und in vierzehn Tagen wieder zu Hause sein kann. Ein paar Eisenbahnen, ein paar Dampfschiffe, und die Sache ist fertig; seit Kant die Kategorien Raum und Zeit von der Anschauung des denkenden Geistes abgelöst hat, strebt die Menschheit mit Gewalt dahin, sich auch materiell von diesen Beschränkungen zu emanzipieren. — Auf unserm Theater herrschte kürzlich ein niegekanntes Leben. Unsere Bühne steht gewöhnlich ganz außer der Gesellschaft, die Abonnenten bezahlen ihren Beitrag und gehen dann und wann hin, wenn sie nichts besseres zu tun haben. Jetzt kam Seydelmann, und Schauspieler und Publikum gerieten in einen Eifer, dessen wir in Bremen nicht gewohnt sind. Mag noch soviel über den Verfall des rezitierenden Schauspiels durch die Übermacht der Oper geklagt werden, mögen selbst Schiller und Goethe leere Häuser finden, während sich zu dem Gedudel eines Donizetti und Mercadante alles drängt; solange das rezitierende Schauspiel in seinem tüchtigsten Vertreter noch einen solchen Triumph erringen kann, solange ist unsere Bühne von ihrer Erschlaffung noch heilbar. Wir sahen Seydelmann, außer in einigen Kotzebueschen und Raupachschen Stücken, namentlich als Shylock, Mephistopheles und Philipp (Don Carlos). Es hieße Wasser ins Meer tragen, wollte ich mich über seine bekannte Auffassung dieser Rollen des breitern auslassen. — Ein Miniaturbild des Lagers bei Heilbronn bieten uns die auf dem angrenzenden Teile des oldenburgischen Gebiets eben ausgeführten Manövers der oldenburgisch-hanseatischen Brigade. Bei der fingierten Einnahme eines Fleckens sollen unsere Truppen sich so tapfer gehalten haben, daß das starke Geschützfeuer sämtliche Fensterscheiben zersprengte. Die Bremer sind froh, daß sie wieder einen neuen Vergnügungsort haben, und ziehen in Scharen hinaus, sich den Spaß anzusehen, während ihre Söhne und Brüder die Wachen beziehen, und bei Wein und Gesang dort die lustigsten Nächte ihres Lebens zubringen.

## III. Kirchlicher Streit

Bremen, Januar.

Mit dem alten Jahre lassen sich die Akten unseres kirchlichen Streites so ziemlich schließen. Wenigstens haben die jetzt noch zu erwartenden Streitschriften nicht mehr auf die Teilnahme im Publikum zu rechnen, deren sich die frühern erfreuten; es wird nicht mehr vorkommen, daß mehrere Auflagen in einer Woche vergriffen werden. Und auf einen solchen Anteil des Volks kommt es bei dergleichen Streitigkeiten doch hauptsächlich an; ein rein wissenschaftliches Interesse darf eine Frage nicht ansprechen, die nur auf dem Boden von wissenschaftlich längst abgefertigten Richtungen Geltung hat. — Pastor Paniel rechtfertigte das verzögerte Erscheinen seiner Schrift gegen Krummachers „theologische Replik“ durch den Umfang derselben. Mit zehn Bogen rückt er seinem Gegner zu Leibe. In der Vorrede erklärt er, auf etwaige fernere Angriffe durch eine Geschichte des Pietismus antworten und darin beweisen zu wollen, daß diese Richtung ihre Quelle im Heidentum habe. Das müßte freilich eine Quelle à la Arethusa sein, die lange unter der Erde fortgelaufen, ehe sie auf christlichem Boden zum Vorschein gekommen. Im übrigen übt er gegen seinen Angreifer das Recht der Retorsion, indem er ihm, abgesehen von den Vorwürfen, die dem Pietismus gewöhnlich gemacht werden, fast jedes feindselige Wort gewissenhaft zurückgibt. Auf diese Weise reduziert sich der ganze Kampf am Ende auf eine Wortklauberei; halbwahre Behauptungen fliegen wie Spielbälle herüber und hinüber, und es käme in letzter Instanz nur auf eine Begriffsbestimmung an, die denn doch wohl vor dem Streite hätte aufgestellt werden müssen. In diese Lage wird sich aber der Rationalismus der Orthodoxie gegenüber immer versetzt finden. Er hat dies seiner schwankenden Stellung zu danken, in der er bald als neue Entwicklung des christlichen Geistes, bald als dessen ursprüngliche Form gelten will, und in beiden Fällen die biblischen Schlagwörter der Orthodoxie — nur mit veränderter Bedeutung — zu den seinigen macht. Er ist nicht ehrlich gegen sich selbst und gegen die Bibel; die Begriffe Offenbarung, Erlösung, Inspiration haben in seinem Munde eine höchst unbestimmte und schielende Fassung. — Die verstandesmäßige Trockenheit des Rationalismus hat in Paniel eine seltene Höhe erreicht. Mit einer abschreckenden, mehr Wolfschen als Kantischen Logik setzt er seinen höchsten Ruhm darein, alle Gliederungen seines Werks recht grell hervorspringen zu lassen. Seine Ausführungen sind nicht das lebendige Fleisch, mit dem er das logische Gerippe umkleidet, sie sind in weichlicher Sentimentalität getränkte Lappen, die er an den vorragenden Ecken des Kirchengerüstes zum Trocknen aufhängt. Dann jene wäßrigen Exkurse, an denen man trotz der orthodoxesten Stichwörter den Rationalisten überall erkennt, liebt Paniel ebenfalls sehr; nur weiß er sie nicht mit der Verstandesdürre zu verschmelzen, und sieht sich oft genötigt, den schönsten Phrasenstrom durch ein Erstens, Zweitens und Drittens zu unterbrechen. Es ist aber nichts widerwärtiger, als diese ohnehin geschmacklose Weichlichkeit, wenn sie systematisch auftritt. Das Interessanteste des ganzen Buchs sind die Auszüge aus Krummacherschen Schriften, aus denen die krasse Denkart dieses Mannes in ihrer ganzen Schärfe hervorleuchtet. — Die Entschiedenheit, mit der der Rationalismus hier auftrat, veranlaßte die Prediger der Gegenpartei zu einer Gesamterklärung, die in einer Broschüre niedergelegt und von zweiundzwanzig Predigern unterzeichnet wurde. Sie enthält die Grundsätze der Orthodoxie in zusammenhängender Darstellung und mit halbversteckter Bezugnahme auf die Tatsachen des schwebenden Streites. Eine beabsichtigte Erklärung der sieben rationalistischen Prediger unterblieb. Man würde indes sehr irren, wollte man nach dem Verhältnis der Predigerzahl auch das Verhältnis der Parteien im Publikum schätzen.

Die große Mehrzahl der pietistischen Prediger wird durch die Pfarrer des Gebietes gebildet, denen teils ein temporäres Überwiegen ihrer Partei, teils ein gelinder Nepotismus ihre Stellen verschafft hat. Im Gegenteil halten im Publikum die Rationalisten der Zahl nach den Pietisten wenigstens die Wage, und es fehlte ihnen nur ein energischer Vertreter, um ihnen das Bewußtsein ihrer Stellung zu geben. In dieser Hinsicht ist Paniel von unberechenbarem Werte für seine Anhänger; er besitzt Mut, Entschiedenheit und in mancher Hinsicht auch Gelehrsamkeit genug, und es fehlt ihm nur an rhetorischem und Schriftstellertalent, um Bedeutendes zu wirken. Seitdem sind mehrere, meist anonyme Schriftchen erschienen, die aber alle ohne Einfluß auf die Stimmung des Publikums blieben; vor wenigen Tagen kam ein Bogen „Unpietistische Reime“ heraus, der seinem Verfasser indes keine besondere Ehre macht, und nur der Merkwürdigkeit wegen erwähnt werden muß. Vom Hauptstimmführer der Bremischen Pietisten, dem talentvollen Prediger F. L. Mallet, ist eine Schrift in Aussicht gestellt: „Dr. Paniel und die Bibel“; doch wird auch diese kaum auf Beachtung von seiten der Gegenpartei rechnen dürfen, und so kann man den Kampf für beendigt annehmen, und die Tatsachen als abgeschlossen unter einem allgemeinen Gesichtspunkte zusammenfassen. — Man muß gestehen, daß der Pietismus sich diesmal mit mehr Geschicklichkeit benommen hat als sein Gegner. Er hatte übrigens auch manches voraus gegen den Rationalismus, eine zweitausendjährige Autorität, und eine, wenn auch einseitige, wissenschaftliche Ausbildung durch die neuern orthodoxen und halborthodoxen Theologen, während der Rationalismus in seiner schönsten Entwicklung zwischen zwei Feuer genommen, von Tholuck und Hegel zugleich angegriffen wurde. Der Rationalismus ist nie klar gewesen über seine Stellung zur Bibel; die unglückliche Halbheit, die anfangs entschieden offenbarungsgläubig erschien, aber bei weitern Konsequenzen die Göttlichkeit der Bibel so restringierte, daß fast nichts davon übrig blieb, dieses Schwanken setzt den Rationalismus jedesmal in Nachteil, sobald es sich um biblische Begründung von Lehrsätzen handelt. Warum die Vernunft preisen, und doch keine Autonomie proklamieren? Denn wo von beiden Seiten die Bibel als gemeinsame Basis anerkannt wird, da hat der Pietismus immer Recht. Aber außerdem war auf seiten des Pietismus diesmal auch das Talent. Ein Krummacher wird im einzelnen manche Geschmacklosigkeit vorbringen, nie aber sich ganze Seiten lang in so nichtssagenden Redensarten umdrehen können, wie Paniel tut. Das Beste, was von rationalistischer Seite geschrieben wurde, waren „die Verfluchungen“, als deren Verfasser sich W. E. *Weber* bekannte. G. Schwab sagte einmal von Strauß, er zeichne sich vor dem großen Haufen der Gegner des Positiven durch einen empfänglichen Sinn für das Schöne in jeder Gestaltung aus. Durch dieselbe Bezeichnung möchte ich Weber aus dem rationalistischen Vulgus hervorheben. Er hat durch eine seltene Kenntnis der griechischen und deutschen Klassiker seinen Horizont erweitert, und kann man auch seinen Behauptungen, namentlich den dogmatischen, nicht immer beistimmen, so muß die freie Gesinnung und die edle, kräftige Diktion doch stets Anerkennung finden. Einer kürzlich erschienenen Gegenschrift gehen alle diese Eigenschaften ab. Eine eben hier ankommende Schrift: Paulus in Bremen, ist nicht ohne Witz geschrieben und enthält pikante Seitenhiebe auf politische und soziale Zustände Bremens, schließt aber ebensowenig etwas ab, als die bereits erwähnten. — Für Bremen speziell war dieser Streit von großer Bedeutung. Die Parteien standen sich gedankenlos gegenüber, ohne daß es weiter als zu kleinlichen Häkeleien kam. Der Pietismus ging seinen eigenen Zwecken nach, während der Rationalismus sich um ihn nicht kümmerte und eben deshalb manche schiefe Vorstellung von ihm hatte. Im Ministerium, das heißt der gesetzlichen Versammlung aller reformierten und unierten Prediger der Stadt war bisher der Rationalismus nur durch zwei, und noch dazu sehr schüchterne Mitglieder vertreten; Paniel trat gleich nach seiner Ankunft entschiedener auf, und man hörte schon von Mißhelligkeiten im Ministerium. Jetzt, seitdem durch Krummacher der Streit angefacht wurde, weiß jede Partei, woran sie ist. Der Pietismus wußte längst, daß sein Autoritätsprinzip mit der Basis des Rationalismus, der Vernunft, nicht in Übereinstimmung zu bringen war, und sah in dieser Richtung schon bei ihrem Emporkeimen mit Recht einen Abfall von dem altorthodoxen Christentum. Jetzt hat auch der Rationalist eingesehen, daß seine Überzeugung nicht durch eine andere Exegese vom Pietismus getrennt ist, sondern in geradem Gegensatze zu ihm steht. Jetzt erst, nun die Parteien sich gegenseitig erkennen, kann die Vereinigung auf einem höhern Standpunkte geschehen, und im Hinblick darauf die Zukunft ruhig abgewartet werden.

### Verhältnis zur Literatur. Musik

Es scheint, als sollten die Hansestädte jetzt mit Gewalt in den Strom der Literatur gerissen werden. Seit Beurmanns „Skizzen“ häufen sich die Besprechungen über diesen allerdings interessanten Stoff. Beurmann selbst hat in „Deutschland und die Deutschen“ den drei freien Seestädten bedeutenden Raum gewidmet. Der Freihafen brachte Soltwedels „Hanseatische Briefe“, Hamburg steht schon seit längerer Zeit in mancher Beziehung zur deutschen Literatur; Lübeck liegt etwas zu sehr abseiten und hat auch materiell seine Blütezeit längst hinter sich; doch will A. Soltwedel jetzt dort auch ein Journal begründen. Bremen sieht die Literatur mit argwöhnischen Blicken an, weil es kein ganz reines Gewissen gegen sie hat, und gewöhnlich nicht aufs Sanfteste von ihr berührt wird. Und doch läßt sich nicht leugnen, daß Bremen durch seine Lage und seine politischen Verhältnisse zu einem Mittelpunkte für die Bildung des nordwestlichen Deutschlands mehr als jede andere Stadt sich eignet. Gelänge es nur, zwei oder drei tüchtige Literaten hierher zu ziehen, so könnte hier ein Journal begründet werden, das den größten Einfluß auf die Kulturentwicklung Norddeutschlands hätte. Die Buchhändler Bremens haben Unternehmungsgeist genug, und ich habe es von mehreren schon aussprechen hören, daß sie gern die nötigen Fonds hergeben und den wahrscheinlichen Schaden der ersten Jahrgänge tragen wollten.

Die beste Seite Bremens ist die Musik. Es wird in wenig Städten Deutschlands so viel und so gut musiziert wie hier. Eine verhältnismäßig sehr große Anzahl von Gesangvereinen hat sich gebildet, und die häufigen Konzerte sind immer stark besucht. Dabei hat sich der musikalische Geschmack fast ganz rein erhalten; die deutschen Klassiker, Händel, Mozart, Beethoven, von den neuern Mendelssohn-Bartholdy und die besten Liederkomponisten behaupten entschieden das Übergewicht. Die neufranzösische und neuitalienische Schule haben fast nur unter den jungen Comptoiristen ein Publikum. Es wäre nur zu wünschen, daß Sebastian Bach, Gluck und Haydn weniger zurückgesetzt würden. Dabei werden neuere Erscheinungen keineswegs abgewiesen, im Gegenteil möchten wenig Orte sein, wo die Produktionen junger deutscher Komponisten so bereitwillig aufgeführt würden, wie hier. Auch fanden sich hier immer Namen, die in der musikalischen Welt vorteilhaft bekannt sind. Der talentvolle Liederkomponist Stegmayer dirigierte mehrere Jahre das Orchester unsers Theaters; an seine Stelle ist Koßmaly getreten, der sich teils durch Kompositionen, teils durch Artikel, die er meistens in Schumanns „Neuer Zeitschrift für Musik“ abdrucken läßt, manche Freunde verschafft haben wird. Riem, der die Singakademie und die meisten Konzerte dirigiert, ist ebenfalls ein anerkannter Komponist. Riem ist ein liebenswürdiger Greis mit jugendlicher, hinreißender Begeisterung im Herzen; niemand versteht wie er, Sänger und Instrumentalisten zu lebendigem Vortrag zu entflammen.

### Plattdeutsch

Was dem Fremden hier zuerst auffällt, ist der Gebrauch der plattdeutschen Sprache, selbst in den angesehensten Familien. Sowie der Bremer herzlich und vertraulich wird, spricht er plattdeutsch, ja er klebt so sehr an diesem Dialekt, daß er ihn über den Ozean trägt. Auf der Lonja von Havanna wird eben so viel Bremer Plattdeutsch gesprochen wie Spanisch. Ich kenne Leute, die in New-York und Vera-Cruz von den dort sehr zahlreichen Bremern den Dialekt ihrer Vaterstadt vollkommen erlernt haben. Es sind aber auch noch nicht dreihundert Jahre, daß das Hochdeutsche zur offiziellen Sprache erklärt wurde; die Grundgesetze der Stadt, *Tafel* und *neue Eintracht*, sind in niederdeutscher Sprache abgefaßt, und die ersten Laute, die der Säugling hier nachsprechen lernt, sind plattdeutsch. Selten beginnt ein Kind vor dem vierten oder fünften Jahre hochdeutsch zu sprechen. Die Bauern des Gebiets lernen es nie und zwingen dadurch die Gerichte sehr häufig, plattdeutsch zu verhandeln und hochdeutsch zu protokollieren. Übrigens wird das Niedersächsische hier noch immer ganz rein gesprochen, und hat sich ganz und gar von der Vermischung mit hochdeutschen Formen frei gehalten, welche den hessischen und rheinischen Dialekt entstellt. Der nordhannöversche Dialekt hat einzelne Archaismen vor dem Bremer voraus, leidet aber desto mehr an mannigfaltigen lokalen Färbungen; der westfälische hat sich in einer entsetzlichen Breite der Diphthonge verloren, während westlich von der Weser der Übergang ins Friesische beginnt. Man kann die Bremer Mundart getrost als die unvermischteste Fortentwicklung der alten niedersächsischen Schriftsprache ansehen; die Volkssprache hat sogar noch so viel Bewußtsein, daß sie hochdeutsche Wörter nach den Lautgesetzen des Niedersächsischen fortwährend umwandelt und in sich aufnimmt, eine Fähigkeit, deren sich nur wenig niedersächsische Volksmundarten noch jetzt zu erfreuen haben. Die Sprache des Reineke Vos hat vor dem gegenwärtigen Dialekt fast nur vollere, jetzt kontrahierte Formen voraus, während die Wortstämme, bis auf wenige Ausnahmen, noch immer ihr Leben behauptet haben. Die Sprachforscher haben darum auch ganz recht getan, wenn sie das „Bremische Wörterbuch“ in lexikalischer Hinsicht als Durchschnittssumme der jetzigen niedersächsischen Volksidiome ansahen, und eine Grammatik des Bremischen Dialekts, mit Rücksichtnahme auf die Mundarten zwischen Weser und Elbe, würde eine sehr verdienstliche Arbeit sein. Mehrere hiesige Gelehrte haben Interesse für das Plattdeutsche gezeigt, und es wäre sehr zu wünschen, daß einer von ihnen sich dieser Arbeit unterzöge.
