---
Title: Siegfrieds Heimat (1840)
Description: Friedrich Oswald (Engels) besucht Xanten, die Heimat Siegfrieds, und macht den Sagenhelden zum Sinnbild der deutschen Jugend gegen Polizei und Philisterei.
Author: Friedrich Engels
Date: 1840-12
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1840%20Siegfrieds%20Heimat
---


*Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930, S. 91-95), ohne den textkritischen Apparat der Herausgeber. Erstdruck: Telegraph für Deutschland (Hamburg), Dezember 1840, Nr. 197, S. 785-787. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1840%20La%20patria%20de%20Sigfrido).*

*Von Friedrich Oswald*

> Do wuohs in Niderlanden eins richen Küneges kint,  
> Sin vater hiez Siegmunt, sin muoter Siglint,  
> In einer bürge riche, diu witen was bekant,  
> Niden bi dem Rine, diu was ze *Santen* genant.  
> *Der Nibelunge Not, 20*

Nicht allein oberhalb Köln sollte der Rhein besucht werden, und namentlich die deutsche Jugend sollte sich nicht dem reisenden John Bull gleichstellen, der sich von Rotterdam bis Köln in der Kajüte des Dampfschiffes langweilt, und erst dann aufs Verdeck steigt, weil hier sein Panorama des Rheins von Köln bis Mainz oder sein Guide for travellers on the Rhine beginnt. Die deutsche Jugend sollte sich einen wenig besuchten Ort zum Wallfahrtsorte wählen, ich meine die Heimat Hürnensiegfrieds, *Xanten*.

Römerstadt, wie Köln, blieb es im Mittelalter klein und äußerlich unbedeutend, während Köln groß wurde und einem kurfürstlichen Erzbistume den Namen gab. Aber Xantens Kathedrale blickt in herrlicher Vollendung weithin in die Prosa der holländischen Sandfläche, und Kölns kolossalerer Dom blieb Torso; aber Xanten hat Siegfried und Köln nur den heiligen Hanno, und was ist das Hannolied gegen die Nibelungen!

Ich kam vom Rheine her. Durch enge, verfallene Tore trat ich in die Stadt; schmutzige, enge Gassen führten mich auf den freundlichen Markt, und von dort schritt ich auf ein überbautes Tor in der Mauer zu, die den ehemaligen Klosterhof mit der Kirche umgrenzte. Über dem Tore, rechts und links, unter den beiden Türmchen, standen zwei Basreliefs, unverkennbar zwei Siegfriede, leicht von dem Schutzpatron der Stadt, dem über jeder Haustüre abgebildeten heiligen Viktor zu unterscheiden. Der Held steht da, im enganschließenden Schuppenpanzer, den Speer in der Hand, auf dem Bilde rechts dem Lindwurm den Speer in den Rachen rennend, links den „starken Zwerg“ Alberich niedertretend. Es war mir auffallend, diese Bildwerke in Wilhelm Grimms deutscher Heldensage, wo doch sonst alles gesammelt ist, was sich auf den Gegenstand bezieht, nicht erwähnt zu finden. Auch sonst erinnere ich mich nicht, von ihnen gelesen zu haben, und doch gehören sie mit zu den wichtigsten Zeugnissen für die örtliche Anknüpfung der Sage im Mittelalter.

Ich durchschritt den hallenden, gotisch gewölbten Torweg und stand vor der Kirche. Die griechische Baukunst ist helles, heiteres Bewußtsein, die maurische Trauer, die gotische heilige Ekstase; die griechische Architektur ist lichter, sonniger Tag, die maurische sterndurchflimmerte Dämmerung, die gotische Morgenröte. Hier vor dieser Kirche empfand ich, wie niemals, die Gewalt des gotischen Baustils. Nicht zwischen modernen Gebäuden, wie der Kölner Dom, oder gar verbaut mit Häusern, die sich Schwalbennestern gleich daran gehängt haben, wie die Kirchen in den norddeutschen Städten, erregt eine gotische Kathedrale den bewältigendsten Eindruck; sondern nur zwischen waldigen Bergen, wie die Kirche von Altenberg im Bergischen, oder wenigstens getrennt von allem Fremdartigen, Modernen, zwischen Klostermauern und alten Gebäuden, wie der Dom von Xanten. Da erst empfindet man es tief, was ein Jahrhundert vollbringen kann, wenn es sich mit aller seiner Macht auf ein Einziges, Großes wirft. Und stände erst der Kölner Dom so frei und dem Blick von allen Seiten, in allen seinen riesigen Dimensionen so offen, wie die Kirche von Xanten, wahrlich, das neunzehnte Jahrhundert müßte sterben vor Scham, daß es mit all seiner Superklugheit dieses Gebäude nicht vollenden kann. Denn wir kennen die religiöse Tat nicht mehr, und darum wundern wir uns auch über eine Mistreß Fry, die im Mittelalter zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehört hätte.

Ich trat in die Kirche; es wurde gerade das Hochamt gehalten. Die Orgeltöne brausten vom Chor herunter, eine jubelnde Schar herzenerobernder Krieger, und jagten durch das hallende Schiff, bis sie sich in den entferntesten Gängen der Kirche verliefen. Und laß auch du dein Herz von ihnen bezwingen, Sohn des neunzehnten Jahrhunderts — diese Klänge haben Stärkere und Wildere gebändigt denn du! Sie haben die alten deutschen Götter aus ihren Hainen vertrieben, sie haben die Helden einer großen Zeit über das stürmische Meer, durch die Wüste und ihre niebesiegten Kinder nach Jerusalem geführt, sie sind die Schatten tatendürstender, heißblütiger Jahrhunderte! Dann aber, wenn die Posaunen das Wunder der Transsubstantiation verkünden, wenn der Priester die blitzende Monstranz erhebt und alles Bewußtsein der Gemeine trunken ist vom Wein der Andacht, dann stürze hinaus, rette dich, rette dein Denken aus diesem Meere des Gefühls, das durch die Kirche wogt, und bete draußen zu dem Gott, des Haus nicht von Menschenhänden gemacht ist, der die Welt durchhaucht und im Geist und in der Wahrheit angebetet sein will.

Erschüttert ging ich weg und ließ mich zu einem Gasthof, dem einzigen des Städtchens, zeigen. Als ich in die Wirtsstube trat, merkte ich, daß ich in Hollands Nachbarschaft sei. Eine seltsam gemischte Ausstellung von Gemälden und Kupferstichen an den Wänden, ins Glas geschnittenen Landschaften an den Fenstern, Goldfischen, Pfauenfedern und tropischen Blattgerippen vor dem Spiegel zeigten recht deutlich den Stolz des Wirtes, Dinge zu besitzen, die andere nicht haben. Diese Raritätensucht, die in entschiedener Geschmacklosigkeit sich mit den Produkten der Kunst und Natur, gleichviel ob schön oder häßlich, umgiebt und die sich am wohlsten in einem Zimmer befindet, das von solchen Unsinnigkeiten strotzt, das ist die Erbsünde des Holländers. Welch’ ein Schauder ergriff mich aber erst, als der gute Mann mich in seine sogenannte Gemäldesammlung führte! Ein kleines Zimmer, die Wände ringsum dicht bedeckt von Gemälden geringen Wertes, obwohl er behauptete, Schadow habe ein Porträt, welches freilich viel hübscher war als die übrigen, für einen Hans Holbein erklärt. Einige Altarbilder von Jan van Calcar (einem benachbarten Städtchen) hatten lebhaftes Kolorit und würden dem Kenner interessant gewesen sein. Aber wie war dieses Zimmer noch sonst dekoriert! Palmenblätter, Korallenzweige und dergleichen ragten aus jeder Ecke hervor, ausgestopfte Eidechsen waren überall angebracht, auf dem Ofen standen ein paar von bunten Seemuscheln zusammengesetzte Figuren, wie man sie namentlich in Holland häufig findet; in einer Ecke stand die Büste des Kölners Wallraf und unter ihr hing der mumienhaft ausgedörrte Leichnam einer Katze, die mit einem Vorderfuß einem gemalten Christus am Kreuz grade ins Gesicht trat. Sollte einer meiner Leser einmal nach Xanten in dies einzige Hotel verschlagen werden, so frage er den gefälligen Wirt nach seiner schönen antiken Gemme; er besitzt eine wunderschöne, in einen Oval geschnittene Diana, die mehr wert ist als seine ganze Gemäldesammlung.

In Xanten muß man nicht versäumen, die Sammlung von Altertümern des Herrn Notar Houben zu sehen. Hier ist fast alles vereinigt, was auf dem Boden der Castra vetera ausgegraben und aufgefunden wurde. Die Sammlung ist interessant, doch enthält sie nichts von besonderem Kunstwert, wie das von einer Militärstation, wie Castra vetera war, auch zu erwarten ist. Die wenigen schönen Gemmen, die hier gefunden wurden, sind ganz zerstreut in der Stadt; das einzige größere Denkmal der Skulptur ist eine etwa drei Fuß lange Sphinx im Besitze des erwähnten Gastwirts; sie ist von gewöhnlichem Sandstein, schlecht erhalten, übrigens auch nie schön gewesen.

Ich ging vor die Stadt und bestieg einen Sandberg, die einzige natürliche Erhöhung in weitem Kreise. Das ist der Berg, wo nach der Sage Siegfrieds Burg gestanden hat. Am Eingange eines Fichtenwaldes setzte ich mich nieder und sah auf die Stadt herab. Von allen Seiten durch Dämme umgeben, lag sie in einem Kessel, über dessen Rand sich nur die Kirche majestätisch erhob. Rechts der Rhein, der mit breiten, blinkenden Armen eine grüne Insel umschließt, links die Clevischen Berge in blauer Ferne.

Was ist es, das uns in der Sage von Siegfried so mächtig ergreift? Nicht der Verlauf der Geschichte an sich, nicht der schmählichste Verrat, dem der jugendliche Held unterliegt; es ist die tiefe Bedeutsamkeit, die in seine Person gelegt ist. Siegfried ist der Repräsentant der deutschen Jugend. Wir alle, die wir ein von den Beschränkungen des Lebens noch ungebändigtes Herz im Busen tragen, wissen, was das sagen will. Wir fühlen alle denselben Tatendurst, denselben Trotz gegen das Herkommen in uns, der Siegfrieden aus der Burg seines Vaters trieb; das ewige Überlegen, die philiströse Furcht vor der frischen Tat ist uns von ganzer Seele zuwider, wir wollen hinaus in die freie Welt, wir wollen die Schranken der Bedächtigkeit umrennen und ringen um die Krone des Lebens, die Tat. Für Riesen und Drachen haben die Philister auch gesorgt, namentlich auf dem Gebiete von Kirche und Staat. Aber das Zeitalter ist nicht mehr; man steckt uns in Gefängnisse, Schulen genannt, wo wir, statt selber um uns zu schlagen, das Zeitwort: *schlagen* so recht zum Spott durch alle Modi und Tempora griechisch durchkonjugieren müssen, und wenn man uns aus der Disziplin losläßt, so fallen wir der Göttin des Jahrhunderts, der Polizei, in die Arme. Polizei beim Denken, Polizei beim Sprechen, Polizei beim Gehen, Reiten und Fahren, Pässe, Aufenthaltskarten und Douanenscheine — es schlage der Teufel Riesen und Drachen tot! Nur den Schein der Tat haben sie uns gelassen, das Rappier statt des Schwertes; und was soll alle Fechterkunst mit dem Rappier, wenn wir sie nicht mit dem Schwerte anwenden dürfen? Und wenn einmal die Schranken durchbrochen werden, wenn die Philisterei und der Indifferentismus einmal überritten wird, wenn der Tatendrang sich Luft macht — seht ihr dort jenseits des Rheines den Turm von Wesel? Die Zitadelle jener Stadt, die eine Burg der deutschen Freiheit genannt wird, sie ist ein Grab der deutschen Jugend geworden, und sie muß der Wiege des größten deutschen Jünglings grade gegenüber liegen! Wer hat dort gesessen? Studenten, welche nicht umsonst wollten fechten gelernt haben, vulgo Duellanten und Demagogen. Jetzt, nach der Amnestie Friedrich Wilhelms IV., darf man es sagen, daß diese Amnestie ein Akt nicht nur der Gnade, sondern auch der Gerechtigkeit war. Alle Prämissen und namentlich die Notwendigkeit zugegeben, daß der Staat gegen diese Verbindungen einschreiten mußte; so werden doch alle, die das Wohl des Staates nicht im blinden Gehorsam, in der strikten Subordination sehen, darin mit mir übereinstimmen, daß durch die Behandlung der Beteiligten eine Restitution derselben in Ehren und Würden bedingt war. Die demagogischen Verbindungen unter der Restauration und nach den Julitagen waren eben so erklärlich, wie sie jetzt unmöglich sind. Wer hatte denn damals jede freie Regung unterdrückt, wer hatte das Pochen des jugendlichen Herzens unter „provisorische“ Kuratel gestellt? Und wie sind jene Unglücklichen behandelt worden? Kann man es leugnen, daß dieser Rechtsfall grade dazu gemacht ist, um alle Nachteile und Fehler der schriftlichen und geheimen Rechtspflege ins hellste Licht zu stellen, um den Widerspruch zu beweisen, daß besoldete *Staatsdiener* anstatt unabhängiger Geschwornen über Anklagen auf Vergehen gegen den Staat zu richten haben; kann man es leugnen, daß die ganze Verurteilung im Bausch und Bogen, „im Rummel“, wie die Kaufleute sagen, geschehen ist?

Doch ich will hinuntergehen an den Rhein und lauschen, was die abendrotumstrahlten Wellen der Muttererde Siegfrieds erzählen von seinem Grabe zu Worms und vom versenkten Horte. Vielleicht daß eine gütige Fee Morgana mir das Schloß Siegfrieds neu erstehen läßt oder mir vorspiegelt, was seinen Söhnen im neunzehnten Jahrhundert für Heldentaten vorbehalten sind.
