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Title: Zur Landtagsabgeordnetenwahl (1843)
Description: Drei Artikel von Karl Marx in der Rheinischen Zeitung gegen die Koblenzer Rhein- und Mosel-Zeitung: die Kölner Abgeordnetenwahl, ihr Stil und ihre Inquisition gegen die Trier’sche Zeitung.
Author: Karl Marx
Date: 1843-03-09
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1843%20Zur%20Landtagsabgeordnetenwahl
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*Drei Artikel, erschienen in der Rheinischen Zeitung Nr. 68 vom 9. März, Nr. 72/73 vom 14. März und Nr. 71 vom 12. März 1843; die Reihenfolge ist die der Gesamtausgabe. Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Historisch-kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Band 1, Erster Halbband, Frankfurt am Main 1927, S. 384–393, ohne den Apparat der Herausgeber. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1843%20Sobre%20la%20elecci%C3%B3n%20de%20diputados%20a%20la%20Dieta).*

## Die hiesige Landtagsabgeordnetenwahl

\* *Köln,* 9. März. Die „*Rhein- u. Moselzeitung*“, welche so bescheiden ist, weder „die am meisten gelesene Zeitung der Rheinprovinz“ noch eine „Trägerin des politischen Gedankens“ zu sein, bemerkt in bezug auf die Abgeordnetenwahl der Stadt Köln u. a.:

„Wir sind gern bereit, die Herren *Merkens* und *Camphausen* für sehr *ehrenwerte* Männer zu halten („und ehrenwerte Männer sind sie alle“, heißt es in der Tragödie), und selbst (man bedenke wohl!) *selbst* der Rhein. Zeitung Beifall zu schenken (höchst wertvolles Geschenk!), wenn sie dieselben triumphierend den Gegnern der Rechte unserer Provinz entgegenstellt, aber um so schärfer und entschiedener müssen wir die *Gründe* tadeln, durch die man auf die Wahl jener Herren einen Einfluß zu nehmen gesucht hat, nicht als ob diese Gründe *keine* Berücksichtigung verdienten, sondern weil sie keine so *ausschließliche, nur* eine sekundäre verdienten.“ Es wurde nämlich an *verschiedene* Wähler der Stadt Köln folgendes lithographierte Schreiben verteilt:

„Was die Stadt Köln auf dem bevorstehenden Landtage zunächst und am wichtigsten zu vertreten hat, sind unbestreitbar ihre Handels- und industriellen Zustände, und deshalb wird die Wahl auf Männer fallen müssen, die, neben ehrenhafter Gesinnung und unabhängiger, bürgerlicher Stellung unter uns, mit dem Gange dieser Verhältnisse nach allen Richtungen genau bekannt und befähigt sind, sie von dem richtigen Standpunkte aufzufassen, zu beleuchten und zu entwickeln.“

Folgt die Hinweisung auf die obengenannten, gewiß sehr ehrenwerten Männer. — Sodann heißt es zum Schluß:

„Unsere Stadt nimmt schon heute in der merkantilischen Welt einen mächtigen Sitz ein; es steht ihr aber eine noch weit größere Verbreitung ihres Handels und Gewerbes bevor, und die Entwicklungszeit ist nicht ferne. — Segel- und Dampfschiffahrt, Schleppschiffahrt und Eisenbahn werden unserer Stadt die Zeit der alten Hansen zurückführen — nur muß ihr wahres Interesse mit Verstand und Umsicht auf dem bevorstehenden Landtage vertreten werden.

*Köln,* am 24. Febr.

*Mehre Wähler.*“

Dieses Schreiben veranlaßt die höchst spirituelle „Rhein- und Moselzeitung“ zu folgender Kapuzinade:

„Wenn irgendwo die materiellen Lokalinteressen dergestalt vorherrschen, daß geistige und allgemeine Bedürfnisse nicht einmal leise durchschimmern, darf es da wundernehmen, wenn von denjenigen, die die Zügel der Regierung in Händen haben, auch nur auf die ersteren Rücksicht genommen, die zweiten aber allein nach ihrem Gutbefinden angeordnet werden? O, du große Stadt Köln, du heilige Stadt Köln, du witzige Stadt Köln, wie weit ist es mit den geistigen Zuständen und historischen Erinnerungen mancher deiner Kinder gekommen! Mit der Verwirklichung von Wünschen und Hoffnungen, die dich höchstens zu einem großen Klüngel(-Beutel) machen können, wähnen sie die Zeit der alten Hansen zurückzuführen!!!“

Die „Rhein- u. Moselzeitung“ tadelt nicht die Wahl der Abgeordneten, sie tadelt die *Gründe,* welche auf diese Wahl „Einfluß genommen“ haben sollen. Und welches waren diese Gründe? Die „Rhein- und Moselzeitung“ zitiert *ein* Umlaufschreiben an *verschiedene* Wähler, worin die „Handels- und industriellen Zustände“ als die wichtigsten Gegenstände der Vertretung Kölns auf dem bevorstehenden Landtage bezeichnet werden. Woher weiß die „Rhein- und Moselzeitung“, daß dieses Umlaufschreiben, das übrigens, wie die „Rhein- und Moselzeitung“ selbst gesteht, nur an „verschiedene“ Wähler gelangte, solchen Effekt auf die Gemüter der Wähler hervorbrachte, daß es vorzugsweise und ausschließlich die Wahl der Herren Camphausen und Merkens entschied? Weil in einem Umlaufschreiben aus ganz *besonderen* Gründen die Wahl dieser Herren empfohlen wird und weil diese Herren wirklich gewählt wurden, folgt daher irgendwie, daß die Wahl dieser Herren eine Konsequenz jener Empfehlung und ihrer besonderen Motivierung ist?

Die „Rhein- u. Mosel-Ztg.“ schenkt der „Rh. Z.“ Beifall, wenn sie die Herren Camphausen und Merkens „triumphierend den Gegnern der Rechte unserer Provinz entgegenstellt“. Was bewegt sie zu diesem „Beifallschenken“? Offenbar der Charakter der Gewählten. Sollte dieser Charakter zu Köln weniger bekannt gewesen sein als zu Koblenz? Unter den am Landtag zu vertretenden Interessen nennt die „Rhein- und Moselzeitung“ *nur die* „*freiere Gemeindeverfassung*“ und die „*Erweiterung der ständischen Rechte*“. Glaubt sie, man wisse zu Köln nicht, daß Herr Merkens sich an verschiedenen Landtagen durch seinen Kampf für die „freie Gemeindeverfassung“ ausgezeichnet, daß er sogar an einem Landtage im Gegensatze fast zur ganzen Versammlung die freie Gemeindeverfassung männlich und unverdrossen verteidigt hat? Was aber „die Erweiterung der ständischen Interessen“ betrifft, so ist es zu Köln sehr wohl bekannt, daß Herr Merkens vorzugsweise gegen die Schmälerung dieser Interessen durch die Autonomie protestiert hat, daß er indessen ebenso entschieden das ständische Interesse in seine Schranken zurückwies, wo es dem allgemeinen Interesse, dem allgemeinen Rechte und der Vernunft opponierte, wie in den Debatten über das Holzdiebstahls- und Jagdgesetz. Wenn also der allgemeine Beruf des Herrn Merkens zum Landtagsabgeordneten durch seine ganze parlamentarische Laufbahn außer allen Zweifel gesetzt ist, wenn die seltene, universale Bildung, die hohe Intelligenz und der ernste, ehrenwerte Charakter des Herrn Camphausen allgemein bekannt und anerkannt sind, woher weiß die „Rhein- und Moselzeitung“, daß die Wahl jener Herren nicht diesen in die Augen fallenden Gründen, sondern vielmehr dem zitierten Umlaufschreiben ihr Leben verdankt?

Nein! Nein! wird uns das ehrenwerte Blatt antworten, das behaupte ich nicht, beileibe nicht! Mein zarter spiritualistischer Sinn nimmt nur Ärgernis an den *Urhebern* jenes Umlaufschreibens, an jenen Materialisten, welche, statt der geistigen und wahrhaften Volksinteressen, auch noch ganz andere und viel niedrigere Motive hervorgezogen, welche durch unpassende Gründe auf die Wahl jener Herren einen Einfluß zu nehmen gesucht haben, auf jene „Kinder Kölns“, mit deren „geistigen Zuständen und historischen Erinnerungen“ es so weit herabgekommen ist!

Wenn die „Rhein- und Moselzeitung“ nur mit den *Urhebern* jenes anonymen Schreibens zu tun hat, warum erhebt sie so großes Geschrei? Warum sagt sie: „Wenn *irgendwo* die materiellen Lokalinteressen dergestalt *vorherrschen,* daß *geistige und allgemeine Bedürfnisse nicht einmal leise durchschimmern,* darf es da wundernehmen, wenn von denjenigen, die die Zügel der Regierung in Händen haben, auch nur auf die ersteren Rücksicht genommen, die zweiten aber allein nach ihrem Gutbefinden angeordnet werden!“ Herrschen denn die materiellen Lokalinteressen ausschließlich in Köln vor, weil sie ausschließlich in einem anonymen Umlaufschreiben vorherrschen! Ebensowenig, wie die *juristischen* Interessen ausschließlich in Köln vorherrschen, weil sie in einem anderen, ebenfalls *verschiedenen* Wählern zugegangenen Umlaufschreiben ausschließlich geltend gemacht sind! Gibt es nicht in jeder Stadt wie in jeder Familie *geistlose* Kinder? Wäre es billig, von diesen Kindern auf den Charakter der Stadt oder der Familie zu schließen?

Allein bei Licht besehen ist das Umlaufschreiben wirklich nicht so verwerflich, wie das ehrenwerte *Koblenzer* Blatt uns glauben machen will. Es wird sogar durch den Beruf der Landstände, wie er einmal gesetzlich bestimmt ist, vollständig gerechtfertigt. Der gesetzliche Beruf der Stände besteht teils darin, das *allgemeine Interesse der Provinz,* teils darin, *ihr besonderes Standesinteresse* geltend zu machen. Daß die Herren Camphausen und Merkens würdige Vertreter der *rheinischen Provinzialinteressen* seien, das ist eine allgemeine Überzeugung, die von den Urhebern des Umlaufschreibens weder befestigt noch auch nur erwähnt zu werden brauchte.

Es handelte sich also, *da der allgemeine* Beruf dieser Herren zu Landtagsabgeordneten über alle Diskussion erhoben war, nur mehr um die besonderen Erfordernisse *eines kölnischen* Deputierten, es handelte sich darum, welches *Stadtinteresse* Köln auf dem „*bevorstehenden Landtage*“ „zunächst und am wichtigsten“ zu vertreten habe! Wird man leugnen wollen, daß dies die „Handels- und industriellen Zustände“ sind! Aber auch das einfache Leugnen wird nicht hinreichen, man wird den *Beweis* führen müssen.

Besonderen Anstoß nimmt die „Rhein- u. Moselzeitung“ an dem Passus: „Segel- und Dampfschiffahrt, Schleppschiffahrt und Eisenbahn werden unserer Stadt die *Zeit der alten Hansen* zurückführen.“ O, Jammer über die arme Stadt Köln! Wie sie getäuscht wird! Wie sie sich selbst täuscht! „Mit der Verwirklichung von Wünschen und Hoffnungen, jammert die „Rhein- und Moselzeitung“, die dich höchstens zu einem großen *Klüngel* (-Beutel) machen können, wähnen sie die Zeit der alten Hansen zurückzuführen!“

Arme Rhein- u. Moselzeitung! Sie versteht nicht, daß unter der „Zeit der alten Hansen“ nur die Zeit des alten Handelsflors gemeint sein will, daß wirklich „alle *geistigen* und *allgemeinen* Bedürfnisse“ zu Grabe geläutet, daß die „geistigen Zustände“ vollständig *verrückt*, daß alle „historischen Erinnerungen“ rein ausgelöscht sein müßten, wenn Köln die politische, soziale und intellektuelle Zeit der Hansastädte, die Zeit des *Mittelalters* zurückzuführen wünschte! Müßte die Regierung die „geistigen und allgemeinen Bedürfnisse“ nicht ausschließlich zu ihrer Privatdomäne schlagen, wenn eine Stadt sich aller vernünftigen und gesunden Anschauung der Gegenwart so völlig entfremdet hätte, um nur mehr in dem *Traum* der Vergangenheit zu leben! Wäre es nicht sogar die Pflicht der Regierung, die Pflicht ihrer Selbsterhaltung, die Zügel da straff anzuziehen, wo man in vollem Ernste dahinstrebte, die ganze Gegenwart und die Zukunft in die Luft zu sprengen, um *gewesene und verweste Zustände* zurückzuführen!

Wir wollen unseren Lesern reinen Wein einschenken. Es fand in Köln — und das zeugt am lautesten für seine politische Regsamkeit — ein ernster *Wahlkampf* statt, ein Kampf zwischen den Männern der Gegenwart und den Männern der Vergangenheit. Die Männer der Vergangenheit, die Männer, welche die „Zeit der alten Hansastädte“ mit *Haut* und *Haar* restauriert sehen möchten, sind trotz aller Machinationen völlig aus dem Felde geschlagen worden. Und nun kommen diese phantastischen Materialisten, denen jedes Dampfschiff und jede Eisenbahn ihre krasse Geistlosigkeit ad oculos demonstrieren sollte, und sprechen heuchlerisch von „geistigen Zuständen“ und „historischer Erinnerung“ und weinen an den Gewässern Babylons über „die große Stadt Köln, die heilige Stadt Köln, die witzige Stadt Köln“ — und hoffentlich sollen ihre Tränen so bald nicht versiegen!

## Stilistische Übungen der «Rhein- und Mosel-Zeitung»

\* *Köln,* 13. März. Auf unseren Artikel vom 9. März über die Landtagsabgeordneten repliziert die „Rhein- und Moselzeitung“ von heute. Wir wollen unserem Leser einige Proben dieses *stilistischen Meisterwerks* nicht vorenthalten. Unter anderen Delikatessen findet sich folgende:

„So hat die ‚Rheinische Zeitung‘ in weit ausgeholten Streichen zwar nicht mit einer Hellebarde, sondern mit ihrem *gewohnten Knüttel* auf ein Gespenst losgehauen (man bedenke wohl! *Ein gewohnter Knüttel! In Streichen mit einem Knüttel loshauen!*), das sie in einem Artikel der Rhein- und Moselztg. zu erblicken glaubte, und, wie sich von selbst versteht (welcher Luxus, Worte über Dinge zu machen, die sich von selbst verstehen!), sind alle ihre Streiche daneben gefahren (*danebengefahren!* neben die Rhein- und Moselztg., also etwa auf ihren Redakteur!), und das *angegriffene* (das Gespenst wurde ja nur angegriffen!) Blatt befindet sich durchaus unverletzt und unversehrt.“ Welche freigiebige Logik, die der Klugheit ihrer Leser nicht einmal den Schluß überläßt, daß Streiche, die *neben* das angegriffene Blatt, nicht *auf* das angegriffene Blatt gefallen sind! Welcher Verstandesluxus, welche gründliche Geschichtserzählung! Allein man erwäge auch, wie interessant es der Rhein- und Moselztg. scheinen mußte, die Unversehrtheit ihres Rückens zu proklamieren. Wie sehr der herrliche Einfall von dem „Gespenst“ und der Rhein. Ztg., die darauf loshaut, und den abseits gefallenen Prügeln der Phantasie der Rhein- und Moselztg. zusetzt, mögen folgende ebenso sinnreiche als überraschende Variationen dieses allergrößten Themas beweisen, bei deren Aufzählung wir nicht verfehlen wollen, auf die feinen Nuancen und Schattierungen aufmerksam zu machen. Also:

1. „So hat die Rhein. Ztg. vom 9. März in weit ausgeholten Streichen mit ihrem gewohnten Knüttel auf ein *Gespenst* losgehauen, das sie in einem Artikel der Rhein- und Moselztg. zu erblicken glaubte, und wie sich von selbst versteht, sind alle ihre Schläge daneben gefallen.“

2. „Der Artikel aber, welcher die Rhein. Ztg. zur *Geisterseherin* (vorhin war der Geist ein Gespenst, und seit wann hätte die ‚Rheinische Zeitung‘ auch in dem ultramontanen Winkelblatt *Geist* gesehen!) und infolge davon zur Heldin an einem *Schatten* gemacht.“ Also diesmal wäre wenigstens der Schatten der Rhein- und Moselztg. getroffen worden!

3. „Allein die Rhein. Zeitung, welche sich dessen *wohl auch* bewußt ist, daß an allem *Substantiellen,* Wahren und *Kernhaften* (dem *Rücken* der Rhein- und Moselzeitung?) ihre Kräfte zu Spotte werden (und welche geistige Kraft würde nicht an einem Rücken zum Spotte?), und die *nun doch* einmal zeigen will, daß sie *Hörner* (der ‚gewohnte Knüttel‘ hat sich unter der Hand in ‚Hörner‘ verwandelt) hat und zustoßen (früher in weit ausgeholten Streichen loshauen) kann, hat sich ein Gespenst *ausgesonnen* (früher „gesehen“ oder „*zu sehen geglaubt*“), das sie für den eigentlichen Geist unseres Artikels möchte angesehen wissen (eine Wiederholung, um dem Leser den Tatbestand ins Gedächtnis zu rufen!), an dem sie nach Herzenslust ihren Mut kühlt und ihre Stärke erprobt (eine tüchtige rhetorische Ausführung), gerade so wie bei der Stierhetze die *gereizte Bestie* (mehr oben war die Rhein. Ztg. „der Mann mit dem Knüttel“, also wohl die Rhein- und Moselzeitung die „Bestie“) an dem ihr vorgeworfenen Strohmann ihren Mut ausläßt und sich nach der Zerfetzung desselben für den Sieger *achtet.*“ Wahrhaft homerisch! Man bedenke nur die epische Breite. Und wohl auch äsopisch dieses tiefe Eindringen in die bestialische Psychologie! Diese feine Deutung der Seelenzustände eines Stiers, der sich für den Sieger *achtet!*

Es wäre „sehr kindlich und unschuldig“, aber nicht minder „abgeschmackt und trivial“, wollten wir mit einem so „eminenten Publizisten“ auf die Sache selbst eingehen. Also nur zur Charakteristik des Mannes selbst noch folgendes:

Die „Rhein- und Moselzeitung“ äußerte in ihrem so unglücklich angegriffenen Artikel „*nur*“ den „Zweifel“, „ob mit der Erreichung ihrer (sc. der Urheber des Umlaufschreibens über die Wahl der Herren C[amphausen] und M[erkens] Hoffnungen *dann wirklich die Zeit der alten Hansen zurückgeführt sein würde*“, aber „von einer *Zurückführung* gewesener und verwester Zustände“ ist in ihrem „Artikel *keine* Rede“. Fasse es, wer es fassen kann!

Ferner: Die Rhein. Ztg. ging darauf aus, „eine offenbare *Lüge* anzubringen, indem sie sagt: «Unter den am Landtag zu vertretenden Interessen *nennt* die Rhein- und Moselzeitung *nur* die freiere Gemeindeverfassung und die Erweiterung der ständischen Rechte», während in der Rhein- und Moselzeitung der Zusatz zu lesen ist: «*Die Feststellung so vieler anderen schwebenden Fragen in der Entwicklung des Volkslebens*»“. Hat denn die Rhein- und Moselzeitung irgend eine dieser „schwebenden Fragen“ fixiert oder gar *genannt?* Glaubt sie, solche unbestimmte Schwebeleien, wie die „Feststellung *vieler anderen schwebenden Fragen*“, könne[n] für eine *Namhaftmachung* dieser Fragen, für eine bestimmte Forderung an die Landtagsabgeordneten gelten? Und nun wende unser Leser noch einmal seine Blicke auf die stilistische Originalität der Rhein- und Moselztg.: Zu „den *Interessen,* welche an demselben (sc. dem Landtag) zu vertreten sind“, gehört „die *Feststellung* so vieler schwebenden Fragen in der Entwicklung des Volkslebens“! Eine in der Entwicklung des Volkslebens schwebende Frage! Eine zu vertretende Feststellung!

## Die «Rhein- und Mosel-Zeitung» als Großinquisitor

\* *Köln,* 11. März. Vor einigen Tagen publizierte die „*Rhein- und Moselzeitung*“ eine religiöse Bannbulle gegen die fromme „*Kölnische Zeitung*“, heute steht die „*Trierische Zeitung*“ vor dem Inquisitionsgericht zu Koblenz, und — mit Recht.

Die „Trierische Zeitung“ sagt nämlich bei Gelegenheit Friedrichs v. Sallet u. a.: „Vor uns liegt sein Werk, das ‚Laien-Evangelium‘, *das uns die heiligen, ewigen Wahrheiten des Evangeliums unverfälscht offenbart.*“ „Er (Sallet) bestrebte sich, Mensch in dem hohen Sinne zu sein, wie Jesus das Vorbild gegeben, *und offenbarte als wahrer Streiter des Herrn ewige Wahrheit.*“

„Wer das liest“, sagt die „Rhein- und Moselzeitung“, „und weiter nichts von dem Hochgepriesenen weiß, sollte der nicht glauben, Herr v. Sallet müsse doch ein gläubiger Christ gewesen sein und in seinem Laien-Evangelium des Herren Wort mit Flammeneifer gepredigt haben! Was aber ist in Wahrheit der Inhalt dieses Evangeliums! Jene falsche und verderbliche Lehre, die ein Strauß, ein Feuerbach, ein Bruno Bauer, und wie sie alle heißen mögen, die Apostel des modernen Heidentums, in Hörsälen und in Schriften dem engeren Kreise der Gelehrten vortragen usw.“

Als authentische Belege ihrer Behauptung zitiert die „Rhein- und Moselzeitung“ „*eine* Stelle aus diesem Laien-Evangelium, und zwar diejenige, worin die Parallele zwischen dem Verräter Judas und dem evangelischen Christus, d. h. dem Christus, wie er in der Bibel dargestellt ist, gezogen wird“. Die angeführten Belege beweisen schlagend, in welchen bewußten Gegensatz Sallet sich zu dem *historischen* Christentum gestellt hatte.

Eine verkehrte Humanität wird vielleicht durch die rücksichtslose Polemik der „Rhein- und Moselzeitung“ gegen den kaum Verstorbenen verletzt werden, allein ist die Apologie der „Trierischen Zeitung“ nicht viel inhumaner, nicht ungleich verletzender? Ehre ich den Toten, wenn ich seine geistige Persönlichkeit *verfälsche?* Sallet bestrebte sich allerdings, Wahrheit zu offenbaren, aber keineswegs die Wahrheit des Evangeliums. Sallet bestrebte sich allerdings, ein *wahrer* Mensch zu sein, aber keineswegs ein Streiter für die kirchliche Wahrheit.

Sallet glaubte vielmehr, die vernünftige Wahrheit nur im Gegensatz gegen die heilige Wahrheit, glaubte den sittlichen Menschen nur im Gegensatz gegen den christlichen Menschen geltend machen zu können — und darum schrieb er sein Laienevangelium. Und wie? Sein Apologet in der „Trierschen Zeitung“ ehrte den Mann, wenn er sein ganzes Streben geradezu auf den Kopf stellt? Würdet ihr den Luther ehren, wenn ihr sagtet, er sei ein guter Katholik gewesen, und den Papst Ganganelli, wenn ihr ihn einen Jesuiten-Mäzenas nenntet? Welche Heuchelei! Welche Schwachheit! Sallet war ein Republikaner; bist du sein Freund, wenn du seinen Royalismus prunkend ausposaunst? Sallet liebte vor allem die Wahrheit, und ihr glaubt, ihm nicht besser huldigen zu können als durch die Unwahrheit? Oder kämpfen in euch Christentum und Freundschaft! Gut! So gesteht es ein, so sagt: Sallet war ein guter Mensch usw. — aber ein schlechter *Christ!* Beklagt das, wenn ihr wollt, beklagt es öffentlich, nur gebt seine Werke nicht für leuchtende Testimonia seines Christentums aus. *Verdammt* ihr das Streben eures Freundes, so verdammt es sans gêne, wie die Rhein- und Moselzeitung, aber nicht auf einem heuchlerischen Umweg, nicht dadurch, daß ihr das an ihm lobt, was er *nicht* war, also eben das an ihm verwerft, was er *wirklich* war.

Wenn wir auch zugestehen, daß das „Laienevangelium“ selbst Anlaß zu einer solchen Auffassung geben mochte, daß Sallet *hier* noch keineswegs mit sich selbst im klaren ist, daß er selbst den wahren Sinn des Evangeliums zu lehren *glaubt,* daß es ein leichtes ist, dem Zitat der „Rhein- und Moselzeitung“ ganz christlich klingende, widersprechende Zitate entgegenzustellen, so behält die „Rhein- u. Moselztg.“ immer darin recht, daß er an die Stelle des *historischen* ein *selbstgemachtes* Christentum stellt.

Schließlich noch ein Wort über die von der „Rhein- und Moselzeitung“ zitierten Stellen! Sie leiden an einem Grundmangel, an der *Unpoesie*, und überhaupt welch verkehrter Einfall, theologische Kontroversen poetisch behandeln zu wollen! Ist es je einem Komponisten eingefallen, die Dogmatik in Musik zu setzen?

Abgesehen von dieser Ketzerei gegen die Kunst, was ist der Inhalt der zitierten Stelle? *Sallet* findet es mit der Göttlichkeit Christi *unvereinbar*, daß Christus die verräterische Absicht Judas’ kennt, ohne daß er ihn zu bessern oder die Freveltat zu vereiteln sucht! Sallet ruft daher (so zitiert die Rhein- und Moselzeitung) aus:

> „Weh’ dem Verblendeten! wer es auch sei,  
> Der solche Züge von dem Herrn erdacht,  
> Und, ihm dies bißchen Menschenkennerei  
> Zu retten, ihn zum Zerrbild uns gemacht.“

Sallets Urteil zeugt dafür, daß er weder *Theologe* noch *Philosoph* war. Als *Theologen* konnte ihn der Widerspruch mit *menschlicher* Vernunft und Sittlichkeit nicht beunruhigen, denn der Theologe mißt das Evangelium nicht an menschlicher Vernunft und Sittlichkeit, sondern umgekehrt die menschliche Vernunft und Sittlichkeit an dem Evangelium. Als *Philosoph* dagegen würde er solche Widersprüche in der *Natur des religiösen Denkens* begründet gefunden, den Widerspruch daher als *notwendiges Produkt* der christlichen Anschauung begriffen und keineswegs als eine *Verfälschung derselben* verdammt haben.

Die „Rhein- und Moselzeitung“ möge in ihrem Glaubenswerke rüstig fortfahren und das San-Benito sämtlichen rheinischen Zeitungen umwerfen. Wir werden sehen, ob die *Halben,* die Lauen, die weder kalt noch warm sind, ob sie sich besser vertragen werden mit dem *Terrorismus des Glaubens* als mit dem *Terrorismus der Vernunft*.
