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Title: Ungarn (17. März 1849)
Description: Rubrik „Ungarn“ der Neuen Rheinischen Zeitung vom 17. März 1849: Windischgrätz’ Rückzug nach Ofen, die Renommagen des Lloyd über Komorn, das russisch-östreichische Komplott in Krakau und die Außerkurssetzung der Kossuth-Noten.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-03-17
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn%20%2817.%20M%C3%A4rz%201849%29
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 248 vom 17. März 1849 (Köln), S. 3-4; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa%20%2817%20de%20marzo%20de%201849%29)*

*Ungarn.*

\* Wir geben jetzt, nach dem in der heutigen Extra-Beilage mitgetheilten Resumé, die detaillirten Berichte vom ungarischen Kriegsschauplatz.

Zuerst über die Operationen *bei Pesth*. Der Kampf scheint sich in der Gegend von Czegled zu konzentriren, wonach sowohl die ungarische wie die k. k. Armee sich bedeutend südlicher gezogen haben müßten. Von Kämpfen aus der Gegend von Erlau, Kapolna, Mezökövesd erfährt man wenigstens nichts mehr. Jellachich soll daher auch nach Czegled abgegangen sein. Daß Windischgrätz, über seine schlechten Erfolge verdrießlich, sein Hauptquartier nach Ofen zurückverlegt und sich vom aktiven Commando damit zurückgezogen hat, bestätigt sich. Daß er verwundet, wird dagegen bestritten. Der große geschlagne Feldherr zieht nun alle irgendwie disponiblen Truppen, selbst vom Belagerungskorps vor Komorn und von Krakau an sich, um nur irgendwie seine Position zu behaupten. — Ueber die letzten Kriegsoperationen meldet die magy. Corr. der Breslauer Ztg. d. d. 9. März:

„Gestern muß in der Richtung von Szolnok eine Schlacht gewesen sein. Denn es wurden in der Nacht sehr viele Wagen mit Verwundeten gebracht. Der Umstand, daß noch immer kein Bülletin erschien, sowie auch, daß auf Befehl des Militärkommandos die ganze Fronte der Donauzeile, welche den Verschanzungen des Pesther Brückenkopfes gegenüberliegt, plötzlich geräumt werden mußte und von Militär besetzt wird, zeigen auf eine neue Niederlage hin. Denn diese letztere Maßnahme kann nur zur Deckung eines schleunigen Rückzuges geschehen sein. Auch haben heute die höhern Offiziere der Ofener Festungsgarnison ihre Frauen weggeschickt. Direkte Nachrichten fehlen uns ganz, da kein Zureisender von der untern Gegend gegen Pesth gelassen wird. Heute soll ebenfalls eine Schlacht geliefert werden, wenn anders der starke Regen, welcher anhaltend fällt, kein Hinderniß bietet. Erfolgt die Schlacht dennoch, so wird für den geschlagenen Theil der Rückzug mit großen Verlusten verbunden sein, denn die dortigen Straßen werden durch jeden Regen bodenlos und an die Fortbringung des Geschützes und der Bagage überhaupt ist nicht zu denken. Das Fleisch ist in Pesth um 2 Krz. p. Pfd. aufgeschlagen, weil *ein ungarisches Streifkorps einen großen Transport Ochsen aus Gödöllö, 3 Stunden von hier, wegführte*. Aus *Debreczin* erfahren wir, daß von der ungarischen Regierung der Fürst-Primas von Ungarn, Joh. Ham und noch zwei andere hohe Prälaten, welche in Pesth geblieben sind, als Landesverräther entsetzt wurden. Zum Fürst-Primas ist der geistreiche und freisinnige ungarische Geschichtsschreiber Horvath Michaly, früher Domherr, nachher Bischof von Chanad, ernannt worden. (Wird auch von andrer Seite bestätigt.) Als gestern Abend beim Einbringen der Verwundeten viele Zuschauer sich versammelten, wurden diese durch eine ausgesandte starke Patrouille auseinander gejagt. Alle Spitäler und Kasernen sind übrigens so von Verwundeten überfüllt, daß die neu angekommenen auf den Treppen und in den Vorhöfen niedergelegt werden mußten.“

Daß übrigens die Sache der Kaiserlichen sonderbar steht, geht auch aus einer vom Hauptquartier Ofen 8. März datirten Proklamation des Fürsten Windischgrätz hervor, welche während der Dauer des Belagerungszustandes jeden direkten und indirekten Verkehr mit den Rebellen und den Einwohnern der von ihnen besetzten Gegenden verbietet. Desgleichen ist auch jede Handelsverbindung aufgehoben. Alle Diejenigen, welche gegen diese Verbote handeln, verfallen der standrechtlichen Behandlung, desgleichen Alle, die dazu Vorschub leisten. Die Waaren aber werden confiscirt und zu Gunsten des Aerars verkauft.

Hinter dem Rücken der Kaiserlichen sieht es ebenfalls erbaulich aus. Wie weit diese Herren vor Komorn gekommen sind und welche Illusionen sie zu verbreiten suchen, zeigt folgende Mittheilung des ministeriellen „Lloyd“ aus Preßburg:

„Während die Hauptarmee unter F.-M. Windischgrätz unermüdlich in Verfolgung des Feindes schon jenseits der Theiß thätig ist, (!) operirt das zweite Armee-Corps bei Komorn, wo, sicheren Berichten zufolge, am 15. d. M. ein großer Angriff erfolgen wird (!). Zu diesem Zwecke sind von Wien, Ofen und Essegg *viele* (!) Dampfschiffe mit *sehr vielen* Wurfgeschützen *jeden* Kalibers und *vierfachem* Pulvervorrath dahin expedirt worden. An unserm Donau-Ufer stehen einige Remorqueurs, die nach Art der Kriegsschiffe mit Kanonen und Bomben versehen, zum Haupt-Transporte der Reserve bestimmt sind. Es wird *wohl* nur einige kleine Raketen-Werfübungen bedürfen, um die Besatzung Komorns zur Besinnung zu bringen und die Uebergabe der Feste, so wie die Wiedereröffnung der Wasserstraße zwischen Wien, hier und Pesth herbeizuführen.“

In demselben Artikel, der mit diesen lächerlichen Renommagen beginnt, wird gleich darauf eingestanden, daß die slovakischen Bauern von der k. k. Okkupation nichts wissen wollen. Außer andern Verhaftungen sind nämlich „wegen Verheimlichung der Waffen in böswilliger Absicht vorige Woche aus naheliegenden slowakischen Dörfern 12 Bauern gefänglich eingezogen und hierher gebracht und je nach ihrem Verbrechen zu 2-, 3- u. 4jähriger Kerkerstrafe verurtheilt worden.“

Die jetzt bereits mehrere Male vergeblich agitirten Slovaken halten so treu mit den Magyaren, daß erst 1400 Mann unter den 2 — 3 Millionen für Oestreich anzuwerben waren. Man lese folgenden Bericht aus Leutschau (Zips), der zugleich bestätigt, daß die Kaiserlichen noch immer da stehn, wo sie standen seit Görgei sich an die Theiß gezogen hat:

„*Leutschau*, 1. März. Der slowakische Landsturm besteht bis jetzt aus 15 Compagnien, jede zu 90 Mann. Drei Compagnien sind als Besatzung in Leutschau, fünf in Eperies; die übrigen ziehen gegen Kaschau. General Ramberg hat diese Stadt gestern eine Kriegssteuer von 20,000 fl. auferlegt. Aus Eperies sind mehr als 500 Personen aus Furcht vor Görgei entflohen; viele davon bis nach Pesth.“

Aus dem *Süden* hören wir blos, daß *Szegedin noch immer in den Händen von 40,000 Magyaren ist* und daß 30,000 Serben davor stehen, um die Stadt zu nehmen.

Endlich aus Siebenbürgen sind einige Berichte eingelaufen, die aber merkwürdiger Weise noch immer nicht über den 16—17 Februar hinausgehen. Nach dem einen (sächsischen) soll Bem in Folge seiner Handwunde gefährlich krank sein; der andere, ein Bericht über die Einnahme Schäßburgs durch die Szekler, intressant wegen der Details, die er über die Nacht der Szekler an einem einzigen Punkte gibt. Auf Schäßburg rückten zu gleicher Zeit am 16. Febr. von Mediasch her etwa 8000 Mann und 12 Kanonen, von Udvarhely her 5000 Mann und 5 Kanonen, und von Maros-Vasarhely her 3000 M. an. Diese Streitkräfte veranlaßten die tapfern östreichisch russischen Truppen unter Major v. d. Heydt, sowie die tugendhafte Bürgerwehr der Stadt, sich ohne Gefecht gegen Hermannstadt zurückzuziehen und Weib, Kind und Vermögen der Gnade der szeklerischen Räuberbanden zu überlassen. Diese sollen der Stadt sofort eine Brandschatzung von von 30,000 Fl. auferlegt haben; „eine ungleich höhere Summe würde von den Stuhlsortschaften erhoben werden. Blei und Zinn suchte der Feind, so viel nur aufzutreiben war, auch holte er die Patronin, die in die Brunnen versenkt worden waren, heraus und ließ das Pulver in der Sonne trocknen, um es wieder brauchbar zu machen.“

Endlich theilen wir noch folgende interessante Nachricht aus *Krakau* mit. Man sieht daraus, wie vollständig abgekartet das Komplott zwischen Rußland und Oestreich ist.

**Krakau**, 12. März. Der hier kommandirte k. k. General *Legeditsch*, ließ gestern den Fürsten Stanislaus Jablanowsky zu sich rufen, und bedeutete ihm ganz kurz, die Stadtbehörde möge bei dem Gubernium das Ansuchen stellen, *daß die an der Grenze stehenden russischen Truppen zum Einrücken in Krakau aufgefordert werden*, um die Ruhe *aufrecht zu erhalten*, da er (Legeditsch) *mit allem österreichischen Militär nach Ungarn abmaschiren müsse*.

Der Fürst hat aber den k. k. Generalen erwidert, *die Krakauer würden ein solches Begehren nun und nimmer stellen*, und im Falle die Stadt ganz von Truppen entblößt würde, garantire die Bürgerschaft die Erhaltung der gesetzlichen Ordnung. Sie werden sich hierbei erinnern, daß der General Puchner in Siebenbürgen vor dem Einmarsch der Russen ebenso indirekte Aufforderung an die Städte Kronstadt und Hermannstadt richtete, die russische Hilfe anzurufen.

Was nun schließlich die ungarische Banknotenfrage betrifft, hat sich hier der Säbeldespotismus der necessitas rerum, der k. k. Staatscreditlosigkeit beugen müssen. Ein Theil der Kossuth’schen Noten ist bereits, trotz des Heulens und Zähneklapperns der Pesther Kleinbürger, außer *Cours* gesetzt.

„Feldmarschall Windischgrätz erließ nämlich am 9. d. in Pesth eine Kundmachung, durch welche die ungarischen 100 Fl.- und 5 Fl.-Noten zur Annahme in öffentlichen Kassen verboten werden. Diese Ankündigung hat daselbst eine außerordentliche Bestürzung hervorgebracht und jeder Verkehr ist in diesem Augenblicke gänzlich unterbrochen. Die Pesther Messe, die ohnehin nur spärlich besucht ist, dürfte in Folge dessen gar nicht abgehalten werden. Kaum steht ein anderes Schicksal für die ungarischen 1 Fl.- und 2 Fl.-Noten in Aussicht.

**Pesth**, 9. März. Hr. Windischgrätz hat folgende Verordnung publizirt:

Durch Se. Majestät beauftragt die Ordnung im Königreiche Ungarn wieder herzustellen, habe ich alle jene Maßregeln angewandt, die mir am geeignetsten schienen.

Ich habe bei der Wahl derselben die möglichste Milde eintreten lassen.

Aus diesem Gesichtspunkte ausgehend, und in der Hoffnung, das schnellere Ende der unseligen Rebellion herbeizuführen, habe ich das illegale ungarische Papiergeld nicht sogleich außer Cours setzen lassen.

Es hat sich aber erwiesen, daß dieses ein Haupthülfsmittel der Rebellion ist.

Da ferner während meiner Abwesenheit und ohne mein Vorwissen eine Kundmachung, bezüglich der durch die Rebellen-Regierung in Umlauf gesetzten illegalen Geldnoten. erlassen worden ist, die gestern noch ohne Autorisation angeschlagen wurde, so sehe ich mich bemüssigt nun definitiv auszusprechen, daß von dem heutigen Tage angefangen, in keiner öffentlichen Aerarial- und Landeskasse die ungarischen Noten zu 5 und 100 Fl. mehr angenommen werden dürfen, dagegen auch alle Zahlungen aus denselben in österreichischen Banknoten und Silbergeld geleistet werden.

Die ungarischen Banknoten zu 1 und 2 Fl. aber, die einen Metallstock besitzen, werden demnächst in kaiserl. österreichische umgewechselt und das dabei zu beobachtende Verfahren, so wie die Orte der Auswechslung bekannt gegeben werden, diese bleiben daher vorläufig in ihrem Course.

Hauptquartier Ofen, am 8. März 1849.

*Alfred Fürst zu Windischgrätz*, k. k. Feldmarschall.
