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Title: Ungarn (30. März 1849)
Description: Rubrik „Ungarn“ der Neuen Rheinischen Zeitung vom 30. März 1849: Bem nimmt Hermannstadt, die Insurrektion breitet sich in Siebenbürgen und der Slowakei aus, die türkische Frage droht mit dem europäischen Krieg.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-03-30
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn%20%2830.%20M%C3%A4rz%201849%29
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 259 vom 30. März 1849 (Köln), S. 3-4; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa%20%2830%20de%20marzo%20de%201849%29)*

*Ungarn.*

\* Die Kölnische Zeitung wird mit ihren „drei Kolonnen“ wohl wieder über die Theiß zurückgehen müssen; der Feldzug nimmt eine immer traurigere Wendung für die Kaiserlichen. Doch überlassen wir die Kölnische Ztg. ihrem gerechten Schmerz. Wenden wir uns lieber gleich nach *Siebenbürgen*.

*Hermannstadt ist von Bem genommen.* Es ist kein Zweifel: das Blatt der Wiener Börsenbarone, der standrechtliche *Lloyd*, bringt die Nachricht aus zwei verschiedenen Quellen. Wäre sie nicht wahr, die Veröffentlichung der Nachricht würde den Redaktoren unter dem Standrecht verschiedene Monate „Schanzarbeit in leichten Eisen“ bringen.

Bem hat den braven Puchner, den die eben so brave Ostd. Post gestern schon bis in die Nähe von Großwardein vorrücken ließ, ruhig gegen die Szekler in's karpathische Hochgebirg ziehen lassen, und nur etwa die Hälfte seines Corps zur Unterstützung des szeklerischen Landsturms ihm gegenüber gestellt. Er selbst ist, wie der *Lloyd* berichtet, mit 12,000 Mann rasch auf Hermannstadt marschirt, hat die Russen angegriffen und sie herausgeschlagen. Der *Lloyd* behauptet, es seien nur 3000 Russen da gewesen, was aber kaum möglich ist, da ihrer mehr als doppelt so viel da waren; es sei denn, daß der Rest mit Puchner gegen die Szekler gezogen sei, was allerdings möglich ist. — In Hermannstadt sollen die Truppen Bem's „große Verheerungen“ angerichtet haben, was nicht mehr als billige Vergeltung wäre für die Barbareien der Kaiserlichen und die Hereinberufung der Russen. Nach einigen Stunden habe Bem die Stadt wieder verlassen; er hatte natürlich, nachdem er die sächsischen Philister derb gezüchtigt, dort weiter nichts zu thun.

Der strategische Zweck des Zuges ist offenbar die abermalige Isolirung Puchner's und die Vertreibung der längs der Maros aus dem Banat heranziehenden Kaiserlichen. Wir werden bald hören, wie der unermüdliche Pole diesen mitgespielt, vielleicht wie er sie bis tief in's Banat verfolgt und dort Verstärkungen an sich gezogen hat.

Während Puchner mit den Kaiserlichen und Russen sich tief im Gebirge gegen szeklerische Guerrillas schlägt, sind Malkowski und der ritterliche Held Urban, der „Jelachich der Bukowina“, auf der Nordseite aus Siebenbürgen vollständig herausgeschlagen worden. Nach dem letzten Bülletin hatte Urban noch Bistritz besetzt; von Bistritz ist er nach Watra-Dorna, von Watra-Dorna tief in die Bukowina zurückgeschlagen worden. Malkowski's, des Oberbefehlshabers, Hauptquartier ist bereits wieder nach Ober-Wikowa, volle 20 Meilen von Bistritz, und nur 8 Meilen von Czernowitz an der russischen Gränze, zurückverlegt. So meldet der östreichische Corresp. In Czernowitz selbst, heißt es weiter, herrscht die größte Besorgniß; die Vorsichtsmaßregeln der Kaiserlichen, Verhaue, Besetzung der Pässe, Aufbietung des Landsturms ꝛc., zeigen, daß die Gefahr nahe ist. Aber die Ungarn werden sich hüten, nach der Bukowina weiter einzudringen, als zur Sicherung der Gränze nöthig ist. Sie wissen zu gut, daß die Russen nur auf das Zeichen zum Einrücken warten. In Nowoselitza, hart an der Bukowiner Gränze gegen Rußland, stehen 10,000 Russen, und die ganze Gränzlinie gegen die Moldau ist mit Russen garnirt.

Das Wichtige bei der Sache ist nur das:

1) daß Bem mit einem Theil seiner Truppen die Maros hinab selbstständig operiren kann, während der Rest seines Corps nebst den Szeklern hinreicht, um Puchner sammt den Russen zu beschäftigen;

2) daß im Norden, wo früher Bem selbst jedesmal die Kaiserlichen heraustreiben mußte, die Insurrektion so sehr um sich gegriffen hat, daß sie ohne Bem mit Malkowski und Urban fertig wird;

3) daß demnach Bem nicht nur als Feldherr ausgezeichnet operirt, sondern auch zu gleicher Zeit die siebenbürgische Insurrektion organisirt und furchtbarer als je gemacht hat;

4) daß die Rumänen, die Mehrzahl der siebenbürgischen Bevölkerung, die Anfangs so fanatisch gegen die Magyaren und Szekler auftraten, entweder durch die Erfolge der letzteren alle Lust zum weiteren Kampf verloren, oder gar, durch die ihnen verhaßte russische Invasion getrieben, sich ihnen angeschlossen haben müssen. Ohne dies wären die letzten Erfolge Bem's rein unmöglich. —

Ueber die Stellung der Kaiserlichen an der *Theiß* haben wir endlich einige Nachrichten. Der Lloyd meldet vom 20. aus Pesth, daß *Götz* in Tokai, *Jablonowski* in Miskolcz, *Schlick* in Erlau und *Jelachich* in — Czegled steht.

Das heißt: die Kaiserlichen stehen hier am *20. März* genau so weit, wie sie am *20. Januar* standen. Vergl. das 19. Armeebülletin und unsere Glossen dazu, Nr. 214 d. N. Rh. Ztg.

Zwei Monate also haben sich die Kaiserlichen zwischen Donau, Karpathen und Theiß mit wechselndem Glück umhergetrieben. Als die Theiß gefroren war, standen sie davor und versuchten, über die Eisdecke vorzudringen; die Magyaren schlagen sie mit Verlust zurück. Darauf hieß es, der Eisgang hindere sie am Hinübergehen. Er hinderte die Magyaren nicht, den Kaiserlichen auf das rechte Ufer zu folgen. Darauf kam Görgei, warf Schlick auf die Hauptarmee zurück, vereinigte sich mit Dembinski, und beide drangen bis wenige Meile vor Pesth. Das war vor 4 Wochen. Sie gingen wieder zurück, die Kaiserlichen folgten ihnen, und seit dem glorreichen „Sieg“ von Kapolna, sind sie noch keinen Schritt weiter; Schlick's Hauptquartier, Erlau, ist so zu sagen *auf dem Schlachtfelde von Kapolna*.

Ob Götz wirklich in Tokai steht oder nur in der Nähe, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Was wir heute durch die lithogr. Standrechtscorrespondenz aus Wien vom 24. aus dieser Gegend Positives erfahren, ist dies: der General *Hammerstein*, dessen Einrücken von Galizien nach Ungarn mit 10 Bataillonen die Wiener Blätter und die Pesther Correspondenzen so bestimmt gemeldet hatten, ist *noch gar nicht nach Ungarn vorgerückt*!!

Schlick und Jablonowski sind in ihren jetzigen Positionen einstweilen unschädlich. Ersterer soll sich bereits in Bewegung gesetzt haben; aber was hilft das bei „dem eingetretenen nassen Schneewetter“ und bei der bevorstehenden Frühlingsregenzeit, von der wir heute Morgen sprachen?

Und nun gar der Ban, der ritterliche, unüberwindliche Ban Jelachich! Er war gegen Szegedin marschirt, er hatte Kecskemet besetzt, sein Hauptquartier in Felegyhaza, vier Meilen weiter, aufgeschlagen, er sollte die Magyaren vor Szegedin so zersprengt haben, daß die Stadt sich ergab; der Zug der Einwohner zum Ban war bereits beschrieben, mit weißgekleideten Mädchen, Kränzen, Fahnen, Musik und Zubehör. Und siehe, der südslavische Don Quixote steht plötzlich wieder da, von wo er ausgegangen, auf demselben Fleck, wo er wieder zu seinen bei Szolnok geschlagenen Truppen gestoßen war — bei Czegled im Pesther Comitat!

Die Olmützer Regierung scheint übrigens der Windischgrätz'schen unfähigen Kriegsführung überdrüssig geworden zu sein. *Windischgrätz soll abgesetzt werden*, und F. Z. M. D'Aspre an seiner Stelle das Kommando über die Theißarmee übernehmen. D'Aspre hat allerdings voriges Jahr in Italien genug gesengt und geplündert, um einem Ministerium Schwarzenberg-Stadion als ein tüchtiger General erscheinen zu können.

Uebrigens sollen die 50,000 Mann Unterstützung, die Windischgrätz reklamirt hat, wenn er mit den Magyaren fertig werden solle, wirklich gestellt werden. Von Wien, Mähren, Böhmen und Galizien, schreibt die A. A. Z. aus Wien, sollen 50,000 M. zum Kriegsschauplatz marschiren, wovon 10,000 Mann allein zur Verstärkung des Belagerungsheeres von Komorn bestimmt sind. Dorthin sind auch vor einigen Tagen 6 schwere Geschütz-Batterieen von Olmütz expedirt worden. Woher alle diese Truppen kommen sollen, mögen die Götter wissen. Es müßte wunderbar zugehen, wenn das Ministerium außer den in Ungarn und Italien bereits kämpfenden Truppen (etwa 350,000 Mann) noch 50,000 Mann aus den durch die Oktroyirung wüthend gemachten deutschen und slavischen Provinzen ziehen könnte.

An der Wiener Börse lief am 24. das Gerücht, das seit drei Tagen heftig bombardirte *Komorn habe kapitulirt*. Wäre das der Fall, so würden wir es, wie den „Sieg“ von Kapolna, zuerst durch offizielle Berichte, nicht aber durch Börsenpuffs erfahren.

Aus dem *Banat* erfahren wir nur die von Wiener und Olmützer Blättern gemachte Mittheilung, daß Baja an der Donau von 4000 Magyaren am 18. besetzt worden ist. Baja liegt im Bacser Komitat, also in der prätendirten serbischen Wojvodovina, auf gleicher Höhe mit Theresianopel (Subotitza), von dem es etwa 8 Meilen entfernt ist. Die Garnison ist über die Donau gegangen, d. h. in's insurgirte Tolnaer Komitat; sie sucht dem auf Dampf- und Schleppschiffen herankommenden Obersten Horvath entgegen zu gehen, der die Donau von den Guerrillas reinigen soll. Man wird aber wohl nie mehr etwas von ihr hören, da die Insurgenten sie wohl schon längst in Stücke gehauen haben.

Aus den slovakischen Gebirgen hört man, daß *Perczel* jetzt an der Spitze der dort organisirten Guerrillas steht, von denen schon mehrfach die Rede war. Man schreibt der Schles. Zeitung vom 22. aus Wien, daß er neulich bei Tyrnau, 5 Meilen von Preßburg und 11 von Wien stand, und erstere Stadt bedrohte. Von dort ist er indeß nach Neitra zurückgegangen und zieht sich jetzt der mährischen Gränze zu, um Olmütz zu bedrohen. Ueberall insurgirt er die Slovaken, bewaffnet und organisirt Guerillas. Alle Dörfer und Ortschaften, welche Rekruten zur k. k. Armee gestellt haben, werden von ihm gebrandschatzt; alle jene Geistlichen, welche früher im Einverständnisse mit Hurban standen, läßt er aufhängen.

Man sieht, wie wenig die sogenannte slovakische Deputation, die, Hurban an der Spitze, neulich in Olmütz war, die Slovaken vertritt, und wie sehr diese vielmehr mit den Magyaren halten. Binnen Kurzem dürfte Perczel hier dieselbe furchtbare Macht konzentrirt haben, mit der Görgei seine genialen Züge ausführte.

Mit einem Wort: die Kaiserlichen erleiden überall Niederlagen, und was ihnen fehlt, um die magyarische Revolution zu erdrücken, ist weiter nichts, als — 50—60,000 Russen!

Was aber dem ganzen ungarischen Revolutionskrieg eine andre Wendung geben und ihn in einen europäischen Krieg verwandeln kann, das ist außer der slavischen Bewegung, außer dem italienischen Kriege die türkische Angelegenheit. Die Türkei ist der wundeste Fleck Europa's; Bewegungen in der Türkei bringen sofort England und Frankreich mit Rußland in Kollision. Und die Türkei scheint jedenfalls gegen die russischen Uebergriffe in den rumanischen, und die russischen Intriguen in den slavischen Donauprovinzen sich in Bewegung setzen zu wollen. Man schreibt aus Czernowitz (Bukovina) vom 16. März:

„Briefe aus Jassy bringen uns die Nachricht, daß die Türken in *Gallatz*, so wie in die *Walachei* in bedeutender Stärke, man spricht von 100,000 Mann, einmarschirt sind, um mit *bewaffneter Hand* gegen die Besetzung der Donau-Fürstenthümer durch *die Russen*, zu protestiren.“

Und ferner schreibt der Oestr. Korresp. aus Zara in Dalmatien vom 13. März, daß in dem benachbarten Mostar seit 14 Tagen bedeutend gerüstet und alle waffenfähige Mannschaft des Gebiets unter die Waffen berufen werde. Im April sollen alle Männer vom 16. bis zum 40. Jahre ausgehoben und bei jeder Familie nur ein Mann als Stütze gelassen werden. Man weiß in Zara nicht, was davon zu halten ist.

Bestätigt es sich, was auch französische Blätter seit einiger Zeit melden, daß die Pforte ernstlich gegen Rußland auftreten will, so ist ein neuer und kaum vermeidbarer Anstoß zum europäischen Kriege da. Und dieser Krieg, er wird kommen, eh' man's denkt, und die europäische Revolution in seinem Gefolge haben.

*Nachschrift.* Bei Hochwiesen (2 Meilen von Schemnitz) ist eine von Komorn aus unter der Führung von Ernst Simonyi vorgedrungene Guerrillaschaar zurückgetrieben worden, wie die Wiener Zeitung meldet. Dies und einige Feuersbrünste ist Alles, was dies offizielle Blatt aus Ungarn weiß!

Am 20., schreibt man aus Pesth, sollte der allgemeine Angriff beginnen. Schweres Geschütz ist zur Unterstützung Schlicks abgegangen. Theresiopel ist noch nicht genommen, trotzdem daß Todorovich dort durch 5000 serbische Freiwillige verstärkt wurde. Aus Baja sollen dagegen die Honveds wieder vertrieben sein.
