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Title: Ungarn (7. April 1849)
Description: Rubrik „Ungarn“ der Neuen Rheinischen Zeitung vom 7. April 1849: Bems Bülletins aus Siebenbürgen, das geheime Pesther Comité und die Denkschrift des Erzherzogs Stephan vom März 1848.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-04-07
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn%20%287.%20April%201849%29
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 266 vom 7. April 1849 (Köln), S. 3-4; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa%20%287%20de%20abril%20de%201849%29)*

*Ungarn.*

\* Vom Kriegsschauplatz sind gar keine neuen Nachrichten eingetroffen. Nur aus Siebenbürgen haben wir heute zwei *magyarische*, von Bem selbst unterzeichnete Bülletins, welche der Debrecziner offizielle Közlöny bringt:

„1. Hauptquartier Hermannstadt, den 15. März. In meinem Schreiben vom 13. d. hatte ich das Glück, die Meldung zu machen, daß ich ein Corps gegen den Rothenthurmer Engpaß (Vöröstorony) gesendet, um soviel als möglich die Kommunikation mit der Walachei abzuschneiden. Dieses Armeekorps konnte jedoch nicht weit vordringen, indem das ganze österreichische Heer in Frek stand, und also blos durch einen Bergrücken von dem Engpaß getrennt war und so meine Truppen beim Vorrücken in der Flanke bedroht waren. Ich habe indessen dieses Engpasses auf einem Umwege mich bemächtigt, und ich werde denselben nicht nur behaupten, sondern zugleich auch den Feind gegen Kronstadt drängen, von wo er nur mit großer Mühe über die Karpathen würde gehen können, wenn er nämlich nach der Walachei sich flüchten möchte. Diese Kriegsoperationen werde ich noch heute beginnen. — Gestern haben die Unsrigen abermals einen Stabsoffizier, den Oberst Kopet, gefangen. Die zwei früher gefangenen Stabsoffiziere heißen: Baron Berger (Oberst-Lieutenant) und Teichbert (Major). — Die Einnahme Hermannstadt's war für uns von unschätzbarem Nutzen, von allen Seiten fallen uns eine Menge Waffen zu, während dem Feinde der Lebensnerv durchschnitten worden ist.“ „2. Hauptquartier Rothenthurm (Vöröstorony), den 16. März. Meine gestrigen Operationen zur Verdrängung der Russen aus dem Rothenburger Engpaß, sind von so glücklichem Erfolge gekrönt worden, daß wir noch in derselben Nacht um 11 Uhr die Russen aus dieser festen Position geworfen. Der „15. März,“ der Geburtstag der Völkerfreiheit, konnte wohl nicht würdiger gefeiert werden. Heute Nachmittag um 5 Uhr haben die Russen die wildeste Flucht über Hals und Kopf ergriffen. Vier österreichische Generale: Puchner, Phärsmann, Gräser und Jovich sind mit etwa 3 Kompagnien nach der Walachei geflohen. Den Rothenthurmer Engpaß habe ich selbst sehr sorgfältig inspizirt und solche Anstalten getroffen, daß die Russen hier schwerlich mehr feindlich eindringen werden. Einen andern Theil meiner Armee habe ich zur Verfolgung der Oesterreicher ausgeschickt, welche, nach Aussage von Kriegsgefangenen entmuthigt, und in Unordnung gegen Kronstadt sich gewendet. Ihre Hauptmacht ist bei Fogarasch, die Arriergarde aber hat so eben Frek verlassen. Die Brücke über den Olt hatte der Feind hinter sich abgebrochen, was die nachdrückliche Verfolgung desselben einige Zeit hemmte. Jetzt nach Wiederherstellung der Brücke werde ich die Verfolgung mit allem Nachdruck fortsetzen. Ich hoffe, binnen 3—4 Tagen Kronstadt zu nehmen, wodurch die kaiserlich österreichische Armee theils vernichtet, theils zerstreut, jedenfalls aber für die innere Ruhe dieses Landes unschädlich gemacht sein wird. Um so leichter wird dann auch die Zurückführung der vereinzelt noch auftretenden walachischen Banden zum Gehorsam sein. *Nachschrift.* Nach der Einnahme Kronstadt's werde ich gleich mit einem Armeekorps nach Ungarn aufbrechen.“ (Wie unsern Lesern bereits bekannt, ist dem General Bem die Einnahme von Kronstadt nicht geglückt.)

Wie sehr die pesther Revolutionäre durch die neuen Fortschritte der magyarischen Armeen ermuthigt sind, beweist folgende Korresp. der D. A. Z.:

\* *Pesth*, 30. März. Es scheint hier ein *geheimes Comité* zu bestehen, welches mit der *Debrecziner revolutionären Regierung in Verbindung* ist. Es werden nämlich täglich eine Menge gedruckter Plakate in ungarischer Sprache auf allen Straßen gefunden, welche theils Kriegsbülletins der Debrecziner Regierung, theils aber auch Befehle und Verordnungen derselben enthalten. Die Einnahme von Hermannstadt durch Bem war hier durch solche Plakate bereits am 22. März bekannt. Es ist der Polizei noch immer nicht gelungen, diesen geheimen Depeschendepots auf die Spur zu kommen. Wenn man einem solchen Plakat, welches gestern in unzähligen Exemplaren ausgestreut war, glauben darf, so hat der ungarische *Oberst-Lieutenant Gal die Festung Arad am 23. März mit Sturm eingenommen*. Der kaiserliche Festungskommandant, F.-M.-L. Baron Berger, soll jedoch glücklich entkommen sein. — Der Banus, F.-Z.-M. Baron Jelachich, befindet sich wieder hier. Der Plan, *gegen Szegedin vorzudringen, ist aufgegeben* worden. Der Kriegsschauplatz hat sich um etwa 40 Meilen *der österreichischen Gränze näher zurückverlegt*, und es wurde dadurch ein Gebiet von etwa 300 Quadratmeilen den Magyaren geräumt. Die kaiserliche Armee ist jetzt überhaupt auf *die Defensive beschränkt*. Die Ueberzeugung spricht sich auch allgemein unter den Offizieren dahin aus, daß *ohne namhafte Verstärkungen an einen entscheidenden Sieg kaum zu denken sei*. — Die hiesige Judengemeinde hat gestern 40,000 Gulden Strafe dafür erlegen müssen, weil zwei hiesige Juden wegen Lieferungen nach Debreczin verurtheilt wurden. — Oberst Horvath rückt gegen Baja, welches die Insurgenten mit 4000 Mann besetzt haben. Seine Aufgabe ist, die Donaulinie zu säubern und die Insurgentenschiffe zu vernichten.“

Hiernach wäre also Jelachich, nach drei oder vier Anläufen gegen die Theiß, zum fünften Mal nach Pesth zurück; und wie man früher fand, daß bei Szolnok die Theiß nicht zu passiren sei und gegen Szegedin marschirte, so findet man jetzt, daß Szegedin nicht zu nehmen ist. Diese wiederholten Rückzüge sind die „Lorbeeren“ des „ritterlichen Banus Jelachich!“ „Armer Jelachich! Arme Kölnische Zeitung!“

Herr Welden hat an die Besatzung von Komorn eine erschreckliche Proklamation erlassen, welche nach vielen großen Worten folgendes Positive enthält:

„Demzufolge gebe ich noch 12 Stunden Frist, um daß ein Jeder zu den k. k. Fahnen noch zurückgehen kann. Mit Verlauf dieser Frist werde ich aber die Zerstörung Komorns so lange fortsetzen, als ich noch einen braven Soldaten und meine Kanonen noch Schießbedarf haben. Gott wird helfen!“ Vor Komorn, 26. März 1849.“

Dem Gerücht, daß die Russen in Galizien eingerückt, wird bestimmt widersprochen.

Standrechtsberichte melden: Aus Ungarn entbehren wir noch immer *tröstlicher* (!!!) Nachrichten.

Briefe aus Jassy melden, daß in der Moldau große Vorbereitungen zu irgend einem Kriege getroffen werden, zumal, da russische Truppen in großer Menge von allen Seiten einrücken, und General Paskiewitz täglich erwartet wird.

Die N. Oderz. bringt heute ein Aktenstück des ehemaligen Palatins von Ungarn, Erzherzog *Stephan*, woraus hervorgeht, wie der jetzt gegen Ungarn praktisch durchgeführte Verrath schon im März vorigen Jahres beabsichtigt und angelegt wurde. Das Aktenstück lautet wie folgt:

„E. M., der Zustand Ungarns ist in diesem Augenblick der Art bedenklich, daß der heftigste Ausbruch täglich zu erwarten steht. In Pesth herrscht Anarchie. Die Behörden sind durch Sicherheitsausschüsse aus ihrem Wirkungskreise verdrängt, und — während der Statthaltereirath unter der kräftigen Führung des Grafen Zichy wenigstens das äußerliche Ansehen behauptet — ist die Hofkammer beinahe gänzlich zu Nichts geworden. Der Adel (es scheint aus dem spätern Zusammenhange hervorzugehen, daß das Landvolk gemeint ist, zumal der Adel ohnehin Rechte genossen hat) hat sich an mehreren Orten erhoben, um sich faktisch Rechte zu erringen.

In dieser anomalen und gefährlichen Lage erwartet Jedermann seine Rettung von der zunächst erfolgenden Bildung des verantwortlichen Ministeriums.

Wenn wir auch diesen Plan als eine Calamität ansehen, so stellt sich doch jetzt die Frage so: Welche die kleinste Calamität sei?

Ich will nun versuchen, in Kürze die drei Mittel vorzubringen, durch welche *allein* ich in Ungarn noch Etwas erreichen zu können hoffe. Das erste Mittel wäre, die ganze bewaffnete Macht aus dem Lande zu schaffen, dieses der gänzlichen Verwüstung überlassen; den Verheerungen, Brandstiftungen passiv — passiv auch den Kämpfen des Adels mit den Bauern zuzusehen.

Das zweite wäre, wegen der Gesetzvorschläge mit Graf Batthyanyi (der jetzt der einzige Held des Volkes ist; — wenn wir lange zaudern, dürfte auch sein Stern sinken —) zu unterhandeln, um Alles zu retten, was noch zu retten ist. Man muß aber im Voraus wissen, was zu thun sein wird, wenn jener — im Falle seiner Nichtbefriedigung vielleicht abdanken sollte.

Das dritte Mittel endlich wäre, den Palatin sogleich zu beurlauben und einen mit außerordentlicher Macht versehenen königl. Kommissarius in Begleitung einer ansehnlichen Kriegsmacht nach Preßburg zu senden, welcher, nach Auflösung des Landtags daselbst, nach Pesth abgehen und dort mit kräftiger Hand die Regierung so lange fortführen müßte, als es die Umstände erheischen würden.

„Vor dem ersten Mittel, ich gestehe es offen, erschrecke ich selbst. Es ist unmoralisch, und es ist vielleicht auch für eine Regierung nicht schicklich, daß sie ihre Unterthanen, von denen ein Theil wenigstens gut gesinnt ist, gänzlich verlasse und allen Grausamkeiten eines Aufruhrs (!) als Opfer überlassen. Außerdem würde dies in den übrigen Provinzen durch das den unbändigen rohen Massen gegebene Beispiel die schädlichste Wirkung hervorrufen.

Das zweite Mittel dagegen ist gut, und wiewohl es im ersten Augenblick den Schein einer Separation hat, so ist es doch für die Gegenwart das einzige Mittel zur Erhaltung dieser Provinz; vorausgesetzt: daß die neu zu ernennenden Herren auf die innere Bewegung vollkommen Einfluß auszuüben vermögen — was freilich jetzt nicht mehr mit ganzer Gewißheit im Voraus behauptet werden kann. Mit dem Eintritt einer günstigern Zeit kann man Vieles Anders organisiren, was jetzt eine Separation verursachen könnte. Ich weiß nicht, ob man nicht im Wege anständiger Unterhandlungen durch Batthyanyi und Deak Einiges erreichen könnte — aber auch *allein* durch sie — denn wenn sie in Preßburg berathschlagen, ist Alles zu befürchten. Hierbei bin ich jedoch, als ein treuer Beamter des Staates, so frei, Ew. Majestät auf einen hochwichtigen Umstand aufmerksam zu machen: Was wird dann geschehen, wenn Bathyanyi, im Falle der nicht gelungenen Unterhandlungen, alles aufs Spiel zu setzen und abzudanken bereit wäre?

Hier erachte ich es für meine Pflicht, nicht um zu übertreiben, doch der Wahrheit gemäß zu bemerken, daß man für diesen Fall vorbereitet sein müßte, um die längs der Donau, sowie auf der von Preßburg nach Wien führenden Straße durch die Preßburger Jugend und durch einen Theil des Adels allerdings hervorzurufenden Demonstrationen mit bewaffneter Macht begegnen zu können. In diesem Falle wäre nun noch das dritte Mittel übrig, vorausgesetzt, daß zu dessen Anwendung weder der Wille noch die Möglichkeit mangle. Dieses *dritte Mittel* müßte sehr rasch angewendet werden. Hierbei entstehen aber vier Fragen:

a) mangelt es nicht an hinlänglichem Geld? ist also nicht die Unmöglichkeit vorhanden, eine *größere Militärmacht* nach Ungarn zu schicken, worunter ich wenigstens 40 bis 50,000 Mann verstehe? Oder

b) ist diese Macht bei der Hand und ist sie schnell zu concentriren? Ist ferner

c) ein solcher Königlicher Kommissär vorhanden, der diese Beschäftigung zu übernehmen geneigt und geeignet ist? Endlich aber

d) ist auch kein Zweifel darüber, daß dies Mittel zur Erreichung des gewünschten Zieles ausreicht? und ob nicht später im Winter ein Vergleich erfolgen wird, und ob bei Wahrnehmung dieses die übrigen Erbprovinzen ruhig verbleiben werden? Wird man nicht in Galizien, Italien, eine größere Militärmacht nöthig haben?

Wenn auf alle diese Fragen, die ich aus meiner eigenen Stellung heraus nicht zu beurtheilen vermag, eine günstige Antwort gegeben werden kann, der zu Folge die Ausführung ohne Täuschungen und ohne etwa später als unrichtig sich zeigenden Berechnungen möglich ist, so habe ich gegen deren Vollzug keine weitere Bemerkung hinzuzufügen, vorausgesetzt, daß mit Graf Batthyany der Vergleich versucht, und überdies die für jeden Fall herauf zu beordernden Landes-Dignitarien befragt werden.

Ich gestehe es offen, daß ich bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge mich für die zweite Art aussprechen müßte, und ich zweifle nicht, daß auch die Landes-Würden — wiewohl ich mit diesen noch nicht gesprochen habe — gleicher Meinung sind. Von den Ansichten des obersten Landes-Richters Majlatt allein weiß ich Bestimmtes.

Wenn jedoch Ew. Majestät nach Ihrer weisen Einsicht das erste oder dritte Mittel zweckmäßiger erachten sollten, so werden Allerhöchst dieselben den bestehenden Gesetzen und dem bisherigen Gebrauch gemäß, sonder Zweifel mir befehlen, ob ich für diesen Fall zur Zeit in Wien verbleiben soll oder ob ich anderwärts verreisen darf?

Ew. Majestät treu gehorsamster Unterthan

Wien, den 24. März 1848. *Stephan* m. p.“

Wir entheben uns jedes weitern Raisonnements über dieses in der That sich selbst bezeichnende Actenstück. Es befinden sich am Rande des Original-Documents die eigenhändigen Bemerkungen des Erzherzogs Stephan und *Expediatur. Stephanus 23 März 1848.* und *Kiads Marcz 24én 1848.* (d. h. expedirt am 24. März. 1848.)

\* Den heute Morgen eintreffenden Blättern entnehmen wir noch Folgendes:

Das Dorf Aszod, auf der Straße nach Hatvan, 4 Meilen von Pesth, wurde von den Magyaren genommen. Sie verließen es jedoch schon am nächsten Tage wieder, um in der Richtung von Neograd und der Waag weiter vorzurücken. Durch das plötzliche Erscheinen Görgei's an der Eipel sind die slovakischen Guerrillas wieder so ermuthigt worden, daß sie bis an die mährische Gränze streifen.

Götz und Jablonowski sind in Waitzen. Die Nachricht, daß sie Eperies und Kaschau gegen Görgei behauptet hätten, war also *falsch*. Die ganze Zips, ja *ganz Oberungarn* sind also wieder in den Händen der Magyaren, und die Kaiserlichen halten nur noch die westlichen und südlichen Gränzen, sowie das Land zwischen Donau und Drau nebst den nächsten Umgebungen von Pesth besetzt.

„Der Ban Jelachich,“ sagt der Pesther Beobachter (Figyelmezö), „ist nicht nur ein Held, sondern auch ein *tiefer Diplomatiker*. Er hat in Ketschkemet Furore gemacht. Er ließ die Köröscher u. Ketschkemeter Zigeuner-Bande zu sich kommen, durchzog die Stadt unter Begleitung der originalsten ungarischen Melodien, und hat durch sein magyarisches Benehmen die ganze Bevölkerung so beseelt, daß sie geäußert: Wenn er uns auch mitten in die Theiß bringen würde, wir würden ihm folgen!!“

Der Ban Jelachich stellt sich täglich mehr als Hanswurst und Don-Quixote dar.

Die A. A. Z. berichtet folgendes Faktum, das wieder als Beweis von dem ächt revolutionären Charakter des ungarischen Kriegs gelten kann:

„Während der junge Graf Esterhazy ein Kommando in der Festung Komorn hat, und im Fall der Erstürmung derselben wahrscheinlich den Tod des Hochverräthers stirbt, hat der alte Graf Esterhazy, Vater desselben, soeben den Belagerungstruppen vor Komorn 160 Eimer Wein geschenkt, um sie zur Erstürmung der Festung zu ermuntern!“
