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Title: Ungarn. 11. März 1849 (1849)
Description: Die Rubrik Ungarn der Neuen Rheinischen Zeitung: Kölnische und Augsburger Zeitung über Windischgrätz, die Gefangennahme Erbachs, die österreichischen Finanzen und die Verwaltung der serbischen Woiwodina.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-03-11
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%2011.%20M%C3%A4rz%201849
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neuen Rheinischen Zeitung*, Beilage zu Nr. 243, 11. März 1849 (Köln), S. 1, Rubrik „Ungarn“; von der MEGA² (I/9) Friedrich Engels zugeschrieben. Text nach dem Originaldruck der Zeitung (Digitale Sammlungen der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%2011%20de%20marzo%20de%201849)*

\* Vom Kriegsschauplatze fehlen heute alle Nachrichten. Das einzig Interessante in Beziehung auf die letzten östreich. Kriegsoperationen ist heute wieder ein Artikel der A. A. Standrechtszeitung, der vor allen Dingen beweist, wie tief unsere benachbarten Publizisten gesunken sind. Die Kölnische Ztg. schwärmt für Windischgrätz und bedauert höchstens, daß er kein Deutsch schreiben kann — als ob sein absichtlich ungeschickter Styl nicht zehnmal geschickter wäre, als die Sprache der tiefstgedachten Leitartikel der Köln. Ztg.! Wenn Windischgrätz „konfus“ und „unklar“ in seinen Berichten ist, so ist er es blos deßhalb, weil er sie absichtlich konfus und unklar gemacht hat, sei es um Niederlagen zu verdecken, sei es um nichtssagende, ihm von den Magyaren freiwillig oktroyirte „Vortheile“ als glänzende Siege erscheinen zu lassen. Die Köln. Ztg. ist aber nicht so dumm, wie sie aussieht. Sie findet, daß die Windischgrätzischen Berichte sich widersprechen oder daß sie unklar und konfus sind. Und was schließt sie daraus? Nicht daß Windischgrätz ein schlechter Feldherr, sondern ein schlechter — Stylist ist!

Ob die Köln. Ztg. von Oestreich bezahlt wird, wissen wir nicht. Daß die Augsb. Ztg. von Oestreich bezahlt wird, wissen wir aber. Und doch ist die Augsb. Ztg. tausendmal ehrlicher als die Kölnische.

Man vergleiche z. B. den gestrigen Artikel dieses gesinnungstüchtigen Blattes mit folgenden Zeilen der anerkannt gesinnungslosen Augsburgerin:

„Die Verwicklungen im ungarischen Revolutionskriege *nehmen leider fortwährend zu*. Feldmarschall Fürst Windischgrätz blieb bis vor einigen Tagen, wo er sein Hauptquartier nach Gyöngyös verlegte, mit der Hauptmacht der Armee in der Defensive, während sich die Rebellen auf die schwächsten Punkte unserer Linie mit aller Macht werfen, unsere detachirten Korps beunruhigen, und oft bedeutenden Gefahren aussetzen konnten. Die Serben, statt concentrisch mit der übrigen Armee zu operiren, erobern sich, während diese still steht, die Woywodina und auch etwas mehr. Puchner, in dem strategisch ganz vernachläßigten Siebenbürgen den kühnen Operationen Bem's preisgegeben, muß im letzten Augenblick der äußersten Noth zum Schutze der in Siebenbürgen allein noch kaiserlich gebliebenen sächsischen Städte russische Hülfe ansuchen, und alle Siege des greisen Kriegers, alle Tapferkeit seiner Truppen ist nicht im Stande, den Rebellenhäuptling, der von Stunde zu Stunde die in Ungarn entbehrlichen Insurgentenkorps als Verstärkung an sich ziehen kann, aus den Marken dieses unglücklichen Landes zu verjagen.“

Wie sehr die magyarischen Berichte sich auf reine „lächerliche Aufschneidereien“ reduziren, geht auch aus folgendem Faktum hervor. Die Gefangennehmung Erbach's durch die Magyaren war von magyarischer Seite angezeigt, von östreichischer weislich verschwiegen. Jetzt schreibt die Deutsche Zeitung aus Frankfurt 6. März:

„Graf Erbach, welcher nur von einem Dragoner begleitet, von General Schlick an Feldmarschall Windischgrätz abgeschickt war, ward von einer Abtheilung magyarischer Insurgenten überfallen und gefangen. Er ward nach Debreczin abgeführt und hat von dort mehrere Briefe hierher geschrieben. Er ward sehr wohl behandelt, mehrere alte Kameraden nahmen sich seiner freundlich an, und seine Briefe sind geeignet, uns von dem Treiben der Magyaren einen vortheilhafteren Begriff zu geben, als man aus mittelbaren Berichten zu schöpfen pflegt.“

Sonstige Nachrichten aus Ungarn resumiren sich in folgender Correspondenz aus Wien, die die D. A. Z. bringt:

„Die Vorsteher der Pesther Israelitengemeinde hatten sich mit Reklamationen in das Lager des Feldmarschalls begeben, indem die Leistung von Toleranzrückständen im Betrag von 110,000 Fl. baar in Zwanzigern verlangt, allen ungarischen Israelitengemeinden aber eine solidarische Verbindlichkeit für hochverrätherische Vergehungen Einzelner auferlegt worden ist. Der Fürst wies die Reklamation mit sehr ungnädigen Worten ab, wobei besonders heftige Ausdrücke gegen die Deputirten Fischhof und Goldmark gehört sein sollen. — Die auf 700,000 Mann gebrachte Armee, auf den Kriegsfuß gestellt, kostet so viel, daß man beim Nachrechnen der Uebertreibung leicht geziehen werden könnte; gewiß aber kostet sie weit mehr, als es die Hülfsquellen des Landes ohne außerordentlichste Anstrengung zu erschwingen vermögen. Dabei erscheint nur allein der Bauernstand durch Entfesselung von den persönlichen und Bodenlasten als gesund, alle andern Stände ohne Ausnahme sind krank und siech. Durch eine neue Lastenaufbürdung würde das Patent vom 7. Sept. 1848 zur Illusion für den Landmann, daher bleiben vorerst nur die Ressourcen der Anleihe und nach den bisherigen Anzeichen noch mehr die des Papiergelds übrig. Die großen Bankiers kaufen fortwährend Gold und Silber ein, jedoch wird bei ersterm vorzüglich das in Randdukaten und Souverainsdors berücksichtigt. Die ungarische Banknotenkrisis hat das gedachte Papier keineswegs zur Werthlosigkeit herabgebracht, vielmehr sollen gestern in Wien und Preßburg Abschlüsse in 5 Fl. und 100 Fl. Noten zu 86 und 90 gemacht worden sein. In Pesth hat eine Kundmachung (s. unten) deshalb beruhigt, sowie den Umsatz in Landesprodukten, der fast durchgehends gegen ungarische Banknoten stattfand, wieder belebt; da nun eine Kontrole der schon emittirten Banknoten noch nicht stattgefunden hat, so verbleibt der Kossuth'schen Banknotenfabrikation hiermit gewissermaßen ein Ausweg offen. Soviel erscheint gewiß: triftige Gründe müssen vorhanden sein, um den Fürsten Windischgrätz zu solcher Glimpflichkeit und Zurückhaltung in Ungarn, dem Verfahren in den österreichischen Provinzen gegenüber, zu stimmen.“

Es ist übrigens jetzt notorischer als je, daß der edle Windischgrätz mit den magyarischen Aristokraten, den Josikas, Szehenyis, Esterhazys &c. unter einer Decke steckt. Das sind die „triftigen Gründe“ die er hat. Und die Köln. Ztg. suchte noch vor 14 Tagen die „Hochadligen“ im Debrecziner Lager. Voilà ce qui S'appelle des savans sérieux!

Aus dem neuen k. k. Musterstaat, genannt Serbska Woiwodowina hören wir folgende Neuigkeiten:

*Semlin*, 24. Febr. In einer zu Temesvar am 15. l. M. abgehaltenen General-Versammlung wurde die innere Verwaltung der serbischen Woiwodowina folgendermaßen organisirt: Verweser und Präsident der Woiwodschaft: Patriarch Joseph Rajachich, Vice-Präsidenten: Joseph Rudich, Basil Fogarassy und Sretko Michailovich; Referenten der Sectionen: 1) in Kirchenangelegenheiten: S. Kacjansky, Abt, mit vier Räthen; 2) Cultus: Eugen Gjurkovich, mit vier Räthen; 3) für Diplomatische Angelegenheiten: Jacob Zivanovich, mit vier Räthen; 4) in Sachen der Politik: Marcus Popovich, mit 5 Räthen; 5) für öconom. finanzielle Angelegenheiten: Johann Suplikach, mit fünf Räthen; 6) Justiz: Thodor Radosavljevich, mit drei Räthen. — Der National-Secretär und Kanzlei-Director Johann Stankovich, Secretär des Woiwoden Aleksa Stojacskovjch. — Für das oberste Gericht, Vorsitzer Carl Latinovich: Vice-Präsident Joseph Mathich mit zwölf Mitgliedern. Oeconomisch finanzielles Departement: Vorsitzer Georg Warsan; Joseph Jovanovich, Cassier; Franz, Vice-Controlor; Kolarovich, Rechnungsführer nebst vier Räthen. Erster National-Commissär Michael Krestich. Agenten: Kosta Jovanovich, Svetozazhulitich. — Aus diesem unparteiischen Wahlacte ersieht man, daß die serbischen Abgeordneten, würdige Vertreter ihrer Committenten, mit Beseitigung jedes Nationalhasses und Religionsverschiedenheit, da Rudich, Fogarassy, Stein, Stminger, Wachtler keine Serben und katholischen Glaubens sind, lediglich die Befähigung zur Bekleidung der den Gewählten anvertrauten Aemter strenge vor Augen hielten, und daß sie die Gleichberechtigung jeder Nationalität in der Woiwodowina zu begründen beflissen sind. Außer den genannten Sections-Chefs sind noch die Abgeordneten jeder serbischen Gemeinde nach Kikinda einberufen, wo sie »sub Praesidio Patriarchae« den Grund zur Verfassung der serbischen Woiwodowina legen, die Grundrechte für dieselbe entwerfen, und dem österreichischen Ministerium zur Genehmigung unterbreiten werden. (Lloyd).

*Agram*. Mit großem Erstaunen lasen wir in der Serb. Belgrader Zeitung eine Correspondenz aus Constantinopel, in welcher erzählt wird, der östreichische Internuntius, Graf Stürmer, habe am 7. Febr. eine Conferenz mit dem Pfortenminister der äußeren Angelegenheiten gehabt und ihn gefragt: „Was für eine Stellung gedenkt die Pforte einzunehmen, wenn die östreichischen Slaven gegen die kaiserliche Regierung aufstehen sollten?“ Die Antwort lautete, die Pforte würde sich neutral halten, in uns aber erweckt die Frage weit mannigfachere Gedanken, als die Antwort. Sollten etwa die russischen Truppenmassen in den Donaufürstenthümern auch mit einer ähnlichen Frage der k. k. Regierung in Verbindung stehen?
