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Title: Ungarn. 14. April 1849 (1849)
Description: Die Rubrik Ungarn der Neuen Rheinischen Zeitung: Analyse des 33. und 34. Bulletins von Windischgrätz über die Gefechte vom 2. bis 6. April, die bei genauem Lesen die Niederlage und den Rückzug der Kaiserlichen bis Pesth eingestehen.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-04-14
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%2014.%20April%201849
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 272 vom 14. April 1849 (Köln), S. 3-4; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%2014%20de%20abril%20de%201849)*

\* Wir kommen auf die beiden Windischgrätz'schen Armeebülletins zurück.

Das 33ste beginnt:

„Se. Durchlaucht der Feldmarschall Fürst zu Windischgrätz *hatte in Erfahrung gebracht*, daß sich bedeutende Streitkräfte der Rebellen zwischen Gyöngyös und Hatvan concentriren, und daher dem Feldmarschall-Lieutenant Grafen Schlick den Auftrag ertheilt, eine Rekognoszirung dahin vorzunehmen.“

„Hatte in Erfahrung gebracht!“ Allerdings, in den Gefechten, die seine Truppen zwangen, sich von Kaschau bis Waitzen und von Felegyhaza bis Pitis, zwanzig bis dreißig Meilen weit vor den siegreichen Magyaren zurückzuziehen, hatte Windischgrätz dies auf eine sehr bittere Weise „in Erfahrung gebracht!“

Doch zur Sache.

Mit dieser „Rekognoscirung“ Schlick's am 2. April beginnt die Reihe von Gefechten, welche fünf Tage fortdauerte und am 6. mit dem allgemeinen Rückzug der Kaiserlichen bis vor die Mauern von Pesth endigte. Versuchen wir den Verlauf dieser Gefechte nach dem freilich höchst mangelhaften Material und besonders, um ja den Ungarn keine zu großen Vortheile zuzuschreiben, nach den kaiserlichen Bülletins selbst zu schildern.

Die Stellung der Kaiserlichen war nach dem 34. Bülletin folgende:

Die östreichische Armee dehnte sich in einer langen Linie von Balassa Gyarmath über Waitzen und Aszod bis Czegled aus. Den linken Flügel bildete das zweite Armeecorps unter Ramberg, dessen am weitesten vorgeschobne Brigaden (Götz und Jablonowski) nicht wie früher renommirt wurde bei Losoncz, sondern sechs Meilen weiter zurück bei Balassa Gyarmath, Vadkert und Waitzen standen. Im Centrum stand Schlick mit dem dritten Corps, der in der Gegend von Hatvan und Aszod hinter der Zagyva Stellung genommen. Den rechten Flügel bildete Jellachich mit dem ersten Corps, das sich von Czegled bis gegen Jasz-Bereny ausdehnte, ebenfalls hinter der Zagyva, aber etwas weiter zurück.

So standen die Kaiserlichen nach den Bulletins.

Ihnen gegenüber standen zwei Hauptmassen der Magyaren. Das nördliche Korps unter Dembinski, Görgei und Klapka, rückte gegen Schlick, von Gyöngyös aus, vor. Ein zweites Korps, dessen Führer nicht angegeben werden, stand Jellachich gegenüber und wenige Meilen von seinen Hauptkräften, von Jasz-Apathe bis Szolnok. Die Zagyva trennte die feindlichen Korps auf der ganzen Linie.

Am 2. April brach Schlick auf und passirte bei Hatvan die Zagyva. Er fand aber, wie das 33. Bulletin sagt, „*die Macht des Gegners der seinigen so überlegen*, daß er es vorzog, bei Gödöllö eine feste Stellung zu nehmen, bis weitere Verstärkungen ankämen. Bei diesem Rückmarsch wurde dem Hauptmann v. Kalchberg von Prohaska Infanterie der Befehl gegeben, die Brücke hinter Hatvan zu zerstören.

Hauptmann Kalchberg bewirkte diese Zerstörung mit seiner sehr braven Kompagnie unter dem heftigsten Geschütz- und Kleingewehrfeuer mit musterhafter Ausdauer, und hielt den Feind hierdurch der Art auf, daß der Rückmarsch des Korps nur wenig von demselben belästigt werden konnte.“

Also ein für die Oestreicher verlorenes Gefecht und ein Rückzug bis halbwegs Pesth. Alles, was zu erlangen war, beschränkte sich darauf, daß „der Rückmarsch *nur wenig belästigt werden konnte*.“

Die Zagyva ist bei Hatvan ein kleines schmales Flüßchen, kaum sieben Meilen von seiner Quelle entfernt. Das Abbrechen der Brücke konnte höchstens die Verfolgung mit Artillerie, vielleicht auch mit Infanterie verzögern, keinenfalls aber die Husaren aufhalten. Und gerade die Verfolgung durch leichte Kavallerie ist in diesem wellenförmigen, in die Ebene übergehenden Terrain für eine zurückziehende Armee die unangenehmste.

Diese erste Schlappe der Oestreicher verwandelt sich im 34. Bülletin bereits in einen Sieg. „Es war diese (die von Dembinski angeführte magyarische Avantgarde), welche am 2. d. Mts. von dem Herrn F.-M.-L. Schlick angegriffen und mit bedeutendem Verlust (!) an Geschütz und Gefangenen (!!) bis Hort zurückgedrängt wurde!!!“

Solch ein kurzes Gedächtniß traut Windischgrätz seinen Lesern zu, daß er ihnen zumuthet, am 9. April schon vergessen zu haben, was er am 7. drucken ließ.

Hat diese Stelle überhaupt einen Sinn, so hat sie den, daß der „bedeutende Verlust an Geschütz und Gefangenen“ sich nicht auf die Magyaren sondern auf die *Kaiserlichen* bezieht.

In Folge dieser Schlappe mußte Windischgrätz seine Armee mehr koncentriren. Vom linken Flügel (2. Corps) wurde die Division Csorich eiligst aus Waitzen nach Gödöllö berufen. Jelachich erhielt den Befehl, nachzurücken und die Verbindung mit Schlick zu wahren. Windischgrätz selbst ging am 3. nach Gödöllö, am 4. nach Aszod. (So sagt das 33. Bülletin. Nach dem 34. kam Windischgrätz erst am 4. nach Gödöllö. So stimmen diese Bülletins zusammen!)

Jelachich zog sein Corps in nordwestlicher Richtung von Czegled näher gegen Gödöllö hin. Während dieser Bewegung wurde es am 4. bei Tapio-Bicske angegriffen. Das Bülletin sagt nun:

„General-Major Rastich ging schnell in die Offensive über, griff den andringenden überlegenen Feind mit dem Bajonette an und warf ihn zurück, bei welcher Gelegenheit den Insurgenten 12 Kanonen genommen wurden, von denen 4 bespannt waren und gleich in Sicherheit gebracht und 8 andere vernagelt wurden. Wir machten noch mehrere Gefangene, doch bedauern auch wir den Verlust des tapfern Majors Baron Riedesel und des Rittmeisters Gyurkovics von Banderial Husaren.“

Erst waren es siebenzehn Kanonen, die erobert waren; dann vierzehn, endlich waren es zwölf; aber sie waren bespannt und in Sicherheit gebracht. Jetzt endlich gesteht man ein, daß zwar zwölf Kanonen erobert *waren*, aber leider acht davon liegen bleiben mußten. Sie wurden jedoch, heißt es, vernagelt. Auch darauf ist nicht viel geben. Aber gerade daraus, daß acht eroberte Kanonen zurückgelassen werden mußten, gerade daraus ersieht man, wie siegreich das Gefecht bei Tapio-Bicske war. Wenn man siegt, so behauptet man das Schlachtfeld, und wenn man das Schlachtfeld behauptet, so behauptet man auch die darauf befindlichen unbespannten Kanonen.

Das „rühmliche Gefecht“ bei Tapio-Bicske ist also im Grunde abermals eine Schlappe, die zweite, die die Kaiserlichen auf ihrer „großen Rekognoscirung“ erleiden.

Jetzt aber trat Windischgrätz selbst an die Spitze der Armee und errang folgende Vortheile:

„Am 5. d. M. unternahm der Feldmarschall einen Angriff auf den bei Hatvan postirten Feind, bei welcher Gelegenheit eine Division Civalart Uhlanen und 3 Escadronen Kreß Chevauxlegers mit seltener Bravour auf 4 Divisionen feindlicher Husaren attaquirten und mit einem geringen Verlust von 2 Todten und 10 Verwundeten einen glänzenden Erfolg errangen.

„Sechszig todte Husaren, worunter zwei Offiziere, bedeckten den Wahlplatz; außerdem hatten die Insurgenten 40 Verwundete und wurden ihnen 32 Gefangene, worunter 1 Offizier, abgenommen.“

Was „bei dieser Gelegenheit“ einige Schwadronen kaiserlicher Kavallerie nebenbei für Heldenthaten verrichtet, das erzählt uns Windischgrätz; was aber der *ganze* „Angriff“ für ein Resultat gehabt, das erfahren wir nicht. Hier ist also offenbar wieder aus einem im Ganzen unglücklichen Gefecht eine einzelne, momentan günstige Episode herausgenommen, um das schlechte Resultat des Ganzen zu vertuschen.

Das Resultat dieses Gefechts war — der Rückzug der Kaiserlichen unter die Mauern von Pesth. Diese Gefechte, erzählt Windischgrätz, hätten ihm „die Ueberlegenheit des Feindes, vorzüglich an leichter Cavallerie in der ganz offnen Gegend“ dargethan und so sah er sich genöthigt, alle drei Armeecorps schleunigst in der unmittelbaren Nähe von Pesth zu konzentriren.

Diese Bewegung war übrigens weit weniger das Resultat strategischer Berechnung, als der dringenden Noth. Windischgrätz gesteht, daß der Feind ihm „*mit großer Eile folgte* und sich vorzüglich auf das erste bei Ihaszeg aufgestellte Armeekorps warf, während er das vor Gödöllö aufgestellte 3. Armeekorps zu beschäftigen vermeinte.“ Windischgrätz hatte also auf einem hart bedrängten Rückzug nur *die Satisfaktion*, daß die Magyaren ein andres Korps schlugen, als sie zu schlagen meinten!

Am 6. kam es während dieses Rückzugs abermals zu einem Gefechte, „bei welchem die Brigade Fiedler, verstärkt durch eine Abtheilung der Division Lobkovitz, den Feind zwang, den Rückzug anzutreten, den er später durch eine große Kavallerie-Attaque von zwölf Eskadrons zu decken suchte, die aber durch einen Flanken-Angriff von zwei Eskadronen Kreß Cheveauxlegers und einer Eskadron Max Auersperg Kürassier, ebenfalls vereitelt wurde, bei welcher Gelegenheit dem Feinde weitere sechs Kanonen abgenommen und er viele Todte auf der Wahlstatt gelassen, da das wohlangebrachte Feuer unserer Geschütze verheerend in seinen Reihen wirkte.“

Kolossaleren Unsinn in strategischer Beziehung hat selbst die Kölnische Zeitung noch nicht geschrieben. *Eine* Brigade verstärkt durch eine Abtheilung einer Division zwingt die siegreichen und übermächtigen Magyaren zum Rückzug! Um diesen Rückzug zu decken, machen diese mit *zwölf* Schwadronen Husaren eine große Attake — gegen eine so geringe Infanteriemacht! Aber immer besser. Die *zwölf* Schwadronen Magyaren werden durch *drei* Schwadronen Kaiserliche in die Flucht gejagt, und schließlich sechs Kanonen erobert!! Man sieht, der sieggewohnte Windischgrätz war abermals genöthigt, einzelne günstige Momente aus einem im Ganzen höchst ungünstigen Gefecht herauszunehmen und dadurch eine Geschichtserzählung zu liefern, die an Fabelhaftigkeit alle Münchhausiaden der Welt übertrifft.

Dem tapfern Ban Jelachich gings nicht besser. „Auch er griff den Feind lebhaft an und nahm dann die für ihn bestimmte Stellung ein.“ Diese wenigen Worte beweisen zur Genüge, daß Jelachich, um sich auf Pesth zurückziehen zu können, ein ernsthaftes Gefecht zu bestehen hatte und sich durchschlagen mußte. Mit welchem Verlust, werden wir bald erfahren.

In dieser Stellung vor Pesth nun ist Windischgrätz „entschlossen, jene Verstärkungen abzuwarten, welche von allen Seiten in diesem Augenblicke gegen die Ungarn vorrücken, und da seine Armee vollkommen concentrirt ist, bietet ihm dieses Gelegenheit, nach allen Richtungen mit Kraft zu operiren, welche die Ereignisse erheischen könnten.“

Diesen wohlmeinenden Plan des edlen Feldmarschalls, so wie seine schließliche lächerliche Prahlerei, werden Görgei und Dembinski wohl schon zu Nichte gemacht haben.

Die beiden Bülletins zusammen genommen, so stellt sich heraus, daß die Kaiserlichen auf der ganzen Linie zurückgedrängt sind und sich auf die Vertheidigung Pesth's beschränken. Den Angriff Dembinskis auf Pest, oder seine Maßregeln im Rücken der Kaiserlichen, werden wir wohl bald erfahren.

Daß die Niederlage der Kaiserlichen weit bedeutender ist, als die Bülletins zugeben, melden alle nicht offiziellen Berichte. Vom 2. an hörte man in Pesth ununterbrochnen Kanonendonner auf der ganzen Linie. Vom 3. und 4. an begann der Rückzug in den Straßen von Pest. Munitions- und Packwagen, Reservelaffetten, Wagen mit Verwundeten, einzelne waffenlose Unverwundete wechselten ab. Vertheidigungsmaßregeln wurden in der ganzen Stadt getroffen, an verschiedenen Punkten die Häuser für das Militär in Beschlag genommen, Mannschaft bereit gehalten, um die Schiffbrücken sogleich auszuheben.

In Pesth stiegen die ungarischen Banknoten, in Breslau fielen die östr. Papiere, auf Privatbriefe aus Preßburg hin, welche von einem *entscheidenden Siege der Magyaren bei Gödöllö* sprachen. Die Nachricht der Breslauer Zeitung, Jellachich sei abgeschnitten und Schlick mit demselben Schicksal bedroht, wollen wir einstweilen noch gar nicht in Betracht ziehn, da die von den Kaiserlichen *eingestandnen* Vortheile der Ungarn schon hinreichend sind.

Die „Kölnische Ztg.“ droht mit 30,000 Mann aus Italien, die binnen zwölf Tagen auf ungarischem Boden stehen sollen!! Wir werden morgen hierauf eingehen. Ferner droht sie mit 40,000 Russen, die gegen Siebenbürgen rücken, und endlich mit 18 Bataillonen, die unter Hammerstein über die Zips einbrechen sollen. Die Russen sind noch nicht da, und Hammerstein hat bis jetzt blos den *Befehl* gegeben, bei Dukla an der galizisch-ungarischen Gränze ein Korps zusammenzuziehen. Bis er damit fertig ist, können die Magyaren weit sein!
