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Title: Ungarn. 20. April 1849 (Zweite Ausgabe)
Description: Rubrik „Ungarn“ der Zweiten Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 20. April 1849: die östreichische Niederlage bei Waitzen, Komorn so gut wie entsetzt, Windischgrätz abgesetzt, die russische Hülfe nachgesucht.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-04-20
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%2020.%20April%201849%20%28Zweite%20Ausgabe%29
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 277 vom 20. April 1849 (Köln), Zweite Ausgabe, S. 2-3; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%2020%20de%20abril%20de%201849%20%28segunda%20edici%C3%B3n%29)*

*Ungarn.*

\* Nach den erst heute (Donnerstag) Abend eintreffenden ostdeutschen Briefen und Blättern sind die Ungarn Herren des linken Donauufers bis an die Gran, die, von Norden kommend, sich fünf Meilen unterhalb Komorn in die Donau ergießt. Pesth war am 12. noch immer von einem ungarischen Corps umlagert, das von den Dächern ganz gut mit bloßen Augen beobachtet werden konnte und den Pesther Bahnhof besetzt haben soll. Die Stadt selbst läßt es unangegriffen, um sie nicht einem Bombardement auszusetzen und weil von hier aus, unter den Kanonen von Ofen, doch kein Uebergang über die Donau möglich wäre.

Ueber die Schlacht bei Waitzen laufen die widersprechendsten Gerüchte, die aber alle darin übereinstimmen, daß der linke Flügel der Oestreicher hier eine vollständige Niederlage erlitt. Götz soll, wie von einer Seite behauptet wird, nicht todt, sondern schwerverwundet in den Händen der Ungarn sein. Die bei Waitzen vereinigten östreichischen Corps sind nach der Niederlage theils über die Donau zurückgegangen, theils haben sie, zwei Brigaden stark, sich hinter die Gran gezogen. Hier sollen seit geraumer Zeit (!) fünf Brigaden aus Oestreich ꝛc. eingetroffener Verstärkungen stehen, die der Wanderer auf 25,000 Mann schätzt!! Diese fünf Brigaden werden sich wohl auf ein paar vom weiland Belagerungs-Corps von Komorn abmarschirte Regimenter beschränken, denn hätten an der Gran, vier Meilen von Waitzen, fünf Brigaden gestanden, sie wären doch gewiß nicht stehen geblieben, während die ungarischen Kanonen bei Waitzen donnerten!

Dieser Wanderer ist überhaupt ein bloßes standrechtliches Beruhigungsblättchen. Es muß berichten, Waitzen sei ohne Kampf von den Magyaren genommen worden, es habe dort nur ein Freicorps gestanden; während alle andern Blätter von einem heftigen Kampf sprechen und es feststeht, daß Götz, Jablonowski und Csorich dort standen, ungerechnet die Truppen, die Windischgrätz mitbrachte, als er persönlich hinging. Er meint ferner, Pesth sei keineswegs bedroht (!!), sonst hätten die Kaiserlichen wohl ihre Verwundeten weggeschafft und eine zweite Schiffbrücke geschlagen. An den Verwundeten hat nun den kaiserlichen Generälen nie viel gelegen, und das woran ihnen liegt, die Bagage, Munition und vor allem das Geld, das ist längst nach Ofen spedirt. Sie haben sogar den *Gold- und Silbervorrath der ungarischen Nationalbank*, 1,700,000 Gulden C. M., der als Garantie für die ungarischen 1 und 2 fl. Noten aufgehoben wurde, *gestohlen*, und der General-Cameralkasse in Ofen einverleibt. Was die zweite Brücke anbetrifft, so ist klar, daß die Oestreicher auf der langen Schlachtlinie von Pesth bis Waitzen und Gran ihre Brückentrains viel nöthiger haben als in Pesth, das jetzt nicht mehr ihr Centrum, sondern den linken Flügel bildet.

Dieser Wanderer muß jetzt auch plötzlich die kaiserliche Armee auf 100,000 Mann angeben; nämlich 50,000 Mann bei Pesth, dazu obige nicht existirende 25,000 M. bei Gran, 10,000 M. Unterstützung aus Galizien unter Vogel, dazu Nugent's Truppen, Summa 100,000 M., das soll nun beruhigend wirken. Wir wollen gern glauben, daß Windischgrätz vor den letzten Schlachten 50,000 M. hatte und jetzt noch 40,000 M. hat. Aber die 25,000 M. bei Gran reduziren sich auf höchstens 10,000 M., die zu beiden Seiten der Donau, von Raab u. Gran bis Neuhäusel zerstreut sind, Reste des Komorner Belagerungskorps, verstärkt durch neueingetroffene Truppen; Vogel steht noch in Galizien und Nugent wird in Syrmien hart gedrängt. Allerdings waren die Kräfte der Kaiserlichen im Anfang des Kriegs über 200,000 Mann stark, aber die Ungarn haben gut aufgeräumt und die Kaiserlichen nach allen Seiten auseinandergejagt. Puchner ist in der Walachei, Knicsanin ist nach Serbien zurück, die Freischaaren des Banats sind nach Hause gegangen, Massen von Kroaten sind debandirt, und von der ganzen Armee stehen vielleicht höchstens noch 120000 M. kampffähige Soldaten auf dem weiten ungarischen Gebiet zerstreut, und davon vielleicht 50—55,000 der magyarischen Haupt-Armee gegenüber.

Die Gerüchte, daß ein magyarisches Korps südlich von Pesth in der Gegend der Bacska über die Donau gegangen sei und auf Stuhlweißenburg marschire, erhalten sich, doch erfährt man noch nichts Positives über den Stand dieses Korps.

Komorn ist schon so gut wie entsetzt. Der Belagerungsrayon ist durch das Vordringen der Magyaren bedeutend entamirt; nachdem früher schon ein starker Theil der Truppen von Windischgrätz nach Pesth gezogen war, haben die letzten Reste offenbar auf Gran marschiren müssen, um gegen die von dieser Seite andringenden Magyaren Front zu machen. Schon früher hieß es, die Besatzung habe auf die schwachen Belagerer einen Ausfall gemacht, sie versprengt und sämmtliches Belagerungsgeschütz erobert. Wie man jetzt der Ostdeutschen Post schreibt, ist Komorn übrigens auf *zwei Jahre* verproviantirt und die Besatzung einig und zur Vertheidigung aufs Aeußerste entschlossen.

In dem kleinen Theil von Oberungarn, den die Kaiserlichen noch besetzt hielten, ist ihrer Herrschaft jetzt auch ein Ziel gesetzt. Eine magyarische Kolonne von angeblich 800 Mann Infanterie, 200 Mann Kavallerie und 5 Kanonen ist, nach dem Oestr. Korresp., unter Anführung eines polnischen Offiziers, Bernicki, am 4. d. M. in Leutschau eingerückt, am 5. in Neudorf, am 6. in Rosenau. Nach Eperies, das durch diese Bewegung bedroht war, wurde ein in der Nachbarschaft garnisonirendes Bataillon Welden berufen, aber trotzdem hat das magyarische Korps Eperies erobert und die k. k. Truppen zusammt dem berühmten slovakischen Landsturm in die Karpathen an die galizische Gränze gedrängt.

Jetzt taucht der Name *Bem*, der bald bei Debreczin, bald gar schon bei Kalocsa an der Donau stehen sollte, im *Banat* als Schreckgespenst auf. Man schreibt aus Alt-Orsova vom 2. d. Mts., daß Bem eine Expedition von 10,000 Mann gegen das Banat vorbereite. Hier ist übrigens Rukavina nicht pensionirt, sondern nur der Civilverwaltung enthoben, die dem Patriarch übertragen worden. Er behält das Kommando der banater Militärgränze, und G. M. Mayrhofer wird unter ihm die syrmische Gränze befehligen.

Die Magyaren haben sich übrigens nicht mit der Bacska begnügt. Sie sind über die Theiß gegangen und haben die Distrikte von Kikinda und Neu-Vecsei besetzt.

In dieser höchsten Noth bleibt den Kaiserlichen keine andere Hülfe, als eine Radikalkur. Die offizielle Nachricht von Windischgrätz's Absetzung und Welden's Ernennung zum Oberkommandeur in Ungarn ist endlich da. Zu gleicher Zeit ist Wohlgemuth mit Welden (den *Böhm* in Wien ersetzt) nach Ungarn abgereist, wo er ein Corps von sechs Brigaden befehligen soll. Benedek ist nach Galizien gegangen, um ein Kommando in dem Vogel'schen Corps von 10 Bataillonen, das über Eperies einrücken soll, zu übernehmen. Wrbna soll pensionirt werden.

Aber noch nicht genug mit dieser Revolution in der Armee.

Man hat eingesehen, daß man *ohne die Russen mit den Magyaren nicht fertig wird*. Man hat daher *die russische Hülfe direkt nachgesucht*. *30,000 Russen werden über Krakau in Ungarn erwartet.*

Auch im Banat wird man den gefährdeten Wahlspruch: sloboda a slavjanstvo (Freiheit und Slaventhum) durch *russische Hülfe* aufrecht erhalten. Man sprach bereits vom Anmarsche russischer Truppen und um die Sache zu beschleunigen, wurden Deputirte einer in Semlin am 5. abgehaltenen Versammlung nach Bucharest an Duhamel gesandt.

Hoffentlich kommen die Russen überall zu spät und finden den Krieg bereits so weit entschieden, daß sie höchstens noch zusehen können, wie die tapfern Magyaren und die Wiener, die bald auch wieder auf dem Schauplatz erscheinen können, dem „alten Oesterreich, an Ehren und an Siegen reich“, ein schmachvolles Ende bereiten.

Die neuesten Wiener und Breslauer Blätter fehlen uns heute wieder.
