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Title: Ungarn. 22. April 1849 (Beilage)
Description: Rubrik „Ungarn“ der Beilage der Neuen Rheinischen Zeitung vom 22. April 1849: die angebliche Wiedereinnahme Waitzens ist eine Standrechtslüge, Windischgrätz gibt Zwangspapiergeld aus, Welden will unterhandeln.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-04-22
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%2022.%20April%201849%20%28Beilage%29
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 279 vom 22. April 1849 (Köln), Beilage, S. 1; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%2022%20de%20abril%20de%201849%20%28suplemento%29)*

*Ungarn.*

\* Die vorgestern Abends ausgebliebene Wiener Zeitung und nach ihr alle Wiener Abendblätter melden:

„Der Plan der ungarischen Insurgenten, Comorn zu entsetzen, ist vollständig vereitelt. Der von denselben errungene Vortheil der zeitweiligen Besetzung von Waitzen ist ihnen ebenfalls wieder entrissen, indem die Division des F. M. L. Csorich die Insurgenten aus dieser Position wieder herausgetrieben hat. Die der k.k. Armee von allen Seiten zugehenden imposanten Verstärkungen lassen schon für die nächste Zukunft die erfolgreichste Wiederaufnahme der Offensive von Seite der k. k. Truppen voraussehen.“

Diese k. k. Standrechtsnachricht ist aber, wie schon jetzt fast mit Gewißheit behauptet werden kann, eine *reine Lüge*. Wäre etwas daran, es wäre spätestens in den nächsten 24 Stunden ein Bülletin ausgegeben worden und das ist nicht geschehen. Dazu widersprechen alle übrigen Nachrichten dieser ohne Datum und ohne irgend ein Detail hingestellten Behauptung.

Wir wollen nicht die vielen in Wien und Breslau cirkulirenden Gerüchte wiederholen, daß Komorn entsetzt, Görgei im Anmarsch gegen Wien, die kaiserl. Armee von Dembinski und Vetter überflügelt und ihr der Rückzug nach Wien abgeschnitten sei, daß der Landsturm in allen Komitaten zu beiden Seiten der Donau sich erhoben habe u. s. w. So lange die Postverbindung zwischen Pesth und Wien noch nicht unterbrochen ist, so lange ist auf diese Gerüchte wenig zu geben.

Bis zum 18. war von Ausbleiben der Pesther Post in Wien nicht die Rede. Man hatte Nachrichten bis zum 14. Nachmittags aus Pesth. Diese melden kein Wort von der Wiedereinnahme Waitzens.

Man erinnert sich, daß schon die Ostdeutsche Post vor mehreren Tagen von einer Wiedereinnahme Waitzens sprach. Es ist sehr möglich, daß Waitzen zweimal genommen werden mußte, und daß die Kaiserlichen es einmal momentan wiedererobert hatten, bis sie definitiv daraus vertrieben wurden. Daß das offizielle Beruhigungsblatt in der höchsten Noth diese momentane Wiederbesetzung mit jesuitischem Vorbehalt publicirt, stimmt ganz mit der bisherigen Bülletinspraxis.

In Pesth wußte man am 14. kein Wort von der angeblichen Einnahme Waitzens. Im Gegentheil läßt sich der Lloyd unter diesem Datum schreiben: „Vor der Hand geberden sich die Ungarn in Waitzen ziemlich hochmüthig, und schicken Briefe und Effekten, die durchpassiren, ungefährdet herein, nur daß dieselben früher geöffnet, durchsucht und mit dem amtlichen Siegel des Landesvertheidigungsausschusses versehen werden. Unter solchem Couvert kam gestern eine Depesche herein, mit der Nachricht, daß G.-M. Götz im ungarischen Lager mit allen Ehren zur Erde bestattet wurde. Bei der Feierlichkeit sollen zwölf Bataillone ausgerückt sein.“

Alle übrigen Nachrichten aus Pesth von demselben Datum geben nur neue Belege zu der Angst der dortigen Oestreicher. Dem „Spiegel“ wird geschrieben:

„Ich schreibe Ihnen, eben im Begriffe, meine Familie in Sicherheit zu bringen. Die letzte Nacht, hieß es, sollten alle Deutschen ermordet werden (!); solche und ähnliche Gerüchte drängen sich mit Sturmesschnelle; der Fanatismus des Magyarenthums droht mit jedem Augenblicke loszubrechen.“

Der Besuch im Lager ist untersagt, die Glockenthürme sind besetzt; die Magyaren in Pesth sollen die Absicht gehabt haben, beim ersten Angriff von draußen Sturm zu läuten. Vor Pesth selbst geschah wenig seit dem 11ten. Am 14ten Mittags fanden einige Scharmützel statt, als die ungarischen Vorposten sich in der Nähe zeigten. Man will auch Kanonendonner gehört haben.

Mit den k. k. Finanzen scheint es auch schlecht zu stehen. Windischgrätz hat am 10. bekannt gemacht, daß die *Kaiserlichen* jetzt *ungarisches Papiergeld*, Anweisungen auf die Landeseinkünfte Ungarn's mit *Zwangskurs* ausgeben, und zwar zu 5, 10, 100 und 1000 Fl. Mit diesen Papierwischen wird die k. k. Armee die ihr gemachten Lieferungen bezahlen und somit noch vor ihrem Rückzug Ungarn um einige Millionen bestehlen. Ein so schmutziges Raubsystem wie diese honetten Freunde der Kölnischen Zeitung betreiben, ein System, das aus allen Civilisationsstufen, von der kroatisch-tartarischer Nomadenplünderung bis zur modernsten Papiergeldschwindelei und Wechselreiterei zusammengesetzt ist, ist noch nie dagewesen.

Und während selbst die östreichischen Banknoten den Börsenschwankungen ausgesetzt sind, sollen diese Anweisungen zum vollen Nennwerth im Privatverkehr angenommen werden!

Alle diese Nachrichten bestätigen weit eher die Erwartung eines baldigen Rückzugs der Oestreicher aus Pesth, als die Behauptung, daß Waitzen genommen sei.

Die Einnahme Waitzens ist aber auch aus strategischen Gründen fast unmöglich. Nach allen Berichten waren die Kaiserlichen überall über die Donau und Gran geworfen, und Pesth, der einzige Punkt, den sie auf dem linken Ufer besetzt hielten. Pesth konnte nicht entblößt werden. Der Angriff konnte daher nur vom rechten Ufer aus geschehen, die Kaiserlichen mußten unter dem Feuer der ungarischen überlegenen Artillerie die Donau passiren und dann eine überlegene Armee aus Waitzen vertreiben. Alles das war überhaupt unmöglich, und wenn es möglich wäre, so hätte es nicht ohne eine große Schlacht geschehen können. Von einer solchen weiß aber Niemand etwas, selbst nicht die Wiener Zeitung. Die Division Csorich soll das alles gethan haben. *Eine Division!*

Windischgrätz ist glücklich in Olmütz. Welden ist noch nicht bei der Armee, aber dafür geht vor ihm her ein pausbackiger Erlaß an seine Soldaten, diese „von der halben Welt (!) angestaunten Helden“ (!!), ein Erlaß den die Kölnische Zeitung in den schönsten Zeiten ihrer Theißmanöver geschrieben haben könnte. Er erklärt seine Gegner für „verruchte Bösewichter,“ die Ungarn zum „Werkzeug feiler Polen“ gemacht hätten, droht ihnen mit dem Untergang und fügt dann hinzu: „Versöhnend aber noch einmal die Hand dem irre geleiteten Bruder geboten!“ *Herr Welden will also unterhandeln.* Die Magyaren werden sich bedanken.

Von den Verstärkungen, die die Oestreicher schon erhalten haben, hört man wenig. Bei Neuhäusel an der Wag sollen acht Bataillone (?) stehn; soweit sind also die 5 Brigaden an der Gran schon zusammengeschmolzen.

Von Wien aus sollen 6 Bataillone im Anmarsch und die Fleischhakerstraße mit Wagen bedeckt sein, auf denen die Verstärkungen *angefahren* werden.

Bei Wien auf dem Marchfelde *soll* ein Reservelager von 25,000 Mann, bei Pettau (Steyermark) eins von 15,000 Mann, bei Tabor und Budweis in Böhmen ein drittes von 20—30,000 Mann gebildet werden — Alles bis zum 10. Mai fix und fertig! Wo sollen diese Truppen herkommen!! Haynaus Corps kommt *nicht*, Radetzki kann es nicht entbehren. Dafür hat er alle seine leichte Kavallerie hingeschickt. Endlich soll Vogel in Eperies erwartet werden.

Die Nachrichten aus dem Banat und Siebenbürgen versparen wir, da sie nicht dringend sind, an die zweite Ausgabe.
