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Title: Ungarn. 25. Februar 1849 (1849)
Description: Die Rubrik Ungarn der Neuen Rheinischen Zeitung: Bericht eines aus Pesth gekommenen Ungarn über Oettingers Niederlage und die östreichische Brutalität, eine Darstellung des Kriegs an der Theiß, den selbst die reaktionäre Presse noch fern von seinem Ende sieht, und die Agramer Volksversammlung gegen den „Verrath“ Wiens.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-02-25
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%2025.%20Februar%201849
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neue Rheinische Zeitung *Nr. 231 vom 25. Februar 1849 (Köln), S. 3; nach der MEGA² (I/8) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%2025%20de%20febrero%20de%201849)*

\* Die A. O. Z. berichtet u. A. folgendes nach den Mittheilungen eines Ungarn, der am 17. Pesth verlassen hatte:

Als die magyarische Armee sich von Pesth hinter die Theiß zurückzog, war die Bestürzung der Bewohner beider Städte außerordentlich, besonders auf Seiten der Magyaren , welche ihre letzte Freiheitshoffnung zu Grunde gehen sahen und wehklagten, daß die Armee, indem sie die Hauptstadt Preis gab, sich vor ganz Europa mit Schande bedeckte. Dennoch war die Politik der ungarischen Regierung wohl berechnet, da sie *recht wohl* wußte, daß die Bewohner beider Städte, *in der Begier, ihren Grundbesitz zu retten*, dem Feinde hülfreiche Hand geleistet haben würden. Später freilich, als es sich fand, daß die östreichische Regierung keine Partei schonte, sahen auch diese Leute ein, daß sie es mit einem unversöhnlichen Feinde zu thun hatten. Die Schändlichkeiten, welche die östreichischen Truppen in der Umgegend von Buda-Pesth verübten, überstiegen alles Maß. Die Croaten zeichneten sich dabei vor allen Andern aus. Was sie nicht genießen konnten, zerstörten sie. Zwei Tage nach dem Rückzuge der Ungarn über die Theiß setzte sich ein Armee-Corps von 20,000 Mann unter *Oettinger* in Szolnok fest, Arriere-Garde in *Abony*. In dieser Stellung wurden die Oestreicher von einem ungarischen Corps, etwa 12,000 Mann stark, unter Perczel angegriffen und wären vollkommen vernichtet worden, hätte sich nicht eine ungarische Heer-Abtheilung unter dem Brigadier *Kasinsky* beim Anmarsch verspätet. Doch sahen sich die Oestreicher zur Flucht genöthigt, für welche sie die Nacht zu Hülfe nahmen und konnten sich erst in *Czegled* wieder sammeln. Es war merkwürdig anzusehen, von welchem Schrecken sie, namentlich die Cavallerie und die Offiziere — befallen waren, und wie sie fortwährend schrien: „Vorwärts! vorwärts! Die Fleischhackerhunde (so nennen sie die ungarischen Husaren) sind uns auf den Fersen!“

Am 21. kamen die Ungarn noch Abony, und zwar diesmal 22,000 Mann stark. General *Dembinsky* war dabei, ohne jedoch damals schon das Commando zu führen. Am Morgen nach der Schlacht bei Szolnok ging eine östreichische Cürassier-Division bis St. Marton vor, wo sich die ungarischen Vorposten befanden, und hier geschah das Unglaubliche, daß sie von sechs ungarischen Husaren angegriffen wurden, welche ihnen an zwanzig Leute tödteten und einige gefangen nahmen.

Am 23. bei Anbruch des Tages trafen die Ungarn vor Czegeld ein, wo die Oestreicher eine sehr vortheilhafte Stellung eingenommen hatten. Die Ungarn griffen an, schlugen die Oestreicher und verfolgten sie durch die Stadt bis in die Weinberge von Alberty. Dort erfuhren sie, daß ein beträchtliches Armeecorps der Oestreicher über Alau gegen *Debreczin* marschire, und diese Nachricht zwang sie die Verfolgung aufzugeben; doch äußerte General Dembinsky sein Mißvergnügen über die ganze Ausführung dieses Angriffs, welcher seiner Behauptung nach zur völligen Vernichtung des östreichischen Corps führen mußte.

Die Nachricht von der Niederlage des Oettingerschen Corps wurde übrigens in Pesth sogleich bekannt und die Einwohner suchten ihre rothen Federn wieder hervor, aber ihre Hoffnungen wurden getäuscht. Die Ungarn gingen über die Theiß, und verbrannten die Brücke bei Szolnok. Daraus nehmen die Oestreicher Veranlassung mit Siegen zu prahlen und die Furcht vor ihrer Brutalität verhinderte den Wiederspruch: Traurig ging es dabei den Bewohnern der Ortschaften, welche sich bereits vom östreichischen Joch befreit zu sehen gehofft hatten. Die Oestreicher kamen in stärkerer Zahl und mit noch härteren Forderungen wie vorher.

Es gab Häuser, welche 30 bis 40 Soldaten ins Quartier nehmen mußten, und die Offiziere waren grausam genug, selbst Greise aus ihren Betten zu jagen und sich hinein zu legen, indem sie sagten: ihr Ungarn könnt auf der Erde schlafen. Dort ist's für euch Hunde gut genug.

Diese Nachrichten werden fortgesetzt werden.

Die Schles. Ztg., ein reaktionäres Blatt, eben so gut wie die Bresl. Ztg., hat ihrer Seits folgende Darstellung der Lage der Dinge in Ungarn:

*Pesth*, 12. Febr. Mehr als man geglaubt hatte, zieht sich der Krieg in die Länge, was vornehmlich daher kommt, daß die Magyaren an dem gelinden Winter einen mächtigen Verbündeten bekommen haben. Das Austreten der Flüsse, sowie die fast völlig unpraktikabeln Wege setzen der östreichischen Armee kaum zu überwindende Hindernisse entgegen. Die Theiß ist jetzt die Scheidungslinie zwischen den feindlichen Heeren. Von Tokay bis nach Szegedin, in einer Länge von mehr denn vierzig Meilen, wird bald auf dem, bald auf jenem Punkte gefochten. Der Mittelpunkt dieser Linie ist Szolnok. Heftig ist schon auf diesem Punkt gekämpft worden, aber *immer noch sind die Magyaren Meister davon*. Er ist von Wichtigkeit, weil er in der Mitte des Kampfes liegt.

An der obern Theiß, d. i. in der Gegend von Tokay, erheben *sich die Magyaren in Masse*, weil die Bevölkerung durch die Gräuel des Krieges zur Verzweiflung getrieben ist. Auf's höchste aufgeregt ist dieselbe in und um Miskolz, sowie in der ganzen Bresoder Gespannschaft. Die Vortheile, welche die Oestreicher hier erringen, werden ihnen immer alsbald wieder entrissen. Von Szolnok hinab, und auch schon eine weite Strecke darüber hinauf ist das Land auf beiden Seiten der Theiß jetzt so überschwemmt, daß es an vielen Orten *eine Meile breit auf beiden Seiten unter Wasser steht, was gewöhnlich bis in den April hinein dauert*. Auf diesem Terrain wissen nur die Einheimischen Bescheid. Kommt ein fremdes Truppencorps dahin, so kann es von jenen leicht in die Sümpfe und in die Fluthen gesprengt werden.

Weiter hinab bei Csongrad und Szantos sind gegenwärtig die Wege für ein Armeecorps durchaus nicht zu passiren, denn das Geschütz würde in den sumpfigen Straßen versinken. Es ist dies die Straße nach Szegedin und Arad. Die östreichische Armee, insbesondere die kroatische, versuchte hier vorzudringen, überzeugte sich aber von der Unmöglichkeit. Es geht das Gerücht, daß sich Fürst Windischgrätz deshalb mit Jellachich entzweit habe. Bis auf die Steppen bei Keczkemet kam letzterer, ward aber wieder zurückgedrängt. In dieser Gegend wohnen die Kumanier und Tazcyer, ein äußerst kräftiger Menschenschlag, wo jeder ein Edelmann ist und die nur den Reichspalatin als ihren Obergespan anerkennen. Sie sind exaltirte Magyaren.

Zwischen der Theiß und der Gränze von Siebenbürgen liegen zwar die Ortschaften weit auseinander, sind aber ungemein volkreich. So z. B. zählt der Markt Czsoba 24,000 und Gozula gegen 18,000 Einwohner. Alle sind enthusiastische Magyaren.

Weiter hinab im Banate dringen zwar die Serben vor, aber die Ungarn haben doch nichts destoweniger noch viel Terrain inne.

Gelingt dem General Bem der Plan, den er jetzt zu haben scheint, von Hermannstadt (in Siebenbürgen) aus über die Szaswaros und Deva durch die Gebirgspässe nach Ungarn zu kommen und sich mit den hiesigen Magyaren zu vereinigen, so wird deren Sache eine günstige Wendung nehmen. Und es stehen ihm dabei keine so gar großen Hindernisse im Wege. Denn *Siebenbürgen ist so gut als überwältigt*, und die Wallachen waren schon besiegt, als sich Bem gegen die Sachsen wandte. Von diesen sollen sich in der Gegend von Kronstadt viele an ihn angeschlossen haben, ohne Zweifel nur, weil ihnen kein anderer Ausweg übrig bliebe. Die einzige Veste Karlsburg (zwischen Klausenburg und Mühlenbach) hätte noch einigen Widerstand leisten können, sie soll aber bereits in den Händen der Ungarn sei.

Auf dem rechten Ufer der Donau, so wie in den Karpathen, beschränkt sich der Kampf meist nur auf Plänkeleien. Auf der ganzen Landmeile von den Gränzen Steiermarks bis an die Donau haben sich Streifcorps gebildet, welche die östreichische Armee unter General Nugent in Athem erhalten. Bei mehreren derselben stehen angesehene Ungarn an der Spitze. Die aus Komorn zuweilen gemachten Ausfälle dienen diesen Guerillas zum Schutze. Auch diese jungfräuliche Festung würde gefallen sein, wenn der Winter noch einen Monat angehalten hätte, weil man da auf den zugefrornen Strömen sich ihr hätte nähern können. Auf der einen Seite strömt die Donau in zwei Armen; dasselbe thun auf der andern Seite die Waag und die Neutra. Die Festung selbst erhebt sich kaum 50 Fuß über die Ebenen, aber ihr ist von diesen aus nirgends beizukommen. Das Wurfgeschoß reicht kaum hinüber, wohingegen die Belagerten den Belagerern großen Schaden thun können. Als Napoleon im Kriege mit Oestreich, nicht lange vor dem Preßburger Frieden, den Marschall Duroc zur Recognoscirung gegen Komorn schickte, kam dieser mit dem lakonischen Bescheide: «Sire! imprenable.»

In den Karpathen haben die Magyaren auch noch Anhang, und auch dort fehlt es nicht an Streifcorps, und das ganz besonders in der Trentschiner, Honther und Abaujwarer Gespannschaft.

Aus alle dem geht hervor, daß der Krieg *noch fern von seinem Ende ist* und daß Oestreich noch große Streitkräfte werde aufbieten müssen, ehe es den Feind bewältigen wird, *dessen Muth jetzt von Tage zu Tage steigt*, und der zum Theil durch französische und polnische Offiziere gegenwärtig besser, wie im Anfange, angeführt wird.

*Agram*, 9. Febr. Zu der Volksversammlung, welche die Agramer Slowanska Lipa ausgeschrieben, strömten die Bürger Agram's und die Bewohner der Umgegend in großen Massen. Der Hauptredner führte das Thema aus: „Die Kroaten, die Südslaven müssen jetzt neuerdings alle ihre Kräfte aufbieten, um dem Verfalle ihrer Freiheiten zu wehren, indem sie sehen, daß nichts als Verrath und wieder nur Verrath sie verfolgt. Wir müssen den Landtag einberufen. Unser Landtag, der nur des ausgebrochenen Krieges mit den Magyaren halber vertagt werden mußte, hat ohnedem seine Arbeiten noch nicht beendigt; es handelt sich daher nur um die Einberufung der bereits gewählten Vertreter, damit sie das begonnene Werk fortsetzen, vor allem andern aber, damit sie klar und deutlich auf Grund unserer historischen Rechte das Verhältniß unseres Vaterlandes zur Gesammtmonarchie aussprechen, auf daß wir, in den Gränzen der Unbestimmtheit nicht schwankend, jeden Eingriff in unsere Rechte alsogleich vernichten, möge er kommen, woher er wolle.“ Ein nicht enden wollender Zivioruf begleitete die Schlußworte dieser Rede, und der Vorschlag — den Landtag sofort einzuberufen — wurde einstimmig angenommen. Man sieht, wie die antiöstreichische Bewegung unter den Südslaven zunimmt.
