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Title: Ungarn. 3. März 1849 (1849)
Description: Die Rubrik Ungarn der Neuen Rheinischen Zeitung: das Schweigen der offiziellen Berichte, die Magyaren bei Hatvan, sechs Meilen vor Pesth, Kossuths Repressalien und Bems neue Offensive in Siebenbürgen.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-03-03
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%203.%20M%C3%A4rz%201849
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neuen Rheinischen Zeitung*, Nr. 236, 3. März 1849 (Köln), S. 2-3, Rubrik „Ungarn“; von der MEGA² (I/9) Friedrich Engels zugeschrieben. Text nach dem Originaldruck der Zeitung (Digitale Sammlungen der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%203%20de%20marzo%20de%201849)*

\* Wie es mit der kaiserlichen Sache steht, das geht aus keinem Umstande deutlicher hervor, als aus dem Schweigen der offiziellen Berichte. Zwar haben wir heute Abend unsere Wiener Briefe und Zeitungen nicht erhalten, aber die Berliner Abendblätter, die sonst gleichzeitig mit der W. Z. die Wiener Nachrichten hieher zu bringen pflegen, enthalten auch nichts. Tiefes Schweigen der sonst so redseligen Wiener Kommandantur über die Operationen an der Theiß, an der Marosz und in Siebenbürgen.

Dafür entschädigen uns die nichtoffiziellen Berichte. Die kaiserlichgesinnten Correspondenzen aus Wien und die magyarische Correspondenz der Bresl. Ztg. aus Ungarn treffen in einer Thatsache zusammen: *Die magyarische Armee steht bei Hatvan, sechs Meilen von Pesth*, wo eine entscheidende Schlacht vorbereitet wird.

Die Einen sagen: Die Insurgenten sind von Schlick, Schulzig und Götz bis in diese Gegend *zurückgedrängt* worden; die Ander behaupten: Die siegreichen Magyaren sind bis in diese Gegend *vorgedrungen*.

Wer hat Recht?

Ein Blick auf die Karte entscheidet. Görgei rückte, nach den letzten Nachrichten, von Kaschau längs der Hernath herab, um sich mit Dembinski zu vereinigen. Dembinski seinerseits überschritt unterhalb der Hernath-Mündung die Theiß und rückte in nordwestlicher Richtung über Miskolcz vor. Dadurch wurde der linke Flügel (Schlick, Schulzig, und der in den Hochkarpathen verschlagene Götz) in seiner Verbindung mit der Hauptarmee bedroht und zugleich von Dembinski rechts, von Görgei links in der Flanke angegriffen. Daher zog sich das Corps Schlick-Schulzig sofort von Torna nach Reina-Szombath zurück. Bei Reina-Szombath standen sich, nach den letzten (k. k. offiziellen) Nachrichten, die beiden Armeen gegenüber.

Jetzt plötzlich finden wir die Stellung gänzlich verändert. Die Magyaren sind von Reina-Szombath, über 20 Meilen von Pesth, nach Hatvan, 6 Meilen von Pesth, gegangen, und man erwartet dort eine *entscheidende Schlacht*.

Schlug Schlick die Magyaren, so war ihre Rückzugslinie nicht auf die Donau, wo sie gerade auf das Centrum der feindlichen Armee stießen, sondern auf die Theiß und Hernath, wo das ganze Land in magyarischem Besitz ist. Behielten aber die Magyaren die Oberhand, so konnten sie von ihrer Stellung an der oberen Theiß und Hernath aus, *in gar keiner andern Richtung* vordringen, um nach Pesth zu kommen, als in der Richtung von *Hatvan*. Der Weg von Kaschau nach Pesth geht ja in gerader Linie über Reina-Szombath und Hatvan! Die Straßen von Miskolcz nach Pesth, von Polgau und Tisza-Füred (den beiden Uebergangspunkten der magyarischen Hauptarmee über die Theiß) nach Pesth, führen ja ebenfalls über Hatvan!

Wenn also, wie die Wiener Berichte sagen, „die Insurgenten unter Görgei und Dembinski, verfolgt von den Generalen Schlick, Schulzig und Götz, bis in die Gegend von Hatvan gedrängt worden“ sind, so sind sie gerade auf den Punkt gedrängt worden, wo sie *als Sieger ohnehin hätten hinkommen müssen*, wo der Conzentrationspunkt aller verschiedenen gegen Pesth marschirenden magyarischen Corps war!

Also: entweder sind die östreichischen Generale solche Tölpel, daß ihre Siege den Feind gerade zu *demselben Resultat* führen, wie ihre Niederlagen, daß sie dem Feind einen größeren Dienst erweisen, wenn sie ihn schlagen, als wenn sie sich von ihm schlagen lassen — oder die kaiserlichen Berichte haben wieder einmal unverschämt gelogen.

Daß Letzteres der Fall ist, — ohne daß wir indeß der Unbeholfenheit der k. k. Generale irgendwie Abbruch thun wollten — daß man wieder einmal eine schimpfliche Niederlage durch pomphafte Siegesbehauptungen zu verdecken sucht, das beweist der Nachsatz: „es ist sonach zu erwarten, daß in den nächsten Tagen ein Hauptschlag gegen sie (die Insurgenten) stattfindet.“

Entweder steht bei Hatvan nur ein magyarisches Corps, oder eine ganze Armee. Im ersten Falle kann von einem „Hauptschlage“ nicht die Rede sein; im zweiten wird man doch nicht glauben, daß die drei Corps des k. k. linken Flügels, die nicht einmal mit Görgei allein fertig werden konnten, eine ganze Armee, von der Görgei's Truppeu nur einen kleinen Theil bilden, geschlagen und „verfolgt“ haben?

Und wenn selbst die ungarische Hauptarmee bis nach Hatvan „gedrängt“ wäre, würde sie dort abwarten, bis dem „drängenden“ östr. Corps noch die ganze Armee Windischgrätz's zu Hülfe käme, um einen „Hauptschlag“ zu unternehmen, oder würde sie eiligst nach der Theiß zurückmarschiren, woran sie kein Mensch hindert, da sie den Rücken vollständig frei hat?

Es ist sonnenklar: die Oestreicher sind seit der Vereinigung Görgei's mit der ungarischen Hauptarmee auf ihrem linken Flügel und Centrum auf allen Punkten zurückgedrängt. Wo Schlick und Consorten sich umhertreiben, sagt uns Niemand.

Die jetzige Stellung der Magyaren, nordöstlich von Pesth, spricht aber deutlicher als alle Berichte. Damit die Magyaren von Rima Szombath nach Hatvan marschiren konnten, mußte Schlick vorher unschädlich gemacht, d. h. zehn Meilen weiter rückwärts nach den slovakischen Bergstädten gejagt sein, wo er von der Hauptarmee durch die Biegung der Donau getrennt, ganz isolirt und ohnmächtig dasteht. Dann mußten die Avantgarden der k. k. Hauptarmee, ja die Hauptarmee selbst, fünf bis sieben Meilen weit zurückgeworfen sein; denn es ist ja noch nicht lange her, so hatte Windischgrätz alles Land bis Erlau besetzt und wollte ja sogar in dieser Stadt sein Hauptquartier aufschlagen! Und beides muß doch wohl geschehen sein, oder wie kommt eine magyarische Armee bis sechs Meilen vor Pesth?

Bis genauere Berichte eintreffen, wird uns also wohl nichts anderes übrig bleiben als der offenbar in Pesth geschriebenen magyarischen „Aufschneiderei“ der Breslauer Zeitung Glauben beizumessen, um so mehr, als diese „Aufschneiderei“ alle innere und äußere Zeichen der größten Wahrhaftigkeit an sich trägt. Sie erzählt, daß die bei Hatvan stehenden Magyaren der ungarischen *Nordarmee* angehören. (Görgei, der übrigens offenbar durch ein Korps von der Theißarmee verstärkt worden ist.) Es heißt hier:

„Wie am 27. Jan., als die ungarische *Theißarmee*, die Kaiserlichen zweimal bei Szolnok und bei Czegéld geschlagen, so wird auch jetzt in Folge der widerholten Siege der *Nordarmee* über den kais. F.-M.-L. Grafen *Schlick* in Pesth Alles geräumt und zum Rückzuge vorbereitet. Sämmtliche Kriegskanzleien, vorräthige Monturen u. s. w. wurden seit vorgestern nach Raab weiter befördert. *Die siegreiche ungarische Nordarmee*, welche der ungarischen Theißarmee die Hand reichen kann, soll gestern nach den übereinstimmenden Aussagen von Reisenden 3 Stationen von Pesth, *in Hatvan nämlich, ihre Vorposten haben*. Sie wird von dem polnischen General *Klapka* und dem ausgezeichneten ungarischen General *Görgei* befehligt, welche beide Generale aber unter dem *Oberbefehl Dembinskis* stehen. Wie am 27. Januar ist auch gestern eine vom Kommandirenden Graf Wrbna unterzeichnete Proklamation erschienen, in welcher den Einwohnern beider Städte kund gemacht wird, daß die Rebellen Miene machen, gegen Pesth vorzudringen, daß daher ein Theil der Besatzung dem Feind entgegengegangen. Die Einwohner werden daher besonders zur Ruhe verwarnt, da bei jedem Erhebungsversuch das Bombardement von der Ofener Festung aus sofort eröffnet werden würde. *Man sieht in Pesth einer großen Schlacht nächster Tage entgegen.*

— *Nachschrift.* Ein eben aus Pesth hier eingetroffener Kourier brachte die Nachricht, daß aus Ofen viel Geschütz *unter Bedeckung von Grenadieren abgegangen ist, und daß man zwischen heute und morgen auf eine Schlacht in der Nähe Pesths gefaßt sein müsse.* Die Komorner Besatzung hat die Kaiserlichen aus Alt-Szony verdrängt.

Daß übrigens Kossuth keineswegs gesonnen ist zu dulden, daß die Oestreicher, solange er aus strategischen Rücksichten einen Theil des Landes preisgeben muß, in diesem Landestheil als ächte Barbaren hausen, beweist er ihnen neuerdings sehr handgreiflich. Er hat das einzige Mittel ergriffen, das in solchen Fällen hilft: Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Die mag. Corr. (Br. Z.) schreibt:

„In Debreczin soll der kais. Oberst *Fligelli zur Repressalie für den in Ofen wider alles Völkerrecht erschossenen ungarischen Major Spöll gleichfalls erschossen worden sein.* — Aus dem Munde eines österr. Offiziers erfuhren wir zugleich, daß ein Brief der ungarischen Regierung an Windischgrätz gelangt ist, wonach bei *jeder Wiederholung einer Exekution an ungar. Gefangenen die Repressalie sofort erfolgen* werde. Auch haben 73 kais. Stabsoffiziere, welche in Debreczin gefangen gehalten werden, ein *Schreiben an Windischgrätz* gerichtet, in welchem sie ihn zur Schonung ihres eigenen Lebens beschwören, von dem eingeschlagenen Verfahren gegen ungarische Kriegsgefangene abzustehen. Bei dieser Gelegenheit wurden uns 5 kais. *Generale* genannt, welche in Debreczin *gefangen sitzen*. Diese beiden Briefe haben auf Windischgrätz besser gewirkt, als alle deutschen Adressen und Interpellationen wegen der Hinrichtung Blums, und *seitdem sind überhaupt keine Hinrichtungen in Ofen vorgenommen worden*, wobei aber zu bemerken ist, daß auch die Ab-Urtheilungen hinausgeschoben werden, wahrscheinlich auf günstigere Zeiten. Gestern wurden in Pesth einige hochgestellte Damen arretirt. Die ungarischen Frauen geben den polnischen an patriotischer Begeisterung und Aufopferung nichts nach.“

Von den übrigen Theilen des Kriegsschauplatzes haben wir nur sehr mangelhafte östreichische Nachrichten. Im Südwesten ist der k. k. General Dietrich am 14. in Sexard (Tolnaer Comitat) eingerückt, hat die Kossuth-Husaren vertrieben und ist am 19. nach Pesth gekommen. Also auch hier, auf dem rechten Donau-Ufer sind noch Kossuth-Husaren und haben sogar noch Städte inne!

Aus Siebenbürgen berichtet ein Corr. der A. Od. Ztg. daß Bem, den die Kaiserlichen bereits todt resp. gefangen sagten, Herrn Puchner im Banat, bis wohin dieser ihn verfolgte, zurückschlug, nach Klausenburg marschirte, eine Menge ungarischer und Szeklerschaaren an sich zog und jetzt gegen die im Sachsenland verreinigten Oestreicher und Russen abermals *die Offensive ergriffen* hat. Was an dieser Nachricht Wahres, wollen wir indeß dahin gestellt sein lassen. Zum Theil wird sie indeß durch die Mittheilung der Grätzer Ztg. aus Temeswar bestätigt: daß die in Siebenbürgen gedrängten Insurgentenschaaren bei Facset-Lugos das Banat wieder zu betreten versuchten und dadurch die Kaiserlichen genöthigt wurden, Arad eiligst zu verlassen, um nicht abgeschnitten zu werden.

Wie richtig wir die Stellung der kriegführenden Parteien aufgefaßt, beweisen diese Nachrichten. Ein entscheidender Sieg über die Kaiserlichen vor Pesth, der Losbruch des Kriegs in Italien, und Oestreich wird trotz aller russischen Interventionen in Trümmer gehn!
