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Title: Ungarn. 8. Mai 1849 (1849)
Description: Die Rubrik Ungarn: Kossuths Proklamation von Gödöllö und der Rückzug der östreichischen Armee bis vor Wien.
Author: Friedrich Engels
Date: 1849-05-08
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1849%20Ungarn.%208.%20Mai%201849
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*Ohne Unterschrift erschienen in der* Neuen Rheinischen Zeitung*, Nr. 292, 8. Mai 1849 (Köln), S. 3-4, Rubrik „Ungarn“; von der MEGA² (I/9) Friedrich Engels zugeschrieben. Text nach dem Originaldruck der Zeitung (Digitale Sammlungen der USB Köln). [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1849%20Hungr%C3%ADa.%208%20de%20mayo%20de%201849)*

\* Wir geben folgende Stellen aus einer Proklamation Kossuth's, datirt Gödöllö, 7. April, nach der N. Oder-Ztg.:

„Die tapfere Armee des Landes verjagte jenen Feind, dessen vaterlandsverrätherische Kommissäre in Nograd Schomogy schon wieder anfingen, *das Volk unter das Joch der Robot zu bringen, welche das Gesetz aufhob und welche Euch aufzubürden wir nimmermehr zulassen werden*. Sie verjagte den Feind, welcher im verflossenen Monate einen kaiserlichen Befehl erließ, daß dort, wo das Urbarium aufgehoben ist, *der Unterthan die Preishälfte der aufgehobenen Robot und Zehent aus seinem eigenen Sacke zahlen muß, obschon Euch das ungarische Gesetz dieser Zahlung enthob*, welches zum Schutze Eurer Freiheit aufrecht zu erhalten unser festester Entschluß ist.

„Unsere tapfere Armee vertreibt von euern Gränzen jenen Feind, dessen Kaiser zu sagen wagte: „Ungarn existirt nicht, und wird nie mehr existiren“, und der unsere Brüder in Siebenbürgen von uns zu trenneu wagte, Kroatien Ungarn zu entreißen, unser eigenes Vaterland zu zerstückeln und aus unseren fruchtbarsten Gegenden ein besonderes Raizen-Reich zu gründen, für jene raizische Räuber, mit denen zur Ausrottung der ungarischen Nation sich zu verbinden, er nicht zurückschrack.

„Unsere tapfere Armee verjagt von euren Gränzen jenen Feind, welcher, wohin er sich wendete, auf seiner Flucht raubte, wie Straßenräuber rauben, welcher sich nicht damit begnügte, was er gestohlen, geraubt, was er essen und trinken konnte, sondern was er nicht aufzuzehren vermochte, zerstörte und verwüstete er, um Hungersnoth Euch zurückzulassen; noch mehr, er riß mit unmenschlicher Wildheit aus purem räuberischen, schadenfrohen Triebe die Polster unter den Köpfen Eurer Kinder fort und gab die Federn den Winden preis. Sogar eure Kirchen verschonte er nicht, er riß die Marmorsteine von den Altären, brannte die Dächer der Kapellen nieder, während einige seiner *Offiziere* dort, wo sie bewirthet worden, *die silbernen Löffel einsteckten*: so ist der Feind, den der östreichische Kaiser in unser Land schickte, um es zu vernichten, unsere Nation zu vertilgen und das Volk zu Sclaven und Bettlern zu machen!

„Ich habe Euch vor Monaten prophezeiet, daß aus der Tyrannei des östreichischen Kaisers Ungarn's Freiheit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erblühen wird.

„Und, Gott sei Dank, so ist's! Gepriesen sei dafür der heilige Name des Herrn, aber gesegnet sei auch dem ewigen Danke der Nation die tapfere ungarische Armee, welche ihr Leben, ihr Blut für's Vaterland mit Freuden opfernd, mit unerschrockener Tapferkeit die Gesammtmacht des Feindes schlug und mit immerwährenden Siegen dem Ziele der Glorie zueilend, Dich, o ungarisch Volk, mit dem Preise ihres heldenmüthigen Blutes frei, glücklich macht! Der Feind brüstete sich mit lügenhaften Siegen, um das ungarische Volk zu täuschen, in Verzweiflung zu stürzen.

„Das ist eine bezeichnende Feigheit, denn zu lügen ist nur der Feige fähig. Er täuschte Dich mit lügenhaften Berichten, daß er unsere Truppen aus Siebenbürgen schlug, daß Szegedin von Jelachich mit Sturm genommen worden, und doch konnte er noch nie dessen Gegend sehen.

„Ja, was noch mehr ist, — jetzt, während er innerhalb fünf Tagen viermal geschlagen, aus seiner stärksten Position hinausgedrängt, Windischgrätz, Schlick, Jelachich mit ihrer ganzen Armee insgesammt von Poroßlo, Pesth und Waitzen laufen, jetzt während ich dies in Gödöllö, in demselben Zimmer schreibe, in welchem 24 Stunden früher Windischgrätz von der Unterjochung Ungarn's zu träumen wagte, jetzt, noch während seine ganze Armee geschlagen läuft, und wir ganz Siebenbürgen, zwei Drittheile von Ungarn den Klauen des Tyrannen entrissen haben, auch jetzt schämt er sich noch nicht, in den besoldeten Pesther Zeitschriften die Lüge zu verbreiten, daß er bei Jaßbereny gesiegt habe. Auf diesen Zweifel theile ich Euch, meine Brüder! meine Freunde! die beruhigende Antwort mit, daß ich und die vortrefflichen Anführer unserer Helden mit unserer Armee in Gödöllö sind, wohin sich unsere unerschrockenen Honveds mit dem Bajonette Bahn brachen. In Gödöllö, von dessen Ufern unsere in's Feuer geschickten Artilleristen den hoffärtigen Feind wegschossen, in Gödöllö, von dessen Ufern unsere Husaren die Laufenden bis zur Pesther Donau verfolgen. — Und dort in Siebenbürgen ist kein kaiserlicher Feind mehr. Dieser Kaiser schickte die wilden Moskowiten über uns, aber Bem und unser ungarisches Heer in Siebenbürgen schlugen aus dem heiligen Lande Siebenbürgen's den Feind bis auf den letzten Mann hinaus sammt seinen moskowitischen Gönnern.

„Und unten in der Bacska hat Perczel St. Thomas eingenommen, dessen Sturm sonst so viel verschwendete Blutstropfen gekostet hat. Und er befreiete Peterwardein, welches östreichischer Verrath umsponnen, und reinigte von den raizischen Räubern das gesegnete Alföld. Hier oben aber, wo die Hauptmacht des Feindes Ungarn unterwerfen wollte, hat der Hauptanführer Görgei und unter ihm die Generale Domianics, Aulik, Klapka, Gaspar, den Schlick bei Hatvan, den Jelachich bei Tabiobicske, den Windischgrätz und Schlick auf's Neue mit Jelachich vereinigt bei Isaszeg geschlagen, und nachdem sie mit unseren siegreichen Truppen Gödöllö genommen haben, stehen sie bereits auf dem Rakos. Noch einige Tage und Ungarn wird frei sein und kein frevelhafter Feind wird den Boden unseres Vaterlandes betasten.

„Dies gebe ich Euch zur freudigen Nachricht, meine Brüder! Es lebe das freie, ungarische Vaterland!“

\* Die östreichische Armee retirirt immer weiter. Am 28. April wurde Raab geräumt; am 29 standen die ungarischen Vorposten bei Hochstraß, 2 Meilen von Wieselburg. Auf dem andern Donau-Ufer hat das bei Dioszeg stationirte östr. Corps ebenfalls nach Lauschütz (4 Stunden von Preßburg) sich zurückgezogen. Am 30. konnte man von Preßburg aus schon nicht weiter, als Karlsburg kommen (1½ Meile von Preßburg, auf dem südlichen Ufer).

Das östreichische Generalkommando ist in Laxenburg, 1½ St. von Wien.

Die Slovakei ist jetzt ganz in den Händen der von den Bewohnern mit offenen Armen aufgenommenen Ungarn. Diese finden hier eine Menge Waffen, da Windischgrätz das Landvolk entwaffnen und die Gewehre in den Komitatstädten aufhäufen ließ. Vom slovakischen Landsturm keine Spur; Bloudek ist verschwunden, der Guerillachef Janiczek zu den Magyaren übergegangen. Von der Slovakei aus bedrohen die Ungarn Mähren, östr. Schlesien und Galizien. Man spricht von einem Invasionskorps von 40 — 60,000 M., das den Krieg bis nach russisch und preußisch Polen hinüber spielen soll. Ein Handstreich auf Prerau, den Knotenpunkt der polnisch-schlesisch-östreichischen Eisenbahnen, steht jedenfalls zu erwarten.

Ueber das plötzliche Stocken in dem Anmarsch der Russen verweisen wir auf unseer Breslauer Korrespondenz. Es wird zwar noch immer von großen russischen Korps gefabelt die gegen Siebenbürgen marschiren; alle diese Nachrichten verdienen jedoch vor der Hand keinen Glauben.

Im Süden ist Bem, wie jetzt feststeht, mit bedeutenden Kräften ins Banat eingebrochen, hat die Gebirgspässe zwischen Maros und Donau besetzt, Lugos genommen und soll sozar *Temesvar* erobert haben. Damit und mit dem Vordringen einiger Theile von Perczels Corps über die Theiß nach dem Kikindner Distrikt ist die serbische Vojvodovina in Dunst aufgegangen.

Jelachich, dessen Niederlage sich wiederholt bestätigt, ist zum Chef der zu bildenden (kroatisch-slavonisch-banater) Südarmee mit unbedingter Vollmacht ernannt.

Diese „Südarmee“ besteht auf dem Papier aus 30,000 Mann; in der Wirklichkeit höchstens aus 8000 nebst einigen Tausend serbischer Räuberbanden.
