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Title: Rezension: Guizot, „Pourquoi la révolution d'Angleterre a-t-elle réussi?“ (1850)
Description: Rezension von Marx und Engels über Guizots Schrift zur englischen Revolution: Klassenallianz von Bourgeoisie und Grundbesitz statt moralischer Phrasen.
Author: Karl Marx, Friedrich Engels
Date: 1850-02
URL: https://marxismo.school/archivo/marx-engels/originales/1850%20Rezension%20Guizot%2C%20Pourquoi%20la%20r%C3%A9volution%20d%27Angleterre%20a-t-elle%20r%C3%A9ussi
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*„Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue“, Zweites Heft, Februar 1850. Rezension III. Text nach Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, Berlin 1960, S. 207-212, ohne den Apparat der Herausgeber; offensichtliche Druckfehler der Vorlage berichtigt. [Traducción al español](https://marxismo.school/archivo/marx-engels/1850%20Rese%C3%B1a%20de%20Guizot%2C%20Por%20qu%C3%A9%20ha%20triunfado%20la%20revoluci%C3%B3n%20de%20Inglaterra)*

*Guizot, „Pourquoi la révolution d'Angleterre a-t-elle réussi? Discours sur l'histoire de la révolution d'Angleterre“, Paris 1850*

Das Pamphlet des Herrn Guizot bezweckt nachzuweisen, warum Louis-Philippe und die Politik Guizots am 24. Februar 1848 eigentlich nicht hätten gestürzt werden dürfen und wie der verwerfliche Charakter der Franzosen die Schuld trägt, daß die Julimonarchie von 1830 nach achtzehnjährigem mühsamen Bestehn schmählich zusammenbrach und nicht jene Dauer erhielt, deren sich die englische Monarchie seit 1688 erfreute.

Man sieht aus diesem Pamphlet, wie selbst die tüchtigsten Leute des ancien régime, wie selbst Leute, denen in ihrer Weise historisches Talent keineswegs abzusprechen ist, durch das fatale Februarereignis so vollständig in Verwirrung gebracht worden sind, daß ihnen alles geschichtliche Verständnis, daß ihnen sogar das Verständnis ihrer eignen früheren Handlungsweise abhanden gekommen ist. Statt durch die Februarrevolution zur Einsicht der gänzlich verschiedenen historischen Verhältnisse, der gänzlich verschiedenen Stellung der Klassen der Gesellschaft in der französischen Monarchie von 1830 und der englischen von 1688 getrieben zu werden, löst Herr Guizot den ganzen Unterschied auf in einige moralische Phrasen und beteuert am Schluß, daß die am 24. Februar gestürzte Politik, "wie sie die Staaten erhalte, so allein die Revolutionen bewältige".

Bestimmt formuliert lautet die Frage, die Herr Guizot beantworten will: Warum hat sich die bürgerliche Gesellschaft in England länger in der Form der konstitutionellen Monarchie entwickelt als in Frankreich?

Zur Charakteristik der Bekanntschaft des Herrn Guizot mit dem Gang der bürgerlichen Entwicklung in England kann folgende Stelle dienen:

> "Unter der Regierung Georgs I. und Georgs II. nahm der öffentliche Geist eine andere Richtung: Die auswärtige Politik hörte auf, ihre Hauptangelegenheit zu sein; die innere Administration, die Aufrechterhaltung des Friedens, die Fragen der Finanzen, der Kolonien, des Handels, die Entwicklung und die Kämpfe des parlamentarischen Regimes wurden zur vorherrschenden Beschäftigung der Regierung und des Publikums." p. 168.

Herr Guizot findet in der Regierung Wilhelms III. nur zwei erwähnenswerte Momente: die Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Parlament und Krone und die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts durch den Kampf gegen Ludwig XIV. Unter der hannoverschen Dynastie nimmt dann plötzlich "der öffentliche Geist eine andre Richtung", man weiß nicht wie und warum. Man sieht hier, wie Herr Guizot die allergewöhnlichsten Phrasen der französischen parlamentarischen Debatte auf die englische Geschichte überträgt und sie damit erklärt zu haben glaubt. Gerade so bildete sich Herr Guizot als Minister ebenfalls ein, das Gleichgewicht zwischen Parlament und Krone und das europäische Gleichgewicht auf seinen Schultern zu balancieren, während er in Wirklichkeit nichts anderes tat, als den ganzen französischen Staat und die ganze französische Gesellschaft Stück für Stück an die Finanzjuden der Pariser Börse zu verschachern.

Davon, daß die Kriege gegen Ludwig XIV. reine Konkurrenzkriege zur Vernichtung des französischen Handels und der französischen Seemacht waren, daß unter Wilhelm III. die Herrschaft der Finanzbourgeoisie durch die Errichtung der Bank und die Einführung der Staatsschuld ihre erste Sanktion erhielt, daß der Manufakturbourgeoisie durch die konsequente Durchführung des Schutzzollsystems ein neuer Aufschwung gegeben wurde, davon hält Herr Guizot zu sprechen nicht der Mühe wert. Für ihn haben nur die politischen Phrasen Bedeutung. Er erwähnt nicht einmal, daß unter der Königin Anna die herrschenden Parteien nur dadurch sich und die konstitutionelle Monarchie erhalten konnten, daß sie durch einen Gewaltstreich die Dauer der Parlamente auf sieben Jahre verlängerten und so den Einfluß des Volks auf die Regierung fast ganz vernichteten.

Unter der hannoverschen Dynastie war England bereits so weit, daß es den Konkurrenzkrieg gegen Frankreich in der modernen Form führen konnte. England selbst bekämpfte Frankreich nur noch in Amerika und Ostindien, während es auf dem Kontinent sich damit begnügte, fremde Fürsten wie Friedrich II. zum Kriege gegen Frankreich zu besolden. Und wenn so der auswärtige Krieg eine andere Form annimmt, so sagt Herr Guizot: "Die auswärtige Politik hört auf, Hauptangelegenheit zu sein", und an ihre Stelle tritt "die Aufrechterhaltung des Friedens". Inwiefern "die Entwicklung und die Kämpfe des parlamentarischen Regimes zur vorherrschenden Beschäftigung der Regierung und des Publikums wurden", darüber vergleiche man die Bestechungsgeschichten unter dem Ministerium Walpole, die allerdings den unter Herrn Guizot an die Tagesordnung gekommenen Skandalen auf ein Haar ähnlich sehn.

Warum die englische Revolution einen gedeihlicheren Fortgang nahm als die französische, das erklärt sich Herr Guizot besonders aus zwei Ursachen: zuerst daraus, daß die englische Revolution einen durchaus religiösen Charakter hatte, also keineswegs mit allen Traditionen der Vergangenheit brach, und zweitens daraus, daß sie von vornherein nicht zerstörend, sondern konservativ auftrat, daß das Parlament die alten bestehenden Gesetze gegen die Übergriffe der Krone verteidigte.

Was den ersten Punkt angeht, so vergißt Herr Guizot, daß die Freigeisterei, die ihn bei der französischen Revolution so gewaltig schaudern macht, aus keinem andern Lande nach Frankreich importiert wurde als grade aus England. Locke war ihr Vater, und in Shaftesbury und Bolingbroke nahm sie schon jene geistreiche Form an, die später in Frankreich eine so glänzende Entwicklung fand. Wir kommen so zu dem seltsamen Resultat, daß dieselbe Freigeisterei, an der die französische Revolution nach Herrn Guizot scheiterte, eins der wesentlichsten Produkte der religiösen englischen Revolution war.

In Beziehung auf den zweiten Punkt vergißt Herr Guizot gänzlich, daß die französische Revolution ebenso konservativ, noch viel konservativer anfing als die englische. Der Absolutismus, besonders wie er zuletzt in Frankreich auftrat, war auch hier eine Neuerung, und gegen diese Neuerung erhoben sich die Parlamente und verteidigten die alten Gesetze, die us et coutumes der alten ständischen Monarchie. Und wenn der erste Schritt der französischen Revolution die Wiederbelebung der seit Heinrich IV. und Ludwig XIII. entschlafenen Generalstände war, so hat die englische Revolution dagegen kein Faktum von gleich klassischem Konservatismus aufzuweisen.

Nach Herrn Guizot war das Hauptresultat der englischen Revolution dies, daß der König in die Unmöglichkeit versetzt wurde, gegen den Willen des Parlaments und des Hauses der Gemeinen im Parlament zu regieren. Die ganze Revolution besteht nun darin, daß im Anfang beide Seiten, Krone und Parlament, ihre Schranken überschreiten und zu weit gehn, bis sie dann endlich unter Wilhelm III. das richtige Gleichgewicht finden und sich neutralisieren. Daß die Unterwerfung des Königtums unter das Parlament seine Unterwerfung unter die Herrschaft einer Klasse ist, findet Herr Guizot überflüssig zu erwähnen. Er braucht darum auch nicht weiter darauf einzugehn, wie diese Klasse sich die nötige Macht erwarb, um endlich die Krone zu ihrer Dienerin zu machen. Es handelt sich bei ihm in dem ganzen Kampf zwischen Karl I. und dem Parlament nur um rein politische Vorrechte. Wozu das Parlament und die in ihm vertretene Klasse diese Vorrechte brauchte, davon erfährt man kein Wort. Ebensowenig spricht Herr Guizot von den direkten Eingriffen Karls I. in die freie Konkurrenz, die den Handel und die Industrie Englands mehr und mehr unmöglich machten, oder von der Abhängigkeit vom Parlament, in die Karl I. durch seine fortwährende Finanznot um so tiefer geriet, je mehr er dem Parlament zu trotzen versuchte. Die ganze Revolution ist ihm daher nur erklärlich durch den bösen Willen und den religiösen Fanatismus einzelner Ruhestörer, die sich nicht mit einer gemäßigten Freiheit begnügen konnten. Über den Zusammenhang der religiösen Bewegung mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft weiß Herr Guizot ebensowenig Aufklärung zu geben. Die Republik ist natürlich ebenfalls das bloße Werk einiger Ehrgeiziger, Fanatiker und Böswilliger. Daß um dieselbe Zeit in Lissabon, in Neapel und Messina ebenfalls Versuche zur Einführung der Republik, und zwar, wie in England, ebenfalls im Hinblick auf Holland gemacht wurden, ist eine Tatsache, die gar nicht erwähnt wird. Obwohl Herr Guizot die französische Revolution nie aus den Augen verliert, kommt er nicht einmal zu dem einfachen Schluß, daß der Übergang von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie überall erst nach heftigen Kämpfen und nach dem Durchgang durch die Republik zustande kommt und daß selbst dann die alte Dynastie als unbrauchbar einer usurpatorischen Seitenlinie Platz machen muß. Über den Sturz der englischen Restaurationsmonarchie weiß er daher nur die trivialsten Gemeinplätze zu sagen. Er führt nicht einmal die nächsten Ursachen an: die Furcht der durch die Reformation geschaffenen neuen großen Grundbesitzer vor der Herstellung des Katholizismus, bei der sie natürlich ihre sämtlichen geraubten ehemaligen Kirchengüter hätten wieder herausgeben müssen, d.h., bei der sieben Zehntel der gesamten Bodenfläche von England den Besitzer gewechselt hätten; die Scheu der handeltreibenden und industriellen Bourgeoisie vor dem Katholizismus, der keineswegs in ihren Commerce paßte; die Nonchalance, mit der die Stuarts zu ihrem eignen und ihres Hofadels Vorteil die ganze englische Industrie, nebst dem Handel an die Regierung Frankreichs, d.h. des einzigen Landes verkaufte, das damals den Engländern eine gefährliche und in vieler Beziehung siegreiche Konkurrenz machte, usw. Da Herr Guizot also überall die wichtigsten Momente ausläßt, so bleibt ihm nichts übrig als eine höchst ungenügende und banale Erzählung der bloß politischen Ereignisse.

Das große Rätsel für Herrn Guizot, das er sich nur durch den überlegenen Verstand der Engländer zu entziffern weiß, das Rätsel des konservativen Charakters der englischen Revolution, es ist die fortwährende Allianz, worin sich die Bourgeoisie mit dem größten Teil der großen Grundbesitzer befindet, eine Allianz, welche die englische Revolution wesentlich von der französischen unterscheidet, die den großen Grundbesitz durch die Parzellierung vernichtete. Diese mit der Bourgeoisie verbundene Klasse großer Grundbesitzer, die übrigens schon unter Heinrich VIII. entstanden war, befand sich nicht, wie der französische feudale Grundbesitz 1789, im Widerspruch, sondern vielmehr in vollständigem Einklang mit den Lebensbedingungen der Bourgeoisie. Ihr Grundbesitz war in der Tat kein feudales, sondern bürgerliches Eigentum. Sie stellten einerseits der industriellen Bourgeoisie die zum Betrieb der Manufaktur nötige Bevölkerung zur Verfügung, und waren andrerseits imstande, dem Ackerbau diejenige Entwicklung zu geben, die dem Stande der Industrie und des Handels entsprach. Daher ihre gemeinsamen Interessen mit der Bourgeoisie, daher ihre Allianz mit ihr.

Mit der Konsolidierung der konstitutionellen Monarchie in England hört für Herrn Guizot die englische Geschichte auf. Alles Folgende beschränkt sich für ihn auf ein angenehmes Wechselspiel zwischen Tories und Whigs, d.h. für ihn auf die große Debatte zwischen Herrn Guizot und Herrn Thiers. In der Wirklichkeit dagegen beginnt erst mit der Konsolidierung der konstitutionellen Monarchie die großartige Entwicklung und Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft in England. Wo Herr Guizot nur sanfte Ruhe und idyllischen Frieden sieht, entwickelten sich in der Wirklichkeit die gewaltigsten Konflikte, die einschneidendsten Revolutionen. Zuerst bildete sich unter der konstitutionellen Monarchie die Manufaktur zu einer bisher unbekannten Ausdehnung fort, um dann der großen Industrie, der Dampfmaschine und den riesenmäßigen Fabriken Platz zu machen. Ganze Klassen der Bevölkerung verschwinden, neue treten an ihre Stelle, mit neuen Lebensbedingungen und neuen Bedürfnissen. Eine neue, kolossalere Bourgeoisie entsteht; während die alte Bourgeoisie mit der französischen Revolution kämpft, erobert sich die neue den Weltmarkt. Sie wird so allmächtig, daß sie schon, ehe die Reformbill ihr direkt politische Macht in die Hand gibt, ihre Gegner zwingt, fast nur in *ihrem* Interesse und nach *ihren* Bedürfnissen Gesetze zu erlassen. Sie erobert sich direkte Vertretung im Parlament und benutzt sie zur Vernichtung der letzten Reste reeller Macht, die dem Grundbesitz geblieben sind. Sie ist, endlich, in diesem Augenblick damit beschäftigt, das schöne Gebäude der englischen Verfassung, vor dem Herr Guizot bewundernd stehnbleibt, von Grund aus zu demolieren.

Und während Herr Guizot den Engländern sein Kompliment darüber macht, daß bei ihnen die verwerflichen Auswüchse des französischen gesellschaftlichen Lebens, der Republikanismus und Sozialismus, die Grundsäulen der alleinseligmachenden Monarchie nicht erschüttert haben, währenddem sind in England die Klassengegensätze in der Gesellschaft zu einer Höhe entwickelt wie in keinem andern Lande, steht hier einer Bourgeoisie mit Reichtum und Produktivkräften ohnegleichen ein Proletariat gegenüber, das an Macht und Konzentration ebenfalls ohnegleichen ist. Die Anerkennung, die Herr Guizot England zollt, läuft also schließlich darauf hinaus, daß hier unter dem Schutz der konstitutionellen Monarchie sich bei weitem mehr und bei weitem radikalere Elemente einer gesellschaftlichen Revolution entwickelt haben als in allen andern Ländern der Welt zusammengenommen.

Wo die Fäden der englischen Entwicklung in einen Knotenpunkt zusammenlaufen, den er selbst zum Schein nicht mehr durch die bloß politische Phrase durchhauen kann, nimmt Herr Guizot seine Zuflucht zur religiösen Phrase, zur bewaffneten Intervention Gottes. So kommt z.B. der Geist Gottes plötzlich über die Armee und verhindert Cromwell, sich zum Könige auszurufen etc. etc. Vor seinem Gewissen rettet sich Guizot durch Gott, vor dem profanen Publikum durch den Stil.

In der Tat, nicht bloß les rois s'en vont sondern auch les capacités de la bourgeoisie s'en vont.
