Text nach: Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale (Moskau, 22. Juni bis 12. Juli 1921) (Bibliothek der Kommunistischen Internationale, XXIII), Hamburg, Verlag der Kommunistischen Internationale, 1921, S. 3-1071, nach dem Faksimile-Nachdruck Feltrinelli (Mailand, 1967) bei Internet Archive; der Text beruht auf zwei verbundenen OCR-Lesungen und kann noch einzelne Lesefehler enthalten. Ohne die Delegiertenliste und die Register. Die vom Kongreß angenommenen Dokumente werden nicht wiederholt: siehe die Seite des Kongresses. Traducción al español.
Der III. Kongreß der Kommunistischen Internationale (Resolution des Exekutivkomitees der K. I., April 1921)
Die Exekutive der Kommunistischen Internationale hat beschlossen, den III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale zum 1. Juni 1921 einzuberufen. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale hat vorläufig folgende Tagesordnung angenommen:
Bericht der Exekutive der Kommunistischen Internationale.
Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale.
Taktik der Kommunistischen Internationale während der Revolution.
Uebergangsperiode (Teilforderungen, Teilaktion und revolutionärer Endkampf).
Kampf gegen die Amsterdamer gelbe Gewerkschaftsvereinigung.
Internationaler Rat der Roten Gewerkschaften und die Kommunistische Internationale.
Organisatorischer Aufbau der Kommunistischen Parteien, Methoden und Inhalt ihrer Arbeit.
Organisatorischer Aufbau der Kommunistischen Internationale und ihre Beziehungen zu den angeschlossenen Parteien.
Orientfrage.
Die Italienische Sozialistische Partei und die Kommunistische Internationale (Appellation der Sozialistischen Partei Italiens gegen den Beschluß der Exekutive).
Die K. A. P. D. und die Kommunistische Internationale (Appellation der V.K. P.D. gegen den Beschluß der Exekutive der Kommunistischen Internationale). 12. Frauenbewegung.
Jugendbewegung.
Wahl der Exekutive der Kommunistischen Internationale und Bestimmung ihres Sitzes.
Verschiedenes.
Moskau, April 1921.
G. Sinowjew.
Zum III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale (Schreiben des Exekutivkomitees der K. I. an alle proletarischen Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören oder ihr beizutreten wünschen)
Für den 1. Juni 1921 ist die Eröffnung des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale in Moskau angesetzt. Wir haben den Kongreß um zwei Monate früher angesetzt, als dies durch die Statuten der Kommunistischen Internationale vorgesehen ist. Wir sind jedoch davon überzeugt, daß die der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien sich mit uns darüber einig sind, daß die Interessen unserer Sache diese Beschleunigung erfordern.
In den neun Monaten, die seit dem zweiten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale vergangen sind, hat in einer ganzen Reihe von Parteien eine breite Diskussion über alle die Prinzipienfragen stattgefunden, die vom II. Kongreß aufgestellt wurden. In einer Reihe von Ländern ist die Klärung bereits so weit gediehen, daß zwischen den Kommunisten und den Anhängern des Zentrums der offene Bruch eintrat. In Deutschland, Frankreich, England, Schweden, Norwegen, Rumänien, Südslavien, Griechenland, in der Schweiz, in Belgien und anderen Ländern ist die Spaltung zwischen den Kommunisten und den Anhängern der Zweieinhalb Internationale eine vollzogene Tatsache. In anderen Ländern, wie in der Tschechoslowakei, ist die Spaltung eine Sache der nächsten Zukunft. In Italien haben die Kommunisten ihre selbständige Partei gegründet. Aus der gegenwärtigen Sozialistischen Partei, die anerkannte Reformisten und schwankende Revolutionäre umfaßt, werden allmählich die gesunden proletarischen Elemente ausscheiden und sich offen der Kommunistischen Internationale anschließen. In Amerika ist die Einigung aller kommunistischen Gruppierungen nur mehr eine Frage der allernächsten Zukunft.
Die Kommunistische Internationale muß die Summe aller dieser Ereignisse in den genannten Parteien in Betracht ziehen. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hatte während dieser Zeit höchst wichtige Entscheidungen zu treffen. Ueber diese Entscheidungen muß es vor der ganzen Kommunistischen Internationale Rechenschaft ablegen. Der III. Kongreß muß sich vor allem überlegen, in welchem Maße jede der Kommunistischen Internationale angehörende Partei tatsächlich all die Bedingungen erfüllt hat, die der II. Kongreß der Kommunistischen Internationale stellte. Denn es geht eine wichtige Tätigkeitsperiode der Kommunistischen Internationale zu Ende: Bis zu ihrem I. Kongreß hat die Kommunistische Internationale die Frühzeit, die Vorbereitungsperiode durchgemacht. Zwischen dem I. und II. Kongreß liegt die anfängliche Agitationsperiode. Die Kommunistische Internationale war zu dieser Zeit noch keine vollständige internationale Organisation, sie war nur eine Fahne, nur eine Losung. Die Periode zwischen dem II. und III. Kongreß ist die der verstärkten reinlichen Scheidung und Bildung tatsächlicher kommunistischer Parteien. Der III. Kongreß rechnet mit der ganzen geleisteten Arbeit ab und gibt der Kommunistischen Internationale die vollendete Organisation und abgeschliffene Taktik.
Die voraussichtliche Tagesordnung des III. Kongresses wurde von dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale zusammengestellt und in der Presse veröffentlicht.
Als erster Punkt dieser Tagesordnung steht die Berichterstattung des Exekutivkomitees. In den neun Monaten, die seit dem II. Kongreß vergingen, mußte das Exekutivkomitee an den Kämpfen und Spaltungen, die in einer Reihe von Parteien stattfanden, Anteil nehmen. Im Zusammenhang damit erhoben sich natürlich da und dort Proteste gegen das Exekutivkomitee. Ob es die vom II. Kongreß aufgestellten Richtlinien richtig durchgeführt hat, das möge der III. Kongreß entscheiden. Die Kommunistische Internationale muß jedoch auf jeden Fall eine feste und bestimmte Ordnung festsetzen: Das Exekutivkomitee ist dem jedesmal bevorstehenden Weltkongreß unterstellt und Rechenschaft schuldig. An ihn kann über diese oder jene Entscheidung des Exekutivkomitees appelliert werden. Aber von Kongreß zu Kongreß liegt die völlige Leitung in den Händen des Exekutivkomitees. Seine Entscheidungen müssen erfüllt werden. Ohne dies ist ein Bestehen der Kommunistischen Internationale als zentralisierte und disziplinierte internationale Organisation unmöglich. Wenn sich die Kommunistische Internationale nicht umsonst Internationale der Tat nennen will, dann muß diese internationale Kampforganisation einen Stab und das Vertrauen haben, daß gegenüber diesem Stab nicht nur in Worten, sondern auch in der Tat Disziplin herrschen wird.
Als zweiter Punkt steht auf der Tagesordnung: „Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale“. Die „Theoretiker“ der Internationale Zweieinhalb, Otto Bauer, Hilferding, Kautsky und Konsorten behaupten, daß es dem Kapital jetzt nach Beendigung des imperialistischen Krieges gelingen werde, einen gewissen wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herzustellen, daß Europa auf der Grundlage einer friedlichen Einstellung des erneuerten „kapitalistischen“ Systems in die Phase einer tatkräftigen organisatorischen Entwicklung trete. Daraus ziehen die Führer der Internationale Zweieinhalb — wir sprechen gar nicht mehr von den Vertretern der II., offenkundig verräterischen Internationale — bestimmte praktische Schlußfolgerungen. Hieraus resultiert der ganze schamlose Uebergang aller dieser Parteien, wie der deutschen Unabhängigen oder der französischen Longuetisten, ins Lager der offenen Konterrevolution. Dem III. Weltkongreß obliegt die Aufgabe, auf der Grundlage genauer Erwägung der Tatsachen, nach sorgfältiger Analyse der wirtschaftlichen Krise mit ihrer noch nie dagewesenen Arbeitslosigkeit und Verarmung der Massen, den Werktätigen der ganzen Welt die ungeheure Unwahrheit der reformistischen Illusionen und die Hilflosigkeit jener zu zeigen, die an die Zukunft des erneuerten Kapitalismus glauben und dem internationalen Proletariat die kleinbürgerliche Welterneuerungspolitik verkünden.
An dritter und vierter Stelle steht auf der Tagesordnung: Die Taktik der Kommunistischen Internationale während der Revolution und der Uebergangsperiode — Teilforderungen, teilweises Auftreten und endgültiger revolutionärer Kampf. In einer solchen Uebergangszeit, wie wir sie soeben in der revolutionären Bewegung durchleben, tauchen unausbleiblich zwei Neigungen auf: wenn wir vor der Revolution stehen, warum sollen wir dann noch Teilforderungen aufstellen, so sagen die einen; wenn wir Teilforderungen stellen können, warum sollen wir dann jedesmal das ganze Programm wiederholen, so sagen die anderen. Wir werden doch nicht unsere Kräfte in teilweisem Auftreten vergeuden. Wir werden sie zum letzten entscheidenden Endkampf sammeln — sagen die einen. Wir werden jede Gelegenheit ergreifen, um „aufzutreten“ — sagen die anderen. Der III. Weltkongreß wird die konkreten Erfahrungen der russischen Genossen vor der Revolution, die Erfahrungen der deutschen Arbeiter und der Proletarier der anderen Länder genau erwägen müssen. Der III. Kongreß muß eine scharfe taktische Linie für die kommunistischen Parteien schaffen, die sich sowohl vom Sektierertum als auch von dem Haschen nach vorübergehenden Erfolgen fernhält, aber doch zur Herstellung des festesten Bandes zwischen den kommunistischen Parteien und den breiten Proletariermassen und zur Aufrechterhaltung prinzipieller Charakterfestigkeit und Standhaftigkeit zu den Theorien des revolutionären Marxismus hinführen muß.
Punkt fünf und sechs sind der Beurteilung der internationalen Gewerkschaftsbewegung gewidmet. „Der Kampf gegen den Amsterdamer Gewerkschaftsbund und der Internationale Rat der Roten Gewerkschaften“. Dies ist einer der wichtigsten Punkte der Tagesordnung des III. Kongresses. Der Kampf im Lager der Gewerkschaftsbewegung ist voll entbrannt. Diese Entwicklung entscheidet den Ausgang des Kampfes zwischen der II. und III. Internationale, d.h. zwischen Kapital und Proletariat. In den Gewerkschaften sind jetzt Millionen von Proletariern vereinigt. Es gilt, das Proletariat auf unsere Seite zu bekommen. Die Taktik, kommunistische Zellen innerhalb der Gewerkschaften zu bilden, die vom II. Kongreß festgelegt wurde, hat ernstzunehmende Erfolge in Deutschland, Frankreich, England und anderen Ländern erzielt. Der Amsterdamer gelben Vereinigung sind die ersten harten Schläge versetzt worden. Die gelben Führer Amsterdams wanken und schwanken: heute sind sie zu Zugeständnissen bereit. und morgen schließen sie die Anhänger der Kommunistischen Internationale aus den Gewerkschaften aus. Dies ist ein sicheres Anzeichen ihres bevorstehenden völligen Bankerotts. Der III. Kongreß wird die Bilanz des Kampfes gegen die gelbe Amsterdamer Vereinigung ziehen und diesen für die Zukunft systematisieren. Aber die Hauptsache ist, daß der III. Kongreß gezwungen sein wird, die Wechselbeziehungen zwischen der Kommunistischen Internationale und dem Internationalen Rat der Roten Gewerkschaften genau festzustellen. Er wird bestimmen müssen, ob dies zwei parallele internationale Organisationen sein werden, wobei der Kommunistischen Internationale die leitende Rolle zufallen würde. oder ob wir nur eine Kommunistische Internationale haben werden, die nicht nur politische Parteien umfaßt, sondern auch alle proletarischen Organisationen überhaupt, die auf dem Boden der Kommunistischen Internationale stehen. darunter auch die roten Gewerkschaften. Im letzteren Falle würde der Internationale Rat der Gewerkschaften nur eine Sektion der einheitlichen Kommunistischen Internationale sein. Viele „Für und Wider“ könnte man zugunsten jeder dieser beiden Entscheidungen anführen. Von dieser oder jener Entscheidung dieses Problems wird sehr vieles für den Ausbau der internationalen Arbeiterbewegung abhängen. Alle der Kommunistischen Internationale angehörenden Organisationen müssen diese Frage allseitig und sorgfältig überlegen und ihre genau formulierte Entscheidung dem III. Kongreß vorlegen.
Der siebente und achte Punkt beschäftigen sich mit Organisationsfragen wie: Organisatorischer Aufbau der kommunistischen Parteien, Methoden und Inhalt ihrer Tätigkeit; organisatorischer Aufbau der Kommunistischen Internationale und ihr Verhältnis zu den ihr angeschlossenen Parteien. Hier müssen zwei Gruppen von Fragen besprochen werden. Die erste Gruppe behandelt die Frage, wie jede einzelne kommunistische Partei aufgebaut sein muß. In Westeuropa ist sogar unter den kommunistischen Parteien zu beobachten, daß eine beständig funktionierende Parteiorganisation fast nicht existiert. Nur während der Wahlen und in ähnlichen Fällen traten alle Mitglieder der Partei einheitlich in Aktion. Regelmäßig funktionierende kommunistische Zellen von bestimmter Form in Fabriken und Werken, in Gruben und bei Eisenbahnen, in Dörfern und Betrieben, in Gewerkschaften und Genossenschaften haben die Parteien nicht. Ein strenges System der Unterordnung dieser Zellen unter die Parteizentralen ist nicht vorhanden. Und es ist keine ernst zu nehmende illegale Organisation vorhanden, die die legale ergänzen könnte. Dieser Lage muß ein Ende gemacht werden. Damit wird sich der III. Kongreß beschäftigen. Die zweite Gruppe der Organisationsfragen, mit denen sich der III. Kongreß befassen muß, behandelt die Frage, welches die Grenzen der Autonomie der einzelnen Parteien in bezug auf das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale sind, wie die zentralisierte internationale proletarische Organisation aufgebaut sein muß, die in Wirklichkeit fähig ist, den internationalen Kampf des Proletariats zu leiten, was getan werden muß, damit die internationale Verbindung der. einzelnen kommunistischen Parteien untereinander und zusammengenommen mit dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale verbessert wird, damit die letztere imstande ist, die ihr auferlegten Aufgaben, die mit jedem Tage wachsen, zu erfüllen.
Punkt neun behandelt eine wichtige Frage. Die Kommunistische Internationale hat die ersten Erfolge ihrer Arbeit unter den Völkern des Ostens zu verzeichnen. Der Kongreß der Ostvölker in Baku hat unzweifelhaft eine große geschichtliche Bedeutung. Auch der Kongreß der Völker des Fernen Ostens, der vorbereitet wird, wird keine geringe Rolle spielen. Der III. Kongreß wird an die Ostfrage nicht nur theoretisch herangehen müssen, wie dies zur Zeit des II. Kongresses der Fall war, sondern auch praktisch. Ohne Revolution in Asien gibt es keinen Sieg der proletarischen Weltrevolution. Dieser Gedanke muß zum geistigen Besitztum der kommunistischen Proletarier werden. Nur dann werden die kommunistischen Arbeiter in genügendem Maße ideell bewaffnet sein gegen den europäischen Opportunismus der Herren Hilferdinge und anderer Helden der Internationale Zweieinhalb, die für die unterjochten Völker des Ostens nur ein Lächeln übrig haben.
Von ungeheurer Bedeutung wird Punkt zehn der Tagesordnung sein, der die Italienische Sozialistische Partei betrifft. Die Italienische Sozialistische Partei gehörte früher der Kommunistischen Internationale an; unter dem Einfluß der „zentristischen“ Agitation der Gruppe Serrati lehnte es jedoch der Kongreß dieser Partei in Livorno ab, die 21 Bedingungen zu verwirklichen, die der II. Kongreß der Kommunistischen Internationale allen Parteien stellte. Die Gruppe Serrati, der sich die Mehrheit des Kongresses anschloß, wollte der Kommunistischen Internationale solche allbekannten Agenten des Kapitals aufdrängen wie die alten Reformisten Turati, Modigliani, D’Aragona, Treves und Konsorten, d. h. die italienischen Dittmann, Bernstein und Longuet.
Verbunden mit diesen Reformisten, die auf dem Kongreß von Livorno 14000 Stimmen hatten, brachen die Führer des italienischen „Zentrums“, an dessen Spitze Serrati stand, mit 58000 kommunistischen Proletariern. Serrati ist den vom II. Kongreß gefaßten Beschlüssen untreu geworden. In Livorno gingen als moralische Sieger über das „Zentrum“ in Wirklichkeit die Reformisten mit Turati an der Spitze hervor. Die kommunistischen Arbeiter gründeten eine selbständige Kommunistische Partei. Unter solchen Umständen hielt es das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale für seine Pflicht, als einzige Sektion der Kommunistischen Internationale in Italien die junge Kommunistische Partei Italiens anzuerkennen und die Partei Serratis, die sich tatsächlich von den Beschlüssen des II. Kongresses losgesagt hat, aus der Kommunistischen Internationale auszuschließen. Die Italienische Sozialistische Partei erhob Einspruch gegen diese Entscheidung der Exekutive und appellierte an den ordentlichen Kongreß der Kommunistischen Internationale. Auf eine solche Appellation hat jede Partei ein unzweifelhaftes Recht. Das Exekutivkomitee überläßt daher diesen Streit bereitwilligst der Entscheidung des III. Kongresses.
Das Exekutivkomitee, das die Sitten und Gewohnheiten der „zentristischen“ Führer kennt, die klaren Antworten auf schwierige Fragen gern aus dem Wege gehen, erklärte dem Zentralkomitee der Italienischen Sozialistischen Partei in einem besonderen Briefe folgendes:
Wir fordern Euch auf, am III. Kongreß teilzunehmen, und verlangen, daß Eure Delegierten des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale über alle Vollmachten verfügen, die notwendig sind, um dem III. Kongreß endgültige Antworten zu geben.
Wir fordern, daß Ihr deutlich und genau antwortet, ob Ihr mit dem Ausschluß der Gruppe „Critica Sociale“, d. h. Turati, Treves und Konsorten, aus der Partei und der Kommunistischen Internationale einverstanden seid. denn nur dies ist die Ursache des Streites.
Die italienische Frage hat internationale Bedeutung gewonnen. In Deutschland klammerte sich die Gruppe Levis, die schon lange etwas in der Art eines rechten Flügels der Kommunistischen Internationale zu schaffen suchte, an den italienischen Streit und versicherte, daß die Exekutive der Kommunistischen Internationale in dieser Frage „taktische“ Fehler begangen habe, daß die Exekutive „mechanische“ Spaltungen predige und dergleichen.
Der III. Kongreß wird in dieser Frage volle Klarheit schaffen, wird sie auf die nötige prinzipielle Höhe bringen. von allem Kleinlichen und Zufälligen reinigen und jedem und allen sagen, daß derjenige, der die 21 Bedingungen nicht tatsächlich erfüllt, nicht Mitglied der Kommunistischen Internationale sein kann.
Der Märzaufstand der deutschen Kommunisten verursachte in der V.K.P.D. ernsthafte Zerwürfnisse. Levi wurde aus der Partei ausgeschlossen, und die Exekutive der Kommunistischen Internationale hieß diesen Ausschluß gut. Ohne Zweifel fällt dem III. Kongreß die Aufgabe zu. sich mit den taktischen Problemen, die sich aus dem Märzaufstand ergeben haben, zu beschäftigen.
Auf der Tagesordnung des III. Kongresses steht außerdem noch die Frage der Stellungnahme zur K. A.P.D. Diese Partei muß endgültig sagen, ob sie sich der internationalen Disziplin unterwirft oder nicht.
Und schließlich stehen auf der Tagesordnung des III. Kongresses die Fragen der Frauenbewegung, der Jugendbewegung usw.
Endlich entschloß sich die Exekutive der Kommunistischen Internationale, in dieser oder jener Form die äußerst wichtige Frage der Wirtschaftspolitik und der allgemeinen Lage in Sowjetrußland, der ersten Republik, in der das Proletariat die Macht erobert hat, auf die Tagesordnung des III. Kongresses zu setzen.
Wir bitten alle Parteien und Verbände. die der Kommunistischen Internationale angehören oder ihr beizutreten wünschen, sofort über die Fragen der Tagesordnung des III. Kongresses eine weitgehendste Diskussion sowohl in der Presse als auch in den Versammlungen zu veranstalten. Wir bitten weiter, die Frage der Wahlen für diesen Kongreß schon jetzt in den Vordergrund zu stellen. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hat einstimmig beschlossen, allen Parteien vorzuschlagen, daß
die Delegationen für den Kongreß womöglich recht zahlreich an Mitgliedern sein sollen.
unter den Delegierten ein Drittel der Zentrale der Partei angehören, zwei Drittel der Delegierten aber aus den größten örtlichen Organisationen, die mit den Arbeitermassen in ständiger Verbindung sind, bestimmt werden müssen. Diesem letzteren legen wir großen Wert bei.
Es ist notwendig, daß auf dem Kongreß möglichst viele Arbeiter erscheinen, die am unmittelbarsten die Stimme der Arbeitermasse wiedergeben.
Die vorbereitende Arbeit, vorläufige Beurteilungen usw. ist nicht minder wichtig als der Kongreß selbst. Die Entscheidungen des III. Kongresses müssen in vielen hunderten von Versammlungen von den Arbeitern vorbereitet und er- Be Menden. Es bleibt wenig Zeit übrig, deshalb an die Arbeit!
Mit kommunistischem Gruß!
Der Vorsitzende des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale:
G. Sinowjew.
Die Mitglieder:
Rußland: Lenin, Trotzki, Bucharin, Radek.
Frankreich: Rosmer.
England: Quelch, Bell.
Oesterreich: Steinhardt.
Ungarn: Bela Kun, Rudnyanszky, Varga.
Polen: Walecki.
Bulgarien: Dimitrow, Popow, Schablin.
Amerika: Wm. Haywood, John Cresby.
Finnland: Kuusinen, Manner, Rahja.
Holland: Jansen.
Norwegen: Friis.
Schweiz: Itschner.
Georgien: Zchakaja.
Lettland: Stutschka.
Persien: Sultan Sade.
Internationaler Jugendverband: Schatzkin.
Die Exekutive bittet alle Parteien und Verbände, durch ihre Delegierten genaue schriftliche Berichte über die Tätigkeit der Parteien im abgelaufenen Jahre zu senden. Ferner bittet sie alle Parteien, aus ihrer Mitte Berichterstatter über verschiedene Punkte der Tagesordnung des Kongresses zu bestimmen und Entwürfe von Thesen und Resolutionen zu diesen Fragen vorzulegen.
Zum III. Kongreß der Kommunistischen Internationale (Beschluß des Engeren Büros des Exekutivkomitees der K. I.)
Das Engere Büro des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale hat beschlossen:
Der III. Weltkongreß beginnt seine Arbeiten nicht später als am 2. Juni 1921 in Moskau.
Die Exekutive veröffentlicht vorliegendes vorläufiges Verzeichnis der zum Kongreß eingeladenen Organisationen. Dabei weist die Exekutive darauf hin, daß dieses Verzeichnis nur annähernd richtig und sehr unvollständig ist.
Den Kongreß zu beschicken haben auch die kommunistischen Organisationen das Recht, die aus irgendeinem Grunde nicht in das Verzeichnis aufgenommen sind.
Rußland: Kommunistische Partei. Deutschland: Vereinigte Kommunistische Partei. Kommunistische Arbeiterpartei (mit beratender Stimme). Frankreich: Sozialistische Partei Frankreichs. Revolutionäre Minderheit der Syndikate. Italien: Kommunistische Partei. Unione Syndicale. Eisenbahnerverband. Seemannsbund. Sozialistische Partei (mit beratender Stimme). Bulgarien: Kommunistische Partei. Polen und Ostgalizien: Kommunistische Arbeiterpartei Polens. Kommunistische Partei Ostgaliziens. Bund der jüdischen Arbeiter (mit beratender Stimme). Tschechoslowakei: Kommunistische Partei Deutsch-Böhmens. Marxistische Linke der tschechischen Sozialisten. Sozialistische Partei der Slowakei (mit beratender Stimme). Internationalistische Sozialistische Partei der ruthenischen Bevölkerung (mit beratender Stimme). England: Vereinigte Kommunistische Partei. Linke Unabhängige Arbeiterpartei (I. L. P.). Amerika: Kommunistische Partei (Vereinigte). Industriearbeiter der Welt (I. W.W.). Oesterreich: Kommunistische Partei. Ungarn: Kommunistische Partei. Jugoslavien: Kommunistische Partei, Sozialistische Partei des autonomen Gebiets Fünfkirchen. Ukraine: Kommunistische Partei. Finnland: Kommunistische Partei. Schweden: Kommunistische Partei. Norwegen: Arbeiterpartei. Spanien: Kommunistische Partei. Arbeitskonföderation (Confederacion de los Trabajadores). Republik des Fernen Ostens: Kommunistische Partei. Japan: Kommunistische Gruppen. Argentinien: Kommunistische Partei. Kommunistische Arbeiterföderation (mit beratender Stimme). Aserbeidshan: Kommunistische Partei. Armenien: Kommunistische Partei. Georgien: Kommunistische Partei. Griechenland: Kommunistische Partei. Belgien: Kommunistische Partei. Holland: Kommunistische Partei. Dänemark: Kommunistische Partei. Schweiz: Kommunistische Partei. Arbeiterverbände der Schweizer Städte (mit beratender Stimme). Rumänien: Kommunistische Partei. Lettland: Kommunistische Partei. Estland: Kommunistische Partei. Unabhängige Sozialdemokratie. Persien: Kommunistische Partei von Iran. Australien: Kommunistische Partei. Kanada: Kommunistische Gruppen. Kuba: Kommunistische Gruppen. Mexiko: Kommunistische Partei. Zentralamerika: Kommunistische Gruppen. Uruguay: Sozialistische Partei. Chile: Sozialistische Partei. Java: Kommunistische Partei. Südafrika: Internationale Sozialistische Liga. Litauen: Kommunistische Partei. Portugal: Kommunistische Gruppen. Luxemburg: Kommunistische Partei. Irland: Kommunistische Gruppen. Island: Kommunistische Partei. Türkei: Kommunistische Partei. Chiwa: Kommunistische Partei. Buchara: Kommunistische Partei (mit beratender Stimme). Palästina: Kommunistische Partei (mit beratender Stimme). Indien: Kommunistische Gruppen (mit beratender Stimme). China: Linke Sozialistische Partei (mit beratender Stimme). Kommunistische Gruppen (mit beratender Stimme). Korea: Kommunistische Partei (mit beratender Stimme). Sozialrevolutionäre Partei (mit beratender Stimme).
Die Exekutive der Kommunistischen Internationale fordert ferner folgende ihr nahestehenden Gruppen auf, Delegationen zum III. Kongreß der Kommunistischen Internationale nach Moskau zu entsenden, um zu Informationszwecken als interessierte Gruppen an den Sitzungen des Kommunistischen Weltkongreß teilzunehmen.
Sozialistische Arbeiterpartei Finnlands; Allgemeine Arbeitskonföderation Italiens; Föderation russischer Arbeiter Südamerikas; Allgemeiner Gewerkschaftsbund Griechenlands; Nationales Arbeitersekretariat der Niederlande; Vereinigung der oppositionellen Gewerkschaften Dänemarks; Linke Sozialistische Partei Belgiens (Brüsseler Föderation); Verband der Anarcho-Kommunisten Hollands.
Die erste Sitzung (22. Juni 1921, 7 Uhr abends)
(Eröffnung des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale im Grossen Theater zu Moskau mit den Delegierten, dem Moskauer Sowjet und den Vertretern der Arbeiterschaft; Begrüssungsreden von Sinowjew, Kamenew, Vailant-Couturier, Froelich, Hewlett, Kolarow, Burian, Gennari, Tommasi, Takeguchi.)
Vorsitzender Sinowjew. Im Auftrage der Exekutive der Kommunistischen Internationale erkläre ich den III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale für eröffnet. (Lebhafter Beifall. Das Orchester spielt die Internationale.)
Vorsitzender Sinowjew. Genossen! Wie auf allen internationalen proletarischen Versammlungen, soll auch dieses Mal unser erstes Wort denjenigen unter unseren Brüdern, die im Kampfe um den Kommunismus gefallen sind, geweiht sein. Den Namen, die in den letzten Jahren in die Annalen unseres Kampfes eingetragen sind, den Namen Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg u. a., haben sich im verflossenen Jahre nicht wenige ebenso berühmte Namen hinzugesellt. Wir haben unseren teuren Genossen John Reed, den besten Führer des amerikanischen Proletariats, verloren. Unlängst begruben die Berliner Arbeiter einen ihrer Führer, Sylt, der von den Scharfrichtern der deutschen Bourgeoisie getötet wurde. Eine Gruppe von türkischen Kommunisten mit unserem Genossen Subchhi an der Spitze, der am ersten Kongreß der Kommunistischen Internationale teilnahm, fiel unlängst durch Mörderhand. Wir haben im Laufe dieses Jahres eine ganze Reihe von Genossen in nächster Nähe von Sowjetrußland verloren. So wurde in diesen Tagen eine Gruppe unserer braven Genossen, unter denen die Genossen Schief und Berents am aktivsten an unserem Kampfe teilgenommen hatten. von der lettischen Bourgeoisie füsiliert. Eben solche Exekutionen sind in Litauen vorgekommen. In Italien vergeht keine Woche, ohne daß unsere Genossen den einen oder den anderen aus ihrer Mitte im Kampfe mit den bezahlten Agenten des italienischen Kapitals verlören. In Deutschland kamen in den Märztagen Hunderte der besten deutschen Genossen um. Es fehlen manche Genossen, die unter den Delegierten des II. Weltkongresses waren. Ihr erinnert euch alle an den tragischen Tod dreier unserer besten französischen Genossen, Raimond Lefevre, Le Petit und Vergeat, welche im Meere umkamen. Eines gleichen tragischen Todes ist — auf dem Wege aus Rußland in die Heimat — eine Gruppe griechischer Kommunisten, wie Genosse Alexakis und andere, gestorben. Für die Sache des Proletariats ist gleichfalls unser finnländischer Genosse Iwan Rachja und eine Gruppe seiner Freunde gefallen. Während dieser Zeit ist unsere Genossin Inessa Armand, die so tätig am zweiten Internationalen Weltkongreß teilnahm, gestorben, und unlängst haben wir die Genossin Samoilowa zu Grabe getragen. Im Süden Europas und in Jugoslavien haben die Wellen des dort herrschenden weißen Terrors unseren Reihen Dutzende von Genossen entrissen. Ehe wir unsere Arbeit beginnen, fordere ich den III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale auf. sich zu Ehren der gefallenen und verstorbenen Genossen zu erheben.
(Das Orchester spielt den Trauermarsch.) Die Anwesenden erheben sich von den Sitzen.
Sinowjew. Im Namen des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale begrüßen wir die vielen Tausende — vielleicht sind es Zehntausende —, welche jetzt in verschiedenen Ländern hinter den Gittern der Gefängnisse sitzen. In Deutschland haben wir während der Märztage Hunderte von Genossen verloren: vierhundert Genossen sind während der letzten Wochen entweder zu Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt worden, und ungefähr 7000 schmachten im Gefängnis. Weiter wissen wir, daß die Gefängnisse der ungarischen Republik nicht leer sind, ebenso wie diejenigen Finnlands nicht leer werden. In den allerdemokratischsten bürgerlichen Republiken, wie zum Beispiel in Amerika, befinden sich Tausende von Kommunisten im Gefängnis. In England befindet sich jetzt hinter dem Gitter des Gefängnisses einer der Führer unserer jungen Partei mit einer Reihe von anderen englischen Genossen, welche sich mit kommunistischen Worten an die englischen Arbeiter wandten. In der Tschechoslowakei ist eine nicht geringe Zahl von Arbeitern eingekerkert, und unter ihnen die euch wohlbekannten kommunistischen Kämpfer der Tschechoslowakei: Muna, Zapotocky, Zatocky, Hula und eine Reihe anderer, die im Geiste jetzt mit uns sind, und uns hinter den Gefängnismauern hervor ihre Grüße senden. Wir sind überzeugt, daß die Zeit nicht fern ist, wo alle kapitalistischen Gefängnisse ohne Ausnahme von dem aufständischen Volke zertrümmert sein werden und unsere Brüder und die besten Söhne der internationalen Arbeiterklasse frei, und sich an die Spitze der den Kapitalismus stürmenden Proletariermasse stellen werden. Dieses Jahr ist in der Geschichte der kommunistischen Internationale nicht leicht gewesen. Wir hatten während dieser Zeit in einer ganzen Reihe von Ländern einen bewaffneten Kampf. In einigen dieser Länder wuchs der Kampf zu großen Schlachten an. Ihr erinnert euch, daß wir kaum die Zeit hatten, den Zweiten Kongreß der kommunistischen Internationale zu schließen, als in Italien, dem Lande, das damals der proletarischen Revolution am nächsten war, eine proletarische Massenbewegung anfing, die neue Formen des Kampfes anwandte. Die Arbeiter Italiens forderten die Übergabe der Fabriken und Werke und behielten sie während zweier Wochen in ihren Händen, sie organisierten eine rote Armee und waren bereit, ihren Kampf weiter zu führen.
Zu dieser Zeit zeigten sich die italienischen Reformisten, dieselben, die uns mit ihrem Besuch beehrt haben, und welche der Kommunistischen Internationale angehören wollten, im Lager der Bourgeoisie und verrieten die Sache der Arbeiterklasse. Die italienische Arbeiterkonföderation, mit erfahrenen Opportunisten an der Spitze, tat im entscheidenden Augenblicke alles, was irgend möglich war, um die Arbeiterbewegung aufzulösen. Die italienischen Zentristen, mit Serrati an der Spitze, dem man im vorigen Jahre noch vertraute, fanden nichts Besseres zu tun, als die große proletarische Bewegung als eine gewerkschaftliche, friedliche, trade-unionistische darzustellen. Die italienischen Arbeiter mußten die schmerzliche Erfahrung machen, daß einige ihrer Führer nur Verderber ihres Kampfes seien.
Wir hatten im Dezember des Jahres 1920 einen teilweise bewaffneten, mehr als eine Million von Menschen umfassenden Aufstand des tschechoslowakischen Proletariats zu verzeichnen, eine Bewegung, die nicht genügend organisiert war und die gleich darauf niedergeworfen wurde, die aber das tschechoslowakische Proletariat stählte und ihm die Möglichkeit, die nötige Schule gab, eine kommunistische Massenpartei auszubilden, die hier zum erstenmal unter uns vertreten ist.
Und im Frühling dieses Jahres hatten wir den Aufstand des deutschen Proletariats, der nicht weniger als Hunderttausende mit sich riß und der auch zwar niedergeworfen wurde, der aber eine nicht geringe Rolle in der Geschichte der deutschen revolutionären Bewegung spielte und der, da er das Proletariat stählte, eine neue kommunistische Massenbewegung ergab, und sich ungeachtet des Mißerfolges, mit goldenen Buchstaben in die Geschichte des Befreiungskampfes des deutschen Proletariats eintrug. Wir hatten neben diesen großen Bewegungen eine Reihe von kleineren Aufständen der Proletarier verschiedener Länder. Alle diese Aufstände haben unsere jungen kommunistischen Parteien gestählt, haben ihnen unbezahlbare Lehren gegeben und halfen ihnen ihre Schwächen zu erkennen und in der Zukunft die Fehler, die man nicht wiederholen darf, zu vermeiden; sie werden zu gleicher Zeit dazu beitragen, in unsere Partei Kampfesmut und das Bewußtsein hineinzutragen, daß wir uns nicht mit friedlicher Propaganda begnügen dürfen, sondern daß unsere Parteien einen Kampf nach dem anderen und einen Ansturm nach dem anderen gegen unsere kapitalistischen Feinde führen müssen. Unsere Feinde weisen gerade auf diese Massenbewegungen hin, um daraus den Schluß zu ziehen, daß die Kommunistische Internationale im Laufe dieses Jahres nur Niederlagen auf Niederlagen erlitten hat.
Freilich können jene kurzsichtigen Leute, die nicht über ihre eigene Nase hinausschauen können, die italienische, tschechoslowakische und deutsche Bewegung als unsere Niederlage ansehen. Wir wissen, daß die ganze Kampfeskette des internationalen Proletariats aus diesen Niederlagen besteht. Wir wissen, daß auch das russische Proletariat eine ganze Reihe von solchen Niederlagen erlitten hat, ehe es sich den Sieg errang. Wir sind auch überzeugt, daß der Kampf, der in Italien, der Tschechoslowakei und in Deutschland geführt wurde, und der nicht zum Siege des internationalen Proletariats führte, nichtsdestoweniger als ein Riesenschritt vorwärts auf dem Wege zu unserer Zusammenschmiedung zu werten ist.
Als sich unser Zweiter Weltkongreß versammelte, schien es. daß das Weltkapital eine Art von Aufschwung erlebe. Jetzt. zu der Zeit, wo sich unser Dritter Kongreß versammelt, ist es eine alltägliche Erscheinung, daß der Weltkapitalismus eine schwere, langwierige Krisis durchmacht. Wir haben Millionen Arbeitslose in Europa und Amerika und eine Menge solcher, die nur die halbe Woche arbeiten. Wir sehen, wie das Elend in einer ganzen Reihe von Ländern wächst. Wir beobachten den wunderbaren Streik der englischen Bergarbeiter, welcher ohne Zweifel eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Internationalen Revolution ist. Dieser Streik ist in seiner Hartnäckigkeit und seinem Heroismus wunderbar. Er ist um so wunderbarer, als die Führer der alten Trade-Unions, wie es sich für diese Herrschaften gebührt, im entscheidenden Moment die englischen Arbeiter verrieten. Und ungeachtet der ungenügenden Unterstützung von seiten anderer proletarischer Schichten, von allen Seiten von Feinden umringt, harren die Bergarbeiter schon wochenlang in diesem, in der Geschichte der englischen Arbeiterbewegung noch nicht dagewesenen Streik aus. Heute, wo wir unseren Kongreß eröffnen, erhalten wir neue Nachrichten von der Entwicklung der revolutionären Bewegung in Italien, — dem Streik der Eisenbahnarbeiter und der Post- und Telegraphenbeamten. Es ist offenbar, daß Italien wieder in die Periode großer Kämpfe tritt. Deutschland, in dem die letzten Urteile der weißen Gerichtshöfe noch nicht verklungen sind, machte in diesen Tagen einen dreitägigen allgemeinen Streik mit. Bayern geht wieder revolutionären Kämpfen entgegen. In Frankreich gärt der Kampf innerhalb der gewerkschaftlichen Bewegung, ein Kampf, der in den wichtigsten Gewerkschaftsverbänden mit dem Siege der revolutionären Richtung über die opportunistische endet.
Unsere Parteien sind während eines Jahres ungemein gewachsen. Seht euch nur die hauptsächlichen Länder an. Auf dem Zweiten Kongreß hatten wir nur eine kleine Gruppe unserer Anhänger aus Frankreich, welche damals als Propagandisten und Anführer der ersten kommunistischen Gruppen Frankreichs auftraten. Auf der jetzigen Versammlung haben wir Vertreter der Partei in Frankreich, die 120000 Mitglieder zählt und die alte opportunistische Partei, die jetzt ins Lager der Zweieinhalb-Internationale übergegangen ist, glänzend geschlagen hat. Seht euch die Tschechoslowakei an. Auf dem Zweiten Kongreß hatten wir die Vertretung einer kleinen Gruppe kommunistischer Propagandisten. Auf dem Dritten Kongreß haben wir Vertreter einer organisierten kommunistischen Partei, die mehr als 400 000 organisierter Arbeiter zählt, Tschechen und deutsche Genossen miteingerechnet. Seht euch England an: Zur Zeit des Zweiten Kongresses sahen wir die Vertretung von acht verhältnismäßig kleinen vereinzelten Gruppen, die sich oft untereinander befehdeten, auf dem Dritten Kongreß aber die Vertretung einer Partei, die 10000 Mitglieder zählt, welche ihren politischen Standpunkt ausarbeiten und bereit sind, einen bewußten kommunistischen Einfluß in diese prachtvolle, proletarische Massenbewegung, die jetzt in England begonnen hat, hineinzutragen.
Nehmen Sie Amerika. Wir hatten auf dem Zweiten Kongreß nur eine schwache Vertretung einzelner Gruppen. Während dieses Jahres haben wir alle kommunistischen Kräfte Amerikas zu einer einheitlichen Partei vereinigt; diese Partei wird verfolgt, sie arbeitet illegal. aber sie erwirkt sich einen immer größeren Einfluß auf die einsetzende proletarische Massenbewegung in Amerika. Also, Genossen. in allen Ländern, überall ist unsere Partei erstarkt. Der weiße Terror, der unsere Partei in Jugoslawien zu vernichten versuchte, konnte dies nicht erreichen, ungeachtet der Unterstützung der Anhänger der Zweiten und der Zweieinhalb-Internationale. Zugleich aber hatten wir auch Verluste. Auf dem Zweiten Kongreß war die einheitliche, zahlreiche italienische Partei vertreten, auf dem Dritten Kongreß jedoch haben wir nur die Vertretung der neuen jungen kommunistischen Partei, die gegenwärtig mit der Jugend annähernd 100 000 Mitglieder umfaßt. Philister sind der Meinung, daß die Kommunistische Internationale in Italien sehr viel verloren, eine große Niederlage erlitten habe. Wir sind anderer Meinung; wir haben in Italien einige Illusionen, einige negative Größen. diejenigen Elemente verloren, die der Kommunistischen Internationale nur aus Mißverständnis angehört haben, wir haben jene Gruppen verloren, die da annahmen, daß man zur Kommunistischen Internationale gehören könne, ohne ernste Verpflichtungen zu übernehmen. Desto besser für die Kommunistische Internationale, daß sie diesen Ballast verloren hat. Die Arbeiter Italiens, die der Kommunistischen Internationale noch nicht beigetreten sind, rufen wir in unsere Reihen, wir rufen sie leidenschaftlich und sind überzeugt, daß die Zeit nicht fern ist, wo alle italienischen Arbeiter mit ihrem prächtigen revolutionären Temperament in unseren Reihen sein werden. Aber jene Herrschaften, die die italienische Arbeiterbewegung damals verrieten als die italienischen Arbeiter von den Fabriken und Werken Besitz ergriffen, jene Herrschaften, die mit einem Auge nach Moskau schielen, mit dem anderen aber nach Amsterdam — diese Leute brauchen wir nicht. Wir sind nicht der Meinung, daß es eine Niederlage für uns bedeutet, wenn die negativen Größen uns verlassen haben. Wir haben in Italien eine junge kommunistische Partei, die aus der proletarischen Revolution bewußt ergebenen Mitgliedern besteht, eine junge Partei, die zwar noch nicht zahlreich genug ist; wir sind aber fest überzeugt, daß die Zukunft dieser Partei gehört und daß die Zeit nicht fern ist, wo diese junge Kommunistische Partei Italiens alles um sich scharen wird, was im italienischen Proletariat ehrlich und revolutionär ist. (Beifall.)
Gegenwärtig ist der Zusammenschluß der uns feindlichen Elemente im internationalen Maßstabe erfolgt. Im vergangenen Jahre kamen die Vertreter der deutschen rechten Unabhängigen und ihnen verwandten Gruppen zu uns, sie wollten der Kommunistischen Internationale beitreten, um später die proletarische Bewegung zu sabotieren, wie ihre Gesinnungsgenossen das überall tun. Wir nahmen sie nicht auf. Jetzt haben sie sich im internationalen Maßstabe vereinigt, konsolidiert, die Zweieinhalb-Internationale gebildet. Wir haben keinen Grund, aus diesem Anlaß zu trauern. Alle haltlosen kleinbürgerlichen opportunistischen und halbopportunistischen Elemente haben sich in einem Punkte, in der Zweieinhalb-Internationale vereinigt und uns von den widerstandsunfähigen, unzuverlässigen, schwankenden Elementen befreit. Die Kommunistische Internationale gewinnt nur dadurch, daß diese Elemente nicht zu ihr gehören, sondern sich an einem anderen Orte, an einem anderen Pol konzentrieren. Seht, was aus der Zweiten Internationale geworden ist. Zur Zeit unseres Zweiten Kongresses, vor einem Jahre, konnte man noch darüber im Zweifel sein, welches das Los der Zweiten Internationale sein würde, jetzt aber wissen wir, Genossen, daß das Schicksal ihres ehrwürdigen Vorsitzenden, Thomas, am besten das Schicksal dieser Internationale versinnbildlicht. Als der Ausstand der Bergarbeiter begann, verriet dieser Thomas, der Vorsitzende der Zweiten Internationale und die hervorragendste Gestalt der Amsterdamer Internationale, die Bergarbeiter. Der Verrat war so schmachvoll und die Entrüstung der Arbeiter so groß, daß er für eine Zeit nach Amerika verreisen mußte.
Und vor nicht sehr langer Zeit lasen wir, daß dieser flüchtige Vorsitzende der Zweiten Internationale, dieser ehrwürdige Mitarbeiter Amsterdams, beim Verlassen des Dampfers in Amerika mit einer feindlichen Demonstration durch das amerikanische revolutionäre Proletariat empfangen wurde. Ist das nicht ein Kennzeichen, Genossen, für den Zustand der Zweiten Internationale, die an den Wurzeln morsch ist, die zu einer dem Proletariat offenkundig feindlich gegenüberstehenden Organisation geworden ist. Unseren Hauptkampf führen wir gegenwärtig gegen die Amsterdamer Internationale, die die Zweite und die Zweieinhalb-Internationale vereinigt. Die Hauptschlacht wird jetzt hier geschlagen.
Nach unserem Kongreß wird in Moskau der erste Weltkongreß der Roten Gewerkschaften stattfinden. Dieser Kongreß wird eine ungeheure Bedeutung haben, weil wir bei dieser Gelegenheit zum erstenmal jene Gewerkschaften vereinigen werden, die bewußt den Kampf gegen Amsterdam aufnehmen, die das letzte Bollwerk des Kapitalismus zertrümmern wollen. Der Internationale Gewerkschaftsrat, der während des Zweiten Weltkongresses gegründet wurde, vereinigte während dieses Jahres 15 Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter. Auf dem bevorstehenden Kongreß werden wir dieser Organisation ein noch festeres Fundament verleihen.
Unserem Kongreß, Genossen, steht eine ungeheure, grundsätzliche, theoretische Arbeit bevor: noch einmal wird er von allen Seiten die ökonomische und politische Weltlage betrachten müssen; noch einmal wird er unsere Taktik erwägen und erproben, alle unsere Parteien für einen erfolgreicheren Kampf gegen jeden Opportunismus, gegen jede Halbheit und jeden Zentrismus abhärten müssen, die leider auch in unsere Reihen, sogar in solchen erprobten Ländern der klassischen Arbeiterbewegung, wie Deutschland, eindringen. Unser Kongreß wird in dieser Beziehung in sich die Kraft finden, um alle Strömungen, die die eiserne kommunistische Einigkeit von innen aus zu untergraben versuchen, eiserne Schranken entgegenzusetzen.
Unser Kongreß wird die nötige Seelenkraft finden, um allen denen scharf entgegenzutreten, die das Gift des Zentrismus und Halbzentrismus in unsere junge kommunistische Partei hineinzubringen versuchen, wie immer sie auch heißen und wie groß auch ihre Verdienste in der Vergangenheit gewesen sein mögen.
Unser Kongreß wird noch einmal viel ausführlicher und konkreter die klare, deutliche Linie vorzeichnen, die sowohl für ein schnelleres Tempo der proletarischen Revolution berechnet sein muß, als auch für ein langsameres, wenn es sich herausstellen sollte, daß die Revolution diesen für uns weniger wünschenswerten Weg einschlägt.
Unser Kongreß soll der Kommunistischen Internationale einen vollendeteren Bau geben, denn gerade jetzt steht eine ganze Reihe von höchst wichtigen Organisationsfragen vor den einzelnen Parteien und der Kommunistischen Internationale in ihrer Gesamtheit; unser Kongreß wird über die geleistete Arbeit dieses Jahres Rechenschaft ablegen.
Die vorläufige, vor mir liegende Liste zeigt, daß auf unserem Kongresse dreiundvierzig Länder vertreten sind, wahrscheinlich werden es im ganzen fünfzig sein. Unsere heutige Versammlung ist in Wirklichkeit ein gigantischer Weltkongreß des kommunistischen Proletariats. Wir werden die Möglichkeit haben, die Erfahrungen, die unsere Brüder in einer ganzen Reihe von Ländern gesammelt haben, zu verwerten. Einer der Hauptpunkte der Tagesordnung unseres Kongresses ist die Charakteristik der äußeren und inneren Lage der Sowjetrepublik, jenes, bis jetzt einzigen Landes, in dem die Macht sich in den Händen des Proletariats befindet, das so viel Opfer in diesem Kampfe gebracht und so viel Schweres durchgemacht hat. Wir sind verpflichtet — und wir tun es mit der größten Bereitwiligung, unseren Brüdern, die aus allen Ländern der Welt zu uns gekommen sind, alle unsere Leiden zu erzählen, sie mit der wirklichen Lage der Dinge bekannt zu machen, ihnen unsere starken und schwachen Seiten zu zeigen. ihnen ein Bild des heroischen Kampfes des Proletariats zu geben, das den über seine Kräfte gehenden Kampf um die Macht der Arbeiterklasse führt. Die aus allen Ländern angekommenen Genossen wissen wohl, daß die russische Revolution einen großen Teil, wenn nicht die Hälfte der proletarischen Weltrevolution darstellt. Alle verstehen, wie wichtig es für die Arbeiter aller Länder ist, daß die Macht des Proletariats in unserem Lande unantastbar bleibt und daß wir jetzt, nach Schluß des Bürgerkrieges und nach der Demobilisierung der Roten Armee endlich zum friedlichen Wirtschaftsaufbau übergehen können.
Genossen, unser Kongreß ist jetzt schon, bevor er noch die Arbeit angetreten hat, vom blinden Haß der Weltbourgeoisie umringt. Ein Meer von Lügen und Verleumdungen ist in der ganzen Bourgeoisie-Presse über unseren Kongreß im Umlauf. Man hat mir mitgeteilt, daß die polnische Bourgeoisie- Presse voll Schadenfreude die Mitteilung brachte, daß nur siebzehn Delegierte in Moskau angelangt seien; ihr wißt aber, daß fast tausend Vertreter der Arbeiterorganisationen der ganzen Welt versammelt sind. Es werden noch viele Märchen erfunden werden: wir haben aber trotzdem doch das Recht, zu behaupten, daß wir andererseits von den allerentwickeltsten, ehrlichsten und revolutionärsten Elementen der ganzen Welt unterstützt werden. Wir sind dessen sicher, daß nach dem Beispiel des Zweiten Kongresses, der die Statuten der Kommunistischen Internationale und die elementaren Grundsätze unserer Taktik ausgearbeitet hat, unser Dritter Kongreß die Taktik und die Organisation der Kommunistischen Internationale schleifen und den Bruderparteien solcher Länder wie England und Amerika, wo sich eine starke Arbeiterbewegung erhebt, aber wo der Kommunismus noch schwach ist, helfen wird, in die Massen zu dringen; daß unser Kongreß denjenigen Parteien, wie der tschechoslowakischen, bulgarischen und anderen, die schon von großen Massen unterstützt werden, helfen wird. ihre Kräfte für die ruhmvollsten Schlachten zu konzentrieren; wir sind sicher. daß unser Kongreß den anderen Parteien über ihre Fehler und Schwächen die Augen öffnen und ihnen helfen wird, ihre Linie gerade zu biegen, die Partei von allen opportunistischen Elementen zu säubern und sie zu stählen, so daß in jedem Lande, wie es schon der Zweite Kongreß gewünscht hat, eine Sektion der einheitlichen, brüderlichen, kommunistischen Weltpartei bestehen wird. (Lebhafter Beifall.)
Ich heiße alle Genossen, die zu uns gekommen sind, herzlich willkommen, besonders aber die Delegationen aus den Ländern des nahen und fernen Ostens. (Erneuter Beifall und Applaus.)
Genossen! In der ganzen Geschichte der Arbeiterbewegung hat es noch keinen Kongreß gegeben, der so viele Vertreter des nahen und fernen Ostens gezählt hätte. Ihr erinnert euch des Kongresses in Baku, der nach dem Zweiten Kongreß stattfand; seitdem hat sich der Einfluß der kommunistischen Internationale in den Ländern des nahen und fernen Ostens verstärkt, dieser Einfluß wächst von Tag zu Tag. Die Anwesenheit der zahlreichen Delegationen der Länder des nahen und fernen Ostens auf unserem Kongresse ist ein Beweis, daß unsere Organisation nicht nur eine europäische, nicht nur eine internationale Vereinigung der Arbeiter Europas, sondern der ganzen Welt ist. Die Anwesenheit dieser Delegationen ist ein Beweis, daß uns nicht nur eine europäische, sondern eine Weltrevolution im wahren Sinne des Wortes bevorsteht. Deshalb müssen die Vertreter der vorgeschrittenen proletarischen Parteien Europas und Amerikas ihre besondere Aufmerksamkeit diesen Vertretern des nahen und fernen Ostens widmen, ihnen die größte Unterstützung angedeihen lassen, mit ihnen einen Bruderbund bilden und der ganzen Welt zeigen, daß wir nicht nur die vorgeschrittenen Proletarier Europas und Amerikas, aber auch die zahlreichen Völker des nahen und fernen Ostens zu vereinigen imstande sind.
Wir heißen alle Delegationen mit dem Rufe willkommen: Es lebe die Weltrevolution, es lebe die Kommunistische Internationale! (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Applaus.)
Genossen, da einige Reden in verschiedene Sprachen übersetzt werden müssen, so bitte ich die Genossen, welche die Sprache nicht kennen, die Ruhe zu wahren, um die anderen nicht zu stören. Die vorhergehende Rede wird Genosse Radek übersetzen.
Sinowjew. Der Kongreß schreitet nun an die Wahl des Präsidiums.
Frölich. Genossen, zur Vorbereitung der Kongreßarbeiten hat sich das Exekutivkomitee durch Vertreter aller hier anwesenden Parteien erweitert. Dieses erweiterte Exekutivkomitee schlägt Ihnen folgende Genossen für das Präsidium vor. Als Präsidenten unseren Genossen Sinowjew. (Lebhafte Zustimmung.) Als Stellvertreter des Präsidenten die Genossen Kolarow (Bulgarien), Gennari (Italien), Loriot (Frankreich), Koenen (Deutschland). (Lebhafte Zustimmung.)
Sinowjew. Genossen, diese Liste wurde im erweiterten Exekutivkomitee bereits besprochen. Ich frage, ob noch andere Vorschläge vorliegen. Da kein Widerspruch erfolgt, erkläre ich die Liste für angenommen. Somit sind die betreffenden Genossen ins Präsidium gewählt (Stürmischer Beifall).
Frölich. Genossen, ich bitte zu beschließen, daß der Kongreß zu seinem Ehrenpräsident unsere hochverehrten Genossen Lenin und Trotzky wählt. (Stürmischer Beifall.)
Radek. Im Namen des Bureaus der russischen Delegation schlagen wir vor, zu weiteren Ehrenpräsidenten die im Kerker sitzenden Genossen Muna, Inkping und Brandler zu ernennen. (Stürmische Zustimmung.)
Sinowjew. Zur Begrüßung im Namen des Z.K. der K.P.R. und des Moskauer Rates erhält Gen. Kamenew das Wort.
Kamenew. Im Namen der Kommunistischen Partei Rußlands begrüße ich das größte Weltereignis dieses Augenblicks — den Weltkongreß der Kommunisten aller Länder. Ich bin glücklich, daß ich diesem Gruß unserer Partei den Gruß der Arbeiterklasse und aller Werktätigen der Stadt Moskau hinzufügen kann. Wir sind stolz darauf, daß sich in den Mauern unserer alten Stadt zum dritten Male die Vertreter der Weltrevolution versammeln und daß sie hier unter dem Schutz der schwieligen proletarischen Hände die Fragen der Weltrevolution ruhig besprechen und entscheiden können. Wir sind glücklich, daß die Stadt, die vom Moskauer Rat verwaltet wird, zum Symbol der proletarischen Weltbewegung geworden ist und daß der Kampf gegen die Weltbourgeoisie und gegen den Weltverrat der Opportunisten unter der Losung „Für Moskau“ geführt wird.
Genossen! Die Geschichte wollte es, daß der Weltkongreß der Kommunisten sich in der früheren Residenz des ärgsten Despotismus, des größten Reiches versammelt, in einem Lande, wo 150 Millionen unterjochter Arbeiter und Bauern von einer Klique regiert wurden, an deren Spitze der Zar stand. Bereits das vierte Jahr triumphiert die Sowjetmacht. Leichtsinnige Leute und die Träger des bürgerlichen Einflusses kritisieren uns von dem Gesichtspunkt aus, daß wir die kommunistische Ordnung nicht vollständig entfalten können. Sie versuchen, den Einfluß der kommunistischen Revolution und der kommunistischen Ideen zu untergraben, indem sie darauf hinweisen, daß im vierten Jahre des Überganges der Macht in die Hände der Arbeiter und Bauern, die dem Kommunismus ergeben sind, dieser Kommunismus noch nicht so voll und ganz, wie wir das wünschen, in das Leben umgesetzt ist.
Auf diesen Vorwurf, auf diese böswillige Kritik antworten wir mit dem einfachen Hinweis darauf, daß nicht eine einzige kommunistische Partei, nicht ein Proletariat, wie tapfer es auch sein möge, imstande ist, auf den Trümmern der kapitalistischen Ordnung im Laufe von einem Jahre oder von 3 bis 4 Jahren jene neue Welt zu verwirklichen, in der es keine Ausgebeuteten und keine Ausbeuter geben darf, jene neue Welt, von der die Werktätigen jahrhundertelang geträumt haben und deren Verwirklichung unglaubliche Anstrengungen der Arbeiterklasse erfordert. Ja, wir können den hier aus der ganzen Welt versammelten Genossen keine vollendete kommunistische Ordnung zeigen. Hier in Moskau, in unserer Arbeiterrepublik, werden sie die Trümmer der alten Ordnung finden und sehen, wie aus diesen Trümmern die Keime der neuen kommunistischen Gesellschaft hervorsprießen. Wir haben die alte Gewalt gestürzt und besiegt, wir kämpfen aber noch, um auf dem der Bourgeoisie abgerungenen Platze einen neuen Tempel der kommunistischen Gesellschaft zu erbauen.
Die Genossen, die hier aus der ganzen Welt zusammengekommen sind, finden uns in der Periode des angestrengten Kampfes, wo vor uns viele schwere Aufgaben stehen. Und wir werden die Lage nicht beschönigen: jene großen Aufgaben, die uns bevorstehen, können wir nicht allein lösen, und wir übernehmen es nicht, sie allein zu lösen. Seit dem Augenblick, wie die russische Arbeiterklasse als erste der Welt die Losung einer Republik aufstellte, die vom Proletariat verwaltet wird, die Losung einer Republik der proletarischen Diktatur, — seit diesem Augenblick standen vor uns zwei Aufgaben. Unsere erste Aufgabe war es, zu beweisen, daß die Arbeiterklasse, die Bourgeoisie gestürzt hatte, ihre Macht behaupten konnte, obgleich sich gegen diese Macht die ganze Welt rüstete. Diese erste vorbereitende Aufgabe haben wir erfüllt. (Beifall) Wir können das mit Stolz sagen. Wir haben vor dem Angesicht der ganzen Welt, vor dem Angesicht des Proletariats und unseres Todfeindes — der Bourgeoisie — bewiesen, daß die Arbeiterklasse Rußlands, nachdem sie die Macht ergriffen hat, diese Macht im Laufe von drei Jahren mit bewaffneter Hand verteidigte, daß sie in diesem Kampfe siegte. Sie zwang ihren Feind, die Waffen niederzulegen und besteht jetzt als unabhängiges, freies Arbeiter- und Bauernreich, das den kommunistischen Aufbau fortsetzt. Wir haben unter der Regierung der Räte 135 Millionen Werktätiger vereinigt. Vom Nördlichen Eismeer bis zum Schwarzen Meere,vom Baltischen Meere bis zum Stillen Ozean haben wir die Macht der Arbeit ausgedehnt und das Banner der Kommunistischen Internationale aufgepflanzt. Diese Stellung hat der russische Arbeiter und Bauer dem Weltkapitalismus abgerungen.
Und jetzt steht vor uns die zweite Aufgabe. Werden wir, nachdem wir an der militärischen Front gesiegt haben, beweisen können, daß die Macht, die wir in Händen halten, fähig ist, die wirtschaftlichen Beziehungen umzustürzen und auf der Grundlage der zerstörten kapitalistischen Ordnung eine kommunistische Gesellschaft zu erbauen? Werden wir, die wir mit dem Überfall von zwölf Staaten fertig geworden sind, mit dem kleinbürgerlichen Geist, mit den Gewohnheiten des kapitalistischen Eigentums fertig werden, die dem Volke im Laufe von Jahrhunderten eingeimpft wurden? Jetzt haben wir die Flinte mit dem Hammer vertauscht, sind an die Werkstühle gegangen, haben die Pflüge in die Hand genommen und beginnen die neue Aufgabe — der ganzen Welt zu zeigen, wie die Arbeiterklasse Rußlands ungeachtet aller Zerstörungen, die der siebenjährige Krieg — zuerst der imperialistische, darauf der Bürgerkrieg — mit sich brachte, die Wirtschaft wiederherstellen kann,daß die Arbeiterklasse es nicht nur versteht,die Macht den Händen des Imperialismus zu entreißen, sondern auch fähig ist, eine neue Wirtschaftsordnung zu verwirklichen. (Lebhafter Beifall.)
Bei dieser Arbeit trifft uns der Internationale Kongreß an. Wir haben über uns keinen Richter, weder oben noch unten; es gibt nur einen obersten Richter über allem, was die Arbeiterklasse Rußlands unter Leitung ihrer Kommunistischen Partei getan hat und tun wird, dieser Richter ist der Weltkongreß der Kommunistischen Internationale. (Beifall.) Vor diesem Richter können die russischen Arbeiter und alle Werktätigen Rußlands mit dem Proletariat Petrograds und Moskaus an der Spitze stolz erhobenen Hauptes erscheinen und sagen: wir haben uns im Laufe von vier Jahren an den vordersten Frontlinien der ganzen Menschheit geschlagen, wir erwarten Hilfe, wir erwarten mit fester Gewißheit, daß die proletarischen Massen der ganzen Welt unseren Kampf verfolgen und in entscheidender Stunde die Fahne erheben werden,die wir halten,und die proletarische Weltrevolution krönen werden, zu der die russische Arbeiterklasse den Grund gelegt hat.
Es leben unsere teueren Gäste! In ihren Personen begrüßen wir die Werktätigen der ganzen Welt, die Proletarier aller Länder, die ganze Menschheit, die mit uns an dem gigantischen Kampfe teilnimmt, der sich über die ganze Welt ausdehnt. Es lebe die Weltrevolution. (Beifall.)
Sinowjew. Genossen! Nach Vereinbarung mit den einzelnen Gruppen von Delegierten werden wir die weiteren Reden nur ins Russische übersetzen. Jetzt erteilen wir das Wort an Delegierte, die die Rote Armee und die Arbeiter unseres Landes begrüßen wollen. Das Wort hat der Vertreter der französischen Delegation, Gen. Vailant-Couturier.
Vailant-Couturier (Frankreich). Genossen! Im Namen der französischen Delegation überbringe ich unseren Kameraden von der Roten Armee der Internationale die Grüße der französischen Kommunisten. (Beifall.) Genossen, ich bin mit Millionen anderer jungen Franzosen, mit Millionen anderer Menschen der ganzen Welt, wie auch vielen von Euch ehemals in der kapitalistischen Armee mobilisiert gewesen. Wir haben monate- und jahrelang für eine Sache gekämpft, die nicht die unsere war, gekämpft Sommer und Winter, an den Frühjahrsoffensiven, an den Winterkampagnen teilgenommen, und als wir zurückgekehrt sind, mußten wir feststellen, daß wir die Besiegten des Krieges und die Kapitalisten überall die Sieger waren. Die Kapitalisten zerfleischen sich deshalb, weil sie glauben, durch das Eisen die Differenzen, die unter ihnen bestanden, die Differenzen um die Eroberung der Erde, aus der Welt schaffen zu können, aber sie haben bewirkt, daß in den Herzen der Proletarier, die lange Zeit durch den Köder, den man ihnen mit den Begriffen Demokratie und Parlamentarismus vorhielt, eingeschläfert waren, der Haß gegen die Bourgeoisie gezüchtet wurde. (Beifall.) Genossen! Ihr, die Ihr in der Roten Armee seid, Ihr seid die erste Armee, in welcher man nicht nur zu hassen lernt, sondern auch zu lieben. Ihr liebt Euere leidenden Brüder von allen Teilen der Erde, Ihr kehrt Euch nicht an Grenzpfähle, Ihr liebt in allen Teilen der Erde diejenigen, die leiden, sei es ein französischer oder ein deutscher Arbeiter. Sie wissen, daß in Euch brüderliche Herzen für sie in gleichem Takt schlagen; sie wissen, daß Ihr sie zu verteidigen auch weiter bereit seid, wie Ihr die Revolution Monat für Monat verteidigt habt, barfuß marschierend, schlecht genährt und schlecht gekleidet, gleich den französischen Soldaten von 1793, welche auch barfuß für die Verteidigung ihrer Rechte gekämpft haben. (Beifall.)
Genossen von der Roten Armee, Ihr seid jetzt die Soldaten der Kommunistischen Internationale, sie grüßt Euch als solche und sagt Euch: Ihr seid die große Kraft, Ihr seid alle, einer den anderen stützend, russische Proletarier, arme Bauern, Fabrikarbeiter, welche nach dem Kampf die Arbeit wieder aufnehmen, Helden der Armee, Ihr seid alle die Kraft, auf welche wir zuversichtlich blicken. Wir sagen Euch, haltet noch aus, der Augenblick, die Waffen niederzulegen, ist noch nicht gekommen. Unsere Saat im Osten und Westen ist noch nicht reif, die Völker beginnen erst sich zu rühren, sich zu bewaffnen, Barrikaden zu bauen, und Ihr, die Euch die Revolution auf Vorposten gestellt hat, haltet scharfe Wacht, den Finger am Abzug, seid auf der Hut und hört nicht auf, den kapitalistischen Feind im Auge zu behalten, den kapitalistischen Feind, der vor uns steht. Wir organisieren uns, wir bereiten uns vor, wir werden bald kommen, Euch zu helfen, aber wir müssen noch viele Schwierigkeiten, die uns drohen, überwinden; wir müssen noch diesen Pazifismus, der bei uns vor dem imperialistischen Kriege geboren wurde, unterkriegen. Wir haben den Pazifismus als Waffe des Opportunismus zu gut erkannt, Wir wissen jetzt, was er bedeutet, denn man darf nicht sagen: es muß Frieden gemacht werden, alle Menschen müssen Brüder sein, was nur ein Trugbild der christlichen Lehre ist. Der Pazifismus hat uns die Lehre gegeben, daß wir nur mit den Spitzen der Bajonette arbeiten können, wie Ihr es gemacht habt und wie wir es auch machen werden. (Beifall.)
Behaltet die Waffen in der Hand, und wenn Ihr durch das Warten leiden müßt, haltet die Leiden noch eine Zeitspanne aus. Es ist hart, Euch das sagen zu müssen, aber wir werden allen unseren französischen Brüdern erzählen: dadrüben leiden sie. Wir sagen ihnen nicht: alles ist vortrefflich, alles ist bewundernswert, es gibt viele vorzügliche Einrichtungen, die Ihr geschaffen habt. Sie wissen es schon. Aber wir sagen ihnen: sie haben gelitten, beeilt Euch noch mehr, kommt, kommt, kommt, die Rote Armee wartet auf Euch. Am Tage einer neuen Schlacht, einer neuen Revolution, wir, die wir Kinder der ersten großen mit Robespierre, Danton und Marat sind, eines Tages, wenn wir im Begriffe sind zu weichen, dann, Genossen, werden wir an Euch uns wenden, die rote Fahne über diese letzten Barrikaden schwenkend, und werden sagen: Wir rufen Euch zur Hilfe, Genossen von der Roten Armee, kommt! Wir wissen, Ihr werdet kommen.
Es lebe die Rote Armee Rußlands!
Es lebe die Rote Internationale Armee! (Brausender langanhaltender Beifall.)
Sinowjew. Das Wort erhält der Vertreter der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands, einer der Gründer des Spartakus-Bundes, mit dem wir schon früher einmal bei den ersten Versuchen von internationalen Vereinigungen in Zimmerwald und Kienthal zusammentrafen — Genosse Paul Frölich.
Frölich. Genossen! Die deutschen Kommunisten grüßen die Internationale. Sie grüßen Sowjetrußland, die feste Burg der Revolution, die sich in vier Jahre langen schweren Kämpfen hält. Sie grüßen die Rote Armee, das scharfe,schwere Schwert der Revolution.
Genossen! Wir kommen aus dem Lande, das einst an der Spitze der Arbeiterbewegung marschierte. Wir kommen aus dem Lande, in dem der Sozialismus seinen tiefsten Fall erlebte, in dem das Banner der II. Internationale am schmutzigsten mit Kot bedeckt wurde. Wir kommen aus dem Lande, in dem die alte Sozialdemokratie, in dem viele Menschen, die groß geworden sind auf den Schultern des Proletariats, zu den blutigsten Schlächtern der Arbeiterklasse sich entwickelt haben.
Genossen! Deutschland ist gegenwärtig das Land, das unmittelbar vor der großen revolutionären Aktion des Proletariats steht, die uns den Sieg bringen soll. Wir kommen aus dem Lande, das gegenwärtig jede Erschütterung des Weltmarktes, jede Kollision der Völker auf dem Erdenrund zu einer inneren politischen Krise werden läßt. Wir kommen aus dem Lande, das seit Jahren durch furchtbare Bürgerkriege, erschüttert worden ist, in denen die Arbeiterklasse viele tausende von Opfern gebracht hat. Was erwarten wir vom Kongreß der Kommunistischen Internationale? Wir erwarten von ihm eins: daß er die Linie weiterführt, die er auf dem II. Kongreß eingeschlagen hat. Wir können heute konstatieren, daß der II. Kongreß für die revolutionäre Entwicklung in Deutschland von ungeheurer Bedeutung gewesen ist. Der II. Kongreß hat in Deutschland die bewußten, klaren revolutionären Elemente der Arbeiterklasse geschieden von den feigen, erbärmlichen Führern, die nicht den Mut zur Verantwortung finden können, zu der großen Verantwortung, die der revolutionäre Kampf von jeden seiner Führer fordert. Wie richtig die Entscheidung des ll. Kongresses gewesen ist, das hat sich gezeigt in der Geschichte unserer Partei, in diesem halben Jahre, ‘das wir hinter uns haben als Vereinigte Kommunistische Partei. Es hat sich gezeigt, daß wir die Elemente der deutschen Arbeiterklasse zusammenfassen konnten, sie alle, die zu schweren, großen Kämpfen als Vortrupp der deutschen, der internationalen Revolution bereit sind. Und es hat sich auf der anderen Seite gezeigt, daß es notwendig war, daß die Revolution sie ausspie, sie, die Führer, die bisher an der Spitze der Unabhängigen Partei stehen. Denn die Folge der Trennung des revolutionären Teils von ihnen ist gewesen, daß sie tiefer und tiefer versanken im Schmutz des Opportunismus, daß die Partei, die heute noch immer erklärt, sie sei die einzige, die wahre revolutionäre Partei, daß diese Partei heute zur festesten Stütze der blutbesudelten deutschen Regierung geworden ist, daß diese Partei zusammen mit den Gewerkschaften, auf die allein sie sich noch stützt, die einzige Stütze ist, die den Bau des deutschen Kapitalismus noch hält. Eine Stütze, die ganz offen erklärt: Jawohl, wir sind es, die den deutschen Kapitalismus halten wollen, jawohl wir unterstützen diese Regierung mit unserer Kraft, jawohl, wir unterstützen sie selbst dann, wenn sie tausende und abertausende von Proletariern ins Zuchthaus und Gefängnis wirft.
Genossen, die Früchte dieser Politik bleiben nicht aus. Wir sehen in Deutschland, wie es in den Gewerkschaften von allen Dingen knistert. In Deutschland macht sich gegenwärtig eine starke Revolutionierung der Gewerkschaften bemerkbar. Und das kann auch nicht anders sein. Denn ein Verrat jagt den anderen.
Die Gewerkschaftsbureaukratie ist gezwungen, um das kapitalistische Regime aufrecht zu erhalten, die Arbeiterklasse immer tiefer zu drücken und immer von neuem zu verraten. Das bedeutet, daß das Bewußtwerden der Arbeiterklasse, daß die Revolutionierung des Proletariats Tag für Tag immer größere Fortschritte macht. Die wirtschaftlichen Verhältnisse bei uns sind derart, daß wir in große, gewaltige Kämpfe hineingetrieben werden. Die Kommunisten in Deutschland haben gezeigt, daß sie fähig und willens sind, zu kämpfen, und die Arbeiter in Deutschland werden immer erfahren, daß sie mit der kommunistischen Partei mitkämpfen müssen. Die Bourgeoisie ahnt, was ihr bevorsteht. Sie scheut das Proletariat, sie sucht das Proletariat einzuschüchtern durch den weißen Schrecken. Sie hat Hunderte und Aberhunderte in diesem Jahre wieder ermordet. Sie hat Ausnahmegerichte eingerichtet, Ausnahmegerichte, die im Galopptempo zu arbeiten haben, die heute schon, nach zwei Monaten Arbeit, eine Schreckensbilanz aufzuweisen haben von 400 Verurteilten mit zusammen 1500 Jahren Zuchthaus, 600 verurteilten Arbeitern mit zusammen 800 Jahren Gefängnis, 8 Genossen, die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurden und 4 Genossen, die durch Richterspruch in den Tod gejagt worden sind. Und das genügt nicht. Sie haben eine neue Methode gefunden, um Märtyrer für das Proletariat zu schaffen. Sie erschießen unsere Genossen „auf der Flucht“ und haben ein ganzes System für diese Morde „auf der Flucht“ erfunden. Aber wenn sie glauben, sie werden damit das deutsche Proletariat kleinkriegen, so irren sie. Die deutsche Arbeiterklasse hat es gelernt,in ungeheurem Maße Opfer zu bringen. Sie wird weiter kämpfen, trotz all dieser Anfechtungen, trotz der gewaltigen Opfer, und sie wird kämpfen bis zum Siege. (Stürmischer Beifall.)
Ihr russischen Kameraden: ein Hilferuf ist an uns deutsche Revolutionäre ergangen. Wir kennen eure Leiden, wir versuchen, die ungeheuren Opfer zu ermessen, die Ihr für das Proletariat gebracht habt. Wir wissen, wie schwer es euch fällt, die Position in der vordersten Linie des Kampfes zu halten, die ihr innehabt. Wir versichern euch, Genossen Sowjetrußlands, wir werden alle unsere Kräfte anstrengen, wir werden nicht müde werden, und wir werden geschlossen mit der ganzen Internationale vorwärts marschieren bis zu Euch in die Stellung hinein und dort den Kampf weiterführen, Schulter an Schulter mit Euch, bis zum Siege der Weltrevolution. (Stürmischer Beifall und Applaus.)
Hewlett (England). Genossen! Im Namen der Britischen Kommunistischen Partei überbringe ich der III. Internationale unsere herzlichsten Grüße; ich möchte Euch im Namen der englischen Bergarbeiter für die ausgezeichnete Unterstützung, die ihr, und besonders die russischen Bergarbeiter ihnen während ihres Streiks gesandt, haben, von ganzem Herzen danken. Wahrscheinlich haben wir in England weniger Möglichkeit, einen offenen revolutionären Aufstand im Sinne der europäischen Parteien durchzuführen, aber trotzdem bin ich, als ein Mitglied der Kommunistischen Partei sehr stolz auf ihre Tätigkeit. Ich verspreche den kommunistischen Genossen, die auf diesem Kongresse versammelt sind, daß kein Mittel unversucht bleiben wird, daß wir es nicht scheuen werden, jeden Stein in England einzeln umzudrehen, um die allergefährlichste imperialistische Klasse der Welt auf die Knie zu zwingen. Es wird mir niemand widersprechen, wenn ich behaupte, daß es keine mächtigere Partei in der ganzen Welt gibt, als den englischen Imperialismus. Wir haben den Widerspruch, den der Krieg gezeitigt hat, vor Augen; man hat uns gesagt, daß er nur zur Vernichtung des Imperialismus führen wird; jetzt aber sehen wir, daß er statt dessen in England nur zu der Verstärkung des Imperialismus geführt hat. Dieser Widerspruch macht sich im ganzen britischen Staatswesen bemerkbar; wir sind sicher, daß England früher oder später dieselbe Katastrophe erleben wird, wie der russische Imperialismus; aber in diesem Moment schwebt die Gefahr über uns, daß der britische Imperialismus solange seine Kräfte sammeln und konzentrieren wird, bis er nicht nur den Frieden der Welt bedroht, sondern auch bricht.
Nur mit großer schamvoller Überwindung spreche ich vor den russischen Kommunisten von dieser Tatsache. Weil ich gerade aus jenem Lande komme, welches durch seine imperialistische Reaktion berüchtigt ist. Mit Scham und Zorn erinnern wir uns angesichts dieser Versammlung der Handlungsweise Churchills, Balfours und Lloyd Georges in bezug auf die größte Revolution der Welt, die Revolution Sowjetrußlands. Nur eine Tatsache gewährt einen schwachen Trost. Obwohl alle Aktionen gegen die russische Revolution von 1917 an immer von England diktiert waren, so hat es doch einen Ruhm errungen, der die Imperialisten nicht erfreuen wird. Es hat den russischen Soldaten unfreiwillig die Kleidung geliefert, und dieses ist für die britischen Kommunisten wenn auch nur ein kleiner, so doch ein Trost.
Die letzten drei Jahre waren eine Periode der fieberhaftesten Tätigkeit von seiten des britischen Imperialismus, um das neue Leben Rußlands niederzuwerfen, und wenn wir, wie ich es vorhin konstatierte, noch nicht bereit sind, jetzt derselben Revolution entgegenzusehen, wie wir sie hier im Jahre 1917 hatten, muß ich doch feststellen, daß die britischen Kommunisten immerhin fähig und verantwortlich dafür gewesen sind, einen Krieg gegen Sowjetrußland, der von Polen angefangen, vom britischen und französischen Imperialismus unterstützt werden sollte, zu verhindern und dadurch allein ist die Tätigkeit der britischen Kommunisten gerechtfertigt.
Man erwartet, daß ich mehr von einem Kriege, der jetzt in England geführt, und von der allgemeinen Lage berichten werde. Im Jahre 1914 hat man den englischen Arbeitern allerhand Luftschlösser vorgebaut. Es wurde von ihnen verlangt, daß sie sich in „Khaki“farbe kleiden und einen Krieg weiterführen sollen, damit die Welt für die Demokratie gesichert werde. Ihnen wurde von den militärischen Redetribünen nach Beseitigung des Krieges eine neue Welt versprochen und alles, was das Leben wert macht. Jetzt wissen die klassenbewußten Arbeiter, daß damals die größten Versprechen als die größten Unwahrheiten, die jemals von der Bourgeoisie getan worden sind, offenbar wurden.
Was sahen die Arbeiter? War eine neue Welt von diesen Leuten erbaut worden? Ich will Euch nur kurz ein Bild davon machen. Am 31. März begann der größte Kampf in der Geschichte der britischen Arbeiterklasse. Man versprach uns viele Dinge, die manche unter uns niemals zu erlangen hofften, aber selbst wir waren erstaunt, als am 31- März ½ Million Menschen auf die Straße hinausgeworfen und von der britischen Bourgeoisie von der Arbeit ausgeschlossen wurden. Sie sagten dem Lande, dem sie Nationalisierung versprochen hatten, denn sie hatten den Arbeitern alles versprochen — daß diese riesige Lohnreduktion stattfinden muß, um dem Kapitalismus wieder auf die Beine zu helfen. Genossen, ich möchte, daß Ihr es wißt, daß wir in England 2600000 Arbeiter in den Bergwerken haben, und daß die Bergwerke nur 9000 Leuten von unserem 40000000 zählenden Volke gehören. Es dürfe für einige von Euch interessant sein, diese Ziffern zu kennen. Auf der Sitzung der Kommission für Nationalisierung der Bergwerke wurde festgestellt, daß in den 5 Jahren von 1913—1918 die Kohlenbergwerkebesitzer von England nicht weniger als 260 Millionen gewonnen haben. Trotz der großen Gewinne war es diesen Leuten eine Lebensnotwendigkeit, Rußland zu zerstören, und sie versuchen es noch immer, die kämpfenden Massen niederzuwerfen und greifen sogar die Revolutionäre Deutschlands an. Es ist notwendig, daß die Genossen hier die weltumfassende Bedeutung Englands in der Politik und der revolutionären Bewegung begreifen. Man muß erkennen, welch riesenhaftem Widersacher die englischen Arbeiter zu begegnen haben und wie sehr wir von den Arbeitern der anderen Länder abhängen.
Ohne die Vereinigung der europäischen Arbeiter und der der ganzen Welt, ohne den engeren Zusammenschluß mit den britischen Arbeitern wird der englische Imperialismus kühner sein Haupt erheben und gefestigter werden wie zuvor. Um diesem ein volles Verständnis entgegenbringen zu können, haben Sie nur in Betracht zu ziehen, daß England eine Insel ist, und die Kolonialfrage für England eine Frage von größerer Wichtigkeit ist, als für jedes andere Land. Der britische Imperialismus hat jede Ecke der Welt erfaßt: Indien, Irland, Ägypten, Afrika und all die anderen Kolonialländer sind da zu nennen, und wenn wir diese internationalen Beziehungen in Betracht ziehen, erst dann kann die Wichtigkeit der kommunistischen Bewegung in England voll verstanden werden. England ist eine Insel, welche der kommunistischen Bewegung nur unter Berücksichtigung der Kolonialfrage dienen kann, wie auch das britische Kaiserreich nicht ohne die Kolonien bestehen kann. Ebensowenig, wie die englischen Kommunisten allein siegen können, können sie der kommunistischen Bewegung ohne der Hilfe der übrigen Welt dienen, deshalb sind die englischen Delegierten außerordentlich darauf bedacht, daß dieser Punkt in Betracht gezogen wird und angesichts des Kampfcharakters der Weltlage ein Zusammenschluß und eine engere Vereinigung der Kommunisten überall angestrebt wird.
Ich will noch kurz über die Tätigkeit der Kommunistischen Partei sprechen. Sie existiert gerade zwölf Monate, in dieser Zeit sind viele unserer Genossen verhaftet worden, um Gefängnisstrafen von 6 Monaten und mehr abzusitzen. Das hält keinen Vergleich aus, mit dem, was Ihr in Rußland vor der Revolution habt erleiden müssen. Aber wenn man bei uns bedenkt, seit wann die Partei besteht und dann ihre Resultate betrachtet, fühlen wir uns stolz auf unsere Tätigkeit. Eine von Englands großen Traditionen ist das tausendjährige Bestehen eines Parlaments, und das ist eine der ungeheuren Kräfte, mit denen die Kommunistische Partei sich zu messen hat. Doch dieser Kampf nähert sich einer Entscheidung.
Ich wünsche noch einige Worte über den „großen Verrat“ hinzuzufügen. Die Kommunistische Partei hatte in England eine Anzahl von Mitgliedern, welche sie für ihre besten Arbeiter hielt. Sie hatte eine hohe Meinung von ihrem Tun und gab ihnen Vertrauensposten. Sie arbeiteten inmitten des großen Kampfes. Einige dieser Genossen, die voriges Jahr in Rußland geehrt wurden, sie betrogen uns. Ich erwähne nur Thomas, Williamsund Macdonald, und ich schäme mich, sagen zu müssen, daß sie die Bergarbeiter allein kämpfen ließen, einen verlorenen Kampf kämpfen ließen. Die letzten Meldungen sagen allerdings, daß die Bergarbeiter noch kämpfen und fortfahren werden zu kämpfen. Froh war ich, Genossen, als ich hörte, daß unsere amerikanischen Kollegen Thomas bei seinem Dortsein einen kühlen Empfang bereitet haben. Aber alle diese Menschewiki und Sozialpatrioten, und diejenigen, welche die Bewegung hintergingen, sie werden aus den Reihen des klassenbewußten Proletariats ausgemerzt werden.
Zum Schluß, Genossen, gelobe ich, gelobt die Kommunistische Partei Britanniens, es als ihre heiligste Aufgabe zu betrachten, die revolutionären Massen für die Weltrevolution vorzubereiten; wir geloben, daß die Britische Kommunistische Partei arbeiten und nicht ruhen und rasten will, bis die Schlacht gewonnen ist, bis die proletarische Revolution auf der ganzen Welt Erfolg erntet. Es lebe die russische Revolution,eslebediekommunistische Bewegung und das Proletariatder ganzen Welt. (Stürmischer Beifall.)
Kolarow (Bulgarien). In der ganzen kapitalistischen Welt wütet der weiße Terror. Nicht nur in Ungarn, Finnland und Bayern — wo auf den kurzen Triumph der proletarischen Diktatur die Niederlage folgte —, üben die erbitterten Magnaten und Kapitalisten blutige Rache an den Arbeitermassen.
Nicht nur in den Balkanländern, wo die despotischen und barbarischen Methoden stets das Wesen des Verwaltungssystems der herrschenden Klassen bildeten, sind die werktätigen Massen jedes gesetzlichen Schutzes beraubt, und werden die Kommunistischen Parteien und die Kommunisten den rohesten Verfolgungen und Mißhandlungen ausgesetzt. Auch in den Ländern, in denen die „Zivilisation“ auf höherer Stufe steht und die „Demokratie“ entwickelt ist — in Italien, Deutschland, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, in allen den sogenannten Kulturländern —, tritt die herrschende Bourgeoisie ihre eigenen Gesetze ungeniert mit Füßen und wirft sich rücksichtslos auf die revolutionäre Bewegung, um sie schon im Keime zu ersticken.
Einst war die Bourgeoisie selbst eine revolutionäre Klasse. Sie rief das Recht des Menschen und Bürgers aus und stellte sien im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an die Spitze des Kampfes gegen Despotismus und Rechtlosigkeit. Ihre Staatsmänner und Philosophen begründeten die Theorie der politischen Demokratie, die für ewige Zeiten die politische Freiheit und den allgemeinen Fortschritt sicherstellen sollte.
Als aber die Bourgeoisie den Despotismus besiegt und: den Staat erobert hatte, erwies sich die politische Demokratie als die beste Form für ihre ausbeuterische und politische Gewalt. Zudem ließ sie in Augenblicken der Gefahr für ihre Herrschaft keine Gelegenheit vorübergehen, die gesetzliche Ordnung aufzuheben und auf die barbarischste Weise mit den Feinden ihrer Macht abzurechnen.
Das Proletariat erinnnert sich sehr gut der blutigen Justiz an der Pariser Kommune.
Heute macht die ganze kapitalistische Welt eine scharfe, unheilbare Krise durch. Die in ihrem Schoße geborenen machtvollen revolutionären Kräfte häufen sich an, organisieren sich und erheben sich, und unter ihrem Anprall erzittert das ganze kapitalistische Gebäude in seinen Grundfesten.
Die kapitalistische Klasse ist von einer Panik ergriffen.
In Todesangst vor dem schnell wachsenden kommunistischen Ungeheuer, verliert sie den Verstand, verfällt sie in Raserei und stürzt mit eigenen Händen ihre jahrhundertelange gesetzliche Ordnung um.
So wie einst Thiers, schreit heute die Bourgeoisie aller Länder: „La legalite nous tue“ — „Die Gesetzlichkeit tötet uns“ — und ihre eigenen Gesetze mit den Füßen tretend, organisiert sie die Kräfte der Gegenrevolution.
In England, dem klassischen Lande der Gesetzlichkeit und des habeas corpus, führt die Bourgeoisie einen barbarischen Krieg gegen das irische Volk, organisiert ungeheure Kräfte, um mit den darbenden und streikenden proletarischen Massen blutig abzurechnen, verurteilt die kommunistischen Führer wegen ihrer kommunistischen Tätigkeit und wirft sie rücksichtslos in die Gefängnisse.
In Frankreich, der Heimat der politischen Freiheit, überfällt die herrschende Bande der Bankiers unter den Klängen der alten revolutionären Hymne die Manifestationen der Arbeiter, mißhandelt die protestierenden Proletarier, verhaftet im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die kommunistischen Führer, dringt brutal in die Parteiinstitutionen und Gewerkschaftsklubs ein und ist bemüht, durch Gewalttätigkeit den nahenden kommunistischen Krieg zu verhüten. Die Nachkommen der alten Kämpfer gegen die Tyrannei, die vor 100 Jahren auf den Spitzen ihrer Bajonette die Grundsätze der politischen Freiheit durch die ganze Welt trugen, treten heute Millionen von Proletariern und Bauern mit den Füßen und helfen an allen Enden der Welt den dunklen Mächten, der schwärzesten Reaktion.
In den Vereinigten Staaten, diesem Lande der großen Demokratie, die die Frucht einer Revolution und eines Bürgerkrieges ist, herrscht die machtvolle und zynische Diktatur des Dollars. Der elementare Kampf der Arbeiter wird mit Blut überschwemmt, jede revolutionäre Bewegung, jede revolutionäre Organisation wird verfolgt, und tausende von Kommunisten schmachten im Gefängnis.
In Deutschland, diesem Lande der modernsten und raffiniertesten Republik, des ehelichen Kindes des Sozialpatriotismus, fordern die Bluthunde des Kapitalismus ununterbrochen die verelendeten Arbeitermassen heraus, stellen den Arbeiterführern Fallen, verhaften sie, erschießen sie wegen „Fluchtversuchs“, setzen außerordentliche Richter ein und errichten im ganzen Lande die Herrschaft der Orgesch und des weißen Terrors.
In Italien feiern die Fascisten die wildesten Orgien. Unter dem Schutze der Regierung und des Kapitals plündern sie die Arbeiterklubs und Druckereien der kommunistischen Zeitungen und stecken sie in Brand, töten die Arbeiterführer und terrorisieren die unorganisierten darbenden Massen in Städten und Dörfern.
Auf dem Balkan erklärt die Bourgeoisie die kommunistischen Parteien und revolutionären Organisationen für außerhalb des Gesetzes stehend und jagt sie auseinander, schließt die Arbeiterklubs, verbietet die Herausgabe der kommunistischen Zeitungen und setzt die Führer des Kommunismus unerhörten Verfolgungen, Grausamkeiten und schändlichen Mißhandlungen aus. In diesen Ländern nimmt die kapitalistische Diktatur, wie in Italien die zynischsten und wildesten Formen an. Hier sind sogar alle Garantien für das menschliche Leben aufgehoben, hier predigen und führen die herrschenden Klassen offen den barbarischsten Bürgerkrieg.
So zerschlagen sich im grausamen und blutigen Klassenkampfe alle demokratischen Illusionen und verschwinden alle reformistischen Programme und Theorien über die allmähliche und friedliche Erneuerung der kapitalistischen Gesellschaft wie eine Fata Morgana.
Die kapitalistische Gesellschaft befindet sich im Zustande der Agonie. Die Verräter des Sozialismus eilen in allen Ländern zu ihrer Rettung herbei. Es ist ihnen jedoch nicht gelungen, die revolutionäre Bewegung aufzuhalten. Sie sind in den Händen der Bourgeoisie nur zum Werkzeug gegen die um ihre Befreiung kämpfenden Arbeitermassen geworden und haben ihre Hände mit deren Blut beschmutzt.
Heute ist der Abgrund zwischen den herrschenden Klassen und den werktätigen Massen noch tiefer. Daher wird auch der Kampf zwischen ihnen immer heftiger.
Der Kapitalismus sammelt schnell seine Kräfte und stellt die ganze Welt unter das Zeichen des weißen Terrors.
Aber ebenso schnell werden die Kräfte der Revolution mobilisiert und organisiert. In allen Ländern stellen sich die Massen schnell unter die wehenden Fahnen der Kommunistisehen Parteien und der Kommunistischen Internationale.
Zusammenstöße sind unausbleiblich. Die werktätige Menschheit wird sich vom Alp des weißen Terrors befreien und durch gewaltsamen Sturz der herrschenden Klassen und Errichtung der Diktatur des Proletariats die Garantien für ihre freie, harmonische Entwicklung schaffen.
Die proletarische Revolution ist heute der einzige Faktor des geschichtlichen Fortschrittes.
Es lebe die Weltrevolution!
Es lebe die proletarische Diktatur!
Sinowjew. Genossen. Ich habe schon davon gesprochen, daß auf dem heutigen Kongreß zum erstenmal Vertreter einer der mächtigsten proletarischen Partei, der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei anwesend sind. Deren Vertreter, Gen. Burian, hat das Wort.
Burian (Tschechoslowakei) begrüßt die russischen revolutionären Arbeiter und die III. Kommunistische Internationale mit dem Ausdruck des Dankes der tschechischen kommunistischen Arbeiter für die Dienste, welche ihnen erwiesen wurden. Die beiden großen geschichtlichen Erscheinungen, die russische soziale Revolution und die Kommunistische Internationale, bewirkten ein großes Wunder bei uns. Die tschechoslowakische Arbeiterschaft stand noch vor 2½ Jahren unter der Führung der Sozialpatrioten und half der tschechoslowakischen Bourgeoisie, einen kapitalistischen Staat begründen. Durch den Bestand der russischen Revolution ist es gelungen, die große Mehrheit der tschechoslowakischen Arbeiter mit einem neuen Geist zu erfüllen. Unsere Arbeiterschaft ist heute die beste Freundin der russischen Revolution. Wir haben noch keine solche Schlachten geführt wie die deutschen und russischen Kommunisten, aber der Dezemberkampf der tschechischen Arbeiter war dennoch ein großer revolutionärer Kampf gegen den Kapitalismus. Es war die erste Feuerprobe unserer Arbeitermassen.
Viel besser ist uns die Eroberung der Seelen der tschechoslowakischen Arbeiterschaft gelungen. Die Mehrheit der tschechoslowakischen Arbeiter ist heute kommunistisch. Wir sind eine große Partei, an Zahl reihen wir uns an die russischen und deutschen Kommunisten. Wir sind stolz auf diese Leistung, sie ist in keinem anderen Lande so gut gelungen. Auf dieser Grundlaxe wollen wir weiter bauen. Wir werden bei uns eifrige kommunistische Propaganda treiben. Wir werden alle Kämpfe der tschechoslowakischen Arbeiterschaft mit kommunistischem Geist und kommunistischen Losungen erfüllen. Wir sind uns unserer Größe bewußt, unsere Energie ist im Wachstum begriffen. Aber wir wollen nicht nur kämpfen, wir wollen siegen. Es muß bei uns einmal der Tag der Entscheidung kommen, wenn auch nicht so schnell, wie es manche Genossen erwarten, und es wird auch der Tag des Sieges sein, der Tag, an dem wir unseren Kapitalisten den großen Schlachtruf der russischen Revolution entgegenschleudern werden: Alle Macht der tschechoslowakischen revolutionären kommunistischen Arbeiterschaft! (Stürmischer Beifall und Applaus.)
Sinowjew. Ich meine, daß diese Rede einer Übersetzung nicht bedarf. Die meisten der Genossen haben den Sinn und den Inhalt der Rede unseres Genossen aus der Tschechoslowakei verstanden. Das folgende Wort hat der Vertreter der Italienischen Kommunistischen Partei, die besonders die brüderliche Hilfe der Kommunistischen Internationale braucht und sie auch in ihrem redlichen Kampf gegen die Verräter verdient.
Gennari (Italien) begrüßt den III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale im Namen der Italienischen Kommunistischen Partei und erwähnt, daß auf dem II. Kongreß die gesamte Sozialistische Partei Italiens vertreten war, darunter solche Leute, wie Serrati, die jetzt der Sache der Kommunistischen Revolution untreu geworden und aus der III. Internationale ausgeschieden sind. Aber, der Platz Italiens ist nicht leer geblieben. Ihn füllt jetzt. die junge Kommunistische Parteiaus,die voller Kraft bereitist, das italienische Proletariat zum letzten Kampf zu führen. Die III. Internationale muß auf das schärfste die Verräter Italiens verurteilen und der Kommunistischen Partei Italiens helfen, denjenigen die Maske herunterzureißen, die einen Teil des Proletariats betrügen. Diese kraftvolle Geste der III. Internationale wird fast das gesamte Proletariat Italiens nötigen, sich der Kommunistischen Partei wieder zuzuwenden. Deshalb hält der Redner sich für berechtigt einen Gruß nicht nur der Kommunisten Italiens, sondern des gesamten italienischen Proletariats den Russischen Arbeitern zu überbringen.
Es lebe die III. Internationale! (Stürmischer Beifall.)
Sinowjew. Mit größter Genugtuung konstatieren wir alle den Sieg der französischen Genossen in der Gewerkschaftsbewegung. Wir werden jetzt einem der besten Arbeiter der Gewerkschaftsbewegung das Wort erteilen, dem Genossen, welcher mit einer Gruppe seiner Kollegen imstande war, die Gewerkschaftsverbände des Seine-Departements für unsere Partei zu gewinnen. Das Wort hat Gen. Tommasi.
Tommasi (Frankreich). Genossen, die vorhergehenden Redner waren Vertreter von Organisationen, die schon Beweise für ihre Kampfesfähigkeit gegeben haben. Wir, die französischen Syndikalisten, befinden uns in einer anderen Lage. Wir haben eine sehr lange Geschichte, aber in den letzten Jahren hat diese Geschichte für die Arbeiterbewegung nur trauriges aufzuweisen; wir Können Euch nur unseren Gruß überbringen. Wir Syndikalisten organisieren uns in der letzten Zeit nicht nur gegen die Sozialpatrioten unseres eigenen Landes, sondern auch gegen diejenige Internationale, welche die Renegaten der ganzen Welt vereinigt. Die Amsterdamer Internationale hat unseren Haß entfacht, sie gleicht einer alten, grausamen Mutter, die ihre Kinder sehr liebt, so sehr, daß sie, um ihnen Leid zu ersparen, diese Kinder von Zeit zu Zeit den kapitalistischen Räubereien preisgibt, es vorzieht, die kapitalistischen Intrigen auf dem Schlachtfelde auszugleichen, und sich für die Interessen des Kapitals, die nie und nimmer die unsrigen sein können, zu schlagen. Man muß unsere Nationalsyndikalisten an der Gurgel fassen. Die Herren Jouhaux und Konsorten müssen das Feld räumen, das sie schon zu lange innehatten. Aber sie wenden sich an uns Arbeiter und sagen: Bleibt nur auf eurem ökonomischen Boden, ihr hattet nicht die Möglichkeit, die Hochschulen zu besuchen, die für die politische Karriere nötige Bildung zu erlangen, laßt also die Politik denen, die in diesen Schulen groß geworden sind, laßt ihnen das Recht, für euch zu bestimmen. Seid versichert, wenn ihr eine feste, organisierte Masse darstellt, so genügt es, und wir haben dann nur den Finger zu heben, um die Bourgeoisie zum Rückzug zu zwingen. Wir haben jetzt den Beweis, daß dieses Argument nicht Stich hält. Wir haben den Beweis, nach den mehr als 50 Monaten des unnützen Blutvergießens für ein problematisches Recht, eine Gerechtigkeit und eine Freiheit, die ja doch stets mit den Füßen getreten werden, da sie nur für die Weltbourgeoisie zugänglich sind. Wir haben den Beweis, daß es für die Arbeiterklasse nur ein Mittel der Befreiung gibt, dieses Mittel heißt Gewalt.
Die Bourgeoisie vereinigt sich, um uns niederzumetzeln; unsere spanischen Genossen können nicht mehr auf die Straße gehen, ohne daß sich die Mündungen der Revolver auf sie richten, unsere italienischen Genossen waren gezwungen, den Rückzug anzutreten und günstigere Zeiten abzuwarten, trotz der glänzenden Fortschritte der letzten Jahre; unsere deutschen Genossen haben im März jenen Schlachtruf ertönen lassen, auf den wir so viel Hoffnung setzten. Und ihr, Genossen Rußlands, habt einen Stein an den anderen gefügt, um unserem Werke eine Form zu verleihen.
Jetzt ist die Zeit vorbei, wo es möglich war, „den Arbeitern die Schädel zu verstopfen“, wie man während des Krieges sagte; schon zu lange sind sie mit den schönen Worten Demokratie usw. gefüttert worden.
Wir haben es sehr schwer. Nach jahrhundertelanger Sklaverei hat man uns gesagt, daß wir frei sind, daß die Herrschaft der Demokratie endlich beginnt, und jetzt wissen wir, daß der Kampf von neuem entbrennt.
Wir stellen uns jenen Kräften zur Verfügung, welche die einzigen für die bourgeoise Klique nötigen Argumente gebrauchen. Wir scharen uns um die Moskauer Internationale, um die Vereinigung der revolutionären Massen für die kommende Revolution vorzubereiten. Wir werden aus unserer alten Großmutter unseren untertänigsten Diener machen, sie hat zu lange gelebt. Wir werden versuchen, sie so abzusetzen, daß sie nicht Zeit hat, sich mit unseren Feinden zu verbinden. Wir werden unsere syndikalistische Partei so leiten, daß unsere „syndikalistischen“ Führer den Boden unter den Füßen zittern fühlen, daß sie allmählich immer mehr nach rechts gleiten; morgen werden sie ihre gestrigen Gegner, unsere steten Feinde, anrufen, sie werden das heilige Bündnis hinter dem Rücken der revolutionären Syndikalisten schließen.
Wir aber stellen uns zu Moskau und erheben das Banner, das Ihr vier Jahre hindurch mit soviel Opfermut getragen habt. Moskauer Genossen, Genossen Rußlands, wir treten für Euch ein bei dem schönsten Werke — dem Werke der Revolution. (Beifall.)
Takeguchi (Japan). Im Namen der Japanischen Kommunistischen Gruppe spreche ich zu Euch, Genossen und Delegierte!
Es hat mir nicht wenige Mühe gekostet, zum dritten Kongreß der Dritten Internationale der Proletarier der verschiedenen Länder der Welt zu kommen. Jetzt, Genossen, möchte ich Ihnen einige Worte über die Lagein Japan sagen. Die derzeitigen Verhältnisse in Japan, mit seiner Regierung, seinen Arbeitervereinigungen und den Massen der japanischen Arbeiter, sind sehr schlimm. Aber es ist unseren Genossen gelungen, Gruppen von klassenbewußten Arbeitern zu schaffen. Momentan hat Japan die beste Propaganda-Gelegenheit. In den letzten Monaten hat die Japanische Kommunistische Partei eine starke Grundlage für Propaganda und Agitation geschaffen. Aber, Genossen, zu gleicher Zeit steht der japanische Kapitalismus und die bürgerlichen Parteien Rußland, der ersten Sowjetregierung in der Welt, feindlich gegenüber. Der japanische Imperialismus ist nicht nur in Sibirien, sondern ist bis nach Zentralasien vorgedrungen. Wir japanischen Kommunisten sind scharf gegen die kapitalistischen Attacken auf die Arbeiter Sibiriens vorgegangen und werden auch weiter protestieren und aktiv eingreifen. Die japanischen Kommunisten können allein wenig ausführen, aber unsere Position ist klar, und ich bin sicher, daß unsere Proteste und unsere Entrüstung endlich von unserer imperialistischen Regierung ernst genommen werden, hauptsächlich, wenn sie weiß, daß wir den internationalen Kommunismus hinter uns haben. Ich will meine Rede schließen mit einem Gruß an Rußland.
Es lebe Sowjetrußland, die Sowjetregierung, die Kommunistische Internationale! (Lebhafter Beifall.)
Vors. Sinowjew. Gen. Heckert hat das Wort zu einer Mitteilung.
Gen. Heckert. Die Mandatprüfungskommission wünscht, daß morgen vormittag 11 Uhr die Delegierten eine Person aus ihren Reihen mit einer Liste der mit einem Mandat versehenen Genossen schicken. Morgen nachmittag 6 Uhr soll die erste Plenarsitzung des Kongresses beginnen. Bis jetzt sind noch nicht alle Mandate der Mandatprüfungskommission eingereicht worden. Über manche Mandate ist noch eine Auskunft bei den einzelnen Landesdelegierten einzuholen- Damit morgen nachmittag 5 Uhr alle Genossen im Besitze des Mandates sind, ohne welches sie nicht in den Kreml kommen können, ist es absolut notwendig, daß Sie pünktlich 11 Uhr sich durch einen Genossen vertreten lassen, der der Mandatprüfungskommission Auskunft geben kann, und daß die Mandate morgen 11 Uhr abgeliefert werden. Die Genossen, die bis 11 Uhr die Liste nicht abgeliefert haben, können an der ersten Sitzung nicht teilnehmen.
Vors. Sinowjew. Ich erkläre die erste Sitzung des Dritten Kongresses für geschlossen.
(Schluß der Sitzung 10½ Uhr abends )
Die zweite Sitzung (23. Juni 1921, 7 Uhr 50 Min. abends)
(Referat L. Trotzki: Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale.)
Vorsitzender Sinowjew. Ich erkläre die zweite Sitzung des Weltkongresses für eröffnet,
Wir müssen zunächst ein Sekretariat wählen. Die Exekutive hat im Einvernehmen mit einer Anzahl Delegationen beschlossen, 15 Parteien je einen Sekretär zuzusichern. Die Liste wird verlesen werden, und wir ersuchen den Kongreß, diese Liste zu bestätigen.
Gen. Kun liest folgende Liste vor: England — Smythe; Polen — Kamocki; Finnland — Sirola; Jugoslawien — Milkic; Tschechoslowakei — Handlier; Oesterreich — Koritschoner; Ungarn — Hajdur; Ukraine — Manuilsky; Amerika — Marshall; Lettland — Stutschka; Skandinavien — Friis; Ferner Osten — Sumjatzky; Naher Osten — Sultan Zade; Frauen — Nikolaewa; Jugend — Münzenberg.
Vorsitzender Sinowjew. Ich werde abstimmen lassen, wenn kein Protest dagegen erfolgt- Ich bitte die Genossen, die deutsch verstehen und bei den russischen Genossen sitzen, das Gesagte zu übersetzen. Es wird jetzt abgestimmt. Erhebt jemand Protest gegen diese Liste? Das scheint nicht der Fall zu sein. Die Liste ist bestätigt. Ich möchte also die Genossen bitten, sich zusammenzufinden und für jede Sitzung drei Genossen zu bestimmen.
Genossen! Die Tagesordnung ist allgemein bekannt und wurde von der erweiterten Exekutive bestätigt. Das Präsidium ersucht den Kongreß, die Tagesordnung ohne Diskussion gutzuheißen. Erfolgt dagegen Widerspruch? (Zuruf: Pünktlich anfangen!) Die Delegierten werden ersucht, sich diese Be- AN merkung zu Herzen zu nehmen, ebenso wie das Präsidium das tun wird. Es ist also vorgeschlagen, die Tagesordnung ohne Diskussion gutzuheißen. Erfolgt dagegen Widerspruch?
Tommasi. Im Namen der französischen syndikalen Delegation habe ich in der vorhergehenden Sitzung des Exekutivkomitees der Dritten Internationale ersucht, auf dem Kongreß an erster Stelle die Frage, die uns besonders interessiert, behandeln zu wollen: nämlich die Beziehung zwischen den Gewerkschaften und dem Kommunismus. Und ich ersuche, daß man diesen Vorschlag nicht außer acht lasse, er ist von großer Wichtigkeit für die französischen Delegierten, die spätestens am 10. Juli zum Kongreß von Lille heimreisen müssen.
Vorsitzender Sinowjew. Wir erklären dazu folgendes: Momentan handelt es sich nur um die Bestätigung der Gesamtheit der Fragen, nicht um die Reihenfolge. Die Aufforderung der französischen Delegation halten wir für richtig, wir werden uns bemühen, die Gewerkschaftsfrage als eine der ersten zu behandeln. In der von uns vorgeschlagenen Tagesordnung steht diese Frage unmittelbar nach der taktischen Frage. Es wird auch möglich sein, in der gegebenen Reihenfolge zu diskutieren. Die Sache wird also nicht zu spät kommen.
Also wir werden jetzt abstimmen. Wir bitten den Kongreß, die Liste gutzuheißen. Ist jemand dagegen? Das ist nicht der Fall, die Tagesordnung ist also bestätigt.
Wir müssen jetzt die Geschäftsführung festlegen. Wir haben heute in der Zeitung „Moskau“, die in drei Sprachen erscheint, den Delegierten einen Entwurf unserer Geschäftsführung mitgeteilt. Wir sind der Meinung, der Kongreß könnte auch ohne Diskussion diese Geschäftsführung gutheißen. Wir werden abstimmen. Wer dagegen ist, bitte ich die Hand zu erheben. Die Geschäftsführung ist also bestätigt.
Wir können jetzt unsere Arbeit beginnen. Die Exekutive war der Meinung, daß es am besten ist, mit der Frage: Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale anzufangen.
Der Referent, Genosse Trotzki, hat das Wort.
Trotzki. Genossinnen und Genossen! Auf dem Ersten und Zweiten Kongresse der Kommunistischen Internationale haben wir die Weltlage in Aufrufen, in Manifesten charakterisiert, ohne in eine nähere Diskussion darüber einzutreten. Damals handelte es sich darum, die neue Situation, wie sie durch den Krieg geschaffen worden ist, in allgemeinen prägnanten Zügen zu charakterisieren und in das Bewußtsein der Arbeiterschaft einzugraben. Jetzt stellt sich dieselbe Frage viel komplizierter vor uns. Das dritte Nachkriegsjahr naht seinem Ende. Es sind höchst wichtige Erscheinungen ökonomischer und politischer Art eingetreten. Das Kapital sitzt noch immer fast in der ganzen Welt auf dem Thron, und wir müssen uns darüber Rechenschaft geben, ob unsere Einstellung im großen und ganzen, die Einstellung auf die Weltrevolution, jetzt unter den gegebenen Verhältnissen noch immer richtig bleibt. Es ist eine Veränderung in den Kräfteverhältnissen eingetreten, die nicht zu leugnen ist. Es fragt sich nur, ob diese Veränderung auf tieferen Verschiebungen in den Kräfteverhältnissen beruht, oder ob sie mehr oberflächlicher Natur is: Wenn wir uns in die Stimmung, die im Jahre 1919 geherrscht hat, — das war das kritischste Jahr für das Kapital nach dem Kriege —, zurückversetzen und dann die psychologische Situation, die Stimmung der Klassen, der Parteien, der Staatsmacht usw. mit den betreffenden Erscheinungen von heute vergleichen, so werden wir konstatieren müssen, daß die Bourgeoisie sich heute noch immer stark fühlt. Gestern war sie vielleicht noch stärker — jedenfalls aber fühlt sie sich heute noch viel stärker, als sie sich im Jahre 1919 gefühlt hatte. Ich habe mir eine Sammelmappe von Veröffentlichungen der maßgebenden Zeitungen usw. über die kommunistische, die revolutionäre Weltgefahr angelegt, und ich werde ein paar dieser sehr lehrreichen Zitate sogleich vortragen.
Die „Neue Züricher Zeitung“, ein schweizer bürgerliches, sehr konservatives und ziemlich gescheites Blatt, das mit großem Interesse und mit einem gewissen Verständnis die politische Entwicklung Deutschlands, Frankreichs und Italiens verfolgt, sagte über die Märzaktion in Deutschland am 26. März (leider konnte ich diese Nummer nicht wiederfinden und muß aus meiner russischen Übersetzung ins Deutsche zurückübersetzen, aber der Sinn bleibt gewahrt). Es heißt:
„Das Deutschland von 1921 ist ein ganz anderes, als das von 1918. Das Staatsbewußtsein ist dermaßen erstarkt, daß die kommunistischen Methoden in allen Volksschichten auf Widerstand stoßen, obwohl die Kraft der Kommunisten, die in den Revolutionstagen nur ein kleines Häuflein entschlossener Leute waren, seither sich mehr als verzehnfachte.“
Am 28. April, wo man sich beiderseits auf die Maifeier vorbereitete, finden wir in „Le Temps“ folgende Äußerungen:
„ll suffit de considerer le chemin parcouru depuis un an pour &tre pleinement rassur6: l’anne& derniere le l-er mai devait marquer le debut de cette greve generale qui devait ötre, elle, la premiere etappe de la revolution. Aujour d’hui, la confiance est absolue dans l'effort de la nation pour surmonter toutes les erises consecutives & la guerre“.
Dieselbe „Neue Züricher Zeitung‘ schreibt über die Situation in Italien, auch im April d. J.:
„1919: die bürgerlichen Parteien in völliger Auflösung begriffen, in hilfloser Zersplitterung und selbstmörderischer Resignation dem geschlossenen Andrang der wohldisziplinierten roten Heeresmassen Raum gebend; 1921: die bürgerlichen Scharen zu einer festen Koalition zusammengeschlossen siegesbewußt in den Kampf tretend, während die Bolschewisten geteilt und entmutigt sich kaum zu zeigen wagen. Das Verdienst kommt dem Faszismus zu.“
Ich nehme dann ein Beispiel aus einer ganz anderen Sphäre, nämlich ein Zitat aus einer Resolution unserer polnischen kommunistischen Bruderpartei. Sie hatte, wenn ich mich nicht irre, in diesem Frühjahr eine Parteikonferenz, wo beschlossen wurde, an den Parlamentswahlen teilzunehmen. Die Begründung lautet:
„Nachdem im Winter 1919 der Kampf sich zugunsten der Bourgeoisie gewendet hatte, die dann ihren Staatsapparat aufbaute; nachdem die Arbeiterräte dank der P.P.S. von der Regierung erdrosselt werden, ist die Partei verpflichtet, den Wahlkampf und die Landtagstribüne auszunutzen.“
Es kann ja keine Rede davon sein, daß die Polnische Kommunistische Partei ihre prinzipielle Einstellung zu ändern beabsichtigt hat. Nur schätzt sie die heutige Situation anders ein, als sie es im Jahre 1919 getan hatte.
Die objektive Lage der sozialdemokratischen Parteien dem Staate gegenüber, den bürgerlichen Parteien gegenüber hat sich auch entsprechend geändert. Die Sozialdemokraten werden überall aus der Regierung hinausgedrängt. Nur zeitweilig werden sie wieder in die Regierungen hineingezogen, wie es in Deutschland unter dem auswärtigen Drucke geschah. Die unabhängige Partei hat eine vollständige Schwenkung nach rechts vollzogen, auch unter dem Drucke dieser neuen Situation oder dem psychologischen Abglanz dieser neuen Situation, deren Bedeutung sie überschätzt. Bei den Gewerkschaften finden wir dasselbe. Es ist eine Konsolidierung eingetreten; die Unabhängigen aller Länder und, die Sozialdemokraten aller Länder, deren Gegensatz vor 1 bis 1½ Jahren so groß war, haben sich durch die Vermittlung von Amsterdam einander genähert.
Die alte Opposition der Sozialdemokratie lebt jetzt in Bigamie mit der Internationale II und IIl% und die beiden Damen sind darüber gar nicht verdrossen. Diese dreieckige Ehe charakterisiert jetzt am besten das Verschwinden derjenigen oppositionellen Tendenzen dem Staate gegenüber, die sich ja im Jahre 1919 und 1920 auch bei den Unabhängigen zeigten.
Diese drei Nachkriegsjahre waren die Zeit der größten Massenbewegungen, die die Welt je gesehen hat. Rußland ist als erstes Land, das im Kriege am meisten und tiefsten gelitten hat, durch die Revolution im März des Jahres 1917 in den Strom der Revolution eingetreten,
Schon im Jahre 1917 entwickelten sich in England die großen Massenstreiks ökonomischer Natur. Am Ende desselben Jahres ergriff das russische Proletariat die Macht. Damals, das werde ich Ihnen nicht verheimlichen, schien uns der Weg von unserer Machtergreifung hierzulande zu der Machtergreifung in den mittel- und westeuropäischen Ländern viel näher als es sich erwiesen hat. Diese Tatsache gehört auch zur Prüfung der Weltlage. Im Jahre 1918 hatten wir große Streiks in den neutralen Ländern, am Ende des Jahres, durch militärischen Zusammenbruch hervorgerufen, die Revolution in Deutschland und Österreich-Ungarn. Die proletarische, ziemlich chaotische, ökonomische Massenbewegung breitete sich immer mehr aus. Im Jahre 1919 haben wir in Deutschland die blutigen Januar- und Märztage. Ende des Jahres 1919 in den Vereinigten Staaten die großen Streiks der Bergarbeiter und Eisenbahner. Und dann die tobende Wut der Bourgeosie, die Ausrottung der Arbeiterorganisationen. die Verhaftungen usw. Im Jahre 1920 erleben wir in Deutschland den Kapp-Putsch und dann die großen Kämpfe der bewaffneten Arbeiter und den Rachefeldzug der „Demokratie“. Für die Arbeiterschaft in Frankreich wird zum kritischsten Moment die Maifeier und die daran sich anschließenden Generalstreiks der Eisenbahner und anderer Arbeiter. In Rußland versucht die Rote Armee eine Offensive gegen Warschau, die auch in mancher Beziehung mit den Erwartungen und Hoffnungen auf die internationale Lage zusammenhing. Die Aktion mißlang, wie auch die große Massenaktion im September 1920 in Italien, wo die Arbeiter die Fabriken besetzten, jedoch die Partei vollständig versagte. Die Bewegung hat das Bürgertum aus seiner Demoralisation wachgerufen und direkt durch das Verhalten der Arbeiterpartei zum Angriff gestoßen, und wenn Herr Turati sagt, daß diese Bewegung angeblich gescheitert sei, weil die italienischen Arbeiter nicht reif genug seien, um die Fabriken zu besetzen und die Produktion zu übernehmen, so ist er deshalb im Recht, weil die italienischen Arbeiter bis zu diesem Moment ihre Reihen von Turati und den Serratisten nicht reinigten.
Der tschechoslowakische Generalstreik findet Dezember 1920 statt. Im Jahre 1921 haben wir die Märzkämpfe in Deutschland, den Bergarbeiterstreik in England, den Generalstreik in Norwegen — die größten Kämpfe, die die Welt je gesehen hat. Als Resultat dieser Kämpfe bleibt — das ist die Hauptsache — das Bürgertum immer noch obenauf. Und Herr Otto Bauer, der Theoretiker der II½-Internationale sagt, die Tatsache, daß das Bürgertum noch immer die Macht behält, bedeuteden Bankerott der III. Internationale Denn wir hätten ja immer damit gerechnet, daß die Weltrevolution in der letzten Epoche des Krieges oder unmittelbar nach dem Kriege stattfinden würde. Nun ist diese Einschätzung oder Prophezeiung oder Hoffnung vollkommen falsch und deplaciert. Wir haben ja nicht mit der II. Internationale eine Wette abgeschlossen, durch die wir verpflichtet wären, direkt die Revolution beim Abschluß des Krieges zu vollenden. Deshalb fühlen wir uns auch nicht verpflichtet, den Einsatz dieser Wette zu zahlen, d. hdie Führung des Proletariats an die II½-Internationale zu übergeben. Es handelte und handelt sich nicht um eine rein objektive, von uns unabhängige Tatsache, die man voraussieht und prophezeit wie eine astronomische Erscheinung, und bei der man einen Rechenfehler beging, es handelt sich um eine Tatsache, um die Machtergreifung, die durch die Menschen geschehen muß.
Das ist das Ziel, das wir anstreben, und wenn wir bis zu einem gewissen Datum dieses Ziel nicht erreichten, so bedeutet das nicht den Bankerott der III. Internationale.
Es ist nur erforderlich, die ökonomische und politische Weltlage und unsere prinzipielle Einstellung auf die Revolution genauer zu untersuchen. Warum haben wir im Laufe des Krieges,auch schon vor dem Kriege, auf dem Stuttgarter Parteitag der II. Internationale, die internationale proletarische Revolution mit dem Krieg in Zusammenhang gebracht? Darum, weil der Krieg, den man damals erst voraussah, eine Erscheinung vorstellte, die den ganzen ökonomischen Bau der Gesellschaft aus dem Gleichgewicht herausbringen mußte. Es fragt sich, ob diese Tatsache eingetreten ist und ob, wenn dem so ist. das Bürgertum, die herrschende Klasse, das Kapital im Laufe der drei Nachkriegsjahre etwa schon imstande war, das zerrüttete und untergrabene Gleichgewicht wieder herzustellen.
Genossen und Genossinnen! Die ökonomische Situation abzuschätzen, ist eine höchst komplizierte Sache. Die Statistik hinkt immer nach. Die ökonomische Statistik in der kapitalistischen Gesellschaft ist höchst ungenau, infolge der Anarchie der Wirtschaft selbst und sie wird wohl auch so bleiben. Dann ist der Krieg tatsächlich eingetreten, der nicht nur die Wirtschaft. sondern ihren gesamten Staatsapparat, die Statistik einbegriffen, vollständig aus dem Geleise gebracht hat. Die Zahlen, deren ich ziemlich viel vortragen werde, die Zahlen sind nicht ganz genau. Ich werde das bei den betreffenden Zahlen immer bemerken. Nun, die ungenauen Zahlen müssen uns dazu dienen, daß wir eben einen ungefähren Begriff von den Zuständen bekommen.
In den letzten Jahren operieren wir immer mit Milliarden hin und mit Milliarden her, ohne uns eigentlich Rechenschaft zu geben, was das vom Standpunkt der nationalen- oder der Weltwirtschaft bedeutet. Ich werde mit den einfachsten, elementarsten Tatsachen beginnen, mit der Gütergewinnung der Welt. Zuerst wollen wir mit der Landwirtschaft beginnen. Wenn wir den Ernteertrag des letzten Jahres 1920 mit dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre vor dem Kriege vergleichen, so finden wir. daß der Ernteertrag der Welt ungefähr der gleiche bleibt — er ist etwa um 20 Millionen Doppelzentner niedriger.
Wenn man aber Amerika außer acht läßt, so verändert sich das Bild vollständig. Der Ernteertrag war bei den kriegführenden Ländern Europas um 37 % niedriger als vor dem Kriege. Bei den neutralen Ländern blieb er fast unverändert, wie vor dem Kriege. Bei den überseeischen Ländern war er um 21% höher. Rußland dabei nicht mitgerechnet. Rußland hatte sich vor dem Kriege auf dem Weltmarkte ungefähr mit hundert Millionen Doppelzentnern im Durchschnitt beteiligt. Der Weltmarkt mußte in diesem Jahre, nach den Kriegsiahren, ungefähr auf 120 000 000 Doppelzentner verzichten. Bei den amerikanischen Farmern finden wir auch heute noch ziemlich große Vorräte von Getreide, die wegen des Sinkens der Preise auf dem Weltmarkte nicht zu realisieren sind.
Wenn wir die Viehzucht nehmen, so finden wir fast buchstäblicn dasselbe Bild. Der Viehbestand der Welt ist fast derselbe wie vor dem Kriege. Der Viehstand der kriegführenden europäischen Länder hat sich bedeutend verringert, der der neutralen Länder ist auf dem Vorkriegsniveau geblieben, der der überseeischen Länder ziemlich gestiegen. Nun aber finden wir, daß die Fleischpreise heute auf der Börse von Chicago — das ist die maßgebende Fleischbörse der Welt — niedriger sind als vor dem Kriege. Im Laufe der Kriegsjahre hat man soviel Menschen ausgerottet, aber es sind ihrer doch jetzt mehr als vor dem Kriege: Es sind achtzig Millionen Menschen mehr. Der Ernteertrag ist um 120 Millionen Zentner für den Markt geringer als vor dem Kriege, Fleischvorräte und Getreidevorräte sind vorhanden und nicht zu kaufen. Das bedeutet, daß die Welt ärmer und hungriger geworden ist. Das ist die erste einfache Tatsache:
Wenn wir die Weltkohlenförderung analysieren, so finden wir fast dasselbe Bild, aber noch schärfer ausgeprägt. Die Kohlenförderung der gesamten Welt machte im Jahre 1920 97 % der Kohlenförderung des Jahres 1913 aus, also weniger als vor dem Kriege. Davon lieferte Europa 18 % weniger, Nordamerika 13 % mehr als vor dem Kriege. In Baumwolle usw. ergibt sich ein ähnliches Verhältnis. Der Gesamtertrag aller Produktion ist etwas oder viel gesunken, Europa ist verkommen, Amerika gestiegen.
Nehmen wir jetzt das Nationaleigentum, nicht das Einkommen, sondern das Eigentum, das die Nationen heute besitzen. Die Zahlen über die Abschätzung des Nationaleigentums sind durchaus unsicher und schwankend. Aber sie genügen uns, damit wir doch diese Milliardenwirtschaft, diese Wirtschaft mit astronomischen Zahlen in einen festen materiellen W'rtschaftsrahmen einfügen können. Vor dem Kriege schätzte man das Nationaleigentum der kriegführenden Mächte auf 2400 Milliarden Goldmark, d. h. 2 Billionen vierhundert Milliarden Goldmark, das Nationaleinkommen derselben Länder auf 340 Milliarden Goldmark, als jährliches Einkommen auf der höchsten Höhe der ökonomischen Entwicklung. Was verbrauchte und vernichtete der Krieg? Die Summe wurde von verschiedenen Nationalökonomen verschiedentlich abgeschätzt. Aber man kann ungefähr annehmen, das der Krieg etwa 1200 Milliarden Goldmark vernichtet und verbraucht hat. Das ist nicht übertrieben. Das macht dann, wenn wir vier Jahre des Krieges rechnen, 300 Milliarden Goldmark jährlich. Das Nationaleigentum der kriegführenden Länder vor dem Kriege betrug also 2400 Milliarden Goldmark. Der Krieg verbrauchte und vernichtete genau die Hälfte dieser Summe. Nun vernichtete ja der Krieg nicht nur einen Teil des Nationaleigentums, sondern auch vieles von dem jährlichen Einkommen. Das jährliche Einkommen betrug am Höhepunkt der Entwicklung 300 Milliarden Goldmark, wovon — ich werde das hier nicht zu beweisen versuchen, aber das können Sie als eine ungefähre Feststellung annehmen — für den Krieg nicht mehr als ein Drittel, d. h. 100 Milliarden Goldmark aufzubringen waren. Denn die Gesellschaft existierte weiter und mußte verbrauchen, und auch der Produktionsapparat mußte normalerweise auf einer gewissen Höhe gehalten werden. Also von dem Nationaleinkommen konnte man im Laufe des Krieges 400 Milliarden Goldmark für den Krieg verbrauchen. Der Krieg verbrauchte aber insgesamt etwa 1200 Milliarden Goldmark, 800 Milliarden auch vom Nationaleigentum. Das bedeutet, ein Drittel des früheren Nationaleigentums wurde vernichtet und das Nationaleigentum der kriegführenden Länder nach dem Kriege betrug schon nicht mehr 2400 Milliarden, sondern 1 600 Milliarden Goldmark. Ein anderer Vergleich. Europa hatte Kapital in den verschiedensten Formen in anderen Weltteilen — 150 bis 200 Milliarden ‘Goldmark — angelegt. Also das Gesamtkapital, das Europa unmittelbar anwandte, um die anderen Weltteile zu expleitieren, betrug 150 bis 200 Milliarden Goldmark, der Verbrauch des Krieges war, wie gesagt, sechsbis siebenmal so hoch.
Betrachten wir jetzt den Notenumlauf. Vor dem Kriege hatte man in der ganzen Welt, in Mark ausgedrückt, für 28 Milliarden Noten. Jetzt hat man solche in der Höhe von 250 bis 280 oder vielleicht 300 Milliarden, d. h. zehnmal so viel. Was bedeutet das? Diese Tatsache hat eine sehr große Bedeutung für die weiteren Ausführungen. Das Fundament der kapitalistischen Gesellschaft in den kriegführenden Ländern Europas ist immer tiefer gesunken. Die Länder sind verarmt- Zur gleichen Zeit hat sich ein Notenüberbau herausgebildet, der sich auch Kapital nennt. Denn diese Notenscheine, die Staatsanleihepapiere, das nennt sich alles Kapital. Dieses Kapital ist aber einerseits die Erinnerung an das vernichtete, andererseits eine Hoffnung auf das zu gewinnende, nicht aber der Repräsentant des wirklich existierenden Kapitals. Aber es funktioniert als Kapital, als Geld, und das Bild der ganzen Gesellschaft, der gesamten Ökonomie wird dadurch verzerrt. Je ärmer die Gesellschaft wird, desto reicher erscheint sie sich selber im Spiegel dieses fiktiven Kapitals.
Nun aber bedeutet die Schaffung solchen fiktiven Kapitals, wie wir weiter sehen werden, auch die Verschiebung des Anteils der Klassen an diesem sich immer vermindernden Einkommen und Eigentum. Also das Nationaleinkommen ist vermindert, aber nicht in einem solchen Maße wie das Nationaleigentum. Das erklärt sich einfach dadurch, das man die Kerzen der kapitalistischen Wirtschaft an beiden Enden brennen ließ, daß man nicht nur aus dem Nationaleinkommen, sondern auch aus dem Nationaleigentum den Krieg und die Nachkriegswirtschaft finanzierte.
Es ist nun erklärlich, daß jemand, der sich seinem Ruin nähert, seine Aufmerksamkeit in erster Linie darauf richtet, nur das unmittelbar Notwendige zu verrichten, nicht aber das Fundament der Privatwirtschaft zu heben. So erklärt sich die Erscheinung, daß die europäische Wirtschaft auf dem Gebiete der Produktion der Konsumgüter, überhaupt der laufenden Produktion im großen und ganzen mehr leistet, als es dem wirklichen Niveau ihres Produktionsapparates entspricht, d. h.. daß man ungenügende Arbeitskräfte der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des Produktionsappartes zuweist, um die eingetretene Verarmung im ganzen Umfang nicht in Erscheinung treten zu lassen.
Diese Tatsache, daß der Produktionsapparat viel stärker zerrüttet wird als die laufende Produktion, gehört zu der wichtigsten fundamentalen Erfahrung der lebenden Gesellschaft. Man merkt zwar nicht, daß man keine oder nur sehr wenig Fabrikgebäude baut, und auch die alten nicht im gesunden Zustande erhält. Das merkt man nicht, weil wir jetzt in einer schweren Krise stehen und weil man auch nicht imstande ist, die vorhandenen Produktionsmittel auszunutzen. Bei den Wohnhäusern merkt man es aber sehr gut, weil die Vermehrung der Menschen weiter vor sich geht, auch in den Zeiten der Krise. Diese Menschen brauchen Wohnungen und man spürt den Mangel an Wohnungen in der ganzen Welt. Man brauchte viele Milliarden für diesen Zweck. Ihnen das vorzuführen, habe ich versucht- Aber ich will Sie mit diesen Zahlen nicht langweilen. Man brauchte also viele Milliarden, um die schreiende Wohnungsnot zu lindern. Das bedeutet den Beweis für die Zerrüttung, den Niedergang des gesamten Produktionsapparates, des Fundaments der Gesellschaft, der nicht so leicht in Ziffern abzuschätzen ist.
Diese Verarmung verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle Länder. Unter den kriegführenden Ländern finden wir Rußland auf dem einen Pol. Wir schließen es aus, weil es nicht zur kapitalistischen Welt gehört. Von Rußland wird in einem anderen Zusammenhang zu sprechen sein.
Österreich lassen wir auch beiseite, weil sich die österreichische Wirtschaft auch nicht mehr für die einfache Analyse eignet.
Also beginnen wir mit Deutschland. Deutschland einerseits und England andererseits sind zwei Enden in der Kette der kriegführenden Länder. Ich werde, um die ökonomische Situation Deutschlands zu charakterisieren, von den Ausführungen des Herrn Richard Calwer in seinem ziemlich interessanten Hefte über den Staatsbankerott ausgehen. Diese Frage. des Staatsbankerotts ist heute ziemlich wichtig für die deutsche Ökonomie geworden, und mit Recht. Richard Calwer schätzt die gesamte Gütergewinnung in Deutschland ab. Sie nach dem einfachen Quantum abzuschätzen, ist ziemlich unsicher; denn es handelt sich auch um die Qualität der betreffenden Waren usw. Er schlägt einen anderen Weg ein, der nicht zu unterschätzen ist. Durch Berechnungen, die ziemlich plausibel sind, kommt er zu dem Schluß, daß die Gütergewinnung im Jahre 1907 der Arbeitsleistung von 11,3 Millionen Erwerbstätiger gleich kam. Nun haben sich seither die Arbeitsverhältnisse vollständig verschoben. Die Arbeitszeit ist kürzer geworden, die Intensität der Arbeit ist gesunken usw. usw. Und er kommt zu dem Schluß, daß wir jetzt in Deutschland, wenn wir das in den Einheiten des Jahres 1907 ausdrücken, nicht mehr als die Arbeit von 4,8 Millionen gleichwertiger Arbeitskräfte haben, d.h. nicht mehr als 42 %.
Für die Landwirtschaft kommt Calwer zu demselben Resultat. „Auch hier“, sagt er, „komme ich zu dem Ergebnis, daß die Gütergewinnung in der Landwirtschaft der Menge und der Beschaffenheit nach bereits weit unter die Hälfte des Friedensstandes herabgesunken ist“.
Die Staatsschuld Deutschlands beträgt 250 Milliarden Mark. Wie es mit der deutschen Währung steht, ist ja weltbekannt. Der Notenumlauf beträgt jetzt ungefähr 80 oder 81 Milliarden. Davon ist gutes Geld nur etwa 5 Milliarden.
Also Calwer kommt zu dem Ergebnis, daß der innere Wert der Mark ungefähr 6—7 Pfennige beträgt. Man hatte ja die Tatsache ausbeuten wollen, daß Deutschland ‚der siegreichste“ Staat auf dem Weltmarkt in den Jahren 1919 und 1920 war, gerade dank seiner schlechten Valuta, und ich habe ein Zitat aus dem französischen Blatte „Le Temps“ vom 29. April aufbewahrt, wo es buchstäblich heißt:
„C’est enorme avantage, qu’est dü avant tout & la depreciation du mark, l’Allemagne aurait pu en profiter pour acquitter peu ä& peu la dette des r&eparations.“
Diesen enormen Vorzug, der in der Bewertung der deutschen Mark besteht, könne Deutschland ausnutzen, um seinen Schulden gerecht zu werden. Wie ich früher gesagt habe: Durch die Verarmung, die sich in dem Zerrbild des fiktiven Kapitals abspiegelt und durch die sich die Gesellschaft über sie selbst täuscht, kommt man zu dieser vollständig tollhäuslerischen Aufassung, daß Deutschland den enormen Vorzug habe, eine vollständig entwertete Valuta zu besitzen, und dadurch in der Lage sei, auf Kosten der Verarmung der ganzen Wirtschaft, des Produktionsapparates, den Franzosen und Engländern zu niedrigen Preisen seine Waren in der Schleuderkonkurrenz zu verkaufen.
Calwer kommt nach seiner Analyse zum folgenden Ergebnis, das ich wörtlich vortragen werde:
„Dieser Schluß der verhängnisvollen Währungs- und Finanzpolitik wird aber heute ein gewaltsamer sein müssen, da bei dem allgemeinen Stande der Volkswirtschaft eine allmähliche Rückkehr zu geordneten Verhältnissen des Geldmarktes und der staatlichen Finanzen völlig ausgeschlossen ist. Das gewaltsame Ende der Entwicklung ist aber schließlich nichts anderes als der förmliche Staatsbankrott, der die längst eingetretene tatsächliche Zahlungsunfähigkeit des Staates endlich auch äußerlich bekundet.“
Also der Staatsbankrott. Wenn wir das wiederum in materiellen Größen ausdrücken, so kommen wir zu folgendem Schluß: Deutschland besaß vor dem Kriege 225 Milliarden Goldmark an Eigentum, 40 Milliarden Goldmark an Einkommen. Das war der Höhepunkt. So hat es, wenn ich nicht irre, Helfferich, eingeschätzt, wobei er sich auf statistische Untersuchungen stützte. Jetzt wird das deutsche Eigentum auf hundert Milliarden Mark eingeschätzt, und das Einkommen auf 16 Milliarden Mark. Das alles ist selbstverständlich nur ungefähr richtig, aber es genügt, um uns ein Bild der Wirklichkeit zu geben. Wenn wir die deutsche ökonomische Entwicklung verfolgen, so finden wir, daß sich das deutsche Nationaleinkommen in der letzten Sturm- und Drangperiode der ökonomischen Entwicklung vor dem Kriege, von der Mitte der neunziger Jahre bis zum Anfang der Krise 1913/14, jährlich ungefähr um eine Milliarde erhöhte.
Das Einkommen Deutschlands betrug nämlich in der Mitte der neunziger Jahre 22 Milliarden Goldmark, vor dem Kriege 40 Milliarden Goldmark, was also im Laufe von 28 Jahren im Durchschnitt um jährlich 4 Milliarden Mark mehr bedeutete, und ist — selbstverständlich mit anderen sozialen Konsequenzen — in die Situation versetzt worden, in der es vor der letzten Sturm- und Drangperiode des deutschen Kapitals gewesen ist, die es zum modernen Deutschland gemacht hat. Unter den gegebenen Verhältnissen ist es ganz klar, daß Deutschland die Schuldenlasten und die sogenannten Reparationsverpflichtungen nicht zu zahlen imstande sein wird, und der Staatsbankrott ist von einem so rechtsstehenden Nationalökonomen wie Calwer als absolut unausbleiblich verkündet worden. Und jetzt können sie ziemlich viele deutsche Bücher über den Staatsbankrott vom Standpunkt der Philosophie, der Moral, des Rechtes und so weiter, lesen. Mit Moral oder ohne Moral, den Staatsbankrott werden die Herren doch machen müssen.
Frankreich ist ein Land, das, wie seine bürgerlichen Zeitungen behaupten, seine Wunden ausheilt. Es ist unbestreitbar, daß Frankreich auf gewissen Gebieten in der Nachkriegszeit manchen Erfolg aufzuweisen hat. Aber diese Erfolge zu überschätzen, hieße einen großen Irrtum begehen. Die Zahlen der französischen Wirtschaft herbeizubringen, ist sehr schwierig, denn dort verheimlicht man viel mehr als in anderen Ländern. Das macht das französische Bürgertum, das macht der französische Staat. Man muß sagen: In der kapitalistischen Presse Frankreichs lügt man am meisten, vielleicht auch in der ökonomischen Statistik. Ich habe zum Beispiel bis jetzt in den französischen Zeitungen die Angaben über die Produktion von Gußeisen im Jahre 1920 nicht finden können. Aber wenn wir die vorhandenen Zahlen vergleichen, so finden wir, daß Frankreich in der Landwirtschaft auf dem Gebiete der Viehzucht verarmt ist. 1913 hatte es ungefähr 15 Millionen Stück Rindvieh. jetzt 12,8 Millionen Stück, Pferde im Jahre 1913 7 Millionen Stück, jetzt 4,6 Millionen Stück.
Die Weizenproduktion betrug im Jahre 1913 86 Millionen, jetzt 63 Millionen Doppelzentner. Im Jahre 1913 betrug die Förderung an Kohle 41 Millionen Tonnen, jetzt mit Elsaß- Lothringen und dem Saargebiet nur 35,6, ohne diese neuerworbenen Gebiete 25 Millionen Tonnen, also nicht viel über die Hälfte des Jahres 1913, usw. Man muß dabei in Betracht ziehen, daß Frankreich seine Wunden nicht durch die Reorganisation der Wirtschaft, sondern in erster Linie durch die Ausplünderung Deutschlands und der Kolonien heilt. Also die Verbesserung der Situation in Frankreich bedeutet nicht die Hebung der Wirtschaft im großen und ganzen, sondern nur die Versetzung der Güter aus Deutschland nach Frankreich, wobei, das ist das wichtigste, Deutschland anderthalb bis zweimal so viel verliert als Frankreich bekommt.
Die Handelsbilanz Frankreichs 1919 weist ein Passivum von 24 Milliarden Frank auf, das ist der Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr. Im Jahre 1920 betrug es 13 Milliarden. Also in diesen zwei Jahren der Besserung, der Wiederherstellung ist Frankreich in seinem Außenhandel um 37 Milliarden Frank passiv geworden. Was das für die französische Valuta bedeutet, ist leicht zu verstehen. Es ist ja wahr, daß in dem ersten Viertel des laufenden Jahres 1921 Frankreich kein Passivum mehr in seinem Außenhandel aufweist, und es herrscht großer Jubel darüber in der Presse, auch im Parlament, daß in den ersten drei Monaten des Jahres 1921 die französische Einfuhr der Ausfuhr ziemlich gleichkommt. Nun aber sagt das gescheiteste französische Blatt „Le Temps“ vom 18. Mai d. J. folgendes:
„L’amelioration de notre balance commerciale est due surtout & la diminuation des entrees de matieres premieres, et cette diminuation se traduira sans doute dans peu de mois par une moinsvalue sensible des sorties d’objets fabriques.“
Also nicht die Hebung der Wirtschaft und der Ausfuhr, sondern die Verminderung der Einfuhr, des Rohstoffs, d. h. die Verringerung der Produktion von morgen hat die Handelsbilanz günstiger gestaltet. Die Staatsschuld Frankreichs beträgt 303 Milliarden, zehnmal so viel als im Jahre 1913. Dazu kommen die Wiederherstellungskosten, die man auf Deutschlands Buckel abzuwälzen versucht, im Betrage von 180 Milliarden Frank, zusammen ein halbes Trillion. Der Notenumlauf im Juni 1915 war weniger als 3 Milliarden Frank, im Juli 1920 fast 39 Milliarden Frank, d. h. siebenmal höher.
Das französische Budget bietet das Bild der vollständigen Zerrüttung, der hoffnungslosen Zerrüttung der französischen Wirtschaft. Es beläuft sich für das laufende Jahr für ordentliche Ausgaben auf 23 Milliarden Frank, für die außerordentlichen Okkupationsausgaben 5½ Milliarden Franks und für die Reparationsausgaben 23 Millionen Franks, zusammen über 51 Milliarden Franks. Was gibt nun der französische Steuerzahler? Er hat bis jetzt so viel gegeben, daß man die ordentlichen Einnahmen auf 17 Milliarden Frank einschätzt.
Also von dem Staatsetat, von dem Budget muß man für die Tilgung der Schulden jährlich 15 Milliarden Frank bezahlen, 5 Milliarden Frank für die Armee und für die Bürokratie, zusammen 20 Milliarden Frank nur für die Schuldzinsen und für die Erhaltung des Staatsapparates; und das ist nur zu einem Teile, 17,5 Milliarden durch die ordentlichen Einnahmen gedeckt. Das ordentliche Defizit beläuft sich daher auf 5½ Milliarden Frank, ohne die famosen Reparationsverpflichtungen in Betracht zu ziehen. Wenn Sie das französische leitende Finanzblatt „L’information“ in die Hand nehmen und dort die Artikel seines Leiters, Leon Chavenon, lesen, so finden Sie folgendes:
„Man muß die Verkoppelung der Staatsfinanzierungen mit der Notenpresse aufrechterhalten d. hdie Inflation, den Druck des Papiergeldes weiter fördern.“
Er verheimlicht nicht die Ursachen, er sagt: „On ne se soustraira pas ä linflation que par la faillite ouverte.“
Es gilt die Alternative, entweder die Ausgaben durch dieses Papiergeld zu decken, d. h. der Staat bleibt immer der Hochstapler, der die ganze Welt durch Falschmünzerei, durch falsches Geld betrügt, oder man muß offen den Bankrott zugeben und öffentlich erklären: „On ne se soustraira pas a l’inflation que par la faillite ouverte“.
Der leitende Finanzjournalist Frankreichs und der rechtsstehende Sozialdemokrat, ich weiß nicht genau, ob er zu den Rechtsstehenden gehört oder nicht, sie kommen zu dem gleichen Resultat: Es gibt keinen Ausweg, nur den offenen Staatsbankrott, oder das Weiterwursteln mit der Papiergeldpresse. So sieht es im siegreichen Frankreich aus, das jetzt die Führung in Europa unbestritten in den Händen hat.
England erschien während des Krieges als das Land, das auch von dem Kriege profitiert habe. In der trefflichen Broschüre des Genossen Varga, mit dem wir zusammen Ihnen die Thesen vorlegen, finden wir eine Charakteristik der englischen Situation, die sehr vorsichtig ist, und die durch die später veröffentlichten Tatsachen und Ziffern in dem Sinne zu korrigieren ist, daß die Situation Englands, vom Standpunkt des Kapitalismus aus, hoffnungsloser ist, als es vor kurzem schien. Die -englische Landwirtschaft hat sich für die Zeit des Krieges durch enoıme Zuschüsse des Staates gehoben. Jetzt geht sie auf das Voıkriegsn veau zurück. In der Kohlenproduktion hatte England das Monopol, sie belief sich im Jahre 1913 auf 287 Millionen Tonnen, im Jahre 1920 auf 233 Millionen Tonnen, also 80 % der Förderung von 1913, Gußeisen 10½ Millionen Tonnen im Jahre 1913, 8 Millionen Tonnen im Jahre 1920, also ungefähr auch 80% der Produktion des Jahres 1913: Wie es im Jahre 1921 stent, ist ja bekannt. Wegen des Kohlenarbeiterstreiks und seiner Auswirkung sank die Kohlenproduktion im Januar auf 19, im Februar auf 17, im März auf 16 Millionen Tonnen.
Kohlenausfuhr, die wichtigste Ausfuhr Englands, auf der immer die allgemeine Ausfuhr basierte, betrug 1913 73 Millionen Tonnen, 1920 25 Millionen Tonnen, also 34 %, ungefähr ein Drittel der Ausfulır des Jahres 1913.
Für die fünf Monate des laufenden Jahres beläuft sich die Ausfuhr etwa auf 48 % der Ausfuhr für die fünf ersten Monate des Jahres 1920. Der Außenhandel im ganzen, wenn man ihn nach den Gütern und nicht nach seinen Schattenbildern in den Preisen abschätzt, ist im Jahre 1920 um ein Drittel niedriger als im Jahre 1913. Für den Monat Mai bringt uns die letzte Nummer des führenden Wirtschaftsblattes, die Zeitschrift „Economist“, folgende Angaben:
Die Ausfuhr im Jahre 1920, betrug im Mai 119 Millionen, 1921 — 43 Millionen. Das ist schon nicht in den Waren, Gütern sondern in den Preisen ausgedrückt, also eine Verminderung um 64%, was die allgemeine Krise verursacht. An dem englischen Budget, an der Staatsschuld sehen wir dieselbe Erscheinung, nur nicht so weit ausgeprägt. Die englische Staatsschuld betrug vor dem Kriege 700 Mill. Pfund Sterling. jetzt am 4. Juni 1921 nicht mehr und nicht weniger als 7709 Milliarden Pfund Sterling. Das bedeutet elfmal soviel als vor dem Kriege. Das Budget für die Armee und Flotte allein wies vor dem Kriege 86 Millionen, jetzt 237 Millionen Pfund Sterling auf, d. h. fast dreimal so viel. Und wenn Sie die Berichte der leitenden Administratoren der Banken und der Industrie für die Monate, März und April verfolgen, so finden Sie die Feststellung, daß das Nationaleigentum Englands jetzt um ein Drittel oder ein Viertel niedriger ist als vor dem Kriege. Ob um ein Drittel oder ein Viertel, ist schwer festzustellen. Die englische Währung: das ist der prägnanteste Ausdruck des englischen Niederganges. Das englische Pfund Sterling ist jetzt nicht mehr das alte Pfund Sterling. Es ist nicht mehr das, was in seinem Weltreisepaß steht. Dort steht, daß es nicht mehr — heute oder gestern — als 76 % dessen ist, was es zu sein vorgibt. Und das charakterisiert am besten den Mangel an Stabilität in dieser Zeit, wo das stabilste, das absoluteste, das unbestrittenste Ding der Welt, der englische Souvereign, der auch den Namen „Herrscher“ führt. seine alte Stellung verloren hat und zu einer relativen Größe geworden ist. Zu der Zeit, wo man in Deutschland so viel mit der Relativität in der Philosophie zu schaffen hat, ich meine die Philosophie von Einstein, ist vielleicht die deutsche Philosophie als Revanche gegenüber der englischen Wirtschaft aufzufassen, daß nämlich das englische Pfund Sterling relativ geworden ist: Die Deutschen haben sich in der Zeit ihrer ökonomischen Misere immer philosophisch revanchiert.
Es gibt aber auch Länder, die sich gehoben haben. Und das ist in erster Reihe Nordamerika und in zweiter Linie Japan. Wir haben hier eine Tatsache, die von weltgeschichtlicher Bedeutung ist und die man sich immer vor Augen halten muß, wenn man die Weltsituation abzuschätzen versucht. Das Schwergewicht der Wirtschaft liegt nicht mehr in Europa, sondern in den Vereinigten Staaten. Europa ist verkommen und im großen und ganzen verkommt es immer mehr. Die Vereinigten Staaten haben sich in dieser Zeit riesig entwickelt. Die Vermehrung des Viehstandes, Pferde, Rindvieh ist nicht sehr bedeutend. Bei Pferden beträgt der Zuwachs von 20 Millionen auf 22 Millionen Stück, bei Rindvieh von 62 auf 68 Millionen. Wenn wir die Kohle nehmen, so finden wir im Jahre 1913 die Förderung von 517 Millionen Tonnen, im Jahre 1920 580 Millionen Tonnen, eine ziemlich bedeutende Vermehrung. Petroleum 248 Millionen Barrels im Jahre 1913, im Jahre 1920 442 Millionen. Ein gewaltiger Aufstieg. Bei Baumwolle und Eisen fast das Vorkriegsniveau. Im Bau von Seeschiffen ein ungeheurer Aufstieg. Im Jahre 1913 baute man Schiffe von 276 000 Tonnen Gehalt, im Jahre 1919 4 075000 Tonnen, im Jahre 1920 — 2 746 000 Tonnen. Durch diesen Schiffbau haben sich die Vereinigten Staaten die führende Macht auf diesem Gebiet erobert. Wenn vor dem Kriege England mehr als die Hälfte der Welttonnage besaß und die Vereinigten Staaten nur 5%, so hat sich das Verhältnis vollständig verschoben. Jetzt besitzt England nicht mehr als 35 % und die Vereinigten Staaten 30% Welttonnage. In der Industrie der Automobile, das ist allgemein bekannt, baute man im Jahre 1913 etwas weniger als 900 000 Automobile ım Jahre, im Jahre 1920 2 350 000 Stück. Jetzt besitzen die Vereinigten Staaten 8½ Millionen Automobile, also auf 12 Köpfe der Bevölkerung je ein Automobil. Die gesamte übrige Welt besitzt 1400000. Die Ausfuhr hat sich 2½mal so groß gestaltet, als in der Vorkriegszeit. Es ist eine große innere Verschiebung und Umgestaltung in der Ausfuhr eingetreten, die von größter Wichtigkeit für die Weltwirtschaft ist. Nämlich vor dem Kriege im Jahre 1905 führten die Vereinigten Staaten ein Drittel an Fertigfabrikaten aus, zwei Drittel an Lebensmitteln und Rohstoffen. Jetzt hat sich das Verhältnis umgedreht, man führt 60 Prozent Fertigfabrikate und 40 Prozent der Lebensmittel und Rohstoffe aus. Das bedeutet, daß die Vereinigten Staaten zu dem führenden Industrieexportlande geworden sind. Im Laufe der letzten sechs Jahre von 1915 bis 1921 beträgt der Exportüberschuß der Vereinigten Staaten 18 Milliarden Dollar. Und wenn wir uns jetzt den Anteil der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft vorstellen, so können wir das durch folgende Zahlen charakterisieren: Die Vereinigten Staaten besitzen 6 Prozent der gesamten Bevölkerung der Welt, 7 Prozent der Oberfläche der Erde, in der Produktion liefern sie 20 Prozent des Goldes, 25 Prozent des Weizens, 30 Prozent der Handelsschiffe, 40 Prozent des Eisens, 40 Prozent des Bleis, 50 Prozent des Zinks, 45 Prozent der Kohle, 60 Prozent des Aluminiums, 60 Prozent des Kupfers, 60 Prozent der Baumwolle, 66 Prozent des Petroleums, 85 Prozent der Automobile.
Das kommt in der führenden Rolle des amerikanischen Dollar auf dem Weltfinanzmarkt zum Ausdruck. Die Verschuldung Europas an die Vereinigten Staaten von 18 Milliarden Dollar vergrößert sich täglich durch Nichtbezahlung der Zinsen und durch die neuen Kredite um 10 Millionen Dollar. Die Frage der europäischen Verschuldung an die Vereinigten Staaten ist eine der wichtigsten Fragen der Weltpolitik.
Japan hat ziemlich viel von dem Kriegsmarkt einerseits, von dem Verschwinden der europäischen Industrieländer vom Weltmarkt andererseits profitiert. Zwar bei weitem nicht so viel wie die Verein. Staaten, weil sein Produktionsapparat kleiner ist. Ich werde die Zahlen nicht vortragen, ich werde nur eine angeben, nämlich die der Kohlenförderung, die im Jahre 1913 56 Millionen Tonnen betrug, im Jahre 1920 76 Millionen, also um 36% mehr. Andere Industriezweige haben ein treibhausartiges Tempo der Entwicklung eingeschlagen, so die Glasindustrie. Jetzt aber, wo die europäischen Länder auf den Weltmarkt zurückkommen, erweisen sich die japanischen Kapitalisten nicht imstande, die eroberte Position zu halten. In Japan haben wir jetzt nicht weniger als 2,376,000 Arbeiter in der Industrie, wovon 270,000, also 12% gewerkschaftlich organisiert sind, was für ein zurückgebliebenes Land mit noch immer vorhandenen halbfeudalen Verhältnissen viel bedeutet. Was diese Zahl des Proletariats bedeutet, das wird jeder verstehen, der Die Rolle des russischen Proletariats verstanden hat.
Bevor ich, Genossen und Genossinnen, zu dem Kernpunkte der Frage übergehe, ob dieses Bild im Sinne der Wiederherstellung des Gleichgewichts durch die Entwicklung verändert wird, will ich eine kurze Bemerkung machen. Die Statistiker und Ökonomisten des Kapitalismus, seine Minister, können ja sagen, die Wirtschaft Rußlands habe sich in dieser Zeit auch nicht gehoben. Über die wirtschaftliche Lage Rußlands wird Gen. Lenin referieren. Ich will in einem ganz anderen Zusammenhange über diese Frage ein paar Worte sagen. Der amerikanische Staatssekretär Herr Hughes hat in einem Briefe an den berüchtigten Herrn Gompers geschrieben, es habe keinen Sinn, mit Rußland ökonomische Beziehungen anzuknüpfen, denn Rußland bedeute jetzt ein gigantisches Vacuum. Und man könne die Verarmung, die Verkommenheit der russischen Wirtschaft nicht auf die Blockade und den Bürgerkrieg zurückführen, meint Herr Hughes, weil auch diejenigen Zweige der Industrie zurückgegangen sind, die vor dem Kriege auf eigenen Beinen standen, und weil der Bürgerkrieg bei weitem nicht soviel Leute mobilisierte, wie es der große Krieg getan hat. Nun, das letzte Argument — Herr Hughes möge das entschuldigen — ist sehr geistreich, denn in der Verkommenheit der russischen Wirtschaft ist doch auch die russische Mobilisation inbegriffen. Nun aber ist das Argument in anderer Hinsicht falsch, denn im großen imperialistischen Kriege hat der Zarismus die wichtigsten qualifizierten Arbeitskräfte in den Fabriken gelassen. Er brauchte sie nicht so für den Krieg wie wir. Er hatte seinen Adel, gedrillte Offiziere. Unser Kriegsapparat in der schlimmsten Zeit bestand in erster Linie aus den qualifizierten Arbeitern, die wir überhaupt erst als Soldaten ausbilden mußten. Dieses Geheimnis kann ich jetzt verraten, weil wir in der Demobilisation stehen. Wir hatten ia in der Zeit, wo wir an vier Fronten zu tun hatten, 5,300,000 Mann in der Armee und davon nicht weniger als ½ Millionen qualifizierte Arbeiter. Und das bedeutet für die Wirtschaft den schwersten, unerträglichsten Verlust. Andererseits vergißt Herr Hughes vollständig, daß das kapitalistische Rußland einen Teil des Weltkapitalismus bildete und sich an der Arbeitsteilung des Weltmarktes beteiligte. Wir leiden auch heute unter dem Mangel an den relativ unbedeutendsten und winzigsten Gegenständen, die wir vor dem Kriege nicht produzieren konnten, deren Produktion jetzt im Laufe der Blockade und des Bürgerkrieges zu organisieren für uns vollständig unmöglich war. Die Freunde, die unsere Wirtschaft leiten, haben ein paar Beispiele dieser Art gegeben. Z. B. wir brauchen runde und flache Drahtseile für das Bergwerk. Niemals hat man sie bei uns selbst produziert. Die Bergwerke des Donezgebietes leiden ungeheuer unter dem Mangel an Drahtseilen. Jeder weiß, daß die Metallsiebe, die bei der Papier-Anfertigung notwendig sind, und die immer aus Deutschland und England importiert worden waren, nicht bei uns gemacht worden sind. Somit leiden auch die Zweige der Produktion, die vor dem Kriege auf eigenen Beinen standen, ungeheuer. Nun ist es selbstverständlich, und das zu beweisen ist gut möglich, daß kein anderes Regime unter den gegebenen Verhältnissen, nach dem ersten imperialistischen Krieg auf der Basis der vollständigen Zerrüttung der ersten Armee und der kapitalistischen Wirtschaft, daß kein anderes Regime im Laufe von 3 Jahren einen neuen Krieg hätte führen, die Armee verpflegen, bewaffnen können usw., ohne dabei nicht vollständig zugrunde zu gehen, nur das Sowjetregime konnte das. Selbstverständlich habe ich nicht die Absicht, unsere großen Fehler auf diesem Gebiete zu leugnen.
Genossen und Genossinnen, wir müssen doch die Hauptfrage beantworten. Ja, wenn wir dann sagen, das mag alles ganz richtig sein und es ist unbestreitbar, daß der Produktionsapparat Europas trotz der Einrichtung mancher Fabriken im Großen und Ganzen verkommen ist, daß das Nationaleigentum der kriegführenden Länder um ein Drittel niedriger ist, als vor dem Kriege und so weiter, was nun? Aber wir haben nach dem Kriege schon eine Wiederkehr des normalen ökonomischen Lebens beobachtet. Man hatte ja die Hochkonjunktur des Jahres 1919 und Anfang 1920. Dann ist die Krise eingetreten, also das ist fast schon ein Zeichen, daß alles auf dem richtigen Geleise ist. Das ist die Automatik der kapitalistischen Wirtschaft, die wieder einkehrt unddamit die kapitalistische Wirtschaft ins Gleichgewicht bringt. Das ist die Hauptfrage. Zuerst werde ich kurz diese Epoche der Konjunktur charakterisieren, die ich beiläufig in den Angaben, ohne es zu sagen, charakterisiert habe, indem ich die Produktion der letzten zwei Jahre vorführte.
Die Hochkonjunktur ist im Frühling des Jahres 1919 eingetreten. Die ganze kapitalistische Welt wartete auf die große Krise und hatte die heilige Furcht vor den Konsequenzen dieser Krise. Man hat sich auf diese Krise vorbereitet und ist aus der Kriegskonjunktur in die Nachkriegshochkonjunktur hineingegangen, fast ohne zum Ausdruck kommende Hemmungen. Die Bourgeoisie war sehr lebendig. Die Preise gingen im Jahre 1919 und 1920 fieberhaft in die Höhe. Die Spekulation machte die besten Geschäfte. Mit der Produktion war es aber ganz anders. Das sieht man an den Beispielen Englands, Frankreichs und insbesondere an Öst- und Mitteleuropa, wo der Niedergang in der Zeit der sogenannten Hochkonjunktur keinen Stillstand aufweisen konnte. In den Vereinigten Staaten war diese Hochkonjunktur auch nicht in allen Zweigen zu verzeichnen, denn man mußte ja die Kriegsindustrie wieder umstellen in die Friedensindustrie, also in die Produktion von Kohle, Petroleum, Automobilen und Schiffen. Und hatte die Industrie eine Hochkonjunktur? Es war eben eine Handels- und insbesondere eine Speknlationshochkonjunktur. Das ist auch leicht erklärlich. Die Hochkonjunktur nach dem Kriege hatte zwei Ursachen: eine ökonomische und eine politisch-finanzielle. Die ökonomische Ursache bestand darin, daß, nachdem der Krieg aufhörte, die Lebensmittelmärkte an Bedeutung gewannen. Die Preise waren enorm in die Höhe gegangen und die Kapitalien, die bei den Kriegsschiebern akkumuliert worden sind, hatten sich auf dieses Gebiet des Handels und der Spekulation geworfen und enorme Profite herausgeschlagen.
Das ist ermöglicht worden durch die Tatsache, daß der Staat, der vor dem Übergang zu den Friedensverhältnissen die größte Angst hatte, einfach die Kriegsverhältnisse auch für die Friedenszeit aufrecht erhielt. Man setzte auch in der Friedenszeit die Inflation, d. h. die Ausgabe des Papiergeldes, die Ausgabe von Zuschüssen zu den Arbeitslöhnen durch den Staat, die Kontrolle über die Aus- und Einfuhr usw. fort. Und die Militärzensur und die Diktatur der Soldateska ha: sich ebenso auch nach dem Kriege bewährt. Dadurch ist die spekulative Kriegskonjunktur zu einer Nachkriegskonjunktur geworden, ohne daß sich dabei die Produktion wirklich gehoben hätte Im Gegenteil, die Produktion geht in manchen Staaten weiter zugrunde. Was die Inflation betrifft, so wird sie am besten dadurch charakterisiert, daß in Frankreich die Summe der Banknoten von 30 auf 38 Milliarden, in Deutschland von 2 auf 63, in Italien von 9 auf 22 Milliarden usw. gestiegen sind. Wenn wir Berlin, Paris, London, New-York nehmen und das als Niveau der Wirtschaft vor dem Kriege betrachten, so werden wir ungefähr, rein schematisch, vom Standpunkt Jer Ziffern, — ich wollte das auch ziffernmäßig zum Ausdruck bringen, das würde aber eine enorme Zeit in Anspruch nehmen — das gleiche Niveau wie vor dem Kriege bekommen. Jetzt, nach dem Kriege und nach der Epoche der spekulativen Prosperität haben wir dieses Niveau: Deutschland ist verarmt, der Produktionsapparat ist viel ärmer als vor dam Kriege. Frankreich weniger verarmt, London noch weniger, New-York, die Vereinigten Staaten haben sich bereichert. Wenn wir jetzt die Preise in Betracht ziehen, so betrachten wir die Preise, wenn Sie wollen, auch den Banknotenumlauf. Und in Deutschland haben sich die Preise im Laufe dieser Prosperität um das Siebenfache vergrößert, in Frankreich weniger, in England noch weniger, in den Vereinigten Staaten viel weniger. Also der Unterschied zwischen der Produktion und ihrem Überbau infolge der Preise ist hier ein geringer und in Deutschland ein enormer. Je ärmer das Land, desto reicher gibt es vor zu sein, wenn man seine fiktiven Werte als reale Werte betrachtet, seine Staatsschulden, seine Banknoten usw. Das ist die wirkliche Darstellung der letzten Konjunktur, die eine Spekulationshochkonjiunktur war. Aber diese fiktive Hochkonjunktur, die im Grunde zu der weiteren Verarmung der kriegführenden Länder führte, spielte eine reale politische Rolle. Es wird gesagt, und das schreibt ausführlich ein englischer Professor, der in der Jahresschau des ..Manchester Guardian” einen sehr interessanten Artikel publiziert hat, daß der gefährlichste Moment für uns, d. h. für die herrschende Klasse, das Jahr 1919 war. Denn, sagt er. die Leute, die vom Kriege zurückgekommen sind, waren ganz ungeduldig auf die ökonomische Situation „and the impatience of men fresh from battlefields is dangerous“ (und die Ungeduld der Leute, die frisch vom Schlaclhıtfelde gekommen sind, ist sehr gefährlich). Und da haben wir uns, fügt er hinzu, auf diese Gefahr vorbereitet dadurch, daß wir sehr viel Geld in Bewegung setzten, immer. neue Millionen. Der Staat blieb weiter als der größte künstliche Markt. Die Arbeiter bekamen gewisse Staatszuschüsse zum Lohn in verschiedener Form, und dadurch hat sich der Kapitalismus über diese gefährliche Epoche der militärischen Demobilisation hinübergerettet. Also diese fiktive Hochkonjunktur half dem Kapitalismus, seine Position zu behalten.
Wir müssen aber jetzt fragen: diese Hochkonjunktur hat diese Arbeit geleistet; auf verschiedenen Gebieten hat sie die Produktion doch gehoben, was ja beweist, daß sie imstande ist. sich auch weiterhin zu heben. Muß es nicht so aufgefaßt werden, daß in dem Moment, wo nach den Revolutionsversuchen oder nach den mißlungenen Revolutionen, wo die Hochkonjunktur einsetzt, dio Revolution schon vorbei ?st. Man stützt sich dabei auf die bekannten Ausführungen von Marx und Engels 1850—51. Ich glaube in unserem politischen Leben wird die Kommunistische Internationale in der nächsten Zeit mit dieser Frage sehr viel zu tun haben, insbesondere, wenn wir jetzt in eine neue, bessere Konjunktur eintreten werden, was ja nicht ausgeschlossen ist. Ich werde das Zitat vorlesen. Engels sagt hier von Marx: „Es wurden ihm, Marx, aus den Tatsachen vollständig klar, daß die Holzhandelskrise von 1847 die eigentliche Mutter der Februar- und Märzrevolution gewesen und daß die seit Mitte 1848 allmählich wieder eingetretene 1849—1850 zur vollen Blüte gekommene industrielle Prosperität die belebende Kraft der neu erstarkten europäischen Reaktion war. Das war entscheidend.“
Und im Herbst 1850 schrieben Marx und Engels:
. . . Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krise, Sie ist aber ebenso sicher wie diese.“
Nun stützen sich auch jetzt manche Genossen, — auch in der Kommission, die von der der Exekutive eingesetzt ist, war davon die Rede, — darauf, daß die Krise die Mutter der Revolution sei, die Prosperität sei sozusagen die Totengräberin der Revolution. Wenn eine Hochkonjunktur eintrete, sei es mit der Revolution zu Ende. Nun, Genossinnen und Genossen, das Zitat, das ich vorgelesen habe, hat die größte Wichtigkeit, und es ist in diesen Worten nicht ganz genau formuliert. In der Prophezeiung ist es falsch, und Engels gibt es selbst zu, daß das nicht eingetreten ist. Die Krise war keine Ursache der Revolution und auch die Krise von 1847 war ja nur in dem bedingten Sinne des Wortes die Mutter der Revolution. Die Revolution von 1848 ist aus dem Drange des Kapitalismus entstanden, der an die Ständeverhältnisse anstieß und gegen sie kämpfte. Die Revolution von 1848 hat mit dem Zunftwesen, mit den Überbleibseln der Leibeigenschaft ziemlich aufgeräumt und dadurch dem Kapitalismus neue Möglichkeiten der Entwicklung gegeben. Unter diesen Verhältnissen und nur unter diesen Verhältnissen konnte die Hochkonjunktur des Jahres 1849—50 und weiter ein Punktum in der Entwicklung der Revolution bedeuten. Also die ıırise war der letzte Anstoß der Revolution, die aus den sozialen Verhältnissen, der Entwicklung des Kapitalismus in einem feudalen Rahmen herausgewachsen war, und die Hochkonjunktur der letzte Anstoß für das Ende der Revolution, nachdem diese Revolution die wichtigste unmittelbare Aufgabe, das Hinwegfegen des Zunftwesens usw., vollbracht hatte. Wenn man das mißachtet, so wird das Zitat vollständig mißverstanden.
Und überhaupt erschöpft sich die Entwicklung des Kapitalismus nicht in diesen Zyklen, die die Hochkonjunktur, dann die Spannung, die Depression, die Krise, dann deren allmähliche Entspannung usw. bedeuten. Die Entwicklung des Kapitalismus erschöpft sich nicht darin und wird dadurch in ihrem geschichtlichen Umfang nicht charakterisiert. Denn der Kapitalismus hat zweierlei Bewegungen. Die primäre Bewegung ist die, die in der Entwicklung der Produktivkräfte besteht. Also die Kurve geht nach oben und dieses Nachobengehen geschieht in Schwankungen, in Oscillationen, das sind die Schwankungen der Krisen und der Hochkonjunktur. Wenn wir eine stagnante Entwicklung, sagen wir, im Laufe von 50 Jahren haben, so werden wir doch die Zyklen feststellen können. Sie werden aber nicht so präzis sein, wie in einem fieberhaft lebenden, kapitalistischen Lande. Wenn wir einen aufwärts sich entwickelnden Kapitalismus betrachten. so finden wir dieselben Schwankungen, nur geht die Kurve nach oben. Wenn wir eine verfallende kapitalistische Gesellschaft beobachten, so geht die Kurve nach unten, die Entwicklung bewegt sich aber immer in diesen Schwankungen.
Aus der Tabelle der Januarnummer der „Times“ ersehen wir die Epoche von 138 Jahren, von der Zeit der Kriege für die Unabhängigkeit Nordamerikas bis zum heutigen Tage. Im Laufe dieser Zeit hatten wir, wenn ich nicht irre, 16 Zyklen, das heißt 16 Krisen und 16 Hochkonjiunkturen. Auf jeden Zyklus entfallen ungefähr 8⅝ Jahre, fast 9 Jahre. Und das sind diese Zickzackbewegungen.
Aus der Tabelle eine allgemeine Aufwärtsbewegung. Sie beginnt mit 2 Pfd. Sterl.,, also 24 Goldmark pro Kopf der englischen Bevölkerung. Die Bevölkerung vermehrt sich in diesem Zeitabschnitt um ungefähr das Vierfache, der Außenhandel aber bedeutend mehr, so daß er zu 30½ Pfd. Sterl. pro Kopf wird, und hier im Jahre 1920 jedenfalls in Geld ausgedrückt, nicht in realen Werten, ungefähr 65 Pfund pro Kopf der Bevölkerung ausmacht. Bei der Roheisenproduktion sehen wir eine ähnliche Entwicklung. Die zwei Linien sind in diesen Epochen mehr oder weniger parallel. Wir sehen das im Anfang, im Jahre 1851, es ist das Jahr, von dem wir soeben gesprochen haben, der Beginn der Sturm- und Drangperiode der kapitalistischen Entwicklung nach der Revolution von 1848, wo die Förderung von Roheisen 4½ Kilo pro Kopf beträgt. Diese Ziffer steigt bis zu 46 Kilo im Jahre 1913. Dann folgt eine Rückwärtsbewegung.
Das ist das allgemeine Fazit, das allgemeine Resultat dieser Entwicklung von 138 Jahren. Wenn man aber genauer diese Kurve analysiert, so findet man, daß sie in fünf Teile zerfällt. Vom Jahre 1781 bis 1851 ist die Entwicklung sehr langsam. Für Jahrzehnte sogar stagnant. Dann vom Jahre 1851, von der Hälfte des Jahrhunderts an eine Aufwärtsbewegung. Da sieht man, wie sich im Laufe von 60 Jahren der Außenhandel von 2 Pfd. Sterl. auf 5 Pfd. Sterl. pro Kopf gehoben hat. Dann steigt er im Laufe von 22 Jahren von 5 Pfd. Sterl. auf 21 Pfd. Sterl., das Roheisen um diese Zeit von 4½ Kilogramm pro Kopf auf 13 Kilogramm. Dann vom Jahre 1873 — das ist der große Krach — beginnt eine Epoche der Depression. Vom Jahre 1873 bis zum Jahre 1894 ungefähr sehen wir in dem englischen Außenhandel eine Stagnation, sogar wenn man den wirklichen Außenhandel, nicht die politischen Profite, das, was die Ausländer in England ließen, die Prozente von den Kapitalien im Auslande in Betracht zieht, einen Niedergang von 21 Pfund auf 17,4 Pfd. Sterl. im Laufe von 22 Jahren. Dann einen Aufschwung wie im Jahre 1913 von 17 auf 30 Pfund. Nun die Kriegszeit und Nachkriegszeit. Hier dasselbe. Der erste Abschnitt geht nach oben. Von 1913 bis 1917 hat es sich sehr wenig gehoben. Dann von 1917 auf 46. Das ist, Genossen und Genossinnen, sehr wichtig für das Verständnis der jetzigen Situation und der Situation, die jetzt eintritt.
Die Entwicklung des Kapitalismus kennzeichnet sich also durch eine primäre Bewegung und durch diese sekundären Bewegungen, die auf dem Grunde dieser primären Bewegung immer vor sich gehen. Der Aufstieg, der Niedergang oder die Stagnation — auf dieser Linie hat man die Fluktuation, das heißt die bessere Konjunktur, die Krise —, die sagen uns nichts davon, ob der Kapitalismus sich entwickelt oder ob er niedergeht. Diese Fluktuation ist das gleiche wie das Herzschlagen bei dem lebenden Menschen. Das Herzschlagen beweist nur, daß er lebt. Selbstverständlich ist der Kapitalismus noch nicht tot, und weil er lebt, so muß er eben einatmen und ausatmen, das heißt, es muß die Fluktuation vor sich gehen. Aber wie bei einem sterbenden Menschen das Ein- und Ausatmen anders ist als bei einem sich aufwärts entwickelnden Individuum, so auch hier. Es ist sehr gefährlich, wenn man sich auf das Zitat von Engels stützt und daher diese fundamentalen Tatsachen außeracht läßt. Denn gerade nach dem Jahre 1850, wo Marx und Engels ihre Feststellungen machten, ist nicht eine gewöhnliche normale ordentliche Konjunktur eingetreten, sondern die Sturm- und Drangperiode, nachdem die Revolution von 1848 den Boden für den Kapitalismus erweitert hat. Das ist das Ausschlaggebende. Diese Sturm- und Drangperiode, im Laufe derer die Prosperität, die Hochkonjunktur immer sehr stark war und die Krise einen oberflächlichen, einen kurzen Charakter hatte, eben diese Periode hat der Revolution ein Ende gemacht. Jetzt ist zu fragen, nicht, ob eine Besserung der Konjunktur möglich ist, sondern ob sich diese Fluktuation der Konjunktur auf einer aufwärts- oder auf einer abwärtsgehenden Linie bewegt. Das ist das wichtigste der ganzen Frage. Nun, hier kommen wir auf die elementarsten Tatsachen, die wir vorgetragen haben, zurück: daß Europa verkommen ist, daß der Produktionsapparat Europas jetzt viel niedriger steht als vor dem Kriege, daß das Zentrum der Wirtschaft nach Amerika übergegangen ist, nicht in einer allmählichen Entwicklung, sondern durch die Ausbeutung des Kriegsmarktes Europas durch Amerika und durch die Beseitigung Europas vom Weltmarkte. Das ist eine geschichtliche Situation, die nie dagewesen ist und nie wiederkommen wird, eine Situation, wo Europa im Laufe von 4½ Jahren seine ganze Kraft und nicht nur die heutige lebendige Kraft, sondern die akkumulierte, eine Arbeitergeneration, für den Krieg eingesetzt hat, die ganze Kraft, die nun zur Basis für die Entwicklung, für die Hebung, für den Aufstieg Amerikas diente. Diese Tatsache, sage ich, hat ja die Möglichkeit des vollständigen Umschwunges Amerikas in einer kurzen Zeitperiode gegeben. Nun ist diese Tatsache eine, die sich nicht wiederholen kann. Denn Europa hatte ja vor seinem Niedergang einen ganz künstlichen Markt für Amerika geschaffen, einen Markt, den man nicht ersetzen kann, und dann, nachdem Europa durch seinen Niedergang den Markt für Amerika geschaffen hatte, hat Europa vollständig als Markt für Amerika versagt. Vor dem Kriege bedeutete der europäische Markt für Amerika mehr als die Hälfte, also 60 %, im Laufe des Krieges wurde es noch mehr, und die Ausfuhr Amerikas vermehrte sich um das Dreifache im Vergleich zu der Vorkriegsausfuhr. Nach dem Kriege erweist sich, daß Europa als ein ganz verarmter Kontinent dasteht und keine Möglichkeit hat, aus Amerika weiter Waren zu beziehen, denn Europa kann ihm nichts als Äquivalent geben, es hat nicht die Möglichkeit, in Gold oder Waren die Gegenleistung zu liefern.
Und daraus erklärt sich auch die Krise, die in Japan und Amerika ihren Anfang genommen hat. Nach der Epoche, nach der kurzen Epoche dieser Hochkonjunktur, die 1½ Jahre dauerte, ist die ganz reale Krise eingetreten, die in erster Linie Europa zuruft: Du bist arm, du bist verkommen, strecke dich nach der Decke, du kannst nichts mehr von Amerika einführen. Und dieselbe Krise ruft Amerika zu: Du hast dich bereichert, weil du Europa aussaugen konntest, das dauert 4, 5, 6 Jahre der Kriegszeit. Es ist aber mit der Herrlichkeit zu Ende. Die Länder da draußen stehen ruiniert, ihr Produktionsapparat muß jetzt von neuem aufgebaut, wiederhergestellt werden, es muß eine neue Arbeitsteilung innerhalb jeder Nation eintreten. Die Wirtschaft von Frankreich, die Wirtschaft von Deutschland geht jetzt noch automatisch weiter, durch den Stoß der Vorkriegszeit und des Krieges getrieben. Deutschland muß aber eine Rückwärtsbewegung machen, um die Proportion, um die Ausbalanzierung seines Apparats vorzunehmen. Wie man im Kriege den Mangel organisierte, so wird man das auch fortsetzen müssen, wenn die Revolution nicht eintritt. Wenn die Bewegung sich weiter entwickelt, wird man in diese Verarmung die Proportion hineinbringen müssen. Das Verhältnis der vielen Zweige der Produktionsmittel und der Konsumtionsmittel in der ersten Linie. Das heißt durch Kriege, durch partielle Besserungen wird das notwendige Verhältnis sich herausarbeiten müssen, wenn keine Revolution eintritt. Dasselbe in Frankreich, in ganz Europa, in dieser Zeit der Rückwärtsbewegung der Wirtschaft, der Ausgleichung der Front nach den kapitalistischen Ländern und den Industriezweigen innerhalb dieser Länder, die am meisten gelitten haben, am meisten verarmt sind. Im Laufe dieser Ausgleichung wird Amerika auch seinen größten wichtigsten Markt in früherem Umfang vermissen müssen. Das bedeutet, daß die Krise für Amerika auch keine vorübergehende, normale Krise ist, sondern den Beginn einer langen Depressionsepoche bedeutet. Wenn wir zu unserer Tabelle zurückkehren, wo wir die verschiedenen Zeitabschnitte charakterisiert haben, eine Epoche der Stagnation, die 70 Jahre dauerte, dann eine Epoche des Aufstiegs 22 Jahre von 1851—1873, so ersehen wir folgendes: Diese 22 Jahre des stürmischen Aufstiegs hatten zwei Krisen und zwei Hochkonjunkturen. Diese Konjunkturen waren aber wirklich hoch, die Krisen waren ganz schwache Krisen. Dann kommt von 1873 bis zur Mitte der 90er Jahre wiederum die Stagnation oder die ganz langsame Entwicklung. Dann wiederum der enorme Aufstieg. Das ist die Anpassung, die Ausgleichung. Wenn der Kapitalismus in einem Lande an die Aufnahmeunfähigkeit seines Marktes stoßt, so muß er sich an andere Märkte, welche aufzutreiben sind, anpassen. Durch große geschichtliche Ereignisse, durch wirtschaftliche Krisen, durch Revolutionen usw. usw. ist der Charakter dieser Zeitabschnitte bestimmt, ob Stagnation, Aufstieg oder Niedergang. Das ist also das wichtigste in der Entwicklung des Kapitalismus.
Nun ist der Kapitalismus in eine Zeit der langen und tiefen Depression gekommen. Eigentlich sollte diese Epoche vielleicht schon — das ist jetzt retrospektiv, sehr schwer zu prophezeien — im Jahre 1913 anfangen. Das wäre nicht ausgeschlossen, nach den 20 Jahren der stürmischen Entwicklung, die uns das moderne Deutschland geschaffen hatte, im Jahre 1913, wo der Weltmarkt für den entwickelten Kapitalismus Deutschlands, Englands und Nordamerikas schon zu eng geworden ist. Das ist auch wirklich so im Grunde, weil diese Riesenfrüchte der kapitalistischen Entwicklung sich darüber Rechenschaft gegeben haben. Man habe sich gesagt: um diese lange Depression von Jahrzehnten zu umgehen, werden wir die akute Krise des Krieges herbeiführen, den Gegner vernichten und diesen zu eng gewordenen Weltmarkt für uns monopolartig in Anspruch nehmen. Nun hat aber der Krieg zu lange gedauert. Er bewirkte nicht nur eine akute Krise, sondern eine lange Krise, er ruinierte den Apparat der kapitalistischen Wirtschaft in Europa vollständig, ermöglichte dadurch diese fieberhafte Entwicklung Amerikas, erwirkte die Erschöpfung Europas und führte dadurch zu dieser großen Krise Amerikas. Wir haben jetzt dieselbe Depression, die man vermeiden wollte, nur durch die Verarmung Europas zur höchsten Potenz gebracht.
Das ist, Genossen und Genossinnen, das wichtigste, was meiner Ansicht nach zur Charakteristik der ökonomischen Situation gesagt werden kann. Wir haben die ganze Revolution außeracht gelassen. Der Kapitalismus bleibt, er entwickelt sich weiter, ob er die Möglichkeit des Aufstiegs hat oder nicht. Im Jahre 1919. glaube ich, nach den ersten Zeichen ‘dieser Hochkonjunktur. war es, daß ein Engländer. ich glaube er heißt Paish, vorgeschlagen hat, man möge jetzt eine internationale Anleihe von 2 Milliarden Pfund Sterling. also mehr als 40 Milliarden Goldmark, zusammenbringen, um die Reparationen durchzuführen. Man hat sich damals die Sache so vorgestellt, daß man, wenn man eine internationale Anleihe in diesem Umfange zustande bringt und dann an die Reparationsarbeit geht, die größte Prosperität der Weltgeschichte erreichen werde. Das heißt, dieses verzerrte Bild des Kapitalismus hat die Leute so irregeführt, daß sie sich gesagt haben: wir haben so viel vernichtet. Städte, Landwirtschaft, Eisenbahnen, wir haben so viele Dampfer versenkt, daß, wenn wir das Bild des Vernichteten in Staatspapieren herausgeben und darauf schreiben: 40—50 Milliarden Goldmark, so werden wir mit einemmal schrecklich reich werden. Diese scheußliche Mechanik der kapitalistischen Gesellschaft führt also die Kapitalisten selbst irre. Dann hat sich gezeigt. daß es gar nicht so ist. Man muß jetzt die Eisenbahnen wiederherstellen und auf ein Niveau bringen. das viel niedriger als vor dem Kriege ist, und das angesichts der vollständigen sozialen Zerrüttung.
Damit kommen wir zur Frage des sozialen Gleichgewichtes. Denn man sagt ja immer — und das ist eigentlich der leitende Gedanke nicht nur eines Herrn Cunow, sondern auch Hilferdings —, daß der Kapitalismus automatisch sein Gleichgewicht auf einer neuen Basis wiederherstellt. Dieses automatische der Entwicklung ist für den Opportunismus das wichtigste Charakteristikum. Nun würde die Wiederherstellung des Gleichgewichts des Kapitalismus selbstverständlich zustande kommen, wenn die sozialen Momente des Klassenkampfes nicht in das grausame Spiel dazukämen. Wenn die Arbeiterklasse Europas, wie der Welt, all die Experimente des Kapitalismus zur Wiederherstellung seiner inneren normalen Verhältnisse über sich ergehen läßt. so bedeutet es, daß im Laufe von 20 oder 30 Jahren in Europa 20 bis 30 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen verkommen werden, denn mit der Emigration nach Amerika ist jetzt nichts mehr anzufangen. Amerika hat 5 Millionen Arbeitslose und wird ihrer im Laufe der nächsten Jahre und vielleicht Jahrzehnte noch mehr haben. Mit der Emigration als Sicherheitsventil ist es vorbei. Denn in Amerika wird diese Arbeitslosenfrage als eine stabile Frage, wie gesagt, für lange Jahre hinaus bleiben. Eine Generation der Arbeiter wird verkümmern und es wird sich ein neues kapitalistisches Gleichgewicht der Welt herausbilden, mit Amerika als der leitenden Macht der Welt, Europa Amerika gegenüber wie Spanien dem England von gestern gegenüber.
Stellt Euch die verkümmerte europäische Zivilisation im Rahmen dieses neuen wiederhergestellten Kapitalismus vor. Theoretisch gesprochen ist dieser Zustand möglich. Wenn wir das Instrument des Klassenkampfes außeracht lassen, so wird die Automatik der kapitalistischen Gesellschaft dazu führen, und ich habe in dieser Beziehung eine sehr interessante Äußerung eines sehr gescheiten deutschen Reaktionärs, Prof. Otto Hötzsch. Er schreibt über die ökonomische Situation und sagt, wir werden jetzt zu den Lohnverkürzungen in der ganzen Welt kommen müssen. Die Arbeiter werden das nicht ruhig über sich ergehen lassen wollen, werden in Streiks eintreten. Das ist eine unabwendbare Entwicklung, ob wir das nun kapitalistische Automatik oder kapitalistische Exploitation nennen wollen. Nun, es ist ja nicht gleichgültig, ob wir kapitalistische Automatik vor uns haben, wie es sich die Opportunisten vorstellen, für die nur der Wille der Kapitalistenklasse objektiv gegeben ist. Für diese Herren existiert der Wille der revolutionären Klasse nicht, und daher wird die gesamte kapitalistische Entwicklung für sie automatisiert. Herr Hötzsch sagt, wir können das Automatik oder Exploitation nennen. Das heißt: zu einer Automatik wird es, wenn die Arbeiterklasse durch die Reformisten geführt wird, zu einer Rebellion gegen die Exploitation wird es, wenn die Arbeiterklasse durch die lebendige kommunistische Partei geführt wird.
Damit bekommt dieser Prozeß der Wiederherstellung des kapitalistischen Gleichgewichts ein ganz neues Gesicht. In dieser Etappe ist von wesentlicher Bedeutung, daß Europa zurückgeworfen ist, Deutschland ebenso arm ist, wie es Mitte der 90er Jahre war. Aber die soziale Gliederung Deutschlands ist ja nicht zurückgeworfen worden, im Gegenteil. Diese Zuspitzung der sozialen Gegensätze, durch die Entwicklung der 20 Jahre vor dem Kriege hat sich durch die Kriegsentwicklung und die Nachkriegsentwicklung, durch die Zeit der Prosperität, wie in der Zeit der Krise noch mehr verschärft. Also wir haben das Sinken der ökonomischen Basis, des Eigentums wie des Einkommens der Nation und zur gleichen Zeit die Verschärfung der Klassengegensätze. Das bedeutet nichts anderes als die Verschärfung des Kampfes der interessierten Klassen um den Anteil an diesem sich vermindernden Nationaleinkommen.
Und das ist der Haken an dieser schematischen Schilderung der Wiederherstellung des Gleichgewichts, die einem Heinrich Cunow und anderen vorschwebt. Alles, was der Kapitalismus zu machen gezwungen wird, um einen Schritt vorwärts in der Richtung der Wiederherstellung des Gleichgewichts zu tun, alles das zerrüttet es noch mehr und treibt die Arbeiterklasse noch mächtiger zum Kampf.
Die erste Aufgabe, um das neue Gleichgewicht zu erreichen, ist, den Produktionsapparat in Ordnung zu bringen. Dazu braucht man die Akkumulation von Kapital. Für diese Akkumulation muß man die Produktivität der Arbeit steigern. Wodurch? Durch die gesteigerte, größere Ausbeutung der Arbeiterklasse, denn die Verminderung der Produktivität der Arbeitskraft ist ja die offenkundige Tatsache nach dem Kriege im Laufe dieser drei Jahre. Um die Weltwirtschaft auf kapitalistischer Basis wiederherzustellen, muß man das Weltäquivalent wieder haben, die Goldvaluta. Ohne diese Goldvaluta kann die kapitalistische Wirtschaft nicht existieren. Denn wenn die Preise ihren Totentanz tanzen, um 100 % auf und ab im Laufe eines Monats, wie es in Deutschland der Fall zu sein pflegt, in Abhängigkeit von den Schwankungen der deutschen Valuta, so gibt es keine Produktion. Der Kapitalist ist an der Produktion nicht interessiert, denn die Spekulation winkt ihm verlockender aus der Ferne mit den großen Profiten, als die langsamere Entwicklung der Produktion.
Was bedeutet die Wiederherstellung der Valuta? Sie bedeutet für Frankreich und Deutschland die Erklärung des Staatsbankrotts. Die Erklärung des Staatsbankrotts bedeutet aber die große Verschiebung der Eigentumsverhältnisse der Nation. Und an die Staaten, die den Staatsbankrott erklärt haben, tritt der neue Kampf um den Anteil am neuen Nationalvermögen heran. Also das ist ein mächtiger Schritt zum Klassenkampf. Alles das bedeutet sogleich das Verlieren des sozialen und politischen Gleichgewichts, also eine revolutionäre Bewegung. Aber mit der Erklärung des Staatsbankrotts kommt man noch nicht zur Wiederherstellung des Gleichgewichts, sondern es folgen wiederum die Verlängerung der Arbeitszeit, Abschaffung des Achtstundentages, gesteigerte Intensität der Ausbeutung. Und dabei stößt man selbstverständlich sogleich auf den Widerstand der Arbeiterklasse, denn man hat die kapitalistische Exploitation, um mit Herrn Hötzsch zu reden. Mit einem Worte: die Herstellung des kapitalistischen Gleichgewichts ist, abstrakt theoretisch gesprochen, möglich. Sie vollzieht sich aber nicht in einen sozial und politisch luftleeren Raume, sondern sie kann sich nur durch die Klassen vollziehen. Jeder Schritt zur Wiederherstellung des Gleichgewichts des ökonomischen Lebens, auch der kleinste Schritt, bedeutet aber einen Stoß gegen das labile, soziale Klassengleichgewicht, in dem sich die Herren heute noch halten. Das ist das wichtigste.
Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß die Entwicklung, mag sie eine langsame oder rapidere sein, — über das Tempo der Entwicklung können wir nicht streiten, nachdem uns die Geschichte in der Frage des Tempos so infam betrogen hat — zur Revolution führt. Wir haben in Mittel- und Westeuropa keine siegreiche proletarische Diktatur. Wenn man aber zu sagen sich erdreistet, wie es die Reformisten tun, daß sich in dieser Zeit auf heimtückische Weise das ökonomische Gleichgewicht der kapitalistischen Welt wiederhergestellt habe, so ist das die frechste und zugleich dümmste Lüge; denn das sagen nicht einmal die reaktionärsten Reaktionäre, die wirklich etwas im Kopfe haben, wie derselbe Herr Hötzsch. Der sagt in seiner Jahresrundschau ungefähr: das Jahr 1920 habe weder die Revolution zum Siege gebracht, noch die kapitalistische Weltwirtschaft wiederhergestellt. Es sei ein labiles, zeitlich ganz begrenztes Gleichgewicht. Herr Chavenon, den ich zitiert habe, sagt: wir haben in Frankreich vorläufig nur die Möglichkeit der weiteren Zerrüttung der kapitalistischen Wirtschaft durch die Staatsfinanzen und die Inflation des Notenumlaufes mit dem offenen Bankrott. Was dies zu bedeuten hat, habe ich mich bemüht zu erklären. Ich habe die schärfste Krise, die die kapitalistische Welt je gesehen hat, geschildert. Vor drei bis vier Wochen war in der kapitalistischen Presse so ein Hauch von einer sich nähernden Besserung, einer Epoche der nahenden Prosperität zu spüren. Jetzt erweist sich dieser Frühlingshauch als verfrüht. In der Finanzlage ist eine gewisse Besserung eingetreten, d. h. sie ist nicht so gespannt, wie sie bisher war. Im Handel sind die Preise gesunken, was aber keine Belebung des Handels bedeutet. Die Börsen stehen tot da und in der Produktion geht noch immer die Abwärtsbewegung vor sich. In der amerikanischen Metallurgie sehen wir jetzt, daß nur ein Drittel der Produktionskapazität in Bewegung ist. In England sind jetzt die letzten Hochöfen ausgeblasen worden. Es ist also noch immer eine Abwärtsbewegung vorhanden.
Diese Abwärtsbewegung bedeutet nicht, daß sie sich in diesem Tempo weiter ins Unendliche bewegen wird. Das ist ausgeschlossen. Das Einatmen des kapitalistischen Organismus wird eintreten müssen. Aber er wird etwas frischere Luft einatmen müssen, durch eine gewisse Besserung, die Prosperität zu nennen verfrüht wäre. Es wird eine neue Phase eintreten. um die Beseitigung des Widerspruches zwischen diesem Überbau des fiktiven Reichtums und der Misere der Basis zu beseitigen. Da werden solche Zuckungen des ökonomischen Körpers auch weiterhin vor sich gehen. Das alles wird — wie gesagt — uns das Bild einer tiefen ökonomischen Depression geben.
Auf der Basis dieser ökonomischen Depression wird die Bourgeoisie gezwungen sein, auf die Arbeiterklasse stärker und stärker zu drücken. Das sehen wir auch jetzt in den Lohnverkürzungen, die in den blutvollen kapitalistischen Ländern ihren Anfang genommen haben; in Amerika, in England und dann in ganz Europa. Das führt zu großen Lohnkämpfen. Diese Lohnkämpfe auszubreiten, sie mit dem Verständnis der ökonomischen Situation zu erweitern, ist unsere Aufgabe. Das ist doch ganz klar. Es fragt sich aber, ob diese großen Lohnkämpfe, deren klassisches Beispiel uns der Bergarbeiterstreik in England gibt. sich automatisch in die soziale Revolution, in den letzten Bürgerkrieg und in die Kämpfe um die Eroberung der politischen Macht verwandeln müssen. So die Frage zu stellen, wäre indessen nicht marxistisch. Eine derart automatische Bürgschaft der Entwicklung haben wir nicht.
Wenn aber diese Krise den Platz für eine vorübergehende Hochkonjunktur läßt, was bedeutet das für unsere Entwicklung? Da sagt mancher Genosse, wenn in dieser Epoche eine Besserung eintrete, so sei das ein Verhängnis für unsere Revolution. In keinem Fall. Denn es besteht ja überhaupt dieser automatische Zusammenhang zwischen der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse und der Krise nicht. Hier gibt es keinen automatischen Zusammenhang, es gibt nur ein dialektisches Aufeinanderwirken. Und das zu verstehen, ist das wichtigste.
Betrachten wir die Verhältnisse in Rußland. Die Revolution im Jahre 1905 ist niedergeschlagen worden. Die Arbeiter hatten große Opfer zu verzeichnen. Im Jahre 1906 und 1907 waren die letzten revolutionären Zuckungen. Im Herbst des Jahres 1907 trat die große Weltkrise ein. Das Signal wurde an der New Yorker Börse an einem schwarzen Freitag gegeben. In den Jahren 1907, 1908, 1909 herrschte die schrecklichste Krise auch in Rußland- Die Bewegung in Rußland ist durch die Krise vollständig totgeschlagen worden, weil die Arbeiter durch die Kämpfe so gelitten haben, daß diese Depression nur niederschlagend wirken konnte. Es wurde bei uns darüber gestritten, ob die Krise zur Revolution führen werde oder zur Hochkonjunktur, und mancher von uns verteidigte damals den Standpunkt, daß die russische revolutionäre Bewegung nur durch eine neue Hochkonjunktur lebendig gemacht werden könne. Und das ist eingetreten. In den Jahren 1910, 1911 und 1912 hatten wir die Besserung und die Hochkonjunktur. Und diese Hochkonjunktur hat die demoralisierten, entkräfteten Arbeiter, die den Mut verloren hatten, wieder gesammelt. Sie erkannten wieder ihre Bedeutung für die Produktion. Und da sind sie zu einem Angriff auf ökonomischen und dann politischem Gebiete übergegangen. Fast am Vorabend des Krieges hatten wir, durch diese Prosperität gestärkt, die Arbeiterklasse so weit, daß sie hätte zum Angriff übergehen können. Und wenn wir jetzt in dieser Zeit der großen Erschöpfung der Arbeiterklasse durch die Krise und durch die Kämpfe auch weiterhin nicht zum Siege kommen sollten, was ja möglich ist, so wird der Wechsel in der Konjunktur, die Hebung der Prosperität für die Revolution nicht schädlich, sondern im Gegenteil von größter positiver Bedeutung sein. Schädlich könnte sie nur in einem Falle sein, wenn diese Hochkonjunktur den Anfang einer langen Epoche der Prosperität bedeuten sollte Und eine Epoche der langen Prosperität setze voraus, daß man eine Erweiterung des Marktes schafft. Das ist aber ausgeschlossen. Die kapitalistische Wirtschaft umfaßt die ganze Erde. Die Verarmung Europas und der glückliche Aufstieg Amerikas auf dem mächtigen Kriegsmarkte berechtigen zu der Annahme, daß man diese Prosperität nicht wieder herstellen kann durch die kapitalistische Entwicklung in China, Sibirien, Südamerika, wo selbstverständlich der amerikanische Kapitalismus einen Absatzmarkt findet und schafft, aber in Dimensionen, die in keinem Verhältnis zu dem europäischen Markt kommen können. Also wir stehen vor der Epoche der Depression; das ist nicht zu bestreiten.
In dieser Perspektive würde eine Besserung der Krise kein Totschlagen der Revolution bedeuten, sondern nur eine Möglichkeit der Atempause für die Arbeiterklasse sein, um die Neuordnung ihrer Reihen vorzunehmen, um einen weiteren Angriff auf höherer Basis zu beginnen. Das ist eine der Möglichkeiten. Die andere besteht darin, daß die Krise aus einer akuten in eine schleppende übergeht, akuter wird, noch Jahre andauert. Das alles ist nicht ausgeschlossen. Daß in dieser Situation die Arbeiterklasse ihre letzten Kräfte sammelt, durch Erfahrungen gewitzigt in den wichtigsten kapitalistischen Ländern die Staatsmacht erobert, diese Möglichkeit bleibt offen. Nur sind die automatischen Wiederherstellungen des kapitalistischen Gleichgewichts auf der neuen Basis und der kapitalistische Aufstieg im Laufe der nächsten Jahre ausgeschlossen. Das ist wegen der ganzen ökonomischen Stagnation vollständig unmöglich.
Wir müssen aber noch einen Faktor in Betracht ziehen. Das ist die internationale Weltlage, das Verhältnis zwischen den kapitalistischen Staaten. Ich habe Ihre Zeit schon viel zu viel in Anspruch genommen. Ich werde mich also bemühen, mich so kurz wie möglich zu fassen. Jedenfalls ist als Resultat des Krieges auf diesem Gebiete, auf dem Gebiete der Weltverhältnisse, das Gegenteil dessen eingetreten, was durch den Krieg geschaffen werden sollte. Was bedeutet der Krieg? Der Krieg ist der bewaffnete Imperialismus, der seine Waffen anwendende Imperialismus. Was ist der Imperialismus? Das ist der Drang des Kapitalismus, mit den Kleinstaaten aufzuräumen. Kleinstaat, das bedeutet nicht nur die Schweiz, nein, Frankreich, Deutschland usw. Der Kapitalismus will einen Weltimperialismus für die kapitalistischen Produktivkräfte schaffen. Das ist der Sinn der imperialistischen Entwicklung. Am prägnantesten, am schärfsten hat diese Tendenz Deutschland zum Ausdruck gebracht. Deutschland hat gesagt: Ganz Europa unter unsere Kontrolle! Frankreich hat von Anfang an Deutschland teilen wollen. Frankreich resp. England sagten: der Geist des französischen Kapitalismus hat seinen Stempel der europäischen Konstellation aufgedrückt. — Wir haben jetzt in Europa Kleinstaaten, wie wir sie vor dem Kriege nicht hatten. Wo Österreich-Ungarn war, da sind jetzt 10 Zollinien. Europa ist. nach dem ziemlich oft gebrauchten Ausdruck, vollständig balkanisiert worden.
Diejenigen Gegensätze und Reibungen, die zum Wachstum des Militarismus geführt .haben, sind nicht beseitigt worden: Sie sind jetzt viel stärker an der Arbeit als früher. Vor dem Kriege 1914 umfaßten die Armeen der Welt (Rußland ausgenommen) 5152000 Mann, jetzt sind es 7014000 Mann. berechnet in der ersten Hälfte dieses Jahres; der Militarismus ist also gewachsen. Wenn wir Rußland zu der Zeit der höchsten Entwicklung seiner Armee nehmen, so vergrößert sich noch diese zweite Zahl. Auch in Mitteleuropa und Süd-Ost-Europa, dem vollständig erschöpften, verarmten Gebiet, zeigt sich ein Anwachsen des Militarismus, eben durch die vielen neuen kleinen Staaten, von denen jeder seine Zollinie. seine Grenze. seine Armee hat. Mit dem Flottenbau geht es ebenso. Dieser Militarismus ist auch das stärkste Hemmnis für die Entwicklung der Wirtschaft. Denn eine der wichtigsten Ursachen des Krieges war der Gedanke, mit dem bewaffneten Frieden ist es in der europäischen Wirtschaft nicht mehr auszuhalten. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Nun hat sich aber erwiesen, daß dieses Ende kein Ende ist, daß der Schrecken nach dem Ende schrecklicher geworden ist als vor dem schrecklichen Ende, das heißt, dem letzten Kriege.
Der Gegensatz zwischen Frankreich und England wird stärker und stärker. Man braucht ja nur die offiziöse französische Presse zu verfolgen. Der Gegensatz zwischen England und Amerika aber ist wirklich zu einem automatischen — hier haben wir eben die Automatik — Anwachsen des Zusammenstoßes von morgen, zu einer automatischen Annäherung, zu den blutigen Zusammenstoß von morgen herangewachsen. Denn was die bewegenden Federn des Gegensatzes sind, das weiß jeder. Das haben wir auch an der wirtschaftlichen Statistik zu sehen bekommen. England ist als herrschende wirtschaftliche Macht vom Weltmarkt verdrängt. Die englische Industrie verkommt. Zwei amerikanische Arbeiter schaffen so viel wie fünf englische. Das ist nach der amerikanischen und englischen Statistik, der besten englischen ökonomischen Zeitschrift, bestätigt worden. Zwei amerikanische Arbeiter leisten dank der besseren Organisation, soviel wie fünf Arbeiter in dem höchst konservativen Körper der englischen Wirtschaft. Auf dem Gebiete der Kohlenausfuhr ist England verdrängt worden. Amerika produziert wie gesagt, 70 % des Petroleums. das jetzt zu, dem wichtigsten internationalen Faktor geworden ist. Nun klagen die Amerikaner England an. England habe in dieser Zeit die Petroleumquellen der ganzen Welt zusammengekauft und besitze jetzt ungefähr 90 % der Petroleumquellen der ganzen Welt. Diese Quellen sind bereits erst die Quellen in der Potenz. Sie sind sozusagen unterirdischer Natur. Dort, in Amerika, beutet man die 70 % Petroleum aus und schleudert sie auf den inneren und äußeren Markt. Bei England handelt es sich um geologisch festgestellte Petroleumquellen, wofür man aber, um sie in Bewegung zu setzen, Kapitalien braucht, die nicht vorhanden sind. Wenn es aber richtig wäre, daß England über diese 90 % der Petroleumquellen verfügt und die Quellen Amerikas zu versiegen beginnen, wenn das richtig wäre, dann wäre das ein Argument mehr für Amerika, den Entscheidungskampf zu beschleunigen. Die Amerikaner sagen, um ihre Ansprüche in Mexiko und Mesopotamien zu begründen: in 10 bis 15 Jahren sitzen wir, bei unserer Automobilwirtschaft, ohne Petroleum.
Wir sitzen auf dem Trockenen. Nun, wenn es richtig wäre, so ist es eben ein Grund mehr, in den Krieg einzutreten, bevor diese schreckliche Zeit eingetreten ist. Und das ist das Akuteste. das Genaueste, das Automatischste.
Im Jahre 1924 wird die Tonnage der amerikanischen Flotte nach dem gegebenen Programm bedeutend größer sein als die englische und die japanische Flotte zusammen. Das leitende Prinzip Englands war, bisher, daß seine Flotte stärker als die beiden nach ihm mächtigsten Flotten zusammen sein sollte. Jetzt bekommt Nordamerika eine Flotte, die stärker als die Englands und Japans zusammen ist. Viele Amerikaner aus der Partei der Demokraten schreien: wir werden im Jahre 1923, vielleicht schon Ende 1922 ebenso stark sein, wie England. Aber jedenfalls ist das Memento mori für England hier im Kalender geschrieben: Wenn du diesen Moment verpaßt, so bist du vernichtet.
Wir hatten den bewaffneten Frieden vor dem Kriege. Man sagte sich, da sind zwei Eisenbahnzüge, die auf demselben Geleise einander entgegen fahren, sie müssen zusammen stoßen. Aber die Eisenbahnstation war nicht bekannt, die Stunde war nicht im Kalender vermerkt. Hier haben wir es auf dem Papier in dem Weltkalender der Geschichte Es wird im Jahre 1923 oder 1924 geschehen müssen. Entweder England sagt: ich werde zur Seite geschoben und zu einer Macht zweiter Ordnung, oder England muß die gesamte Kraft, die es von seiner großen Vergangenheit ererbt hat, jetzt in das grausame Spiel hinein werfen und sein ganzes Schicksal in einer ganz begrenzten Zeit auf diese Karte setzen.
Alle Verhältnisse, Beziehungen, Gruppierungen zwischen verschiedenen Mächten zweiter oder dritter Ordnung sind dieser Hauptschicksalsfrage der kapitalistischen Welt untergeordnet und drehen sich um diese Achse. Und das ist ein Moment, das wirklich nicht dazu angetan ist, das kapitalistische Gleichgewicht wiederherzustellen. Das ist ganz klar vom Standpunkt der herrschenden Klassen, und auch für die Arbeiterklassen nicht nur dieser zwei Länder, sondern der ganzen Welt. Somit haben sich die soziale Entwicklung, die Gegensätze, verschärft. Die ökonomische Basis ist gesunken und wird sich in absehbarer Zukunft gar nicht oder nur ganz unbedeutend heben können. In verschiedenen Ländern, in wichtigen Zweigen wird sie sinken müssen. Die soziale Gliederung verschärft sich. Die internationalen Beziehungen auch, eben deshalb, weil die Welt ärmer geworden ist. Das ist so in den nationalen Verhältnissen der kapitalistischen Klassen untereinander, wie auch der Klassen untereinander.
Wenn wir die Klassen nehmen, so haben wir die trustierte Bourgeoisie, die dank ihrer monopolistischen Stellung, die Verarmung ausbeutet und reicher wird, und die nicht trustierte Bourgeoisie, die absolut und relativ ärmer wird. Ihre Profite sinken, sie wird ruiniert und ihr Anteil an dem Nationaleinkommen wird prozentmäßig immer kleiner. Dann die Bauernschaft; es schien in der ersten Epoche des Krieges, als ob sie immer reicher wurde. Sie hat sehr viel Papiergeld angesammelt und Hypotheken bezahlt. Darauf bauten die kapitalistischen Apologeten die Behauptung auf, daß die kapitalistische Wirtschaft sich befestigt habe. Nun besteht, wie unsere Thesen sagen, die Landwirtschaft nicht in der Auszahlung der Hypotheken, sondern in der Bebauung des Grund und Bodens. In dieser Beziehung ist aber die Bauernschaft durch die verkommende Industrie in die schwierigste Lage gekommen. Wir sehen die Verarmung der Farmer Amerikas, Kanadas, Australiens, Süd- Afrikas. In Japan beobachten wir eine große Bewegung der Pächter. Überall in Europa ist die große Masse der Bauernschaft in immer größerer Verlegenheit. Der sogenannte neue Mittelstand, auf dessen Stabilität die Konservativen wie die Reformisten große Hoffnungen aufzubauen sich bemühten, dieser neue Mittelstand wird durch die Wirkungen der allgemeinen Verarmung und insbesondere durch das Valutaelend immer mehr und mehr verkommen, und aus einem staatserhaltenden Faktor wird die Bauernklasse zu einem Faktor der Unruhe und Rebellion.
Das schafft für die Arbeiterklasse eine im großen und ganzen vom Standpunkte der Revolution sehr günstige, aber zur gleichen Zeit höchst komplizierte Situation. Denn wir haben nicht den chaotischen, elementaren Ansturm vor uns, dessen erste Etappe wir im Jahre 1918—19 in Europa beobachten konnten. Es schien uns mit einem gewissen geschichtlichen Rechte in dieser Zeit der Desorganisierung des Bürgertums möglich, daß dieser Ansturm sich in immer höheren Wellen vorwärts bewegen werde, daß dadurch auch die Vorstellungen der leitenden Schichten der Arbeiterschaft sich klären würden und daß die Arbeiterschaft dadurch im Laufe von ein oder zwei Jahren an die Staatsmacht gelangen werde. Es war eine geschichtliche Möglichkeit. Nun ist sie nicht eingetreten. Die Geschichte hat der Bourgeoisie unter Mitwirkung des guten oder bösen Willens der Bourgeoisie selbst, ihrer Schlauheit, ihrer Gewitztheit, ihrer Organisation und ihres Machtinstinktes eine ziemlich lange Atempause gelassen. Wunder sind nicht geschehen, das Vernichtete, das Verbrannte, das Zerrüttete ist nicht wieder lebendig geworden, aber das Bürgertum hat sich in diesem verarmten Milieu viel mehr zu orientieren vermocht, hat seinen Staatsapparat wiederhergestellt und hat es verstanden, die Schwäche der Arbeiterklasse auszunützen. Die Situation ist komplizierter geworden, vom Standpunkt der revolutionären Perspektive aber günstig. Vielleicht können wir jetzt mit größerer Sicherheit sagen, daß die Situation im Grunde genommen vollständig revolutionär ist. Die Revolution ist aber nicht so gehorsam, so zahm, daß sie an einem Schnürchen zu führen wäre, wie wir es uns vorgestellt haben. Sie hat auch ihr Auf und Ab, ihre Krisen und ihre Hochkonjunktur. Das wird durch objektive Verhältnisse und auch durch die innere, subjektive Schichtung der Arbeiterklasse selbst bedingt. Wir stehen jetzt nach dem Kriege und nach diesen drei Nachkriegsjahren einer ganz neuen Arbeiterklasse gegenüber. Sie ist nicht die Vorkriegsarbeiterklasse, die planmäßig anwuchs, sich in der bekannten Entwicklung der Vorkriegszeit, industriell, gewerkschaftlich, teilweise politisch organisierte mit Vorurteilen und auch mit Vorzügen der vergangenen Epoche. Wir haben jetzt eine neu aufgewachsene Arbeiterklasse, die fieberhaft aus dem verkommenen Kleinbürgertum, aus der Bauernschaft, aus den Arbeiterfrauen, die Hausfrauen waren und Arbeiterinnen geworden sind — insbesondere in Frankreich und Japan, ist die Einbeziehung der Frau in das Proletariat als Erwerbstätige bedeutend. Diese neue Arbeiterklasse einerseits mit der alten Schicht der Gewerkschaftler, der alten Parteibürokraten, der qualifizierten gewerkschaftlich geschulten Arbeiter der Vorkriegszeit, die sich immer bewußt waren, ihre Beiträge zu zahlen, um so durch die Gewerkschaften in eine bessere Ordnung hineinzuwachsen, anderseits die Arbeiterjugend, die unter dem Donner des Krieges zum Leben erwachte, sie alle werden durch diese große Entwicklung und diese großen Ereignisse in den politischen Kampf hineingezogen, hineingeworfen, hineingeschleudert. Eine Schicht macht ihre Erfahrungen nicht gleichzeitig mit der anderen. Die eine hat sich die Finger verbrannt und wird etwas vorsichtiger sein, die andere ist eben in diesem Moment kampflustig, ohne die Konsequenzen dieses Kampfes abzusehen. Das erklärt uns, warum die Entwicklung viel komplizierter ist. Natürlich, wenn das Bürgertum von Anfang an versagt hätte, so würden wir erst später die Arbeiter erziehen. Würden wir an der Macht sein. so könnte man die zurückgebliebenen Schichten erziehen. Das Bürgertum hat aber den Staatsapparat in seinen Händen behalten, leistet einen schrecklichen Widerstand, und wir prallen an diesem Widerstand zurück, d. h. eine Schicht der Arbeiterklasse nach der anderen. Und hier wird es zu der wichtigsten Aufgabe der kommunistischen Partei: Auf dieser Grundlage die verschiedenen Schichten geistig, politisch, organisatorisch im Kampfe gegen das Kapital zusammenzuschweißen. Der wichtigste Kampf ist jetzt, diese Massen zu gewinnen und zusammenzuschweißen. Und an der Spitze dieser Massen, in diesen komplizierten Klassenverhältnissen muß man kämpfen können. Die Bauernschaft ist für uns jetzt ein viel günstigeres Milieu als sie es vor dem Kriege war.
Es ist möglich, daß im Moment des Entscheidungskampfes der neue Mittelstand sich an den Mutterschoß, an die Bourgeoisie, hängen wird. Im Moment des anwachsenden Kampfes aber diesen Mittelstand politisch zu neutralisieren, durch unsere Aktion zu paralysieren, d. h. zu erwirken, daß er nicht gegen uns kämpfen kann, ist zur Möglichkeit geworden. Wir sehen den Kampf der Bourgeoisie. Wir werden uns nicht bemühen. wie es die Opportunisten machen, zu Vertretern der nicht trustierten Bourgeoisie zu werden. Wir müssen die Arbeiterklasse um uns gruppieren und müssen immer mehr im Bauerntum und im Mittelstand Fuß fassen. So verschärfen wir den Kampf zwischen der trustierten Bourgeoisie, die in Frankreich und England jetzt ihren Entscheidungskampf um die Macht führen.
Mit einem Worte, die Situation ist jetzt zur Zeit des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale nicht dieselbe, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Kongresses. Damals haben wir uns die große Perspektive aufgestellt und die große Linie gezeichnet, und haben gesagt: auf dieser Linie, in diesem Zeichen wirst du das Proletariat erfassen und in der Welt siegen. Ist es richtig geblieben? Vollkommen! In diesem großen Umfange ist es vollkommen richtig geblieben. Nur die Auf- und Abbewegungen dieser Linie hatten wir nicht vorgezeichnet und wir bemerken sie jetzt. Wir bemerken sie durch unsere Niederlagen und unsere Enttäuschungen und auch durch unsere großen Opfer, wie durch unsere irrtümlichen Aktionen, die in allen Ländern vorkamen; bei uns in Rußland in großem Umfange. Erst jetzt sehen und fühlen wir, daß wir nicht so unmittelbar nahe dem Endziel, der Eroberung der Macht, der Weltrevolution stehen. Wir haben damals im Jahre 1919 uns gesagt: es ist die Frage von Monaten, und jetzt sagen wir, es ist die Frage vielleicht von Jahren. Wir wissen es nicht genau, aber wir wissen um so besser, daß die Entwicklung in dieser Richtung geht, und daß wir während dieser Zeit in der ganzen Welt viel stärker geworden sind.
Wir haben noch nicht die Mehrheit der Arbeiterklasse der gesamten Welt für uns. Wir haben aber einen viel größeren Teil, als wir vor ein oder zwei Jahren hatten. Nachdem wir diese Situation auch taktisch analysieren, was eine wichtige Aufgabe des Kongresses ist, müssen wir uns sagen: der Kampf wird vielleicht langwierig sein, wird nicht so fieberhaft, wie es wünschenswert wäre, vorwärtsschreiten, der Kampf wird höchst schwierig und opferreich sein. Wir sind durch die angehäuften Erfahrungen gewitzigt geworden. Wir werden in diesem Kampfe und durch den Kampf zu manövrieren verstehen. Wir werden nicht nur die eine mathematische Linie, sondern auch die wechselnde Situation für die reinrevolutionäre Linie einzusetzen wissen. Wir werden auch in der Zersetzung der kapitalistischen Klasse zu manövrieren verstehen, immer, um die Kräfte der Arbeiterschaft für die soziale Revolution zusammenzufassen. Ich glaube, daß unsere Erfolge, wie auch unsere Mißerfolge das bewiesen haben, daß nicht darin der Unterschied zwischen uns und den Sozialdemokraten und Unabhängigen besteht, daß wir gesagt hätten, wir werden die Revolution im Jahre 1919 machen, und sie uns geantwortet haben, die Revolution werde viel später kommen. Nicht darin besteht der Unterschied. Er besteht darin, daß die Sozialdemokratie und die Unabhängigen das Bürgertum gegen die Revolution in jeder Situation unterstützen, wir aber bereit sind und bereit bleiben, jede Situation, wie sie sich immer auch gestalten mag, für den revolutionären Angriff und für die Eroberung der politischen Macht auszunützen. (Stürmischer Beifall.)
Vors. Sinowjew. Genossen! Bevor wir an die Übersetzung der Rede des Gen. Trotzky schreiten, möchte ich über die Geschäftsführung eine Mitteilung machen. Wir sind der Meinung, das wir uns heute auf die Uebersetzungen beschränken sollen. Die französischen Genossen sind gebeten, in diesem Saal zu bleiben, die englischen Genossen möchten sich in den Nachbarsaal bemühen. Morgen oder übermorgen früh hoffen wir im Besitz der Stenogramme zu sein. Die nächste Plenarsitzung findet morgen 6 Uhr abends statt, da vormittags eine neue Gruppe von 33 Delegierten noch ankommt.
In die Rednerliste sind drei Genossen eingetragen. Genosse Brand und die Genossen Sachs und Seemann von der K.A. P.D.
Koenen. Morgen vormittag 10 Uhr findet eine Sitzung der Kommission für Genossenschaftswesen statt.
Radek. Genossen, Die Sitzung der Mandatprüfungskommission findet morgen 11 Uhr statt: Sie wird sich an erster Stelle mit der Verteilung der Stimmen zu befassen haben. Aus diesem Grunde bitten wir, Vertreter aller Delegationen zu dieser Sitzung zu entsenden. Eine ganze Anzahl von Delegierten haben ihre Mandate noch nicht überwiesen, sie konnten daher nicht geprüft werden. Aus diesem Grunde haben die Delegierten keinen Zutritt zum Kongreß bekommen. Wir bitten alle Delegationen, uns zu benachrichtigen, ob alle Delegierte ihre Mandate haben.
Vors. Sinowjew. Die Sitzung ist hiermit geschlossen.
(Schluß der Sitzung 11 Uhr 20 Minuten nachts.)
Die dritte Sitzung (24. Juni 1921, 7 Uhr 50 Min. abends)
(Diskussion über das Referat Trotzky. — Redner: Brand, Sachs, Seemann, Pogani, Thalheimer, Bell, Clara Zetkin, Roy, Koenen. Trotzky: Schlusswort.)
Vors. Kolarow. Wir beginnen mit der Debatte über das Referat des Gen. Trotzky. Das Wort hat Gen. Brand.
Brand (Polen). Genossen und Genossinnen! Der Kapitalismus macht seit zwei Jahren immer neue Versuche, die zerrüttete Wirtschaft Europas wieder aufzubauen. Jetzt steht er in der größten Krise seiner Geschichte. Diese Krise ist begleitet von einer mächtigen Offensive gegen die gesamte Arbeiterklasse. Diese Krise und diese Offensive sind das Symptom dafür, daß es für den Kapitalismus eine unaufschiebbare Aufgabe geworden ist, die Gesundung der Basis seiner Wirtschaft durchzuführen. Dieser Gesundung stehen mächtige Hindernisse entgegen.
Gerade der Charakter dieser Hindernisse erlaubt es, die neuen Merkmale dieser Krise zu sehen, die Merkmale, die sie von allen anderen Krisen des Kapitalismus unterscheiden. Die Wirtschaft hängt ja nicht in der Luft, sie steht auf dem Boden, im Rahmen der kapitalistischen Staaten. Und dieser Rahmen, in dem jetzt die Wirtschaft sich aufbauen soll, ist der Rahmen des imperialistischen Friedens von Versailles. Der Frieden von Versailles hat, wie sie alle wissen, eine Reihe von künstlichen Staaten geschaffen, die alle lebensunfähig sind und sich immerfort in den Haaren liegen. Dieser politische Rahmen steht im krassen Widerspruch zu den Notwendigkeiten des Aufbaus. Er läßt immerfort die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Aufbaus mit der politischen Stellung, den politischen Traditionen der herrschenden Klassen aneinander prallen. Das erklärt uns die verrückte imperialistische Politik Frankreichs, Polens usw.. diese Politik, die die Wirtschaft Europas zerstört und den Beginn des Wiederaufbaues nicht zuläßt. Der Wiederaufbau erfordert den Frieden, den Zusammenschluß aller kapitalistischen Staaten.
Die Brüsseler Konferenz der Finanzleute im Juli v. J. hat feierlich erklärt, daß es so nicht weitergehen könne, daß noch 20 % aller Ausgaben für Kriegszwecke ausgegeben werden, und daß, solange der Frieden nicht eintritt, die Wirtschaft sich nicht aufbauen lasse. Lloyd George hat im November gegen die Leute gewettert, die Brand und Verwüstung über Europa streuen, die mit einem Faß voll Petroleum umherlaufen und Feuer schüren. Der gleiche Lloyd George ist aber gezwungen, mit Gewalt Irland an England zu ketten, die Zinsen von Ägypten, Indien, Mesopotamien mit Gewalt zu erpressen. Und gleichzeitig ist Frankreich gezwungen, mit Gewalt seine Kontributionen von Deutschland zu erpressen, ebenso fühlt sich Polen gezwungen, mit Gewalt sich Oberschlesiens zu bemächtigen. Gewalt ist eine Notwendigkeit des Kapitals geworden. Die kapitalistischen Staaten können nicht ohne Gewalt weiterleben.
Alle bisherigen Krisen wurden durch die Vernichtung von technisch unvollkommenen Hilfsmitteln überwunden auf einer breiteren Basis, auf einer höheren Stufe der Technik. Diese Krise soll auf einer verkleinerten Basis überwunden werden. Das bedeutet aber auch ein Zurückgehen der Technik, das bedeutet einen ökonomischen Rückschritt Europas. das bedeutet, daß Millionen Menschen keine Arbeit und Lebensmöglichkeit haben, daß die ganze Wirtschaft verkümmert. Das bedeutet, daß der Pauperismus Jahrzehnte lang für Europa eine ständige Erscheinung sein muß, das bedeutet, nach den Worten Rosa Luxemburgs, einen Rückschritt in die Barbarei. Nicht Entwicklung des Kapitalismus steht am Ende der Krise, sondern Fäulnis.
Das wichtigste Hindernis für die Überwindung dieser Krise ist ihre soziale Wurzel. Wir müssen uns vorstellen, der Krieg hat Millionenwerte vernichtet; diese Werte existieren aber noch alle, sie existieren ideell, in Zinsforderungen, in Staatspapieren, und die Zinsen müssen bezahlt werden, das ist der erste Grundsatz des Kapitalismus. Die Arbeit der jetzigen Generation muß also nicht nur das ganze Kapital verzinsen, sondern auch den ganzen Krieg verzinsen. Das ist die Frage der Kriegsschulden. Hier kommen sie zum Vorschein. Was folgt daraus? Wenn der ganze kapitalistische Produktionsapparat und das ganze fiktive Kapital verzinst werden sollen, dann muß der Mehrwert, der aus der Arbeiterklasse erpreßt wird, viel größer als vor dem Kriege sein. Wie ist das möglich? England hat die Lasten der napoleonischen Kriege tragen können, weil es seine Technik und dadurch seine Produktionskräfte entwickelt hat. Wir haben aber keine technischen Fortschritte in Europa, sondern nur Rückschritte. Vielleicht will man die Produktion durch Vergrößerung der Arbeiterzahl erhöhen. Nein. Wir sehen eine Verkleinerung der Zahl der Arbeiter. Man will also das Ziel durch Vergrößerung der Rate der Ausbeutung erreichen. Es ist eine Notwendigkeit des Kapitalismus, um weiter zu profitieren, die Rate der Ausbeutung zu vergrößern. Was taten aber die Kapitalisten am Ende des Krieges? Sie gaben, sie mußten den Arbeitern den Achtstundentag geben, sie mußten sich mit der Lockerung der Arbeitsdisziplin abfinden, sie mußten sich mit der Verkleinerung der Arbeitsleistungen abfinden, weil sie es anders nicht konnten. In den ersten Monaten nach dem Kriege hat die deutsche Eisenbahnverwaltung doppelt soviel Arbeiter in die Eisenbahnwerkstätten aufgenommen, nur um die Arbeitslosen zu versorgen, um nicht eine noch größere Armee der Revolution zu schaffen. Die Kapitalisten waren gezwungen, um ihre politische Macht, ihre Staatsmacht zu retten, vorläufig den Arbeitern Zugeständnisse zu machen, die unvereinbar sind mit der Profitwirtschaft, die auf die Dauer auch unhaltbar sind. Die ganze reformsozialistische Tätigkeit der kapitalistischen Regierungen, die Zuschüsse zu den Brotpreisen zahlten, die die Wohnungsmietsbeschränkungen vornahmen, alle diese Maßnahmen, die von den Reformsozialisten gepriesen werden, sie sind mit dem Wiederaufbau des Kapitalismus unvereinbar. Das kam sehr bald zum Vorschein in den Staatsfinanzen, im Budget, und darum ist es nicht ein Zufall, daß die Finanzleute zuerst bemerkt haben, daß es so nicht weitergehe. Die Brüsseler Finanzkonferenz, die die Valutafragen erörtern wollte, mußte sich mit diesen Fragen beschäftigen, um eine Gesundung der Finanzlage herbeizuführen.
Diese Finanzlage ist ein Ausdruck, ein Symptom für den inneren Mechanismus der Gesellschaft. Wenn die Finanzlage krank ist, so bedeutet das eine Krankheit des Organismus. Die Finanzleute wollten das Symptom beseitigen, sie haben ganz richtig die wichtigsten Wurzeln gefühlt. Die Brüsseler Konferenz hat sich an alle Regierungen gewandt, nicht nur um die Kriegsrüstungen zu verhindern, sondern sie hat auch die Regierungen aufgefordert, alle ökonomischen Maßnahmen aufzugeben, die dem „natürlichen Spiel der ökonomischen Gesetze“ zuwiderlaufen. Das bedeutet die grenzenlose Ausbeutung der Arbeiterschaft.
Solange die Krise nur in der Finanzwirtschaft des Staates, im Staatshaushalt, im Budget, zum Vorschein gekommen war, schritt der Kapitalismus nicht offen zur Offensive. Erst als die Krise an die Türe jedes einzelnen Kapitalisten pochte, als er seine Ware nicht losschlagen konnte, hat er gemerkt, daß es nicht mehr genüge. die Löhne zu drücken, daß er zu schärferen Mitteln greifen, zur offenen Offensive übergehen müsse.
Diese Offensive ist erst im Anfang. Es genügt nicht, die Löhne abzubauen. Es genügt nicht, viele Arbeiter auf die Straße zu werfen. Es ist notwendig, die Arbeiter, die in den Fabriken stecken, noch mehr auszubeuten. Das Wichtige ist, daß aus diesen Arbeitern, die Mehrwert erzeugen, noch mehr herausgepreßt wird. Und darum ist es eine Notwendigkeit, den Arbeitstag zu verlängern. Wir werden eine Offensive gegen den Achtstundentag bekommen, man wird zu dem Neunstundentag, vielleicht sogar Zehnstundentag übergehen wollen. Diese Offensive steht bevor. Wir gehen also einer Phase der Offensiv-Kämpfe gegen die Arbeiterklasse entgegen. Sie werden eine unerhörte Herabsetzung der ganzen Lebenshaltung und der sozialen Stellung der Arbeiter anstreben. Das ist die Wurzel der Krise.
Hier heißt es nicht, ob der Kapitalismus sich aufbaut, oder zu Grunde geht, sondern hier heißt es, ob wir ihm erlauben dürfen, sich aufzubauen, oder ob wir ihm den Weg verwehren. Es können in diesem Kampfe auch Niederlagen kommen. Aber gerade in diesen Kämpfen werden wir Kommunisten an der Spitze der Arbeiterklasse stehen. In diesen Kämpfen werden wir uns in den Augen der Arbeiterklasse als die Verfechter ihrer Interessen erweisen. Zwei Jahre hindurch haben es die Scheidemänner aller Länder vermocht, die Vermittler zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse zu sein. Sie haben das vermocht, weil das Bürgertum den Wunsch hatte, die Arbeiterklasse zu begütigen, weil es noch die Möglichkeit hatte, den Arbeitern Zugeständnisse zu machen. Sie haben dem Kapitalismus über die zwei schwierigsten Jahre hinweggeholfen. Sie haben mitgeholfen, in den zwei Jahren einen Staatsapparat zu bauen, in dem sie die Arbeiter um diese Scheinreformen prellten; bei uns in Polen haben die Sozialpatrioten diesen Staatsapparat selber geschaffen. Diese Rolle haben sie gespielt, jedoch der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Die Bourgeoisie kann die Scheidemänner noch gebrauchen, aber sie hat nichts mehr den Arbeitern zu geben. Die Losung der Bourgeoisie ist jetzt nicht mehr, die Arbeiterklasse zu kaufen, sondern sie zu erdrücken, sie in die Knie zu zwingen. Und wenn die Sozialreformer jetzt noch in diesen Kämpfen auf der Seite der Bourgeoisie stehen, und sie werden es tun, sie können nicht anders, dann werden wir sie in den Augen der breiten Massen entlarven müssen nicht nur als die Verräter der geschichtlichen Aufgabe der Arbeiterklasse, sondern auch als die Verräter der Lebensbedürfnisse der Arbeiterklasse.
In diesen Kämpfen wollen wir Kommunisten in den Augen der breitesten Massen als die Verfechter dieser unbedingten Lebensbedürfnisse des Volkes gelten. Dieser Aufgabe müssen wir uns bewußt sein, und dieser Aufgabe müssen wir unsere ganze Taktik anpassen. Wir müssen die Verfechter der Lebensinteressen der Arbeiter werden. Aus diesen Defensivkämpfen führen wir die Arbeiterklasse wirklich zur Offensive. Das war in Italien in kleinem Maßstabe der Fall. Im letzten Jahre wollten die italienischen Metallindustriellen die Löhne kürzen. Darauf haben die Arbeiter nicht mit dem Streik, sondern mit der Besetzung der Fabriken geantwortet.
Wir führen jetzt einen Defensivkampf. Wir können in diesem Kampfe noch Niederlagen erleben, aber von einer Blüte des Kapitalismus kann keine Rede sein. Es kann sich nur um eine Fäulnis des Kapitalismus handeln, und aus dieser Fäulnis müssen wir die Arbeiter herausführen. Wir haben nicht die Aufgabe, die Einzelheiten der Entwicklung zu prophezeien, wir haben die Aufgabe, in den Gang der Entwicklung einzugreifen; wir haben nicht die Aufgabe, die Revolution zu beweisen, sondern sie siegreich durchzuführen. Und darum begrüße ich es, daß das ökonomische Referat auf dem Kongreß der Führer der Roten Armee erstattet hat. Das wird unseren Feinden, dem bürgerlichen Europa, sagen, daß die Kommunistische Internationale sie nicht mit Statistiken, sondern mit dem Schwert bekämpfen wird. (Zustimmung.)
Sachs (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands). Genossen und Genossinnen! Die Ausführungen, die ich zu machen habe, betreffen nicht allein die Rede des Genossen Trotzki von gestern, sie betreffen natürlich ebenso auch, oder noch mehr, die Thesen, die von ihm und Genossen Varga gemeinsam vorgelegt worden sind. Es scheint mir und den Freunden von meiner Partei, als ob diese Thesen nicht das geeignete Dokument sein könnten, um darzulegen, wie die Kommunistische Internationale die wirtschaftliche und, damit zusammenhängend, die politische Weltlage heute betrachtet. Wir glauben, daß diese Thesen einer gründlichen Umformung bedürfen, wenn sie unter dem Namen und der Verantwortung der Kommunistischen Internationale in die Welt gehen sollen. Wenn der Ausgangspunkt dieser Thesen zwar auch gegeben war, wie ohne weiteres anerkannt werden muß, durch die Notwendigkeit der Polemik gegen die Rekonstrukteure, gegen die Wiederaufbauer der Zweiten und 2½ Internationale, so ist damit noch nicht gesagt, daß es ein faktisch richtiger und ein polemisch glücklicher Gedanke gewesen sei, die Alternative der Rekonstrukteure einfach zu übernehmen. Diese Alternative, die Frage nämlich, ob ein Wiederaufbau des Kapitalismus oder ein Zerfall, ein Zusammenbruch des Kapitalismus bevorstehe, ist mindestens in die einleitende Fragestellung dieser Thesen aufgenommen worden. Nun haben wir zwar gestern ausführlich gehört, wie Genosse Trotzki — und ich glaube, wir alle sind da mit ihm einig — sich den Zusammenhang der momentanen kleinen zyklischen Krisen und Aufschwungsperioden mit diesen Problemen des Aufschwunges oder Niedergangs des Kapitalismus, in großen Zeiträumen gerechnet, vorstellt. Gewiß werden wir wohl alle einverstanden sein, daß die große Kurve aufwärts gegangen ist und nunmehr unaufhaltsam abwärts geht und das innerhalb dieser großen Kurve sowohl beim Aufwärtsgehen, als auch jetzt beim Abwärtsgehen Schwankungen vorhanden sind.
Aber was in diesen Thesen nicht zum Ausdruck gekommen ist, was in ihnen keine plastische Formulierung gefunden hat, das ist eben der grundverschiedene Charakter dieser Niedergangsepoche gegenüber jener vergangenen Aufschwungsepoche des Kapitalismus im ganzen genommen. Die Thesen gehen bei ihrer Darstellung, bei ihrer wirtschaftlichen Untersuchung der Lage in der Hauptsache von der Frage des nationalen Reichtums, beziehungsweise des Reichtums an Gütern auf der Welt, und von der Frage der Produktivität aus. Das sind gewiß wichtige und für das Wohlergehen der Menschen, der Arbeitermassen, entscheidende Gesichtspunkte. Aber für die Analyse, die wir zu leisten haben, ist dieser Gesichtspunkt nicht ausreichend. Er bedarf einer Ergänzung, ich möchte sagen sogar einer Überwindung durch den übergeordneten Gesichtspunkt, daß nämlich die Wirtschaft heute mehr als je nicht auf Produktion gerichtet ist, sondern auf Profit, daß die Produktion nur das zufällige Endresultat ist. nur das Mittel zum Zweck des Profits. Das Charakteristikum dieser absteigenden Epoche des Kapitalismus im ganzen betrachtet, abgesehen von ihren einzelnen Schwankungen, ist, daß der Charakter der Profitwirtschaft, der Klassenkampfcharakter dieser Wirtschaft selbst, wiederum zehnmal verschärft zum Ausdruck kommt gegenüber der Blütezeit, in demselben Maße, wie er seinerzeit zum Ausdruck kam, als der Kapitalismus sich aufzubauen begann. Und wenn man diese Tatsache agitatorisch übertrieben und zugespitzt, aber dafür auch deutlich erkennbar ausdrücken will. so muß man heute schon sagen, daß das Kapital sich selbst wieder aufbaut, daß es seinen Profit rettet, jedoch auf Kosten der Produktivität. Das Kapital baut seine Gewalt durch den Abbau der Wirtschaft auf. Dieser Wiederaufbau der Kapitalgewalt, der etwas anderes, ja beinahe entgegengesetzt ist dem Wiederaufbau der Wirtschaft, diese Steigerung der Konjunktur der Kapitalsgewalt, kann natürlich niemand anderer bezahlen, als die breiten Massen der Bevölkerung. Denn was sich aufbaut, ist nur der starke Kern des Kapitals, es sind letzten Endes die großen Rohstoffmonopolisten.
Es sind letzten Endes die großen Rohstoffmonopolisten, die deshalb die stärkste Festung des Kapitals besetzt halten, weil von ihren Lieferungen alle anderen Kapitalisten, alle anderen Industrien mehr oder weniger abhängig sind. Es handelt sich heute für den stärksten Kern des Kapitals zum Zwecke der Rettung des Profits nicht mehr darum, regulär zu produzieren, das Kapital in dem langsamen regulären Gang der normalen Produktionsperiode umzuschlagen und dabei den Profit zu holen, es handelt sich für sie ganz wesentlich um den Monopolprofit. Das ist die zweite Charakteristik der wirtschaftlichen Situation im Abstieg des Kapitalismus. Der Monopolprofit ist ausschlaggebend geworden. Das Proletariat bezahlt die Kosten dieses Wiederaufbaues des stärksten Kerns des kapitalistischen Gebildes. Gewiß nehmen an dieser Bezahlung, an dieser Kostentragung auch weitere Kreise der Bourgeoisie teil, diejenigen Industriellen, die abhängig sind von den Rohstofflieferungen, die sich nicht fügen den Rohstoffmonopolen der Stinnes, Thyssen usw., oder in deren Industrie diese Rohstoffmonopole keine nutzbringende Verwertung finden. So werden Fabriken stillgelegt, Betriebe zur Kurzarbeit gezwungen. Aber wenn auch der einzelne Kapitalist sehr oft dem Verderben nicht ausweichen kann und also heruntergedrückt wird, so wissen wir doch, daß das Kapital immer wieder ausweichen kann, so lange die kapitalistische Wirtschaftsform in ihren Grundformen bestehen bleibt. Nicht ausweichen aber kann letzten Endes das Proletariat. Und wenn wir uns die Arbeitslosenziffern ansehen, die wir jetzt in Deutschland, England, Amerika haben, so müssen wir, glaube ich, erkennen, daß es sich hier nicht mehr um die industrielle Reservearmee der früheren Zeit handelt. Die Arbeitslosigkeit heute hat einen anderen Charakter angenommen. In der Bezeichnung ‚industrielle Reservearmee“ lag für die frühere Zeit der Gedanke eingeschlossen, daß diese arbeitslosen Massen bei Gelegenheit vom Kapital wieder in den Produktionsprozeß hereingeholt werden. Zum Teil deshalb, um die Löhne der noch Arbeitenden zu drücken. Aber bei den heutigen Zahlen der Arbeitslosen ist dieser Gedanke absurd. Die Massen sind nicht Arbeitslose als Reservearmee, sie sind arbeitslos, um zu einem großen Teile allmählich abzusterben, zu verhungern, nicht nur sie, sondern auch ihre Nachkommenschaft. Das geht nicht in der Form eines offenen Verhungernlassens vor sich, sondern in der verschleierten, abgeschwächten Form, die durch die Arbeitslosenunterstützung erfunden worden ist, die Arbeitslosenunterstützung, von der man sich einstmals versprach, daß sie eine zerstörende Wirkung gegen das Kapital ausüben würde. Diese Arbeitslosenunterstützung ist heute zu einem Verschleierungsmittel der wahren Zustände und damit zu einem Schutz des Kapitals geworden.
Bei dieser Gelegenheit der Arbeitslosenunterstützung möchte ich darauf hinweisen, daß in den Thesen ein sehr wesentlicher Punkt fast gar nicht berücksichtigt ist. Das ist nämlich die Rolle, die der staatliche Finanzapparat heute, und wiederum heute mehr als früher, spielt. Der staatliche Finanzapparat, der heute zu einem großen Teil seines Wirkens darauf aufgebaut ist, einen Umweg, eine Reihe von Kulissen zu schaffen, durch welche die Auspowerung der Massen der Arbeiter und überhaupt der breiten Volksmassen durch die Monopolherren weniger sichtbar wird. Gewiß können Steuern, einzelne Steuern nicht abgewälzt werden. Wenigstens war es bisher so. Ob die alten, theoretischen Festlegungen über Abwälzbarkeit von Steuern noch heute in allen Einzelheiten bei dem heutigen Überwiegen monopolistischer Tendenzen zutreffen, wäre noch zu untersuchen. Jedenfalls aber, möge es auch nichtabwälzbare Steuern geben, Tatsache bleibt, daß der Finanzapparat heute zu dreiviertel dem Zwecke dient, durch Umwege, durch Verschleierungen, durch Kulissen die Ausraubung der breiten Volksmassen durch das kapitalistische Monopol zu bewerkstelligen, um die schwierigeren direkten Wege zu vermeiden. Und wenn Gen. Trotzki sagte, daß die am meisten ruinierten Staaten früher oder später den Bankrott anmelden müssen, und wenn die Aussicht auf den Staatsbankrott auch in den Thesen in sehr deutlichen Worten dargelegt wird, ist das, glaube ich, ein sehr großer Irrtum. Wer sollte an dem Staatsbankrott der schwächeren, der zusammengebrochenen Länder, der finanziell am schlechtesten stehenden Länder ein Interesse haben? Wer sind die Schuldner, wer sind die Gläubiger? Es gibt zwei Gruppen von Gläubigern. Die einen sind Privatkapitalisten, die die Staatspapiere in der Hand haben, und die anderen sind die Regierungen, die Kriegsentschädigungen haben wollen. Die Privatkapitalisten haben gar kein Interesse, absolut kein Interesse an irgendeinem Staatsbankrott. Denn der Staatsbankrott würde — wie auch die Thesen sagen — einen Kampf um die Neuverteilung der nationalen Eigentums einleiten. Die Kapitalisten, die den größten Teil des nationalen Eigentums beherrschen, oder wenigstens kontrollieren, haben kein Interesse daran, diesen Kampf zu entfesseln, sie haben ein Interesse daran, ihn zu unterdrücken. Und außerdem finden sie die Befriedigung ihrer Ansprüche in anderer Form. Zwar gewiß nicht in vollem Umfange der Zahlen, die in den Büchern auf Debet und Kredit stehen. Und das ist ein Punkt, den ich dem Genossen Brand entgegenhalten möchte. Gewiß können alle die Zinsansprüche, die heute bestehen, als Staats- oder als Privatansprüche, nicht auf Heller und Pfennig geleistet werden, so wie sie in den Büchern links und rechts stehen. Darauf kommt es nicht an. Der Kapitalismus ist heute nicht mehr in dem Stadium, indem er nach den absoluten Zahlen sich befinden müßte, die bis ins Endlose gehen. Er ist heute in dem Stadium, wo sich für ihn alles darauf konzentriert, auch nur relativ die Macht zu behalten, und seine Ansprüche befriedigen zu können, während die Ansprüche der breiten Volksmassen eben nicht befriedigt werden.
Und wenn auch Abstriche von der Rechnung gemacht werden müssen und man noch lange nicht alles bekommen kann und die Forderungen vertagen muß, es kommt den Kapitalisten, die heute das Heft in der Hand haben, gar nicht darauf an, das ist ihnen ganz gleichgültig; es kommt ihnen nur darauf an, den Klassenkampf, die Wirtschaft als Klassenkampf siegreich durchzuhalten. Darum meine ich, wenn die Privatkapitalisten kein Interesse haben an einem Staatsbankrott, und sie werden kein Interesse haben, so wird es auch keinen geben. Denn sollen etwa die Minister und Geheimräte ein Interesse daran haben? Das wird nicht der Fall sein. Und die Gläubigerstaaten, die haben vielleicht ein Interesse daran. Aber auch sie sind wiederum nicht die Staaten — die, wirtschaftlich gesehen, fast gar nicht existieren, es haben wiederum nicht die Staaten darüber zu entscheiden, sondern die Kapitalisten der Gläubigerstaaten, ob auf einen Bankrott der Schuldnerstaaten Deutschland und Oesterreich gedrängt werden soll oder nicht. Ob aber diese Kapitalisten ein Interesse an dem Staatsbankrott haben werden, ist sehr fraglich. Der Genosse, der nach mir sprechen wird, wird zeigen, daß die Kapitalisten auf einem ganz anderen Wege die Befriedigung ihrer Ansprüche erlangen.
Wenn ich gesagt habe, daß das Kapital sich innerpolitisch genommen, wirtschaftlich aufbaut, das heißt, seinen Profit rettet in einen konzentrierten Kern der kapitalistischen Macht, so möchte ich noch hinzufügen, daß die Staatsgewalt heute gegenüber dem Kapital gleichfalls nicht mehr die Rolle spielt wie früher. Darüber wird Genosse Seemann mehr sprechen können, weil diese Dinge sich im internationalen Rahmen deutlicher zeigen als im nationalen.
Seemann (Komm. Arbeiterpartei Deutschlands). Genossen und Genossinnen, die Ausführungen des Gen. Sachs und die Kritik an den Thesen, die wir zu genehmigen haben, haben gezeigt, daß sich eine neue Ära zu vollziehen beginnt. Die Frage für die Kapitalisten ist ganz einfach die: wir befinden uns in einer katastrophalen Weltwirtschaftskrise, wie gelingt es, diese Krise, die noch ihresgleichen nicht gesehen hat, aufzufangen und zu einer Stabilisierung und Rekonstruierung des kapitalistischen Weltwirtschaftsapparates zu gelangen. Es zeigt sich dabei, daß diese neuen Tatsachen, die Tatsachen von neuen ökonomischen Verhältnissen, wie sie noch nicht dagewesen sind, auch ihre neue Form gefunden haben. Es zeigt sich, daß der Kapitalismus die Schwierigkeit der Aufgabe und des Kampfes vollauf begriffen hat und uns mit neuen Kampfmitteln entgegentritt, die wir genau zu analysieren haben, um das tun zu können, was Trotzki verlangt, wenn er gleich zu Anfang seiner Thesen sagt: „Wir haben zu entscheiden, ob nicht eine Revision des Programms oder der Taktik der Komm. Internationale durch die Verhältnisse nötig geworden ist“. Wir sehen nämlich als leider unumstößliche Tatsache, daß der Kapitalismus wieder überall Herr geworden ist, und zwar nicht nur in nationalem Maßstab, sondern auch im internationalen Maßstabe, bereits in einer Verflechtung des nationalen und internationalen Maßstabes. Das Netz des Versailler Friedens beginnt sich zu entwirren, beginnt sich auf seine realisierbaren Möglichkeiten zu reduzieren. Wie fängt das Kapital das also an? Wir wissen ganz genau, daß dieser Auspowerungsprozeß der letzten fünf Jahre für den Kapitalismus nicht zu überwinden ist, wenn es nicht auf Kosten der arbeitenden werktätigen Massen geschieht. Diese Tatsache steht am Anfang der kapitalistischen Taktik des Wiederaufbaues. Der Kapitalismus hat begriffen, daß alle nationalen Begrenzungen, aller nationaler Chauvinismus und Imperialismus, der ihm sozusagen von Natur innewohnt, für den Augenblick zurückgestellt werden muß, daß der Feind geschlossen zu bekämpfen ist, und zwar der Feind, der eben das Proletariat ist, der in den Kommunisten den vorgeschrittensten aktivsten Teil des Proletariats darstellt. Natürlich ist es vollkommen richtig und bleibt immer richtig, daß die kapitalistische Wirtschaft einmal früher oder später zu Grunde gehen muß. Diese selbstverständliche Wahrheit brauchen wir gar nicht zu betrachten. Das würde bedeuten, daß wir nichts anderes tun, als die Unabhängigen und Mehrheitssozialisten auch.- Dazu brauchen wir keinen Kommunistischen Weltkongreß. Wir müssen entscheidend handeln in der Frage: wie brechen wir den Kapitalismus, wie führen wir diesen Prozeß herbei, wie führen wir ihn so herbei, daß das Proletariat dabei die Zügel in der Hand behält. Die Kapitalisten also haben erkannt, daß der Hauptfeind nicht der Konkurrent ist, sondern das Proletariat. Sie haben erkannt, daß die Interessengemeinschaft zwischen den kapitalistischen Staaten so groß ist, daß davon auch die Taktik der Kapitalisten bestimmt werden muß. Und das ist bereits geschehen, international durch eine Verflechtung der Wirtschaft. Erstens durch die Tatsache, daß im weitesten Maßstabe englisches, französisches, amerikanisches Kapital investiert ist in jenen deutschen Trusts, in denen sich das nationale deutsche Kapital bereits zusammengeschlossen hat. Die Dinge sind bereits so vorgeschritten, daß objektiv und subjektiv der französische und der englische Kapitalist ein Interesse daran haben, daß der kapitalistische Aufbau Deutschlands gelingt. Wenn man mit 30 oder 25% Teilhaber eines Geschäftes ist, so hat man daran Interesse, daß dieses Geschäft auf die Beine kommt. Nun ist es richtig, daß jeder kapitalistische internationale und nationale Konzentrationsprozeß seinen Todeskeim in sich trägt, nämlich in jener Tatsache, die das Grundfundament der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt ist, in der Tatsache, daß egoistische Profitinteressen jeder Privatwirtschaft zugrunde liegen. Denn auch diese Konzentration basiert ja auf einer zusammengesetzten Fülle einzelner egoistischer Privatinteressen. Daß der nächste weltpolitische Konflikt zwischen England und Amerika ausgetragen werden wird, halten auch wir mit Trotzki für das Wahrscheinliche. Nur glauben wir nicht, daß das die zunächst liegende Etappe sein wird. Auf keinen Fall so, daß man das bereits mit kalendarischer Gewißheit sagen kann. Zunächst ist es doch so, daß die Frage Krieg oder nicht Krieg immer abhängt von Imponderabilien, die im letzten Moment entscheidend eingreifen, von Zufälligkeiten, die heute noch gar nicht zu erkennen sind. Aber vor allen Dingen wird dieser Zusammenstoß aus einem ganz anderen Grunde noch nicht kommen. Er ist noch nicht das, worauf wir Kommunisten unser Auge zu lenken haben. Das ist vielmehr der Kampf, der gegen das Proletariat geführt wird.
Was die kapitalistische Wirtschaft, die zu einer gemeinsamen Interessenwirtschaft verflochten ist, leitet, das ist die Tatsache, daß jeder ziemlich viel verdienen will. Dieser Druck, der auf jenen Kapitalisten, auf jenen zusammengeschlossenen Kapitalisten liegt, sucht sich seine Ventile. Zu diesen Ventilen gehört Rußland. Und uns scheint, daß in den Thesen dies nicht genügend berücksichtigt ist. Das Ventil, das uns als das zunächst gelegene erscheint, ist Rußland, das ist das Problem für die westeuropäischen Staaten. Das westeuropäische Kapital will den Wiederaufbau Rußlands vollziehen. Und Rußland ist zunächst auf eine gewisse Zeit hinaus das willkommene Ventil, wo sich das kapitalistische Absatzbedürfnis Raum schaffen wird.
Unsere Aufgabe ist es zu untersuchen, wie Rußland zum Aufbau kommt. Rußland hat das moralische Recht, mit Hilfe der kapitalistischen Staaten den Aufbau zu vollziehen, schon deshalb, weil das Proletariat es 3 Jahre lang im Stich gelassen hat. Es ist zu untersuchen, wie eine Synthese zu vollziehen ist, zwischen Rußland, seinem gerechten Lebensbedürfnis und der Aufgabe durch eine solche Absatzschaffung für das Kapital keine Schädigung des revolutionären Gedankens, des Fortschritts zu schaffen. Es würde zu weit führen, das hier im Plenum in einer großen Versammlung und auch an dieser Stelle zu sagen. Daß jedenfalls auf dieses Ziel hin die Tendenz der vereinigten Kapitalisten gerichtet ist, ist ein Faktum, wofür wir Belege haben. Die Tatsache einer Interessengemeinschaft großer englischer Industrieller, die sich unter dem Protektorat der englischen Regierung zusammengeschlossen haben, ist ein Beispiel dafür. Ebenso die zum Abschluß gekommenen Verhandlungen zwischen englischen führenden Kapitalisten mit deutschen Trustmagnaten. Das Thema dieser gemeinsamen Arbeit ist bereits fixiert. Das Thema ist Sowjetrußland. Darüber soll an einer anderen Stelle ausführlicher gesprochen werden.
Ich weise darauf hin, daß die Thesen das eine zu tun haben, das, was Trotzki selbst am Anfang sagt, aber am Ende nicht berührt, nämlich scharf und klar die Taktik der kommunistischen Internationale von dieser wirtschaftlichen Kampfbasis aus zu betrachten. Natürlich ist es nicht die Aufgabe dieser Arbeit, über die Taktik zu sprechen, aber ungefähr muß in diesem Referat die Richtung gegeben werden. Nun hätte die Tatsache in Betracht ziehen müssen, daß das Kapital in seinem Kampf gegen das Proletariat neue Formen gefunden hat, in denen es sich scheinbar dem Proletariat anpaßt, z. B. Betriebsräte, Wahl von Betriebsräten in den Aufsichtsrat, Dinge, an die vor mehreren Jahren noch kein Mensch dachte. Die Produktionskontrolle wird die nächste Losung des Kapitals sein. Dieser neuen Kampfmethode des Kapitals müssen neue Organisationsformen, neue schlagkräftige Kampfformen auch auf Seiten des Proletariats entgegengesetzt werden, die diesen Schlag, der gegen das Proletariat geführt wird, aufheben.
Wir schlagen deshalb vor, daß wir die Thesen hier noch nicht abschließen, im Verlaufe der Diskussion heute oder morgen, daß wir diese Thesen noch einmal an die Kommission zurückverweisen. Vielleicht wird es möglich sein, daß Gen. Trotzki an der Sitzung teilnimmt, damit wir einige Ergänzungen an dieser Arbeit vornehmen, dieser Arbeit, die wir nicht nur kritisieren wollen, die im Gegenteil ein ausgezeichnetes Material über die gesamte wirtschaftliche Lage gibt. Wir wissen, welcher geniale Fleiß in dieser Arbeit steckt. Vielleicht kann die Kommission, die dazu berufen ist, sich noch einmal mit diesen Thesen befassen. Ich bitte, diesem Antrag zuzustimmen.
Pogány (Ungarn). Parteigenossen, die Thesen, die hier durch Gen. Trotzki mit seinem mustergültigen Referat vertreten worden sind, enthalten nach meiner Ansicht einen Widerspruch und eine Lücke. Ich möchte zwei Sätze aus diesen Thesen verlesen; zunächst heißt es auf Seite 4: „Eine der Hauptursachen, daß die Bourgeoisie nichtsdestoweniger ihre herrschende Stellung behauptete, war die Tatsache, daß wenige Monate nach dem Kriege nicht die unausbleiblich scheinende Krise, sondern wirtschaftlicher Aufschwung eintrat.“
Dann auf Seite 14: „Das Proletariat, im Laufe der jetzigen Krise durch den Ansturm des Kapitals zurückgeworfen, wird bei Eintritt einer besseren Konjunktur sofort zum Angriff übergehen“.
Die Thesen konstatieren demnach, das Proletariat in Europa konnte die politische Macht nicht erobern, weil nach dem Kriege eine Prosperität, ein wirtschaftlicher Aufschwung einsetzte. Dann konstatieren dieselben Thesen, daß das Proletariat durch die gegenwärtig herrschende ökonomische Krise daran gehindert wird, die politische Macht in Europa zu erobern. Also das eine Mal hinderte der wirtschaftliche Aufschwung, das andere Mal wiederum die wirtschaftliche Krise das Proletariat daran, die politische Macht an sich zu reißen. Ich habe diesen Widerspruch schon in der Kommission zur Sprache gebracht. Gen. Trotzki polemisierte gegen diese Ausführungen und sagte, man dürfe die Zusammenhänge zwischen dem revolutionären Vorstoß des Proletariats und der wirtschaftlichen Krise nicht so mechanisch auffassen. Im allgemeinen, so sagte Gen. Trotzki, verhalte es sich so, daß die Krise revolutionär wirkt, aber nicht immer. Er hat uns als Beispiel die Geschichte der russischen Arbeiterbewegung angeführt, daß nämlich ein Proletariat, das in der Revolution stand und dann durch den weißen Terror dezimiert und zertrümmert worden war, eben dadurch wieder zu Kräften gekommen sei, daß ein wirtschaftlicher Aufstieg eintrat. Dieses Beispiel will nun Gen. Trotzki im Weltmaßstab angewendet wissen, indem er sagt, daß das Proletariat, das heute durch die Krise in die Defensive gedrängt worden ist, nur durch eine neue bessere Konjunktur wieder zur Offensive übergehen könne. Zuerst möchte ich feststellen, daß nach meiner Ansicht dieses russische Beispiel eigentlich kein gutes Beispiel ist. Denn es ist selbstverständlich, daß ein Proletariat, welches dezimiert in eine Krise eintritt, welches außerdem in der ganzen Welt isoliert dasteht, daß dieses Proletariat wirklich zunächst eine ökonomische Prosperität braucht um seine eigene Reihen wieder in Ordnung zu bringen, um seine eigenen Reihen wieder zu vermehren.
Ich könnte hier ein kleines Beispiel anführen, daß gerade das Gegenteil beweist. Das ungarische Proletariat wurde durch die Konterrevolution, durch den weißen Terror niedergeschlagen, seine Reihen wurden dezimiert. Was sehen wir nun bei der ungarischen Arbeiterschaft. Erholte sich das ungarische Proletariat während der Prosperität, die nach dem Sturze der Diktatur eingesetzt hat? Nein, umgekehrt. Jetzt bei Beginn der ökonomischen Krise sehen wir in Ungarn wieder eine neue, immer mächtiger werdende, Arbeiterbewegung.
Aber ich glaube eigentlich, daß beide Beispiele auf die heutige Lage Europas nicht zutreffen. Denn das russische Proletariat wurde im Jahre 1905 geschlagen, das ungarische Proletariat wurde im Jahre 1919 geschlagen, aber das europäische Proletariat wurde bisher nirgends geschlagen. Es ist nicht wahr, daß das europäische Proletariat dezimiert ist, daß die Organisationen des europäischen Proletariats zertrümmert sind. Wir sehen umgekehrt, während der Prosperitätsperiode hat sich das Proletariat in Europa in bisher nie dagewesenem Umfang mächtige gewerkschaftliche Organisationen geschaffen, so daß heute wirklich schon fast die ganze Arbeiterklasse in Europa organisiert ist, in verschiedenen Kampfverbänden. Und wir sehen, daß bei Beginn der ökonomischen Krise dieses Proletariat nicht gedemütigt worden ist, nicht niedergedrückt worden ist, sondern umgekehrt eben durch die beginnende industrielle Krise haben sich in Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei mächtige kommunistische Massenparteien gebildet. Es war kein Zufall, daß eben die kommunistischen Massenparteien sich nicht während der Periode der Prosperität bildeten, sondern umgekehrt: die erste Desillusionierung der wirtschaftlichen Krise war dazu notwendig, daß die bisherigen kommunistischen Richtungen in Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei wirklich zu organisierten kommunistischen Massenparteien geworden sind. Also schon da können wir feststellen, daß die Krise absolut nicht beruhigend wirkt, daß die Krise absolut nicht so wirkt, daß eine Stille in Europa vorherrscht, daß die Arbeiterklasse sich nicht bewegen kann, daß sie im Stillen dulden wird oder will, wie es die Kapitalisten von ihr fordern.
Ich glaube überhaupt, daß die Thesen zu sehr auf einen künftigen Weltkrieg eingestellt sind und nicht genügend auf die heute herrschende ökonomische Krise. Denn innerhalb der großen ökonomischen Krise sind sie zu sehr auf die Prosperitätsperiode eingestellt und nicht auf die heute vorherrschende Krisenperiode, also auf die Krise innerhalb der großen Krise. Ich glaube, Ruhe wird diese ökonomische Krise in Europa nicht bringen. Sie kann sie nicht bringen, weil die Krise eben bedeutet, daß die Bourgeoisie alles unternimmt, um das Proletariat niederzuwerfen, zu dezimieren, es vollständig wieder dem Kapital zu unterwerfen. Zweitens bedeutet die Krise, da das Proletariat sich nicht freiwillig unterwirft, (es kann sich nicht freiwillig unterwerfen, weil wir die Kommunistische Partei haben, die, ob sie will oder nicht, solange sie Kommunistische Partei ist, irgendwie das Proletariat in dieser Situation verteidigen muß), daß die Bourgeoisie naturnotwendig gegen das Proletariat in dieser Krise die Staatsgewalt in immer höherem Maße anwendet. Und ich glaube, eben die Rolle der nackten, außerökonomischen Gewalt ist nicht genügend in diesen Thesen berücksichtigt.
Was bedeutet die Gewalt, die Rolle der außerökonomischen Gewalt in der heutigen Lage? Nichts anderes als den Bürgerkrieg. Ich glaube, die Rolle des Bürgerkrieges ist in diesen Thesen auch nicht genügend berücksichtigt. Man kann feststellen, daß die Gewalt heute eine ebensolche Rolle spielt, die sie während der Periode der sogenannten ursprünglichen Akkumulation des Kapitals gespielt hat. Bei der Periode der Zusammenschrumpfung des Kapitals spielt sie eben so eine Rolle wie bei der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. Was war diese Rolle? Erstens die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln, zweitens die Ankettung der so neu geschaffenen Proletarier an die neuen Arbeitsbedingungen, an das Kapital. Und was ist die heutige Rolle der außerökonomischen Gewalt? Wir sehen denselben Prozeß, einerseits die Trennung der proletarischen Produzenten von den kapitalistischen Produktionsmitteln durch Arbeitslosigkeit, durch kurze Arbeit, durch Aussperrungen und andererseits sehen wir die gewaltsame Ankettung der proletarischen Massen an das Kapital. Wir sehen die Herstellung der Arbeitsdisziplin, Verlängerung der Arbeitszeit; wir sehen phantastische und doch realistische Pläne von Ludendorff über allgemeine Arbeitspflicht auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht. Wir sehen, wie die Pläne von Escherich und von der Orgesch in Deutschland offiziell angenommen sind.
Vors. Kolarow. Ich mache den Redner aufmerksam, daß die Redezeit abgelaufen ist.
Pogani. Genossen, ich möchte um Verlängerung der Redezeit bitten, da ich einen Abänderungsantrag stellen möchte (Zustimmung). Genossen! Ich muß die Frage aufwerfen, und das ist die Lücke, die in den Thesen des Gen. Trotzki enthalten ist, was bringt diese Krise, die für die nächste Zukunft zu erwartende ökonomische Krise für das Proletariat? Welche Frage wird durch diese Krise für die kommunistischen Parteien und die Kommunistische Internationale geschaffen? Viele Genossen sagen vielleicht, wenn wir das so ausführlich wissen wollen, müßten wir prophezeien, und das sei immer schlecht, wenn wir als Propheten auftreten, wir könnten uns leicht täuschen. Ich glaube, die Krise selbst ist ihr eigener Prophet. Wir sehen ja schon, welche Tatsachen, welche Aktionen diese Krise geschaffen hat. Ich werde die zwei wichtigsten Tatsachen nicht erörtern, sondern nur erwähnen. Die erste Tatsache ist der Bergarbeiterstreik in England, die zweite Tatsache der Aufstand in Mitteldeutschland. Was war, die äußeren Ereignisse bei Seite gelassen, der soziale Inhalt dieser riesigen Kämpfe in England und Deutschland? Nichts weiter, als ein Abwehrkampf gegen den Lohnabbau der Bourgeoisie. Und was war die Form der Kämpfe? Die Form war überall auch die gleiche. Ueberall ist die ganze Staatsgewalt gegen die Arbeiter aufgetreten.
In Deutschland haben wir das schon gesehen, in England vielleicht in solchem Maßstabe noch nie. Die englischen Minister hatten Recht, als sie erklärten, daß England noch nie eine derartige Krise erlebt hat, wie während des Bergarbeiterstreiks. Und was war der Erfolg der beiden Bewegungen? Wir können ohne Optimismus feststellen, daß in England durch den Verrat der Gewerkschaftsbürokratie die Grundbedingungen für die Revolution, für eine kommunistische Massenpartei geschaffen worden sind. Und was ist der Erfolg in Deutschland? Zuerst, daß die kommunistische Massenpartei wirklich eine revolutionäre Partei geworden ist, und daß wir sehen, daß innerhalb der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei wieder ein sogenannter linker Flügel sich ausgebildet hat, also daß unsere Partei heute weniger isoliert in Deutschland dasteht, als vor dem großen Kampf in Mitteldeutschland.
Wir sehen, ohne Propheten sein zu müssen, daß in diesen Kämpfen schon sehr scharf, sehr konkret nicht nur der soziale Inhalt der Kämpfe in Erscheinung tritt, sondern sogar die Grenzen, wohin diese Kämpfe führen. Wir sehen, das eigentliche Trachten der Bourgeoisie in diesen Kämpfen ist, durch die Staatsgewalt das Lebensniveau der Arbeiterklasse auf das Lebensniveau der vorgewerkschaftlichen Zeit zu drücken. So sehen wir, daß in England während der Streikgefahr des sogenannten Dreibundes alle gewerkschaftlichen Rechte suspendiert worden sind. Wir sehen, daß in Deutschland nach dem Niederschlagen des mitteldeutschen Aufstandes nicht nur die politische Bewegung niedergeschlagen worden ist, sondern auch die gewerkschaftlichen Rechte einfach vermindert und teilweise zertrümmert worden sind.
Also man kann feststellen, daß am Ende des Kapitalismus und an seinem Anfang dieselben Erscheinungen auftreten. Wir sehen bei Beginn der aufsteigenden Linie, ebenso wie während der absteigenden Linie, während des Krieges und der Revolution nicht nur Raub, Bigamie, Diebstahl; nicht nur Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln, sondern auch die ganze Gewalttätigkeit der Blutgesetzgebung und weißen Terror, der zu Beginn der kapitalistischen Wirtschaft eine ebenso große Rolle spielte, wie heute bei seinem Ende. Wenn Marx Recht hatte, als er sagte, daß das Kapital vom Kopf bis zum Fuß aus allen Poren Blut und Schmutz triefend zur Welt kam, so können wir sagen, wir sehen jetzt das Kapital ebenso blut- und schmutztriefend verrecken, wie es zur Welt gekommen ist.
Nun, Genossen, wenn wir diese Krise betrachten und das ist ja nach meiner Ansicht die Hauptsache dieser Thesen. die jetzige Wirtschaft zu charakterisieren, dann sehen wir drei Haupteigenschaften. Wir sehen, die ökonomische Offensive der Bourgeoisie gegen das Proletariat auf der ganzen Linie. Dann sehen wir zweitens Abwehrkämpfe des Proletariats, aber solche ökonomischen Abwehrkämpfe, die immer naturnotwendig zu politischen Kämpfen werden, deshalb, weil drittens die Bourgeoisie ihre Staatsgewalt, die sie während der Prosperitätsperiode überall reorganisiert hat, jetzt immer offener, immer allgemeiner und breiter gegen das Proletariat anwendet. Nun, wenn das so ist, dann ist es nach meiner Ansicht die Hauptaufgabe der Kommunistischen Internationale und aller kommunistischen Parteien, die Konsequenzen dieser Charakteristik zu ziehen. Die Konsequenzen sind aber, daß wir in dieser Krise eine Periode der Bürgerkriege haben, und zwar in gesteigertem Maße haben werden, gesteigerter wie bisher. Wir können und dürfen als Leitmotiv nicht die Prosperität und den künftigen neuen zweiten Weltkrieg benutzen, sondern umgekehrt, wir müssen über die Krise und über die neuen Bürgerkriege sprechen. Radek hat gesagt, man müsse ein feines politisches Gehör haben. Ich sage, wenn man dieses politische musikalische Gehör hat, dann hört man aus diesen Thesen heraus: neuer Weltkrieg und Prosperität. Ich glaube, in der Akustik dieses Saales, in der Akustik der heutigen Weltlage, nach den Debatten in der tschechoslowakischen Frage, in der französischen Angelegenheit, in der ‚deutschen Frage sollten unsere Leitmotive sein: nicht Prosperität und neuer Weltkrieg, sondern neue Bürgerkriege und Krisen,
Nach diesen Betrachtungen möchte ich, Genossen, folgenden Abänderungsantrag stellen. Ich möchte nur einen Satz anführen, der nach meiner Ansicht der Hauptsatz dieser Thesen ist. Die Thesen sagen Seite 14 am Ende:
„Das Proletariat, in Laufe der jetzigen Krise durch den Ansturm des Kapitals zurückgeworfen, wird bei Eintritt einer besseren Konjunktur sofort zum Angriff übergehen.“
Ich schlage vor, diesen Satz wegzulassen und an seine Stelle folgendes zu setzen:
„Das Proletariat wird jetzt durch die Krisenwirtschaft in die Defensive gedrängt. In dieser Defensive wird es große Verteidigungskämpfe führen müssen. Diese Kämpfe werden naturgemäß zu politischen Kämpfen, weil die Bourgeoisie in immer höherem Maße gegen sie die Staatsgewalt ins Treffen führt. Die Wirtschaftskrise stellt die gesteigerte Epoche der politischen Aktion der Bürgerkriege dar. Wenn das Proletariat diese Verteidigungskämpfe nicht mit dem erforderlichen Geist führt, wird die Bourgeoisie das Lebensniveau der Arbeiter auf das Niveau der der Bildung der Gewerkschaften vorhergegangenen Epoche herabdrücken.“ (Beifall.)
Thalheimer (Deutschland). Die Thesen des Genossen Trotzki über die Weltlage und Weltkrise sind zweifellos für die taktische Einstellung der Kommunistischen Internationale von außerordentlicher Bedeutung. Sie nehmen gewissermaßen zu einem bestimmten Teil diese taktische Einstellung schon vorweg. Darum ist es sehr notwendig, daß wir diese Thesen und die Einstellung, die ihnen zugrunde liegt, sehr genau prüfen, sehr mit kritischem Auge ansehen! Bei dieser Prüfung war mir besonders interessant eine Stelle in der Rede des Genossen Trotzki, wo er sagt: „wir haben in den Jahren 1918 und 1919 die revolutionären Entwicklungen kommen sehen.“ Er sagte, wenn ich mich recht erinnere, damals haben wir die Möglichkeit der revolutionären Umwälzung in Europa nach Monaten abgeschätzt, und jetzt müssen wir sie nach Jahren abschätzen. Ich habe den Eindruck, daß, wenn damals das Visier zu kurz genommen wurde, es jetzt etwas zu lang genommen wird. Nicht in dem Sinne, daß ich sagen wollte, es werde vielleicht nicht Jahre dauern, bis die Situation in einem Hauptlande Europas reif genug ist, um die Macht zu erobern. Es hat wenig Sinn, sich über Daten, Termine auszulassen. Ich meine das in dem Sinne, daß, soweit ich urteile, der revolutionäre Gehalt der Krisenperiode, in der wir uns befinden, nicht scharf genug zum Ausdruck kommt, der krisenhafte Charakter nicht scharf genug hervorgehoben ist. Wir gewinnen aus diesen Thesen sehr den Eindruck, als ob diese Krisenperiode eine Periode sozusagen des ruhigen Verfalls des Kapitals sein wird, und daß der eigentliche Hauptfeind des Weltproletariats — im ganzen gesehen — eine neue zeitweilige Aufwärtsbewegung, eine Erholung erfahren wird. Die Einstellung scheint mir sehr der Korrektur zu bedürfen, und zwar vor allen Dingen deswegen, weil, wenn äußerlich ein gewisses soziales Gleichgewicht hergestellt zu sein scheint und auch in der internationalen Lage, in der Weltlage ein gewisses Gleichgewicht sich zeigt, doch dieses Gleichgewicht äußerst labilen, äußerst schwankenden Charakters ist, derart, daß ein relativ kleiner Anstoß genügt. um dieses Gleichgewicht ins Wanken zu bringen, und die politischen, sozialen Krisen auszulösen.
Genosse Trotzki hat für die weltpolitische Krise als momentan relativ nahe Störung besonders die Zuspitzung des englisch-amerikanischen Konflikts angeführt. Ich sehe eine Reihe weiterer solcher Momente der Verschärfung, Momente, die das Gleichgewicht stören werden. Für eines der wichtigsten Momente halte ich das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich. Es ist dies ein störender Faktor, der mir noch näher zu liegen scheint, als der englische, amerikanische Störungsfaktor.
Genosse Trotzki hat in ausgezeichneter Weise entwickelt, auf welchem ökonomischen Wege, mit welchen ökonomischen Mitteln die Bourgeoisie es verstanden hat, über die ersten Gefahren nach den Jahren 1918, 1919 hinwegzukommen, die Methoden der Kriegswirtschaft in einem gewissen Maßstabe fortzusetzen. (Steigerung der Inflation, Steigerung der Staatsschulden usw.) Das alles hat Genosse Trotzki in seiner Rede ausgeführt. Nur scheint mir, daß die strategische Schlußfolgerung, die er aus diesen Voraussetzungen der Weltökonomie schließt, nicht ganz damit übereinstimmt. Diese Folgerungen, die zu ziehen sind, müssen meiner Ansicht nach schärfer hervorgehoben werden, als das in den Thesen geschieht, daß nämlich die Kriegsperiode, in der wir uns befinden, ein Gleichgewicht hervorgebracht hat, das äußerst unsicher ist, und daß diese Kriegsperiode die Keime einer Verschärfung des sozialen Konflikts und einer Verschärfung des imperialistischen Konflikts in sich birgt. Das ist in den Thesen des Genossen Trotzki wohl angedeutet, aber es ist dort nicht scharf, nicht klar genug zum Ausdruck gebracht: Gewiß kann niemand heute mit einiger Sicherheit voraussagen, daß diese Kriegsperiode eine Periode der Bürgerkriege sein werde, d. h. welche Formen die Zuspitzung der sozialen und imperialistischen Konflikte annehmen werde. Wenn man vorsichtig sein will, und man muß das sein, so muß man sagen, daß eine solche Verschärfung der sozialen und imperialistischen Konflikte wahrscheinlich ist, aber man muß das auch deutlich und klar sagen. (Zustimmung.)
Bell (England). Das von Genossen Trotzki in diesen Thesen behandelte Problem zerfällt in zwei Teile. Erstens die Frage, wie der internationale Kapitalismus sein Gleichgewicht wiederherstellen will und zweitens die Beziehungen der revolutionären Bewegung zu diesen Bemühungen des Kapitalismus. Darauf scheinen die Reden im großen und ganzen eingestellt zu sein. Ich wünsche jedoch auf eine mehr allgemeine Tendenz aufmerksam zu machen. Ich will die Aufmerksamkeit auf die Bewegung lenken, die jetzt vor sich geht. und die, allgemein gesprochen, darauf ausgeht, den Kapitalismus in den Formen finanzieller Abhängigkeiten, wie sie vor dem Kriege bestanden, wiederherzustellen. Früher vor dem Kriege, war es eine sehr verbreitete Meinung, die in dem Buche Normann Angels: „The great Illusion“ gut ihren Ausdruck fand, nämlich, daß Kriege wegen der finanziellen Abhängigkeit der kapitalistischen Länder untereinander unmöglich seien. Diese Idee der finanziellen Abhängigkeit der verschiedenen kapitalistischen Länder voneinander muß in Beziehung zu der internationalen sozialistischen Bewegung gebracht werden. Die Opportunisten der II. Internationale akzeptieren im allgemeinen diese Idee, und sind ihre Taktik und die Hauptlinien ihrer Politik im weiten Umfangs von diesem Gedanken diktiert. Aber wir dürfen nicht in denselben Fehler verfallen, indem wir die Formel unterschreiben: entweder ein kommender Krieg oder wachsende Prosperität oder sogar Bürgerkrieg. Wir dürfen keine Formel unterschreiben. die das Wachstum und die Entwicklung unserer heutigen revolutionären Bewegung dämpft. Die Erforschung und Analysierung der sozialen Gegensätze und der sozialen Kräfte, die von Zeit zu Zeit in Bewegung geraten, das ist unsere Aufgabe. Mit dem kommenden Kriege tritt eine Umgruppierung in den verschiedensten kapitalistischen Verhältnissen ein. Es gab zwei Gruppen, die Zentralmächte und die Entente, und diese Gruppen führten eine Störung des Kräftegleichgewichts herbei. Aber gleichzeitig trat eine politische Unbeständigkeit, hervorgerufen durch den Krieg, ein, und das ist eine der Entwicklungsphasen des Kapitalismus, die wir ins Auge fassen müssen: mit dem Frieden hat eine Tendenz Platz gegriffen, zu der vorkriegszeitlichen Organisation der Abhängigkeit der verschiedenen kapitalistischen Länder untereinander zurückzukehren, was auf unsere revolutionäre Bewegung bedeutsam einwirken kann. Es ist ein äußerst wichtiger Teil unserer strategischen und taktischen Aufgabe, den Grund zu diesen Bewegungen zu erkennen, so daß wir imstande sind, unser Augenmerk auf die wichtigsten Zentren zu richten und so der Wiederherstellung der alten Ordnung vorbeugen zu können. In Europa hat man viele neue Wege zur Stabilisierung des Kapitalismus gefunden: erstens, das Eindringen amerikanischen Kapitals. Man sagt, daß in Europa 18 Millionen Dollar amerikanischen Kapitals investiert sind, davon 2 Millionen teils in England, Frankreich, Italien und anderen Ländern, deren ich mich augenblicklich nicht mehr entsinne. Weitere vier Millionen sind als Geschäftskredite verschiedenen kleineren europäischen Staaten vorgeschossen; dieses Eindringen amerikanischen Kapitals hat eine kolossale Wirkung auf das Bestreben des Kapitals in Europa, sich zu stabilisieren, ein Bestreben, das ja in ganz Europa vorhanden ist. Ferner hat die Inangriffnahme der deutschen Reparationsfrage gleicherweise eine große Wirkung auf die Lage des Kapitalismus in Europa. Die Zahlung von Schadenersatz, der Export von Kohle und Eisen aus Deutschland hat eine stabilisierende Wirkung nicht nur in Deutschland, sondern es wirkt in gewissen Grenzen auf den ganzen Kapitalismus. Die Besserung der Lebenshaltung des Proletariats durch das Anwachsen der Produktion — wenn auch die Löhne heruntergehen — ist auch ein wichtiger Punkt. Ferner die Lage am Schiffsmarkt hat sehr großen Einfluß. Es ist eine Bewegung im Gange, welche die deutschen Schiffe, die dem deutschen Imperialismus seinerzeit abgenommen wurden, mit Rücksicht auf die Wirkung, die man in der britischen Schiffsindustrie erhofft, in der tausende von Arbeitern beschäftigt sind, wieder an diesen deutschen Imperialismus verkaufen will, und darin spiegeln sich die Anstrengungen, die der Kapitalismus unternimmt, um sich zu stabilisieren, wider. Man ist schon zu der Einsicht gekommen, daß Amerika, Frankreich, überhaupt die Entente, sich nicht von den Zentralmächten isolieren können. Das sind alles wichtige Faktoren bei dem Versuch des Kapitalismus, sich wieder aufzubauen, obwohl es eine endgültige Festigung des Kapitalismus nicht geben kann. Wir finden ferner, daß die Entwicklung der baltischen und der Randstaaten eine wichtige Rolle spielt. Alle diese Staaten verrichten im Dienste Englands die Funktionen der Polizei.
Die Art und Weise, wie man gegen das deutsche und österreichische Proletariat vorging, wie man im Baltikum herumoperierte, bedeutet die Ausdehnung der Methoden des preußischen Militarismus und des deutschen Imperialismus auf Europa, — die ja übrigens angeblich im Weltkrieg bekämpft und niedergerungen wurden. Mit allen Kräften versuchte man, so die alte Festung wieder herzustellen. Diese Versuche, die Verhältnisse in Europa zu stabilisieren, haben sehr interessante Wirkungen auf die englischen Verhältnisse ausgeübt. Dieser Versuch des Wiederaufbaus auf der alten Basis stellt einen der Faktoren dar, welcher auch sein Teil dazu beiträgt, die Verhältnisse in England unsicherer zu gestalten. Die englische Bourgeoisie ruft so über ihr eigenes Haupt die rächende Nemesis, die geschichtliche Rache. In dem Maße nämlich, wie sich der Kapitalismus in diesen erwähnten Ländern entwickelt, verursacht er Arbeitslosigkeit, industriellen Hader und Bürgerkrieg in England; dieser Situation müssen wir unbedingt unsere Aufmerksamkeit und unsere Vorbereitungen entgegenbringen. Das Durcheinander auf den Weltmärkten und die gegenseitige Anpassung, die seit dem Frieden vollzogen wurde, hatte das kommerzielle Gleichgewicht von Deutschland zugunsten Englands und dann wieder umgekehrt zugunsten Deutschlands verschoben. Gleichzeitig bedeutet diese Entwicklung den Sieg der Politik der gepanzerten Faust. In England hat es seit 1914 keinen Streik gegeben, welcher nicht mit einer militärischen Demonstration beantwortet wurde, und der militärische Rückhalt der Bourgeoisie wird bei jedem Kampf wieder und wieder in Erscheinung treten, solange der Kapitalismus existiert. Als eine Tatsache möchte ich anführen, daß die Polizeikräfte ein wichtiger Faktor in der Einschüchterung der ‚„Trade-Unions“ gewesen sind, die der Genosse Trotzki beschuldigt, daß sie die revolutionären Massen betrogen hätten. Trotzki sagte, daß die Führer die Massen betrögen. Ich behaupte, daß der Wunsch nach wirklichen revolutionären Aktionen vorhanden war, die militärischen Demonstrationen die Arbeiterführer aber bewogen haben, politische Kompromisse abzuschließen und die revolutionäre Bewegung im Stich zu lassen. Es ist deshalb höchst notwendig, sich im Gegensatz zu früher für die Zukunft mehr und mehr auf England zu konzentrieren. Insofern die revolutionäre Bewegung in England mehr und mehr kommunistisch wird, breitet sich die Revolution auch in Europa mehr und mehr aus. England wird zum Brennpunkt all der Kräfte, die die Aufrichtung Europas bezwecken, weil wir uns in der Nähe von Deutschland und den anderen mitteleuropäischen Ländern mit hochentwickelter kapitalistischer Wirtschaft befinden. Ich schlage deshalb vor, diese Frage einer Kommission zur weiteren Bearbeitung zu übergeben, man darf nicht wie bisher sich ausschließlich auf die Wahrscheinlichkeit des Bürgerkrieges oder andere Formeln verlassen, sondern man muß sich auf die befreiende Hilfe der sozialen Kräfte konzentrieren, welche allein die revolutionäre Bewegung des Proletariats, die sich in England entwickelt, hervorbringt.
Clara Zetkin. Genossinnen und Genossen! Es ist hier an der Rede des Genossen Trotzki und an den Thesen kritisiert worden, sie würden bis zu einem gewissen Grade unsere Diskussion über die Taktik vorwegnehmen. Ich vermag diese Kritik nicht zu teilen. Meine Auffassung ist die, daß wir dem Genossen Trotzki dafür dankbar sein können, daß er in einer sehr gründlichen, umfassenden und objektiven Weise die Grundlagen für unsere taktische Auseinandersetzung gegeben und diese Auseinandersetzung erst vorbereitet hat. Und zwar als echter Schüler von Marx, indem er hinabgestiegen ist in die Tiefen alles sozialen Geschehens, aller sozialen Kämpfe.
Ich will nicht auf Einzelheiten seines Referats eingehen, sondern nur scharf hervorheben, was seine Grundzüge und auch die Grundzüge der Thesen zu sein scheinen. Ich kann mich der Empfindung nicht erwehren, daß sowohl das Referat des Genossen Trotzki wie auch die Thesen viel zu überwiegend im Lichte des Richtungsstreites über die Taktik betrachtet werden, als nach ihrer rein objektiven wissenschaftlichen Bedeutung und Tendenz.
Was ist diese Tendenz? Genosse Trotzki hat innerhalb der gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaft alle die verschiedenartigen Tendenzen aufgezeigt und klargestellt, er hat nachgewiesen den unterschiedlichen, den wesensverschiedenen Charakter, der zwischen den früheren Krisen des Kapitalismus und der jetzigen Krise besteht. Und alle seine Darlegungen haben in der meines Dafürhaltens überzeugenden Schlußfolgerung gegipfelt, mag die Entwicklung diesen oder einen anderen Weg gehen, die kapitalistische Wirtschaft sei und bleibe verurteilt. Sie stößt an die Schranken, über die sie ihrem eigenen Wesen nach nicht hinauskommt. Sie muß zerschmettert, muß durch den Kommunismus ersetzt werden, Genosse Trotzki hat gegenüber den Versuchen der kapitalistischen Gesellschaft, trotz des gegenwärtigen Zerfalls den Kapitalismus wieder aufzubauen, die Rolle der Staatsgewalt zu diesem Zwecke mit genügender Schärfe hervorgehoben. Es ist eben eine internationale so hervorstechende Erscheinung, und niemand kann sich ihrem Eindruck entziehen, daß die Kapitalisten in größtem Umfange die Staatsgewalt gebrauchen und mißbrauchen, um die kapitalistische Wirtschaft wieder aufzubauen. Ich kann der Auffassung des Genossen Thalheimer nicht ohne weiteres beipflichten, daß wahrscheinlich die Möglichkeit eines französischdeutschen Konfliktes näher liegt als die eines englisch-amerikanischen Konfliktes. Ich sehe, daß die Möglichkeit eines solchen Konfliktes wohl vorhanden ist, aber andererseits sehe ich auch, gegenteilige Tendenzen, die am Werke sind, in dem Konflikt der französischen und deutschen Ausbeuterclique eine Verständigung auf Kosten des Proletariats herbeizuführen. Augenblicklich scheinen jene Tendenzen das Übergewicht erlangt zu haben- Meine Auffassung ist die, daß gerade eine solche Verständigung der deutschen und französischen Bourgeoisie sich nicht bloß auf Kosten des deutschen, sondern sich international auswirkt auch auf Kosten des französischen Proletariats, so daß diese noch viel größere Gefahren in sich birgt als eine rasche akute Krise. Daß gerade die Gefahr einer solchen Verständigung an das deutsche Proletariat, das französische Proletariat, das Weltproletariat die allerschwersten Anforderungen gesteigerter größerer Einsicht, aber auch gesteigerter Aktivität und Kampfestüchtigkeit stellt.
Genosse Trotzki hat meines Erachtens sehr mit Recht hervorgehoben, daß wir uns nicht verlassen dürfen auf eine automatische Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, die unvermeidlich zum Untergang führt. Nein, der soziale Faktor. der Wille des kämpfenden Proletariats muß ausschlaggebend. beschleunigend in den Gang der geschichtlichen Entwicklung eingreifen. Aber Genosse Trotzki hat meines Erachtens auch darauf hingewiesen, daß eben auf dieser wirtschaftlichen Grundlage die revolutionäre Betätigung der kommunistischen Parteien als Führerin des Proletariats vor sich gehen muß, daß es deshalb irrig wäre, sich einerseits einzustellen auf eine rasche Zuspitzung zu einer akuten Krise, die sich gewissermaßen mit einem einzigen Wetterschlage entlädt, daß wir deshalb nicht einseitig uns verlegen dürfen und daß aus der wachsenden Versklavung und Verelendung des Proletariats schon allein ein außerordentlich ausschlaggebender Faktor gegeben würde. Würden Verelendung und Versklavung diese Rolle spielen, dann hätten wir schon den entscheidenden Kampf der proletarischen Massen während des Krieges haben müssen. Auch da hat man darauf gehofft, daß mit der steigenden Verelendung des Proletariats die Explosion gegen den weltimperialistischen Raubkrieg zum Durchbruch kommen müsse. Und sie ist nicht gekommen.
Und was sehen wir in Deutschland angesichts der kolossalen Arbeitslosigkeit? Wir haben trotz allen Ringens um die Seele der Arbeitslosen, um sie zum Vortrupp des revolutionären Kampfes zu machen, bis jetzt die Erfahrung gehabt, daß sie nicht in dem erwarteten Maße in den Kampf eingetreten sind.
Ich will nicht weiter über diese Frage sprechen, da sie meines Dafürhaltens zur Frage der Taktik gehört. Außerdem haben wir einen sehr großen Beweis dafür, daß wir nicht zuviel erwarten dürfen von der Steigerung, der Verelendung und Versklavung allein. Denken Sie an die entsetzliche Lage des Proletariats in Österreich. Wo bleibt da die revolutionäre Empörung und vor allen Dingen der revolutionäre Wille zur Tat der breitesten Massen, die unter diesem Elend leiden? Ich bin die letzte, die sich der Einsicht verschließt, daß die Arbeitslosen unter bestimmten Bedingungen tatsächlich eine ganz hervorragende Rolle im Kampfe spielen können, daß wir voll ihre Bedeutung werten und auch aktiv ausnützen müssen. Aber eben so notwendig ist es, Genossen, daß wir damit rechnen, daß, wie Genosse Trotzki ausführte, auch noch vorübergehende Zeiten einer Besserung der Konjunktur kommen können. Und dann gilt es für uns, nicht entmutigt zu sein, uns nicht davor zu fürchten, als stände die Befestigung des Kapitalismus bevor, sondern auch dann an unserer festen Überzeugung festzuhalten, daß es nur eine Schwindelblüte des Kapitalismus ist, und daß es in jener Periode darauf ankommt, die ganze Energie, den ganzen Willen, die ganze Kraft der kommunistischen Parteien wirksam, revolutionär zu machen. Ich habe aus der Rede des Genossen Trotzki herausgehört die schärfste Absage an irgendwelche Passivität der Kommunistischen Partei und der proletarischen Massen. Umgekehrt. Mag die Entwicklung diesen oder jenen Weg gehen, für das Proletariat, für die Kommunistische Partei gibt es unter allen Umständen nur einen Weg: den Weg geradeaus zur Eroberung der politischen Macht, zur Aufrichtung der proletarischen Diktatur, gesteigert bis zur höchsten Aktivität auf allen Gebieten, durch ein Bereitsein zum Kampf in jeder Stunde und unter allen Umständen. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Roy (Indien). Genossen, wenn wir über die Weltwirtschaftslage und die Krisis, die das kapitalistische Produktionssystem heute durchmacht, debattieren, dürfen wir uns dabei nicht auf Europa und Amerika beschränken. Wir müssen die Grenze dieser Länder hinter uns lassen, weil der Kapitalismus, welcher allerdings unzweifelhaft in den erwähnten Ländern sein Zentrum hat, sich auf die verschiedensten Teile der Erde ausgebreitet und die großen nichteuropäischen Länder seinem Einfluß unterworfen hat. Dieser imperialistische und koloniale Expansionsdrang hat für lange Zeiten alle Völker beherrscht und wird vielleicht noch lange Zeit seine Rolle spielen, da er der kapitalistischen Ordnung in ihrem Bestreben, weiter zu existieren, wertvolle Hilfe leistet. Zweifellos befindet sich der Kapitalismus heute in einer sehr gefährlichen Krisis, und anscheinend weiß er keinen Ausweg daraus zu finden, doch wäre deshalb die Annahme verfehlt, zu glauben, der Kapitalismus würde seine Position leichten Kampfes aufgeben. Die Kapitalisten machen die größten Anstrengungen, einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten zu finden und sich von dieser Krisis frei zu machen. Da das Weltproletariat diese Krisis ausnützen kann, um die Weltrevolution herbeizuführen und das kapitalistische System zu zerstören, sind sie gezwungen, alles aufzubieten, um einen Ausweg zu finden, falls es überhaupt noch eine Möglichkeit für das kapitalistische System gibt, sich wieder zu stabilisieren.
Der Weltkrieg hat zwei kapitalistische Zentren zurückgelassen, nämlich die Staaten: England und Amerika. Die Welt ist tatsächlich heute unter diese beiden Staaten verteilt. Die Vereinigten Staaten haben die ganze neue Welt annektiert, während der ganze asiatische und afrikanische Kontinent unter britischem Einfluß steht. Die übrigen Mächte des europäischen Kontinents sind in Wirklichkeit zu Staaten herabgesunken, die wirtschaftlich von dem einen oder anderen dieser ungeheuren imperialistischen Staatengebilde abhängig sind, und deshalb haben wir die Möglichkeit für diese beiden großen Staaten, ihr kapitalistisches Gebäude wieder zu festigen, in Erwägung zu ziehen, da sie heute eine dominierende Stellung im Kapitalismus einnehmen. Die Zerrüttung Deutschlands und der deutschen Industrie hat in großem Maßstabe auf die Lage der englischen Industrie, auch auf die Industrie der Vereinigten Staaten eingewirkt. Vor dem. Kriege versorgte Deutschland England, die Vereinigten Staaten und andere Länder mit ungeheuren Mengen industrieller Erzeugnisse. Nach dem Kriege sind diese Märkte von den Vereinigten Staaten, England und Japan eingenommen worden, und so wurden diese Länder für die Verluste, die ihnen durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands zugefügt waren, zu einem großen Teil durch die Einnahme der deutschen Märkte entschädigt.
Die großen kapitalistischen Staaten sehen allmählich die Unsinnigkeit des Versailler Vertrages ein. Es ist ihnen allmählich zum Bewußtsein gekommen, daß die Bedingungen des Versailler Vertrages nicht nur Deutschland zerstört, sondern wahrscheinlich auch ihren Zusammenbruch nach sich ziehen würde, und so versuchen sie es jetzt, sich aus dieser Schlinge zu ziehen, welche sie in ihrer Kurzsichtigkeit gelegt haben; sie machen Anstrengungen, Deutschlands Wirtschaft und seine Industrie wiederherzustellen und zu stabilisieren. Wenn England sich allein auf seine Hilfsquellen zu stützen hätte, wäre es ihm unmöglich, sein Programm, die Wiederherstellung Deutschlands durchzuführen, da Englands heutige wirtschaftliche und industrielle Struktur eine solche ist, daß es dem Mutterlande ohne die ausgedehnten Hilfsquellen seiner riesigen kolonialen Besitzungen unmöglich sein würde, weder Deutschland zu unterstützen noch es wiederherzustellen. England findet heute die Stützen seiner Macht nicht nur in seiner eigenen ökonomischen Struktur, sondern auch in seinen großen kolonialen und ausländischen Besitzungen und so, um den internationalen Kapitalismus wieder herzustellen, gehen imperialistischer und Kolonialer Expansionsdrang Hand in Hand mit dem Weltkapitalismus. Bis zum Kriege war es die Politik Englands, den großen Kolonialländern den agrarischen Charakter nicht zu nehmen, da es so einen aufnahmefähigen Markt für seine Industrieprodukte schuf und andererseits eine gute Quelle für Rohmaterialien. Doch jetzt ist diese Politik aufgegeben, weil durch die industrielle Erschließung großer Länder, wie Indien und China, ungeheure Märkte für Englands Industrieprodukte gefunden wurden. Die Überproduktion, welche durch das industrielle System Englands bedingt ist, erweist sich heute, wenigstens vorläufig, als verhängnisvoll.
Die Kolonialländer entwickeln Industrien und die Folge ist das Besserwerden der Lebenshaltung eines wachsenden Teils der Bevölkerung, weil, wie niedrig die Löhne in allen Industrieländern auch sein mögen, die Lebenshaltung unzweifelhaft eine bessere ist als in den anderen Ländern, während die industrielle Entwicklung dieser Länder, die jetzt auf dem Weltmarkt auftreten, vorwärts geht, und zu derselben Zeit ist ein Anwachsen des Verbrauchsvermögens der eingeborenen Bevölkerung festzustellen. Denn die industrielle Krisis, welche zu einem großen Teil das Resultat des Überschusses aus der Überproduktion ist, nimmt ungeheure Summen einheimischen Kapitals in Anspruch, und wenn die Kapitalisten keinen Weg finden, dieses Kapital nutzbringend zu investieren, sind die Folgen unheilvoll, da das Kapital dann in anderen Industrieländern angelegt werden muß. Es findet das ständige Fortschaffen von Kapital von dem Mutterlande in andere Länder statt, um an deren Entwicklung teilzunehmen. Es werden dazu große militärische Kräfte unterhalten, furchtbare militärische Kräfte, und diese militärischen Kräfte werden von der Regierung dazu benutzt, die Arbeiterbewegung zu terrorisieren, und die großen Profite werden dazu benutzt, Arbeiterführer zu bezahlen und zu bestechen und auch um die starken revolutionären Kräfte, diein den Massen der Arbeitslosen schlummern, dadurch niederzuhalten, daß man ihnen hohe Arbeitslosenunterstützungen, Pensionen usw. zahlt. Deshalb schlage ich vor, daß in die Thesen eine Klausel eingefügt wird, welche auf die wichtige Rolle, die die kolonialen Besitzungen in dem Versuch zur Stabilisierung des internationalen Kapitalismus spielen, hinweisen. Es müßte damit ausgedrückt werden, daß es Aufgabe der Internationale ist, hierüber aufklärend zu wirken, daß die Hilfsquellen, welche die Kolonialbesitzungen vorstellen, von dem kapitalistischen System zu seiner Wiederherstellung nutzbar gemacht werden können.
Koenen (Deutschland). Genossen und Genossinnen! Der bisherige Lauf der Debatte hat die interessante Erscheinung gebracht, daß fast nur eine Kritik an den Leitsätzen und Thesen geübt wurde, wobei es sogar zu recht erheblichen linken Abweichungen gekommen ist. Ich fühle mich durchaus nicht veranlaßt, gegen diese linken Abweichungen irgendwie zu polemisieren, da wir ja neuerdings wissen, daß der Genosse Trotzki sicherlich auf diesem Gebiete genügend Schärfe entwickeln wird. Ich wundere mich aber, daß die rechten Abweichungen, nämlich die französische Änderung zu den Thesen leider nicht öffentlich begründet wird. Ich meine, es war im Laufe der Auseinandersetzungen zu diesem Tagesordnungspunkt nicht so sehr die Aufgabe, die Revolution als eine unabwendbare Notwendigkeit zu beweisen und die Kommunistische Partei als ein dafür notwendiges Werkzeug darzustellen. Die Frage, die für uns aus den verschiedenen Ländern viel konkreter vor uns steht, heißt: Was folgern wir aus der Weltlage für das nächste Jahr? Die Frage heißt: Welche Möglichkeiten bietet die Weltlage für politische, ökonomische Zuspitzungen bis zum nächsten Kongreß? Und darum sollten wir uns heute darüber unterhalten, wie die Thesen viel konkreter zugeschnitten werden könnten. Es ist wichtig, die große Linie zu ziehen, die bis zum Jahre 1923 oder 1924 führt und uns dort zeigt, daß ungefähr um diese Zeit fast, wie Genosse Trotzki sagt, mit kalendarischer Pünktlichkeit der große neue Zusammenstoß kommt. Aber die letzte starke Betonung dieser großen Linie und dieses zukünftigen Kampfes, der zwischen England und Amerika stattfinden wird, bringt es mit sich, daß wir von dem konkreten Kampf gar zu sehr abgelenkt werden. Es ist sehr notwendig, daß diese Abweichungen ein bißchen korrigiert werden, da man in den Thesen viel mehr als von dem künftigen Krieg von den Aufgaben der Kommunistischen Internationale im nächsten Jahre spricht und die für die nächsten Jahre irgendwie möglichen ökonomischen und politischen Zuspitzungen herausarbeitet. Ich stimme im wesentlichen den Ausführungen Poganys und Thalheimers zu, und ich glaube, daß der Änderungsantrag Poganys wesentlich richtig war.
Ich bemängele weiter, daß sowohl die Rede des Genossen Trotzki als auch die Thesen zu sehr vom russisch-deutschen Standpunkt die gegenwärtige Situation ansehen. Sie sind nicht genügend international gehalten. Es ist natürlich richtig, daß der große Konflikt zwischen England und Japan einerseits, Amerika andererseits sich entwickeln wird. Aber dieser große Konflikt ist zu weit hinausgeschoben, und es werden die jetzigen Stunden und Tage zeigen, daß es eine ganze Menge aktueller ökonomischer, politischer Zuspitzungen geben wird. Wir werden sogar vor Überraschungen stehen. Die Thesen lenken zu sehr den Blick in die Ferne. Die konkreten Situationen sind schon erörtert worden.
Die oberschlesische Frage ist noch immer aktuell, die Ruhrbesetzung droht noch immer, die Entwaffnungsfrage ist noch nicht erledigt, und auch die Wirtschaftsfrage noch nicht liquidiert. Ebenso gut kann eine schroffe Zuspitzung wieder kommen. Auf weitere Spannungen für den nahen Orient hat der Vorredner schon hingewiesen, und augenblicklich sehen wir, daß sich solche Spannungen in Ostasien entladen. Was hat es auf sich mit dem neuen Schlag, der dort geführt wird, wie haben wir uns dazu zu stellen? Wir haben in den letzten Jahren lebhafte Kämpfe erlebt, in Polen, in Italien, die Rückwirkung der oberschlesischen Frage, wir haben schwere Kämpfe in der Tschechoslowakei erlebt, auf dem Balkan große Unterdrückung, in Norwegen einen großen Streik, der englische Streik ist ja schon kurz behandelt worden. Außerdem sehen wir in Italien jetzt wieder eine Bewegung im Anwachsen. Wir sehen hier, wie eine Zuspitzung allerschärfster Art vorliegt. Es ist notwendig, zu diesen Situationen Stellung zu nehmen. Die Verschiebung der Herrschaft im Mittelmeer — weil ich gerade von Italien spreche — ist ebenfalls eine Frage von wichtigster Bedeutung. Im nahen Orient haben wir diese Wendung deutlich gesehen. Frankreich mit Griechenland fast allein gegen kleinasiatische Republiken kämpfend, Amerika, das sich einen starken Einfluß auf Italien sichert, England, das zu schwach wird, diese Länder an der Strippe zu halten, wird ausgeschaltet.
Nun ein paar Bemerkungen zu einem Punkte in den Thesen, der nach meiner Überzeugung auch nicht klar genug herausgearbeitet ist. Genosse Trotzki spricht von Staatsbankrott, aber nicht in einer klaren greifbaren Form. Jetzt wäre es angebracht gewesen, wo Genosse Trotzki uns die absteigende Linie des Kapitalismus vorführt, deutlich zu zeigen, daß ein Staatsbankrott nicht so eine wirtschaftliche Erscheinung ist, mit der man dies und jenes liquidieren kann, daß aber jetzt von einem Staatsbankrott in dem Sinne garnicht mehr die Rede sein kann. Ein Staatsbankrott z. B. in Deutschland d. h. Revolution, und darauf müssen wir uns einstellen, wenn wir zu diesen Dingen Stellung nehmen.
Darauf müssen wir uns einstellen. Ich bin der Überzeugung, will man die Arbeiter im nächsten Jahre mobilisieren, will man sie vorbereiten durch die jetzige Stellungnahme des Kongresses, will man ihnen Thesen in die Hand geben, so müssen diese Thesen nicht so sehr Stellung nehmen zum Kriege 1923—1924, sondern zu den aktuellen Konflikten des Jahres 1921. Ich hoffe, daß die Kommissionsarbeit uns in dieser Hinsicht selbstverständlich eine Reihe wesentlicher Verbesserungen bringt, damit wir mit den Arbeiten des Kongresses draußen im Lande besser bestehen können als so. (Lebhafter Beifall.)
(Schlußwort.)
Trotzki. Genossinnen und Genossen! Als erster Redner in der Diskussion hielt Genosse Brand eine sehr interessante Rede, auf die ich nicht näher eingehen will, zumal ich mich mit dem Inhalt im großen und ganzen einverstanden erkläre. Nur muß ich auf seine Schlußbemerkung reagieren, denn. ich glaube, daß er in Anbetracht dessen, daß er vom Vorsitzenden etwas gedrängt wurde, sich allzu knapp ausdrücken mußte, so daß diese seine Bemerkung zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte. Brand meinte, wir werden die Bourgeoisie nicht mit der Statistik, sondern mit dem Schwerte bekämpfen, und suchte diesen Umstand noch dadurch zu unterstreichen, daß ich als Vortragender hier auftrat. Nun muß ich ganz offen erklären, daß ich mit der Statistik der Roten Armee viel mehr als mit dem Schwerte zu tun hatte. (Heiterkeit) Wenn Genosse Brand und andere Genossen glauben, daß ich mich, um so auszudrücken, mit dem Schwerte in der Hand an den Kämpfen der Roten Armee beteiligt habe, so haben diese Genossen allzu romantische Auffassungen von meiner Funktion. Ich habe mich vielmehr mit der Zahl der Stiefel, der Hosen — und, ich bitte um Verzeihung — auch der Unterhosen beschäftigt (Heiterkeit), als mit dem Schwert. Ich glaube überhaupt, daß kein Widerspruch besteht zwischen dem Schwert und der Statistik. denn die Statistik des Schwerts spielt im Kriege eine sehr große Rolle. Napoleon sagte: „Dieu est toujours avec les gros bataillons“. „Gott ist immer auf Seiten der zahlreichen Bataillone“. Und die Statistik beschäftigt sich, wie Sie wissen, auch mit der Zahl der Bataillone- Genosse Brand wird sich wohl erinnern. daß wir uns etwas in der Statistik verrechnet haben, als wir allzusehr in der Richtung auf Warschau vorgegangen waren. ohne die Distanzen genau abzumessen und die Kraft, den Widerstand des Feindes genauer zu erwägen. Also, ein gut geschliffenes Schwert und eine gute Statistik des Schwertes und alles dessen, was zum Schwert gehört, passen recht wohl zusammen. (Beifall.)
Genosse Seemann hat eine Bemerkung des Genossen Brand aufgegriffen und noch schärfer hervorgehoben, indem er meinte: Wir haben die Revolution nicht zu beweisen, sondern durchzuführen. Das ist zu einem Teil richtig, in einem gewissen Sinne aber auch nicht richtig. Wir müssen den Arbeitern die Revolution, ihre Möglichkeit, ihre Notwendigkeit, ihre Unausbleiblichkeit beweisen, der Bourgeoisie gegenüber aber haben wir sie mit Gewalt durchzuführen. Und ich glaube, daß Genosse Seemann und die anderen Genossen, die im gleichen Sinne sprachen, ein wenig im Unrecht sind, wenn sie meinen, daß die objektive Analyse der ökonomischen Entwicklung, die ja die Unausbleiblichkeit der Revolution beweist, wie sich, wie ich glaube, Genosse Sachs oder Genosse Seemann ausgedrückt hat, uns beweist, daß die Revolution an irgendwelchem Punkte der geschichtlichen Entwicklung unvermeidlich ist. Das haben ja auch die Sozialdemokraten der II. Internationale immer wiederholt. Das interessiert uns nicht weiter. Wir müssen uns ein Ziel stecken, und dieses Ziel durch entsprechende Organisation und Taktik erreichen. Ja, wie man Schwert und Statistik einander nicht gegenüberstellen kann, so kann man auch nicht die subjektiven Faktoren der Geschichte, den revolutionären Willen, das revolutionäre Bewußtsein der Arbeiterklasse den objektiven Verhältnissen entgegenstellen. Denn wenn die Opportunisten, die Hilferdinge, Kautsky und die Kautskyaner. den geschichtlichen Prozeß automatisieren, indem sie nur den objektiven Faktor, den Willen der feindlichen Klasse, der für uns ein objektiver Faktor ist, in ihre große geschichtliche Statistik eintragen und den subjektiven Faktor, den revolutionären, treibenden Willen der Arbeiterklasse fast ausschließen, wenn sie damit den Marxismus falsifizieren, so gibt es ja eine andere Art, die Revolution methodisch zu organisieren. Es gibt nämlich eine Abart des revolutionären Denkens, dessen Vertreter wir gerade auf dem russischen Boden reichlich beobachten konnten. Das sind unsere Sozialrevolutionäre, und insbesondere ihr linker Flügel. Diese haben ja überhaupt über das objektive Denken, über die Analyse der ökonomischen und der politischen Entwicklung, über ihre objektive, philosophisch gesprochen, immanente Tendenz gespottet und sie, die sich gute Marxisten dünken, haben den freien Willen den revolutionären Handlungen der Minderheit gegenübergestellt. Lösen wir das subjektive Moment von dem objektiven los, so führt selbstverständlich diese Philosophie zu einem reinen revolutionären Abenteuertum.
Und ich glaube, daß wir in der großen marxistischen Schule gelernt haben, das Objektive mit dem Subjektiven dialektisch und praktisch zu vereinigen, d. h. also, wir haben gelernt, unsere Aktion nicht nur auf den subjektiven Willen des einen oder anderen zu basieren, sondern auf die Überzeugung, daß die Arbeiterklasse diesem unseren subjektiven Willen folgen muß und daß der Aktionswille der Arbeiterklasse durch die objektive Lage bestimmt wird: Also, da müssen wir doch etwas durch ökonomische Analyse und auch durch die Statistik beweisen, damit wir unseren eigenen Weg dann genau bestimmen und auf diesem Weg ganz energisch mit dem Schwert vorgehen können.
Genosse Sachs meinte, die Thesen seien kein geeignetes Dokument für die Kommunistische Internationale, denn der Niedergang und die Aufwärtsbewegung seien darin nicht genügend scharf umschrieben. Ich verweise nur auf Seite 9 der Thesen, wo dies ganz genau ausgeführt ist. Ferner meinte der Genosse, daß das Proletariat eben ein subjektiver revolutionärer Faktor der Geschichte sei und die Thesen hätten diesen subjektiven Standpunkt nicht betont. Ich meine, daß Genosse Sachs, der sich in seinen Tendenzen von den meisten der Redner unterscheidet, mit einigen Genossen, die heute hier das Wort ergriffen haben, die eine Tendenz gemein hat, die Thesen nicht gelesen zu haben. In Punkt 34 sagen wir ganz genau: „Die Frage des Wiederaufbaus des Kapitalismus auf den oben geschilderten Grundlagen, bedeutet im Wesen folgendes: wird die Arbeiterklasse unter den neuen unvergleichlich schwereren Verhältnissen die Opfer bringen wollen“... — das ist ja genug subjektiv —, „die nötig sind, um die stabilen Bedingungen ihrer eigenen Sklaverei, einer konzentrierteren und grausameren, als diejenige, die vor dem Kriege herrschte, wiederherzustellen?“ Des weiteren ist der Gedanke der Notwendigkeit der Akkumulation, der verstärkten Akkumulation, der Notwendigkeit der Gesundung der Valuta usw. entwickelt. Und überall gelangt derselbe Gedanke zum Ausdruck. Das ökonomische Gleichgewicht ist kein abstraktes, mechanisches Gleichgewicht, es kann nur durch das Wirken von Klassen wiederhergestellt werden. Nun aber ruhen die Klassen auf der Basis der Wirtschaft. Der Bourgeoisie ist es gelungen, im Laufe der drei Nachkriegsjahre das Gleichgewicht zu erhalten. Das ist Tatsache. Die Bourgeoisie bleibt einstweilen am Ruder. Wodurch? Wie ich schon früher gesagt habe, durch Neuemissionen, dadurch, daß sie in Italien, Frankreich und Deutschland aus den zerrütteten Staatsfinanzen Zuschüsse zu den Arbeitslöhnen gewährt, in der Form der herabgesetzten Brotpreise, des verbilligten Mietzinses. Jedes Stück deutscher Ware, das auf den englischen Markt geschleudert wird, bedeutet einen unbezahlten Teil einer deutschen Wohnung, die ruiniert ist, den Teil eines deutschen Hauses, der nicht renoviert werden kann. Also um das Klassengewicht herzustellen, muß man die Wirtschaft ruinieren, wenn man die Wirtschaft herstellen will, muß man das Gleichgewicht der Klassen stören. Das ist der circulus vitiosus, in dem sich die Wirtschaft mit ihrem Überbau befindet- Das ist der Hauptgedanke der Thesen. Wer diesen Gedanken nicht aus den Thesen herausgelesen hat, den muß ich ersuchen, die Thesen noch einmal aufmerksam durchzulesen.
Genosse Seemann meinte, Sowjetrußland könnte als Ventil für den Kapitalismus dienen, und dadurch vielleicht die Entwicklung der Weltrevolution stören. Nun so gefährlich stehen die Dinge denn doch noch nicht, daß das europäische oder das amerikanische Kapital sich auf Rußland werfen wird. um sich aus der Situation, in die es durch die riesige Arbeitslosigkeit geraten ist, zu retten. Die Lage ist noch bei weitem nicht so gefährlich, und unser Land ist unglücklicherweise viel zu sehr zerrüttet, um das Kapital in solchem Umfange hierherzulocken. daß es für die Entwicklung der Revolution in Amerika und Europa gefährlich werden könnte. Das ist absolut ausgeschlossen.
Ich komme nun zu den Ausführungen des. Genossen Pogany. Er fand in den Thesen einen Widerspruch und eine Lücke, und zwar auf Seite 4 und Seite 14. Der Widerspruch besteht seiner Meinung nach darin. daß wir einmal sagen. die Prosperität habe die revolutionären Ausbrüche geschwächt. gemildert, dann aber sagen, daß die künstliche Prosperität die Revolution nicht aufhalte. sondern in einem gewissen Sinne fördern werde. Ja. die vergangene Scheinprosperität und die zukünftige Scheinprosperität sind ganz verschieden abgeschätzt und daran findet Pogany einen Widerspruch. Es gibt indessen hier keinen Widerspruch. Denn wir nehmen die Prosperität in der geschichtlichen konkreten Umgebung der internationalen Welt und der einzelnen Staaten. Das Denken des (Genossen Pogany ist wenigstens in dieser Frage etwas automatisch und metaphysisch, um in der alten Phraseologie zu sprechen, denn er meint, die Krise löse immer dieselbe Tendenz aus, ebenso die Prosperität. Das ist ganz falsch. Erstens ist eine derartige Einstellung der Thesen vollkommen irreführend. Er sagt, die Thesen wollen zwei Dinge: erstens, auf den englisch-amerikanischen Krieg warten; zweitens auf die Prosperität warten. Als ob ich die Prosperität sozusagen in unsere Taktik eingefügt hätte, als ob ich der Prosperität die Türen geöffnet und gesagt hätte, die Prosperität möge eintreten und die Situation ändern. Davon ist keine Rede. Was sagen die Thesen? Sie sagen, wir haben eine tiefe und scharfe Krise; diese Krise hat zum großen Angriff der kapitalistischen Klasse gegen das Proletariat geführt. Das Proletariat befindet sich überall in der Defensive. Unsere Pflicht ist es, diesen defensiven Kampf des Proletariats auf ökonomischem Boden zu verallgemeinern, zu vertiefen, durch ganz genaue Feststellungen die Bedingungen des Kampfes zu klären. ihn politisch zu gestalten und zu einem Kampf um die politische Macht zu erweitern. Das ist ja unsere selbstverständliche Aufgabe. Ich sagte weiter in meinem Vortrage und wir sagen mit dem Genossen Varga in unseren Thesen: Wenn aber in 2 bis 3 Monaten oder in einem halben Jahre eine Besserung der Lage eintritt, so kann selbstverständlich davon die Rede sein unter der Voraussetzung, daß die Revolution inzwischen nicht losbricht. Bricht sie los, so werden wir zusammen mit dem Genossen Pogany uns dieser Erscheinung nicht widersetzen, mit allen Kräften uns daran beteiligen. Aber wir stellen uns die Frage: was wird sein, wenn das nicht geschieht, Genosse Pogany? Wenn anstatt der Revolution die Besserung der ökonomischen Situation eintritt? Genosse Varga hat ja in seiner Broschüre manches Symptom dieser Besserung gekennzeichnet. Und selbst in dem Fall, wenn jetzt ’'von einer Besserung nicht gesprochen werden kann, so muß jedenfalls festgestellt werden, daß das Tempo der Verschlechterung sich verlangsamt hat. Das ist sicher. Die Preise fallen nicht mehr so reißend wie früher. Der Finanzmarkt ist viel weniger gespannt, und man merkt hier und dort ganz winzige, oberflächliche Erscheinungen der Besserung auch in der Produktion. Diese ist aber nur ganz unbedeutend, es ist leicht möglich, daß es sich nur um einen kleinen Zickzack handelt, und daß es dann wieder abwärts gehen wird. Es ist aber auch möglich, daß eine größere Besserung eintritt. Das hängt nicht von mir, noch von dem Gen. Pogany, noch von den Resolutionen des Kongresses ab. Das ist wirklich eine von unserem Willen unabhängige, von außen gegebene automatische Erscheinung. Bedeutet dies nun wirklich vom Standpunkte der Taktik das Ansetzen der Epoche einer neuen ökonomischen Entwicklung? Das in keinem Fall. Nach der Auffassung des Gen. Pogany müßte man, wenn in drei Monaten der englische Markt, die Ausfuhr, die Produktion lebendiger wird, die Hoffnung auf die direkte Entwicklung der Revolution, der Eroberung der politischen Macht aufgeben. Wir glauben, daß es sich nicht so verhält. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Prosperität unmittelbar nach dem Kriege und der nun kommenden Prosperität. Denn nach dem Kriege war ja die Arbeiterklasse noch voller Illusionen. Die Arbeiterklasse war desorganisiert wie auch das Bürgertum. Es herrschte eine allgemeine Desorganisierung der Klassen. Nur eine kleine Minderheit in der Bourgeoisie war zielbewußt, und ebenso war sich nur eine kleine Minderheit der Arbeiterklasse, die kommunistische Gruppe, des Zieles bewußt. Die großen Massen waren schwankend und in dieser Situation war es von höchster Wichtigkeit, ob der aus dem Krieg heimkehrende Arbeiter arbeitslos wird, oder ob er sogleich einen ziemlich anständigen Lohn erhält, ob er billigeres oder teures Brot hat, denn all diesen Umständen stellt er seine Anstrengungen und Blutopfer auf dem Schlachtfelde entgegen. Das Bürgertum schuf indessen durch große Finanzopfer, durch die weitere Zerrüttung der Wirtschaftsbasis eine Situation, die diese konfuse Stimmung der großen Massen für zwei Jahre stabilisierte. Selbstverständlich bröckelten ganze Schichten von Arbeitern immer mehr ab, jedenfalls konnte sich aber das Regime bis zum heutigen Tage halten. Nun ist jetzt durch die Arbeitslosigkeit eine große Verelendung in den Massen eingetreten. Die kommunistische Partei hat sich herausgebildet, die Desillusion, die Enttäuschung der Massen haben die größten Fortschritte getan, und wir kämpfen nun auf der Basis der Krise und wir werden auf dieser Basis kämpfen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir auf der Grundlage dieser Kämpfe, dieser Krise in dem einen oder dem anderen Staate zur Macht gelangen werden. Sollte aber dieser Kampf nicht zu einem positiven Resultat, nicht zum Siege führen, dann wird, und das sagen die Thesen, die Scheinprosperität keinesfalls auf die Arbeiter beschwichtigend einwirken. Im Gegenteil. Jeder Arbeiter wird sich bei den ersten Anzeichen der Prosperität all der Enttäuschungen, die er erlitten, all der Opfer, die er vollbracht hat, erinnern, und wird Vergeltung fordern für alles, auch für die Lohnreduktionen, für die Krise. Das ist historisch, ökonomisch und psychologisch begründet. Was die Musik betrifft, die Gen. Pogany aus meiner Rede herausgehört haben will, daß ich auf einen neuen Krieg und auf die Prosperität warte, so weiß ich nicht, ob meine Stimme nicht genügend musikalisch, ob das Ohr des Gen. Pogany wenig musikalisch ist, oder .ob die Akustik schlecht ist. (Heiterkeit.) Jedenfalls besteht zwischen meinem Sprachorgan und dem Hörorgan des Gen. Pogany ein Mißverständnis. Ich schlage niemand vor, auf den Krieg zwischen England und Amerika zu warten.
Und wenn ich gewußt hätte, daß diese Ziffer, das Jahr 1924, jemand in Versuchung bringen kann,- so würde ich überhaupt auf das verfluchte Datum verzichtet haben. Denn es spielt ja gar keine Rolle in meinen Ausführungen. Ich habe das nur zur Illustration angeführt. Ich habe mich mit dem ökonomischen Gleichgewicht befaßt und habe gefragt: wie steht es mit dem Gleichgewicht der internationalen Beziehungen der Staaten? Und ich habe gesagt, wir hatten ja den bewaffneten Frieden von 1914, man bereitete sich für den Krieg vor. Aber niemand dachte an ein so rasches Tempo und niemand rechnete mit der Sicherheit des unausbleiblichen Zusammenstoßes in zwei, drei, vier Jahren. Und dieser unausbleibliche Zusammenstoß ist nicht ein mathematischer Punkt in dieser geschichtlichen Entwicklung, er wirkt auch auf die gegenwärtige Gruppierung der Staaten in Europa.
Gen. Thalheimer wiederholte dieselbe Anklage, ich möchte sozusagen die revolutionäre Energie des Proletariats für den Fall des Krieges 1924 reservieren, was ja etwas sonderbar klingt. Dann sagt er, daß meine Einstellung sozusagen auf den friedlichen Zerfall des Kapitalismus laufe. Er sagte klar, daß die Einstellung der Thesen auf den friedlichen Zerfall des Kapitalismus gerichtet ist. Ich verweise auch hier auf den Punkt 34, wo das Entgegengesetzte gesagt wird. Es wird hier gesagt, daß das Gleichgewicht, wenn es auf den automatischen Zerfall des Kapitalismus ankommt, sich herausbilden wird, daß aber eben das Herausbilden dieses Gleichgewichts durch das Medium der kämpfenden Klasse geschieht und deshalb wird es sich nicht herausbilden. So steht es hier.
Auch die Frage der Kontribution ist in diesem Zusammenhange behandelt worden. Es ist gesagt worden, daß die Kontribution Deutschlands als Mittel der Stabilisierung des Kapitalismus der Entente diene. Ganz richtig,die Kontributionen müssen aber eben bezahlt werden. Damit sie bezahlt werden, muß das deutsche Proletariat nicht nur für sich, nicht nur für die Profite seiner Bourgeoisie, für seinen Staat, sondern auch für diese Kontributionen schaffen. Das bedeutet die potenzierte Ausbeutung und das bedeutet den verschärften Klassenkampf, nicht aber die Herstellung des Gleichgewichtes.
Die Frage, die ganz abstrakt von manchen Genossen gestellt wird, ob Verelendung oder Prosperität zur Revolution antreiben, ist in dieser Formulierung ganz falsch. Das habe ich schon in meinem Vortrag zu beweisen versucht. Ein spanischer Genosse hat mir in einem Privatgespräch gesagt, in Spanien habe gerade die Prosperität, die durch den Krieg für die spanische Industrie geschaffen wurde, zu der revolutionären Arbeiterbewegung großen Stils geführt, denn früher habe in dieser Beziehung in Spanien Stagnation geherrscht. Also kein russisches, sondern ein spanisches Beispiel, ein Beispiel auf dem entgegengesetzten Teil Europas. Genossen: Weder die Verelendung, noch die Prosperität als solche können zur Revolution führen, sondern das Abwechseln der Prosperität und der Verelendung, der Krise; das Nichtstabile, der Mangel an Beständigkeit ist der treibende revolutionäre Faktor.
Warum ist nun die Bureaukratie der Arbeiterbewegung so konservativ geworden? Es sind doch zumeist bescheidene, mäßig lebende Kerle, die keinen großen Luxus treiben, sie sind aber auf die Stabilität des Lebens eingerichtet. Sie haben ja keine Furcht vor Arbeitslosigkeit, solange sie sich im Rahmen des normalen Partei- und Gewerkschaftslebens hält. Das hat ja auch auf die Psychologie einer großen Schicht der bessergestellten Arbeiter, auf diese Bureaukraten eingewirkt. Nun ist es eben mit dieser Herrlichkeit, mit der Stabilität der Verhältnisse vorbei. Verelendung ist an die Stelle der künstlichen Prosperität getreten. Die Preise springen um 100 Prozent, die Löhne verändern sich im Verhältnis oder nicht im Verhältnis mit den Veränderungen der Valuta. Man hat die Sprünge der Valuta, die Sprünge der Löhne, und dann diese Abwechslung der fieberhaften fiktiven Konjunktur und der tiefen Krisen. Dieser Mangel an Stabilität, an jeglicher Sicherheit für das private Leben jedes Arbeiters ist der revolutionärste Faktor der Epoche, in der wir jetzt leben. Und das ist auch in den Thesen ganz genau gesagt. Wir berufen uns hier auf die Krise als solche und auch auf die Prosperität. Wir sagen auf Seite 13: „Die Unbeständigkeit der Lebensverhältnisse, die allgemeine Unbeständigkeit der National- und Weltwirtschaftsbedingungen widerspiegelt, — ist jetzt einer der wichtigsten revolutionären Entwicklungsfaktoren.“
Und das behält ebenso für die Krisenzeit, wie für die Zeit der Prosperität seine Bedeutung. Und das bezieht sich auch auf die politischen Verhältnisse, in denen die Arbeiterschaft lebt. Die Arbeiterschaft vor dem Kriege hat sich an das preußische Regime gewöhnt. Es war ein eiserner Rahmen, aber doch ein sicherer Rahmen. Man wußte, daß man dieses tun, jenes nicht tun dürfe. Jetzt ist auch dieses Regime der preußischen Stabilität verschwunden. Man bekam vor dem Kriege 3 M. täglich, aber das waren klingende Mark, man konnte dafür etwas kaufen. Man bekommt jetzt, ich weiß nicht, 20, 30, 40, 50 M. pro Tag, man hat aber sehr wenig davon. Man hatte wohl den deutschen Kaiser, man wußte aber, daß man nicht auf der Straße getötet wurde, wenn man einen Streik macht, man wußte, daß man höchstens eingekerkert wird. Jetzt weiß man nicht, ob man, wenn man als freier Bürger der Republik auf der Straße promeniert, nicht erschossen wird. Dieser Mangel an Sicherheit bringt ja den ruhigsten Arbeiter aus dem Gleichgewicht. Das ist der treibende revolutionäre Faktor. Was hier gesagt worden ist, daß ich mich und auch die Thesen auf den Konflikt zwischen England und Amerika konzentriere und die anderen Konflikte außer acht lasse, ist vollständig falsch. Es steht auch darin, was Koenen über das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich sagte, es ist hier ganz ausführlich besprochen. Sogar die letzte Kapitulation und alles, was damit zusammenhängt, sind auf Seite 10 erörtert worden. Dort heißt es: „Die Kapitulation Deutschlands im Monat Mai in der Kontributionsfrage bedeutet dennoch einen zeitweiligen Sieg Englands und verbürgt ihm den weiteren wirtschaftlichen Verfall Zentraleuropas, ohne jedoch die Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich in der allernächsten Zeit auszuschließen.“
Und alles was Gen. Koenen gesagt hat, finden Sie dem Prinzip nach in den Thesen. Selbstverständlich können wir nicht unsere Aufmerksamkeit in der Frage der internationalen Politik nur auf das kommende Jahr 1924 konzentrieren. Wir müssen mit offenen Augen jede Eventualität, jeden Tag beobachten und uns ganz scharf vorbereiten. Und ich meine, daß wir gerade auf internationalem Gebiet die größten Aussichten haben, das Proletariat für uns zu gewinnen und das bleibt ja doch die Hauptsache. Bevor man die Macht, die Gewalt erringt, muß man das Proletariat für sich gewinnen. Wie steht nun die II. Internationale und die II. Internationale auf diesem Gebiet? Da muß ich doch auf ein kleines Beispiel die Aufmerksamkeit lenken, auf die Polemik zwischen dem „Vorwärts“ und dem belgischen Blatt „Le Peuple“. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland genügend ausgenutzt worden ist. Diese Polemik zwischen diesen beiden Parteiorganen, die derselben zweiten Internationale angehören, über die aktuellste, vitalste Frage, die deutsche Reparationsfrage, ist im höchsten Grade lehrreich für jeden deutschen, belgischen und französischen Arbeiter. In dem Moment, wo Briand mit der Besetzung des Ruhrgebietes gedroht hatte, stellte „Le Peuple‘“, das belgische sozialistische Schandblatt, folgende Fragen an die deutschen Genossen: „Wir sahen,“ schreibt der Peuple, „daß die deutschen Arbeiter in den Kapptagen sich ganz tapfer zu benehmen verstanden. Warum schweigen sie jetzt? Warum geben heute die Arbeiterorganisationen von einem Ende Deutschlands zum anderen in unmißverständlicher Weise ihrem Willen Ausdruck, dem Ruhrgebiet die Okkupation und die Arbeit unter militärischer Aufsicht zu ersparen?“
Das heißt also: Da meine Regierung, die belgische. wie die französische dich, deutscher Arbeiter, erwürgen werden, im Falle deine Regierung an die französische keine Kontributionen in dem geforderten Umfang zahlen wird, so ist es deine Pflicht, deutscher Arbeiter, die Revolution gegen deine Bourgeoisie zu machen, sie zur Zahlung der Kontributionen zu zwingen, damit meine Bourgeoisie nicht gezwungen wird. dich zu erwürgen. (Heiterkeit.) Das bedeutet ja, mit der revolutionären Pflicht Ball zu spielen, wie es die Clowns im Zirkus tun. Deine Pflicht ist es, deine Bourgeoisie der meinen zu unterwerfen, damit ich nicht verpflichtet bin, gegen deine Bourgeoisie zu kämpfen. (Zustimmung.)
Der „Vorwärts“ antwortete darauf: „jede einzelne dieser Fragen geben wir in vollem Umfang an die belgischen Arbeiterorganisationen zurück. Nicht unsere Armeen sind es, die es aufzuhalten gilt.“ Das sagt derselbe „Vorwärts”, dieselbe sozialdemokratische Führung, die ja den Brest-Litowsker Frieden seinerzeit unterstützt hatte. Über diese Kerle muß man vor der belgischen und französischen und auch vor der deutschen Arbeiterklasse mit der Hundepeitsche in der Hand sprechen.
Genossen und Genossinnen! Die Revolution hat drei Flußbetten, und an eines dieser Flußbetten hat uns Gen. Roy erinnert. Das erste große Flußbett der revolutionären Entwicklung ist das verkommene Europa- Das soziale Gleichgewicht Europas, Englands in erster Reihe, war immer auf die Vormachtstellung Englands und Europas in der Welt gegründet. Diese Basis für England: seine herrschende Vormachtstellung in der Welt. Damit ist es vorbei. Fluktuationen können eintreten, aber mit der Vormachtstellung Europas ist es vorbei, mit der Vormachtstellung der europäischen Bourgeoisie, und auch des europäischen Proletariats. Das ist das erste große Flußbett der Revolution.
Das zweite: die fieberhafte Entwicklung Amerikas, dieser große fieberhafte Aufstieg, der ja durch Bedingungen geschaffen wurde, die sich nie stabilisieren und nie wiederholen lassen: also ein großer Aufstieg, nach dem unvermeidbar die große Krise, die Depression eintritt. Dieses Auf und Ab. dieses nie dagewesene Auf und Ab einer großer Nation, einer großen Gesellschaft ist ein mächtiger revolutionärer Faktor, und es ist nicht ausgeschlossen, daß die revolutionäre Entwicklung in den Vereinigten Staaten Amerikas jetzt ein amerikanisches Tempo annehmen wird.
Das dritte sind die Kolonien. Sie haben sich in der Zeit des Krieges, wo die europäischen Länder vom Weltmarkt ausgeschlossen waren, ziemlich stark in der kapitalistischen Richtung entwickelt. Das hat keine besonders große ökonomische Bedeutung für den Weltmarkt. Auf ihm spielt ja der indische, chinesische, auch der japanische Kapitalismus keine entscheidende und große Rolle. Für die revolutionäre Entwicklung in Japan, China und Indien spielt aber die Entwicklung des Kapitalismus, die erreichte Stufe dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle. In Indien hat man jetzt ein zurückgebliebenes Proletariat, welche Rolle aber in einem solchen Lande mit halb feudal-agrarischen Verhältnissen dem Proletariat innewohnt, können Sie aus der ganzen neueren Geschichte Rußlands sehen. Das Proletariat wird dort eine Rolle spielen, die in keinem Verhältnis zu der Entwicklungsstufe des Kapitalismus steht und auch zu der Zahl der Arbeiter nicht. Denn es gibt für die Bauernschaft Indiens oder Chinas keine andere Möglichkeit, kein anderes Konzentrationszentrum, als das junge kampfbereite Proletariat.
Also der Kampf in den Kolonien ist das dritte wichtige Flußbett der revolutionären Bewegung. Diese sind einander nicht gegenüber zu stellen. Denn die Bewegung geht in diesen drei Flußbetten parallel, aufeinander einwirkend, und man weiß nicht, wo sie in dem einen oder dem anderen Moment akuter wird. Aber das Ganze ist so eingerichtet, daß die objektiven Verhältnisse, dieses Automatische in der Geschichte, ausgezeichnet für uns arbeiten. Ich hoffe, daß auch durch meine Ausführungen das Subjektive nicht gebremst wird, wie manche Genossen fürchten, sondern daß das objektiv Revolutionäre mit dem subjektiv Revolutionären, zusammenwirken und vortreffliche Arbeit leisten wird.
Es wurde vorgeschlagen, daß der Kongreß die Thesen an die Kommission zurückweise. Es ist wohl notwendig, daß die Thesen noch einmal an die Kommission geleitet werden, damit diese sie auf Grund der durchgeführten Diskussionen durchsehe. Aber ich ersuche doch den Kongreß, unsere Thesen im Prinzip als Grundlage zu billigen, bevor sie in die Kommission gehen. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Die Delegierten werden gebeten, hier zu bleiben, da wir nach den Übersetzungen über die Thesen im Prinzip abstimmen.
Vors. Kolarow. Wir schreiten nun zur Abstimmung.
Radek. Genossen! Ich schlage folgendes vor: die Thesen der Genossen Trotzki und Varga werden von uns angenommen und der Kommission überwiesen, als Grundlage für die Amendements, die vorgebracht werden. Mein zweiter Vorschlag geht dahin, daß der Kongreß der Kommission die Ausarbeitung eines Manifestes über die nächsten Kämpfe empfiehlt, die die Arbeiterklasse in ganz Europa und Amerika gegen die Offensive des Kapitalismus zu führen hat.
Zur Begründung beider Anträge führe ich folgendes an: Es wurde hier keine prinzipielle Einwendung gegen die Thesen erhoben. Das müssen wir dadurch zum Ausdruck bringen, daß wir diese Thesen akzeptieren, denn es kann sich nur um kleine Korrekturen handeln. Was den zweiten Antrag betrifft, so weise ich darauf hin, daß der Referent hier die Aufgabe hatte, in erster Linie, eine objektive Analyse der Lage zu geben. Diese Analyse bildet den Ausgangspunkt für unsere politischen und taktischen Beschlüsse. Den ersten Beschluß, den wir nach einem solchen Referat erbringen müssen, ist ein Appell an die Arbeiterklasse zum Kampfe auf dem Boden der jetzt vor sich gehenden kapitalistischen Offensive.
Trotzki. Ich schließe mich beiden Anträgen des Gen. Radek an, indessen mit einer kleinen Abänderung. Der Aufruf, das Manifest, müßte meiner Meinung nach nicht nur der Wirtschaftskommission, sondern auch der Kommission für Taktik zugewiesen werden, denn es handelt sich auch um eine taktische Frage. Und ich muß ein kleines Geheimnis verraten, denn man hat es auch bemängelt, daß nichts Taktisches in den Thesen stehe. Ursprünglich war das der Fall, jedoch hat Gen. Radek, der Berichterstatter für die Frage der Taktik ist, mich darauf aufmerksam gemacht, daß ich mich in ein fremdes Gebiet verirrt habe. Meinem Charakter liegt aber eine derartige Tendenz fern, trotz allem, was über mich in dieser Beziehung geschrieben wird. (Heiterkeit.) Ich habe alle taktischen Fragen infolgedessen aus meinem Referat ausgeschaltet. Ich schlage daher vor, daß man die Abfassung dieser Manifeste beiden Kommissionen überläßt. (Zustimmung.)
Radek. Ich stimme dem Vorschlage des Gen. Trotzki zu und ziehe meinen ursprünglichen Antrag zurück.
Froelich. Im Auftrage der deutschen Delegation bitte ich den Kongreß, die Abstimmung im Prinzip über die Thesen nicht vorzunehmen. Wir sehen in einer solchen Abstimmung eine Bindung der Kommission, die wir nicht wünschen können. Wir halten es für eine Formalität, die durchaus überflüssig ist. Es könnten Gefahren eintreten über die Bedeutung der Abstimmung insofern, als gesagt werden kann, daß der Kongreß mit der Linie der Thesen einverstanden ist. Es kann ein Streit darüber entstehen, was man unter der Linie der Thesen versteht, und wir wünschen, daß die Kommission volle Freiheit in der Behandlung des Materials behält.
Radek. Genossen, erlauben Sie mir, obwohl ich nicht der Referent in dieser Frage bin, festzustellen, die deutsche Delegation hat in der Kritik des Referats Trotzki alles andere bewiesen als den Besitz irgendeines Prinzips, das sie dem Gen. Trotzki entgegenstellen könnte. Was wir gehört haben, war eine berechtigte oder nicht berechtigte Kritik einzelner Teile des Referats des Genossen Trotzki. Da die Überweisung der Thesen an die Kommission nach einer Diskussion, die den ganzen Abend dauerte, nur dann Sinn hat, wenn der Kongreß der Kommission eine klare Linie gibt — sonst haben wir die Wiederholung der ganzen Debatte in der Kommission und einer zweiten Debatte wieder im Plenum —, so kann ich nur hier eins annehmen, daß Gen. Froelich über die Bedeutung des Wortes Prinzip im Unklaren ist.
Der Antrag der deutschen Delegation macht folgende Maßnahme notwendig:
Da der Antrag, die geleistete Arbeit in Frage stellt, müssen wir nach Delegationen abstimmen. Aus diesem Grunde fordere ich, wenn der Antrag aufrechterhalten wird, die sofortige Unterbrechung der allgemeinen Debatte, da wir zur Abstimmung zuerst den Bericht der Mandatprüfungskommission entgegennehmen müssen.
Trotzki. Genossinnen und Genossen! Der Antrag unseres Freundes Froelich ist recht merkwürdig. Denn es kann nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder es existieren prinzipielle Differenzen oder sie existieren nicht. Wenn sie nicht existieren, wie es Gen. Radek meint, und wie wir zu glauben berechtigt sind, nachdem wir die Genossen hier gehört haben, so ist absolut kein Grund vorhanden, sich nicht für die Thesen auszusprechen. Nehmen wir aber an, daß es prinzipielle Differenzen gibt, so haben wir zehnmal den Grund, über die Thesen abzustimmen. Denn wenn auf einem Kongreß zwei Tendenzen im Kampfe sind, so haben wir damit nichts erreicht, wenn wir die Thesen der Kommission zurückstellen. Wenn der Kongreß sich nicht zurechtfinden kann, wie soll das in der Kommission möglich sein. Heißt das nicht, daß der Kongreß sich für unfähig erklärt, diese prinzipielle Frage zu entscheiden.
Der Vorschlag des Gen. Froelich ist auch deswegen eigentümlich, weil Gen. Froelich Mitglied der Kommission ist, die diese Thesen ausgearbeitet hat, und in dieser Kommission hat Gen. Froelich keine prinzipiellen Einwände erhoben. Andere Genossen taten das, Gen. Froelich aber saß ganz gemütlich und hat sich fleißig um die Korrektur des Textes bemüht. Jetzt sagt er, wir sollen die Kommission nicht binden. Wenn in der Kommission Mitglieder vorhanden sind, die zuerst einen Text ausarbeiten und dann sagen, dafür stimmen sie nicht, so bitte ich, diese Mitglieder festzubinden, bevor man sie in die Kommission schickt. (Heiterkeit und Zustimmung.)
Froelich. Wir wollen nicht den Streit in der Kommission, ob irgendeine Frage, die dort aufgeworfen wird, als prinzipielle Frage angesehen wird. oder nicht. Wir wollen. daß die Kommissionsarbeit schnell erledigt wird. Über die Frage, was als Prinzip anerkannt wird, kann man hier sehr zweifeln- Handelt es sich darum, ob die Linie der wirtschaftlichen Entwicklung, die in den Thesen enthalten ist, als richtig anerkannt werden soll, ob wir uns dazu prinzipiell entscheiden sollen, zur Linie, die nachweist, daß die Versuche des Kapitalismus sich zu restaurieren, scheitern müssen, so sind wir damit einverstanden. Handelt es sich um die taktischen Schlüsse, die daraus gezogen worden sind. so sind hier in der Debatte eine ganze Reihe von kritischen Bemerkungen und Anregungen gemacht worden. Und da sagen wir, es muß volle Freiheit in der Kommission sein, diese Frage zu behandeln. Das ist die entscheidende Frage und nichts anderes. (Zustimmung.)
Schaffner (Schweiz). Genossen, ich schließe mich den letzten Worten des Gen. Froelich an. Denn es hat sich wirklich in der Diskussion gezeigt, daß mindestens über einen Punkt eine prinzipielle Meinungsverschiedenheit besteht, und das ist der Punkt 39, wo es heißt: „Das Proletariat, im Laufe der jetzigen Krise durch den Ansturm des Kapitals zurückgeworfen, wird bei Eintritt einer besseren Konjunktur sofort zum Angriff übergehen.“ Ich glaube, daß demgegenüber das Amendement des Gen. Pogany berechtigt ist. Jedenfalls kann der ursprüngliche Text von der Bourgeoisie und von allen Sozialpatrioten der II. Internationale und der Internationale II½, gegen den Kongreß und gegen die III. Internationale ausgenützt werden. Daher haben wir allen Grund, die endgültige Fassung nicht in diesem Sinne der Kommission zu überlassen. Ich bin durchaus einverstanden, daß wir im allgemeinen die Thesen des Gen. Trotzki, so wie sie hier vorliegen, in ihren Richtlinien billigen, aber dann müssen wir entweder verlangen, daß der Kongreß, nachdem die Kommission, die bisher wirklich nicht Gelegenheit hatte, gründliche Arbeit zu leisten, auf Grund dieser Thesen die Fragen bereinigt hat, noch einmal darauf zurückkommt, oder wir müssen dann gleichzeitig hier schon über die Amendements abstimmen. Ich schlage vor, daß wir die Richtlinien annehmen, daß aber sachlich — das wird eine kurze Angelegenheit für den Kongreß sein — sich der Kongreß noch einmal mit den Thesen, die von der Kommission vorgelegt werden, zu befassen hat. Denn die Thesen können nicht als das Werk der Gen. Trotzki und Varga und der Kommission in die Welt hinausgehen, sondern sie gehen als das Werk der III. Internationale hinaus.
Radek. Man setzt eine Kommission ein und sie bereitet die Grundlagen für eine öffentliche Verhandlung vor. Sie drückt noch nicht das Kräfteverhältnis auf dem Kongreß aus, sie bereitet Grundlagen vor, dann geht die Sache vor das Plenum. Hier wird sie begründet. Wenn in der Kommission prinzipielle Gegensätze auftauchten, dann kommen sie in entgegengesetzten Thesen zum Ausdruck.
Die Kommission tagte. Die Genossen sagten, sie hätte nicht gründlich gearbeitet. Die Prinzipien, die auf einem Kongreß zum Vorschein kommen, sind zwar Resultate gründlicher Arbeit, aber nicht Resultate der Arbeit einer Kommission. Man kommt mit Prinzipien zum Kongreß.
Gen. Froelich und andere Genossen aus der Delegation waren in der Kommission. Sie hatten dort keine entgegengesetzte grundsätzliche Beurteilung der Lage vorgebracht. Sie traten hier auf. Wir hörten Thalheimer und Koenen. Ihre Ausführungen bezogen sich auf gewisse taktische Konsequenzen, denen Trotzki nicht widersprochen hat. Der Kongreß hat gearbeitet, festgestellt, daß es keine prinzipiellen Gegensätze gibt. Jetzt geht diese Arbeit an die Kommission, um der Resolution den letzten Schliff zu geben. Die Anträge, die hier vorgebracht worden sind, fügt man entweder ein oder nicht. Auf Grund der bisherigen Arbeit im Plenum und auf Grund der Zustimmung des Kongresses zu den Prinzipien der Thesen. Ist das nicht der Fall, dann müssen wir die Diskussion im Plenum fortsetzen, bis Froelich Prinzipien findet, die er den Thesen entgegenstellt. Ist das nicht der Fall, so gibt es hier kein Herumdoktern. Ich höre einen Vorschlag: wir nehmen die Thesen nicht als Prinzip an, sondern als Grundlage, weil noch keine anderen Thesen da sind. Entweder habt Ihr andere Thesen oder Ihr habt sie nicht. Ein drittes gibt es nicht. Ich beantrage daher die Abstimmung.
Der Gen. Schaffner sagte: Ja, es war hier ein prinzipieller Unterschied zwischen Trotzki und Pogany. Trotzki sagte: Wenn die Prosperität kommt, gehen die Arbeiter zum Angriff über, Pogany vertritt den anderen Standpunkt: Schon jetzt können sie angreifen.
Trotzki ist vom Kongreß aufgefordert worden, ein Manifest auszuarbeiten, er hat es angenommen. (Genossen, man muß auf einem Internationalen Kongreß die Dinge doch etwas ernster nehmen. (Beifall.)
Vors. Kolarow. Die Debatte ist geschlossen, es hat sich niemand mehr zum Wort gemeldet.
Radek. Wir sind 'n einer schwierigen Lage. Die Abstimmungen in prinzipiellen Fragen müssen erfolgen nicht durch Kartenerheben, sondern nach den einzelnen Delegationen, wobei jede Delegation eine bestimmte Anzahl von Stimmen repräsentiert. Wir haben über die Verteilung der Stimmen erst jetzt in der Mandatkommission entschieden, im Plenum noch nicht. Ich schlage daher vor, eine Probeabstimmung mit den Karten vorzunehmen. Für den Fall des Zweifels, muß das Weitere veranlaßt werden. Ist das Resultat ohne Zweifel, so kann man sich mit der Abstimmung durch Karten begnügen. (Zustimmung.)
Vors. Kolarow. Wir schreiten zur Abstimmung. Zunächst müssen wir darüber beschließen, ob wir den Antrag annehmen, daß wir heute mit den Mandaten abstimmen. Wer für das Abstimmen durch das Aufheben der Mandate ist, erhebe die Hand. (Erfolgt.) Also, wir stimmen durch Aufheben der Mandate.
Jetzt folgt die Abstimmung über den Antrag des Gen. Radek, daß die Thesen der Gen. Trotzki und Varga, mit denen sich der Kongreß grundsätzlich einverstanden erklärt, der Kommission überwiesen werden. Wer dafür ist, erhebe seine Karte. (Erfolgt.) Ich stelle fest, daß die erdrückende Mehrheit für den Antrag ist. (Rufe: Gegenprobe.) Ich ordne die Gegenprobe an. Wer dagegen ist, erhebe seine Karte. (Geschieht.) Minderheit. Es wird jetzt über den zweiten Vorschlag abgestimmt, ein Manifest an die Arbeiter der Welt zu richten, indem sie zum Kampf gegen die Offensive der Kapitalisten aufgefordert werden, natürlich mit dem Amendement des Gen. Trotzki, daß das Manifest beiden Kommissionen zur Bearbeitung zugewiesen werden soll. Der Kongreß beschließt in diesem Sinne.
Koenen. Das Präsidium schlägt vor, die Kommission, die bisher im Auftrage der Exekutive gearbeitet hat, auch weiterhin für diese Arbeit zu bestätigen, den Delegationen jedoch zu überlassen, einzelne Mitglieder dieser Kommission durch andere zu ersetzen. Außerdem werden alle Delegationen aufgefordert, einen Vertreter in diese Kommission zu entsenden, falls sie in der Kommission noch nicht vertreten wären. (Angenommen.)
Vors. Kolarow. Bevor ich die Sitzung schließe, will ich die Tagesordnung der morgigen Verhandlung festsetzen. Die morgige Sitzung beginnt Punkt 11 Uhr, und zwar wird Gen. Sinowjew den Bericht der Exekutive dem Kongreß vorlegen.
(Schluß der Sitzung 1 Uhr nachts.)
Die vierte Sitzung (25. Juni 1921, 12 Uhr 25 Min. mittags)
(Radek: Bericht der Mandatprüfungskommission. — Sinowjew: Bericht über die Tätigkeit des Exekutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale. — Kundgebung für Max Hölz).
Vorsitzender Koenen. Über die Ergebnisse der Mandatprüfungskommission wird Gen. Radek berichten.
Radek. Genossen! Die Mandatskommission konnte noch nicht alle Mandate untersuchen, da ihr bisher noch nicht alle überwiesen worden sind. Wir haben bisher 291 Mandate mit beschließender Stimme, 218 Mandate mit beratender Stimme anerkannt und ungefähr 100 ausländischen Genossen Gastkarten geben können. Die Delegierten stammen aus 48 Ländern, dazu kommen die Delegierten des Internationalen Jugendverbandes und der Frauen. Mit beratender Stimme wurde zugelassen die Poale Zion, ferner der jüdische Arbeiterbund, der in Polen wirkt. Wir haben auch dem Bureau des Nahen und Fernen Ostens beratende Stimmen zuerkannt.
Wir hatten in der Mandatskommission eine Anzahl Fragen zu erledigen, die nicht reinen formellen Charakters waren, über die ich hier Erklärungen abzugeben habe. Wir haben vorerst zwei Gesuche zweier bulgarischer Gruppen um Zulassung zum Kongresse mit beratender Stimme abgelehnt. Es handelt sich um die sogenannte „Kommunistische Arbeiterpartei Bulgariens“ und um eine zweite Gruppe, die sich die Gruppe der linken Kommunisten nennt. Bei beiden Gruppen hat die Mandatskommission feststellen können, daß sie keinen ernsten Anhang haben. Die eine Gruppe der sogenannten Kommunistischen Arbeiterpartei ist entstanden aus einer Gruppe, die in der sozialpatriotischen Partei existierte, im Jahre 1919 sich absplitterte, hier in Moskau mit Anklagen gegen die Kommunistische Partei Bulgariens als zu wenig radikal auftrat, aber in ihrem Organ Teile des Kautskyschen Buches ‚„Terrorismus und Kommunismus“ abdruckt. Diese kleine Tatsache genügte uns, um festzustellen, daß es sich kaum um eine linke Gruppe handelt. Die Mehrheit dieser Gruppe gehört jetzt der Kommunistischen Partei Bulgariens an. Die zweite Gruppe, die Gruppe der sogenannten linken Kommunisten, kann auf keine Tätigkeit hinweisen, und: wir hielten es nicht für angebracht, dort, wo wir eine große Kommunistische Partei haben, eine Prämie auf Zersplitterungsversuche zu setzen, indem wir ihnen beratende Stimme geben. Die Gruppe hat Einspruch erhoben dagegen, daß wir den Antrag abgelehnt haben, ohne sie zu hören. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale hat die Anklagen, die gegen die bulgarische Partei erhoben wurden, geprüft.
Diese Kommission des Exekutivkomitees hat auf Grund des ganzen Materials, auf Grund langer Memoranden von allen Seiten vor der Eröffnung des Kongresses eine Resolution angenommen. Diese Resolution war die Grundlage der Entscheidungen der Mandatsprüfungskommission, zu der wir auch die Kommunistische Partei Bulgariens herangezogen haben.
Die zweite Erklärung bezieht sich auf Rumänien. Wie Sie wissen, war die rumänische Partei nicht Mitglied der Kommunistischen Internationale. In der rumänischen Partei wirken illegal große Gruppen von Kommunisten, die für den Anschluß an die Kommunistische Internationale arbeiten, und auch selbständig die kommunistische Agitation und Propaganda führen. An’der Spitze dieser Organisationen stand das „Verbindungszentrum“. Kurz vor dem Kongreß hat die rumänische Partei ihren Anschluß an die Kommunistische Internationale erklärt. Aber nachdem sie das getan hatte, wurden die Leitung der Partei und mehrere hundert führende rumänische Genossen direkt vom Kongreß weg auf Befehl der rumänischen Regierung verhaftet. Wir haben einen Bericht eines bulgarischen Genossen erhalten, der nach dieser Verhaftung nach Bukarest kam. Die Genossen erklärten, die Partei werde nicht in der Lage sein, eine offizielle Vertretung zum Kongreß zu senden. Sie hoffen aber, daß es einzelnen illegal wirkenden Genossen gelingen wird, zum Kongreß zu gelangen. In Wirklichkeit kamen Vertreter der illegalen Organisation, sie sind alle Mitglieder der Partei. Nun war für uns in der Kommission die Frage, ob die Anerkennung eines kleinen Teils von rumänischen Genossen als vertretende Partei nicht so empfunden wird, daß wir hier unsere Rechte überschreiten, daß wir hier nicht einer Partei, sondern einer Gruppe die Vertretung geben. Die Genossen vom Balkan erklärten, das sei nicht der Falle Wir haben die Vertreter der rumänischen Partei hier als provisorische Vertretung anerkannt, ohne irgendwie das Recht der rumänischen Partei anzutasten. Wir taten das aus Solidarität mit den eingekerkerten rumänischen Genossen.
Eine dritte Gruppe von Fragen bezieht sich auf die Anwesenheit von Parteien mit beratender Stimme, die der Internationale noch nicht angehören, die aber in Verhandlungen mit der Internationale eingetreten sind, so z.B. die Estnische Unabhängige Partei, der Jüdische Arbeiterbund in Polen und der Weltverband Poale Zion. Die Mandatprüfungskommission erklärt, daß die Zulassung dieser Organisationen zum Kongreß mit beratender Stimme in keiner Weise eine Aufnahme dieser Parteien bedeutet. Es wird Sache des Kongresses und seiner Kommissionen und der Exekutive sein, in Verhandlungen mit diesen Parteien festzustellen, inwieweit sie den Bedingungen zum Beitritt der Kommunistischen Internationale Folge geleistet haben, inwieweit ihnen neue Bedingungen zustellen sind. Wir glauben, diese Parteien nicht anders behandelt zu haben, wie die deutsche Unabhängige Partei, der wir auch, solange sie mit uns verhandelte, das Recht gaben, hier zu sein und ihren Standpunkt darzulegen. Ich bitte, die Beschlüsse der Mandatprüfungskommission anzuerkennen (Zustimmung.)
Vorsitzender Koenen. Der Bericht der Mandatprüfungskommission steht zur Diskussion. Ich frage, ob gegen die Vorschläge der Kommission irgendein Widerspruch erhoben wird?
Ich stelle fest, daß kein Widerspruch gegen die Vorschläge der Kommission eingegangen ist, daß also der Bericht entgegengenommen und die Vorschläge angenommen worden sind.
Wir kommen jetzt zur Feststellung des Abstimmungsverhältnisses für die verschiedenen Delegationen. Das Wort hat Genosse Radek.
Radek. Wir haben beschlossen, dem Kongreß vorzuschlagen, die Delegationen nach fünf Gruppen einzuteilen. Ein einheitliches Prinzip, das als Grundlage für diese Einteilung dienen würde, haben wir natürlich nicht feststellen können, weil die numerische Zahl der Parteien allein nicht entscheidend sein kann. Wir haben Parteien, die sehr schwach sind, die jedoch nach der ganzen Lage ihres Landes mit der Zeit eine entscheidende Rolle spielen werden, und wir können hier deshalb diese Parteien nicht nur nach der Zahl der Mitglieder, die sie schon erworben haben, gruppieren. Aus diesem Grunde kombinierten wir einerseits die Frage der Zahl der Mitglieder, dann die politische Bedeutung des Landes, und als drittes Merkmal die Möglichkeiten der Entwicklung der Arbeiterbewegung und der Kommunistischen Bewegung in dem betreffenden Lande.
Wir schlagen die Bildung von vier Gruppen vor: Die erste Gruppe, die über 40 Stimmen hier verfügen wird, besteht aus folgenden Ländern: Deutschland, Frankreich, Italien, Rußland, Tschechoslowakei und als letztes dem Jugendverband, der 800000 Mitglieder hat. Die zweite Gruppe, die über 30 Stimmen verfügt, besteht aus England, den Vereinigten Staaten Nordamerikas, Polen, der Ukraine, Norwegen, Jugoslavien und Bulgarien. Die beiden anglosächsischen Parteien sind leider noch keine große Massenparteien, aber sie sind überzeugt, daß sie nach der jetzigen Situation in ihrem Lande in naher Zeit zu solchen werden, und wir haben ihnen bei der Bedeutung der Bewegung in diesen Ländern Sitz in der zweiten Gruppe mit je 30 Stimmen eingeräumt. Die dritte Gruppe mit 20 Stimmen besteht aus Spanien, Finnland, Rumänien, Lettland, Schweiz, Ungarn, Österreich, Holland und Belgien. Die belgische Partei ist bisher klein. Sie wissen, daß wir nach der Absplitterung der Gruppe Jacquemotte alle Aussicht haben, dort eine gute kommunistische Partei zu bekommen. Die vierte Gruppe zu 10 Stimmen ist die Gruppe entweder der kleinen Länder mit einer alten Arbeiterbewegung, oder derjenigen imperialistischen Länder. in denen wir schon eine kommunistische Bewegung haben. Zu dieser Gruppe gehören Aserbeidshan mit Baku. wo wir seit zwanzig Jahren eine gute Arbeiterbewegung besitzen, Georgien, Litauen, Estland, Dänemark und Luxemburg. Dazu kommen Persien und die Türkei.
Zu der fünften Gruppe, die über 5 Stimmen verfügt, gehört die südafrikanische Organisation, Island, die mexikanische, armenische, argentinische, australische, neuseeländische Organisation und die Gruppe von Holländisch-Indien.
Beratende Stimme gaben wir an eine Anzahl von Ländern, wo die Bewegung überhaupt noch nicht konsolidiert ist, wie z. B. in China, wo wir den Anfang einer Arbeiterbewegung sehen, wo die Kommunisten noch nicht organisiert sind, nur die Gewerkschaften, dann Länder, in denen die Bewegung mehr revolutionär als politisch kommunistisch ist, Turkestan, Chiwa, Buchara, Mongolei. Was Japan anbetrifft, so muß es eine entscheidende Stimme haben. Dort besteht eine starke Arbeiterbewegung.
Die hier anwesenden japanischen Genossen haben uns bescheiden erklärt, sie vertreten nur teils japanische Arbeiterorganisationen von Korea und japanische Arbeiter in Amerika, sie könnten daher keine entscheidende Stimme für sich beanspruchen. Wir haben später die Nachricht erhalten, daß eine regelrechte Vertretung von Japan zum Kongreß abgereist sei. Wenn sie hierher kommt, wird sie natürlich die entscheidende Stimme bekommen. Die japanische Vertretung, welche hier ist, ist eine personelle Vertretung mit beratender Stimme.
Diese Beschlüsse der Mandatprüfungskommission sind einstimmig gefaßt worden, und ich bitte Sie, diese Beschlüsse anzunehmen.
Noch ein Wort zum Modus der Abstimmung. Wir haben das vorjährige Abstimmungsergebnis zur Grundlage genommen, mit einer Abänderung. Wir schlagen vor, daß die Abstimmungen in der Weise stattfinden, daß die gewählten Vertretungen der Delegationen die Stimmen der Delegationen bei allen politisch entscheidenden Fragen abgeben. Wenn geteilte Meinungen vorhanden sind, dann ist es entweder Sache der Delegationen selbst, die Stimmen einzuteilen, oder in speziellen schwierigen Fällen sich mit dem Präsidium zu verständigen. Eine Anzahl Genossen, die eingeladen worden sind, eben weil sie eine andere Meinung haben, werden unabhängig von der Delegation, von dem Präsidium die Möglichkeit bekommen, hier das Wort zu ergreifen. Das Recht der Abstimmung steht ihnen nicht zu. (Zustimmung.)
Vors. Koenen. Gen. Radek berichtete über die Abstimmungsart. Da die Kommission diesen Vorschlag einstimmig dem Plenum unterbreitet und hier kein Widerspruch dagegen erhoben wird, nehmen wir an, daß der Kongreß ebenso einstimmig diesem Vorschlag beipflichtet. Wir schreiten nun zu unserer heutigen Tagesordnung. Das Wort hat der Vorsitzende des Exekutiv-Komitees Gen. Sinowjew zum Bericht über die Tätigkeit des Exekutiv-Komitees.
Sinowjew. Genossinnen und Genossen! Unsere Kommunistische Internationale besteht nunmehr schon das dritte Jahr. Die Exekutive dagegen wirkt als wirklich internationale Institution eigentlich erst seit einem Jahre, seit dem Zweiten Kongreß. Vom Ersten bis zum Zweiten Kongreß hatte die Kommunistische Internationale eine Leitung, die sich im großen und ganzen nur aus einer Gruppe russischer Genossen rekrutierte. Es war nicht leicht, am Schluß des II. Kongresses die Parteien zu bewegen, ihre Vertreter für die Dauer eines ganzen Jahres in die Exekutive zu delegieren. Diejenigen Genossen, die an dem Zweiten Kongreß teilgenommen haben, werden sich erinnern, daß zum Beispiel die Vertreter der deutschen Partei und auch die anderer Parteien dagegen Stellung nahmen. daß man hier in Moskau Delegierte verschiedener Parteien für die Exekutive bestimmte und daß diese Delegierten während der ganzen Zeit hier arbeiten sollten. Man wünschte vielmehr. die Leitung der Geschäfte einfach wie bisher den russischen Genossen zu überlassen. Erst als wir protestierten und ganz kategorisch auf unserer Forderung bestanden, wurde die Delegation auch der nichtrussischen Parteien in die Exekutive vom Kongreß beschlossen. Zehn der Bruderparteien haben dann auch wirklich ihre Delegierten in die Exekutive entsandt. Trotzdem müssen wir sagen, daß auch während dieses Jahres nicht alle Parteien ihre Pflicht gegen die Internationale erfüllt haben. Manche Parteien kamen ihren organisatorischen Verpflichtungen nur mangelhaft nach, und darum waren auch die Verbindungen teilweise ziemlich lose. In dieser Hinsicht ist mit der Arbeit der Exekutive niemand weniger zufrieden, als die Exekutive selbst. Wir verlangen, daß man auf dem Dritten Kongreß alle Maßnahmen trifft, damit wir eine Exekutive bekommen, die wirklich international zusammengesetzt ist, eine Exekutive, die alle Tagesarbeiten besorgt und die gesamte politische Leitung auch wirklich international organisiert.
Wir müssen die Tätigkeit der Exekutive klar und rücksichtslos besprechen. Die Arbeit der Exekutive weist Mängel auf. Es sind Fehler gemacht worden, und wir werden gespannt die Diskussionen verfolgen und die Weisungen der Parteien entgegennehmen.
In organisatorischer Beziehung, das müssen wir Ihnen sofort sagen, war die Arbeit ziemlich mangelhaft und manchmal sogar schlecht. Dennoch, Genossen, glaube ich, können wir mit Befriedigung konstatieren, daß wir trotz alledem in diesem Jahre durch die Exekutive zum ersten Male in der Geschichte der modernen Arbeiterbewegung eine wirklich internationale Leitung hatten. In der Zweiten Internationale war das Internationale Sozialistische Bureau weder eine politische Leitung, noch auch eine Institution, das die alltägliche praktische Arbeit ausgeführt hat. Das Bureau hat sich alle drei Monate einmal meistens nur zur Parade, zusammengefunden. In den beiden ersten Jahren der Kommunistischen Internationale war ihre Leitung auch noch nicht ganz international; erst während dieses Jahres, das können wir jetzt mit Befriedigung sagen, sehen wir die Anfänge einer Institution, die aus Vertretern von wenigstens zehn oder zwölf Parteien zusammengesetzt war und zum mindesten versucht hat, die kommunistische Arbeiterbewegung auf Grund der Zusammensetzung der Leitung auch international zu führen. Ich glaube, Genossen, daß das ein großer Gewinn für die internationale Arbeiterbewegung ist. Und wenn wir alle damit einverstanden sind, daß unsere Internationale sich in dieser Richtung weiter entwickelt, wenn wir keine Opfer scheuen und alle nach besten Kräften mithelfen, werden wir bald eine wirklich gute internationale Leitung haben.
Wir haben diesen Kongreß etwas früher einberufen, als das Statut es fordert, in dem Bewußtsein der großen Verantwortung, die die erste wirklich internationale Exekutive trägt in einem Zeitabschnitt, wo in vielen Ländern in den entscheidenden Ländern der modernen Arbeiterbewegung, sich sehr wichtige Entwicklungsprozesse abgespielt haben und noch abspielen. Die Statuten bestimmen, daß von einem Kongreß bis zum andern die Exekutive der Internationale die entscheidende Macht hat. Wir sind aber auch der Meinung, daß unsere Exekutive dann, wenn große Fragen auftauchen und nur irgendwie die Möglichkeit dazu besteht, stets an den Kongreß selbst, diese Quelle aller unserer Entscheidungen, appellieren soll. Und weil wir in einer Reihe von Ländern sehr wichtige Probleme zu lösen hatten, waren wir der Meinung, zumal die Möglichkeit dafür bestand, daß es unsere Pflicht und Schuldigkeit sei, den Weltkongreß möglichst schnell einzuberufen, um ihn selbst in diesen Schicksalsfragen entscheiden zu lassen.
Ich werde den Genossen zunächst einige Ziffern über die Tätigkeit unserer Exekutive mitteilen: Seit dem II. Kongreß sind noch keine vollen elf Monate vergangen. Während dieser Zeit hatte die Exekutive 31 Sitzungen, in denen 196 Fragen behandelt wurden. Von diesen Fragen waren 128 rein politischer, die übrigen organisatorischer Natur.
Die beste Verbindung hatten wir mit Deutschland. In Deutschland war auch die Entwicklung innerhalb der Arbeiterbewegung am bedeutendsten. Während des Berichtsjahres beschäftigte sich die Exekutive einundzwanzigmal mit Deutschland; Italien stand zwölfmal, Amerika zwölfmal, England neunmal, Rumänien zwölfmal, die Tschechoslowakei zehnmal, Frankreich siebenmal, Bulgarien siebenmal und der Ferne und Nahe Osten zehnmal auf der Tagesordnung. Dann kommen andere Länder, die zwei-, drei-, viermal auf den Sitzungen der Exekutive behandelt wurden. Ich muß hierbei bemerken, daß, wie fast alle unter Ihnen wissen, außer der Exekutive noch ein engeres Büro funktioniert hat, das in letzter Zeit aus sieben Genossen bestand und das noch häufiger, ungefähr die doppelte Anzahl, Sitzungen hatte wie die Exekutive selbst. Wir hatten während dieses Jahres eine ganze Anzahl von Besuchen aus den verschiedensten Ländern. In dieser Beziehung können wir uns nicht so beklagen, wie wir das im vorigen Jahre mußten. Die Möglichkeiten, nach Rußland zu reisen, waren viel günstiger, und eine Anzahl Parteien hat diese Möglichkeiten auch reichlich ausgenutzt.
Was war der politische Inhalt unserer Arbeit während dieses Jahres? Selbstverständlich war diese politische Arbeit durch die Beschlüsse des Zweiten Kongresses bestimmt. Was war nun im großen und ganzen die Arbeit des Zweiten Kongresses?
Wir sagten schon damals: der Zweite Kongreß war im Grunde genommen der Erste Kongreß, der konstituierende Kongreß der Kommunistischen Internationale. Denn der Kongreß, den wir den ersten nennen, war nur die Zusammenkunft einer ganz kleinen Anzahl von Gruppen. Der Zweite Kongreß war daher der eigentliche konstituierende Kongreß. Dieser Kongreß hat das Statut der Kommunistischen Internationale ausgearbeitet. Er hat uns die Grundresolutionen über die Rolle der Parteien gebracht; er hat die Taktik der Kommunistischen Internationale in allgemeinen groben Zügen definiert.
Was war die Linie des Zweiten Kongresses? Wir fochten auf dem Zweiten Kongreß einen Kampf nach zwei Seiten aus. Wir mußten diejenigen unserer Genossen bekämpfen, die sich, wie ein Teil der englischen, italienischen und amerikanischen Genossen, uns gegenüber als sogenannte „linke“ Opposition fühlten. Ich erinnere z.B. an die Frage der Teilnahme der englischen Genossen an der Labour Party. Der Zweite Kongreß mußte zwei Tage darüber diskutieren. Unsere englischen Genossen waren fast einstimmig dagegen. Sie fanden, es sei Opportunismus, an der Labour Party teilzunehmen. Unsere amerikanischen Genossen, der verstorbene Genosse Reed und seine Freunde, haben sie in dieser Beziehung unterstützt. Wir opponierten dagegen. Wir sind der Meinung, daß gerade in England, in einem Lande, wo die Massenbewegung so prächtig wächst, wo sich der Einfluß der kommunistischen Partei jedoch nur so langsam vergrößert, daß wir gerade in einem solchen Lande unbedingt verpflichtet sind, an jeder Massenorganisation, die Hunderttausende und Millionen von Proletariern umfaßt, teilzunehmen, um uns innerhalb dieser Organisationen zu organisieren, Zellen zu bilden, und auf diese Art Einfluß auf sie zu gewinnen. In dieser Beziehung hatten wir seitens des Zweiten Kongresses eine ganz klare Weisung, die dahin ging, an diesen Massenorganisationen teilzunehmen, und allen unseren jungen kommunistischen Gruppen die Pflicht aufzuerlegen, an solchen Organisationen, wie die Labour Party, und an den Gewerkschaften teilzunehmen. Wir sagten den Genossen: Ihr müßt euch dort organisieren, ihr müßt innerhalb der Gewerkschaften gegen die Gewerkschaftsbureaukratie, gegen die reform-sozialistische Politik kämpfen. Ihr müßt verstehen, in diesen Organisationen dem Kommunismus Einfluß zu verschaffen.
Anderseits mußten wir während des Zweiten Kongresses auch in der Frage des Parlamentarismus gegen die sogenannte Linke ankämpfen. Sie werden sich erinnern, daß Genosse Bordiga, von dem wir jetzt ganz ruhig sagen können, er ist einer unserer Besten in Italien und in der gesamten Kommunistischen Internationale, einer der aufrichtigsten Revolutionäre, die wir haben, daß Genosse Bordiga und seine Gruppe uns in diesem Saale den Kampf erklärten, einen prinzipiellen Kampf gegen den Parlamentarismus. Sie wurden unterstützt von einer Anzahl der schweizerischen und belgischen Genossen. Wir bekämpften diese Auffassung und setzten einen Beschluß des Kongresses durch in dem Sinne, daß die Kommunisten auf den revolutionären Parlamentarismus nicht verzichten dürfen. Der Gesichtspunkt war derselbe, der bei der Frage der Tätigkeit in der Labour Party oder in den Gewerkschaften bestimmend war. Das war eine Weisung des Kongresses.
Die zweite Weisung fand ihren Ausdruck in den berühmten 21 Punkten. Diese zweite Entscheidung, die für unsere ganze Tätigkeit im vergangenen Jahre noch viel bestimmender war. war gegen den Opportunismus, gegen die zentristischen und halbzentristischen Elemente gerichtet.
Während wir auf der linken Seite keine Feinde, sondern Freunde hatten, die aber sektiererisch gestimmt waren, die vieles an den konkreten Bedingungen der Revolution noch nicht verstanden hatten, stellte sich uns von rechts ein ganzer Wall gefährlicher Feinde entgegen. Sie werden sich erinnern, daß zur Zeit des II. Kongresses die allgemeine Lage in Europa und Amerika so war, daß es damals Mode wurde, der Kommunistischen Internationale beizutreten. Jeder halbwegs schlaue Zentrist wollte der Kommunistischen Internationale angehören. Aus Amerika kam sogar eine Vertretung der Hillquitpartei zu uns. Ungefähr dieselbe Richtung, wie die rechte U. S. P. oder die Scheidemänner in Deutschland. Diese Delegation war ganz verwundert, daß wir sie nicht gastfreundlich aufnahmen. Sie werden sich erinnern, daß Dittmann und Crispien. die jetzt inoffiziell an den bürgerlichen Regierungen teilnehmen, hier waren und den Anspruch erhoben, in die Kommunistische Internationale aufgenommen zu werden. Sie werden sich weiter erinnern, daß die italienischen Reformisten, darunter D’Aragona. die sich jetzt als ganz offene Saboteure des proletarischen Kampfes erweisen, hier waren und es als selbstverständlich ansahen, daß sie der Kommunistischen Internationale angehören sollten.
Anderseits war die Lage noch so unklar und die Beziehungen noch so ungenügend, daß auch wir russische Genossen, die wir die Blockade hinter hatten, nur sehr schlecht informiert waren. Wir waren so naiv, daß wir Herrschaften wie D’Aragona im Anfang brüderlich empfingen. Ich schäme mich jetzt noch, wenn ich mich erinnere, daß ich daran schuld bin, daß Zehntausende prächtiger Petersburger Proletarier diese Herren im buchstäblichen Sinne des Wortes auf den Händen durch unsere revolutionären Straßen in Petrograd getragen haben. Man glaubte, es seien wirkliche Brüder zu uns gekommen.
Schon während des II. Kongresses selbst hat sich die Lage ziemlich geklärt. Der Kongreß nahm gegen rechts eine scharfe, unzweideutige Stellung ein. Auf der rechten Seite hatten wir wirkliche Feinde. Wir waren uns dessen wohl bewußt, daß diese schlauen Leute alles schlucken würden, um sich nur in die Kommunistische Internationale einzuschmuggeln, die sie dann von innen aus sabotieren wollten. Das Ergebnis dieses unseres Kampfes mit den Zentristen waren dann die 21 Punkte. Und diese Weisungen wurden bestimmend für unsere ganze weitere Tätigkeit.
Nach dem II. Kongreß war die Lage in Deutschland so, daß dort der Kommunistischen Internationale nur der Spartakusbund angehörte, — eine Organisation mit glorreicher Vergangenheit, eine Organisation aber, die damals noch keine Massenpartei war. Außerdem hatten wir in Deutschland die U.S. P. mit einem linken Flügel, dessen Arbeiterelemente ebenfalls revolutionär waren. Die Aufgabe, die die Exekutive vom Kongreß erhielt, war, die besten, wirklich kommunistischen Kräfte aus der U.S. P. herauszuziehen und sie mit den Spartakisten zu vereinigen.
Ähnliche Aufgaben waren uns auch betreffs anderer Länder zugewiesen worden. j
Genossen, wenn wir jetzt nach einem Jahre der Tätigkeit zu den Beschlüssen des Zweiten Kongresses zurückkehren, müssen wir uns fragen: Wer hatte in den strittigen Fragen mit unseren linken Freunden und unseren rechten Feinden recht? Nehmen wir die Frage der Teilnahme der englischen Kommunisten in der Labour Party. Wie Sie wissen, hat die L. P. selbst auf Initiative Hendersons und Macdonalds beschlossen, unsere "Genossen nicht in die L.P. aufzunehmen. Ich glaube, das ist der beste Beweis, daß wir im Rechte waren und nicht die englischen Genossen, die fürchteten, daß sie ihre kommunistische Unschuld verlieren würden, wenn sie in die L. P. eintraten. Die Opportunisten haben die Gefahr sofort gespürt; sie haben sofort gemerkt, daß, wenn sich die Kommunisten in der L. P. organisieren und von innen heraus einen Einfluß auszuüben versuchen würden, dies für sie eine große Gefahr bedeutete. Serrati, von dem wir noch viel zu sprechen haben werden, stand in dieser Frage auch auf seiten der Linken. Er sagte damals: Wie ist es möglich, in eine L. P. einzutreten. In einem Artikel schreibt er jetzt: Sehet die Inkonsequenz der Kommunistischen Internationale, in Italien fordert sie den Ausschluß von Turati, und in England verlangt sie den Eintritt der Kommunisten in die L.P. Serrati ist kein so unwissendes Kind, daß er nicht verstehen könnte, daß hier ein kleiner Unterschied besteht. Er hat bewußt versucht, die italienischen Arbeiter irrezuführen. Ich glaube, unsere englischen Freunde werden uns heute zugestehen, daß nicht sie, sondern der Zweite Kongreß in dieser Frage recht hatte, als wir sagten: Nicht hinaus, sondern hinein in die L.P., um von innen heraus für den Kommunismus zu kämpfen, um von innen heraus die verräterischen Führer zu brandmarken. (Zustimmung.)
In der Frage des Parlamentarismus können wir während des vergangenen Jahres noch keinen großen Erfolg verzeichnen. Das muß man offen gestehen. Bei allen Spaltungen hat es sich gezeigt, daß in den parlamentarischen Fraktionen die schwankendsten, die gemäßigtsten und schlechtesten Elemente sitzen. Das hat sich gezeigt in Frankreich, in Italien, in Deutschland, wie auch in der Schweiz. Überall, wo wir während dieses Jahres Spaltungen hatten, finden wir darin dieselben Verhältnisse.
Und wenn Sie mich fragen, welche von den 21 Bedingungen während dieses Jahres am schlechtesten ausgeführt worden sind, so muß ich antworten: die Bedingung, die die völlige Unterordnung der parlamentarischen Fraktion unter die Partei und einen wirklich revolutionären Parlamentarismus fordert. Aber obwohl wir während dieses Jahres auf diesem Gebiet noch nicht viel erreicht haben, glaube ich doch, wird es jetzt jedem Genossen ganz klar sein, daß auch in dieser Frage die Mehrheit des Zweiten Kongresses Recht hatte. Es gelang uns doch immerhin, uns in dieser Hinsicht noch besser mit den Massen zu verbinden. Wir haben in manchen Ländern schon die ersten Erfolge eines revolutionären Parlamentarismus aufzuweisen, und wir werden darauf dringen, daß der III. Kongreß alles Nötige tut, um auch hierin unsere Partei vorwärts zu treiben.
Also, Genossen: Welches Vermächtnis hat die Exekutive vom II. Kongreß erhalten, welche Losung? Die Losung bestand darin, die englischen, die amerikanischen Genossen, die Genossen in denjenigen Ländern, wo der Kommunismus noch schwach war, wo aber eine große Arbeiterbewegung vorhanden ist und eine zahlreiche Arbeiterklasse besteht, mit den Massen in Berührung zu bringen, sie eng mit den Massen zu verbinden. Wir mußten alles tun, daß sie nicht beiseite stehen bleiben, daß sie nicht eine Sekte wurden, sondern an dieser Massenbewegung teilnahmen.
Unsere andere Aufgabe hieß: Da es Mode wird, der Kommunistischen Internationale anzugehören, hat die Exekutive alles zu tun, um diese superklugen Diplomaten des zentristischen Lagers zu brandmarken, sie vor den Massen zu entlarven, die besten Elemente aus ihnen herauszuziehen und sie für die kommunistische Bewegung zu gewinnen. Das waren große politische und auch sehr bedeutende organisatorische Aufgaben, die uns der II. Kongreß übertrug. Heute sollen wir darüber urteilen, inwiefern die Exekutive in der gegebenen Lage diese Aufgaben erfüllt hat.
Chronologisch hatten sich die Dinge so entwickelt, daß der Parteitag der deutschen Unabhängigen zu Halle der wichtigste Markstein in der Entwicklung des letzten Jahres war. Politisch aber war für die Kommunistische Internationale nicht so sehr die deutsche, als vielmehr die italienische Frage ausschlaggebend, sowohl in bezug auf die Schwierigkeiten, die wir dabei zu überwinden hatten, als auch deshalb, weil sich bei dieser Frage die ersten Ansätze einer gewissen Krise in der Kommunistischen Internationale zeigten. Ich werde mich deshalb mit der italienischen Frage ausführlich beschäftigen.
Ich habe schon erklärt: Als die italienische Delegation nach Moskau kam, waren die Verbindungen noch so schlecht, daß wir nicht wußten, daß Reformisten gekommen waren. Wir hatten volles Vertrauen zu Serrati und auch Vertrauen zu den Leuten, die er mitgebracht hatte. Wir waren der Meinung, es sind noch nicht ganz klare Elemente, aber solche, die es aufrichtig mit der proletarischen Revolution meinen. Und da haben wir eine gewaltige Enttäuschung erlebt, Gerade in diesen Tagen sind, leider mit einer großen Verspätung, die Protokolle des II. Kongresses in deutscher Sprache erschienen. Ich hoffe, daß der technische Apparat jetzt besser funktionieren wird, so daß wir die Protokolle des III- Kongresses ungefähr nach einem Monat haben werden. Die deutschen Genossen wenigstens werden das Protokoll des II. Kongresses jetzt lesen können. Wer dieses Protokoll heute liest und die Haltung der italienischen Genossen und Serratis ins Auge faßt, der muß sich die eine Frage stellen: Wie konnten wir noch irgendwelche Illusion haben, wie konnten wir noch hoffen, daß Serrati zu uns gehören werde?
Das Protokoll enthält eine Liste, die anzeigt, wie oft die Redner gesprochen haben. Serrati hat viermal zu prinzipiellen Fragen das Wort ergriffen: zur nationalen Frage, zur Agrarfrage, zur Frage der 21 Bedingungen und zur Frage der Grundaufgaben der Kommunistischen Internationale. Wie Sie sehen, gehören alle vier Fragen zu den wichtigsten Fragen des Kongresses. Zu allen diesen Fragen hat Serrati eine Erklärung abgegeben, die darauf hinauslief, daß er sagte, er stimme eigentlich dagegen oder er enthalte sich der Abstimmung. Dabei pflegte er noch 10 Minuten Anekdoten zu erzählen, aber der Inhalt aller seiner Ausführungen zu diesen vier entscheidenden Fragen war gegen den Kongreß gerichtet. Wir waren damals der Meinung. daß das vielleicht nur Mißverständnisse wären und haben alles Mögliche getan, um ihn zu überzeugen. Die Entwicklung hat uns gezeigt, daß wir uns schwer getäuscht haben. Wir mußten über die Frage der Beziehungen der sozialistischen Partei Italiens zu der Kommunistischen Internationale ein besonderes Buch herausgeben.
Das Buch besteht im großen und ganzen aus Artikeln, Erklärungen und Resolutionen von Serrati selbst. Dadurch hat es die größte objektive Bedeutung. Es tut uns sehr leid, daß wir diese Frage heute in Abwesenheit der Vertreter der Italienischen Sozialistischen Partei vortragen müssen. Aber wir haben alles Mögliche getan, um sie hierher zu bekommen. Wir haben ihnen vor dreieinhalb Monaten mitgeteilt, daß wir sie einladen und sie bitten, rechtzeitig hier zu erscheinen. Als die erste Gruppe der italienischen Genossen vor zwei Wochen in Moskau ankam, haben wir nochmals ein Telegramm abgesandt mit dem Ersuchen, rechtzeitig zu kommen. Die Mitglieder der Partei sind indessen bisher nicht erschienen, obwohl seit dem 1. Juni, auf welchen Tag die Eröffnung des Kongresses ursprünglich anberaumt war, drei Wochen verstrichen sind, und seither etwa tausend Delegierte aus allen möglichen Ländern hier eingetroffen sind. Das bedeutet, daß die italienischen Genossen nicht kommen wollen. Ich bin daher gezwungen, das italienische Problem in Abwesenheit der Vertreter der italienischen sozialistischen Partei aufzuklären zu suchen.
Der erste Artikel, den Serrati im „Avanti“ sofort nach seiner Heimkehr zum Abdruck gebracht hat, enthielt nichts anderes als einen Versuch, den Kongreß der Kommunistischen Internationale zu diskreditieren. Ich werde viel zitieren müssen, und ich bitte schon jetzt die Anwesenden um Geduld. Ich bin eben der Meinung, daß die italienische Frage für die politische Tätigkeit der Exekutive während des abgelaufenen Jahres entscheidend ist. Also Serrati schreibt in seinem ersten Artikel:
Erstens: „Der II. Kongreß begann unter folgenden Umständen: die Mehrzahl der Delegierten begab sich nach Rußland, als die 21 Bedingungen in ihren Ländern noch nicht bekannt waren, und daher hatten sie nur Vollmachten von allgemeinem und persönlichem Charakter.“
Der erste Satz Serratis, die erste Serratische Unwahrheit. Dann heißt es weiter:
Zweitens: „Verschiedene Punkte der Tagesordnung waren in den einzelnen Parteien nicht vorher erörtert worden, und daher waren ihnen einige durchaus nicht unwichtige Fragen vollständig unbekannt.“
Ich muß erklären, daß ich, wenn ich die Vorbereitungen für den II. und III. Kongreß vergleiche, unbedingt feststellen muß, daß die Vorbereitungen für den II. Kongreß viel sorgfältiger waren. als für den III. Die Thesen waren Wochen vorher fertig, und wir hatten über alle bedeutenden Fragen mit der U.S.P. schon Monate vorher große Diskussionen,
Also der zweite Satz die zweite Unwahrheit.
Drittens: „Die Entfernung des Tagungsortes des Kongresses von den Ländern der proletarischen Bewegung, die Schwierigkeiten der Verbindung, die so lange andauernde Blockade, das fast völlige Fehlen einer Kontrolle seitens der Arbeiter, die bei den Debatten hätten zugegen sein müssen, und seitens der Presse, die der breiten Öffentlichkeit darüber unverzüglich hätte berichten können — dies alles verlieh den Sitzungen den Charakter einer geschlossenen Versammlung, ohne jegliche Verbindung mit der Außenwelt.“
Das schrieb Serrati einige Tage nach dem Kongreß, einige Tage, nachdem er den Sitz des Präsidiums eingenommen hatte. Keine Kontrolle der Arbeiter, keine Kontrolle der Presse. Eine geheime Verschwörung war es.
Viertens: „Die Kongreßmitglieder kannten einander recht schlecht“ — (das ist wahr, wir kannten wenigstens Serrati zu schlecht) — „und waren unbekannt mit den betreffenden Bewegungen, mit den tatsächlichen von diesem oder jenem Delegierten vertretenen Kräften, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, wir kannten nicht den Einfluß, den sie in der internationalen Politik ausüben.“
Selbstverständlich entspricht auch diese Behauptung Serratis nicht der Wahrheit.
Fünftens: „Der Kongreß tagte unter dem Schutz einer großen revolutionären Regierung... .. (Hat das vielleicht Herrn Serrati auch nicht gefallen?) ... zur selben Zeit, wo ihre Streitkräfte einen Kampf auf Leben und Tod mit den Kräften der Reaktion führen mußten, während die kommunistische Regierung genötigt war — wie sie es noch heute ist —, gegen den internationalen und nationalen Kapitalismus eine eigene Verteidigungs -und Angriffspolitik zu führen.“
Da fangen schon die niederträchtigen Andeutungen Serratis an. Es heißt weiter in diesem fünften Punkt:
„Eine Politik, die, indem sie der Sowjetrepublik hilft, unstreitig auch dem Gesamtproletariat Nutzen bringen muß, gleichzeitig aber den taktischen Bedürfnissen eines Staates, der sich in der kritischen Periode der noch latenten eigenen Revolution befindet, vielleicht nicht entspricht.“
Ich möchte die Genossen von der K.A.P.D. bitten, sie möchten sich für diesen fünften Punkt Serratis interessieren, weil Serrati in dieser Frage der Linken aus der K.A.P-D. vorgegriffen hat, die sich jetzt der Feder Hermann Gorters bedient.
Sechstens: „Es herrschte ein offensichtliches Mißverhältnis zwischen den Qualitäten der einzelnen Delegierten, und zwar in einem Grade, wie bisher noch nie auf einem internationalen Kongreß. Dies war eine wesentliche Ursache der sehr begreiflichen Schwierigkeiten, Schwankungen und Zugeständnisse in der Diskussion.“
Das verstehe, wer es will und wer es kann. Ich verstehe jedenfalls nicht, was es heißen soll: ‚Verschiedene Qualitäten auf einem internationalen kommunistischen Kongreß“. Ich meine, er wollte dasselbe sagen, wie Crispien: „Was sind das für Kommunisten!“
Siebentens: ‚Die Verteilung der Stimmen auf die einzelnen Staaten wurde nicht im Einklang mit der realen und wirklichen Bedeutung der verschiedenen Parteien in politischer und moralischer Weise vorgenommen, sondern entsprechend der kapitalistischen Bedeutung des vertretenen Staates. So erhielt Frankreich ebenso viel Stimmen wie Italien, obgleich die französischen Delegierten nur die Vertreter einer ganz unbedeutenden Minderheit, sowohl der Partei, als auch der Konföderation waren.“
Serrati hat also nichts unterlassen, um den II. Kongreß zu kompromittieren.
Dann achtens: „Die Entfernung des Tagungsortes des Kongresses und die Schwierigkeit der Verbindung waren ein Hindernis für die Verbreitung von Nachrichten über seine Beschlüsse, in einem noch höheren Grade, als bei seiner Vorbereitung. Es genügt. zu bemerken, daß einzelne Parteien zwei Monate nach dem Kongreß noch keinen Bericht über ihn erhalten konnten, da der endgültige Text der gefaßten Beschlüsse erst nach mehr als einem Monat nach dem Schluß des Kongresses bekannt wurde“ usw. usw.
Wie wir sehen, hat Serrati schon einige Wochen nach dem Schluß des II. Kongresses im September 1920 alles Mögliche und Unmögliche unternommen, um den Kongreß in den Augen der italienischen Proletarier herabzusetzen, und die Sache so darzustellen, als ob der Kongreß weder kommunistisch, noch international gewesen sei. Leider mangelte es uns selbst damals noch an der entsprechenden Vorsicht, und wir hegten noch immer die Hoffnung, daß Serrati ein Mann sei, der die Kommunistische Internationale wolle.
Die Lage in Italien war so, daß Serrati doch gute Miene zum bösen Spiel machen mußte. Zunächst zu den 21 Bedingungen. Er hat erklärt, und er mußte das erklären, er sei für die 21 Bedingungen. Er hat in diesem zitierten Artikel erklärt: „Wir nehmen die 21 Bedingungen an, die in zu scharfer Form den Sozialisten aller Länder vorgelegt worden sind, aber nur unter zwei Bedingungen:
Es dürfen keine überflüssigen Zugeständnisse denen gegenüber gemacht werden, die, während des Krieges vom nationalistischen Taumel angesteckt, das Proletariat in schmählichster Weise verraten haben, jetzt aber mit derselben Leichtigkeit erklären, sich der von Moskau vorgeschriebenen strengen Disziplin zu unterwerfen; sie werden uns morgen wieder verraten. Auf dem Wege, den das Proletariat geht, begegnen wir schon gar zu vielen Paulussen, als daß man glauben könnte, sie seien wirklich alle ganz aufrichtig. Und wenn das moralische Urteil über die Vergangenheit eines Menschen im Revolutionskampf keine große Bedeutung hat, so gibt es doch jedenfalls ein politisches Kriterium für die Unsittlichkeit gewisser Verwandlungen, und an dieses Kriterium muß sich das Proletariat unerbittlich halten, wenn es nicht in seiner eigenen Mitte Verräter züchten will.
Den zum Bestand der Kommunistischen Internationale gehörenden Parteien muß — unter ihrer eigenen Verantwortlichkeit — das Recht gewährt werden, die notwendige Operation zur Reinigung ihrer Reihen so vorzunehmen, daß die Geschlossenheit der proletarischen Bewegung, so wie auch die Revolution selbst, die man in Moskau so nahe glaubt, keinen Schaden erleiden.“
Also zunächst hüllte sich Serrati in die Toga eines linken Mannes und Revolutionärs und erklärte, die erste Bedingung, die er aufstelle, sei, man solle strenger gegenüber rechts sein, speziell den französischen Genossen gegenüber. Gegen die französischen Genossen scheint Serrati überhaupt einen speziellen Haß zu haben. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde? Er hat versucht, den italienischen Arbeitern gegenüber die Rolle eines Orthodoxen zu spielen, der große Strenge gegen die rechte Seite fordert. Zu diesem Zweck hat er noch eine 22. Bedingung aufgestellt. Er hat gesagt, es sei eine 22. Bedingung angenommen worden gegen die Freimaurer; aber obwohl diese Bedingung angenommen worden sei, habe sie Sinowjew in die Tasche gesteckt, und diese Bedingung sei nun nicht mehr da. Mit solchen Märchen ist Serrati ganz im Ernst in Italien hausieren gegangen. — Wie war die Sache mit diesen Freimaurern? Es lag ein Antrag der italienischen Genossen vor. Wir haben es für selbstverständlich gehalten, diesen Antrag anzunehmen, haben aber gesagt, daß es für die Kommunistische Internationale unmöglich sei, ihn abdrucken zu lassen. Und Serrati hat im vollen Ernst der italienischen Arbeiterklasse die Sache so vorgestellt, daß ich wahrscheinlich ein Freimaurer und daß auch die Mehrheit für diese Freimaurer gestimmt sei.
Die zweite Bedingung, die Serrati aufstellte, kam zunächst in ganz verschwommener Form. Eine Reinigung soll vorgenommen werden, aber so, daß die Geschlossenheit der proletarischen Bewegung darunter nicht leidet. Später hat er andere Formulierungen gefunden und zwar „Reinigung, aber zusammen mit Autonomie“, das heißt die Reinigung soll der betreffenden Partei überlassen bleiben. Das Zentralkomitee der italienischen Partei hielt über diese Fragen eingehende Beratungen ab. Es gab dort zwei Resolutionen, die eine des Genossen Terracini und die andere des Genossen Baratono, eines Freundes von Serrati. Genosse Terracini fordert unbedingte Anerkennung der 21 Bedingungen, Genosse Baratono fordert Anerkennung der 21 Bedingungen, aber die Partei müsse sich die Auslegung dieser Bedingungen vorbehalten. Bei der Abstimmung im Zentralkomitee erhielt Genosse Terracini die Mehrheit, Serrati unterlag. Serrati hatte, um die Leute einzuschüchtern, erklärt, er demissioniere als Redakteur des „Avanti“. Unsere italienischen Genossen, anstatt diese Demission mit Begeisterung anzunehmen, erklärten, das gehe nicht, Serrati müsse bleiben. Unsere Genossen haben ihren Irrtum jetzt selbst erkannt, und wir wollen ihnen nicht Salz auf die Wunde streuen. Aber sie haben den Irrtum begangen und haben Serrati auf seinen Posten als Redakteur belassen, natürlich unter der Voraussetzung, daß er die Beschlüsse des Zentralkomitees durchführen werde. Serrati hat die Redaktion vom „Avanti“, der großen einflußreichen Zeitung mit einer Auflage von 200 000 Exemplaren behalten, aber er hat alles andere getan, nur nicht die Beschlüsse des Zentralkomitees ausgeführt. Er fing an, eine unerhörte, sich allmählich zu einer schmutzigen Polemik entwickelnde Kampagne gegen die Exekutive zu führen. Ich werde Ihnen später das wichtigste vorlesen.
Dann kam der Parteitag der Reformisten in Reggio-Emilia. Dort haben sich die Reformisten zu einer „Konzentrationsfraktion“ zusammengeschlossen. Sie haben sich konzentriert. An der Konferenz nahmen Turati und D’Aragona teil. Diese Leute sind schlau und sie wissen auch, daß man den italienischen Arbeitern nicht direkt sagen darf, man sei gegen die Kommunistische Internationale. Darum erklären sie in ihrer Resolution folgendes: „Die Meinungsverschiedenheiten in der Bewertung der geschichtlichen Periode, die wir durchleben, können nicht als genügender Grund für die Parteispaltung gelten. Das gleichzeitige Bestehen mehrerer sozialistischer Schulen in der Partei, die immer in ihr bestanden haben, war in der Vergangenheit kein Hindernis ihrer machtvollen Entwicklung und wird auch in Zukunft die brüderliche gemeinsame Arbeit nicht behindern. Diese Arbeit wird umso fruchtbarer sein, in je höherem Grade die einzelnen Teile der Partei Achtung gegeneinander und den allgemeinen Willen zeigen werden, die Meinungsfreiheit hinsichtlich jeglicher Lage aufrecht zu erhalten und die strengste Disziplin in den mannigfaltigsten Entwicklungsformen des Klassenkampfes zu beobachten.“
Das ist der Höhepunkt der reformistischen Diplomatie. Turati, Treves, D’Aragona verstehen diese Diplomatie. Sie werden noch einmal glänzende Minister sein. Was haben sie getan? Sie faßten folgenden Beschluß: „Die Konzentrationsfraktion bestätigt den Anschluß der Partei an die Kommunistische Internationale, sowie die einheitliche Auslegung der 21 Punkte, die im Einklang mit den Verhältnissen in einem jeden Lande anzuwenden sind. Sie erklärt in bestimmtester Weise, daß die anarchistischen und syndikalistischen Gruppen sowie die Freimaurerelemente aus den Sektionen der Internationale ausgeschlossen werden müssen.‘ — Sie haben damit das wiederholt, was Serrati ihnen zugeflüstert hat: Sie sind für die Einhaltung der 21 Punkte, aber die 21 Punkte im Einklang mit den Verhältnissen im Lande, für die einheitliche Partei, aber gegen die Syndikalisten und: Anarchisten. Unsere kommunistischen Genossen aber wurden von ihnen Syndikalisten und freimaurerische Elemente gescholten. Das kostet nicht viel. Der Beschluß der Konzentrationsfraktion konnte nicht umhin, auch etwas über die Diktatur des Proletariats zu sagen. Er erklärte folgendes: „Die Diktatur des Proletariats im marxistischen Sinne verstanden, — Turati und D’Aragona als Dolmetscher des Marxismus! — ist keine obligatorische Programmforderung, sondern eine zeitweilige Maßregel, deren Notwendigkeit durch besondere Bedingungen hervorgerufen wird.“
Sie erklären schlau, sie seien „nicht gegen die Diktatur im marxistischen Sinne“. Es ist richtig, daß die Diktatur nicht eine ewige, sondern eine vorübergehende Notwendigkeit ist. Sie aber betrachten die Sache so, als sei die Diktatur überhaupt liquidiert und daher behaupten sie, daß eine Revolution in Italien mit gewaltsamer und zerstörender Form, mit sofortiger Einführung der Sowjetordnung nach russischem Muster, wie es die extremen Elemente wünschen, zu raschem Scheitern verurteilt sei, falls nicht eine aktive Unterstützung wirtschaftlichen und politischen Charakters seitens des Proletariats irgendeines der reiferen Staaten in der Periode des unvermeidlichen wirtschaftlichen Verfalls gewährleistet sei.
Da sehen Sie schon die Lehren dieser Herren Reformisten; eine gewaltsame und zerstörende Form der Revolution in Italien ist ihnen unerwünscht und eine sofortige Einführung der Sowjetregierung nach russischem Muster ist ihnen gleichfalls unerwünscht. Nun, wir wären auch mit einer Sowjetordnung nach italienischem Muster einverstanden gewesen. (Heiterkeit.)
Diese kleine Erklärung ist mit der weitschweifigen Resolution über die Freimaurerei abgegeben worden.
Das war das Credo der reformistischen Gruppe in Reggio-Emilia. Das ist das wahre Gesicht dieser Gruppe, da habt Ihr sie unter der Lupe. Hier mußten wir handeln, diese Elemente mußten wir ausschließen. Der ganze Streit geht eben nur um diese Gruppe, die gegen die Diktatur des Proletariats und gegen die Revolution und gegen die Sowjetordnung „nach russischem Muster“ ist. Nach allen diesen Erklärungen hatte Serrati die Stirn, zu sagen, in Italien gebe es keinen Reformisten. Er sei für den Ausschluß der Reformisten, er sei strenger als wir, man solle ihm nur zeigen, wer die Reformisten seien. Der arme Serrati weiß nicht, wo die Reformisten in Italien wohnen.
Sie werden sich erinnern, daß Serrati, als der Genosse Lenin mit einem offenen Brief an ihn herantrat und selbstverständlich die Forderung aufstellte, daß man die Reformisten ausschließe, einen Artikel, betitelt: „Antwort eines italienischen Kommunisten an den Genossen Lenin“, geschrieben hat. Es heißt in diesem Artikel: „Können Reformisten in den Reihen der Partei geduldet werden?“ Gestatten Sie mir auf diese Ihre Frage mit einer anderen Frage zu antworten: „Wer ist Reformist?“ Wenn, wie man aus Ihrem Briefe herauslesen kann, Reformisten diejenigen sind, die eine Arbeitsgemeinschaft der Klassen anstreben, die die Macht mit der Bourgeoisie teilen wollen, die gegenrevolutionäre Arbeit leisten und sich jederzeit in Scheidemänner oder Noskes unseres Landes verwandeln können, dann haben sie Recht, und ich bin ebenso wie Sie für ihren Ausschluß.“ Nun sucht Serrati zu beweisen, daß Turati, Treves usw. keine Reformisten sind. Er sagt: „Es sind die Leute, die von einem Ihrer Vertreter in Italien, von Wodowossow, vor zwei Monaten im Auftrag Ihrer Regierung gebeten wurden, im Namen der Parlamentsfraktion einen Druck auf Giolitti auszuüben zwecks Erlangung einiger Zugeständnisse.“
Das ist die Methode Serratis. Spricht man von prinzipiellen Fragen, so kommt er mit kleinem Klatsch, mit dem Geld für den Daily Herald usw. usw. Aber er gibt keine klare Antwort, ob er mit den Reformisten gehen will oder gegen sie ist.
Serrati erklärt in einem Artikel des „Avanti“ vom 24. Oktober weiter: „Was aber sollen wir tun? Es gibt nur zwei bestimmte Wege: entweder auf gesetzlichem Weg zur Macht zu gelangen oder Revolution zu machen. Zur Macht zu gelangen für wen? Und wie? Und weshalb? Bei der bestehenden Zerrüttung wäre das einzige Ergebnis der Übernahme der Macht, daß die auf der Bourgeoisie lastende Verantwortlichkeit auf die sozialistische Partei übergehen wird.“
Das wurde im Oktober 1920 geschrieben. Was ist das für eine Erklärung? Es ist dasselbe, was Dittmann und Crispien sagten: Wir fürchten, die Macht zu übernehmen, auch dort, wo wir das können, weil wir nicht die Verantwortung für die durch den Krieg entstandene Zerrüttung der ökonomischen Verhältnisse übernehmen wollen. Die Schlußfolgerung ist einfach die: Man muß also abwarten, bis die ökonomischen Verhältnisse besser werden, bis der Kapitalismus durch uns noch einmal stark geworden ist und dann erst kann man Revolution machen. Das hat bisher nur Kautsky gesagt, dessen Standpunkt ist: Zunächst Hebung der Produktion, dann erst Kampf um die Macht, denn sonst wird es nur ein Konsumenten-Sozialismus sein. Diesen Kautskyschen Standpunkt vertritt der „Kommunist“ Serrati ganz offen im Oktober 1920.
Genossen, das ist der eigentliche Kern der Frage. Während des Il. Kongresses war die allgemeine Meinung, daß Italien der proletarischen Revolution am nächsten steht. Das mußte auch Serrati zugeben. Wenn es aber irgend ein Beispiel in der Geschichte gibt dafür, daß eine Partei eine Situation verpaßt hat und dadurch der Bewegung einen direkten Schaden zugefügt hat, so ist es das italienische Beispiel. Es ist ein unerhörter Fehler, wenn eine Partei eine Lage so verpaßt, wie es die italienische tat.
Vor einem Jahre war die Arbeiterklasse Italiens begeistert bereit, zu kämpfen, besser organisiert als irgendwo. Die Bourgeoisie war niedergedrückt. Das Militär sympathisierte in großer Zahl ebenso wie die Bauernschaft mit dem Proletariat. Dann kam die prächtige Bewegung im September, in der die italienischen Arbeiter eine neue Form des Kampfes fanden durch die Besitzergreifung der Fabriken. Die Bourgeoisie war vollständig desorganisiert. Giolitti selbst erklärte, er hätte im September nichts tun können. Als man ihn fragte: Warum habt Ihr im September nicht Militär geschickt, um die Fabriken zu säubern, erklärte Giolitti: Ich hatte nicht die Macht dazu, ich mußte zunächst homöopathische Mittel anwenden und erst später mit der Chirurgie nachhelfen. Er hat und zwar mit Hilfe Serratis und Genossen zuerst durch Homöopathie die Bewegung unterdrückt, und jetzt ist man zur Chirurgie übergegangen. Die Fascisten sind ganz gute Chirurgen; sie machen ihre Schlächterarbeit an der italienischen Arbeiterklasse sehr gewissenhaft und gründlich.
Die Schuld der Partei und speziell Serratis besteht darin, daß sie den günstigen Augenblick des Kampfes verpaßt und objektiv der Bourgeoisie die Arbeiterklasse ausgeliefert haben. Man gab der Bourgeoisie ein Jahr lang Zeit, sie möge sich günstig erholen, sich besser organisieren, den Übergang von der Homöopathie zur Chirurgie vollziehen; die Arbeiterklasse wurde inzwischen korrumpiert, ihre Einigkeit zersplittert.
Dann kam der italienische Kongreß. Genossen, wie Sie wissen, hat sich die Exekutive bemüht, mich und Bucharin zum Kongreß zu senden. Wir bekamen keine Einreiseerlaubnis, und die italienische Partei, speziell Serrati, hat keinen Finger gerührt, um unsere Anwesenheit zum Kongreß zu ermöglichen. Wir mußten die Delegation anders zusammensetzen und haben als unsere Vertreter den bulgarischen Genossen Kabaktschieff und den ungarischen Genossen Rakosi hingesandt. Es ist viel Blödes und viel Klatsch über das Auftreten dieser beiden Genossen in der internationalen Presse geschrieben worden. Der Urheber ist Serrati; es ist seine Methode. Es gibt gute Genossen, welche glauben, es wäre in Livorno vielleicht ganz anders gewesen, wenn sich Kabaktschieff und Rakosi schlauer und diplomatischer verhalten hätten. Man hat versucht, Kabaktschieff als wilden Diktator hinzustellen. Wer ihn kennt, weiß, daß das aus den Fingern gesogen ist. Er ist einer der gebildetsten Marxisten und ein ganz ruhiger Genosse, der nichts von den Leidenschaften besitzt, die ihm Serrati zugeschrieben hat, er ist ein Genosse, der jahrelang in der bulgarischen Partei als Theoretiker gekämpft hat; es ist nur Gutes von ihm zu sagen.
Die Genossen, die dort waren, werden uns selbst erzählen, was sich in Livorno abgespielt hat. Es wurde dort im wahrsten Sinne des Wortes ein Zirkus aus dem Kongreß gemacht. Als Genosse Kabaktschieff auftrat, hat man geschrien und gelärmt: „Es lebe der Papst!“ Man hat eine Taube losgelassen, und es kam zu verschiedenen unerhörten chauvinistischen Szenen. Und dann sagte man, die Schuld trüge der Genosse Kabaktschieff.
Nach all diesen Erklärungen vom September und Oktober wird kein einziger Optimist in diesem Saal bleiben. Nicht um die Rede des Genossen Kabaktschieff handelt es sich, sondern um die Rückentwicklung einer linken revolutionären Partei, wenigstens ihrer führenden Schichten zu einer simplen ordinären sozialdemokratischen Partei. Das ist es, was wir in Italien erleben: eine Rückentwicklung unter dem Druck einer ganzen Anzahl von Umständen, eine Rückentwicklung der Führerschaft zu direkten Sozialdemokraten. Ich muß sagen, die Rechtsunabhängigen haben sich in Halle — das bin ich ihnen schuldig zu erklären — gegenüber den Kommunisten viel anständiger verhalten, als Serrati und seine Leute in Livorno es taten.
Serrati trat mit seiner Gruppe auf dem Kongreß mit einer besonderen Resolution auf. Er schlug vor, die Partei solle sich sozialistisch-kommunistische Partei nennen; die 21 Bedingungen annehmen, aber sich freie Hand halten. Von einer Spaltung war keine Rede. Turati, der einzige, der eine prinzipielle Rede hielt, wurde mit Ovationen empfangen. Er ist der eigentliche führende Geist der Partei. Er erklärte ganz offen, er sei gegen die Gewalt, alles solle auf friedlichem Wege getan werden. Und da versucht man, die Schuld für die Spaltung der Exekutive in die Schuhe zu schieben. Welche andere Wahl hatte die Exekutive? Es ist doch ganz klar: Es war der erste Zusammenstoß der Kommunistischen Internationale mit den reformistischen Elementen, es war die erste Kraftprobe. Hätte die Kommunistische Internationale in dieser Frage nachgegeben, so hätten wir in diesem Monat, ich sage das ganz offen, keine Kommunistische Internationale mehr, wir hätten keine moralische und politische Kraft mehr. Hätten wir in dieser Frage nachgegeben, so hätte das geheißen, daß die Kommunistische Internationale vor Turati und den übrigen Reformisten auf den Knien gelegen hätte. Sie hätte nicht mehr bestehen können, oder sie hätte vielleicht noch bestehen und große Parteien in ihren Reihen haben können, aber moralisch wäre sie tot. Es war die erste Kraftprobe, und wir betonen, daß es der Stolz der Kommunistischen Internationale ist, daß sie in diesem Moment nicht geschwankt hat, sondern fest und entschlossen gesagt hat: Wenn wir auch für eine Zeit lang eine große Masse von italienischen Arbeitern verlieren, so muß es sein; wir werden sie uns zurückgewinnen. Aber keinen Schritt, keinen einzigen Schritt rückwärts, denn sonst ist die Kommunistische Internationale verloren. — Es ging um die Klarheit der Kommunistischen Internationale, es ging um die Prinzipien des Kommunismus. Und es tut uns wirklich leid, daß einige führende Gruppen, z. B. ein Teil deutscher Genossen, die sonst sehr große Verdienste hatten, in einem solchen Moment doch nicht ganz klar sahen, um was es ging. Aber die Kommunistische Internationale hat als internationale Association der Arbeiterschaft im großen und ganzen sehr schnell verstanden, daß wir hier eine große Illusion verlieren, daß wir hier einen großen Verlust haben, daß wir aber der Prinzipien des Kommunismus wegen bis zu Ende aushalten müssen.
Serrati hat angefangen, andere Register zu ziehen. Früher war er der Strenge, der gefordert hat, man solle gegenüber den Freimaurern keine Konzessionen machen. Jetzt kommt es anders. Serrati tritt mit einer Theorie über die Gleichberechtigung auf. Er fordert Gleichberechtigung gegenüber Italien und Frankreich. Warum hat man den französischen Genossen mehr Konzessionen gemacht als den italienischen Genossen? Ich werde auf die französische Partei noch zu sprechen kommen. Es war unsere Pflicht und Schuldigkeit, jede Partei nach den konkreten Bedingungen des betreffenden Landes zu behandeln, aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, dem Reifegrad der revolutionären Entwicklung heraus usw. Wir konnten die französiche, amerikanische, italienische, lettische und tschechoslowakische Partei usw. nicht alle nach einer Schablone behandeln. Darin besteht eben die Internationalität unserer Exekutive, daß wir jede Partei aus den konkreten Verhältnissen heraus beurteilen und ihr gegenüber unsere Haltung formulieren. Wir nahmen der französischen Partei gegenüber eine entsprechende Haltung ein. Es ist ganz klar, daß ein wirklicher Kommunist nicht auftreten und sagen kann: Da die französische Partei noch rückständig ist, so mußt Du die italienische Partei auch so behandeln, damit auch die rückständig wird. Das ist kein Internationalismus. Serrati hat einen ganz persönlichen und schmutzigen Kampf gegen uns begonnen, so z. B., wenn er in einem Artikel vom 24. Dezember folgende Sätze schreibt (ich zitiere wörtlich):
„Wenn es noch am Platze wäre, über Amsterdam zu diskutieren, so möchten wir Sinowjew fragen, warum denn die gegen die Opportunisten so unversöhnliche russische Regierung, wie dies in ganz Europa bekannt ist, der Zeitung „Daily Herald“ 72000 Pfund Sterling gegeben hat, derselben Zeitung, die in England die Politik des opportunistischen Sozialismus unterstützt, und warum die Kommunistische Internationale sich für den Eintritt der Kommunisten in die Labour Party ausgesprochen hat, die der Kommunistischen Internationale und der Amsterdamer Internationale angehört?“
Also, Genossen, dieses eine Zitat wird für jeden wirklich revolutionären Genossen genügen, um zu verstehen, was für eine Person vor dem Forum der Kommunistischen Internationale auftritt. Wir sagen, Turati und D’Aragona sind Reformisten, und wir mußten sie ausschließen. Das hat der Il. Kongreß bestimmt.
Serrati hat weiter erklärt: Tschitscherin und seine Regierung haben dem „Daily Herald“ 72000 Pfund Sterling ausgezahlt, eine Behauptung, die zuerst von Lloyd George aufgestellt wurde und die als Begründung für die Ausweisung unseres Genossen Kamenew diente. Serrati tritt mit einer Denunziation auf. Daß die russische Regierung mit verschiedenen Leuten und Elementen verhandeln muß, das wissen wir ganz gut. Warum sie mit diesen Leuten verhandeln muß, das weiß die Kommunistische Internationale auch sehr gut. Eben darum, weil die Arbeiterklasse in allen diesen Ländern noch zu schwach ist. Aber in welcher Verbindung steht die Tatsache, daß wir, die einzige proletarische Regierung der Welt, noch mit bürgerlichen Regierungen verhandeln müssen, in welcher Verbindung steht die Tatsache, daß die Kommunisten bürgerliche Agenten in ihr Haus einladen müssen, mit der Frage, ob Turati und die anderen Reformisten aus der Partei ausgeschlossen werden müssen?
Ich habe schon gesagt, daß Serrati einen speziellen Haß gegen die französische Sektion hat. Er schreibt in einem Artikel: „Einige von unseren weiteren Erwägungen“ im Avanti vom Januar 1921 folgendes: „In Frankreich z. B. ging die Mehrzahl der sozialistischen Abgeordneten, die noch gestern für die „Patrie“ und die „Union sacrée“ waren, in vollem Bestand zur Kommunistischen Internationale über.“
Und in einem anderen Artikel erklärt er. es seien 55 Abgeordnete zur Kommunistischen Partei übergegangen. Eine große Unwahrheit. Es waren in der sozialistischen Fraktion 67 Abgeordnete, von denen sind zur Kommunistischen Partei nur 12 oder 13 übergegangen. 55 blieben bei Longuet, also bei den Freunden Serratis. Er täuscht die italienische Arbeiterschaft und nutzt seine Stellung im „Avanti“ zu einer Lüge aus. Er erzählt, daß 55 Abgeordnete zu uns gekommen sind. Sollte das der Fall sein, so wäre das sehr gut. Es ist aber eine freche serratinische Unwahrheit. Dasselbe über die deutsche Partei. Serrati erklärt: „Der Abfall der Unabhängigen in Deutschland ist mehr aus Gründen nationalen Charakters als aus Gründen der internationalen Doktrin und Praxis erfolgt.“
Also die Spaltung — das erklärt er in einem Artikel — und der Übergang der Hälfte der Partei zum Kommunismus ist aus nationalen Gründen erfolgt! Was soll das bedeuten? Das ist direkter Chauvinismus. Er will den italienischen Arbeitern einreden, daß die deutschen Arbeiter nicht aus proletarischen Gründen zur Internationale gehören, son- ‘dern aus nationalen. Das ist eine Hetze gegen die deutsche Arbeiterschaft. Mit solchen Mitteln arbeitet Serrati gegen die Exekutive und gegen die bedeutendste Sektion unserer Internationale. Weiter, wenn Serrati schreibt — erlauben Sie mir, Genossen, daß ich das vorlese — „was die unbekannten Informatoren anbelangt, so verdient diese Frage in der Tat einige Bemerkungen. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale entsendet aus Moskau in jedes Land einen Vertreter, der aus der Mitte der russischen Genossen gewählt wird und den russischen Genossen aus der Exekutive bekannt ist. Ob so ein Vertreter über die zu einer solchen Mission notwendigen Eigenschaften verfügt und ob er in erforderlicher Weise seine Arbeit leisten kann — das ist ausschließlich die Sache der Exekutive. Und von einem solchen „grauen Kardinal“ erhält die Exekutive nun Berichte, die den Führern der Partei in jenem Lande, wo der „Informator“ seine Tätigkeit ausübt, gänzlich unbekannt bleiben oder bleiben können. Über diese Informierung gibt es keine Kritik, keine Kontrolle.“
Genossen, ich habe schon gezeigt, daß Serrati Levis Vorläufer ist. Er hat das Wort geprägt: „grauer Kardinal“ und Levi das Wort: „Turkestaner“. Ich glaube, sagen zu können, die Luft in diesem Saale ist etwas frischer, weil die beiden Herren in diesem Jahre nicht in unserer Mitte sind. (Beifall.)
Genossen, ich könnte noch viel mehr Zitate anführen, aber erstens haben Sie selbst das Buch und zweitens glaube ich, die verlesenen Beispiele genügen vollauf. Ich möchte Ihnen nur die Resolution Bentivoglio verlesen, die in Livorno angenommen worden ist, nachdem unsere Genossen fortgegangen waren. Es heißt da:
„Indem der XVII. Kongreß der sozialistischen Partei Italiens die Beschlüsse erörtert und bestätigt, auf Grund derer sie sich der Kommunistischen Internationale angeschlossen und deren Hauptmethoden ohne jeglichen Vorbehalt angenommen hat, protestiert er gegen die vom Vertreter des Exekutivkomitees abgegebene Erklärung über ihren Ausschluß auf Grund der Verschiedenheit in der Beurteilung örtlicher und zufälliger Fragen, die durch freundschaftliche Erklärung und brüderliche Übereinkunft hätten beigelegt werden können und müssen; und indem er seinen Anschluß an die Kommunistische Internationale abermals vollinhaltlich bestätigt, übergibt er den Konflikt der Verhandlung durch den bevorstehenden Kongreß der Kommunistischen Internationale, wobei er sich schon jetzt verpflichtet, seine Entscheidung anzunehmen und durchzuführen.“
Genossen, formell steht die Sache so: Nachdem die Kommunisten weggegangen sind, faßt die Partei Serratis diesen Beschluß. Sie appelliert an unseren III. Kongreß der Kommunistischen Internationale und erklärt ihm im voraus, daß sie sich fügen werde. Das ist der Beschluß, der einstimmig angenommen worden ist. Und was kam dann? Einige Monate sind verflossen, und Serrati zeigt nicht die Absicht, sich diesem Kongreß zu fügen, sondern durch verschiedene Machinationen hat er es fertig gebracht, daß die Partei hier keine Delegierten hat. Ich bitte Sie, Genossen, die Sie in französischen oder in anderen Parlamenten sitzen, helfen Sie mir, einen parlamentarischen Ausdruck für diesen Vorgang zu finden. Serrati und seine Freunde beschließen, nachdem die Kommunisten weggegangen sind, sie werden sich dem Kongreß fügen, und wenn dann der Kongreß tagt, sind keine Delegierten da. Für jeden Denkenden ist es selbstverständlich, daß sie sich nicht fügen wollen. Serrati hat, nachdem diese Resolution angenommen worden ist, wörtlich erklärt: „Es ist wohl möglich, daß die Erklärungen (des Vertreters der Exekutive) in Livorno verfaßt worden sind; dennoch wird die Kommunistische Internationale sie nie desavouieren. Auch Levi sagte mir hier, daß sie in Deutschland ebenfalls ohne Rücksicht behandelt worden seien. Es genügt, zu sagen, daß auch die K. A. P.D., welche nationalistisch gesinnt ist und den Kapp-Lüttwitz-Putsch unterstützt hat, in die Kommunistische Internationale als sympathisierende Partei aufgenommen worden ist.“ Das steht im „Avanti“. Das ist geschrieben zum Tage des Kongresses. Sie können es hier lesen. So steht die Frage formell.
Genossen, man muß die Tatsache klar sehen: Seit dem Kongreß in Livorno hat sich die Partei noch weiter zurückentwickelt. Einige Proben. Im „Avanti“ vom 11. Mai steht der Artikel: „Die internationale Solidarität“. Voll Begeisterung, voll internationaler Empfindungen. Aus welchem Anlaß? Eine Organisation hat den Gewerkschaften 50 000 Lire zugeschickt! Wirklich eine Tatsache, die internationale Bedeutung haben kann. Welche Organisation aber hat die Summe zugeschickt? — Die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale. Aus diesem Anlaß schreibt man einen begeisterten Artikel, worin es heißt:
„Der Amsterdamer Internationale Gewerkschaftsbund, der unserer Konföderation den unten veröffentlichten Ausdruck der Solidarität und Sympathie gesandt hat, ist mit uns hinsichtlich der notwendigen Erfordernisse der proletarischen Bewegung nicht ganz einer Meinung. Einige von seinen Führern sind von unseren politischen Idealen sogar sehr weit entfernt. Wenn jetzt die Zeit für eine persönliche Polemik wäre, so könnten wir einigen von ihnen die Solidarität vorwerfen, die sie während des Krieges gegen diejenigen an den Tag gelegt haben, die heute sowohl bei uns, als auch in allen Ländern die hartnäckigsten Vertreter der kapitalistischen Reaktion sind.
Aber wir wollen die Bedeutung dieser internationalen Kundgebung, die uns tief rührt, nicht verkleinern. Wie die Personen, die an der Spitze des Amsterdamer Sekretariats stehen, auch heißen mögen, es ist unzweifelbar, daß das vielmillionenköpfige internationale Proletariat, das unter seiner Fahne vereinigt ist, durch gemeinsame Interessen mit den Unterdrückten der ganzen Welt verbunden ist, und auch wir sind mit ihm und mit ihnen durch ebensolche Bande verknüpft. Unbezweifelbar ist auch, daß jede aufrichtige und herzliche Kundgebung der internationalen Solidarität die proletarische Vereinigung der Arbeiter aller Länder beschleunigt.“
Genossen, Sie wissen, alle Philister, alle Revisionisten, alle Zentristen schreien immer über das Moskauer Geld, obwohl jedermann versteht, daß es ganz natürlich ist, wenn die siegreiche Arbeiterschaft Rußlands den Arbeitern anderer Länder Hilfe leistet. Aber wenn der Gewerkschaftsbund von Amsterdam, der in Beziehungen mit der Liga der Nationen steht, durch Vermittlung des Internationalen Arbeitsbüros, dessen Vorsitzender der Herr Thomas ist, den italienischen Serratis 50000 Lire zuschickt, so ist es keine Schande, sie anzunehmen und darüber zu schreiben. Und Serrati merkt nicht, daß er sich dabei die Finger beschmutzt. Er empfindet es nicht als glühende Kohle, daß er das Geld von diesen Verrätern angenommen hat. Er schreibt über die internationale Solidarität. Sie sehen, die Toten reiten wirklich schnell, und der Mann, der für die Kommunistische Internationale tot ist, hat sich in dieser Sache sehr geschickt benommen.
Ich habe hier ein Büchlein, daß heißt: „Il Bolscevismo giudicato dai socialisti italiani“. Es ist von einem Bürgerlichen. Diese Broschüre wurde noch mehr verbreitet, als die Broschüre Levis. Und sie besteht aus Zitaten der Herrschaften, die Serrati hierher gebracht hat und die wir so liebenswürdig aufgenommen haben. Diese haben nun alles mögliche, was tatsächlich gewesen und auch nicht gewesen ist, zusammengeschrieben, um zu beweisen, wie schlecht es dort aussieht, wo die Arbeiterklasse die Macht hat.
Ich wollte Ihnen, Genossen, noch ein paar Mitteilungen aus der letzten Zeit machen, z. B. über die Wahl. Ich habe im „Sowjet‘, herausgegeben von Paul Levi — am „Sowjet“ arbeiten noch einige Mitglieder der V.K.P.D. mit —, einen Artikel vom Genossen Kurt Geyer über die italienische Wahl gelesen. Er erklärt, die Wahl habe folgendes bewiesen: Die Partei Serratis hat 1400000 Stimmen erhalten, die Kommunistische Partei etwa 450000, also die Massen seien mit Serrati, das sei eine offensichtliche Niederlage der Kommunistischen Internationale. Er stellt die Behauptung auf: Die Niederlage der italienischen Kommunisten sei nicht nur die Niederlage der Kommunisten dieses Landes, es sei die Niederlage Sinowjews, die Niederlage der Exekutive.
Also, wenn eine junge Partei 450 000 Stimmen zählt, so ist das eine Niederlage. Nein, wenn Scheidemann, nachdem er und seine Bande Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet hatten, noch Millionen Stimmen erhielt, das war eine wirkliche und schmerzliche Niederlage der Arbeiterklasse. (Lebhafte Zustimmung.) Es beweist, daß die Arbeiter und viele Kleinbürger noch für diese Mörder stimmen. Aber wo ist in Italien eine Niederlage?
Ich habe einen Artikel aus dem „Populaire“ vom 4. Juni, gezeichnet Cesare Alessandri, gelesen. Er ist ein italienischer Deputierter, der ziemlich nahe Beziehungen zu Serrati hat. Er schreibt über die Wahlen (ich werde Ihnen nur die Zahlen nennen):
„Die neue parlamentarische Gruppe der Sozialistischen Partei setzt sich zusammen aus 123 Deputierten, von denen drei nur zum Zeichen des Protestes gegen ihre Einkerkerung gewählt wurden und nicht der Partei angehören, mithin also 120 sozialistischen Deputierten, von denen 48 nach rechts gehören, 42 nach links und 30 dem Zentrum angehören.“
Also Cesare Alessandri, ein Freund von Serrati, erklärt, die neue Gruppe besteht aus 120 Deputierten, von denen 48 der Rechten, 42 der Linken und 30 dem Zentrum angehören. Sie müssen bedenken, Genossen, was das in Italien bedeutet, wenn Cesare Alessandri sagt: rechts. Das ist ganz einfach Zentrum, das ist noch mehr, es ist Scheidemann-Noske. Rechts soll Alessandri und links sollen Lazzari, Maffi und die anderen sein, die nicht hierher kommen konnten oder nicht kommen wollen. Lazzari, während des Krieges ein ausgesprochener Pazifist, etwa wie Bernstein, das ist die Linke. In der Rechten befindet sich ein Herr Dugoni. Gestern gab man mir die Zeitung, die eine Mitteilung über eine Gewerkschaftsversammlung in Mantua enthält, wo dieser Mann einen Vortrag gehalten und eine Resolution durchgebracht hat, die wie folgt lautet:
„Der Kongreß prüfte die für die gewerkschaftliche und genossenschaftliche Bewegung durch die letzten Ereignisse geschaffene Lage und protestierte gegen jede Gewalt, von wem sie auch ausgehen möge.“
Also auf einem Gewerkschaftskongreß bringt ein Freund Serratis eine Resolution ein, daß der Kongreß gegen jede Gewaltausübung protestiert, möge sie kommen, woher sie wolle, von der Bourgeoisie oder vom Proletariat. Also ein ganz neutraler Standpunkt.
So ist die Lage. Ich wollte Ihnen noch ein Zitat vorlesen. Serrati ist weiter, das ist ganz selbstverständlich, für eine Koalition, für das Zusammenarbeiten mit der Bourgeoisie. Während der Wahlkampagne hat Turati selbst einen Aufruf an die Arbeiter der chemischen Industrie geschrieben, und dieser Aufruf wurde in dem französischen Blatt „La Vie Ouvriere“ abgedruckt. Turati erklärt in diesem Manifest:
„Verzagt nicht, Brüder, laßt Euch nicht unterkriegen, werdet nicht wild! Ich schwöre Euch, die Gewalt wird denen, die sie anwenden, keine Früchte bringen. Wenn der Sturm erst vorüber ist, werdet Ihr wieder die Stärkeren sein. Laßt Euch nicht provozieren, gebt Ihnen keinen Vorwand, antwortet auf ihre Beschimpfungen nicht, seid gut, seid geduldig, seid heilig! Ihr seid es seit tausend Jahren, seid es noch, seid tolerant, seid verträglich, verzeiht auch! Je weniger Ihr auf Rache sinnt, um so mehr werdet Ihr gerächt werden. Die, die gegen Euch den Terror entfacht haben, werden vor ihren eigenen Werken zittern. Noch ist Krieg, der Krieg, der nicht sterben will, der seine verächtliche Existenz fortsetzt, der aber im Sterben liegt. Ihr seid, Bauern Italiens, die Arbeit und der Friede, Ihr seid also der Feind, aber Ihr seid auch der sichere Sieg, Ihr seid die Zukunft.“
Genosse Frossard bemerkt dazu bescheiden: „Das sind, wie man sieht, die klarsten und unzweideutigsten Reformisten.“
Das ist wirklich das Bescheidenste, was man sagen kann. Also mit solchen Wahlmanifesten hat man gesiegt, das ist die Entwicklung der Partei Serratis im Jahre 1921. Ich glaube, Genossen, daß es uns bei solcher Sachlage wirklich leicht sein wird, einen ganz einstimmigen Beschluß in dieser Frage zu fassen. In der Partei Serratis hatte es ein bißchen angefangen, zu krachen. Baratono ist aufgetreten und hat gefordert, man möge wenigstens die Leute ausschließen, die die Disziplin am meisten brechen. Serrati war sofort dagegen. Baratono versuchte, einen Artikel darüber zu bringen, Serrati verbot es ihm; Baratono setzte jedoch durch, den Brief nach den Wahlen abzudrucken. Er erklärt: Wenn es wirklich so ist, daß Du, Serrati, und Deine Freunde zu der Überzeugung gekommen sind, daß man die Partei nach rechts wenden muß, so mußt Du eine Möglichkeit finden, einen Kongreß einzuberufen und der Partei vorzuschlagen, eine andere Politik zu verfolgen. Serrati antwortete selbstverständlich wie immer mit Anekdoten und Klatsch, er verdächtigte Baratono und erklärte klipp und klar: „Ja, das Resultat der Wahlen muß uns belehren; es ist wirklich wahr, daß wir das Steuer der Partei jetzt nach rechts lenken müssen. Das ist nicht unsere Erfindung oder Turatis Erfindung, sondern historische Notwendigkeit. Selbst Lenin geht in diesem Moment nach rechts.“ Eine Argumentation, die Sie auch in der berüchtigten Zeitschrift Levis, im „Sowjet“, finden können, wo Levi in seinem letzten Artikel erklärt: Was machen die Bolschewiki jetzt? Sie machen Konzessionen an die Arbeiter, an die Bauern. Man muß im Kontakt mit den Massen bleiben. Aber in Deutschland habe ich, Levi, dasselbe vorgeschlagen.
Also in einem Lande, wie Rußland, wo die Arbeiterklasse sich an der Macht befindet, in einem Lande, wo die Arbeiter und die Bauernschaft die Mehrheit haben, macht die Partei, um die Diktatur aufrechtzuerhalten, Konzessionen und muß sie machen, sie macht Konzessionen an die Massen, um die Diktatur der Arbeiterklasse zu bewahren. Und in Deutschland? Man übersieht diese Kleinigkeit, daß dort die Diktatur der Bourgeoisie herrscht, und nicht die Diktatur der Arbeiterklasse. Und dieser Unterschied hat eine ausschlaggebende Bedeutung. Serrati ist kein Kind, er muß das verstehen und versteht das ganz gut.
Also, Genossen, das ist jetzt die Lage in Italien. Man darf sich keine Illusionen machen. Wir werden Zeit gebrauchen, um die revolutionären Arbeiter Italiens wirklich ganz auf unsere Seite zu bringen. Wir müssen uns an diese Arbeiter wenden. Serrati ist uns nichts, diese Arbeiter sind uns alles. Wir müssen uns leidenschaftlich an diese Arbeiter wenden, im Namen des gesamten Kongresses. Wir müssen Geduld haben, um sie zu uns herüberzuziehen. Das wird uns umso schneller gelingen, je schneller wir Serrati vor der ganzen Welt bloßstellen. (Lebhafte Zustimmung.)
Ich meine, das italienische Beispiel wirft ein grelles Schlaglicht auf die ganze Lage innerhalb der Internationale; es wirkt klärend auch auf die allgemeine politische Lage. Ich habe schon gesagt: Nachdem der II. Kongreß seine Arbeiten beendet hatte, setzte in Italien diese prächtige Bewegung ein, daß die Arbeiter die Fabriken besetzten. Es war eine neue Form des proletarischen Kampfes. An manchen Orten hat sich die Arbeiterschaft zwei Wochen gehalten. Man fing an, eine Rote Armee zu organisieren. Dann kam die Gewerkschaftsunion, fiel den Arbeitern in den Rücken, und verriet die Bewegung. Darauf kam Serrati und erklärte als Antwort auf Lenins offenes Schreiben, daß es keine revolutionäre Bewegung gewesen sei, sondern nur eine einfache gewerkschaftliche Bewegung. Man könne daher die Fabrikbesetzungen nicht als Beweis dafür ansehen, daß eine revolutionäre Erhebung im Gange war. Es sei vielmehr eine breite und tiefe gewerkschaftliche Bewegung gewesen, die, von kleineren Zwischenfällen abgesehen, ganz friedlich verlaufen sei. Das ist der Judasstempel für Serrati. Es ist für jeden klar, daß diese Bewegung nicht eine friedliche, gewerkschaftliche Bewegung, sondern der Anfang eines wirklich revolutionären Kampfes war. Die Partei, unter der Führung Serratis, hat alles getan, um diesen Kampf im Sande verlaufen zu lassen, um die Arbeiterklasse hilflos der Bourgeoisie auszuliefern. Und die Bourgeoisie hat Serrati verstanden und seinen Verrat klug auszunutzen gewußt. Dieses Beispiel dürfen wir nie vergessen.
Man soll Offensiven nicht leichtfertig machen, aber man soll die Gelegenheiten zu solchen Offensiven auch nicht verpassen. Daß man die Gelegenheit verpaßt hat, hat die Bewegung in Italien auf lange Jahre zurückgeworfen. Die Arbeiterklasse wird jetzt dulden und Opfer bringen müssen, viel mehr, als es früher nötig gewesen wäre; nur darum, weil die Führer auf Seiten der Bourgeoisie und nicht auf Seiten der Arbeiterklasse stehen und weil sie für die Arbeiter während ihrer revolutionären Bewegung nur ein Hemmschuh waren. Das ist die Lehre für die italienische Partei, und auch für unsere inneren Verhältnisse ist es eine Lehre, daß wir immer an das Sprichwort denken sollen: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“. Nicht alles ist wirklich kommunistisches Gold, was sich so ausnimmt.
Genossen, wir müssen nunmehr mißtrauisch sein, wir haben zu viele Beispiele erlebt, daß man uns so verraten hat, wie Serrati es tat. Wir müssen jede Partei zehnmal prüfen, bevor wir sagen, wir haben Vertrauen zu ihr. Wirkliche Kommunisten werden dagegen nichts einzuwenden haben. An diesem Exempel sehen wir, daß der Hauptfeind rechts ist und nicht anderwärts. (Beifall.) Wir haben in Italien ein Exempel gesehen, wo es uns gelungen ist, linke Freunde zu belehren. Ich habe schon Bordiga zitiert. Er steht an der Spitze der kommunistischen Partei. Er hat seine Fraktion aufgelöst, hat alles Persönliche, Fraktionelle gegenüber der alten Partei aufgegeben. Das ist ein Soldat der proletarischen Revolution. Solche Elemente brauchen wir, und mit solchen Elementen müssen wir freundschaftlich verkehren. selbstverständlich bis zu einer gewissen Grenze. Bei der K. A. P.D. ist diese Grenze überschritten. Aber der wirkliche Feind steht rechts, er lauert und nutzt unsere Schwachheiten aus und ist bereit, in jedes Loch hineinzukriechen, um uns von innen heraus zu sabotieren. Herr Serrati erklärte unlängst: „Wir stehen jetzt „devant l’eglise“ (vor der Türe der Kirche).
„Nun, wir sind christliche Genossen, wir werden abwarten, bis diese Tür sich öffnet, und dann hineingehen.“ Das ist schön gesagt. Er steht aber in Wirklichkeit nicht vor unserer kommunistischen Kirche. Er liegt mit der Nase im Misthaufen der bürgerlichen Ideologie. (Lebhafter Beifall und Applaus.) Wir sind in der italienischen Frage fest entschlossen vorgegangen. Selbstverständlich waren wir uns vollkommen der Verantwortung bewußt, die wir auf uns genommen haben, und wir erwarten jetzt ruhig das Urteil des III. Kongresses in dieser Frage, das Urteil darüber, ob es richtig war, daß wir diesen Leuten die Tür vor ihrer Nase zugeschlagen und ihnen zugerufen haben: ‚„Hie Kommunismus, hie Reformismus. Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns, der ist bei der Bourgeoisie.“
Ich gehe zu der Frage der deutschen Partei über. Ich kann selbstverständlich nur die wichtigsten Sektionen behandeln, die unsere Politik wirklich beeinflußt haben. Halle war unser erster großer Erfolg nach dem II. Kongreß. Der Boden war vorbereitet während des II. Kongresses. Ich glaube, wir haben durch unser Auftreten in Halle bewiesen, daß wir ganz gut wissen, daß die Kommunistische Internationale keine Sekten, sondern große revolutionäre Massenparteien braucht. Und wir haben uns bemüht, in Deutschland eine Massenpartei herauszubilden. Wir glauben, daß uns das im großen und ganzen gelungen ist.
Zwei Fragen waren in Halle sehr brennend: Die erste war, ob der Spartakusbund in dieser oder jener Form weiterbestehen solle quasi als Vorsichtsmaßregel, als Garantie, als Ergänzungsorganisation. Im Namen der Exekutive habe ich mich dagegen ausgesprochen. Ich glaube, wir waren im Recht. Wir haben in Rußland große Erfahrungen mit solchen Organisationen gemacht. Wir sind der Meinung, daß solche Organisationen ihre innere Logik haben, und daß man sich, wenn die Gefahr besteht, daß die Partei verwässert wird, lieber nicht vereinigen soll. Wenn man sich aber vereinigt, soll man das loyal tun, ohne separate Organisationen aufrechtzuerhalten. Ich muß sagen, daß alle führenden Genossen aus der Spartakusgruppe im Grunde derselben Meinung waren. Diese Frage ist daher ziemlich leicht und glatt gelöst worden.
Die zweite Frage war, welches Tempo der Entwicklung die Partei im Auge haben muß. Die politische Atmosphäre war in Deutschland damals so, daß sogar Leute wie Ledebour von einer Mörderzentrale gesprochen haben. Die Bourgeoisie zusammen mit den Sozialdemokraten und der rechten U.S.P. versuchte, die Partei möglichst schnell zu provozieren, sie möglichst schnell in einen großen Kampf zu verwickeln, damit die Partei nicht die Möglichkeit gewann, sich fest zu organisieren. Ich habe den führenden Genossen damals im Namen der Exekutive erklärt, daß wir den Genossen raten, sich nicht zu schnell auf entscheidende Kämpfe einzulassen. Selbstverständlich waren wir nicht so doktrinär, um nicht zu wissen, daß das nicht von uns allein abhängt, sondern von der allgemeinen Lage und von der Situation, von der Haltung des Gegners. Wir waren der Meinung, man solle der Partei möglichst viel Zeit für ihre Konsolidierung lassen. In dieser Frage bestanden keine Meinungsverschiedenheiten zwischen uns. Es war klar, daß die Vereinigung zweier Parteien, wir nehmen an, von 100 000 und 400 000 Menschen, nicht ganz glatt vor sich gehen kann, daß es zu Reibungen, zu Rückfällen, daß es zu zentristischen und halbzentristischen Krankheiten kommen wird.
Indem wir die ganze Vergangenheit der deutschen Bewegung im Auge hatten, war es uns offenkundig, daß die Gefahr dieser Partei ebenfalls keinesfalls in solchem Maße von links drohte als von rechts. (Zustimmung.) Wir haben gesehen, daß der Spartakusbund noch vor der Vereinigung solche Situationen verpaßt hat, wie z. B. den Kapp-Putsch. Das war ein Beweis dafür, daß unsere Partei in der historischen Bewegung nicht aktiv genug war. Dasselbe war in noch größerem Maße bei der U. S. P. der Fall. Als wir nun die Geschichte der Partei zurückverfolgten, sahen wir, daß Krankheiten von dieser Seite zu erwarten sind. Wir haben den deutschen Genossen während des II. Kongresses gesagt: Wir verstehen nicht, daß Ihr, wenn bei Euch eine Bewegung entsteht, und diese Bewegung eine Niederlage erleidet, sofort als Schibolet sagt, es sei ein Putsch gewesen. Wir sagten, kommt nicht immer mit diesem Worte „Putsch“.
Wir erklärten ihnen: Man soll nicht leichtfertig sein, man soll keineswegs in Kämpfe eintreten, die nicht vorbereitet sind. Aber wenn wir den Weg der deutschen Arbeiterklasse zurücksehen, so können wir nicht sagen, daß sie auch nur einen einzigen Putsch gemacht hat, daß dieser Weg besät ist von Putschen und Putschisten, wie man das aus der kritischen Literatur über den revolutionären Kampf des deutschen Proletariats leicht entnehmen kann. Das ist das Leichteste, jede Bewegung, die nicht direkt gesiegt hat, als Putsch hinzustellen. Wir in Rußland haben, ehe wir siegten, ebenfalls Dutzende solcher Niederlagen erlitten. Wollten wir alle diese Kämpfe als Putsche ansehen, wir hätten nie gesiegt! (Zustimmung.)
Wir befürchteten gleich bei der Gründung der V.K.P.D,, daß in dieser Partei zentristische Strömungen auftreten würden. Und leider müssen wir sagen, daß diese unsere Befürchtung allzu rasch Wirklichkeit geworden ist. Ich habe von der italienischen Frage gesprochen. Ich sagte schon, sie ist eine internationale Frage, sie steht auch mit der deutschen Frage im Zusammenhang. Die Exekutive hat eine Resolution gefaßt und ist disziplinarisch aufgetreten gegen führende deutsche Genossen, an deren Spitze unsere verehrte Genossin Zetkin steht. Wir haben das nicht leichten Herzens getan. Wir haben uns zwanzigmal überlegt, ob wir so vorgehen sollen. Wir waren uns dessen wohl bewußt, daß man zu solchen Resolutionen nur in äußersten Fällen greifen soll.
Ich habe Ihnen die italienische Frage dargelegt: der deutsche Konflikt ist auf diesem Boden gewachsen. Wie war die Frage? Levi war in Livorno mit einem Mandat seiner Partei anwesend. Er hat in Italien mit Serrati gegen die Kommunistische Internationale konspiriert. Alles, was auf Livorno gefolgt ist, hat das bewiesen. Levi fuhr nach Deutschland zurück, man faßte eine Resolution, dann brachte man Amendements ein. Dann traten fünf oder sechs Mitglieder aus der Zentrale aus, weil sie in der italienischen Frage nicht mit der Exekutive einverstanden waren, und erklärten: Ihr habt Fehler gemacht, Ihr wollt künstliche Spaltungen, Sekten usw. Serrati fuhr nach Berlin; er fand den Weg nach Stuttgart. Er schrieb im „Avanti“ — mit fettgedruckten Lettern ist das erschienen —, die deutsche Partei sei auf seiner Seite; die junge italienische Bruderpartei erhielt damit durch die deutschen Genossen einen Dolchstoß in den Rücken. Ich habe den deutschen Genossen gesagt: Stellen Sie sich vor, nach der Spaltung in Halle wäre ein russischer Genosse, z. B. Lenin oder Trotzki, aufgetreten und hätte gesagt: Ich bin nicht einverstanden mit dieser Spaltung, ich trete aus der Zentrale aus und protestiere gegen die Exekutive. Ein solcher Schlag in den Rücken war für die italienische Partei das Vorgehen einiger deutscher Genossen; jedermann hat das so auffassen müssen. (Rufe: Sehr richtig.) Wir haben gesagt, man muß ja blind sein, um nicht zu sehen, daß Serrati sich zu den Reformisten zurückentwickelt hat. Ich habe heute Zitate gebracht, wie er in allen wichtigen Fragen aufgetreten ist, wie er in all seinen Artikeln die französische und die deutsche Partei besudelt, wie er in der Septemberbewegung die Partei verraten hat. Also es war ganz klar, wir hatten hier einen typischen Reformisten, und da fällt man uns in den Rücken und tritt aus der Zentrale aus. Radek schrieb über diesen Fall, er möchte wissen, ob man in der alten sozialdemokratischen Partei sein Mandat auch so leicht niederlegen durfte, wenn man mit einer Frage nicht einverstanden war. Gesetzt sogar, wir wären in Italien im Unrecht gewesen — wir waren nur zu sehr im Recht —; auch in solchem Falle hätte man vorsichtiger sein müssen. Man hat der Exekutive vorher kein Wort davon gesagt, sondern sie einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Darum waren wir der Meinung, hier ist etwas faul. Es ist nicht nur die italienische Frage. Wir sind alle große Internationalisten; aber dennoch wissen wir, daß man in Deutschland nicht so nervös wird, wenn es sich bloß um die italienische Frage handelt, daß man am meisten nervös wird, wenn es sich um die eigene Partei, um die eigene Bewegung handelt. Man fühlte den Zusammenhang.
Genossen! Sollte es sich herausstellen, daß Serrati so schlau und so geistreich und talentvoll gehandelt hat, daß die Genossen, die ziemlich erfahrene Politiker sind, im Unrechte sind, und daß das alles ein Mißverständnis ist, desto besser. Aber, Genossen, hoffen wir nicht zuviel darauf.
Darum mußten wir in dieser Frage einschreiten und wir ersuchen den Kongreß, uns offen zu sagen, ob das ein Irrtum unsererseits war, damit die Kommunistische Internationale von unseren Fehlern etwas lernt. War es ein Irrtum von Seiten der Genossen, die ausgetreten sind, so mögen sie es auch offen sagen, damit die Kommunistische Internationale auch daraus etwas lernt und damit wir uns endlich als eine internationale Partei zu fühlen beginnen.
Die Märzaktion wird in einem besonderen Referat behandelt werden. Ich werde mich mit wenigem darüber begnügen. Als wir die ersten Informationen über sie erhielten, waren die Genossen Braß, Geyer und Koenen hier. Wir hatten nach den ersten Informationen alle das Gefühl: endlich ist der Stein ins Rollen gekommen, endlich hat eine Bewegung in Deutschland angefangen, endlich frische Luft. Als wir unsere ersten Aufrufe nach der Niederlage schrieben, haben die Genossen Braß und Geyer die Sache ebenso beurteilt, wie wir alle. (Radek: Hört! Hört!) Wir haben den Aufruf dem Genossen Kurt Geyer in die Feder diktiert. (Rufe: Hört! Hört!) Er fungierte als Stenograph. Es ist dabei kein einziges Amendement durch die deutschen Genossen abgelehnt worden. Warum haben sie so gehandelt? Eben darum, weil sie das Gefühl hatten, das jeder Revolutionär haben mußte: man hat gekämpft, der Kampf war uns aufgezwungen, der Kampf ist verloren. Auf keinen Fall durften wir den Arbeitern in den Rücken fallen. Die Genossen haben damals die Frage sachlich beurteilt. So, ich erkläre das ganz offiziell, — ich bin überzeugt, daß die beiden Genossen das bestätigen müssen, — ist dieser erste Aufruf zustande gekommen, in dem wir alle erklärt haben, wir stehen zur Aktion. (Bewegung.) Sie haben unsere taktischen Resolutionen gelesen, Sie sehen, daß wir dort nicht mit offiziellen Lobhudeleien kommen, daß wir auch die Fehler der Märzaktion klar und deutlich behandeln. Der Kongreß ist nicht dazu da, damit wir uns gegenseitig Komplimente machen.
Gar zu vieles ist über die revolutionäre Offensive zusammengesprochen worden. Gott behüte uns vor einer Wiederholung dieser Dummheiten. Wir sind ganz einverstanden damit, was Genosse Brandler in seiner Broschüre gesagt hat: Es war keine Offensive, es war schlechtweg ein Defensivkampf. Der Feind hat uns überfallen. Ihr braucht über die falsch begriffene Offensive nicht zu lamentieren. Viele Fehler sind gemacht worden, viele organisatorische Schwächen haben sich gezeigt. Unsere Genossen in der deutschen Zentrale haben sich diesen Fehlern nicht verschlossen sie wollen ihre Fehler korrigieren.
Die Frage ist, ob wir diese Kämpfe als einen Schritt vorwärts ansehen können, als eine revolutionäre Episode auf dem qualvollen Wege der deutschen Arbeiterklasse, oder ob wir sie als einen Putsch bezeichnen müssen. Die Exekutive ist der Meinung, daß die Märzaktion kein Putsch war. Es ist lächerlich, von einem Putsch zu reden, wo eine halbe Million Arbeiter gekämpft haben. Das ist kein Putsch, das ist ein Kampf, der der deutschen Arbeiterklasse in der damaligen Situation aufgezwungen war. Wir müssen die Fehler klar aussprechen und aus ihnen lernen. Wir verheimlichen nichts, wir treiben keine Konventikelpolitik, keine Geheimdiplomatie Und wir sind der Meinung, daß die deutsche Partei sich im großen und ganzen dieses Kampfes nicht zu schämen hat, sondern ganz im Gegenteil.
Ich will auch nicht verheimlichen, daß das auch eine Schicksalsfrage für die Kommunistische Internationale werden kann. Wir müssen auch ohne jede Diplomatie klar aussprechen, daß die Gefahr vorzeitiger Bewegungen vorhanden ist. Als Genosse Terracini im Exekutivkomitee seinen Bericht erstattete, schien es mir ein wenig, daß auch die italienischen Kommunisten der Meinung sind: Nun sind wir aus der Partei des Sumpfes heraus, jetzt muß man losschlagen. Nein, diese Schlußfolgerung kann man nicht ohne weiteres ziehen. Denn gerade jetzt muß man zwanzigmal vorsichtiger sein und alles vorbereiten und zwanzigmal bedenken, ehe man einmal den Kampf aufnimmt. In dieser Beziehung hat der Genosse Trotzki recht mit seiner Kritik in der französischen Frage. Wir müssen diese Gefahr sehen, vielleicht sogar ein wenig übertreiben, das kann uns nicht schaden.
Ich komme jetzt zur K. A. P.D. Sie wissen, daß auch diese Frage internationale Bedeutung erhalten hat.
Während des II. Kongresses haben wir dieser Partei Konzessionen gemacht und sie hier vor dem internationalen Forum sprechen lassen. Die betreffenden Vertreter der Partei haben es jedoch für besser gehalten, rechtzeitig abzudampfen. Das hat Herr Otto Rühle getan, der, wie Sie wissen, jetzt schon eine ziemlich große Strecke zurückgelegt hat und, trotzdem er glaubt, auf der linkesten Seite zu stehen, sich tatsächlich im konterrevolutionären Lager befindet. In Halle und nach Halle hatten wir viele Besprechungen mit den Genossen von der V.K.P.D. Fast alle waren der Meinung, man solle die K. A. P. D. in die Kommunistische Internationale selbst als sympathisierende Partei nicht aufnehmen. Die Exekutive war anderer Meinung. Im Namen der Exekutive habe ich den Genossen schon in Berlin eine solche Erklärung gegeben. Es ist selbstverständlich peinlich, in einer sehr wichtigen deutschen Angelegenheit gegen den Beschluß der Partei handeln zu müssen. Dennoch, Genossen, formell wie auch moralisch und politisch hat die Exekutive selbstverständlich dieses Recht, wo ein solcher Zustand herrscht. Wir waren der Meinung, daß die K. A. P. D. als sympathisierende Partei aufgenommen werden muß und zwar aus folgenden Rücksichten: Wir waren der Meinung, daß nichts ungeschehen bleiben darf, um die wirklich revolutionären proletarischen Elemente in dieser Partei zu belehren und für uns zu gewinnen. Wir waren der Meinung, daß die Vergangenheit unserer deutschen Partei, die ihren Mangel an Aktivität, ihre großen Fehler, wie z. B. bei dem Kapp-Putsch, selbst zugegeben hat, daß diese Fehler vielleicht einen Nährboden für die K. A. P. D. darstellen. Wir waren der Meinung, daß wir durch den internationalen Einfluß diese Krankheit, die ihren Sitz in der K.A.P.D. hat, am leichtesten heilen werden. Wir waren der Meinung, daß, wenn die Partei auch nicht zahlreich und nur eine ganz kleine Partei, eine Sekte ist, wir doch alles mögliche tun müßten, um den besten Teil dieser Arbeiterschaft durch die Internationale mit uns zu verbinden. Wir sagten uns, die gesamte internationale Arbeiterbewegung hat während des Krieges und nach dem Kriege eine so schreckliche Krise durchgemacht, daß es nur zu verständlich ist, wenn in den verschiedenen Parteien und Gruppen viele Krankheiten herrschen; deshalb müsse man mit diesen im Grunde revolutionären Elementen Geduld haben. Die Exekutive entschied in dieser Frage fast einstimmig, und wir beschlossen, diese Partei als sympathisierende aufzunehmen. Nach einer prinzipiellen Diskussion, in der der Genosse Gorter den Standpunkt der K.A.P. vertreten hat, während der Standpunkt der Exekutive am ausführlichsten vom Genossen Trotzki vertreten wurde, hat die Exekutive beschlossen, die K.A.P. mit beratender Stimme aufzunehmen. Im Namen der Exekutive sagte ich im Schlußwort folgendes: „Es gibt logisch nur zwei Auswege aus dieser Lage. Für die Dauer sind zwei Parteien in einem Lande unmöglich. Entweder wird die K. A. P. sich wirklich zu einer kommunistischen Partei entwickeln und dann als integrierender Bestandteil der Kommunistischen Partei Deutschlands beitreten, oder sie wird aufhören, auch nur als sympathisierende Partei zu uns zu gehören.“ — So steht die Frage auch heute und ich glaube, der Kongreß wird nicht umhin können, über dieses Dilemma zu entscheiden. Leider muß ich sagen, daß die Rolle der Führer in der K.A.P. proportional viel größer ist als in anderen Parteien. (Rufe: Sehr richtig.) Insofern es sich um die führende Schicht handelt, mußten wir während des vergangenen Jahres leider eine Rückentwicklung feststellen. Ich muß das beweisen. Ich habe hier eine Broschüre, die heißt: „Der Weg des Dr. Levi — der Weg der V.K.P.D.“, herausgegeben von der K. A. P.D., ohne Namen des Verfassers; aber es ist ganz klar, daß sie von Gorter stammt. Die Genossen aus der K. A. P. D. leisten Gorter wirklich einen großen Dienst, wenn sie alles drucken, was er schreibt. Es wäre besser, Gorter ließe manches in letzter Zeit Geschriebene in seinem Tisch liegen, um seinen Ruf als guter Marxist, der er wirklich einmal war, nicht zu schädigen.
Nun, Genossen, hören Sie, wie die sympathisierende Partei die Internationale behandelte. Das dritte Kapitel führt den Titel „Welches sind die Voraussetzungen für eine Eroberung der Staatsgewalt durch das Proletariat, und wie wird die Staatsgewalt erobert?“ Drei Seiten hindurch erzählt es ihnen Gorter ganz erschöpfend.. Er hat sehr große Erfahrungen, wie man die Staatsgewalt erobert. Er hat diese Erfahrungen in Holland erworben (Heiterkeit). Er sagt: „Auf diese Fragen gibt Levi Antwort auf Seite 18 bis 42. Es sind die Hauptfragen der Revolution, die Hauptsache der Revolution. In ihnen zeigt sich die Dummheit des Verfassers, die Dummheit der V.K. P.D. die Dummheit des Moskauer Exekutivkomitees, die Dummheit der Kommunistischen Internationale am deutlichsten.“ Im holländischen bedeutet Dummheit, wie mir gesagt wird, nicht dasselbe wie im deutschen. Denn die Exekutive, so fährt Gorter fort, verübt Verbrechen an der internationalen Revolution. In Rußland war die Bauernschaft eine revolutionäre Klasse. In der ganzen übrigen Welt ist sie eine konterrevolutionäre Klasse. In Westeuropa gibt es nur eine revolutionäre Klasse, das Proletariat. Aber die einzige revolutionäre Klasse, das Proletariat, die es in Westeuropa gibt, ist eigentlich konterrevolutionär. Siehe Gewerkschaften usw. Daher: müssen wir die Revolution morgen machen. Also das sind die Postulate Gorters. Es gibt nach Gorter nur eine revolutionäre Klasse, die Arbeiterklasse, die auch konterrevolutionär ist, und darum muß man nicht langsam und vorsichtig mit diesen Massen und diesem dummen Zeug, den Gewerkschaften, umgehen, sondern besser heut als morgen die Revolution machen. Das ist die ganze Logik. Das alles wird geschickt mit wüsten Beschimpfungen der Kommunistischen Internationale, Sowjet-Rußlands und der bedeutendsten Partei der Internationale verquickt. Genosse Gorter sagt weiter:
„Und nun sehe man den Levi. Und mit ihm die V.K.P.D., die Kommunistische Internationale, das E. K., alle nationalen Parteien (mit einer Ausnahme) .. .“ Wer die Ausnahme ist, das bleibt ein Rätsel. Ich weiß nicht: Ist es vielleicht die holländische Schule? Oder die K. A. P.? Ich weiß nicht, ob Gorter die holländische Partei so leicht aufgeben wird. Ich glaube nicht. Sehen Sie z. B. den „Proletarier“, der von der K. A. P. herausgegeben wird mit dem bescheidenen Untertitel: die „Holländische Marxistische Schule“. In diesem kleinen Heftchen haben Sie die ganze Schule. Die Broschüre besteht aus drei Artikeln: Partei und Klasse von Gorter, Marxismus und Idealismus (die brennendste Frage der sozialen Revolution) von Pannekoek und „Das Aufkommen einer kommunistischen Massenpartei in Frankreich“ von Henriette Roland-Holst, von der ich wirklich sagen muß: „Es tut mir in der Seele weh, daß ich dich in dieser Gesellschaft seh.“ Sie hätte mit ihren glänzenden Fähigkeiten in der Kommunistischen Internationale wirklich etwas Besseres leisten können.
Genossen, ohne Scherz, die K.A. P. hat sich in ihren literarischen Erzeugnissen zu einem Feind der Kommunistischen Internationale herausgebildet. Gorter sagt an einer Stelle: „Aber der Geist Levis ist bisher auch der Geist der V.K.P.D., der Geist des E.K., der Geist der Kommunistischen Internationale. Denn wie handelten sie in Tours, in Halle, in Livorno ?“
Also Sie sehen, wir haben in Halle schlecht gehandelt, wir haben in Tours schlecht gehandelt, wo wir die französischen Zentristen ausgeschlossen haben; und in Livorno haben wir auch zu große Massen aufgenommen.
Wir sollten nach Gorter schon deshalb keine so großen Massen aufnehmen, weil Gorter erklärt: Ihr wollt nur Zahlen, nicht Qualität. Also die ganze Internationale repräsentiert keine Qualität, nur Gorter stellt Qualität dar. Dann sagt Gorter in ciceronischer Manier:
„Wie lange will man noch Führer- statt Massenpolitik treiben. Sind Rußland, Bayern, Deutschland oder auch Kuls land allein nicht Beispiel genug... .?‘ Was ist das, Genossen ? Das grenzt schon bald an Dittmann. Was ist das? Rußland soll ein Beispiel für Führerpolitik sein? Dann soll man doch klar sagen, wo das zum Ausdruck gekommen ist. Wo sind diese Führer, wo die Politik, wo die umsonst gefallenen Proletarier ? Welche Führerpolitik wird von diesen Leuten verurteilt? Das soll man klar sagen.
Und Gorter sagt weiter: „Wie lange wird man noch den Scheinkampf der Gewerkschaften, dieser Scheingebilde, unterstützen und den Kampf der Betriebsorganisationen boykottieren? Wie lange noch wird man die neue marxistische wissenschaftliche Taktik sabotieren?“
Also die Gewerkschaften, die jetzt wirklich der springende Punkt der ganzen sozialen Revolution sind, sind Scheingebilde, weil sie nicht unsere Politik befolgen? Noske, Scheidemann, Thomas, Ebert, Hörsing sind Scheingebilde. Nur Gorter ist kein Scheingebilde.
So ist die Lage wirklich nicht. Ja, die Gewerkschaften sind heute erzreaktionär; aber wenn wir sie und ihre Waffen nicht für uns gewinnen, so ist die proletarische Revolution geschlagen. Wer die Arbeiterklasse darüber belehren will, daß die Gewerkschaften ein Scheingebilde sind, der ist im besten Falle ein leichtfertiger Phraseur, aber kein Führer der kampffrohen Arbeiterklasse, die die Bourgeoisie niederrennen will.
An einer anderen Stelle heißt es: „Der Einwand, daß die V.K.P.D. diesmal versagen müßte, weil sie noch nicht gekräftigt war, ist nicht stichhaltig. Denn sie wird, solange sie Massenpartei ist (das Kursive ist mit fettesten Lettern gedruckt), niemals innerlich gekräftigt sein.“
Man will also keine Massenpartei und fordert doch eine Politik der Massen. Verstehe das, wer kann. Ich glaube, Genossen, das Angeführte aus dieser Broschüre der holländischen Schule wird vorläufig genügen.
Ich muß aber sagen, daß die Sache nicht so harmlos ist, wie sie vielleicht aussieht. Die K.A.P.-Genossen gehen genau zu den gleichen Methoden über wie Serrati. Ich habe hier eine Nummer der K.A.Z. vom 1. Mai, also von einem feierlichen Tage, wo wir die internationale Solidarität besonders hervorheben müssen, wo wir hervorheben müssen, was uns einigt. Dort können wir lesen:
„Die Lehre der diesjährigen Märzkämpfe muß in Moskau begriffen werden. Geschieht das nicht, entschließt man sich nicht noch in letzter Stunde, die Revision der 21 Punkte auf die Tagesordnung des nächsten Kongresses zu setzen, so werden wir die einzig möglichen Schlüsse daraus ziehen müssen.“
Worauf ich zu antworten habe: bitte sehr, wir haben nichts dagegen.
Dann fährt Gorter fort: „Wir werden dann zu der Annahme berechtigt sein, daß völlige Verständnislosigkeit gegenüber den Problemen der westeuropäischen Revolution, neben den Rücksichten auf die besonderen Interessen der russischen Sowjetmacht die Hauptschuld an dem Sumpf trägt, in den wir immer mehr und mehr hineingeraten.“
Darauf bleibt mir nur übrig zu sagen, was ich in Halle gesagt habe. Als man den rechten U.S.P.-Leuten in Halle sagte: Herrschaften, Ihr seid heute für Sowjetrußland, aber morgen werdet Ihr im Lager der Feinde gegen Rußland sein, da riefen sie: Niemals! Aber schon heute sind sie offene und ausgesprochene Gegner Rußlands. Ich sage heute dasselbe. Mit dieser Politik, die halb kindisch, halb verbrecherisch ist, werden sie zu den Feinden der proletarischen Republik werden. (Zwischenruf Radek: Gorter verteidigt schon Kronstadt!)
In demselben Artikel heißt es noch:
„Aber die politische und organisatorische Loslösung der Kommunistischen Internationale aus dem System der russischen Staatspolitik ist das Ziel, auf das hingearbeitet werden muß, wenn wir den Bedingungen der westeuropäischen Revolution gerecht werden wollen.“
Das ist ein bißchen diplomatisch ausgedrückt, aber klar. Wir haben auf dem II. Kongreß erklärt und erklären es auch heute im Namen unserer Partei: Wir werden überglücklich sein, wenn die proletarische Revolution in Deutschland oder anderwärts gesiegt haben wird, und wir den Mittelpunkt der kommunistischen Bewegung nach Berlin oder an einen anderen Ort verlegen können werden. Wir sind aber selbstverständlich stolzerfüllt, daß die Arbeiter der verschiedensten Länder uns gegenwärtig dieser Ehre teilhaftig werden lassen. Wir haben uns bemüht — und wir werden es weiter tun —, die konkreten Probleme der internationalen Revolution für jedes Land zu verfolgen, die Verhältnisse aller Länder zu studieren und von ihnen zu lernen, was sie besser wissen als wir. Aus diesem Maiartikel geht aber ganz klar hervor, daß die Genossen der K.A.P. in die Fußtapfen Serratis treten, was sie Dittmann in die Arme treiben wird.
Es ist mir telegraphisch ein Beschluß des erweiterten Zentralausschusses der K.A.P. vom 5. Juni 1921 mitgeteilt worden.
„Der erweiterte Zentralausschuß der K.A.P.D. erklärt: Die Zugehörigkeit der K.A.P.D. zur Kommunistischen Internationale, sympathisierend oder vollberechtigt, bleibt abhängig von der Unantastbarkeit ihres Programms.“
Also eine schöne Internationale! Das Programm der K.A.P.D. soll unantastbar sein. Warum dann nicht auch das Programm der französischen, italienischen und tschechoslowakischen Partei? Was ist das für eine Kinderei. eine Gortersche Kinderei? Es kann keine Internationale geben, in der diese oder jene Partei unantastbar wäre.
Der Zentralausschuß erklärt weiter: „In der Frage einer Verschmelzung mit der V.K.P.D. ist jedes Ultimatum abzulehnen. Die Delegierten erhalten die Vollmacht, unter Umständen den sofortigen Austritt aus der Kommunistischen Internationale zu erklären.“
Genossen, wenn dieser Fall eintreten wird, wenn es die Genossen aus der K.A.P.D. jetzt wirklich für nützlich halten, aus der Internationale auszutreten — ich hoffe, daß sie sich das noch überlegen werden — wenn für sie die Beschlüsse des kommunistischen internationalen Proletariats nicht existieren, wenn für sie nur die holländische Schule maßgebend ist, so sollen sie das tun. Aber ich meine: wir, der Kongreß, haben nicht zu bereuen, daß wir diese Erfahrungen gemacht haben. Wir haben jedem revolutionären Arbeiter der K.A.P.D. gezeigt, daß wir aufrichtig und brüderlich gewillt sind, mit ihnen zu arbeiten, daß wir ihnen Zeit gelassen und Konzessionen gemacht haben. Wenn sie jetzt ausscheiden, so werden sie ausscheiden in einem Moment, wo wir in Deutschland mit einer Massenpartei dastehen, die im Kampfe erprobt ist, die vielleicht große Fehler gemacht hat — wir alle machen Fehler. Aber dennoch sind wir eine große, im Feuer erprobte revolutionäre Partei, die Partei des revolutionären Proletariats, die in den Augen der Arbeiterklasse einen ganz anderen moralischen Wert hat als die K.A.P. Wenn uns jetzt das Unglück trifft, daß Gorter und seine näheren Freunde uns verlassen, so werden wir dieses Unglück schon irgendwie überwinden können. Wir sind überzeugt, heute oder morgen wird die große Mehrheit der Arbeiter, die noch zur K.A.P.D. steht, diesen Fehler einsehen. Diese Arbeiter werden nicht erklären, sie seien unantastbar. Sie werden sagen, wir sind alle sehr wohl antastbar, und die Kommunistische Internationale soll ein Gesetz für uns alle sein. Das ist das, was ich der K.A.P.D. zu sagen habe.
Um mit Deutschland fertig zu werden. noch folgendes zum Fall Levi. Es ist uns ein Schreiben Paul Levis zugegangen, in dem die Revision seines Ausschlusses aus der deutschen Partei gefordert wird. Das Präsidium wird dem Kongreß in dieser Frage einen Antrag vorlegen. Wie Sie wissen, hat die Exekutive den Ausschluß gutgeheißen. Wir bestehen darauf, daß, da ja in der Broschüre Levi’s taktische Fragen besprochen werden, diese bei der Frage der Taktik erörtert werden. Was die andere Frage, das Gerede über die Turkestaner und all diesen Klatsch betrifft, so glaube ich — und Sie werden derselben Meinung sein — daß es der Broschüre zu viel Ehre antun würde, wenn ich hier weiter darüber spräche. (Beifall.) Damit ist diese Frage erledigt.
Ich komme jetzt zu den anderen Parteien. Zunächst: die französische Partei. Wir haben einen ausführlichen Bericht hierüber in der Sitzung der erweiterten Exekutive gegeben. Die französische Partei wurde von uns wirklich anders behandelt, als die andern Parteien, weil wir die Lage in diesem Lande kannten. Wir waren der Ansicht, daß wir dieser Partei gegenüber vorsichtiger vorgehen müssen. Man mußte bedenken, daß in dieser Partei noch Elemente, wie die Longuetisten waren, und wir mußten ihr daher Zeit zur Klärung geben. Die Schwächen dieser Partei sind uns wohl bekannt.
Genossen, erlauben Sie mir, daß ich das Stenogramm meiner Rede über die französische Frage in der Exekutiv- Sitzung dem Protokoll des Kongresses einfüge und einfach zu den anderen Parteien übergehe, weil wir sonst zu viel Zeit verlieren würden.
Rede in der Sitzung des Exekutivkomitees vom 12. Juni 1921 über die französische Frage.
Genossen! Zunächst möchte ich vor den Mitgliedern der Exekutive unser Verhalten zu der französischen Partei begründen.
In der Tat hatte die alte Exekutive in ihrer alten Zusammensetzung den Beschluß gefaßt, diese Partei aufzunehmen, und sie hat dies durch eine große Anzahl von Kundgebungen erklärt. Wie Sie wissen, hat sich Serrati über die Exekutive und über mich beklagt und behauptet, wir hätten seiner Ansicht nach der französischen Partei allzu große Konzessionen gemacht. Über das Verhalten zur Italienischen Sozialistischen Partei steht uns eine ganze Sammlung von Artikeln und Resolutionen zur Verfügung. Es werden in dieser Sammlung auch die Gründe angeführt, warum ich als Vertreter der Exekutive gegenüber der französischen Partei anders gehandelt habe als gegenüber der italienischen, warum ich mit den französischen Genossen sozusagen ein besonderes Abkommen geschlossen habe. Serrati hat eine große Anzahl von Artikeln geschrieben, in denen er fordert, man solle gegenüber der italienischen Partei ebenso vorgehen wie gegenüber der französischen Partei. Ich halte es für meine Pflicht, hier auseinanderzusetzen, welche Haltung wir gegenüber den französischen Genossen eingenommen haben und aus welchen besonderen Gründen.
Es ist wahr, daß wir die Absicht hatten, gegenüber der französischen Partei vorsichtiger und konzilianter vorzugehen als gegen die italienische, die unserer Internationale schon angehört hat, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil nach unserer Meinung die Lage in der französischen Partei eine andere war als die der italienischen. Als Cachin und Frossard in Moskau waren, standen wir in Frankreich einer Partei gegenüber, die die erste Spaltung noch nicht durchgemacht hatte. Es befanden sich selbst noch die französischen Scheidemänner, Thomas und Renaudel, innerhalb der Partei. Wir mußten damit rechnen, daß die kommunistische Gruppe innerhalb der französischen Partei ziemlich schwach war und ihre Führer fast ohne Ausnahme im Gefängnis saßen. Aus diesem Grunde waren wir dafür, daß man der französischen Partei gegenüber ein viel sanfteres Verfahren anwende, als gegenüber der italienischen Partei, die der Kommunistischen Internationale angehöre, die schon an dem II. Kongreß offiziell teilgenommen und Verpflichtungen übernommen hat, die sie leider nicht einhielt. Das Abkommen mit Renoult enthielt nämlich den Punkt, daß, wenn es sich herausstellen sollte, daß Longuet die Bedingungen des II. Kongresses akzeptiert, wir bereit seien, dem nächsten Kongreß vorzuschlagen, für Longuet eine Ausnahme zu machen. Das war es, was Renoult im Namen Loriots von uns forderte, und dem stimmten wir zu. Wir haben das keineswegs zu bereuen brauchen. Longuet hielt danach seine bekannte Rede. Nun war es klar, daß Longuet diesen 21 Bedingungen unmöglich zustimmen konnte. Die französischen Genossen bestanden aber darauf; sie wollten vor der französischen Arbeiterschaft dokumentieren, daß wir bereit sind, für Longuet eine Ausnahme zu machen. Ich glaube, wir haben darin richtig gehandelt. Und: Serrati hat vollkommen unrecht, wenn er behauptet, mit demselben Recht hätte auch er in der Internationale bleiben können. Longuet hatte diese Bedingungen nicht angenommen, und die Partei hatte ‘mit ihm gebrochen. Frossard hat im letzten Moment noch, als Longuet bereits erklärt hatte, die Bedingungen nicht annehmen zu wollen, Longuet gebeten, er möge die Partei nicht verlassen. Diejenigen Genossen, die an dem Kongreß von Tours teilgenommen haben, werden sich wohl daran erinnern, daß die Exekutive im letzten Moment ein Telegramm an den Kongreß schickte, in dem sie sehr scharf gegen Longuet Stellung nahm, ihn als Reformisten, also als Agenten des Kapitalismus bezeichnete und seinen Ausschluß forderte. Frossard machte den Versuch, dieses Telegramm der Exekutive Longuet gegenüber zu entschuldigen. Er meinte, die Russen seien mit den Worten leicht etwas heftig, man dürfte das nicht tragisch nehmen. Das Telegramm sei etwas zu grob gehalten, Longuet möge dennoch in der Partei bleiben und zusammen mit der Partei kämpfen. Ich weiß nicht, ob dieses Telegramm in der Tat die ausschlaggebende Rolle gespielt hat, jedenfalls glauben wir, daß unser Telegramm viel dazu beigetragen hat. Frossard war selbstverständlich im Unrecht, daß er auch damals noch versuchte, Longuet zum Bleiben in der Partei zu bewegen.
Nach den Beschlüssen vor Tours bestand für uns die Frage: wie sollen wir uns weiter gegen die französische Partei verhalten. Es war uns ganz klar, daß die Partei noch keine kommunistische Partei darstellte, eine ganze kommunistische Partei noch nicht war. Es verblieben in der Partei einzelne Elemente, die auch jetzt noch zentristisch und halbzentristisch sind, und die diese Traditionen überall, in der Partei, in der Presse, im Parlament zur Geltung bringen. Und dennoch waren wir immer der Meinung, wir müssen gegenüber dieser Partei anders verfahren, als gegenüber der italienischen Partei, die der Kommunistischen Internationale schon seit zwei Jahren angehörte. Wir haben mit den französischen Genossen der kommunistischen Gruppe in der französischen Partei ein stillschweigendes Übereinkommen getroffen: wir lassen ihnen einige Monate Zeit zum Zwecke der Umgruppierung und der Organisationsarbeit in der Partei. Wir haben die Partei nicht gedrängt. Loriot zitierte gestern einen Artikel. in dem ich gesagt haben soll, daß die französischen Partei richtig gehandelt habe. Ich bestätige das. Es handelt sich um ein Telegramm, das die Exekutive anläßlich des letzten administrativen Kongresses der französischen Partei abgeschickt hat. Die Exekutive erklärte in diesem Telegramm: wir begrüßen die Partei auch jetzt, und wir werden auf dem Kongreß mit den Vertretern der Partei darüber verhandeln. was an der Politik der französischen Partei zu ändern sei.
Wir müssen über die Partei und über ihre Organisation klar urteilen. Das haben wir bisher, gestern und heute, hier in der Debatte getan. Ich glaube, die Exekutive hat richtig gehandelt, daß sie der französischen Partei gegenüber ein halbes Jahr lang die größte Vorsicht und Toleranz bekundet hat. Das soll aber keineswegs bedeuten, daß wir hier jetzt nicht sagen sollen, was wir zu sagen für richtig halten. Ich bin der Meinung, daß gerade für die französische Partei die sogenannten „linken Dummheiten” nicht so gefährlich sind. Wenn wir die gesamte Lage in der französischen Partei, wie sie jetzt ist. betrachten, wird jeder zugestehen, daß wir Gefahren für die Partei nicht so sehr von der Linken, als vielmehr von den sogenannten opportunistischen Elementen zu gewärtigen haben. (Zustimmung.) Die Jugendbewegung in Frankreich ist nur sehr schwach. Macht sie Dummheiten, muß ihr das gesagt werden. Es ist selbstverständlich, daß, wenn die Partei opportunistisch ist, die Jugend als Avantgarde nicht opportunistisch sein darf. Die Haltung der Jugend wird für die Gesundung der Partei von Nutzen sein. Ich glaube, daß gerade in der französischen Partei alte Traditionen, die einige Deputierte in die Partei gebracht haben, sehr gefährlich sind, weshalb wir sie ganz konsequent bekämpfen müssen, Es ist gestern und auch heute hier gesagt worden, daß die .„Humanite“ kein rein kommunistisches Blatt sei.
Dem Genossen Kun wurde heute der Kopf schon gewaschen. und ich will ihm keineswegs das Leben noch saurer machen. Allein seine Behauptung, die „Humanité“ sei schlechter als die „Freiheit”. entspricht den Tatsachen nicht. Die ‚Freiheit“ ist eine direkt konterrevolutionäre Zeitung, die „Humanite“ ist höchstens eine noch nicht ganz revolutionäre Zeitung. Die .Humanite” entwickelt sich nach vorwärts, die „Freiheit“ nach rückwärts. Frossard geht vorwärts, langsam, mit Schwankungen, mit Rückfällen. Die „„‚Humanite“ ist aufrichtig für Rußland, die ..Freiheit“ macht eine verkappte, schmutzige Propaganda gegen den einzigen proletarischen Staat. Sie leistet Streikbrecherarbeit. Allerdings müssen wir darauf dringen, daß die „.Humanite“ eine stramm revolutionäre, sich revolutionär entwickelnde Zeitung wird. Genosse Trotzki hat in seiner gestrigen Rede ein krasses Beispiel ihres Versagens angeführt. Es gibt ein Dutzend solcher Fragen, die die „Humanite“‘ außer acht gelassen hat. Im übrigen geben die französischen Genossen das in offiziellen Berichten, ebenso wie in Privatgesprächen, selbst zu. Loriot hat heute in dankbarer Weise gesagt: „Wir wissen ganz gut, daß unsere Zeitung, daß unsere Fraktion opportunistisch ist. Wir wissen, daß wir noch vieles schlecht machen.“ Die Exekutive glaubt, daß nunmehr die Zeit gekommen sei einzugreifen und geradeheraus offen zu sagen, was wir von der französischen Partei erwarten.
Genosse Lenin hatte recht mit seiner Behauptung, die Frage der französischen Gewerkschaften stehe gut, man könne in ihnen einen Schritt vorwärts feststellen. Wenn er indessen hinzufügt, daß diese Arbeit die französische Partei besorgt hat, so muß ich feststellen, daß Genosse Lenin diese Frage nicht gut verfolgt hat. Auch die französischen Genossen behaupten es nicht. Loriot selbst meinte, die Partei arbeite in den Gewerkschaften nicht gut, sie verfolge dort eine unklare Politik. Sollten die Syndikalisten auf dem nächsten Kongreß die Mehrheit erhalten, so würden sie nicht wissen, was sie mit dieser Mehrheit anfangen sollen, und auch die Partei würde nicht wissen, was sie mit dieser Mehrheit anzufangen habe. Jawohl, wir stellen fest: es geht vorwärts in den Gewerkschaften, trotz der Schwankungen und trotz der Unklarheit der Partei in dieser Frage. (Zustimmung.) Die Partei hat noch keine klare Linie in dieser Frage; eben darum haben auch die Syndikalisten keine klare Linie. Eben darum konnte der jetzige Zustand eintreten, daß nämlich die Syndikalisten bewußt eine eigene politische Partei bilden wollen.
Und da möchte ich auch einige Worte zu den Ausführungen des Genossen Sachs sagen. Dieser sagte, das Beispiel Frankreichs werde uns belehren, daß die Beschlüsse des II. Kongresses in der Gewerkschaftsfrage nicht zweckmäßig gewesen seien. Im Gegenteil, gerade das Beispiel Frankreichs beweist am besten, wie richtig es war, als wir vorschlugen, in den Gewerkschaften Zellen zu bilden. Hätten wir den Ratschlägen der Genossen von der K.A.P.D. gefolgt, — wo wären wir dann jetzt? Wir wären noch weiter von unserem Ziel entfernt und wir hätten nur Wasser auf die Mühle Jouhaux’ getrieben. Unser Rat war kommunistisch. Wir haben trotz der schlechten Verhältnisse in der Partei, trotz der schlechten Lage, eine Anzahl von Gewerkschaften für uns. Sind auch die Verhältnisse in Frankreich noch ziemlich chaotisch, so besteht doch die Hoffnung, daß die Partei den Weg zu den Syndikalisten und zu den Gewerkschaften finden wird. Gerade das Beispiel Frankreichs zeigt, wie richtig der II. Kongreß gehandelt hat, als er die Partei aufforderte, ihre Aufmerksamkeit den Gewerkschaften zuzuwenden.
Ich behaupte, daß wir trotz aller Schwächen, trotz der schlechten Praktiken Cachins, die er aus der alten Partei mitgebracht hat, Vertrauen zu der französischen Partei haben müssen. Gerade in Frankreich konnte man während des Krieges der Arbeiterpartei kein Vertrauen entgegenbringen, und wir wissen, daß die Arbeiter selbst der Partei großes Mißtrauen entgegenbrachten. Aber gerade deshalb, weil eine Gruppe von Kommunisten im Parlamente und in den Gewerkschaften sitzt, können wir jetzt ganz ruhig ohne Übertreibung erklären, daß das Vertrauen zur Fahne, zur Idee der Revolution in Frankreich wieder erwacht ist. Wir haben heute in Frankreich schon eine Partei von mehr als 100000 Mitgliedern. Es herrscht ein anderer Geist in ihr als in der alten französischen Partei. Sie hat aber auch noch viele Schwächen und Halbheiten. Unser größter Feind ist die opportunistische Tendenz. Doch müssen wir zugeben, daß wir einen großen Schritt nach vorwärts getan, daß wir das Vertrauen der Arbeiter in Frankreich wiedergewonnen haben. Im französischen Parlament sitzt eine kleine, schwache, aber dennoch internationale kommunistische Fraktion. Die Verhältnisse sind heute noch nicht ganz befriedigend, sie werden aber tagtäglich besser. Unsere französischen Genossen erklären selbst, daß sie ihre Fehler einsehen, und sie wollen deshalb auch gern die Ratschläge der Exekutive der Kommunistischen Internationale entgegennehmen.
Die Exekutive muß in einer Resolution, oder in einem Brief an die Partei klipp und klapp sagen, was sie zu sagen hat. Selbstverständlich kann gar nicht davon die Rede sein, daß wir den Antrag stellen, Frossard auszuschließen. Dieser Antrag kann nicht einmal den Gegenstand einer ernsten Diskussion bilden. In Frankreich geht die Entwicklung vorwärts, es ist aber noch ein Opportunismus da, der unser Feind ist. Diesen Feind müssen wir überwinden. Wir müssen den französischen Arbeitern sagen, um was es sich handelt. Vielleicht werden noch Absplitterungen vorkommen, vielleicht wird die Partei, wenn größere Kämpfe eintreten, nicht nur Absplitterungen, sondern auch eine größere Krise durchzumachen haben. Die französischen Kommunisten bestätigen dies. Dennoch wollen wir der Partei jetzt helfen und sie unterstützen, damit sie eine Massenpartei bleibt. Die Ereignisse in der französischen Partei haben bewiesen, daß wir in dieser Frage auf dem II. Kongreß eine richtige Taktik festgestellt haben. Eine richtige Taktik gegen die Dummheiten von links, wie sich Genosse Lenin heute ausdrückte, und insbesondere gegen die opportunistischen Dummheiten. Die Linie, die wir auf dem II. Kongreß festgelegt haben, müssen wir auch auf dem III. Kongreß beibehalten.
Sehr wichtig war für uns die tschechoslowakische Frage. Sie wurde in der erweiterten Exekutive ebenfalls sehr ausführlich besprochen. Und ich hoffe, daß auch dieses Material dem Protokoll eingefügt werden wird. Ich möchte mich hier auf ein paar Worte beschränken. Wir haben gegen die Richtung Smeral polemisiert. Es besteht die Hoffnung, daß er noch hierher kommt und daß wir bei seiner Anwesenheit diese Meinungsverschiedenheiten erörtern können. Die Mitteilungen, die uns seitens des Genossen Burian und anderen zugegangen sind, zeigen, daß die tschechoslowakische Partei sich zu einer wirklich revolutionären Massenpartei entwickelt. Und da wir den tschechischen Genossen in kameradschaftlicher Weise die Schwächen ihrer Partei gezeigt haben, werden wir, glaube ich, bald die Zeit erleben, wo wir auch in der Tschechoslowakei eine erprobte kommunistische Partei haben. Es ist möglich, daß in dieser Partei, wie in der deutschen Bruderpartei, zunächst einige reformistische Elemente sein werden; aus dem ganzen Zusammenhang der Dinge ist das sogar zu erwarten. Aber wir sind der Meinung, daß dieser wirklich proletarische Organismus, diese aus gutem proletarischen Holz geschnitzte Partei, etwaige opportunistische oder zentristische Elemente mit Unterstützung der Internationale gut und leicht überwinden wird. Wir haben in der Tschechoslowakei heute noch keine einheitliche kommunistische Partei, wir müssen sie erst schaffen. Wir müssen eine einheitliche, international geführte und zusammengefaßte, gut organisierte tschechoslowakische Partei haben. Das ist der Wunsch, den die Exekutive ausgesprochen hat, und den ich noch einmal betonen möchte.
Rede in der Sitzung des Exekutivkomitees vom 13. Juni 1921 über die tschechoslowakische Frage.
Ich habe den Auftrag erhalten, die Resolution, die das engere Büro in der tschechoslowakischen Frage ausgearbeitet hat und der Exekutive unterbreiten wird, zu begründen. Ich möchte zunächst unserem Bedauern Ausdruck verleihen, daß Genosse Smeral nicht anwesend ist. Er hat auf dem Parteitage der Kommunistischen Internationale den politischen Kampf angesagt. Wir sind der Ansicht, es wäre seine Pflicht gewesen, auf dem Kongreß zu erscheinen und diesen Kampf hier zu führen. Wir haben deshalb nach einer Rücksprache mit den anwesenden tschechischen Genossen beschlossen, ein Telegramm an Smeral abzusenden, worin er ersucht wird, wenn es nur irgend möglich ist, nach Moskau zum Kongreß zu kommen und seine Stellungnahme zu verteidigen. Es ist noch keine Antwort eingetroffen, doch haben wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß Smeral persönlich hier erscheinen wird.
Vor allem möchte ich die nationale Frage erörtern, eine Frage, die in der tschechoslowakischen Angelegenheit eine sehr große Rolle spielt. Es ist hier die größte Vorsicht geboten. Zunächst will ich aber bemerken, daß „Pravo Lidu“ vor einigen Wochen mir eine ganz dumme Behauptung unterschoben hat. Ich soll in der Exekutive erklärt haben, daß ich den tschechoslowakischen Staat überhaupt nicht anerkenne. (Heiterkeit.) „Pravo Lidu‘“ bauscht die apokryphe Erklärung auf. Wie stellt man sich denn das vor, daß die Exekutive, oder eines ihrer Mitglieder eine gegebene Tatsache nicht anerkennt. Wir werden auch nicht dagegen sprechen, wenn die tschechoslowakischen Genossen erklären, sie wollen im Rahmen dieses Staates kämpfen, dieses Staates, der ein Produkt des Krieges, ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung ist, doch wollen wir auch nicht behaupten, daß in allen diesen territorialen Fragen schon das letzte Wort der Weltgeschichte gesprochen worden ist. Wir sind dafür, daß alle diese Fragen erst dann endgültig erledigt werden, wenn überall Sowjetregierungen bestehen. Die Grenzen, die die Sowjetregierungen feststellen, werden auch die endgültigen Grenzen bilden. Ich hoffe, daß, wenn die Tschechoslowakei ein Sowjetstaat sein wird, auch die Vertreter des tschechoslowakischen Sowjetstaates mit uns den Angriffskrieg gegen alle monarchistischen und demokratischen Republiken zu Ende kämpfen werden. Schon auf dem ersten Kongreß der Kommunistischen Internationale haben wir mit Nachdruck erklärt, daß die Staaten-Grenzen, wie sie jetzt sind, nur ganz flüssige, ganz provisorische Grenzen sind, die von der Geschichte ziemlich schnell überholt werden. Das ist der Standpunkt der Kommunistischen Internationale von der ersten Zeit ihres Bestehens an, und ich hoffe, daß auch die tschechoslowakischen Genossen diesen Standpunkt billigen werden. Die tschechischen Genossen müssen in diesem Zusammenhang immer wieder den internationalen Standpunkt unterstreichen. Der bürgerliche tschechoslowakische Staat wird durch uns nicht negiert; aber als Internationalisten müssen wir erklären, daß die tschechoslowakischen Genossen alle nationalen Fragen, die sehr akut sind und noch später akut sein werden, im internationalen Sinne durch eine proletarische Politik erledigen müssen. (Zustimmung.)
Nun zur Massenpartei. Wir sind den tschechoslowakischen Genossen für die Tatsache, daß sie mit einer Partei von 350 000 Mitgliedern vor die Kommunistische Internationale treten. zweifellos Anerkennung schuldig. Es ist dies ein großes Verdienst der tschechoslowakischen Genossen. Es ist ganz klar, daß wir in der Tschechoslowakei einen großen Schritt vorwärts getan, daß wir dort die Sozialdemokratie schmählich geschlagen haben. Das ist ein großes Verdienst, das wir nicht übersehen dürfen. Wir setzen uns mehr für die Massenparteien ein, mehr als diejenigen Gentlemen, die, wie Levi, fortwährend das Argument der Massenpartei im Munde führen, wie wir überhaupt feststellen können, daß gerade diejenigen, die eigentlich für die Sekten sind, von den Massenparteien mehr sprechen, als die anderen, als wir, deren Politik keineswegs auf Sektiererei gerichtet ist. Wir geben recht gern zu, daß die tschechoslowakische Partei wirklich eine proletarische Massenpartei ist. Das ist die Grundlage, von der wir ausgehen und von der aus wir unsere Politik in dieser Frage bestimmen. Es gibt indessen politische Massenparteien, die weder sozialistisch, noch kommunistisch, noch revolutionär sind. Bedauerlicherweise gibt es solche Massenparteien. Wir wissen, daß die Sozialdemokraten in Deutschland noch eine recht respektable Massenpartei sind. Wir wissen, daß die Labour-Party in England eine sehr große Massenpartei ist, wir wissen, daß die Arbeiterklasse in Frankreich eine große Massenpartei bildet. Aber genügt das? Hätten wir keine sozialdemokratischen Massenparteien, so hätten wir schon längst in der ganzen Welt die Revolution. (Zustimmung-) Wir können es uns ganz gut vorstellen, daß es Massenparteien gibt, die noch der bürgerlichen und halbbürgerlichen Ideologie huldigen. In der Tschechoslowakei ist das aber nicht der Fall. Die tschechoslowakische Partei steht keineswegs auf der Grundlage der bürgerlichen Ideologie. Aber ein Teil der Masse ist zentristischen Einflüssen noch sehr zugänglich. Das müssen wir ganz klar sehen, und mit dieser Tatsache müssen wir rechnen. Wir wollen diese Partei als Massenpartei nach den Bedingungen der Kommunistischen Internationale haben. Wir haben den Genossen Muna, Zapotocki und auch dem Genossen Smeral keine gebundene Marschroute gegeben; im Gegenteil, wir sagten, man solle nicht allzu schnell mit der Gründung der kommunistischen Partei vorgehen. Man solle die Zeit abwarten. Wir haben ihnen aber zugleich gesagt: Wenn eine kommunistische Partei gegründet wird, dann muß sie eine wirkliche kommunistische Partei sein. (Lebhafte Zustimmung.)
Wenn die tschechoslowakischen Genossen aber jetzt fortwährend erklären, wir würden ein neues Livorno erleben, wenn wir gegen Smeral auftreten, dann frage ich: Was soll denn das bedeuten? Bedeutet das vielleicht, daß die Genossen zugestehen müssen, die tschechoslowakische Partei sei jetzt zentristisch ? (Lebhafte Zustimmung.) Was war denn Livorno? Ich will der Debatte über Livorno nicht vorgreifen, und mich jetzt nur ganz kurz mit Livorno beschäftigen. Wir haben in Livorno gesehen, daß dort in einer Massenpartei von etwa 200000 Mitgliedern eine Spaltung eingetreten ist. Die Mehrheit ging zu den Zentristen, die Minderheit zu den Kommunisten. Unsere ganze Schuld liegt darin, daß wir Serrati allzuviel und allzulange Vertrauen geschenkt haben, daß wir es unterlassen haben, in der italienischen Partei eine kräftige Opposition gegen Serrati zu organisieren. Wenn die Genossen sagen, daß die tschechoslowakische Partei sich sofort spalten und nur eine kleine Minderheit kommunistisch bleiben wird, was bedeutet das? Es bedeutet, daß sie eine große Massenpartei haben, von der aber nur die Minderheit kommunistisch ist. Sollte das wirklich so traurig aussehen, so dürfen Sie sich keine Illusionen machen. Ich hoffe, daß es nicht so traurig liegt. Wir wissen, daß in der tschechoslowakischen Partei eine Gruppe existiert, die die ganzen politischen und organisatorischen Probleme klar erkannt hat. Wir haben ja den Brief gehört, den die Genossen Muna und Zapotocki aus dem Gefängnis geschrieben haben. Diesen Brief muß jedermann sehr gewissenhaft studieren. Der Brief bildet ein sehr wichtiges Dokument. Sie erklären ganz dasselbe, was wir hier erklären. Wohl haben sie leider den Namen Smerals nicht genannt. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Sie betrachten die Verhältnisse aber ganz so wie wir. Die Tatsache, daß man nicht gewagt hat, gegen ihren Brief zu protestieren, beweist, daß diese Genossen einen Anhang in der Partei haben. Es ist zumindest die Pflicht der Kommunistischen Internationale, sich mit den Erklärungen dieser Genossen, die im Kerker sitzen, solidarisch zu erklären.
Wir müssen aber auch noch weitergehen und gegen Smeral ganz offen all das sagen, was wir zu sagen haben. Wir wollen den Genossen nicht sagen: „Macht sofort Revolution“. Man darf uns so etwas nicht unterstellen. Wir wollen auch nicht sagen: „Ihr müßt heute. morgen oder in einem Monat losschlagen.“ Wir wollen aber sagen, daß die Agitation und die Propaganda revolutionär und nicht zentristisch sein muß.
Als ich gestern die Rede des Genossen Tausik hörte, mußte ich mir sagen, das sind Worte eines Mannes der 2½-Internationale. Er sagte unter anderem — Genosse Bucharin hat sich damit schon eingehend beschäftigt — das folgende: „Wir sind umzingelt von Staaten, die verkracht sind. Darum können wir keine Revolution machen.“ Was heißt denn das? Sollen wir warten, bis der Kapitalismus wieder zu Kräften kommt und dann erst gegen die blühenden kapitalistischen Staaten losschlagen? Das ist dieselbe Theorie, die wir bei Kautsky finden, Dann hörte ich auch einen Zwischenruf des Genossen Tausik. Als ein Redner sagte, die Tschechen sollen nicht auf andere Staaten warten, rief Genosse Tausik: Dann muß auch Polen eine gute Bewegung sein. Ich bin auch der Ansicht, daß in Polen eine gute Bewegung sein müsse. Es gibt auch eine, trotz des weißen Terrors; allein, ist das, was Genosse Tausik sagt, nicht ganz dasselbe, was die Zweite Internationale sagt. Auch die Zweite Internationale sagt:
„Ich bin bereit zum Losschlagen, aber mein Nachbar soll gleichzeitig losschlagen.“ Wie stellen sie sich das vor? Vielleicht so, daß eines schönen Tages die Führer zusammenkommen und eine Vereinbarung treffen, in der sie genau den Tag festlegen, an dem überall die Revolution losbrechen soll. Das wäre ganz schön. Aber Revolutionen lassen sich nicht so glatt erledigen, daß wir einfach Verträge miteinander schließen, und dann eines schönen Tages losschlagen. Das Losschlagen hängt von zahlreichen Faktoren ab. Nach dieser Theorie könnte man einfach fragen, warum das rückständige Rußland als erstes auftreten soll und nicht das kapitalistisch entwickelte Amerika? (Lebhafter Beifall.) Mit diesen Theorien der Zweiten und 2½-Internationale müssen wir gründlich aufräumen. In keinem Falle wollen wir irgendeiner Partei vorschlagen: jetzt sollt ihr losschlagen. Einen solchen Antrag wird die Exekutive nie stellen. Man muß selbstverständlich eine so wichtige Frage tausendmal erwägen, ehe man den Entschluß faßt.
Hier handelt es sich aber um ganz andere Sachen. Dürfen wir zugeben, daß auf einem Parteitag Führer aufstehen, um die Internationale einfach anzuspucken? (Lebhafter Beifall.) Wir haben hier 1000 Delegierte, die Genossen mögen sich gruppenweise in einem Zimmer einsperren und die Rede Smerals auf das Gründlichste durchlesen. Ich bin überzeugt. daß jeder von den Genossen behaupten wird, daß diese Rede Smerals eine halbzentristische Rede ist. Wir finden in dieser Rede denselben Ton, dieselbe Methode, dieselbe Unaufrichtigkeit, wie bei Serrati. Und diese Rede wurde gehalten in einem Augenblick. wo die Partei bereits erklärt hatte, sie wolle sich der Internationale anschließen. Die Partei hätte gegen die Rede Smerals sofort protestieren müssen. Dann wäre die Lage ganz anders. Jetzt müssen wir gegen die Rede Smerals auftreten.
Die Resolution, die die Tschechoslowaken vorschlagen, erklärt zwei- oder dreimal: wir nahmen alle 21 Punkte an, und wir werden sie auch durchführen. Wozu diese vielen eidlichen Versicherungen? Wäre es nicht besser, endlich an die Ausführung dieser Bedingungen zu schreiten. Was nützt der Eid. die 21 Punkte durchzuführen. wenn die Führer der Partei in den Zeitungen gegen die 21 Bedingungen agitieren. Wie können sie behaupten, daß sie die 21 Bedingungen ausführen, wenn Smeral gegen die Kommunistische Internationale spricht, wenn viele der Führer gegen den Anschluß, gegen die 21 Bedingungen sprechen, wenn Smeral jetzt sogar anfängt, von einer Mitarbeit, von einem Zusammenwirken mit anderen Parteien des Landes zu sprechen, indem er sagte, wir sind eine so große Partei, daß wir einen wirksamen Einfluß auf die gegenwärtige Regierung ausüben können. Wer die Geschichte des Sozialismus bis zum Jahre 1921 kennt, weiß ganz gut, was diese Worte in dem Munde eines so geschickten Mannes, wie Smeral ist, bedeuten.
Was geschah während des Dezemberstreiks? Jeder, der aus der Tschechoslowakei kommt, bestätigt es. daß. wenn es jemand gab. der den Ereignissen hilflos wie ein Kind gegenüberstand. Smeral dies war. Das wird von allen Seiten, auch von der Presse bestätigt. Smeral wollte einfach noch einige Jahre in dem jetzigen kapitalistischen Wasser schwimmen, wollte beobachten und abwarten und dann erst sich entschließen. Darum, Genossen. glauben wir, daß wir eine klare und deutliche Stellung einnehmen müssen.
Die Frage, ob wir die Partei aufnehmen, müssen wir mit ja beantworten. Was soll nun mit Smeral geschehen? Wir fordern weder seinen Ausschluß, noch seine sofortige Absetzung; aber wir wollen das Recht für uns in Anspruch nehmen, den tschechoslowakischen Arbeitern zu sagen. was wir zu sagen haben, sie vor solchen Reden, vor einem solchen Auftreten zu warnen. Wir dürfen nicht vergessen. daß die Rede Smerals, diese dreistündige Rede. nicht improvisiert war. Diese Rede war früher vorbereitet, jedes Wort gut abgewogen.
Wir fordern die tschechoslowakische Arbeiterschaft auf. sie möge sich weiter entwickeln und nicht nach rückwärts gehen. Die tschechoslowakischen Genossen erklärten uns, die bürgerliche Presse werde über unsere Resolution ein Freudengeschrei anstimmen. Ich weiß nicht. ob diese Freude berechtigt sein würde. Wir wissen. daß die bürgerliche Presse versuchen wird, diese unerquickliche Polemik für sich auszunützen. Sie wird wieder in dümmster Weise von einem Diktat Moskaus oder der ungarischen Genossen sprechen. Ich weiß auch, daß selbst Parteileute diesen Einflüsterungen. dieser Ideologie zugänglich sind. Allein der wirkliche Internationalismus besteht nicht darin, daß wir uns um so dummes Zeug kümmern. Dadurch lassen wir uns in unseren Entschlüssen nicht im geringsten beeinflussen. Wir müssen aufrichtig mit den tschechoslowakischen Arbeitern sprechen. Wir haben gegen die Person Smerals nichts einzuwenden. Als er vor einem Jahre hierherkam und seine Seele vor uns ausschüttete und sagte: ich war Sozialpatriot und jetzt bin ich hier. da haben wir ihm kein einziges Hindernis in den Weg gelegt. Wir haben ihn brüderlich empfangen. Wir haben ihn nach Tunlichkeit ein volles Jahr lang unterstützt. Wir haben auch heute keine einzige Ursache, persönlich gegen ihn aufzutreten. Er ist zweifellos ein Mensch, der selbstlos der proletarischen Klasse dienen will. Aber wir müssen seine politischen Fehler feststellen. Genosse Kreibich hatte recht, als er uns daran erinnerte, daß wir vor einem Jahr in unserer Besprechung mit ihm über das Verhalten Smerals gegen Smeral vorgehen wollten. Kreibich hat uns damals mit dem Tone der Überzeugung davon abgehalten. Er glaubte, es handle sich nur um geringfügige Meinungsverschiedenheiten betreffs der Taktik Smerals. Die jüngsten Ereignisse haben aber den Genossen Kreibich eines besseren belehrt.
Wir bitten die tschechischen Genossen, bei dieser Frage jedes nationale Moment ganz beiseite zu lassen. Ich weiß, wir sind ja alle Menschen, geboren in der bürgerlichen Ideologie, Menschen, die nationale Empfindungen mit der Muttermilch eingesogen haben. Allein es handelt sich bei dieser Frage nicht um eine nationale Frage, nicht um eine deutsche und tschechische Frage, es handelt sich hier um die Frage eines konsequenten Kommunismus oder eines schwankenden Halbkommunismus. Warum kommt Smeral jetzt mit der Frage des Überbaues und der Föderalisierung? Wie kann man sich anders die Kommunistische Internationale vorstellen, als daß wir in jedem Lande eine einheitliche Partei haben wollen? Wie kann das innerhalb der Kommunistischen Partei noch ein strittiges Problem sein? Es muß einfach ein Ausschuß eingesetzt werden, der die Zentralisation durchführt und nicht auf die lange Bank schiebt.
Aus diesen Gründen, Genossen, müssen wir der Delegation der tschechoslowakischen Partei klar sagen, wie wir über die Lage in ihrer Partei denken. Es war kein Zufall, daß die Vertreter der bulgarischen, italienischen, deutschen, russischen, polnischen Partei dasselbe gesagt haben. Wir verfolgen diese Frage mit außerordentlicher Aufmerksamkeit. Die Krise, die man dadurch in der Kommunistischen Internationale heraufbeschwören wollte, hat uns dazu genötigt. Und das ist gut so. Ich bin überzeugt, es wird kein Livorno geben. Ich bin der Zuversicht, daß die Mehrheit, wenn sie hören wird, was die Kommunistische Internationale gesprochen hat, und nicht nur die Mehrheit, sondern auch diejenigen, die jetzt zu Smeral in freundschaftlichen Verhältnissen stehen, sagen werden: Smeral ist unser Freund, die Kommunistische Internationale ist uns aber ein größerer Freund. Ich bin überzeugt, daß die große Mehrheit der Arbeiter in der Tschechoslowakei sich unseren Beschlüssen fügen wird, und ich hoffe, auch die große Mehrheit der Genossen anderer Länder. Smeral mag denken, was er will. Wir übergeben unsere Resolution der Exekutive mit der festen Zuversicht, mit der sicheren Überzeugung, daß diese Resolution zu der Entwicklung einer wirklichen kommunistischen Partei innerhalb der tschechoslowakischen Arbeiterschaft zu einer wirklichen Kampfpartei viel beitragen wird. (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Applaus.) Ich bitte die Genossen, die Resolution, die Genosse Karl Radek im Namen des Engeren Bureau der Exekutive unterbreiten wird, anzunehmen.
Ich wollte noch einiges über die skandinavischen Parteien sagen. In Schweden und Norwegen haben wir zwei verschiedene Parteien. In Schweden haben wir, allgemein gesprochen. eine gewisse Entwicklung von einer halbpazifistischen Partei zu einer wirklich kommunistischen. Die Entwicklung ist aber bisher noch nicht abgeschlossen. Norwegen hat eine Massenpartei, die noch von einigen Einflüssen des Zentrismus befreit werden muß.
In der schwedischen Partei ist auch in organisatorischer Hinsicht noch vieles gut zu machen.
Wenn ich z. B. in dem Statut dieser Partei im Paragraph 2 lese:
„Die Reichstagsfraktion und andere Parteimitglieder, welche von der Regierung irgendwelche offiziellen Aufträge bekommen, müssen, bevor sie solche Aufträge übernehmen, die Einwilligung des Zentralkomitees und in wichtigen Angelegenheiten des Parteirats einholen“, so sage ich, ich verstehe das einfach nicht. Ebenso verstehe ich nicht den Punkt 3, der lautet:
„Die Parlamentsfraktion muß in ihrer Tätigkeit das Parteiprogramm und die Entschließungen der Parteitage genau befolgen. In der Zwischenzeit, von einem Parteitag bis zum anderen, ist die Parlamentsfraktion verpflichtet, Anträge zu befolgen und sich den Anschauungen anzupassen, welche vom Parteirat oder vom Zentralkomitee geäußert werden.“
Welche Aufträge will die bürgerliche Regierung den Kommunistenabgeordneten geben? Das ist mir unverständlich. Ebenso verhält es sich mit der Disziplin der parlamentarischen Fraktion. Es klingt so bescheiden, daß die Fraktion in ihrer allgemeinen Linie dem Parteikongreß untersteht, und zwischen den Parteikongressen sollen für sie die Beschlüsse des Zentralkomitees ausschlaggebend sein. Das ist ein allzu unschuldiger Ton.
In der Frage der Bewaffnung des Proletariats ist in Schweden ebenfalls keine volle Klarheit geschaffen. Wenn Branting auftritt und sagt: meine Kommunisten sind gut, sie sind gute Kerle, so weiß ich wohl, daß der Gegner solche Sachen absichtlich schreibt, und ich nehme ihn nicht ernst. Wir müssen viel objektiver urteilen als Herr Branting, dem unsere Kommunisten viel Unangenehmes zugefügt haben. Dennoch müssen wir feststellen, daß das Parteiorgan „Politiken“ noch kein kämpfendes, aufrüttelndes proletarisches Blatt ist. Die Zeitung hat in den Schicksalsfragen der Kommunistischen Internationale keine ganz klare Stellung eingenommen.
Mit der norwegischen Partei haben wir über die Kollektivaufgaben ein gewisses Abkommen getroffen. Wir haben der Partei gewisse Zugeständnisse gemacht. Wir sind jedoch der Meinung, daß dieser Zustand nur ein vorübergehender sein kann, daß die Partei auch dort auf derselben Basis organisiert werden muß, wie es in den anderen Parteien schon geschehen ist.
Genossen, wir haben während dieses Jahres nicht nur Spaltungen durchgeführt, sondern auch vereinigend gewirkt. Und zwar in England und Amerika.
In England hatten wir zur Zeit des II. Kongresses acht kleine, mehr oder weniger kommunistische Strömungen, die sich bekämpften, jetzt haben wir eine einige Partei. Das ist nicht zuletzt das Resultat des Druckes der Exekutive,
Dasselbe gilt für Amerika. Wir haben in Amerika erklärt, wir nehmen keine der Fraktionen auf, bis sie sich nicht vereinigt haben. Den amerikanischen Freunden müssen wir raten, sie mögen es lernen, nicht nur im Rahmen einer illegalen Partei zu arbeiten, sondern sie müssen es auch verstehen, trotz des weißen Terrors eine Bewegung zu organisieren, die legal oder halblegal ist und sein muß, und die parallel mit der Partei wirken soll, um weitere Kreise der Arbeiterschaft zu gewinnen.
Für die amerikanische und die englische Partei ist es eine Lebensfrage, keine Sekte zu bleiben. Der Boden in England und Amerika ist so gut vorbereitet, daß es unsere Partei verstehen muß, den Weizen auszustreuen. Wir sind der Meinung, daß für diese zwei Parteien die Hauptlosung sein muß: Größere Verbindung mit den Massen, mehr Legalität. (Lebhafter Beifall.)
Was die übrigen Länder betrifft, so stelle ich fest, daß in Dänemark unter den Syndikalisten eine Spaltung der syndikalistischen Vereinigung stattgefunden hat und daß sich ein Teil der Kommunistischen Internationale angeschlossen hat.
In der Österreichischen Sozialdemokratischen Partei trennte sich der linke Flügel ebenfalls ab und vereinigte sich mit der kommunistischen Partei.
Ähnlich ist die Lage in Belgien, wo sich eine Gruppe von Jacquemotte loslöste. Das belgische Parteiorgan ist durch diese Spaltung sehr beunruhigt. Unsere kommunistischen Genossen aus Belgien sind aber der Meinung, daß dies keine wichtige Tatsache ist. Ich glaube, daß sie da irren. Wir sind der Meinung, daß die Spaltung doch große Bedeutung hat. Und ich glaube, die Internationale ist daran interessiert, diese Gruppe möglichst schnell mit der Bruderpartei zu vereinigen, die wir dort haben.
Dieselbe Entwicklung zeigte sich in der Schweiz, wo sich die Linke von der sozialdemokratischen Partei losgelöst und mit den Kommunisten vereinigt hat, wobei sie Nobs abstieß. Nobs hat sich in der Auseinandersetzung mit uns auf einen Brief der Genossin Klara Zetkin berufen. Ich glaube, wir müssen diese Erfahrung im Auge behalten und an solche Leute nicht so schnell Briefe schreiben. Ich habe auch einen Brief an Nobs geschrieben, und er druckte auch diesen Brief ab, aber nur als Beweis meiner Grobheit. (Heiterkeit.) Den Brief der Genossin Zetkin aber suchte Nobs gegen die Kommunistische Internationale auszunutzen. Das ist recht schlimm.
Die Bewegung in der Schweiz macht gute Fortschritte. In der französischen Schweiz haben unsere Genossen gute Erfolge; die Sozialdemokratische Partei verliert von Tag zu Tag mehr an Einfluß. Herr Grimm, der berühmte Führer der Schweizer Sozialdemokraten, ist zum einfachen Sachwalter der Bourgeoisie geworden.
In Spanien dieselbe Entwicklung des Zusammenschlusses der kommunistischen Gruppen. Dort hatten wir eine ganz interessante Erscheinung. Die Delegation der alten Partei kam hierher. Der eine Delegierte, ein Arbeiter, war Kommunist, der zweite, ein Professor, war Reformist. Dieser Professor hat offen und naiv erklärt: Ich will nicht zur Kommunistischen Internationale, aber die spanischen Arbeiter, die uns hierhergesandt haben, wollen zur Kommunistischen Internationale. Ich muß mich Ihrem Auftrag also fügen. (Heiterkeit.)
Solche Besuche erhalten wir häufig. Aus Rumänien kam ein Herr Flueras zu uns, der früher Minister war. Er war ganz verwundert, als ihm Genosse Bucharin mit seiner nur ihm eigenen Liebenswürdigkeit sagte: Herr Flueras, da Sie ein bürgerlicher Minister sind, und da wir finden, daß Sie es auch weiter sein sollen, so bitten wir Sie, diesen Saal zu verlassen. (Heiterkeit.) Er war über unseren Mangel an internationaler Gastfreundschaft entsetzt. Solche ziemlich sonderbaren Besuche hatten wir im letzten halben Jahre recht viele.
In Rumänien ist jetzt die Spaltung eingetreten, und wir müssen hier vor dem Kongreß konstatieren, daß sich unsere Genossen Cristescu und andere, von denen häufig gesagt wurde, sie seien Zentristen, den Verpflichtungen gegenüber, die sie übernommen haben, loyal benommen haben. Sie sind alle als Anhänger der Kommunistischen Internationale ins Gefängnis gewandert. Wir sind zu wenig informiert über die Lage in Rumänien; aber wir müssen sagen, daß die Verhandlungen bis jetzt gute Resultate aufweisen.
Unsere jugoslawische Partei ist jetzt illegal geworden. Sie war eine große Partei, die etwa 80000 Mitglieder zählte. Die Zentristen haben die Niedertracht, jetzt ein legales Blatt herauszugeben und das Monopol der Legalität gegen unsere kommunistischen Genossen auszunutzen. Dieser zentristische Flügel ist jetzt ausgeschlossen und gehört wieder zur 2½-Internationale. Ob noch Überbleibsel dieser Zentristen in der Partei zu finden sind, darüber kann ich natürlich kein Zeugnis ablegen, da mir die Zusammensetzung dieser illegalen Partei nicht genauer bekannt ist. Wir wollen hoffen, daß dies nicht der Fall ist. Sollte es doch der Fall sein, so möchten wir die jugoslawische Delegation, die hier gut vertreten ist, im Namen der alten Exekutive ersuchen, den Kampf gegen die zentristischen Elemente lieber heute als morgen aufzunehmen.
Reformsozialismus ist ein spezifisches Gift. Genosse Barbusse schrieb einen glänzenden Artikel über den Reformsozialismus, ich habe ihn dem Genossen Gorki unter die Augen gehalten und gesagt: Barbusse hat das verstanden, was Sie noch nicht verstanden haben. Barbusse sagt, der Reformsozialismus ist das spezifische Gift für das Proletariat. Und wenn ein paar Tropfen von diesem Gift in unseren Körper geraten, so kann der Brand im Körper plötzlich ausbrechen, gerade in dem Moment, wo man im schwierigsten Kampf steht. Auf dieses Gift müssen wir unser Augenmerk richten und immer Gegengift bereit halten, und zwar in nicht zu kleiner Dosis.
Unsere bulgarische Partei ist eine der wenigen Parteien, die, wie die tschechoslowakische, fast die Mehrheit der Arbeiterklasse in ihrem Lande hinter sich zu haben scheint. Die letzten Mitteilungen besagen, daß auch diese Partei vielleicht illegal werden muß und unter dem weißen Terror sehr zu leiden haben wird. Wir wissen nicht, ob diese Angaben richtig sind.
Es ist gegen die Partei die Beschuldigung erhoben worden, daß sie nicht immer im entscheidenden Moment zum Massenkampf gegriffen habe. Die Untersuchung hat bewiesen, daß das nicht richtig ist. Wir verfolgen die Geschichte der Partei seit 1913. Sie hat eine ganze Anzahl von Spaltungen durchgemacht. Wir glauben, daß wir dort in Bulgarien trotz mancher Schwächen eine gute, kräftige, kommunistische Partei haben. Wenn diese Partei von der vorbereitenden Propaganda zur Aktion übergehen wird, wird sie beweisen müssen, was sie 20 oder 25 Jahre vorbereitet hat. Wir hegen die Hoffnung, daß, wenn die entscheidende Stunde da ist, diese unsere Partei der Kommunistischen Internationale keine Enttäuschungen bereiten wird.
Einige Worte über die finnische Partei. Sie gehört zur Kommunistischen Internationale als illegale Partei. Aber die ganze illegale finnische Arbeiterbewegung gehört trotz des weißen Terrors mit Herz und Seele zum Kommunismus. Nach den Berichten hat diese illegale Bewegung zweimal soviel Mitglieder wie die alte sozialdemokratische. Diese ist absolut zu Boden geworfen. Wenn ein einfacher finnischer Arbeiter zu uns kommt, so erklärt er uns immer: Die Frage des Kommunismus ist bei uns in Finnland nicht mehr eine Frage der Agitation, sondern der Waffen, der technischen Vorbereitung. (Lebhafter Beifall.)
Genossen, wenn ich diese oder jene Partei nicht genannt habe, so geschah es nicht, weil nichts über sie zu sagen wäre, sondern weil ich einmal zu Ende kommen muß.
Jetzt zu unseren wichtigen Abteilungen im nahen und fernen Orient. Im nahen Orient arbeitet der Rat der Propaganda, der vom Bakuer Kongreß gebildet worden ist. Organisatorisch ist dort noch viel Arbeit zu leisten. Im fernen Orient ist die Lage ähnlich.
Wir müssen unbedingt eine bessere Verbindung mit Japan haben; wir müssen festen Fuß in Japan fassen. Dieser Staat befindet sich ungefähr in derselben Lage wie Rußland 1905. Es wächst dort eine große revolutionäre Massenbewegung heran. Sie sollten nur die Schriften sehen, die dort erscheinen. Der erste und zweite Band des Kapitals wurden in die japanische Sprache übersetzt und sind bereits erschienen. Wir haben dort eine Reihe von Gewerkschaften, die sich spontan gebildet haten. ohne Führer, nur durch die Arbeiter. Sie bringen der Kommunistischen Internationale große Sympathien entgegen, aber leider sind die Verbindungen mit Japan sehr schlecht.
Da wir eine Weltinternationale sein wollen, so ist es Pflicht der Exekutive, der Frauen- und Jugendinternationale viel mehr Aufmerksamkeit und Kräfte zuzuwenden. (Zustimmung.)
Die Frauenkonferenz hat stattgefunden, und wir haben ihre Arbeit verfolgt. Wir gründeten ein internationales Frauenblatt: Die Frauen-Internationale. Wir sind der Meinung, daß die Arbeit unter den Frauen mit allen Mitteln gefördert werden muß. Es ist Tatsache, ohne die Frauen wird das Proletariat niemals siegen. Wir müssen die Frauen haben, ohne sie hätte sich auch die proletarische Republik in Rußland nicht halten können. (Lebhafte Zustimmung.)
Noch größere Bedeutung hat die Jugendinternationale. Wir werden hier einen Weltkongreß der Jugendinternationale haben. Wir haben im abgelaufenen Jahre alles getan, um die Jugendinternationale zu unterstützen. Genosse Trotzki hat vollkommen recht, wenn er über diese Frage behauptet, die Jugend bedeute, da die Arbeiterklasse durch den Krieg so herabgekommen ist, heute noch mehr für uns, als wie wir bisher glaubten. Wir müssen hundertmal mehr Arbeit in der Jugend leisten und sie hundertmal mehr unterstützen als bisher. Es ist dies eine der wichtigsten Fragen. Darum hoffen wir, daß dieser Kongreß die Jugendbewegung stärken wird, und wir werden diesen Weltkongreß der Jugend mit allen Mitteln unterstützen.
Einige Herrschaften haben versucht, die Jugend mit der Exekutive in Konflikt zu bringen. Sie haben versucht, die Jugend durch Artikel in Levi’s „Sowjet“ gegen die Exekutive aufzuhetzen. Aber das wird niemals gelingen. Meiner Ansicht nach muß die politische Leitung der Jugend sich dort befinden, von wo aus die politische Leitung der gesamten Internationale erfolgt. Hat man zwei parallele Instanzen in verschiedenen Ländern, so werden sich die Anordnungen dieser Instanzen ungewollt manchmal kreuzen und Widersprüche zeitigen. Das ist in der Jugendbewegung doppelt gefährlich. Darum glaube ich, daß wir alle organisatorischen Schwierigkeiten überwinden und eine gemeinsame politische Leitung haben müssen, heute in Rußland, morgen in Deutschland oder Frankreich, je nach Entwicklung der Weltrevolution. Aber wie es auch sein wird, die Jugend müssen wir überall viel reichlicher unterstützen als bisher. Sie hat bisher glänzende Arbeit geleistet, sie ist immer vorangegangen in der Tschechoslowakei, in Frankreich und in anderen Ländern, wo der Kampf gegen die Sozialpatrioten und Zentristen geführt werden muß. Die Aufgabe ist sehr groß, und es muß auf diesem Gebiet viel mehr geleistet werden als bisher. Wir müssen die Jugendbewegung mit allen Kräften unterstützen. (Lebhafte Zustimmung.)
Der II. Kongreß hat auf Initiative unserer Exekutive die Rote Gewerkschaftsinternationale gebildet. Das war damals ein ganz neues Problem. Jetzt haben wir bereits ein großes Stück Weges zurückgelegt. Genosse Losowsky hat eine Aufstellung gemacht, die nachweist, daß schon mehr als 15 Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter zu unserer Gewerkschaftsinternationale gehören. Wir sind zunächst mit einem Manifest gegen die Amsterdamer Internationale aufgetreten, und wir werden auf diesem Kongreß einen neuen großen Schritt vorwärts tun. Ich glaube, die Bedeutung dieses Gewerkschaftskongresses ist uns allen klar, weil der Kampf gegen die Amsterdamer Internationale, dieses letzte Bollwerk der Bourgeoisie, ausgekämpft werden muß. Deshalb ist die Gewerkschaftsfrage jetzt die wichtigste Frage, und der Kongreß muß ihr die größte Aufmerksamkeit schenken. Nach dem Kongreß muß diese Frage in allen Bruderparteien als die wichtigste behandelt werden.
Das ist der Bericht über die von der Exekutive im vergangenen Jahre im großen und ganzen geleistete Arbeit. Was soll nun weiter geschehen? Welche Linie sollen wir weiter einhalten? Ich glaube, im großen und ganzen war die Linie des II. Kongresses richtig. Die linken Abweichungen der englischen und amerikanischen Genossen während des II. Kongresses müssen wir beseitigen, wir müssen eine gerade Linie haben. Der Kampf nach rechts ist bei weitem noch nicht beendigt; er hat noch nicht einmal angefangen, wenn wir bedenken, daß wir in Amsterdam noch eine Gewerkschaftsinternationale mit 20 Millionen Arbeitern haben. Der Kampf nach rechts ist die Hauptsache. Der Kampf gegen die Gewerkschaften, gegen die Zentristen ist eine Frage der Taktik. Nur weil wir eine gute Taktik vorgeschrieben haben, konnten wir im Laufe des Jahres in den verschiedenen Ländern diese Erfolge erzielen. Unsere Taktik war richtig und auf diesem Wege werden wir auch siegen. Die große Parole für die Länder, in denen wir im dritten Jahre des Kampfes noch nicht die Mehrheit haben, ist, dafür zu sorgen, daß wir uns die Mehrheit erkämpfen und an die Massen herankommen.
Eine internationale Strategie hatten wir fast noch nie. Ich hörte von manchen Genossen, ja, internationale Strategie, was soll das heißen? In einem Parlament Obstruktion treiben, an bestimmten Tagen internationale Demonstrationen und Streiks machen? Ja, Genossen, auch das, ich muß sagen, sogar das haben wir noch nicht getan. Wir haben keine einzige internationale Demonstration organisiert. Diese Schwächen müssen wir erkennen und offen aussprechen.
Wir müssen das nachholen und in diesem Jahre internationale Kundgebungen organisieren. Wir müssen internationale Demonstrationen veranstalten, international in den Parlamenten auftreten; das wird sogar in Frankreich geschehen. Es muß mit diesen kleinen Dingen angefangen werden. In ein Land eine Bresche zu schlagen zur Unterstützung und Vertiefung des Kampfes des zweiten Landes, das haben wir bisher noch nicht verstanden. Wir waren zu schwach. Wir standen auf zu schwachen Füßen. Das gut zu machen, ist unsere jetzige Aufgabe.
Noch einige Worte über den Zentralismus. Man hat versucht, zu behaupten, daß wir einen schrecklichen Druck, einen schrecklichen Zentralismus ausüben. Das Gegenteil ist der Fall. Wir waren eine viel zu lockere Organisation. Wir verstehen sehr gut, daß viele große Fragen solcher Natur sind, daß die betreffenden Parteien sie im Rahmen ihrer nationalen Verhältnisse selbst lösen müssen. Wir haben leichtfertige Forderungen aufgestellt, Fragen international zu lösen, die der Sache nach nur national gelöst werden können.
Es gibt aber Fragen, wo internationale Bedingungen aufgestellt werden müssen. Wir müssen eine viel zentralistischere Organisation haben, wir müssen die Verbindungen viel straffer und besser ausbauen, als dies bisher geschehen ist. Es wird in dümmster Weise viel über das Diktat von Moskau geschrien. In Wirklichkeit aber ist die einzige Beschuldigung, die man gegen uns erheben kann, die, daß wir nicht genügend zentralistisch nicht genügend zusammenfassend organisiert waren. (Rufe: sehr richtig) Die Bourgeoisie organisiert sich viel besser als wir. Wir müssen ihr nachstreben, wir müssen verstehen, daß wir eine einheitliche internationale Partei aufbauen müssen.
Genossen! Ihr sollt mit Eurem Urteil nicht zurückhalten. Die Fehler erkennen wir selbst. Ihr sollt für die nächste Exekutive aus jedem Lande die besten Kräfte geben. Ihr dürft nicht urteilen: Den brauchen wir zuhause nicht, der kann nach Moskau gehen. Man wird zwanzigmal mehr Dummheiten machen, wenn von dem betreffenden Land nicht ein führender Genosse da ist, auf den man sich verlassen kann. Man muß einsehen, daß es kein Luxus ist, eine Exekutive zu haben; man darf nicht sagen, man hat ohnehin alles Gute: Partei, Gewerkschaften, Organisationen, wozu noch eine Exekutive. So ist die Sache nicht. Man muß die Arbeit der Exekutive sehr ernst nehmen! Wollt Ihr eine tüchtige Internationale, eine tüchtige Exekutive, ein ernstes internationales Proletariat, so müßt Ihr uns die besten Kräfte geben. Man wirft uns Fehler vor, man sagt, die Verbindungen seien schlecht gewesen! Aber, Genossen, ich wende den Spieß um und frage die Parteien: Was habt Ihr gemacht, um das alles zu organisieren. Fast nichts. Eure Kritik ist uns willkommen; aber wir verlangen auch Selbstkritik' Für die Exekutive brauchen wir die besten Kräfte, zahlreiche Kräfte, auch genügende technische Hilfskräfte, ernste Opfer aller Parteien. Wird uns das gegeben, so werden wir im nächsten Jahre eine Exekutive haben, auf die das Wort „Generalstab der proletarischen Revolution“ paßt. Denn bisher konnten wir diesen Ausdruck nur euphemistisch für uns in Anspruch nehmen. Wir haben diese Bezeichnung nicht verdient. Man hat der Partei ein bißchen nachgehinkt, ihr den Weg gezeigt, im großen ganzen haben wir aber die Linie des II. Kongresses nicht verlassen, sondern sie konkret durchgeführt, Im nächsten Jahre muß es besser werden; wir müssen eine wirkliche internationale Exekutive aufbauen. Wenn die Exekutive in dieser Art aufgebaut sein wird, wenn wir unsere Taktik noch einmal geprüft, wenn wir die Feuerprobe bestanden haben werden und wenn wir die Hauptlinien unserer Taktik im Kampf um die Massen bestätigt finden, dann erst wird die wirkliche internationale Arbeit der Exekutive der Kommunistischen Internationale einsetzen. Dann wird die Exekutive in der Zeit zwischen den Kongressen tatsächlich die höchste Macht darstellen; ihr Wort wird Gesetz sein, es wird dann keine unantastbaren Parteien, keine unantastbaren Programme mehr geben, sondern eiserne Disziplin, internationale proletarische Disziplin im Kampfe gegen die Bourgeoisie. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.)
Vors. Koenen. Bevor wir an die Übersetzung schreiten, wollen wir zu einer Kundgebung des engeren Bureau in Angelegenheit des zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Genossen Max Hölz Stellung nehmen. Die Kundgebung des engeren Bureau wird Gen. Radek unterbreiten und begründen.
Radek. Genossen! Der Name Max Hölz, der gestern in Berlin zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden ist, ist nur unseren deutschen Genossen geläufig. Nur den deutschen Genossen ist etwas Näheres über die Persönlichkeit Max Hölz’ bekannt. da Max Hölz nicht Mitglied einer kommunistischen Partei ist (Rufe: Doch, er ist Mitglied der K.A. P.D.). Die Genossen aus anderen Ländern wissen über Max Hölz nur das. was die bürgerlichen Zeitungen über ihn berichtet haben. Wir halten es für unsere Pflicht, in dem Momente. wo die Bourgeoisie Deutschlands diesen tapferen und ehrlichen Revolutionär als einen gewöhnlichen Banditen und Räuber zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt hat, für Max Hölz als einen Revolutionär und Kommunisten einzutreten. (Lebhafter Beifall.)
Die Taktik von Hölz war nicht unsere Taktik. Hölz ist schon in den Märzkämpfen des Jahres 1920 seine eigenen Wege gegangen. Hölz hat schon damals, ohne auf die Disziplin und die Weisungen der Partei Rücksicht zu nehmen, auf eigene Faust einen Rachefeldzug gegen die Bourgeoisie unternommen. Hölz hat auch jetzt während der Märzkämpfe vieles getan, was vom Standpunkte der kommunistischen Strategie nicht zweckentsprechend war und auch nicht vom Standpunkte der Taktik der Partei. Aber eines ist sicher: Hölz, der vor dem Kriege kein Sozialist war, der als kleiner Eisenbahnbeamter während des Krieges einrückte, von der deutschen Bourgeoisie mit der Stelle eines Gefängnisverwalters in einem Etappenort betraut wurde, lernte dort in diesem Gefängnis verstehen, was der Kommunismus im allgemeinen ist, und ich glaube, daß ihn alles das. was er im Kriege gesehen hat, viel mehr dem Kommunismus in die Arme getrieben hat, als theoretische Lehren und Broschüren. Er sah den rücksichtslosen Kampf der Bourgeoisie gegen die Volksmassen. Als nun der deutsche Imperialismus zertrümmert wurde, zertrümmert durch einen stärkeren Imperialismus, durch den englisch-amerikanischen Imperialismus, als die Massen sich aufbäumten. da betrachtete es Hölz für seine Aufgabe, in einem der zurückgebliebensten Teile Deutschlands, wo das Proletariat durch eine fünfhundertjährige Ausbeutung verkümmert dahinsiecht, den Kampf des Proletariats zu führen. Er hatte die Sympathien der Arbeiter für sich, aber die ausgemergelten Textilarbeiter des Vogtlands hatten nicht die genügende Kraft, eine große Organisation zu schaffen. Da trat dieser tatkräftige Mensch. der im Kriege gesehen hatte. was die Energie bedeutet, an die Spitze der Massen. um durch Energie, durch Opferwilligkeit und Ergebenheit sie weiter zu führen. Ich wiederhole, vieles. was er machte, war nicht zweckentsprechend. Aber wir stehen zur Lauterkeit des Wesens von Hölz, und sein Haß gegen die Bourgeoisie ist unser Haß. Aus diesem Grunde schlage ich im Namen des Engeren Bureau vor. folgende Kundgebung an das deutsche Proletariat zu richten:
Es folgt die vom Kongreß angenommene „Kundgebung für Max Hölz“: siehe die Seite des Kongresses.
Genossen! Wir sind überzeugt. daß Hölz die Strafe nicht abbüßen wird. Wir sind überzeugt, daß der Arm der deutschen Bourgeoisie, wenn sie nicht zum Revolver, zum Meuchelmord greift, erlahmen wird in dem Kampfe, den das deutsche Proletariat gegen sie führen wird. Wenn Hölz in dieser Zeit der Gärung seinen Platz nicht finden konnte in den Reihen der noch nicht vollkommen geeinigten, proletarischen Massen, so sind wir der festen Überzeugung, daß der Tag kommen wird, wo wir ihn begrüßen werden als unseren Kämpfer, als einen Kämpfer in unseren Reihen, der sich dem allgemeinen Willen unterzuordnen und mit derselben Begeisterung in unseren Reihen kämpfen wird, mit der er bisher seine eigenen Wege ging. (Lebhafter Beifall.)
Hempel (K. A. P. D.). Da Gen. Hölz, in dessen Fall dieses Telegramm in die Welt hinausgeschickt wird, Mitglied unserer Partei ist, habe ich auszusprechen, daß wir unsere Freude darüber ausdrücken, daß die Kommunistische Internationale sich an die Seite Max Hölz stellt. Aber weiter haben wir darauf hinzuweisen, daß Max Hölz in diesem Telegramm zu gleicher Zeit beleidigt wird. (Lärm und Widerspruch.) Es steht in diesem Telegramm, daß Gen. Hölz sich nur von der Rache gegen die Bourgeoisie leiten ließ. Das ist nicht der Fall. Das beweist die Gerichtsverhandlung, die Berichte über die Verhandlung in Berlin. Alle Taten, alle Handlungen, die Gen. Hölz in den letzten Märzkämpfen begangen hat, lagen im Blickfelde, sind geschehen im Gesichtspunkte der proletarischen Revolution. Und darum kann in diesem Telegramm nicht in der Art und Weise von den Taten Max Hölz gesprochen werden. Stellt man sich jetzt auf den Standpunkt, daß die Bourgeoisie in Deutschland in diesem Falle so zu bekämpfen ist, dann soll man sich vollkommen auf diesen Standpunkt stellen und nicht ausweichen und nur zufrieden sein mit den Ergebnissen der Handlungsweise des Max Hölz, der die Taktik der K.A.P.D. ausgeführt und vertreten hat. (Lärm und Widerspruch.)
Vors. Koenen. Ich muß mein Bedauern darüber aussprechen, daß diese Sympathieerklärung für Max Hölz auf einem internationalen Kongreß, der eine so große Bedeutung für die Proletarier aller Länder besitzt, nicht ohne Diskussion vor sich gehen kann. Da nun einmal die K.A.P.D. es für gut befunden hat, auch über diesen Punkt zu debattieren, so wird Gen. Radek darauf antworten.
Radek. Genossen! Ich bedaure ebenfalls diese Störung. die ich darauf zurückführe, daß erstens die Genossen von der K. A. P. D. schlecht gehört haben, was vorgelesen worden ist, zweitens, daß diese Genossen nicht einmal wissen, was Hölz selbst gesagt hat. In unserer Kundgebung heißt es: „Seine Taten entspringen der Liebe zum Proletariat, dem Haß gegen die Bourgeoisie“. Das ist die Charakteristik eines Genossen, eines Kommunisten, der aus Liebe zum Proletariat und aus Haß gegen die Bourgeoisie handelt. Und dieser Haß ist Haß, den wir mit ihm teilen, ebenso wie wir die Liebe zum Proletariat mit ihm teilen. Was die politische Seite der Taktik der K.A.P.D. betrifft, so möchte ich aus verschiedenen Gründen jetzt darauf nicht eingehen. Ich will nur sagen, daß in einem Brief, den wir von Hölz aus dem Gefängnis erhalten haben, Hölz selbst ausdrücklich sagt, daß eine ganze Reihe von diesen Taten unzweckmäßig waren, und daß es besser gewesen wäre, wenn sie unterblieben wären. In der Beurteilung der Frage des individuellen Terrors, in der Beurteilung der Frage des Freischärlerkrieges ohne Zusammenhang mit der Partei, ohne von der Partei geleitet zu werden, sind wir alle hier einer Meinung. Wenn die Genossen von der K.A.P. nicht dieser Meinung sind, so sollen sie das als ihre private Meinung bei sich behalten, und sie müssen sich, so lange wir sie dulden, unserer Auffassung unterordnen. In ihrer Privatmeinung werden wir sie nicht stören, und wir wollen ihnen nur sagen, daß wir keine hysterischen Weiber sind, sondern Männer, die hier ganz frei erklären, was uns von Hölz trennt. Es ist nur ein Beweis der Sektiererei der K.A.P.D., die sogar vor Gräbern nicht zurückschreckt, wenn es ihren Zwecken dienlich ist.
Wir gehen unseren Weg, und wir kämpfen unseren Kampf. Wollen die Genossen der K. A. P.D. sich nicht daran beteiligen, so müssen sie dafür die Verantwortung übernehmen. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Koenen. Wir kommen jetzt zur Abstimmung. Wer für die Kundgebung ist, erhebe die Hand. (Erfolgt.) Ich kann daher erklären, daß die Kundgebung einstimmig angenommen ist. Ich teile mit, daß die nächste Sitzung des Kongresses morgen Nachmittag 6 Uhr stattfindet. Auf der Tagesordnung dieser Sitzung steht die Diskussion über den Bericht der Exekutive.
(Schluß der Sitzung 4 Uhr 30 Min. nachmittags.)
Die fünfte Sitzung (26. Juni 1921, 7 Uhr 45 Min. nachmittags)
(Diskussion über den Bericht Sinowjews. Redner: Hempel, Frölich, Roland-Holst, Neumann, Ceton, Michalak, Seemann, Gennari, Heckert, Malzahn, Münzenberg. Radek.)
Vors. Koenen. Genossen und Genossinnen, wir haben durch die Besprechungen, die in den Nebenräumen stattfanden, schon eine erhebliche Zeit des heutigen Sitzungstages verloren. Ich werde jetzt um so strenger auf die Redezeit achten. Es sind 10 Minuten Redezeit festgesetzt. Wir werden bei dieser Diskussion, die vielleicht umfangreich werden kann, streng darauf achten, daß die 10 Minuten innegehalten werden. Nach der neunten Minute gebe ich das Klingelzeichen und werde den Redner nur noch den Gedanken zu Ende entwickeln und keinen neuen anfangen lassen.
Seemann (K. A. P. D.). Wir müssen gegen die Äußerung des Vorsitzenden, daß er die Einhaltung der Redezeit sehr scharf beachten will, protestieren, da die Redezeit ohnehin so kurz bemessen ist, und mehrere hundert Genossen zur festgesetzten Zeit hier waren.
Vors. Koenen. Die scharfe Einhaltung der Redezeit hätte ich trotzdem betont. Es sollte die Einleitung nur eine sanfte Mahnung an die Delegationen sein, in Zukunft für solche Besprechungen nicht die Tagungszeit in Anspruch zu nehmen.
Die Diskussion über den Bericht der Exekutive ist eröffnet. Als erster Redner hat das Wort Gen. Hempel von der K. A.P.D.
Hempel (K.A.P.D.). Genossinnen und Genossen wenn wir auch der Auffassung sind, daß die Regelung der Frage der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands einen besonderen Tagesordnungspunkt ausfüllt, so können doch die Ausführungen des Gen. Sinowjew in seinem gestrigen Bericht nicht unwidersprochen bleiben. Der Genosse Sinowjew hatte die altbekannte Gewohnheit, uns mit den opportunistischen Elementen wie Serrati, Dittmann usw. gleichzustellen. Wir protestieren aufs energischste dagegen, des Opportunismus geziehen zu werden. Davor schützt uns unsere ganze Geschichte, schützt uns die Entwicklung unserer Partei.
Als Beweis führe ich nur unsere Haltung während des Kapp-Putsches in Deutschland an, ebenso unsere Haltung am 20. August des vorigen Jahres, als die Roten Truppen Rußlands vor den Toren Warschaus an der deutschen Grenze standen. Da war es allein die K. A. P. D., die die Solidarität durch die Tat bekundete. Die anderen, mit Einschluß der damaligen Kommunistischen Partei Deutschlands, dem Spartakusbund, haben diese Tatsolidarität mit Sowjet-Rußland zunichte gemacht. Weiter will ich auf unsere Haltung im Elektrikerstreik in Berlin hinweisen, die Haltung, die von den russischen Genossen, von dem Genossen Radek für richtig erkannt wurde. Wir könnten viele dieser Tatsachen und Beispiele anführen. Es kann uns aber nicht eine einzige Tatsache nachgewiesen werden, daß wir in den Opportunismus verfallen wären. So sieht unsere Haltung tatsächlich aus. und so sieht auch unsere Taktik und so sehen auch unsere Grundsätze aus. Sie verbürgen, daß wir nicht in den Opportunismus verfallen.
Über die Taktik und über unsere Grundsätze werden wir ja zu anderen Tagesordnungspunkten uns noch unterhalten können. Wir hofften, daß uns Gelegenheit genug gegeben werde, ganz klar und deutlich diese Linien zu zeigen. Jetzt in diesen zehn Minuten ist es mir nicht möglich, lang und breit auf diese Dinge einzugehen. Ich habe nur dagegen zu protestieren, daß man uns mit den Opportunisten Serrati, Dittmann usw. in einen Topf wirft.
Genosse Sinowjew fand es auch für gut, eine Broschüre. die von unserer Partei herausgegeben worden ist, betitelt „Der Weg des Dr. Levi, der Weg der V.K. P. D.“ anzugreifen. Der Genosse Sinowjew sagt, das sei eine Broschüre Gorters. Wir erklären, das ist die Broschüre der K.A.P.D. und daran mitgearbeitet hat Gorter. Aber wir übernehmen die volle Verantwortung für diese Broschüre. Was wird Gorter und damit unserer Partei vorgeworfen? Daß wir zu der III. Internationale und zu der Taktik der III. Internationale sagen: Ihr wollt nur die Massen und nicht die Qualität. Allerdings, das sagen wir. Wir werden das auch zu den anderen Tagesordnungspunkten sagen und auch aufklären können, wie wir die Dinge ansehen. Daß aber mit einer solchen Leichtfertigkeit vom Genossen Sinowjew über diese Dinge hinweggegangen und einfach erklärt wird: Ja, Ihr sagt, in Deutschland haben wir nicht die russischen Bauern, in Deutschland haben wir nur das Proletariat, und das Proletariat ist konterrevolutionär. Und dann kommt Ihr dazu, daß Ihr sagt: Ja, morgen schon in die Revolution eintreten — Genossen, mit einer derartigen Art und Weise kann man diese Probleme der Revolution nicht ergründen. Wir bedauern sehr, daß in der Art und Weise polemisiert wird. Wir werden klarlegen, daß wir nicht ohne Massen, sondern gerade mit Massen die Revolution durchführen wollen in der einen oder anderen Art und Weise. wie sie vorgeschlagen wird in den Thesen, die auf dem II. Kongresse der Internationale angenommen wurden. Es ist unser gutes Recht, die Lehren, die auch die deutsche Revolution dem internationalen Proletariat gegeben hat, hier zu zeigen. Und es ist unrecht vom Genossen Sinowjew, darüber leichtfertig hinwegzugehen. Genosse Sinowjew sagte auch, die K.A.P.D. predige die Einheit, aber in ganz kurzer Zeit werde sie bei den Feinden Sowjet-Rußlands sein. Er beruft sich dann auf die „Kommunistische Arbeiterzeitung“ vom 1. Mai d. J. Er hat einzelne Zeilen aus dieser Zeitung verlesen, ich werde euch einzelne Zeilen verlesen, und werde dann gleich auf den Punkt kommen, den der Genosse Sinowjew berührte. Es steht hier: „Der Gedanke kommunistischer Massenparteien, die zur Befolgung parlamentarischgewerkschaftlicher das heißt, bürgerlicher Kampfmethoden kommandiert werden, hat sich als Riesenbluff erwiesen. Solche Massenparteien sind gut, um auf Kommando an Sonn- und Festtagen für Sowjet-Rußland zu demonstrieren. Sie sind gänzlich unbrauchbar für den revolutionären Kampf“.
Das ist unsere Ansicht von der Taktik, wie sie der Genosse Sinowjew vertritt. Und wir sagen: so können wir nicht weiter gehen. Wir sagen ferner: das ist auch begründet in der russischen Staatspolitik; und sagen deshalb weiter: „Daraus folgt für uns nicht, daß wir etwa à la Rühle zum Kampf gegen Sowjet-Rußland aufrufen. Mit allen Mitteln werden wir uns mit der Tat dafür einzusetzen haben, daß Rußland als proletarische Macht bestehen bleibt. Aber die politische und organisatorische Loslösung der III. Internationale aus dem System der russischen Staatspolitik ist das Ziel, auf das hingearbeitet werden muß, wenn wir den Bedingungen der westeuropäischen Revolution gerecht werden wollen“. Das ist ein Punkt, den Genosse Sinowjew aufgreift und sagt: geht nur so weiter, dann werdet Ihr aus der III. Internationale heraus sein. Er bezieht sich auf das Telegramm unserer Partei. das uns die Vollmacht gibt, aus der III. Internationale auszutreten. Er schließt dann: Wenn ihr aus der III. Internationale heraus seid, dann kämpft ihr gegen Rußland. Genossen! Mit nichten! Wir erklären: wir kämpfen für das Proletariat Sowjet-Rußlands, wir lassen uns nicht irre machen in dieser Arbeit. Wenn man uns nicht mehr haben will in der III. Internationale, wenn man den opportunistischen Weg weitergehen will, dann werden wir trotzdem für Sowjet-Rußland eintreten. Aber wir werden die opportunistischen Handlungen der Kommunistischen Internationale brandmarken. Ich habe eine Erklärung unserer Fraktion zu diesem speziellen Punkt zu verlesen, die wir deshalb verfaßt haben und die wir deshalb verlesen, damit nicht die Worte umgedeutet und umgedreht werden können:
„Wir protestieren aufs schärfste gegen den Versuch, uns durch herausgerissene Zitate auf eine politische Linie mit Serrati und Dittmann zu bringen. Wir verkennen keinen Augenblick, in welche Schwierigkeiten die russische Sowjetmacht durch die Verzögerung der Weltrevolution geraten ist. Aber wir sehen zugleich die Gefahr, daß aus diesen Schwierigkeiten ein Widerspruch zwischen den Interessen des revolutionären Weltproletariats und den Augenblicksinteressen Sowjetrußlands — scheinbar oder tatsächlich — sich ergibt.
In einer Kommissionssitzung ist erklärt worden, daß nicht die III. Internationale als ein Werkzeug der Sowjetmacht, sondern die russische Sowjetmacht als der stärkste Posten der III. Internationale zu betrachten ist. Auch wir sind der Meinung, daß das so sein sollte. Aber wir glauben, wenn Widersprüche zwischen den Lebensinteressen der russischen Sowjetmacht und denen der III. Internationale auftauchen, so wäre es Pflicht, darüber innerhalb der III. Internationale eine offene und brüderliche Aussprache herbeizuführen.
In der praktischen Solidarität für Sowjetrußland haben wir bisher stets unsere selbstverständliche Pflicht getan: z.B. durch die demonstrative Feier der Oktoberrevolution, durch die breiteste Teilnahme an der Fürsorge für die internierten Rotarmisten, durch die Vorbereitung einer Hilfsaktion im August 1920, welche durch die Schuld der U.S.P. und K.P.D. vereitelt wurde. Die Bekundung der Solidarität mit Sowjetrußland war einer der ausschlaggebenden Gesichtspunkte für unsere Partei, als sie den Anschluß an die III. Internationale beschloß trotz der schwersten Bedenken gegen die reformistische Taktik der III. Internationale.
Auf dieser Linie werden wir stehen bleiben. Aber wir werden allerdings immer und überall schärfsten Widerstand leisten, wenn wir sehen, daß die Politik Sowjetrußlands fälschlicherweise und durch Mißverständnisse ihre Auswirkung findet in einer reformistischen Politik der III. Internationale, zumal wir überzeugt sind, daß eine solche Politik ebenso sehr den wahren Interessen Sowjetrußlands selbst, wie denen des Weltproletariats widerspricht.”
Frölich (Deutschland). Genossen, in einem Punkte bin ich mit dem Gen. Hempel einverstanden. Man kann diese Frage hier nicht gründlich behandeln, man muß das bei dem Tagesordnungspunkt tun, wo über die Frage der Zugehörigkeit der K.A.P. zur Internationale entschieden werden soll.
Die Exekutive hat seinerzeit die K.A.P. als sympathisierende Partei in die Internationale aufgenommen. Sie ging, wie klar ausgesprochen worden ist, von dem Gedanken aus, daß diese Partei erfüllt sei von revolutionärer Aktivität und daß es gut sei, wenn man der K.P.D. einen solchen Sporn in die Weichen setze. Wir haben damals gegen die Aufnahme protestiert. Wir sahen darin eine Überschätzung der Stärke dieser Partei und eine Überschätzung ihrer Aktivität. Wir waren der Meinung, daß der ausgesprochen sektiererische Charakter dieser Partei ihre Aktivität hindere, und wir haben das immer und immer wieder bestätigt gefunden, obwohl manchmal jäh — und dann meist unvermittelt — in dieser Partei eine Aktivität aufflammt. Das Sektierertum der Partei hat sich nicht nur in organisatorischer Hinsicht gezeigt. Es zeigte sich von Anfang an in den Grundfragen, in denen wir uns von ihr unterscheiden, in der Frage des Parlamentarismus, in der Frage der Arbeit in den Gewerkschaften und in anderen Dingen. Es hat sich nach dem Anschluß der Partei an die Internationale als sympathisierendes Mitglied gezeigt, daß diese Partei ihren ganzen Charakter dennoch nicht im mindesten geändert hat. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß das Sektierertum der Partei sich bei allen großen politischen Fragen durchsetzt. Wir sahen es bei der Haltung dieser Partei gegenüber der Frage der Teilaktionen. Die Partei hat prinzipiell erklärt, daß sie keine Politik treiben will, die versucht, das Proletariat bei seinen allernächsten Lebensinteressen zu packen. Eine Politik, die den Zweck hat, die Arbeiterschaft zu revolutionieren, sie in eine Bewegung hineinzureißen, und hineinzutreiben, eine solche Politik hat sie als opportunistisch verschrieen. Sie hat sich deshalb unserer Aktion des „Offenen Briefes“ widersetzt und mit allen Mitteln dagegen gekämpft und sich selbst damit zur vollkommenen Unfruchtbarkeit verurteilt.
Weiter haben wir beobachten können, daß sie wegen ihrer engstirnigen Einstellung die politischen Zustände absolut nicht richtig beurteilen kann. Wir haben das in der Frage der Reparationen gesehen, wo sie gar kein Gefühl für die Zuspitzung der Verhältnisse hatte, für die große Bedeutung der Frage für das ganze Proletariat, wo sie in ihrer Zeitung erklärte, das sei eine Sache, die das Proletariat nichts angehe, die nur die Bourgeoisie der verschiedenen Länder angehe; wir haben keine Ursache, uns in diese Streitigkeiten hineinzumengen, uns komme es nur darauf an, Propaganda für den Endkampf zu treiben. Also auch da wieder das vollkommene Unvermögen, an die gegebene Situation anzuknüpfen und aus ihr an revolutionärer Kraft herauszuholen, was irgend möglich war. Wir haben dann noch, nachdem der Beschluß der Exekutive gefaßt worden war, versucht, mit ihr zusammen zu kommen und mit ihr gemeinsam zu arbeiten. Und es hat sich gezeigt, daß in der Märzaktion ein solches gemeinsames Arbeiten möglich war. Wir haben gezeigt, daß, wenn wir gemeinsam über die praktischen Fragen verhandeln, gemeinsam die Dinge durchsprechen, wir dann imstande sind, diese Partei in aktuellen Kämpfen zu einer ganz bestimmten Politik zu nötigen. Aber, Genossen, die Hoffnungen, die wir an diese gemeinsame Arbeit geknüpft haben, sind schmählich betrogen worden. Es hat sich zunächst wiederum eine völlige Verständnislosigkeit der K. A. P. gegenüber der Aktion gezeigt, die sie selbst mitgemacht hat. Die schöne Broschüre des großen Marxisten Gorter „beweist“ haarklein, daß die Märzaktion ein Putsch gewesen ist. (Zwischenruf: Nicht wahr.) Bitte, das steht in der Broschüre: „Der Weg des Dr. Paul Levi, der Weg der V.K. P.D.“ Verehrter Genosse Seemann, wenn es gewünscht wird, kann ich das nachher mit dokumentarischen Beweisen belegen.
Die K. A. P. befindet sich also in dieser Hinsicht durchaus in einer Linie mit Paul Levi. Es ist etwas sehr Sonderbares, eine Aktion, die man selbst mit durchgemacht hat, als Putsch zu verschreien und mit diesem Argument gegen die V.K. P. loszugehen, nachdem man eine Vergangenheit hat, in der ganz veritable Putsche enthalten sind. Gen. Hempel hat vorhin an die große Aktion erinnert, die die K. A. P. während der Offensive gegen Warschau gemacht hat. Worin bestand diese Aktion? In der Eroberung der Städte Velbert und Cöthen für eine Sowjetrepublik. (Hempel macht einen Zwischenruf).
Aber lieber Genosse Hempel, es handelt sich hier um die Frage der Taktik der K. A. P. und der Internationale Es handelt sich gar nicht um Denunziationen. Ihr habt zugegeben, daß von Euch diese Aktion gemacht worden ist (Zwischenruf: aber auch andere), oder wenn darin die große Aktion bestanden hat, daß man in zwei Städten Räterepubliken einrichtete, dann müssen wir sagen, wir können nicht begreifen, daß man die eigene Aktion, die man gemeinsam mit der V.K. P. gemacht hat, als Putsch der V. K. P. hinstellt.
Genossen, wir haben aus dieser Aktion eine ganze Menge wichtiger Schlüsse gezogen. In organisatorischer Hinsicht den, daß es notwendig ist, die Disziplin und Zentralisation der Partei und der Aktion zu verstärken. Es ist interessant, daß die K. A. P. gerade den entgegengesetzten Schluß gezogen hat, daß sie erklärt, in dieser Aktion habe sich die Zentralisation und die Disziplin als etwas durchaus Konterrevolutionäres erwiesen, daß) sie gerade aus dieser Aktion die Lehre eines engstirnigen Sektierertums zieht. Daß sie sagt: freie Entwicklung des Individuums in ‘(den Aktionen, aber sorge dafür, daß die Partei rein wie destilliertes Wasser bleibt. Also das gewollte Abstoßen der Massen und das Aufgeben jeder straffen Organisation und Disziplin.
Eine Partei, die so eingestellt ist, wird niemals imstande sein, einen wirklich revolutionären Kampf durchzuführen, sondern zur Desorganisation beitragen, wenn sie auf diesem Wege bleibt.
Und nun, nach dieser gemeinsamen Aktion, haben wir die Verbindung mit der K.A.P.D. aufrecht erhalten, wir haben geglaubt, daß wir von dieser Partei Anregungen bekommen könnten, und wir haben in der Tat eine große, mächtige, politische Anregung kurz vor unserer Abreise aus Deutschland von der K.A.P.D. erhalten. Sie bestand nicht darin, daß sie jetzt etwa sagt, es ist Aussicht auf neue Aktionen, sondern daß sie erklärte: wir müssen jetzt etwas besonders Kluges machen, wir müssen nämlich den kapitalistischen Staat, der im wesentlichen ein Staat, ein wirtschaftlicher Apparat des Herrn Stinnes geworden ist, durch passive Resistenz sabotieren. Wir müssen sagen, das ist eine politische Weisheit, die nur von der sektiererischen Einstellung dieser Partei diktiert sein kann, und wir glauben, daß es nicht möglich ist, eine solche Partei auf die Dauer als eine Partei anzuerkennen, die der III. Internationale angehört.
Aber wir müssen noch mehr sagen. Wir haben die Erfahrung in der Märzaktion und bei anderen Gelegenheiten gemacht, daß die Arbeiter, die in der K.A.P.D. organisiert sind, zu einem guten Teil energische Revolutionäre sind, daß sie bereit sind. mit uns zu kämpfen. Wir sind überzeugt, daß die besten Elemente zu uns kommen werden, wenn die Internationale sie vor die Frage stellt: Wollt Ihr einer revolutionären Massenpartei angehören oder einer Partei, die sich sektiererisch einkapselt. Wenn die Theoretiker, die an der Spitze der K.A.P.D. stehen, auf ihrer falschen Einstellung beharren und den Massen den Weg zur kommunistischen Massenpartei und der Internationale verschließen wollen, dann sind wir der Meinung: Über sie wird der Weg hinweggehen; wenn die Internationale die richtigen Entschlüsse faßt, dann sind wir der Meinung, daß die Leute, die jetzt von der Dummheit der Kommunistischen Internationale sprechen, mit ihrer eigenen Dummheit selig werden können und auf die Massen verzichten sollen, die heute noch hinter ihnen stehen und die zu uns kommen werden. (Lebhafter Beifall.)
Roland-Holst (Holland). Genossen und Genossinnen! Es tut mir leid, daß ich einige Augenblicke über die holländischen Verhältnisse und Mißhelligkeiten sprechen muß. Aber Genosse Sinowjew hat in seinem Bericht über die sogenannte „Holländische marxistische Schule“ gesprochen und den Genossen Gorter scharf angegriffen. Ich fühle mich verpflichtet, einiges darüber zu sagen. Was diese marxistische Schule, spezifiziert als holländische Schule, betrifft, so erhebe ich für mich keinen Anspruch, darin zu einer spezifizierten nationalen Abart des Marxismus zu gehören. Ich glaube, nationalen Marxismus kann es überhaupt nicht geben, denn der Marxismus ist international. Wenn doch in Holland etwas Nationales in dem Marxismus wäre, so meine ich, daß das auf die spezifischen Verhältnisse unseres Landes zurückzuführen ist, und wir brauchen uns darüber nicht zu freuen. Marxisten, wie Pannekoek und Gorter, gehören meines Erachtens zu den besten Köpfen der Kommunistischen Internationale. Aber die Tatsache, daß sie leben und wirken in einem Lande, wo leider keine Massenbewegung vorhanden ist, wo unsere Partei noch keinen fortwährenden lebendigen Zusammenhang mit den Massen hat, wirkt leider dahin, daß sich leicht etwas Einseitiges in der Auffassung herausbildet. Deshalb ist es so schade, daß diese zwei ausgezeichneten Vertreter des Marxismus nicht in Moskau, nicht hier auf dem Kongreß anwesend sind. Genosse Pannekoek ist beruflich zurückgehalten worden, und was Genossen Gorter anbetrifft, so weiß ich, daß er sicher kommen wollte. Ich glaube auch, zu wissen, daß er abgereist ist, bis jetzt ist es ihm jedoch nicht gelungen, Moskau zu erreichen. Ich hoffe sehr, daß er noch kommen wird, und daß er selbst seine Anschauungen hier verteidigen wird.
Es ist jedoch möglich, daß er Moskau nicht erreicht, und deshalb möchte ich das Folgende sagen: Es ist voriges Jahr eine Broschüre vom Genossen Pannekoek, welche übersetzt wurde, hier auf dem Kongreß verteilt worden. Alle anwesenden Genossen, alle Delegierten konnten sich mit seinen Anschauungen vertraut machen. Das war eine sehr noble Art, den Genossen Pannekoek zu behandeln, und ich wünsche, daß man den Genossen Gorter auch so nobel behandelt hätte.
Genosse Sinowjew hat gestern gesagt, es sei vorgeschlagen worden, seine letzte kleine Broschüre und auch die Broschüre der K.A.P.D., an der Genosse Gorter mitgearbeitet hat, zu übersetzen. Gen. Sinowjew meinte, das lohne sich nicht. Nun, ich erkläre, daß es meines Erachtens nach ein Unrecht wäre, Gen. Gorter nach dieser Broschüre zu beurteilen, und wenn man seinen Standpunkt in diesen Fragen kennen will, so kann ich sagen, daß in seinem offenen Brief an Gen. Lenin schon das Wesentlichste enthalten ist. Wenn dieser Brief noch nicht aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt worden ist, so hoffe ich, daß es noch geschehen wird. Weiter habe ich in Nummer 17 der Kommunistischen Internationale den stenographischen Bericht der Rede des Gen. Trotzki gefunden, die er im Exekutivkomitee gegen die Rede des Gen. Gorter gehalten hat. Gen. Trotzki besitzt zu seinen andern großen und tiefen Fähigkeiten auch diese eine, ein glänzender Polemiker zu sein. Wenn man diese Rede liest, kann man sich davon überzeugen, daß er auch das große Talent hat, alle Schwächen seines Gegners herauszufinden. Jedoch die Rede des Gen. Gorter fehlt in der Kommunistischen Internationale, und es scheint mir, als wäre es doch gerecht, daß man die Anschauungen des Gen. Gorter nich nur aus der glänzenden, psychologischen Rede des Gen. Trotzki kennen lernt, sondern auch aus seinen eigenen Worten.
Jetzt noch ein paar Worte zu meiner Mitarbeit am Organ der K. A. P. D. „Proletarier“. Gen. Sinowjew hat mir gestern einen leisen Tadel darüber erteilt, zwar in einer gezuckerten Pille, aber auch in dieser Form muß ich den Tadel zurückweisen. Soviel ich weiß, besteht gegen die Organe der K. A. P. D. noch keine Blockade, und es ist mir ebenso freigestellt, daran mitzuarbeiten, als ich an anderen internationalen Parteiorganen mitarbeite. Ich will dazu noch folgendes bemerken. Ich für mein Teil, wenn ich auch nicht den Standpunkt des Gen. Frölich teile, betrachte es absolut als meine Pflicht, an den Organen der K.A.P.D. und nicht nur der V. K.P.D. mitzuarbeiten. Und ich tue dies mit Freuden. erstens, weil ich mit gewissen Anschauungen, gewissen Programmpunkten und taktischen Anschauungen der K. A. P. D. einverstanden bin, zweitens aber. weil ich ihren ehrlichen revolutionären Willen schätze, der sich auch in Taten gezeigt hat. Gen. Trotzki hat gesagt, diesen gleichen revolutionären Willen schätzen wir auch an der sogenannten französischen Linken. Meines Erachtens existiert eine französische Linke noch nicht. Also ich glaube, ich kann auch weiter meine Mitarbeit an dem Organ der K. A. P. D. ruhig fortsetzen. Ich hoffe jedoch. daß dies nicht mehr für lange Zeit notwendig sein wird. Ich hoffe, daß es der K. A. P. D. möglich sein wird, sich selbst zu überwinden und innerhalb einer gewissen Frist zur Verschmelzung mit der V. K. P. D. zu kommen. Ich bin gegen das Bestehen solch kleiner Sonderparteien. vielleicht, weil ich in Holland in kleinem Maßstab durch die Erfahrung vieler Jahre gesehen habe, welches Leid das einer Partei bringen kann. und wie schwer es dann ist, den richtigen Weg einzuhalten, Ich glaube, daß man, wenn man in großen taktischen Fragen nicht übereinstimmt, mehr Möglichkeiten hat, eine Partei auf den richtigen Weg zu bringen, wenn man innerhalb derselben wirkt, als wenn man abseits steht. Es ist meine Überzeugung, daß wir die „Linke“ sind, die „Linke“ sein wollen, daß wir uns in solchen Fällen zu allererst der internationalen Disziplin unterwerfen, weil für uns die Einheitlichkeit der Aktion, die taktische Einheit des Proletariats eine Frage des Prinzips ist. (Lebhafter Beifall.)
Neumann (oppositionelle Gruppe der V.K. P. D.). Genossen und Genossinnen! Die scharfe Kritik, die der Gen. Sinowjew gestern an der K. A. P. D. geübt hat, war im vorigen Jahre auf dem II. Weltkongreß genau so berechtigt, wie heute. Und trotzdem die Exekutive die Stellung der kommunistischen Arbeiterpartei gekannt hat und sich über die Praxis und Theorie der K.A.P.D. garnicht im Unklaren sein konnte, wurde die Kommunistische Arbeiterpartei gegen den Willen der deutschen Zentrale als sympathisierende Partei in die III. Internationale aufgenommen. Diese Aufnahme der K. A. P. D. hatte nun zwei Wirkungen. Ich bin mir sehr wohl bewußt, welchen Gedankengängen die Exekutive folgte. Aber keiner dieser Gedankengänge traf zu. Weder ist durch die Tätigkeit der Kommunistischen Arbeiterpartei die revolutionäre Arbeit der V.K.P.D. irgendwie vorwärts getrieben worden; denn dazu war wirklich die Kommunistische Arbeiterpartei nicht notwendig, und zweitens ist sie eine Partei, die nach dem Vereinigungsparteitag eigentlich fast bedeutungslos wurde. Wir konnten ziemlich feststellen, die K. A. P. D. dadurch, daß sie als sympathisierende Partei aufgenommen wurde, künstlich belebt wurde. Wir mußten überall feststellen, daß in den Betrieben und bei sonstigen Gelegenheiten, wo Arbeiter in großer Zahl zusammenkamen, die revolutionären Teile der K.A. P. D. den Willen hatten, sich der V. K. P. D. anzuschließen, und wir konnten in vielen Fällen die Beobachtung machen, daß große Teile der Kommunistischen Arbeiterpartei einfach aus der K. A. P. D. zur V. K. P. D. übertraten. Dieser Prozeß hatte in dem Augenblick fast automatisch ein Ende, als die Kommunistische Arbeiterpartei als sympathisierende Partei aufgenommen wurde. Und weiter hatte die Aufnahme der K. A. P. D. noch eine andere Wirkung. Der deutsche Arbeiter sah infolge seiner 50jährigen gewerkschaftlichen Organisationsarbeit in der Kommunistischen Arbeiterpartei nicht nur die politische Partei, sondern er sah darin auch die Betriebsorganisation, die ja ganz automatisch mit der Kommunistischen Arbeiterpartei verbunden ist. Und die Arbeiter, die in den Gewerkschaften standen, waren sich sofort darüber klar, daß hier eine Sympathie vorliegen muß zu der anderen Form der Kommunistischen Arbeiterparteiorganisation, nämlich zur B.O. Und diese von den Arbeitern aufgefaßte Sympathie hatte beträchtliche nachteilige Folgen für unsere Arbeit in den Gewerkschaften und in den Betrieben. Die Gewerkschaftsbürokratie stürzte sich natürlich sofort auf diese Stimmung der indifferenten Arbeiter. Diese Stimmung griff auch über auf die Reihen der V. K. P. D. selbst, so daß die Frage der B.O. und der ständigen Propaganda der V. K. P. D. und die Stellung der K. A. P. D. als sympathisierende Partei eine Wirkung auf die Arbeiter in der Vereinigten Kommunistischen Partei selbst hatte. Und Genossen, wir können heute feststellen, daß in einem Teil der V. K. P. D. die Propaganda der kommunistischen Arbeiterpartei nicht nur Sympathie gefunden hat, nämlich in der Frage der Zerschlagung der Gewerkschaften, sondern sogar eine gewisse Unterstützung. Und das liegt daran, daß die K. A. P. D. überhaupt durch die Exekutive aufgenommen wurde, und daß die Exekutive nicht immer wieder die Stellung der K. A. P. D. zu den Organisationen klar betont hat. Das Gefühl, das die Kommunistische Arbeiterpartei der V. K. P. D. entgegenbrachte, war wirklich alles andere, nur nicht Sympathie. Denn wenn Sie ihre Zeitungen durchlesen, so werden Sie finden, daß es in Deutschland keine größere Verbrecherbande gibt, als die V. K. P. D. Das können sie alle Montage in der Zeitung lesen. Und diese Erschwerung unserer Arbeit hätte sich die Exekutive vor Augen halten müssen, als sie jenen Beschluß faßte, die K. A. P. D. als sympathisierende Partei in die Internationale aufzunehmen.
Und wenn man die Genossen von der K.A.P.D. sprechen hört, und speziell die Delegierten der anderen Staaten, so denken sie staunend, über welch großen Wirkungskreis die K. A. P. D. verfügt. Wenn ein Drittel von dem vorhanden wäre, was die Kommunistische Arbeiterpartei an Einfluß zu haben vorgibt, so wäre es sehr gut um diese Partei bestellt. Das trifft aber nicht zu. Und diese Organisationen dienen tatsächlich — das haben wir mehrere Mal festgestellt, — als Hilfsmittel für die Gewerkschaftsbürokratie;, die Gewerkschaftsbürokratie wirft heute die B.O., die V.K.P.D. und die K.A.P.D. in einen Topf, zum Schaden der Entwicklung der Arbeit der Vereinigten Kommunistischen Partei in den Gewerkschaften für die Überwindung der Gewerkschaftsbürokratie. Es ist schwer, den Arbeitern das auszureden. Es ist daher für uns klar, daß die Exekutive und der Kongreß ganz klar Stellung nehmen müssen zu dem Standpunkt, den die Kommunistische Arbeiterpartei in Zukunft einzunehmen hat. Es kann nicht gehen, daß der Internationale eine Partei angehört, die zwar mit ihr sympathisiert, und trotzdem ständig an jedem Ort und in jeder ihrer Zeitungen das Programm dieser Internationale in Grund und Boden ablehnt. Für eine derartige Sympathie muß sich die III. Internationale bedanken. Und darum ist die Frage so, daß der Kongreß sich klar entscheiden muß. Und wenn ich die Genossen, die vor mir sprachen, gehört habe, als sie sagten, die K. A. P. D, solle sich mit der V. K. P. D. verständigen, so erkläre ich, daß diese Versuche nicht einmal, sondern 5, 7, 20 Mal gemacht worden sind. Und die K. A. P. D. sagt, sie denke gar nicht daran, ihre Stellungnahme zu ändern. Und deswegen sagen wir, daß die Aufnahme der K. A .P. D. als sympathisierende Partei falsch war, weil wir in Deutschland genau wußten, daß die Wirkung dieser Aufnahme so ausfallen mußte, wie sie ausgefallen ist. Wenn einzelne Teile der Partei anderer Meinung waren, so werden sie heute der Überzeugung sein, daß es ‚stimmte, was wir damals sagten.
Ich möchte zum Schluß noch sagen, daß der Kongreß dafür sorgen möge, daß die Exekutive sich an die Grundsätze des Kongresses zu halten hat, damit ähnliche Vorkommnisse, die die Arbeit der nationalen Sektionen erschweren, unterbleiben, damit wir vor derartigen Situationen in Zukunft bewahrt werden. (Lebhafte Zustimmung.)
Ceton (Holland). Genossinnen und Genossen, eine Kurze Erklärung unserseits ist notwendig. Man spricht so oft hier über die holländische Schule und es kann den Anschein haben, als sei die holländische Partei eine Partei, welche die Richtung der K. A. P. vertritt. Das ist keineswegs der Fall. Es ist nicht so und es war nie so. Im Gegenteil. Vielleicht gibt es keine Partei auf dem Kontinent, welche immer so bewußt einverstanden war mit der Taktik der russischen Partei, mit der Taktik der Exekutive, als die unsrige. Wir haben schon von Anfang an in Wort und Schrift die russische Revolution fortwährend verteidigt, und wir bestehen schon lange. Befindet sich die Hochschule der K. A. P. wirklich in Holland? Nein. Diese Richtung hat in unserm Lande nur sehr, sehr wenig Bedeutung.
Wenn Genossin Roland-Holst, die die Minorität in unserer Partei vertritt, sagt, Pannekoek und Gorter seien die besten Köpfe der Internationale, so können wir nur sagen, Pannekoek und Gorter waren es einmal, sie sind es jetzt nicht mehr. Wenn die Gen. Roland-Holst diese beiden Genossen damit entschuldigt, daß sie in einem Lande ohne Massenbewegung leben und daß mit den Massen kein Zusammenhang besteht, so ist das nicht vollkommen richtig. Diese beiden Genossen haben nicht das Recht, dies zu erklären, weil sie sich nie an der Agitation beteiligt haben. Wir arbeiten, sie nicht. Weder Pannekoek noch Gorter. Sie schreiben nie einen Artikel für die „Tribune“, für unser Tageblatt. Kann man diese beiden Genossen, die sich Parteigenossen und Mitglieder unserer Partei nennen, kann man sie damit entschuldigen, daß man sagt, es gebe in Holland keine Massenbewegung? Das ist nicht vollkommen richtig. Massenbewegung in der Weise, wie in Rußland und Deutschland, gibt es bei uns wohl nicht. Aber eine revolutionäre Bewegung gibt es bei uns in Holland auch. Doch nehmen diese beiden Genossen nicht daran teil. Dadurch wird es leicht erklärlich, daß diese beiden Genossen, Pannekoek und Gorter, sich so leicht irren. Wenn man außerhalb der Bewegung steht und dann eine taktische Linie feststellt. dann wird, das kann man sagen, diese Taktik unrichtig werden, weil die Taktik immer nur zustande kommen kann im Zusammenhang mit den Massen, im Zusammenhang mit der eigenen Bewegung. Und deshalb ist es gut. daß wir hier auf diesem Kongreß wissen. daß diese beiden Genossen, die die Hochschule der K. A. P. D. darstellen, dies nicht im Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung Hollands tun. (Lebhafte Zustimmung.)
Michalak (Polen). Genossinnen und Genossen. bevor ich zu dem Bericht der Exekutive spreche. will ich zuerst einige Worte sagen über die Verbindung zwischen unserer, der Polnischen Kommunistischen Partei. und der Exekutive. Die Verbindung zwischen der Polnischen Kommunistischen Partei und der Exekutive war bis zu den letzten Monaten fast gar nicht vorhanden. Wir leben nämlich in einem Lande. das zu einem Waffenlager geworden ist, das auf allen Grenzen immer Streitigkeiten hat und auf allen Grenzen von Waffen starrt. Darum ist die Verbindung unserer Partei mit der außerpolnischen Bewegung fast unmöglich gewesen. Unsere Partei wurde Ende des Jahres 1918 gegründet und war also die erste kommunistische Partei nach der Bildung der Russischen Kommunistischen Partei. Wir mußten dennoch in Polen die Fragen unserer Parteitaktik, unserer Parteiorganisation nicht nur selbständig lösen, sondern auch ohne jede Einwirkung von außen, ohne jede Mitarbeit mit der Außenwelt. Selbstverständlich beschäftigen auch uns alle die Fragen, die die Exekutive zu lösen hat. So z. B. die Frage der Arbeit in den Gewerkschaften. Wir haben sie von Anfang an in dem Sinne entschieden, in dem sie die Exekutive und die Internationale anderthalb Jahre später gelöst haben. Wir wollten immer eine Massenpartei sein, und wir wollten immer in den Gewerkschaften arbeiten. Obwohl wir früher vor der Kriegszeit sogenannte Parteigewerkschaften hatten, haben wir in der nächsten Periode im Jahre 1919 gemeinsame Gewerkschaften gebildet.
Unsere Arbeit, unsere Leistung in den Gewerkschaften ist so gut, daß wir trotz der schwierigsten Umstände, unter denen wir arbeiten, mit gutem Resultat hervortreten können. Darüber wird in einem anderen Zusammenhange gesprochen werden. Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß wir in dieser Frage, wie in der Frage der Massenpartei insofern in schwierigen Umständen leben, da wir, ebenso wie in zaristischen Zeiten, bis jetzt noch eine illegale Partei sind. Und weil wir dies sind, ist die Aufgabe um so schwerer für uns, eine Massenpartei zu werden. Eine Massenpartei zu werden und in den Gewerkschaften zu arbeiten ist indessen so wichtig, daß wir uns, die ganze Partei, mit vollen Kräften darauf geworfen haben. Ich sage also, in dieser Beziehung waren wir immer mit der Internationale einverstanden, mit der wir, wie schon erwähnt, keine organisatorische, keine politische Verbindung hatten.
Nun die andere Frage, über die Genosse Sinowjew sprach, die Frage der italienischen Partei. Sobald unsere Zentrale, unsere Partei das nötige Material und die Kenntnis der Angelegenheit erhalten hatte, erklärten sich nicht nur das Zentralkomitee, sondern auch die Parteikonferenz in dieser Frage absolut mit der Exekutive einverstanden. Ebenso bei vielen andern Fragen, auch bei der Frage der französischen Partei waren wir sehr erfreut, als wir von der Spaltung und von dem Erscheinen der Genossin Zetkin auf dem Parteitag in Tours hörten.
Für uns gab es indessen eine spezielle taktische Frage, von der Sie, Genossen, wahrscheinlich keine Ahnung hatten. Wir grenzen bekanntlich direkt an Sowjetrußland und die Sowjet- Ukraine. Wir hatten uns zuerst die Frage stellen müssen: Wie verhalten wir uns zu einem eventuellen Kriege zwischen Sowjet-Rußland und dem bürgerlichen Polen. Im Anfang.des Jahres 1919, im Januar oder Februar schrien unsere Sozialpatrioten: da kommt der bolschewistische Imperialismus, da kommt die Rote Armee, die Invasion nach Polen. Da hatte unsere Partei diese Frage nicht nur für sich selbst gestellt, ob die russische Rote Armee das Recht hat, zu uns zu kommen. Wir haben die Frage im Februar 1919 beantwortet in dem Sinne: Jawohl, die russische Armee hat das Recht, zu uns zu kommen, die polnischen Proletarier haben das Recht, Unterstützung von der russischen Roten Armee in ihrem Kampfe gegen das bürgerliche Polen zu verlangen. Wir haben das in öffentlichen Versammlungen erklärt. Wir hatten damals noch einen Arbeiterrat in Warschau, und obgleich unsere Genossen oft nach solchen Reden verhaftet wurden, hatten sie dennoch den Mut, im Arbeiterrat die Frage aufzustellen und in dem Sinne meiner Ausführungen zu beantworten, Als die Frage später, im vorigen Jahr, bei dem Vorrücken der Roten Armee auftauchte, haben alle unsere Organisationen ohne Ausnahme, das muß ich ausdrücklich feststellen. absolut die Rote Armee für unsere eigene Armee, die polnische Armee für die Armee unserer Feinde gehalten. Es waren darüber keine Meinungsverschiedenheiten vorhanden. So auch in der Frage, die hier ein Genosse von der K. A. P.D. aufgeworfen hat. In der Frage, hier Sowjet-Rußland, ein Staat, und dort die internationale, die westeuropäische Revolution, sowie die Frage der Roten Armee. Wir haben absolut keinen Unterschied gemacht. Unsere Arbeiter verstehen nicht, wie man unterscheiden kann, zwischen Sowjet-Rußland, der russischen Partei. ihren Aufgaben und den Aufgaben irgend einer Partei in Westeuropa.
In dieser Beziehung besteht für unsere Arbeiter kein Unterschied. Die russische Sowjetmacht ist unsere Macht. Zwischen Sowjet-Rußland, seinen Aufgaben und den Aufgaben der Internationale gibt es keinen Unterschied, keine Gegensätze, und kann es keine geben. Wer die Sache anders auffaßt, ist kein Kommunist. Das wollte ich Ihnen in Kürze schildern.
Dann muß ich noch sagen, wir werden Ihnen bei einer späteren Gelegenheit in einer Erklärung unsere Auffassung über die Tätigkeit des Exekutivkomitees vorlegen. Ich kann Ihnen aber jetzt schon erklären, wir sind mit der Tätigkeit des Exekutivkomitees voll und ganz einverstanden. (Lebhafter Beifall.)
Seemann (K. A. P. D.). Genossen und Genossinnen! Der Vorredner hat noch einmal auf einen Punkt hingewiesen, worüber uns auch Sinowjew schon Vorwürfe gemacht hatte, und zwar bezeichnet er unsere Kritik an der russischen Staatspolitik als in einer Linie mit Dittmann stehend. Ich werde auf das Thema selbst nicht weiter eingehen, das wird später noch geschehen.
Wogegen ich mich abermals verwahren muß, ist die Methode, jede Kritik, die geübt wird, einfach als konterrevolutionär zu bezeichnen. Diese Methode bedeutet weiter nichts, als die Abwürgung jeder Opposition überhaupt, und beweist, daß man für die Notwendigkeit einer Opposition gar kein Verständnis hat. ohne die ein so großer Organismus wie die Internationale einfach zur Stagnation verurteilt ist. Ich möchte Ihnen da ein Beispiel geben. Clemenceau und Karl Liebknecht haben beide behauptet, daß der Krieg kein Verteidigungskrieg war. Ich glaube aber nicht, daß irgend jemand hier in diesem Saale, auch Gen. Sinowjew nicht, aus dieser Übereinstimmung eine Identifikation beider vornimmt. Ebenso lächerlich ist es, wenn man uns mit Dittmann identifiziert. Ich will aber zeigen, was eine Opposition bedeutet und wofür sie da ist, und daß man nicht mit einer solchen Methode gegen sie vorgehen soll, nur damit sich darunter jeder Fehler verstecken kann.
Es wird uns zum Vorwurf gemacht, daß wir mit solcher Schärfe auftreten. Wir haben geglaubt, hier nicht in einer höheren Töchterschule zu sein. Wir haben diese Methode von den russischen Genossen gelernt. die immer ganz scharf und ganz energisch vorgehen, wenn sie etwas falsch finden. Sie fügen das Wort „brüderlich“ mal dazwischen und benutzen dieselben scharfen Worte.
Ich habe noch zu zeigen, wie unsere Opposition gewesen ist. Ich will darüber Rechenschaft ablegen, daß für uns die Frage der III. Internationale gar nicht einfach ist, und wir sie nicht leicht nehmen. Wir haben gezeigt, wie fruchtbar die Opposition ist, und es ist leider der Fehler der Exekutive gewesen, von dieser fruchtbaren Opposition keinen Gebrauch zu machen. Vielmehr hat man systematisch dafür gesorgt, daß unsere Presse hier in Moskau den Delegierten der Exekutive nicht vor die Augen kommt.
Ich komme jetzt zu den praktischen Beispielen. Wir haben monatelang vor der Märzaktion den schärfsten Kampf gegen die Methode geführt, mit der die Presse der V. K. P. D. die Aufklärung der proletarischen Öffentlichkeit betrieben hat. Wir haben darauf hingewiesen, daß große Massen gar nicht in der Lage sind, sich so schnell umzustellen, wenn sie monatelang von ihrer Presse anders bearbeitet worden sind. Hier war der Exekutive die Möglichkeit gegeben, hier hatte sie eine Presse, aus der sie hätte lernen können, die ihr den verhängnisvollen. Weg, den die V. K. P. beschritten hatte, schon zeigte, ehe es zu spät war, wie in der Märzaktion. Was wir im Januar gesagt haben, das haben später, im April und Mai, die Genossen Sinowjew und Radek gesagt. Sie sagten wörtlich das, was wir vorher der Exekutive gesagt hatten. Als Levi noch an seinem Platz stand. haben wir einen Artikel geschrieben: „Gehört diese V. K. P. D. zur Internationale?“ Darin hat das gestanden. was nachher Sinowjew und Radek bestätigt haben, nämlich, daß die Presse der V. K. P. selbst es gewesen ist, die in den Monaten vor der Aktion durch ihre opportunistische Haltung verursachte, daß in der Aktion dann große Teile der Partei (die Aktion sabotierten. Man soll nicht gleich eine Methode einführen. die auf die Dauer jede Opposition einfach abschneidet.
Genosse Frölich hat leider unsere Zeitungen auch nicht besser gelesen als die Exekutive. obgleich er mehr Gelegenheit dazu hatte. Er kommt zu den handgreiflichsten Dummheiten. Sie behaupten. daß wir naive Narren sind. daß unsere ganze Einstellung zu den politischen Tagesfragen falsch gewesen ist. Sie sagen. daß das besonders eklatant in der Reparationsfrage zum Ausdruck kam. Das ginge die Proletarier gar nichts an, hätten wir geschrieben. Nein, das haben wir nicht geschrieben. Wir haben allerdings nicht auf einen drohenden Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich hingewiesen, weil. wie sich jetzt jeder überzeugen kann. ein solcher Konflikt gar nicht vorliegt. sondern weil sich eine ernsthafte Verständigung der Bourgeoisie anbahnt. Wir haben gesagt. darauf hat das Proletariat sehr zu achten und nicht zu warten auf einen Konflikt mit Frankreich.
Das Wesentliche ist: Unterbinden Sie nicht eine Kritik. die in einen organischen Körper, der so viele Kategorien von Arbeitern aus allen Ländern umfaßt. notwendig vorhanden sein muß; selbst wenn eine solche Opposition auch einmal einen Fehler machen sollte. das schadet nichts. Ich erinnere Sie an den vorigen Kongreß. Das Stigma dieses Kongresses waren die beiden Ehrenpräsidenten, die neben Sinowjew saßen, Serrati und Levi. Sorgen Sie dafür. daß das Stigma des jetzigen Kongresses nicht sein wird, daß die K. A. P. D. gezwungen wird, aus der III. Internationale auszutreten. (Zuruf Radeks: Und wo ist Rühle? Seemann: Nicht in K.A.P.D.)
Gennari (Italien). Genossen, die italienische Delegation wird noch Gelegenheit haben, über die Angelegenheiten, die speziell das italienische Proletariat angehen, zu sprechen. Die italienische Delegation ist vollständig damit einverstanden, was die Exekutive in der italienischen und den anderen Fragen verfügt hat. Die bisherigen Kundgebungen über die italienische Partei sind indessen nur ein kleiner Teil dessen, was man über die Tätigkeit der Sozialistischen Partei Italiens sagen könnte. Es wird noch dazu kommen, daß man mit neuen Argumenten gegen die Sozialistische Partei Italiens wird herantreten müssen. Im Falle, wenn sie hier den Anschluß an die Dritte Internationale verlangen wird, werden Sie noch darüber zu sprechen haben. Die Italienische Kommunistische Partei, die so viel durch die Fehler Serratis gelitten hat, die so viel in ihrer organisatorischen Bewegung durch Serrati beeinträchtigt worden ist, deren Illusionen, die sie Serrati gegenüber gehegt hat, zerstört worden sind, erachtet es nach den Erfahrungen, die sie mit Serrati und den Zentristen gemacht hat, für ihre Pflicht, festzustellen, welche Gefahren es für die tschechoslowakischen Proletarier, wie auch für die Proletarier aller Länder 'n sich birgt, wenn man gegen Smeral und andere Opportunisten und Zentristen dieselbe Taktik anwendet, die gegen Serrati und andere Zentristen bisher angewendet worden ist.
Die italienische Partei hat die Pflicht, darüber hier zu sprechen. Wir kennen das tschechoslowakische Proletariat. Wir kennen seinen revolutionären Geist und die Ursachen, warum dieses Proletariat seine Führer nach Moskau geschickt hat. Wir brauchen aber Garantien gegen den Opportunismus der Zentralisten des Typus Smeral. Der Bericht der tschechoslowakischen Delegation erinnert in gewissen Punkten an die Artikel, an die Berichte, an die Schriften Serratis, dort, wo sie sagen, daß es keine Zentristen und Opportunisten in der tschechoslowakischen Partei gab, und wo sie verlangen, das man dem nächsten Kongreß eine Resolution in diesem Sinne vorlegen soll. Es ist unerklärlich, weshalb die Exekutive Smeral so viel Vertrauen gewährt hat. Er hat während des Krieges den österreichischen Imperialismus verteidigt, während der Krönung Kaiser Karls eine Delegation nach Budapest geschickt, verfügt, daß nach der Schlacht am Isonzo ein Telegramm an Boroević abgeschickt werde. Nach dem Krieg kam er nach Moskau. in dem Augenblick, wo die ganze tschechoslowakische Partei das Vertrauen zu ihm verlor, wo er in der Tschechoslowakei keine Popularität mehr hatte. Er kam zu Gen. Sinowjew und verlangte von ihm die Eröffnung eines Kredits. Es ist schade, daß man ihm diesen Kredit gewährt hat. Welchen Gebrauch hat er von diesem Kredit gemacht?
Smeral behauptete, ein Kommunist zu sein, das bedeutete ihm nur, Sozialdemokrat zu sein und an die Ziele des Kommunismus zu glauben, ohne sie verwirklichen zu wollen. Durch die Zugeständnisse der Exekutive hat Smeral alle Möglichkeiten gehabt, die Konstituierung der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei in die Länge zu ziehen. Er wollte, daß die kommunistische Partei weiter den Namen der sozialistischen Partei trage. Die Beschlüsse der Exekutive, die die Rekonstruierung der tschechoslowakischen Partei forderte, sind der Masse, den Proletariern verschwiegen worden. Wir wissen nicht aus welchem Grunde. Ein Redakteur des „Rude Pravo“ hat nach dem Dezemberstreik einen Artikel gegen Sowjet- Rußland und gegen die Kommunistische Internationale geschrieben. Ein anderer Redakteur hat gegen Sowjet-Rußland gesprochen. Gegen diese Elemente haben die kommunistischen Genossen in der Tschechoslowakei Stellung genommen. Sie verlangten die Ausschließung dieser Redakteure, Smeral verteidigte sie. Wir hoffen, daß diese Erfahrungen, die wir mit Smeral, Levi und Serrati gemacht haben, der Exekutive und diesem Kongreß lehrreich sein werden. Wir wollen vermeiden, daß es noch einmal zu solchen Desillusionierungen komme, und darum verlangen wir erstens, daß Smeral nicht mehr auf seinem Führerplatz bleibe, zweitens, daß die Exekutive einen Aufruf an das Proletariat der Tschechoslowakei verfasse, und es auf alle diese Schwächen und die Gefahren des tschechoslowakischen Opportunismus aufmerksam mache, drittens, daß man einen Aufruf an die Proletarier aller Länder richten soll, in dem der Kampf gegen die Zentristen und gegen die Opportunisten verlangt wird. Im Namen der italienischen Delegation erkläre ich folgendes:
In Anbetracht der Erklärungen der tschechoslowakischen Delegation schlägt die italienische Delegation vor, in der Sitzung des Exekutivkomitees die von demselben abgegebenen Erklärungen gutzuheißen und — diese ergänzend — noch festzustellen:
daß die Internationale nicht nur von der Tätigkeit Smerals abrücken, sondern außerdem Smeral verbieten muß, einen führenden Posten in der Partei einzunehmen, 2. daß man an das tschechoslowakische Proletariat, das in die große Familie der Kommunistischen Internationale eingetreten und von dieser mit vollem Vertrauen aufgenommen worden ist, einen Aufruf richtet, in welchem alle opportunistischen Abweichungen Smerals und seiner Freunde zusammengestellt sind, in welchem weiter die Gefahr dargestellt ist. die der Partei drohen würde, falls sie auch weiter führende Posten einnehmen würden.
daß die Internationale den Kampf weiterführt und sogar womöglich steigert, den sie in allen Ländern eingeleitet hat gegen allerlei Zentristen und Opportunisten, die sich in unserer Partei eingenistet haben, um die Gefahr abzuwenden, daß sich Enttäuschungen und Niederlagen in unserem Kampfe für die proletarische Revolution wiederholen.
Heckert (Deutschland). Genossen und Genossinnen. Die italienische Frage hat in der deutschen Partei eine Krise hervorgerufen, und zwar aus folgenden Gründen. In der deutschen Kommunistischen Partei war ein Teil der führenden Elemente der Meinung, die Spaltung, die sich in Livorno vollzogen hat, wo sich die kommunistischen Elemente der Italienischen Sozialistischen Partei von den Serratianern trennten, wäre von der Exekutive provoziert worden; die Exekutive habe die Absicht, den Weg, den sie auf dem II. Weltkongreß eingeschlagen habe, zu verlassen und aus den Massenparteien wieder Sekten zu machen. Und weil das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale angeblich die Absicht habe, aus den kommunistischen Massenparteien durch Reinigung wieder Sekten zu machen, erklärten diese Genossen, die Spaltung in Livorno habe eine symptomatische Bedeutung für die fernere Entwicklung der Internationale überhaupt. Und man müsse jetzt Einspruch gegen diese Politik erheben. Die Auseinandersetzungen in der Deutschen Kommunistischen Partei führten dazu, daß ein Teil der führenden Genossen in der Zentrale erklärte, sie seien mit der Mehrheit des Parteiausschusses, der die italienische Frage nicht so bewertete, wie Paul Levi und einige seiner Freunde, nicht einverstanden und sie könnten eine solche Politik, die ins Verderben führe, nicht mitmachen. Wie standen die Dinge? Auf dem II. Weltkongreß, auf dem auch Serrati Vorsitzender war, nahm man an, er werde als ein ehrliches revolutionäres Element nach Hause kehren und die italienischen Arbeiter zum Kommunismus führen. Darin enttäuschte uns aber Serrati.
Er begann sofort nach dem Weltkongreß die Beschlüsse, die hier gefaßt wurden. zu sabotieren. Er kehrte sich nicht an sie. Und anstatt, nachdem er einen kleinen Rippenstoß bekommen hatte, sich endlich zu besinnen und seine kommunistische Pflicht zu erfüllen, schrieb er Briefe und Artikel, in denen er direkt gegen die Kommunistische Internationale Stellung nahm. In dem sogenannten wissenschaftlichen sozialistischen Organ der deutschen Unabhängigen, dem Breitscheidschen,,Sozialist“, erschien am 18. Dezember 1920 ein Artikel Serratis, in dem stand, daß hier in Rußland die Revolution nicht getragen werde von den breiten Massen des arbeitenden Volkes, sondern, daß auf dem Rücken dieses gequälten und teilnahmslosen Volkes eine verbrecherische Sowjetbourgeoisie ihr lasterhaftes Dasein friste. Das war eine Bemerkung, so schroff gegen die Kommunistische Internationale und Sowjetrußland, wie sie auch nicht frecher und deutlicher vorgebracht worden ist von Crispien und Dittmann. Und diese Bemerkungen Serratis hatten einen Zweck, nämlich den, daß er gleich hinterdrein beweisen könne. welch tüchtiger Revolutionär Turati sei, der gegen die Sowjetbourgeoisie, die gegen das gequälte russische Volk ihre schreckliche Politik treibe, Stellung nehme Und nun wurde aufgezählt, was Turati für schöne Reden im italienischen Parlament gehalten habe. Diese seien so rührend gewesen, daß sogar ein Mitglied der späteren Kommunistischen Partei Turati umarmt habe. Wenn, so sagte Serrati, Turati sich in der Sozialistischen Partei so verhält, kann man unmöglich verlangen, wir sollen uns von ihm trennen; die Kommunisten, die in der italienischen Sozialistischen Partei sind, verlangen etwas Unbilliges.
Dann kam der Parteitag von Livorno und zu diesem fuhr Gen. Levi im Auftrage der Deutschen Kommunistischen Partei. Paul Levi ist ja ein Führer, der sich in der Internationale umgeschaut hat. Er mußte Kenntnis haben von diesen Ausführungen Serratis in dem Breitscheidschen „Sozialist“. Aber in Livorno trat Paul Levi in den Verhandlungen, wie uns italienische Genossen noch einmal versichert haben, Serrati nicht entschieden genug entgegen, sondern er unterstützte durch sein Verhalten die Tendenzen, die Serrati vertrat. Serrati wurde. weil er von Levi nicht angegriffen wurde, dreister, er wandte sich gegen die linken Elemente in der italienischen Partei, wollte über den Hinauswurf der Turati und Treves nicht mit ihnen verhandeln, sondern, als unsere kommunistischen Genossen auf dem Parteitag die Frage stellten, entweder mit den Kommunismus und der dritten Internationale. oder mit Turati und Treves, da hielt es Serrati für notwendig. von der Kommunistischen Internationale wegzugehen und den Weg zu den Reformisten einzuschlagen. Und nun behaupteten Levi und einige seiner Freunde in Deutschland, daß, wenn Serrati einen solchen Weg gegangen sei und gehen konnte, dies Schuld der Vertreter sei, die die Exekutive nach Livorno geschickt habe. Die Spaltung sei an einem falschen Platze vollzogen. Es wurde einfach behauptet, hinter dieser Spaltung von Livorno stecke die bewußte Absicht, aus einer Massenpartei wieder eine kleine Partei zu machen. Und als dann auf dem Parteiausschuß die Mehrzahl der Vertrauensleute unserer Partei erklärte. sie könne nicht annehmen, daß Levi recht habe, sondern, daß nach der Kenntnisnahme der Vorgänge in Italien angenommen werden müsse, daß die Führung Serrati ein schändliches Spiel mit den Arbeitern treibe und daher die Spaltung notwendig war, und als man weiter feststellen wollte, ob die Exekutive mit der Haltung der beiden Vertreter, die sie nach Livorno geschickt hatte, einverstanden war, da hielt es Levi für notwendig. die deutsche Parteizentrale, aus der er bereits ausgeschieden war, und auch den ganzen Parteiausschuß zu verhöhnen. indem er sagte: „Wir können auch einen Weg nicht mitmachen und nicht einmal relativ billigen, den die Mehrheit des Zentralausschusses ging. Sie wandte sich an das delphische Orakel, um aus dem Munde der Pythia den wirklichen Sinn des italienischen Vorganges zu erforschen. Wir halten uns Manns genug, aus Vorgängen selbst auf die zugrunde liegenden Grundsätze Schlüsse zu ziehen und danach zu urteilen. Denn gesetzt den Fall, die Mehrheit des Zentralausschusses bekäme von Moskau die ihr konvenierende Antwort, was würde das beweisen? Nichts anderes, als daß auch das Exekutivkomitee sich in der Einschätzung konkreter Verhältnisse und der daraus zwangsläufig einzugehenden Folgen geirrt habe.“
Und weiter sagt Paul Levi in diesem Artikel: „Wir“ — er und seine Freunde, die aus der Zentrale ausgetreten sind — „lehnen es ausdrücklich ab, uns mit Serrati zu identifizieren, noch ihn zu verurteilen; wir lehnen es ab, unser, der Fremden, Urteil über Italien zugrunde zu legen; wir kritisieren vielmehr die Vorgänge in Italien und die Haltung der Exekutive auf Grund der Tatsache, die die Exekutive ihrem Urteil zugrunde legt.“
Obwohl eine große Menge von belastendem Material gegen Serrati vorlag, erklärte Paul Levi: wir lehnen es ab, Serrati zu verurteilen. Aber Serrati ist nicht allein in der sozialistischen Partei, und es gibt nicht nur einen Fall Serrati. Wir müssen an einen Fall erinnern, der noch frappanter ist. In dieser Italienischen Sozialistischen Partei, die Mitglied der III. Internationale war, ist der Herr D’Arragona. Er fuhr als Mitglied der III. Internationale nach London auf den Kongreß der Amsterdamer Gewerkschaftsbureaukraten und arbeitete dort in einer Kommission zusammen mit Thomas und Fimmen und anderen Verbrechern der Amsterdamer ein Manifest ans, in dem gesagt wird, daß man sich von den Moskauern mit Abscheu abwenden und treu zur Amsterdamer Internationale halten müsse. Das sind die Führer in dieser Italienischen Sozialistischen Partei gewesen, von denen man — nach Levis Meinung — sich nicht trennen konnte.
Genossen, vielleicht haben sich aber die italienische Kommunistische Partei und die Genossen aus der Exekutive, die den Weg dieser Partei unterstützten, dennoch in der Einschätzung dieser Italienischen Sozialistischen Partei geirrt. Vielleicht ist sie doch eine Partei, die Mitglied der III. Internationale bleiben und in ihrem Rahmen wirken wollte. Nun ist es sehr interessant, was der „Avanti“, das Zentralorgan der Serratianer oder Turatiner — Serrati ist mittlerweile von der ersten Führerkategorie in die zweite hinabgesunken — in einem Artikel schreibt. „Avanti“, das Blatt der Serratipartei, deren Delegierte — ich glaube, sie sind schon in unseren Reihen — die Genossen Lazzari, Maffi und Riboldi hierher gekommen sind, um die Kommunisten, die sich von ihnen getrennt haben, zu desavouieren —, schreibt in einem Artikel vom 16. Juni 1921 über den Kongreß in Moskau folgendes:
„Die Delegation ist nicht voller Hoffnung, wie diejenige des letzten Jahres, und nimmt nicht ohne Vorbehalt und mit Begeisterung die Zustimmung unserer Partei mit sich für die Leitung der internationalen Bewegung. ... Die Ereignisse haben uns und unserer Auffassung von Tag zu Tag mehr Recht gegeben, nicht nur in Italien, sondern auch in vielen anderen Ländern.
In Frankreich ist die kommunistische Bewegung ziemlich mehr rechtsstehend, wie diejenige der Sozialistischen Partei Italiens. In Deutschland haben die schwierigen Fehler der Delegierten des E.K. dazu geführt, daß sich in der Partei eine schwere Krise gezeigt hat, in einer Partei. auf die man große Hoffnungen gesetzt hat.
Auch selbst in Rußland — wenn unsere Erkundigungen richtig sind — zeigt sich eine Reaktion gegen das Unverständnis und die Störrigkeit. Gewiß wird sich diese Bewegung nicht auf dem Kongresse bemerkbar machen. Gen. Sinowjew ist ein zu geschickter und gewandter Organisator von Kongressen, als daß seine Ansicht nicht stets sichere und breite Zustimmung finde. Aber schon zeigt sich in der Internationale eine weitgehende Ermüdung gegen die persönliche Diktatur, die tatsächlich keine Diktatur des Proletariats ist. sondern eine Karrikatur. (Lebhafter Widerspruch.)
Unsere Genossen — trotz der schweren Verhältnisse — neben Clara Zetkin und Paul Levi und vielen anderen, werden diese Notwendigkeit aussprechen. Wir hoffen. daß das gehört werden wird von denjenigen, die es hören müssen. Diese Kommunistische Internationale kann nicht ein Monopol irgend jemandes sein, und muß leben und sich entwickeln und kämpfen in voller Kenntnis aller Situationen, in ausreichender Bewertung aller proletarischen Tätigkeiten.“
Und das steht in der Nummer des „Avanti“, die gleichzeitig ein Bild bringt, das die italienische Sozialistische Partei in ihrem Kampf gegen Giolitti darstellt. Giolitti erscheint als ein bombenschmeißender Faszist. Dann ist ein Mann dargestellt, der einen Stimmzettel in der Hand hat, was bedeuten soll, daß man durch Stimmzettel den Kampf gegen die Bourgeoisie, die Faszisten führt. (Stürmische Heiterkeit.) Das sind die tapferen Bundesgenossen, die Levi für die Internationale retten wollte und um deretwillen er mit einigen Genossen demonstrativ aus der Parteileitung ausgetreten ist, um so die italienische Frage zu einer deutschen und einer internationalen Frage zu machen, und eine direkte Unterstützung der konterrevolutionären Elemente einzuleiten.
Genossen, wir müssen aus diesem Fall lernen, daß die Internationale unter allen Umständen verhüten muß, daß in ähnlichen Situationen sich Gleiches ereignet, und darum unterstützen wir vollinhaltlich das, was Gen. Gennari zur tschechoslowakischen Frage erklärt hat. Wir betonen, die Exekutive der Kommunistischen Internationale muß der tschechischen Kom. Partei die größte Aufmerksamkeit widmen, damit wir in ihr nicht eine Wiederholung von Livorno erleben, damit wir nicht in Smeral einen neuen Serrati haben. Denn solche Erschütterungen, wie sie die Internationale nach Livorno durchgemacht hat, sind nicht gerade geeignet, uns vorwärts zu bringen. Ich bitte die Exekutive, den Auftrag zu geben, in allen anderen ähnlichen Fragen so zu handeln, wie in der italienischen Frage. (Lebhafter Beifall.)
Malzahn (Oppositionelle Gruppe der V.K.P.D.). Genossen! Ich werde meine Ausführungen auf die Märzaktion in Deutschland beschränken, die der Gen. Sinowjew ja in seinem Bericht behandelt hat. Er erklärte eingangs. als er von der Märzaktion in Deutschland sprach, folgendes: „Wir sprechen offen aus, daß große Fehler gemacht worden sind. Die Theorie der revolutionären Offensive war eine Dummheit, war eine Schwäche. Gott behüte uns vor dieser Theorie.“ An dieser Erkenntnis wollen wir festhalten und wir, die wir in einer sogenannten Opposition stehen, oder als Opportunisten verschrien wurden, wir haben schon damals diese Feststellungen, die der Gen. Sinowjew machte, ganz klar erkannt. Wir sahen die Gefahr in der Deutschen Kommunistischen Partei, in der kommunistischen Bewegung. Weil wir die Gefahr sahen, haben wir mit allem Nachdruck darauf aufmerksam gemacht und in dieser Weise den Kampf gegen diese Einstellung aufgenommen. Genossen, die Zentrale und fast die gesamte Parteipresse haben an dieser falschen theoretischen Einstellung festgehalten und mit allem Nachdruck bewußt diese Theorie der revolutionären Offensive betont.
Wie die Exekutive darüber denkt, das haben Sie, Genossen, ja aus dem Mund des Genossen Sinowjew in allerdeutlichster Form jetzt gehört. Und ich muß schon sagen, daß wir es als Revolutionäre als unsere Pflicht betrachtet haben, weil wir die Gefahr in dieser Form sahen, darauf aufmerksam zu machen. Ich glaube auch, wäre der Gen. Sinowjew in Deutschland gewesen, er hätte keineswegs anders handeln können als wir und hätte die Frage keineswegs anders beurteilt. Ich kann ja bei der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, auf die taktische Einstellung, auf die Vorgeschichte der Aktion nicht eingehen. Das werden wir in reichlicher Weise besorgen, wenn über die Frage der Taktik gesprochen wird.
Genossen, bei dieser Gelegenheit muß ich das eine sagen, daß es die Pflicht aller Delegationen ist, sich gegenseitig nicht etwas vorzumachen, zu übertreiben, sei es nach oben oder sei es nach unten, sondern hier muß klar, offen und ungeschminkt die Wahrheit ausgesprochen werden, damit die Lehren und Konsequenzen aus den Aktionen und Kämpfen, die in den verschiedenen Ländern stattfanden, gezogen werden können. Ich spreche das darum aus, weil Genosse Sinowjew erklärte, daß in Deutschland an den Märzkämpfen eine halbe Million Arbeiter beteiligt waren. Ich glaube, daß der Genosse Sinowjew und auch die Exekutive in dieser Richtung falsch informiert sind. Darum ist es jetzt, wo die deutschen Delegierten, die Zentrale und wir hier sind, unsere Aufgabe, in aller Klarheit festzustellen, welchen Umfang der Kampf in Deutschland angenommen hat. Auf diese Richtigstellung will ich mich heute beschränken und wir haben später bei der Frage der Taktik die Einstellung und die Voraussetzungen weiter in Betracht zu ziehen, die dazu geführt haben.
Wie sieht es nun mit dem Umfang der Bewegung aus? Wie stand die Bewegung außerhalb des Kampfgebietes im gesamten übrigen Reich? Da stellen wir in erster Linie fest, daß in Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Mecklenburg, vom Generalstreik nichts zu sehen war. Wir stellen weiter fest, daß in dem gesamten Süddeutschland, Bayern, Württemberg, Baden ebenfalls von dieser Bewegung nichts zu spüren war. Ferner war im Bezirk Frankfurt a. M., Magdeburg, Anhalt und Hannover keine Spur vom Generalstreik. Was bleibt also noch übrig von Deutschland? Da ist in erster Linie das industrielle Sachsen mit seinem Millionenproletariat zu erwähnen. Hier müssen wir feststellen, daß bei den Kämpfen in diesem industriellen Sachsen nur kleine Gruppen aus einzelnen Betrieben, vielleicht zusammen einige 1000 Arbeiter in den Streik getreten sind. (Lärm und Widerspruch.) Und wie sahen die Dinge in Berlin, dem Zentrum der Industrie, wo der Sitz der deutschen Regierung ist, aus? In Berlin, wo die Arbeiter, ein Millionenheer von Arbeitern, nach dem November 1918, wiederholt den Beweis erbracht haben, daß sie große revolutionäre Kämpfe führen können, wo die Vereinigte Kommunistische Partei auf ihrem Vereinigungsparteitag 350 000 bis 400 000 Mitglieder mustern konnte, wie sah es in diesem Berlin aus? Ca. 4500 bis 5000 Arbeiter haben sich an dem Streik beteiligt. (Lärm.) Genossen, das sind Tatsachen, die wir uns als Kommunisten nicht verschweigen dürfen. Wir müssen ganz klar die Situation erkennen, um die Konsequenzen aus den falschen Voraussetzungen zu ziehen. Und warum sich der Kampf nicht auswirken konnte, darüber werden wir bei der Frage der Taktik ausführlich reden. Wir lassen uns in der Oppositionsstellung zur Zentrale, zu der Einstellung der Aktion von unserem ehrlichen proletarischen Empfinden leiten, daß wir für die Revolution das beste wollen. Wie sah es in Rheinland-Westfalen aus? Im Ruhrgebiet, dem Kohlengebiet, dem wichtigsten Industriezentrum Deutschlands? Hier lagen die Dinge so, daß in den großen Werken von einem Streik nicht die Rede war, sondern lediglich in einem Teil der Schachtanlagen, und dann kann man von einem Teil, von 20 Prozent der Schachtanlagen, reden. Und auch in den Schachtanlagen fanden nur Teilstreiks statt, bis auf wenige Schächte, wo der Streik vollständig war. Aber, Genossen, auch dort war der Streik keineswegs ein allgemeiner zu nennen, sondern man ging an einem Tage aus dem Schacht heraus und am anderen Tage nahm man die Arbeit wieder auf. Es entstand, speziell im Ruhrgebiet, sowie in anderen Teilen durch diese Zerreißung der Arbeiterschaft ein Kampf der Arbeiter gegen Arbeiter. Und die Bezirksleitungen Rheinland und Westfalen sahen sich schon (gegen den Willen der Zentrale) am Mittwoch nach Ostern genötigt, den Kampf, die Parole des Generalstreiks, aufzugeben.
Wie lagen die Dinge an der Wasserkante? In Bremen und Bremerhaven hatten wir einige Teilstreiks, die einige Hundert Arbeiter umfaßten, zu verzeichnen. In Stettin, Kiel, Lübeck haben wir keine Streiks gehabt. In Hamburg lagen die Dinge so, daß die dortige Bezirksleitung an die Hamburger Regierung ein Ultimatum stellte, in dem sie innerhalb dreier Tage die Entwaffnung der Staatspolizei, der Sipo und der Einwohnerwehr forderte, anderenfalls in den Generalstreik getreten würde. Einzelne Werften, Betriebe wurden besetzt und daran schlossen sich Demonstrationen, die mit blutigen Zusammenstößen endeten, an. In ganz kurzer Zeit, in 2 Tagen, waren in Hamburg die Dinge erledigt.
Genossen, ich lege Wert darauf, daß die ausländischen Genossen den Umfang der Bewegung, der Märzaktion in Deutschland, kennen lernen, von der so viel geredet wird, um nachher, bei der Frage der Taktik im Zusammenhang mit diesem Bilde zu der klaren Erkenntnis zu kommen, wie wir in Zukunft zu handeln haben.
Nun bleibt noch das eigentliche Kampfgebiet, Mitteldeutschland, übrig, daran anschließend der Thüringische Bezirk. Mitteldeutschland, das war das Kampfgebiet, wo bei den Arbeitern die Provokation durch den Hörsingschen Einmarsch sichtbar in die Erscheinung trat. Hier haben wir zu verzeichnen, daß die Leuna-Werke mit 22000 Arbeitern, die Kupferschieferbergwerke mit ungefähr 40 000 Arbeitern in den Kampf traten, aber, Genossen, wiederum nicht allgemein, sondern die, die die Dinge kennen, müssen feststellen und zugeben, daß in einem Ort geschossen wurde, während im anderen Ort des gleichen Distrikts gearbeitet und die Arbeiter von bewaffneten Trupps herausgeholt wurden. Das sind Feststellungen, die gemacht werden müssen. Die Zahl der in Mitteldeutschland am Streik Beteiligten kann dennoch auf 120 000 geschätzt werden. Weiter rechnen Sie die übrigen Zahlen dazu, dann können wir, wenn wir die Bewegung hoch einschätzen wollen, sagen, daß sich an dem Streik 200000 bis 220000 Arbeiter beteiligt haben. Das, Genosse Sinowjew, ist die objektive Darstellung der Dinge in Deutschland. Mag einer aus Berlin auftreten und das abstreiten, was hier erklärt wurde, mag einer von Königsberg, Ostpreußen oder anderen Gegenden die Dinge anders darstellen. Wir, die wir von unserem ehrlichen proletarischen Standpunkt aus auch die Revolution in Deutschland vorwärts treiben wollen (Lärm), wünschen, daß die Exekutive und der Kongreß die Dinge klar sehen, um zu der Erkenntnis zu kommen, daß unsere Zentrale sich von falschen Voraussetzungen hat leiten lassen. Das muß abgestellt werden. Ich bitte, von diesem Standpunkt aus die Dinge zu beurteilen. Das ist der Umfang, den die Märzaktion angenommen hatte.
Das ist das Wesentliche, daß man die Dinge überstürzt hat, überhaupt die Sachen nicht auswirken ließ, daß man zum Kampf schritt, ehe überhaupt die brutale Provokation eines Hörsing bei den Arbeitern bekannt wurde.
Und dann zum Schluß noch eins. Wenn die Exekutive in einem Radio nach Deutschland den deutschen Arbeitern sagt: Ihr habt recht gehandelt, kann ich das verstehen, denn die Exekutive konnte einfach in dieser Situation, selbst wenn sie über alle Einzelheiten informiert gewesen wäre, nicht anders handeln. Daß aber Mitglieder der Zentrale, Parteifunktionäre, dazu übergehen und in Parteikreisen dieses Urteil der Exekutive bei der theoretischen Auseinandersetzung über die Richtigkeit ihrer Theorie benutzten, das kritisieren wir.
Denn das war wirklich nicht die Absicht der Exekutive. Davon sind wir fest überzeugt.
Über diese Dinge, über die Lehren des Märzkampfes muß; gesprochen werden, damit wir wirklich in Deutschland die wichtigen Fragen, die uns bevorstehen, vom revolutionären Standpunkt aus lösen können im Interesse der Revolution. im Interesse der Kommunistischen Internationale. (Beifall.)
Münzenberg (Jugendinternationale). Parteigenossen! Man macht der Jugend gern den Vorwurf, daß sie sich zu stark nach vorne dränge. Wir haben deshalb heute abend mit der Wortmeldung gezögert, in der Hoffnung, daß die Vertreter der Parteien sich eher in die Rednerliste einzeichnen werden, vor allen Dingen die Vertreter jener Parteien, die im Verlauf des Berichts ziemlich stark angegriffen worden sind. Wir denken dabei an die schwedische, norwegische und an die Italienische Sozialistische Partei, deren Vertreter hier im Saale bereits anwesend sind. Da es nicht geschehen ist, so wird in diesem Falle die Jugend doch in der vordersten Reihe mitsprechen.
Genossen, wir haben von vornherein zu erklären, daß wir in der Jugend-Internationale — und das ist vom Genossen Sinowjew vorausgeschickt worden — wie in unseren einzelnen Verbänden vollständig und völlig die Taktik gutheißen und billigen, und sie selbst geübt haben, die das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale im Laufe des letzten Jahres durchgeführt hat. Vor allen Dingen billigen wir in der italienischen Frage die Haltung der Kommunistischen Internationale, das kam am klarsten darin zum Ausdruck, daß, als einige Tage nach dem Kongreß in Livorno der Nationalkongreß der italienischen Jugend tagte, von 42000 Mitgliedern sich 40.000 einhellig und stürmisch gegen Serrati und für die Kommunistische Internationale und für die Kommunistische Partei erklärten. Wir billigen auch die Haltung der Kommunistischen Internationale in der Frage Deutschlands. Ich muß schon sagen, der Gen. Malzahn hat eine komische Weise, Klarheit in die Frage der Märzaktion zu bringen. Wenn wirklich das Bestreben bei Malzahn vorhanden war, Klarheit zu schaffen, dann wüßte er so gut wie das jüngste Mitglied irgendeiner Jugendsektion, daß es bei der Bewertung der Taktik und der ganzen Frage der Märzaktion nicht so sehr darauf ankommt, wie weite Kreise mitgerissen wurden, sondern darauf, ob die Partei in jener Situation zum Kampfe aufrufen mußte, daß es nicht darauf ankommt wie groß der Umfang war, sondern warum der Umfang nicht größer war. ... (Lebhafte Zustimmung.) Darum, lieber Genosse Malzahn, wird in der Diskussion durch andere Redner sehr rasch nachgewiesen werden, daß ein großer Teil der Schuld, der Verantwortung mit Recht jene alte durch Levi und seine Gruppe vertretene Einstellung der Passivität trägt. Darauf kommt es an.
Zwischenruf: Wo warst Du?
Münzenberg. Wo war ich? Ich war damals in Berlin und habe mich der deutschen Zentrale zur Verfügung gestellt, es war zu der Zeit, wo wir den internationalen Kongreß vorbereiteten. Darauf, Genossen, kommt es in erster Linie an.
Wir glauben auch, daß die Frage der K.A.P.D. nicht zu einer so schleppenden Krise geworden wäre, wenn schon früher die parlamentarische Fraktion der V.K.P.D. nachdrucksvoll das durchgeführt hätte, was auf dem II. Kongreß beschlossen wurde, nämlich die wirkliche revolutionäre Ausnützung des Parlaments. Wir sind überzeugt, daß die K.A.P. schon früher abgewirtschaftet hätte, wenn die V.K.P. das gewesen wäre, das zu werden sie jetzt in Entwicklung begriffen ist. (Zustimmung.)
Nun Genossen, ich erkläre, die Jugend-Internationale dokumentiert ihre völlige und einhellige Zustimmung zu der Politik der Exekutive auch noch dadurch, daß in der neuen, bevorstehenden Regelung des Verhältnisses zwischen uns und der Komm. Internationale erklärt wird, daß die Zeit vorüber ist, wo die Jugend gezwungen war, wo sie die Möglichkeit hatte, eine eigene, selbständige politische Rolle zu spielen. Wir erklären in neuen Vorschlägen und Thesen, daß es die Aufgabe der Jugend in allen Ländern ist, wo wirklich revolutionäre komm. Parteien bestehen, sich den politischen Parolen dieser Parteien unterzuordnen. (Lebhafter Beifall.)
Aber wir möchten an dieser Stelle den einen Mangel unterstreichen, den Genosse Sinowjew in seinem Bericht zugab, den Mangel der organisatorischen Verbindungen. Wir sind überzeugt, daß diese Frage noch beim alten Traktandum zur Erörterung kommt. Wir möchten aber schon heute auf die große Wichtigkeit dieser Verbindung hinweisen, denn die Organisationsfrage ist ja eine politische Frage, und manche Dummheiten wären in Mitteleuropa nicht gesehenen, wenn eine raschere Verständigung mit dem Exekutivkomitee hätte hergestellt werden können. Die Frage der Verbindung mit dem Exekutivkomitee, mit den Vertretern, die Frage der Zeitung, kurzum der ganze Komplex dieser Frage ist für uns nicht nur organisatorischer Natur, sondern auch politischer. Wir wollen diese Frage nicht aufrollen, sondern nur auf sie hinweisen.
Noch eins! Gen. Sinowjew machte zum Schluß seiner Rede darauf aufmerksam, daß von verschiedenen Seiten versucht würde, die komm. Jugend gegen die Exekutive und gegen die Komm. Internationale in frondierende Stellung zu bringen. Er erklärte schon, daß man bei ihnen überzeugt sei, daß das nicht der Fall ist. Ich kann das nur unterstreichen. Wie auch die einzelnen organisatorischen Fragen zwischen Jugend und Komm. Internationale gelöst werden, das eine können wir erklären, daß die Jugend, die in Zimmerwald und Kienthal, die in den stürmischen Tagen des Krieges als erste treu den Kommunisten, den Bolschewiki, gestanden ist, daß sie sich nie und nimmer von der Komm. Internationale trennen läßt. (Lebhafter Beifall.)
Und ich möchte noch eins sagen. Jetzt, wo wir klar erkennen, daß der Ruf: Los von Moskau, los vom Moskauer Diktat, eine Parole ist, unter der sich die Opportunisten sammeln, jetzt in dieser schwierigen Zeit, wo nur die Komm. Partei Rußlands die russische Revolution trägt und damit den Fortgang der ganzen Revolution garantiert, müssen wir gegen die Freunde von der K. A. P. D. ganz scharf erklären: je mehr die komm. Partei Rußlands durch unsere Passivität allein und mit den schwierigsten Mitteln zu kämpfen hat, um so heißer glüht unser Herz für diese Partei, umso größer ist unsere Begeisterung. Es kann für uns keinen Grund geben, unsere Genossen zu verraten und zu verkaufen, wo sie am schwersten bedrängt sind und zu Mitteln greifen müssen, die nach der K. A. P. D. dem demokratischen Sozialismus und was weiß ich entsprechen.
Gerade in dieser schwierigen Situation erklären wir, erklärt die Kommunistische Jugend der ganzen Erde: wir gehören zu Moskau, wir gehören zu der Komm. Partei, wir gehören zu der Kommunistischen Internationale! (Lebhafter Beifall.)
Radek (K.P.R.). Parteigenossen! Als Mitglied der Exekutive höre ich die Debatte über den Bericht mit wachsendem Erstaunen und mit einer gewissen Herzerleichterung. Nach alledem, was ich über das unheilvolle Wirken der Exekutive gelesen habe, erwartete ich, daß einer nach dem anderen von den Genossen aus Westeuropa, Mitteleuropa und anderen mit Westeuropa verbundenen Ländern, wenn auch Orientländern (Heiterkeit) auftreten werden, und daß sie die Sünden der Exekutive aufzählen und alle von uns gemachten Fehler hier vor dem Kongreß Revue passieren lassen werden, um zu erklären, mit diesem Scheusal, mit dieser Wolfsschlucht wollen wir nichts zu tun haben. (Heiterkeit.) Statt dessen, Parteigenossen, sehen wir, daß die Debatte einstweilen herumplätschert, um die schlechten Buben von der K.A.P.D., die uns vorwerfen, wir seien schlecht und die sich gegen unsere Schläge wehren. Es sprachen hier zwei Genossen von der V. K. P. D., die auf eine besondere Forderung der Opposition in der V.K.P.D. hierherkamen und hier mit den Sünden des Exekutivkomitees abrechnen sollten; primo: daß es Putsche in Westeuropa anzettelt, secondo: daß es eine unerhörte Diktatur übt und nichts anderes als eine Tschereswütchaika, eine außerordentliche Kommission ist, um die Worte unseres früheren Gen. Levi zu gebrauchen.
Von allen diesen Anklagen habe ich nichts gehört. Gen. Neumann befindet sich in der irrtümlichen Überzeugung, daß er von seinen Mandatgebern nach Moskau gesandt worden ist, um über die K. A. P. D. zu diskutieren, und Gen. Malzahn erklärt. er habe recht gehandelt, als er nach dem „bakunistischen“ Putsch gesagt hat: Ihr habt unrecht gehabt. In dieser Situation müssen wir euch sagen, es gibt ein russisches Sprichwort: „diese Nummer wird so ohne Weiteres nicht vorübergehen“. Wenn Ihr nicht kritisiert, so werden wir Fragen stellen. Ich werde die Genossen Neumann und Malzahn fragen, die hier auf dem internationalen Kongreß auftreten, nachdem sie zusammen mit Levi behauptet haben, daß es ein bakunistischer Putsch gewesen sei, ja wir fragen sie jetzt: war es ein bakunistischer Putsch oder war es ein Klassenkampf nicht von einer halben Million, so doch von 200 000 Arbeitern; diese Ziffer hörten wir heute. Über die Ziffer möge die deutsche Delegation mit ihnen streiten. Ich frage nur: war es ein bakunistischer Putsch oder nicht, und wenn es kein bakunistischer Putsch war, was haben sie dann getan, als, mit ihrem Namen gedeckt, Levi den Bannfluch gegen die deutsche Partei schleuderte, als er das Ansehen der Exekutive vor den westeuropäischen Arbeitern mit Füßen trat, als er die Exekutive als eine Handvoll gewissenloser Abenteurer darstellte. Nicht um die Exekutive handelt es sich. Die Vorwürfe eines Levi, der für die proletarische Revolution noch in keinem Schützengraben gelegen ist, reiche nicht an die Exekutive heran. Aber Ihr, Genossen, Ihr seid Proletarier, Ihr wollt Mitglieder der Kommunistischen Partei bleiben, und da sage ich Euch: so leicht macht man sich die Sache nicht. Man geht nicht Monate lang solidarisch mit Levi in einem derartigen Kampf gegen die Internationale und die eigene Partei durch dick und dünn und kommt dann später hierher, um mit uns freundschaftlich zu sprechen: In der K. A. P.-Frage habt ihr Unrecht gehabt, und es waren nur 200 000 Arbeiter. So geht es nicht. So geht es nicht, Gen. Malzahn! (Lebhafter Beifall.)
Malzahn. In 10 Minuten habe ich nicht über alle Fragen sprechen können.
Radek. Gen. Malzahn! Ihre erste Pflicht wäre es gewesen, zu sagen: wir haben einen politischen Fehler begangen, als wir uns mit Levi solidarisch erklärt haben. Das wäre Ihre erste Pflicht gewesen. (Beifall.) Gen. Malzahn sagte, ja, Sinowjew selbst habe die Offensivtheorie als dumm bezeichnet. Das sagte die Exekutive den blutenden deutschen Arbeitern, die nicht in einer Offensive geschlagen worden sind, sondern in der Verteidigung ihrer Haut, als sie von Hörsing überfallen worden sind. Wir hatten damals die Pflicht zu sagen, die Offensivtheorie ist falsch. Aber, werter Genosse Malzahn! Ich habe hier die Resolution, die Gen. Clara Zetkin in der Zentralausschußsitzung — einen Monat nach den Kämpfen — am 7. April vorgelegt hat, und was sagt sie über die Offensive? Sie sagt folgendes: „Die Notwendigkeit einer gesteigerten Aktivität der V.K. P. D., ihrer Offensive und Aktion war in der wirtschaftlichen, der innen- und außenpolitischen Lage gegeben. Auch die Möglichkeit dafür war vorhanden.“
Nun, Parteigenossen, das ist es. Da hätten Sie, Gen. Malzahn, die Gelegenheit gehabt, darüber zu sprechen. Einstweilen stelle ich die Tatsache fest, daß die Genossin Zetkin, wenn es eine Sünde, ein Fehler war, auf dem Boden der Offensive zu stehen, auf dem ich keinen einzigen Tag gestanden habe, mitgesündigt hat. Wenn Ihr uns, die wir die Offensive nicht gemacht haben, vorwerft, daß wir die deutsche Zentrale nicht gerügt haben, so sagen wir: Wir müssen auch andere Genossen rügen. Wenn jetzt nicht nur die Genossen, die aus der Zentrale ausgetreten sind, sondern auch die Gen. Zetkin der Meinung sind, daß die Offensivtaktik überhaupt nicht bindend sein könne, so darf uns das nicht freuen. Gen. Malzahn, der im Namen der erwähnten Richtung hier auftritt, soll daher nicht nur auf den Genossen Thalheimer und Frölich herumhacken, daß sie die „Teufel“ der Offensivtheorie sind. Diese Theorie wurde von Euch allen angenommen.
Wir werden über diese Dinge bei der Debatte über die Taktik sachlich sprechen. Aber dann müssen wir reinen Tisch machen, dann müssen wir hier von Euch hören, was Ihr darüber sagt, daß der Bericht der Exekutive den Ausschluß Levis gutheißt. Wie stellt Ihr Euch dazu? Denn Levi hatte vollkommen recht, als er in seiner Rede im Zentralausschuß sagte:
„Genosse Pieck sagte, sachlich wollen wir über die Märzaktion nicht sprechen. Es handelt sich einzig und allein um den „Disziplinbruch“. Und ich sage, es handelt sich allein um die Frage, ist die Märzaktion richtig? Dann gehöre ich herausgeworfen. Oder aber ist die Märzaktion ein Fehler, wie ich und viele meiner Freunde glauben, dann gehören die anderen heraus.“ Jetzt wird von Eurer Seite schon kein Wort über den bakunistischen Putsch gesagt. Bitte schön, verehrte Genossen, das geht nicht. Führt jetzt eine klare Sprache. Es soll ja hier über den Bericht der Exekutive entschieden werden, die den Ausschluß Levis gebilligt hat oder nicht. Genossen! Wir haben bei der Verhandlung des Berichtes verschiedene Fragen zu erörtern. Es wird eine Anzahl Genossen sprechen, und ich werde sie bitten. daß sie konkret Stellung nehmen zur italienischen Frage. Wir haben hier die Vertretung der Sozialistischen Partei Italiens. Es ist von großer Bedeutung, daß sie auch von uns hören wird, was wir darüber denken. Hier, bei der italienischen Frage, fällt die Entscheidung über die ganze Taktik, die wir im vorigen Jahre eingeschlagen haben.
Sinowjew hat in seiner Rede gezeigt: die Richtung ist auf die Massen eingestellt, aber gleichzeitig haben wir in Livorno gesagt, wir wollen nicht Massenparteien unter allen Umständen. Die Scheidemannpartei ist doch auch eine Massenpartei und die Labour Party in England ist auch eine Massenpartei. Wir wollen revolutionäre Massenparteien. Und die Genossen, die gesagt haben, in Livorno habe — unter dieser Losung sind fünf Genossen aus der Zentrale der deutschen Partei ausgetreten — die Exekutive bewiesen, daß sie den Weg zur Sekte betreten hat, diese Genossen haben jetzt die Pflicht, nach all dem Material, das über die Serratipartei, über ihre Taktik, über ihre Entwicklung von Moskau nach Amsterdam vorgebracht wurde, hier zu sagen, welche sektenhafte Politik wir der italienischen Partei gegenüber getrieben haben. Entweder mit uns oder mit Turati! Haben wir in Livorno nicht im Einklang mit den Beschlüssen des Zweiten Kongresses gehandelt, der uns den Weg gezeigt hat zu der revolutionären Massenpartei, haben wir in Livorno schlecht gehandelt, dann auch in Halle. (Lebhafte Zustimmung.) Dann hätten wir in Halle die Pflicht gehabt, auch Hilferding und Dittmann aufzunehmen, hinter denen noch größere Massen stehen als hinter Serrati und seiner Gruppe.
Genossen, eine Fülle von Fragen steht vor uns, die noch gar nicht berührt worden sind, die Frage der Politik der französischen Komm. Partei, die Lage auf dem Balkan und der dortigen Parteien. Die Exekutive und das Präsidium haben mit Absicht die Diskussion über den Bericht der Exekutive abgesondert von der Diskussion über die Taktik, damit es nicht den Anschein erwecken soll, daß wir irgend welche Verantwortung fürchten, der Kritik aus dem Wege gehen wollen. Was die Exekutive getan hat, war das Minimum dessen, was wir tun wollten. Wir hatten zu schlechte Verbindungen mit den einzelnen Parteien, aber darüber, was die Exekutive getan hat, sollt Ihr hier diskutieren, nicht im allgemeinen, sondern konkret Punkt um Punkt. Entweder Ihr gebt uns Eure Zustimmung oder nicht. Denn der Weg, den die Exekutive in Zukunft zu gehen gedenkt, ist derselbe, wie bisher und er bedeutet: Kampf gegen alle zentristischen und halbzentristischen Tendenzen in der Internationale, Disziplinierung der Komm. Parteien zu einheitlichen Kampfparteien und gleichzeitig Kampf gegen jeden Versuch, die Komm. Massenparteien auf Kosten ihres Massencharakters zu verfrühtem Losschlagen zu veranlassen. (Lebh. Beifall.) Der Kongreß muß Stellung nehmen zu all diesen Fragen.
Zum Schluß noch ein paar Worte über die K. A. P.D., die in unseren Debatten unproportionell viel Platz eingenommen hat. Wir haben hier ein sehr lustiges Schauspiel gesehen. Genossin Roland-Holst, die von der K. A.P. in einer Nummer des „Proletarier“, betitelt „Holländische Schule“, präsentiert worden ist, verzichtet auf den Titel, und sie plaidiert für die Gründer dieser Schule, Pannekoek und Gorter. Sie sagt, unser Land ist klein und wir haben keine große Revolution, und da ist es kein Wunder, daß die Genossen mal etwas schreiben, was sonderbar klingt. Genossen, wir könnten noch andere Gründe anführen. Der eine ist Astronom, guckt nur nach den Sternen, sieht nie einen lebenden Arbeiter, der andere ist Philosoph und Dichter dazu. (Heiterkeit.) Und wenn Gen. Ceton auftritt, und im Namen der holländischen Partei eine Erklärung losläßt gegen die holländische Schule, so fühle ich auch mit ihm. Und die Genossen von der K.A.P. hier auftreten zu sehen mit der ganzen Sektiererwut, die nur die Fragen ihrer Sekte sieht, um zu zeigen, welch großen Schaden so ein holländischer Produzent in den Köpfen der Genossen anrichtet! Und wenn eine ganze Anzahl Redner hier auftritt, gegen die wir polemisieren werden, so handelt es sich darum, daß sich in dieser holländischen Schule eine Richtung herauskristallisiert, die überall, wo Anfänge der kommunistischen Bewegung sind, auftreten wird.
Diese Schlacht muß hier, auf diesem Boden, in diesem Saale ausgefochten werden: ob die Kommunistische Internationale Recht hatte, wenn sie den Weg gegangen ist, den sie im vorigen Jahre ging, und wenn sie jetzt, nach einer Karenzzeit sagt, jetzt hört der Spaß auf, jetzt habt Ihr zu wählen zwischen holländischer Schule und der Kommunistischen Internationale. Genossen, die Entscheidung über den Bericht der Exekutive ist eine Entscheidung über alle anderen Punkte. Wenn hier die Entscheidung so ausfällt, wie sie ausfallen muß, dann werden wir bei den anderen Punkten nur sozusagen noch zu feilen haben. Denn unsere vergangene Arbeit bewegte sich in diesem Milieu, auf dem bezeichneten Wege. Und dieser Weg ist: zu den Massen und mit den Massen in den revolutionären Kampf hinein. (Stürmischer Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Die morgige Sitzung wird um 11 Uhr beginnen, Kommissionssitzungen sind morgen abend oder übermorgen früh. Ob wir morgen abend Plenarsitzung oder Kommissionssitzung halten, wird morgen nachmittag 5 Uhr mitgeteilt.
Die Diskussion wird jedenfalls morgen fortgesetzt, für heute ist die Sitzung geschlossen.
(Schluß der Sitzung um 12 Uhr nachts.)
Die sechste Sitzung (27. Juni 1921, 12 Uhr mittags)
(Fortsetzung der Diskussion über den Bericht des Exekutivkomitees. Redner: Malzahn, Radek, Jacquemotte, Markowic, Kolarow, Clara Zetkin.)
Vors. Loriot. Genossen, das Präsidium ist, nachdem die Delegation der Italienischen Sozialistischen Partei eingetroffen ist, übereinstimmend dafür, dem Kongreß eine Zusammenfassung der beiden letzten, in der Tagesordnung vorgesehenen Punkte, vorzuschlagen, d. h. die italienische und deutsche Frage gemeinsam mit der gegenwärtigen Diskussion des Berichtes der Exekutive zu verbinden. Das Präsidium ist auch der Ansicht, daß es notwendig ist, die verschiedenen Delegationen zu ersuchen, die Debatten nicht zu wiederholen, womit gesagt werden soll, daß das Wort den Vertretern der Italienischen Sozialistischen Partei und hierauf denen der Kommunistischen Italienischen Partei erteilt werden muß, die anderen Delegationen jedoch nur für den Fall, daß sie ganz besonders wichtige Fragen aufzuwerfen gedenken, das Wort zu verlangen haben.
Koenen. Genossen, es handelt sich darum, daß wir die Diskussion fortsetzen, aber mit der Diskussion über den Bericht der Exekutive die deutsche Frage und die Erledigung der italienischen Frage verbinden, weil sie sich in der Diskussion nicht trennen lassen. Wir denken, daß die Genossen von der Sozialistischen Partei Italiens morgen früh bereit sein werden, über ihre Sache zu sprechen, so daß wir also morgen die italienische Angelegenheit gleichzeitig mit dem Bericht der Exekutive zum Abschluß bringen können. Das Präsidium bittet den Kongreß, dieser Änderung zuzustimmen. Die Diskussion dauert fort.
Gen. Malzahn hat das Wort zu einer Erklärung.
Malzahn. Genossen! Gen. Radek hat gestern in seinen Ausführungen den Eindruck erwecken wollen .
Radek. Ich protestiere dagegen, daß das Präsidium dem Gen. Malzahn das Wort zu dieser Erklärung gegeben hat, da sie nicht zur Geschäftsordnung gehört.
Malzahn. Gen. Radek wollte gestern in seinen Ausführungen den Eindruck erwecken, als wollten wir Genossen von der deutschen Opposition der Auseinandersetzung über die Märzaktion aus dem Wege gehen. Ich stelle dem gegenüber fest, daß, als ich gestern bei dem Präsidenten meinen Namen in die Rednerliste eintrug, fragte er, über welchen Absatz ich sprechen wolle. Ich erklärte über die Märzaktion, soweit sie Gen. Sinowjew in seinem Bericht erwähnt hat. Darauf erklärte der Präsident, er halte das nicht für notwendig, weil die Märzaktion bei der Frage der Taktik besprochen werde. Darauf erklärte ich, ich will auch nur soweit auf die Dinge eingehen, wie der Gen. Sinowjew sie in seiner Rede erwähnt hat. Über die Taktik und theoretische Einstellung werden wir bei der Frage der Taktik sprechen, was ich auch in meinen Ausführungen gleich deutlich hervorgehoben habe, und ich bin nur soweit auf die theoretische Frage eingegangen, wie es Gen. Sinowjew selbst in seinen Ausführungen getan hat, also das Urteil über die Aktion, weil die Genossen der Exekutive damit einverstanden sind. Das steht fest, daß wir nicht daran denken, einer Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen. Ich möchte noch betonen, daß wir während der Aktion voll und ganz unsere Pflicht und Schuldigkeit getan haben. (Zurufe: hört, hört!) Das muß die Zentrale bestätigen. (Lärm und Widerspruch. Rufe: Genosse, das ist keine Bemerkung zur Geschäftsordnung.)
Malzahn. Die Opposition, die hier vertreten ist, hat während der Märzaktion voll und ganz ihre Pflicht getan. Das muß die Zentrale bestätigen, und wir werden auf die anderen Fragen noch zu sprechen kommen.
Radek. Genossen! Gen. Malzahn gab hier eine Erklärung ab, in der er sich gegen Vorwürfe verteidigt, die gegen ihn nicht erhoben worden sind. Niemand hat ihm den Vorwurf gemacht, daß er sich nicht theoretisch über die Märzaktion ausgelassen habe. Was ich ihm vorgeworfen habe, das ist, daß er und Gen. Neumann als Vertreter der Opposition zum Geschäftsbericht der Exekutive weder den Mut hatten, die unerhörten Angriffe, die gegen die Exekutive seitens der von ihnen vertretenen Gruppe erhoben wurden, aufrecht zu erhalten, nämlich die Anklage, die darauf hinausging, daß die Exekutive durch ihre Vertreter in Deutschland einen bakunistischen Putsch angezettelt habe, noch, daß sie den Mut hatten, diese Insinuation zurückzunehmen. Ich stelle fest, daß Gen. Malzahn jetzt Zeit gefunden hat, über die heldenhafte Tätigkeit der Opposition während der Märzaktion hier eine Erklärung abzugeben, sich aber über die Frage, die entscheidend für das Verhältnis dieser Gruppe zur Internationale ist, mit keinem Worte ausgesprochen hat. Es bleibt also die Tatsache bestehen, daß diese Gruppe, obwohl sie die Möglichkeit hatte, zu erklären, ob sie auch weiterhin mit den Angriffen Levis solidarisch sei, denen zufolge die Exekutive den Märzputsch provoziert habe, sich nicht dazu geäußert hat. Was die Erklärung Malzahns über die Teilnahme der Gruppe an der Aktion betrifft, so stelle ich fest, daß gegen Malzahn, Neumann und Gen. Zetkin von keiner Seite Anklagen auf Sabotage der Aktion erhoben worden sind, daß sie dagegen erhoben wurden gegen Richard Müller und Däumig. Und was den Gen. Däumig anbetrifft, so hat er selbst den Beweis dafür erbracht durch einen Brief an die Zentrale, in dem er betont, sein Gewissen erlaube ihm, nicht, an den Märzkämpfen teilzunehmen. (Zustimmung.)
Jacquemotte (Belgien). Genossen, das Exekutivkomitee hat den linken Flügel der belgischen Arbeiterpartei in seiner Eigenschaft als sympathisierendes Mitglied zum Kongreß der III. Internationale eingeladen. Seit dem Erhalt dieser Einladung, der wir Folge geleistet haben, hat sich der linke Flügel der belgischen Arbeiterpartei von der alten Partei getrennt, und wir hoffen deshalb bestimmt, daß wir auf dem nächsten Kongreß der Kommunistischen Internationale uns bereits als angeschlossene Sektion an den Arbeiten des Kongresses beteiligen werden.
Angesichts der äußerst wichtigen Fragen, die der Kongreß zu behandeln hat, habe ich nicht die Absicht, seine kostbare Zeit für eine genaue Darlegung der Schwierigkeiten, denen wir in Belgien gegenüberstehen, sowie der Kämpfe, die wir gegenüber der sozialdemokratischen Partei zu bestehen hatten, in Anspruch zu nehmen. Es wird genügen, wenn ich hier erwähne, daß gerade Belgien das Land ist, in dem sich die ausgesprochensten Vertreter der II. Internationale befinden. Ich vernehme oft die Klagen der Genossen darüber, daß sie in ihrer nationalen Bewegung mit Sozialpatrioten zu kämpfen haben, wobei ich nicht umhin kann, zu bemerken, daß es wohl an uns wäre, darüber zu sprechen, weil wir es sind, die den traurigen Vorzug vor allen haben, denn in unserem Lande befinden sich die charakteristischen Köpfe der II. Internationale wie: Vandervelde, Expräsident der II. Internationale, Huysmans, Sekretär der II. Internationale, de Brouckere, Anseele, Hubin. Die Erwähnung dieser Namen ist gleichbedeutend mit dem Eingeständnis der politischen Rückständigkeit der belgischen Arbeiter, die in gegenwärtiger Stunde noch derart unwürdige Führer an ihrer Spitze dulden.
Während Vandervelde Justizminister in Belgien ist, führt die belgische Polizei bei den Mitgliedern der belgischen Arbeiterpartei, sowie bei den Führern des linken Flügels Haussuchungen durch, wobei es seltsam anmutet, daß Vandervelde dem Generalrat der Arbeiterpartei eine Resolution protestierenden Inhalts gegen die gerichtlichen Durchsuchungen, die von seiner eigenen Staatsanwaltschaft angeordnet werden, eingebracht hat.
Camille Huysmans erklärte in einer Vollsitzung der Kammer, daß es notwendig sei, das politische Paßsystem aufrechtzuerhalten, während man in kommerzieller Hinsicht allen Einschränkungen, die der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Handeltreibenden und Industriellen im Wege stehen, kategorisch ein Ende machen müsse.
de Brouckère ist es, der in Belgien gleichsam die Rolle eines Wanderzirkusses von Boris Sokolow spielt, welch letzterer in Belgien Schwindelphotographien über eine neue revolutionäre Bewegung in Rußland kolportiert.
Der ständige Abgeordnete in der Kammer Hubin, der auch Mitglied der Partei ist, war es, der die Behauptung aufstellte, daß der imperialistische Krieg zu früh abgeschlossen wurde, und daß man, falls derselbe vier Wochen länger gedauert hätte, zu einem dauernden und gerechten Frieden gelangt wäre. Diese Tatsache habe ich nur zu dem Zweck anführen wollen, um die sich für uns daraus ergebende Notwendigkeit, in Belgien die ernstesten, mächtigsten Anstrengungen zu machen, um den Einfluß, den die Sozialdemokraten noch heute besitzen, zu unterdrücken und in Belgien eine mächtige kommunistische Partei zu schaffen, hervorzuheben. Zu diesem Zwecke ist es unumgänglich notwendig, daß wir auf die Unterstützung der Internationale rechnen können und gleichfalls imstande seien, unbedingt andauernde und regelmäßige Verbindungen mit den Nachbarparteien anzuknüpfen. Ohne dem Kongreß in irgendeiner Weise Ratschläge geben zu wollen, sind wir der Ansicht, daß es nicht allein genügt, wenn sich die verschiedenen nationalen Parteien alljährlich auf einem Kongreß treffen, daß es nicht genügt, wenn sie in Kontakt bleiben mit der Exekutive, sondern, daß es außerdem dringend notwendig ist, daß die korrespondierenden Parteien in den Nachbarländern unter sich ununterbrochene und enge Beziehungen aufrechterhalten. Und ich war so glücklich, feststellen zu können, daß die französischen Genossen, vertreten durch Vailant-Couturier und die deutschen Genossen, vertreten durch Clara Zetkin, uns die Versicherung gaben, mit ihrer moralischen Autorität die junge Kommunistische Partei Belgiens zu unterstützen.
Ich bestehe auf der dringenden Notwendigkeit dieser engeren Beziehungen zwischen den Nachbarländern, und ich möchte hier die Bedeutung hervorheben, die die industriellen Zentren besitzen, die sich über mehrere Länder erstrecken oder zum mindesten die Grenzen mehrerer Länder überschreiten, wie z. B. die Industriegebiete Belgiens, Luxemburgs, das französische Becken von Briey und Longwy, sowie das Ruhrgebiet, auf welche die Kommunistische Internationale ihr besonderes Augenmerk richten muß. Meiner Ansicht nach würden diese Industriegebiete, die eine außerordentlich dichte Industriebevölkerung besitzen, eine ganz besondere Bearbeitung verdienen und zwar in Übereinstimmung mit den angeschlossenen Parteien der verschiedenen daran interessierten Länder. Dies hätte natürlich alles unter der Kontrolle der Kommunistischen Internationale zu geschehen.
Es besteht noch eine andere Frage, die, wie es mir scheint, unbedingt auf diesem Kongresse aufgeworfen werden muß, da sie zu Schwierigkeiten in der Entwicklung der kommunistischen Bewegung in Belgien führen kann. Diese Frage ergibt sich aus dem Vorhandensein einer bereits an die Kommunistische Internationale angeschlossenen Gruppe, mit welcher wir jedoch hoffen, den Zusammenschluß verwirklichen zu können, wenn das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale geneigt ist, im Interesse der kommunistischen Sache in Belgien seinen enormen moralischen Einfluß geltend zu machen. Es existieren tiefgehende Verschiedenheiten in den Ansichten zwischen der bereits angeschlossenen Gruppe und dem linken Flügel der belgischen Arbeiterpartei, die sich gegenwärtig im Spaltungsprozeß befindet. In einer der letzten Nummern des „L’Ouvrier Communiste“ lesen wir folgende Stelle: Der Verfasser des Artikels „Was uns trennt“ sagt, gelegentlich der Absplitterung der Linken der belgischen Arbeiterpartei über die der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Kommunistischen Partei: „Wir verwerfen den Parlamentarismus, weil dieser nur der revolutionären Aktion schaden kann. Wir bekämpfen die Bildung einer Massenpartei, weil dieselbe ganz genau so, wie die Sozialdemokratie, unvermeidlicherweise zum Reformismus und zum Verrat verdammt ist.“
Sie werden begreifen, Genossen, daß es für uns schwierig sein würde, unter solchen Vorbedingungen eine kommunistische Bewegung in Belgien ins Leben zu rufen, die gleichermaßen den Aktionsmöglichkeiten des Kommunismus in Belgien als auch den Thesen der Kommunistischen Internationale selbst entsprechen würde.
Ich möchte diese Ausführungen nicht weiter ausdehnen und die Zeit des Kongresses nicht länger in Anspruch nehmen. Ich hoffe, daß das Exekutivkomitee schon in allernächster Zeit hierüber seine Direktiven und Instruktionen erlassen wird. Es genügt vollständig, wenn ich hier zum Ausdruck bringe, daß wir der festen Hoffnung sind, mit Unterstützung der Nachbarparteien der Internationale jede gegensätzliche Aktionsmöglichkeit im Herzen des Landes selbst zu unterdrücken, und wir sind der festen Überzeugung, daß es uns gelingen wird, in Belgien eine mächtige Kommunistische Partei zu bilden. Die belgischen Arbeiter sind revolutionäre Arbeiter und haben in der Vergangenheit die Waffe des Generalstreiks für ausschließlich politische Ziele in Anwendung gebracht. Sie werden dies wiederum tun. Der Krieg hat, wie Vandervelde sagte, das Ideal getötet. Der Krieg hat das Ideal bei denen getötet, die die Zukunft der proletarischen Bewegung unter dem bürgerlichen Regime ihrem Machthunger geopfert haben, aber nicht bei den wirklich kommunistischen Arbeitern. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir bis zum nächsten Kongreß bereits eine Armee bilden und eine mächtige Gruppe innerhalb der Kommunistischen Internationale darstellen werden.
Markovic (Jugoslawien). Genossinnen und Genossen! Ich möchte sehr gern den gestrigen Rat des Gen. Radek befolgen, zu allen wichtigen Fragen, welche der Bericht der Exekutive aufgerollt hat, Stellung zu nehmen. Aber ich muß gleich erklären, daß es gänzlich unmöglich ist, in 10 Minuten zu allen diesen wichtigen Fragen Stellung zu nehmen. Die Beschränkung der Redezeit hat nur dann einen Sinn, wenn man in der Kommission die Gelegenheit hat, sich ausführlich auseinanderzusetzen. (Rufe: Sehr richtig.) In 10 Minuten können wir nicht Stellung zu all den wichtigen Fragen nehmen. Daran sind wir nicht Schuld, sondern die Exekutive, welche uns keine Möglichkeit gegeben hat, in der Kommission uns ausführlich auseinanderzusetzen.
Radek. Ich schlage vor, die Redezeit zu verlängern.
Markovic. Ich muß vorerst auf zwei Momente in der Rede Sinowjews zurückkommen, welche die kommunistische Partei Jugoslawiens betreffen. Genosse Sinowjew erinnert an seine Rede auf dem II. Kongreß, in der er unter anderem sagte, daß in der großen und starken Kommunistischen Partei Jugoslawiens doch ein rechter Flügel besteht, der abzuschneiden sei. Genosse Sinowjew hat konstatiert, daß die Kommunistische Partei Jugoslawiens diesen rechten Flügel in der Tat abgeschnitten hat. Gen. Sinowjew fügte hinzu, daß er doch nicht garantieren könne, daß in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens auch weiterhin gewisse Opportunisten existieren werden. Dieses Bedenken des Gen. Sinowjew gegen die eventuellen Opportunisten in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens wurde nicht begründet und kann nicht begründet werden. Ich bin deshalb gezwungen, diesen unbegründeten Bedenken des Gen. Sinowjew eine Reihe von Tatsachen entgegenzustellen. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens hat 20 Jahre der revolutionären einwandsfreien Haltung der in der ganzen Internationale wohlbekannten Serbischen Sozialistischen Partei hinter sich. Es gibt vielleicht in der Internationale Keine Partei, die von ihrer Entstehung an dem Reformismus so vollkommen hermetisch verschlossen war. wie unsere Partei. Jeder, der sich auch vor dem Kriege für den Sozialismus interessiert hat, kann das bestätigen. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens ist die Nachfolgerin der Serbischen Sozialistischen Partei. Als Serbien durch den Zusammenbruch Österreich-Ungarns zu Jugoslawien wurde, wurde die Serbische Sozialistische Partei zur Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Die serbische Bourgeoisie hat ja große Reichtümer von Österreich geerbt. Wir serbische Sozialisten können das nicht sagen. Wir haben von Österreich den schlimmsten Opportunismus und Reformismus der österreichischen Sozialdemokratie und, was noch schlimmer ist, den ungarischen Reformismus geerbt. Wir hatten deshalb einen schweren Kampf mit diesem Überbleibsel der österreichischen und der ungarischen Sozialdemokratie zu führen. Wir haben diesen Kampf vom ersten Tage zu führen gehabt, und in sehr kurzer Zeit haben wir einen vollkommenen Sieg über den Reformismus davongetragen, so daß jetzt von Reformismus in Jugoslawien in den proletarischen Reihen keine ernste Rede sein kann.
Auf dem I. Kongreß nach dem Kriege im April 1919 wurde einstimmig der Beschluß zum Eintritt in die III. Internationale gefaßt. Wir waren also die erste große europäische Partei, welche sich der Kommunistischen Internationale angeschlossen hat. Schon in den ersten Tagen unseres neuen Lebens wurde unsere Partei als eine revolutionäre Partei auf die Probe gestellt. Wir hatten an unserer Grenze die Sowjetrepublik Ungarn. Die Intervention gegen Ungarn stand auf der Tagesordnung. Und die jugoslawische Bourgeoisie war bereit, unter dem Druck der nationalistischen Hetze innen und unter dem Druck der finanziellen Unterstützung von Frankreich, von welcher die jugoslawische Bourgeoisie vollkommen abhängt, an der Erdrosselung der Sowjetrepublik Ungarn teilzunehmen. Aber dank der Stärke unserer Partei und dem Einfluß unserer Partei auf die breiten Massen konnte von einer Intervention seitens der jugoslawischen Bourgeoisie keine Rede sein. Der glänzende Generalstreik am 21. Juli machte die Intervention unmöglich. Auch nicht ein Soldat hat an der Erdrosselung der Sowjetrepublik Ungarn teilgenommen, während Tausende von jugoslawischen Arbeitern in den ersten Reihen der ungarischen roten Armee marschierten. (Lebhafter Beifall.)
Wir hatten während der letzten zwei Jahre drei Spaltungen in unserer Partei vollzogen. Wir haben auf diese Weise unsere Partei vollkommen von allen zentristischen und halbzentristischen Elementen gereinigt. Wir haben uns durch keine Opfer zurückschrecken lassen, wenn es sich um die kommunistische Reinheit unserer Partei handelte. Wir haben den früheren Genossen Lapcevic, der 20 Jahre Führer unserer Serbischen Sozialistischen Partei war, ausgeschlossen. Er war kein Cachin. Er ist der ganzen Internationale bekannt wegen seiner revolutionären Haltung nicht nur vor dem Krieg, sondern auch während des Krieges. Trotzdem haben wir den Gen. Lapcevie aus der Partei ausgeschlossen, sobald er versuchte, unsere Kommunistische Partei von den revolutionären Wegen der Kommunistischen Internationale abzulenken. Genossen, ich habe diese Tatsache anführen müssen, um zu versuchen, den Gen. Sinowjew von seinen schweren Bedenken zu befreien und allen Genossen und Genossinnen zu beweisen, daß die revolutionäre einwandsfreie Haltung unserer Partei, die bisherige revolutionäre Haltung gegenüber den zentristischen und halbzentristischen Elementen in unserer Partei genug Gewähr dafür bietet, daß wir auch künftighin keine opportunistische Tendenzen in unserer Partei dulden werden.
Jetzt komme ich zum zweiten Moment, auf das ich zu antworten habe. Sinowjew sagt, er sei über Jugoslawien nicht informiert. Wer ist daran schuld? Die Kommunistische Partei Jugoslawiens wurde Ende vorigen Jahres für vogelfrei erklärt. Während der letzten fünf Monate haben wir aus Jugoslawien drei ausführliche schriftliche Berichte an die Exekutive gesandt, einer dieser ausführlichen Berichte ist in der letzten Nummer der Kommunistischen Internationale erschienen. Wenn Gen. Sinowjew sagt, er sei über Jugoslawien nicht informiert, so muß ich zu dem Schluß kommen, daß der Vorsitzende der Internationale das offizielle Organ der Internationale nicht liest. So schwer es anzunehmen ist, scheint es doch der Fall zu sein, sonst hätte er nicht sagen können, er sei nicht über Jugoslawien informiert. Ich muß noch etwas sagen. Die Kommunisten Jugoslawiens wurden Ende vorigen Jahres für vogelfrei erklärt. Dieses Ereignis ist von sehr großer Bedeutung. Insbesondere darum, da diesem Beispiel der jugoslawischen Bourgeoisie auch die rumänische und, wie es scheint, die bulgarische Bourgeoisie gefolgt ist. Diesem Ereignis hat der Gen. Sinowjew fast keine Aufmerksamkeit in seinem Bericht gewidmet. Das Ereignis ist jedoch von größter Bedeutung, weil es eine neue politische Ära auf dem Balkan einleitet. Die Bourgeoisie in Jugoslawien hat da eine rücksichtslose, eine offene Diktatur proklamiert. Sie sagt uns Kommunisten: Ja, Ihr Kommunisten habt recht, habt vollkommen recht. Ihr stellt die Frage richtig auf: Die Diktatur der Bourgeoisie oder die Diktatur des Proletariats. Tertium non datur.
Die jugoslawische Bourgeoisie hat sich für den ersten Teil dieses Dilemmas ausgesprochen und die rücksichtslose Diktatur proklamiert. Auf diese Weise hat unsere Bourgeoisie bewiesen, daß auch sie, die jugoslawische Bourgeoisie, alle Illusionen über die bürgerliche Demokratie aufgegeben hat. Wäre dasselbe auch bei dem westeuropäischen Proletariat der Fall! Selbst die jugoslawische Bourgeoisie hat alle Illusionen über die bürgerliche Demokratie, über den bürgerlichen Parlamentarismus aufgegeben, sie sagt offen, die Gesetze und die Verfassung dienen nur dazu, um unsere Klassenherrschaft sicherzustellen. Sobald die demokratischen Mittel dazu nicht ausreichen, müssen wir zu den Gewaltmitteln greifen. Die jugoslawische Bourgeoisie hat zu den Gewaltmitteln gegriffen, um ihre Klassenherrschaft sicherzustellen. Und wir sind der Meinung, daß derselbe Fall in allen Ländern eintreten wird, sobald die Bourgeoisie fühlt, daß ihr der Boden unter den Füßen wankt, wie es der Fall mit der jugoslawischen Bourgeoisie war. Diese hat den Staatsstreich gegen die Kommunistische Partei vollzogen, wie es in dem ministeriellen Erlasse geschrieben steht, unter dem Vorwande, daß die Jugoslawische Kommunistische Partei in diesen Tagen, also in jenen Tagen vor fünf Monaten, bereit war, eine brutale Revolution nach dem russischen Vorbild zu machen, um die ganze Staatsmacht an sich zu reißen. Leider trafen diese Worte für jene Tage nicht zu. Die Kommunistische Partei war noch nicht stark genug, den letzten Kampf um Die Eroberung der Macht aufnehmen zu können. Sie war aber stark genug, um der jugoslawischen Bourgeoisie vor der Revolution eine große Angst einzuflößen. Und aus Angst vor dieser bevorstehenden Revolution hat die jugoslawische Bourgeoisie zu diesem Gewaltmittel greifen müssen. Diesem Beispiel ist die rumänische und, wie es scheint, die bulgarische Bourgeoisie gefolgt. Es dünkt uns, Genossen und Genossinnen, daß in jedem Lande die Diktatur der Bourgeoisie der Diktatur des Proletariats vorangehen müsse. Die Bourgeoisie in vielen Ländern beweist, daß sie vielmehr aus der russischen Revolution gelernt hat, als leider das Proletariat in vielen Ländern. Sie sagt, sie wolle nicht die Rolle Kerenskis spielen. Die Worte des Ministers des Innern in Jugoslawien fanden ein Echo in Rumänien, in Bulgarien, und ich fürchte, daß sie auch ein Echo in anderen Ländern finden werden. Das ist ohne Zweifel ein sehr wichtiges Moment, das in dem Berichte der Exekutive sehr scharf unterstrichen sein sollte.
Da die Zeit sehr beschränkt ist...
Radek schlägt vor, die Redezeit zu verlängern.
Sinowjew. Ich schlage vor, die Redezeit auf 20 Minuten zu verlängern. Ich richte eine persönliche Bitte an den Genossen Markovic, er möge seinen Standpunkt über die Serrati- und Levifrage schildern.
Markovic. Mit größtem Vergnügen. Ich hätte noch sehr viel über die Tätigkeit unserer Partei während der illegalen Zeitabschnitte ihrer Tätigkeit zu sprechen. Ich muß aber zu anderen Fragen übergehen, damit Gen. Sinowjew nicht den Eindruck bekommt, als ob ich diesen anderen Fragen ausweiche.
Ich gehe jetzt zur italienischen Frage über. Ich habe schon erwähnt, daß die Kommunistische Partei Jugoslawiens während der zwei letzten Jahre drei Spaltungen vollzogen hat. Man kann uns also keine Vorwürfe machen, als ob wir Angst vor Spaltungen hätten. Eben weil wir sehr große Erfahrungen in Spaltungsaktionen haben, wird es nicht ohne Interesse sein, unsere Meinung über die Spaltung in Italien zu hören. Wir hatten die Gelegenheit, die Entwicklung der Italienischen Partei aus der nächsten Nähe zu verfolgen. Wir sind sehr gut über diese Entwicklung unterrichtet. Sinowjew ist gegen Serrati sehr sachlich aufgetreten. Es gibt viele zentristische und halbzentristische Tendenzen in den Artikeln Serratis, die Sinowjew uns vorgelesen hat. Eines muß ich bemerken, Sinowjew beginnt seine Kritik an Serrati zu üben auf Grund des ersten Artikels, der vor einem Jahre geschrieben worden ist, jetzt erst auf diesem Kongreß. Wir in Jugoslawien waren viel früher gezwungen, gegen Serrati und seine zentristischen Tendenzen aufzutreten. Ich muß Ihnen sagen, daß wir während der Spaltungen mit unseren Zentristen und Halbzentristen immer auf Serrati gestoßen sind, weil unsere Zentristen sich auf Serrati und seine Artikel beriefen. Und weil Serrati damals das volle Vertrauen der Exekutive genoß, traten die Zentristen gegen uns mit der Behauptung auf, daß Serrati und die Exekutive, welche prinzipiell mit ihm einverstanden war und damals noch nicht offen gegen ihn auftrat. die echten Kommunisten seien, und daß wir keine Kommunisten, sondern Anarchisten wären. Wir waren also gezwungen, gegen Serrati schon früher als vor einem Jahre Stellung zu nehmen. Wir waren gezwungen selbst auf die Gefahr hin, uns dadurch mit der Exekutive in einen Kampf zu verstricken, weil wir noch keine Ahnung hatten, ob die Exekutive mit seinen Äußerungen einverstanden war.
Also man kann uns nicht vorwerfen, daß wir Serrati und die Opportunisten, die Zentristen und Halbzentristen verteidigen, wenn wir konstatieren müssen, daß die Spaltung in Italien einigermaßen ein Fehler war. Wir halten sie für einen Fehler aus dem folgenden Grunde: Die Spaltung in Italien war nicht vorbereitet. Wir haben Erfahrung in diesen Spaltungsaktionen. Wir haben in Jugoslawien jede Spaltung als eine wichtige Parteiaktion betrachtet, und wie jede andere Parteiaktion muß auch diese Aktion nicht nur geistig, sondern auch organisatorisch vorbereitet werden. In Italien geschah das nicht. Wer trägt daran die Schuld? Einerseits die kommunistischen Genossen in Italien, andererseits die Exekutive. Sie hat das Recht und die Pflicht, die zentristischen und halbzentristischen Tendenzen in jeder Partei, sobald sie zum Vorschein kommen, auf das schärfste zu bekämpfen. Sie hatte kein Recht, Serrati so lange zu tolerieren, als sie es getan hat. Die Genossen in Italien haben gegenüber Serrati, gegenüber seiner zentristischen Tendenz eine schwankende Haltung eingenommen. Von unserem jugoslawischen Standpunkt aus ist die Spaltung in Italien zu spät gekommen, nicht zu früh.
Zwischenruf Radeks: Darum sind Sie dagegen? (Heiterkeit.)
Markovic. Nein, ich sage die Spaltung war nicht vorbereitet. Man hätte sie noch früher vorbereiten und vollziehen müssen. Aber das haben die italienischen Genossen und die Exekutive unterlassen. Die revolutionären Massen in Italien sind nicht genug davon unterrichtet, daß Serrati ein Kommunist mit zentristischen oder halbzentristischen Tendenzen ist. Wer trägt daran die Schuld? Die Kommunisten in Italien, welche nicht scharf genug gegen Serrati aufgetreten sind, große Nachsicht mit ihm hatten. Weil diese Spaltung nicht genug vorbereitet worden ist, deshalb und nur in diesem Sinne ist sie ein Fehler. Um also jedem Mißverständnis zu begegnen: die Spaltung mit den Zentristen ist kein Fehler, aber die Spaltung in Italien war darum ein Fehler, weil sie nicht genügend vorbereitet wurde. Wäre Gen. Sinowjew nach dem Erscheinen des ersten Serrati-Artikels scharf gegen ihn aufgetreten, so wären die italienischen Massen in Livorno nicht mit Serrati gegangen, sondern bei den Kommunisten geblieben. Serrati hätte im Laufe des letzten Jahres, als er Opportunist wurde, vor den italienischen Massen entlarvt und demaskiert werden müssen. Das haben die italienischen Genossen unterlassen. Darin liegt der Fehler der Spaltung in Italien. Ich glaube, Genossen und Genossinnen, daß ich klar genug unsere Stellung zu dieser italienischen Spaltung vorgebracht habe.
Jetzt gehe ich zu der deutschen Frage über. Die Märzaktion hat zwei wichtige Momente zum Vorschein gebracht, den Willen und den Opfermut der deutschen kommunistischen Arbeiter auf der einen Seite und eine schlechte Führung auf der anderen Seite. Noch während der Märzaktion, zu einer Zeit, wo wir noch keine Ahnung von der Broschüre Paul Levis und von der Haltung des Exekutivkomitees hatten, hat das Zentralkomitee unserer Partei in Belgrad Stellung zur Märzaktion genommen. Schon damals haben wir klar gesehen, daß die Führung der Märzaktion mit enormen Fehlern behaftet war. Damals waren wir der Überzeugung, daß die Märzaktion der Kommunistischen Partei Deutschlands eine glänzende Situation bot, einen Kampf gegen die deutsche Bourgeoisie auf der möglichst breitesten Front zu entfalten. Diese glänzende Gelegenheit wurde leider verpaßt infolge der falschen theoretischen Einstellung auf der einen Seite und wegen einer Reihe von schweren taktischen Fehlern, welche während der Aktion begangen wurden, auf der anderen Seite. Die Märzaktion ist immerhin ein Schritt vorwärts (Rufe: hört, hört!). Die Märzaktion billigen wir als den Kampf der Arbeiter, die von Hörsing angegriffen wurden. Aber dabei müssen wir mit aller Schärfe betonen, daß die Führung dieser Märzaktion mit großen, sehr großen Fehlern behaftet war und daß infolge der schlechten Führung diese Aktion, welche vielleicht zu einem großen Kampf um die Macht hätte werden können, einigermaßen ein Fiasko für unsere Kommunistische Partei in Deutschland darstellt.
Das ist unsere Stellung zur Märzaktion.
Was besonders den Fall Levi betrifft, — Gen. Radek ist sehr neugierig, meine Meinung zum Fall Levi zu erfahren —, so hat, meiner Meinung nach, Levi einen großen Fehler begangen, indem er seine Broschüre herausgegeben hat. Er hat vielleicht nicht nur einen, sondern mehrere Fehler (Lärm) begangen. Die deutsche Führung der Märzaktion hat aber auch sehr viele Fehler gemacht, und wenn man Paul Levi wegen seiner Fehler aus der Partei ausschließt, so müßte man, wenn man die Fehler der Führung der Märzaktion mit demselben Maßstabe messen wollte, die verantwortlichen oder unverantwortlichen Führer der Märzaktion vielleicht unter einer noch strengeren Strafe stellen. (Großer Lärm.) Das ist meine Meinung über den Fall Levi.
Ich glaube, daß wir die Gelegenheit haben werden, über die Märzaktion, über ihre guten und schlechten Seiten noch zu sprechen.
Radek. Der Fall Levi wird jetzt erledigt.
Markovic. Ich hoffe, es wird eine Kommission sich damit beschäftigen, bevor wir zur Abstimmung kommen.
Noch einiges zum Schluß. Ich muß noch einen großen Mangel in dem Bericht des Gen. Sinowjew hervorheben. Ich habe in dem Bericht eine Fülle von statistischen Daten erwartet. Genosse Trotzki hat sehr schön von der Bedeutung der Waffe der Statistik gesprochen. Wir dürfen aber niemals aus den Augen verlieren, daß in unserer politischen, in unserer revolutionären Arbeit die Waffe der Statistik eine ebenso große Rolle spielt, wie die Statistik der Waffen. Das ist ohne Zweifel ein großer Mangel in dem Bericht des Genossen Sinowjew.
Schließlich möchte und werde ich mich vollkommen der letzten Forderung des Gen. Sinowjew anschließen, in der er alle kommunistischen Parteien auffordert, ihre besten Kräfte in die Exekutive zu delegieren, damit die Exekutive der Kommunistischen Internationale zu einem wirklichen Generalstab der Weltrevolution werde. (Beifall.)
Vors. Loriot. Genosse Sirola (Finnland) hat das Wort. Er ist abwesend, infolgedessen hat Genosse Kolarow (Bulgarien) das Wort.
Kolarow (Bulgarien). Die bulgarische Delegation, in deren Namen ich spreche, billigt voll und ganz den durch den Genossen Sinowjew gegebenen Bericht des Exekutivkomitees.
Wenn ich trotzdem das Wort ergreife, geschieht es nicht, um nur diese Erklärung abzugeben; ich möchte einige Worte über eine in dem Bericht aufgeworfene Frage hinzufügen.
Es handelt sich um die tatsächliche Leitung der internationalen kommunistischen Bewegung durch die Exekutive.
Wir sind immer für den Gedanken einer zentralisierten Organisation und Leitung der Kommunistischen Internationale eingetreten und tun es noch. Es ist dies eine notwendige Vorbedingung für den Sieg der internationalen Revolution. Wir fürchten die Anklagen der Bourgeoisie und der Sozialpatrioten nicht, die uns als Vasallen Moskaus bezeichnen. Eine klarsehende, tätige und unternehmende Exekutive, das ist, was uns not tut.
Wir billigen voll und ganz die klare und entschiedene Haltung der Exekutive in der Frage der Spaltung der Parteien in Deutschland, Frankreich, Italien und der Tschechoslowakei, sowie im Falle des Bruches der revolutionären Disziplin von seiten Levis. Aber wir müssen auch feststellen, daß sie in gewissen Fällen unterlassen hat, rechtzeitig eine klare Stellung einzunehmen, z. B. als jüngst zwischen der Entente und Deutschland in der Reparationsfrage die Krise entstand.
In dem kritischsten Moment gaben die deutschen Kommunisten die folgende Parole aus: Die Tore zum Westen sind für uns verschlossen, der Osten steht uns offen, laßt uns ein Bündnis mit Sowjetrußland abschließen.
Die französischen Kommunisten haben es nicht für möglich gehalten, offen und klar gegen die Machinationen des französischen Imperialismus Stellung zu nehmen.
In diesem Augenblick war es an der Exekutive, eine klare Parole auszugeben und alles zu tun, die Handlungen der kommunistischen Parteien beider Länder von gemeinsamen für beide Parteien maßgebenden Richtlinien aus zu unterstützen.
Es ist bedauerlich, daß das in einem solch kritischen Moment nicht geschehen ist, und die beiden Parteien den Fehler begingen, nicht nach einem gemeinsamen Plan zu handeln.
Die deutschen Kommunisten schlugen den richtigen Weg ein, als sie das Bündnis mit Sowjetrußland propagierten, aber es war falsch, dem deutschen Proletariat zu sagen, die Tore zum Westen sind für uns verschlossen, da sich hinter diesen Toren das Proletariat der Entente befindet, zu dem es den Weg finden mußte. Aber besonders peinlich war es, das Verhalten der französischen Partei in solch einer vitalen Frage beobachten zu müssen, wie sie sich in einem Netz von Unklarheiten verwickelte.
Die Exekutive hat gegenüber der Partei des französischen Proletariats richtig gehandelt, aber sie hat nicht genügend getan. Wenn ich auf das Verhalten der Exekutive gegenüber Frankreich besonderes Gewicht lege, geschieht es wegen der wichtigen Rolle, die der französische Imperialismus in der europäischen Konterrevolution spielt. Und außerdem habe ich noch ein anderes Motiv. Die französischen Häupter sind die wahren Herren auch unseres Landes; sie diktieren der bulgarischen Regierung die Gesetze, die zur Unterdrückung der Kommunistischen Partei erlassen sind. Von diesem Standpunkt aus haben wir bulgarischen Kommunisten das Recht, die Französische Kommunistische Partei ein wenig als die unsere anzusehen und uns etwas mehr für ihre Tätigkeit und ihre Entwicklung zu interessieren. Nun wohl, wir erkennen den günstigen Lauf der Entwicklung dieses Landes für unsere Ansichten an und freuen uns der Aufwärtsbewegung der Französischen Kommunistischen Partei, aber wir wollen uns auch nicht die großen Schwierigkeiten verheimlichen, die von der Französischen Partei, um eine wahre und richtige kommunistische Vereinigung zu werden, noch zu überwinden sind.
Betrachten wir, wie der Parlamentarismus in Frankreich gehandhabt wird. Früher wurde durch die parlamentarische Schwäche der Sozialistischen Partei der Syndikalismus emporgezüchtet und die Arbeiter dem Anarchismus entgegengetrieben. Jetzt, wo das französische Proletariat eine mächtige Bewegung um die Kommunistische Internationale für die revolutionäre Aktion sich scharen sieht, ist es eine absolute Notwendigkeit, mit den alten parlamentarischen Traditionen zu brechen und endgültig die neue Bahn des revolutionären Parlamentarismus zu beschreiten.
In dieser Hinsicht kann auch über die Presse eine Bemerkung gemacht werden. Wie die Überlieferungen der alten Französischen Sozialistischen Partei zeigen, fanden die Arbeiter in den Parteiorganen niemals die Ansicht der Partei vertreten, sondern sie erfuhren dort von den verschiedenen Meinungen der Parteirichtungen, die gewöhnlich sehr voneinander abstachen. Man überließ es den Arbeitern, darüber zu urteilen und sich eine Ansicht nach Geschmack zu bilden. Hat die Französische Kommunistische Partei schon hiermit gebrochen? Ist es ihr gelungen, ein wahres Parteiorgan zu schaffen? Man muß diese Fragen mit Nein beantworten. In der „Humanite“ findet man noch nicht einen überragenden und vor allem klaren, offenen kommunistischen Gedanken. Selbst ein Gelehrter wie der Genosse Paul Louis sieht in der konterrevolutionären Eroberungspolitik des französischen Imperialismus nur Irrtümer und Abweichungen, für welche er nur den Rat hat, daß man sie vermeiden müsse.
Man hat in der Exekutive über die Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei und den Gewerkschaften gesprochen. Es ist nötig, vor dem Kongreß nochmals darauf hinzuweisen, daß die französischen Kommunisten eine klare und eindeutige Haltung in der Frage nach der Rolle der Kommunisten in den Gewerkschaften nicht einnehmen, und diese Tatsache birgt in sich die Gefahr ernster und gefährlicher Krisen für die revolutionäre Bewegung in Frankreich.
In bezug auf den revolutionären Massenkampf muß man feststellen, daß die Partei sich noch in den Anfangsstadien befindet; sie hat sich noch nicht das Prestige des Organisators und anerkannten Führers der Massen erworben. Besonders muß ich unterstreichen, daß die Partei es noch nicht für möglich gehalten hat, eine lebhafte Agitation für Massenaktionen gegen den in der ganzen Welt als reaktionär und konterrevolutionär sich zeigenden französischen Kapitalismus zu entfalten.
Wenn ich diese Tatsache hervorhebe, geschieht das nicht, um die französische Partei zu tadeln. Ganz im Gegenteil, ich erkenne den guten Willen und die Anstrengungen der französischen Genossen, eine wahre Kommunistische Partei zu schaffen und die in dieser Beziehung schon merklichen Fortschritte an. Aber es handelt sich darum, den französischen Genossen mit allen möglichen Mitteln zu helfen, das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Exekutive. Es ist zu wünschen, daß sie in Zukunft mit mehr Aktivität an diese Frage herangeht, und es ist Sache der kommunistischen Parteien aller Länder, die Unternehmungen der Exekutive zu stärken und nachhaltiger zu gestalten, indem sie für bessere Organisation sorgen und die besten Kräfte zur Verfügung stellen.
Clara Zetkin. Genossinnen und Genossen! Vorgestern hat Gen. Sinowjew in seinem Bericht die Leporelloliste meiner Sünden aufgerollt, und Gen. Radek ist damit gestern fortgefahren. Ich nehme an, daß ich als eine der Hauptangeklagten hier eine längere Redezeit bewilligt erhalte; denn es ist unmöglich, in den zehn Minuten auch nur andeutungsweise auf die Frage einzugehen, über die ich mich verbreiten muß. Was zunächst meine Verfehlungen anbelangt, so stelle ich fest, daß ich meine Lebtage nicht mit dem Genossen Nobs in Zürich konspiriert oder korrespondiert habe. Diese Behauptung muß auf einem Irrtum beruhen.
Nun zur italienischen Frage und meiner Stellung dazu, die mit ausschlaggebend gewesen ist für meinen Austritt aus der deutschen Zentrale. Dazu habe ich folgendes auszuführen: Ich habe nach der Behandlung der Frage auch in dem Bericht des Genossen Sinowjew und in der Rede des Genossen Heckert und anderer Redner, auch des Genossen Radek, den Eindruck, daß diese Frage zu überwiegend behandelt worden ist. als ein Fall Serrati, statt als eine Frage der Masse italienischer Proletarier, die zu unserem Bedauern noch nicht ideologisch klar und fest sich auf den Boden des Kommunismus gestellt haben. Es ist hier viel erzählt worden über die Zweideutigkeit, über die verräterische Haltung, über das Ausweichen Serratis vor einer bestimmten Entscheidung. Ja, Genossen und Genossinnen, ich konnte mich nicht entschließen, in der italienischen Frage ein Urteil zu fällen auf Grund von Argumentationen, die immer darin gipfelten, daß Serrati ein schlechter Kerl sei, über dessen Politik man nicht vollständig im Klaren sei, und daß diese Politik schwankend und unbestimmt sei. Genossen, wenn wir nur entscheiden würden nach der moralischen Haltung und nach der konsequent durchgeführten politischen Linie, die Freund und Opponent vollständige Klarheit gibt über die Stellungnahme eines Politikers, so würde, ich betone ausdrücklich dabei, daß mir jede Kritik fernliegt, so würde ich, Genosse Radek, „so manchen sehen, der nicht da ist“, weil seine Haltung eine schwankende unbestimmte und eine oft wechselnde gewesen ist.
Genossinnen und Genossen, für mich scheidet jede Personenfrage aus. Ich gehöre wahrhaftig nicht zu denen, von denen Genosse Sinowjew meinte, sie hätten es bedauert, daß der Präsidententisch nicht mit dem mir völlig unbekannten schönen Bart d’Arragonas geziert ist. Nein, Genossen, ich spreche es offen aus, meinem ästhetischen Gefühl genügt das international bekannte Lockenhaupt unseres Freundes Sinowjew vollständig. (Heiterkeit.) Wollte ich nach persönlichen Sympathien urteilen, und mich entscheiden, so erkläre ich offen, daß meine Sympathie nicht Serrati gehören würde, sondern vielmehr Turati, der ein ganzer Kerl ist, wenngleich ich seine Politik abscheulich finde und gegen diese Politik den schärfsten Kampf für notwendig halte. Aber für mich war immer die Rücksicht auf die großen Massen maßgebend, die leider noch hinter Serrati stehen. Ich sage das eine: war Serrati wirklich der Mann, als der er in den Dokumenten erschienen ist, die Genosse Sinowjew vorgetragen hat, dann begreife ich nicht, daß man Serrati auf dem Zweiten Kongreß im Präsidium hatte, und daß man nicht viel früher und viel entschlossener auf eine Trennung von ihm, auf eine klipp und klare Entscheidung hingewirkt hat.
Genossen und Genossinnen, doch ich konnte das Zögern der Exekutive, mit starker Faust in die Entwicklung der italienischen Parteiverhältnisse einzugreifen, wohl verstehen. Die Italienische Partei war eine der ersten großen Parteien gewesen, die sich in schwerer Zeit rückhaltlos zur III. Internationale bekannt hatte. Allerdings, die Ereignisse hätten uns warnen müssen, diesen Umstand zu überschätzen. Die Septemberereignisse bewiesen, daß die italienische Partei außerstande gewesen war, die Situation zu erfassen und revolutionär auszuwerten zu einem politischen Kampf großen Stils für die Eroberung der politischen Macht oder wenigstens für einen gewaltigen Vorstoß dazu.
Gen. Terracini hat hier angeführt, daß die Parteileitung zwei Tage darüber debattiert habe, ob man die Revolution beschließen solle oder nicht. Meines Dafürhaltens hätte es in dieser Situation näher gelegen, daß die Parteileitung sofort die Aufnahme des politischen Kampfes mit allen Mitteln beschlossen hätte. Da würde man dann gesehen haben, wie weit man auf dem Wege zur Revolution vorwärts gekommen wäre. Aber daß dieser Beschluß nicht gefaßt wurde, kann ich nicht allein als die Schuld Serratis ansehen, der damals nicht in Italien, sondern von Moskau auf dem Heimwege nach Italien war. Und es bleibt mir gegenwärtig, daß wir die Schuld auch nicht ausschließlich auf die Serratiner legen können, weil die Maximalisten in der Parteileitung die Mehrheit hatten und man dennoch zu dem Beschluß gekommen ist, die Sache in die Hände der opportunistischen Gewerkschaften zu legen. Diese Tatsache zeigt mir zweierlei: einmal, daß die italienische Partei, auf die wir mit Stolz und Bewunderung geblickt hatten, weder ideologisch noch organisatorisch war, wofür wir sie hielten. Aber noch ein anderes: daß damals die revoltierenden Massen in Italien selbst noch nicht weiter vorgeschritten waren, wie ihre Führer, denn sonst, Genossen — ich habe immer die Auffassung vertreten und vertrete sie auch heute noch —, wenn die Massen tatsächlich von revolutionärer Erkenntnis und revolutionärem Willen beseelt gewesen wären, dann hätten sie in jener Situation auf die Entscheidung ihrer schwankenden gewerkschaftlichen und politischen Führer gepfiffen und wären über deren Köpfe hinweg in den politischen Kampf eingetreten.
Heckert. Das ist dieselbe Entschuldigung, die die Scheidemänner für ihren Verrat von 1914 vorbringen. (Lärm.)
Zetkin. Bitte, das ist keine Entschuldigung, sondern nur eine Feststellung der geschichtlichen Tatsachen, daß nämlich das Niveau der Führer immer im Verhältnis zu dem Niveau der Massen steht. Gewiß, die Haltung der Führer kann manchmal entscheidend sein, aber unter anderen Umständen wird auch ein wirklich reifes, revolutionäres Proletariat in bestimmten ausschlaggebenden Situationen aus seinen Reihen Führer herauswachsen lassen, die die alten Führer ablösen. Ich sage das nicht, um irgendwie die Schuld der politischen Führer zu verkleinern, sondern aus einem ganz anderen Grunde: um nachzuweisen, wie ernst die Verpflichtung der Exekutive war, mit allen Mitteln darauf hinzuwirken, daß in Italien eine ideologisch und organisatorisch festgeschlossene einheitliche Partei entstand, die das Werk der Erziehung der noch unklaren, der nur vom revolutionären Instinkt beseelten Massen und ihre Führung, in die Hand nehmen konnte.
Und unter diesem Gesichtswinkel der Entstehung einer solchen Partei habe ich stets das italienische Problem betrachtet. Ich habe es deshalb durchaus gebilligt, daß die Exekutive beschloß, die Partei müsse sich sofort und offen von den Turatinern trennen, wenn sie zur III. Internationale gehören wollte. Ich betone die letzten Worte: offen und sofort. weil meines Dafürhaltens damit ausgeschlossen sein sollte. daß durch die sogenannten Unitarier turatinische, reformistische Politik weitergetrieben werden konnte, bemäntelt durch eine kommunistische Phraseologie. Die Schwierigkeit dieser Trennung war eben das Vorhandensein jener Mittelpartei. Aber in jener Mittelpartei befanden sich unzweifelhaft breite proletarische Massen, die in Vergangenheit und Gegenwart bewiesen hatten, daß sie ehrlich den Weg zum Kommunismus und zur III. Internationale suchten, und daß sie ehrlich bestrebt waren, ihn zu finden, und zwar nicht bloß mit Lippenbekenntnissen, sondern daß sie bereit waren, zu Taten überzugehen. Und ich legte dem eine große Bedeutung bei, daß diese Massen für die eine kommunistische Partei Italiens gewonnen würden. Warum das? Nicht, ’wie hier angedeutet worden ist, weil ich irgendwelche Neigungen für zentristische Politik hätte. Nein, aus anderen Gründen; weil ich unter jenen Massen gewerkschaftlich und genossenschaftlich organisierte Arbeiter wußte, die gerade in den Gewerkschaften und Genossenschaften Träger des Kampfes gegen jede reformistische und opportunistische Politik und Taktik sein konnten und mußten. Und noch aus einem anderen Grunde, der Ihnen beweisen wird, wie fern mir jede halbzentristische, pazifistische Anwandlung liegt. Mir war gesagt worden, ob das stimmt, weiß ich nicht, unsere italienischen Freunde werden mich korrigieren, wenn es nicht stimmt, daß in Italien die Munizipalbehörden, die Bürgermeister und Gemeinderäte die Verfügungsgewalt über die politische Polizei hätten, und bei dem Bürgerkrieg, der meines Erachtens in Italien seinen Einzug gehalten hatte, hielt ich es für eine reale Machtstärkung der Kommunisten, daß sie in Tausenden von Gemeinden die Verfügungsgewalt über die bewaffnete Macht, wenigstens über die bewaffnete Polizei besaßen, selbstverständlich nicht zu dem Zweck, damit die bewaffnete Polizei als Ehrenspalier bei Demonstrationen aufmarschierte, sondern um im Sinne des revolutionären Kampfes in die Auseinandersetzungen einzugreifen.
Das waren die Erwägungen, die mich bestimmt haben, Gewicht darauf zu legen, daß nicht bloß sofort die Turatiner abgespalten würden, sondern daß man versuchen sollte, wo möglich, einen großen Teil der sogenannten unitarischen Kommunisten der Partei zuzuführen, ohne Serrati, das spreche ich offen aus, wenn es möglich gewesen wäre, aber zunächst auch mit Serrati, wenn es nicht anders sein konnte, weil in der Not der politische Teufel auch mal Fliegen fressen muß. Ich war überzeugt, daß die weitere Entwicklung innerhalb einer starken kommunistischen Partei Serrati zwingen mußte, Farbe zu bekennen, entweder ehrliche Politik in dieser Partei zu treiben, oder aber sich so zu demaskieren, daß auch der letzte Arbeiter sich nicht mehr über Serrati im Zweifel bleiben könnte. Deshalb habe ich die Auffassung vertreten, daß die Exekutive wohl recht handelte, wenn sie den Ausschluß der Turatiner forderte, daß es die conditio sine qua non, die Bedingung war, an der es nicht zu rütteln gab, daß aber andererseits, nachdem man einmal so lange, offenbar aus Rücksicht auf die Massen, nicht aus Sympathie für Serrati, gezögert hatte, die Spaltung vorzunehmen, daß man dann versuchen mußte, einen großen Teil jener Massen mit hinüberzuziehen. Und es schien mir deshalb, daß die Vertreter der Exekutive in Livorno die Aufgabe hätten erfüllen sollen, sich mit unseren Freunden von der Linken und auch mit den Serratinern über Mittel und Wege zu verständigen, die erlaubt hätten, Tausende und Zehntausende von Arbeitern den Reihen der kommunistischen Partei zuzuführen. Meines Erachtens wäre der Antrag Graziadei, der vorlag, noch nicht dieser Weg gewesen, er hätte aber vielleicht die Grundlage bilden können, um sich über eine Formel zu einigen, die es erlaubt hätte, die wirklich kommunistischen Arbeiter der einen kommunistischen Partei zuzuführen, so daß die Spaltung nicht so glatt in gerader, glatter Linie weit nach links verlaufen wäre wie jetzt, sondern daß sie zum mindesten eine Spaltung innerhalb der Mitte bedeutet hätte.
Dieser Auffassung hat die Resolution entsprochen, die ich der Zentrale vorgelegt habe, und die im großen ganzen sich in Übereinstimmung befand mit der Resolution, die der Vertreter der Exekutive eingereicht hatte. Ich habe sie nur in dem einen Punkt abgeändert, wo ich meinte, daß man das Tor offen lassen sollte, durch das ein großer Teil der serratinischen Arbeiter den Weg in die kommunistische Partei finden könnte. Was besagte die Resolution? Die Resolution stellte sich ohne jeden Rückhalt hinter die Forderung der Exekutive, daß erstens die Turatiner ausgeschlossen werden müßten, sofort, ohne Einwände. Zweitens stellte sie tadelnd fest, daß Serrati sich zweier großer Fehler schuldig gemacht habe, zuerst, daß er in den sechs Monaten seit dem zweiten Weltkongreß auch nicht einen einzigen Vorschlag gemacht habe, wie man die Spaltung anders herbeiführen könnte; dann, daß er in Livorno die Vereinigung mit den 14000 Turatinern der Vereinigung mit der Kommunistischen Partei und ihren 68 000 Proletariern vorgezogen hatte. Die Resolution erklärte im Anschluß daran, ohne Zweifel seien hinter Serrati proletarische Elemente vorhanden, die ehrlich zum Kommunismus wollten und denen man deshalb den Weg offen lassen sollte, sich mit der Kommunistischen Partei zu verständigen und zu einer einheitlichen Partei zusammenzuschließen. Die Exekutive wurde aufgefordert, zu prüfen, ob in dieser Richtung nichts getan werden könne. Die Resolution sprach des weiteren aus, daß es selbstverständlich in Italien nur eine rechtmäßig bestehende Kommunistische Partei gäbe, das sei die Kommunistische Partei Italiens, und diese eine Partei allein könne und müsse kraftvoll von allen Bruderparteien unterstützt werden. Genossinnen und Genossen, daß diese Resolution nicht zentristische Neigungen bekundete, das ist bestätigt worden dadurch, daß die Exekutive in einer späteren Sitzung die nämliche Resolution einstimmig angenommen hat. Wenn ich also wegen dieser Resolution zentristischer Neigungen angeklagt werde, so befinde ich mich in der besten Gesellschaft.
Genossinnen und Genossen, weiter. Ich war zur Agitation auf dem Lande und wußte von nichts. Ich konnte sagen: mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Als ich zurückkam in die Sitzung der Zentrale, wurde mir die sehr große Überraschung mitgeteilt, daß man sich von neuem mit der italienischen Frage beschäftigen müsse. Ich fragte: warum? Es wurde geantwortet: ja, zunächst habe Levi in einer Funktionärsitzung in Berlin Äußerungen getan, die die Resolution im serratischen Sinne auslegten, zweitens sei ein Vertreter der Exekutive aus Livorno hier angekommen und habe erklärt. daß die bisherige Stellungnahme nicht genüge und geändert werden müsse. Was die Erklärung Levis betrifft, so vertrat ich die unmaßgebliche Auffassung, so hoch ich seine Fähigkeiten auch geschätzt habe. daß doch keine einzelne Persönlichkeit durch ihre Meinung die Beschlüsse einer ganzen Körperschaft umstoßen könne. Es hätte genügt, daß die Zentrale erklärte, Levi habe nicht in unserem Auftrage gehandelt, sondern er habe gegen unsere Auffassung verstoßen, wenn er der Resolution diese oder jene Auslegung gegeben hat. Es wurde uns eine andere Resolution vorgelegt von den Gen. Thalheimer und Stöcker. Ich will noch eins feststellen, soweit meine Erinnerung reicht — mein Material ist mir leider an der deutschen Grenze von der fürsorglichen deutschen Polizei abgenommen worden —, ist die erste Resolution von der Zentrale einstimmig. bei einer Stimmenthaltung und Abwesenheit eines Mitgliedes angenommen worden. Nun kam die Resolution von neuem zur Beratung zusammen mit einer Resolution Thalheimer-Stöcker, die ich später charakterisieren werde. Die Resolution Thalheimer-Stöcker wurde von der Mehrheit der Zentrale abgelehnt, dagegen wurde die alte Resolution aufs neue von der großen Mehrheit angenommen, nachdem sie noch erheblich von mir verschärft worden war, so daß man annehmen konnte, eine Auslegung zugunsten Serzunehmen, als auch der Vertreter der Exekutive in Italien, der zunehmen, als auch die Vertreter der Exekutive in Italien nach Berlin gekommen war, erklärt haben sollte, die alte Resolution sei bei Verschärfung ausreichend.
Genossinnen und Genossen! Man spricht hier so viel von den Geboten der Disziplin und der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. In der betreffenden Sitzung der Zentrale war ausdrücklich beschlossen worden, die verschärfte Resolution soll dem Zentralausschuß als die Resolution der Gesamtzentrale vorgelegt werden. Man hat aber kein Gewicht darauf gelegt, den einzelnen Mitgliedern zu verwehren, ihrerseits eine Resolution einzubringen, wie es eben der streng angewendete Begriff der Disziplin erfordert hätte, der jetzt zur Geltung kommen soll. Warum erklärte ich mich gegen die Resolution Thalheimer-Stöcker? Ich sagte, daß ich diesen Begriff der Disziplin teile, ich stellte nicht nur fest, daß beschlossen worden war, das soll die Resolution der Gesamtzentrale sein und keine andere! Und zwar durch Mehrheitsbeschluß!
Heckert. Das Gegenteil wurde beschlossen.
Zetkin. Genossen, es wurde beschlossen, daß dies die Resolution der Gesamtzentrale sein solle, aber nachträglich wurde erklärt, einzelne Mitglieder hätten das Recht, wenn sie wollten, individuelle eine Resolution einzubringen. Übrigens wollte ich sagen, daß die Sache sehr nebensächlich ist, sie ändert am Wesen der Sache nicht. Meines Dafürhaltens ist der Begriff der Disziplin zu straff angewendet. Ich war aus folgenden Gründen gegen die Resolution Thalheimer-Stöcker. Erstens, sie motiviert den Ausschluß der Serratiner, abgesehen von den anderen Fehlern, die schon festgestellt worden waren, mit der Haltung der Italienischen Partei in der Frage der Nationalitäten, der Gewerkschafts- und der Agrarfrage. Nun waren das drei Fragen, mit denen sich der II. Internationale Kongreß befaßt hatte, und meiner Auffassung nach hieße es die Beschlüsse und die Autorität des Zweiten Weltkongresses angreifen, wenn man die Haltung in diesen Fragen zur Begründung des Ausschlusses heranzog. Es drängt sich die Frage auf: ja, wenn die Haltung der Italiener in dieser Frage so abweichend von der ganzen Kommunistischen Internationale war, dann hätte schon der Zweite Weltkongreß die Pflicht gehabt, die Italienische Partei aus der Kommunistischen Internationale auszuschließen, und dazu kommt noch ein anderer Grund: Über die Theorie und die Praxis dieser drei Fragen gehen noch heute in fast allen Ländern, in fast allen kommunistischen Parteien die Meinungen auseinander. Ich erinnere daran, daß in der Agrarfrage und in der Gewerkschaftsfrage in der russischen Bruderpartei erst noch in der jüngsten Zeit die heftigsten Kämpfe durchgefochten wurden, und nicht bloß wegen der Theorie, sondern gerade auch wegen der Praxis. Ich sagte mir deshalb, wenn das der Maßstab sein soll für die Zugehörigkeit zur III. Internationale, dann gibt es augenblicklich kaum noch eine einzige Partei, die ihr angehören könnte. Ich hatte noch einen Grund, weshalb ich gegen die Resolution Thalheimer war. Sie erklärte, der Kampf müsse in der schärfsten Weise gegen die Gruppe Serrati aufgenommen werden. Ich hätte gar nichts einzuwenden für die schärfste Kampfesansage gegen Serrati, aber nicht gegen die Gruppe Serrati, weil das ein allgemeiner Begriff war, der meines Erachtens sich auch gegen Proletarier wendete, die zu der Kommunistischen Partei kommen wollten.
Diese Kampfansage schien mir in jener Zeit politisch besonders unklug, und zwar aus einem Grunde. Sie wissen ja, es ist mir zum Vorwurf gemacht worden, ich habe mit Serrati diplomatisiert. Ich erkläre, daß Serrati, als er nach Berlin kam, auch in Stuttgart gewesen ist, unzweifelhaft wegen der sehr banalen Tatsache, daß eben Berlin und Stuttgart noch immer leichter zu erreichen sind als Moskau. Aber wie sah es mit meinem Diplomatisieren aus? Ich lege Wert darauf, das hier festzustellen. Es wurde mir mitgeteilt, Serrati sei in Berlin gewesen, er habe mit Mitgliedern der deutschen Zentrale Rücksprache genommen, und diese Zentrale habe beschlossen, an die Exekutive in Moskau einen Antrag oder ein Ersuchen zu stellen, sie möge prüfen, ob nicht eine besondere Kommission einzusetzen und nach Italien zu schicken sei, die in Verbindung mit der Kommunistischen Partei und dem Proletariat die Formel für den sofortigen Ausschluß der Turatiner und für die Spaltung finden könne. Angesichts dieser Tatsache sagte ich mir: ich darf nicht päpstlicher sein, als der Papst, wenn die Zentrale das getan hat. ... (Radek: Der Papst war Levi.) Das konnte ich nicht wissen. Man sagte mir, ich solle in Verhandlungen mit Serrati vorsichtig sein. Sofort nach der Unterredung solle ich das Ergebnis niederschreiben und per Eilbrief an die Zentrale schicken, damit es der Genosse Kurt Geyer mit nach Moskau nehmen könne. Ich habe mich strikte an diesen Ratschlag gehalten. Als Serrati kam, war ich nicht etwa diplomatisch, sondern ich erteilte ihm eine gehörige Kopfwaschung wegen seines Briefes an Lenin und wegen seines Briefes an Longuet nach der Spaltung in Tours. Ich erklärte, daß dies ein Fehler sei, und er gab dies zu, und entschuldigte seine Haltung mit der Notlage eines Mannes, der von allen Seiten angegriffen wurde, von links und von rechts und von der Mitte, und der deshalb bei der Verteidigung ungeschickt sein könne. Das war für mich sehr wenige maßgebend, sondern ich dachte die Situation im Interesse einer Spaltung und Klärung innerhalb der Italienischen Partei zu nützen. Ich sagte Serrati: wenn es Ihnen ernst ist, sich mit der Kommunistischen Partei, sich mit der Internationale zu verständigen, dann genügt es meines Erachtens nieht, daß Sie durch die Vermittelung der deutschen Zentrale Ihren Antrag stellen lassen. Ich finde es ehrlicher und politisch klüger, wenn Sie eines tun: Sie müssen die Parteileitung der Italienischen Sozialistischen Partei bestimmen, ihrerseits einen gleichen Antrag direkt der Exekutive in Moskau zuzustellen. Nach langem Hin- und Herreden gab Serrati das zu, und ich sagte mir: du mußt ihn noch weiter vorwärts treiben. Ich erklärte ihm: In ihrer Lage genügt das nicht, Sie müssen Ihre Parteileitung bestimmen, sofort eine Abschrift dieses Ersuchens an die Leitung der Kommunistischen Partei Italiens zu senden und Sie müssen dazu schreiben: Werte Genossen, wir legen Euch die Abschrift eines Ersuchens an die Exekutive der III. Internationale bei und bitten Euch, unseren Schritt zur Kenntnis zu nehmen und Euch womöglich damit zu solidarisieren. Genossen und Genossinnen, Serrati hat auch das zugesagt und was ich davon erwartete, das ist zwischen Serrati und mir nicht besprochen worden. Was war der Zweck meines Vorgehens? Ich wollte Serrati in die Zwangslage bringen, entweder sein Versprechen, das er mir gab, ehrlich zu halten — ich hielt das im Interesse einer Verständigung und einer Klärung in Italien für nötig — oder er würde es nicht halten, dann hatten wir eine Waffe gegen ihn in der Hand und konnten nachweisen, daß sein ganzes Bekenntnis zur III. Internationale und seine Treue zu ihr eben nur ein Lippenbekenntnis war, und daß der Wille fehlte, es durchzuführen. Deshalb fand ich es in der gegebenen Situation unklug, dieser Fassung Thalheimer-Stoecker zuzustimmen. Warum? Denn sie lieferte dadurch für Serrati einen billigen Vorwand, seine Zusage nicht zu halten und nichts zu tun, um zu einer Verständigung mit der Kommunistischen Partei Italiens und mit der Internationale zu kommen. Natürlich habe ich mich bei unseren italienischen Freunden erkundigt: Serrati hat nichts in der Richtung des Versprechens getan. (Hört! Hört!) Er konnte sich eben darauf berufen, daß der Deutsche Zentralausschuß die Resolution angenommen hatte, die ihm den Kampf ansagte. Ich muß sagen, wenn ich in Serratis Lage gewesen wäre, mich hätte auch diese Kampfandrohung nicht in meiner Meinung erschüttert, daß ich den Weg zur III. Internationale und in die Kommunistische Partei Italiens suchen muß. Ich hätte trotz dieser Resolution nun erst recht den ehrlichen Willen zum Anschluß an die III. Internationale bekundet. (Beifall.)
Genossen und Genossinnen, im Zusammenhang mit dieser Entschließung des Zentralausschusses, war maßgebend dafür, daß ich aus der Zentrale der Deutschen Kommunistischen Partei ausgetreten bin, das Eingreifen des Vertreters der Internationale in Italien, des Genossen Rakosi, in unsere Debatte. Ich habe meinerseits nicht die geringste Kritik gegen das Verhalten des Genossen Kabaktschieff, höchstens das eine, daß er meiner Ansicht nach nicht aktiv genug gewesen ist, um eine andere Spaltung herbeizuführen, ein Vorwurf, den ich auch an Paul Levi gerichtet habe, der, da von der einen Seite die Initiative nicht ergriffen worden ist, meines Erachtens die Initiative hätte ergreifen müssen. Also, wie gesagt, wenn ich jetzt von dem Vertreter der Exekutive in Italien spreche, so habe ich nur den Genossen Rakosi im Auge. Wer die Stellungnahme seiner ersten Rede aufmerksam gelesen hat und die Rede, die er vor dem Zentralausschuß hielt, wird finden, daß er nicht eine einzige neue Tatsache gegeben, sondern nur die bekannten Argumente mit anderen Worten ausgeführt hat. Er griff in der Sitzung des Zentralausschusses in die Debatte ein und vertrat wortwörtlich die Auffassung, mit der Spaltung in Italien mußte ein Exempel statuiert werden. Auch die französische Partei muß von unerwünschten Elementen gereinigt werden. Er hat auf Lafont, auf Cachin hingewiesen und gesagt, sie muß vielleicht noch zehnmal gespalten werden. Er vertrat die Auffassung — nicht eine Massenpartei sei für die Kommunistische Internationale wertvoll, sondern eine kleine, reine Partei. Er erklärte ausdrücklich, die Kommunistische Partei kann und darf keine Rekruten umschließen, sie darf nur lauter gut ausgebildete Mitglieder haben, die in jeder Situation führend sein könnten. Diese Auffassung stieß sofort auf Widerspruch, und der Genosse behauptete später, er habe die Äußerung nicht getan. Genossen und Genossinnen, der Genosse hatte früher im Privatgespräch die gleiche Äußerung zu mir getan und noch durch die Ausführung ergänzt: auch Ihre Partei in Deutschland, Genossin Zetkin, ist schon viel zu groß geworden, sie muß wieder klein gemacht werden, worauf ich ihm ins Gesicht lachte und erklärte: Entschuldigen Sie, über diese Behauptung kann ich nur lachen. Unserer Auffassung nach ist die Partei noch viel zu klein für ihre Aufgaben, und wir müssen alle Kraft daran setzen, daß sie größer wird, allerdings nicht nur der Quantität, sondern auch der Qualität nach. Nicht nur um die Quantität handelt es sich bei uns, sondern auch um Qualität in der Quantität. Das ist die Aufgabe der kommunistischen Partei, solche Qualität in der Quantität der in der kommunistischen Partei organisierten Proletarier zu schaffen.
Genossen und Genossinnen, auf Grund der Ausführungen des Vertreters der Exekutive in Italien kam ich zu der Auffassung, daß die alte Frage wieder zur Debatte gestellt werden soll: Massenpartei oder kleine, rein propagandistische Sekte. Ich bekenne meinen Fehler, daß ich naiv genug war, anzunehmen, ein Vertreter der Internationale, der Exekutive könne nicht auf seine eigene Verantwortlichkeit hin derartige Ausführungen machen, wıe sıe damals in der Sitzung gemacht worden sind.
Zwischenruf: Die Erklärung zuletzt!
Zetkin. Die Erklärung zuletzt stand im Widerspruch zu den vorherigen Ausführungen. Es ist im Zentralausschuß erklärt worden, der betreffende Genosse habe seine Auffassung aufrechterhalten. Ich sage, ich war naiv genug, anzunehmen, daß der Vertreter in der damaligen Situation in Italien im Auftrage und nach der Weisung der Exekutive gehandelt hätte. Mir war es nicht in den Sinn gekommen, daß ein Vertreter der Exekutive in einer so schwierigen, so verantwortungsvollen Situation, wie in Livorno und dann bei uns im Zentralausschuß, auf eigene Faust mit solchen Ausführungen kommen und sie noch unterstreichen könnte. Ich bekenne den Fehler und es freut mich, daß die Exekutive diese Auffassung strikt abgeschüttelt hat. Aber ich muß hier noch eins ausführen. Auf Grund der Stellungnahme des Vertreters der Exekutive hatte ich die Meinung, daß mit der Entscheidung in der italienischen Frage ein Problem von grundlegender Bedeutung für alle Sektionen der Kommunistischen Internationale aufgerollt worden war. Das mag eine irrige Auffassung sein; Genossen und Genossinnen, ich gehöre nicht zu jenen erhabenen theoretischen Geistern, die das Recht zu ihrer Theorie davon ableiten, daß sie miserable politische Praktiker sind. Ich habe nach dem geurteilt, wie sich die Situation damals darstellte. Ich sagte mir, in so einer schwierigen Situation kann ich die Verantwortung nicht mit übernehmen.
Ich bekenne es offen, es war noch ein anderer Grund, der mich bestimmte, den ich aber nicht in die Debatte werfen wollte, um keine persönliche Zuspitzung und Erbitterung hervorzurufen. Ich hatte die Erfahrung gemacht, daß ein großer Teil der Mitglieder der Zentrale ihre Meinung in der Frage geändert hatte. Ich mache den betreffenden Genossen keinen Vorwurf daraus. Ich bin bereit, 24mal am Tage meine Auffassung zu ändern und zu sagen, ich war 23mal ein Esel, ich kannte nicht die Tatsachen. Aber, was ich nicht verstehen konnte, war, daß man einen Beschluß umstieß, ohne daß neues Tatsachenmaterial vorgelegen hatte, nur weil eine neue Argumentation darüber gegeben wurde.
Zwischenruf: Und die Haltung Levis!
Zetkin. Bitte, diese Haltung war für die Mehrheit der Zentrale gar nicht maßgebend. Ich muß das eine bekennen, ich würde der Zentrale nicht ein solches Zeugnis der Schwäche, ein solches Armutszeugnis ausstellen lassen, daß die Haltung Levi’s für ihre Haltung maßgebend gewesen wäre.
Zwischenruf: Und wir anderen .. .?
Zetkin. Das ist Ihre Sache, in welchem Maße Ihnen das Vorgehen Levi’s maßgebend war. Ich habe mich nie davon bestimmen lassen, ob Levi oder ob Müller und Schulze eine Auffassung vertreten hatten, sondern nur davon, ob sie mir sachlich richtig oder falsch schien.
Genossen und Genossinnen, ich sagte mir, in einer Situation, die uns bei Strafe des politischen, moralischen Ruins der Partei und schwerer Gefährdung des Proletariats in die Lage bringen kann, die höchste Aktivität zu entfalten, vielleicht morgen schon zu großen Vorstößen vorzugehen, in dieser Situation kann ich vor meinem Gewissen die Verantwortung nicht übernehmen, mit Genossen zusammen zu arbeiten, die, so hoch ich sie sonst schätzte, doch ihre Meinung meinen altmodischen Begriffen nach gar zu rasch änderten.
Genossen und Genossinnen, ich will noch das eine sagen. Niemand kann mir nachsagen, daß ich es je gefürchtet hätte, in der Minorität zu stehen. Ich bin fast immer Minorität gewesen, ich darf daran erinnern, daß ich den Kampf um die Ausnutzung des Parlamentes lange Zeit ganz allein geführt habe, daß nicht einmal die Mitglieder der Zentrale an meine Seite getreten sind, die von der Notwendigkeit der Teilnahme am Parlament überzeugt waren, aber sagten, die Stimmung ist nun mal so, wir können nicht gegen die Massenstimmung ankämpfen. Ich rufe alle zu Zeugen auf, ob sie mir in meiner 40jährigen Parteitätigkeit nachsagen können, daß ich ein Amt niedergelegt habe, weil ich anderer Meinung war, ob ich je meine Auftraggeber betrogen habe und in dem Schmollwinkel getreten bin. Und deshalb sagte ich mir, wenn ich angesichts der Situation von dem Posten zurücktrete, so ist das gewissermaßen ein Warnungssignal, das ich für sehr notwendig hielt. Man hat nun mein Ausscheiden aus der Zentrale als Disziplinbruch gerügt. Ich will nicht über Worte streiten, ich will aber dazu sagen, zunächst wäre ich trotz allem nicht aus der Zentrale ausgeschieden, wenn ich die Auffassung gehabt hätte, die Partei ist so wenig gefestigt, daß mein Ausscheiden aus der Zentrale, das ohne jede Rücksprache mit Levi oder sonst jemand erfolgt ist, eine Schädigung für die Partei bedeutet hätte. Ich sagte mir ein anderes: ein Parteiamt ist kein süßer Schokoladenbonbon, das man für politisches Wohlverhalten verabreicht. Nein, Genossen, es ist die Anvertrauung eines Kampfpostens aus der Überzeugung heraus, daß die richtige Person auf dem richtigen Posten gestellt wird, und ich sagte mir, unter diesen Umständen bin ich eben nicht mehr die richtige Person auf dem richtigen Posten. Und aus einem Element der Stärkung der Zentrale und der Partei werde ich nur zu einem Element der Störung, und ich schädige dadurch die Partei.
Genossen und Genossinnen, aus diesem Grunde habe ich so gehandelt. Und ich glaube, ich darf dabei auf das wohlwollende Verständnis des Vorsitzenden der Exekutive rechnen. Er weiß aus eigener Erfahrung, daß Genossen trotz der größten Treue gegen die Partei und gegen die Disziplin unter bestimmten politischen Umständen in Situationen kommen, wo vor ihrem Gewissen die Frage auftaucht: was ist Pflicht der Partei, was ist Pflicht dem Proletariat, was ist Pflicht der Revolution gegenüber? Den Posten behalten oder ausscheiden und still weiter arbeiten. Ich erinnere an die Vorgänge in der bolschewistischen Partei vom 10. Oktober und 4. November 1917. Im Oktober 1917 sahen sich die Genossen Kamenew und Sinowjew veranlaßt, aus dem damaligen Zentralkomitee auszuscheiden.
Radek. Sie haben dafür auch Prügel gekriegt. (Heiterkeit.)
Zetkin. Genossen, ich habe sie auch bekommen. (Erneute Heiterkeit.) Sie hielten sich vor ihrem Gewissen verpflichtet, aus dem Zentralkomitee auszuscheiden. Sie haben redlich ihre Prügel dafür bekommen, und sie sind in die Öffentlichkeit getreten und haben erklärt: wir waren schuldig. Genossinnen und Genossen, ich habe mich noch nie gescheut, in Fällen, in denen ich geirrt habe, vor die Öffentlichkeit zu treten und das einzugestehen. Ich werde, sobald ich eingesehen habe, daß ich geirrt habe, dasselbe tun. Ich kann nur eines versichern: in der damaligen Situation hielt ich es im Interesse der Partei und des Proletariats für notwendig, so zu handeln, wie ich gehandelt habe. Und ich sage das weitere: wenn ich aus meiner Überzeugung heraus die Dinge abermals so ansehen müßte, wie ich sie damals ansah, so muß ich sagen, ich würde dasselbe tun, weil mir die Treue zum Proletariat immer über die Parteidisziplin geht. Aber, Genossinnen und Genossen, ich werde die erste sein, die, wenn sie einsieht, daß sie geirrt hat, nicht nur sagen wird: es ist meine Schuld mea culpa, sondern: es ist meine allerhöchste Schuld — mea maxima culpa. Aber wie gesagt, ich muß erst überzeugt sein. Das ist meine Stellungnahme zu dem Disziplinbruch. Ich habe mich noch niemals gedemütigt gefühlt, wenn ich infolge eines wirklichen oder vermeintlichen Fehlers eine Rüge erhalten habe. Dagegen würde ich mich nicht nur gedemütigt, sondern unwürdig fühlen, vor Ihnen zu stehen, wenn ich je etwas gegen meine Überzeugung getan hätte. Ich habe die Rüge ohne jeden Protest aufgenommen. und werde auch die Entscheidung des Kongresses mit aller Ruhe abwarten.
Nun noch ein paar Worte zur italienischen Frage. Meines Dafürhaltens hat die Politik, die Serrati und seine Partei seit dem Kongreß von Livorno getrieben haben, unzweideutig gezeigt, daß sie eine Politik des Reformismus, des Opportunismus ist. (Zustimmung.) Das erkenne ich vollkommen an. Schon allein die Stellungnahme der Partei zu der Frage der Weißgardisten, des Kampfes gegen den Faszismus, zeigt das offenbar. Ist das wirklich eine kommunistische Partei — ja, ich gehe noch weiter —, ist das überhaupt eine politische Partei, die den Bürgerkrieg, der durch den Faszismus verkörpert wird, mit Moralpredigten bekämpfen will, wenn man erklärt, der Faszismus muß mit den Mitteln der christlichen Ethik überwunden werden? (Heiterkeit.) Nein, ich erkläre, meine Meinung im Kampfe des Proletariats ist immer die gewesen: auf einen Schelmen anderthalben. Gewalt muß durch Gewalt gebrochen werden. Und der Faszismus in Italien kann nicht durch die sanften Flötentöne des „Avanti“ überwunden werden, sondern nur durch den bewaffneten Kampf der proletarischen Massen. (Lebhafter Beifall.) Auch die ganze Stellungnahme zu den Problemen der Politik scheint mir unzweideutig den opportunistischen Charakter der Serratiner zu beweisen. Manche Genossen sagen, da haben Sie die Bestätigung dafür, wie richtig die Spaltung in Livorno gewesen ist. Genossinnen und Genossen, man kann auch anderer Meinung sein. Man kann sagen, daß durch die Abspaltung des linken Flügels die Unitarier fast gewaltsam in die Arme der Turatiner getrieben worden sind.
Radek. Wie Hilferding in die Arme Scheidemanns. (Heiterkeit.)
Zetkin. Ja, Genossen, jedes Ding hat zwei Seiten. Ich begrüße die Entwicklung, soweit es sich um die Demaskierung unsicherer, schwankender Führer handelt. Ich bedauere sie, soweit dadurch noch Hunderttausende von Proletariern in ihrem Banne gehalten werden. Und ich frage mich, ob diese Hunderttausende von Proletariern nicht eher aus dem verhängnisvollen Banne zu reißen sind, wenn wir sie so rasch als möglich in den Bannkreis der italienischen Kommunistischen Partei führen könnten. Ich will aber die Gelehrten sich zanken und streiten lassen, ob die Entwicklung der italienischen Partei ein Beweis für die Richtigkeit der Spaltung in Livorno war oder ob sie schädlich gewirkt hat. Ich hielt mich an die Tatsache des opportunistischen Charakters dieser Politik, und die zwingt meines Dafürhaltens die Kommunistische Internationale zu einer Stellungnahme. Meines Erachtens genügt es nicht mehr, daß der Kongreß bloß ausspricht, die 21 Bedingungen müssen strikte durchgeführt werden; die Trennung von den Turatinern ohne jede Beschönigung ist eine Notwendigkeit für jeden, der der Kommunistischen Internationale angehören will. Nein, der Kongreß muß auch unzweideutig die schärfste Absage beschließen gegen jede Politik, die irgendwie opportunistisch gerichtet ist, um die Massen zu täuschen. Genossinnen und Genossen, meiner Ansicht nach kann man nicht eher in der Sache beschließen, bis wir die Vertreter beider Richtungen gehört haben. Aber soweit Dokumente vorliegen, steht meine Meinung fest, so wie ich sie hier geäußert habe.
Einige Worte noch, wenn Sie mir gestatten, zu dem Fall Levi, damit ich nicht in den Verdacht komme, daß ich dieser Frage aus dem Wege gehe. Ich wiederhole, daß wir die Stellungnahme der Exekutive nicht bemängeln, im Gegenteil, daß wir durchaus billigen, daß sie auf der Scheidung, der reinlichen Scheidung von den Turatinern bestanden hat. Es wäre nur zu erwägen gewesen, ob es nicht möglich gewesen wäre, die Spaltung früher herbeizuführen, besser vorzubereiten und vor allen Dingen zu versuchen, die Serratiner unter sich zu spalten, und die besten Arbeiterelemente der Kommunistischen Partei zuzuführen. Ich tadele ferner an der Exekutive offen und rücksichtslos, daß sie in der Wahl ihrer Vertreter im Ausland nicht vorsichtig genug gewesen ist. Das gilt nicht nur für den einen Vertreter in Italien, den ich gehört habe, über den anderen mache ich mir kein Urteil, weil ich ihn nicht gehört habe, das gilt auch für den Vertreter der Exekutive in Deutschland, eine Frage, über die wir bei der Erörterung der Märzaktion zu sprechen haben werden. Ich erkläre daher, daß die Exekutive durch die Ausführungen, die Genosse Sinowjew im allgemeinen zu dem Charakter, zu den Aufgaben der kommunistischen Parteien und der III. Internationale gestellt hat, das verhängnisvolle Wirken jener unverantwortlichen Vertreter bereits vollständig desavouiert hat. Deshalb lag kein Grund vor, einen scharfen Kampf gegen die Exekutive zu eröffnen.
Radek. Levi tat es und Ihr habt ihn nicht abgeschüttelt.
Zetkin. Darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Warten Sie doch erst ab. Zum Fall Levi. Meines Erachtens ist der Fall Levi in erster Linie nicht bloß ein disziplinarischer Fall (Zwischenruf: Sehr richtig), er ist in erster Linie und hauptsächlich ein politischer Fall. Er kann nur richtig beurteilt, nur richtig eingeschätzt werden, im Zusammenhang mit der ganzen politischen Situation, und deshalb bin ich der Meinung, daß er wirklich nur behandelt werden kann im Zusammenhang mit unseren Auseinandersetzungen über die Taktik der Kommunistischen Partei und insbesondere im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen über die Märzaktion. Will man den Fall Levi als einen disziplinarischen Fall hier erledigen, so widersetze ich mich dem nieht, aber unter einer Bedingung, daß man auch die Märzaktion sofort im Rahmen dieser Auseinandersetzung bespricht, denn sonst fehlt der ganze geschichtliche Hintergrund. Sonst fehlt die ganze Atmosphäre, aus der heraus der disziplinarische Fall begreiflich wird. Ich will noch eins sagen: Genosse Radek hat gestern hier die Frage auch sehr persönlich gestellt gegen Paul Levi, indem er sehr wirkungsvoll in den Saal hineinrief: „Wo hat je Paul Levi in revolutionären Schützengräben gelegen?“ Genosse Radek, wenn Sie das wörtlich nehmen, dann frage ich: haben auch die theoretisch begründeten und die organisierenden Urheber der Märzaktion, haben sie alle im buchstäblichen Sinne des Wortes in revolutionären Schützengräben gelegen? (Lärm und Zurufe: Jawohl!) Dann kommt noch ein anderes. Genosse Radek weiß so gut wie ich, daß der Gen. Paul Levi wahrhaftig nicht zu denen gehört, die feige den Kampf fliehen. In den gefährlichen Januar- und Märztagen 1919 ist er nicht vom Kampfplatze gewichen, obgleich nach den Vorgängen in Lichtenberg ein Preis von 20000 Mark auf seinen Kopf gesetzt war. Mit dem Genossen Thalheimer zusammen hat er das gefahrreiche Leben des illegalen Kampfes geführt, heute hier und morgen da. Das sind meines Erachtens nach auch Taten des revolutionären Schützengrabens. Ich will das hier nur anführen, ohne irgendwie weiter darauf einzugehen. Ich sage nur das Eine, wir können nur in Verbindung mit der Märzaktion zu einem richtigen Urteil kommen über die Stellungnahme und das Verhalten Paul Levis. Ich habe mich stets nur solidarisch erklärt mit der großen, grundsätzlichen politischen Linie seiner Einstellung zur Märzaktion. Ich habe das in vielen von Zehntausenden Arbeitern besuchten Versammlungen gesagt. Ich habe immer erklärt, daß ich nicht jedes Wort der Broschüre billige, daß ich bei weitem nicht jedes Urteil der Broschüre teile. Und wenn Sie mich auf mein Gewissen fragen, so kann ich sagen, ich hätte die Broschüre gar nicht geschrieben, und wenn ich sie geschrieben hätte, wäre sie wesentlich anders ausgefallen. Aber, daß eine Kritik scharf einsetzte, war damals eine Lebensnotwendigkeit der Partei. Und warum? Weil von seiten der Zentrale gesagt wurde, die nämliche Politik wird weiter fortgesetzt. Das war das Entscheidende. Genossen und Genossinnen, ich will nicht weiter zu der Frage hier sprechen, solange nicht entschieden ist, ob in Verbindung mit dem Bericht der Exekutive auch die Märzaktion erörtert wird: weil erst die Klärung der Märzaktion die sachliche Grundlage für die Beurteilung des’ Falles Levi bilden wird. Ich sage nur das Eine auf die Frage, die Genosse Radek gestellt hat: nach meinem Dafürhalten ist nicht die Exekutive irgendwie zu beschuldigen, daß durch ihren Beschluß putschistische Unternehmungen angezettelt worden sind. Aber eins bleibt Tatsache, die wir bei der Auseinandersetzung über die Märzaktion beweisen werden, daß Vertreter der Exekutive allerdings einen großen Teil Verantwortlichkeit daran tragen, daß die Märzaktion in dieser Weise geführt wurde, wie es geschehen ist, daß Vertreter der Exekutive einen großen Teil der Verantwortung an den falschen Losungen, der falschen politischen Einstellung der Partei tragen oder richtiger: der Zentrale. Und niemand weiß das besser, als Gen. Radek selbst.
Radek. Warum, ich war nicht in Deutschland?
Zetkin. Sie haben vor einigen Tagen vor Zeugen erklärt, daß Sie unmittelbar, nachdem Sie informiert wurden, dem Vertreter der Exekutive mitgeteilt hatten, daß seine Losung — ich will das von Ihnen gebrauchte unparlamentarische Wort hier nicht gebrauchen, sondern nur ein milderes Wort — töricht war. Meine Auffassung ist die, daß, wenn irgendwer Grund hätte, sich über das Vorgehen Paul Levis zu beschweren, wir, von der Opposition, es wären, wir, die Kritiker nicht an der Märzaktion als Kampf, sondern der falschen Einstellung, der schlechten Durchführung durch die Zentralleitung. Denn an Stelle der Erörterung der Politik der Zentrale ist die breite Auseinandersetzung über den Fall Levi getreten. Meiner Meinung nach sollte die Zentrale dem Gen. Levi dafür ein Dankesdenkmal errichten. (Heiterkeit.) Denn er ist der Prügeljunge geworden, an dem sich die enttäuschten Proletarier über die falsche Einstellung und verfehlte Leitung und Durchführung der Aktion ausgetobt haben.
Heckert. Ein billiges Argument.
Zetkin. Wir werden schon auch andere Argumente haben, wenn wir über die Märzaktion sprechen, und ich möchte nicht auf die Frage eingehen, solange nicht entschieden ist, ob hier über die Frage der Märzaktion gesprochen werden soll, oder bei der Frage der Taktik. (Vorsitzender: Taktik.) Ich will hier nur noch das Eine sagen — Genosse Markovic hat mit Recht gesagt: Wenn Paul Levi wegen der Kritik der Märzaktion und der Fehler, die er unstreitig dabei begangen hat, hart bestraft wird, welche Strafe verdienen dann die, die die Fehler selbst begangen haben? Der Putschismus, den wir angeklagt haben, der hat nicht bestanden in der Aktion der kämpfenden Massen, nein, Genossen, der Putschismus bestand, darin hat der Gen. Gorter recht, er bestand in den Köpfen der Zentrale, die die Massen in dieser Weise in den Kampf führten, er bestand darin, daß die Konterorder der Order folgte und dann schließlich die Unordnung, das Chaos, die Direktionslosigkeit eingetreten ist.
Ich habe nichts dagegen, daß der Kongreß schon jetzt über den Fall Levi entscheidet. Aber nur, wie ich schon sagte, nach der Auseinandersetzung des ganzen sachlichen Untergrundes, denn Gen. Levi hat aus der tiefsten Überzeugung gehandelt, der Partei einen Dienst zu erweisen.
Genosse Paul Levi kann für seinen Disziplinbruch die gleichen Gründe geltend machen, die seinerzeit für das Verhalten russischer Genossen gemacht worden sind, die die Disziplin gebrochen haben. Er hat gehandelt aus ehrlicher Überzeugung heraus, die Partei retten zu können, den Proletariern zu dienen.
Radek. Der Staatsanwaltschaft.
Zetkin. Das sind sehr flache Argumente, Gen. Radek, denn das Material für den Staatsanwalt stammt wahrlich nicht aus der Broschüre Levis, sondern vielmehr aus den Aufrufen und Artikeln der „Roten Fahne“. (Lärm.) Es hat im Prozeß Brandler eine sehr nebensächliche Rolle gespielt. Ich meine, es ist nicht besonders klug, auf jenen Prozeß zu verweisen, weil da gerade die ganze oder teilweise Unsicherheit der leitenden Persönlichkeiten hell in das Licht gerückt worden ist. (Zwischenruf: Sehr richtig.)
Radek. Was ist mit der Offensive?
Zetkin. Über die Frage der Offensive oder Defensive werde ich erst sprechen, Gen. Radek, wenn wir die ganze Frage behandeln.
Wenn Sie aus dem Zusammenhange gerissene Sätze benutzen, Gen. Radek, so handeln Sie nach dem recht alten Rezept, das Sie nicht erfunden, sondern nur nachgeahmt haben: Gib mir von jemand 20 Zeilen und ich bringe ihn an den Galgen.
Ich werde schon erklären, wie ich die Frage Defensive oder Offensive auffasse. (Heckert macht einen Zwischenruf.) Genosse Heckert, das werde ich ohne oder mit Ihrem Segen tun. Bis jetzt sind Sie noch nicht mein politischer Beichtvater.
Genossen und Genossinnen, wir haben bei dem Falle Levi zu beachten den sachlichen und politischen Zusammenhang, ferner die Motive, aus der heraus die Broschüre geschrieben wurde, und ferner auch die Wirkung, die sie ausgelöst hat. Genosse Radek suchte das abzuschwächen, indem er sagte, die Broschüre habe dem Staatsanwalt Material geliefert. Die „Rote Fahne“ hat das in weit größerem Umfange getan. Sie hat auch reichlich den Aberglauben genährt, daß die Aktion von auswärts angestiftet war, denn sie brachte Aufrufe und Artikel, die in ihrer ganz undeutschen Ausdrucksweise es den Gegnern erlaubte, zu erklären: not made in Germany.
Aber Genossen, weit, weit schmerzlicher ist es, daß die Broschüre des Gen. Levi vielen Arbeitern wehe getan und viele Arbeiter davon zurückgehalten hat. sich sachlich, kritisch mit der Situation und der Haltung der Zentrale auseinanderzusetzen. Ich begreife vollständig die Empörung, die Entrüstung (Zwischenrufe: Hört! Hört!), die als Echo aus den Kreisen der Arbeiter herausgekommen ist, Aber ich sage auch: ich bedaure den geschulten Kommunisten, der auf die Ausnutzung der Broschüre durch die Gegner nicht zu antworten imstande ist. Denn wenn wir das als Maßstab annehmen wollen, was die Gegner aus schriftlichen oder mündlichen Äußerungen von uns Kommunisten machen, dann dürften wir nie eine Zeile schreiben, nie den Mund auftun, denn die Gegner werden alles verdrehen und aus allen Blüten Honig saugen.
Es ist meine ehrliche Überzeugung, daß ohne die Kritik Levis die Auseinandersetzung mit der Theorie und mit der Praxis der Märzaktion nicht so rasch, nicht so heftig erfolgt wäre, als es der Fall gewesen ist, und daß die Komm. Partei, daß das Proletariat der Gefahr ausgesetzt worden wäre, abermals in neue verfehlte Unternehmungen hineingeschickt zu werden.
Genossinnen und Genossen, weshalb ich eine so scharfe Stellung zu diesem ganzen Komplex der Frage genommen habe, ist: ich halte und hielt die gesteigertste, die energischste Aktion des deutschen Proletariats unter den gegebenen Umständen für absolut notwendig; und nicht, daß Arbeiter gekämpft haben, nicht, daß eine falsche Losung gegeben wurde, eine falsche Führung vorhanden war, ist, was mich bekümmert, sondern die Hauptsorge ist ein anderer Umstand: daß die Komm. Partei in einer Zeit, die nach Tat schreit, jetzt unfähig, zu schwach zur notwendigen Aktion ist. (Widerspruch.) Und wenn ich von dem Kongreß fordere, daß er eine eingehende, gewissenhafte Prüfung sowohl der Theorie, wie der Taktik während der Märzaktion vornimmt, so fordere ich dazu auf aus der Überzeugung, daß unsere Auseinandersetzung sein muß; ein Rüsten zu neuen, zu scharfen Kämpfen, ohne Rücksicht, ob Niederlage oder Sieg, denn auch Niederlagen können fruchtbar sein, wenn es Niederlagen der proletarischen Massen gegen einen überlegeneren Feind sind, wenn es Niederlagen sind, bei denen das Proletariat stolz sagen kann: alles verloren, nur die Ehre nicht, revolutionär gekämpft zu haben, revolutionär vorgestürmt zu sein. (Lebh. Beifall und Applaus.)
(Schluß der Sitzung 5 Uhr 40 Min.)
Die siebente Sitzung (27. Juni 1921, 8½ Uhr abends)
(Fortsetzung der Diskussion über den Bericht des Exekutivkomitees. Redner: Friesland, Van Overstraaten, Koenen, Terracini, Djavad Zadeh, Rakosi, Smythe.)
Friesland (V.K.P.D.). Die Ausführungen, die die Vertreter der deutschen Opposition heute hier und zum Teil auch gestern auf dem Kongreß über den Bericht der Exekutive, soweit dieser Bericht sich auf Deutschland bezieht, gemacht haben, diese Ausführungen sind mit großer Geschicklichkeit um den Kern der Streitfrage und um die entscheidenden Gesichtspunkte herumgegangen. Auch das große Temperament, mit dem die Genossin Clara Zetkin in ihrer eingehenden Rede hier ihre Stellungnahme und ihre konkreten Handlungen in der deutschen Partei zu begründen suchte, auch dieses große Temperament kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihr Gedächtnis, ihr politisches Gedächtnis, etwas schwächer ist, als ihr Temperament, daß ihr Auftreten hier in einer ganzen Reihe von politischen Fragen ein anderes war, als es bei uns in Deutschland gewesen ist. Und ich will schon gar nicht reden von dem Niveau, das darin zum Ausdruck kommt, daß Gen. Malzahn von der Opposition es für richtig hielt, mit Hilfe einer Statistik die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Politik seiner Freunde zu beweisen. Ich weiß sehr genau, daß die Genossen, die sich um ihn gruppieren, ausreichend Zeit zur Verfügung gehabt haben, um sich in Deutschland mit statistischem Material zu beschäftigen, ich weiß sehr gut, daß seine Freunde in Berlin Gelegenheit hatten, auf Autos von Betrieb zu Betrieb zu fahren, nicht etwa um die Arbeiter zu Kämpfen aufzurufen, sondern um den Arbeitern zu sagen, dort und dort wird nicht gestreikt (Hört! Hört!), um die Arbeiter vom Kampfe abzuhalten. Ich stelle fest, daß die Moskauer Luft in der Auffassung des Gen. Malzahn gewisse Veränderungen hervorgerufen hat. Er spricht jetzt schon von 200000 Teilnehmern, nach seinen früheren Behauptungen in Deutschland waren sie etwas weniger. Auch bei der Beurteilung der Märzaktion ist eine kleine Wandlung zu verzeichnen: es ist jetzt nicht mehr ein großer Putsch, nicht mehr ein ungeheures Verbrechen, es ist immerhin schon ein aufgezwungener Kampf, den die Kommunistische Partei nach seiner Ansicht mutig geführt hat. Ich muß sagen, wenn man auf diese Frage bei der Behandlung des Berichtes der Exekutive überhaupt eingehen kann, so darf das nur in dem Zusammenhange geschehen, wie das Gen. Sinowjew getan hat. Das Entscheidende bei der Beurteilung dieser Frage ist vom deutschen Standpunkt aus: welches war die Entwicklung der Kommunistischen Partei bis zu diesem Kampfe, und was kam mit diesem Kampfe der Kommunistischen Partei zum Ausdruck? Und wir sagen, welches auch die Fehler dieser Aktion gewesen sein mögen — und die Fehler sind riesengroß —, so sind wir die letzten, die diese Fehler irgendwie verheimlichen. Aber wir werden über diese Fehler mit solchen Genossen sprechen, die mit uns gekämpft haben und nicht mit solchen, die die Kämpfe des Proletariats sabotiert haben, die planmäßig gegen die Aktion vorgegangen sind, und wir werden diskutieren über die Fehler mit Genossen, die mit uns auf dem gegebenen Kampfboden stehen, und mit niemanden anderen. (Lebhafte Zustimmung.)
Wir wissen, daß es keine Partei gibt, weder die Kommunistische Partei in Deutschland, noch eine Kommunistische Partei in irgend einem anderen Lande, die in solchen Kämpfen nicht Fehler macht. Und wenn man schon von Fehlern reden will, so zunächst davon: welches war der Hauptfehler? Den Hauptfehler machte die alte Führung, die abdankte, weil der Gen. Rakosi der Gen. Zetkin und anderen nicht gefallen hat und es bei der Gen. Zetkin den Eindruck erweckte, daß Rakosi geschickt worden sei, um die italienische Partei zu spalten. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die Führung, die bis zum Sturze der alten Zentrale bestand, nicht eine solche war, die geeignet ist, aus der Partei eine Kampfpartei zu machen. Und in lichten Augenblicken hat auch die Gen. Zetkin betont, daß sie sehr wohl anerkenne, daß große Gefahren der Passivität und Inaktivität in der Kommunistischen Partei auf der Seite ihrer Freunde vorhanden sind. Ich erinnere mich dieser Äußerung der Gen. Zetkin sehr genau.
Genossen, was war das Entscheidende in der deutschen Partei? Das war, daß seit dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale planmäßig von der Führung der Kampf gegen die Exekutive organisiert wurde. Selbstverständlich handelt es sich nicht um das schöne „Lockenhaupt” des Gen. Sinowjew, das uns vielleicht unantastbar wäre. Dieser Kampf, der gegen die Exekutive geführt wurde, war ein Kampf gegen die politischen Methoden und Prinzipien der russischen Revolution und der Kommunistischen Internationale überhaupt. Und jeder, der die Verhältnisse in der deutschen Partei verfolgt hat, der weiß, daß Gen. Levi von dem Moment an, wo er aus Moskau zurückkam, planmäßig sich bemüht hat, das Ansehen der Kommunistischen Internationale und ihrer Exekutive in der deutschen Partei zu untergraben. Und wo eine Frage in der deutschen Partei auftauchte, es konnte sein. welche es wollte, überall haben wir gewisse Einflüsse beobachten können, die darauf hinausliefen, die westeuropäischen Einflüsse gegenüber den „asiatisch-bolschewistischen” Einflüssen in der Kommunistischen Internationale zu stärken. Ich erinnere an die ganze Behandlung der K.A.P.D.-Frage. Ich frage offen: Sind die Genossen von der Opposition heute noch der Meinung, daß die Art der Behandlung der K.A.P.D. durch die damalige deutsche Parteizentrale eine politische Behandlung war, oder sind sie der Meinung, daß es eine sentimentale hysterische Behandlung und Empfindlichkeit war? Es wird sehr angenehm sein, wenn Ihr Euch zu den strittigen Fragen erklärt. Sind die Genossen endlich der Meinung. daß die Behandlung dieser Frage durch die Genossen Levi und Däumig eine Behandlung war, die davon zeugte, daß man einen Konflikt mit der Kommunistischen Internationale herbeiführen wollte? Es war interessant, daß der Gen. Markovic von der jugoslawischen Partei bereits in den Tagen der Märzaktion in seinem Zentralkomitee in der Lage war, über die Verhältnisse in Deutschland zu referieren und Entschließungen in seinem Zentralkomitee annehmen zu lassen. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß das Zentralkomitee seiner Partei in Wien auch Verbindungen mit Herrn Dr. Levi gehabt hat. Jedenfalls haben wir in Erinnerung, daß Levi mit aller Deutlichkeit betont hat, daß er, Gott sei Dank, seine Beziehungen in der Internationale habe. Und wir behaupten, daß von dem Tage des II. Kongresses an die Kampagne in Deutschland sowie in der Internationale hinter den Kulissen organisiert worden ist. Daß allerdings Levi dann über Fraktionsbildungen, über geheime „Turkestaner“-Verbindungen in der deutschen Partei und anderen Parteien sehr empfindlich war, das ist für die, die die politischen Methoden dieses Politikers kennen, nur amüsant. Wir finden, daß mit diesen Methoden sehr systematisch in unserer Bewegung gearbeitet worden ist. Und da sagen wir, die deutschen Arbeiter und das deutsche revolutionäre Proletariat haben ein sehr klares und deutliches Empfinden für den politischen Sinn dieser Methoden und für die Absichten dieses Kampfes. Und ‚wenn es darum geht, zu wählen zwischen der Führung, die, als der revolutionäre Kampf in Deutschland ausgebrochen war, ausgewichen ist, wenn es sich darum handelt, alle die brennenden revolutionären Probleme auszunützen, die Kämpfe des Proletariats und die Führung der Exekutive vorzubereiten, daß da allerdings die deutschen Arbeiter wissen, wen sie zu wählen haben. Genossen! Ich bin bald fertig. Man kann leider in zehn Minuten nicht all das sagen, was zu sagen notwendig ist. Ich möchte bitten, daß Sie jetzt nicht absehen von der besonderen Behandlung der Märzaktion, von den besonderen Fehlern der deutschen Partei in dieser Aktion, wobei ich aber bitten möchte, daß diejenigen, die hier als die theoretisch geschulten Kommunisten auftreten wollen, doch etwas vorsichtiger mit ihren Äußerungen sein sollen, denn sie wissen, daß andere, gegen die sie die Anklage erheben wollen, viel gründlicher als sie diese Fehler gerügt haben, auf dem Boden der Solidarität nicht mit Levi, sondern in Solidarität mit den kämpfenden Arbeitermassen. Ich möchte bitten, daß Sie jetzt hier in der Diskussion nicht mehr ausweichen. Und ich sage. die ganzen Ausführungen der Gen. Zetkin und anderer Genossen haben wir empfunden — bei allem Respekt, den wir vor der Gen. Zetkin haben — als ein Ausweichen vor bestimmten Fragen. Gen. Zetkin hat hier gesagt, sie habe sich niemals mit Levi irgendwie solidarisiert. Vielleicht wird die Gen. Zetkin mich nicht desavouieren: ich habe in Erinnerung, daß sie sich doch mit Levi solidarisiert hat. Ich erinnere daran, daß die „Rote Fahne“ einen Bericht brachte, demzufolge die Gen. Zetkin nach einer Bezirksversammlung erklärte, es würde feige und erbärmlich sein, wenn sie nicht absolut hinter Levi stehen würde. Und ich frage — abgesehen von Fehlern der Märzaktion —, sind die Genossen heute noch solidarisch mit den schamlosen Verleumdungen Levis, mit dem Gerede über die Turkestaner, mit den Behauptungen, die Vertreter der Exekutive stünden hinter allen möglichen Bombenattentaten, organisierten mit russischem Gelde Fraktionen, um die deutsche Partei zu sprengen? Glaubt irgendeiner der Genossen wirklich noch im Ernst, man könne deswegen, weil Gen. Rakosi bei uns im Zentralausschuß sich vielleicht unvorsichtig ausgedrückt hat, daraus ableiten, daß die Exekutive zur Frage der Bildung kommunistischer Massenparteien einen anderen Standpunkt eingenommen hat? Ich erinnere daran, daß, als diese Behauptung auftauchte, der ganze Zentralausschuß betont hat, wenn ein solcher Standpunkt vorhanden wäre, so würden wir als deutsche Partei diesen Standpunkt nicht billigen. Es wurde dann gesagt, es gibt vielleicht gewisse Tendenzen, die Partei größer zu machen, als gerade nötig war. Solche Tendenzen mögen vielleicht hier und da vorhanden gewesen sein. Aber Tendenzen, aus der Partei eine Sekte zu machen, waren nicht vorhanden. Und wir erwarten in der Diskussion, daß klipp und klar zu dieser Frage Stellung genommen wird, daß man nicht hier wieder schweigt und wir in Deutschland wieder vor derselben Kalamität stehen wie bisher. Jener Vertreter der russischen Partei, der von der Polizei gehetzt wurde, der denunziert worden ist durch die Gen. Däumig und Düwell in dem Material der Opposition, der denunziert worden ist in einer schändlichen Weise, jener Vertreter hat offiziell im Zentralausschuß gefragt: „Bitte, an welchen terroristischen Akten habe ich teilgenommen, bitte, sagt mir das“, und man hat geschwiegen. Wir sagen, dieses Schauspiel möchten wir nicht wieder erleben, daß über diese Dinge hinweggegangen wird. Wir erwarten, daß die Genossen mit der Sprache herausrücken. Wir wollen nach Hause fahren mit einer klipp und klaren Erklärung und wünschen nicht das Schauspiel zu erleben, daß man sagt, Levi ist ein feiner Mann, er hat die Fehler der Märzaktion eingesehen; sondern wir wünschen eine ganz eindeutige Erklärung von diesen Genossen und auch vom Kongreß.
Wir sind der Meinung, daß Leute, die sich mit Levi solidarisieren, die Levi beauftragt haben, sein Reichstagsmandat nicht niederzulegen bis zur Entscheidung des Kongresses, daß Leute, die der Partei in dieser Weise in den Rücken gefallen sind, die systematisch das politische und moralische Ansehen der Exekutive untergraben haben, nicht in den Reihen der Kommunistischen Internationale sein können; es sei denn, daß sie klipp und klar von diesen Verleumdungen abrücken. Und, wenn Gen. Zetkin sagt, sie hätte die Broschüre wahrscheinlich etwas anders geschrieben, so mag das sein. Aber von der politischen Verantwortung für die Veröffentlichung dieser Broschüre können die acht Genossen der Opposition sich nicht freimachen. Es steht fest, daß die Korrekturbogen vorher gelesen worden sind und daß man Ratschläge gegeben hat (Hört! Hört!). Das ist eine der entscheidenden Fragen innerhalb der deutschen Bewegung und nicht nur eine Disziplinfrage, wie Gen. Zetkin glaubte. Die ganze Tätigkeit der Exekutive war gewidmet dem Problem der Schaffung einer revolutionären Massenpartei und dies war eine der entscheidenden Fragen der deutschen Bewegung. Nachdem die Massen der früheren U.S.P. zur Kommunistischen Internationale gekommen waren, hörte der alte Schlendrian auf. Und ich sage, der Ausschluß Levis ist ein Akt gewesen, der uns in den Augen der Parteigenossen ungeheuren Respekt verschafft hat. (Lebhafter Beifall.) Das haben die deutschen Arbeiter noch nicht erlebt; sie haben Scheidemann, Ebert und Noske gehabt, und alle diese Führer haben sie verraten. Niemand hat sich gefunden, der gegen diese Führer aufgetreten ist. Und hier zum ersten Male gab es eine Internationale, die auf Disziplin hielt und die Führer zwang, mit den Massen zusammenzugehen. Wir wissen aus der ganzen organisatorischen und politischen Tätigkeit, daß es kein Zufall ist, daß die ganzen Arbeitermassen sich wie ein Mann in dieser Frage hinter die Partei gestellt haben. Ich behaupte, die bloße Tatsache, daß selbst Gen. Zetkin, deren Ansehen bei den Arbeitermassen größer war, als das Levis, in ihrem Bezirk, in dem sie festgewurzelt war, ihre politische Auffassung in dieser Frage nicht durchsetzen konnte, das ist ein Beweis, daß das revolutionäre Proletariat in den entscheidenden Situationen ein besseres Verständnis für die Partei und Internationale hat, als manchmal die besten und hochgestelltesten Führer. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Loriot. Bevor wir weitergehen, muß der Kongreß abermals zur Redezeit Stellung nehmen. Gewährt man jedem Redner eine längere Redezeit, so kann man ja gleich eine längere Redezeit festsetzen.
Radek. Ich schlage vor, es bei den zehn Minuten Redezeit zu lassen. Es wurde darauf hingewiesen, daß die Gen. Zetkin fünfviertel Stunden gesprochen hat. Wenn es notwendig wird, daß wir einem der angemeldeten Redner die Zeit verlängern, so haben wir immer die Möglichkeit, es zu tun. Dann stellen wir eben den Antrag auf Verlängerung. (Zustimmung.)
Vors. Loriot. Da noch 14 Redner eingetragen sind, frage ich den Kongreß, ob nicht die Rednerliste geschlossen werden soll.
Delagrange. Da noch 14 Redner vorgemerkt sind, soll niemand länger als zehn Minuten sprechen dürfen.
Souvarine. Die zehn Minuten müssen für jedermann obligatorisch sein.
Vors. Loriot. Wer der Meinung ist, daß 14 Diskussionsredner genügen und daß die Liste geschlossen werden soll, den bitte ich die Hand zu erheben. (Geschieht.)
Die Liste wird somit geschlossen. Die Redezeit beträgt zehn Minuten.
Gen. Djavad Zadeh (Persien) hat das Wort.
Da er nicht im Saale anwesend ist, erhält das Wort Gen. Overstraaten (Belgien).
Van Overstraaten (Belgien). Genossen! Ich bin gezwungen einige der Erklärungen die von Jacquemotte, dem Delegierten des linken Flügels der belgischen sozialistischen Partei gemacht wurden, zu berichtigen. Jacquemotte hat einige der Schwierigkeiten, welche der Bildung einer kommunistischen Fraktion in Belgien begegnet sind, angeführt. Insbesondere hat er Euch gesagt, daß Belgien ein Nest der früheren Vertreter der II. Internationale sei. Aber die Persönlichkeit von Vandervelde oder die Persönlichkeit von Huysman und einiger anderer Vertreter der II. Internationale sind nicht die einzigen Hindernisse; sie sind eigentlich nur die Krone eines ganzen reformistischen Systems, das sich in Belgien mehr als sonstwo entwickelt hat. In Belgien vereinigt die Arbeiterpartei in ihrem Innern politische, gewerkschaftliche und kooperative Organisationen, so daß diese großartige Zentralisation eine außerordentlich blühende Bürokratie gezeitigt hat, welche die besten revolutionären Willensregungen, die der Arbeiterorganisation entspringen, unterdrückt. Nach dem Waffenstillstand hatten wir gleich begriffen, daß die politischen Organisationen nicht ohne die Stütze der gewerkschaftlichen bestehen können und wir sagten augenblicklich den Genossen, die eine mehr oder weniger unklare und trübe Opposition in der Partei machten: haltet euch nicht dabei auf, einzig und allein eure Kritik an den politischen Maßregeln der politischen Parteiorganisation zu üben, sondern macht Agitation und Propaganda in den Syndikaten. In dem Moment sagten uns die Leute aus der Minderheit: diese Auffassungsart ist absolut unlogisch. Wenn ihr die politischen Organisationen verlaßt, müßt ihr auch zu gleicher Zeit die gewerkschaftlichen Organisationen verlassen. Wir sagten: nein, es ist wohl nur möglich, daß darin ein logischer Fehler liege, aber wir wollen eben Agitation und Propaganda in den Organisationen, die ein wirkliches Arbeiterleben haben, d. h. in den Syndikaten treiben. Trotzdem sind wir wirklich sehr großen Schwierigkeiten begegnet. Jacquemotte hat heute morgen geglaubt, den Standpunkt der kommunistischen Gruppe Belgiens schildern zu müssen, welche voriges Jahr eine kleine kommunistische Partei wurde und sich von einigen Thesen der III. Internationale, insbesondere von der These über den Parlamentarismus abgewendet hatte. Voriges Jahr habe ich die von dem Genossen Bordiga vorgebrachte These verteidigt. Als ich vom Kongreß nach Hause kam, hielt man an der antiparlamentarischen These noch fest, aber der Kongreß hatte festgesetzt, daß die Partei sich der von der Exekutive vorgeschriebenen Disziplin zu fügen habe.
Andererseits hat Jacquemotte ebenfalls geglaubt, sagen zu müssen, daß die Partei sich systematisch der Bildung einer Massenpartei widersetze. Es ist freilich wahr, daß als Reaktion nach der schmerzhaften Erfahrung, welche die Arbeitermassen Belgiens gemacht haben, es ein großes Zögern in der in Belgien entstandenen, noch schwachen kommunistischen Gruppe, diesen Punkt betreffend, gegeben hat, und wir sagten uns, daß es eine sehr große Gefahr sei, sich von einem Haufen kleinbürgerlicher Elemente überschwemmen zu lassen, daß wir aber keinen Augenblick verlieren dürften, um nicht die Fühlung mit den Arbeitermassen in den Syndikaten zu verlieren. Und während dieses letzten Jahres hat die Partei alle ihre Kräfte auf die Agitationstätigkeit in den Syndikaten konzentriert.
Wovon Jacquemotte nicht gesprochen hat, und was viel interessanter gewesen wäre, ist dasjenige, was jedenfalls bis jetzt in der Haltung und der Tätigkeit der Minderheit in der Partei allen Prinzipien der III. Internationale entgegengesetzt war. Die Minderheit nimmt natürlich den Parlamentarismus auch an, aber als wir während der letzten Wahlen sahen, wie die Minderheit den Parlamentarismus verteidigte, begriffen wir, daß es sich nicht um einen revolutionären, sondern um einen ausschließlich reformistischen Parlamentarismus handle. und daß eins der schönsten Argumente der damaligen Minderheit war, sich der „Kinderkrankheit“ Lenins und einiger Stellen aus der Rede des Gen. Sinowjew zu bedienen, nicht um den revolutionären Parlamentarismus, wohl aber einen opportunistischen Parlamentarismus, der in der schrittweisen Eroberung der Gemeinden durch aufeinanderfolgende Reformen besteht, zu verteidigen.
In verschiedenen Fällen — und wir könnten derer eine ganze Anzahl aufzählen — haben sich die Zaghaftigkeit und die opportunistischen Tendenzen, zentristische Tendenzen der Minorität, im Laufe des Jahres kundgegeben. Dessen ungeachtet hat aber die Minorität auf ihrem letzten Kongreß das Programm der III. Internationale angenommen. Wir sind weit davon entfernt, die Vereinigung mit der Minorität abzulehnen, aber wir zweifeln trotzdem an einem Erfolg. Obwohl die objektiven Bedingungen, in Belgien eine Massenpartei ins Leben zu rufen und zugleich eine revolutionäre Partei, vorhanden sind — so müssen wir doch hauptsächlich darnach trachten, subjektive Faktoren zu schaffen, deren wir in Bälde sehr bedürfen werden. Wir haben in Wirklichkeit eine Industrieklasse, die in der Seele revolutionär ist. Sie hat es zu verschiedenen Zeiten auf das Entschiedenste bewiesen. Aber diese revolutionären Gefühle müssen durch klare und sichere politische Überzeugung ergänzt sein, und das ist das Werk, woran wir vor allen Dingen arbeiten wollen, woran wir in Belgien hauptsächlich arbeiten müssen. In Belgien hatten wir weder eine marxistische noch eine syndikalistisch-revolutionäre Vergangenheit. Wir hatten keine belgischen marxistischen Traditionen, außer dem Vandervelde’schen Marxismus, auch keine syndikalistisch-revolutionären Traditionen und alle unsere Anstrengungen in dieser Zeit der Vorbereitung, die wir ja nötigerweise durchzumachen hatten, mußten dahin gerichtet sein, unsere Stellung zu klären, damit wir subjektive Faktoren und klarsehende Arbeiterzellen inmitten der Arbeitermassen, deren wir bedürfen, schaffen konnten. Jacquemotte rief heute morgen die französischen Genossen um Hilfe an. Ich aber muß offenherzig eingestehen, daß die Hilfe unserer französischen Genossen, was die revolutionäre Erziehung der Massen anbetrifft, momentan außerordentlich gering sein kann. Alle unsere französischen Genossen erklären einmütig, daß sie alle ihre Kräfte brauchen, und daß sie nicht genügend derselben haben, um das zu vollbringen, was Gen. Trotzki neulich verlangte, und ich glaube, wenn man die „Humanite“ durchliest und die verschiedenen Versuche der französischen Partei betrachtet, so erkennt man klar, daß die französischen Genossen in diesem Moment wirklich nicht genügend Kräfte besitzen.
In den letzten zwei Jahren ist die „Humanite“ ausnehmend viel in Belgien gelesen worden, und selbstverständlich ziehen wir die „Humanite“ dem „Peuple“ vor. Aber jedesmal, wenn wir die „Humanite“ den Arbeitern gaben, so taten wir es mit Bedauern, denn wir wußten genau, daß es keine revolutionäre Zeitung sei. Wir arbeiteten mehr durch die „Vie ouvrière“, obgleich wir nicht dieselbe Ideologie besitzen, aber diese Zeitung hatte doch eine viel stärker ausgeprägte revolutionäre Richtung, und demzufolge könnten unsere französischen Genossen uns insofern große Hilfe leisten, wenn sie bei sich zu Hause arbeiteten, eine gute revolutionäre Presse ins Leben riefen, die wir unter die Massen bringen könnten, mit der wir ruhig und sicher arbeiten könnten, ohne den Mißhelligkeiten zu begegnen, die wir bis jetzt in der französischen Presse gefunden haben.
Ich kann die Zeit des Kongresses mit Erörterungen, die Frage der Vereinigung betreffend, nicht in Anspruch nehmen; ich wiederhole, daß wir absolut nicht gegen die Vereinigung sind, jedoch sind wir von der Überzeugung durchdrungen, daß in der Zukunft Belgien der Schauplatz schwerer Kämpfe sein wird, daß wir alle unsere Angriffe gegen die reformistische Tendenz, die in die neue Kommunistische Partei tief eindrang, richten müssen, gegen die unglaubliche Zaghaftigkeit, die sich von Anfang an zeigte. Ich wiederhole, wir haben große Möglichkeiten und werden dieselben energisch ausnützen.
Koenen (Deutschland). Genossen und Genossinnen! Die Behandlung der Frage, die die Gen. Zetkin vor Ihnen in einer längeren Rede erledigt hat, kann unmöglich damit abgetan sein, daß man daraus nur so nebenher einen Irrtum oder einen Fehler dieser oder jener führenden Genossen macht. Nein, das Verhalten dieser Gruppe ist im wahrsten Sinne des Wortes das Martyrium einer jungen kommunistischen Massenpartei und dieses tragische Martyrium, verschuldet durch diese Führergruppe, muß dem Internationalen Kongreß ganz klar sein. Die kommunistische Bewegung nahm in Deutschland ihren Aufschwung, als nach den Kapptagen die Arbeiter erkannten, daß man eine einheitliche geschlossene Partei braucht. Sie haben damals gekämpft, ihr Blut vergossen, nichts erreicht, sie wurden niedergeschlagen, weil die einheitliche Führung fehlte. Sie waren gewillt, weiter zu kämpfen, sie gingen daran eine einheitliche Partei zu schaffen. Die Arbeiter, nach all den Kämpfen geistig sich orientierend, lösten sich von den Führern, die sie bis jetzt geführt hatten, von Crispien, von dem alten Ledebour, mit dem sie in manchen Kämpfen zusammengestanden waren, von Luise Zietz usw. los, und sahen sich nach einer neuen Führung um. Sie brachen mit der alten und glaubten, eine neue, eine bessere zu finden. Und diese Führung sahen sie nunmehr in der Vereinigten Kommunistischen Partei, in der neuen Zentrale, auf die sie stolz waren, denn sie führte Namen von internationaler Bedeutung, die gewohnt waren, in den Kämpfen mit den Proletariern zu sein. Und diese Zentrale hatte einen starken Fond von Vertrauen von Seiten solcher Arbeiter, die wirklich kämpfen wollten. Aus den zwei Millionen politisch organisierter, wirklicher Arbeiter hatte sich ungefähr eine halbe Million herauskristallisiert, von denen jeder für sich entschlossen war, Gut und Blut für die deutsche Revolution einzusetzen, die zum größten Teil in so und so vielen Kämpfen, politischen Bewegungen, Streiks schon bewiesen hatten, daß sie wirkliche Kämpfer sind. Es war für sie nur die eine Frage: wie soll man kämpfen? Da schauten sie auf zu der neuen Führung, die diese einzige große Frage, die es in Deutschland für sie noch gab, wirklich lösen sollte. Und hinter diesen Führern, die in Deutschland einen Namen hatten, stand ja noch die russische Führung, der Generalstab der Weltrevolution. Und dieser große Fond von Vertrauen, der sich bei den wirklich kampferprobten Proletariern angesammelt hatte, ist von der Gruppe der Fünf und ihren acht bis zehn Nachfolgern ganz schmählich vertan und verludert worden. (Lebhafte Zustimmung.) Nicht nur, daß Levi und sein Anhang in der Zentrale gegen die Kommunistische Internationale Mißtrauen zu säen versuchte, sondern sie haben durch ihren Austritt und die folgenden Taten der Partei Stöße versetzt, die sie kaum überwunden hätte, wenn sie eben nicht wirklich eine Partei von Kämpfern gewesen wäre. (Lebhafte Zustimmung.) Alles schaute zu dieser Führung auf, es herrschte ein gewisser Stolz, solche Namen in der Partei zu haben. Nicht leichtfertig sind wir mit diesem Gut umgesprungen, wir haben uns wohl gehütet, vorzeitig zu opponieren. Gerade in der Zentralausschußsitzung, in der dann der Rücktritt erfolgte, wo ein Kampf gegen die sogenannten linken Elemente organisiert worden war, bekamen diese Genossen in den vier wichtigsten Fragen, in den Fragen der Organisation, der Gewerkschaften, der K.A.P. und des Bündnisses mit Sowjetrußland vollständig Recht. Absolut wurde ihr Standpunkt gebilligt. Und nun kam als letzte, die italienische Frage, und erst in dieser stellte sich eine Minderheit für sie heraus. Diese Führer, die von Gewissen und Verantwortung, revolutionärem Geist und anderen schönen Dingen reden, glauben, daß sie nunmehr, obwohl die ganze Partei ihnen in allen anderen Fragen recht gibt, hieraus nach ihrem speziellen Belieben eine Frage ihres persönlichen Gewissens machen können, laufen davon und lassen die Massen, die Partei im Stich. Und damit nicht genug, sie versetzen der jungen italienischen Partei, versetzen der jungen Vereinigten Kommunistischen Partei und der Exekutive der gesamten Internationale einen Stoß. Das können sie alles verantworten, das läßt ihr Gewissen alles zu. Man tritt zurück und redet nach solchen Taten vom Gewissen. (Lebhafte Zustimmung.)
Aber nicht genug damit. Nachdem die alten Führer davon gegangen sind und ganz zweifellos eine gewisse Verwirrung in die Massen gekommen war, versucht die neue Führung nunmehr, die Partei in wenigen Wochen umzustellen in eine aktivere Tätigkeit, in eine aktivere Kampfbereitschaft. Diese Umstellung erfordert natürlich einige Zeit. Nachdem die alte Zentrale diese Umgestaltung versäumt hatte, und die neue Zentrale mit ihren Vorbereitungen noch nicht fertig ist, wird sie plötzlich vor die Provokation Hörsings gestellt, wodurch sie mitten in dieser Vorbereitung aktiv kämpfen muß. Da treten die Fehler ein, von denen die Leute mit Gewissen und Verantwortung so groß reden. Schuld daran sind die, die die Vorbereitung für die Aktivität nicht mitgemacht haben. (Lebhafte Zustimmung.) Die neue Zentrale hat bewiesen. daß sie es tun wollte. Wenn sie in ihren Vorbereitungen überrumpelt wurde, so konnte man sie nicht dafür verantwortlich machen. Der Übergang war nicht leicht, und die neue Zentrale mußte es trotzdem versuchen. Und es ist sehr übel von denen, die die Partei damals im Stich ließen, jetzt über Fehler zu orakeln.
Die Partei ging mutig in den Kampf. Nicht genug, daß diese fünf Genossen ihr die Stöße versetzten, sie ließen die Partei ganz im Stich. Ich erinnere an Däumig, Müller, Wolf, Anna Geyer, Siewers, Düwell, an die Rebellion in der Redaktion der „Roten Fahne“, an die Auseinandersetzungen, die mit den Abteilungen geführt werden mußten. Überall der hemmende Einfluß, der von der Ideologie dieser Gruppe ausging Jetzt redet man über Fehler, nachdem infolge ihres Verhaltens diese Fehler eintreten mußten. Und trotzdem, nach all diesen Fehlern, als die Zentralausschußsitzung stattfindet. wo nur vier Stimmen für diese Gruppe abgegeben werden, wagen sie es wieder, der Partei und der Internationale neue Stöße in den Rücken zu versetzen. Mit ihrer Zustimmung erscheint die Broschüre Levis. Und noch nicht genug, daß man der Partei, die aus tausend Wunden blutet, mit schweren Verfolgungen, Unterdrückung belastet ist, mit der Broschüre kommt, hinterher trampelt man auf dem wunden Körper der Partei herum, den man selbst durch den Rücktritt, durch Erklärungen gegen die Partei in dieses Unglück gebracht hat und erklärt alles mögliche öffentlich gegen sie, die sich vor Wunden kaum wiederaufrichten kann. Das kann man alles vor dem Gewissen und der Weltrevolution verantworten. Ich bin sehr erstaunt über die Art und Weise, wie man mit dem Gewissen umgeht.
Dabei steht auch nach dieser Geschichte fest, daß sie immer und immer wieder mit falschen Mitteilungen arbeiten. Trotz ihrer Zeitschrift „Sowjet“, trotz aller Propaganda im Lande gelingt es ihnen nicht, irgendwo festen Fuß zu fassen, ganz kleine Minderheiten stimmen ihnen zu, kein einziger Bezirk stellt sich auf ihren Standpunkt. Selbst Frankfurt, der Bezirk Levis. bringt eine Zweidrittelmehrheit für die Zentrale auf. So haben sie keinerlei Rückhalt in der Partei. Von dem ersten Tage ihres Austrittes an, bröckelt ihr Anhang, ihr Ansehen, ihre Position zusammen, trotzdem führen sie den Kampf gegen die Partei weiter. Man weiß nicht, wie man da immer noch von Gewissen und Verantwortung vor dem Proletariat reden kann. wenn man mit der Partei so Schindluder treibt. Das ist nicht die Angelegenheit, der zufällige Irrtum einiger Grenossen. sondern das Martyrium einer eben entstandenen Massenpartei. Und wenn diese Massenpartei es verstand, schon nach drei Monaten die Gen. Zetkin. Däumig, Levi, diese Volkstribunen, zu erledigen. wenn sie die Märzkämpfe überstanden hat. so frage ich sie: wie gesund muß diese Partei sein, die das aushält und noch aus ihren Reihen neue Kräfte mobilisiert. (Lebhafte Zustimmung.) Die Partei hat, nachdem sie das alles ausgestanden hat, nachdem sie Tausende von Opfern jetzt wieder gebracht hat, bewiesen. daß sie wieder aufwärts geht, wie wir ziffernmäßig bei dem Referat über die Märzaktion beweisen werden.
Es fragt sich jetzt, welche inneren Gründe führt man heute für diese Mißhandlungen der Partei und der Internationale an. Was sagt die Gen. Clara Zetkin? Der Austritt aus der Zentrale war eine Frage der noch nicht kommunistischen Massen Italiens. Die revolutionären Massen Italiens hätten die Führer verdrängt, und man hätte abwarten sollen. Dabei ist ganz klar. daß, wenn eine revolutionäre Bewegung im Gange ist, wie in Deutschland. die Massen die Führer allerdings davongejagt haben, aber doch erst im Laufe eines Prozesses, der schweren Schaden für die Partei brachte. Will Gen. Zetkin dieses Exempel auch für die junge italienische Partei aufführen? Soll sie auch erst so viele Stöße bekommen, bis sie endlich mit diesen Führern abrechnet? Nein, es war richtig, der Prozeß mußte abgekürzt werden.
Es war richtig, als die Exekutive sagte: Strich zwischen den Führern und Massen. Und auch dieses Argument von den kommunistischen Polizeiverwaltungen, die etwa die Mannschaft, ihre Organe ausnutzen sollten für den Klassenkampf, diese Illusion kennzeichnet sich von selbst, und darauf braucht man vor diesem Kongreß wirklich nicht einzugehen. (Zustimmung.)
Der andere Grund — das ist der wesentlichste, der uns heute hier interessiert: Serrati hat der Gen. Clara Zetkin einige Zusagen gemacht, und weil er das getan hat, so baute die Gen. Zetkin darauf und sagte, die deutsche Zentrale dürfe nun keinen anderen Beschluß fassen, denn sonst habe Serrati einen Grund auszuweichen und seine Zusage nicht zu erfüllen. Ja, Genossen, ich weiß nicht recht, ob die Gen. Clara Zetkin der deutschen Partei oder Serrati mehr Zutrauen zu schenken hat. Es ist sehr interessant, wenn sie heute sagt, daß dies einer der wesentlich größeren Gründe war, der sie dazu bewogen hat, aus der Zentrale auszutreten. Vermutet haben wir immer, daß die Besprechung mit Serrati irgend einen Einfluß auf die Gen. Zetkin ausgeübt hat. Die Zusage sollte nicht geändert werden und weil sie geändert wurde, mußte Gen. Zetkin austreten. Ja, ist denn die Zusage mehr wert, als die Beschlüsse des Zentralausschusses? Das ist kein Zeichen von Gewissen.
Nun soll auch Rakosi etwas gesagt haben. Ich behaupte zunächst, daß die Berichterstattung, die über seine Aussagen gemacht wird, nicht zutreffend ist. Das habe ich in der Exekutive festgestellt. Aber, obwohl diese Äußerungen vielleicht von den Genossen ausgenutzt werden konnten, so müssen wir doch sagen, eine Bemerkung eines einzelnen Vertreters, der mit einem besonderen Mandat. mit einem speziellen Auftrag nach Italien geschickt wurde, in Deutschland zu einem Rücktritt aus der deutschen Zentrale auszunutzen, ist nicht mehr, wie eine faule Ausrede. Das glaubt kein ernsthafter Mensch in der Internationale. sondern nur derjenige glaubt es, der aus inneren Richtungsgründen daran glauben will. Damit kennzeichnet sich die Auseinandersetzung als eine besondere, nachträglich gesuchte Ausrede. Gen. Clara Zetkin behauptet nun, es wäre kein neues Tatsachenmaterial vorhanden. Es ist in der Zentrale in Hülle und Fülle vorgebracht worden. Wir hatten zunächst den Bericht von Paul Levi. Da hatten wir wenig tatsächliches Material. Dann folgte nach dem Artikel Levis der Artikel des Gen. Bordiga, der uns sagte, was für Unheil die Stellung Levis angerichtet hat. Wir sagten uns, hier muß ein Fehler vorliegen. Dann kam der Bericht Böttchers — wir hatten noch einen anderen Vertreter in Livorno, der uns sehr nahe stand und mit den kommunistischen Massen stark verbunden war. Er brachte andere Tatsachen als Levi. Nun kam Serrati. Das ist wohl auch keine Tatsache, daß man mit Serrati spricht — ich habe auch eine Stunde mit ihm gesprochen, da roch man schon, wenn er einen Satz anfing. daß er ihn mit Crispienschen und Dittmannschen Worten vollenden werde. Nach der ersten Besprechung am Bahnhof hatte man schon genug von der Auseinandersetzung. Das waren Tatsachen, die uns ahnen ließen, daß Levi falsch berichtet habe. Dann kam Rakosi. Er hat allerdings eine Reihe anderer Mitteilungen gemacht. Ich bin bereit, dies den Genossen, die das nicht wissen, in vier bis fünf wesentlichen Punkten vorzulegen. Eine ganze Reihe dieser Mitteilungen machte auf uns Eindruck. Zwar, wer nicht will, wer anders eingestellt ist, auf den machen diese Dinge keinen Eindruck. Wer Serrati Zusagen gemacht hat, läßt sich nicht durch Rakosi beeinflussen. Dann kam als letztes, nachdem wir eine Resolution des Exekutivvertreters angenommen hatten, die Rede Paul Levis auf der Funktionärversammlung. Er war nicht ein beliebiges Mitglied, sondern der Vorsitzende der Partei. Das war der Anlaß zu neuen Auseinandersetzungen. Trotz all dieser neuen Tatsachen spricht Levi noch einmal gegen die Resolution im Sinne seiner ersten Auslassung. Ein Angriff gegen die Exekutive. Da setzte die Diskussion ein, die Mehrheit der Zentrale billigte die Resolution, indem sie sagte: jetzt wird Klarheit geschaffen. Wir sind der jungen italienischen Partei schuldig, sofort wieder gut zu machen. was wir durch Levis Haltung an ihr begangen haben. Das war unsere Pflicht, und deshalb haben wir eine verschärfte Resolution eingebracht, die sich auf den Boden der jungen italienischen Partei stellt. Wenn Gen. Zetkin und Levi nicht fühlten, daß man dieser jungen Partei in ihrem scharfen Kampf gegen die Opportunisten, die Fascisten, die Regierung helfen mußte, so haben sie den Begriff der internationalen Solidarität im Kommunismus noch nicht verstanden. Und das scheint mir am wesentlichsten zu sein.
Und zum Schluß, Genossen. Die Genossin Clara Zetkin sagt, sie tue nie etwas gegen ihre Ueberzeugung, sie könne dies und jenes mit ihrem Gewissen nicht verantworten. Wir haben davon in Deutschland jetzt genug, und ich glaube, man muß in der Internationale darüber eine klare Sprache führen. Selbstverständlich wird man auch gegen seine Ueberzeugung handeln müssen, wenn es im Interesse der Partei ist. (Sehr richtig.) Und man wird unter Umständen seine Gewissenskonflikte nur so entscheiden können, daß man sagt: für die Partei oder heraus aus der Partei! Das ist die einzige Lösung. Mit Ausdrücken herumzutänzeln in der Partei, das kann die Internationale nicht ertragen. Darüber müssen Sie in allen Parteien Klarheit schaffen. Wenn Leute mit diesen Worten in der Partei zu spielen anfangen, dann ist etwas faul, dann muß man mit ihnen Schluß machen. (Sehr richtig.)
Noch eine Warnung für die Internationale. Man hat früher gesagt, guckt Euren Führern auf die Finger. Ich sage, laßt Eure Führer nicht hochmütig werden, hebet sie nicht allzu hoch empor! Denn wenn sie hochmütig werden, dann werden sie sich einbilden, daß sie mit der Partei Schindluder treiben können. Dann werden sie das Führertum über die Partei stellen. Das ist ein Verhängnis für die Partei. Das haben wir aus den Auseinandersetzungen gelernt. Das soll eine internationale Lehre sein. Gewiß brauchen wir Führer. Wir haben in Deutschland so viele Führer verloren und die Partei hat sich doch entwickelt. Wir kennen keine Sentimentalität. keine Rücksicht, sondern nur noch klare, entschlossene, rücksichtslose Stellungnahme. Das empfehlen wir allen Parteien, die nicht dieselben schweren Schläge durch solche Führer in ihren Reihen erleben wollen. Ich erinnere die tschechoslowakische und französische Partei. daß sie aus den Erfahrungen der deutschen Partei Lehren ziehen und dafür sorgen sollen, daß die rücksichtsloseste Aufrechterhaltung der Grundsätze und Parteidisziplin insbesondere von den Führern verlangt werden muß. Parteidisziplin über alles! Das müssen wir aus diesen Kämpfen der deutschen Partei lernen. Da wird auf das Gewissen und das Gerede über Verantwortung gepfiffen, wenn die Parteidisziplin ruft. (Lebhafter Beifall.)
Terracini (Komm. Partei Italiens). Auf dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale wurden die Bedingungen für die Reformierung einer kommunistischen Partei, sowie gleichermaßen eine Erklärung in Gestalt eines Aufrufes angenommen, in denen festgelegt wurde, daß sich alle kommunistischen Parteien in einem Zeitraum von drei Monaten entsprechend den 21 Bedingungen, die von dem ganzen Kongreß gutgeheißen worden waren, zu reorganisieren hätten. In Italien existierte eine sozialistische Partei, welche der III. Internationale bis zu dem Zeitpunkte, wo diese Bedingungen erlassen wurden, anhing. Diese sozialistische Partei wollte sich aufs neue an die III. Internationale anschließen und sich demzufolge also auch reorganisieren. Die von den Gen. Markovic und Zetkin diesen Morgen aufgeworfene Frage kann in folgender Weise zusammengefaßt werden. Man müßte zwar in Italien in der Tat nach diesen 21 Bedingungen verfahren, wobei es jedoch nützlicher und besser wäre, mit der strikten Anwendung dieser Bedingungen noch einige Zeit zu warten. Gen. Markovic hat außerdem noch etwas erwähnt, daß absolut nicht mit dieser Versicherung übereinstimmt. Er sagte diesen Morgen, daß man in Italien die Spaltung vornehmen müsse, noch ehe es Serrati und den Unitariern sowie den Opportunisten der Partei gelungen wäre, sich eine Position zu schaffen, ähnlich der, die sie in der Sozialistischen Partei Italiens eingenommen hatten. Gen. Markowic sagte außerdem, daß er Serratis Haltung vor dem Kongreß in Livorno, sowie vor dem II. Kongreß der III. Internationale bereits vorausgesehen hatte. Auf diese Weise bestätigt er also, daß es gut war, die Spaltung in Italien durchzuführen und nicht nur die Reformisten, sondern auch die Opportunisten auszumerzen, nachdem auch er bereits vorausgesehen hatte, was die Opportunisten damals unternahmen. Er sagte außerdem, daß die Vorbereitungen zu dieser Spaltung noch nicht genügend vollendet waren und auch die Gen. Zetkin bestätigte, daß dieselben weder von den italienischen Genossen, noch von den Genossen der Exekutive in genügendem Maße getroffen worden waren. Ich begreife nicht, wie man diese beiden Tatsachen miteinander in Einklang bringen kann. Und wir sehen außerdem, daß diese beiden Zusicherungen gerade von denjenigen Genossen gemacht wurden, die stets gegen die gegebene Situation, gegen die Spaltung in Italien und gegen die Taktik, die in Italien angewendet worden war, gesprochen haben. Wir können also deutlich sehen, daß in der Opposition in dieser Frage keine Uebereinstimmung, sondern große Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind. Ich verlange nun von der Gen. Zetkin, welche die Behauptung aufstellte, daß die Spaltung in Italien in nicht genügendem Maße vorbereitet wäre, die genaue Angabe der Maßnahmen, die notwendig sind, bis man die italienische Situation als genügend reif ansehen kann. Das Exekutivkomitee hat an die Italienische Sozialistische Partei sowie an Serrati persönlich Briefe gerichtet; der Gen. Sinowjew hatte Aufrufe an das italienische Proletariat und an die italienischen Sozialisten gerichtet. in denen er sagt, daß das Exekutivkomitee nicht die Möglichkeit hätte, in einer mehr direkten Weise in den Angelegenheiten der Italienischen Sozialistischen Partei zu intervenieren. Er hatte volles Vertrauen zu den italienischen Kommunisten und war der Ansicht, daß man die ganze Vorbereitungsarbeit für den Ausschluß der Reformisten aus der Partei den italienischen Kommunisten vertrauensvoll überlassen müsse, und aus diesem Grunde fordere ich den Gen. Markowic auf, anzugeben, in welcher Weise man die Spaltung der Italienischen Sozialistischen Partei noch vor dem Kongreß von Livorno, also noch vor Februar, durchführen konnte? Wir konnten diese Spaltung nicht vornehmen, weil der II. Kongreß erst im Monat Juli des vergangenen Jahres zusammentrat.
Bis zum Eintreffen der Beschlüsse des Kongresses in Italien sind viele Monate vergangen. Erst im Oktober gelangten die 21 Bedingungen der Italienischen Sozialistischen Partei sowie allen anderen sozialistischen und kommunistischen Parteien zur Kenntnis. Daraus ergibt sich, daß wir auf keinen Fall imstande waren, die Ausstoßung der Reformisten vor Oktober vorzubereiten. Ohne gründliche Vorbereitung, d. h. auf dem Wege der Improvisation eine derartige Spaltung vorzunehmen, war absolut unmöglich. Bis jetzt war es notwendig, etwas derartiges vorzubereiten, und diese Arbeit der Ausscheidung der Reformisten ist einzig und allein Sache der italienischen Kommunisten und beanspruchte für ihre Durchführung nicht wenig Zeit. Wenn Gen. Sinowjew den „Avanti“, die „Ordine Nuovo“ und die ganze italienische Wochenpresse gelesen hat. so konnte er daraus ersehen, daß seit Oktober 1920, also seit dem Kongreß von Livorno, nie, auch nur ein einziges Blatt der sozialistischen Presse erschienen ist, in dem nicht die 21 Bedingungen diskutiert worden wären und den Ansichten der Kommunisten. der Unitarier und der Reformisten nicht die Möglichkeit geboten gewesen wäre, sich bei den breiten italienischen Massen bekannt zu machen. Man kann wohl sagen, daß die Lage der Italienischen Sozialistischen Partei bereits vor unserer Ankunft in Livorno bekannt war, weil alle Fraktionen in starken Organisationen zusammengeschlossen waren, und da ebenfalls die kommunistische Fraktion bereits ihre Sektionen und Föderationen sowie auch ihre besondere Presse hatte. Wir können keineswegs die Behauptung aufstellen, daß die Vorbereitung für den Ausschluß der Reformisten in Italien nicht betrieben worden wäre. Nur ein einziges Wort ist es gewesen, das von Delegierten. die hier anwesend sind, falsch aufgefaßt wurde. Wir haben immer in der Sitzung des erweiterten Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und auch jetzt in dieser Kongreßsitzung von der italienischen Spaltung gesprochen. Wir haben von der Vorbereitungsarbeit für die Spaltung der Italienischen Sozialistischen Partei gesprochen, und nicht mit einem Worte habe ich den Ausschluß der Reformisten erwähnt. Ich nehme an. daß niemand daran gedacht hat, daß die 21 Bedingungen. die von dem II. Kongreß der Internationale gutgeheißen wurden, eine Spaltung der Partei heraufbeschwören würden. Ja, es war gewiß notwendig, aus dieser Partei alle opportunistischen und reformistischen Genossen in Italien auszuschließen. und die Kommunisten haben für den Ausschluß der reformistischen Fraktion gewirkt, und gleichermaßen haben auch die Genossen des Exekutivkomitees in ihren Briefen und in ihren Aufrufen an die italienischen Arbeiter stets diesem Ausschluß der Reformisten das Wort geredet. Weshalb haben wir in Italien eine Spaltung gehabt? Die Spaltung war verursacht durch die Weigerung Serratis, die Reformisten auszuschließen, und sein sehnlichster Wunsch war, mit diesen letzteren zusammenzubleiben. Auf diese Art und Weise wurde alsdann die Spaltung provoziert Von diesem Moment an jedoch, d. h. seit dem Kongreß von Livorno, hat man begonnen, von einer Spaltung innerhalb der Italienischen Sozialistischen Partei zu sprechen. Vorher hatten wir niemals versucht, die Spaltung der Italienischen Sozialistischen Partei zu provozieren, weil wir die feste Absicht hatten, sie voll und ganz der III. Internationale zu erhalten.
Einige Genossen haben ebenfalls die Meinung vertreten, daß man mit der Vornahme der Spaltung in Italien nach dem Kongreß von Livorno noch einige Zeit hätte warten können.
Diese Genossen haben gesagt, daß, falls man noch einige Zeit gewartet hätte, viele derjenigen Arbeiter, die bei den Unitariern geblieben sind, und viele italienische Sozialisten, die sich noch nicht dem Einfluß Serratis entzogen hatten, begriffen hätten, daß es ein großer Fehler wäre, mit den Reformisten zusammen in der Partei zu bleiben, und daß dann in der Folge auch viel mehr Arbeiter, als wir gegenwärtig besitzen, mit uns gegangen wären. Ich möchte dazu noch die Behauptung aufstellen, daß ein noch längeres Warten nach dem Kongreß von Livorno gleichbedeutend mit der Unmöglichkeit gewesen wäre, eine kommunistische Partei in Italien zu schaffen. Die Sozialistische Partei hatte bereits vor dem Kongreß von Livorno begonnen, sich zu desorganisieren. Wir haben gesehen, daß die Sozialistische Partei bereits keine starke Organisation mehr war, daß sie keinerlei Programm besaß und daß sie nicht mehr als 200,000 Anhänger, die bereits in ihren Sektionen vereinigt waren, beisammen halten konnte. Wenn wir noch einige Zeit gewartet hätten, würde der Grad der Desorganisation in der Sozialistischen Partei ein noch höherer geworden sein, und wenn wir dann gewünscht hätten, eine kommunistische Partei zu bilden, wären wir hierzu nicht mehr imstande gewesen.
Gen. Zetkin hat diesen Morgen ebenfalls den Gen. Rakosi erwähnt und in ihrer Rede festgestellt, daß viele der Fehler, die bei der Spaltung der Italienischen Sozialistischen Partei gemacht wurden, dem Gen. Rakosi zu verdanken sind. Sie hat außerdem noch versichert, daß die Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands alsbald sich darüber klar wurde, worauf das Streben des Gen. Rakosi hinauslief, und welcher Art der tiefere Sinn seiner Arbeit innerhalb der kommunistischen Partei war. Nun ist es notwendig (der Gen. Rakosi bedarf zwar in keiner Weise eines Verteidigers), daß ich hier feststelle, daß dieser Genosse nicht das Verbrechen begangen hat, eine Spaltung der Italienischen Sozialistischen Partei zu provozieren. Er ist erst in Livorno angekommen, nachdem dort Gen. Kabaktschieff war, und nachdem der Kongreß bereits begonnen hatte. Gen. Rakosi hat mit dem Gen. Kabaktschieff und dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Fraktion gearbeitet. Er hat seine Meinung niemand aufgedrängt, seine Vorschläge in Gestalt einer Erklärung dem Kongreß überreicht, und die Genossen des Exekutivkomitees der kommunistischen Fraktion hatten in jeder Weise die Möglichkeit, Modifikationen zu dem Vorschlag, den Gen. Rakosi formuliert hatte, einzubringen. Deshalb begreife ich nicht, wie die Gen. Zetkin dazu kommen kann, zu behaupten, daß der bei der italienischen Spaltung unterlaufene Fehler einzig und allein auf den Gen. Rakosi zurückfällt. Gen. Zetkin hat die Erklärungen Kabaktschieffs gutgeheißen und mißbilligt die des Gen. Rakosi. Kabaktschieff und Rakosi haben stets zusammengearbeitet, und aus diesem Grunde muß man also entweder beiden zustimmen oder beide verdammen. Auf keinen Fall jedoch besteht die Notwendigkeit, die Arbeit des Gen. Rakosi zu verteidigen. Er selbst, glaube ich, wird sprechen und Erklärungen abgeben, weshalb er in Italien so gehandelt hat, und weshalb er in diesem Sinne gesprochen hat, als er sich in dem Zentralkomitee der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands befand. Gen. Zetkin hat außerdem noch gesagt, daß man die Spaltung in Italien im September durchführen könnte und von der Besetzung der Fabriken gesprochen. Ich glaube, daß die Delegierten der Italienischen Sozialistischen Partei, falls sie Gelegenheit hätten, die Erklärungen der Gen. Zetkin zu vernehmen, nicht sonderlich darüber erbaut sein würden, in Anbetracht dessen, daß die Besetzung der Fabriken von der Italienischen Sozialistischen Partei vielmehr als ein unerwartetes Unglück betrachtet wird. Gen. Zetkin hat gesagt: „Als jedoch in den Sektionen die italienischen Arbeiter gewaltsam die Betriebe besetzt hatten, hatte sich die Leitung der Sozialistischen Partei in Mailand versammelt, und die Mehrheit dieser Körperschaft waren Kommunisten, waren Maximalisten, waren Sie selbst, dieselben Genossen, die sich jetzt hier auf dem Kongreß der III. Internationale als Delegierte der Kommunistischen Partei Italiens befinden“. Es ist wahr, daß sich damals in der italienischen Leitung die Genossen Turati und D’Aragona befanden. Außerdem ist es jedoch dringend notwendig, daß alle Delegierten die Lage, wie sie zur Zeit der Besetzung der Betriebe in Italien gegeben war, genau kennen. Man muß wissen, wie es den Reformisten, die in der C.G.T. dominierten, möglich war, die ganze Arbeit der Partei und der Arbeiter, welche die Betriebe besetzt hatten, zu sabotieren. Die Genossen der C.G.T. haben bei dieser Gelegenheit die Leitung der Sozialistischen Partei um ihre Demission gebeten. Sie begründeten dies folgendermaßen: „Wir sind der Ansicht, daß es unmöglich ist, die Besetzung der Betriebe weiter auszudehnen. Wir glauben, daß bei dieser Gelegenheit nur von einer gewerkschaftlichen Bewegung die Rede sein kann, welche man nicht im Sinne einer politischen Bewegung erweitern kann. Wenn jedoch Sie, Genossen von der Parteileitung, wünschen, der Bewegung eine größere Ausdehnung zu geben, wenn Sie den Wunsch haben, die Bewegung der Gewerkschaften in eine politische Bewegung umzugestalten, so beschließen wir die Demission des Gewerkschaftsrates und bitten Sie, andere Genossen an unsere Stelle zu setzen.“ Gen. Zetkin und viele andere Genossen haben uns gesagt: „Weshalb haben Sie denn eigentlich nicht die Demission angenommen? Warum haben Sie nicht andere Genossen an diese Stelle gesetzt?“ Nun, ich frage alle Genossen, wenn sich bei irgendeiner Gelegenheit die Sowjetrepublik gezwungen sieht, einen Kampf, z. B. mit Polen, aufzunehmen und der Chef der Roten Armee, der Gen. Trotzki, die Aufnahme dieses Kampfes und die Ansicht der Genossen, die für diesen Kampf sind, bekämpft und die Genossen trotzdem zur Ueberzeugung gelangen, daß der Kampf unbedingt aufgenommen werden muß, der Gen. Trotzki aber sagen würde: „Gut, ich verlasse meinen Posten, ich trete ab und überlasse das Kommando der Roten Armee anderen Genossen, die Ihr zu berufen habt.“ Ich frage, ob in einem solchen Falle die Genossen, die den Kampf noch wünschen, nicht die Notwendigkeit empfinden werden, noch zu warten. Kann man, wenn der Hauptleiter, also derjenige, welcher die Masse, die Armee vorbereitet hat, derjenige, welcher die ganze Organisation des Kampfes und der Schlachten in seinen Händen hat, fast gewiß ist, daß der Kampf in einer einer Niederlage enden wird, den Kampf doch aufnehmen? Die Italienische Sozialistische Partei, das Exekutivkomitee der Italienischen Sozialistischen Partei befand sich bei der Besetzung der Betriebe genau in derselben Lage. Als die Genossen, die die leitenden Stellen in der C.G.T. innehatten, ihre Demissionen einreichten, hatte die Parteileitung niemand zur Verfügung und keine Möglichkeit, sie zu ersetzen. Die Genossen Dugoni, D’Aragona und Buozzi waren es, in deren Händen die Leitung der C.G.T. lag und die bei allen Gelegenheiten als die wahren Vertreter der Masse figurierten.
Vors. Loriot. In der Antwort, die Sie der Gen. Clara Zetkin geben, vertiefen Sie sich allzusehr in die italienische Frage und überschreiten die hierfür bewilligte Zeit. Ist der Kongreß dafür, daß Gen. Terracini fortfährt?
Terracini. Nur noch einige Minuten. Ich sagte dem Gen. Loriot, daß ich nur deshalb von dieser Frage gesprochen habe, weil die Gen. Zetkin sie heute morgen angeschnitten hatte und weil es möglich sein kann, daß sich unter den Delegierten einige befinden, deren Ansicht über diese Frage noch nicht genügend geklärt ist. Diese Frage hat keinerlei größere Bedeutung für die morgige Diskussion, da die Besetzung der Betriebe nur einen Bestandteil der viel größeren und allgemeineren Frage des von den Kommunisten verlangten Ausschlusses der Reformisten, sowie der Spaltung, die in Livorno erfolgte, bildet. Ich kann jedoch auch auf dieses Argument zurückkommen. Ich wünsche einzig und allein den Delegierten die sichere Ueberzeugung beizubringen, daß die Leitung der Sozialistischen Partei, und daß die Kommunisten, die in dieser Sozialistischen Parteileitung waren, die Leiter der C.G.T. deshalb nicht von ihrer Stelle verjagt haben, weil es in diesem Moment nicht angebracht war für die Bewegung des italienischen Proletariats, einen Kampf ausgerechnet zu einem Zeitpunkte einzuleiten, wo die Leitung die Verantwortung für die ganze Bewegung, die sie selbst vorbereitet hatte, zurückwies. Um wieder auf die Argumente, mit denen ich begonnen habe, zurückzugreifen, möchte ich feststellen, daß die Spaltung in Italien nur die Folge der Beschlüsse gewesen ist, die auf dem II. Kongresse der Kommunistischen Internationale gefaßt wurden. Der II. Kongreß hatte erklärt, daß es unbedingt notwendig sei, die Reformisten aus sämtlichen der III. Internationale angeschlossenen Parteien zu vertreiben. Dieser Kongreß hatte gleichfalls die Erklärung abgegeben, daß alle Parteien, die diesen Ausschluß nicht durchführen werden, aus der III. Internationale ausgeschlossen werden. Die Frage hat sich also in sehr klarer Form ergeben, und man mußte beschließen, ob man in Italien eine Organisation des nicht der III. Internationale angehörenden Proletariats haben müsse oder das Gegenteil derselben. Wenn man in Livorno die Spaltung nicht durchgeführt hätte, so müßte die ganze Sozialistische Partei, da sie die Reformisten weiter in ihren Reihen duldete, aus der III. Internationale ausgeschlossen werden.
Ich möchte eine Frage stellen und wünsche, daß der Kongreß diese Frage diskutiert und zu einer Entscheidung bringt. Ich spreche von den zionistischen Organisationen, die hier auf dem Kongresse ihre Vertreter mit beratender Stimme haben, die jedoch in derselben Lage sind, wie die Vertreter der kommunistischen Parteien aller Länder. Wenn weiterhin die III. Internationale den zionistischen Organisationen gestattet, auf dem Kongreß vertreten zu sein, wenn sie nicht alsbald durch Beschlüsse diese Organisationen aus Organisationen einer Nationalität in solche der Arbeiter und Kommunisten verwandelt, so fürchte ich, daß uns in Zukunft die zionistischen Organisationen, die sich in jedem Lande im Kontakt mit den kommunistischen Parteien befinden, viel zu schaffen machen werden. Die Politik dem „Bund“ Rußlands gegenüber ist die einzige Politik, die zionistischen Organisationen gegenüber in Anwendung gebracht werden muß. Die in Rußland befolgte Taktik ist jedoch nicht in anderen Ländern befolgt worden. In gewisse Länder hat zwar das Exekutivkomitee Erklärungen abgeschickt, jedoch nicht mit genügender Energie. So z. B. in Polen, wo das Exekutivkomitee der III. Internationale den polnischen „Bund“ aufgefordert hat, sich mit der Kommunistischen Partei Polens zu vereinen, bezw. ein enges Bündnis mit der letzteren einzugehen. Wir wissen jedoch, daß die Delegierten des polnischen „Bund“ dieses Bündnis mit der Kommunistischen Partei Polens noch nicht vollzogen haben, weil sie der Ansicht sind, daß ein solcher Zusammenschluß keine leichte Sache sein werde und noch in weiter Ferne liege. Nun, Gen. Radek hat mir, als ich diese Frage in der Mandatskommission aufgeworfen habe, geantwortet, daß die Organisation des „Bund“ keine zionistische Organisation sei. Ich glaube zwar, daß der „Bund“ dem Poale Zion nur dem Anschein nach nicht ähnlich ist, daß es in Wirklichkeit jedoch trotzdem der Fall ist, weil beides nur Organisationen der jüdischen Arbeiter sind. Es sind dies Organisationen, die von ihren Mitgliedern die Merkmale der jüdischen Nationalität oder der Religion verlangen. Ich glaube nicht daran, daß die jüdischen Arbeiter ihren Kampf in einer Weise durchführen müssen, die sich von der der christlichen Arbeiter, also von Arbeitern anderer Religionen unterscheidet. Ich bin der Ansicht, daß es den jüdischen Arbeitern erst dann gelingen wird, ihre Befreiung von aller Unterdrückung durch die Bourgeoisie und die Staaten zu erreichen, wenn es allen Arbeitern möglich geworden ist, sich von der Herrschaft der Bourgeoisie zu befreien. Wir haben dies in Rußland feststellen können, wo es den jüdischen Arbeitern erst dann gelungen ist, ihre Freiheit zu erringen, nachdem die kommunistische Revolution ausgebrochen war und die Arbeiter die Macht ergriffen hatten. Ich glaube also, daß man diese Organisation in einer klareren Weise auffordern muß, sich an die kommunistische Organisation anzuschließen. Ich möchte also dieser jüdischen Partei die Bedingung stellen, sich mit der Kommunistischen Partei bereits schon in ihrem Lande zu vereinigen. So wird vermieden, daß diese Organisationen, welche Arbeiterorganisationen sind, jedoch wünschen, sich von den übrigen Arbeitern ihres Landes zu trennen, nochmals zum nächsten Kongreß eingeladen werden und daß die Delegierten dieser Organisationen nicht mehr das Recht haben, an den Diskussionen der III. Internationale teilzunehmen.
Djavad Zadeh (Persien). Im Auftrage einiger Genossen aus dem nahen Osten möchte ich anläßlich des Berichtes der Exekutive der Kommunistischen Internationale folgendes hervorheben: wir sind ganz einverstanden mit dem, was Gen. Sinowjew in seinem Bericht gesagt hat. Gen. Sinowjew sagte, daß wir im Osten unsere Arbeit in agitatorischer und politischer Beziehung sehr breit entfaltet, daß wir aber in organisatorischer Beziehung sehr wenig oder sogar nichts geleistet haben.
So ist es in der Tat. Gegenwärtig wird im Osten in großem Umfang agitiert, um den Massen die Bedeutung der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale zum Bewußtsein zu bringen. Aber neben dieser Entfaltung der Agitation fehlt die Organisation, die alle mit der Kommunistischen Internationale sympathisierenden Elemente zu vereinigen verstände, um sie für die Zwecke der revolutionären Weltbewegung auszunützen. Sogar auf dem Gebiet der nationalen Frage, die vom II. Kongreß so ausführlich geprüft worden ist, der darauf hinwies, daß die nationale Bewegung in allen Ländern des Ostens in der entschiedensten Weise unterstützt werden müsse, — sogar auf diesem Gebiete ist der Zusammenhang zwischen den Nationalisten der verschiedenen Länder des Ostens und der Kommunistischen Internationale ein außerordentlich loser. Daher konnte diese Bewegung, die unter anderen Bedingungen in natürlicher Weise unmittelbar zum Kampfe gegen den Weltimperialismus ausgenützt werden würde, gegenwärtig, angesichts des Charakters der jetzigen kommunistischen Organisation, nicht so geführt werden, wie dies im Interesse der Kommunistischen Internationale wünschenswert wäre.
Die Sympathie für den Kommunismus, der Einfluß des Kommunismus im Osten ist so stark, daß sich in vielen Ländern des Ostens, wo es noch keine starken kommunistischen Parteien gibt, bereits eine Krise innerhalb der kommunistischen Bewegung selbst bemerkbar macht. Das klingt etwas sonderbar, ist jedoch Tatsache. So gibt es z. B. in der Türkei drei kommunistische Parteien. In Persien, in Korea bestehen ebenfalls mehrere kommunistische Parteien. Das ist dadurch zu erklären, daß es in der Türkei oder in Persien irgendeinem nationalistischen Führer einfallen kann, eine kommunistische Partei zu gründen, um seinen Einfluß zu erhöhen und den Kommunismus auszunutzen; zu diesem Zwecke setzt er selbst unverzüglich ein Zentralkomitee ein, wird selbst zum Vorsitzenden des Z.K., und die kommunistische Partei ist fertig, So wurden Parteien in der Türkei, in Angora gegründet, so wurden sogar zwei Parteien, freilich wenig einflußreiche, in Persien geschaffen. Das kommt daher, weil zwischen der Exekutive der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Partei kein enger Kontakt besteht und weil es kein leitendes Organ gibt, das die Bildung solcher ephemerer, pseudo-kommunistischer Parteien verhindern könnte.
Dennoch hoffen wir, daß die revolutionäre Energie, die die Kommunisten im Osten angehäuft haben, die künftige Exekutive der Kommunistischen Internationale veranlassen wird, den Völkern des Ostens, die so viel von ihr erwarten, mehr Aufmerksamkeit zu widmen, ihnen zu Hilfe zu kommen und ihre Hoffnungen und Erwartungen zu befriedigen.
Rakosi (Ungarn). Genossinnen und Genossen! Es wurde gegen die Exekutive der Vorwurf erhoben, sie entsende schlechte Vertreter auf sehr verantwortungsvolle Posten. Einer dieser schlechten Vertreter war ich. Die Genossen von Deutschland und Italien haben teilweise schon ihre Meinungen über mich gesagt. Ich habe dazu sehr wenig hinzuzufügen. Ich habe in Italien in vollem Einverständnis mit dem Gen. Kabaktschieff und mit der Exekutive der italienischen Partei gehandelt. Es bestanden zwischen uns keine Meinungsverschiedenheiten, ich hatte auch wenig zu verbessern, weil wir alle die Lage gleich beurteilt haben; wo Meinungsverschiedenheiten bestanden, so waren sie dort, wo der gewesene Genosse Dr. Paul Levi sich in die Angelegenheit mengte. Die Genossen wissen, daß auf dem Kongreß in Livorno die Hauptfrage die Entfernung der Reformisten und der Turatianer aus der italienischen Partei war. In dieser Arbeit hätten diejenigen Vertreter der großen kommunistischen Parteien, die eine Spaltung schon durchgemacht hatten, uns sehr gute Dienste leisten können. Wir hofften in dieser Beziehung in erster Linie auf die Hilfe der neuen französischen Kommunistischen Partei, die die Spaltung erst einige Wochen zuvor vorgenommen hatte, und auf deren Schwächen sich hauptsächlich die Verteidigung von Serrati gestützt hatte. Die französische Partei hat aber keinen Vertreter zu diesem Kongreß geschickt, obwohl die italienische kommunistische Sektion sie eingeladen hatte. Es ist möglich, daß das Einladungsschreiben ebenfalls an eine schlechte Adresse geraten ist, wie die Bitte der luxemburgischen Genossen, und daß infolgedessen die Parteileitung der neuen Kommunistischen Partei es nicht für notwendig erachtet hatte, ungerufen auf dem Kongreß zu erscheinen. Infolgedessen mußten wir auf die Hilfe der französischen Genossen verzichten.
Wir hofften aber, daß die deutschen Genossen, die alle Qualen und alle Schäden der Opportunisten innerhalb der Partei schon erfahren und manche Spaltungen hinter sich hatten, uns behilflich sein würden. Desto größer war unsere Bestürzung, als Paul Levi nach einer zweistündigen Unterredung mit Serrati zu uns kam und uns ungefähr dasselbe sagte, was wir von Serrati schon wiederholt gehört hatten. Wir sagten ihm, daß das vielleicht seine Privatmeinung sei, worauf er mit größter Seelenruhe einen Brief vorwies, den er — wie er sagte — zufällig bei sich hatte. Dieser Brief war von der Genossin Zetkin, und es standen darin ungefähr dieselben Anschauungen, die Serrati und Levi auf dem Kongreß vertreten haben. Es stand darin, daß Gen. Zetkin Serrati für einen guten Revolutionär halte, dagegen eine sehr schlechte Meinung von der Gesellschaft Bordiga, Bombacci, Graziadei habe, und daß sie der Ansicht sei, Serrati könne die Kommunistische Partei viel besser aufbauen, als die eben erwähnten Genossen. Wir waren natürlich noch unangenehmer überrascht und baten Levi, er möge wenigstens auf dem Kongreß dieser Meinung keinen Ausdruck geben. Natürlich war unsere Bitte schon etwas verspätet, denn Serrati hatte aus dieser Ansicht Levis und der Genossin Zetkin kein Geheimnis gemacht. Diese Unterstützung durch die beiden Führer der größten kommunistischen Partei hat natürlich das Rückgrat der Serratiner erheblich gestärkt und unsere Arbeit entsprechend erschwert. Wir baten den Gen. Levi, in unserem Sinne zu sprechen. Er gab aber eine ziemlich farblose Erklärung ab und dampfte trotz unserer Bitte, bis zum Ende des Kongresses zu bleiben, am folgenden Tage ab. Wir hofften, daß Gen. Levi, wenn er an dem Kongreß bis zum Ende teilnehme, seine Meinung ändern würde. Die Genossen kennen das Stimmenverhältnis auf dem Kongreß. Die Kommunistische Internationale und ihre Exekutive hat sofort, als sie die radiotelegraphische Nachricht erhielt, in die italienische Angelegenheit eingegriffen, obwohl sie angeblich schlecht funktioniert, und erklärte sofort gegenüber Serrati kategorisch, daß sie nur die neugegründete Partei Italiens als zur Kommunistischen Internationale gehörend anerkenne. Die Exekutive hat aus Moskau besser gesehen, daß Serrati jetzt die Masse weiter damit in den Händen der Turatianer behalten will, daß er ihnen vorschwafelt, sie gehörten so oder auf andere Weise der Kommunistischen Internationale noch immer an. Die Exekutive hat das in Moskau gesehen und hat von Moskau aus sofort Vorsichtsmaßregeln dagegen getroffen. Natürlich war auch Serrati schlau, und als dieses Telegramm ankam, sagte er: das ist nur die Meinung der Exekutive, wir werden gegen diese Meinung an den III. Kongreß appellieren. Wir hatten dann gehofft, daß nach dieser Argumentation diejenigen Parteien, die auf dem III. Kongreß erscheinen werden, ihre Meinung kategorisch der Serratis entgegensetzen würden. Die französische Partei hat zwar offiziell keine Stellung genommen, aber das Zentralorgan druckte einen Artikel von Jacques Mesnil ab, worin er nichts anderes sagte, als daß Serrati dem linken Flügel der Kommunistischen Partei Frankreichs angehören könnte. Das war natürlich ein fetter Bissen für Serrati. Noch angenehmer war er berührt, als der berühmte Artikel Levis am 22. Januar in der „Roten Fahne“ erschien. Natürlich gerieten dadurch die italienischen Genossen, die eben nach dem Kongreß von Livorno die organisatorische Spaltung in den Bezirkskongressen durchführten, in eine ungeheuer schwierige Lage, weil Serrati sagen könnte, daß nicht nur Levi, sondern auch die zwei größten kommunistischen Parteien seiner Meinung wären.
Als ich in Berlin war, erfuhr ich, welche Resolution die Vereinigte Kommunistische Partei in der italienischen Frage angenommen hatte. Ich sah sofort aus dieser Resolution, daß in ihr Stellen sind, die Serrati neuen Boden zu seinem schändlichen Verhalten bieten könnten. Ich habe deshalb sofort die Parteileitung gebeten, eine Resolution anzunehmen, die jeden Zweifel ausschließe. Auf mein Referat hin wurde auch eine entsprechende Resolution ausgearbeitet, und inzwischen hat in Moskau, ganz unabhängig von uns, die Exekutive ebenfalls diesen Fehler in der Resolution gesehen und gleicherweise die deutsche Partei gebeten, sie möge die Resolution in dem Sinne umändern, daß da keine falsche Deutung gemacht werden könne. In der Sitzung des Parteivorstandes und in der Sitzung des Reichsausschusses. an denen ich teilnahm, schilderte ich den Genossen die italienische Lage. Die Genossen, in erster Linie der Gen. Brandler, waren sehr aufgebracht, weil Paul Levi sie so informiert hatte, daß in Italien die eigentlich kommunistischen Massen hinter Serrati stünden und die sich kommunistisch nennenden Massen sich aus Syndikalisten und Anarchisten und aus unklaren Elementen rekrutierten. In dieser Information sollte ich nach der Behauptung der Gen. Zetkin drei Fehler begangen haben. Ich habe die V.K.P.D. für zu groß gehalten, ich habe in der Beurteilung der französischen Partei davon gesprochen, daß es manchmal notwendig ist, eine Partei zehnmal zu spalten, außerdem habe ich gesagt, wir wollten in der italienischen Frage ein Exempel statuieren. Ich werde auf diese Fragen kurz antworten.
In einem Privatgespräch mit Gen. Clara Zetkin habe ich davon gesprochen, daß, wenn zu einer Partei auf einmal 400,000 neue Mitglieder kommen, innerhalb dieser Partei bei Aktionen oder bei der Durchführung der Säuberungen, die wir auf dem II. Kongreß für die kommunistischen Parteien als obligatorisch erklärt haben, ein Teil dieser 400,000 Mitglieder sicher abfallen würde. In diesem Sinne habe ich davon gesprochen, daß die V.K.P.D. groß ist. Ich habe auch davon gesprochen, daß es möglich ist, die Parteien zehnmal spalten zu müssen. Ich habe das bei der Frage der französischen Partei gesagt, wo es sich darum handelte, daß, wenn wir zu wählen hätten, ob Zehntausende von Proletariern die Fehler der Opportunisten bezahlen müßten, wie es das Schicksal des ungarischen Proletariats durch die Führung der opportunistischen Elemente beweist, oder ob die Partei zehnmal zu spalten wäre, ich die Spaltung wählen würde. (Zustimmung.) Ich habe auch davon gesprochen, daß wir ein Exempel statuieren müssen. Ich habe das in bezug auf die italienische Partei gesagt. Wir wissen, daß, als es Mode wurde, in die III. Internationale einzutreten, es opportunistische Elemente gab, die nur deshalb in die Internationale eintraten, damit sie ihre Machtstellung weiterhalten, damit sie mit der revolutionären Aureole der Kommunistischen Internationale ihr reformistisches Spiel weiterführen können. In keiner Partei hat dieser Unfug so schöne Blüten gezeitigt, wie in der italienischen. Und ich sagte, daß wir den Turatianern und den Modiglianern und Treves gegenüber ein Beispiel statuieren müssen, daß man in die Kommunistische Internationale nicht nur leicht hineinkommen, sondern auch leicht aus ihr hinausgeworfen werden kann. (Zustimmung.) Das waren die drei Dinge, die Gen. Zetkin gegen mich anführte. Diese drei Dinge habe ich dort unter anderem auch erwähnt. Dr. Paul Levi wäre nicht Doktor der Rechte, wenn er diese Sachen nicht mit einem geschickten Advokatenkniff dazu angewandt hätte, als er sagte. ich hätte aus den Erfahrungen der italienischen Spaltung die Notwendigkeit der Spaltung der V.K.P.D. gepredigt. Natürlich habe ich gegen diese Behauptung sofort eine energische Erklärung abgegeben, welche noch in derselben Sitzung vorgebracht wurde und in der „Roten Fahne“ wörtlich erschienen ist. Auf dieser Sitzung ist, wie die Genossen wissen, eine Resolution angenommen worden, obwohl Gen. Zetkin alle ihre Fähigkeiten aufgeboten hat, um diese Resolution zu vereiteln, die klipp und klar der Italienischen Kommunistischen Partei zu Hilfe geeilt ist, die aber wenig Wert hatte, weil die Abdankung der sechs Parteileitungsmitglieder den Wert der Resolution völlig paralysierte. Im Gegenteil, die Abdankung der sechs Parteimitglieder hat den Serratianern wieder eine große Waffe in die Hände geliefert. Das ist die Rolle, die ich in der italienischen Spaltung gespielt hatte. Wir haben alles getan, damit wir die italienischen kommunistischen Massen auch organisatorisch in den Rahmen der Kommunistischen Partei bringen. Die Tätigkeit der Gen. Zetkin war dagegen in jeder Beziehung nur dazu angetan, diese Massen, die auf dem Wege zur italienischen Partei waren, wieder in Verwirrung zu bringen. So steht die Sache. Wenn Gen. Zetkin jetzt nach fünf Monaten, gewitzigt durch faustdicke Wahrheiten, zugibt, daß sie den Serrati schlecht beurteilt hatte, so hat sie leider die ungeheuren Fehler, die sie der italienischen Partei und der italienischen Revolution gegenüber begangen hat, nur in einem kleinen Bruchteile gutgemacht. Ich kann noch hinzufügen, daß, wenn Gen. Zetkin die italienische Spaltungsfrage und überhaupt die Frage der italienischen Partei so falsch beurteilt hatte, aus dieser falschen Beurteilung andere Folgerungen auf die zukünftige Politik der V.K.P.D. ebenso falsch entstehen müssen. Ich denke, diese Folgerungen werden sich ebenso schlecht erweisen, wie ihre Hoffnungen und Meinungen in der italienischen Sache. (Zustimmung.)
Im Namen der ungarischen Partei möchte ich über den Bericht der Exekutive noch einiges sagen. Wir sind mit der Tätigkeit der Exekutive in jeder Beziehung zufrieden, und wir wissen sehr gut, daß gewisse technische Mängel, in erster Linie der Mangel der Verbindung mit den Nationalsektionen, vorhanden waren. Wir müssen aber gleichzeitig sagen, daß wir aus unserer Erfahrung wissen, daß dieser Mangel der Verbindung teilweise an den nationalen Sektionen liegt. Diese nationalen Sektionen überlassen nämlich ganz gern die Organisierung der Verbindung einzig und allein der Exekutive und schimpfen gern über die schlechte Verbindung, statt diese schlechten Verbindungen zu verbessern.
Ich möchte noch im Namen der ungarischen Partei bitten, daß Sie, bereichert durch die Erfahrungen aus der italienischen Parteispaltung, diejenigen Parteien, die bereits der Kommunistischen Internationale angehören, die aber noch zentristische oder halbzentristische Tendenzen aufweisen, mit Aufmerksamkeit beobachten, damit wir uns auf dem nächsten Kongreß nicht wieder mit französischen oder tschechischen Serratifragen zu beschäftigen haben. (Lebhafter Beifall.)
Smythe (England). Genossen, die englische Delegation hat beschlossen, in diesem Zusammenhang nicht über die englische Frage zu reden, weil diese bei dem Bericht über die Taktik behandelt werden muß. Ich möchte nicht mit fortwährenden Wiederholungen Ihre Zeit in Anspruch nehmen, aber ich möchte in diesem Zusammenhang eine andere Frage berühren. Genosse Radek sagte gestern, wir sollen unsere Reden der Tätigkeit und der Organisation der Exekutive widmen, und einen dieser Punkte möchte ich berühren.
Ich war sehr erstaunt, daß Genosse Sinowjew in seiner Rede die Frage des Frauensekretariats so knapp behandelte, daß er darüber nichts sagte, obwohl das Frauensekretariat ein Teil des Internationalen Sekretariats darstellt und seine Tätigkeit ein Teil der Tätigkeit des ganzen Sekretariats ist. Ich erhielt den Eindruck, daß die Exekutive in dieser Hinsicht ihre Pflicht nicht getan hat, sonst würde sie etwas davon gesagt haben. Gen. Sinowjew sagte, es sei wichtig, die Frauen zu organisieren, und ich bin mit ihm ganz einverstanden. Er sprach auch von der großen Bedeutung der Jugendorganisation, und hierin stimme ich auch mit ihm überein. Einer der Gründe der Wichtigkeit der Frauenfrage liegt in dem Einfluß und der Einwirkung der Frau auf die Kinder und die Jugend. Daß die Thesen des vorjährigen Kongresses bis jetzt nur ins Deutsche übersetzt sind, zeigt wiederum, daß die Exekutive in dieser Beziehung ihre Pflicht nicht getan hat; die anderen Länder hatten bis jetzt keine Möglichkeit, diese Thesen zu lesen und deshalb ist es nicht zu verwundern, wenn sie in dieser Richtung keine große Arbeit geleistet haben. Die Frauenfrage wird späterhin auf dem Kongreß besprochen werden, deshalb will ich sie nicht ausführlich behandeln. Aber ich fordere die Delegierten auf, der Exekutive die Bedeutung des Frauensekretariats energischer als früher vor Augen zu führen, und den kommunistischen Parteien der verschiedenen Länder einzuschärfen, daß im kommenden Jahre die Arbeit unter den Frauen tatkräftiger angefaßt werden muß.
(Schluß der Sitzung: 12¼ Uhr nachts )
Die achte Sitzung (28. Juni 1921, 7 Uhr 30 Min. abends)
(Die Frage der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Redner: Sinowjew, Hempel, Radek, Bergmann, Roland-Holst. — Die italienische Frage. Redner: Lazzari, Gennari, Lenin.)
Vors. Kolarow. Genossen! Die allgemeine Debatte über den Bericht des Exekutivkomitees ist bereits geschlossen. Nach dem Beschluß, den wir gestern angenommen haben, sollen die Fragen der Sozialistischen Partei Italiens und der K.A.P.D. besonders behandelt werden. Jetzt schreiten wir zur Behandlung dieser beiden Fragen. Gestern abend haben wir erklärt, daß die heutige Sitzung mit der Erörterung der italienischen Frage beginnen soll. Indessen sind die italienischen Genossen noch nicht hier, infolgedessen ist es zweckentsprechend, daß wir zunächst die Frage der K.A.P.D. in Angriff nehmen. Das Präsidium schlägt vor, das Wort nur einem Vertreter der K.A.P.D. und einem Vertreter der V.K.P.D. zu erteilen, sonst aber keine Diskussion zuzulassen, da diese Frage schon in der allgemeinen Debatte genügend besprochen werden konnte. Natürlich wird auch ein Vertreter des Exekutivkomitees das Wort ergreifen. Wie mir mitgeteilt wird, verzichtet die V.K.P.D. in dieser Frage auf das Wort.
Sinowjew. Genossen! Ich möchte, bevor der Kongreß in die Diskussion eintritt, unseren Antrag genau präzisieren, den ich schon in allgemeinen Umrissen in meinem Bericht gestellt habe. Der Antrag geht dahin, der Kongreß möge beschließen, der K.A.P.D. eine Frist von zwei oder höchstens drei Monaten zu geben, damit die Genossen ihren Parteitag einberufen können. Nachdem dieser Parteitag die Beschlüsse des Kongresses geprüft haben wird, soll die Partei erklären, ob sie sich der internationalen Disziplin fügen will und in die V.K.P.D. einzutreten geneigt ist. Wenn ja, dann ist die Frage gelöst, wenn nein, soll die Exekutive das Recht haben, diese Partei als aus der Internationale ausgeschlossen zu betrachten.
Vors. Kolarow. Die Delegation der V.K.P.D. teilt mit, daß sie sich mit dem Vorschlag des Gen. Sinowjew vollkommen einverstanden erklärt.
Hempel (K.A.P.D.). Genossinnen und Genossen! Ich spreche hier jetzt zur Geschäftsordnung, und zwar deswegen, weil die Frage der Appellation der V.K.P.D. gegen den Beschluß der Exekutive, die K.A.P.D. als sympathisierende Organisation der III. Internationale aufzunehmen, bis jetzt ein besonderer Tagesordnungspunkt dieses Kongresses war. Dieser Tagesordnungspunkt stand hinter der Erledigung aller prinzipiellen und taktischen Fragen. Und zwar stand er da richtig. Wir haben uns darauf eingerichtet. Am vorgestrigen Tage, oder war es gestern? wurde vom Präsidium ganz kurz mitgeteilt, daß beim Bericht der Exekutive zu gleicher Zeit die Frage der italienischen Delegation und unsere Frage erledigt werden soll. Das Präsidium hatte sich vordem mit der soeben eingetroffenen Delegation der Sozialistischen Partei Italiens verständigt, nicht mit uns. Wir standen vor einem fertigen Resultat. Wir haben in dem Moment nichts zu den Dingen gesagt, und glaubten, wenn wir uns mit dem Präsidium verständigen, so wie es mitgeteilt wurde, würden wir zu einem günstigen Resultat kommen. Wir reichten folgende Erklärung dem Präsidium ein, um uns auf dieser Grundlage zu verständigen; ich werde sie verlesen:
„Es wird uns soeben, fünf Minuten vor Beginn der Sitzung vom Präsidium mitgeteilt, daß die K.A.P.-Frage in der Form liquidiert werden soll, daß wir das Recht bekommen, jetzt eine halbe Stunde zu sprechen.
Dieser Vorschlag entspricht in keiner Weise der Bedeutung der Frage, die viel zu kompliziert ist, um in einer kurzen Diskussionsrede erledigt werden zu können. Wir müssen dazu ein Referat oder Korreferat von mindestens einer Stunde beanspruchen, mit der Möglichkeit der Erwiderung auch im Schlußwort.
Das Präsidium hat beschlossen, auf diesen Vorschlag nicht einzugehen. Wir erblicken darin eine einseitig gegen uns gerichtete Handhabung der Geschäftsordnung, gegen die wir protestieren. Wir wollen nicht an der Illusion mitwirken, daß der Kongreß auf diese Weise genügend informiert werde, um eine Entscheidung fällen zu können, und werden daher zu dieser Frage das Wort nicht ergreifen.“
Wir hatten diese Erklärung eingereicht, wir haben soeben, vor 5 Minuten Antwort bekommen, und zwar die Antwort, es wird uns eine halbe Stunde Redezeit zugebilligt und dann ist die Geschichte erledigt. Und da erklären wir, daß man auf diese Art und Weise uns den Mund schließen will. Wir erklären, daß wir auf diese Dinge nicht eingehen, dann möge man uns aburteilen, denn in einer halben Stunde können wir unseren Standpunkt nicht klarlegen. Möge man es tun. Ich überreiche diese Erklärung, die man zur Kenntnis nehmen muß. (Lärm.)
Radek. Genossinnen und Genossen, Ich muß zuerst die angebliche Tatsache, die Gen. Hempel hier vorgebracht hat, richtigstellen. Nicht vor 5 Minuten, sondern vor 5 Stunden wurde die Delegation der K.A.P.D. durch meinen Sekretär benachrichtigt, daß die Exekutive die Frage der K.A.P.D. heute als erste auf die Tagesordnung stellt, und daß der Vertreter der K.A.P.D. und der Vertreter der Exekutive je eine halbe Stunde Redezeit zur Darlegung ihres Standpunktes eingeräumt erhalten. Der Vertreter der K.A.P.D. hat gegen diese Mitteilung nicht protestiert, er bestand nur darauf, daß der K.A.P.D. eine Stunde Redezeit gegeben wird. Das ist die erste, jedoch nicht nebensächliche Tatsache. Die Vertretung der K.A.P.D. verkennt vollkommen den Sinn des Antrages Sinowjews. Wenn die K.A.P.D. sich orientieren will über die Arbeiten des Kongresses und uns orientieren will über den Standpunkt der K.A.P.D. so wird sie Gelegenheit dazu haben bei allen anderen Punkten der Tagesordnung. Worum es sich handelt, ist, daß wir die K. A. P.D. über unseren Standpunkt zu ihr informieren. Und nachdem das geschehen ist. wird sie weiter auf dem Kongreß verbleiben können. Niemand fordert von ihr, daß sie jetzt schon ihre Entscheidung dem Kongreß abgeben soll. Die ganze Rederei Hempels vom Mundverschließen. nachdem wir gesehen haben, daß die Genossen von der K.A.P.D. von ihrem Munde zu unserer Freude reichlichen Gebrauch gemacht haben (Heiterkeit), ist also eine Kinderei, und wir wollen hoffen, daß die K.A.P.D. auch weiterhin reichlichen Gebrauch von diesem sehr nützlichen Teile des Körpers machen wird. Wenn die K.A.P.D. unseren Kongreß verlassen sollte, so wird uns das sehr leid tun. Wir begnügen uns dann mit dem Studium der Bücher. Wir haben ja die heiligen Bücher der „holländischen Schule“, Eure Presse, und werden unsere Nachrichten nur aus diesen Quellen beziehen. (Heiterkeit.)
Bergmann (K.A.P.D.). Genossinnen und Genossen! Die Frage, die jetzt erörtert wird, ist für die K.A.P.D. eine Lebensfrage. Und wenn wir uns schon mit dem Vorschlag der Exekutive, diesen Punkt als ganz besonderen und nach allen prinzipiellen Fragen zu behandeln, einverstanden erklärt haben, so ist das von unserer Seite genug Entgegenkommen. Wenn Gen. Radek hier behauptet, „wir haben das beschlossen“, so bezeichnet er damit den ganzen Kongreß und nimmt das Urteil des ganzen Kongresses vorweg. Der Kongreß beschließt hier über die Frage der K.A.PD. und die Stellung der Exekutive dazu. Das soll hier erörtert werden, und weil unsere Ideen und Schriften nicht in dem Umfange, wie es sein sollte, unter die Massen gekommen sind und nicht allen Genossen bekannt sind, ist es notwendig, daß diese Frage hier grundsätzlich erörtert wird. Wir verlangen deswegen, daß uns zu dieser jetzt zur Tagesordnung stehenden Frage eine Stunde Redezeit gewährt wird, und daß wir selbstverständlich auch das Schlußwort nach der Diskussion bekommen. Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Wird anders in dieser Frage entschieden, so daß wir nur eine halbe Stunde Redezeit bekommen, und ohne Diskussion die Frage abgebrochen und totgeschwiegen wird, so verzichten wir von vornherein auf das Wort und sagen, man soll beschließen über uns und uns an den Galgen bringen, wie einen verurteilten Mörder.
Sinowjew. Genossen, wir werden noch die Gewerkschaftsfrage, diejenige Frage, die von der K.A.P.D. als die Hauptfrage betrachtet wird, zu behandeln haben. In dieser Frage werden die Genossen selbstverständlich die Möglichkeit haben zu sprechen. Auch in der Frage der Taktik. Es handelt sich jetzt um die Frage, ob nach der Lage, die wir bis jetzt hatten, eine Partei, die sich der Disziplin nicht fügt und nicht fügen will, in der Internationale weiter bleiben kann und zu welchen Bedingungen. Das ist die einzige Frage, die der Kongreß jetzt zu besprechen hat. Die Genossen von der K.A.P.D. haben zu allen Fragen gesprochen und werden noch zu anderen Fragen sprechen. Es wird nur eine Frage entschieden, ob der Kongreß die Forderung aufstellen soll, daß die Partei während 3 Monaten uns erklärt: Ist sie eine Partei wie alle anderen Parteien, oder ist sie unantastbar, wie es in der bekannten Resolution hieß? Das ist die einzige Frage, die wir jetzt lösen müssen. Ich halte es wirklich für unerhört, daß die Genossen von der K.A.P.D. mit einem Ultimatum auftreten. Die Geschäftsführung des Kongresses ist ganz korrekt. Gestern früh wurde der Antrag gestellt, man möge den Bericht zusammen mit der italienischen Frage und der Frage der K.A.P.D. behandeln, da sie zusammenhängen. Die Genossen von der K.A.P.D. waren im Saal, sie haben kein Wort gesagt. Der Kongreß hat gestern einstimmig beschlossen, und jedermann sieht, daß dies auch logisch ist. weil diese Fragen zusammengehören. Und die italienischen Genossen. die mit uns materiell nicht einverstanden sind. haben es verstanden, daß das formell richtig ist. Das einzige. das man tun kann, ist. daß zunächst der Redner der Exekutive spricht und die Genossen aus der K.A.P.D., somit das letzte Wort erhalten. Aber die Frage, die wir jetzt zu lösen haben, ist klar und einfach: ob die Internationale in ihren Reihen jetzt noch eine Partei dulden soll, nach einem Jahre der Erfahrungen, die erklärt, sie ist unantastbar. Diese Frage können wir ruhig ohne weitschweifige Diskussion lösen, nachdem wir schon eine Anzahl Redner aus der K.A.P.D. gehört haben, daher bitte ich den Kongreß, das zu beschließen, was sachlich und korrekt ist. was aus den Ereignissen des Kongresses hervorgeht. Wenn die Genossen aus der K.A.P.D. auf das Wort verzichten, dann werden sie in abgeschwächter Form dasselbe tun, was Otto Rühle im Jahre 1920 getan hat. (Zustimmung.)
Vors. Kolarow. Ich glaube. wir schließen die Debatte über die Geschäftsführung. (Zustimmung.)
Radek. Genossen! Der Antrag der Exekutive geht darauf hinaus, daß die Kommunistische Arbeiterpartei, nachdem sie sechs Monate sympathisierendes Mitglied der Kommunistischen Internationale war, nunmehr in einer konkreten Frist von 2 bis 3 Monaten zu entscheiden haben wird. ob sie sich dem Beschlusse der Komm. Internationale unterwirft und auf diese Weise auf dem Boden dieses Beschlusses zu einer Vereinigung mit der V.K.P.D. kommen will. Der Standpunkt der Exekutive erfordert einige Feststellungen über die Vergangenheit der Beziehungen der Kommunistischen Internationale zur K.A.P.D. Zwischen der K.A.P.D. und der Kommunistischen Internationale bestanden von dem ersten Tage der Gründung der K.A.P.D. dieselben Meinungsunterschiede, die heute bestehen. Die K.A.P.D. stand auf dem Standpunkt nicht der Massenbewegung, sondern der Bildung kleiner reiner kommunistischer Parteien. Sie stand in der Gewerkschaftsfrage auf dem Standpunkt, daß wir die Gewerkschaften nicht von innen heraus durch den Kampf der Kommunisten in den Gewerschaften zu erobern haben, um sie aus Instrumenten des „Burgfriedens“ und der „Arbeitsgemeinschaft“ zu Instrumenten des Klassenkampfes zu machen, sondern, daß die Kommunisten sich abzusondern haben von der großen Masse der kämpfenden Arbeiter, daß besondere Organisationen nötig sind, die vorwegs nur die Arbeiter zusammenfassen, die auf dem Boden der proletarischen Diktatur stehen. In der Frage des Parlamentarismus stand die K.A.P.D. auch im Gegensatz zur Kommunistischen Internationale, für die es sich bei diesem Mittel, wie bei allen anderen, nur handelte um ein Mittel zur Aufrüttelung und Organisierung der Arbeiter zum revolutionären Kampf. Obwohl also von dem Gründungskongreß der K.A.P.D. an der Gegensatz der K.A.P.D. zur Kommunistischen Internationale klar war, suchte die Kommunistische Internationale der K.A.P.D. Brücken zu sich zu bauen, nicht aus einer Sammelpolitik heraus, die Kreti und Pleti zusammenzufassen suchte, sondern aus der Einsicht heraus, daß bei einem solchen Standpunkt, wie ihn die K.A.P.D. vertrat, sich in allen Ländern Irrtümer in der revolutionären kommunistischen Bewegung des Proletariats äußern werden. Wo die revolutionären neuen Schichten aufwachen und sich in die politische Kampfarena werfen, ist es klar, daß diese Schichten nicht immer und nicht überall für politische Notwendigkeiten das Augenmaß haben können. Und da es sich hier um Irrtümer revolutionärer Proletarier handelt, so sagte sich die Exekutive, man müsse alles tun, um diese Proletarier für die Internationale zu gewinnen. Und auf dem Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale ging die Exekutive über alle Hindernisse hinweg, um nur den Delegierten der K.A.P.D. die Möglichkeit zu geben, an dem Kongreß teilzunehmen, dem Kongreß ihre Auffassung mitzuteilen, und ihrerseits zu sehen, welchen Standpunkt die große überwiegende Mehrheit der kommunistischen Proletarier aller Länder annimmt. Die Exekutive ging so weit, daß sie den Vertretern der K.A.P.D., obwohl diese ihnen vorweg erklärten, sie werden sich nicht den Beschlüssen fügen, das beschließende Mandat geben wollte. Die Delegierten der K.A. P.D. hielten es für besser zu flüchten, um, wie sie erklärten, hier auf dem Kongreß bei der Demonstration des Kongresses gegen ihre Politik nicht anwesend zu sein. So begründete Rühle später sein Fernbleiben vom Kongreß.
Nach dem Kongreß trat in der K.A.P.D. eine gewisse Klärung ein. Die K.A.P.D. trennte sich von ihrem nationalbolschewistischen Flügel Wolffheim und Laufenberg. Dann trennte sie sich auch von Rühle Und als die K.A.P.D. beschloß, Delegierte nach Moskau zu senden, um mit der Exekutive Rücksprache zu nehmen, hat die Exekutive entgegen dem Rat und der Meinung der V.K.P.D. beschlossen: ja, wir wollen es noch einmal versuchen, wir wollen diesen irrenden Proletariern noch einmal den Weg zu uns öffnen, und sie beschloß, die K.A.P.D. provisorisch als sympathisierendes Mitglied in die Kommunistische Internationale aufzunehmen. Und dabei sagte die Exekutive zu den Vertretern der K.A.P. offen: Ihr werdet bald zu wählen haben, entweder den Weg der Verschmelzung mit der V.K.P.D. und zur Kommunistischen Internationale oder außerhalb der Kommunistischen Internationale zu stehen. Ein drittes gibt es nicht. In jedem Lande darf unter Berücksichtigung gewisser Übergangszeiten nur eine Sektion der Kommunistischen Internationale bestehen. Die Exekutive verpflichtete die K.A.P.D. in dem Moment, wo sie sie aufnahm, dazu, mit der V.K.P.D. eine brüderliche Verständigung über alle Aktionsfragen zu suchen und die V.K.P.D. in allen ihren Aktionen zu unterstützen.
Parteigenossen, wir haben ein halbes Jahr der Entwicklung der K.A.P.D. hinter uns. Wir müssen feststellen, daß die K.A.P.D. sich nicht entwickelte in der Richtung von der Sekte zur Massenpartei, sondern umgekehrt in der Richtung zu einer Sekte, die immer mehr ins Abenteuerliche geriet. Die K.A.P.D. hatte die Taktik der Exekutive seit ihrer Gründung bekämpft, aber erst in der letzten Zeit begann sie in ihren offiziellen Schriften die Taktik der Exekutive als ein Verbrechen an dem internationalen Proletariat zu bezeichnen. So schreibt z. B. Gorter:
„Wenn jetzt noch die russische Taktik der Partei und Führerdiktatur hier befolgt wird, nach den unheilvollen Folgen, die sie schon gebracht hat, dann ist das nicht mehr nur Dummheit, sondern ein Verbrechen an der Revolution.“
Die K.A.P.D., versteifte sich auf den Standpunkt, prinzipiell gegen die Bildung kommunistischer Massenparteien zu sein. In ihrer Broschüre „Der Weg des Dr. Levi — der Weg der V.K.P.D.“, sagt sie auf Seite 26: „Die Märzkämpfe haben bewiesen, daß eine solche Massenpartei gar nicht existiert, oder richtiger, daß sie als kommunistische Massenpartei nicht existieren kann“. In ihrer internationalen Politik entwickelte sich die K.A.P.D. so weit, daß sie jetzt Arm in Arm mit der ganzen menschewistischen Presse gegen die Kommunistische Internationale und gegen Sowjetrußland steht. Ich weise nicht nur auf die Artikel der K. A.Z. hin, in denen der Kommunistischen Internationale vorgeworfen wird, sie sei ein Instrument der auswärtigen Politik der Sowjetregierung. In der Broschüre Gorters, die von der K.A.P.D. herausgegeben wurde, wird sogar für Kronstadt Stellung genommen: „Nachdem das Proletariat gegen Euch, die Kommunistische Partei aufgestanden ist, und nachdem Ihr in Petersburg den Belagerungszustand auch gegen (das Proletariat habt verhängen müssen (was bei Euch, wie Eure ganze Taktik, notwendig war), ist Euch dann noch nicht der Gedanke gekommen, daß es doch besser wäre Klassendiktatur zu haben statt Parteidiktatur ?“
Das zeigt, mit welch verhängnisvoller Entwicklung. wir es zu tun haben. Wir sind überzeugt, daß diese Entwicklung nicht die Entwicklung der K.A.P.D.-Arbeiter ist, sondern die Entwicklung einer kleinen Clique von Führern. Wir schöpfen diese Überzeugung aus der Tatsache, daß die K.A.P.D. überall zu vermeiden versucht, daß ihre Arbeiter mit den Arbeitern der V.K.P.D. im gemeinsamen Kampf zusammenkommen. Ich erinnere Sie daran, daß, als die V.K.P.D. durch ihren Offenen Brief an alle Arbeiterorganisationen versuchte, in Deutschland eine gemeinsame Front aufzurichten, die K.A.P.D. prinzipiell den gemeinsamen Kampf ablehnte. Ich erinnere an die Vorgänge der letzten Wochen in Hamburg und in Berlin, wo die Führer der K.A.P.D., nachdem sie sich mit dem Seemannsbund und der V.K.P.D. geeinigt hatten, im letzten Moment absagten, um die Massen nicht zu verwirren. Dasselbe war in Berlin der Fall.
Die Kommunistische Internationale muß angesichts dieser Entwicklung die Arbeiter in der K.A.P.D. vor die Frage stellen: entweder mit einer Handvoll verwirrter Führer, oder mit der Kommunistischen Internationale, entweder diese Führer zwingen, sich in die Reihen der Kommunistischen Internationale einzureihen, oder zusammen mit ihnen aus der Kommunistischen Internationale ausscheiden.
Dazu kommen noch weitere Tatsachen. In der K.A.P.D. bekommt in der letzten Zeit eine abenteuerliche Richtung die Oberhand, für die wir keine Verantwortung tragen können, eine Richtung, die zu Akten des persönlichen Terrors hinneigt, die die Illegalität zum Prinzip erhebt und unter deren Deckmantel die Arbeiter zu Dingen auffordert, die nichts mit der Politik der Kommunistischen Internationale zu tun haben. Dafür wird die Kommunistische Internationale keine Verantwortung tragen. Entweder fügt sich die K.A. P.D. in allem, auch in der Taktik, den Beschlüssen der Exekutive, oder nicht. Tut sie es, so findet sie auf dem Boden der Beschlüsse der Kommunistischen Internationale ihren Weg zu der V.K.P.D., und sie wird zusammen mit dieser unter der allgemeinen Leitung der Grundsätze der Kommunistischen Internationale den Kampf führen, oder es wird ihr die Möglichkeit genommen, ihre Politik unter der Flagge einer sympathisierenden Partei der Kommunistischen, Internationale zu treiben.
Genossen! Wir bitten den Kongreß, unseren Antrag einstimmig anzunehmen. Wir sind überzeugt, daß dadurch kein einziger Proletarier, der für die Ideen des Kommunismus kämpfen will, von uns abfallen wird. Die V.K.P.D. hat durch ihre Märzaktion, mögen dort noch so viele Fehler gemacht worden sein, den Massen bewiesen, daß es unwahr ist, daß die V.K.P.D., als die Sektion der Kommunistischen Internationale in Deutschland, nicht kämpfen will. Sie hat den Willen zum Kampf bewiesen, und dadurch hat sie ermöglicht, die breitesten Massen der ungeduldigen proletarischen Massen, in erster Reihe die Arbeitslosen, in ihre Reihen aufzunehmen.
Wenn vor der Aktion der V.K.P.D. noch die Furcht bestehen konnte, daß wir den Kontakt mit den ungeduldigen Arbeitermassen verlieren, so beweisen jetzt nachträglich Beispiele aus dem Leben, daß dies nicht mehr zu befürchten ist. In Hamburg hat die V.K.P.D. jetzt nach der Märzniederlage bei den Wahlen der Arbeitslosen fast soviel Stimmen bekommen, wie die U.S.P.D. und S.P.D. zusammen. (Zuruf: noch mehr!) Das beweist, Parteigenossen, daß es uns in Deutschland gelungen ist, in alle Teile des Proletariats einzudringen. Und wenn sich die K.A.P.D. nicht einordnet, so wird sie das störende Element sein. Das, was wir von der K.A.P.D. fordern, ist, daß sie sich fügt, daß sie in den Reihen der Kommunistischen Internationale Disziplin übt, die wir nach rechts und links fordern müssen. Wir werden heute über den Fall Italien zu entscheiden haben. Wir werden die schwankenden italienischen Elemente vor die Frage stellen: mit wem wollt Ihr gehen, mit der Kommunistischen Internationale oder mit den Reformisten? Und wir stellen gleichzeitig die Arbeiter der K.A.P.D. vor die Frage: Mit wem wollt Ihr gehen, mit ein paar schlecht geschriebenen Blättern einer sogenannten holländischen Schule und dem kleinen Häuflein, die diese Ideen vertreten, oder mit den Millionen von Proletariern, die hinter der Kommunistischen Internationale stehen und die als eine Armee die gemeinsamen Kämpfe regeln, den Kampf gegen den Kapitalismus führen.
Genossinnen und Genossen, wir verzichten nicht leicht auf die geringste Gruppe klassenbewußter Arbeiter, Arbeiter, die kämpfen wollen. In diesem Moment, wo es unzweideutig ist, wie der Kongreß beschließen wird, schlagen wir gleichzeitig vor, daß die Exekutive im Namen des Kongresses sich mit einem brüderlichen Brief an die Arbeiter wendet, die noch hinter der K.A.P.D. stehen, und ihnen diesen Beschluß auslegt als das, was er ist, als den Versuch sie einzuordnen, in die eine, einheitliche Armee des Proletariats,. die wir bilden. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Kolarow. Das Wort hat der Vertreter der K.A.P.D. (Es meldet sich niemand.) Es scheint, daß die Genossen sich das Vergnügen einer kleinen Demonstration gegen die Exekutive leisten wollen. Will jemand anders das Wort gegen den Beschluß der Exekutive in der Frage der K.A.P. ergreifen?
Genossin Roland-Holst hat das Wort.
Roland-Holst. Genossen! Die Minderheit der holländischen Delegation hat folgende Erklärung beschlossen, die ich hier verlesen werde: „Die Minderheit der holländischen Delegation erblickt in dem Beschluß des Kongresses, den Vertretern der K.A.P., die Redezeit nicht auf eine Stunde verlängern zu wollen, eine geistige Vergewaltigung, gegen die sie entschieden protestiert.“ gez. Roland-Holst, I. Jansen, Varkel (Delegierter der K.P.H. Niederl.-Indien).
Genossen! es wird mir nicht einfallen, zur sachlichen Diskussion über die Frage der Beibehaltung der K.A.P.D. in der Kommunistischen Internationale als sympathisierende Partei hier reden zu wollen. Es wäre die Sache ihrer Vertretung gewesen, dies zu tun. Aber ich kann nicht anders wie auszudrücken, daß man sie daran durch geistige Vergewaltigung verhindert hat. Es ist unmöglich, die Frage der Disziplin zu trennen von den grundsätzlichen und taktischen Fragen, in bezug auf welche die K.A.P.D. eine Sonderstellung innerhalb der Kommunistischen Internationale einnimmt, und es ist ebenso unmöglich, daß ihre Delegierten diese Frage auch nur in einer Stunde erschöpfen, aber ganz gewiß nicht in einer halben Stunde behandeln können. Mir scheint es, daß der Antrag der K.A.P.D., ihre Angelegenheit nur am Schluß des Kongresses zu behandeln, vollkommen richtig war; denn die Stellung des Kongresses zu ihren Anschauungen wird selbstverständlich beeinflußt werden können von den Argumenten, welche sie in allen Punkten der Tagesordnung vorbringen, welche uns noch beschäftigen werden. In diesen Punkten hätten die Genossen der K.A.P.D. die Gelegenheit finden können, ihre Anschauungen ziemlich erschöpfend vorzubringen. Daß man ihnen dies nicht erlaubt hat, machte schon für sie die Lage sehr schwierig, Man hat ihnen systematisch die Zeit abgekürzt. Wenn man bedenkt, welche Redezeit Gen. Clara Zetkin gestern bekommen hat, um ihre eigene Stellung in der italienischen Frage darzulegen, so kann man nur urteilen, daß hier mit zwei Maßen gemessen wird. Nicht nur, das füge ich hinzu, nicht nur heute und nicht nur im Augenblick, sondern das ist schon bei verschiedenen Anlässen ans Tageslicht getreten, in dieser Frage jedoch ganz kraß. Ich bin überzeugt, daß es dem Kongreß und der Exekutive kaum einfallen wird, den Vertretern der italienischen Serratipartei ihre Redezeit auf eine halbe Stunde zu beschränken. Was billig ist für die einen, sollte für die anderen gerecht sein, und ich kann unmöglich nur formell diese Erklärung begründen. Ich fühle mich verpflichtet, in einigen Worten auf die Sache selbst einzugehen.
Es ist wiederholt in den Sitzungen der Exekutive von den führenden Genossen erklärt worden, daß die Gefahr von links nicht weniger groß ist, wie die Gefahr von rechts. Wohlan, wir, die wir links stehen, wir können dem nicht zustimmen. Wir erblicken die Gefahr von rechts unendlich größer, unendlich drohender, als die Gefahr von links. Und bei der ver langsamten Entwickelung der Revolution, bei dem Zaudern, bei der Unsicherheit der großen Arbeitermassen in unseren Parteien und außerhalb der Kommunistischen Internationale, halte ich es für die gesunde Entwicklung der Kommunistischen Internationale für notwendig, daß der Linken und der äußersten Linken Gelegenheit geboten wird, sich zu entwickeln. Genossen, es besteht noch gar keine Linke in der Kommunistischen Internationale Es bilden sich kaum die ersten klaren Anfänge dazu. Es ist keine Entscheidung da über die verschiedenen Fragen, die verschiedenen Punkte, den Parlamentarismus, die Gewerkschaften, die Überzentralisation usw., es gibt noch andere Punkte. Aber diese Linke kann sich nur entwickeln zusammen mit den Kämpfen der Parteien, zusammen mit der Entwicklung des Kommunismus, und wenn man die äußerste Linke abschneidet, und dieser Beschluß ist schon ein Anfang des Abschneidens, wenn man ihr den Grund und Boden zu einer Verständigung entzieht, da schwächt man diese ganze Entwicklung; dann stärkt man dadurch, ob man es will oder nicht, der Rechten das Genick. Deshalb kann dieser Beschluß, der fast ohne Worte, fast ohne Diskussion angenommen wurde, fürchte ich, sehr schwere und schlechte Folgen für die Kommunistische Internationale haben. Wird die K.A.P.D. ausgeschaltet, dann werden sich in verschiedenen Ländern, in einer ganzen Reihe von Ländern kleine Parteien bilden. Wir wünschen diese Parteien innerhalb der Internationale, auch wenn sie sich nicht gleich der Disziplin fügen wollen. Man sollte Geduld haben, Vertrauen in die revolutionäre Entwicklung und Vertrauen in die Elemente setzen, die in dieser Partei vorherrschen. Es gibt noch andere, es gibt noch weniger gute Elemente, aber die guten, die sind überall die gleichen Charaktere, das sind diejenigen, die auch die großen Idealisten sind, das sind diejenigen, die vielleicht zuviel das ferne Ziel im Auge behalten und zu wenig realistische Politik treiben können. Das ist ja die große, schwere Kunst, und die große, schwere Wissenschaft, die wir lernen wollen und lernen müssen, realistische und dennoch revolutionäre Politik zu treiben. Deshalb kommen wir auf dem Kongreß zusammen, und das ist es, was wir in erster Linie von den russischen Genossen, auch vom Gen. Trotzki, in erster Linie lernen wollen. Und deshalb ist es für uns ein Schmerz, daß Gen. Trotzki jetzt diese äußerste Linke viel schärfer behandelt, als die Rechte.
Trotzki. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, über die Rechte zu sprechen. Warten Sie ab, seien Sie geduldig.
Roland-Holst. Ich werde warten, sehr gerne werde ich warten, aber ich finde, daß in der Weise, wie die Gen. Lenin und Trotzki in der Exekutive Stellung genommen haben über die Fehler und die Mängel der französischen Partei und wie sie zu den jungen französischen Genossen sprachen, da war der Kurs, nach meiner Empfindung, schon nach rechts gehalten. Ich möchte noch sagen: Wenn diese kleinen Gruppen von schroffen Charakteren, von willensstarken Kämpfern, mitunter etwas dogmatisch angelegten Charakteren und Köpfen, aber die sehr gut sind, wie der Genosse Gorter, die immer die großen Gesichtspunkte im Auge behalten und auch bisweilen die Tagesangelegenheiten vergessen, wenn diese kleinen Parteien außerhalb der Kommunistischen Internationale sind, dann wird der sektiererische Charakter wieder verschlimmert, das ist unzweifelhaft. Deshalb habe ich die K.A.P.D. gebeten, sich selbst zu überwinden. Wir wollen keine Vergewaltigung, wir wollen eine Selbstüberwindung. Ihre Absplitterung kann der Internationale nur Unheil bringen. Wenn sie auch anders will, es geht nicht anders. Es ist auch da ein eiserner Zwang der Entwicklung. Und da sagen wir zu dem ganzen Kongreß: wir können, wir wollen diese Elemente nicht entbehren, wir wollen diesen reinen Idealismus nicht entbehren. Wir wollen zu den vielen guten und ausgezeichneten Politikern, die in der III. Internationale sind, die aber auch ihre schwachen Seiten haben, außerdem auch solche Genossen haben, deren politischer Spürsinn vielleicht zu wenig scharf entwickelt ist, deren revolutionärer Wille, revolutionäre Entschlossenheit und revolutionärer Idealismus aber stark ausgeprägt sind. Deshalb hält die Minderheit der holländischen Delegation, halte ich diesen Beschluß für unheilvoll. Ich hoffe jedoch, daß die Genossen der K.A.P.D. an den weiteren Verhandlungen regelmäßig teilnehmen werden, daß ihre Anschauungen auf dem Kongreß noch wirken werden, und daß es noch möglich sein wird, am Ende des Kongresses diesen unheilvollen Beschluß umzustoßen. (Beifall.)
Vors. Kolarow. Die Rednerliste ist erschöpft. Ich schließe die Debatte über diese Frage.
Es folgt die italienische Frage.
Das Wort hat Gen. Lazzari von der Sozialistischen Partei Italiens.
Lazzari (Sozialistische Partei Italiens). Genossen aller Länder! Es ist nicht das erste Mal, daß die Beziehungen der italienischen Sozialisten zur Internationale gespannter Natur sind. Ich erinnere — es werden hier gleichfalls Genossen anwesend sein, die sich noch daran erinnern —, welche Streitigkeiten wir mit der Internationale Huysmans und Vanderveldes gehabt haben, welche letztere wir gleichsam als Angehörige eines „kleinen Landes“ und als einen Faktor betrachteten, dem man keine besondere Beachtung zu schenken habe.
Gegenwärtig befinden wir uns hier vor den Vertretern der III. Internationale in der wenig angenehmen Lage, als Vertreter von Verrätern betrachtet zu werden! Wir, die wir uns stets alle Mühe gegeben haben und keine Anstrengungen gescheut haben, um unsere nationale und internationale Pflicht zu erfüllen, haben uns niemals von persönlichen Interessen leiten lassen und stets nur an die Bewegung gedacht, die wir vertreten. Seit den Zeiten eines Judas sind immer diejenigen die Verräter gewesen, die einzig und allein ihr eigenes Interesse im Auge hatten. Wir haben unserer Sache stets mit Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung gedient und aus diesem Grunde beklagen wir es, daß wir heute als moralisch heruntergesetzt hier erscheinen müssen, heruntergesetzt auf verschiedene Art und Weise, so z. B. durch einen Artikel, der in der Zeitung „Moskau“ erschienen ist und von einem Italiener, von Gennari, unterzeichnet ist. In heruntersetzenden Ausdrücken ist in diesem Artikel erwähnt, daß nur meine Haltung in der Frage Turati zu meinen Gunsten spricht, und völlig außerachtgelassen wurde dabei, daß ich 40 Jahre einen erbitterten Kampf gegen die italienische Bourgeoisie geführt habe, einen Kampf, in dem ich meine Familie, meine Gesundheit, kurz gesagt, alles geopfert habe. Er sagt weiter, daß ich gegenüber dem großen Krieg eine zweideutige Politik betrieben habe. Ich erinnere sowohl den Verfasser dieses Artikels, als auch Sie, daran, daß ich wegen meiner Politik verhaftet und verurteilt wurde, während dem ersteren wegen seiner so vollkommenen Politik nicht derartiges widerfahren ist.
Wir überreichen in einer schriftlichen Erklärung die Beweggründe des Mandates, das wir hier ausüben sollen, es sind dies objektive und positive Gründe, die im Hinblick auf alle anzuerkennen sind. Wir haben das Pech gehabt, verspätet einzutreffen, wozu ich bemerken möchte, daß die Schuld nicht an uns gelegen hat. Sie kennen alle die großen Hindernisse, die sich der Reisefreiheit entgegenstellen, so wie außerdem die Lage, in der wir uns befanden. Diese Verspätung hinderte uns, den Bericht des Gen. Sinowjew zu hören. Da ich vergebens auf den französischen Text gewartet habe, mußte ich mich des englischen bedienen und habe aus dem letzteren ersehen, daß sich der Bericht lang und breit mit der Italienischen Sozialistischen Partei befaßt hat. Mit einer bitteren Genugtuung hoffen wir noch zu sehen, daß die italienische Bewegung von den Genossen der Internationale mehr respektiert und erkannt wird.
Mit Vergnügen haben wir gesehen, daß das Informationsbureau des Genossen Sinowjew alle Dokumente, die sich auf die Situation beziehen, in der sich die italienische Bewegung befindet, zusammengefaßt hat. Wir danken ihm dafür, daß er auf so objektive Art und Weise alle Dokumente, die ihm interessant schienen, gesammelt hat. Es fehlen mir doch noch einige in dieser Sammlung, da wir bei unserer Abreise nicht voraussehen konnten, welches Material interessant genug wäre, um es dem Kongreß vorzulegen. Übrigens machen wir, Italiener, sehr wenig von geschriebenen Dokumenten Gebrauch, da wir gewöhnt sind, mit Taten gegen die Bourgeoisie vorzugehen. Ich bemerke jedoch, daß Sinowjew einiges falsch angewendet hat, so z. B. wenn er in dem Anhang zu diesem Bande klägliche persönliche Schriftstücke, die von keiner Organisation der Partei weder unterstützt noch verteidigt wurden, und die übrigens keinerlei Einfluß auf das politische Verhalten unserer Partei ausgeübt haben, der Italienischen Sozialistischen Partei unterschiebt. Der Vertreter der italienischen Kommunisten ist hierher gekommen, um zu versichern, daß die Kommunisten, gelegentlich des Kongresses von Livorno, die Spaltung noch nicht wollten. Er hat jedoch vergessen, zu erwähnen, daß die Kommunistische Fraktion in Imola beschlossen hatte, aus der Partei auszutreten, wenn sie nicht die Mehrheit besitzen würde. Und gleichermaßen hat er vergessen zu erwähnen, daß es die Vertreter von Turin, selbst Arbeiter und Kommunisten, waren, die gelegentlich der Frage des Mißerfolgs bei der Besetzung der Fabriken die Unmöglichkeit einsahen, mit dem Kampfe und der Besetzung fortzufahren. Die Erklärung, die wir überreichen, schließt. die Gründe ein, die uns annehmen lassen, daß wir das Recht besitzen, zu der Internationale zugelassen zu werden. Unser Anschluß erfolgte vor dem jedes anderen Landes. Als ich zu Beginn des Jahres 1919 von einem Genossen, der aus Rußland nach Italien gekommen war — er wurde verhaftet und es gelang uns, ihn zu befreien —, das erste Manifest und den ersten Aufruf der Kommunistischen Internationale, die er in seinen Schuhen mitbrachte, erhalten hatte, haben wir, die Italienische Sozialistische Partei, sofort unseren unbedingten Anschluß erklärt, weil wir schon seit Beginn der russischen Revolution von dem Gefühl der Bewunderung und aufrichtigen Dankbarkeit beseelt waren und etwas wie Neid empfanden gegenüber den heldenhaften Anstrengungen, Rußland ein Regime der Arbeit und der Freiheit zu geben. Wir haben unseren Anschluß stets aufrecht erhalten, weil wir dringend internationaler Beziehungen bedürfen, nicht nur -im Hinblick auf unsere idealen Bestrebungen, sondern auch deshalb, weil wir die größte Auswanderernation sind, und es dringend notwendig ist, daß die italienischen Arbeiter bei allen Nationen der Welt solidarische und brüderliche Aufnahme finden. Entsprechend diesen Aspirationen haben wir sowohl in Kriegsals auch in Friedenszeiten keine Anstrengungen gescheut in der Erfüllung unserer Pflicht, haben wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel angewandt, um sogar während des Krieges die Fahne der Internationale aufzurollen, wie dies in Zimmerwald und Kiental geschah — Gen. Lenin weiß dies sehr wohl —, und wir brauchen nur zu wiederholen, was wir damals gesagt haben: Italienische Sozialisten, wir können nicht versprechen, große Taten zu vollbringen, aber wir versprechen das eine, stets unsere Pflicht zu erfüllen. Es ist ärgerlich, wenn man sich von solchen Gefühlen beseelt weiß, wenn man in einem so armen und unwissenden Lande eine Bewegung ins Leben gerufen hat, die sogar die Bourgeoisie zwingt, mit ihr als mit einem ernsthaften Faktor zu rechnen, dem es gelungen ist, die arbeitenden Klassen Italiens, Bauern, wie Arbeiter, aufzurufen und zu einer beträchtlichen Macht zusammenzufassen. Ja, dann ist es wirklich ärgerlich. sich hier als Verräter behandelt zu sehen!
Aus diesem Grunde haben wir, abgesehen von den Fehlern und Schwächen unserer Bewegung. stets eifersüchtig danach getrachtet, die politische Einheit der Aktion zu bewahren, eine Klasseneinheit, deren Interessen wir angesichts der bourgeoisen Klassengeschlossenheit von einem Ende Italiens bis zum anderen verteidigen wollen. Während es unser heißer Wunsch gewesen ist, der III. Internationale nicht eine schwache, sondern eine machtvolle Formation zuzuführen, hat uns dıe Abspaltung der Kommunisten geschwächt. Wir beklagen uns darüber, daß es in Livorno gerade die III. Internationale gewesen ist, die die Spaltung forciert hat. Und hier befinden wir uns also in Gegenwart von Genossen, die uns so grausam behandeln. Wir haben nicht die Absicht, auf ungerechte Vorwürfe durch ebensolche zu antworten. Gewiß haben wir gegenüber unseren Gegnern bittere Worte gebraucht, hoffen aber trotzdem, daß die Antwort, die Sie auf unsere Anschlußforderung geben werden, einen Vorschlag enthalten wird, den ich auch den französischen Genossen übermitteln kann. Ebenso an die deutschen und englischen Genossen, die uns kennen und die ebenfalls damit gemeint sind, d. h. mit den Worten, die Gen. Frossard gebraucht hat: „Weder vollständige Unterordnung, noch absolute Unabhängigkeit.“ Dergestalt ist die Formel beschaffen — anpassungsfähig und weise abgefaßt — (Gen. Loriot, beachten Sie die Fülle der beigefügten Eigenschaftswörter), die unsere Delegierten beabsichtigen der Kommunistischen Internationale vorzuschlagen. Die letzteren werden sich davon leiten lassen im Verlauf der Debatte, die, anläßlich der deutschen und italienischen Frage, sicherlich nicht ausbleiben wird. Wir hoffen, daß sie während der Prüfung unserer schriftlichen Erklärung sich dieser Vorschläge erinnern werden, anstatt unsere Verurteilung auszusprechen, wie die italienischen Kommunisten, gegenwärtig unsere Gegner und Konkurrenten, von ihnen verlangen. Außerdem haben wir erklärt, daß wir zu jeder Zeit bereit sind, die Entscheidung des Internationalen Kongresses zu akzeptieren. Unsere Verurteilung wäre zwar eine Ungerechtigkeit, würde uns jedoch nicht hindern, nach Maßgabe unserer Mittel unsere internationalen Pflichten zu erfüllen und fortzufahren, wie wir es bereits getan haben und noch tun werden, den Ruf, die Freiheit und die Würde der Sozialistischen Russischen Republik zu verteidigen. Noch in allerletzter Zeit haben wir in Rom die Position und die Interessen ihrer Mission verteidigt. Wir haben Beziehungen unterhalten mit dem Chef derselben, Gen. Worowsky, und es ist uns gelungen, den feindlichen Empfang, den ihm die nationalistischen und bürgerlichen Kreise bereitet haben, wieder gut zu machen. Wir sind glücklich in dem Bewußtsein, daß wir auf solche Weise’imstande sind, dazu beizutragen, die heroischen Anstrengungen der revolutionären Regierungen Rußlands zu unterstützen und zu verteidigen. Was nun Euch anbetrifft, französische Genossen, die Ihr Euch stets gut unterrichtet erwiesen habt in der Frage, die uns angeht, so erinnern wir Euch daran, daß wir stets die Ehrlichkeit unserer Bewegung im Auge hatten, selbst damals, als die französischen Genossen, die gegenwärtig gute Freunde der III. Internationale sind, nach Rom kamen und uns dort als Leute behandelten, die sich dem „Kaiser verkauften“. Ich habe dann noch Gelegenheit gehabt, diese Ehrlichkeit unserer Bewegung für uns in Anspruch zu nehmen, gelegentlich einer Rede, die ich im Palais Bourbon gegenüber der parlamentarischen französischen Gruppe gehalten habe, in Gegenwart der Minister Sembat, Thomas und Guesde, die dabei mit den Fäusten auf den Tisch schlugen. Der Moment ist gekommen, um zu beweisen, daß Sie die Lage, in der wir uns in unserem Lande, sowie in der internationalen Organisation befinden, richtig einschätzen.
Ich weiß, daß wir uns bei dieser Diskussion über den Bericht Sinowjews in der ausgesprochenen Minderheit befinden, daß wir nicht als Sektion der Internationale anerkannt werden, daß wir kein Abstimmungsrecht besitzen und daß wir weder Rechte noch Mittel haben, um die über den Bericht des Exekutivkomitees zu treffende Entscheidung zu beeinflussen. Falls der Kongreß wünschen sollte, über die italienische Frage eine Resolution zu fassen, so wäre es uns angenehm, wenn wir noch darüber diskutieren und zur Ausarbeitung dieser Resolution beitragen können. Trotzdem wir hierher gekommen sind, belastet mit dem Odium der moralischen Minderwertigkeit, das uns die Spaltung, die Sie selbst in unserer Partei hervorgerufen haben, verschafft hat, sind wir heute noch von denselben Gefühlen der Solidarität und Brüderlichkeit beseelt, obgleich wir von Gegnern umringt sind, die gelegentlich sogar noch zu unseren Feinden werden. Die Liebe allein jedoch, die wir für die Einigkeit der Bewegung in Italien empfinden, läßt uns hoffen, daß Sie uns entgegenkommen und uns als Brüder aufnehmen werden. Wir wissen, daß unsere Bewegung eine große Anzahl von Schwächen aufweist, die uns jedoch nicht hindern unsere Organisation und unsere Tätigkeit zu vervollkommnen, selbst wenn Sie unsere Anstrengungen nicht anspornen, wenn Sie uns nicht die Mittel in die Hand geben, um alle Reinigungen, die notwendig sind, durchzuführen. Wir hoffen, daß Sie uns die solide politische Grundlage geben werden, die uns gestattet, die Reformisten unserer Partei vor die Alternative zu stellen, sich zu erklären und zwar auf eine Art und Weise, die jeden Gedanken daran, daß es sich um persönliche Fragen handelt, ausschließt.
Bei der Ausarbeitung Ihrer Resolution dürfen Sie jedoch unsere Partei nicht als eine Einheit von Gruppen betrachten, die sich um Persönlichkeiten, um Turati und Serrati gruppieren, denn die Persönlichkeiten haben in unserer Partei keinerlei Bedeutung mehr, sobald sie aufhören die Bedürfnisse der Organisation und der Masse zu vertreten. Sie hören dann auf, überhaupt noch irgendwelche Bedeutung zu besitzen und wir befinden uns nicht hier, um die eine oder die andere Gruppe, sondern um die Rechte einer gesamten und unpersönlichen Bewegung zu verteidigen, die wir gegenüber der italienischen Bourgeoisie vertreten. Wir begreifen vollkommen, daß für Ihr Exekutivkomitee das dringende Bedürfnis vorliegt, die vollkommene und solide Bildung von revolutionären Kräften so schnell als möglich vorwärts zu treiben, ganz besonders in unserem Lande. Wir weigern uns nicht, unsere Reformisten auszumerzen, es ist jedoch notwendig, daß Sie uns die Kompetenz und Verantwortlichkeit überlassen, den geeigneten Moment hierfür zu wählen, und die Massen unter dem Einfluß der Politik der Partei zu behalten.
Gen. Lenin, wir begreifen, daß in den verschiedenen Perioden der revolutionären Bewegung verschiedene Maßnahmen zu treffen sind. Wir befinden uns gegenwärtig in Italien in der einleitenden Periode. Wenn wir uns jedoch in der Aktionsperiode der Revolution befinden werden, können Sie sicher sein, daß wir nicht zögern werden alle Maßnahmen zu treffen, die notwendig sind, um die Diktatur der italienischen proletarischen Klasse zu sichern.
Ihnen allein, Genossen des Kongresses, für die das Bedürfnis vorliegt, sich einen genügend klaren Begriff der italienischen Frage zu verschaffen, empfehlen wir die Lektüre und Betrachtung des Dokumentes, das Sie in dem veröffentlichten Buch, das uns anbetrifft, auf Seite 135 finden werden. Es ist dies das Manifest, das die Leitung der Partei nach der Spaltung des Kongresses von Livorno, erlassen hat. Sie werden darin auch die Verdienste unserer Bewegung zusammengefaßt finden. Sie werden darin auch die Formen und den Geist bezeichnet finden, die wir uns bemüht haben, unserer Bewegung einzuhauchen während der ungünstigen Situation, in die uns das Verhalten der Kommunisten unseres Landes gebracht hatte. Gewiß halten wir uns für zu sehr geschwächt, um die revolutionäre Politik, die wir bisher immer verteidigt haben, mit Erfolg weiter zu führen. Wir sind jedoch sicher, daß die Partei und die Masse der wirtschaftlichen Organisationen nicht den Illusionen einer reformistischen Politik folgen und sich stets weigern werden, die Mitarbeit und die Teilnahme derselben, die wir stets bekämpft haben, zuzulassen. Endlich möchte ich erwähnen, daß, wie auch immer die Resolution, die Sie gegenüber unserem Antrage auf Zulassung zur III. Internationale fassen werden, ausfallen möge, sie auf keinen Fall einen Wechsel in unserem Verhalten herbeiführen wird. Wir haben im Leben niemals eine andere Genugtuung gehabt, als die, die Pflichten, die uns unser Gewissen auferlegte, erfüllt zu haben. Wir werden dies stets tun und es sowohl als Ehre, wie auch als Pflicht auffassen, die Politik zu verteidigen, die imstande ist, der Regierung der russischen Revolution die Möglichkeit zu sichern, durch ihr großartiges Beispiel einen unvergeßlichen Lichtstrahl den Proletariern der ganzen Welt zu spenden. Wir sind dessen sicher, daß einst der Tag kommen wird, an dem Sie anerkennen werden, wie wir es bereits in unserer schriftlichen Erklärung gesagt haben. daß die Italienische Sozialistische Partei für die Revolution und nicht für die Konterrevolution gearbeitet hat.
Ich habe soeben die Thesen gelesen über die Taktik. die die Exekutive dem Kongreß vorschlägt. Es ist dies eine kostbare Gabe, deren wir uns bedienen werden, um die Politik unserer Bewegung besser festzulegen und um gleichermaßen die anarchistischen Phantasien und die reformistischen Illusionen fernzuhalten. Wir hoffen, daß die Erfahrung beweisen wird, daß die Früchte dieses Kongresses für die Italiener nicht gänzlich verloren sein werden. Sie begreifen, daß selbst. wenn wir alle Verantwortlichkeit für die Anwendung der Beschlüsse, die Sie fassen werden, übernehmen, wir nicht die Pflicht außeracht lassen können, den italienischen Proletariern, soweit als es irgendwie möglich ist, die Schrecken der Niederlagen, die die Geschichte der Proletarier in Deutschland, Finnland und Ungarn aufweist, zu ersparen. Auf solche Weise bemühen wir uns der Sache der Weltrevolution zu dienen und ernsthaft die Emanzipation der Arbeit in unserem Lande vorzubereiten.
Gennari (Kommunistische Partei Italiens). In der Einladung, die an die Vertreter der Italienischen Kommunistischen Partei zum Kongreß der III. Internationale gerichtet wurde, hätte das Exekutivkomitee zwei Bedingungen stellen müssen. Erstens, daß die Delegation genügend Kompetenz besitzen sollte und nicht versuchen dürfte, der Beantwortung gerade gestellter Fragen durch Hinweis auf mangelhafte Vollmachten sich zu entziehen, und zweitens, daß in der Delegation nicht nur Vertreter des Zentralkomitees, sondern auch Elemente, die den Massen nahe stehen, teilnehmen sollten.
Die Delegation hätte klar sagen sollen, ob sie die Teilnahme von Personen an den Sitzungen der III. Internationale, die auf der bekannten Beratung in Reggio-Emilia zugegen waren, für möglich hielt.
Und nun ist die Delegation angekommen, und Lazzari hat gesprochen und wir müssen dieselben Fragen wiederholen.
Meine Aufgabe ist die, daß ich, mich auf Dokumente stützend, die Unerschütterlichkeit der Behauptungen der italienischen Kommunisten feststelle, die Lazzari zu erschüttern versucht hat.
Dazu brauche ich weder rednerische Kunstgriffe anzuwenden, noch gefühlvolle Ausrufe!
Ich behaupte vor allen Dingen, daß die Italienische Sozialistische Partei in ihrem Bestande ausgeprägte Sozialpatrioten enthält, nicht viel besser wie ein Thomas oder Scheidemann. Man versichert uns, daß die italienischen Opportunisten stets gegen den Krieg waren. Das ist nicht richtig. Ich kann auf die Artikel von Ciccotti und anderer hinweisen. Auch die Parole der Partei ‚den Krieg nicht fördern, aber denselben auch nicht sabotieren“, gab gewisse Möglichkeiten, den Sozialpatriotismus herauszukehren.
Nur die Maximalisten, unter denen auch ich arbeitete, brachten die Partei auf den geraden Weg.
Zu dieser Zeit nannte Lazzari selbst in Gemeinschaft mit Serrati uns die „Florentiner Verrückten“. Serrati lügt, wenn er behauptet in der Kommunistischen Partei Italiens seien keine alten Kämpfer.
In der Zeit, wo wir den schärfsten Kampf gegen den Krieg führten, gaben Leute, wie Bellini und Solia stark patriotisch gefärbte Manifeste heraus. Jeder kennt auch die hervorragenden patriotischen Heldentaten des Parteimitgliedes, des Advokaten Mazzoni.
Turati hielt sich zurück, aber seine Zurückhaltung wich, als die italienische Armee bei Cloretto von der Katastrophe ereilt wurde. Sowohl Turati, als auch der Leiter der Arbeitsföderation Rigola haben sich damals in einem unerhörten Ton ausgesprochen. In den Artikeln von Turati und Treves heißt es: „Das Vaterland ist in Gefahr! Nur jetzt, wo der jauchzende und barbarische Sieger in unser Vaterland eingedrungen ist, wissen wir, daß unser eigenes Vaterland nicht dasselbe ist, wie ein anderes Vaterland. Wir, Marxisten, sind auch Realisten iın Gefühlsleben. Wir können unmöglich ein existierendes Faktum, die Vaterlandsliebe, ignorieren. Wir gehen nicht von den Menschen zu Italien, sondern von Italien zu der Menschheit. Um der Vaterlandsliebe und Pflicht, ınüssen wir die Ketten der kleinen Formalitäten mit der sich die Partei ‘gebunden hat, sprengen“.
Im selben Sinne war auch das Bulletin, das von der Arbeitskonföderation verbreitet wurde, gehalten. Die sozialistische Munizipalität Mailands sprach sich im selben Sinne aus. Diese patriotisch verkrümmte Linie erschreckte Serrati, und un sie gerade zu biegen. rief er uns — Maximalisten, mich, Bordiga und andere. Bei dem Prozeß Lazzari zitierte der Staatsanwalt Turati als Beispiel von lobenswertem Patriotismus vernünftiger Sozialisten.
Nun kommen die Ereignisse, die mit den Kämpfen bei Montegrazia zusammenhängen. Ein neues Hervorbrechen von Patriotismus bei Turati.
Nach seiner Rede im Parlament wollten alle ihn abküssen, die dunkelsten Elemente der Kammer und der aus der Partei ausgeschlossene Sozialpatriot Leonid Bissolati.
Die Parlamentspartei ist mit Turati vollständig solidarisch. Die Folge, daß das Zentralkomitee Turati und der ganzen Parlamentsgruppe in außerordentlicher Sitzung seine schärfste Mißbilligung ausspricht.
Mit Schrecken nimmt das Proletariat wahr, daß Turati im Parlament abgeküßt wird, zur selben Zeit, wo andere Sozialisten ins Gefängnis geworfen werden.
Das Zentralkomitee droht mit der Ausschließung Turatis, Beloris und anderer. Aber Turati kümmerte sich nicht um das Zentralkomitee. i Kaum eröffnet die Kammer ihre Sitzungen, hält Turati wieder eine Rede, in der er ironisch bemerkt: „Nach meiner Rede in der Kammer, in der die Stimme der Natur und der Liebe klang, kamen zu mir die Priester des Tempels mit ihren veralteten Worten und Regeln und wollten mich wieder umgarnen.“ Und doch ist Turati aus der Partei nicht ausgeschlossen worden! Lazzari behauptet, daß die Sozialisten nie für Kredite für den Krieg gestimmt haben, Jawohl! Die Stimmung des Proletariats machte eine solche Aufführung gefährlich, aber Mazzoni, Zibordi, Belori, Sorio erließen im Verein und Liebe mit dem Bischof einen Aufruf an das Proletariat mit der Aufforderung, alle ihre Ersparnisse zur Anschaffung der patriotischen Anleihe zu gebrauchen, indem sie unter anderem auch auf die kommerziellen Vorteile einer solchen patriotischen Moral hinwiesen. Ist es denn nicht ehrlicher, offen und unzweideutig in der Kammer für Kriegskredite zu stimmen ?
Ich behaupte weiter, daß in der Partei viele Pazifisten sind. Es ist wahr, Lazzari selbst trat scharf gegen Wilson auf, aber das Stadtoberhaupt von Mailand Coldero und eine ganze Reihe anderer rühmten den Wilsonismus. Auf dem Kongreß in Rom, (Du warst nicht dort, Freund Lazzari, denn Du warst damals im Gefängnis), hielt Turati eine Rede, die sein Credo bildete. Er erklärte, daß man defensive Kriege nicht mit offensiven verwechseln dürfte. Daß ein Krieg, der zum Schutz eines kleinen, beleidigten Landes angefangen wird, moralisch sei. Er warf den Internationalisten Zersplitterungstendenzen vor, er rief alle Klassen zur nationalen Solidarität zusammen und bewies, daß dieses hauptsächlich für das Proletariat von Interesse ist, das sonst von eigenem und dazu noch von fremdem Kapital erdrückt werden würde.
Lazzari behauptet, daß die italienischen Sozialisten nie mit der Bourgeoisie arbeiten wollten. Jawohl! Die Stimmung des Proletariats machte einen solchen offenen Versuch unmöglich. Aber die Reformisten warteten auf eine Gelegenheit. Und es scheint, als ob eben jetzt sich eine solche bietet. Schon 1918 trat Turati und einige andere in die sogenannte „Nachkriegsstaatskommission“ ein. Das Zentralkomitee schrieb Turati vor, dieselbe zu verlassen, aber Turati folgte dieser Forderung nicht.
Ich behaupte weiter, daß in der Partei ausgeprägte sozialdemokratische Tendenzen herrschen. Ihr Hauptvertreter ist Modigliani. War er es nicht, der behauptete, daß die Bourgeoisie gern mit einem halbsozialdemokratischen Koalitionskabinett einverstanden wÄre, um nur den Kommunismus nicht aufkommen zu lassen.
Ich behaupte, daß in der Partei direkte konterrevolutionäre Tendenzen vorhanden sind. Turati sprach auf dem Kongreß in Bologna über Rußland derartig, daß er durch Lärm und Pfiffe des ganzen Auditoriums in seiner Rede unterbrochen wurde. In den Debatten über Italiens Rekonstruktion, sprach Turati von seiner Hoffnung, daß die Partei endlich mit den unsinnigen Fragen von Erringung der Macht durch Gewalt aufhören und die Stimme vernehme.: würde, die sie zur organischen Teilnahme an der Macht gemeinsam mit der Bourgeoisie zusammen aufrufe,
Seitdem fängt Serrati mit seinen Freunden an, Rußland zu verleumden.
In der Italienischen Sozialistischen Partei sind direkte Feinde der III. Internationale. Lazzari ist stolz darauf, daß die Partei auf den ersten Ruf sich an die III. Internationale angeschlossen hat. Aber ich erinnere ihn daran, daß er selbst mit Genossen Bacci sich dagegen ausgesprochen hat, da sie es für einen vorzeitigen Schritt hielten.
Aber was soll man von Turati sagen? Hat er nicht Artikel von Martow und Suchomlinow gegen das revolutionäre Rußland gedruckt? Von ihm sind folgende Zeilen: „Nach wenigen Jahren wird die Legende der russischen Revolution vergessen sein. Die Kraft der russischen Bolschewiki liegt in ihrem eigenartigen Nationalismus, der Bedeutung hat als Gegensatz zum bürgerlichen Imperialismus der Entente, der aber seinerseits wieder eine Art Imperialismus ist. Der Bolschewismus steht vor einem Dilemma: sterben oder sich umgestalten, und nun klammern sie sich an uns. Er ruft die III. Internationale ins Leben, um seine Agonie zu verlängern. Doch wir werden nicht das Werkzeug des östlichen Imperialismus werden. Wir werden uns einer zivilisierten Internationale anschließen!“
Turati hat das Buch von Bauer „Diktatur und Demokratie“ herausgegeben, mit einem Vorwort, in dem er vollständig mit dem Autor übereinstimmt. Er lobt die zweieinhalb- Internationale und behauptet, daß in derselben der gleiche Geist herrsche. wie in der Sozialistischen Italienischen Partei.
Die Reformisten verstanden es immer und verhehlten es auch nicht, das sie in einer Partei mit Kommunisten nicht zusammen sein können.
Turati erklärte, daß zwischen diesen zwei Richtungen, die Differenz nicht in Details, sondern in Prinzipien, in der zu Grunde liegenden Weltanschauung liegt.
Warum wollen denn die Reformisten unter allen Umständen in der Partei bleiben? Ein offenherziger und naiver Opportunist hat es voll und ganz erklärt. Nämlich: Erstens, sagt er, üben wir in der Partei Kritik und bringen in dieselbe den Geist der Mäßigkeit, der doch merklich auf die Partei wirkt und noch merklicher auf die umgebenden Massen seine Wirkung ausübt. Zweitens, die Trennung der Partei-würde das Verlassen des Heeres bedeuten, das wir führen wollen und wird uns selbst unseres politischen Wertes berauben.
Und darnach erlaubt sich Lazzari zu behaupten, daß der Bruch ein künstlicher war und auf Anordnung von Moskau aus geschah. Nein! Er ist zu spät gekommen. Er hätte viel früher kommen sollen. Wir waren alle von seiner Notwendigkeit überzeugt und haben in Moskau die Bestätigung erhalten.
Einigkeit! Aber für uns ist ja nur die Einigkeit der Revolutionäre wichtig! Ist das vielleicht Einigkeit, in seinen Reihen Feinde zu dulden? Und nur um diese Einigkeit hat Serrati alle Kommunisten von der Partei getrennt.
Der Bruch hatte eine Schwenkung nach rechts der sozialistischen Partei Italiens zur Folge. Die Partei zeigt absolut keine Entschlossenheit im Kampf gegen die Angriffe der Faszisten.
Sie ist so weit gekommen, daß sie im „Avanti“ die Worte Christi über die Schläge auf die rechte und linke Backe zitiert.
Unlängst ist das Wahlmanifest der Partei herausgekommen. Turati ist mit ihm sehr zufrieden. Er schreibt, daß im ersten Teil zwar Reste revolutionärer Phraseologie seien, aber der zweite wäre vollständig seinen Werken entnommen, und fügt hinzu: „Es ist nur dumm, sich an die phantastische III. Internationale zu halten“.
Und um solche Leute, Freund Lazzari, seid Ihr mit uns auseinandergegangen! Und doch muß man diese Leute aus unserer Mitte jagen, gerade aus den Gründen, aus denen sie unter uns bleiben wollen. Hinausgejagt, bleiben sie Offiziere ohne Heer, müssen ihre politische Bedeutung verlieren.
Die Delegation der Italienischen Kommunistischen Partei verlangt die Ausschließung der Italienischen Sozialistischen Partei aus der III. Internationale, den Beginn eines ernsten Kampfes mit derselben, Ausgabe eines Manifestes mit schärfster Kritik ihrer Richtlinie. Sie verlangt, daß die III. Internationale das italienische Proletariat auffordert, die Reihen der Italienischen Sozialistischen Partei zu verlassen, um sich unter dem Banner :der Kommunistischen Partei zu sammeln. (Stürmischer Beifall.)
Lenin. Genossen! Ich will besonders dem Genossen Lazzari antworten. Er hat in seiner Rede gesagt: bringt Tatsachen, keine Worte! Nun wohl, wenn wir diese reformistischopportunistische Tendenz in Italien, die Entwicklung dieser Tendenz betrachten, sind das nur Worte, sind das nicht Tatsachen? Und nicht nur in Euren Reden, sondern in Eurer ganzen Politik vergeßt Ihr die schwerwiegende Tatsache in der sozialistischen Arbeiterbewegung Italiens, daß diese Tendenz und nicht nur die Tendenz, sondern auch jene reformistisch-opportunistische Gruppe seit langer Zeit besteht. Ich erinnere mich sehr wohl der Zeit, in der Bernstein seine opportunistische Propaganda begann, die mit dem Sozialpatriotismus, dem Verrat und dem Bankerott der zweiten Internationale endete. Schon seit dieser Zeit kennen wir Turati und nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Propaganda in der Italienischen Partei und in der Arbeiterbewegung Italiens. Er war seitdem — es sind ungefähr 20 Jahre — der Desorganisator der sozialistischen Arbeiterbewegung Italiens. Es ist mir nicht möglich, die Akten, die die Italienische Partei betreffen, gründlich zu studieren, da es mir an Zeit gebricht; mir scheint als das wichtigste Dokument der Bericht einer bürgerlichen, italienischen Zeitung — ich erinnere mich nicht mehr, ob es „Stampa“ oder „Corriere della Sera“ war — der Bericht dieser Zeitung über die Konferenz Turatis und seiner Freunde zu Reggio Emilia. Ich habe ihn verglichen mit dem, was im „Avanti“ veröffentlicht wurde. Ist alles dies nicht Beweis genug? Nach dem Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, als wir hier mit Serrati und seinen Freunden über die Lage in Italien diskutierten, sagten wir ihnen offen und klar, wie unserer Überzeugung nach die Lage war. Wir sagten ihnen, daß die Italienische Partei nicht kommunistisch sein kann, solange sie noch Leute wie Turati in ihren Reihen duldet. Sind dies politische Tatsachen oder sind es nur Worte? Nach dem Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, als wir dem italienischen Proletariat offen erklärt haben: Tretet nicht in die Vereinigung der Reformisten mit Turati ein, und als Serrati begann, Artikel gegen die Kommunistische Internationale in der italienischen Presse zu veröffentlichen, und eine besondere Konferenz der Reformisten einberief, waren das auch nur Worte? Das war sogar mehr als eine Spaltungsaktion, das war die Bildung einer neuen Partei. Man müßte blind sein, um das nicht zu sehen. Dies Dokument ist ausschlaggebend für eine Entscheidung in dieser Frage. Diejenigen, welche an der Konferenz zu Reggio Emilia mit Serrati teilgenommen haben, müssen aus der Partei ausgeschlossen werden, denn es sind Menschewisten, keine russischen Menschewisten, aber es sind italienische Menschewisten. Und Lazzari hat gesagt: „Wir kennen die Psychologie des italienischen Volkes‘; ich würde dasselbe nicht behaupten, wenn ich vom russischen Volk spreche; aber das ist nicht von Wichtigkeit. Die italienischen Sozialisten kennen die geistige Einstellung des italienischen Volkes gut, hat Lazzari gesagt. Vielleicht, ich will das nicht bestreiten. Aber sie kennen den italienischen Menschewismus nicht, wenn man Ge- 'wicht auf Tatsachen legen muß und wenn sie hartnäckig darauf bestehen, ihn nicht auszurotten. Wir müssen sagen: Es ist traurig, aber notwendig, die Resolution unseres Exekutivkomitees zu bestätigen. Die Partei, welche Opportunisten und Reformisten, wie Turati, in ihren Reihen duldet, kann der Kommunistischen Internationale nicht angehören.
Genosse Lazzari sagt: „Wozu den Namen der Partei ändern? Der bestehende Name ist genug.“ Wir können diese Ansicht nicht teilen. Wir kennen die Geschichte der Zweiten Internationale, die Geschichte ihres Verfalls, ihres Niederganges und ihres Bankrotts. Kennen wir nicht die Geschichte der deutschen Partei? Kennen wir nicht das größte Unglück in der Arbeiterbewegung Deutschlands, als sie es unterließ, den Bruch bereits vor dem Kriege vorzunehmen. Diese Unterlassung hat das Leben von 20 000 Arbeitern gekostet, die die Scheidemänner und Zentristen der deutschen Regierung durch ihre Polemik und Anklagen gegen die deutschen Kommunisten ausgeliefert haben. Und jetzt, ist das nicht dasselbe Bild, was wir in Italien vor uns haben? Die italienische Partei ist niemals eine wahre, revolutionäre Partei gewesen. Das größte Unglück der italienischen Partei ist, daß sie die Spaltung mit den Menschewisten und Reformisten nicht schon vor dem Kriege durchgeführt hat, und daß sie sie nicht aus der Partei ausgeschlossen hat. Genosse Lazzari sagt: „Unsere Ansichten sind im Einklang damit, daß die Trennung von den Reformisten durchgeführt werden muß; die einzige Meinungsverschiedenheit ist die, daß wir nicht auf dem Standpunkt standen, es sei notwendig, sie auf dem Livorno-Kongreß durchzuführen.“ Aber die Tatsachen sind gegen sie. Es ist nicht das erste Mal, daß wir die Frage des italienischen Reformismus behandeln. Im letzten Jahre haben wir darüber mit Serrati diskutiert, und wir haben ihm gesagt: „Verzeihen Sie, aber warum soll die Spaltung in der Italienischen Partei nicht jetzt vollzogen werden, warum muß sie vertagt werden?“ Und welche Antwort hat uns Serrati gegeben? Keine. Und als Lazzari.den Artikel Frossards zitiert hat, wo er sagt, daß es geschmeidig und klug zu sein gilt, da glaubte Genosse Lazzari vielleicht, daß das ein Argument gegen uns und für ihn sei. Ich glaube, daß er sich täuscht. Es ist das ein ausgezeichnetes Beweismittel für uns und gegen den Genossen Lazzari. Da er verpflichtet sein wird, sein Betragen und seinen Abfall den italienischen Arbeitern zu erklären, was werden die italienischen Arbeiter sagen? Wenn Sie unsere Taktik und unsere Thesen als geschmeidig und klug gegenüber den Abweichungen und gegenüber den angeblich linken Kommunisten, die nicht einmal immer kommunistisch sind, sondern welche dem Anarchismus verfallen, anerkennen, was werden Sie den italienischen Arbeitern antworten?
Was bedeuten diese Erzählungen Serratis und seiner Partei, nach welchen die Russen nichts weiter fordern, als daß man ihnen nachahmt? Wir fordern das Gegenteil. Es genügt nicht, die kommunistischen Resolutionen auswendig zu kennen und bei allen Gelegenheiten revolutionäre Redensarten zu wiederholen. Das genügt nicht und wir sind im voraus gegen die Kommunisten, weiche die Resolution auswendig gelernt haben. Die erste Bedingung, wahrer Kommunist zu sein, ist die, mit den Opportunisten zu brechen. Mit den Kommunisten, welche das unterschreiben, werden wir in voller Freiheit und aller Offenheit sprechen, und werden das Recht und den Mut haben, ihnen zu sagen: „Macht keine Dummheiten, seid klug und geschmeidig.“ Aber wir werden das nur den Kommunisten sagen, welche mit dem Opportunismus gebrochen haben, was von Eurer Seite noch nicht geschehen ist. Und darum muß ich noch einmal antworten: Ich hoffe, daß der Kongreß die Resolution der Exekutive bestätigen wird. Gen. Lazzari hat gesagt: „Wir sind in einer vorbereitenden Periode.“ Das ist volle Wahrheit. Ihr seid in einer vorbereitenden Zeit. Die erste Etappe dieser Vorbereitung ist Bruch mit den Menschewisten. Das ist das, was wir 1903 mit den Menschewisten vollzogen haben, und daß die deutsche Partei nicht mit den Menschewisten gebrochen hat, darunter leidet die ganze deutsche Arbeiterklasse während der langen und mühsamen Periode der Geschichte der Revolution nach dem Kriege.
Genosse Lazzari sagt, daß die Italienische Partei sich in einer vorbereitenden Periode befindet. Ich erkenne das vollkommen an. Die erste Etappe ist, endgültig, ernstlich, ohne Zweideutigkeiten und Winkelzüge mit dem Reformismus zu brechen. Und dann wird die Masse für den Kommunismus sein. Die zweite Etappe wird nicht nur sein, die revolutionären Parolen zu wiederholen. Sie wird sein, unsere kluge und geschmeidige Entschließung, welche immer klug und ‚geschmeidig sein wird, anzunehmen, und die wird sagen: „Man muß die revolutionären Richtlinien den Eigenheiten des Landes anpassen.“
Die Revolution in Italien wird nicht denselben Verlauf nehmen, wie in Rußland. Sie wird auf eine andere Weise kommen. Auf welche Art? Wir wissen es noch nicht, und Ihr wißt es auch nicht.
Die Kommunisten in Italien sind nicht immer genügend Kommunisten. Während der Besetzung der Fabriken in Italien, merkte man dort etwas von irgend welchem Kommunismus? Nein, der Kommunismus existierte noch nicht in Italien, man kann von etwas Anarchismus sprechen, aber von keinem marxistischen Kommunismus. Er muß erst geschaffen werden. Er muß durch die Erfahrung, durch den revolutionären Kampf den Massen anerzogen werden. Und der erste Schritt zu diesen Vorbereitungen ist der definitive endgültige Bruch mit den Menschewisten, welche seit mehr als 20 Jahren in Italien ihr Wesen treiben, und mit der bürgerlichen Regierung mitarbeiten.
Es ist gut möglich, daß Modigliani, welchen ich während der Zimmerwalder und Kientaler Konferenzen ein wenig zu beobachten Gelegenheit hatte, ein genügend geschickter Politiker ist, um nicht in die bürgerliche Regierung einzutreten und seine Stellung im Zentrum der Sozialistischen Partei, wo sie der Bourgeoisie bequem und sehr nutzbringend ist, wahrt. Aber schon die ganze geistige Einstellung, alle Propaganda, alle Agitation der Gruppe Turati und seiner Freunde ist ein Zusammenarbeiten mit der Bourgeoisie. Beweisen die große Anzahl von Zitaten, die in der Rede Gennaris vorgebracht wurden, dies nicht vollständig? Was ist das? Sind das Parolen? Nein, das ist die Einheitsfront, die schon von Turati vorbereitet worden ist.
Deshalb muß ich dem Genossen Lazzari antworten: durch Reden, wie Sie sie hier gehalten haben, und wie sie von Gen. Serrati hier gehalten wurden, bereiten Sie die Revolution nicht vor, sie desorganisieren sie, (Beifall.)
In Livorno haben Sie eine große Mehrheit gehabt. Sie hatten 98000 Stimmen gegen 14000 der Reformisten und 58000 der Kommunisten. Für den Anfang einer rein Kommunistischen Bewegung in einem Lande wie Italien mit seinen Traditionen, ohne Vorbereitung der Spaltung, bedeutet diese Zahl für die Kommunisten einen sehr großen Erfolg. Es ist ein großer Sieg, ein greifbarer Beweis, eine Tatsache, welche illustriert, daß die Arbeiterbewegung in Italien sich schneller als unsere Bewegung in Rußland entwickeln wird, weil, wenn Sie die Ziffern betreffs unserer Bewegung kennen, Sie wissen werden, daß im Januar 1917 nach dem Fall des Zarismus und 1918, während der Zeit der bürgerlichen Republik, wir noch eine Minderheit gegenüber den Menschewisten bildeten. Das war der Fall nach 15 Jahren erbitterten Kampfes und Spaltungen; wir haben keinen rechten Flügel entwickelt, und das war nicht so einfach, wie Sie denken, wenn Sie von Rußland in einem nachsichtigen Tone sprechen. Es ist sicher, daß sich die Dinge in Italien nicht so, sondern ganz anders entwickeln werden.
Wir begannen unsere Arbeit nach 15 Jahren Kampf mit den Menschewisten und nach dem Sturz des Zarismus mit einer viel geringeren Zahl Anhänger. Es gibt bei Ihnen 58 000 kommunistisch gesinnte Arbeiter gegen 98.000 vereinigte Zentristen von unentschlossener Haltung; das ist ein Beweis, eine Tatsache, welche unbedingt überzeugen muß, will man nicht die Augen gegenüber der Massenbewegung der italienischen Arbeiter verschließen... Es wird nicht alles auf einmal kommen, aber es beweist schon, daß die Arbeitermassen, nicht die alten Führer, nicht die Bürokraten, die Professoren, die Journalisten, aber die wirklich ausgebeutete Klasse, der Vortrupp der Ausgebeuteten für uns ist. Und das ist das Zeichen des größten Wehlers, den Sie in Livorno begangen haben. Das ist eine Tatsache. Sie verfügten über 98000 Stimmen, aber Sie haben vorgezogen, mit 14000 Reformisten gegen 58000 Kommunisten zu gehen. Selbst wenn diese Kommunisten keine wirklichen Kommunisten waren, selbst wenn sie nur Parteigänger Bordigas waren — welch letzteres nicht wahr ist, denn Bordiga hat nach dem Il. Kongreß vollständig loyal erklärt, daß er allen Anarchismus und Antiparlamentarismus verwirft -- mußten Sie mit diesen gehen. Was haben Sie gemacht? Sie haben die Vereinigung mit 14000 Reformisten dem Bruch mit 55000 Kommunisten vorgezogen, aber das ist der beste und klarste Beweis, daß die Politik Serratis unheilvoll in Italien ist. Wir haben niemals gewollt, daß Serrati in Italien die russische Revolution nachahmen solle. Das wäre einfältig. Wir sind genügend klug und geschmeidig, um diese Dummheiten nicht zu begehen. Serrati aber hat bewiesen, daß er mit seiner Politik in Italien Unrecht hat. Vielleicht mußte er manövrieren. Das ist der Ausdruck, den er hier vor einem Jahre am öftesten wiederholte. „Wir kennen das Manövrieren. Wir wollen nicht auf eine knechtische Manier nachahmen. Das wäre idiotisch. Wir werden manövrieren müssen, um die Trennung vom Opportunismus herbeizuführen. Ihr Russen, Ihr kennt das nicht. Wir Italiener, wir kennen das besser. Wir werden sehen.“ Und was haben wir gesehen? Serrati hat auf eine prächtige Art und Weise manövriert. Er hat mit 58000 Kommunisten gebrochen. Und jetzt kommen die Genossen hierher und sagen: „Wenn Ihr uns abweist, wird die Masse verwirrt werden.“ Nein, Genossen, Sie täuschen sich, die Arbeitermasse in Italien ist jetzt verwirrt. und es wird nützlich sein, wenn wir ilmen sagen: aut „Wählt, Genossen, wählt, italienische Arbeiter, zwischen der Kommunistischen Internationale, welche niemals verlangen wird, daß Ihr auf eine sklavische Art die Russen nachahmt, und den Menschewisten, welche wir seit 20 Jahren kennen, und welche wir niemals in einer wahren, revolutionären, kommunistischen Internationale als Nachbarn dulden können.“ Das ist es, was wir den italienischen Arbeitern sagen werden. Das Resultat wird nicht zweifelhaft sein. Die Arbeitermassen werden mit uns gehen. (Stürmischer Beifall.)
Vors. Kolarow. Die Sitzung wird geschlossen. Die nächste Sitzung findet morgen früh um 11 Uhr statt: Fortsetzung der Diskussion über die italienische Frage. Es wird gebeten, pünktlich zu erscheinen, damit die Sitzung zur angesetzten Stunde beginnen kann.
(Schluß der Sitzung um 12 Uhr nachts.)
Die neunte Sitzung (29. Juni 1921, 12 Uhr 15 Min. mittags)
(Fortsetzung der Diskussion über die italienische Frage: Erklärung der Delegierten der Italienischen Sozialistischen Partei. — Redner: Maffi. Rakowski, Clara Zetkin, Trotzki, Loriot, Losowski. — Resolution zum Bericht des Exekutiv-Komitees. — Redner: Loriot, Sachs, Radek, Heckert. Sinowjew, Rakowski, Roland-Holst, Malzahn, Neumann, Sinowjew: Schlusswort, — Deklaration der österreichischen Delegation. — Deklaration der jugoslawischen Delegation. — Erklärung der Genossen Malzahn und Neumann.)
Vors. Kolarow. Auf der Tagesordnung unserer heutigen Sitzung steht die italienische Frage. Das Präsidium hält es für seine Pflicht, festzustellen, daß es sich streng an den Beschluß der Redezeit von zehn Minuten halten wird. Auch die Redner sollen sich dieser Verfügung anbequemen. Das Wort hat Genosse Maffi von der Italienischen Sozialistischen Partei. Zunächst wird aber die Erklärung der Delegation der Sozialistischen Partei Italiens verlesen.
Gen. Humbert-Droz verliest folgende Erklärung der Sozialistischen Partei Italiens:
Erklärung der Delegierten der Italienischen Sozialistischen Partei an den III. Kongreß der Kommunistischen Internationale.
Auf Grund der Beschlüsse des II. Weltkongresses hat sich die Italienische Sozialistische Partei, die als eine der ersten sich zur Kommunistischen Internationale bekannte und sogar schon zu den Gründern von Zimmerwald und Kienthal gehörte, im Januar 1921 zu Livorno versammelt, um die 21 Bedingungen durchzusehen, von deren Annahme das Recht, ein Mitglied der III. Internationale zu bleiben, abhängt.
Diese Versammlung nahm mit absoluter Stimmenmehrheit folgende Resolution an:
Die I.S.P. beschließt. ihre Einheitlichkeit zu stärken, in ihren Organisationen und ihrem Bestande eine größere Gleichartigkeit durchzuführen und eine so starke Zentralisation zu erreichen, daß jedes Mitglied und jede Organisation der Partei ihre Handlungen dem allgemeinen Interesse unterwirft und nach dem Endziel einrichtet; jede andere Arbeit, wie etwa die der Propaganda, muß ebenfalls einer Kontrolle unterstehen.
Zu diesem Zwecke beschließt die Versammlung. alle nötigen Maßregeln zu treffen, daß sich die politischen Ziele und das politische Denken auch in den Gewerkschaften über die zeitweilig opportunistischen oder scheinbar gewerkschaftlichen Ziele erstrecken, wozu die Zentralorgane der ökonomisch-gewerkschaftlichen Bewegung auf jeden Fall der politischen Partei unterworfen sein müssen.
Die Versammlung stellt fest, daß es unumgänglich nötig sei. die absolute Einheit der Partei zu wahren, um schneller die Eroberung der politischen Macht zu erreichen. Zur Erreichung dieses Zweckes sind alle Mittel anzuwenden. mit der Bedingung, daß sie sich in den Grenzen einer absoluten Klassenreinheit befinden und, daß sie mit den Zielen der kommunistischen Revolution übereinstimmen, welche die Ergänzung der politischen Arbeit durch die ökonomischen Gewerkschaften bedingt. Deshalb muß die legale oder illegale Organisation alles ausnützen, was zur Erziehung der Massen und zu ihrem Fortschritt von Nutzen sein kann, alles, was ein Mittel zum Erfolge sein oder zur Gründung jener Organe beitragen kann, die an die Stelle der jetzigen treten werden.
Zu der Diskussion über das Verhältnis der I.S.P. zur Kommunistischen Internationale übergehend. bestätigt der Kongreß noch einmal seinen erstmaligen freiwilligen Beschluß, dieser internationalen Gruppe beizutreten und unterwirft sich damit gleichzeitig den Entscheidungen des jüngsten Moskauer Kongresses. Infolgedessen wird erklärt, daß die I.S.P. die 21 Bedingungen in ihr Programm aufgenommen hat; die Freimaurerklausel wird fallen gelassen. Was die Ausführung der 21 Bedingungen anbelangt, so ist im Einvernehmen mit der Kommunistischen Internationale dem Lande, dem sie gestellt werden, zu überlassen, wie es den Punkten 16 und 21 sowie dem gegenüber andern Ländern angewandten Verfahren entspricht.
Jeder, der sich den Bedingungen der III. Internationale unterwirft, hat es mit dem festen Willen zu tun. sie in die Tat umzusetzen. Betreffs des Punktes 17 der gestellten Bedingungen muß sieh der Kongreß gegen den Vorwurf der wenig kraftvollen Haltung im Verlaufe des verdammungsvollen Krieges verwahren. Der Kongreß schlägt ferner, abweichend von den Bedingungen, vor, daß die L.S. P. ihren Namen wenigstens vorläufig noch beibehält, da sich an ihn viele ruhmreiche Erinnerungen in der Arbeiterbewegung knüpfen, ohne indessen hieraus eine wesentliche Bedingung zu machen.
Nachdem das Exekutivkomitee erklärt hatte, daß sich die T.S. P. durch diese Resolution außerhalb der III. Internationale stelle. nahm der Kongreß einstimmig folgenden Beschluß an:
Der XVII. Kongreß der 1.S.P. bestätigt noch einmal die Beschlüsse, durch welche er seinen Beitritt zur III. Internationale erklärt hat, indem er ohne irgendwelchen Vorbehalt die unerläßlichen Methoden annimmt, und protestiert gegen die Erklärung (des Vertreters der Kommunistischen Internationale, welcher den Ausschluß der I.S. P. aus der III. Internationale verkündet. Es kann dies nur auf Meinungsverschiedenheiten betreffs der Tätigkeit der Italienischen Partei begründet sein, und diese können nur durch brüderliche Aufrichtigkeit aus der Welt geschafft werden.
Die I. S. P. erklärt sich nochmals für die III. Internationale und unterwirft sich dem Urteil des bevorstehenden internationalen Kongresses, welcher die Meinungsverschiedenheiten aufklären wird: die I. S. P. erklärt sich bereit, sich den Beschlüssen dieser höchsten Instanz von jetzt an zu unterwerfen.
Auf Grund des $ 9 der Statuten der Internationale legen die Delegierten dem III. Kongreß die Gründe dar, aus denen die angeführten Beschlüsse der Mehrheit des Kongresses von Livorno angenommen wurden.
- Da die Versammlung der I.S.P. die 21 Punkte vollkommen angenommen hat, ist die internationale Disziplin nicht verletzt. Die Resolution lautet, daß die 21 Punkte voll und ganz angenommen sind.
Die Versammlung der I. S. P. hat der Exekutive nur drei Fragen vorgelegt und ersucht, diese zur Diskussion zu stellen; es handelt sich um die Ausschließung der Reformisten, die uns das Recht, uns Kommunisten zu nennen, gibt.
- Was die Ausschließung der Reformisten betrifft, hat die Versammlung von Livorno keinerlei Ausnahmen zugelassen. Die I.S. P. kann sich in diesem Falle auf ihre Traditionen berufen, die älter sind als die der Kommunistischen Internationale. Im Jahre 1912 wurden die Reformisten Bissolati, Bonomi, Cabrini, Podrecca und andere aus der Partei ausgeschlossen, weil sie gegen die Disziplin und Taktik der 1.8.P. verstoßen hatten. Im Jahre 1914 wurde beschlossen, die Freimaurer auszuschließen, da es sich erwies, daß sie die Partei zum Bündnis mit dem linken Block aufstachelten. Im Jahre 1915 vollzog sich dasselbe mit den Befürwortern des Krieges. Die Mehrheit der Partei war wohl davon unterrichtet, daß viele Elemente, ungeachtet ihrer Versprechungen, sich der Parteidisziplin bedingungslos zu unterwerfen, doch fortführen, eine Kompromißpolitik zu treiben. Dies ist selbstverständlich ein Schaden für die Partei und eine Gefahr für ihre Zukunft. Es ist unbedingt notwendig, diese Gefahr zu vernichten. Aber man muß den Moment für diese gefährliche Operation richtig wählen. Nur in diesem Punkte ist auf der Konferenz der I.S.P. eine Meinungsverschiedenheit zum Vorschein gekommen. Eine Gruppe von Genossen, die sich „reine Kommunisten“ nannte, vertrat auf der Konferenz von Livorno die Meinung, daß man die reformistischen Elemente ausschließen müsse. Die Mehrheit jedoch war der Meinung, daß der günstige Moment noch nicht gekommen sei, daß besonders die werktätigen Massen nicht für eine so plötzliche Ausschließung zu haben wären.
Diese Art und Weise, die Situation zu betrachten, kann zwar eine Diskussion hervorrufen, kann aber nicht als Verstoß gegen die Disziplin angesehen werden. Die Schwierigkeiten. die der Einberufung der ersten Konferenz in den Weg traten. zeigten uns deutlich, daß die Ausschließung der reformistischen und zentristischen Elemente unumgänglich nötig ist, wenn eine bestimmte Kampfesphase erreicht ist; diese kann nur nach einer genauen Beobachtung der Begleitumstände festgestellt werden. Ebenso entschied der I. Kongreß der Kommunistischen Internationale in einer seiner Thesen bezüglich der gegenüber den sozialistischen Bewegungen der verschiedenen Länder einzuschlagenden Politik, daß die organische Absonderung eine historische Notwendigkeit sei, und daß es zu der Tätigkeit der Kommunisten der verschiedenen Länder gehöre, entsprechend des erreichten Entwicklungsgrades des in Frage kommenden Landes den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die Trennung zu vollziehen sei.
Dieser Gesichtspunkt der kommunistischen Taktik ist durch den II. Kongreß bestätigt worden, da ja der 16. Punkt der gestellten Bedingungen sagt, daß die verschiedenen Bedingungen, unter denen jede Partei zu arbeiten und zu kämpfen hat, in Betracht zu ziehen sind.
Die I.S.P. glaubt, daß es nur im Interesse des italienischen Proletariats lag, wenn der Bruch nicht unmittelbar vollzogen wurde. Die Partei und die Arbeitermassen standen noch unter dem Eindruck der Septemberereignisse, wo die Besetzung der Fabriken mit voller Zustimmung aller Parteiorgane unternommen war. Wir haben nicht deshalb nicht auf den Umsturz hingearbeitet, weil vielleicht die Meinungen hierüber geteilt waren, sondern weil uns nicht die notwendigen militärischen Kräfte zur Verfügung standen, offensiv gegen die von der Regierung mobilisierten Polizei- und Heeresstreitkräfte vorzugehen.
Der Nationalrat der Allgemeinen Arbeiterkonföderation hatte in diesem Sinne entschieden, und diese Ansicht wurde auch durch mehrere Turiner Delegierte vertreten, von der Stadt, welche vom technischen Standpunkte aus am besten für den Kampf vorbereitet schien.
Die Leitung der Partei, deren Mehrheit durch die Männer gebildet wurde, welche folgerichtig in den Reihen der „reinen Kommunisten“ hätten stehen müssen, enthüllten sich als unentschlossen und gar nicht vorbereitet für den Kampf, und während der ganzen Periode der Unruhen zeigten sie sich wenig sicher, selbst noch nachdem die Reaktionäre die Redaktion des „Avanti“ verbrannt hatten und selbst noch, als die Revolte zu Ancona entflammt war; selbst später wurden sie überrascht durch die Ereignisse von Bologna (November 1920), ohne daß sie sich zu einer entscheidenden Aktion entschlossen. Bei der Einnahme der Fabriken hat diese kommunistische Leitung ungeachtet der Vollmacht von der Exekutive der 1.S.P. nicht gewagt, die Ausdehnung der Bewegung zu unterstützen und protestierte nicht gegen ihr pazifistisches Ende.
Man muß nicht vergessen, daß in den Massen, die kein Verständnis für theoretische Diskussionen haben, die Vertreter des rechten Flügels des I. S. P. populär sind. Sie waren Gegner des Krieges, sie waren schon in Zimmerwald vertreten, sie gehören zur Kommunistischen Internationale. Sie haben die russische Revolution enthusiastisch verteidigt, sie haben die Übergabe der Betriebe an die Arbeiter gebilligt. Wohl billigten sie die Ausdehnung dieser Bewegung nicht; das war aber eine, bei vielen Sozialisten vertretene Anschauung. In den Gewerkschaften nahmen sie verantwortliche Posten an und erfreuten sich des absoluten Vertrauens ihrer Wähler. Es ist keine Kleinigkeit, sie zu ersetzen.
Diese „reinen Kommunisten“, die sich stark genug glaubten, um die ganze Leitung der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung zu übernehmen, gaben bis jetzt nur große Versprechen, auf der politischen und ökonomischen Arena aber waren sie gezwungen, entweder nichts zu tun, oder sich in unheilvolle Abenteuer zu stürzen.
Alle diese Tatsachen haben die Mehrheit des Kongresses von Livorno beeinflußt und ihren Entschluß herbeigeführt. Sie sind der Exekutive der Kommunistischen Internationale vorgelegt werden und werden jetzt dem Kongreß vorgelegt, um ihm zu beweisen, daß es sich nicht um prinzipielle Abweichungen von der Theorie und der Taktik, nicht um kleinliche Angst um das Leben einzelner Menschen oder Gruppen, aber um sehr ernste politische Gründe handelt, die uns veranlassen, den endgültigen Bruch aufzuschieben.
In unzweideutigen Ausdrücken haben die Vertreter der anderen Nationen unsere Konferenz in Livorno hier auf dem Kongresse kritisiert. In Italien hat sich der größte Teil der Gewerkschaften auf die Seite der Mehrheit gestellt, und einige wenige, die für die ‚„reinen“ standen, sind augenblicklich wieder zu der 1.S. P. übergegangen. Dieses beweist, daß die Mehrheit von Livorno Recht hatte.
Wir glauben, die Streitfrage dem internationalen Kongreß mit genügender Klarheit vorgelegt zu haben. Er ist berufen, sie zu schlichten.
Was die Stellung der Konferenz von Livorno betrifft, so ist sie ganz klar. Die Beschuldigungen, welche die III. Internationale gegen Livorno aufstellt, treffen die 1.S.P. nicht. Die 1.8. P. hat während des ganzen Krieges eine beispiellose Stellung bewahrt; wenn man sie des Sozialpatriotismus beschuldigen wollte, so würde keine Partei in der ganzen Welt wert sein, der Kommunistischen Internationale anzugehören.
Die I.S. P. hat ihre Linie klar und deutlich vorgezeichnet. Sie bleibt in der III. Internationale. Sie läßt keine Abweichungen von dem Prinzip des Klassenkampfes zu, sie verdammt die Koalition mit der Bourgeoisie. Die Leitung der 1.S.P. hat schon beschlossen, einen neuen Kongreß einzuberufen; auf diesem Kongreß, der in eine der allerschwersten und entscheidendsten. Epochen der italienischen Politik fällt, wird auch dieses Problem aufgestellt werden. Die I.S.P. ist und wird immer mit der Revolution, nie gegen die Revolution sein“.
Maffi (Sozialistische Partei Italiens). Nach dem, was der Genosse Lazzari gestern gesagt hat, nach der so einfachen, klaren, gediegenen und starken Rede Lenins, sowie besonders nach unserer Erklärung, die einen Teil der Frage bildet, die gestern hier insgesamt behandelt wurde, scheint es fast überflüssig zu sein, nochmals davon zu sprechen. Einzig und allein aus diesem Grunde bestehe ich nicht darauf, daß eine Übersetzung der Erklärung der Rede vorausgeschickt wird. Wir, als angeklagte Partei, können jedoch auf keinen Fall den Kongreß an eine Flucht unsererseits vor den kleinlichen Anklagen, die von dem Professor Gennari vorgebracht wurden, glauben lassen. Es ist unsere Pflicht und unser Recht, darauf zu antworten. Ich meinerseits hoffe, daß das Präsidium, so wie man immer Angeklagten gegenüber verfahren hat, Großzügigkeit walten und uns volle Freiheit angedeihen lassen wird, auf die Anklagen zu antworten, die gegen uns vorgebracht worden sind, und zwar nicht aus persönlichen Beweggründen, sondern deshalb, weil in diesen Anklagen selbst Elemente der Beweisführung, die vollkommen zu unseren Gunsten sprechen, enthalten sind.
Genossen, ich sage selbst, daß ich meinerseits auf jede Art Diskussion verzichtet hätte. Ich bin der Ansicht, daß wir uns nicht auf dem Kongreß eines Distriktes, eines Kreises oder einer Provinz befinden, sondern im Kreml des Proletariats und nicht in Livorno. Dort, Genosse Gennari, war der gegebene Ort, wo man diese kleinlichen Anklagen hätte Sl vorbringen müssen. (Lärm, Zurufe) Man hätte dies noch in Livorno machen können (Lärm und Zwischenrufe), wo die Angeklagten imstande gewesen wären, ihnen zu antworten. Auf einen Weltkongreß jedoch, Tausende von Kilometern entfernt, bringt man kein derartiges Material mit. Es ist ein sehr einfaches Mittel, die Wahrheit dadurch zu entstellen, daß man dem Publikum kleine Dosen derselben verabreicht, indem man unzusammenhängende Sätze aus einer Rede, sowie isolierte Tatsachen herausgreift und die allgemeine Linie, nach der sich die Arbeit einer Partei bewegt, verdunkelt. Ich protestiere gegen diese kleinen Dosen von Wahrheit, die nichts anderes sind, als eine verkörperte Täuschung. (Zurufe, Lärm.) Wir verteidigen Turati nicht, nein, durchaus nicht. Die Reformisten arbeiten entsprechend ihrer Fassungskraft, die der Genosse Turati sich niemals bemüht hat zu verbergen. Desgleichen drücken wir Ihnen unser Erstaunen aus über die persönliche Art und Weise, wie sich die sogenannte Frage Serrati entwickelt hat. Wir kennen nur die Berufung der Sozialistischen Partei Italiens an den Kongreß der III. Internationale. Die Anklagen, die Gennari soeben gegen die Italienische Sozialistische Partei erhoben hat, fallen auf ihn selbst und auf seine Genossen zurück. Während des Konsultats Gennaris hat, wenn ich mich nicht täusche, die „Critica Sociale“ nicht aufgehört zu erscheinen: Turati schrieb seine Artikel, die von 2000 Intellektuellen gelesen werden, aber den Bauern und Arbeitern bis heute unbekannt geblieben sind. Sie sind der bürgerlichen Presse bekannt, die stets bereit ist, sich der Reden Gennaris und Turatis zu bedienen. (Zuruf: Niemals.) Man hat sogar Worte Lenins dazu benutzt, um das Weltproletariat zu täuschen. Dieses Spiel ist sehr wohl bekannt und allerdings nur zu einfach. Ganz genau dasselbe einfache und offensichtliche Spiel ist es gewesen, als sich Professor Gennari gestern in seinen Ausführungen gegen uns und gegen die Italienische Sozialistische Partei Turatis bedient hat, als ob er seiner Ansicht Autorität verleihen könnte dadurch, daß er Worte und Gedanken Turatis wiedergab. Dies sind jedoch Spielereien. Es ist zu viel, was zu Ungunsten Turatis spricht, weil er zu viel geschadet hat, weil er mehr Literat als Politiker ist. Er hat, wie wir immer gesagt haben, zu viel getan, was der Partei wirklichen Schaden zugefügt hat. Von Zeit zu Zeit haben wir uns bemüht, daraus die Konsequenzen zu ziehen, im Hinblick auf die Partei. Ich meinerseits erinnere mich an die Rede Turatis nach der Niederlage von Caporetto. Während seiner Rede fühlte ich, sah ich voraus, daß Bissolati gekommen sein würde ihn zu umarmen und habe darüber bitterlich geweint. Nun, wer von ihnen hat Turati bei dieser Gelegenheit desavouiert? Ist es vielleicht der Wortführer im Parlament, ist es vielleicht Graziadei gewesen, der zu jener Zeit einer der größten Patrioten war? (Zuruf: Beweis.)
Beweise sind überflüssig und außerdem bereits gedruckt vorhanden, was erklärt, daß es keinesfalls notwendig ist, sie wiederzugeben. (Lärm.) Ja, es handelt sich um Worte, die gedruckt sind, und es wäre stupid, sie zu wiederholen. (Zuruf: das ist eine lügnerisch entstellte Bagatelle.) Ja, das ist eine Bagatelle von 200 Seiten, die wohl bekannt ist, und Sie werden das zugeben, wenn Sie genügend Mut dazu besitzen. Turati hat sein politisches Credo vor Bologna geschrieben; Gennari war damals Sekretär der Partei. (Zuruf: Er war nach Bologna Sekretär.) Warten Sie und lassen Sie mich aussprechen, Gennari war Sekretär der Partei einen Monat nachher, als man die Kandidatenlisten zusammenstellte und Turati wurde regelrecht unter die Kandidaten von Mailand aufgenommen. (Zuruf: Nein, nein!) Wer war denn da im Sekretariat? Bombacci vielleicht? Ja, meine Freunde, Bombacci. Was für ein großer Unterschied ist zwischen Gennari und Bombacci? Es existierte bereits die gegenwärtige auf Reinigung bedachte Richtung. Turati war der Kandidat dieser gegenwärtigen Richtung gewesen bei den politischen Wahlen des Jahres 1919 (Unterbrechungen, Lärm). Es liegt kein Bedürfnis vor, auf Schritt und Tritt Schlüsse zu ziehen. (Zuruf: Nein, nein!) Die Schlüsse werden sich von selbst ergeben. Haben Sie Geduld und warten Sie ab. Turati hat nach der Tragödie von Bologna eine Rede gehalten, die von einigen unter uns aufs wärmste applaudiert wurde. (Gennari: Wir haben dagegen lebhaft protestiert.) Was bedeuten Proteste! Verhandeln Sie mündlich. Proteste...
Vors. Kolarow. Lassen Sie den Redner zu Ende kommen, er hat nur noch zwei Minuten Redezeit.
Maffi. Ich gehe nur daran, die ungeheuren Fehler der Männer zu erwähnen, die heute zu den sogenannten „Reinen“ gerechnet werden. Ja, in der Kommunistischen Partei von heute, nicht wahr, befinden sich Reine und Gereinigte. Gennari mit seiner reformistischen Vergangenheit im nationalen Block, wenn ich mich nicht täusche (Unterbrechung: das ist unmöglich) ... Sie sind zu ungeduldig, warten Sie doch, auf die Schlüsse, die ich daraus ziehen werde. Ich habe nur zwei Minuten Redezeit übrig und das ist offensichtlich, daß ich in zwei Minuten nicht alles das sagen kann, was notwendig ist; deshalb bitte ich den Kongreß um Verlängerung. (Zuruf: Fahren Sie noch einige Minuten fort zu sprechen.)
Vors. Kolarow. Der Redner hat gemäß unserem Beschluß nur 15 Minuten Redezeit. Der Vorschlag, diese Regel einzuhalten, wurde von dem ganzen Kongreß angenommen.
Maffi. Nun wohl, ich werde auf die weitere Ausführung der Details verzichten und Ihnen sagen: ich wäre wohl imstande, Gennari viele der selben Vorwürfe, die er anderen gemacht hat, zurückzugeben; ich erkläre jedoch, daß dies nicht meine Absicht ist und daß ich nur beweisen wollte, daß die Italienische Sozialistische Partei sowohl während des Krieges, als auch nach demselben mit dem einen oder anderen Sekretär alles getan hat, was möglich war. Dies ist zwar eine vollkommen banale Phrase und trotzdem liegt derselben so viel Wahrheit zugrunde. Die Italienische Sozialistische Partei hat während des Krieges und nach demselben getan, was sie tun konnte. So z. B. hat Lazzari den Syndikus von Verona, sowie den von Sampierdarena ausgeschlossen. Er war nicht imstande, das Bürgermeisteramt von Reggio auszuschließen, weil es erklärt hat, gehorchen und sich unterwerfen zu wollen, und weil besondere Vorbedingungen gegeben waren, kraft welcher das Verhalten der verschiedenen Sekretäre in den verschiedenen Augenblicken ungefähr dasselbe gewesen ist. Aus diesem Grunde wollte ich Sie über sehr diskutable und sehr zarte Punkte informieren, die dermaßen beschaffen sind, daß sie leicht zu Irrtümern führen können. Professor Gennari, seien Sie nicht so grausam mit den anderen, wenn Sie sich selbst gegenüber so nachsichtig sind, denn es ist sehr leicht Fehler zu begehen, wenn man arbeitet und sehr einfach, dies zu vermeiden, dadurch, daß man eben nicht arbeitet. Nun, welche Lehren können wir aus der Erörterung aller dieser kleinen Details im Leben der Sozialistischen Italienischen Partei ziehen? Die Erörterung zeigt uns, daß wir in Italien eine ganze Reihe, eine Litanei von Sekretariaten und Direktionen, schwächlicher, schwankender und wenig sicherer Art, besitzen und daß das, was die Notwendigkeit gebieterisch verlangte, über die Kräfte der Partei ging und im Vergleich mit den wirklichen Kräften unserer Partei zu ertragen zu schwer war. Dies ist eine Art und Weise der Betrachtung der Dinge, der gegenüber gewissenhafte Sozialisten ihre Anerkenung nicht verweigern können. Vor der Wirklichkeit verblassen viele Worte. (Zuruf: Die Reformisten.)
Vors. Kolarow. Die Redezeit ist abgelaufen.
Maffi. Ich bitte Sie, gewähren Sie mir noch fünf Minuten, wobei ich den Kongreß nochmals daran erinnern möchte, daß ich hier als Angeklagter spreche.
Vors. Kolarow. Man kann ’nicht die italienische Frage zur einzigen des Kongresses machen, und außerdem stehen noch 15 Fragen auf der Tagesordnung, die zu diskutieren sind.
Maffi. Das ist klar, doch möchte ich dazu bemerken, daß ich in zehn Minuten zu Ende bin.
Vors. Kolarow. Aber Sie werden dann auch das Wort verlangen, um zu antworten. Man kann nicht...
Maffi. Ich erkläre meinerseits, daß ich mich nicht auf persönliche Fälle versteife. Jeder wird auf meine Ausführungen hin diskutieren können, da sich das Verhalten der verschiedenen Sekretariate und Leitungen nur sehr wenig unterscheidet, und da es sich um ein Spiel der Kräfte zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit handelt. Es wäre notwendig, über diesen Punkt dann nochmals eine ganze Diskussion aufzunehmen. Die Diskussion desselben wäre in der Tat eine sogenannte günstige Gelegenheit. (Eine Stimme: Und die Austreibung der Reformisten?) Warte, Genosse, es ist noch Zeit. (Dieselbe Stimme: Ich warte schon zu lange.) Geben Sie mir also noch zehn Minuten.
Vors KOLAROW. Sie sprechen ja bereits 20 Minuten.
Maffi. Man hat mich ständig unterbrochen.
Vors. Kolarow. Aber das ist ja doch Ihre Art und Weise.
Maffi. Das ist meine Pflicht und nicht meine Art und Weise. Ich habe nicht die Absicht, gegenüber dem Präsidium einen Akt der Ungehorsamkeit zu begehen, ich erkläre jedoch, daß ich noch einiger Minuten bedarf, um zu Ende zu kommen. Ich verstehe es, der Autorität, und besonders der sozialistischen Autorität, zu gehorchen, ich protestiere aber, weil ich noch nicht geendet habe, weil man meine Rede abgewürgt hat. Ich brauche noch ungefähr acht Minuten und bitte darum, nicht mehr unterbrochen zu werden, weil ich darauf ein Recht habe. In den ersten Monaten dieses Jahres hat sich in der politischen Lage in Italien ein Umschwung vollzogen. Sie nähert sich dem Stadium der Reife. Gegenwärtig haben wir in Italien alle Beweise, daß die Bourgeoisie bewaffnet ist oder daß sie zum wenigsten im Begriffe ist, diese Bewaffnung durchzuführen. Der Stein des Anstoßes in der Orientierung der Menschen und Gruppen ist ein vollkommen anderer. Es ist für jeden aus der ganzen großen Massa klar ersichtlich, daß man nunmehr an die Bewaffnung des Proletariats denken muß, und es liegt ebenso auf der Hand, daß es eine große Gefahr sein würde, wenn man in der Partei jetzt Elemente dulden würde, die man früher gezwungen war, von ihr zurückzuhalten. Ich frage Sie nun in Anbetracht dieser gegebenen Lage der Dinge: halten Sie es für nützlicher, daß im Interesse des italienischen und des Weltproletariats eine Entschließung von solcher Wichtigkeit gefaßt würde nach Feststellung der Tatsache, daß das ganze Proletariat £gleichsam einem Diktat Moskaus gehorchend, eine Resolution des Kongresses annimmt, die unseren Bauern und Arbeitern nur in ihren Hauptzügen bekannt ist? Ich meinerseits vertrete die Ansicht, daß es viel nützlicher wäre, diesen Reifeprozeß, der sehr schnell fortschreitet, durch die bereits angegebenen Kräfte vollenden zu lassen. Dies also ist unsere Lage gegenüber denjenigen, die uns Antworten abverlangen in einer Art und Weise, die an einen bürgerlichen Gerichtshof erinnert; wir haben Ihnen keinerlei derartige Antworten zu geben. Die Situation, die durch den Kongreß von Livorno innerhalb der I.S.P. geschaffen wurde, ist eine sehr klare. Nachdem über die Resolution Baratono abgestimmt war, hatte man noch die Erklärung Kabaktschieffs; und nach dieser nahm der Kongreß den Vorschlag Bentivoglio an, der folgendermaßen abgefaßt war: „Wir erklären hiermit, daß wir uns allen Entschließungen des III. Kongresses der III. Internationale diszipliniert unterwerfen werden“. Was wollen Sie denn noch mehr. Nun, wir sagen Ihnen... (Unterbrechung.) Ich habe das Recht darauf, nicht mehr unterbrochen zu werden, Genossen, denn ich verliere dadurch die wenigen Minuten, die. mir noch zur Verfügung stehen. Nun also, es wird ein Kongreß stattfinden und die Lage auf demselben wird ein wenig komplizierter sein; der nächste Kongreß der I.S. P. wird wohl (Unterbrechung) — wieder eine halbe Minute — der nächste Kongreß wird wohl gezwungen sein, den von Livorno zu desavouieren (Zwischenruf: Die Parteien sind Herren ihrer selbst und ihrer Kongresse!), und dermaßen wird also der nächste Kongreß der I.S.P. nur das auszuführen haben, was die III. Internationale beschlossen hat. Das ist klar und auch in unserer Erklärung enthalten. So ist das in der T’at. Meine Freunde, wenn wir hier sind, um uns zu verständigen, so läßt die Sache keinerlei Zweifel offen, entbehrt keiner, auch nicht der geringsten Klarheit, wie ich es Ihnen soeben auseinandergesetzt habe. Wenn es sich jedoch, ich weiß es nicht, um eine politische Schaustellung handelt, dann ist es allerdings etwas anderes. Wir sagen Ihnen, Genossen, daß wir uns dafür einsetzen, die Notwendigkeit einer Reinigung zu unterstützen... Der Kongreß wird richten, als Delegierte jedoch müssen wir Ihnen sagen, daß wir keine Veranlassung haben, Ihnen auf Ihre „out-out“, für welch letztere zar keine Gründe vorhanden sind, zu antworten, wir haben Ihnen nur die Beschlüsse des Kongresses von Livorno auf honette Art und Weise ins Gedächtnis zurückzurufen. Außerdem fordern wir von Ihnen noch die Unterhaltung einer dauernden Verbindung mit unserer Partei, die es den verantwortlichen Organen der III. Internationale ermöglichen soll, im brüderlichen Einvernehmen mit uns unsere Verhältnisse zu studieren und zu verfolgen, und zu begreifen, was Zweckmäßigkeit bedeutet, wie der Gen. Lenin so treffend bemerkt hat. Dergestalt sind unsere Forderungen. Auf dem nächsten Kongreß werden wir vorschlagen, daß man die Beschlüsse dieses dritten Kongresses annimmt. Wir sind jedoch keine Kinder. zu denen man sagen könnte: „Aber nein, du mußt so antworten, weil man es so beschlossen hat“. Nicht das Wort, sondern unsere freie Ansicht, unser Wille und unsere Überzeugung müssen ausschlaggebend sein. Wir sind nicht hierhergekommen, um mit Worten zu spielen, noch um diplomatische Kniffe zu vollführen. Genossen aus der III. Internationale, helfen Sie uns durch innige, dauernde Teilnahme, durch ihren weisen und gediegenen Rat, mit der überwältigenden Macht ihrer Erfahrung, die das russische Volk befreit und dem Weltproletariat unzählige Beispiele gegeben hat. Wir wünschen nichts sehnlicher als das und versichern nochmals, daß wir stets bereit sind, unsere Pflicht zu erfüllen.
Vors. Kolarow. Genossen, auf den Vorschlag anläßlich der Tagesordnung, erklärt das Bureau, daß es darauf besteht, den Rednern die gemessene Zeit nicht zu verlängern. Wir müssen die kommunistische Disziplin in unsrer Arbeit einhalten.
Das Wort hat Genosse Rakowski.
Rakowski. Genossen, die große Bedeutung der italienischen Ereignisse kann keinem entgehen. Wir sehen hier ein Proletariat vor uns, das sich entzweit hat, und dies gerade in dem Augenblick, wo die italienische Bourgeoisie, welche im verflossenen Jahre sich so gut maskierte, ihre Maske abgeworfen hat und zur energischen Offensive gegen das Proletariat übergegangen ist. Während ich den Reden Lazzaris und Maffis folgte, fragte ich mich, welche Motive sie getrieben haben könnten, diese Spaltung des italienischen Proletariats herbeizuführen, denn diese Spaltung ist zweifelsohne als eine Folge dessen anzusehen, daß die Sozialistische Partei Italiens sich nicht bedingungslos den Beschlüssen des II. Kongresses fügen wollte. Man kann die Verantwortung nicht der kommunistischen Minderheit in die Schuhe schieben, die den Vorschriften des in Moskau versammelten Weltproletariats treu geblieben ist. Ich habe mich gefragt, welche politischen Motive die Schuld an jener paradoxen Tatsache tragen, die Gen. Lenin gestern hier beleuchtet hat, nämlich, daß die Sozialistische Partei Italiens es vorgezogen hat, den 14000 Reformisten, nicht den 58000 Kommunisten zu folgen.
Ich habe die Rede des Gen. Lazzari aufmerksam verfolgt. Ich füge hinzu, daß ich in Italien gewesen bin und die italienischen Ereignisse etwas kenne. Ich kenne Italien, und wer in den letzten dreißig Jahren die sozialistische Bewegung verfolgt hat, weiß, daß der Reformismus in Italien nicht nur tatsächlich existiert hat, sondern daß dieser Reformismus sogar der Vorgänger des deutschen Reformismus war, daß Turati der Vorgänger Bernsteins war. Seit dem internationalen Kongreß in Zürich im Jahre 1893, war Turati bei keinem internationalen Kongreß mehr zugegen. Ich entsinne mich, als er den Kongreß in Zürich im Jahre 1913 mit der Genossin Anna Kuleschowa verließ, protestierte er im Weggehen gegen die deutsche Hegemonie. Zu dieser Zeit war diese Hegemonie durch Liebknecht und Bebel vertreten. Als ich 1915 auf die Einladung der Italienischen Partei hin nach Rom kam, um an ihrem Vorgehen für die Neutralität teilzunehmen, herrschte dort dieselbe Stimmung. Damals habe ich auch Turati und Treves gesehen, die mir gesagt haben: „Es ist Tatsache, wir haben der deutschen Hegemonie ein Ende gemacht“, und sie freuten sich, daß der Opportunismus die ehemals revolutionäre Bewegung vergiftet und sich von der internationalen Hegemonie im allgemeinen befreit hatte. Außerdem machen sich die Traditionen des „Risorgimento“ mehr als einmal in der „Critica Sociale‘“ bemerkbar. Diese alte sozialpatriotische Tradition zeigt sich in dem ganzen Verhalten Turatis. Wer die Geschichte der sozialistischen Bewegung Italiens kennt, weiß sehr gut, daß der Reformisınus in Italien immer existiert hat; die Parteileitung konnte es nicht verheimlichen. Ich möchte den Genossen Lazzari fragen, wieviel Diplomatie sie während der letzten zwanzig Jahre gebraucht haben, um diese politischen Skandale Turatis zu verbergen. Bestimmt hat die Entente nicht so viel Diplomatie in Bewegung gesetzt, um Italien in den Krieg hineinzuziehen, wie die Partei, um Turatis parlamentarische Skandale im Verborgenen zu halten. Als man der Parteileitung die Frage stellte, wie sie die „Critica Sociale“ dulden könne, deren Reklame, als einer von der Partei protegierten Zeitschrift, ständig im „Avanti“ zu finden war, antwortete die Parteileitung mit denselben Worten, wie wir sie soeben aus dem Munde Maffis gehört haben: „Nur einige Tausende Intellektuelle lesen sie, die Arbeiter kennen sie nicht einmal“.
Nach Caporetto ist noch die Kriegserklärung zwischen Bissolati und Turati hinzugekommen. Aber Turati hat — zu seiner Ehre sei es gesagt — seine Vergangenheit nicht verleugnet: er ist Reformist und Nationalist geblieben. Er ist ein Feind der russischen Revolution. Gestern wurde die Ansicht ausgesprochen, daß das Vorwort Turatis zu dem Buche der zwei Delegierten, die die russische Revolution in Italien verleumdet haben, keine wichtige Tatsache sei. Nein, Genossen, es ist dies keine Kleinigkeit. Es handelt sich nicht um die russische Revolution, sie steht über dem, was Turati und seine Freunde sagen. (Beifall.) Die russische Revolution braucht sich nicht vor den verleumderischen Reformisten zu rechtfertigen, aber es ist doch ein Gift, welches man tropfenweise dem italienischen Proletariat einträufelt, wenn man ihm die proletarische Revolution im allgemeinen wie eine Hochzeit darstellt, in welcher Terror, Hunger und Krieg keinen Platz haben. Dies erinnert an die Revolution im Stile Montecitorios und der Reformisten. (Beifall) Um Turati zu verteidigen, hat man in der Presse, in der sozialistischen Literatur Italiens, in der Rundschau von Serrati, Theorien ad hoc geschaffen. Wir haben sie sogar im vorigen Jahre hier gehört. Diese Theorie suchte zu beweisen, daß die italienischen Zentristen, selbst der Genosse Serrati, viel vorgeschrittener sind, als die Kommunisten der III. Internationale, und das alles nur, um Turati in der Italienischen Sozialistischen Partei behalten zu dürfen. Man hat eine wahre kommunistische Metaphysik über die Agrar- und die Nationalitätenfrage und über die Taktik der Kommunistischen Partei in England und in den Vereinigten Staaten geschaffen.
Serrati, einer der Führer der Italienischen Partei, ist abstrakten Formeln anheimgefallen, in denen es weder Zeitnoch Raumverhältnisse gibt. Er bildet sich ein, daß die kommunistische Partei, die an der Spitze der Macht steht, und die kommunistische Partei als Opposition, dasselbe sind. Er und seine Freunde sagen: „Wir sind gegen die Resolution der kommunistischen Internationale in der Nationalitätenfrage, weil wir gegen den Nationalismus sind. Wir sind gegen den Eintritt der Kommunistischen Partei Englands in die Labour Party, weil dies im Widerspruch zur Forderung steht, die die Internationale der Allgemeinen Arbeiterkonföderation Italiens stellt“. Serrati begreift das Allerelementarste nicht, nämlich, daß die Taktik der kommunistischen Partei keine dogmatische, sondern eine dialektische ist, die sich den Verhältnissen anpassen muß; was sich für England und Amerika eignet, wo die kommunistische Bewegung noch nicht fest auf den Beinen steht, wo die Kommunisten wenig zahlreich sind, das paßt nicht für Italien, wo die Sozialistische Partei sich im vorigen Jahre für den Kommunismus erklärt hat, wo sie bereit sein muß, die Macht in ihre Hände zu nehmen und auch der Gewerkschaftsbewegung die Richtung vorzuzeichnen, die sie einschlagen muß. Ja, man hat das italienische Proletariat vergiftet, und man vergiftet es noch heute mit diesen Irrlehren. Und dies alles geschieht nur, um Turati und die Reformisten zu verteidigen. Ich sehe hier ein psychologisches Problem. Weshalb ist ihr Turati so unersetzlich, daß man seit zwanzig Jahren den gesamten Kalkvorrat Italiens zu Hilfe nimmt, um ihn weiß zu waschen? Weil die italienischen Genossen aus der Sozialistischen Partei ihre ganze Hoffnung nicht auf die Arbeiterklasse, sondern auf eine intellektuelle Elite von Spezialisten gesetzt haben. Sie sagen: „Die Arbeiter Italiens sind nicht reif genug, politisch nicht genügend entwickelt, deshalb brauchen sie Spezialisten“.
Turati, sagen sie, ist ein sehr schlechter Kommunist, aber er ist ein bewunderungswürdiger parlamentarischer Stratege. Rigola ist ein Reformist. (Unterbrechung von Lazzari: „Man hat ihn gestürzt.“) Jawohl, man hat ihn gestürzt, aber man hat ihn durch einen anderen Reformisten — D’Aragona — ersetzt. Sie sind in der Allgemeinen Arbeiter-Konfederation populär. Sie sagen uns weiter: „Wir tun alles dies, um die Einheit der Partei zu erhalten, um unsere Kräfte nicht zu zersplittern. Wir haben 3000 Kommunen“. Ich sage hier kein Wort, das nicht in den offiziellen italienischen Dokumenten zu lesen ist. Wir brauchen Mitarbeiter, wir brauchen sachverständige Gewerkschaftler, Menschen, die in der gewerkschaftlichen Arbeit praktisch bewandert sind, wir brauchen Politiker, die einen Begriff von parlamentarischer Strategie haben. Die Italienische Partei klammert sich an diese Illusion der Einheit. Wir brauchen die Einheit um jeden Preis, sagen sie, sogar um den Preis der Revolution. Genosse Lazzari, man muß sich selbst treu bleiben. Sie haben in Bern, Kienthal, Zimmerwald dieser Doktrine der Einheit den Todesstoß zu versetzen geholfen. Wenn sie kein abstraktes Prinzip, sondern ein revolutionärer Faktor war, so hätten Sie dieser Doktrine treu bleiben sollen und nicht das berüchtigte Bureau der II. Internationale in Brüssel zerstören sollen, das durch Vandervelde und Huysmans vertreten wurde. Sie hätten die Spaltung unter den Sozialdemokraten, und späterhin zwischen den Kommunisten und den Unabhängigen in Deutschland nicht billigen sollen. Sie hätten die Taktik der Spaltung in den anderen Ländern nicht billigen sollen, wenn Sie sie unmöglich finden. Und wenn Sie jetzt behaupten, daß diese Taktik der Spaltung wohl für die anderen Länder, nicht aber für Italien tauge, so ist dies ein Widerspruch. Gibt es denn in Italien keine Reformisten? Euer Reformismus ist konsequenter, er ist mit tausend Banden mit der italienischen Intelligenz, die eine ganz spezielle Rolle im Leben Eurer Partei spielt, mit dem italienischen Radikalismus verknüpft. Woher dieser kommunistische Nationalismus, dieser Ehrgeiz, der behauptet, daß in Italien alles anders vorgehe, als in den anderen Ländern? Das ist ein Argument, dessen sich alle Opportunisten bedient haben.
Die französischen Opportunisten erklären, daß die deutschen Opportunisten — Nationalisten seien; Renaudel aber sei den besseren Traditionen des französischen Sozialismus gefolgt; die deutschen Opportunisten erklärten während des Krieges, daß die französischen Sozialisten Nationalisten seien, sie aber seien Schüler von Marx. Das ist eine alte Geschichte. Ihr habt die Theorie der Spezialisten geschaffen. Mit Euren Deputierten, mit Montecitorio und Konsorten, — sie mögen die besten Strategen sein, könnt Ihr zwar eine ausgezeichnete Regierung zusammensetzen, aber eine Revolution könnt Ihr nicht zustande bringen. Ihr könnt gemeinsam mit Rigola und d’Aragona die bewunderungswürdige Bewegung der Metallarbeiter sabotieren, aber eine Revolution könnt Ihr nicht machen. Mit einer Parteileitung, die versucht, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Führern vor den Arbeitern zu verbergen, die dem Prinzip, die schmutzige Wäsche zu Hause zu waschen, huldigt, kann man die besten Vorsätze fassen, sie werden eben nur platonische Vorsätze bleiben, aber eine Revolution könnt Ihr mit solchen Führern nicht zustande bringen. Ihr vergeßt, daß die Kommunistische Partei eine Massenpartei sein muß. Ihr setzt Eure Hoffnung nicht auf die Elemente, die sich aus der Tiefe der werktätigen Massen erheben, nicht auf die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, nicht auf die Mitglieder der Parteisektionen, Ihr habt Euren traditionellen Kern, Männer, die im Laufe von zwanzig Jahren unverändert auf ihrem Posten geblieben sind, Ihr habt Turati, Treves usw. Diese Frage ist nunmehr jedoch ein für allemal liquidiert. Der Versuch, die italienischen Reformisten zu verteidigen, hat nur dazu ;eführt, die Anklage gegen sie noch schwerer zu machen. Die uns jetzt interessierende Frage ist: was werdet Ihr, italienische Sozialisten, jetzt tun, wie wird Euer Verhalten sein? Werdet Ihr dem revolutionären Proletariat, der Kommunistischen Internationale folgen, oder kehrt Ihr zu Wien, zu Amsterdam zurück? Vielleicht wollt Ihr eine Internationale Nr. 2?/, gründen? Nein, Ihr habt selbst zu viel gegen die Scheidemänner, gegen die Unabhängigen, gegen die französischen Opportunisten protestiert. Wenn Ihr dem italienischen Proletariat eines Tages vorschlagt, zu den Verrätern zurückzukehren, so wird das Proletariat sich von Euch abwenden.
Genossen, ich benütze diese Frist, die Euch noch gegeben ist, um Euch zu sagen, daß Ihr für mich noch nicht außerhalb der Kommunistischen Internationale steht; Ihr seid hier, wir hören Euch an, alle unsere persönlichen Sympathien gehören den Genossen, die in der Sozialistischen Partei Italiens eine wichtige Rolle spielen. Der Ausruf: „out, out!“, von dem der Genosse Maffi gesprochen hat, galt nicht Euch, ja nicht einmal der Partei. Nein, wir werden zufrieden sein, wenn Ihr persönlich zu uns tretet, wie es Frossard und Cachin im vorigen Jahre getan haben, aber Ihr müßt uns sagen: wir versprechen, die Bedingungen der Internationale rückhaltlos anzunehmen, wir werden sogar gegen unsere Partei gehen, wenn es nötig ist, werden auch dort diese Bedingungen unterstützen. Die Frage der Parteiverschmelzung ist technischer Art. Als ich erfuhr, daß auf dem letzten Kongreß zu Livorno beschlossen wurde, sich den Resolutionen des Kongresses bedingungslos zu fügen, habe ich mir gesagt: ‚es ist nicht nötig, einen neuen Kongreß zusammenzurufen. Es genügt, daß die Parteileitung sich den Beschlüssen der Internationale unterwirft.“ Aber ich kehre zu meinem Gedanken zurück und wiederhole: die Frage steht nicht vor Euch persönlich oder vor der Partei, sie steht vor dem Proletariat, vor dem Gewissen jedes italienischen Arbeiters, der sich fragen muß: „auf wessen Seite bin ich, bin ich für das revolutionäre Weltproletariat oder für jene Internationale, die meiner Sache untreu geworden ist?“ Ihr habt keine Wahl. Ihr müßt hier vor den besten Vertretern des Proletariats erklären, daß Ihr, die Sozialisten Italiens, Euch bedingungslos und rückhaltslos den Beschlüssen des Ill. Kongresses, des in Moskau versammelten Weltproletariats unterwerfen werdet. Wenn Ihr wollt, daß das italienische Proletariat seine Kräfte sammelt und dem Siege des Kommunismus zuschreite, so müßt Ihr ohne Aufschub diesen Entschluß fassen, der dem italienischen Proletariat seine organisatorische Kraft und den Glauben an die Revolution zurückgeben wird.
Clara Zetkin. Genossinnen und Genossen! Es ist wohl niemand unter uns, der nicht die Schwere und Verantwortlichkeit der Entscheidung empfindet, die wir in der italienischen Frage zu fällen haben. Es handelt sich ja dabei nicht um das Los einiger Führer, sie mögen uns sympathisch sein oder nicht, sie mögen durch ihre Politik unseren schärfsten Widerspruch und unseren leidenschaftlichsten Kampf herausfordern oder nicht, es handelt sich sogar um mehr, als um das politische Schicksal der Tausende von Arbeitern, die in der Sozialistischen Partei Italiens stehen. Es handelt sich bei dieser Entscheidung um ein Stück Schicksal der kommunistischen Parteien aller Länder, der gesamten Internationale und darüber hinaus um das Los ungezählter Millionen Ausgebeuteter und Unterdrückter der ganzen Welt. Denn von dem Tempo und von der Geschlossenheit, mit der sich der Aufmarsch der Arbeiter aller Länder in der kommunistischen Internationale vollzieht, wird es abhängen, wie lange noch Proletarier ausgebeutet und geknechtet werden durch den Kapitalismus, oder ob sie endlich aufsteigen zum vollen Menschentum durch den befreienden Kommunismus.
Genossinnen und Genossen, die Situation fordert nicht bloß in Italien, sondern in der ganzen Welt, daß in Italien eine starke einheitliche und geschlossene Partei die Führung des revolutionären Proletariats übernimmt. Im Namen der Einheit ist bis jetzt das italienische Proletariat daran gehindert worden, seinen einheitlichen Aufmarsch gegen die Bourgeoisie zu vollziehen. Und doch tut dieser einheitliche Vorsturm dringender not als je. Die italienische Bourgeoisie erscheint heute nicht mehr in dem glänzenden Gewande der Demokratie. Auch in Italien hat sich erwiesen, daß alles liberale Phrasengebimmel der herrschenden und ausbeutenden Klasse nichts ist als eitel Lug und Trug. Auch in Italien spricht die herrschende Klasse durch den Mund der militärischen Macht mit blutiger Gewalt zu den Massen. Und diese Macht muß durch die Einheitlichkeit des revolutionären Proletariats gebrochen werden. Aber Genossen, Einheit der proletarischen Front nicht auf Kosten eines Mangels an revolutionärer Klarheit, an revolutionärer Energie und an revolutionärem Handeln. Die Einheit darf nie um diesen Preis erkauft werden. Deshalb ist es notwendig, daß man die Konsequenzen nicht nur in schönen Entschließungen zieht, sondern in lebendigen starken Taten. Wir stehen angesichts der Situation, daß seit dem Kongreß in Livorno keine Einheit der Partei, keine Einheit der revolutionären Kampfesfront besteht. Ich bin noch immer der Auffassung, daß es von größter Wichtigkeit ist, daß die wertvollen Kräfte in der kommunistischen Partei Italiens und die wertvollen Kräfte, die sich unstreitig auch noch im Lager der Unitarier befinden, zusammengeschlossen werden zu einer einzigen Massenpartei, aber nicht durch die Preisgabe der grundsätzlichen Basis und der taktischen Richtlinien des Kampfes.
Wir haben hier unmittelbar gehört, von ehrlicher Überzeugung ausgesprochen gehört, daß die Genossen Lazzari und Maffi uns versicherten, die Italienische Sozialistische Partei sei entschlossen, den Weg dahin zu gehen. Aber Genossinnen und Genossen, ich spreche das offen aus, wir sind berechtigt, in diesem Augenblick die gleiche Frage zu erheben, den gleichen Vorwurf zu formulieren an die ganze Partei, die Frage, die man vor Livorno an Serrati stellen mußte, nämlich: was hat die ganze Partei seit Livorno auf dem Boden des Handelns getan, um den Weg zur III. Internationale zu beschreiten? Ich will hier nicht die einzelnen Tatsachen anführen, die beweisen, daß zur Durchführung einer streng kommunistischen Politik nichts geschehen ist. Ich will einen einzigen Vorgang hervorheben, der mit der Schärfe des Scheinwerfers beleuchtet, daß man noch nicht gehandelt hat, wie man handeln mußte, wenn man Mitglied der Dritten Internationale sein und bleiben will. Die 50 000 Lire, die die Amsterdamer Internationale dem italienischen Gewerkschaftsbund überwiesen hat, diese Gabe ist von dem führenden Organ der Sozialistischen Partei Italiens nicht charakterisiert, nicht gebrandmarkt worden, wie es vom kommunistischen Standpunkt aus notwendig gewesen wäre. Wie liegen die Dinge? Diese 50000 Lire kamen aus den Händen derselben Arbeiterverräter, derselben Sozialpatrioten, die vier Jahre lang mit der Bourgeoisie aller Länder durch das Blutmeer des Weltkriegs gewatet waren. Sie kamen von den Leuten, an deren Händen in Deutschland das Blut von 20000 erschlagenen Proletariern klebte. Wie die Dinge lagen, waren und sind die 50 000 Lire nicht der Ausdruck brüderlich internationaler Solidarität, sie sollten ein anderes sein: der Judas-Silberling, mit dem die rote Moskauer Gewerkschaftsinternationale verraten und verkauft werden sollte zugunsten der gelben Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale. Genossinnen und Genossen, kein Sturm des Protestes hat sich gegen die Annahme des Geldes erhoben aus den Reihen der italienischen Partei, umgekehrt. Der „Avanti“ hat sich gefreut, hat den Vorgang als Ausdruck der internationalen Solidarität begrüßt. Ich meine, diese Tatsache allein genügt, damit die Internationale erklärt: bis hierher und nicht weiter! Jetzt ist auch für die Sozialistische Partei Italiens das Rhodus da, wo sie springen muß. Die Dinge reden deutlich. Die Politik der Partei zeigt jetzt eines ganz klar, solange nicht eine reinliche Scheidung von den Turatinern durchgeführt worden ist, solange wird die Einheitspartei, solange wird die unitarische Partei in Italien nicht eine Sturmkolonne gegen die Bourgeoisie sein, sie wird vielmehr einen Schutzwall zwischen der Bourgeoisie und dem revolutionären Proletariat bilden. (Zustimmung.)
Die Absichten mögen noch so gut sein, sie sind gewiß gut, sie sind meinetwegen vorzüglich — aber die politische Logik hat ihre eigenen Gesetze. In diesem Augenblick kann es zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat nicht reformistische Zwischenlager geben. Wer den Reformismus eines Serrati deckt, wer ihn zuläßt, der verhindert, daß sich das Proletariat in voller revolutionärer Erkenntnis und Tatbereitschaft zusammenballt. Ich habe ausdrücklich erklärt, daß man gegen die Politik der Partei in diesem Augenblick dasselbe sagen kann, was man gegen Serrati schon als Person gesagt hat. Ich meine darum, daß der gegenwärtige Kongreß der III. Internationale klipp und klar eine Entscheidung herbeiführen muß. Er muß zunächst aussprechen, daß die Trennung von den Turatinern sofort. rücksichtslos, ohne Umschweife durchgeführt werden muß. Nicht in der Art und Weise, daß man einzelne Führer nacheinander ausstößt, die man sozusagen mit der Hand in der Tasche des Diebstahls an dem revolutionären Fonds des Proletariats ertappt hat. Nein, mit der ganzen opportunistischen Richtung, oder richtiger mit der ganzen reformistischen Politik muß Schluß gemacht werden.
Es muß von unserem Kongreß ein fester Damm zwischen dem proletarischen Kampfesheer und jener verderblichen Strömung errichtet werden. Wie die Dinge liegen, halte ich es nicht für klug, eine harte und bitter empfundene Kritik an der Politik auszusprechen, die die Freunde in Italien in letzter Zeit aus der ehrlichen Überzeugung heraus getrieben haben, den Weg zum Kommunismus zu suchen. Aber unzweideutig, ohne daß ein Drehen und Deuteln möglich ist, muß der Kongreß erklären: so sieht die praktische Politik aus, die wir von nun an von der sozialistischen Partei Italiens verlangen, die sich als organischer Teil eingliedert in die einheitliche kommunistische Partei Italiens.
(Genossinnen und Genossen! Ich bin der Ansicht, daß der Kongreß nicht, wie es unsere italienischen Freunde von der sozialistischen Partei empfinden, ein Almosen gewährt, sondern einen Akt selbstverständlicher brüderlicher Gerechtigkeit erfüllt, wenn er diesen Genossen die Gelegenheit gibt, an der Ausarbeitung der entsprechenden Resolution teilzunehmen. Aber ich spreche es auch offen aus, ich halte es für die brüderliche, internationale Pflicht unserer Genossen Lazzari und Maffi, ihrerseits für die Klärung der Lage und die Verständigung etwas zu tun. Wir wissen, sie sind nicht autorisiert, hier eine Erklärung, irgendeine Zustimmung abzugeben.
Wir wissen, der bevorstehende Kongreß soll die Frage entscheiden. Wir müssen jedoch eins von ihnen verlangen. Wir müssen ihnen sagen: Gen, Lazzari, Gen. Maffi, Ihr alle, die Ihr hier steht, als Fleisch vom Fleisch, als Blut vom Blut des italienischen Proletariats, als Zeugen, als eine Verkörperung seiner besten Tradition, seines Kampfes! Ihr müßt die ehrlichen, die gewissenhaften, Ihr müßt die leidenschaftlichen Dolmetscher der Beschlüsse des Kongresses in Eurer Partei und im italienischen Proletariat sein. An Euch liegt es, die Mißverständnisse in den Massen und in Eurer Partei zu zerstreuen, die im Laufe der Auseinandersetzungen aufgekommen sind. Wir haben alles Vertrauen zu Euch im Hinblick auf Eure rühmliche Vergangenheit, daß Ihr in dieser Situation die Rolle des ehrlichen, zuverlässigen Vermittlers spielen werdet. Wir vertrauen auf Euch, daß Ihr, heimgekommen, Euren Freunden, den italienischen Arbeitern, erklärt: die Kommunistische Internationale handelt nicht aus irgendwelchen kleinlichen Gründen heraus, nicht aus Rechthaberei, nicht aus Lust und Liebe zum Verdammen, geschweige denn zum Spalten. Die Kommunistische Internationale spaltet nur, um fester und auf höherer Stufenleiter zu vereinigen. Lernt aus der Situation, Arbeiter Italiens! Lernt und zieht die richtigen Schlußfolgerungen! Trennt national, was nicht länger vereinigt sein kann und vereinigt sein darf, wenn Ihr ehrlich zum Kommunismus wollt! Und vereinigt dafür international, was international vereinigt sein muß! Wählt! (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Trotzki. Genossen, ich will mich über die Vergangenheit der Sozialistischen Partei Italiens hier nicht verbreiten, man hat sie schon reichlich erörtert.
Die grundlegende Tatsache ist die große Krise vom September vorigen Jahres, die die jetzige Lage hervorgerufen hat. Wenn man die politische Situation auch nur von fern untersucht, gewinnt man den Eindruck, ja sogar die Überzeugung, daß das italienische Proletariat in den Jahren nach dem Kriege eine entschieden revolutionäre Richtung eingeschlagen hat. Was der „Avanti“ schrieb, und was die Redner aus der Sozialistischen Partei sagten, wurde von der breiten Arbeitermasse als Aufruf zur proletarischen Revolution aufgefaßt. Diese Propaganda drang in die Herzen.der Arbeiter ein, rüttelte ihren Willen auf, und das Ergebnis war die Septemberaktion.
Wenn man die Partei vom politischen Standpunkt aus beurteilt, muß man annehmen, — denn dies ist die einzige Erklärung, die man finden kann, — daß die Sozialistische Partei Italiens, deren Politik dem Worte nach revolutionär war, sich über die möglichen Folgen dieser Politik nie Rechenschaft ablegte. Die ganze Welt weiß, daß die Septemberereignisse niemanden mehr ins Bockshorn jagten, als die Sozialistische Partei Italiens, die diese Ereignisse ja selbst vorbereitet hatte. Diese Tatsachen bezeugen nun, daß die italienische Organisation — denn die Partei ist nicht nur eine Gedankenfolge, ein Ziel, ein Programm, sie ist auch eine Maschine, eine Organisation, die durch ihre unausgesetzte Aktion die Garantien für den Sieg schafft — im Monat September der Schauplatz einer ungeheuren Krise für das Proletariat und für die Sozialistische Partei Italiens selbst war. Welche Schlußfolgerungen hat das italienische Proletariat aus diesen Ereignissen wohl gezogen? Es ist recht schwer, sich jetzt darüber Rechenschaft abzulegen, denn eine Klasse, die sich von der Partei trennt, verliert alsbald ihre Orientierung. Welche Folgerung hat aber die Partei aus ihrer Erfahrung gezogen? Jeder einzelne Genosse, der in den drei Jahren nach dem Kriege aus Italien kam, sagte uns: „Wir sind reif, ja überreif für die Revolution“. Man wußte dort, daß man dort an der Schwelle der Revolution stand. Als die Revolution ausbrach, machte die Partei bankrott. Welche Folgerung zog man aus diesem Ereignis? Was wurde getan? Sagte man sich: „Wir waren nicht vorbereitet, weil unsere Organisation aus Elementen bestand, die untereinander völlig uneinig waren und einander lähmten. Um Verhältnisse zu schaffen — insofern sie von unserem Willen abhängen — muß man sie schaffen wollen“. Dies, Gen. Lazzari, ist die Hauptsache; man muß den revolutionären Sieg wollen. Erst wenn man dies wirklich will, kann man diskutieren und analysieren; denn Strategie ist nötig, man erzielt keinen Sieg durch den bloßen Willen. Strategie ist nötig, aber vor allen Dingen muß man den Willen zur Revolution und zum Siege haben. Turati und seine Freunde sind in dem Sinne aufrichtig, daß sie Tag für Tag mit unzweideutiger Klarheit wiederholen, daß sie die Revolution nicht wollen. Sie wollen sie nicht, und dennoch bleiben sie in der Sozialistischen Partei; ja, sie bilden ein wesentliches Element dieser Partei.
Ihr habt die Erfahrung der Septemberaktion hinter Euch. Was aber tatet Ihr nach diesem tragischen Monat? Ihr seid nach rechts abgeschwenkt. In Eurer neuen Parlamentsfraktion sind die Reformisten, d. h. die Leute, die die Revolution nicht wollen, in der Mehrheit. Euer Zentralorgan, der „Avanti“, hat sein Steuer nach rechts gelenkt. So liegen jetzt die Dinge. Man kann sich nicht der Vergangenheit rühmen, wenn die heutige Lage so klar, so überzeugend ist. Zwischen der Anerkennung der Revolution mit Worten und den rauhen Forderungen der revolutionären Lage, wie wir sie im Monat September bei Euch sahen, besteht ein Widerspruch. Aus diesem Widerspruch lassen sich zwei verschiedene Dinge folgern: entweder Ihr sagt Euch von dem Stück Eurer Vergangenheit los, das nur den Worten nach revolutionär war, und werdet nun tatsächlich revolutionär, d. h. Ihr trennt Euch von den Reformisten, die der revolutionären Aktion entgegenarbeiten, oder aber Ihr müßt Euch sagen: „Da wir die Septemberereignisse nicht herbeiwünschten, müssen wir die Methode, die diese Ereignisse hervorrief, verwerfen.“
Turati wird nicht versäumen, aus den Septemberlehren Vorteil zu ziehen; er wird es verstehen, den augenscheinlichen Widerspruch, der sich aus ihnen ergibt, hervorzuheben. Was Euch, ebenso wie Eure Partei und Eure Zentrale anbelangt, so haltet Ihr nur die Verwirrung aufrecht, die den Bankerott vom Monat September vorbereitete, bedingte, vorbestimmte, indem Ihr zulaßt, daß die Sozialistische Partei Italiens sich nach rechts entwickelt. Serratis Idee bestand in dem Zusammenschluß der Kräfte. Er wollte die Kommunisten, die Zentristen und die Reformisten in einer einzigen Partei zusammenschließen. Es gab einen Augenblick, wo dieser Gedanke des Zusammenschlusses der Kräfte durch die Hoffnung begründet werden konnte, der Partei einen möglichst großen Teil der revolutionären Kräfte zu erhalten. Er wollte es tun, er wollte diese drei Gruppierungen vereinigen, um nachher sagen zu können: „Dies sind die wahren Umrisse unserer Partei; was außerhalb steht, ist schädliches Element.“
Ihr habt denkbar bittere, klare, überaus tragische Erfahrungen gemacht. Erst nachher nahm der Gedanke der Konzentration, der anfangs ein wenig zu abstrakt war, eine bestimmte politische Form an. Dieser Gedanke war durch und durch reformistisch und nicht zentristisch, denn die Entwicklung der Partei nimmt jetzt geradeaus den Weg nach rechts.
Turati hat behauptet: „Das Proletariat war im Monat September noch nicht reif“. Ja, es war nicht reif. Habt Ihr dem Proletariat aber auch ordentlich erklärt, weshalb die Partei nicht reif war? Habt Ihr dem Proletariat gesagt: „Ja, Turati hat in dem Sinne recht, daß ihr, italienische Arbeiter, nicht reif wart, eure Partei von Elementen, die die Aktion paralysieren, zu säubern, bevor ihr euch in eine entscheidende Aktion stürztet. Turati hat in dem Sinne recht, daß das italienische Proletariat, indem es ihn in seinen Reihen behielt, zeigte, daß es im September für eine entscheidende Aktion nicht reif genug war.“ Wie steht es jetzt um das italienische Proletariat? Ich bin überzeugt, daß es viel weiser geworden ist, angesichts der Tatsache, daß die Partei, in.die es sein volles Vertrauen setzte, das Proletariat ohne es zu wollen, betrog. Gen. Lazzari ist geneigt, derartige Ausdrücke moralisch und individuell aufzufassen. Genosse Lazzari hat gesagt: „Man klagt uns des Verrats an, was haben wir aber für unseren Verrat erhalten?“ Es handelt sich jedoch nicht um einen Verrat durch einzelne interessierte Personen. Es handelt sich vielmehr um den Bankerott einer Partei. Dies aber ist politisch nichts anderes als ein Verrat an den Interessen des Proletariats. Ich frage mich: Was denkt sich das Proletariat jetzt eigentlich? Die Partei hat sich in seinen Augen unzweifelhaft stark kompromittiert. Eine neue kleine Partei, die Kommunistische Partei, ist entstanden. Wir sind überzeugt, daß diese Partei sich entwickeln wird, selbst wenn sie auch in der Zukunft ebenso isoliert bleibt, wie heute. Diese Partei wendet sich an das Proletariat und legt ihm ihr revolutionäres, kommunistisches Programm dar. Müßt Ihr nicht fürchten, daß das italienische Proletariat, wenn es sich dieses Programm anhört, sich sagen wird: „Diese Melodie habe ich ja bereits gehört, und doch hat man mich im September betrogen“. Ihr habt also für einen gewissen Zeitraum — ich hoffe, er wird ein recht kurzer sein — eine recht schwierige Situation in Italien geschaffen.
Die junge italienische Partei muß sich jetzt durch tatkräftige, mutige Arbeit das wahre revolutionäre Vertrauen wiedergewinnen, das nicht nur für eine parlamentarische Aktion — dies ist ein ganz anderes Ding, sondern auch für einen neuen Angriff gegen die kapitalistische Gesellschaft notwendig ist. Die Partei muß sieh das revolutionäre Vertrauen wiedergewinnen, das sie durch ihre Tätigkeit, oder, besser gesagt, durch ihre Untätigkeit im September verloren hat. Ihr sagt uns, daß die Turatiner sich der Parteidisziplin unterordnen. Ja, man hatte Recht, als man behauptete, daß hier für Turati plädiert wurde; es war eine Verteidigungsrede in streng juridischer Form. Was versteht man eigentlich unter Parteidisziplin? Es gibt eine formelle und eine tatsächliche Disziplin. Entweder ich bin gezwungen etwas zu tun, oder ich tue es aus freiem Willen. Zwischen diesen beiden Fällen besteht meiner Ansicht nach ein klarer Unterschied. Wir unterordnen uns der Disziplin des kapitalistischen Staates, den kapitalistischen Gesetzen. Aber inwiefern tun wir es? Insofern, als wir dazu gezwungen werden. Gleichzeitig machen wir uns jedoch über die bürgerlichen Gesetze lustig, wir gründen illegale Organe, um diese Gesetze zu vernichten. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um die bürgerliche Gesetzlichkeit zu durchbrechen und sie zu lockern. Was tut Turati mit Eurer Disziplin? Er tut genau dasselbe, Gen. Lazzari. Er unterordnet sich Eurer Disziplin in derselben Weise, wie wir uns den bürgerlichen Gesetzen unterordnen. Er gründet seine illegalen Organe, seine Fraktion in Eurer Partei. Er zettelt mit der Regierung, natürlich insgeheim, in illegaler Weise, eine Verschwörung an. Er tut alles, um diese Disziplin zu lockern, sie zu durchbrechen und vor allen Dingen tut er alles, was er kann, um sie in allen seinen Reden und in seiner Zeitung lächerlich zu machen. Er ist wissentlich, methodisch, systematisch unser Feind, ebenso wie wir die Feinde der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Gesetze sind. Hier habt Ihr die ganze Wahrheit.
Ihr sagt: „Turati hat uns aber keinen Anlaß zu seinem Ausschluß gegeben. Wir brauchen Tatsachen, diese Tatsachen fehlen uns.“ Nun, ich sage Euch, selbst wenn wir noch eine kleine Ewigkeit warten wollten, werden diese Tatsachen uns doch stets fehlen, denn Turati weiß recht wohl, was er will. Er ist kein gewöhnlicher Streber, der im kapitalistischen Staat Minister werden will. Soweit ich ihn verstehe, hat er seine eigene Politik, mit der er durchdringen will. Es ist ihm aber keineswegs daran gelegen, ein Ministerportefeuille zu erwischen. Ich stelle mir lebhaft vor, wie eine Unterredung zwischen Turati und Giolitti wohl ausfallen würde. Giolitti sagt ihm: „Hier ist das Portefeuille, das Ihnen zukommt.“ Turati aber antwortet: „Haben Sie, mein werter Kollege, nicht die feurigen Reden Lazzaris gehört? In dem Augenblick, wo ich das Portefeuille annehme, gebe ich ihm die Veranlassung in die Hand, auf die er lauert. Ich werde aus der Partei ausgeschlossen und verliere dann für Sie und für die Existenz des kapitalistischen Staates jede politische Bedeutung. Da es sich aber nicht darum handelt, noch einen sozialistischen Minister mehr einzustellen, sondern darum, die Demokratie, d. h. die kapitalistische Gesellschaft zu unterstützen, so lehne ich Ihr Portefeuille ab; denn ich will es vermeiden, meinem gestrengen Kollegen Lazzari Tatsachen in die Hand zu spielen. Im Interesse der bürgerlichen Gesellschaft wollen wir die Dinge also so lassen, wie sie jetzt sind“. Ihr sagt: Man schenkt Turati, seinen Reden, seinen Büchern, seinen Vorworten viel zu viel Aufmerksamkeit. Wir haben hier eigentlich nur einen vereinzelten Fall. Es ist eine „quantité négligeable“. Wenn dies aber der Fall ist, wenn es sich für £uch nur darum handelt, eine Einzelperson oder einige Personen, oder aber eine „quantité négligeable“ zu verlieren, weshalb seid Ihr dann so starrköpfig? Stellt Euch einmal vor, meine werten Genossen aus Italien, daß Giolitti, während wir hier diskutieren Turati telephonisch anfragt: „Liegt denn keine Gefahr darin, daß Lazzari nach Moskau gefahren ist, um dort gewisse Verpflichtungen zu übernehmen?“ Turati antwortet ihm wahrscheinlich: „Nein, nicht die geringste, es ist ein rein individueller Fall“. Wie Ihr wohl wißt, besteht in der kapitalistischen Gesellschaft eine Arbeitsteilung; indem Ihr mit der Kommunistischen Internationale brecht, um Turati zu behalten, leistet Ihr der kapitalistischen Gesellschaft gute Dienste. Ihr sagt, daß Ihr für die Kommunistische Partei Rußlands und für Sowjetrußland überhaupt die größte Begeisterung empfindet. Man gestatte mir, mich hier ein wenig frei zu äußern, und zwar nicht nur in bezug auf die italienischen Genossen, sondern in bezug auf alle anderen Parteien. (Venn man von uns spricht, so geschieht es nur zu oft in recht zartem Ton, als ob man uns nicht kränken, uns schonen wollte. Wie Ihr alle wißt, ist unsere Lage eine überaus schwierige. Ihr seid auf dem Roten Platz gewesen, Ihr habt nicht nur unsere Soldaten, unsere bewaffneten Kommunisten gesehen, die bereit sind, die III. Internationale zu verteidigen. Ihr habt auch unsere Jugend, unsere Kinder gesehen, die zum größten Teil barfuß gehen und schlecht genährt sind. Wenn Ihr unsere Fabriken besucht, könnt Ihr unsere wirtschaftliche und unsere materielle Zerrüttung beobachten, die größer ist, als jedes andere Elend.
Wer also mit der Vorstellung nach Rußland kommt, hier ein kommunistisches Paradies zu finden, wird stark entäuscht sein. Wer mit der Absicht herkommt, Eindrücke zu sammeln, um auf Rußland Elogen singen zu können, ist kein wahrer Kommunist. Wer aber hierher kommt, um Angaben über unser Elend zu sammeln und sich ihrer als Beweisführung gegen den Kommunismus zu bedienen, ist unser offener Feind. (Beifall.) Genossen, Turati, der Mitglied Eurer Partei ist, sagt über Rußland: „Die Russen haben die Sowjets und die Kommunistische Internationale zu ihren eigenen Gunsten, zu ihrem eigenen nationalen Interesse erfunden.‘ Er sagt es dem italienischen Arbeiter, der um angeblicher nationaler Interessen willen in den Krieg hineingezogen und, wie alle anderen, betrogen wurde. Nun malt man ihm ein anderes nationales Schreckgespenst, Sowjetrußland, das durch die Kommunistische Internationale seinen eigenen nationalen Interessen dienen will. Wenn Ihr die deutschen Zeitungen aus der Zeit der Märzaktion zur Hand nehmt, findet Ihr dort denselben Gedanken über die Lage der Sowjets. Es heißt dort, die Sowjets seien in jenem Augenblick stark kompromittiert gewesen; um sich zu retten, hätte Sowjetrußland durch Vermittlung der Kommunistischen Internationale den Beginn der revolutionären Aktion in Deutschland angeordnet. Unsere niederträchtigsten Feinde verbreiten nun das Märchen — Turati ist einer der eifrigsten, die dabei mithelfen —, daß wir, um uns in unserer inneren Lage Rat zu schaffen, von den übrigen Parteien revolutionäre Taten fordern, die mit der inneren politischen und sozialen Entwicklung des betreffenden Landes in keinerlei Zusammenhang stehen. Wenn wir Leute, die diesen Gedanken verbreiten, auch noch weiter in der Internationale behalten, können wir die Internationale in eine recht schwierige Lage bringen.
Genossen, wir haben in unserem Lande einen Stützpfeiler der Weltrevolution errichtet. Unser Land ist noch stark zurückgeblieben, noch sehr barbarisch. Es bietet ein Bild des Elends dar. Aber wir verteidigen diesen Stützpfeiler der Weltrevolution, weil es gegenwärtig keinen anderen gibt. Wenn in Frankreich oder in Deutschland ein anderer Pfeiler erstehen wird, wird der russische 9/10 seiner Bedeutung verlieren. Wir sind ohne weiteres bereit, zu euch nach Europa zu gehen, um diesen anderen, wichtigeren Pfeiler zu verteidigen. Genossen! Es ist ein Blödsinn, zu glauben, daß wir den russischen Stützpfeiler als Mittelpunkt der Welt betrachten. Es ist ein Unsinn, anzunehmen, daß wir glauben, von Euch fordern zu dürfen, daß Ihr in dem Augenblick, wo es für unsere innere Politik notwendig ist, in Deutschland, in Frankreich, in Italien die Revolution machen sollt. Wenn wir eines solchen Verrats fähig wären, verdienten wir alle, an die Wand gestellt und einer nach dem anderen niedergeschossen zu werden.
Genosse Lazzari! Wie können wir in derselben Internationale mit Turati bleiben, der Mitglied Eurer Partei ist und unsere Internationale eine „phantastische Internationale“ nennt? Dies ist sein Ausdruck. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind tot, für diese Internationale aber leben sie ewig. Wie aber können wir in den Reihen unserer Internationale Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Turati vereinigen? Turati hat gesagt, daß unsere Organisation eine phantastische ist. Man bedenke nur, daß er noch gestern zu ihren Mitgliedern zählte! Dies ist wahrhaftig ein phantastischer Fall in der Dritten Internationale! (Lebhafter Beifall.)
Loriot (Kommunistische Partei Frankreichs). Genossen! Gen. Lazzari konnte in seinen Ausführungen der Versuchung nicht widerstehen, die Stellung der Italienischen Sozialistischen Partei dadurch zu rechtfertigen, daß er die Französische Sozialistische Partei angriff. Gen. Lazzari beschränkte seine Kritik jedoch auf gewisse Mitglieder der französischen Partei; er ging nicht so weit wie Serrati, der auf dem Kongreß zu Livorno seine ganze Rede auf dieser Kritik aufbaute. So diskret die Andeutung des Gen. Lazzari über den Gen. Frossard auch war, können wir sie doch nicht mit Stillschweigen übergehen, da sie zu völlig irrigen Schlußfolgerungen Anlaß gegeben hat. Die französische Delegation wird nichts sagen, was das Ansehen der Sozialistischen Partei Italiens verringern könnte; sie wird nichts sagen, was den Glorienschein, der die Sozialistische Partei Italiens während des Krieges umgab, trüben könnte. Sie wird auch nicht darüber nachforschen, inwiefern die Erfahrung des Tripolitanischen Krieges und die Tatsache, daß. der imperialistische Charakter der Intervention, in die Italien hineingezogen wurde, der Arbeiterklasse bekannt war, die Richtung beeinflußte, die die Italienische Sozialistische Partei während des Krieges einschlug. Wir lassen die Dienste, die Ihre Partei, Gen. Lazzari. der Sache des Kommunismus geleistet hat, keineswegs außer acht. Wir vergessen durchaus nicht, daß Ihr nach Zimmerwald, namentlich für uns, zum Leitstern wurdet. Was mich anbelangt, so habe ich besonders guten Grund, es im Auge zu behalten. Denn als ich als einziger Vertreter der äußersten Linken der Französischen Partei in London weilte, fand ich niemanden außer den italienischen Genossen, der mein Vorgehen unterstützt hätte; niemand außer den Genossen Lazzari und Modigliani wollte unseren Antrag unterschreiben. Dieser Antrag, Gen. Lazzari, bezog sich jedoch auf eine ganz bestimmte Situation, die von der heutigen grundverschieden ist. Ebenso ist Zimmerwald, auf das Sie sich so oft berufen, zwar eine geschichtliche Tatsache von unbestreitbarer Bedeutung; es gehört aber doch bloß der toten Vergangenheit an. Merrheim und Martow waren in Zimmerwald zugegen. Will dies etwa sagen, daß sie heute Recht haben? Kann man sich bei der Einschätzung ihrer heutigen Tätigkeit auf ihre früheren Verdienste berufen? Ebenso wenig wie die Kämpfer können die Parteien von ihrer Vergangenheit zehren. Man muß sie stets nach der Gegenwart beurteilen. Ihr zieht eine Parallele zwischen der Französischen Sozialistischen Partei und der Sozialistischen Partei Italiens, vergeßt aber dabei, mit der Gegenwart zu rechnen. Deshalb könnt Ihr Euch auch kein richtiges Urteil bilden. Wenn Ihr über die gegenwärtige Lage nachdenken wolltet, würdet Ihr einsehen, daß Ihr nicht das Recht habt, die Französische Partei anzuklagen, wie Serrati es getan hat. Was an Eurer Kritik gerechtfertigt ist, lassen wir uns gern gefallen. Wir wissen, daß unsere Partei noch nicht ganz kommunistisch ist, daß sie in ihrem Schoße Genossen birgt, die noch nicht ganz von kommunistischem Geiste durchdrungen sind und sich manchmal kleinbürgerlich-opportunistische Handlungen zuschulden kommen lassen. Wie dem auch sei, welche Kritik man an der Französischen Partei auch üben könnte, so steht es doch fest, daß sie sich auf dem Wege zur Revolution befindet. Gewiß, es geschieht immer wieder, daß sie sich auf dem neuen, dornenvollen Wege die Füße wund stößt. Sie ist noch zu jung, um nicht über die Hindernisse zu stolpern, die sie zu überwinden hat. Aber sie hat das Bewußtsein, daß sie sich auf dem richtigen Wege befindet und den festen Willen, zum Ziele zu gelangen. Und das ist das Wichtigste. Die Lage in der Italienischen Partei ist dagegen eine ganz andere. Sie ist im Gegenteil auf dem Wege zur Reaktion, sie steht im Begriff, von der Bourgeoisie aufgesaugt zu werden. (Zwischenruf: „Ist dies Ihre eigene Entdeckung?“) .. . Es ist keine Entdeckung. sondern meine Überzeugung, die auf der Geschichte der Parteien selbst und auf der Beobachtung ihrer Entwicklung beruht. Ich habe mich bemüht, Euch zu beweisen, daß meine Überzeugung richtig ist. Die italienischen Genossen protestierten soeben, als man die Anklageakte gegen Turati verlas. „Wir verteidigen hier ja nicht die Sache Turatis“, wendeten sie ein. Ob Sie es nun zugeben oder nicht, Gen. Lazzari, so ist es doch die Sache Turatis, die Sie hier verteidigen, während Sie glauben, für Ihre Partei einzutreten. Beobachtet einmal, was ringsumher vorgeht, was namentlich in der Französischen Partei vorging, als es zu einer Spaltung kam, die bei Euch ebenso wie bei uns erfolgte. In einer alten Partei bleiben stets Elemente zurück, die den ausgeschiedenen Elementen nahezustehen glauben und ihnen manchmal auch tatsächlich sehr nahe stehen. Es geschieht manchmal sogar — und zwar war es in Frankreich der Fall —, daß gerade diese Elemente im Augenblick der Spaltung die Partei lenken. So hat es den Anschein, als ob die Französische Partei mit Longuet und Paul Faure, und die alte italienische Partei mit Serrati auf demselben Boden stehen, auf dem sie zur Zeit der Spaltung standen. Dies ist ein Irrtum. Der Bruch verstärkt stets den Einfluß der Rechten, da ihr dann kein Gegengewicht mehr gegenübersteht. Die linken Elemente werden, insofern sie gegen die neue Partei nicht auf das erbittertste vorgehen, an Händen und Füßen geknebelt oder aber gezwungen, in ihrer Kritik, auf die sie immer mehr angewiesen sind, bewußt oder unbewußt aus ihren früheren Grenzen herauszutreten. Also gleiten sie die schiefe Ebene herab und verschmelzen sich allmählich mit der Rechten.
Welche Rolle spielen die angeblich revolutionären Elemente, die sich nach der Spaltung von uns abkehrten, in der Französischen Partei? Was ist aus den Paul Faure, den Pressemane, den Longuet geworden, die da versicherten, daß sie dieselben bleiben würden? Im Augenblick der Spaltung machte es den Eindruck, als ob sie die Herrschaft über ihre Partei auch noch weiter behalten würden. Welche Rolle spielen sie aber tatsächlich? Die Partei steht seit der Spaltung nicht mehr unter ihrem Einfluß. Sie sind in den Hintergrund gedrängt worden. Seht Euch einmal den „Populaire“ an. An welche politischen Grundsätze halten sich die Abtrünnigen seit der Spaltung? Wer inspiriert sie? Die Männer aus der äußersten Rechten. Leon Blum ist heute die Seele der politischen Orientation der Abtrünnigen. Was ist das Neueste, das diese abtrünnige Partei, in der die angeblich revolutionären Elemente heute nichts zu sagen haben, ausgeheckt hat? Sie will den linken Block wieder herstellen. Sie will, daß die Partei sich mit den französischen Radikalen vereinige. Dies ist die Politik, die die Paul Faure, die Longuet und die Leute, die deren revolutionäre Redensarten ernst nehmen, heute befürworten. Dieser oder jener unter ihnen widersetzt sich wohl hier und da dieser Politik, zum mindesten in Worten. Ihr Widerstand ist jedoch kraft- und marklos und findet außerhalb der Partei keinen Widerhall.
Der „Populaire“ spiegelt bloß die Ansicht der Mehrheit wider. Die Leute, die sich noch einen gewissen revolutionären Glauben erhalten haben, die noch vorgeben, Sozialisten bleiben zu wollen — wenn es überhaupt noch solche Leute unter den Abtrünnigen gibt —, werden sich eines schönen Tages gezwungen sehen, den Schritt zu tun, zu dem sie sich in Tours nicht entschließen konnten, und zwar, die Partei, deren Tätigkeit immer verräterischer wird, zu verlassen und in die Kommunistische Partei zurückzukehren. Ihr habt auch bei Euch selbst ein treffendes Beispiel der Irrungen, in die Ihr hineingezogen werdet und die Euch geraden Weges zur Mitarbeiterschaft mit der Regierung führen. Da ist Serrati, der seit seiner Rückkehr aus Rußland seine Stellung von Merrheim von den verkapptesten berüchtigsten Renegaten ohne weiteres ausnutzen läßt. Da ist der Gen. Alessandri. An welchem französischen Organ betätigt er sich’? An dem „Populaire“, der Zeitung, die vor einigen Tagen bei dem Attentat gegen Lafont so tief sank, daß sie die bürgerliche Politik verteidigte. Gen. Lazzari, die Zukunft gehört der Linken. Falls es in Ihrer Partei noch wahre Revolutionäre gibt, die aufrichtig die volle Befreiung des Proletariats anstreben, so dürfen diese nicht länger in einer Partei bleiben, der Turati noch immer angehört. Entweder müssen sie Turati und die ihm folgenden Reformisten aus der Partei ausschließen, oder aber sie müssen selbst die Partei verlassen. Dadurch werden sie nicht nur der italienischen Revolution, sondern auch der Revolution aller westeuropäischen Völker, d. h. der Weltrevolution dienen.
Losowski. Genosse Maffi hat gesagt, daß die italienischen Reformisten ihren Auffassungen gemäß arbeiten. Das ist eine absolute Wahrheit. Uns interessiert es, die Haltung der Italienischen Sozialistischen Partei kennen zu lernen. Die Tätigkeit der Partei beweist, daß nicht nur die italienischen Reformisten ihren eigenen Auffassungen gemäß arbeiten, sondern auch die ganze Partei sich nach den Auffassungen der Reformisten richtet. Dieser Umstand ist noch viel bedeutsamer.
Ich habe das Wort ergriffen, um ein Beispiel anzuführen. Auf dem Kongreß der italienischen Allgemeinen Arbeiter-Konföderation (C.G.L.) zu Livorno hatte man beschlossen, zwischen der Partei und der C.G.L. die engsten Bande zu knüpfen und das Wesen der Vereinigung der beiden Organisationen von dem Zentralkomitee der Partei und der C.G.L. bestimmen zu lassen. Die italienischen Genossen wissen es. Der Genosse Lazzari wird es bestätigen, daß die Politik der C.G.L. im allgemeinen dieselbe ist, wie die der Sozialistischen Partei Italiens. Auf dem Kongreß zu Livorno gelangte eine Resolution über die Rote Gewerkschaftsinternationale zur Abstimmung. Diese Resolution lautet wörtlich:
Rückhaltloser Anschluß an die Initiative zur Gründung einer Roten Gewerkschaftsinternationale unter der absoluten Bedingung, daß das Band zwischen der Konföderation der Arbeit und der Sozialistischen Partei bestehen bleibe und für Italien das Prinzip einer einheitlichen Gewerkschaftsbewegung in der Konföderation selbst anerkannt werde, und
Bruch mit dem Amsterdamer Gewerkschaftsbund in Übereinstimmung mit den Beschlüssen, die der Moskauer Kongreß fassen wird.
Genossen, mir scheint, wenn der Kongreß sagt, daß er mit Amsterdam brechen und sich dem Beschluß des Moskauer Kongresses unterwerfen werde, so ist es ganz offenbar, daß die Beziehungen zwischen der italienischen C.G. L. und dem Amsterdamer Gewerkschaftsbund nicht mehr so enge sein werden; wir sehen jedoch, daß die italienische C. G. L. sich seit dem Kongreß zu Livorno dem Amsterdamer Gewerkschaftsbund nähert und sich von dem Roten Gewerkschaftsrat immer mehr entfernt. Gemäß dem Beschlusse des Nationalrats der C.G.L. vom Monat April sollte die C.G.L. sich in der Frage des Faszismus an die . Amsterdamer Internationale wenden. Die italienische C.G.L. wendet sich also an eine Organisation, von der sie genau weiß, daß sie nichts tun will und kann, an eine Organisation, deren Rolle es ist, die Weltrevolution zu sabotieren. Ich glaube, daß es nicht einen einzigen Genossen gibt, der nicht wüßte, welcher Art die Leistungen der Jouhaux. Huysmans und Konsorten sind, die an der Spitze dieser „Internationale“ stehen. Und doch wendet sich die italienische C.G.L. an den Amsterdamer Gewerkschaftsbund. Dieser antwortet mit einem freundschaftlichen Schreiben, in dem er der C.G.L. die Sendung von 50000 Lire für den Kampf gegen den Faszismus anmeldet. Was könnte das wohl bedeuten? Was hat die C.G.L. geantwortet? Sie schickt dem Amsterdamer Gewerkschaftsbund ein Sympathieschreiben, in dem sie sagt:
„Wir danken der Gewerkschaftsinternationale, die, indem sie unserer Bewegung in schwerer Stunde zu Hilfe kommt, einen Beweis liefert, daß das internationale Proletariat mit uns solidarisch ist.“
Die italienischen Genossen wissen sehr gut, daß dieselben Herrschaften, die ihnen 50000 Lire geschickt haben, im Internationalen Arbeitsbüro mit den Großindustriellen Italiens, wie Albert Pirell, und mit Herrn Michelis, dem Vertreter der monarchistischen Regierung Italiens, Seite an Seite sitzen. Im Internationalen Arbeitsbüro halten sie gute Nachbarschaft mit denjenigen, die den Faszismus und die Pogroms in Italien organisieren; mit ihrer linken Hand schicken sie dem italienischen Proletariat 50 000 Lire, und ihre Rechte strecken sie denen hin, welche die Pogroms in Italien organisieren. Dieser Höflichkeitsaustausch zwischen der C.G.L. und dem Amsterdamer Gewerkschaftsbüro beweist, daß die C.G.L. viel weiter geht, als es der Kongreß zu Livorno haben wollte.
Was hat die Partei hierüber beschlossen? In dem „Avanti“ finde ich die Erklärung zu dieser Solidaritätsbezeugung. Der „Avanti“ schreibt:
„Die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, die unserer Konföderation unlängst die weiter unten angeführte Botschaft der Solidarität sandte, ist mit uns über die dringenden Bedürfnisse der proletarischen Bewegung nicht völlig einig. Einige ihrer Führer sind von unseren Idealen sogar recht weit entfernt. Wenn der gegenwärtige Augenblick eine Polemik gestatten würde, könnten wir einigen unter ihnen vorwerfen, daß sie sich während des Krieges mit Elementen solidarisierten, die heute bei uns sowie im Auslande die verstocktesten Vertreter der kapitalistischen Reaktion sind. Fern sei es uns jedoch, die Bedeutung dieser internationalen Solidaritätskundgebung, die uns tief gerührt hat, verringern zu wollen.“
Kann man Leuten, die an der Spitze des Amsterdamer Gewerkschaftsbüros stehen, ihre verräterische und perfide Tätigkeit während des Krieges vorwerfen? Nein. Man kann ihnen aber das vorwerfen, was sie jetzt in Frankreich, in England und in Deutschland tun; man muß den Leuten, die an der Spitze der Gewerkschaftsbewegung stehen, vorwerfen, daß sie die größten Feinde der revolutionären Bewegung sind. Sind sie es nicht, die bei der Erdrosselung der Märzaktion in Deutschland mitgeholfen haben? Warum schreibt denn das Zentralorgan der Partei, daß man ihnen nur ihre Tätigkeit während des Krieges vorwerfen könne? Und was tun sie jetzt? Wenn sie der C.G.L. Geld schicken, wird ihre Tätigkeit dadurch untadelhaft? Steht dieser Fall etwa vereinzelt da? Keineswegs. Wenn die Partei eine reformistische Politik führt, läßt sie die C.G.L. dem Amsterdamer Gewerkschaftsbund zugleiten.
Und um Euch zu beweisen, welcher Geist unter den Führern der C.G.L. Italiens herrscht, werde ich Euch ein anderes Beispiel anführen. Wir haben vor einigen Tagen ein Telegramm der italienischen C.G.L. erhalten, das wie folgt lautet:
„Die C.G.L. schlägt vor, den internationalen Kongreß nach Stockholm oder nach Reval einzuberufen und ihn auf den Monat August zu verschieben, damit man die Resolution des Kongresses der III. Internationale vorlegen könne. Der Kongreß muß sich nach Behandlung der allgemeinen Fragen speziell mit der internationalen Stellung der Gewerkschaften, mit ihrem Programm und dem der Kommunistischen Internationale beschäftigen.“
Wir antworteten, daß wir bereit sind, einen Kongreß nicht nur in Stockholm, sondern auch in Italien selbst zu veranstalten; der schon einberufene Kongreß könne jedoch für keinen Fall aufgelöst werden. Es war uns ein Rätsel, was man mit dieser Verlegung des Kongresses nach Stockholm oder Reval bezwecken wollte. Soeben erhielten wir jedoch ein Schreiben von d’Aragona vom 25. Mai. Das Telegramm war später abgesandt worden, als das Schreiben. Im letzteren finden wir die Erklärung zu dem Vorschlage, unseren Kongreß nach Stockholm zu verlegen. D’Aragona schreibt:
„Um allen Delegierten die Möglichkeit zu gewährleisten. den Kontakt mit ihren Mandatgebern ununterbrochen aufrecht zu erhalten und um den Wert der Mandate genau kontrollieren zu können, wäre es uns erwünscht, daß der Kongreß in einer diesem Zwecke entsprechenden Stadt stattfinde. Um auch Euren Interessen gerecht zu werden, würden wir Stockholm oder Reval vorschlagen.“
Es fragt sich, ob die schwedische Regierung einem solchen Kongresse die Tagung gestatten würde. Könnten wir sicher sein, daß die Regierung die Delegierten nicht einkerkern würde? Und was soll dieser zweideutige Satz bedeuten, daß man in Stockholm oder in Reval den Wert der Mandate besser kontrollieren könnte? Sie deuten an, daß hier in Moskau die Vertretung gefälscht werden könnte und daß wir ,„Strohmänner“ aufstellen könnten. Um eine „Kontrolle“ zu ermöglichen, wollen sie sich also in Stockholm, unter der Gönnerschaft einer bürgerlichen Regierung versammeln. Genosse Lazzari, was soll das bedeuten? Ja, dies ist gewiß eine sehr gewandte Politik, aber ich halte sie nicht für sehr weise. Mir will es scheinen, daß die Genossen, die an der Spitze der C.G.L. stehen, in diesem Schreiben lavieren und durch eine andere Tür wieder hineinzukommen suchen.
Dieses Geld, das man von dem Amsterdamer Gewerkschaftsbureau erhielt, dieser freundschaftliche Briefaustausch zwischen der C.G.L. und dem Amsterdamer Gewerkschaftsbureau und schließlich das uns gesandte zweideutige Schreiben, das allzu sehr nach Diplomatie riecht, diese ganze Taktik sagt uns, daß die italienische C.G.L. sich anschickt, durch die Hintertür in das Amsterdamer Gewerkschaftsbureau einzutreten. Genossen, ich glaube kaum, daß die italienischen Arbeiter ihren Führern erlauben werden, diese zweideutige Politik zu führen. Die in Livorno gefaßte Resolution ist ziemlich klar. Sie lautet: Wir werden es mit der Roten Gewerkschaftsinternationale halten. Was sehen wir jedoch? Statt sich der Roten Gewerkschaftsinternationale zu nähern oder sich an uns zu wenden, wendet man sich an Amsterdam, das moralisch mit den Leuten in Verbindung steht, die die Pogroms in allen Ländern organisieren. Diese Tatsachen liefern uns einen klaren Beweis, daß die Italienische Sozialistische Partei sich fest im Räderwerk des Reformismus verfangen hat. Es gibt aber eine Logik der Handlung. Man kann sich nicht von sämtlichen Tatsachen lossagen. Wenn man die Linke bekämpft, nähert man sich unrettbar der Rechten. Man kann nicht immer auf dem Seil tanzen, man fällt entweder nach links oder nach rechts. Was taten die italienischen Genossen während des Kongresses zu Livorno? Es war eine Rechtsschwenkung auf ihrem gesamten Arbeitsgebiet. Ich habe die Gewerkschaftsbewegung im Auge. Nun, Genosse Lazzari, sagen Sie uns ganz gerade heraus, was Sie von dem Vorschlage der C.G.L. Italiens, unseren Kongreß nach Stockholm zu verlegen, halten? Kann die C.G.L. uns garantieren, daß wir dort unsere Sitzungen werden abhalten können? In diplomatischer Hinsicht ist es ein geschickter Zug, aber er ist macchiavellistisch. (Das ist ja ein italienisches Wort.) Vom Klassenstandpunkt und vom revolutionären Standpunkt darf man nicht dergleichen Vorschläge machen, wenn man weiß, daß in Moskau schon Hunderte von Delegierten eingetroffen sind, und daß z. B. die Delegierten aus Amerika und anderen fernen Ländern schon zwei Monate vor dem Kongreß aus der Heimat abreisen mußten, um rechtzeitig einzutreffen. Meiner Meinung nach zeigen dieser Vorschlag und dieser Versuch, sich von der internationalen Gewerkschaftsorganisation loszumachen, uns ganz klar, daß die Italienische Partei durch die gewerkschaftliche Tür des Amsterdamer Bureaus hinein will, um durch die politische Pforte in die 2½. oder in die II. Internationale zurückzukehren; denn die Gewerkschaftsbewegung und die Politik sind Dinge, die sich nicht voneinander trennen lassen.
Gebt Acht, Genossen Lazzari und Maffi, die Ihr mit den anderen getreuen Genossen wollt, daß die Partei sich nach links wende, betrachtet diese Tatsachen genau; es sind keine vereinzelt dastehende Tatsachen, es ist eine allgemeine Politik, die da beweist, daß die Sozialistische Partei Italiens seit dem Livornoer Kongreß in der Gewerkschaftsbewegung und in ihrer ganzen Tätigkeit nach rechts abgeschwenkt ist. Hierin liegt für das italienische Proletariat eine überaus große, aktuelle Gefahr.
Wenn die Faszisten Arbeitsbörsen zerstören und Pogroms veranstalten, wenn sie die Gewerkschaften zerstören und die kämpfenden Proletarier ermorden, so geschieht das, weil die Genossen aus der Italienischen Sozialistischen Partei nicht genügenden Widerstand leisten. Ich habe den Bericht über eine sozialistische Versammlung gelesen, die die Frage des Widerstandes gegen den Faszismus behandelte. Es wurden dort Reden von tolstoianischer Färbung gehalten. Und doch ist dies keine Zeit des Tolstoianertums, keine Zeit der Passivität. Um den Faszismus zu bekämpfen, muß die Italienische Partei die Reformisten aus ihrer Mitte weisen. Widrigenfalls ‘werdet Ihr nach rechts gedrängt, das italienische Proletariat aber wird nach links gehen und die Revolution ohne Euch und gegen Euch machen.
Rakowski. Genossen! Im Namen der ukrainischen Delegation schlage ich Schluß der Debatte vor. Die Frage ist zur Genüge erörtert, und ich glaube, daß eine weitere Diskussion nicht den Interessen des Kongresses entspricht. (Zustimmung.)
Vors. Kolarow. Erhebt jemand Einwendung gegen den Vorschlag des Gen. Rakowski? Nein. Ich erkläre ihn daher für angenommen. Das Wort hat Gen. Koenen zur Unterbreitung einer Resolution über den Bericht des Exekutivkomitees.
Koenen. Genossen und Genossinnen, als Extrakt der ‚Diskussion über den Bericht der Exekutive ist uns von einer ganzen Reihe Delegationen eine Resolution mit Unterschriften eingereicht worden, die wir jetzt annehmen und für die Delegationen vorschlagen sollen.
Die Resolution lautet:
Es folgt die vom Kongreß angenommene „Resolution zum Bericht des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale“: siehe die Seite des Kongresses.
Diese Resolution wurde von folgenden Delegationen vorgeschlagen:
Unterschriften für die Delegationen: "K.P. Italien: Terracini. — K.P. Bulgarien: Kolarow. — K.P. Polen: A. Michalak. — K. P. Deutschland: Thalheimer, Frölich. — K.P.Norwegen: Schafts. — K.P. Tschechoslowakiens (Deutsche Abteilung): Kreibich. — K.P. Ungarn: Szanto. — K.P. Österreich: Tees — K.P, Schweiz: Rosa Grimm — KP. Rumänien: A. Badulescu.
Für die kommunistische Jugendinternationale: Willy Münzenberg.
Loriot (Kommunistische Partei Frankreichs). Genossen! Die französische Delegation hat die vorliegende Resolution noch nicht unterschrieben. Die italienische Frage konnte ihrer Ansicht nach wohl als Ganzes erörtert werden, nicht aber die deutsche Frage. Diese besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Fragen: 1. die Märzaktion, 2. die Frage der K.A.P.D. Wir begreifen sehr wohl, was den Kongreß veranlaßt hat, in der soeben beendeten Debatte nur die Frage der K.A.P.D. zu behandeln. Die französische Delegation vertritt die Ansicht, daß die Märzaktion nicht im Plenum des Kongresses erörtert werden kann. Jedoch dürfen die Delegationen über diese Sache nicht völlig im unklaren gelassen werden. Die französischen Vertreter schlagen daher vor, daß der Kongreß unverzüglich eine Sonderkommission zur Behandlung dieser Frage einsetze. Ebenso und aus denselben Gründen hat der Kongreß es unterlassen. zu erörtern, wie die Exekutive dazu kam, so zu handeln wie sie es tat. Dieselbe Kommission könnte sich auch mit dieser Frage beschäftigen. Bevor der Exekutive die Vollmacht erteilt wird, die Frage der Verschmelzung der K.A.P.D. mit der K.P.D. zu entscheiden, müssen die Delegationen mit den Maßnahmen bekanntgemacht werden, die die Exekutive zu ergreifen gedenkt; diese Maßnahmen müssen von den Delegationen erörtert werden. Wir beantragen daher, die Debatte zu schließen und die Abstimmung aufzuschieben, bis die Kommission, deren Bildung wir vorschlagen. ihre Arbeit beendet.
Souvarine (Kommunistische Partei Frankreichs). Wir beharren nicht durchaus auf einer Sonderkommission; wir wären zufrieden, wenn die bereits ernannte Kommission zur Arbeit schreiten würde.
Loriot (Kommunistische Partei Frankreichs). Es ist nicht gerade wichtig, daß eine neue Organisation geschaffen werde; viel wichtiger ist es, eine der alten zur Arbeit, von der ich sprach, zu veranlassen.
Sachs (K.A.P.D.). Genossinnen und Genossen! Ich spreche zur Geschäftsordnung, und zwar im Auftrage der Delegation der K.A.P.D. Wir bitten erstens, den Antrag der französischen Delegation auf Abstimmung über die vorliegende Resolution am Schluß der Arbeiten anzunehmen.
Wir bitten zweitens, schon jetzt festzulegen, daß die Abstimmung über diese Resolution abschnittsweise erfolgen soll, indem die einzelnen Fragen getrennt gruppiert und dann natürlich erst über die Gesamtresolution noch einmal als Ganzes abgestimmt wird. Für diese getrennte Abstimmung legen wir zu der Frage, die die K.A.P.D. betrifft, einen Gegenantrag gegen den betreffenden Passus der Gesamtresolution vor. Ich darf diesen Antrag hier verlesen.
Die 21 Bedingungen des II. Kongresses sind künftig noch weniger als bisher geeignet, irgendeine Garantie gegen reformistische Versumpfung zu schaffen.
Die III. Internationale bedarf nach der Schaffung und Aufnahme großer zentristisch und reformistisch durchsetzter Massenparteien dringender als je der Anwesenheit einer rein proletarisch-revolutionären Opposition.
Eine solche Opposition vermag nur wirksam zu werden, wenn sie nicht erdrückt wird durch den Apparat und die Stimmenzahl einer Partei, die prinzipiell Massen um jeden Preis in sich vereinigen will und so notwendig opportunistisch sein muß.
Die V.K.P.D. speziell steht noch heute in ihren taktischen Prinzipien auf dem Boden Paul Levis; selbst der linke Flügel ist bestenfalls in einer verhängnisvollen Selbsttäuschung befangen.
Schließlich bilden sich in fast allen Parteien der Kommunistischen Internationale Strömungen heraus, die der K.A.P. verwandt sind, die aber nur dann sich günstig im Interesse der proletarischen Revolution und der K.l. weiterentwickeln können, wenn die K.A. P.D. als besondere Partei innerhalb der K.I. bestehen bleibt.
Aus allen diesen Gründen beantragen wir:
Der Kongreß möge die weitere Zugehörigkeit der K.A.P.D. als sympathisierende Organisation beschließen. Falls die weitere Kommissionsverhandlung dieser Frage angenommen wird, sind wir damit einverstanden, daß auch dieser Antrag zunächst mit in die Kommission gelangt. Falls die Kommissionsverhandlung abgelehnt werden sollte und man hier zur Abstimmung schreiten will, würden wir zu einer kurzen Begründung dieses Antrages noch um das Wort ersuchen.
Radek. Genossinnen und Genossen, ich bitte, den Antrag der französischen Delegation abzulehnen, und zwar aus folgenden Gründen: Der Genosse Loriot nannte eine Anzahl von Fragen, über die wir diskutiert haben und die zum Bericht der Exekutive gehören. Die italienische Frage, die K.A.P.D.- Frage usw. Er gab zu, daß diese Fragen hier genügend geklärt worden sind. Die einzige Frage, in der er die Klärung vermißt und deretwillen er die Vornahme der Abstimmung erst nach der Arbeit einer Kommission verlangt, ist nach seiner Meinung die Märzaktion. Aber über die Märzaktion enthält die Resolution zum Bericht der Exekutive nichts. Also, wenn der Genosse Loriot und die französische Delegation erklären, daß sie noch nicht genügend informiert sind, und ich glaube ihnen das, so sollte sie das nicht stören, ihre Meinung über die Tätigkeit der Exekutive auszudrücken, (Zustimmung). Die Exekutive hat die Märzaktion nicht gemacht. Also die fehlende Information in dieser Frage kann sie nicht stören, ihre Meinung über die gesamte Tätigkeit der Exekutive zu äußern.
Was die Kommission anbetrifft, so haben wir eine Kommission für Taktik. Diese Kommission wird nicht die Vergangenheit, sondern die Taktik zu prüfen haben. Keine einzige Frage wurde hier beim Bericht angeschnitten, die nicht eine weitere Prüfung in einer besonderen Kommission erfordern würde. Was die Gründe anbetrifft, warum bisher die Taktikkommission nicht tagte, so sind sie einfach. Wir haben nach der ersten Sitzung der Taktikkommission festgestellt, daß nur die Thesen der russischen Delegation vorliegen, und es wurde beschlossen, daß jede Delegation einen Bericht über ihre taktische Linie schriftlich einzuliefern hat als Grundlage der weiteren Diskussion. Da dem Vorsitzenden der Kommission weder neue Resolutionen, noch ein Bericht der französischen Delegation vorlagen, so war es unmöglich, die Taktikkommission einzuberufen. Aus diesem Grunde schlage ich vor, die Resolution des Gen. Loriot abzulehnen, trotz der Unterstützung seitens der K.A.P.D. Was den Antrag der K.A.P.D. auf Trennung der Resolution in einzelne Teile anbetrifft, so ist das ein technischer Antrag. Und wenn es hier Gruppen gibt, die für Teile stimmen wollen, und für einzelne Teile nicht, so ist es loyal, wenn man die Trennung vornimmt. Was die Erklärung der K.A.P.D. anbetrifft, die Forderung nach Sonderstellung der K.A.P.D., weil sie die Flasche sein will, in der man den revolutionären Spiritus finden wird, um uns zu erwärmen und zu erheitern (Heiterkeit), so genügt die bisherige Diskussion, daß wir jetzt entscheiden, ob Euch dieser Spiritus besonders gefallen hat. Was die Forderung der K.A.P.D. in ihrer Erklärung anbetrifft, daß wir ihnen wegen der guten Qualität, ein revolutionäres Pluralwahlrecht geben sollen, so ist jetzt die Möglichkeit gegeben, darüber zu urteilen. Ich schlage also vor, die Resolution des Gen. Loriot abzulehnen, dem Antrage der K.A.P.D. auf Trennung der Abstimmung aber beizupflichten.
Heckert (V.K.P.D.). Genossen! Die deutsche Delegation hat aus dem Antrag Loriot folgendes herausgehört: Man müsse die Angelegenheit der Märzaktion in einer Kommission verhandeln deswegen, weil man nicht alles vor dem Kongreß sagen kann. Sollte aus diesem Grunde der Antrag Loriot gestellt worden sein, dann bitte ich die deutsche Delegation, ıhn dringend abzulehnen, denn wir haben nicht die Absicht, in der Kommunistischen Internationale die Ohrenbeichte einzuführen. (Rufe: Sehr richtig!) Wenn man aber wünscht, daß die Märzaktion vor einer besonderen Kommission verhandelt wird, ehe sie vor das Plenum kommt. dann genügt die Taktikkommission. Im übrigen schließen wir uns den Ausführungen des Genossen Radek an. (Zustimmung).
Sinowjew. Ich habe nicht die Möglichkeit mit allen Mitgliedern «der Exekutive über die geschaffene Lage zu sprechen, aber ich bin überzeugt. daß ich die Meinung fast aller Mitglieder der Exekutive ausdrücken werde, wahrscheinlich aller, wenn ich folgendes erkläre:
Ich hoffe, daß beim Antrag der Genossen der französischen Delegation vielleicht nur ein technisches Mißverständnis, aus Mangel an Sprachkenntnissen vorliegt. Wir sind der Meinung, daß die Märzaktion selbstverständlich im nächsten Punkt der Diskussion über die Taktik, besprochen werden muß. Dort ist der richtige Platz, das ausführlich zu tun. Insofern sind wir mit den französischen Genossen einverstanden, daß man diese Frage ausführlich prüfen muß. Wenn die Genossen der französischen Delegation das fordern, so ist es ziemlich leicht, sich mit ihnen zu verständigen. Wenn das nicht der Fall ist, so muß ich als Berichterstatter erklären, daß ich darin nichts anderes als ein etwas verhülltes Mißtrauensvotum gegen die Exekutive sehe. Wir bitten unsere französischen Freunde, das offen und klar zu sagen: Selbstverständlich haben sie das Recht. mit unserer Tätigkeit nicht zufrieden zu sein. Aber dann soll man das offen in einer Resolution erklären, das ist viel besser, und politisch viel weniger geeignet. unsere Beziehungen zu vergiften. Einfach das Votum zu verschieben ist aber unmöglich. Das ist klar. Man hat vier Tage hindurch eine politische Diskussion und dann kann man nicht sagen: Für oder gegen? Die ganze Welt verfolgt unsere Arbeit. Sollten wir heute nicht abstimmen, wird man das nicht anders auslegen. als daß darin ein Mißtrauensvotum gegen die Exekutive zum Ausdruck gelangt. Ich wiederhole: Unsere französischen Genossen haben vollkommen das Recht zu sagen. wir waren nicht genug revolutionär, nicht genug kommunistisch. wir haben die 21 Bedingungen schlecht erfüllt. haben die Beschlüsse des 2. Kongresses schlecht ausgeführt. man muß aber das in einer klaren Resolution sagen. Sonst setzen die Genossen ein großes Fragezeichen hinter die ganze Tätigkeit der Exekutive. Sollte es also ein Mißverständnis sein. so bitte ich die französischen Genossen, ihren Antrag zurückzuziehen. Sollte es kein Mißverständnis sein. sondern der Wunsch. gegen unsere Tätigkeit aufzutreten, so muß man unter Kommunisten klar und offen aussprechen. was man auszusprechen hat. Falls der Antrag nach dieser Erklärung nicht zurückgezogen wird, betrachten wir es politisch als einen Versuch des Mißtrauensvotums gegenüber der politischen Tätigkeit der Exekutive. (Zustimmung.)
Rakowski. Gestatten sie meinerseits einige Worte hinzuzufügen und sie besonders an die französischen Genossen zu richten. Sie sind wohl bewandert in der parlamentarischen Prozedur und in der Prozedur des Kongresses und der Kommissionen, die von ihrer Tätigkeit Rechenschaft abgeben. Wenn in einen Kongreß, nach dem Bericht des Komitees, das Vertrauensvotum auf später verschoben wird, ist das für das Komitee ein Beweis des Mißtrauens. Daher, wegen der Regelmäßigkeit unserer Arbeiten, wende ich mich an Sie und bitte Sie, ihren Antrag zurückzunehmen. Nach viertägigen Debatten ist es unbedingt nötig, daß wir ein Wort über die Tätigkeit der Exekutive, die seit einem Jahr das revolutionäre Proletariat der Welt verkörpert, sagen. Wir müssen aussprechen, ob wir ihre Tätigkeit anerkennen oder nicht. Es ist offenbar, daß man in der Redaktion der Resolution eine Änderung machen könnte, aber der Sinn des allgemeinen Votums darf nicht zweifelhaft sein, und muß eine Zustimmung enthalten. Wir müssen sagen, daß das Exekutivkomitee wohl das Vertrauen der kommunistischen Parteien aller Länder verdient hat.
Roland-Holst. Genossen, die Minderheit der holländischen Delegation und der Delegation der Kommunistischen Partei von Niederländisch-Indien stellt den Antrag, die Angelegenheit der K.A.P.D. und die Abstimmung darüber zu vertagen, bis diese Partei Gelegenheit gehabt hat, ihre Anschauungen in der Frage der Taktik, der Organisation usw. vorzubringen. Ich kann diesen Antrag in zwei Minuten begründen.
Genossen, ich glaube, es sind nicht allzuwenige auf diesem Kongreß, die das Gefühl haben, daß in der Weise, in der man gestern die K. A. P. D.-Angelegenheit behandelt hat, etwas nicht richtig war, die das Gefühl haben, daß man der K.A.P.D. doch Gewalt angetan hat. (Zwischenruf: Zu viel Rücksicht.)
Ich glaube das, weil verschiedene Delegierte zu mir in dieser Weise gesprochen und erklärt haben, ganz ohne Unterschied der politischen Nüancierung, darauf komme es jetzt nicht an, es komme auf das Gerechtigkeitsgefühl an, die zu mir gesagt haben, man hätte der K.A.P.D. doch ruhig die Zeit geben sollen, ihre Anschauungen vorzubringen.
Ich glaube gewiß, man kann mir erwidern, daß auch, nachdem die Abstimmung stattgefunden hat, die Parteidelegierten in der Lage sein werden, an den Arbeiten des Kongresses teilzunehmen. Das bestreite ich keineswegs. Ich sage bloß, daß in diesem Fall der Kongreß nachgiebiger sein soll. Es wird eine psychologische Atmosphäre geschaffen, die für diese Genossen ungünstig ist. Es sind hier sehr viele Delegierte, natürlich außer der deutschen und holländisch-indischen Partei, der Parteien von anderen Ländern und sogar von anderen Kontinenten, die über die ganzen Anschauungen der K.A.P.D. schlecht oder gar nicht unterrichtet sind. Ich denke, es ist eine einfache Frage der Gerechtigkeit, daß diese Delegierten sich ruhig unterrichten können, ohne daß um die K.A.P.D. eine ungünstige Atmosphäre geschaffen ist. Ich appelliere an das Gerechtigkeitsgefühl aller, die einmal in ihren nationalen Parteien und in der 2. Internationale in der Minderheit waren.
Malzahn. Genossen, wir stellen fest, daß in der Entschließung die Märzaktion nicht erwähnt worden ist. Darum ersuchen auch wir, den Antrag des Gen. Loriot, daß die Märzaktion in einer Kommission behandelt werden soll, abzulehnen. Auch wir wünschen, daß die Märzaktion bei der Frage der Taktik in eingehender Weise behandelt werden soll, damit der gesamte Kongreß die Lehren und Konsequenzen aus diesen Vorgängen ziehen kann.
Ich möchte ferner bei dieser Gelegenheit noch betonen, daß wir in dieser Taktikkommission, obwohl ja auch die Märzaktion unter diese These fällt, bisher keinerlei Vertretungen gehabt haben.
Radek. Genossen, ich möchte nur in einigen Worten auf die Appellation der Gen. Roland-Holst, die das Gerechtigkeitsgefühl aller jener anrief, die je in der Minderheit waren, die je unterdrückt worden sind, antworten. Ich gehörte sehr oft zu Minderheiten und wurde auch sehr oft unterdrückt, aber, Parteigenossen, ich verfiel aus diesem Grund niemals in Größenwahn. Die Delegation einer kleinen Partei tritt hier auf, zu allen Punkten der bisherigen Geschäftsordnung sprachen wenigstens 2 Delegierte dieser Partei. Gestern leistete diese Partei sich sogar den Luxus, auf ihr Wort zu verzichten, und jetzt kommt die Gen. Roland-Holst und appelliert an alle edlen Gefühle, deren Vorhandensein ich in der Brust aller Delegierten als sicher annehme. Genossen, laßt Euch nicht provozieren! (Heiterkeit) Bewahrt Euere edlen Gefühle für eine bessere Gelegenheit, wo wir sie anwenden können, vielleicht um die Gen. Roland-Holst und die Genossen der holländischen Minderheit vor der Erdrückung durch die kompakte Majorität der Massenpartei zu schützen (Heiterkeit). Hier handelt es sidn um eine Frage, zu der uns weder die Kenntnis der Anschauung der K.A.P.D. noch die Philosophie von Holland und Berlin notwendig ist. Es handelt sich um die Frage, ob es in der Kommunistischen Internationale Parteien geben soll, die programmatisch auf die Internationale pfeifen können. Unabhängig von diesem Standpunkt ist eines sicher: sind wir ein internationaler Verband, dann können wir gewisse Übergangszeiten schaffen, wo eine Partei loser mit uns verbunden ist, aber dann kommt der Moment, wo wir sie vor die Frage stellen müssen: geht Ihr mit uns oder nicht? Es kann sein, daß nicht sechs, sondern neun Monate notwendig sind, damit diese Zugehörigkeit der K.A.P.D. zu uns in die Welt gesetzt wird. Ich bitte, dem Kongreß nicht so tränenreiche Argumente vorzubringen.
Heckert (V.K.P.D.). Genossen, wir sehen uns genötigt, nach den Ausführungen des Gen. Malzahn noch eine Erklärung abzugeben, damit nicht eine Verschiebung des Bildes bei der Annahme der Resolution eintrete. Und zwar, die Exekutive hat den Ausschluß Levis gebilligt. Durch die Annahme der Resolution, in der zu dem Verhalten der Exekutive zu den deutschen Angelegenheiten Stellung genommen wird, spricht der Kongreß die Erwartung aus, daß auch in Zukunft die Exekutive so verfahren wird, wie in dem vorliegenden Falle.
Malzahn. Jeder aufmerksame Kongreßteilnehmer wird bei der Verlesung der Entschließung feststellen müssen, daß von der Märzaktion und auch von einem Fall Levi in der Entschließung nicht die Rede gewesen ist. Und wenn Gen. Heckert erklärt, es wäre diese Entschließung vorhanden, so muß ich feststellen, daß man nach dieser gesamten Korrektur kaum in der Lage ist, sich überhaupt über diese Dinge zu informieren. Das eine steht fest, daß vom Fall Levi nichts erwähnt wird. Sollte das Präsidium die Auslegung ebenfalls so unterstützen, wie es Gen. Heckert wünscht, so wünschen wir, daß die Abstimmung und die Entschließung ausgesetzt wird, bis die Frage der Taktik besprochen worden ist. Und ich sage, wenn die Auslegung des Gen. Heckert vom Kongreß angenommen wird, daß die deutschen Angelegenheiten und auch der Fall Levi damit erledigt sind, denn unter die deutsche Angelegenheit fällt auch die Märzaktion, wünschen wir mit Recht — ohne jedes Mißtrauen gegen die Exekutive, denn man würde doch, wenn man ein Werturteil bereits fällt, dem Kongreß die Möglichkeit einer Auseinandersetzung über die Märzaktion nehmen —, daß das Präsidium erklären möge, ob über die Märzaktion schon heute eine Entschließung herbeigeführt werden soll. Wenn das der Fall sein sollte, beantragen wir Aussetzung der Entschließung, bis die Frage der Taktik erledigt ist.
Sinowjew. Genossinnen und Genossen, ich möchte als Berichterstatter erklären, daß ich es als selbstverständlich auffasse, daß durch diese Resolution der Ausschluß des Herrn Levi gutgeheißen wird. (Stürmischer Beifall.) Über die Märzaktion soll bei der Frage der Taktik gesprochen werden. Über den Fall dieses Herrn, der — mag er vielleicht in einigen Fragen der Taktik Recht oder Unrecht haben — eine Renegatenbroschüre geschrieben und erklärt hat, die Exekutive der Kommunistischen Internationale, die bisher das Vertrauen des gesamten kommunistischen Proletariats hat und auch, wie ich hoffe, in der Zukunft haben wird, sei eine Gruppe von Drahtziehern und Turkestanern, und der es so dargestellt hat, als ob unverantwortliche Elemente Putsche arrangiert haben und der allen Staatsanwälten und allen Bourgeoisien, die amerikanische einbegriffen, die Möglichkeit gegeben hat, gegen die Exekutive hervorzutreten, so ist ganz klar, daß Herr Levi aus der Kommunistischen Internationale heraus muß. (Stürmische Zustimmung.) Selbstverständlich waren wir uns, als wir den Ausschluß dieses Herrn gutgeheißen haben, der vollen Verantwortung hierfür bewußt. Sollte der Kongreß anderer Meinung sein, so möge er es sagen. Sollte er jedoch uns das Vertrauen aussprechen, so wird er zusammen mit uns sagen, Herr Levi gehört nicht zur Kommunistischen Internationale. (Lebhafter Beifall.)
Neumann. Genossen und Genossinnen! Ich bin der Überzeugung, daß hier eine sehr sonderbare Methode angewendet wird. In den Thesen über die Taktik steht in dem Passus über die Märzaktion, letzter Absatz, daß der Kongreß den Ausschluß Levis billigt. Die Beurteilung des Falles Levi soll Ihnen selbstverständlich überlassen bleiben. Wenn ich aber von vornherein den Fall Levi als Disziplinarfall behandle, und der Gen. Sinowjew sagt. daß in der Broschüre ein Teil seiner Kritik richtig sein kann, dann würde sich das zweite Mal der Ausschluß Levis auf die Richtigkeit oder Falschheit der Kritik über die Märzaktion beziehen. Ist dies nicht der Fall, dann muß sich doch der zweite Fall auch auf den Ausschluß Levis beziehen. Darum ist es außerordentlich sonderbar, daß man den Fall Levi bespricht und beurteilt, ehe man den ganzen Komplex von Fragen, die zum Fall Levi führten, besprochen hat. Wir waren der Überzeugung, daß der Fall Levi mit der Märzaktion behandelt werden muß. Darum sage ich, daß unserer Überzeugung nach die Abstimmung ausgesetzt werden muß, bis die Märzaktion besprochen ist. Wenn Sie das nicht tun und der Mehrheit nachgeben, so haben Sie noch nicht bewiesen, daß Sie bei der Beurteilung dieser Frage im Recht sind. Gen. Loriot hat recht, und man wird bei der Beurteilung der Märzaktion prüfen .... (Widerspruch.) Bitte sehr, die Frage ist bereits entschieden, die Frage ist bereits abgeurteilt. Darum, sage ich, ist die Abstimmung darüber jetzt falsch. Ich schließe mich den Genossen Malzahn und Loriot an, daß die Abstimmung über diese Frage zurückgestellt werde.
Radek. Genossen! Der ganze Kongreß war hier Zeuge, daß von dem ersten Auftreten der Genossen Neumann und Malzahn an, die die Gruppe Levi hier mit beratender Stimme vertreten, diese Genossen direkt provoziert haben. Wir haben ihnen gesagt: Erzählt uns nichts über Euer Verhältnis zur K.A.P.D,, erzählt uns nichts über Euer Verhältnis zu allen kosmischen Systemen, erzählt uns nur: Wie steht Ihr jetzt zum Fall Levi? Wie steht Ihr jetzt zum Fall Levi, nachdem Ihr hierher gekommen seid und erklärt: die Märzaktion war kein Putsch. (Neumann: Werden wir schon tun.) Die Genossen haben sich um die Antwort auf diese Frage gedrückt. (Neumann: Das ist nicht wahr!). Sie haben erklärt, (Neumann: Und wenn Sie es 10-mal sagen, es ist nicht wahr!), sie haben erklärt, wir werden zur Märzaktion sprechen. (Neumann: Jawohl!) Wir haben ihnen geantwortet, aber jetzt steht die Frage zur Debatte, ob die Exekutive richtig gehandelt hat, als sie einen Mann, der im Moment, wo 7000 deutscher Proletarier im Gefängnis waren, wo die Partei aus allen Wunden geblutet hat, gegen diese Partei eine Bombe geworfen hat, (Lebhafter Beifall), ob sie richtig gehandelt hat, als sie diesen Mann ausschloß. Wir haben gesagt, Sie, Neumann und Malzahn, Sie sind Proletarier, sie haben Ihre Pflicht in der Märzaktion getan, obwohl Sie sie für einen Fehler hielten, und wir fragen Euch jetzt, nachdem Ihr zurücknahmt, daß die Märzaktion ein Putsch war, der von der Exekutive angezettelt worden ist: habt Ihr den Mut zu sagen: ein Mann, der in einem solchen Moment gegen die eigene Partei wütet, ohne zu versuchen, auf dem Wege der Parteiorganisation und auf dem Wege durch die Internationale die Partei zu beeinflussen, ist ein Renegat. Wir haben Euch das gesagt. Ihr habt geschwiegen und jetzt habt Ihr den traurigen Mut, herzukommen und vom Kongreß zu fordern, — der Kongreß soll ein solcher Jammerlappen sein, wie Ihr es seid, und soll nicht die Meinung haben, ob ein Renegat ein Renegat ist. Er kann philosophisch richtige Werke schreiben und trotzdem ist er ein Renegat. Ich schlage vor, die Diskussion abzubrechen. (Stürmischer Beifall.)
Vors. Kolarow. Wir schreiten zur Abstimmung. Zunächst über den Antrag der Genossin Roland-Holst, die Abstimmung über die K.A.P.D. bis zur Erledigung sämtlicher Fragen des Kongresses zu verschieben. Wer ist für diesen Antrag? Sechs Delegierte! Minderheit. Der Antrag ist daher abgelehnt.
Der zweite Antrag, der der Genossen Malzahn und Neumann geht dahin, die Entscheidung über die Resolution erst nach der Erledigung der Taktikfrage zu fällen. Wer ist für diesen Antrag? Niemand! Der Antrag ist abgelehnt.
Ehe wir an die Abstimmung über die Resolution selbst schreiten, erteile ich dem Berichterstatter des Exekutivkomitees, Gen. Sinowjew, das Wort.
Sinowjew. Ich werde mich krankheitshalber ganz kurz fassen und mich mit einigen wenigen Bemerkungen begnügen. Ich kann das um so eher tun. als, obwohl ja die Diskussion sehr ausgiebig war, Kritik an der Tätigkeit der Exekutive selbst meines Erachtens nach viel zu wenig geübt worden ist. Sie sollten uns etwas mehr kritisieren, als Sie es taten. Da Sie es aber unterlassen haben, kann ich mich jetzt umso kürzer fassen.
Der italienischen Frage habe ich nach den Reden der Genossen Gennari, Rakosi, Lenin, Trotzki, Rakowski u. a. nichts hinzuzufügen. Ich bin vollständig eines Sinnes mit ihnen. Ich konstatiere mit Befriedigung, daß auch die Genossin Zetkin in dieser Frage wenigstens jetzt die Haltung der Exekutive durch ihre Rede objektiv gebilligt nat. In dieser Frage möchte ich die Aufmerksamkeit der Genossin Zetkin noch auf folgendes Zitat lenken. In der Zeitschrift „Sowjet“ Nr. 3 vom 1. Juni, herausgegeben von Paul Levi unter Mitarbeit von einer Anzahl Genossen, ist über Italien folgendes zu lesen, Seite 84: „Nun, das Wahlresultat ergab die Niederlage der kommunistischen Partei Italiens und den überwältigenden Sieg der Sozialistischen Partei Italiens. 121 Mandate für die Sozialistische Partei Italiens, 16 Mandate für die Kommunisten. Eine solche Niederlage verdient keine andere Bezeichnung als katastrophal. Aber es ist nicht nur die Niederlage der Kommunistischen Partei Italiens, sondern auch die der Exekutive, der Kommunistischen Internationale und die Niederlage der V.K.P.D.“
Wie Sie sehen, allzu viel Niederlagen in diesem kleinen Zitat, aber dennoch (Zuruf: Der Artikel ist von Kurt Geyer!). Ja, von Kurt Geyer, der sidn zur kommunistischen Internationale zählt, der zusammen mit der Genossin Zetkin und den anderen Genossen aus der Zentrale der V.K.P.D. ausgetreten und der auch jetzt mit dieser Gruppe solidarisch ist. Ich hoffe, daß es der Genossin Zetkin gelingen wird. Kurt Geyer zu überzeugen. daß er im Unrecht ist. Wenn eine junge kommunistische Partei 400 000 Stimmen und 16 Mandate erhält. wo sie doch von Feinden umzingelt ist. so ist das keinesfalls eine Niederlage. Am wenigsten ist das eine Niederlage der Kommunistischen Internationale. ebenso wenig. wie es eine Niederlage der Internationale ist. wenn Scheidemann nach der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg noch Millionen von Stimmen erhält. Es ist klar. daß solche Beurteilungen einen Schlag in den Rücken der Kommunistischen Partei Italiens bedeuten. Es ist audn klar. daß nach dem Kongreß so etwas zu dulden unmöglich ist. Ich kann selbstverständlich der neuen Exekutive nicht vorgreifen. wie sie sich zu dieser Frage zu stellen hat. Ich meine aber. daß. nachdem wir. der Kongreß, hoffentlich einstimmig einen Beschluß über die italienische Frage fassen werden. ein Mitglied der Kommunistischen Internationale nicht mit solchen Artikeln auftreten darf. (Zustimmung.)
Genossen. ich glaube, daß in der italienischer Frage die Exekutive mehr als in anderen Fragen den III. Weltkongreß ganz einstimmig "hinter sich hat, Das konstatieren wir mit Befriedigung. Wie gesagt, die italienische Frage war die wichtigste politische Frage während dieses Jahres. Es hat sich erwiesen, daß in der Einschätzung dieser Frage die Genossin Zetkin im Unrecht war und die Exekutive im Recht. Ich muß das umso mehr betonen, da die Genossin Zetkin in ihrer Rede darauf bestanden hat, daß sie Recht gehabt hätte, als sie der italienischen Frage wegen aus der Zentrale austrat. Sie werden sidn erinnern, daß die Genossin Zetkin folgende Auffassung vertrat: Sie sagte, der Vertreter der Exekutive, Genosse Rakosi, hätte diese und jene Erklärung über Livorno gemacht. Er solle gesagt haben, Livorno sei ein Exempel für andere Parteien. Sie, die Genossin Zetkin, hätte das nicht verantworten können, sie hätte die Gefahr signalisieren müssen und als Signal sei sie aus der Zentrale der V.K.P.D. ausgetreten. Ich glaube, diese Auffassung ist unhaltbar. Erstens gibt es andere Mittel, eine Gefahr zu signalisieren, ohne deshalb aus der Zentrale austreten zu müssen. Die Genossin Zetkin hat keinen einzigen Brief an die Exekutive gerichtet, obwohl sie Mitglied der Exekutive war. Sie war, glaube ich, viel später in Moskau als Rakosi, und hat an allen Diskussionen in der Exekutive teilgenommen; aber kein einziges Mal haben wir große prinzipielle Meinungsverschiedenheiten feststellen können. Auf ihr Drängen ging ich nach Halle. Als ich aus Halle zurückkam, war, wenn ich nicht irre, die Genossin Zetkin noch hier. Es war für sie also ganz klar, daß die Exekutive keineswegs für Sekten, sondern für Massenparteien ist.
Sollte Genosse Rakosi in der Tat das gesagt haben, was ihm in den Mund gelegt wird, so ist Genossin Zetkin doch im Unrecht, weil sie und eine ganze Gruppe aus der Zentrale ausgetreten sind und dadurch schwere Krisen in der Partei hervorgerufen haben. Und darum konstatieren wir, daß die Exekutive Recht hatte, als sie diesen Schritt mißbilligte, besonders, als es sidn herausstellte, daß wir in der italienischen Frage ganz korrekt gehandelt haben. Ich weiß nicht, was Rakosi gesagt haben kann; aber ich möchte an einen Satz erinnern, den Lenin gestern aussprach: 58000 kommunistische Arbeiter in. einem solchen Lande wie Italien ist garnicht zu wenig und ist ein guter Anfang zu einer Massenpartei. Man könnte also auch diesen Satz aufgreifen und sagen, Lenin ist ein Mann, der ebenfalls eine Sekte will. In diesem Punkt hat Genossin Zetkin vollkommen Unrecht, und ich glaube, sie muß das selbst anerkennen.
Zur Frage der K.A.P.D. habe ich noch zu bemerken: Die Genossen aus der K.A.P.D. sagen, es sei für sie keine leichte Sache, sich zu entscheiden, ob sie aus der Kommunistischen Internationale austreten. Das glauben wir; auch für uns ist die Entscheidung in dieser Sache nicht leicht. Wir müssen aber verlangen, daß sich die K.A.P.D. ebenso wie jede andere Partei der internationalen Disziplin fügt. Nur darum handelt es sich. Die Genossen sagten, Ihr müßt Opposition dulden; aber sie verhalten sich so, als ob sie keine Opposition seitens der Internationale dulden wollen. Sie wollen ihre Auffassung der Kommunistischen Internationale oktroyieren. Das ist doch der einzige Sinn des Satzes, daß ihr Programm „unantastbar“ bleiben soll. D. h.: Macht Ihr, beschließt Ihr, was Ihr wollt, wir pfeifen auf Eure Beschlüsse. Auf die Dauer ist eine solche Lage unmöglich. Wir haben in dieser Frage ziemlich viel Geduld gezeigt. Wir wünschen, daß die Genossen dem Kongreß auch weiter beiwohnen und wollen der Partei außerdem wenigstens zwei bis drei Monate Zeit lassen, damit sich alle Arbeiter in der K.A.P.D. entschließen können. Aber wir halten es für unsere absolute Pflicht, die Arbeiter der K.A.P.D. im Namen der Internationale vor die Wahl zu stellen.
. Ich bin noch einige Worte dem Genossen Markovic schuldig, der ziemlich heftig gegen meinen Bericht polemisiert hat. Er meinte, ich sei im Unrecht, wenn ich Bedenken hegte, ob nicht noch Überreste von Zentristen in der jugoslawischen Bruderpartei vorhanden wären, und er hat sich auf die Vergangenheit dieser Partei berufen. Die glorreiche Vergangenheit dieser Partei und die glorreiche Vergangenheit mehrerer, leider meist gefallener Führer dieser Partei ist uns bekannt, und wir haben keinen Augenblick daran gezweifelt. Ich werde begründen müssen, was mich zu jenen Äußerungen veranlaßt hat. Ich hatte eine Besprechung mit der Delegation der jugoslawischen Bruderpartei, als sie hier angekommen war. Es waren etwa fünfzehn Genossen. Nach dieser Unterredung war für uns klar, daß der Genosse Markovic, der, so viel ich weiß, Vorsitzender der Delegation ist, sowohl in der italienischen als auch in der deutschen Frage nicht auf unserm Standpunkte stand, sondern ihn bekämpfte. Genosse Markovic sagte in seiner Rede vor dem Kongreß allerdings, daß nach seiner jetzigen Einschätzung die Märzaktion doch einen Schritt vorwärts bedeute. In unserer ersten Unterredung stand er aber auf dem Standpunkt Levis. Ich bin sehr froh, daß auch Markovic in dieser Frage „einen Schritt vorwärts gemacht hat“.
Mein vorhin erwähnter Ausspruch, der einigen Genossen vielleicht unverständlich erschien, war eben darauf zurückzuführen, daß der Genosse Markovic in diesen zwei wichtigen Fragen, der italienischen und der deutschen, sehr große Bedenken über das Vorgehen der Exekutive hegte und daraus auch kein Hehl gemacht hat. Selbstverständlich ist es sein gutes Recht, eine andere Meinung zu vertreten; aber es war auch mein gutes Recht, zu sagen, ich fürchte, daß in dieser Partei in so entscheidenden Fragen noch prinzipielle Unklarheiten herrschen. Wenn das nicht der Fall ist, kann ich die jugoslawische Bruderpartei dazu nur beglückwünschen. Ich habe sie immer für eine der besten proletarischen Parteien gehalten und hoffe von ihr, daß sie auch weiterhin in den vordersten Reihen des internationalen Proletariats kämpfen wird.
Ich kann nicht umhin, noch zwei Worte über eine Stelle in der Rede der Genossin Zetkin zu sagen, nämlich über die Frage unserer Vertreter im Auslande. Sie war der Meinung, wir hätten unsere Vertreter nicht immer glücklich gewählt, oder vielmehr, wir hätten sie immer unglücklich gewählt. Sie hat dabei auch den Satz von „unverantwortlichen‘ Vertretern geprägt. Genossen, bei der gegebenen Lage, wo man unsere Freunde, die wir mit Missionen zu verschiedenen Parteien gesandt haben, beschimpft und verschreit, wo Levi sie als „Turkestaner“, Serrati sie als „Graue Kardinale“ bezeichnet — Turati findet auch verschiedene Komplimente —, halte ich mich für verpflichtet, im Namen der Exekutive die Erklärung abzugeben, daß wir selbstverständlich keine unfehlbaren Vertreter zu unserer Verfügung haben, ebenso wie wir selbst arme Sünder und nicht ganz unfehlbar sind. Verschiedene Schnitzer und Irrtümer haben wir alle und auch unsere Vertreter gemacht. Aber von unverantwortlichen Vertretern zu sprechen, liegt kein Anlaß vor; ich muß mich parlamentarisch ausdrücken, ich meine, daß man das nicht tun soll. Die Genossen, die wir in die verschiedenen Länder hinausgesandt haben, taten alles, was sie für die Partei tun konnten. Sie haben sich verschiedenen Gefahren ausgesetzt, sie haben selbstverständlich nur nach dem Gewissen eines Revolutionärs gehandelt. Wir erhielten keinen einzigen offiziellen Protest, weder von einer Partei, noch von einer Gruppe oder einer Person, auch von der Genossin Zetkin nicht. Es ist leicht, nachdem man eine Niederlage erlitten hat, zu kommen und zu sagen, Ihr habt unverantwortlich gehandelt. Es ist leicht, nachträglich den allerweisesten Mann zu spielen. Selbstverständlich trägt die Verantwortung für die Vertreter, die die Exekutive ins Ausland gesandt, die Exekutive. Sie ist für sie verantwortlich, ebenso wie die Internationale für die Exekutive verantwortlich ist. Wir bitten alle Parteien, sie mögen so gut sein und der zukünftigen Exekutive bessere Kräfte zur Verfügung stellen, als wir sie jetzt haben. Dann wird vielleicht auch die Vertretung in den auswärtigen Ländern besser ausfallen, ebenso wie die Geschäftsführung und die politische Leitung dann besser sein wird als bisher. Aber wir müssen dagegen protestieren, daß bei der jetzigen Lage derartige Beschimpfungen erhoben werden. wie Levi es getan hat, die wirklich unverantwortlich sind. In solcher Lage soll man gegenüber alten, erprobten Revolutionären, die Irrtümer begehen können wie wir alle, die aber mehrmals gezeigt haben, daß sie ihre Hand für das Proletariat 'ns Feuer legen, solche Ausdrücke nicht gebrauchen.
Genossinnen und Genossen! Ich bin zu Ende mit meinen Bemerkungen. Wegen des Zwischenfalles mit den französischen Genossen muß ich noch einmal ausdrücklich erklären, daß die Märzaktion bei der Beratung der taktischen Fragen ausführlich behandelt werden muß. Die deutsche Frage, in der Sie uns jetzt das Vertrauen aussprechen sollen, kennzeichnen drei wichtige Momente: erstens Halle: Spaltung der U.S.P. und Vereinigung der Kommunistischen Partei; das zweite wichtige Moment: Ausschluß Levis; das dritte wichtige Moment: die Märzaktion und die politischen Wirren. Das dritte Moment, die Märzaktion, soll in der Hauptsache bei der taktischen Frage diskutiert werden. Spaltung und Konsolidierung der Partei. Levis Austritt und sein Ausschluß unsererseits, ebenso die Rüge gegenüber der Gruppe Zetkin, das steht jetzt zur Abstimmung. Ich glaube, wir haben bewiesen, daß wir in der gegebenen Lage alles getan haben, um die Konflikte nicht zu verschärfen. Wir sind der Meinung, daß die Genossen von der deutschen Opposition nicht soviel auf der Vergangenheit herumtrampeln, sondern mehr an die Zukunft denken sollen. Wir als Exekutive haben alles getan, um den Genossen, die kein Mandat mit entscheidender Stimme zum Kongreß hatten, die Möglichkeit zu geben, vor dem Kongreß ihre Auffassung zu vertreten, was sie auch getan haben und noch tun werden. Aber wir bitten die Genossen dringend, ebenso das zu verstehen, was auch die Genossen von der K.A.P.D. verstehen müssen; sie müssen sich sagen, Levi war ihnen vielleicht ein Freund, aber die Kommunistische Internationale und die proletarische Revolution muß ihnen ein größerer Freund sein. Darum, Genossen, sind wir überzeugt, daß die deutsche Partei von diesem Kongreß gestärkt nach Hause gehen wird, daß sie diejenigen Leute, die disziplinbrüchig waren, die der Partei in den Rücken gefallen sind, wie es Levi getan hat, abschütteln wird, und daß wir alle von den Fehlern des Kampfes in Deutschland lernen werden, in dem vielleicht die nächsten Schicksale der Weltrevolution gelöst werden müssen. Wir hoffen, daß wir in Deutschland eine einheitliche revolutionäre Partei haben werden, die mit der Kommunistischen Internationale marschiert, und die alles, was hier beschlossen wird, als Gesetz für sich anerkennen wird. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Kolarow. Wir schreiten jetzt zur Abstimmung. Es sind in der Zwischenzeit dem Präsidium drei Erklärungen zugegangen, und zwar eine von der österreichischen, eine zweite von der jugoslawischen Delegation und eine dritte von den Genossen Neumann und Malzahn. Die drei Resolutionen werden zunächst verlesen.
Vors. KOENEN verliest folgende drei Erklärungen:
Erklärung der Österreichischen Delegation.
„Obwohl die österreichische Delegation die Politik der K.A.P. ablehnt und auf das schärfste insbesondere die Broschüre des Gen. Gorter mißbilligt, obwohl die Delegation der Meinung ist, daß der Platz der revolutionären Kämpfer der K.A.P. innerhalb der revolutionären Kämpferreihen der V.K.P.D. wäre, hat sie für die Resolution Roland-Holst gestimmt, um auch nur den Anschein einer Vergewaltigung dieser Partei hintanzuhalten.
Franz Koritschoner. Josef Frey.
Erklärung der Jugoslawischen Delegation.
„Die jugoslawische Delegation schließt sich der Erklärung der französischen Delegation an und wird unter der entschiedenen Ablehnung der wiederholten Vermutung über die revolutionäre Reinheit der kommunistischen Partei Jugoslawiens für die vorgelegte Resolution stimmen.“
Für die jugoslavische Delegation: S. Markovic.
Erklärung der Genossen Malzahn und Neumann.
In einer Rede auf dem Kongreß sagte Radek, die Frage Levis sei keine Disziplinarfrage, sondern eine Frage des Verhältnisses zur Märzaktion, eine politische. Daß es nicht eine zufällige Entgleisung Radeks war, sondern eine Auffassung sogar der Exekutive, beweisen die Thesen, die von Radek, Sinowjew, Lenin und Trotzki unterschrieben sind, in welchen der Fall Levi im Zusammenhang mit der Märzaktion besprochen wird, freilich in dem Sinne, daß Levi die Kritik der Märzaktion nicht in den notwendigen Grenzen gehalten hat und deswegen zu Recht aus der Partei ausgeschlossen wurde.
Wir billigen nicht alles in der Art der Kritik von Levi, die seinen richtigen Gedanken im Interesse der Partei erschwert hat. Aber wir stehen von Anfang an auf dem Standpunkte, daß man nur dann Levis Haltung gerecht werden kann, wenn man sie mit der Untersuchung der fehlerhaften Taktik der Partei in der Märzaktion in Zusammenhang bringt, deren Fehlerhaftigkeit bis zu °/w von der Exekutive anerkannt wurde. Aus diesem Grunde sind wir für die Aussetzung der Abstimmung bis nach der Behandlung der Märzaktion.
Vors. Kolarow. Es liegen nun zwei Anträge vor: der Antrag der Exekutive, sowie ein Antrag der K. A. P. D, die Abstimmung bis zur Beendigung der Diskussion über die Taktik zu verschieben. Es wird nach Delegationen abgestimmt, deshalb ersuche ich die Genossen, ihren für sie bestimmten Platz einzunehmen. Das Präsidium schlägt vor, daß über einzelne Punkte besonders abgestimmt wird. (Zustimmung.) Es wird demnach über die italienische Frage, über die deutsche, über die Frage der K.A.P.D. besonders abgestimmt. Dann erfolgt die Abstimmung über die übrigen Punkte und schließlich über die‘ gesamte Resolution. Ist jemand gegen diese Art der Abstimmung? Niemand. Infolgedessen wird die Abstimmung in dieser Weise vor sich gehen.
Also zunächst stimmen wir über die italienische Frage ab. Diejenige Delegation, die gegen den Passus der Resolution, der über die italienische Frage spricht, Stellung nimmt, möge sich äußern. Wie ich sehe, ist niemand gegen den Passus über die italienische Frage.
Ich ersuche nun diejenigen Delegationen, die sich der Abstimmung enthalten wollen, dies durch Handerhebung kundzugeben. Niemand. Ich stelle daher fest, daß der Passus über die italienische Frage einstimmig angenommen wurde. (Stürmischer Beifall und Applaus.)
Es folgt nun die Abstimmung über die deutsche Frage. Diejenigen Delegationen, die gegen den Passus über die deutsche Frage sind, mögen sich äußern. Niemand. Nun mögen sich diejenigen ‚Delegationen melden, die sich der Abstimmung enthalten wollen. Niemand. (Rufe: O ja! Die jugoslawische Delegation.) Ich stelle daher fest, daß alle Delegationen mit Ausnahme der jugoslawischen für den Passus über die deutsche Frage gestimmt haben. (Stürmischer Beifall und Applaus.)
Folgt die Abstimmung über den Passus, der sich auf die K.A.P.D. bezieht. Zu dieser Frage haben, wie bekannt, die Vertreter der K.A. P.D. eine Resolution unterbreitet. Wünscht jemand die abermalige Verlesung der Resolution. (Rufe: Nein.) Also dann schreiten wir zur Abstimmung, wobei ich bemerke, daß für den Fall der Annahme der ursprünglichen Fassung der Resolution, die Resolution der K.A.P.D. als abgelehnt erscheint. Ich frage daher: Wer gegen die ursprüngliche Fassung ist, erhebe die Hand. Niemand. Nun mögen sich diejenigen Delegationen äußern, die sich der Abstimmung in dieser Frage enthalten. (Geschieht.) Ich stelle daher fest, daß die ursprüngliche Fassung der Resolution in der Frage der K.A.P.D. mit allen gegen die Stimme der mexikanischen Vertretung angenommen ist. (Beifall und Applaus.)
Hier teile ich mit, daß die Delegation des Nahen und Fernen Ostens ein Amendement unterbreitet hat. Ich ersuche den Gen. Koenen, das Amendement zur Verlesung zu bringen.
Gen. Koenen verliest folgendes Amendement der Delegation des Fernen und Nahen Ostens.
„Indem der Kongreß die Arbeit der Exekutive im Nahen und Fernen Osten prüft, begrüßt er die Inangriffnahme der breitangelegten Agitation der Exekutive. Der Kongreß erachtet es für notwendig, eine noch intensivere Organisationsarbeit in diesen Ländern zu entfalten.“
Vors. Kolarow. Ich ersucne die Delegationen, welche gegen dieses Amendement sind, sich zu äußern. Niemand. Welche Delegation enthält sich der Abstimmung? Keine. Ich stelle daher fest, daß das Amendement einstimmig angenommen worden ist. (Beifall.)
Jetzt folgt die Abstimmung über die übrigen Punkte der Resolution. Diejenigen Delegationen, welche gegen die übrigen Punkte sind, erheben die Hand. Niemand. Jetzt mögen sich diejenigen Delegationen melden, welche sich der Abstimmung enthalten. Niemand. Ich stelle daher fest, daß die übrigen Punkte der Resolution einstimmig angenommen worden sind. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Jetzt stimmen wir über die gesamte Resolution ab. Diejenigen Delegationen, die für die gesamte Resolution sind, mögen ihre Legitimationskarte erheben. (Erfolgt.) Wer ist gegen die gesamte Resolution? Niemand. Wer enthält sich der Abstimmung? Niemand. Ich stelle daher fest, daß die gesamte Resolution einstimmig angenommen worden ist. (Langandauernder Beifall.)
(Schluß der Sitzung 8 Uhr 20 Min. abends.)
Die zehnte Sitzung (30. Juni 1921, 12 Uhr 30 Min. mittags)
Erklärung der Delegation der Italienischen Sozialistischen Partei. — Erklärung des Delegierten der Kommunistischen Partei Schwedens, Gen. Höglund. — Erklärung der Tschechoslowakischen Delegation. — Karl Radek: Referat über die Taktik der Kommu-
nistischen Internationale.)
Vors. Koenen. Die Sitzung ist eröffnet. Die Delegation der Sozialistischen Partei Italiens hat gebeten, zu der gestrigen Resolution, die von uns einstimmig angenommen wurde, eine Erklärung abgeben zu können. Das Wort dazu hat Gen. Lazzari.
Lazzari. Werte Genossen aller Länder! Im Namen der Delegation der Italienischen Sozialistischen Partei erlaube ich mir, folgende Erklärung abzugeben:
„Als Delegierte der Italienischen Sozialistischen Partei müssen wir von der uns betreffenden Resolution Kenntnis nehmen, um so mehr, als sie in vollkommener Übereinstimmung mit der auf unserem Kongreß in Livorno angenommenen Resolution Bentivoglio ist.
Doch können wir den schmerzlichen Eindruck nicht verbergen, den einige Einzelheiten der Motivierung, die Ihr Eurem Bescnluß zugefügt habt, auf uns gemacht haben, und die, unserer Meinung nach, der wahren Lage in Italien nach dem II. Internationalen Kongreß nicht entsprechen. Aber wir versprechen Euch, daß wir unser Möglichstes tun werden, damit der nächste Kongreß unserer Partei Eure Resolution annimmt; wir sind vollkommen von der Notwendigkeit der revolutionären Einheitlichkeit in der Organisation der verschiedenen Sektionen der Kommunistischen Internationale durchdrungen.
Lazzari Costantino. Maffi Fabrizio. Riboldi Ezio.
Vors. Koenen. Wir nehmen diese Erklärung zur Kenntnis und erwarten, daß die Kommunistische Partei Italiens alles Mögliche tun wird, um auch innerhalb ’der Sozialistischen Partei die Klärung für die III. Internationale herbeizuführen.
Es liegt weiter eine Erklärung des Gen. Höglund aus Schweden zu dem gestrigen Beschluß vor. Das Präsidium wird gebeten, diese Erklärung ebenfalls noch bekanntzugeben. Die Erklärung lautet:
„Gen. Sinowjew hat in seinem Berichte auch einige kritische Bemerkungen über die Schwedische Kommunistische Partei gemacht, Bemerkungen, die ich richtig zu stellen wünsche. Um die gegenwärtige Lage unserer Partei zu verstehen, muß man sich erinnern, wie die Partei entstanden ist und sich entwickelt hat. Die Partei wurde gebildet im März 1917 als eine der ersten, die mit der alten Sozialdemokratie gebrochen hat. Es waren drei verschiedene oppositionelle Strömungen, die sich zur Sozialdemokratischen Linkspartei Schwedens vereinigten. Es war zuerst die marxistische revolutionäre Richtung, die hauptsächlich aus dem Jugendverbande hervorgewachsen war, zweitens die humanistisch-pazifistische Richtung des bekannten Bürgermeisters Lindhagen, der zwischen Lenin und Christus schwankt, und die zentristische Richtung, die in der Reichstagsfraktion ihre Stütze hatte. Selbstverständlich entstand hierdurch eine gewisse Unklarheit über die Partei, ihr Programm und ihre Taktik. Bei dem letzten Kongreß wurden dennoch mit großer Majorität die 21 Bedingungen gutgeheißen und Lindhagen und die Zentristen haben die Partei verlassen und eine eigene unabhängige Partei gebildet. Unsere Partei hat dann den Namen Kommunistische Partei Schwedens und das kommunistische Programm angenommen.
Es ist nicht richtig, wenn Gen. Sinowjew sagt, daß das Programm nicht die Forderung: Bewaffnung des Proletariats enthielt; diese Forderung ist ausdrücklich darin ausgesprochen, die Partei hat in diesem Sinne Propaganda geführt sowohl unter den Massen wie von der Reichstagstribüne aus.
Die Bemerkung über die Stellung der Partei zu Regierungskommissionen beruht auf einem Mißverständnis des Gen. Sinowjew. Die Sache ist so, daß die Mitglieder gewisser parlamentarischer Kommissionen formal von der Regierung ernannt werden, und das Statut, gegen welches sich Gen. Sinowjew richtete, beabsichtigt, der Partei das Recht zu garantieren, wann und wen die Partei in solche Kommissionen delegieren soll.
Was unsere Zeitung „Politiken“ betrifft, so will ich nicht bestreiten, daß ihre Redigierung Fehler und Mängel aufweist, aber die Bemerkungen, die man in der Schwedischen Partei hört, sind doch gerade entgegengesetzt; dort meint man, daß sie zu wenig theoretisch und zu viel populär-agitatorisch ist!
Was Branting über unsere Partei schreibt, kann unserer Meinung nach die Reputation unserer Partei in der Kommunistischen Internationale nicht schädigen; wäre es so, dann könnte auch nicht viel von der Reputation unserer russischen Genossen zurückbleiben, welche täglich in der Zeitung Brantings beschimpft und verhöhnt werden.“ Höglund.
Vors. Koenen. Ich gebe die Erklärung des Gen. Höglund zu Protokoll. Es liegt uns noch eine Mitteilung von der tschechoslowakischen Delegation vor, die ich noch bekanntgeben werde, bevor wir in den Tagesordnungspunkt eintreten. Diese Erklärung lautet:
„Mit Rücksicht auf die vor einigen Monaten gepflogenen Verhandlungen der tschechoslowakischen Regierung mit der Horthy-Regierung und mit Hinsicht auf den anfangs dieses Monats veröffentlichten Vertrag der rumänischen mit der tschechoslowakischen Regierung unterbreitet die tschechoslowakische Delegation der Exekutive der III. Internationale folgende Erklärung:
Die auf den Druck der Entente zustandegekommene Kleine Entente (vorläufig offiziell: Rumänien, Jugoslawien, Tschechoslowakei) verfolgt die offensichtliche Absicht, eine Abwehr gegen den politischen und militärischen Einfluß der Sowjetmacht aufzustellen. Außer den offiziell genannten Mächten ist es bekannt, daß vom Standpunkte der kapitalistischen Strategie gegen den Kommunismus auch Horthy-Ungarn und Polen — wie aus den letzten Meldungen zu ersehen ist — in dieses Konzert einstimmen. Daß außer den veröffentlichten Postulaten des rumänisch-tschechoslowakischen Vertrages auch Bedingungen eines einheitlichen Vorgehens der genannten Regierungen gegen den Kommunismus gemacht wurden, ersehen wir aus der in Zunahme befindlichen Verfolgung der kommunistischen Bewegung. Kurz nach dem zustandegekommenen Vertrage der rumänischen und tschechoslowakiscnen Regierung wurde der Kongreß der rumänischen Genossen auseinandergetrieben und die Teilnehmer verhaftet.
Die unterfertigte Delegation, vom Grundsatz ausgehend, daß die Strategie des Klassenkampfes sich auch nach dem Vorgehen der geheimen und offenen Diplomatie der Kapitalisten zu richten hat, beantragt: die auf dem Dritten Kongreß der III. Internationale anwesenden Delegierten der tschechoslowakischen, rumänischen, jugoslawischen, ungarischen und polnischen Proletarier haben auf Grund des Vorgehens ihrer Bourgeoisie eine Beratung zu veranstalten, um über den Ausbau der Taktik, mit Hinsicht auf die Propaganda speziell unter dem Militär der genannten Staaten, zu beschließen. Die Vertreter des Proletariats der Staaten der Kleinen Entente sollen vom Kongreß aus ein Manifest an das Proletariat der rumänischen, jugoslawischen, tschechoslowakischen, ungarischen und polnischen Staaten richten.
Für die Delegation der Tschechoslowaken:
Vorsitzender: Burian. Sekretär: Händler.
Genossen, ich schlage vor, daß wir diese Erklärung onne Diskussion der Exekutive und dem Engeren Büro zur Ausführung überweisen. Das Präsidium und das Engere Bureau werden die Delegationen in dieser Frage zu einer Sitzung einberufen.
Genossen, wir treten nunmehr in den Tagesordnungspunkt „Taktik“ ein mit den verschiedenen Unterthemen, die in Punkt 3 und 4 der Tagesordnung eingezeichnet sind. Die beiden Tagesordnungspunkte sind zusammengelegt, und als Referent Gen. Radek bestimmt. Gen. Radek hat das Wort.
Radek.
(1. Das allgemeine Bild der Weltlage.)
Die Frage nach der Taktik der Kommunistischen Internationale ist keine von den Tatsachen, von der Zeitperiode des Wirkens der Kommunistischen Internationale unabhängig aufzustellende Frage. Die Kommunistische Internationale muß bei der Bestimmung ihrer Taktik von der konkreten Analyse der Epoche, in der sie wirkt, ausgehen. Darum haben wir versucht, am Anfang des Kongresses im Referat des Gen. Trotzki eine möglichst objektive Darstellung der jetzt wirkenden Kräfte zu geben, eine Darstellung, die erlaubte, zu sagen, ob die Weltrevolution sich im allgemeinen in aufsteigender oder niedergehender Linie befindet. Denn es ist vollkommen klar, daß die Kommunistische Internationale auch im Falle einer Niederlage der Weltrevolution existieren und wirken würde. Im Falle einer langen Atempause der kapitalistischen Gesellschaft hat sie eben andere Aufgaben als in einer Situation, die wir im allgemeinen als die Tendenz der aufsteigenden Linie der Revolution ansehen. Sie hätte dann nicht die Aufgabe, die Proletarier auf alle Möglichkeiten des Bürgerkrieges direkt vorzubereiten. Sie hätte in erster Linie dann die Aufgabe der Organisation und Agitation, der Formierung der Heere für kommende Schlachten. /Nun, Genossen, das Referat des Genossen Trotzki zeigte, daß wir der Meinung sind, daß bisher keine Kräfte sichtbar sind, die uns zu der Auffassung veranlassen könnten, daß die Entwicklung der Weltrevolution durch die aufbauenden und konsolidierenden Kräfte des Kapitalismus unterbrochen worden ist. In dem Referat Trotzkis und der Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß, wenn wir die Linie, den Kurs auf die Weltrevolution nenmen, es keinesfalls bedeutet, daß wir doktrinär uns vor der Möglichkeit verschließen, daß Intervalle eintreten können, daß die Weltwirtschaftskrise einer vorübergehenden Besserung der Konjunktur Platz machen kann. Aber als Grundlinie, als allgemeiner Kurs, den wir nehmen, ist die Tatsache festzustellen: Die Kräfte der Weltrevolution wirken sich weiter aus, und wir stehen nicht vor einem Niedergang der Weltrevolution, sondern wir stehen vor der Sammlung der revolutionären Kräfte zu neuen Kämpfen. Diese Auffassung ist nicht nur die unsrige. Ich glaube, daß niemand in diesem Saale Martow für einen besonders auf die Weltrevolution eingestellten Theoretiker und Politiker hält. Und trotzdem hat dieser Martow in der Mai-Nummer der „Freiheit“ folgendes geschrieben:
„Die Erstarkung der Konterrevolution war keineswegs ein Ergebnis der Tatsache, daß der Kapitalismus die Folgen der vom Krieg hervorgerufenen tiefen ökonomischen Krise über-' wunden und den normalen Gang der Erzeugung und des Austausches geregelt habe. Im Gegenteil: Deutlicher als je zuvor zeigt sich gegenwärtig die Unfähigkeit des Kapitalismus, die Weltproduktion in dem Maßstabe der Vorkriegszeit wiederherzustellen und ihren geregelten Gang zu sichern. Eine ungeheure, unerhörte Arbeitslosigkeit, eine systematische Stillegung der Betriebe oder Arbeitszeitverkürzung in allen Wirtschaftszweigen, ein akuter Warenmangel in dem einen Teil der Länder, bei überfüllten Warenlagern in den anderen, die keinen Absatz zu finden vermögen, — das ist das Bild der gegenwärtigen Weltproduktion. Für eine Konterrevolution, wie sie nach dem Jahre 1849 einsetzte, als ein wirtschaftlicher Aufschwung die Krise überwand, in der sich die Volksmassen befunden hatten, ist gegenwärtig kein Boden vorhanden. Wenn es dem Kapitalismus nicht gelingt, durch Überwindung der nationalen Gegensätze und durch planmäßige internationale Regelung ein ökonomisches Gleichgewicht zu schaffen, das für das normale Funktionieren der Industrie und des Weltmarktes notwendig ist — und vorläufig sind keine Anzeichen vorhanden, die eine solche Überwindung der Konkurrenz zwischen den nationalen Kapitalismen feststellen könnten — so muß nach dem jetzigen Rückgang der revolutionären Welle die Krise unvermeidlich eine neue revolutionäre Flut ins Leben rufen.“
Diese Ausführungen Martows führen mich zu der Frage, inwieweit es richtig ist, was die 214-Internationale, besonders in ihrer Wiener Tagung in den Ausführungen von Friedrich Adler, der Kommunistischen Internationale jetzt entgegenhält. Sie sagt: ja, die Weltrevolution ist nicht zu Ende, ihr habt aber auf einen schnellen Sieg spekuliert und wir waren Realpolitiker, die sich auf den langsamen Gang der Entwicklung der Weltrevolution einstellten. Genossen, ich werde Euch nicht ermüden mit einer Reihe von Zitaten, die man haufenweise bringen könnte, wie in der kommunistischen Presse Rußlands schon im Jahre 1918 darauf hingewiesen wurde, daß das Kräfteverhältnis in Westeuropa, daß die Stärke der Bourgeoisie dort ein Überrennen des Kapitalismus durch eine Erhebung der Volksmassen unwahrscheinlich macht. Die deutschen Delegierten brauche ich nicht daran zu erinnern, daß wir in Deutschland seit 1919 als Ausgangspunkt unserer Taktik eben die Überzeugung gewannen, daß der Gang der Entwicklung der Weltrevolution ein schleppender sein wird, und daß wir eben deshalb mit voller Energie gegen die revolutionäre Ungeduld von links kämpften, Alle Resolutionen des Il. Kongresses der Kommunistischen Internationale waren, obwohl er in einer Situation stattfand, in der es schien, daß ein direkter großer Zusammenprall der Kräfte der Weltrevolution und der Weltreaktion bevorstehe, eingestellt auf die Vorbereitung der Kommunistischen Internationale auf ein langsames Ringen. Der Unterschied zwischen uns und der 21;-Internationale war nicht der, daß diese Realpolitiker wußten, daß ein gutes Ding gute Weile haben müsse, wir aber den Kuchen sehr schnell essen wollten, sondern der Unterschied besteht darin, daß wir erstens ein ganz anderes Bild von dem langsamen Prozeß der Weltrevolution haben, als sie. Wenn die 21-Internationale von der langsamen Entwicklung der Weltrevolution spricht, so will sie damit sagen, daß diese Periode die Periode der ruhigen, friedlichen und langsamen Vorbereitung der Parteien ist. Werden diese einmal groß und stark sein, dann ist der Tag gekommen, und dann werden sogar Adler und Crispien auf den Barrikaden kämpfen. Wenn wir von dem langsamen Gang der Revolution sprechen, so meinen wir, daß es ein langer Prozeß großer Kämpfe sein wird, in dem die Parteien des Kommunismus keine Möglichkeit haben werden, sich in den Etappen still einzurichten, sich einzubuddeln und langsam und friedlich zu arbeiten, wartend, was die Zeit bringen wird. Es wird ein Auf und Nieder der Kämpfe sein. Es genügt, nur einen Blick darauf zu werfen, wie die langsame Bewegung, die langsame Entwicklung bisher aussah.
Trat etwa nach den stürmischen Kämpfen des Jahres 1919 eine Periode der langsamen, friedlichen Entwicklung ein? Nein, es trat die Periode ein, wo die Aufstände der Volksmassen dem weißen Terror des Bürgertums Platz machten, wo die Partei in die unterirdischen Gänge geworfen wurde, woher sie dann durch die neue Welle der Revolution von neuem zu Vorstößen überging.
Dieser Prozeß, der in Mitteleuropa seinen Gang ununterbrochen nimmt, setzt in den westeuropäischen Ländern erst ein. Aber auch dort haben die kommunistischen Parteien keine Möglichkeit einer ruhigen, friedlichen Entwicklung und Vorbereitung für die zukünftigen Kämpfe, sondern sie bereiten sich unter Verfolgungen, in Zusammenstößen vor. Darum muß ich sagen, daß, wenn in den Reihen der Kommunistischen Internationale Stimmen hörbar werden — wie die Rede des Genossen Smeral — über diese langsame Entwicklung, und wenn Bilder gebraucht werden, wie jenes, daß der Bewegungskrieg in den Schützengrabenkrieg übergehe, so ist das nacn unserer Meinung eine falsche Auffassung des Ganges der Entwicklung. Nicht der Übergang des mobilen Krieges in den Schützengrabenkrieg ist es, was wir erleben, sondern die Formierung der großen Armeen des Weltproletariats!
Wie war es in der Tschechoslowakei? Hattet Ihr den mobilen Krieg hinter Euch? Das ist nicht wahr. Ihr habt erst das Erwachen des tschechoslowakischen Proletariats hinter Euch. Im Dezemberstreik sahen wir nur die erste Formierung der Truppe des tschechoslowakischen kommunistischen Proletariats. Und erlaubt Euch jetzt der Feind, Euch ruhig auf die kommenden Kämpfe einzurichten? Er sucht Euch zu schlagen, bevor Ihr stark sein werdet. Ich mache Euch nur auf die Kämpfe der Metallarbeiter in der "Tschechoslowakei aufmerksam. Wir haben nicht den Scnützengrabenkrieg, wo man den Kameraden befiehlt, kein Pulver zu verschießen, ruhig zu sitzen und zu warten. Nein. Wir haben den Aufmarsch zweier Armeen gegeneinander, der fertigen kapitalistischen Armee und der sich erst bildenden proletarischen, wobei der Kapitalismus versucht, uns bei dem Aufmarsch zu stören, uns zu schlagen, bevor wir unsere Armeen aufstellen können. Das ist das allgemeine Bild.
Wir haben keine Ursache, in der Linie der kommenden Kämpfe, in die wir eintreten, auch nur einen einzigen der Hauptgedanken, unter deren Banner wir in den Kampf getreten sind, zu liquidieren. Die 2%1%-Internationale versuchte auf ihrem Kongreß mit aller Mühe, ein dem unseren entgegengesetztes Programm herauszuquetschen. Die 2%-Internationale entstand unter der Parole: die Kommunisten wenden schablonenhaft die Moskauer Taktik an; die Erfahrungen der russischen Revolution werden von ihnen zu einem allgemeinen Dogma gemacht; darum sind sie für die Diktatur des Proletariats, für das Sowjetsystem. Wir aber, die westeuropäische Partei — Westeuropa beginnt bekanntlich schon bei den russischen Menschewiki (lebhafte Heiterkeit) — wollen die Taktik den Bedürfnissen eines jeden Landes anpassen.
Auf die Gefahr hin, daß ich Eure Aufmerksamkeit ermüde, kann ich mir nicht versagen, zu zeigen, zu welch armseligen Resultaten die 21;-Internationale nach langen Münen so großer Theoretiker wie Bauer, Crispien und Robert Grimm — bitte das nicht als ironisch aufzufassen — gekommen ist. Sie kam zu dem folgenden Resultat, das wert ist, in dem Protokoll unseres Kongresses verewigt zu werden, als Beweis dafür, was der forschende Gedanke nach langer Arbeit hervorbringen kann. Die Resolution der 214-Internationale sagt:
„Sobald der Klassenkampf jene Entwicklungsstufe erreicht hat, auf der die Demokratie aus einem Mittel der bürgerlichen Klassenherrschaft zu einem Mittel der proletarischen Klassenherrschaft zu werden droht, wird die Bourgeoisie in der Regel die demokratische Entwicklung gewaltsam zu unterbrechen suchen, um den Übergang der demokratischen Staatsgewalt in die Hände des Proletariats zu verhindern. Nur in solchen Ländern, wo die Bourgeoisie über die dazu notwendigen Machtmittel, vor allem über die militärischen Machtmittel nicht verfügt, und sie daher nicht wagen kann, den Kampf mit den Waffen der politischen Demokratie durch den offenen Bürgerkrieg zu ersetzen, nur in solchen Ländern wird das Proletariat mit den Mitteln der Demokratie die politische Macht erobern können. Aber selbst da, wo dies geschieht, wird die Bourgeoisie in der Regel ihre wirtschaftliche Macht benutzen, um die Auswirkung der in die Hände des Proletariats gefallenen demokratischen Staatsgewalt zu sabotieren. Auch in diesem Falle wird daher das Proletariat nach der Eroberung der politischen Macht diktatorische Mittel anwenden müssen, um die Widerstände der Bourgeosie zu brechen. Die proletarische Diktatur nimmt dann die Form einer diktatorischen Herrschaft der von der Arbeiterklasse eroberten demo- Kratischen Staatsgewalt an.....
Wo dagegen die Bourgeoisie über Machtmittel verfügt, um ihre Herrschaft gegen die Auflehnung der Massen des arbeitenden Volkes gewaltsam zu behaupten, wird sie die Demokratie sprengen, die Mittel der Gewalt bereit halten und das Proletariat zum offenen Kampf herausfordern. In diesem Kampf werden nicht mehr die Stimmzettel entscheiden, sondern die ökonomischen und militärischen Kräfte der kämpfenden Massen. Dann wird die Arbeiterklasse die Herrschaft nur durch die direkte Massenaktion (Massenstreiks, bewaffnete Aufstände usw.) erobern, sich nur durch die diktatorische Niederhaltung der besiegten Bourgeoisie behaupten können. Die Diktatur des Proletariats muß dann ausgeübt werden auf der Grundlage der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, der gewerkschaftlichen oder anderer proletarischer Klassenorganisationen.“
Wo ein solches Land existiert, in dem die Bourgeoisie über die militärischen Machtmittel nicnt verfügt, sagt die Resolution nicht!
Was bedeutet das? In der Regel muß das Proletariat mit Gewaltmitteln den Widerstand der Bourgeoisie brechen und in der Regel muß das Proletariat seine Diktatur in der Form der Sowjets errichten oder auf die Basis der Gewerkschaften und anderer proletarischer Organisationen stellen. Welche anderen proletarischen Organisationen kommen hier in Betracht? Parteien sind es nicht. Denn wie wir wissen, ist die 214-Internationale Gegner der Parteidiktatur. Konsumgenossenschaften sind es nicht, es bleiben also nur die Gewerkschaften und Arbeiterräte. Aber wenn die Gewerkschaften zusammengefaßt werden als Organe der Macht, dann können sie die Arbeiter nicht zusammenfassen nach Industriezweigen, denn die Macht kann nicht in der Konkurrenz von zehn Industriezweigen ausgeübt werden. Sie müssen lokal und zentral zusammengefaßt werden. Was ergibt sich daraus? Arbeiterräte, die auf Betriebsorganisationen basieren. Wir sehen also, daß trotz der Anstrengungen der 215-Internationale, irgendwo einen neuen theoretischen Gedanken zu finden, sie nach allem Gerede über unseren theoretischen Bankerott nichts anderes gefunden hat, als die Fahne der kommunistischen Internationale, als die Fahne des Kommunismus, die Diktatur des Proletariats, das Sowjetsystem.
Nur sagten sie, daß noch ein Fall eintreten könne, wo ein kapitalistischer Staat ohne Soldaten wehrlos dasteht. Die Kommunistische Internationale würde mit Freuden darauf eingehen, wenn sie einen Gegner gegen sich hätte, der kapitulieren würde. Sie würde es nicht für notwendig halten, ihn mit Gewalt niederzudrücken. Wir brechen offene Türen nicht, nur werden gewöhnlich die Kassenschränke nicht offen gehalten. Ich möchte noch zum Scaluß der einleitenden Worte auf das neue Lied hinweisen, das gegen die Kommunistische Internationale, ihre hauptsächlichen strategischen und taktischen Gedanken, in den letzten Monaten gesungen wurde, nämlich auf die Behauptung, die Lage in Rußland bewiese, daß die Diktatur des Proletariats nicht der Weg zum Siege sei. Dieselben Leute, die in ihrer prinzipiellen Resolution die Diktatur als den einzigen Weg bezeichnet haben, beginnen jetzt aus einem anderen Loch zu pfeifen. Sie glauben, der Druck der Massen auf sie sei nicht menr so groß und sie sagen: Schaut auf Rußland! Zugeständnisse an das ausländische Kapital, Zugeständnisse an das Kleinbürgertum! Wozu also die Diktatur? Rußland beweist, daß die Diktatur nicht zum Kommunismus führt. Ich möchte da nur einen generellen Hinweis machen. Wenn Rußland etwas beweist, so ist es das eine: daß ein isolierter und dazu überwiegend landwirtschaftlicher Staat nur sehr schwer den Übergang zum Kommunismus finden kann .
Aber ich frage: Otto Bauer hat im Jahre 1919 seine Broscnüre über den einzig richtigen Weg zum Sozialismus über die Demokratie geschrieben. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Resultate dieses Weges zu überprüfen. Die 2%1s-Internationale kann sich darauf berufen, daß in Österreich angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruches und in Deutschland der Weg ungangbar war, daß der Weg dort von Renner zu Schröer und von Scheidemann zu Wirth führt und nicht von der Demokratie zum Sozialismus. Nehmen wir die führenden siegreichen kapitalistischen Länder, nehmen wir England, ein Land mit einer Arbeiterklasse, deren Einfluß auf die Staatspolitik und deren soziales Gewicht so groß ist, daß die Regierung gezwungen ist, mit der Haltung der Arbeiterklasse zu rechnen. Während der drei Jahre sehen wir nicht nur keinen Schritt zu einem Staatskapitalismus, der auf das Arbeiterinteresse irgendwelche Rücksicht nimmt, keinen Schritt zum Gildensozialismus, den Otto Bauer, als die große Perspektive darstellte. Nicht einmal irgendeine in Betracht kommende soziale Reform. Rußland hat gezeigt, daß ein verein: samtes, isoliertes Land seine Kräfte hauptsächlich zum Kampfe um seine unabhängige Existenz gebrauchen muß. Rußland hat gezeigt, daß in einem kleinbürgerlichen Lande der Übergang zum Sozialismus schwierig ist, aber in England und Frankreich hat der demokratische Weg, der nicht unter dem Druck der Blockade betreten worden ist, gezeigt, daß er zur unverhüllten Herrschaft der Plutokratie, zur Herrschaft der Reaktion führt. In England, dem Lande der Demokratie, fährt die Regierung jetzt die Maschinengewehre gegen friedlich streikende Bergarbeiter auf.
Diese Ausführungen genügen, um das zu begründen, was in den Thesen gesagt wird. Die taktischen Fragen sind umgrenzt, es sind die Fragen: Wie müssen wir den Kampf führen, damit das Proletariat fähig ist, auf dem Wege, der ihm im Gründungsmanifest unserer Internationale vorgezeichnet ist, den Sieg zu erfechten. Es sind nicht Fragen unserer Ziele und unseres Weges überhaupt. Es sind Fragen unserer Organisationsform, der Linie unserer Tätigkeit, der Etappen auf diesem Wege.
(2. Die Theorie der holländischen Schule.)
Genossinnen und Genossen! Die Hauptaufgabe, die die Kommunistische Internationale schon an ihrem ersten Tage den jungen kommunistischen Gruppen und Parteien gestellt hat, war, die großen Massen des Proletariats für die Ziele des Kommunismus zu gewinnen und die Elemente der Arbeiterklasse, die im sozialen und politischen Leben die entscheidende Rolle spielen, die aktivsten Elemente als proletarische, revolutionäre Vorhut in den Reihen der kommunistiscnen Parteien und der Kommunistischen Internationale zu sammeln. Dieser Weg wurde auch in den Reihen der Kommunistischen Internationale angefochten. Er wurde angefochten von einem Teil der Genossen, die sich als links von uns stehend betrachten; er wurde abgelehnt in theoretischer Weise unter der Führung Gorters und Pannekoeks, und hier bei unserer Debatte über die Taktik muß unser Standpunkt gegenüber dieser Theorie kurz präzisiert werden. Ich werde Euch nicht mit Zitaten ermüden. Ihr könnt in zwei kleinen Broschüren, in Pannekoeks Broschüre über „Die Taktik der Weltrevolution“ und in dem Gorterschen „Offenen Brief an Lenin“ diese Ideen mit holländischer Prägnanz ausgedrückt finden, hölzerner konnte man sie nicht entwickeln. In dieser Broschüre wird der Weg des Kommunismus dargestellt. Der Ausgangspunkt ist derselbe wie der unsere. Die Weltrevolution wird als eine Periode langer, harter Kämpfe aufgefaßt und dargestellt. Es wird gesagt, in Westeuropa müsse die Basis der proletarischen Diktatur viel breiter sein als in Rußland, weil die Bourgeoisie hier viel besser organisiert sei, weil das Bauerntum politisch viel aufgeklärter, konservativer sei und schon von vornherein sich in ausschlagegebendem Maße um die Bourgeoisie sammele, weil schließlich das Proletariat reger sei, auf einer kulturell höheren Stufe stehe, als das russische. Ich weiß nicht, weshalb Pannekoek und Gorter glauben, daß sie damit irgend etwas gegen uns gesagt haben. Wir sind vollkommen derselben Meinung und haben es den Holländern bewiesen, daß in Westeuropa und in den anderen Ländern des entwickelten Kapitalismus, die Basis der proletarischen Diktatur viel massiver sein muß, als bei uns in Rußland und daß wir uns in Rußland auf einer schmäleren Basis halten können. Die Gegensätze beginnen erst dort, wenn diese Theoretiker zu der Frage kommen: wie gewinnen wir diese Massen des Proletariats für die Ideen des Kommunismus, für die Ziele des Kommunismus, für den kommunistischen Kampf. Hier kommen sie zu einem Gedanken, der sich nur historisch erklären und verstehen läßt, der aber für einen Marxisten ein absolut unannehmbarer Gedanke ist. Sie stellen sich die Bewegung so vor: eine kleine Gruppe von Kommunisten sammelt sich, spielt die Rolle der Propheten in der Arbeiterbewegung, kritisiert alle nichtkommunistischen Organisationen und stellt ihnen die Ziele des Kommunismus entgegen. Sie kämpft nicht mit der Masse um die täglichen Notwendigkeiten, denn das ist Reformismus, sie geht nicht in die Organisation der Massen, denn es wäre Verrat, in einer Organisation mit der konterrevolutionären Gewerkschaftsbürokratie zu sitzen. Sie bildet die kleine, reine, klare kommunistische Partei, und die kleine, aber auch reine Betriebsorganisation der schon auf dem Boden der Diktatur stehenden Arbeiter. Und diese gehen der Masse mit dem Beispiel voran. Mit welchem Beispiel? Einen Aufstand können sie nicht beginnen, einen Aufstand kann eine kleine Minderheit nicht machen, es sei denn ein Putsch, den sie doch ablehnen. Ein Aufstand ist Sache der Volksmassen. Massenstreiks können sie nicht führen, denn zum Massenstreik sind Massen notwendig. Worin soll also ihr Beispiel bestehen? In der Propaganda. Es ist charakteristisch, daß wir in allen Produkten des holländischen Marktes auf diesem Gebiet keine einzige Aktionsparole, keinen einzigen Plan einer Aktion, keinen einzigen Aktionsgedanken finden. Diese Propagandalinie ist erklärlich, sie ist erklärlich dadurch, daß diese Theorie aus einem Lande kommt, in dem bisher keine revolutionären Massenbewegungen waren, und daß sie von reinen kommunistischen Individuen stammt, von denen das eine ein von uns sehr geschätzter Theoretiker ist, der von der astronomischen Sternwarte aus den Himmel betrachtet und nicht das Getümmel der armen sündigen Menschen, die nicht rein kommunistisch sind, und das andere ein Altphilologe und Dichter dazu. Wenn man die Frage stellt, wie kann diese Lehre bei proletarischen Elementen, wie kann sie in Deutschland Anklang finden, so muß gesagt werden: diese proletarischen Elemente haben in Wirklichkeit mit dieser Lehre nichts zu tun. Die K.A.P. ist nicht darum entstanden, weil sie sagte: der Spartakusbund stürmt in die Kämpfe, und wir sagen, daß eine lange Periode des Kampfes komme. Sie schied vielmehr aus der K.P.D., weil ihre Elemente ungeduldiger waren, zum verfrühten Losschlagen drängten. Der Ausgangspunkt war ein anderer als der der holländischen Schule. Die Theoretiker, die Weisen aus Holland sagen: keine Einmischung in die miserablen Kämpfe um ein Stückchen Brot. Ihr müßt den Arbeitern sagen: Kommunismus und nichts als Kommunismus. Aber die Betriebsorganisationen existieren dadurch, daß sie in diesem Kampf mehr fordern und energischer auftreten wollen als die Gewerkschaften. Also im reinen Gegensatz zu der Theorie der Holländer! Diese Theorie wird von der K.A.P. gebraucht. wie in Afrika die Hosenträger von den Negern zur Ausschmückung des armseligen Leibes gebraucht werden. (Heiterkeit.)
Diese Theorie findet hier nur in einem Teil Anklang: diese Arbeitergruppen fürchten noch die Berührung mit den nicht ganz reinen, den sozialistischen Arbeitern, den kommunistischen Arbeitern; sie verachten den Parlamentarismus, hassen die Gewerkschaftsbürokratie. Das verbündet sie mit den Vätern der Theorie der Einkapselung. Die Kommunistische Internationale muß diese Theorie ablehnen, aus theoretischen Gründen, aus der marxistischen Einsicht in den Gang der Entwicklung heraus und auf Grund aller Erfahrungen des Kampfes: daß nämlich auf der Basis dieser Theorie, auf dem Wege, den sie vorschlägt, niemals auch nur der geringste Schritt vorwärts in der Arbeiterbewegung getan worden ist. Wenn heute hunderttausende deutscher Arbeiter im Lager der Kommunisten stehen, so tun sie es nicht, weil sich die Kommunisten von ihnen abgesondert haben und ihnen sagten, daß nur der Kommunismus die Rettung bedeute, sondern deshalb, weil der Kommunismus dort war, wo die Arbeiterklasse kämpfte und blutete, weil die kommunistische Partei sogar auch dort war, wo die Arbeiterklasse nur um Lohn kämpfte.
Wir kritisierten die halben Losungen, aber wir gingen mit der Masse, und nur im Kampfe, nur in den großen proletarischen Organisationen, wo sich diese Masse sammelt, in den Gewerkschaften, wo sie sich zwar unter konterrevolutionären Führern aber doch zum Kampfe sammelt, dort haben wir den Teil des Proletariats erobert. der mit uns geht. Und die Anhänger der Theorie des destillierten kommunistischen Spiritus sind eine kleine Propagandagruppe geblieben, die wir gern in unseren Reihen zu sehen wünschten, weil sie zum Teil ausgezeichnete proletarische Kampfelemente erzeugt, die der Sache des Kommunismus mit Leib und Seele ergeben sind, die aber leider ihre revolutionäre Energie in der Absonderung von der Masse verpulvern.
(3. Die Erfahrung der Massenkämpfe.)
Genossen, die Hauptaufgabe, vor der wir noch stehen, ist die Eroberung der großen Masse des Proletariats für die Ideen des Kommunismus. Diese Hauptaufgabe wurde vom ersten Kongreß gestellt. Auf dem zweiten Kongreß haben wir in einer ganzen Reihe von Thesen Stellung zu den konkreten Fragen unserer Politik genommen, haben einen Weg vorgezeichnet, und diesen Weg wollen wir gehen. Aber damit wir das können, müssen wir hier eine Übersicht der bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiete geben. Sinowjew tat es schon zum Teil in seiner Rede über den Bericht der Exekutive. Er war jedoch durch sein Thema genötigt, sich mehr an das Verhältnis der Parteien zur Exekutive zu halten, er konnte das Material der Kämpfe, die wir hinter uns haben, nicht erschöpfen. Genossen, die wichtigste Frage, die wir jetzt zu lösen haben, ist: wie können die kommunistischen Parteien die spontanen Bewegungen des Proletariats kommunistisch beeinflussen, verallgemeinern, verschärfen und in den Kampf um die Macht verwandeln. Diese wichtigste Frage kann nur gelöst werden, wenn wir die Praxis unserer Bewegung, alle größeren Kämpfe auf die Lehren hin prüfen, die sie uns hinterlassen haben.
a) Der englische Bergarbeiterstreik.
Ich beginne mit einer der kleinsten kommunistischen Parteien eines großen Landes, in dem jetzt mächtige Klassenkämpfe stattfinden. Erlauben Sie mir, diese Revue mit der Haltung der englischen Kommunisten während des jetzigen großen Bergarbeiterstreiks zu beginnen. Genossen, ich beginne damit aus folgendem Grunde. Ich will an die Spitze meiner Ausführungen über die konkrete Taktik den Satz setzen: Es gibt keine kommunistische Partei außerhalb der Massenbewegung, und mag eine kommunistische Partei noch so klein sein, sie hat die Aufgabe, der Massenbewegung, die in ihrem Land stattfindet, voranzuschreiten, sie hat während solcher Kämpfe all ihre Kräfte auf diese Massenbewegung zu konzentrieren. Und ich glaube, daß das englische Beispiel einen Beweis dafür liefert, daß unsere jungen und kleinen kommunistischen Parteien noch die wichtigsten, die einfachsten Dinge nicht tun, die auf diesem Gebiete zu tun sind. Ich habe während der ganzen Epoche dieses Streiks das Organ der englischen kommunistischen Partei, „The Communist“, sehr sorgfältig durchgelesen. Es muß anerkannt werden, daß die englische kommunistische Partei es verstanden hat, dieses Blatt im Gegensatz zu ihrem früheren Organ, dem „Call“, agitatorisch auszugestalten, so daß es den Eindruck macht, in irgendeinem Verhältnis zum wirklichen Leben des Proletariats zu stehen und nicht auf dem Monde zu erscheinen, welchen Eindruck manche Organe der kommunistischen Parteien erwecken. Aber es ist charakteristisch: in diesem Organ finden Sie keine Berichte darüber, was die Partei in den Bergarbeiterdistrikten tut. Schon diese Tatsache war mir sehr verdächtig. Ich bat unseren Freund Borodin, der für die Exekutive eine ausgezeichnete Arbeit über den englischen Streik geschrieben hat, unter den jetzt aus England gekommenen Delegierten auf Grund der Tatsachen über den Bergarbeiterstreik eine Enquete zu veranstalten. Und ich möchte wünschen, daß eine große Anzahl der Genossen mit dieser Enquete bekannt gemacht würden. Wir.erfahren durch diese Enquete, daß in den Bergarbeiterdistrikten wohl Versammlungen stattfanden, aber daß sie von der Zentrale der Partei in keiner Weise planmäßig veranstaltet wurde. Einzelne kommunistische Gruppen organisierten diese Versammlungen. Ich frage, mit welcher Parole geht Ihr in die Versammlungen, was sagt Ihr den Massen, wie ist Euer Verhalten zu der Frage der Nationalisierung, wie Euer Verhalten zu den jetzigen konkret gestellten Forderungen der Arbeiter. Einer der Genossen antwortete: „Wenn ich die Tribüne der Versammlung besteige, weiß ich so viel, wie der Mann im Mond, was ich darüber sagen werde, aber ich finde mich als Kommunist im Laufe meiner Rede zurecht.“ Was bedeutet das? Die Partei steht in einem ungeheuren, umwälzenden Ringen des: Proletariats und verteilt ihre Kräfte nicht planmäßig. Das ist das erste: je kleiner die Kräfte, umso zweckentsprechender müssen sie angewendet werden. Und mehr noch. Den Kräften, die sie einsetzt, gibt sie keine Kampfparole. Weder sagt sie den Genossen, was sie den Bergarbeitern über das Heute, noch was sie ihnen über das Morgen zu sagen haben. Und noch weiter. Die Partei tritt vielerorts unter dem Deckmantel der „Worker Committees“ auf und so weit ihre Agitation einen Erfolg hat, verbindet sie die Massen nicht mit der kommunistischen Partei. Genossen, wir halten es für unsere Pflicht, auch den kleinsten kommunistischen Parteien zu sagen: „Ihr werdet niemals große Massenparteien sein, wenn Ihr Euch mit der Propaganda der Theorie des Kommunismus befaßt, oder allein mit der Theorie des Kommunismus, oder wenn Ihr angesichts einer solchen Bewegung nur eine Losung habt: Traut Euren Führern nicht! Eine Losung, die die Kommunisten Englands mit Recht sehr popularisiert haben. Wenn Ihr dem Proletariat nicht helft, indem Ihr in seinen Reihen an erster Stelle kämpft, indem Ihr in der Bewegung als Kommunistische Partei auftretet, durch Eure Parolen den Arbeitern helft, die Lehren des Kampfes zu erkennen, werdet Ihr niemals an der Spitze dieser Arbeitermassen stehen.“ Und wir wiederholen die allgemeine Losung: An die Massen heran. Jeder Tag, an dem das nicht geschieht, ist ein verlorener Tag für den Kommunismus. Und je kleiner eine Partei ist, desto ausschließlicher müssen ihre Kräfte auf diese Aufgaben gerichtet sein.
b) Der italienische Kampf.
Genossen und Genossinnen! Wir hatten in dem letzten Berichtsjahre drei große Massenkämpfe des Proletariats, in denen die Kommunisten vor große Aufgaben gestellt waren. Das ist der italienische Kampf um die Besetzung der Fabriken, der tschechoslowakische Kampf und die deutsche Märzaktion. Erlauben Sie mir, die Lehren dieser drei Kämpfe zu prüfen, denn nur in Verbindung miteinander geben sie eine richtige Analyse der gemachten Fehler und zeigen den großen Weg, den wir zu gehen haben. Ich beginne mit der italienischen Erfahrung, mit der großen Septemberbewegung des vorigen Jahres und ihren Lehren. Ich will Euch kurz die Ereignisse ins Gedächtnis zurückrufen. Die Bewegung begann in den italienischen Metallfabriken. Sie umfaßte so große Massen der Metallarbeiter, daß der Metallarbeiterverband sich genötigt sah, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Die Bewegung zog in ihren Bereich Fabriken, die Halbfabrikate oder Rohstoffe für die Metallindustrie liefern. Sie sprang auf die chemische Industrie, auf eine ganze Anzahl anderer Industrien über, und sie erzeugte eine Atmosphäre, in der die am meisten leidenden Schichten des Proletariats in Aktion traten. Da die Metallarbeiter, Textilarbeiter und chemischen Arbeiter die Fabriken besetzten, den Fabrikanten den Stuhl vor die 'Tür warfen, rührten sich die Massen der obdachlosen Proletarier, und wir sahen in Verbindung mit der Bewegung dieser Arbeiter die Bewegung der Obdachlosen, die die Villen und Paläste der Reichen besetzten, um ihre Frauen und Kinder dort unterzubringen. Und die Bewegung sprang über auf das flache Land, von Sizilien bis nach Süd- und Mittelitalien zogen die Bauern mit roten Fahnen aus, besetzten die Latifundien, bildeten Rote Garden. Und in dieser Situation, wo die Arbeiterklasse zu einem großen Kampf aufmarschiert, wo sich das Dorf in Bewegung setzt, in dieser Situation ist für uns die erste Frage, die entscheidende Frage: Was ist das für eine Bewegung? Wir sagen uns: Wenn wir nur diese Tatsachen kennen, so ist es eine große revolutionäre Massenbewegung. Die Arbeiter gehen daran, die kapitalistische Gesellschaft bei der Gurgel zu fassen. Sie greifen das Heiligste des Kapitals an, die Fabriken, die Kassenschränke des Kapitals. Serrati aber sagte: es war eine rein gewerkschaftliche Bewegung. Bedenken Sie, Genossen und Genossinnen, eine Fachbewegung, wo Hunderttausende Arbeiter die Fabriken besetzten, wo sie versuchten, die Produktivität der Arbeit zu steigern, und es sind hunderte Beispiele vorhanden, wo ihnen das gelang, wo die Arbeiter den Verkauf der Waren organisierten, eine Fachbewegung, die die Kassen der Kapitalisten sprengte, die die Mittel zu einem gemeinsamen Fonds in die Hand nahm, auf Grund dessen der Metallarbeiterverband Papiergeld ausgab, auf das die Konsumvereine den Arbeitern Lebensmittel gaben; eine Fachbewegung, die nichts anderes bedeutete, als der Versuch der Arbeiter, die Wurzeln der kapitalistischen Macht, die Betriebe, in ihre Hand zu bekommen. Die Lage, die dadurch geschaffen war, kann man nicht besser schildern, als durch die Worte, die der italienische Ministerpräsident Giolitti im Senat am 26. September aussprach. Er sagte:
„Es kam also die Besetzung der Fabriken. Zweierlei konnte man nach der Ansicht jener machen, welche Kritik am Werke der Regierung üben: Entweder hätte ich sie verhindern müssen, oder, wenn ich nicht rechtzeitig gekommen wäre. um sie zu verhindern, hätte ich mit Gewalt die Fabriken räumen lassen müssen. Verhindern? Es handelte sich um 600 Betriebe der Metallindustrie. Um die Besetzung zu verhindern, hätte ich — gesetzt den Fall, ich wäre so blitzschnell gekommen, um früher anzulangen, als die Besetzung — Garnisonen in die Betriebe legen müssen, in die kleinen ungefähr hundert Mann, in die großen einige tausend. Ich hätte, um die Fabriken zu besetzen, die ganze bewaffnete Macht ohne Ausnahme verwenden müssen, die mir zur Verfügung stand. Und nun. wer hätte da die 500 000 Arbeiter überwacht, welche außerhalb der Fabriken blieben? Wer hätte die öffentliche Sicherheit des Landes geschützt? Man verlangte von mir also eine unmögliche Voraussicht oder eine Handlung, welche, wenn ich sie begangen hätte, die bewaffnete Macht des Staates in einen Zustand versetzt hätte, in dem sie belagert gewesen wäre und keine Bewegungsfreiheit mehr gehabt hätte. Diese Möglichkeit glaubte ich also fallen lassen zu dürfen. Mußte ich nun die Fabriken durch die bewaffnete Macht räumen lassen? Es ist klar, ich hätte den Kampf, die offene Schlacht, mit einem Worte, den Bürgerkrieg beginnen müssen. Und dies, nachdem die Allgemeine Konföderation der Arbeit feierlich erklärt hatte, daß sie jeden politischen Gedanken von der Bewegung ausschließe, daß diese Bewegung in den Grenzen eines wirtschaftlichen Kampfes gehalten werden müsse. Die Allgemeine Konföderation der Arbeit, zu welcher ich damals Vertrauen hatte, hat gezeigt, daß sie dieses Vertrauen verdiente, weil die große Masse der Arbeiter ihre Vorschläge angenommen hat. Wenn wir zur Gewalt unsere Zuflucht genommen hätten, wenn wir das Heer, die königlichen Wachen, die Karabiniere gegen 500000 Arbeiter in Bewegung gesetzt hätten, — wissen die Kritiker, wohin ich das Land dann geführt hätte?“ Diese Erklärung Giolittis, des sehr schlauen, vielleicht schlauesten Vertreters des italienischen Kapitals, besagt alles. Fünfhunderttausend Arbeiter standen im revolutionären Kampfe, die Regierung war ohnmächtig und die Gewerkschaftsbürokratie, zu der die Regierung und die zur Regierung Vertrauen hatte, unterbrach den Kampf, begann Verhandlungen in dem festen Bewußtsein, daß alles, was sie in diesen Verhandlungen erreichen würde, ein Stück Papier sein werde, nachdem die Arbeiter die Fabriken preisgegeben haben.
Genossen, an der Spitze der italienischen Konföderation stehen Leute, die hier als Kommunisten aufgetreten sind, die bis vor kurzem Mitglieder der Kommunistischen Internationale waren. Und diese Konföderation hat einen Pakt mit der Italienischen Sozialistischen Partei geschlossen. Die italienische Partei trat zusammen mit ihr auf. Und was erlebten wir dort? An dem Kampf nahmen die syndikalistischen Arbeiter teil, an dem Kampf nahmen die anarchistischen Arbeiter teil. Die italienische Partei wußte, daß die Gewerkschaftsbürokratie den Kampf abwürgen will, daß diese Arbeiter aber kämpfen wollten. Sie forderte nicht die Zuziehung der Vertreter dieser Arbeiter zu den gemeinsamen Beratungen. Außerhalb der Konföderation stand die große Organisation der Eisenbahner, Seeleute, Hafenarbeiter. Die Partei bestand nicht auf der Zuziehung der Vertreter dieser Organisationen zu dem Kampfe. Sie wollte sich majorisieren lassen. Sie schlug vor: wir wollen den Kampf. Die Gewerkschaftsbürokratie sagte: Wir brechen den Kampf ab und kriegen die Kontrolle über die Produktion. Die Partei ließ sich niederstimmen, fügte sich und bückte sich. Das Resultat? Genossen, ich fragte heute italienische Genossen, was mit der Kontrolle der Produktion in Italien sei? Es ist sogar kein Stückchen Papier von der Regierung im Parlament darüber eingebracht worden, obwohl die Regierung die Verpflichtung unterschrieben hatte, den Arbeitern. wenn sie die Fabriken aus der Hand geben würden, die Kontrolle der Produktion durch ein Gesetz zu gewähren. Genossen, als der Kampf abgebrochen wurde, feierten die Organe der Reformisten diese Kontrolle der Produktion als einen großen Sieg. Sie sagten: endlich werden die beiden Elemente, die Arbeit und das Kapital. zusammengehen; die Arbeit wird das Kapital bewachen, damit es nicht stehle. und die Kapitalisten die Arbeiter. damit sie arbeiten. Dadurch wird sogar die Valuta. die sehr niedrig steht, wieder auf die Beine gebracht. Aber nachdem die Arbeiter in die Fabriken gingen. setzte der wilde Feldzug der Weißen gegen die Arbeiter ein. Es begann der Überfall auf eine Arbeiterorganisation nach der anderen. Der Reihe nach wurden zerstört: die Redaktion der Parteiblätter in Genua, Mailand. Rom und Brescia; in Bologna wurde auf Arbeiter geschossen, Tausende wanderten ins Gefängnis. Die Regierung begann in kluger Weise damit, daß sie gegen diejenigen auftrat, die von der sozialistischen Partei außerhalb der allgemeinen Familie der Kämpfenden gelassen wurden, gegen die Anarchisten und Syndikalisten. deren Führer sie in Massen arretierte. Der große Kampf der Arbeiterklasse versandete dank dem Umstand, daß die Italienische Sozialistische Partei angesichts dieses großen revolutionären Stromes nur einen Gedanken hatte: Möge Gott von mir diesen Kelch der Leitung einer Revolution abwenden. Genossen. wir wissen nicht, ob es möglich war. in diesem Kampf die Macht zu erobern, aber in diesem Kampfe war vieles zu erreichen. In erster Linie zwei Dinge: die faktische Kontrolle der Produktion nicht als Mittel zur Hebung der Valuta des kapitalistischen Staates, sondern als Mittel zur autochthonen Zusammenschweißung der Arbeiter zu großen proletarischen Organisationen gegen den kapitalistischen Staat, und zur Bewaffnung der Arbeiter. Würde es nicht gelingen, im Kampfe für diese Ziele die Macht zu erobern, so hätte die italienische Arbeiterklasse unter der Führung der kommunistischen Partei dem Kapitalismus doch eine große Schlacht geliefert. In dieser Schlacht würde sie entweder wichtige Positionen für den weiteren Kampf geschaffen haben, oder im schlimmsten Falle wäre sie in diesem Kampfe zwar geschlagen worden, würde aber aus ihm reich an Erfahrungen, reich an Kenntnis über die Bedingungen des Kampfes hervorgegangen sein.
Die italienische Partei ist dem Kampfe ausgewichen. Sie berief sich darauf, daß ihr Einfluß trotzdem gewachsen ist, daß sie trotzdem bei der Wahl viele Stimmen bekommen hat. Ja, die Revolution, die Entwicklung der Gegensätze treibt die Arbeiter zu uns, sogar wenn wir die größten Fehler machen: aber wenn wir sie machen, so gewinnt der Arbeiter weder die Einsicht in den Weg noch das Vertrauen auf seine Kraft. Er stimmt für Euch, denn für wen sollte er stimmen? Für die Kapitalisten? Aber das Machtgefühl des Proletariats wird vermindert. Wichtige Situationen, in denen der Sieg oder ein Teilsieg möglich wäre, gehen verloren. Und das Resultat? Das Kapital konsolidiert sich! Vor den Wahlen in Italien schrieb Oda Olberg, eine italienisch-deutsche Reformistin, die seit Jahrzehnten im „Vorwärts“ mit großer Aufmerksamkeit und Scharfsinn über die italienische Bewegung berichtet: „Die Bourgeoisie fühlt sich jetzt ganz anders, weil die italienische Partei gezeigt hat, daß sie den Kampf fürchtet“.
c) Der Dezemberstreik in der Tschechoslowakei.
Gehen wir zum Dezemberstreik in der Tschechoslowakei über. Er entstand, als die kapitalistische Regierung Czerny zum Schutz der Sozialdemokraten alle Paragraphen des Gaunerkodex, der sich Zivilrecht der bürgerlichen Gesellschaft nennt, anwendete, um das Volkshaus, das Eigentum des tschechischen Proletariats, zu rauben und es dcu verräterischen Führern in die Hand zu spielen. Die Arbeiter antworteten darauf mit dem Streik, obwohl die Regierung nach den ersten Zusammenstößen den Belagerungszustand, sogar den Ausnahmezustand verhängte, der in der alten k. k. Sprache Statarium genannt wird. Obwohl sie die telephonischen Verbindungen unterbrach, die Kuriere der linken sozialistischen Partei verhaftete, sprang die Bewegung von einer Stadt zur anderen über. Nach einigen wenigen Tagen stand das altböhmische Gebiet, stand Mähren, wo bisher die Ostrauer auf der Rechten standen, stand die Slowakei im Kampf, und die deutschen Arbeiter Nordböhmens vereinigten sich in diesem Kampf mit den tschechischen Arbeitern. Der Kampf trug verschiedenartigen Charakter. In einer Stadt wurde gestreikt unter der Losung „Gebt das Volkshaus zurück, laßt die Gefangenen heraus“, in den anderen wurden Lohnforderungen gestellt, in anderen wurde die Forderung nach Bildung der Arbeiterräte aufgestellt, in dritten wurden die Arbeiter aufgefordert, Fabriken und Güter zu besetzen, sich zu bewaffnen.
Jedenfalls war es klar, und die Leitung der linken sozialistischen Partei, der Levice, hat es offen gesagt: diese spontane Bewegung kam für sie vollkommen überraschend, sie hatte nicht geglaubt, daß so viel revolutionäre Energie in der Arbeitermasse stecke. Die ganze Politik der Partei seit ihrer Gründung bestand doch in der Meinung, die Masse ist noch nicht so weit, wir können nicht offen eine kommunistische Partei bilden, nicht offen der Kommunistischen Internationale beitreten; die Massen sind nicht reif genug, um unsere Losungen, wenn sie klar gesagt werden, aufzunehmen. Auf einmal standen die Massen da, im Kampfe reifer als die Führer. Ich ließ mir das Parteiblatt „Rude Pravo“ geben, wir finden keinen einzigen Aufruf darin, der den Arbeitern zeigte, um was es sich wirklich handelte, welche Lehren aus der Bewegung zu ziehen sind. Und als sie abgebrochen wurde, gab die Leitung der Levice, der Linken, ein Manifest heraus, in dem nur die eine einzige Tatsache gewürdigt wurde, daß zum erstenmal dieses prächtige tschechische Proletariat, das durch den Nationalismus eingehüllt worden war, sich wie ein Löwe zum Kampf erhoben hat, daß die nationalistischen Illusionen wie Glasscherben zerbrochen am Boden liegen und daß das tschechische Proletariat auf dem Kampfplatz erschienen ist. Aber warum der Kampf mit einer Niederlage endete, was das tschechische Proletariat zu tun hat, damit es in der Zukunft besser kämpfen könne, sagten weder dieser Aufruf, noch die nächsten und übernächsten Nummern des .„Rude Pravo“.
Die erste Lehre, die die Bewegung gab, war: ihr habt eine Niederlage erlitten, weil ihr keine einheitliche Partei bildet, weil die tschechischen, ungarischen, slowakischen und deutschen Arbeiter, obwohl sie in demselben Staate leben, obwohl sie unter dem Drucke desselben Staates, unter dem Drucke derselben Regierung stehen und von derselben Bourgeoisie ausgebeutet werden, verschiedene Parteibildungen haben. Also, die erste organisatorische Lehre war: „Vereinigt euch, Proletarier aller Nationen in der Tschechoslowakei. in einer Partei.“ Diese Folgerung wurde nicht gezogen. Die zweite Lehre war politischer Natur: wie soll die Partei sein, mit wem soll sie brechen, wem soll sie sich anschließen? Es mußte unwillkürlich der Gedanke der Bildung einer kommunistischen Partei kommen. Dieser Gedanke wurde den Arbeitern ebenfalls nicht nahegelegt.
Die tschechische Partei konnte es nicht tun, weil ihre Führer noch nicht entschlossen waren, die Lehren anzunehmen, die die Massen schon faktisch angenommen hatten. Die Massen standen schon auf dem Boden des kämpfenden Kommunismus, die Führer hinkten den Massen nicht einmal sofort hinterdrein. Sie brauchten noch vier Monate, um sich zu entscheiden, um politisch und gedanklich das zu tun, was die Proletarier mit ihrer Tat getan hatten. Und noch eine Lehre: Diese Bewegung in der Tschechoslowakei warf die Frage auf: „Welche Losungen sollen wir dort herausgeben, wo Arbeiter aufwachen und in den Kampf sehen, wo aber die ganze Situation noch nicht so weit ist, daß wir die Macht in die Hand nehmen können. Also welche Übergangslosungen sollen wir aufstellen?” Auch über diese Frage sagte die Levice nichts. Sie hatte also nicht nur organisatorisch sondern auch politisch auf die Führung einer Bewegung verzichtet, die ihr direkt in die Arme flog. So haben wir hier ein grelles, charakteristisches Beispiel dafür, wie eine große Massenpartei eine spontane Bewegung im Sande verlaufen läßt, anstatt sie zu beeinflussen, sie kommunistisch zu leiten. Wir sehen hier einen Fehler, dessen innere Ursache ich später charakterisieren und prüfen werde. Ich sage nur vorgreifend: es ist die passive Politik, die das Wesen der halbzentristischen Strömungen, die noch bei uns existieren, bildet und die diese Strömungen mit den Zentristen außerhalb der Kommunistischen Internationale vereinigt.
d) Die Märzaktion.
Ich gehe jetzt zu einem entgegengesetzten Beispiel über, das ebenso ein Musterbeispiel ist, ein Beispiel des entgegengesetzten Fehlers: zur deutschen Märzaktion. Hier muß ich, bevor ich zur Schilderung der Aktion übergehe, folgendes sagen: Über die Bedeutung und die Fehler der Märzaktion müssen wir in der V.K.P.D. und mit allen kommunistischen Parteien mit voller brüderlicher Offenheit sprechen. Es ist nötig, das Wesen dieses Kampfes zu verstehen, das Wesen der gemachten Fehler, eben weil wir in diesen Fehlern nicht eine vorübergehende Verirrung sehen. Wenn Levi seligen Angedenkens in seiner Broschüre diese Bewegung als etwas darstellt, was durch einige Wirrköpfe in die brave, nachdenkliche deutsche Bewegung hineingeschneit ist und leichtsinnige Leute, wie z. B. Brandler, dazu brachte, daß sie auf einmal zu tanzen begannen, so würden sich daraus sehr wenige Lehren ziehen lassen. Man würde sagen, der Wirrkopf solle brave Leute nicht mehr verwirren. Die Lehren, die aus dieser Analyse kommen, sind so flach wie eine gehobelte Bank, ganz abgesehen davon, daß die Annahme unsinnig ist, daß in einer jungen Partei, deren Führerschaft keine Autorität hat, deren Mitgliedschaft gesehen hat, wie große, angesehene Namen dahinwelken, daß in dieser Partei auf Druck eines Genossen die Massen sich in Bewegung setzen und in den Kampf stürzen könnte.
Ich will noch folgendes einleitend sagen: Wenn wir mit Euch über die Fehler offen und brüderlich sprechen, so tun wir es nicht darum, weil wir annehmen, daß die Exekutive die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, und daß, wenn wir Sinowjew statt eines anderen Genossen senden würden, alles wie anı Schnürchen gehen würde. Wir sind überzeugt, daß der Übergang zu Aktionen in jeder Partei außerordentlich schwierig ist, daß harte und große Lehren durch Aktionen notwendig sind, bevor die Führung das Maß in den Fingern hat, bevor sie jede Seite des Verhaltens der Partei zur Masse durchdenkt. Wir sagen, natürlich ist es uns viel leichter, jetzt alle Eure Fehler zu sehen, als es Euch selbst mitten im Kampf nıöglich war. Aber darum kommen wir zu den internationalen Kongressen zusammen, um, nachdem eine Schlacht geschlagen ist, aus ihr zu lernen. Nicht Euch belehren wir, wir lernen zusammen mit Euch, und wenn jetzt 7000 Proletarier in Deutschland hinter den Gittern sitzen und man ihnen sagt, ihr habt umsonst gekämpft, so zeugen wir für Euch und für sie, daß es nicht wahr ist, denn das Proletariat lernt nur durch seine Fehler, durch die Schritte, die es unbeholfen macht. Die Opfer, die für diese Lehren fallen, sind der Preis unseres zukünftigen Sieges.
Jetzt erlauben Sie mir, Genossen, über diese Dinge mit vollkommener Offenheit zu sprechen. Ich muß zurückgreifen auf die Geschichte der V.K.P.D. Die V.K.P.D. ist entstanden aus dem Spartakusbund, der bei dem ersten Aufwallen der proletarischen Kämpfe in Deutschland die Führung hatte. Als sich die Massen zum ersten Male erhoben, als es schien, daß sie den kapitalistischen Staat überrennen wollten, da stand Spartakus in den ersten Reihen dieser Kämpfe. Dann kam die Epoche nach der beendeten bürgerlichen Revolution — die Novemberrevolution war nur die Beendigung der bürgerlichen deutschen Revolution —, es begann die langsame Periode der Sammlung des Heeres der deutschen Proletarier für die zukünftigen Kämpfe. Die Partei war ihrer großen Führer beraubt, sie bestand aus ein paar Tausend Proletariern. Sie hatte dafür zu sorgen, daß diese Kraft nicht in Vorposten- £efechten verpulvert wurde, daß sie sich nicht in Kämpfe verwickelte, bevor sie nicht einen Stamm von Arbeitern um das Banner des Kommunismus gesammelt hatte. Der Spartakusbund mußte die Rolle der Kraft spielen, die die Proletarier zurückhielt von unnötigen Zusammenstößen, die die Massen organisierte und aufklärte, sie hineinführte in die großen Kämpfe, wo keine Gefahr mehr bestand, daß sie niedergeschlagen und isoliert werden könnte. Aus dieser Notwendigkeit des Jahres 1919, des Jahres des Aufmarsches, entwickelte sich die Ideologie eines Teiles der führenden Genossen, die den Kampf gegen die damals wirklich bestehenden putschistischen Tendenzen führten. Diese antiputschistische Tendenz, wo man jede Bewegung mit der Angst anschaute: hier werden Scherben fliegen und das ist sehr gefährlich; diese Einstellung führte zum Versagen der Leitung des Spartakusbundes während der Kapp-Tage. Während die Kommunisten in den Kapp-Tagen überall in der Provinz sich glänzend schlugen, war die Leitung in den ersten Tagen untätig. Ein paar Stunden vor Ausbruch des größten Generalstreiks, den Deutschland je gesehen hat, sagte sie: die Massen sind noch nicht reif. Und später, als man den Fehler korrigierte, konnte sie in den Kampfe keine leitende Rolle mehr spielen; sie verfiel deshalb in die Position der loyalen Opposition, die eine Kastrierung des Kommunismus darstellte. Die Opposition einer wirklichen Arbeiterpartei kann nur an die Ziele des Kommunismus gebunden sein. Und unseren Feinden gegenüber dürfen wir niemals das sein, was man im bürgerlichen Jargon „loyal“ nennt. Wenn wir Kompromisse schließen, so schließen wir sie, wie es im Hildebrand-Liede heißt: „Spitze gegen Spitze“, und nicht mit Loyalitätserklärungen. Ich erinnere an diese Episode, weil sie zeigt, daß ein Teil der Führer des Spartakusbundes nicht ein zu Aktionen drängendes Element war. Und die Führer der linken Unabhängigen, die zu uns kamen. bestehen in ihrer Mehrheit aus Leuten, die sich in der Gewerkschaftsbewegung und als Parlamentarier der unabhängigen Bewegung ihre Sporen erworben haben; diese Genossen haben in ehrlicher Arbeit sich durchgerungen zum Gedanken des Kommunismus. Aber es ist leichter, 48 Bedingungen auf dem Papier anzunehmen, als eine Bedingung des kommunistischen Kampfes im Leben durchzuführen. (Lebhafte Zustimmung.) Diesen Genossen war es schwer, den Übergang zur Aktivität zu finden. Als die Partei zu ihrem Kongreß zusammentrat und wir uns in der Zentrale über die Zukunft der Partei, über ihre Aufgaben unterhielten, da bestand die Meinung, daß es eine Massenpartei von 500000 Mitgliedern sei, — in Wirklichkeit wurde diese Zahl nicht nachgeprüft, und nach meiner Überzeugung haben wir niemals mehr als 350 000 Mitglieder gehabt. Eine solche Partei kann sich nicht damit begnügen, womit eine Vorhut von 50000 Arbeitern sich begnügen kann. Sie kann sich nicht damit begnügen, mit den Gedanken der Revolution zu hausieren. Ihr Schwergewicht im allgemeinen Kräfteverhältnis der Klassen ist viel größer. Sie hat die Möglichkeit, in spontanen Aktionen die Führung an sich zu reißen, sie hat die Pflicht, wo Massen in Gärung begriffen sind, zu versuchen, diese Aktionen auszulösen. Und niemand in der Zentrale und auf dem Kongreß protestierte gegen den Satz, der mit vollem Bewußtsein im Manifest der Partei stand, den Satz, der besagt: „Die K.P.D. als kleine Partei suchte in die großen Arbeiterorganisationen zu gelangen, um dort den Massen die Bedeutung des Kommunismus als „die Lehre von den Bedingungen des Befreiungskampfes des Proletariats“, um mit Engels zu sprechen, praktisch an ihren Aktionsvorschlägen zu demonstrieren. Aber Massenaktionen konnte sie selbst nicht unternehmen, weil sie keine Massen hinter sich hatte. Gelang es ihr nicht, für ihre Aktionsvorschläge die U.S.P. zu gewinnen, so mußte sie sich auf die kritische Propaganda beschränken. Die Vereinigte Kommunistische Partei hat Kraft genug. um. wo die Ereignisse es erlauben oder es erfordern, auf eigene Faust in Aktionen zu treten. Sie will in den Gewerkschaften. in den Betriebsräten, die Hunderte, Tausende ihrer Mitglieder und die weiter Hunderttausende ihrer Anhänger in Fraktionen zusammenfassen, sie will durch ihre Presse und ihre Aufrufe die engste Verbindung mit den denkenden Massen herstellen, ihrer Not Ausdruck verleihen. den breitesten Volksmassen das Bewußtsein dieser Not und der Möglichkeit ihrer Überwindung geben, und sie wird fähig sein, Aktionen des Proletariats auszulösen oder sich an die Spitze der spontan entstehenden Aktionen zu stellen.“
Genossinnen und Genossen, in diesem Passus, glaube ich, sind alle Bedingungen für die Führerrolle der Partei genannt. Erstens, sie muß sich durch ihre Presse mit den breitesten Massen verbinden, ihrer Not Ausdruck verleihen, sie muß in den Gewerkschaften Hunderttausende von Arbeitern umfassen, sie muß Situationen abwarten, die eine Aktion der Massen ermöglichen oder fordern. Erst dann hat sie die Möglichkeit, entsprechende spontane Bewegungen zu leiten oder auszulösen. Was hier in allgemeiner Form über die Bedingungen der selbständigen Rolle der Partei gesagt worden ist, das hatte die Partei nicht als lebendige Erfahrung in sich aufgenommen. Die Partei, das wird mir jeder deutsche Genosse bestätigen, hatte vor dem März und bis heute keine Presse, die sie mit den breitesten Schichten des Volkes verbindet. Unsere Presse ist nicht einmal so groß, wie die Mitgliederzahl der Partei. (Zwischenruf: Sehr richtig!) Unsere Presse ist noch zum großen Teil eine theoretisch aufklärende Presse. Diese Presse spricht nicht die leidenschaftliche Sprache des Volkstribunen, der an allen Nöten der Bevölkerung teilnimmt. Sie bringt ellenlange Artikel, sehr gute theoretische, aufklärende Artikel, aber der Schrei der Masse, den vernimmt man noch nicht aus dieser Presse. Ich würde die Genossen bitten, sich die Photographien der „Prawda“ anzusehen. Das war der ganze Komplex unserer „Prawda“, des russischen Zentralorgans, als wir noch um die Macht kämpften, sie war vier Seiten stark, die Hälfte des Blattes aber bestand aus kleinen Nachrichten aus den Fabriken. Das, was in der Masse lebte, fand Ausdruck in dieser Presse. So ist Eure Presse noch nicht, und das beweist, daß die Partei die Vorbereitungen für größere Kämpfe noch nicht gemacht hat. Man sagt, man könne doch nicht jede Aktion vorbereiten, wie die Parade auf dem Roten Platz vor dem Kreml. Natürlich, im Kampfe manöveriert man schlecht mit unorganisierten Massen, aber die Vorbereitungsaufgaben der Partei liegen in erster Linie in der Zeit vor dem Kampfe. Zu den Vorbereitungsaufgaben der Partei gehört alles, was sie faktisch in allen ihren Formen, in der Versammlung, in der Fabrik, in der Zeitung, in der Gewerkschaft, im proletarischen Sportverein, in der proletarischen Kneipe tut, überall, auf der Straße, unter der Masse wird die Vorbereitung für die Aktion der Partei vollzogen. An diese Vorbereitungsarbeit ging die Partei heran, und ich muß sagen, sie stieß auf das, worüber ich früher sprach, auf das Erbe ihrer Vergangenheit, auf die Passivität des bürokratischen Apparats, der früher eine Werbeorganisation war und keine Vorbereitung für direkte Kämpfe. Es war unmöglich, gute und intelligente Genossen dazu zu bringen, daß sie Agitationsschriften schrieben, unmöglich, daß sie Kampagnen organisierten. Es fehlte der Partei der Begriff der politischen Kampagne. Heute begann man über eine Frage zu schreiben, die Arbeiter aufzurütteln, und wenn drei Tage vergangen waren, krähte kein Hahn mehr danach.
Die wichtigste Frage, vor der die Partei stand, war: Wie kommen wir an die Massen heran? Die Massen sind in Deutschland nicht unorganisiert, die Massen in Deutschland sind organisiert in Gewerkschaften, die zehn Millionen Mitglieder haben, in Parteien, die Millionen von Mitgliedern haben, und die erste Frage ist die: Wie kommen wir an diese Massen heran? Die Partei wählte den richtigen Weg. Sie sagte: Wer schon für die Diktatur des Proletariats ist, wer für den Kommunismus gewonnen ist, der ist in der Partei oder um sie. Nach Halle kann man unter der Losung des Endkampfes einstweilen keine neue Schicht des Proletariats heranziehen. Wir können eine Minierarbeit ausführen. Auf welchem Gebiete können wir das? Wir haben den Massen zu dokumentieren, daß die Sozialdemokraten, die Unabhängigen, die Gewerkschaftsführer lügen, wenn sie sagen, sie wollten zwar nicht um die Diktatur, aber um das Stückchen Brot kämpfen. Und wir haben den Massen zu zeigen, daß die S. P.D., U.S.P.D. und Gewerkschaftsführer überhaupt nicht kämpfen wollen, mögen auch die Proletarier vor Hunger sterben.
Aus dieser Gedankenreihe wurde der Offene Brief geboren, der Entschluß der Partei, eine große Kampagne zu beginnen, die die Partei näher an die Massen heranbringen, und die die Massen von ihren gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Führern trennen sollte. Genossen, es war für jeden klar, daß das natürlich nicht auf dem Wege der Agitation allein geschehen kann. Als dieser Schritt beschlossen wurde, standen wir vor der Möglichkeit größerer Kämpfe. Ihr erinnert Euch an die Kämpfe der Eisenbahner, der Postbeamten, an die Arbeitslosenbewegung. Der Gedanke in den ersten Tagen des Januar war, durch einen Druck auf die Sozialdemokraten, auf die Gewerkschaftsbürokratie diese zu nötigen, entweder die Massen aufzupeitschen, mit uns zusammen eine einheitliche Bewegung der Arbeiter einzuleiten, wobei es unsere Aufgabe war, in dieser Bewegung den Einfluß auf die Massen zu erhöhen, die Losungen zu steigern, oder, falls die Bürokratie das ablehnte, ein klares Kampffeld zu gewinnen. Wir wollten, daß die Masse, bevor die Kämpfe begannen, wußte, wie die Haltung der Sozialdemokraten, der Gewerkschaften sein würde. Der Regierung gelang es, die Bewegung versanden zu lassen, indem sie durch Zugeständnisse die Arbeiterklasse trennte. Ich zeige schon jetzt, wie die Lage der Partei damals war. Es zeigte sich, wie ein Teil der Genossen, die jetzt Zeter und Mordio über die sektiererische Gefahr schreien, die Geyer, Braß und die anderen, gegen diesen Gedanken waren. Und wir verloren eine kostbare Woche, die uns später viel teurer zu stehen kam.
Wir haben die Kampagne dann durchgeführt. Ich frage die Sprecher für den engen Zusammenhang mit der Masse: „Wo waren die Konferenzen, die die kommunistischen Gewerkschaftsführer bezirksweise organisiert haben, als wir hier und dort Hunderttausende von Arbeitern für uns gewannen? Wo war Euer Versuch, die Sache in einer großen politischen Kampagne auf eine höhere Stufe zu bringen, in der man von der Agitation zu öffentlichen Kongressen der Kommunisten und der mit ihnen sympathisierenden Gruppen übergehen konnte. Nicht nur Ihr habt in dieser Richtung nichts getan, die Linken haben auch nichts getan. Man verstand nicht die Dinge zu verbinden, und darin zeigte sich, wie schwer für die Partei der Übergang war. Aber eines muß man sagen. Wenn es bei der Linken Unbeholfenheit war, so war es bei einem großen Teil der Parteifunktionäre die zweifelsohne bestehende Furcht vor größeren Kämpfen. Dann kamen in der italienischen Frage die Kämpfe in der Partei. Es kristallisierte sich der rechte Flügel in der Partei heraus. Ich bemerke: dieser Flügel hat in der späteren Periode die Anklage erhoben, daß man keine Aktion eingeleitet hätte, die zum Kampf vorbereiten würde. Levi hat kein einziges Mal, als er die Zentrale leitete, irgendeinen Vorschlag gemacht, mit Ausnahme der Vorschläge in der Frage des Bündnisses mit Sowjetrußland, die keine Losungen für Massenaktionen waren. Die linken Genossen blieben allein im Parteivorstand, und jetzt standen sie vor der Aufgabe der Aktivisierung der Partei. Und hier komme ich zu dem grundlegenden Fehler. den sie dabei begangen haben.
Ihr sagt, wir sahen den Himmel voll schwarzer Wolken, die oberschlesische Frage, die Gefahr der Sanktionen, die bayerische Frage usw., alle Fragen waren zugespitzt. Wenn große Gefahren drohen, muß man in erster Linie die Agitation steigern, die Massen auf die Gefahr aufmerksam machen. Als wir in den ersten Tagen nach dem Ausbruch der Märzaktion die deutschen Zeitungen sortierten, da gab ich dem Genossen Trotzki zwei Pakete; das eine Paket enthielt die „Rote Fahne“ bis zum 17. März, das andere die „Rote Fahne” nach dem 17. März. Bis zum 17. März — und so. war die ganze Presse — plätscherte man im alten Fahrwasser, und vom 18. März an schlägt man mit der Faust auf den Tisch, „Kahr pfeift auf das Gesetz!" Hier liegt der Hauptfehler: Ihr sagt, in der Vergangenheit wurden die Fehler gemacht. Jawohl, das ist wahr, wenn Ihr sagt: die alten Organisationen, die rechten Führer sind schuld, sie haben die Partei organisatorisch nicht auf die Höhe gebracht. Jawohl, sie sind in erster Linie schuld. Aber in den drei Wochen bis zum 17. März, wo Ihr allein waret, wo ist da auch das geringste Anzeichen einer Änderung? Es war nicht vorhanden. Ihr habt die Hauptsache nicht verstanden. Ihr habt nicht verstanden, daß, wenn Ihr morgen kämpfen wollt, Ihr Euch heute auf den Kampf vorbereiten, Euch auf den Kampf einstellen müßt.
Am 17. März trat der Zentralausschuß zusammen. Und hier will ich kurz die Fehler schildern, die dort gemacht wurden, weil sie grundlegend sind, weil, wer die Fehler der Sitzung vom 17. März nicht würdigt, unfähig ist, künftige Aktionen gut vorzubereiten. Ich werde hier, um die Genossen nicht zu ermüden, keine Zitate bringen. Ich stelle nur die Frage: Welches war der Leitgedanke der Sitzung vom 17. März? Was sagte die Partei den Vertretern aus allen Bezirken? Sie zeigte ihnen zuerst die großen Gefahren im rechten Lichte. Welche Schlüsse zog sie aus diesen Gefahren? Der erste Schluß, den ein revolutionärer Marxist zu ziehen hatte, war folgender: wir gehen in die Periode großer Kampfmöglichkeiten hinein. Aus diesem Grunde hat die Partei erstens, die Masse überhaupt durch eine Agitation auf diese Kampfmöglichkeiten erst vorzubereiten, ihre Organisation denselben anzupassen. Und dann muß die Partei sich die Frage stellen: Liegt es in ihrem Interesse, die Gegensätze möglichst schnell zur Austragung zu bringen? Ich behaupte, da die Partei weder politisch noch organisatorisch auf die großen Kämpfe vorbereitet war, hatte sie kein Interesse, die Sache zu forcieren. Ihr weist auf die Gefahren der Sanktionen hin, auf Oberschlesien, auf die Entwaffnung, aber ist es eine andere Sache, wie diese Gefahren von den politisch leitenden Kreisen der Partei und von den Massen empfunden werden? — Die politisch leitenden Kreise in der Internationale müssen sogar die Gefahr eines englisch-amerikanischen Krieges, der vielleicht nicht kommen wird, in Rechnung stellen. — Aber wenn man den amerikanischen Genossen sagen würde: „Tretet in den Kampf, weil der englisch-amerikanische Krieg kommen wird“, so wäre dies keine Massenpolitik! Die Masse stellt sich nicht auf Gefahren ein, die erst kommen werden, sondern sie handelt unter dem Druck der nächsten, unmittelbar auf sie einwirkenden Vorgänge, und da die Partei nicht vorbereitet war auf diesen Kampf, bestand Eure einzige Aufgabe darin, dies zu tun, die organisatorische Arbeit zu steigern und die Organisation umzuwandeln. Hat die Partei sich damit begnügt? Nein, Brandler sagte schon in seinem Referat: Wir gehen großen Kämpfen entgegen, wir müssen bereit sein, sofort nach Ostern in den Kampf einzutreten. Sieben Tage vor Ostern war es, und wie argumentierte er? Er suchte den Kampf, er untersuchte die Frage: sollen wir nicht forcieren und eventuell den Gegner provozieren, die Initiative in die Hand nehmen? Und mein Freund Fröhlich trat auf wie ein Leutnant der Kavallerie und erklärte: Wir brechen an diesem Tage mit der Tradition der Partei, bisher haben wir gewartet, jetzt werden wir die Initiative in die Hand nehmen und die Revolution erzwingen.
Mit diesen allgemeinen Einstellungen: je schneller an den Feind heran, desto besser, gingen die Vertreter in ihre Organisationen zurück, und bevor sie gingen, mußte die Partei mit ihnen die Frage besprechen: „Was sollt ihr tun, wenn Hörsing in Mitteldeutschland einbricht?“ Aber was sagte ihnen die Partei? Nach dem Fanfarenstoß kommen die Bedenken, und die Zentrale gab den Organisationen die Parole: „Sucht dem Kampf einstweilen auszuweichen, Ostern ist ungünstig. Erst wenn der Feind die Fabriken besetzt, sucht die Arbeiter aufzuwühlen“. Aber, Genossen, als ich einem der mitteldeutschen Genossen Vorwürfe machte, ihm sagte: ‚Ihr habt die Weisung bekommen, zu warten, aber trotzdem begannen am 19. die bewaffneten Kämpfe“, da antwortete er: „Würde ich sie nicht angefangen haben, dann würden wir etwas erlebt haben. Man kann nicht auf einen Fanfarenstoß eine Chamade folgen lassen.‘ Die Partei weiß nicht, was ernst ist. Wenn die „Rote Fahne“ schreibt. jeder Proletarier nehme die Waffen in die Hand. so glaubt kein Proletarier. daß die Partei das sagt, um sich ein Waffenlager auf lange Zeit anzulegen, sondern dieser Ton ist Kampf, Signal zum Kampf. Und wenn irgendwie ein großer Fehler gemacht worden ist, so wäre es der, daß die Partei nicht gesagt hat: „Wir gehen großen Kämpfen entgegen, wir sind jetzt noch schwach, nicht vorbereitet, wenn Hörsing aber Mitteldeutschland überfällt, müssen wir kämpfen. Wir dürfen unsere Genossen in Mitteldeutschland nicht im Stiche lassen“ Aber wie kämpfen? Mit technisch-militärischen Mitteln oder ohne sie? Hätte die Partei sich diese Frage gestellt, dann würde sie den Befehl gegeben haben: „Wenn Hörsing in Mitteldeutschland einfällt, stehen wir treu zu den mitteldeutschen Arbeitern und proklamieren den Massenstreik. Wir werden die ganze Partei mit der Losung aufbieten: Verteidigung der Mansfeldischen Arbeiter vor den Bluthunden Hörsings.“ Und sie hatte die Pflicht, den Mansfeldern zu sagen: „Ihr seid eine Minderheit, wenn Ihr Euch gegen die Hundertschaften, gegen die Maschinengewehre einlaßt, werdet Ihr niedergeschlagen.“ Die Partei hat das nicht getan. Sie gab nicht die Parole: „Beginnt den Kampf mit der Waffe in der Hand“, sie gab aber auch nicht die entgegengesetzte Losung. Die Einstellung der Partei war eine unreale Und als der Kampf kam, als sie kämpfen mußte, hatte die Partei das Augenmaß dafür verloren, unter welchen Losungen der Kampf zu führen ist. Genossen und Genossinnen, ich betone. wir stehen zur Märzaktion, wir haben es für die Pflicht der Partei gehalten, den mitteldeutschen Proletariern zu Hilfe zu eilen. Warum? Nicht aus sentimentalen Gründen. Es wird viele Situationen geben, in denen die Partei nicht imstande sein wird, den Proletariern, die vom Feinde angefallen werden, Hilfe zu leisten. Wir hier in Rußland, wo wir die Staatsmacht hatten, wo die Rote Armee in Bildung begriffen war, sahen zu, wie unsere ukrainischen und finnischen Brüder nach der Niederringung der Diktatur das Martyrium der weißen Regierungen erlitten. Wir standen mit zusammengebissenen Zähnen und sagten, nein, jetzt dürfen wir ihnen nicht zu Hilfe eilen, weil sie und wir niedergeschlagen werden würden. Als die ungarische Revolution von allen Seiten bedroht war, kamen wir ihr nicht zu Hilfe, weil wir den Hauptfeind, die großen Armeen Koltschaks gegen uns hatten, weil wir wußten, wenn wir die Kräfte teilen, wird man uns und die ungarischen Genossen schlagen; und wir retteten die Hauptarmee der Weltrevolution: Sowjetrußland, und ließen ihren Vorposten, Sowjetungarn, fallen. Aber ich sage, in diesem Falle hatte die Partei die Pflicht, für die Mansfelder Arbeiter einzutreten, und zwar a s folgenden Gründen: Die Mansfelder Arbeiter waren das kommunistische Zentrum Deutschlands, nicht die Zentrale Berlin; diese kompakte Masse war das Zentrum des deutschen Proletariats. Dann ein zweiter Grund: Die deutsche Revolution sah das Abwirtschaften einer Partei nach der anderen. Sie sah, wie revolutionäre Worte in die Massen hineingeworfen wurden und wie die Worte sich in nichts verwandelten. Und die kommunistische Partei muß sich das Vertrauen der Massen in den vordersten Reihen der Kämpfe erst erwerben. Darum sage ich: wer behauptet. dieses und jenes war schlecht, aber sich zu der Frage nicht äußert, was die Partei gegenüber dem Hörsingschen Einfall zu tun hatte, der beweist, daß er nichts zu sagen hat, daß er die Kämpfe der Partei kritisieren, aber nicht aus ihnen lernen will. a
Aber, Genossen. jetzt kommt der Schlußstein. Am 24. März haben wir im ganzen Lande zum Generalstreik aufgefordert. Es zeigte sich, daß wir weit geringere Kräfte um uns gesammelt hatten, als wir erhofften, — die Ziffern lassen sich schwer feststellen. Wenn die rechten Genossen sagen, 200000, so ist das offenkundig eine Ungenauigkeit, denn in Mitteldeutschland allein kämpften nicht weniger als 200 000 Arbeiter. Aber nicht darum handelt es sich. Die Partei hatte einen großen Kampf hinter sich, und sie hatte die Lehren aus diesem Kampfe zu ziehen. Und wie tat die Partei das? Sie tat das auf die folgende Weise. Statt zu sagen: Es ist eine Verleumdung, wenn man behauptet, der Kampf war ein bakunistischer Putsch; ein Putsch ist ein Kampf einer kleinen Minderheit um die Eroberung der Macht, und wir gingen in den Kampf, um die Proletarier Mitteldeutschlands zu verteidigen; wir gingen nicht als eine Verschwörergruppe in den Kampf, sondern als eine proletarische Partei; statt zu sagen: Wir haben Fehler gemacht, wir haben die Mittel und Ziele nicht streng umgrenzt, statt dies zu sagen, stellte die Partei die Theorie der Offensive auf.
Genossen, lassen Sie mich zuerst ein paar Tatsachen hier feststellen. Wenn wir gegen die „Theorie der Offensive‘ sprechen werden, so müssen wir sagen, es gibt — mit Aus nahme Levis — keinen einzigen, der gegen diese Theorie aufgetreten ist. Ich stellte schon fest, daß Genossin Zetkin am 7. April, in der Sitzung des Zentralausschusses, in einer Resolution erklärte, sie stehe auf dem Boden der Offensive. Ich habe diese Resolution hier. Darin steht: „Eine große Partei ist zu einer Offensive verpflichtet.“ Genossin Zetkin verwarf die Märzaktion, weil sie nach ihrer Meinung ein Putsch war und keine Offensive, aber theoretisch stand Genossin Zetkin auf diesem Boden. Die Kritik, die Genossin Zetkin übte, konnte jedoch keine Korrektur der Fehler bilden. Aus welchen Gründen? In dieser Kritik fehlt das Wichtigste. Genossin Zetkin sagte nicht, was zu tun war, als Hörsing in Mitteldeutschland einfiel, die Genossin Zetkin sagte von einer großen Bewegung, sie wäre ein Putsch. Und wenn sie gleichzeitig sagte, ich bin für eine Offensive, was schlug sie für die Zukunft vor? Sie schlug eine Offensive unter noch weniger zusagenden Bedingungen vor als zur Zeit der Märzaktion.
Wann tritt nach der Meinung der Genossin Zetkin die Verpflichtung für die Offensive ein? Sie tritt ein unter der Parole: Bündnis mit Sowjetrußland. Wenn es unmöglich ist, daß die Arbeiter in den Kampf ziehen aus Angst vor den Folgen der Sanktionen, die sich während eines Jahres eventuell auswirken werden, so ist es ebenso unmöglich, große Massen zu mobilisieren unter der Losung des diplomatischen Bündnisses mit Sowjetrußland, dessen günstige Folgen sich erst in vollem Umfang zeigen können. Es ist ein vollkommen utopischer Gedanke, der den Eindruck erwecken mußte, daß die Genossin Zetkin auf dem Boden der Offensive stehe. aber die Märzaktion ablehne und sich für eine Offensive in der blauen Luft ausgesprochen habe, weil sie diplomatisch sagen wollte, sie ist gegen die Aktion. Dieses Empfinden mußte verstärkt werden durch die Tatsache, daß die (Genossin Zetkin und die Gruppe, die hinter ihr stand, eine Kleinigkeit, und noch dazu an ihrer Spitze, mitschleppte: Paul Levi, der diesen proletarischen Kampf denunziert hat als einen Putsch, der von auswärts bestellt war, Paul Levi, der positiv folgende Weisheit ausspricht:
„Wir sind aber durchaus nicht der Auffassung, daß jede Teilaktion ein Putsch sei. Wir waren gegen die Teilaktion im Jahre 1919. wo die Revolution im Absteigen war. und jede bewaffnete Bewegung nur eine von der Bourgeoisie und Noske heiß ersehnte Gelegenheit war, die Bewegung im Blut zu ersticken. In absteigenden revolutionären Situationen sind Teilaktionen zu vermeiden. In aufsteigenden revolutionären Situationen sind Teilaktionen absolut notwendig. Trotz der hohen revolutionären Durchbildung des deutschen Proletariats ist gar nicht damit zu rechnen, es müßte denn gerade das dann von den Kommunisten nicht mißverstandene Wunder eines Kapp-Putsches wiederkommen, daß das Proletariat auf einen Tag, auf einen Knopfdruck bereit steht, so wie ein sozialdemokratischer Parteisekretär und Hilferding sich die Sache vorstellen.“
Was bedeutet das? Einstweilen keine Teilaktion. Wenn sich die Linie der Weltrevolution hebt .... Also die Situation ist nicht revolutionär. Wie kann sich dann die revolutionäre Welle heben?
Levi fährt fort:
„Wird in Deutschland die revolutionäre Welle wieder steigen, so wird, genau wie vor 1918 die Aktion in Teilen kommen, wobei freilich die höhere Reife des deutschen Proletariats gegenüber damals darin zum Ausdruck kommen wird, daß die Teilaktionen mächtiger, geschlossener sein werden als damals. Aber unter einer Teilaktion verstehen wir nur eines — nämlich das In-den-Kampf-treten der Proletarier eines Teils Deutschlands, einer großen Staat, eines Wirtschaftsbezirkes. Wir verstehen unter einer Teilaktion aber nicht, daß in einem Teil des Reiches oder im Reiche — die Kommunisten streiken oder in Aktion treten. Teilaktion ist immer nur gemeint: Teil im vertikalen und nicht im horizontalen Sinne.“
In seiner Broschüre sagt Levi am Schluß, falls es nicht gelingt, die Partei wieder zu retten — nur Levi konnte sie retten — dann bedeutet das, daß die Kräfte der Konterrevolution siegen, und daß es um die Internationale geschehen ist. Wird die Revolution kommen, nun, dann ja, sind wir nicht gegen Teilaktionen. Teilaktionen bedeuten dann aber: heute soll Halle kämpfen, morgen Frankfurt, übermorgen Berlin usw. Teilaktionen bedeuten also, daß das deutsche Proletariat a’le Lehre seiner Geschichte vergessen soll, daß es sich noch einmal schlagen läßt, Stück für Stück.
Wenn die Gruppe der Genossin Zetkin gegen die Zentrale kämpfte, einerseits mit der Anerkennung der Offensive, aber nur für den schönen Maitag, wo die Scheidemänner streiken werden für das Bündnis mit Sowjetrußland und wenn andrerseits Levi sagt: kommt mal die Revolution, dann wollen wir den Tanz von vorne beginnen, so konnte das nicht ein Gegengewicht gegen die unrealistische und unwirkliche Theorie der Offensive sein, die der linke Flügel der Partei in der Hitze des Gefechts aufstellte, indem er seine Fehler zur Theorie ausbildete.
Genossen, warum steht diese Theorie der Offensive der Wirklichkeit vollkommen fern? Erstens ist sie ein Spiel mit militärischen Begriffen. Nun, obwohl meine nahen Parteifreunde mir nicht zutrauen, daß ich ein Napoleon wäre, &o lese ich doch von Zeit zu Zeit militärische Bücher. Als ich die Theorie des Offensivkrieges verstehen wollte, sagte ich mir, ich werde mich nicht an einen von unseren deutschen Kavallerie-Reserveleutnants wenden, sondern an einen wirklich guten militärischen Kopf. Und ich las das Kapitel Offensive und Defensive bei Clausewitz nochmals durch. Und beim Lesen wurde mir klar, wie nützlich einem Politiker die Befassung mit militärischen Dingen sein kann, und wie gefährlich sie ist, wenn man dann nicht die Besonderheit der Bedingungen beachtet. Clausewitz sagt glänzend: Die Defensive ist die Abwehr eines Stoßes. Das Warten auf den Stoß ist ihr Merkmal. Dann sagt er aber: Worin besteht die starke Seite der Defensive und die starke Seite der Offensive im militärischen Sinn? In der Defensive — sagte er — klammere ich mich an den mir vertrauten Boden und lasse den Feind herankommen. In der Offensive habe ich den Vorzug der Überraschung des Gegners. Wo gibt es hier eine Analogie? Wo ist der Boden, an den Ihr Euch in der politischen Defensive klammert, der Euch besser bekannt ist, als dem Feinde? Und wo gibt es bei der Offensive die Möglichkeit der Überraschung des Feindes mit Millionen von Proletariern, die man natürlich nicht im geheimen aufmarschieren lassen kann? Das ganze Spiel mit diesem Gedanken ist vollkommen widersinnig. Aber gleichzeitig findet man bei Clausewitz einen Gedanken, der eine Verwendung für die Frage erlaubt. Er sagt, die Defensive ist ein starkes Kampfmittel aus dem Grunde, weil ich in ihr das ver teidige, was ich besitze. Und als ich das las, da ließ ich an meinem Geiste die ganze Geschichte der Arbeiterklasse, alle großen Kämpfe des Proletariats vorbeiziehen. Was war der Kampf der Chartisten? Die Verteidigung der proletarischen Masse gegen die Wirkungen des jungen Kapitalismus. Und das Aufwachen, die großen Kämpfe der 70er Jahre, das Entstehen der ersten Internationale? Auf dem Boden der Entwicklung des Kapitalismus, auf dem Kontinent wehrte sich die junge Arbeiterklasse! Die großen Kämpfe in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, die großen Streiks, die Entstehung der großen Gewerkschaften, was war das? Das war der Kampf des Proletariats gegen die niederdrückenden Tendenzen des Kapitalismus, der Ende der 90er Jahre einen neuen Lauf beginnt! Was ist die soziale Revolution? Sie ist in ihrer Entwicklung die Auflehnung der leidenden Arbeitermasse, die der Kapitalismus mit dem Feuer seiner Kanonen vier Jahre lang in den Krieg hineingejagt und dort dezimiert hat, und die er jetzt durch Hungerlöhne zu dezimieren sucht und gegen die er jetzt eine Offensive beginnt. Und wenn wir ohne den ‘großen Stoß der großen kompakten Massen, ohne ihre Offensive nicht siegen können, so werden wir uns im großen und ganzen an den Feind heranpirschen, und wir werden es verstehen, in die Arbeiterklasse bis zum letzten Mann den Gedanken zu bringen: Wehre dich deiner Haut, wenn du nicht zum Heloten heruntersinken willst. Und eben weil es so ist, so ist der Gedanke der Verpflichtung der Partei zur Offensive als dem Hauptmittel, das in jeder Kampfsituation anzuwenden sei, ein falscher und unrealer. Die Genossen brauchen sich nur zu fragen: Wie können wir als kommunistische Partei die Offensive beginnen? Können wir als kommunistische Partei, wenn wir noch eine Minderheit sind. Massenstreiks organisieren? Zu den Massenstreiks, wenn sie irgendwelchen Einfluß haben sollen, gehört die große Masse. Zu den Aufständen, zu den Entscheidungskämpfen gehört die große Masse der Arbeiter. Also ist der Rahmen des Manövrierens der selbständigen Partei schr klein. Wir dürfen natürlich nicht die Augen vor den Möglichkeiten eines selbständigen offensiven Vorgehens verschließen. Angenommen, daß — wie in den Kapptagen — der Feind getrennt dasteht, er unter sich zu kämpfen beginnt, dann kann bei der allgemeinen Stimmung, die diese Kämpfe in den Reihen des Gegners erwecken, der Vorstoß einer entschiedenen Minderheit die Massen vorwärts reißen, einen Schritt weiter führen, eine Bresche in das Lager des Feindes schlagen. Oder dies kann eintreten, wenn der Prozeß der Abbröckelung von den Gewerkschaften weitergeht, — er hat erst begonnen, er ist einstweilen nur ein Symptom, noch nicht ein positives, revolutionäres Symptom, denn viele, die die Gewerkschaften verlassen, bleiben abseits, aber das zeigt, daß sie das Vertrauen zu den verräterischen Führern verloren haben. Wenn also dieser Prozeß weitergeht, so wird vielleicht mehrmals eine solche Konstellation entstehen, in der wir imstande sein werden, an der Spitze großer, durch die Not geeinter Massen selbst gegen alle anderen Organisationen in den Kampf zu ziehen. Aber in jedem Falle ist es dann die Pflicht der Partei, sorgfältig alle Kampfsituationen und alle Kampfmöglichkeiten zu prüfen. Wo die Partei die Möglichkeit sieht, vorwärts zu stürzen, muß sie die Stürmer vorzubereiten suchen durch die Aufrüttelung der Massen, durch die Verbindung der Partei mit den breitesten Massen. Wir müssen immer im Auge behalten, daß wir den Massen zwar einen Schritt voraus sein dürfen, daß aber die Distanz zwischen der Vorhut und den großen Massen, der schweren Artillerie des Bürgerkrieges nicht so groß sein darf, daß wir im isolierten Kampf niedergeschlagen werden können.
Genossen, wenn wir die wichtigsten Lehren aus den Märzkämpfen ziehen, so sind es folgende: Erstens der Uebergang von der Agitation zur Propaganda der Aktion ist nicht leicht, und sehr gute kommunistische Parteien, die Massenparteien sind, und von denen wir noch keine Ursache haben zu glauben, daß irgendetwas in ihnen faul ist, sollen nicht frohlocken: nur im Kampf wird es sich zeigen, was kommunistisches Gold ist. Nur dann wird es sich zeigen, welche Mitglieder wirklich zur Partei stehen und fähig sind, zu kämpfen, nur dann wird sich zeigen, was der wirkliche Inhalt verschiedener Schattierungen in der Partei ist.
Die zweite Lehre ist: Die Elemente, die in den Parteien als passive Elemente auftreten, können sich sehr leicht in den wirklichen Kämpfen als opportunistische Richtung entpuppen, vielleicht als noch nicht vollkommen geklärte opportunistische Richtung, vielleicht als halbzentristische Von der Genossin Zetkin und dem Genossen Malzahn bis zu Levi ist ein langer Weg, und wir mußten, als die Zentrale im schärfsten Kampf gegen sie war, ihnen gegenüber schonender vorgehen. Die Exekutive hat gleichzeitig, als sie den Ausschluß Levis billigte, die deutsche Zentrale gebeten: Wartet ab, erst muß sich die Hitze des Kampfes legen; wir müssen mit den Genossen erst sprechen! Levi hat weniger durch seine Argumentation, als durch die Art, wie er auftrat, gezeigt, daß zwischen ihm und der Partei keine organische Verbindung besteht, daß er fähig ist, gegen die Partei, wenn sie blutet, eine Bombe zu werfen. Wenn er wirklich glaubte, was er schrieb, daß nämlich die Partei für lange Zeit niedergeschlagen sei, so konnte doch nicht für morgen die Gefahr einer Wiederholung der Fehler drohen, und er hätte sich mit der Partei und mit der Exekutive in Verbindung setzen können. Wenn er es aber nicht glaubte, wie konnte er es schreiben? Wenn Levi sagt: „Gruppe nach Gruppe stand auf und ging auf die Parole der Zentrale hin in den Kampf,“ und gleichzeitig sagt, es war ein bakunistischer Putsch, so zeigt er, daß für ihn Argumente billig sind, wenn sie nur gegen die Partei zu brauchen sind. Die anderen Genossen, die sich zwar mit Levi solidarisierten, aber durch die Tatsache, daß sie aktiv am Kampfe teilnahmen, zeigten, daß sie mit der Partei verbunden sind, diese Genossen hielten wir gleichzeitig für Elemente, die in der Partei notwendig sind, da sie als Gewerkschaftler durch ihre Verbindung mit den Massen das Gewicht bilden, das verhindert, daß das Schiff jähe Drehungen macht, bei denen Kapitän und Schiff zugrunde gehen können. Und wenn wir die organisatorischen Schlüsse ziehen, so sagen wir der deutschen Partei: Wir haben hier die Fehler festgestellt. damit in der Zukunft diese Fehler vermieden werden und ihr gemeinsam mit allen denen arbeitet, die im Kampfe Schulter an Schulter gekämpft haben.
Genossen, die Lehren der Märzaktion zeigen weiter, daß wir einen Apparat haben, der noch nicht auf den Kampf eingestellt ist. Die Organisationen, die besonders für den Kampf gebildet worden sind, die militärisch-politischen Abteilungen haben sich als eine Illusion erwiesen. Sie existierten in Wirklichkeit noch nicht, und wenn sie irgendwo existiert hätten, so hatten sie die Waffen nur auf dem Papier; das wenige, das vorhanden war, war undiszipliniert. Sie wollten der Partei diktieren, anstatt die Befehle der Partei auszuführen. Die Parteiorganisationen als Ganzes erwiesen sich als ein Apparat, der sich noch nicht auf den Kampf einstellen kann. Wir müssen hieraus große Lehren ziehen. Und wenn wir sagen: Genossen, die Märzaktion mit ihren Fehlern ist ein Schritt vorwärts, so sagen wir das nicht, um ein Pflaster auf die Wunde zu legen, die unsere Kritik vielleicht schlägt, sondern weil wir überzeugt sind, daß Ihr vor Kämpfen steht, in denen Ihr noch größere Niederlagen erleiden werdet, wenn Ihr nicht lernt, die Fehler zu vermeiden. Und deshalb, weil die Partei den Willen zum Kampf gezeigt hat, weil sie erprobte Massen zum Kampf zusammenhielt, meinen wir, daß trotz der numerischen Verluste, die von der Gegenseite sehr übertrieben werden, die Partei gehärtet, gestählt aus dem Kampf hervorgegangen ist, und sie wird zehnmal stärker werden, wenn Ihr alle Lehren des Kampfes restlos zieht. Wir begrüßen es, daß Ihr begonnen habt, diese Fehler einzusehen. Wenn man vergleicht, was in der Resolution vom 7. April steht und in der Resolution zum Kongreß der Internationale, so sieht man schon die Ernüchterung. Und die Tatsache, daß die deutsche Delegation unseren Thesen keine grundsätzlich anderen Thesen entgegengestellt hat, ist für uns ein Beweis, daß die große, aber junge deutsche Partei bereit ist, aus diesem Kampfe die Lehren zu ziehen, die ihr erlauben werden, in Zukunft alle ihre Kämpfe, defensive oder offensive, besser zu führen, gleichzeitig politisch und. organisatorisch besser durchzuführen und in den Kämpfen das Proletariat zum Siege zu führen.
Die Losungen der nächsten Zukunft.
Genossen, ich kann nicht auf alle die Fragen hier eingehen, die in den Thesen kurz umrissen sind und die Ihr in der Diskussion weiter ausführen und kritisch verfolgen könnt. Erlaubt mir, jetzt zum letzten Teil meines Referats überzugehen, nämlich zu den Losungen für die Teilkämpfe, für die Aktionen, vor denen wir stehen, auf die wir hinzuarbeiten haben, zu den Losungen, unter denen wir die Aktionen durchzukämpfen haben. Dies ist ein Gebiet, wo es nur zu formulieren gilt, was wir in unseren theoretischen Diskussionen und in der Praxis sehr oft gesagt haben. Es handelt sich um scharfes Herausarbeiten der Unterschiede zwischen dem Minimalprogramm der Sozialdemokratie, dem Aktionsprogramm des Zentrums und den Losungen der Kommunistischen Internationale.
Genossen, was das alte Programm der Sozialdemokratie war, ist Euch allen sehr klar in Erinnerung. Die Sozialdemokratie rechnete mit einer langen Periode der Existenz der kapitalistischen Gesellschaft. Für diese Periode schuf sie ein System der Forderungen, die auf dem Boden des Kapitalismus die Lage der Arbeiterklasse bessern sollten, die die Arbeiterklasse gegen die niederdrückenden Tendenzen des Kapitalismus panzern sollten. Rosa Luxemburg charakterisierte seinerzeit in einer Polemik gegen Sombart die wirkliche Funktion des sozialdemokratischen Programms in der Weise, daß sie erklärte: „Eigentlich kämpfen wir nur dafür, daß die Ware Arbeitskraft zu ihrem wirklichen Preise gekauft wird. daß der Arbeiter den Lohn erhält, der ihm erlaubt, seine Arbeitskraft zu reproduzieren.“ Und Karl Marx hat dies in seiner Kritik des Gothaschen Programms folgendermaßen umschrieben:
„Zwischen der kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Ihr entspricht auch eine politische Uebergangsperiode. deren Form nichts anderes sein kann, als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“
Das Programm nun hat es weder mit letzterer zu tun, noch mit dem zukünftigen Staatswesen der kommunistischen Gesellschaft.
Seine politischen Forderungen enthalten nichts außer der alten weltbekannten demokratischen Litanei: allgemeines Wahlrecht, direkte Gesetzgebung, Volksrecht, Volkswehr usw. Sie sind bloßes Echo der bürgerlichen Volkspartei, des Friedens- und Freiheitsbundes. Es sind lauter Forderungen, die. soweit sie nicht in phantastische Vorstellungen übertrieben werden, bereits realisiert sind. Nur liegt der Staat, in dem sie durchgeführt sind, nicht innerhalb der deutschen Reichsgrenze, sondern in der Schweiz, den Vereinigten Staaten usw. Diese Sorte „Zukunftsstaat‘“ besteht heute schon, wenn er auch außerhalb des „Rahmens“ des Deutschen Reiches existiert.“
Das, was Marx über das Gothasche Programm sagt, bezieht sich auf alle sozialdemokratischen Programme. Es sind hier gewisse Charaktermerkmale, die sich nur auf das Gothasche Programm beziehen, aber im Grunde ist es die Charakterisierung jedes Minimalprogramms der Sozialdemokratie. Es stellte Forderungen auf, die in der kapitalistischen Gesellschaft realisierbar waren und die darum revolutionär wirkten, weil die kapitalistische Gesellschaft diese realisierbaren, für die Arbeiterklasse notwendigen Forderungen immer wieder ablehnte, Die Sozialdemokratie bleibt auch heute noch auf dem Boden dieses Programms. Sie sucht innerhalb der Ruinen der kapitalistischen Weltwirtschaft, während die Kräfte, die das Proletariat in den Abgrund bringen und jeden Tag hinabzustoßen drohen, weiterwirken, den Eindruck zu erwecken, als arbeite sie eifrig an den Reformen einer zusammenfallenden Bude. Die Reform eines zusammenstürzenden Hauses, das ist sein Zusammensturz, sagte einst der deutsche Historiker Dahlmann in seiner Geschichte der englischen Revolution. Aber die Sozialdemokratie will bewußt das Proletariat durch ihr Reformenspiel betrügen. Die deutsche Sozialdemokratie sucht jeden Verrat und jeden Betrug, den sie verübt, in Paragraphen zu fassen, wie der deutsche Generalstab jede Kriegsgreuel in Paragraphen faßte.
Das Zentrum sucht den Anschein zu erwecken, als ob es diesen Programmstandpunkt der Sozialdemokratie nicht einnehme. Es hat bisher nirgends ein Minimalprogramm aufgestellt. Es behauptet, es stehe auf dem Boden der sozialen Revolution und stelle nur Aktionsforderungen auf, die im Prozeß der sozialen Revolution verwirklicht werden. Wie ist der wirkliche Standpunkt des Zentrums? Ihr könnt ihn am besten in zwei Ländern erkennen: in Deutschland und in England. In Deutschland in dem Aktionsprogramm der Unabhängigen, in England in der Stellung der I.L.P. zu der Frage der Bergwerke. Diese beiden Parteien entwickeln folgende Pläne. Lassalle hat in den sechziger Jahren dem Proletariat gesagt: „Du sollst Deine Kräfte auf einen Angriffspunkt konzentrieren; schau nicht nach rechts und schau nicht nach links, sondern frage jede Partei und jeden Menschen: Wie stehst du zum allgemeinen Wahlrecht.“ Nun sagen die Zentristen, jetzt ist die Demokratie verwirklicht, es handelt sich nicht um das allgemeine Wahlrecht; die brennenden Fragen sind die Fragen wirtschaftlicher Natur. Es handelt sich um die Frage: wie reißen wir die Fabriken und Bergwerke aus den Händen der Kapitalisten? Nun sagen sie: das wichtigste Gebiet ist die Schwerindustrie, und diese Schwerindustrie hat zur Grundlage die Kohlenfrage. Und sie entwerfen einen scheinbar revolutionären Plan der Konzentrierung der Aktionen des Proletariats auf die Nationalisierung der Kohlenbergwerke in England und auf die Sozialisierung in Deutschland. Sie arbeiten den Plan aus, wie das Proletariat sich auf die Schichten des Kleinbürgertums, das unter der Teuerung der Kohle leidet, sogar auf die verarbeitende Industrie, die unter dem Privatmonopol der Kohle leidet, stützen, wie das Proletariat den Kampf um die Sozialisierung der Kohlenbergwerke beginnen soll. Und sie sagen: in dem Kampfe kommt es zu großen Zusammenstößen und diese Zusammenstöße sind der Hebel der Revolution. Dieser Klimbim ist in der Broschüre Rudolf Hilferdings zu finden und wurde natürlich auch in der Presse der U.S.P.D. breitgetreten. Wenn Ihr Euch diesen Gedanken überlegt, so zeigt es sich, daß es sich hier um nichts anderes handelt, als um die Flucht vor wirklichen Kämpfen in das selige Gefilde der schönen Pläne. Warum konnte Lassalle die Energie der Arbeiter auf die Frage des Wahlrechts konzentrieren? Die Arbeiterklasse war geknebelt, und das erste, was ihr helfen konnte, ihre Entfesselung herbeizuführen, war das Wahlrecht; ob sie nun von den Polizisten geprügelt wurde, ob sie von den Richtern mißhandelt, ob sie von den Kapitalisten ausgebeutet wurde, den Hebel der Besserung ihrer Lage bildete das Wahlrecht. — Lassalle verband diese Frage mit der Magenfrage der Arbeiter, mit der Finanzierung der Genossenschaften, die dem damaligen kleinbürgerlichen Proletariat die Befreiung verschaffen sollte. Heute blutet die Arbeiterklasse aus tausend Wunden, und der Gedanke ist eine vollkommene Utopie, man könne das Proletariat auch nur ein paar Monate lang auf den Kampf um die Sozialisierung, in Wirklichkeit um die Verstaatlichung der Kohlenindustrie, konzentrieren. Daß das unmöglich ist, beweist das englische Beispiel.
Der englische Kohlenarbeiterverband hat unter der Führung Smillies im Jahre 1919 versucht, in einer glänzend geführten, groß angelegten Kampagne die Aufmerksamkeit der englischen Arbeiterklasse und Oeffentlichkeit auf diese Frage zu lenken. Ich erinnere Euch an die öffentlichen Sitzungen der Kohlenkommissionen, in denen Smillie den Krieg gegen die Kohlenbarone führte, — einen Krieg vor einer Enquete-Kommission, die der englischen Arbeiterklasse die Grundbegriffe der politischen Oekonomie beibrachte. Ich erinnere Euch an die Agitationskampagne, die der Kohlenarbeiterverband in vorbildlicher Weise geführt hat, und trotzdem war es unmöglich, die Arbeiter, auf die jeden Tag tausend andere Fragen einstürmen, bei diesem Kampfe zu halten. Die Frage des Kampfes um die Nationalisierung in England ist im politischen Kampfe jetzt in den Hintergrund getreten. Sie spielte im großen Streik nicht die Bedeutung, die sie 1919 hatte. Indem das Zentrum diese planmäßige Organisation der Revolution zu betreiben vorgibt, schafft es in der Praxis eine Kulisse, hinter der es in Wirklichkeit hinter dem alten sozialdemokratischen Programm einhertrottet.
Wir Kommunisten stehen dieser Frage der Losungen nicht in der Position gegenüber, in der wir im Jahre 1918 standen. Ich erinnere an die programmatische Rede Rosa Luxemburgs auf dem Gründungsparteitag der kommunistischen Partei. In dieser Rede sagt Rosa Luxemburg folgendes: „Nun, Parteigenossen, das ist die allgemeine Grundlage, auf der unser Programm aufgebaut ist, das wir heute offiziell annehmen und dessen Entwurf Sie ja in der Broschüre: „Was will der Spartakusbund‘“ kennengelernt haben. Es befindet sich in bewußtem Gegensatz zu dem Standpunkt, auf dem das Erfurter Programm bisher stand, im bewußten Gegensatz zu der Trennung der unmittelbaren, sogenannten Minimalforderungen für den politischen und wirtschaftlichen Kampf von dem sozialistischen Endziel als einem Maximalprogramm. In bewußtem Gegensatz dazu liquidieren wir die Resultate der letzten 70 Jahre der Entwicklung und namentlich das unmittelbare Ergebnis des Weltkrieges, indem wir sagen: für uns gibt es jetzt kein Minimalprogramm, kein Maximalprogramm; der Sozialismus ist eines und dasselbe: das ist das Minimum, das wir heutzutage durchzusetzen haben.“
Und welches Minimum stellte Rosa Luxemburg auf? Alle Macht den Arbeiterräten, Bewaffnung des Proletariats, Annullierung der Staatsschulden, Besitzergreifung der Fabriken usw.
In welcher Situation entstand dieses Programm? In Deutschland waren die höchste Macht die Arbeiterräte. Die Arbeiterklasse hatte formell die Macht in der Hand. Und die Aufgabe des Spartakusbundes bestand eben darin, diesen Arbeiterräten zu sagen, worin die Macht der Arbeiterklasse besteht, und nicht mehr. Es ist klar, daß wir uns jetzt nicht in dieser Situation befinden. Die Macht hat die Bourgeoisie. Der erste Ansturm der Arbeiterklasse in der Demobilisationsepoche ist abgeschlagen. Jetzt wächst erst die proletarische Revolution. Und wir können diese proletarische Revolution nicht fördern, nicht organisieren, wenn wir nur mit dem nackten Programm der Diktatur des Proletariats kommen. Wir können nicht in dem Moment, wo Arbeiter streiken, weil sie morgen nichts in den Mund zu stecken haben, kommen und sagen: „Nehmt die Fabriken“. Hätten sie die Kraft dazu. so würden sie schon im Kampf um die Macht stehen. Wir haben sie natürlich darauf hingewiesen, daß sie keine dauernde Besserung ihrer Lage zu erwarten haben, ehe wir nicht die Macht erobert. wir nicht die Fabriken in Besitz genommen haben. Aber wir müssen anknüpfen an das. um was sie im gegebenen Moment kämpfen. Da müssen wir sagen, daß die Kommunistische Internationale nicht imstande ist, ein Programm, in Paragraphen gefaßt, aufzustellen, ein Programm, das alle diese Bedürfnisse formuliert. Die Kommunistische Internationale hat ihren Parteien nur folgende methodischen Gedanken zu geben. die dann je nach der konkreten Situation diesen Gedanken in die Form von Forderungen zu bringen haben. Der erste Gedanke ist: Wenn wir propagandistisch darauf hinweisen, daß keine dauernde Besserung der Lage der Arbeiterklasse ohne Eroberung der Macht eintreten kann, so ist es lächerlich, diesen Gedanken den praktischen Kämpfen des Proletariats entgegenzustellen. Und wenn die K.A.P.D. in Beantwortung unseres offenen Briefes schreibt: „Ihr faulen Köpfe, Ihr setzt Euch erstens an einen Tisch mit solchen Halunken wie Scheidemann., und zweitens stellt Ihr reformistische Forderungen auf; wißt Ihr denn nicht, daß, wenn die Arbeiter heute auch 40 bis 50 Mark verdienen, morgen die Preise wieder steigen werden. Ihr stellt bewußt unrealisierbare Forderungen auf.“ Wenn die Genossen uns das sagen, so antworten wir: „Auf diese Weise kann man keinen einzigen Arbeiter für den Kommunismus gewinnen. Wenn der Arbeiter morgen und übermorgen seinen Kindern ein Stückchen Fleisch auf Grund der Erhöhung seines Lohnes um 5 Mark geben kann, so haben wir gemeinsam mit ihm um diese 5 Mark zu kämpfen, und wir haben hier nicht zu fürchten, damit den kapitalistischen Staat zu reformieren, sondern wir haben daran zu denken: Wir helfen dem Arbeiter in diesem Kampfe und werden über diesen Kampf hinaus ihn zu weiteren, zu gesteigerten Kämpfen führen.“
Die zweite Sache ist die: Natürlich haben wir eine Reihe von Forderungen, die wir in jeder günstigen Situation durchzudrücken versuchen, um die wir alle anderen Forderungen zu gruppieren haben. Das sind Forderungen, die die Arbeiterklasse im Kampfe stellt, um den Kampf zu organisieren und ihre Schlagkraft zu beleben. In erster Linie ist es dies: Man muß alle Kämpfe um die Erhöhung der Löhne, um die Arbeitszeit, alle Kämpfe gegen die Arbeitslosigkeit auf das Etappenziel der Kontrolle der Produktion hinüberzuleiten suchen, nicht auf das System der Kontrolle der Produktion, das die Regierung durchführt, indem sie ein Gesetz erläßt, daß das Proletariat von nun an darauf zu achten habe, daß der Kapitalist nicht stehle, und der Kapitalist darauf zu achten habe, daß der Arbeiter arbeite. Die Kontrolle der Produktion bedeutet Ausbildung im proletarischen Kampfe, Durchführung aller Betriebsorganisationen auf Grund von Wahlen. ihre lokale, bezirksweise Verbindung nach Industriegruppen im proletarischen Kampf. Wenn es uns gelingt, in diesen Kämpfen die Arbeiterklasse in erster Linie zur autochthonen, zur selbständigen Bildung dieser Organisationen oder zu der Umbildung der ihr von der Regierung zugestandenen Scheinorganisationen zu veranlassen, so ist damit die Möglichkeit der organisatorischen Zusammenfassung der Arbeiter für die großen Kämpfe gegeben. Derjenige, der die Organisationen nur auf bereits bewußte, revolutionäre Arbeiter beschränken will, begeht einen Fehler. Wenn es sich darum handelt, die Sabotage eines Kapitalisten lahmzulegen, wenn es sich darum handelt. eine Industrie in Bewegung zu setzen. können sich unter dieser Losung große Massen vereinigen, die nicht Kommunisten sind. die wir brauchen, und die wir in dieser Vereinigung zu weiteren Kämpfen führen werden.
Die zweite Losung, an die wir dauernd zu denken haben, die wir immerfort in allen Krisen zu verwirklichen bestrebt sein müssen, ist die Bewaffnung des Proletariats, die Entwaffnung der Bourgeoisie; die Bewaffnung des Proletariats nicht nur als geheime Kampforganisation, die eine kleine Minderheit sein soll. In allen Kreisen, in denen wir stehen, haben wir die Massen anzutreiben, die Entwaffnung der Weißen zu fordern. Wir müssen in der Masse den Willen zur Bewaffnung schaffen. Wir haben in allen Kämpfen diese Losung der Regierung entgegenzustellen. Man könnte solcher Losungen noch mehrere nennen. Ich werde es nicht tun, sie wachsen aus dem praktischen Kampf hervor. Das, was wir Euch sagen, was wir Euch als Losung, als allgemeine Richtlinie geben, ist, in allen Kämpfen des Proletariats sich nicht dem, um das die Massen kämpfen, doktrinär entgegenzustellen, sondern die Kämpfe der Massen um ihre praktischen Bedürfnisse zu verschärfen, auszubreiten und sie zu lehren, größere Bedürfnisse zu haben: Das Bedürfnis nach der Eroberung der Macht.
Genossen, wir haben erkannt, daß die Parteien das, was sie auf diesem Gebiete tun, vergleichen, ihre Erfahrungen austauschen müssen. Bisher haben sie es nicht getan. Bisher haben sie der Kommunistischen Internationale ihre Programme nicht zugesandt, bisher ist der Austausch der Erfahrungen agitatorischer; organisatorischer Art usw., unter uns sehr gering gewesen. Wenn wir diesen Austausch haben, wird sich ein konkretes System dieser Aktionen und Uebergangsforderungen schaffen lassen. Ihr Charakteristikum ist, daß es nicht Forderungen zum Umbau des Kapitalismus sind, sondern solche, die den Kampf gegen den Kapitalismus steigern sollen. Es ist nicht das Minimalprogramm der Sozialpatrioten, nicht das konkrete Programm dafür, was die Diktatur am Tage nach ihrem Siege tun wird, es sind all die Forderungen, die die breiten Massen für den Kampf um die Diktatur mobilisieren.
Schlußfolgerungen.
ich bin am Ende meines Referates und habe zum Schluß noch gewisse Resultate meiner Ausführungen zu unterstreichen.
Ich habe am Anfang erklärt und sagte das im vollen Einvernehmen mit allen Genossen der Exekutive, daß wir großen Kämpfen entgegengehen. Wenn hier eine Diskussion über den Passus in der Trotzkischen Resolution, betreffend die Bedeutung der Prosperität, entstehen konnte, so konnte sie nur aus der Angst innerlich schwacher Radikaler vor der konkreten Einsicht dessen entstehen, was ist. Sie konnte nur aus dem Bedürfnis entstehen, sich damit aufzublasen, daß die Revolution siegen wird, weil der Kapitalismus jeden Tag mehr zerbröckeln müsse. Sie verstanden Trotzkis Standpunkt nicht. Der Standpunkt Trotzkis bedeutet: der Kapitalismus zerfällt, aber der Zerfall bildet keine gerade Linie. Die Revolution geht vorwärts, aber sie hat ihre Ebbe und Flut, sogar in dieser großen Periode der Kämpfe. Und indem wir auf diese Möglichkeit hinweisen, sollen wir uns nicht auf das Abschwenken der Aktionslosigkeit vorbereiten, sondern auf alle Situationen, in denen wir die Aktion zu führen haben werden. Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, daß man die Agitation und Propaganda der Aktion entgegenstellen soll. Gute revolutionäre Agitation und gute revolutionäre Propaganda bilden die Vorbereitung für die Aktion. Und da wir vor großen Kämpfen stehen, so sagen wir Euch in erster Linie: Ihr sollt die Glocke sein, die die Lebendigen zum Kampfe ruft, und wir sind jetzt noch ein kleines Glöcklein. Wenn wir heute die große Kommunistische Internationale sind, so sind wir es nicht darum, weil wir, die Internationale, gut agitiert haben, sondern weil das russische Proletariat und die Russische Rote Armee mit ihrem Blute und mit ihrem Hunger gut agitiert haben, weil dieser Kampf, die russische Revolution, die große Glocke der Kommunistischen Internationale war.
Unsere Agitation ist überall erst in den Anfängen, nirgends ist sie eine in die breitesten Massen des Volkes gelangende Agitation. Wenn wir uns sagen, wir gehen großen Kämpfen entgegen, so müssen wir uns sagen: in erster Linie an die Massen heran, mit allen Mitteln. Zweitens müssen wir uns sagen, eben weil wir nicht wissen, was der morgige Tag bringen wird, weil wir morgen vielleicht schon in große Kämpfe eintreten müssen, gilt es, diese Kämpfe vorzubereiten. Die Revolution kann man nicht organisieren. Eine Armee kann man kommandieren, die Revolution ist ein spontaner Prozeß, aber in diesem Prozeß haben wir die Aufgabe, der Masse politisch zum Bewußtsein zu bringen, um was es sich handelt, und organisatorisch die Stoßtruppen des Proletariats, seine Vorderreihen zusammenzufassen, damit sie, von der Welle der Revolution getragen, vorwärtsstürmend die Massen in den Kampf führen können.
Die Vorbereitungsarbeit ist der Epoche der Agitation nicht gegenübergestellt. Wer da sagt, wir wollen warten und wie bisher Propaganda und Agitation treiben, dem sagen wir: „Wartet nicht; wenn Ihr morgen große Aktionen führen könnt, desto besser.“ Die Passivität ist der größte Feind der Organisation, aber der Gegensatz der Passivität ist nicht die Offensive, der Gegensatz zu ihr ist der Kampf in jeder Situation mit den Mitteln, die diese erfordert. Kampf ist revolutionäre Agitation, Kampf ist revolutionäre Propaganda, Kampf sind illegale Organisationen, Kampf die militärische Schulung des Proletariats, Parteischule, Demonstrationen, Aufstand. In jeder Situation das möglichste herauszuholen, das muß unsere Parole sein. Und, Genossen, wenn manche glauben, es ist ein Ruck nach rechts, weil man einerseits die Opportunisten bekämpft, andererseits von den Fehlern spricht, die die guten linken Elemente tun, so ist das ein Irrtum. Die guten linken Elemente stehen nicht links von uns. Links stehen in der Kommunistischen Internationale diejenigen, die sich vorbereiten, um ihre Kämpfe führen zu können. Wer sie durch opportunistische Theorie hindert, sich auf den Kampf vorzubereiten, steht rechts. Und wer sie hindert, die Kämpfe siegreich zu bestehen, indem er zu wenig mit den Realitäten des Kampfes rechnet, wer das Augenmaß für die Notwendigkeit der Vorbereitung nicht hat, der ist zwar kein Opportunist, aber ein Unopportunist. Er sieht nicht das, was opportun und notwendig ist. Die Kommunistische Internationale, die als die große Kampforganisation des revolutionären Proletariats gegen die Verfälschung und den Verrat des Sozialismus durch die Rechtssozialisten entstand, braucht sich nicht dagegen zu wehren, daß sie nach rechts schielt. Wir haben hier auf diesem Kongreß schon Entscheidungen angenommen, die als Tatsachen für die Linie der Exekutive sprechen. Es ist unsere Entscheidung in der Frage der italienischen Partei, die Entscheidung der Exekutive in der Frage der halbzentristischen Tendenzen in der tschechoslowakischen Bruderpartei und die Entscheidung in der deutschen Frage, der Ausschluß Levis.
Und weil wir jetzt, Genossen, rücksichtslos den Kampf gegen alle Tendenzen führen, die imstande sind, von rechts unseren Kampf aufzuhalten, haben wir tausendmal die Pflicht. Euch zu sagen: „Bereitet Euch sorgfältig auf die Kämpfe vor.“ Die Ungeduld — ich erinnere mich an diese ausgezeichneten Ausführungen, die Trotzki vor mehr als zwölf Jahren in der .Neuen Zeit“ machte —, die Ungeduld ist der gemeinsame Boden des Opportunismus und des Wortradikalismus.
Der Opportunismus will das Ziel, das fern ist, umgehen. Der Radikalrevolutionismus — die Hindernisse überspringen. Die Ungeduld ist die Mutter beider Abweichungen, wenn man sie psychologisch, nicht sozial nimmt. Und eben weil wir das tiefe Vertrauen zum Fortschritt der Weltrevolution haben, weil wir das Vertrauen darauf haben, daß wir vor der Gründung großer Massenparteien stehen, so sagen wir Euch, fordert nicht vom heutigen Tag, was erst der morgige bringen kann, sondern leistet die Arbeit des heutigen Tages. Bereitet Euch vor, bereitet das Proletariat vor für die Kämpfe, organisiert es, führt es in die Kämpfe, vor die die Geschichte Euch stellt. Man braucht die Kämpfe nicht zu suchen, sie kommen an uns heran. Und wir werden sie desto besser durchkämpfen, wenn wir uns auf sie vorbereiten. Fehler, die wir machen, bedeuten immer einen Rückschlag, und es unterliegt keinem Zweifel, daß wir auch in Deutschland einen Rückschlag haben und daß er überwunden werden muß, wobei uns die Lehren der Märzaktion helfen werden. Wenn wir in dieser Weise sprechen, so sprechen wir auch auf Grund der Erfahrung unseres Kampfes. Sinowjew erwähnte schon, wie oft wir mahnten, nicht zu früh loszuschlagen. Und wie oft drängten wir: Jetzt ist es Zeit, schlagt los!
Genossen und Genossinnen, wir alle bewundern die Genialität Lenins in taktischer Beziehung. Ich sage das nicht als Mitglied der russischen Partei. Ich sage das als einer, der verhältnismäßig schwierig den Weg zu der rücksichtslosen Anerkennung der taktischen Genialität Lenins fand. Nehmt die Gegensätze dieser Taktik, Brest-Litowsk und der Vormarsch auf Warschau. Dort, wo die Partei große Gefahren sah, ging sie vorsichtig wie der Maulesel am Abgrund. Sie tastete mit den Füßen, denn sie war schwach. Hatte sie aber Chancen für den Sieg, so stürmte sie vorwärts in den Kampf. Sie ging auf Warschau los, um die Revolution weiterzutragen. Sie wurde dabei geschlagen. Aber diese Niederlage ist für einen Revolutionär von ebenso großer Bedeutung, wie der Sieg in Brest-Litowsk. Denn sie zeigte, daß die taktische Elastizität nicht dazu führt, daß die Partei des revolutionären Proletariats ein Bandwurm oder ein Gummiball wird. Sie kann dabei Fehler begehen, aber sie zeigte stets die größte Vorsicht.
Genossen und Genossinnen! Wenn die linken Genossen speziell in der Märzaktion Fehler gemacht haben, so sage ich, diese Fehler zeugen für sie, sie zeigen den Willen zum Kampf, und darum waren wir trotz aller Fehler mit ihnen. Aber es ist besser, zu siegen, als nur zu beweisen, daß man siegen wollte. Und darum, Genossen, ist unsere taktische Linie auf die Weltrevolution eingestellt. Wir sehen den Weg zur Weltrevolution in der Eroberung der großen Massen. Diese Massen wollen wir in die großen Kämpfe führen, vor die uns die Geschichte gestellt hat. Und wir werden sie um so besser führen, wenn jeder Tag, sogar der Tag, an dem die Reveille nicht geblasen wird, diese Massen weckt und zusammenschweißt, wenn wir jeden Tag alle Möglichkeiten prüfen und aus ihnen das letzte herausholen, was revolutionäre Energie, gepaart mit klarer Einsicht, herauszuholen uns erlaubt. Wenn wir so handeln, ist unser Sieg sicher. Der Kampf in Westeuropa wird schwerer sein, als der, der uns zur Macht gebracht hat. Und wenn wir Niederlagen erleiden, wenn ein langes Martyrium hinter uns liegt, so ist es darum, weil dieses große Proletariat in diesen Niederlagen erst lernen muß, wie es zu siegen hat. Wenn wir im Jahre 1917 siegen konnten, so konnten wir es, weil wir bereits dreißigjährige revolutionäre Erfahrungen hinter uns hatten, weil wir im Jahre 1905 geschlagen wurden. Die Geschichte gibt der Kommunistischen Internationale die Möglichkeit, das Martyrium des Proletariats abzukürzen. Wir stehen vor einem historischen Wendepunkt und es gibt keine Kraft — wenigstens sieht man sie nicht —, die den Kapitalismus retten könnte. Wir wollen seinen Tod beschleunigen, und das kann nur geschehen, wenn wir die großen Massen geeinigt unter das Banner des Kommunismus bringen.
Wir sind nur die Wecker, die Organisatoren; zu Grabe wird ihn das Proletariat tragen, das Proletariat, das auch der große Hammer sein wird, der den Nagel in seinen Sarg hineinschlägt; das Proletariat, seine großen, schwerfälligen Massen, die sich nur langsam entwickeln, die tausendmal an sich verzweifeln, die aber unerschütterlicher Boden sind, auf dem wir kämpfen und siegen werden. (Stürmischer, langandauernder Beifall.)
Vors. Koenen. Ich möchte noch einige wichtige Mitteilungen machen. Ueber den Fortgang der Geschäftsordnung sind uns mehrere Vorschläge zugegangen, bezüglich der Form, wie wir jetzt über die Frage der Taktik, über das Referat des Gen. Radek die Diskussion eröffnen sollen. Das Präsidium wird über diese Vorschläge beraten und dann mit einem konkreten Antrage an den Kongreß herantreten. Morgen vormittag halten wir unsere nächste Sitzung ab, auf deren Tagesordnung die Diskussion über den Bericht des Gen. Radek steht.
(Schluß der Sitzung 4 Uhr 20 Min.)
Die elfte Sitzung (1. Juli 1921, 12 Uhr 40 Min. mittags)
(Diskussion zum Referat Radek. Redner: Hempel, Terracini, Lenin, Michalak, Vaughan.)
Vors. Koenen. Die Sitzung ist eröffnet. Dem Präsidium sind von vielen Genossen Wünsche unterbreitet worden, man möge die Verhandlungen etwas beschleunigen. Insbesondere drängen auch die Gewerkschaftsdelegierten darauf, daß wir mit unseren Verhandlungen schnell zum Schluß kommen, damit sie ihren Kongreß der Roten Gewerkschaftsinternationale abhalten können. Das Präsidium glaubt, daß es angebracht ist, die künftigen Tagesordnungspunkte strenger zu kontingentieren. Es ist beim ersten Tagesordnungspunkt sehr viel über alle möglichen Fragen gesprochen worden, was man sich für die späteren Tagesordnungspunkte ersparen konnte. Wir glauben, daß es möglich wäre, die Diskussion über die Taktik, die jetzt eröffnet wird, in 2 Sitzungen im wesentlichen zu Ende zu führen. Wir wollen wenigstens den Versuch machen. Es wird dann natürlich das Material, die Anträge und Thesen einer Kommission übergeben. Vielleicht ist es möglich, diesen Fragen später auf Grund der Kommissionsverhandlungen noch einen halben Tag zu widmen. Aber wir wollen wenigstens versuchen, diese Frage in zwei Sitzungen zu erledigen. Die Genossen, die sich zum Wort melden wollen, werden gebeten, das zu tun.
Wir werden also in die Diskussion über die Taktik eintreten. Als erster Redner hat der Vertreter der K.A.P.D., Gen. Hempel, mit verlängerter Redezeit das Wort:
Hempel (K.A.P.D.). Genossinnen und Genossen! Nach Anhörung des Referats des Gen. Radek über die Taktik, die die Kommunistische Internationale einschlagen soll, können wir aussprechen, daß wir den ersten Ausführungen des Genossen Radek zustimmen, nämlich insoweit, als sie besagen, daß wir aus der Betrachtung der Weltwirtschaftslage den Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaftsweise konstatieren können, und daß deshalb die proletarische Revolution eine unbedingte Folge und Notwendigkeit sein wird. Sobald wir aber dann zu der Frage kommen, wie diese proletarische Revolution sich vollzieht, wie die Formation dieser kämpfenden revolutionären Proletariermasse ist, ergeben sich Unterschiede. Ich will versuchen, in ganz kurzen Ausführungen — denn wenig Zeit ist mir gegeben — darauf einzugehen. Wir betrachten die Zeit von 1917, die Revolution in Rußland. Wir sehen uns die Revolution in Deutschland an, in Oesterreich; wir sehen uns alle revolutionären Kämpfe in dieser Epoche an, und stellen fest, daß die Formierung des kämpfenden Proletariats in Rußland nach Sowjets geschah. Wir nennen sie in Deutschland Räte. Das war die Formierung des Proletariats, das war die Organisationsform der Masse. Wir können das weiter feststellen an kleineren revolutionären Kämpfen, die sich in Italien bei der Fabrikbesetzung zeigten. Das Proletariat hat seine Räte, oder wenigstens die Form der Räte; das Proletariat hatte und bildet jetzt in England bei den großen Bergarbeiterstreiks Fabrikkomitees (die wirklich revolutionäre Führung in den Shop Stewards). Das deutsche Proletariat hat nach 1918 in allen revolutionären Kämpfen — mögen sie von den kleinsten anfangen bis zu den größeren hin — die Form des Kampfes nach Räten, nach Betrieben, nach Arbeitsstätten angenommen. Das ist das, was wir von der Revolution sehen. Wir sollen nachdenken und sagen, wenn dies die Formierung des Proletariats in der Revolution ist, dann sollen wir auch als Kommunisten, die wir die Führung in dieser Revolution haben wollen und haben müssen, in dieser Weise die Organisierung des revolutionären Proletariats vornehmen. Wir von der Kommunistischen Arbeiterpartei sagen das — und das ist nicht, wie der Genosse Radek glaubt, im Gehirn und in der Retorte beim Genossen Gorter in Holland entstanden, sondern durch die Erfahrungen unseres Kampfes, den wir seit 1918 durchgefochten haben. Wir Arbeiter sind keine große Theoretiker, wir haben nur Erfahrungen aus unseren Kämpfen. Wir sind dazu gekommen, die revolutionären Arbeiter, die wirklich kämpfen wollen, von den alten Formen der Arbeiterbewegung loszulösen und ihnen einen Halt zu geben nach den neuen Formen, in denen sich die Revolution vollzieht.
Das wird am deutlichsten ans Licht treten, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Aufgaben die alte Arbeiterbewegung hatte, sagen wir besser, die Arbeiterbewegung vor dem Zeitalter dieses Ausbruches der direkten Revolution. Sie hatte als Aufgaben; einerseits vermittels der politischen Organisationen der Arbeiterschaft, der Parteien, Delegierte in die Parlamente und Institutionen zu entsenden, die vom Bürgertum, von der Bürokratie zur Vertretung der Arbeiterschaft offen gelassen sind. Das war die eine Aufgabe. Das wurde ausgenutzt. Und es war zu der Zeit richtig. Die wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiterschaft nun hatten die Aufgabe, für die Besserstellung der Arbeiterschaft im Kapitalismus zu sorgen, zum Kampf zu streben, und wenn das Kämpfen nicht mehr ging, zu verhandeln. Ich muß es kurz machen. Das waren die Aufgaben der Arbeiterorganisation vor dem Kriege. Als aber nun die Revolution kam, zeigten sich andere Aufgaben. Die Arbeiterorganisationen konnten sich nicht mehr darauf einstellen, für Lohnerhöhungen zu kämpfen und sich damit zu begnügen, sie konnten sich nicht mehr darauf als auf ihr Hauptziel einstellen, nur in den Parlamenten vertreten zu sein und Besserung für die Arbeiterschaft herauszuschinden. Das ist Reformismus. Nun wird uns entgegengehalten, ja, das wollen wir nicht, und wir entgegnen: wir glauben euch, daß ihr das nicht wollt, aber wenn ihr den Weg einschlagt, den die alte Arbeiterbewegung gegangen ist, dann werdet ihr auf diesem Wege mitgerissen, ihr könnt nicht anders, und davor schützen auch noch so viele Thesen nicht. Die Erfahrungen zeigen es. Nicht umsonst hatte die alte Arbeiterbewegung ihre speziellen Organisationen. Denn was braucht man, um im Parlament vertreten zu sein? Dazu braucht man keine revolutionären Kämpfer, dazu braucht man Aufklärung der Verhältnisse in diesem Staat, dazu braucht man Leute, die verhandeln können, Parlamentarier und man nimmt Berichte von ihnen entgegen. Nichts mehr. Was braucht man auf wissenschaftlichem Gebiet? Man braucht einen Zusammenschluß von Arbeitern. Man wählt sich Vertrauensleute, man wählt tüchtige Arbeiter, die mit Unternehmern und Unternehmerorganisationen verhandeln können. Zu solchen Organisationen halten die Führer, zu ihnen stehen sie. Man sammelt Gelder, um einen eventuellen Streik durchzuführen. Man richtet sich Unterstützungsorganisationen ein, das sind die Gewerkschaften, das sind Instrumente der Arbeiterschaft zu einem ganz bestimmten Zweck, zu einem ganz bestimmten Ziel: nämlich: sich innerhalb der kapitalistischen Ordnung einzurichten. Und wenn dann Kommunisten glauben, dieses Werkzeug, welches unfähig ist, revolutionäre Kämpfe zu führen, welches ein unfähiges Instrument im revolutionären Kampfe ist, wenn sie diese Führung, diese Organisationen benutzen, mit diesen Organisationen der Arbeiterschaft die Revolutionen durchführen zu können glauben, so sind sie im Irrtum, so kommen sie dabei unter die Räder. Wir erleben ständig immer wieder, daß alle diese Arbeiterorganisationen, die diesen Weg gehen, trotz aller revolutionären Reden in den entscheidenden Kämpfen versagen. Das ist die große Lehre, die wir aus diesen Dingen ziehen sollen. Wir sagen demnach, das Proletariat muß das Ziel ins Auge fassen und das Ziel ist: Zertrümmerung der kapitalistischen Gewalt, Zertrümmerung der Staatsgewalt. Eigens zu diesem Zwecke muß sich das Proletariat Organisationen schaffen. Das Proletariat schafft sich diese selbst. Wir sehen es, wenn in einem Betriebe, nehmen wir Deutschland, Forderungen der Arbeiter gestellt sind. die ein Unternehmer in diesen Tagen nicht bewilligen kann. was tut die Arbeiterschaft? Sie wählt sich Vertrauensleute, die sie kennt, aus ihren Betrieben, aus der Arbeitsstätte. Sie muß den Kampf, den sie dann führt, schon in diesen kleinen Anfängen gegen den Willen der Gewerkschaften führen. Das zeigt uns die lange Geschichte der kleinen Kämpfe, der kleinen Streiks, bis hinauf zu den letzten großen Kämpfen.
Also: die Arbeiterschaft ist schon gezwungen und tut es schon heute, die Arbeiterschaft organisiert sich schon zum revolutionären Kampf in der Wirtschaft. Und wir sagen: Wir als Kommunisten sollen dieses erkennen. Wir sollen den falschen Weg der alten Arbeiterbewegung erkennen. Wir haben ein neues, wir haben: den revolutionären Kampf und deshalb sagen wir, so wie es uns die Entwicklung der Revolution schon gezeigt hat, so sollen sich die Arbeiter organisieren und wir Kommunisten sollen die Führung haben, wenn es zu Kämpfen geht. Deswegen sagen wir, die Kommunisten müssen das Proletariat dazu bringen, sich nach Betrieben, sich nach Arbeitsstätten zu organisieren mit einem ganz bestimmten Ziel, zu einem ganz bestimmten Zweck, nämlich: die Produktion, die Produktivkräfte, die Fabriken. alle diese Dinge zu erobern und in die Hand zu nehmen. Es ergibt sich schon aus diesen Dingen, daß das Proletariat sich dort organisieren muß, denn um diese Dinge führt das Proletariat den Kampf.
Genossen, es ist mir nicht möglich, länger auf diese Dinge einzugehen, es ist Aufgabe der Kommunisten, dieses zu erkennen und sich mit diesen Dingen zu beschäftigen.
Dann kommen wir zu dem nächsten Punkt. Die Formation des Proletariats, die Organisierung des Proletariats in dem Kampf, und die Aufgaben ergeben auch die Methoden des Kampfes. Die Methoden müssen revolutionär sein, und sie ergeben sich in der heutigen Zeit aus der Betrachtung der wirtschaftlichen Lage, aus der Betrachtung der Lage beim Gegner. Der Gegner trifft heute Gegenmaßnahmen. Nicht erst seit heute, aber heute in verstärktem Maße. Und diese Gegenmaßnahmen sind nun derartige, daß sie ihre Gewalt aufrecht erhalten. Einerseits die staatliche Gewalt,. andererseits, daß die Industrie, daß die Wirtschaft ihnen Erträgnisse bringt. Es ist ihnen unmöglich, die gesamte Volkswirtschaft wiederum in Gang zu setzen. Das geht nicht. Es ist ihnen aber möglich, einen Teil, einen Kern der Wirtschaft auf Kosten der anderen zu konsolidieren. Das vollzieht sich jetzt in allen Ländern der Welt. Das müssen wir Kommunisten beobachten und wir müssen sehen, welche weiteren Folgen dieses Beginnen der sich wohl ganz zielbewußten Kapitalisten hat.
Für das Proletariat hat dies die Folge, daß ein Teil des Proletariats in diesen lebensfähig erhaltenen Betrieben, in dieser lebensfähig erhaltenen Wirtschaft aufrecht erhalten wird. Und wir sehen, daß dieser Kern, diese Trusts, diese Uebertrusts in allen Ländern sich international verbinden und beherrschend sind. Wenn aber nur ein Teil des Proletariats Aufnahme und Lebensmöglichkeit in diesen konzentrierten Betrieben findet, so muß ein anderer Teil ausgeschaltet werden. Und das ist die übergroße Masse der Erwerbslosen, die in dem heutigen System kein Unterkommen mehr finden, die zum Aussterben verurteilt sind. Das ist die Zweiteilung, die ökonomische Spaltung der Arbeiterschaft. Der Arbeiter, der im Betriebe steht, sein Durchkommen noch hat, hängt ängstlich daran, seine Beschäftigung nicht zu verlieren. Und der Arbeiter, der schon aus den Betrieben heraus ist, ist der Feind dessen, der noch leben kann. Das ist die Spaltung, die bewußt vom Kapital betrieben und von der bürgerlichen Presse in allen Dingen geschürt wird. So vollzieht sich heute die Wiederaufrichtung des Kapitalismus. Wir sagen nicht, die ständige Wiederaufrichtung der Herrschaft des Kapitalismus, sondern die Wiederaufrichtung für einige Zeit, die Wiederaufrichtung auf den Hungerleichen des Proletariats. Das müssen wir erkennen und danach ergibt sich aus dieser Lage auch unsere Kampftaktik, auch die Methode, mit der wir vorzurücken haben. Wir Kommunisten haben durch das Proletariat zu verhindern, daß sich diese Konsolidierung des einen Teils der Wirtschaft, des Proletariats, vollzieht. Denn das ist die Niederlage des Proletariats. Wir haben den Kampf aufzunehmen in allen Phasen, bei der kleinsten Gelegenheit. Wir haben durch alle möglichen Mittel — ich sage mit dem Genossen Radek, durch alle Mittel zu verhindern, daß diese Wirtschaft, so wie sie von den Kapitalisten geplant ist, sich aufbauen kann. Und wir haben dazu die enormen, ständig wachsenden Massen der Erwerbslosen, der hungernden Proletarier zu benutzen, wir haben sie zusammenzufassen. Und wir fassen sie nicht zusammen, damit sie ins Parlament wählen können, damit sie Resolutionen zustimmen, sondern wir müssen sie bei ihren Lebensbedürfnissen packen, wir müssen sie nach Räten organisieren, wir müssen sie in Verbindung mit den anderen Räten, mit den Vertrauensleuten aus den Betrieben bringen. So schaffen wir uns die Organisation des Proletariats, so die Einigung des Proletariats in der Tat. Und wir werden ständig im Kampfe sein müssen. Die Reden, die Beschlüsse und der Offene Brief, wie Radek hier gemeint hat, sind nicht die Plattformen, auf denen sich die Einigung des revolutionären Proletariats vollzieht, sondern die Plattform ist der ständige Kampf.
Der Genosse Radek sprach von der Offensive und von der Defensive Wir haben zu Anfang dieses Jahres erkannt, wie diese Dinge bei uns in Deutschland laufen. Wir haben gesehen, wie die bürgerliche Demokratie mit allen Mitteln, von Sozialdemokraten, von Unabhängigen, von allen parlamentarischen Parteien und Organisationen und von der ganzen Bourgeoisie aufrechterhalten wurde. Es war ein schleichender Zustand, und diesen schleichenden Zustand braucht das Kapital, er mußte durchbrochen werden. Wir gaben die Parole heraus: in allen Betrieben jeglichen Konflikt ausnutzen, ihn vorantreiben, ihn erweitern, bei jeder Gelegenheit dem einzelnen Kapitalisten die Stirn bieten, Verbindungen von Betrieb zu Betrieb pflegen, die Kämpfe schärfer machen. Genossen, wir haben gesehen, daß aus diesen Dingen heraus sich die Vorgänge in Mitteldeutschland zuspitzten, und es kam zu der Märzaktion. Es kam dann zu den Angriffen Hörsings, und die Schwüle in Deutschland ist durchbrochen worden. Wir sagen, das war eine Offensive (sowie wir sie auffassen), und diese muß betrieben werden. Die Offensive aber ganz plötzlich, unvermittelt zu kommandieren, das ist Unsinn. Ich will dann noch weiter auf unser Verhalten am 20. August v. Js. verweisen, wo die Roten Truppen an der Grenze von Ostpreußen vor Warschau standen. Auch das kommt bei der Beurteilung der Offensive und der Defensive in Betracht. Wir von der K.A.P.D. haben bei uns im Lande in wochenlanger Vorbereitung, in öffentlichen Versammlungen, durch Flugblätter, durch Propaganda in den Betrieben, durch Ausnutzung der Stimmung, die Roten Truppen seien an den Grenzen, mit allen Mitteln vorgearbeitet. Und wie dann die Frage entstand — Truppen und Munition von Frankreich rollen durch Deutschland — was ist zu tun, da haben wir beschlossen, es bis zum Aufstand zu treiben. Wir haben diese Vorbereitungen planmäßig in allen Gebieten getroffen. Am 20. August und am Abend vorher — wir können diese Dinge erst heute aussprechen, weil vordem viele unserer Genossen dafür ins Gefängnis gingen, erschien in der „Roten Fahne“, der „Freiheit“ und all den Provinzblättern ein Aufruf: An die Proletarier Deutschlands, Achtung! Lockspitzel und Provokateure, unlautere Elemente wollen euch in ein Blutbad hineinhetzen, und so weiter. Wir bekennen jetzt offen, wenn wir je einen Fehler gemacht haben, so an diesem Tage, nämlich dadurch, daß wir mit allen Mitteln danach strebten, die Aktion, die in den wichtigsten Teilen Deutschlands ausbrechen sollte, abzubremsen. Es ist uns vielerorts gelungen. und jetzt mag man darüber höhnen, daß unsere Genossen in Velbert und in Köthen die Räterepublik ausgerufen haben.
Wir sagen, man mag höhnen darüber, uns stört das nicht. Aber die Pflicht der Kommunisten wäre es gewesen, in diesem Moment die Offensive zu ergreifen. Wir betrachten das in Deutschland als Offensive, und im internationalen Maßstab war das nicht Offensive, sondern einfache Solidarität mit den Kämpfen der russischen Brüder, die durch die Materiallieferungen erdrückt wurden. Auch diese Dinge müssen bei der Beurteilung der Offensive und Defensive gesagt werden.
Sodann kommen wir zu den Teilforderungen. Ich schnitt vordem schon die Dinge an, der Offene Brief, dann ist dort die Kontrolle der Produktion, das sind Teilforderungen. Und Genosse Radek hat so sehr deutlich gesagt, wie Teilforderungen aussehen können und wie nicht. Der Offene Brief in Deutschland, gestützt durch die Gewerkschaften, gestützt durch parlamentarische Parteien, dieser Offene Brief wird opportunistisch, muß opportunistisch werden. Ein Offener Brief, der als Unterlage wirtschaftliche, revolutionäre Organisationen hat. dieser Offene Brief hat das, was Genosse Radek bei der V.K.P.D. vermißt. Wo sind die Zusammenkünfte der Aktionsausschüsse gewesen, die die Unterlagen schafften für den Kampf, der sich infolge des Offenen Briefes vollziehen mußte? Jawohl, wir haben ihn abgelehnt, weil wir unsere Pappenheimer kannten, weil wir wußten, daß das nichts anderes bringen konnte, als Verhandlungen bei den Regierungen, weil es nur Phrasen sind. Deshalb lehnten wir ihn ab. Wir sind mit jeder Auslösung des Kampfes einverstanden. Aber man soll auch überlegen, was gemacht werden soll. Das schüttelt man nicht aus dem Ärmel, das sind Vorbereitungen der Revolution, die getroffen werden müssen. Man hätte sie gehabt, wenn man revolutionäre Organisationen hätte, man hätte sie gehabt, wenn nicht seit zwei Jahren von der Zentrale des Spartakusbundes, wenn nicht seit zwei Jahren von der III. Internationale aufgefordert worden wäre: keine Betriebsorganisationen, keine Arbeiterunionen, sondern nutzt die alten Gewerkschaften aus. Man soll hören, wie die Dinge sind, und man soll die Kämpfer fragen, die ständig im Kampfe stehen; die werden sagen, wie es steht. Die werden zeigen, wie nur man kämpfen kann. Ich sage, mir fehlt die Zeit, um das im einzelnen auseinandersetzen zu können. Sodann wird die Frage Teilaktionen behandelt. Wir sagen, wir lehnen keine Teilaktion ab. Wir sagen, jegliche Aktion, jeglicher Kampf, denn das ist eine Aktion, muß ausgearbeitet werden, muß weitergetrieben werden. Man kann nicht sagen, wir lehnen jenen Kampf ab, und wir lehnen diesen Kampf ab. Der Kampf, der sich aus den wirtschaftlichen Nöten der Arbeiterschaft entspinnt, dieser Kampf muß mit allen Mitteln vorangetrieben werden. Und gerade in einem solchen Lande wie in Deutschland, ja, wie in England und all den Ländern der bürgerlichen Demokratie, die eine vierzig- bis fünfzigjährige bürgerliche Demokratie und ihre Wirkungen verspürt haben, muß die Arbeiterschaft erst an die Kämpfe gewöhnt werden. Die Parolen müssen diesen Teilaktionen entsprechen. Nehmen wir ein Beispiel: in einem Betriebe, in verschiedenen Betrieben bricht ein sogenannter Generalstreik aus, umfaßt ein kleines Gebiet. Dort kann die Parole nicht lauten: Kampf um die Diktatur des Proletariats. Das wäre ein Unsinn. Die Parolen passen sich den Verhältnissen an, sie passen sich dem an, was man dort erreichen kann. Und die Parolen müssen auch dem Kampfcharakter, den diese Bewegung tragen soll, angepaßt sein. Nehmen wir an, ein allgemeiner Aufstand geht im Lande vor. Dann werden die Parolen nicht lauten dürfen, daß es aufs Ganze geht.
Und so will ich jetzt auf die Märzaktion eingehen, um an diesen Dingen kurz zu zeigen, wie die Auswirkungen ihrer Lehren gewirkt haben, die hier noch nicht gezeigt wurden. Die Märzaktion an und für sich — das sagt jetzt jeder — das war keine Aktion, die schon den Sturz der Kapitalsgewalt herbeiführen konnte Auch wir sahen dies. Aber trotzdem mußte man die Parole stellen: Sturz der Regierung. Man mußte diese Parole stellen, weil sonst ein wirklicher Kampf von den Proletariern in Deutschland nicht mehr geführt wird. Aber weiter mußte man auch diese Parole so stellen, weil es ja im Gesamtmaßstabe in Deutschland für Proletarier nichts anderes mehr gibt. Diese Gesellschaftsordnung bedeutet den Hungertod von so und so vielen Millionen Proletarier, bedeutet das ständige Absterben von immer größeren Teilen der Bevölkerung. Und demnach bleibt für die Arbeiterschaft, die in der Notlage ist, nichts anderes übrig, als daß sie sich das Ziel stellt: Sturz dieser Gesellschaftsordnung! Und so mußte die Parole lauten in Mitteldeutschland. Sie mußte deshalb so lauten, weil zum ersten Mal dem deutschen Proletariat gezeigt werden mußte, wie es sich aus dieser Notlage herausbringen kann.
Ich möchte ein Beispiel wählen. Es war in Deutschland im Januar 1918. Der Krieg mit allen seinen Folgen lastete auf dem Proletariat. Im Januar 1918 brachten es die Rüstungsarbeiter, die Werftarbeiter allerwegen fertig, gegen die Zwangsjacke des Krieges, gegen Hunger, Not und Elend zu revoltieren. Und zwar durch Generalstreiks. Was geschah? Die Arbeiterschaft, die Proletarier in Soldatenrock, verstanden die Arbeiter noch nicht. Mancher wohl. Das Eis war noch nicht gebrochen. Aber wie ist dieser Kampf durch das Land gegangen? Wie setzte die Hetze gegen die Arbeiter ein? Wie sie an allen Ecken und Kanten verfolgt wurden, drang die Kunde von diesem Streik, von dieser Bewegung der Arbeiterschaft bis in den letzten Winkel. Jeder wußte davon. Und als die Verhältnisse so weit gediehen, als an der militärischen Wirtschaft und an dem sogenannten Deutschen Reich nichts mehr zu retten war, nun, da taten die Arbeiterschaft und die Soldaten das, was ihnen die Vorkämpfer im Januar 1918 gelehrt. Und ähnlich stehen die Dinge in Deutschland jetzt. Durch den Märzkampf 1921 ist dem Proletariat in Deutschland gezeigt, wie es nur allein aus dem Zusammenbruch herauskommen kann, und jeder weiß es jetzt in Deutschland. Wir haben nicht genügend Mittel, nicht genügend Propagandamittel, um das in alle Ecken und Kanten zu tragen. Das müssen wir der Bourgeoisie, den Bürgerlichen überlassen, und diese tun es in einer anderen Weise, wie wir. Sie hetzen gegen uns, sie schimpfen uns Verbrecher, Hundsfötte usw., sie verfolgen uns. Und das Proletariat schimpft heute noch mit. Schimpft mit. Und wenn die Verhältnisse steigen und wachsen, dann ist das Proletariat bereit, denselben Weg zu gehen, und erkennt den Weg. So ringt sich die Revolution durch. Und deshalb mußte die Parole gestellt werden und mußte der Kampf gehen um den Sturz der kapitalistischen Gewalt, der bestehenden Ordnung. Das ist die große Lehre für das deutsche Proletariat, das ist die große Lehre für die Internationale, die diese Märzaktion gesehen hat. Größer als alle die Kleinigkeiten, an die man sich hier klammert.
Genossen, ich bin noch schuldig, in kurzen Worten zu zeigen, wie denn nun die Organisationsform des kämpfenden Proletariats sein soll. Ich habe vorhin die Dinge nur angedeutet. Das Proletariat soll sich nicht organisieren, soll sich nicht mehr organisieren, um sich im kapitalistischen Staat auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiet, vertreten zu lassen, soll sich nicht mehr organisieren, um die bürgerliche Demokratie auszunutzen, sondern das Proletariat soll sich organisieren zur Revolution. Solche Erfahrungen der Revolutionen, wie sie die russische Revolution gegeben, wie sie die deutsche und die österreichische Revolution gegeben und die Erfahrung der einzelnen Kämpfe, die soll das Proletariat aufnehmen, so soll es sich organisieren. Deshalb sagen wir, die Kommunisten müssen jetzt schon einen Kern, müssen jetzt schon einen Rahmen schaffen, in den das Proletariat, wenn es in die Kämpfe durch die Entwicklung hineingestellt wird, aufgenommen werden kann. Und dieser Rahmen, das sind die Betriebsorganisationen, die sich nach Industrien, nach Wirtschaftsgebieten und nach Ländern zusammenschließen. Heute sind es noch wenige. (Zuruf: Es werden immer weniger.) Heute sind sie diejenigen, die die Standarte hochhalten, die den organisatorischen Rahmen halten. Und wenn die Kämpfe auflodern, werden sie es mehr und mehr tun, dann ist das Proletariat gezwungen, sich an diesen Rahmen zu halten, weil es durch die Gewerkschaften und mit den Gewerkschaften nicht kämpfen kann. Das sollen wir erkennen. So soll die Taktik der III. Internationale eingerichtet sein, dann kommen wir vorwärts. Um diese Organisationen zu halten, um sie zu führen, um diese ganze Klassenorganisation ständig zu unterrichten, braucht das Proletariat eine kommunistische Partei, es braucht nicht diejenige kommunistische Partei, die nicht in allen ihren einzelnen Gliedern führend sein kann, sondern die nur von einer Zentrale durch Direktiven geführt werden kann. Das Proletariat braucht dann eine durchgebildete Kernpartei. So soll es sein. Jeder einzelne Kommunist soll ein vollgültiger Kommunist sein, das sei unser Ziel, und er soll auf seinem Posten führend sein können. Er soll in den Verhältnissen, in den Kämpfen, in denen er steckt, die Stange halten können, und das, was ihn hält, was ihn bindet, das ist sein Programm. Das, was ihn zwingt, zu handeln, das sind die Beschlüsse, die die Kommunisten gefaßt haben. Und da herrscht strengste Disziplin. Da wird nicht verziehen, sondern da wird ausgeschlossen oder sonstwie bestraft. Also, eine Partei, die Kern ist, die weiß, was sie will, die feststeht, die kampferprobt ist, die nicht mehr verhandelt, sondern die ständig im Kampfe steht. Und eine solche Partei. kann nur dann entstehen, wenn sie sich auch wirklich in den Kampf wirft, und wenn sie mit den alten Überlieferungen der Gewerkschafts- und Parteibewegung, mit den reformistischen Methoden — zu denen gehört die Gewerkschaftsbewegung -—-, mit dem Parlamentarismus bricht. Damit müssen die Kommunisten brechen, damit haben sie sich den Weg versperrt, und nicht allein dadurch, sondern durch Mitarbeit, durch Betätigung in den Stellen, die von der Bourgeoisie offen gelassen sind, die der Bourgeoisie als Fangklappe dienen, in der sie die revolutionäre Energie auffängt und umformt. Das müssen die Kommunisten aus ihren Reihen verbannen und wenn sie dann geläutert sind, kommen sie schon allein zu den Aufgaben; sie werden zu der revolutionären Tätigkeit getrieben. Damit ist in ganz kurzen Worten, so weit es mir die Zeit erlaubte, gezeigt, wie die Linie der Kommunistischen Internationale gehen muß, damit sie führend sein kann.
Und wenn wir international diese Dinge sehen, so finden wir, daß wir dann auch die Kräfte finden, die diesen Bau tragen können, das Material, aus dem dieser Bau aufgebaut werden kann, diese revolutionären Arbeiterorganisationen, diese revolutionäre Internationale. Wir finden in Frankreich, in Spanien, in Italien, wir finden auch in Amerika Syndikalisten und Anarchisten. Man wird vielleicht schreien: ja! Du bist ein Anarchist, ein Syndikalist! Verweilen wir einmal einen Augenblick bei diesen Dingen. Es wird anerkannt werden müssen, daß die revolutionärsten Elemente der Arbeiterschaft seit Jahren auf dieser Seite sind. Wir wissen, daß sie nicht den Klassenkampf, den organisierten Klassenkampf kennen. Nun Genossen, sie lebten zu früh in der Geschichte, ihre Taktik war für Jahrzehnte zu früh. Die Methode der alten Arbeiterbewegung in Deutschland usw. war richtig, jetzt aber im Zusammenbruch, jetzt kommt die Methode des direkten Kampfes. Und diese Arbeiter, diese Anarchisten und Syndikalisten der Welt, nun sie haben nicht die Erfahrung der Organisation, sie haben nicht die Erfahrung des Zusammenhalts der Arbeiterschaft. Da sollen die Kommunisten einspringen und sollen sie lehren, den Kampf zu führen, die Kräfte zusammenzufassen, sollen ihnen die Organisationsform bringen, die sich auch zusammenfassen kann und der sie sich einfügen können. Diese Elemente verlangen allerdings, daß man den Bruch mit allen bürgerlichen Überlieferungen so vollzieht, daß man nicht mehr zurück kann. All die Arbeiter, die ins anarchistische und syndikalistische Lager gegangen sind, sind durch den Verrat der parlamentarischen Führer irre geworden. Sie haben erkannt, wie schwer die Fehler der parlamentarischen Arbeiterbewegung sind. Da heißt es, sie wieder herauszureißen aus ihrem Lager, und es hieße für Kommunisten Angst haben, sich nicht auf dieses Gebiet begeben zu können. Es kommt nicht darauf an, es ist keine prinzipielle Frage für Kommunisten, ob man den Parlamentarismus ablehnt, ob man die Gewerkschaftsbewegung ablehnt, es sind praktische Fragen und heute stehen sie auf der Tagesordnung. Wenn wir so die Dinge ansehen, so sehen wir, daß sich gerade in Amerika, und in den westeuropäischen Ländern große Arbeiterorganisationen befinden, die den Antiparlamentarismus und den Bruch mit der Gewerkschaftsbewegung verlangen. Und nun ist heute die Frage, wie sich dieser Kongreß entscheiden wird. Geht er die Linie der alten Arbeiterbewegung, nun dann geht er auch den Weg der alten Arbeiterbewegung. Und geht er entschlossen den Weg, macht er entschlossen den Schritt, sich mit den linken Elementen, die auch heute in Moskau sind, zusammenzufinden und zu erkennen, daß auch bei ihnen Gutes ist, dann wird die Revolution vom III. Internationalen Kongreß einen neuen Antrieb bekommen; auf dem anderen Wege wird sie versanden. Es liegt an diesem Kongreß, die Entscheidung zu fällen. So betrachten auch wir unsere Frage der Zugehörigkeit zur Dritten Internationale.
Vors. Koenen. Die Diskussion wird fortgesetzt. Als nächster Redner hat Genosse Terracini das Wort.
Friesland. (Zur Geschäftsordnung): Genossen und Genossinnen! Ich möchte im Namen der deutschen Delegation beantragen, daß man dem Gen. Terracini zur Begründung der Abänderungsanträge, die von einer Reihe von Delegationen zu den Thesen des Gen. Radek gestellt werden, eine längere Redezeit gewährt. Wie Sie aus der Zeitung „Moskau“ ersehen haben, sind Abänderungsanträge von der deutschen, österreichischen und italienischen Delegation eingereicht worden. Es liegt außerdem jetzt noch die Unterstützung der Delegation von Deutsch-Böhmen und einer Reihe anderer Delegationen vor: diese haben erklärt, daß sie sich wahrscheinlich diesen Abänderungsanträgen anschließen werden. Es wird im Interesse einer glatteren Diskussion liegen, wenn Gen. Terracini in einer längeren Rede diese Abänderungsanträge begründen kann. Ich beantrage daher, ihm eine Stunde Redezeit zu gewähren.
Vors. Koenen. Genosse Terracini erklärt, daß er etwa eine halbe Stunde, höchstens dreiviertel Stunden brauchen wird, um die Grundtendenzen der Anträge zu begründen. Ich glaube, daß wir dem Antrage zustimmen können. Erhebt sich dagegen Widerspruch? Das ist nicht der Fall. Gen. Terracini hat das Wort.
Terracini (Kommunistische Partei Italiens). Die Delegierten haben bereits heute früh in der „Moskau“ die Abänderungsvorschläge gelesen, die die deutsche Delegation gemeinsam mit der österreichischen und der italienischen den Kongreßdelegierten vorzulegen wünscht. Nun teilt uns die kommunistische Jugend mit, daß sie sich den italienischen, den deutschen und den österreichischen Delegierten anschließt und ebenfalls ihre Meinung über unseren Vorschlag äußern will.
Ich erkläre gleich von vornherein, daß wir die Leitsätze, die Gen. Radek gestern am Schluß seines Referats, in den allgemeinen Grundsätzen beantragte, nicht zu ändern wünschen. Unserer Ansicht nach stehen die Leitsätze des Gen. Radek tatsächlich im Zusammenhang mit den Leitsätzen und dem Referate des Gen. Trotzki über die Weltlage. Als Gen. Trotzki über sein Thema sprach, sagte er ebenfalls, daß Gen. Radek protestiert habe, weil er von der Frage, die eben behandelt wurde, abgewichen und zu den Leitsätzen über die Taktik übergegangen war; Gen. Trotzki habe sich zurückziehen müssen, um das ganze Gebiet der Leitsätze über die Taktik dem Gen. Radek zu überlassen. Dieser Vorfall zeigt, daß zwischen den Referaten des Gen. Radek und des Gen. Trotzki tatsächlich ein Zusammenhang besteht und daß man von dem einen zum anderen Referat übergehen kann, ohne neue Grundsätze aufzustellen, ohne neue Erklärungen hinzuzufügen. Sämtliche Delegierte, auch die deutschen, die österreichischen und die italienischen, sowie die kommunistische Jugend haben die Leitsätze, die Gen. Trotzki beantragte, im Großen und Ganzen gebilligt. Das will sagen, daß sie sich zugleich auch mit den Leitsätzen des Gen. Radek einverstanden erklärt haben. Sie würden sich widersprechen, wenn sie, nachdem sie die Leitsätze des Gen. Trotzki gebilligt haben, heute Radeks Leitsätze ablehnen würden. Unserer Ansicht nach können die Leitsätze des Gen. Radek nur als Grundlage zur Debatte dienen; es müßten erst gründliche Abänderungen in ihnen vorgenommen werden. Sie haben die beantragten Abänderungen heute in der „Moskau“ gelesen. Genossen, sie nehmen fast eine ganze Seite ein. Alle diese Abänderungen beruhen auf allgemeinen Grundsätzen, die ich jetzt hier darlegen werde. Jedes Amendement im einzelnen wird späterhin von anderen Genossen erörtert und erläutert werden, die ebenso wie ich auf die Leitsätze bezugnehmende Nachrichten über die Lage in gewissen Ländern und über gewisse Verhältnisse erhalten haben.
Die Leitsätze des Gen. Radek behandeln in einem der Paragraphen die Lage in den einzelnen Ländern und die Ereignisse in den verschiedenen Parteien. Diese Leitsätze über die gegenwärtige Lage sollen uns den Schlüssel zur Taktik geben, die in den einzelnen Parteien und Ländern angewandt werden muß. Der Ausdruck „Die Vorfälle in den einzelnen Parteien“ muß unserer Ansicht nach daher abgeändert werden. Nehmen wir, z. B., die Lage in Italien. Was über Italien gesagt wird, entspricht nicht der wahren Lage in der Sozialistischen Partei und in den proletarischen Massen Italiens. Diese Behauptungen können unseren Feinden leicht eine Waffe gegen uns in die Hand geben. Im Paragraph 4 lesen wir:
„Die Politik der Richtung Serrati, die auf einer Seite den Einfluß der Reformisten stärkte, stärkte auf der anderen Seite den Einfluß der Anarchisten und Syndikalisten, in denen die Masse Führer im Kampfe gegen den Kapitalismus suchte; sie erzeugte antiparlamentarische wortradikale Tendenzen in der Partei selbst.“
Die Behauptung, daß die italienischen Massen ihre Führer zum Kampf gegen den Kapitalismus unter den Syndikalisten und den Anarchisten suchten, entspricht unserer Überzeugung nach nicht der Wahrheit. Die Anarchisten und die Syndikalisten haben in Italien nie eine Organisation besessen; es ist nicht wahr, daß die proletarischen Massen sich an die Anarchisten und die Syndikalisten wandten, um sich andere Führer zum Kampf gegen den Kapitalismus zu suchen, nachdem die Sozialistische Partei sich schwach gezeigt hatte. Zahlreiche Gegner des Kommunismus, der Kommunistischen Partei in Italien haben tatsächlich behauptet, daß die Massen sich syndikalistische und anarchistische Führer suchten, nachdem die Dritte Internationale ein abfälliges Urteil über die Sozialistische Partei abgegeben hatte. Wie mir bekannt ist, hat Genossin Zetkin im Zentralkomitee der V.K.P.D. behauptet, daß die Kommunistische Partei Italiens sich zum größten Teile aus Syndikalisten zusammensetze und zahlreiche Anarchisten aufweise. Auch Serrati hat mehr als einmal in den Spalten des „Avanti“ und in seinen Reden behauptet, es seien nur die Anarchisten und die Syndikalisten gewesen, die sich bei der Spaltung in Livorno von den Sozialisten trennten und den Glauben hätten erwecken wollen, daß die Organisation der III. Internationale, sowie sämtliche Parteien in den verschiedenen Ländern nichts anderes seien, als Organisationen der Anarchisten, die früher zur Sozialistischen Partei gehört und sie nun verlassen hätten; die Sozialistische Partei wolle daher in Zukunft keine Anarchisten oder Syndikalisten in ihren Reihen dulden.
Die proletarischen Massen werden die Wahl zwischen den Anarchisten einerseits und den Reformisten und Zentristen andererseits treffen müssen. Die Reformisten sind heute eine ziemlich große organisierte Kraft. Die proletarischen Massen werden — wir sind überzeugt — der Kommunistischen Partei folgen. Auch in Italien haben sie nach der Periode der Verwirrung, die dem Kongreß in Livorno folgte, einen neuen Mittelpunkt zur Organisation gesucht, und ihn in der Kommunistischen Partei Italiens gefunden.
Wir beantragen daher, daß der Satz über das Bestreben der Massen sich unter den Anarchisten und den Syndikalisten neue Führer zu suchen, folgendermaßen abgeändert werde:
„In Augenblicken der Aktion haben zentristische Einstellungen dieser Führer dazu geführt, daß die Kommunistischen Parteien entweder versäumt haben mit voller Kraft die Leitung der Massenaktionen zu übernehmen, oder, daß während der Aktion zentristische oder halbzentristische Elemente ihr in den Rücken fallen“.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Gefahr heute nicht mehr vorhanden ist, denn es gibt nunmehr eine Kommunistische Partei in Italien, die die Massen gegen den Kapitalismus und die Bourgeoisie in den Kampf führt. Wir müssen eine prinzipielle Frage aufwerfen, und zwar die Frage der radikalen Tendenz in der Kommunistischen Partei.
Bereits bei den Debatten in der Exekutive und hier auf dem Kongreß ist stark gegen die radikale Tendenz angekämpft worden. Als wir in der Exekutive die Frage der Kommunistischen Partei Frankreichs behandelten, versuchte der Delegierte der Kommunistischen Jugend Frankreichs zu zeigen, wie stark der Opportunismus auch heute noch in der Kommunistischen Partei Frankreichs sei. Er führte Beispiele an, Fälle, in denen die Kommunistische Partei Frankreichs, seiner Ansicht nach, keine wahrhaft revolutionäre Stellung eingenommen hat. Viele Genossen fielen bei dieser Gelegenheit hitzig über den Delegierten der Kommunistischen Jugend Frankreichs her. Wir sind durchaus nicht der Ansicht, daß die Vorschläge des Genossen von der französischen Jugend hier angenommen werden müssen. Wir vertreten nicht die Ansicht, daß die Kommunistische Partei Frankreichs eine Revolution hätte machen und sich der Invasion der französischen Armee in Luxemburg mit der Waffe in der Hand hätte widersetzen sollen. Wir glauben nicht, daß, bei der Gelegenheit der Einberufung der Rekruten des Jahres 1919 zur Wehrpflicht die Kommunistische Partei Frankreichs die Order hätte ausgeben sollen, sich nicht zu stellen und der Wache, die die jungen französischen Genossen abholen kam, hätte bewaffneten Widerstand entgegensetzen sollen. Jedoch glauben wir nicht, daß sämtliche radikale Tendenzen ebenso unerbittlich verworfen werden müssen. Unserer Ansicht nach enthalten die Leitsätze des Gen. Radek allzustarke Ausdrücke gegen die radikalen Tendenzen in der französischen Partei, wie auch gegen die gleichen Tendenzen, die wir in vielen Ländern beobachten können. (Zwischenruf.) Nein, sie sind zu stark und nicht zu schwach.
Die III. Internationale hat heute noch einen großen Kampf auszufechten, einen Kampf gegen die rechten Tendenzen, gegen die zentristischen, die halbzentristischen und die opportunistischen.
Wenn wir Levi aus der III. Internationale und der V.K.P.D. ausgeschlossen und der Sozialistischen Partei Italiens und mit ihr auch Serrati den Eintritt in die III. Internationale verweigert haben, so dürfen wir noch nicht glauben, daß die III. Internationale nun von allen zentristischen Tendenzen und von der Gefahr der opportunistischen Tendenzen befreit ist. Der Kampf gegen die zentristischen und die opportunistischen Tendenzen liegt in seiner ganzen Größe vor uns, In der III. Internationale, in vielen Parteien, die ihr angehören, bestehen noch starke zentristische Tendenzen; es muß eifrig gegen sie angekämpft werden. Andererseits ist in den Vorschlägen, die wir gestern in der Exekutive annahmen, in dem Vorschlag über das Verhalten der Exekutive, von gewissen, zur III. Internationale gehörenden Parteien gesprochen worden, die noch zentristische Tendenzen aufweisen. Wir führten aus, daß diese Tendenzen ausgerottet werden müssen. Wir sprachen von gewissen Parteien, die sich der III. Internationale anschlossen, weil die Massen es wünschten, und zwar gegen oder beinahe gegen den Wunsch ihrer Führer; diese Führer gehören jetzt nur deshalb zur III. Internationale, weil die Massen den Anschluß an die III. Internationale gewünscht hatten. Es ist nun die Möglichkeit vorhanden, daß diese Führer, die nur auf den Wunsch der Massen hin der III. Internationale beigetreten sind, den Versuch machen können, entgegen dem Wunsche der Massen wiederum zur zentristischen oder reformistischen Politik überzugehen. Die Exekutive muß diese Parteiführer auf das genaueste beobachten und dafür sorgen, daß kein neuer Serrati oder neuer Levi auftauchen kann, die nicht nur für die revolutionäre Bewegung in den Ländern, sondern auch für die ganze III. Internationale eine Gefahr vorstellen. Wir sind deshalb der Ansicht, daß in erster Reihe nicht der Kampf gegen die radikalen Tendenzen, sondern vielmehr die Bekämpfung der Rechten aufgenommen werden muß, und namentlich in den Absätzen, die sich auf die Lage in der Kommunistischen Partei Frankreichs beziehen. Namentlich aus diesen Absätzen muß alles entfernt werden, was sich in zu krasser Weise gegen die Tendenzen richtet, die hier die „ungeduldigen und politisch unerfahrenen Elemente“ genannt werden. Statt dessen müssen nur Ratschläge an die radikalen Tendenzen eingefügt werden. Man kann dem Zentralkomitee der Französischen Partei raten, darauf zu arbeiten, daß die radikalen Elemente, wie Gen. Lenin in der Exekutive sagte, „keine Dummheiten machen“. Es muß jedoch unterstrichen werden, daß die Aufmerksamkeit und die Arbeit der Exekutive der Französischen Partei in erster Reihe der rechten Tendenz gelten müssen. Gen. Sinowjew hat in seinem Bericht über die Exekutive recht ausführlich gegen die rechten Tendenzen gesprochen. Wenn wir nun in den Leitsätzen über die Taktik die Abänderung annehmen, die wir vorschlagen, so nehmen wir hiermit nur noch einmal die Ausführungen des Genossen Sinowjew an. Wir glauben nicht, daß Gen. Radek gegen unsere Abänderung etwas einzuwenden hat. Als die Frage der Französischen Partei in der Exekutive erörtert wurde, sprach Gen. Radek nicht gegen die radikale Tendenz, sondern namentlich gegen die rechte. Unsere Abänderungen bezwecken somit nichts anderes, als auch in den Leitsätzen über die Taktik dasselbe zu unterstreichen, was Gen. Radek bereits in der Exekutive in bezug auf die Französische Partei gesagt hat.
Wenn wir auf die Lage in der Tschechoslowakei zu reden kommen, taucht eine zweite prinzipielle Frage auf. Diese Frage wird vom allgemeinen Standpunkt aus in den Leitsätzen des Gen. Radek recht oft erwähnt; ich aber möchte speziell über die Lage in der Tschechoslowakei sprechen. Es handelt sich um die Organisation großer Massenparteien. Gen. Radek scheint in seinen Leitsätzen sehr darum besorgt zu sein, zu verhindern, daß die Kommunistischen Parteien in den verschiedenen Ländern sich jetzt einer anderen Aufgabe widmen, als der Organisation immer größerer proletarischer und Arbeitermassen. So lesen wir z. B. in Paragraph 1: „es handelt sich um die Taktik, die in unserem Kampfe angewandt werden muß“... Wir sind nun der Ansicht, daß die Worte von der Notwendigkeit den größten Teil der Arbeiterklasse für die kommunistischen Grundsätze zu gewinnen, zu Mißverständnissen in den Parteien und anderen Arbeiterorganisationen führen können. Ja, man muß danach trachten, den größten Teil des Proletariats in der Kommunistischen Partei zu organisieren, man muß bestrebt sein, immer weitere proletarische Massen den Organisationen der Kommunistischen Partei zuzuführen. Was die Worte „Die Massen gewinnen“ anbelangt, so können wir bloß sagen, daß man suchen muß, die Sympathie des größten Teiles des Proletariats für den revolutionären Kampf zu gewinnen. Die Leitsätze des Gen. Radek enthalten den Gedanken, daß man die Mehrheit des Proletariats für den Kommunismus gewinnen muß. In Paragraph 4, Seite 9 der französischen Auflage der Leitsätze lesen wir, daß in der Tschechoslowakei bereits eine Partei aus 350 000 organisierten Mitgliedern besteht; außerdem sind ungefähr 60000 in der Deutschen Partei des Landes organisiert. Nach dem Zusammenschluß werden die beiden Parteien folglich eine Gesamtzahl von 400 000 Mitgliedern aufweisen. Hieraus läßt sich folgern, daß die Tschechoslowakische Partei sich zur Aufgabe stellt, durch wahrhaftig kommunistische Agitation den größeren Teil der Arbeiterschaft des Landes heranzuziehen und zu unterrichten. Unserer Ansicht nach hat die Kommunistische Partei eines so kleinen Landes wie die Tschechoslowakei, eine Partei, die bereits mehr als 400000 Mitglieder zählt, gegenwärtig auch noch andere Aufgaben vor sich, namentlich die Heranziehung der übrigen Arbeiter, die noch außerhalb der Partei stehen. Man darf die Propagandaarbeit nicht einstellen, man darf die Tore der Kommunistischen Partei vor den Arbeitern, die ihr beizutreten wünschen, nicht verschließen. Dies unterliegt keinem Zweifel. Es gibt aber noch eine andere Aufgabe, und zwar die kommunistische Heranbildung der 400 000 Arbeiter, die bereits in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei organisiert sind. Die Arbeiter, die sich bis jetzt unter dem Einfluß reformistischer und demokratischer Führer befanden und von ihnen stets in antikommunistischem, reformistischem und opportunistischem Geiste instruiert wurden, müssen nun zum Kommunismus erzogen werden. Die Worte, daß die Tschechoslowakische Partei die Aufgabe habe, noch größere Arbeitermassen, und zwar nicht nur durch die Propaganda heranzuziehen, bedeuten daher, daß die Kommunistische Partei zugleich auch durch die Aktion erweitert werden muß. Wir wollen nun erklären, was wir von dem revolutionären Kampf zu erwarten haben und wie er aussehen muß. Er wird wahrhaft ein Kampf des ganzen, oder fast des ganzen Proletariats sein müssen. Unserer Ansicht nach braucht man mit der revolutionären Aktion nicht zu warten, bis der größte Teil des Proletariats organisiert sein und die Grundsätze des Kommunismus anerkennen wird. Wir haben oft genug gehört, daß die russische Revolution gemacht wurde und siegte, als die Kommunistische Partei Rußlands noch eine kleine, verhältnismäßig unbedeutende Organisation war. Wenn man also sagt, daß der größte Teil des Proletariats in der Partei organisiert werden muß, so soll das nur heißen, daß der größte Teil des Proletariats zum revolutionären Kampf herangezogen werden muß. Als ich die Leitsätze des Gen. Radek las, gewann ich den Eindruck, als behaupte er. daß man den größten Teil des Proletariats organisieren müsse, bevor man den revolutionären Kampf beginnt. Wir teilen nicht diese Ansicht. Wir glauben im Gegenteil, daß die Arbeiterklasse erst durch die Aktion zur Partei herangezogen werden kann. Die Arbeiter, die jetzt zu den 'demokratischen und den reformistischen Parteien gehören, werden durch die Aktion eher als durch unsere Propaganda davon überzeugt werden, daß die kommunistischen Grundsätze richtig sind. Erst dann werden sie die reformistischen Parteien verlassen. Meiner Ansicht nach wird eine kommunistische Partei stets nur aus den aktivsten Arbeitern bestehen, bis sie den Kampf aufnimmt, und noch mehr, bis sie ihn beinahe gewonnen hat.
Die Arbeiter, die jetzt den Mehrheits- und den reformistischen Parteien angehören, und durch unsere Propaganda gewonnen werden, werden der kommunistischen Partei nicht beitreten, sondern außerhalb bleiben und eine Partei der Parteilosen bilden. Dies geschah in Rußland, wo die parteilosen Arbeiter erst jetzt, nach 3 Jahren revolutionären Kampfes. sich dem Kommunismus anschließen, und zwar ohne sich vorläufig eine klare Vorstellung von ihm zu machen.
Es darf daher in den Leitsätzen nicht behauptet werden. daß die Hauptaufgabe der kommunistischen Partei darin besteht, den größten Teil des Proletariats für die Grundsätze des Kommunismus zu gewinnen. Viel richtiger wäre es, zu sagen, daß der größte Teil des Proletariats zum revolutionären Kampf herangezogen werden muß. Man darf jedoch nicht die Behauptung aufstellen, daß die Mehrheit des Proletariats in der kommunistischen Partei organisiert sein muß, denn dadurch würden wir den Reformisten eine scharfe Waffe gegen uns selbst in die Hand geben. Die Reformisten haben stets behauptet, daß man den revolutionären Kampf nicht beginnen könne, bevor der größte Teil des Proletariats in der kommunistischen Partei organisiert ist. Wir haben hier ein demokratisches Prinzip. daß man auf die kommunistische Partei anwenden will. Es paßt aber nur für die Reformisten, und nicht für die Leitsätze, die der III. Internationale vorgeschlagen werden.
Wir finden diese Behauptung an der Stelle wieder, wo von den Aufgaben der Deutschen Partei und der Stellung der K.P.D. zur III. Internationale die Rede ist (Seite 9). Dort heißt es: „Die V.K.P.D., die aus der Vereinigung des Spartakusbundes und der linken unabhängigen Arbeitermassen entstand, steht, obwohl schon Massenpartei, vor der großen Aufgabe, ihren Einfluß auf die breiten Massen zu erhöhen und zu verstärken, die proletarischen Massenorganisationen, die Gewerkschaften zu erobern, den Einfluß der Partei- und Gewerkschaftsbürokratie zu brechen.“ Die V.K.P.D. hat folglich auch zur Aufgabe, ihren Einfluß auf die breiten Massen zu vergrößern. Unserer Ansicht nach aber hat eine Partei wie die Deutsche, die eine große Anzahl von Mitgliedern aufweist, eine noch viel wichtigere Aufgabe, und zwar sich an die Spitze der Massen zu stellen, um die bevorstehenden Kämpfe des deutschen Proletariats zu führen. Wir können überzeugt sein, daß die revolutionäre Bewegung in Deutschland noch nicht zu Ende ist. Im Gegenteil, der zukünftige Kampf des deutschen Proletariats wird viel bedeutender, viel erbitterter sein gerade deshalb, weil das deutsche Proletariat bei der Märzaktion besiegt wurde. Ich war in Deutschland, als der Kampf ausbrach. Ich weilte dort mehrere Tage und kehrte darauf nach Italien zurück, und ich muß sagen, ich machte die Beobachtung, daß der Einfluß und die Popularität der Deutschen Partei in Italien nach der Märzaktion, als keine Hoffnung auf Sieg mehr vorhanden war, bedeutend größer war, als zuvor. Die italienischen Genossen, die Arbeiter, mit denen ich sprach, befragten mich in einem fort über den Kampf des deutschen Proletariats. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie groß die Sympathie der italienischen Arbeiter für die Deutsche Partei war, die den Mut gehabt hat, den Kampf aufzunehmen um das Proletariat Deutschlands unter den denkbar größten Schwierigkeiten zu verteidigen. Die italienischen Arbeiter legten nach der Märzaktion in Deutschland größere Sympathie für die K.P.D. an den Tag, als je zuvor. Sie zeigten größere Bewunderung, größeres Vertrauen zur Partei, als man es in Deutschland sah. In Deutschland besteht jetzt wahrhaft eine Massenpartei. Früher konnten die italienischen Arbeiter nicht davon überzeugt sein. Gen. Trotzki schüttelt den Kopf; es hat den Anschein, als ob er nicht recht daran glaubt, was ich jetzt sage... (Trotzki: Dies bezieht sich nicht nur darauf, was Sie in diesem Augenblick sagen.) Ich habe es wohl gefühlt. Ich kann jedoch mit Bestimmtheit sagen, daß meine Behauptung der wahren Stimmung des italienischen Proletariats entspricht.
Andererseits ist die Märzbewegung in Deutschland der V.K.P.D. in vielen Beziehungen nützlich gewesen. Sie hat dazu beigetragen, zahlreichen Opportunisten die Maske vom Gesicht zu reißen. In dem Märzkampf hat die deutsche Partei erfahren, wie die Disziplin bei der Aktion aussehen muß. Wir haben stets von der Disziplin gesprochen, wir hatten jedoch nie Gelegenheit, sie anzuwenden. Während der Märzkämpfe aber haben die deutschen Genossen gelernt, die Disziplin anzuwenden. Sie besitzen jetzt eine Kampftüchtigkeit, die ihnen vor der Märzaktion fehlte und die wir selbst leider auch heute noch nicht haben.
Gen. Radek und andere sprachen in ironischem Tone von der Theorie der Offensive. Es ist wahr, der Ausdruck ist nicht sehr glücklich gewählt. Er ist der Militärsprache entnommen. Gen. Radek scheint recht viel über die Militärtaktik gelesen zu haben, daß er sich erlaubt, von der Offensivtaktik, die nach der Märzaktion in Deutschland ihre Theoretiker gefunden habe, ironisch zu sprechen. Es liegt jedoch ein gewisser Sinn in den Worten: Theorie der Offensive, und über diesen Sinn müssen wir uns jetzt klar werden. Wir sind überzeugt, daß dies dem revolutionären Kampf wesentlich zugute kommen wird. Wir dürfen diese Theorie nicht zurückweisen, sondern müssen ihren Sinn zu verstehen suchen.
Wenn man von der Theorie der Offensive spricht, meint man damit eine Tendenz zur Erweiterung der Tätigkeit der Kommunistischen Partei. Man will hiermit unterstreichen, daß eine dynamische Tendenz die statische, die bis jetzt fast in allen kommunistischen Parteien der III. Internationale feste Wurzel gefaßt hatte, ersetzen wird. Mit der Formel der Offensivtheorie will man den Übergang von der Periode der Untätigkeit zur Periode der Tat bezeichnen. Nur in diesem Sinne, nur in diesem Geiste kann die Theorie der Offensive unserer Meinung nach angenommen werden. Wenn wir sie so deuten, wie ich es jetzt tue, dürfen wir in den Leitsätzen über die Taktik die Behauptungen der Genossen, die über die Offensivtheorie sprechen, nicht ohne weiteres ablehnen und verbessern, was in ihren Behauptungen übertrieben ist. Dies sind die hauptsächlichen prinzipiellen Abänderungen, die wir den Kongreßdelegierten vorschlagen. Erstens darf man nicht allzu scharf gegen die Linke vorgehen und der Rechten in den kommunistischen Parteien und in der III. Internationale das Feld räumen. Unserer Ansicht nach muß im Gegenteil die Rechte bekämpft werden, die eine viel größere Gefahr für den Kommunismus vorstellt. Die Linke dagegen kann erst dann der Partei gefährlich werden, wenn diese ihre Tätigkeit voll entwickelt. Auch muß folgendes unterstrichen werden: Es ist für den revolutionären Kampf nicht durchaus notwendig, daß der größte Teil der Arbeitermasse von der kommunistischen Partei bereits organisiert und gewonnen sei. Wichtig ist bloß, daß die kommunistischen Parteien imstande sind, im Augenblick des Kampfes die Massen nach sich zu ziehen.
Wie ich bereits gesagt habe, werden andere Genossen nach mir die weiteren Fragen behandeln, die sich aus diesen Leitsätzen ergeben. Was mich anbelangt, so beschränke ich mich auf die beiden Fragen, die ich soeben behandelt habe.
Lenin. Genossen, Ich muß mich zu meinem großen Bedauern auf die Defensive beschränken. (Heiterkeit.) Ich sage zu meinem großen Bedauern, weil es, nachdem ich die Rede des Gen. Terracini gehört und die Abänderungsvorschläge der drei Delegationen gelesen habe, mein heißester Wunsch war, die Offensive zu ergreifen. Denn gegen solche Ansichten, wie sie Terracini vertreten hat, und die von drei Delegationen verteidigt werden, muß man eigentlich unbedingt die Offensive ergreifen. Wenn der Kongreß gegen solche Fehler, gegen diese linken Dummheiten, nicht entschlossen die Offensive durchführt, dann ist die Bewegung zu Grunde gerichtet. Das ist meine feste Überzeugung. Wir sind aber organisierte und disziplinierte Marxisten. Mit Reden gegen einzelne Genossen können wir uns nicht begnügen. Wir, russische Linke, haben diese Phrasen zum Überdruß gehört. Wir sind organisierte Leute. Wir müssen beim Ausarbeiten unserer Entwürfe organisiert vorgehen und die richtige Linie zu finden suchen. Natürlich ist es ein offenes Geheimnis, daß unsere Thesen ein Kompromiß sind. Warum nicht? Innerhalb der Kommunisten, die schon den Dritten Kongreß abhalten, die schon Grundsätze ausgearbeitet haben, braucht man unter gewissen Umständen unbedingt Kompromisse. Unsere Thesen, die da uns, der russischen Delegation, unterbreitet worden sind, waren sehr sorgfältig, nach großen Vorbereitungen, nach langen Überlegungen und Zusammenkünften verschiedener Delegationen studiert und vorbereitet, nämlich, um die Richtlinien der Kommunistischen Internationale zu ziehen, besonders jetzt, nachdem wir die wirklichen Zentristen nicht nur formell verurteilt, sondern sogar ausgeschlossen haben. Das ist Tatsache. Ich muß diese Thesen verteidigen. Und wenn jetzt Terracini kommt und sagt, wir müssen den Kampf gegen die Zentristen fortsetzen, und zeigt, wie man diesen Kampf fortsetzen will, dann sage ich, daß, wenn diese Änderungsvorschläge eine Richtung kennzeichnen wollen, so werden wir unbedingten und rücksichtslosen Kampf gegen diese Richtung führen, denn sonst ist das kein Kommunismus und keine Kommunistische Internationale.
Ich wundere mich, daß die K.A.P.D. diese Anträge nicht unterschrieben hat. (Heiterkeit) Denn sehen wir, was diese Abänderungsvorschläge bedeuten und was Terracini verteidigt ?
Die Vorschläge beginnen:
I. Seite 1, Spalte 1, Zeile 19 ist zu streichen: „Mehrheit der“. Mehrheit! das soll höchst gefährlich sein. (Heiterkeit.) Und weiter: „und für das Wort Grundsätze das Wort „Ziele“ zu setzen“. Grundsätze und Ziele sind zweierlei: in bezug auf die Ziele können auch die Anarchisten mit uns übereinstimmen, auch sie sagen Abschaffung der Ausbeutung und Abschaffung der Klassen.
Ich habe in meinem Leben wenig Anarchisten gesehen und gesprochen, aber doch genug. Ich konnte mich mit ihnen unter Umständen über die Ziele verständigen, nie aber über die Grundsätze. Grundsätze sind kein Ziel, Grundsatz bedeutet weder Programm, noch Taktik, noch Theorie. Taktik und Theorie sind keine Grundsätze. Was unterscheidet uns von den Anarchisten, was die Grundsätze betrifft? Die Grundsätze des Kommunismus sind, die Diktatur des Proletariats und die Anwendung der Regierungsgewalt während der Übergangsperiode. Das ist der Grundsatz des Kommunismus, aber absolut nicht unser Ziel. Die Leute, die diesen Abänderungsvorschlag gemacht haben, haben den ersten Fehler gemacht.
Zweitens, heißt es: das Wort „Gros“ ist zu streichen. Lesen Sie das Ganze: „Der III. Kongreß der Kommunistischen Internationale tritt an die neuerliche Prüfung der taktischen Fragen in einer Situation heran, wo sich in einer Reihe von Ländern die objektive Lage revolutionär zugespitzt hat, und wo eine Reihe kommunistischer Massenparteien sich herausgebildet haben, die aber noch nirgends die tatsächliche Führung des Gros der Arbeiterklasse im wirklichen revolutionären Kampfe innehaben“. Und da will man das Wort „Gros“ streichen. Wenn man nicht einmal einverstanden ist in bezug auf so einfache Tatsachen, dann verstehe ich nicht, wie wir zusammenarbeiten und das Proletariat zum Siege führen wollen. Dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn man nicht mehr einverstanden ist in bezug auf die Grundsätze. Zeigen Sie mir die Partei, die schon das Gros der Arbeiterschaft innehat. Terracini hat nicht einmal daran gedacht, auch nur ein Beispiel zu geben. Ein solches Beispiel ist auch gar nicht vorhanden.
Statt Grundsätze — „Ziele“, das Wort „Gros“ zu streichen. Ich danke schön. Das machen wir nicht mit. Selbst die deutsche Partei, eine der besten, hat noch nicht das Gros der Arbeiter hinter sich. Das ist eine Tatsache. Wir, die vor den schwierigsten Kämpfen stehen, fürchten uns nicht, diese Wahrheit auszusprechen, und drei Delegationen finden sich, die mit einer Unwahrheit beginnen wollen. Wenn der Kongreß das Wort Gros streicht, dann betont er, daß er die Unwahrheit will. Das ist so klar wie nur etwas.
Weiter heißt es in den Anträgen: „Seite 4, Spalte 1, Zeile 10: Die Worte „Offener Brief usw.“ sind zu streichen. Ich habe heute schon eine Rede gehört, in der ich diesen Gedanken gefunden habe. Da war es natürlich. Es war die Rede des Gen. Hempel von der K.A.P.D. Er hat gesagt: „der Offene Brief war opportunistisch“. Ich habe schon zu meinem Bedauern und meiner tiefsten Beschämung solche Ansichten privatim gehört. Aber, daß auf dem Kongreß, nachdem schon so lange Diskussionen geführt worden sind, der Offene Brief für opportunistisch erklärt wird, das ist eine Schmach und Schande. Und jetzt kommt Terracini im Namen von drei Delegationen und will das Wort „Offener Brief“ streichen. Wozu dann der Kampf gegen die K.A.P.D. Der Offene Brief ist vorbildlich. So steht es in unseren Thesen. Das muß unbedingt verteidigt werden. Vorbildlich als erster Akt der praktischen Methode, um wirklich die Mehrheit der Arbeiterklasse zu bekommen. Wer in Europa, wo fast alle Proletarier organisiert sind, nicht versteht, daß wir die Mehrheit der Arbeiterklasse erobern müssen, der ist verloren für die kommunistische Bewegung, der wird nie etwas dazulernen. wenn er in drei Jahren nach der großen Revolution das noch nicht gelernt hat.
Terracini sagt, in Rußland haben wir gesiegt, obwohl die Partei so klein war. Und er ist unzufrieden, daß in bezug auf die Tschechoslowakei das gesagt wird, was in den Thesen steht. Hier sind 27 Anträge, wenn ich sie alle kritisieren wollte, dann müßte ich die Redner nachahmen. die drei Stunden lang reden. ... Also hier wird gesagt, in der Tschechoslowakei hat die Kommunistische Partei drei bis vier Hunderttausend Mitglieder und dann heißt es, man müsse die Mehrheit heranziehen und die so geschaffenen Kräfte zu einer unüberwindlichen Macht gestalten und noch weitere Arbeitermassen heranziehen. Sofort ist Terracini kampfbereit. Und er sagt: nachdem schon vierhunderttausend Arbeiter in der Partei sind, wozu noch weitere heranziehen? Streichen! (Heiterkeit.) Er fürchtet sich vor dem Worte Massen und will das streichen. Gen. Terracini hat nicht viel verstanden von der russischen Revolution.
Wir waren in Rußland eine kleine Partei, aber wir hatten die Mehrheit in den Arbeiter- und Bauernräten im ganzen Lande. (Zwischenruf: Sehr richtig) Wo haben Sie das? Wir hatten mindestens die Hälfte der Armee, die damals zumindest 10 Millionen stark war. Haben Sie die Mehrheit der Armee? Zeigen Sie mir ein solches Land? Wenn diese Absichten des Gen. Terracini von drei Delegationen geteilt werden, dann ist etwas krank in der Internationale. Dann müssen wir sagen: Halt! Entschiedenen Kampf! Sonst ist die Kommunistische Internationale verloren. (Bewegung.)
Auf Grund aller Erfahrungen, die ich habe, und obwohl ich mich in der Defensive befinde (Heiterkeit), muß ich da: sagen, denn das Ziel meiner Rede, und der Grundsatz meiner Rede (Heiterkeit) ist die Verteidigung der Resolution der Thesen, die von unserer Delegation vorgeschlagen worden sind. Natürlich ist es pedantisch zu sagen, daß man kein Jota ändern soll. Ich habe schon viele Resolutionen gelesen, und ich weiß recht gut, daß man vielleicht an jeder Zeile gute Verbesserungen vornehmen kann. Aber das wäre pedantisch. Wenn ich aber jetzt trotzdem erkläre, daß politisch kein Jota mehr geändert werden soll, so geschieht das, weil ich sehe, daß die Änderungen einen ganz bestimmten politischen Charakter tragen, weil sie einen Weg betreten, der schädlich und gefährlich ist für die Kommunistische Internationale. Deshalb muß ich, müssen wir als russische Delegation unbedingt darauf bestehen, daß nicht ein Jota an den Thesen geändert wird. Wir haben die Rechte nicht nur verurteilt, sondern sogar fortgejagt, wenn man aber aus dem Kampf gegen die Rechte einen Sport macht, wie Terracini, dann müssen wir sagen: Schluß, sonst ist die Gefahr ungeheuer groß.
Terracini hat die Offensivtheorie verteidigt. Die berühmten Abänderungsvorschläge bringen zwei bis drei spaltenlange Formulierungen hierüber. Wir brauchen das nicht zu lesen. Wir wissen schon, was darin steht. Terracini hat klar gesagt, worum es sich handelt. Die Offensivtheorie hat er mit dem Hinweis auf „dynamische Tendenzen“ und den Übergang von der „Passivität zur Aktivität‘ verteidigt. Wir haben dann in Rußland schon genug politische Erfahrungen im Kampfe gegen die Zentristen gehabt. Vor 15 Jahren schon haben wir unsere Opportunisten und Zentristen, sowie die Menschewisten bekämpft, und wir haben sie vollständig besiegt, und zwar nicht nur die Menschewisten, sondern auch die halben Anarchisten.
Hätten wir das nicht getan, dann wären wir nicht dreiundhalb Jahre, sondern nicht einmal ebenso viel Wochen imstande gewesen, die Macht in unseren Händen zu halten und hier einen kommunistischen Kongreß zu veranstalten. „Dynamische Tendenzen“, und „Übergang von Passivität zur Aktivität“, das sind Phrasen, die die linken Sozialrevolutionäre gegen uns ins Treffen geführt haben. Jetzt sitzen sie im Gefängnis und verteidigen dort die „Ziele des Kommunismus“ und denken an den Übergang von der Passivität zur Aktivität. So kann man nicht argumentieren, denn in denselben findet sich keine Spur von Marxismus, Keine Spur von politischen Erfahrungen und von Argumenten. Haben wir uns in den Thesen wirklich im allgemeinen mit der Offensivtheorie beschäftigt? Hat Radek oder ein anderer von uns diese Dummheit gemacht? Wir besprachen die Offensivtheorie in bezug auf ein ganz bestimmtes Land, auf eine ganz bestimmte Periode.
Wir werden Fälle finden in unserem Kampfe gegen die Menschewisten, die beweisen, daß es vor der ersten Revolution noch Leute gab, die bezweifelten, daß die revolutionäre Partei die Offensive ergreifen müsse. Wenn ein Sozialdemokrat — damals hießen wir alle so — solche Zweifel erhob, dann haben wir den Kampf gegen ihn aufgenommen und sagten, er sei ein Opportunist, er verstehe nichts vom Marxismus und der Dialektik der revolutionären Partei. Kann eine Partei darüber streiten, ob die Offensive überhaupt zulässig sei? Bei uns müssen wir 15 Jahre zurückgreifen, um solche Beispiele zu finden. Gibt es einen Zentristen oder verkappten Zentristen, der die Offensive prinzipiell bestreitet. Dies kann überhaupt keinen Anlaß zu einem Streit geben. Aber, daß wir jetzt nach drei Jahren über „dynamische Tendenzen und Übergang von der Passivität zur Aktivität“ streiten, das ist eine Schande.
Wir und Radek, der mit uns die Thesen ausgearbeitet hat, streiten nicht darüber. War es nicht unrichtig anzufangen in Deutschland über die Offensivtheorie zu sprechen, nachdem man eben keine wirkliche Offensive vorbereitet hat? Die Märzaktion ist trotzdem ein großer Schritt vorwärts, ungeachtet der fehlerhaften Führung derselben. Aber das macht nichts. Hunderttausende von Arbeitern haben heldenhaft gekämpft. Selbst wenn die K.A.P.D. noch so heldenmütig gegen die Bourgeoisie gekämpft hat, müssen wir sagen, was Radek in einem russischen Artikel über Hölz gesagt hat. Wenn irgend jemand, sei er auch Anarchist, heldenhaft gegen die Bourgeoisie kämpft, so bedeutet dies schon viel, wenn jedoch Hunderttausende gegen die niederträchtige Provokation der Sozialverräter und der Bourgeoisie kämpfen, dann ist dies ein wirklicher Schritt vorwärts.
Und es ist wichtig, daß man die begangenen Fehler kritisiert. Damit haben wir begonnen. Wenn jemand nach einem Kampf von Hunderttausenden gegen den Kampf auftritt und sich so benimmt, wie Levi, dann muß er ausgeschlossen werden. Das ist geschehen. Aber die Lehren müssen wir daraus ziehen. Haben wir die Offensive vorbereitet? (Radek: nicht einmal die Defensive) Jawohl, von Offensive war nur die Rede in Leitartikeln. Diese Theorie, angewendet auf die Märzaktion in Deutschland im Jahre 1921, ist unrichtig. Das müssen wir sagen, aber die Offensivtheorie im allgemeinen ist nicht unrichtig.
Wir haben in Rußland gesiegt und so leicht gesiegt, weil wir unsere Revolution während des imperialistischen Krieges vorbereitet haben. Das ist die erste Bedingung. 10 Millionen Arbeiter und Bauern waren bei uns bewaffnet und unsere Losung war: sofort Frieden, Koste es, was es wolle. Wir haben gesiegt, weil enorme Bauernmassen revolutionär gesinnt waren gegen den Großgrundbesitz. Die Sozialrevolutionäre, die Leute von der 2. und 2½ Internationale waren im November 1917 die große Bauernpartei. Sie forderten revolutionäre Mittel, aber als wirkliche Helden der 2. und 2½ Internationale hatten sie nicht Mut genug revolutionär zu handeln. Wir hatten im August und September 1917 gesagt: theoretisch kämpfen wir gegen die Sozialrevolutionäre, wie früher, aber praktisch sind wir bereit, das Programm der Sozialrevolutionäre zu übernehmen, weil nur wir dieses Programm verwirklichen können. Das haben wir gesagt und auch getan. Die Bauernschaft, die im November 1917 nach unserem Siege gegen uns war und die Mehrheit der Sozialrevolutionäre in die Konstituante geschickt hatte, wurde von uns erobert, wenn nicht in einigen Tagen, wie ich für meine Person irrtümlicherweise erwartet und prophezeit hatte, so doch in einigen Wochen. Der Unterschied war nicht groß. Zeigen Sie mir ein Land in Westeuropa, wo Sie die Mehrheit der Bauernschaft in einigen Wochen in die Hand bekommen können? Wenn man sagt, wir haben in Rußland gesiegt, obwohl nur eine kleine Partei hinter uns stand, so beweist das, daß man die russische Revolution nicht verstanden hat, daß man nicht versteht, wie man die Revolution vorbereitet.
Die erste Stufe unserer Bewegung war, eine wirklich kommunistische Partei zu schaffen, um zu wissen, mit wem wir sprechen und zu wem wir volles Vertrauen haben können. Auf dem I. und II. Kongreß hieß es: Zentristen fort! Wenn wir mit den Zentristen und Halbzentristen, die wir in Rußland Menschewiki nennen, auf der ganzen Linie und in der ganzen Welt nicht abrechnen, dann ist uns das ABC des Kommunismus nicht zugänglich. Aber die Bildung wirklich revolutionärer Parteien. der Bruch mit den Menschewiki ist nur die erste Aufgabe. Das ist aber nur die Vorbereitungsschule. Wir haben schon den III. Kongreß. und Terracini wiederholt immer wieder die Aufgabe der Vorbereitungsschule, die Zentristen und Halbzentristen zu jagen und zu hetzen. sie zu entlarven. Danke schön! Das haben wir schon genug gemacht. Daß die Zentristen unsere Feinde sind. haben wir schon auf dem II. Kongreß gesagt. Aber es ist jetzt notwendig. daß wir ein bißchen weitergehen. Die zweite Stufe muß sein. nachdem wir die Partei gebildet haben, zu lernen. wie man die Revolution vorbereitet. Wir haben in mehreren Ländern noch nicht einmal begonnen zu lernen, wie man die Führung erobert. Wir haben in Rußland gesiegt, weil wir die sichere Mehrheit nicht nur in der Arbeiterschaft hatten, wir hatten während der Wahlen 1917 die erdrückende Mehrheit gegen die Menschewiki in der Arbeiterschaft und unmittelbar nach der Eroberung der Macht die Hälfte der Armee und konnten in einigen Wochen neun Zehntel der Bauernschaft dadurch erobern, daß wir nicht unser Programm, sondern das Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre übernahmen und verwirklicht haben. Daß wir das Programm der Sozialrevolutionäre verwirklichten, das war unser Sieg, deshalb war es so leicht. Können Sie solche Illusionen im Westen haben? Lächerlich! Vergleichen Sie die konkreten ökonomischen Verhältnisse, Gen. Terracini und die übrigen, die diese Abänderungsvorschläge unterzeichnet haben. Obwohl wir so schnell die Mehrheit gewonnen haben, waren unsere Schwierigkeiten nach dem Siege ganz besonders groß. Wir setzten uns durch, nur weil wir nicht unsere Ziele, sondern auch unsere Grundsätze nicht vergaßen und in unserer Partei solche Leute nicht duldeten, die über Grundsätze schwiegen und über Ziele, dynamische Tendenzen und Übergang von der Passivität zur Aktivität sprachen. Vielleicht wird man uns anklagen, daß wir solche Leute lieber im Gefängnis halten. Allein anders kann die Diktatur nicht durchgeführt werden. Wir müssen die Diktatur vorbereiten, und diese Vorbereitung besteht im Kampfe gegen solche Phrasen und solche Abänderungsvorschläge.
Überall spricht man in unseren Thesen von der Masse. Aber, Genossen, man muß verstehen, was Masse heißt. Die K.A.P., die Genossen von den Linken, haben dieses Wort schon all zu oft mißbraucht. Aber auch Gen. Terracini und alle, die die Abänderungsvorschläge unterzeichnet haben, wissen nicht, was unter Masse zu verstehen ist.
Ich spreche schon zu lange und will nur einige wenige Worte darüber sagen, was Masse ist. Der Begriff der Masse ändert sich mit der Änderung des Kampfes. Im Anfange des Krieges genügen unter Umständen schon zweitausend wirklich revolutionäre Arbeiter, einige tausend Arbeiter, um von der Masse sprechen zu können. Wenn die Partei nicht nur Parteimitglieder in den Kampf hineinzieht, wenn die Partei Parteilose aufrütteln kann, so ist das schon ein Beginn dessen, daß wir die Masse erobern. Wir haben in unseren Revolutionen Fälle erlebt, wo einige tausend Arbeiter schon die Masse vertraten. In der Geschichte unserer Bewegung, unseres Kampfes gegen die Menschewisten werden Sie mehrere Beispiele finden, wo einige tausend Arbeiter in einer Stadt genügten, um zu beweisen, daß unsere Partei zur Massenpartei geworden ist. Einige tausend Arbeiter, welche parteilos sind, wenn sie gewöhnliche Arbeiter sind, die auf der Straße liegen, die dem gewöhnlichen Leben angehören, die in ihrem Leben nichts von der Politik gehört haben, wenn sie revolutionär zu handeln beginnen — das ist Masse. Geht die Bewegung weiter, steigert sich die Bewegung, so nähern wir uns einer wirklichen Revolution — wir haben das erlebt 1905 und 1917 in drei Revolutionen — sie wird Ihnen dasselbe beweisen. Nach- (dem sich die Revolution vorbereitet hat, ändert sich der Begriff der Masse. Masse bedeutet nicht mehr einige tausend Arbeiter. Masse beginnt etwas anderes zu bedeuten. Der Begriff der Masse ändert sich so, daß man unter Masse nur die Mehrheit und nicht nur die Mehrheit der Arbeiter, sondern die Mehrheit aller Ausgebeuteten verstehen muß, sonst ist man kein Revolutionär, sonst versteht man das Wort Masse nicht. Es ist möglich, daß eine kleine Partei, vielleicht die englische oder amerikanische, wenn sie eine Bewegung in einem rechten Moment beginnt, wenn sie die Entwicklung gut beobachtet hat, das Leben und die Gewohnheiten der parteilosen Masse kennt — Gen. Radek hat als gutes Beispiel den Bergarbeiterstreik genannt — wenn sie in solchen Momenten auftritt mit ihren Losungen, es erreicht, daß Millionen von Arbeitern ihr folgen — das ist Masse. Ich bestreite nicht unbedingt, daß die Revolution mit einer sehr kleinen Partei begonnen und zum Siege geführt werden kann. Man muß aber verstehen, die Massen heranzuziehen. Man muß aber dazu gründlich die Revolution vorbereiten. Nun kommen Genossen und sagen: das Wort „Gros“ sofort zu streichen. Man muß gegen diese Genossen kämpfen. Entschiedenen Kampf gegen diese Genossen! Ohne gründliche Vorbereitungen werden Sie in keinem Lande siegen können. Eine ganz kleine Partei kann genügen, um die Masse zu führen. In gewissen Momenten braucht man keine großen Organisationen. Um zu siegen, braucht man die Sympathie der Massen. Man braucht nicht immer die absolute Mehrheit, allein um zu siegen, und die Macht zu behalten, braucht man nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse — ich 'gebrauche das Wort Arbeiterklasse in westeuropäischem Sinne, daß heißt des Industrieproletariats —, sondern auch die Mehrheit der ausgebeuteten und arbeitenden Landbevölkerung. Haben Sie daran gedacht? Sieht man eine Spur von diesem Gedanken in der Rede von Terracini? Nur „dynamische Tendenz“ und „Übergang von Passivität zur Aktivität“!
Kein Wort über Ernährungsfragen? Die Arbeiter wollen ernährt sein, sie können viel dulden und hungern, wir haben das in Rußland bis zu einem gewissen Grad gesehen. Sie müssen also die Mehrheit nicht nur der Arbeiterklasse, sondern auch der arbeitenden und ausgebeuteten Landbevölkerung haben. Haben Sie das vorbereitet? Fast nirgends. Also ich wiederhole: ich muß unbedingt unsere Theorie verteidigen und diese Defensive halte ich für obligatorisch. Die Zentristen haben wir nicht nur verurteilt, sondern auch verjagt. Jetzt müssen wir uns gegen die andere Seite wenden, die wir auch für gefährlich halten. Wir müssen den Genossen die Wahrheit sagen in höflichster Form — auch in unseren Thesen ist es liebenswürdig und höflich ausgedrückt, niemand kann sich durch unsere 'Thesen gekränkt fühlen —, wir müssen ihnen sagen: wir haben jetzt andere Aufgaben, als nur die Hetzjagd auf die Zentristen. Genug mit diesem Sport. Er ist schon ein wenig langweilig.
Statt dessen müssen diese Genossen lernen, den wirklich revolutionären Kampf zu führen. Die deutschen Genossen haben es begonnen. Heldenhaft haben Hunderttausende von Proletariern gekämpft. Jeden, der gegen diesen Kampf auftritt, muß man sofort ausschließen. Aber nachdem man ihn ausgeschlossen hat, darf man nicht Phrasen dreschen, sondern man muß lernen, aus den Fehlern lernen, den Kampf besser vorzubereiten. Wir dürfen uns nicht davor fürchten, daß wir unsere Fehler vor dem Feinde bloßstellen. Wer das fürchtet, ist kein Revolutionär. Im Gegenteil, wenn wir offen den Arbeitern sagen, ja, wir haben Fehler gemacht, so bedeutet das, daß wir das nächste Mal diese Fehler nicht wiederholen, daß wir den Moment richtiger wählen werden. Und wenn wir im Kampfe selbst die Masse, und nicht die Masse, die Mehrheit der Arbeiterschaft, und nicht die Mehrheit der Arbeiter allein, sondern die Mehrheit der Ausgebeuteten und Unterdrückten auf unsere Seite bekommen, nur dann werden wir wirklich siegen. (Langanhaltender, lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Das Wort hat Gen. Michalak.
Michalak (Polen). Genossen und Genossinnen! Eigentlich hat schon der Zweite Kongreß in seinen Thesen über alle Fragen, die uns jetzt beschäftigen, Beschluß gefaßt: es könnte scheinen, daß das, was auf dem Zweiten Kongreß gesagt und beschlossen wurde, und in den Thesen des Zweiten Kongresses steht, doch eigentlich in all den Fragen, die uns jetzt wieder beschäftigen, genügen sollte. Und doch stellt sich heraus, es wird eine alte Erfahrung wieder bestätigt, daß eine Partei, eine Bewegung, eine Aktion sich mit Thesen allein nicht machen läßt. Es stellt sich heraus, daß man mit guten Thesen schlechte Aktionen machen kann, es stellt sich heraus, daß man, wenn man nicht die nötige Erfahrung, die nötige Schulung hat, man bei den besten Thesen nicht versteht, wie die Grundsätze der Thesen in Anwendung zu bringen sind. Darum streiten wir eben wieder über die Frage der Massenpartei, von der doch der Zweite Kongreß so ausführlich gesprochen und über die er beschlossen hat, so wie über die Fragen der Grundsätze, der Taktik, des revolutionären Parlamentarismus, der Disziplin. Und das ist ja der Grund, das ist die Bedeutung der Frage, die hier den Zentralpunkt unserer Erörterung bildet, nämlich die Märzaktion. Es ist nämlich das klassische, das typischste Beispiel dessen, wie schwer man die Thesen in Anwendung bringt. Es ist ein Beispiel dafür, daß das, was auf dem Papier steht, zunächst im Kampfe, im Prozeß des Kampfes, im Prozeß des Wachstums erfaßt werden muß.
Zuerst, Genossen, ein paar persönliche, ganz persönliche Bemerkungen. Als vor ein paar Tagen Genosse Radek in einer seiner Reden hier der Gen. Zetkin vorgeworfen hat, daß sie ja auch von der Offensive spreche, daß sie auch eine offensive Theorie dieser Situation habe, da habe ich mir den Zwischenruf erlaubt, das ist doch etwas ganz anderes. Und weil Radek gestern wieder zu beweisen suchte, daß Gen. Zetkin eine Theorie der Offensive in dieser Situation hat, so erlauben Sie mir, mit ein paar Worten darauf einzugehen.
Einmal, offen gesagt, ist das — Radek wird mir das nicht übelnehmen — eine Wortklauberei. Wenn Sie die Thesen, die erste Resolution der Gen. Zetkin nach der Märzaktion lesen, was finden Sie dort über die Offensive? Sie finden dort, in der Form und manchmal in der Sache viel schärfer, viel prägnanter das ausgesprochen, was Radek und wir alle jetzt sagen wollen. Gen. Zetkin spricht in diesen Thesen über die Bedingungen und Aufgaben der Partei vor und nach der Aktion. Statt des Wortes Aktion benutzt sie aber manchmal das Wort Offensive. ‚Wahrscheinlich macht es den Eindruck, als ob dies eine Wortkonzession an die Zentrale wäre. Sie spricht sogar von Teiloffensive, d. h. von Teilaktionen, die uns beschäftigen. Und noch mehr, Genossen, in einem Vorentwurf, der u. a. von Radek und ein paar deutschen Genossen verfaßt wurde, da steht „die Vorbereitung der Offensive“, und später spricht man nur von Aktionen. Und noch mehr, Genossen, Gen. Radek sagt in den jetzigen Thesen, daß wir eine Partei des Ansturmes auf die kapitalistische Gesellschaft sein sollen. Was ist Angriff, Ansturm anderes als eine Offensive Ich bin mit den Büchern der deutschen Strategen nicht so vertraut, aber ich erinnere mich, auch Kautsky hat einmal mit der Strategie etwas verwischen wollen, als er lange vor dem Kriege mit Rosa Luxemburg und Radek von der Ermattungsstrategie geschrieben hat. Dieses Wort aus dem Wörterbuch der Militärleute, ein Wort, das aus einem anderen Gebiete genommen ist, hat bei der Beurteilung unserer Aufgaben, die uns jetzt bevorstehen, mit unserer Sache wirklich sehr wenig zu tun.
Und noch eins, die Genossen, meine deutschen Freunde, die es so fürchten, daß man ihnen noch ein paar Hiebe versetzt, lieben es sehr, daß man der Genossin Zetkin auf einen Hieb noch einen anderen gibt. (Lärm.) Genossen, ich spreche wieder von meinem persönlichen Eindruck, der dahin geht, daß die jungen Männer sich manchmal wie alte Weiber verhalten, daß der einzige Mann in der deutschen Delegation Gen. Zetkin ist. (Heiterkeit. Rufe: Das glauben Sie selbst nicht!) So, Genossen, nicht um das Wort Offensive oder Defensive handelt es sich. Es gibt in der deutschen Sprache ein gutes Wort, daß der Hieb die beste Parade ist. In unseren Thesen steht das auch, daß bei gewissen Gelegenheiten der Situation womöglich schnell zum Hieb überzugehen ist. Die Hauptsache ist, daß die Märzaktion ein Arbeiterkampf war, daß es ein Waffengang war, ein Waffengang, bei dem die Führer mit ganz schlechten taktischen Ideen vorgingen. Aber Genossen, und das sage ich gegen die Opposition, die Pariser Kommune wurde von Männern geleitet, die sehr naive Vorstellungen von der Taktik gehabt haben, das wissen wir doch alle, viel naivere Vorstellungen als die deutschen Genossen. Viele Eseleien haben sie gemacht, und trotzdem, nachdem sie gekämpft hatten, hat Marx die Pariser Kommune verherrlicht, den ganzen Waffengang und alle Schlachten. Ich erinnere mich, es war im Dezember 1905, da fand in Moskau ein Waffengang der Arbeiter gegen den Zarismus statt. Die Arbeiter unterlagen im Kampf, und damals hat der Menschewist Plechanow gesagt, es war dumm, man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen. Aber Lenin sagte, es war gut, wir müssen diese verlorene Schlacht für die Tradition der russischen Arbeitermassen verherrlichen.
Also im ersten Fall haben wir die Pariser Kommune gehabt. die die Bewegung der Arbeiter auf Jahre hinaus durch ihre ungeheuren Opfer tötete. (Lärm und Widerspruch.) Trotzdem wurde sie verherrlicht. So auch der Dezemberkampf der russischen Arbeiter in Moskau vom Jahre 1905. So muß sich ein jeder Kommunist zur deutschen Märzaktion stellen. Es ist viel von den Fehlern gesprochen worden, die die Zentrale gemacht hat. Ich meine aber, über all den Fehlern steht ein großer Fehler. Nicht, daß die Aktion schlecht vorbereitet war. Nicht, daß der Moment für die Offensive schlecht gewählt war. Der größte Fehler besteht für mich darin, ganz gleich ob Offensive oder Defensive, daß sie von den Bedingungen und Aufgaben der Partei bei der Aktion keine Ahnung gehabt haben. (Lärm.) Von diesem großen Fehler muß man mehr sprechen, als von den anderen kleinen.
Das ist noch nicht alles. Wir hatten eine Kritik der Fehler, aber leider eine lange Zeit hindurch nur die Kritik eines Opportunisten. Das ist der große Fehler meiner Freundin Klara Zetkin, daß sie das nicht eingesehen hat. Die Kritik Levis hat zwei Seiten. Die eine Seite ist, daß er öffentlich das vorgebracht hat, was ihm zwischen vier Wänden gesagt wurde. Das ist an und für sich schon eine Tatsache, für die er verdient, daß man ihn wenigstens ausschließt. Radek und Lenin sagen, wie man sich zur Partei stellt, das ist die Hauptsache. Nun, Genossen, ich sage Euch, Levi hat Gespräche mitgeteilt, die wirklich nur zwischen vier Wänden stattgefunden haben. Das war kein Zufall.
Er hat sich nur darauf beschränkt, aus der Broschüre des Gen. Lenin über die Bedingungen des Sieges in Rußland etwas zu sagen, was absolut in diesem Zusammenhange keine Bedeutung hat. Aber statt der Partei revolutionäre Wege zu weisen, statt der Partei die nächsten Aufgaben zu zeigen, mußte er, weil er keine revolutionäre Analyse geben konnte, zu dieser schmutzigen Waffe greifen, um auszuplaudern, was er gehört hat. In dieser Beziehung kann man sagen, daß die deutsche Partei einen großen Fehler gemacht hat, indem sie gewartet hat, bis eine opportunistische Broschüre über die Darstellung der Revolution erschien, weil sie eine revolutionäre Kritik nicht geben wollte. (Lärm.) Ich möchte noch eine Erklärung der polnischen Delegation vorlesen, will aber im allgemeinen noch sagen: Auf dem Kongreß herrscht, wie ich glaube, eine Stimmung, die nicht ganz richtig ist. Es war so, als hätten sich viele Genossen gesagt, Lenin hat ¾ Stunden gegen die Linke gesprochen und nur ¼ Stunde gegen die Rechte.
Und unter diesem Eindruck haben sich viele Genossen gesagt, Lenin nimmt seinen Kurs nach rechts und dies tut auch Trotzki. Das kommt daher, daß besonders die ausländischen Genossen die Vergangenheit der Kämpfe der Bolschewiki in Rußland nicht kennen, sonst hätten sie gewußt, daß diese Partei im Kampfe gegen rechts und links gewachsen ist. Und es ist keine Schwenkung, sondern nur die alte Bahn des Bolschewismus, in neuen Zuständen, für neue Aufgaben. Aber es ist dieselbe Richtung, es ist keine Schwenkung. Als ich die erste Rede des Genossen Lenin in der erweiterten Exekutive im Stenogramm gelesen habe, habe ich mir sofort gesagt, ie schneller diese Rede gedruckt, wird, desto schneller wird dieser falsche Eindruck, den viele Genossen hatten, verschwinden. Die Hauptsache, was er und was auch Trotzki gesagt hat, ist, man muß warnen gegen links in dem Sinne, wie die Russen es tun, und dann der Kampf gegen rechts; eines steht zum andern nicht im Gegensatz. Nun, Genossen, hat Gen. Lenin gegen die Abänderung.der Thesen gesprochen, die polnische Delegation hat auch Abänderungen vorgeschlagen, und ich bin beauftragt worden, die folgende Erklärung zu verlesen: „Die Delegation Polens unterstützt die Tendenz der von den drei Delegationen eingebrachten Zusatzanträge und behält sich vor, in der Kommission weitere Anträge im gleichen Sinne zu stellen.“ (Heiterkeit. Rufe: Ihre Rede war ganz anders gehalten!)
Vaughan. (England.) Genossen. Anläßlich der Kritik Radeks und seiner Thesen möchte ich zu allererst betonen, daß keine der Parteien, die der III. Internationale angehören, den Nutzen der Kritik mehr schätzt, als die britische. Aber wir fordern, daß die Kritik einer Partei zwei Ziele verfolgen müsse: erstens muß sie der kritisierten Partei zum Nutzen gereichen. so daß diese Partei aus der Kritik eine Lehre erhalten kann, die nicht nur für sie, sondern für die ganze internationale Bewegung wertvoll wird. Zweitens müßte der Gen. Radek, bevor er beginnt, eine Partei zu kritisieren, sichere Informationen über die Handlungen dieser Partei eingezogen haben. Genosse Radek bezieht sich in seiner Rede auf die kommunistische Zeitung Englands. Er macht ihr zum Vorwurf, während des verflossenen Dreibund- und Bergarbeiterstreikes ihre Pflicht nicht getan zu haben. Gen. Radek hat augenscheinlich die Artikel des „Communist“ nicht gelesen, sonst würde er gesehen haben, daß die Zeitung als Organ der Partei die Bedeutung der englischen Ereignisse voll und ganz eingeschätzt hat. Ich habe den „Communist‘ gelesen und weiß, was er allen Arbeitern Englands einprägte, nicht nur während des Konfliktes der Bergarbeiter, sondern lange vor Ausbruch des Streiks. Schon am 5. März machte der „Communist“ die Arbeiter auf die im Entstehen begriffene Verschwörung der Arbeitgeber in bezug auf ‘die Herabsetzung der Löhne aufmerksam. Die Artikel des „Communist“ wiesen darauf hin, daß das Vorgehen der Arbeitgeber gegen die Bergarbeiter nur der Vorbote der Attacke auf die ganze Arbeiterklasse Englands gewesen sei. Die Zeitung fuhr fort, den Arbeitern die Bedeutung des bevorstehenden Kampfes klar zu machen, und als der Streik ausgebrochen war, so gab der „Communist“ den Arbeitern die Losung: „Seht auf Eure Führer!“ Und dieser Ruf pflanzte sich durch ganz England fort, er lenkte die Aufmerksamkeit der Bergarbeiter auf ihre Führer und half ihnen während der vielen Verhandlungen mit der Regierung und den Grubenbesitzern ihren Grundsätzen treu zu bleiben. Es erschien ein Artikel nach dem anderen in demselben Ton. Der „Communist“ hielt den Bergarbeitern vor Augen, daß sie die Leitung der Schächte selbst übernehmen müßten, anderenfalls würden die Grubenbesitzer ihnen ihre Löhne vorenthalten. Die Zeitung wies darauf hin, daß die Bergarbeiter in diesem nie dagewesenen Kampfe etwas unternehmen müßten, was auf die werktätigen Massen Englands von Wirkung sein könnte; in der Zeit des Kohlenstreiks waren alle Anstrengungen der Kommunisten auf Die Arbeit unter den Bergarbeitern gerichtet. Die Kommunisten übernahmen in ihrem Organ die Leitung der Streikenden und gaben den Bergarbeitern alles, was sie nur konnten. Dies beweist der Ruf: „Seht auf Eure Führer!“, der sich in ganz England fortpflanzte; deshalb behaupte ich, daß die strenge Kritik des Gen. Radek nicht auf Tatsachen beruht.
Zweitens versuchte der Gen. Radek, den Kongreß glauben zu machen, daß das Zentralkomitee der Englischen Kommunistischen Partei in dem großen Kampf der Bergarbeiter seine Verantwortung nicht voll und ganz begriffen habe. Ich möchte dem Gen. Radek beweisen, daß das Zentralkomitee der Englischen Kommunistischen Partei seine Verantwortung wohl verstanden und die ganze Aufmerksamkeit auf diesen Konflikt der Bergarbeiter konzentriert hat. Das Zentralkomitee wurde zusammengerufen und auf dieser Versammlung wurde beraten, welches das sicherste Mittel sei, auf die Arbeiter Groß- Britanniens im Interesse der streikenden Bergarbeiter einzuwirken. Und die ganze Energie der Parteimitglieder, von den Agitatoren bis zum Stabe, war auf den Bergarbeiterstreik konzentriert. Mehr als dies, das Zentralkomitee erließ an alle seine Sektionen, alle seine Organisatoren den Befehl, in ihren Bezirken Komitees zum Anschluß an den Streik zu bilden. In den Distrikten, in denen es schon Bergarbeiterkomitees gab, wurden die Kommunisten verpflichtet, sich diesen Komitees zur Verfügung zu stellen. Aber das Zentralkomitee der Britischen Kommunistischen Partei ging noch weiter. Er zog in Erwägung, wie die ganze Arbeiterklasse Englands mit den Bergarbeitern zu vereinigen und die revolutionäre Situation zur Erreichung der besten Resultate auszunützen sei. Gen. Radek wirft uns vor, als Partei nicht offen und energisch genug vorgegangen zu sein und den Bergarbeiterkomitees diejenige Arbeit überlassen zu haben, die wir selbst hätten tun sollen. Die Englische Kommunistische Partei ist nur eine kleine Organisation; wenn Gen. Radek die Geschichte der gewerkschaftlichen Bewegung Englands kennt, so muß er wissen, welch mächtige Traditionen diese Bewegung in England hat. Er muß wissen, daß es einfach Blödsinn gewesen wäre, wenn die Kommunistische Partei versucht hätte, die Bergarbeiter, die in ihrer Organisation über 1½ Million Mann vereinigen, zu beeinflussen oder ihnen Ratschläge zu erteilen.
Als wir begriffen, daß wir uns in Großbritannien nur der uns zugänglichen und der besten Propagandamittel bedienen könnten, instruierten wir unsere Parteimitglieder, die zugleich auch Mitglieder verschiedener Gewerkschaften waren, ihre Organisationen zu veranlassen, für den kommenden Generalstreik der gesamten Arbeiterschaft Groß-Britanniens vorzuarbeiten. Wir bedienten uns der Arbeiterkomitees, weil wir wissen, daß die Gewerkschaftler von Groß-Britannien eher auf die Arbeiter ihres eigenen Industriezweiges, als auf die Kommunistische Partei Englands hören. Was für Folgen hatte das? Das Resultat war ein solches, wie es sich Genosse Radek am meisten gewünscht hätte. Unter unserer Führung gingen die Arbeiterkomitees, unseren Instruktionen und unserem Befehl gemäß, zum Angriff vor und hatten unter den Bergarbeitern Großbritanniens und anderen einen noch nie dagewesenen Erfolg. Wir waren das Werkzeug, wodurch diese Millionen von Arbeitern die Notwendigkeit erkannten, zusammenzuhalten und einen Generalstreik zu erklären, indem sie alle Arbeiter zur Solidarität mit den Bergarbeitern aufriefen. Wir hatten Flugblätter sowohl an die Transportarbeiter, als an die Arbeiter einer jeden einzelnen Sektion verteilt. Die Träger unserer Propaganda wurden in die Bergwerkbezirke, die Industriestädte und überall hingeschickt, um die Arbeiter zur Unterstützung der Bergarbeiter in ihrem großen Kampfe aufzurufen. Das war das Werk der Britischen Kommunistischen Partei. Gen. Radek meint, daß alles dies nicht geschah, trotzdem ist es eine Tatsache, daß es wohl geschehen ist, und gerade diese Kritik beweist, daß eben das geschah, was Genosse Radek geraten hätte, zu tun, wenn er zu der Zeit in England gewesen wäre. Das ist aus seinem Bericht zu entnehmen, in welchem er sagt, daß wir uns nur an die Gegenwart halten und nicht in die dunkle und ferne Zukunft schauen sollen. Wir hatten der Arbeiterklasse Großbritanniens in ihrem Kampfe geholfen und suchten sie bis zum endgültigen Ziel — der Revolution — zu bringen. Das ist unsere Arbeit in Großbritannien. Ich glaube, daß der Schluß des Referates des Genossen Radek, in welchem er von den richtigen Verhaltungsregeln sprach, der Wahrheit gemäß gehalten war, aber ich behaupte, daß wir die unter den herrschenden Verhältnissen richtigen Mittel gebraucht haben. Ich kann nicht behaupten, daß die Kommunistische Partei gar keine Fehler gemacht hätte, oder daß dort nicht Vervollkommnung angebracht wäre oder daß wir alle Möglichkeiten ausgenutzt hätten, aber jedenfalls ist die kritische Bemerkung des Genossen Radek, daß wir alle Gelegenheiten ganz und gar unbenutzt ließen, ungerechtfertigt. Die Britische Kommunistische Partei steht vor dem Dritten Kongreß der Kommunistischen Internationale schuldlos da und sie hat alles getan, was die Revolution näher bringen könnte.
(Schluß der Sitzung 5 Uhr nachmittag.)
Die zwölfte Sitzung (1. Juli 1921, 8 Uhr abends)
(Fortsetzung der Diskussion zum Referat Radek. Redner: Heckert, Burian, Malzahn, Bucharin.)
Vors. Koenen. Die Sitzung ist eröffnet. Als erster Redner steht auf der Liste Genosse Heckert von der V.K.P.D. Das Präsidium war sich darüber einig, das dem Wunsche der V.K.P.D., die Redezeit zu verlängern, um eine zusammenhängende Darstellung der Märzaktion geben zu können, Folge geleistet werden müsse. Es wird eine halbe Stunde vorgeschlagen. Wir hoffen, daß sich dagegen kein Widerspruch erhebt. Da sich kein Widerspruch erhebt, hat der Genosse Heckert das Wort.
Heckert (V.K.P.D.). Genossen, ehe ich zur Verteidigung unserer Stellung in der Märzaktion komme, habe ich zwei Vorbemerkungen zu machen; eine gegenüber dem Redner der Polenfraktion und eine gegenüber dem Genossen Lenin. Der Genosse Michalak, der im Namen der polnischen Delegation gesprochen hat, erklärte, die deutsche Delegation muß einige Hiebe bekommen. Und er sagte, wir sollten nicht so sentimental sein, wie alte Weiber, wenn wir zur Belehrung einige Hiebe bekommen. Er hat dann von den Fehlern, die wir gemacht haben, gesprochen, er wollte davon sprechen. Niemand in der deutschen Delegation ist daraus klug geworden, was er sagen wollte. Wir waren aber auf das lebhafteste erstaunt über den Angriff des Genossen Michalak gegenüber den von uns eingebrachten Abänderungsanträgen und zwar, weil die Genossen der polnischen Delegation uns erklärt haben, daß sie unsere Vorschläge billigen, und wir haben ja dann auch. am Schlusse der Ausführungen des Genossen Michalak hören müssen, daß die polnische Delegation sich mit unserer Stellung solidarisierte. Es war eine sonderbare Aufmachung, daß ein Redner einer Delegation gegen eine andere spricht, und am Schlusse seiner Ausführungen sich selbst und seiner Delegation auf den Rücken streicht. Wenn aber noch eine Delegation das Bedürfnis hat, dasselbe Schauspiel aufzuführen, kann ich im Namen unserer Delegation erklären, daß wir bereit sind, diese Hiebe einzustecken.
Dann zum Genossen Lenin. Er kritisiert unsere Abänderungsvorschläge und machte sich dabei nach unserer Meinung doch die Dinge etwas zu leicht. Er warf uns einige Dinge vor, die in den Abänderungsanträgen durchaus nicht drin stehen. Wenn Genosse Lenin sie aufmerksam gelesen hätte, würde er das unmöglich sagen können, wenn er nicht etwas anderes bezwecken wollte, als er gesagt hatte. (Lärm. Rufe: Hört, Hört!) Er sagte z. B., daß wir die Worte „Offener Brief“ aus den Thesen gestrichen haben wollen. Hätte Genosse Lenin diese Stellen richtig durchgelesen, so würde er erkannt haben, daß die zwei Worte „Offener Brief“ herausgestrichen werden müssen, denn in den Thesen steht die Behauptung, daß die Deutsche Kommunistische Partei durch diesen Offenen Brief zu einer Massenpartei geworden sei, der „Offene Brief“ sei im Jahre 1919 herausgegeben worden. Im Jahre 1919 ist kein Offener Brief geschrieben worden, und die Kommunistische Partei ist Massenpartei geworden durch den Vereinigungsparteitag am 5. Dezember 1920 in Berlin. Der Offene Brief wurde im Februar d. J. verfaßt. Wir haben also zwei Monate später, nachdem wir eine Massenpartei geworden sind, den Offenen Brief geschrieben. Es kann also an dieser Stelle in den Thesen der Offene Brief nicht angeführt werden. Wir ließen ihn dort stehen, wo er noch einmal genannt ist, weil wir ganz einmütig zugeben, daß die Politik des Offenen Briefes absolut richtig war und daß sie in ähnlicher Weise fortgesetzt werden müsse. Damit fällt die Argumentation des Genossen Lenin gegen uns.
Trotzki. Sie nehmen die Sache zu leicht!
Heckert (fortfahrend). Ich nehme sie nicht zu leicht. Und dann hat Genosse Lenin kritisiert, daß wir auf Seite 2 der Thesen die zwei Wörtchen: „das Gros“ der deutschen Arbeiterklasse gestrichen hätten, als wenn wir eine besondere Schlechtigkeit hineinfiltrieren wollten. Aber wenn dort steht statt: „das Gros der Arbeiterklasse“ „der Arbeiterklasse“, dann verengert sich der Begriff nicht, sondern er erweitert sich, und ich weiß nicht, wie dieser Hieb uns treffen soll. Ich kann das nicht verstehen. Wogegen gewissermaßen eine Kritik des Genossen Lenin berechtigt wäre, das wäre die erste Abänderung mit der Mehrheit der Arbeiterklasse für die Grundsätze oder Ziele des Kommunismus. Der Genosse Radek erklärte uns gestern, daß man das Wort „Ziele“ akzeptieren Könne. Ich bin mit dem Genossen Lenin der Meinung, daß es besser ist, wenn wir Grundsätze stehen lassen. Wir haben unter „Grundsätze“ des Kommunismus uns etwas anderes vorzustellen als unter „Ziele“ des Kommunismus, wenn wir die Argumentation des Genossen Lenin annehmen, die wahrscheinlich bei dem Sprachgebrauch, der in den anderen Ländern herrscht, die richtige ist. Der Kommunismus ist ja nicht nur eine Gesellschaftsordnung oder eine Wissenschaft, er ist eine Bewegung, um ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Gesellschaftsordnung zu erreichen. Er kennzeichnet also die Methoden des Kampfes und, darin ausgedrückt, die Grundsätze des Kommunismus, die hier die Methoden des Kampfes kennzeichnen. Und da glaube ich, es sei besser, wir lassen die „Grundsätze“ stehen und nehmen die „Ziele“ nicht.
Nun aber zu der „Eroberung der Mehrheit“. Unsere Genossen waren der Meinung, Mehrheit dürfe man hier nicht setzen, weil man hinein interpretieren könne, man müsse die Arbeiter in ihrer Mehrheit für die Organisation gewinnen, und das würde direkt eine Stärkung der opportunistischen Elemente in der Kommunistischen Internationale bedeuten, die vor jeder Bewegung zurückschrecken, weil sie immer meinen, die Organisation ist noch nicht groß genug. Und aus den Ausführungen des Genossen Terracini ging mit Klarheit hervor, daß gar nichts anderes gemeint war, als was ich jetzt sagte. Denn er sagte sehr deutlich, die Hauptaufgabe der Tschechoslowakischen Partei bestehe nicht darin, ihre Organisation noch mehr zu erweitern, sondern die 400000 organisierten Arbeiter zu wahren Kommunisten zu machen, also aktiv zu werden.
Also wenn wir das nehmen, dann weiß ich nicht, was in der Kritik des Genossen Lenin gegen uns besonders Schlimmes noch bestehen bleibt, ich glaube, er hat zum größten Teil offene Tore eingerannt. Und man muß annehmen, es hat noch etwas anderes dahinter gesteckt. Und da wir es lieben, daß alle auf dem Kongreß Anwesenden und nicht nur die deutsche Delegation es verstehen, wäre es gut, wenn Genosse Trotzki, da Genosse Lenin nicht hier ist, uns einige Erläuterungen dazu geben würde. Wir würden das mit Freuden begrüßen, weil wir nicht die Partei sind, die glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wir wollen wirklich etwas lernen. Wir können den Nachweis liefern, daß wir aus der Geschichte unserer Partei und der revolutionären Bewegung, die wir durchlebt haben, gelernt haben, und wir wollen aus den Fehlern lernen, weil das die beste Kritik der Opportunisten in unseren Reihen ist.
Genossen, die Kommunistische Partei wurde in ihrer gegenwärtigen Gestalt in Deutschland ja noch nicht vor langer Zeit geboren, sondern erst in den Dezembertagen des vorigen Jahres. Und die Verbindung aller Arbeiter, die jetzt zur V.K.P.D. gehören, vollzog sich nicht im Kampf, wo sich falsche oder gute Theorien hätten erproben können, sondern es geschah auf Grund einer Vertragsheirat. In Halle war mit den leitenden Genossen der U.S.P.D. vereinbart worden, daß die Partei sich so und so gestalten sollte. Und es ist mehr ein Zusammen- "fügen der Organisationen gewesen, als ein Ausproben der revolutionären Kraft und des Mutes der Genossen, denn wir hatten damals keine Kämpfe. So war es für uns von vornherein klar, die Partei werde nicht in dem Mitgliederbestande bestehen bleiben, wie bei der Verschmelzung, sondern die erste Feuerprobe werde Umschichtung der Kräfte bringen. Das ist auch in den Märztagen eingetreten, und,damit fällt ein wesentlicher Teil der Kritik ab, welcher sagt, die Partei habe an Mitgliedern verloren. Die Genossen können Recht haben, daß in diesen oder jenen Verein Leute eingetreten sind, die nicht sahen, daß wir eine Partei des ernsten Kampfes sind. Aber deshalb brauchen wir uns den russischen Genossen gegenüber nicht zu verteidigen. Lenin hat ja heute für uns die beste Verteidigungsrede gehalten, indem er sagte, es standen Hunderttausende Arbeiter im Kampf, jeder ist ein Verbrecher, der gegen sie etwas tut, wie Levi. Die Kommunistische Partei, Spartakusbund, die den einen Teil der jetzigen V.K.P.D. darstellte, hat ein ganzes Jahr lang unter einem etwas unglücklichen Stern gelebt. Nach dem Abflauen der revolutionären Bewegung, der Ausstoßung der putschistischen Anarchisten und anderer nichtkommunistischer Elemente aus unserer Partei auf dem Heidelberger Parteitag erlebten wir, daß ein beträchtlicher Teil kommunistischer Proletarier mit den Ausgestoßenen fortgingen, weil sie den Sinn der Spaltung und den klaren Sinn des Kommunismus nicht begriffen hatten. Da traf uns der Kapp-Putsch, uns, die wir uns noch nicht vorbereiten konnten, sondern, die sich in tausend Versammlungen mit der K.A.P.D. herumschlagen mußten und durch diesen Kampf mit der K.A.P.D. Perioden erlebten, in denen ein großer Teil des Proletariats überhaupt nichts mehr von uns hören wollte.
Es kam der Kapp-Putsch und erwies, daß unsere Partei darin nicht gerade eine glückliche Rolle spielte. Das heißt, die unglückliche Rolle wurde eigentlich nur in der Zentrale und in der Hauptstadt gespielt, nicht in den Bezirken. In den Bezirken schlugen sich die Genossen musterhaft. Aber Radek sagte schon: eine Partei, die in der ersten Stunde der Not nicht fähig ist, klare Parolen zu geben, wird nicht mehr zum Kampfe fähig sein. Das trug uns die heftigste Fehde ein, und ich sage, die Genossen kritisierten unsere schlechte Haltung mit Recht. Ich glaube, es war Lenin, der gesagt hat, wir hätten damals durch unsere schlechte Haltung den Sieg einer Revolution verspielt.
Ich weiß nicht, ob das nicht zu weit geht. Jedenfalls ist es wahr, daß ein bestimmter Kern in der Kritik berechtigt ist. Aber, Genossen, aus dem Kapp-Putsch haben wir nicht die Lehre ziehen können, aktiver zu werden, deswegen, weil in der Partei Elemente waren, die immer der Meinung waren, jeder Schritt gegen den Feind bedeutet einen Sturz, irgendeine Putschgefahr. Und der Führer dieser Genossen, die immer meinten, die Partei falle in einen Putsch, war der Genosse Levi. Ich brauche das nicht zu beweisen. Ich erinnere an alle seine Artikel über die Taktik in der ungarischen Räterepublik, die er geschrieben hat, desgleichen die Kritik der Münchener Bewegung. So erhielt unsere Partei, der Spartakusbund, eine gewisse Starre. Aus der linken U.S.P. drängten die revolutionären Proletarier zu uns, aber nicht verstandesgemäß kamen sie zu uns, weil sie die Bewegungsgesetze der revolutionären Zeit begriffen hatten, sondern weil ihr Gefühl sie vorwärts trieb. Und wir sahen auch das Barometer, an dem das Gefühl aufwärts oder abwärts kletterte. Die stärkste Bewegung war bei den Unabhängigen in den Tagen in Deutschland, als die Russen vor Warschau standen, und als überall auf den Straßen, in den Städten, in den Dörfern unseres Landes die Arbeiter sagten, wir wollen jetzt nicht Revolution machen, die Russen werden bald kommen, so wie sie nach Warschau marschierten, so kommen sie auch nach Berlin. Es waren nicht Elemente, die sich der III. Internationale aus innerer Ueberzeugung anschlossen, die gewillt waren, mit ihrer ganzen Kraft einzustehen im revolutionären Kampf, sondern die der Hoffnung waren, von außen, von einer fremden Kraft befreit zu werden Dann kam der große Rückschlag und mit dem großen Rückschlag die Ernüchterung. In Deutschland hatten wir schon längst den Höhepunkt der revolutionären Erschütterung der breiten Volksmassen überschritten. Die linke U.S.P. hatte, das zeigte sich deutlich, obwohl sie die große Mehrheit besaß, von dem Parteiapparat nichts mitbekommen. Und es traten weniger zu der Vereinigten Kommunistischen Partei über, als unsere Genossen erwarteten. Kaum hatten wir uns vereinigt, kaum hatten wir ausgesprochen, die Masse gibt uns größere Verpflichtungen, als in Deutschland die große Bewegung der Elektriker eintrat. In dieser Bewegung hat die Partei große Schwankungen durchgemacht. Sie hatte nicht die Kraft, diese Bewegung zu einer allgemeinen Bewegung zu machen. Wir erhielten dafür einen Tadel von seiten der Exekutive, wir hätten in der Elektrikerbewegung mehr machen müssen, aber unsere Partei war noch nicht aktiv genug. Wir kämpfen in dieser Partei, der eine Flügel für die Aktivisierung der Partei, während der andere immer sagte, man könne nichts machen. Ich erinnere nur an die Verteidigungsrede, die Paul Levi vor dem Militärgericht in den Kapptagen in Berlin gehalten hat, wo er ausspricht, daß an ’eine revolutionäre Bewegung in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht zu denken sei. Die Offensive, die die Gewerkschaftsbürokratie gegen uns führte, der unerhörte Druck, unter dem wir standen, machte die Genossen unbeweglich. Dann erlebten wir die italienische Frage, und ich muß noch mit wenigen Worten daran erinnern, und zwar deswegen, weil der Genosse Radek fragte, was tat die neue Zentrale, die von dem rechten Flügel gesäuberte Zentrale, in den drei Wochen vom Ausscheiden der fünf bis zum 17. März, hat sie auf einmal Aktivparolen herausgegeben? Wer die Artikel der „Roten Fahne“, unsere Aufrufe, Versammlungen verfolgt hat, der weiß, daß die italienische Frage nicht damit erledigt war, daß fünf Genossen ausgeschieden sind. Es gab eine schwere innere Erschütterung in der Partei, und in tausenden von Versammlungen mußten wir uns mit den Genossen auseinandersetzen und beweisen, daß die Klara Zetkin, die Levi, die Däumig und die Brass im Unrecht waren und wir ernteten den Hohn vieler Genossen. So war die Situation in unserer Partei. Es war keine Einheitlichkeit vorhanden. Die Zentrale hatte noch nicht den festen Boden in den Massen, da traten folgende Ereignisse ein: die Abstimmung in Oberschlesien. Die Abstimmung in Oberschlesien erfolgte nicht in einer ruhigen Zeit, sondern in einer Periode schwerer Erschütterungen. Da kämpften die Banden schon wochenlang in Oberschlesien, und es stand zu befürchten, daß anläßlich dieser Abstimmung sofort eine Explosion erfolgen könnte.
Für jeden Kommunisten war klar: mit Abstimmungen löst man solche Probleme nicht. Der Aufstand, der jetzt tobt, ist ein Beweis, daß wir Recht haben. Dazu kam die Entwaffnungsfrage. Am 16. März stellte die Entente ein Ultimatum an die deutsche Regierung, sie müsse die Entwaffnung Bayerns durch das Gesetz festlegen. Es war auch ein bestimmter Zeitpunkt genannt und, da die Entente gerade wenige Tage vorher Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort besetzt und eine neue Zolllinie am Rhein aufgerichtet hatte, so war es uns klar: es ist nicht nur ein Bluff, die Entente macht Ernst mit den Sanktionen. Es wurde weiter verlangt, Deutschland solle das Gold aus der Reichsbank abliefern. Die deutsche Bourgeoisie stellte sich dagegen. Es kam dazu, daß die Bergarbeiter das Kohlenabkommen nicht mehr respektierten und die Ueberstunden ablehnten. Sie pfiffen auf die Erfüllung des Abkommens, weil sie sahen, daß die Bergarbeiter in England, Frankreich und Belgien deshalb an Händen und Füßen geknebelt wurden. Es kam weiter hinzu eine starke Gärung in der deutschen Landwirtschaft, die Tarifverträge wurden durch die Angriffe des Junkertums erschüttert und man konnte mit der Möglichkeit einer allgemeinen Bewegung der Landarbeiter rechnen.
Diese Bewegungen bestanden nicht in unserer Einbildung, sie waren Tatsachen. Wir konnten nicht sagen, ob sie sofort eintreten würden, oder ob es noch eine Weile dauern würde, In der Parteizentrale waren Genossen, die behaupteten, wir hätten Unrecht, es werde nicht zu einem Aufstand in Oberschlesien kommen, die Sanktionen würden nicht durchgeführt. Die Zentrale hat Recht gehabt, als sie sagte, die Partei müsse aktivisiert werden, wir könnten uns von den Ereignissen nicht überraschen lassen und unsere Hände in Unschuld waschen, wie Pontius Pilatus. Wir sind nicht mehr der Spartakusbund mit seinen 50—60000 Mitgliedern. Wir sind eine Partei von 400000 Kommunisten, die am 5. Dezember einen Eid geschworen hat, herauszutreten aus der Passivität und die Probleme zu lösen, die uns gestellt sind. Dazu kam die Arbeitslosenbewegung; am 23. März sollte in allen Großstädten und Wirtschaftsbezirken eine allgemeine Demonstration der Arbeitslosen erfolgen, wo die Arbeitslosen in die Werkstätten ein- ‚dringen, sich mit den Arbeitern solidarisieren und die Anstellung der Arbeitslosen erzwingen wollten. Wir hätten sagen können, das sei unsinnig. Dann hätten wir jeden Kredit verloren und das mit Recht. Man kann der Arbeitslosigkeit, die sich verdoppelt hat, nicht gegenüber stehen wie 1920 und eine Theorie des Lumpenproletariats fabrizieren, wie es Paul Levi getan hat und meinen, man käme damit über die Frage hinweg.
Nun, Genossen, kam die Provokation von Hörsing. Er marschierte. Wenn dann die Kritiker sagen, und Levi behauptete es direkt, es bestand ein Zusammenhang mit der Sendung russischer Emissäre und der Provokation Hörsing (Zwischenruf: Hört! Hört!) ...
Ich weiß nicht, wie Levi das gemeint hat, aber vielleicht können seine Freunde dem Kongreß klaren Wein darüber einschenken. Unsere Hallesche Parteileitung hatte die Arbeiter auf die ernste Lage aufmerksam gemacht. Aber die Parole wurde von einem Teil der Mansfeldischen Arbeiter nicht befolgt und das ist begreiflich, denn zwei Monate vorher hatten die Arbeiter dort in einer Abwehrbewegung gestanden, man hatte dort, ohne die Vertrauensleute oder gesetzlichen Betriebsräte zu fragen, eine Werkpolizei eingeführt, die Arbeiter wehrten sich dagegen und alle sagten: Bravo! Macht es ihnen nach! Da kam die Gewerkschaftsbürokratie und sagte, das ist ein wilder Streik.
Und den Mansfelder Arbeitern, die erzwungen hatten, daß ihnen der Lohn für die Streiktage bezahlt wird, ferner die Abschaffung der Werkpolizei, ihnen wurde mit Hilfe der Gewerkschaftsbürokratie und des Bergarbeiterverbandes drei Viertel der Streiktage bei dem nächsten Zahltag wieder abgezogen, und es wurden die Arbeiter so in allen ihren Hoffnungen getäuscht, daß die furchtbarste Gärung in dem Gebiete vorhanden war. Sie wollten sofort zur Gegenaktion schreiten. Wir gingen zu ihnen und sagten, ihr dürft das nicht. Es ist der Gewerkschaftsbürokratie gelungen, einen Keil in euch hineinzutreiben; ihr werdet den Kampf nicht so führen können, wie vierzehn Tage vorher. Ihr müßt warten, bis eine andere günstige Gelegenheit kommt, die euch Arbeiter wieder verbindet. Aber Genossen, da soll es nützen, einer erregten Arbeiterschaft zu sagen: ihr dürft euch nicht provozieren lassen. Mehrere Male haben wir ihnen das gesagt, aber es nutzte nichts, sie griffen zu den Waffen. Und Genossen, als die Mansfelder Arbeiter in den Kampf zogen, geschah noch etwas anderes. Die gesamte bürgerliche Presse in Deutschland machte die ängstlichen sentimentalen Gemüter mobil; sie schrieben, die Kommunisten schneiden ihnen die Ohren ab, stechen ihnen die Augen aus dem Kopf. Die ganze bürgerliche Presse war voll von Kriegsgreuelgeschichten. Nun, unsere Genossen sagten sich, das ist Schwindel. Unsere Hamburger Genossen, die Arbeitslosen, wollten ebenfalls für diese Zwecke demonstrieren, für die Kommunistische Partei kämpfen, die sie nicht aufgerufen hatte, für die sie sich aber selbst mobilisiert hatten. Sie sagten sich, kämpfen unsere Mansfelder Arbeiter, so ist es unsere Pflicht, sie nicht im Stich zu lassen. Die Genossen, abgeschnitten von der Zentrale, die Verbindung herzustellen war nicht so schnell möglich — so standen wir, die deutsche Parteizentrale, am Gründonnerstag auf einmal vor der Tatsache, in Mansfeld Kämpfe, in Hamburg Kämpfe und der weiße Terror wütet? Nun blieb uns nichts anderes übrig als den Generalstreik, der uns aufgenötigt wurde, als Parole herauszugeben. Wir wußten, daß die Feiertage nahe waren, daß die Bewegung in einer schlechten Periode eingeleitet wurde. Aber eine Partei, die in eine solche Situation gedrängt wird, kann nicht sagen, es ist Ostern, laßt einstweilen die Genossen niedermetzeln. Hätten wir nicht den Generalstreik erklärt, wir hätten jeglichen Kredit bei der deutschen Arbeiterschaft verspielt, weil sie gesagt hätte — und mit Recht —, das ist eine Partei wie die S.P.D., die das Maul aufreißt, die aber nicht kämpfen will. Wie sind denn die Beziehungen in den einzelnen Bezirken? Die Genossen können das einfach nicht verstehen, vor allem unsere kommunistischen Genossen hätten es nicht verstehen können, wenn die Partei passiv geblieben wäre. Nun wird gesagt, die Bewegung ist ausgelöst worden dadurch, daß die „Rote Fahne“ einen Artikel brachte: „Kahr pfeift auf das Gesetz, nehmt Euch die Waffen“. Ich will offen erklären, wir waren nicht alle erfreut, als dieser Artikel erschien. Und es ist wahr, die Genossen, die die ganzen Verhältnisse nur aus der „Roten Fahne“ kennen, werden einen schlechten Eindruck bekommen. Unsere Genossen sagten, es ist notwendig, daß ein Signal gegeben wird, daß die Arbeiter merken, was eigentlich los ist. Denn es handelt sich nicht nur um den Angriff Hörsings, es sind ja noch Dinge in Oberschlesien, die ebenfalls zur Explosion führen können, und da ist so ein Alarm notwendig. Wenn darüber gestritten werden soll, ob dieser Artikel in dieser Situation gut war oder nicht, ich glaube, darüber gibt es eine schnelle Verständigung in der deutschen Delegation und in der Deutschen Partei. Wenn aber gesagt wird, dieser Artikel ist Schuld an der Bewegung, so ist das nicht wahr. Auch ohne diesen Artikel wäre sie ausgebrochen. Aber so ist es ja bei den Kritikern der Bewegung, daß sie nicht die Ursachen dieser Bewegung herausarbeiten und nicht die Frage zur Diskussion stellen, was hätte die Partei tun sollen, sondern daß sie eine Anzahl Fehler, die in der Bewegung gemacht worden sind, kritisieren, Fehler, die die Partei schärfer kritisiert hat als die Genossin Zetkin und ihre Freunde. Ich will das beweisen an einem Dokument. Die Deutsche Kommunistische Partei schreibt in ihren Thesen zur Taktik der Kommunistischen Massenbewegungen, in denen sie das, was sie in der Märzbewegung gelernt hat, verwertet, folgendes:
„Die Kommunisten haben in alle proletarischen Massenbewegungen hineinzugehen mit dem Ziel, sie so weit als möglich zu steigern und die Führung zu übernehmen. Die Anfangsparolen von Teilaktionen müssen anknüpfen an das Verständnis der in Bewegung zu setzenden oder in Bewegung befindlichen Massen und an die gegebene Situation. Mit dem Anwachsen des Kampfes nach Umfang und Energie sind die Kampflosungen zu steigern.
Umgekehrt müssen Kommunistische Parteien auch verstehen, wenn die Aktionen in ihrer Entfaltung gehemmt werden, die Losungen einzuschränken und gegebenenfalls den Kampf offen abzubrechen und die Massen geschlossen aus dem Kampfe zu führen.
Die Kommunisten, indem sie engste Verbindung mit den Arbeitermassen halten, sich aller Nöte aktiv annehmen, können aber ihre Aktionen nicht in jedem Falle nach den zurückgebliebensten und passivsten Teilen der Arbeiterschaft richten. Sie können sich nicht auf die bloße Propaganda beschränken, bis zu dem Zeitpunkt, wo diese Massen von selbst in Bewegung geraten.
Sie müssen in zugespitzten Situationen, wo wichtige Interessen des Proletariats bedroht sind, den Massen einen Schritt vorausgehen und versuchen, sie durch ihre Initiative in den Kampf zu führen auch auf die Gefahr hin, nur Teile der Arbeiterschaft mit sich zu reißen. Niemals sollen errungene wichtige Positionen ohne Kampf aufgegeben werden.“
Und es wird ganz offen gegen die Terrorakte Stellung genommen, die geschehen sind, und wir sagen: „Einzelakte der Gewalt sind in der Uebergangsperiode zweckmäßig als notwendige Bestandteile militärischer Aktionen. Sie sind zu verwerfen als Mittel, die die Massenaktionen ersetzen oder hervorbringen sollen.“
Das sind nur einige Zitate aus dem, was wir gelernt haben, und was wir glauben, der Internationale aus unserer Kenntnis zu unterbreiten. Es ist in vielen, vielen anderen Absätzen dieser Thesen ebenso schroff die Lehre gezogen, die zu ziehen ist, bei den Massen bleiben, die Parolen ausgeben. Aber es gibt Situationen, wo uns der Ernst der Lage gebietet, den Massen um einen Schritt vorauszugehen. Ich glaube, das ist, was jeder Genosse verantworten kann und was er tun muß; das ist ganz in der Linie, die im vorigen Jahre beschlossen worden ist, in der Linie, die auch die russischen Genossen gewandelt sind.
Nun, Genossen, unsere Kritiker in Deutschland, ich sagte es schon, bleiben bei den Fehlern stehen, die in der Bewegung gemacht worden sind. Die individuellen Terrorakte, die vorgekommen sind, und sich nicht als notwendige Kampfakte erklären lassen, sondern individuelle Akte zur Anregung oder zur Ersetzung einer Bewegung sind, wurden von uns schroff abgelehnt, wir haben das der K.A.P.D. gesagt, das sind Dinge, die wir unter allen Umständen verurteilen, die wir nicht mitmachen. Damit kamen wir schon in den Kapptagen mit der K.A.P.D. in Zwistigkeiten und vor allen Dingen in den Tagen, als es die Lehren aus den Kämpfen zu ziehen galt. Die Genossen haben eine andere Theorie als wir. Wir glauben, daß sie nicht kommunistisch sind. Nun wird uns gesagt, die Kommunisten haben auch Fehler gemacht. Worauf stützt sich dieses? Auf Material, das von einem Pseudokommunisten, Düwell, herausgegeben worden ist und das in der Sitzung des Parteiausschusses einer gründlichen Untersuchung unterzogen wurde. Als man den Genossen sagte, sie sollten mit ihrem Anklagematerial herauskommen, da schwiegen sie. Da war es Koenen, der es vorlegte, und der Parteiausschuß lachte nur über die Albernheiten, die darin standen, die durch nichts zu beweisen waren.
Nun kommen wir dazu, warum die Märzbewegung so viele Fehler machen mußte. Diese Fehler rühren nicht allein von der Unkenntnis her, die wir von den Gesetzen der Bewegung hatten, von der Unfähigkeit der Zentrale, sondern sie liegen zum wesentlichen Teil in der Passivität der Elemente, die hier auf diesem Kongreß die Opposition darstellen. Sie sabotierten ganz absichtlich. Sie sagten, das können wir mit unserem Gewissen nicht vereinbaren, und sie spielten sich auf als die großen Helden. Sie konnten schon in der Zeitung „Moskau“ eine Erklärung bringen, in der sie sagen, daß es nicht angebracht ist, wenn man im Automobil vor Fabriken vorfährt. Als in Berlin der Generalstreik beschlossen wurde, da nahmen wir die Vertretung der Vertrauensleute in den Fabriken, und wir baten die Genossen, die Kritiker geworden sind, zu kommen und ihre Meinung zu sagen. Der eine hatte dies, der andere jenes zu tun, nur Malzahn ist mit hingegangen. In dieser Versammlung war es nicht die Berliner Leitung, sondern einer der Opportunisten, der sagte, man müsse mit dem Knüppel in die Fabrik gehen und dem Arbeiter auf das Haupt schlagen, wenn er nicht hinausginge. Da waren es wir, von der Zentrale, die erklärten, das dürft ihr nicht machen, das verbindet euch nicht mit den Massen, sondern isoliert euch von ihnen. Diese Genossen haben zum Teil am Montag versucht, mit dem Knüppel in die Fabriken zu gehen, und da kam die Isolierung der Massen. Da war es die Genossenschaft, mit der Malzahn und Neumann sich solidarisierten, die sagte, die Berliner Organisation habe eine Anweisung gegeben, mit dem Knüppel in die Versammlungen zu gehen. Sie halten vielleicht noch heute diese Lüge aufrecht. Ich stelle fest, die Zentrale der Partei verbot den Mitgliedern, derartigen Unsinn zu machen, und nicht die nachträglichen Kritiker. Und das wird die Genossen auch interessieren: in der Zentrale der Partei saßen Anna Geyer, Braß usw. und faßten die Generalstreikbeschlüsse mit. Aus Disziplin schwiegen sie in der Zentrale, aber dann gingen sie in den Levizirkel und verunglimpften die Zentrale, dichteten ihr alle möglichen Attentate an. Es wurde vorgeschlagen, die elektrische Fernleitung zu zerschneiden. Da waren es Brandler und ich, die den Genossen erklärt hatten, daß es ein vollständiger Unsinn sei, die Fernleitung zu zerschneiden, sie ist in zwei Stunden wieder in Ordnung gebracht. Und als uns mitgeteilt wurde, daß man in Bremen das Elektrizitätswerk in die Luft sprengen wolle, haben wir gesagt, das dürft ihr nicht machen. Wir haben ein Telegramm nach Bremen geschickt, worin wir das untersagten, weil wir wußten, daß in einer Bewegung, in der die Massen nicht mit uns gehen, sie durch so etwas von uns abgestoßen werden.
Paul Levi behauptete, er hätte keine Verbindung mit uns bekommen können, und die anderen Kritiker sagten auch, sie hätten ihr Herz uns gegenüber nicht erleichtern können. Wir baten Däumig, zu kommen, er kam nicht, sondern schrieb den bekannten Brief. Auch die anderen baten wir, sie kamen nicht. Sie kamen hinterdrein mit ihren schönen Bemerkungen. Paul Levi hätte zu uns kommen können, wenn er es gewollt hätte, aber er wollte es nicht. Es lag auf seinem Wege, daß wir abseits wandeln sollten, damit er uns den Stoß geben sollte, damit wir aus der Kommunistischen Partei hinaus sollten. Nicht um eine kommunistische Politik zu machen, sondern um die Politik zu machen, von der er in Nr. 4 des „Sowjets“ schreibt, das unser Weg der Weg ist, der in allen Konsequenzen fortgegangen werden muß. Wir haben sofort erklärt, es geht nicht an, daß man in dieser Situation die Bewegung nicht sachlich innerhalb der Organisation kritisiert. Was war geschehen? Am Mittwoch in der Aktion war es Levi gewesen, der nach Berlin kam mit einem Manifest in der Tasche, und Clara Zetkin hat es verhindert, daß dieses Manifest noch während der Bewegung erschien. Es war am Mittwoch, und am Freitag wurde der Kampf abgebrochen. Ich weiß, daß Levi schon mit einigen Freunden Verbindung gesucht hatte, und daß diese sich aufmachten und mit dem Gelde der Partei in den Provinzen arbeiteten. Es war klar, daß sie in jenen Tagen in den Provinzen Gesinnungsgenossen fanden, wo alle Kommunisten von der Polizei und der Orgesch gehetzt wurden.
Und in diesen Tagen, wo man das Manifest aus der Tasche genommen hatte, wo man damit die Partei retten wollte, weil das Kleinod in dem Saustall beschmutzt war, wie es in der Broschüre heißt, da waren schon einige bedächtige Elemente in dem Kreis der Opponenten, die erkannten, wohin der Weg geht. Es ist interessant, wenn wir uns auf diese Opponenten etwas beziehen, weil es hier nur gilt, in dieser Auseinandersetzung über die Märzaktion auch das Sachliche zu verhandeln. Als Levi in seiner Broschüre das Zahlenkunststück fertig brachte, zu beweisen, daß wir nur den 16. Teil bei den Wahlen bekommen hätten, nur der 18. Teil unter kommunistischem Einfluß in den Gewerkschaften sei usw., da war es einer aus der Mitte der Opponenten, der sagte: bis hierher und nicht weiter. Wenn man überhaupt diesen revolutionären Kampf des Proletariats, der jetzt in Deutschland geführt worden ist, kritisieren will, muß man anderes Material bringen. Da muß man nicht solche Zahlenkunststücke machen. Und da wandte sich ein Teil der Genossen aus der Mitte dieser Opponenten und steht jetzt zu uns.
Die Genossen, die nachher sprechen werden, und die die deutsche Opposition darstellen, sie sollen etwas von ihrem Verhalten in der Märzbewegung erzählen. Sie sollen nicht mehr so wie gestern auf allen Nebenstraßen wandeln, sie sollen mitten durch die Bewegung schreiten und sollen sagen, was sie getan haben. auch etwas von der Automobilfahrt vor den Fabriktoren, auch etwas von den Rundreisen in Deutschland, um in der Partei eine Front zu organisieren, um die anderen niederzumachen. Es wird dem Kongreß sehr angenehm sein, wenn die Genossen erzählen, wie sie sich aktiv und nützlich gemacht haben, wie sie einen Offensivgeist entwickelten. Wir waren auch nicht enttäuscht, als derartiges kam. Wir kennen die Genossen. die in unserer Bewegung sind. Wir wissen, daß es einzelne Genossen gibt, die eine Rückenstütze brauchen, weil sie nicht imstande sind, in kritischer Situation klare Führer zu Sein.
Gen. Zetkin! Ich muß einiges über Sie sagen. Sie wissen, daß Sie sich in den ersten Tagen nicht zum Spartakusbund gefunden haben. Sie wissen, daß Sie gesagt haben, als Sie nicht bei uns waren: Die Dummköpfe, eselhafte Beschlüsse; Ihr Name verbietet Ihnen, derartiges mitzumachen, und Sie haben sich später mit uns solidarisiert, wenn Sie auch solche Schwankungen gehabt haben, — und ich glaube das, weil Sie schon wieder auf dem Wege sind, sich mit uns zu solidarisieren und von Paul Levi abzuschwenken, nachdem Sie hier auf diesem Kongreß so gesprochen haben. Und vielleicht denken Sie darüber etwas nach. Wir hätten in Deutschland die Märzbewegung mehr kritisiert, wie es geschehen ist, aber wenn wir gegen die Genossen auftraten, was geschah da? Sie provozierten sofort eine neue Kalamität in der Partei. Wenn wir dem „Verein der Erklärer“ sagten, schreibt einen Artikel und beweist, daß es ein bakunistischer Putsch war...
Malzahn. Sie wurden abgelehnt.
Heckert. Sie wurden nicht abgelehnt. Ich stelle hiermit fest, daß, als die Erklärung erschienen ist, daß der Märzaufstand ein bakunistischer Putsch war, dem Gen. Malzahn erklärt wurde, er solle das im Namen der Reichsgewerkschaftszentrale beweisen. Er hat diesen Artikel nicht geschrieben und er konnte diesen Artikel nicht schreiben, weil er nicht wußte, was Bakunismus ist. (Heiterkeit.) Was machte uns Paul Levi für einen Spaß. Er schrieb — als wir erklärten, sein Mandat ist ungültig, die Partei erkennt es ihm ab — dem Reichstagspräsidenten einen Brief: er lege sein Mandat nicht nieder und sagte nicht, daß er es nicht aus freien Stücken tut, sondern daß ihm seine Freunde dazu geraten hätten. Die kommunistische Partei Deutschlands wurde zu einem Gaudium vor dem Reichstag der Bürgerlichen.
Genossin Clara Zetkin, man sagt, Sie seien persönlich zu dem Präsidenten hingegangen und hätten gesagt, Sie würden Ihr Mandat ebenfalls nicht niederlegen.
Zetkin (unterbrechend). Das beruht auf einer falschen Information. Ich will das gleich hier feststellen. Mir war mitgeteilt worden, die Weißgardisten hätten auf dem Parteibureau eine ganze Reihe Dokumente und auch unsere Erklärung gefunden. Da bin ich zum Präsidenten des Reichstags gegangen und habe gesagt: Wenn irgend wer, der nicht bekannt ist, diese Erklärung vorlegt, dann solle sie mir erst vorgelegt werden, damit ich anerkenne, ob sie von der Partei herrühre oder nicht.
Heckert (fortfahrend). Wenn es nicht so ist, wie das Gerücht lautet, ist es gut. Aber es ist eine Tatsache, daß Paul Levi erklärt hat, daß er sein Mandat nur niederlege im Einverständnis seiner acht Freunde. Und als der Wahlkreis Chemnitz erklärte, du bist nicht mehr unser Abgeordneter, da berief er sich auf seine acht Freunde, wie er sich in Frankfurt am Main auf seine acht Freunde berief, die hinter seiner Broschüre standen. Lesen sie die Erklärungen, da solidarisiert man sich immer wieder mit Paul Levi und immer wieder wird der Parteizentrale der Weg verrammelt, die Märzaktion zu kritisieren. Und das ist das Schlimme von der Genossin Zetkin, daß sie ihren internationalen Namen benutzte, um Levi und seiner Freunde Disziplinbrecherei und Verrätereien an der Deutschen Kommunistischen Partei zu decken. (Lebhafter Beifall.) Das ist das Schlimme. Ich behaupte, Genossen, ohne Clara Zetkin wäre Levi nicht den Weg gewandelt, ohne Clara Zetkin hätte es keine Erklärungen gegeben und ohne Clara Zetkin wären wir nicht auf dieser internationalen Kongreßtagung erschienen als Angeklagte, denn dann würden wir mit den Dokumenten unserer Partei und mit den Zeitungsartikeln, die wir geschrieben hätten, beweisen dürfen, daß wir aus der Märzaktion gelernt haben, wo die Fehler sind. Denn wir haben durchaus nicht die Absicht, unsere Fehler zu verheimlichen, wir wollen unsere Fehler erkennen, die Ursachen ergründen, damit die Genossen in allen anderen Ländern nicht solche Dummheiten machen wie wir. Diesen Weg zu gehen zum Nutzen der Kommunistischen Partei Deutschlands, hat uns Levi mit Absicht versperren wollen, und diesen Weg zu gehen gegen uns hat ihm Clara Zetkin erleichtert. Und nun erwarten wir von den Opponenten hier in dieser Versammlung eine sachliche Kritik unserer Aktion, und ein Bekenntnis zu dem, was sie getan haben. Sie sollen ihr Tun rechtfertigen, alles, auch daß sie Levi aufgehetzt haben, diese Broschüre herauszugeben, denn er hat es in Frankfurt am Main öffentlich behauptet, daß sie ihn veranlaßt haben, entgegen dem Willen der Partei sein Mandat zu behalten. Er sagt öffentlich, er würde es nur niederlegen, wenn seine acht Freunde es wollen. Wir bitten den Kongreß, zu verhindern, daß diese Genossen wie die Katze um den heißen Brei herumgehen. Sie sollen Rede und Antwort stehen, wie wir Rede und Antwort stehen werden. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Burian (Tschechoslowakei). Genossen und Genossinnen! Ich habe zunächst im Namen der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei zwei Erklärungen abzugeben: Die erste betrifft unsere Abstimmung zum Bericht der Exekutive. Wir haben für die Resolution im Ganzen gestimmt; was aber den Passus betrifft, der von der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei handelt, so stehen wir in dieser Frage auf dem Standpunkt, welchen wir in der Exekutive eingenommen haben. Wir beharren insbesonders auf der Erklärung, welche wir dort abgegeben haben. Die zweite Erklärung betrifft die Thesen des Gen. Radek und sein Referat. Wir sind mit den Thesen des Gen. Radek vollkommen einverstanden, wir werden für sie stimmen und wir sind ebenso einverstanden mit seinem Referat, bis auf eine einzige Stelle, über welche ich hier sprechen muß. Das betrifft nämlich einen Passus über die Tschechoslowakische Kommunistische Partei. Wir beantragen die Streichung jener Sätze oder jenes Satzes, welcher darüber spricht, daß es bei uns zwei Richtungen gibt, eine Richtung Smeral und eine andere Richtung Muna, Hula, Zapotocki. Wir beantragen die Streichung der Worte: „Wie sie noch in der Politik der Richtung Smeral zum Ausdruck gelangen“ und weiter der Worte „ihre besten eingekerkerten Genossen Muna, Hula, Zapotocki“, so daß dann die Fassung so lauten würde: „Die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakei wird dieser Aufgaben desto schneller Herr werden, je klarer und entschlossener sie alle zentristischen Traditionen und Gedanken überwindet, wenn sie den Ratschlägen folgt, die ihr die Kommunistische Internationale gibt“ usw. bis zum Schluß.
Wir beantragen die Streichung dieser Worte aus folgenden Gründen: In diesen Thesen wird nirgends über irgend eine bestimmte Partei gesprochen, über ihre Richtungen, und nirgends werden dort Namen genannt, es wird weder Cachin, Frossard, es werden nur Serrati und Levi genannt, aber sonst wird niemand genannt, der rechts in irgend einer kommunistischen Partei tätig ist. Halten wir es so: gleiches Recht für alle. Was der Kommunistischen Partei Frankreichs zugebilligt wird, fordern wir für die Tschechoslowakische Partei. Ich glaube, dieser einzige Grund genügt dem ernsten Forum des internationalen Kongresses, um uns ebenso zu behandeln, wie man die anderen Bruderparteien behandelt.
Ein zweiter Grund ist der folgende. Ich erkläre hier autoritativ im Namen der gesamten Delegation der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, daß es bei uns solche rechte Richtungen nicht gibt. Ich erkläre hier insbesondere, daß der Vertreter unserer Arbeiterschaft von Kladno in unserer Delegation mich aufforderte, hier in seinem Namen und im Namen der Genossen von Kladno zu erklären: es gibt keine Richtung Smeral und keine andere Richtung bei uns. Es gibt verschiedene Meinungsäußerungen, aber wir kennen vorläufig einen solchen Richtungsstreit keinesfalls. Und daß kein solcher Richtungsstreit bei uns vorhanden ist, dafür ist der beste Beweis, daß noch unlängst die Genossen, die man hier zur Richtung Smeral, Skala, Vanek zählen könnte, zusammen mit den Genossen Zapotocki, Muna, Hula an die Exekutive der Internationale gemeinsam einen Brief richteten. Also sie gingen gemeinsam vor. Der Brief an den Parteitag ist in keinem Widerspruche zu irgend jemanden bei uns, und er ist nicht derartig beschaffen, daß aus diesem Brief irgend eine Richtung herausgelesen werden kann. Ich erkläre ausdrücklich, wenn ich hier spreche, so spreche ich für unsere gesamte Delegation, und ich trage ja nicht meine eigenen Vorstellungen und meine eigenen Darstellungen vor, sondern ich habe hier das vorzutragen, was wir zunächst durchberaten haben, und ich bin nur das ausführende Organ unserer Genossen. Wenn Sie mich hören, Genossen, dann müssen Sie die Sache so auffassen, wie sie bei uns tatsächlich ist. Wir sind hier eine Delegation von 19 Genossen. Davon sind nur zwei Intellektuelle, die anderen sind teils gewesene Arbeiter, viele von uns aber sind Arbeiter, die noch heute in den Fabriken tätig sind. Und bei uns herrscht eben die Disziplin, von welcher hier unlängst Gen. Koenen sprach. Die unbedingte Disziplin ist bei uns eine Selbstverständlichkeit, denn der Führer führt nur aus, was unsere Genossen verlangen. Wenn ich hier spreche, so ist es gleich so, als ob unsere gesamte Delegation zu Ihnen spricht, es ist so, als ob zu Ihnen die Vertreter unserer Arbeiterschaft aus Kladno und Prag, aus Brünn und aus Mährisch-Ostrau und den anderen wichtigen Industriegebieten sprechen. Wir kennen, ich erkläre das nochmals, bei uns vorläufig keinen Richtungsstreit, und nach dem, was wir hier auf dem internationalen Kongreß sehen, wie da der Richtungsstreit in den verschiedenen Parteien ausschaut, werden wir es uns sehr überlegen, einen Richtungsstreit bei uns auch in der Zukunft zu haben. Wir haben eine festgefügte, mit eisernen Klammern der Disziplin zusammengehaltene Partei, und wir werden eine solche mit eiserner Disziplin zusammengehaltene Partei auch weiter bleiben. Es ist wenigstens unser Bestreben und es ist eine dringende Notwendigkeit.
Genossen, ich spreche hier nicht mehr über Smeral, Was darüber vom Standpunkt unserer Delegation zu sagen war, das wurde von uns schon in der Exekutive ausgeführt. Ich will Ihnen hier nur darstellen, daß wir hier nur vom Standpunkt des Interesses unserer Partei und damit auch des Interesses der gesamten Internationale handeln, denn das Interesse unserer Partei ist selbstverständlich jetzt auch das Interesse der Internationale. Das erste ist folgendes: es handelt sich um die Festhaltung der einheitlichen Partei und um die Überführung unserer gesamten einheitlichen großen Partei in die Reihen der Internationale, der Kommunistischen Internationale. Und was ich ausführte, was vielfach in der Exekutive bezweifelt wurde, daß durch ein wenig vorsichtiges Vorgehen natürlich selbst die beste Partei bedroht werden kann, das will ich Ihnen durch ein Zitat aus einem Blatte belegen, welches sich bei uns zuerst für die Kommunistische Internationale erklärte. Es ist das Blatt „Serven“, einer Gruppe von Arbeitern, die kommunistische Gruppen bei uns gründeten und die sehr oft unsere Partei oder einzelne Personen von uns kritisierten; auch Smeral wurde in diesem Blatt sehr oft kritisiert. Am 20. Mai schrieb dieses Blatt einen Artikel über putschistische Taktik, wo zu lesen steht: „Kaum hatte sich die Möglichkeit der Konsolidation der kommunistischen Bewegung in der Tschechoslowakei in eine endgültige internationale Partei gezeigt, schon sind Erscheinungen und Einflüsse zutage getreten, die diese Konsolidation zum großen Schaden des Proletariats bedrohen. Das Echo des Streites in der Italienischen Partei und vor allem in der Deutschen Partei, zersetzende Bestrebungen, genährt von versteckten Personen, die einen großen Einfluß haben, aber eine verhältnismäßig kleine Verantwortung, drohen auch bei uns einen Zustand hervorzurufen, der dem endgültigen Zusammenschluß des revolutionären Proletariats wenig günstig wäre?“
Dieser Artikel wurde von Leuten geschrieben, welche in erster Linie mit unseren deutschen kommunistischen Genossen zusammenarbeiteten, mit ihnen in einer Linie standen. Also ich will damit nur das eine belegen, daß wir tatsächlich hier in der Exekutive und auch früher die Einheit der Partei wahrten.
Und, Genossen, diese Gefahr ist jetzt vollkommen überwunden. Aber wir fordern die Entfernung jener Sätze aus einem anderen Grunde, ebenfalls aus dem Interesse unserer Partei. Das Lied nämlich, welches uns über Smeral vorgesungen wird, hat zwei Reime. Man sagt uns immer nur den einen Reim, den anderen schreibt man uns nicht auf und sagt man uns nicht, aber wir hören ihn auch, oder anders ausgedrückt, dieses Lied ist nur ein Nachsatz eines Vordersatzes. Dieses Lied hat zwei Reime, der eine lautet, Smeral ist ein Opportunist, Zentrist, ein halbzentristischer Politiker, aber der andere Reim lautet: deswegen ist unsere Partei qualitativ schlecht. Es steckt in diesen Sätzen immer nicht Smeral, sondern eine Anklage gegen unsere Partei. Oder aber der Nachsatz lautet: Smeral ist ein schlechter Politiker, aber der Vordersatz lautet: die Partei ist qualitativ recht schlecht, zu wenig aktiv, zu viel passiv, und das ist durch Smeral verursacht. Und nun Genossen, wir schützen also, wenn wir die Entfernung dieser Sätze verlangen, unsere Partei, und wir behaupten, die Qualität unserer Partei ist gar nicht schlecht, die Partei ist gar nicht passiv.
Und nun Genossen und Genossinnen, unsere Qualität hier besonders zu betonen, halte ich nicht für notwendig. Es ist nicht notwendig, daß unsere Arbeiter in Kladno, dieser Hochburg des Kommunismus, die hundertfach in schweren Kämpfen standen, ihre Qualität irgend jemandem zu beweisen hätten. Ich habe ihr stolzes Auftreten vor dem Gericht gesehen, ich kenne ihren Todesmut, sie haben nicht notwendig, ihre Qualität, ihre gute kommunistische Qualität, irgend jemandem zu beweisen. Sie haben sie schon längst bewiesen. Die kommunistischen Brünner Arbeiter beherrschen die Partei, die Gewerkschaften, die Genossenschaften, die gesamte Arbeiterbewegung. Es ist nicht notwendig, daß unsere Arbeiter in Ostrau ihre Qualität beweisen, die noch unlängst eine kleine Minorität waren, die aber heute vielleicht die große Mehrzahl der Arbeiterschaft in Ostrau hinter sich haben, und die noch bis jetzt nationalistische polnische Arbeiter zu Kommunisten erziehen. Und, Genossen und Genossinnen, die Qualität unserer Arbeiterschaft ist die Qualität unserer Partei. Unsere Arbeiterschaft hätte nicht diese Partei, wenn nicht unsere Partei vordem gute Qualität gehabt hätte, und wenn unsere Partei nicht von einer guten, ich möchte sagen ebenso robusten Art wäre, wie unsere Arbeiterschaft es ist, wie es Gen. Sinowjew hier richtig von ihr gesagt hat.
Genossen, ich kenne keine Passivität bei uns. Wir sind in ununterbrochenem, stetigem, fortwährendem Kampfe. Im September wurde die frühere sozialdemokratische Partei zerrissen, und es sind jetzt zwei Parteien. Gleich im Dezember waren wir in einem großen Kampfe. Es war damals tatsächlich nicht die Arbeiterschaft, welche in einem solchen Ausmaß in den Kampf trat, die Partei hat dazu ebenfalls aufgerufen, und wenn hier die deutschen Genossen klagten, daß in ihrem Märzkampfe von 500000 organisierten Genossen nur 200000 in den Kampf traten, weiß bei uns ein jeder, daß wir mit den deutschen Genossen der Tschechoslowakei zusammen 420 000 organisierte kommunistische Arbeiter haben und ca. 1 000 000 Arbeiter haben an diesem Dezemberkampf teilgenommen.
Genossen, die Qualität unserer Partei ist die Qualität unserer Arbeiter und eine Passivität ist bei uns nicht vorhanden. Bei uns in Pilsen arbeiten 12000 Arbeiter in den Skodawerken, dort haben wir nur 300 Kommunisten. Das ist unser schwächster Punkt in der Republik. Und im Dezemberkampf haben diese 300 Kommunisten, obwohl sie wußten, daß sie ihre Arbeit verlieren konnten, ihre einfache Pflicht erfüllt. Sie traten in den Streik und liegen wahrscheinlich noch jetzt auf dem Pflaster. Bei uns kommt es nicht vor, wie in Deutschland, daß nur 200000 von 500000 in den Kampf eintreten. Wenn bei uns die Partei ruft, dann geht ein jedes Parteimitglied hin, übt ganz einfach seine Pflicht an jeder Stelle und an jedem Ort aus. Und Genossen, in dieser Art und Weise betätigt sich unsere Partei stets. Es wurde hier ausgeführt, die Bulgarische Kommunistische Partei sei eine vorzügliche, eine ausgezeichnete Partei. Ich kenne diese Partei nicht so vollkommen gründlich, aber ich bin überzeugt, daß alles, was diese ausgezeichnete Bulgarische Kommunistische Partei leistet, in der Presse, in Versammlungen, im Kampf, in was für einem Kampf auch immer, im Parlament, all das leistet unsere Partei auch. Ganz bestimmt. Und wenn wir noch irgend etwas nachzuholen hätten, werden wir es bestimmt nachholen.
Ich kenne die Verhältnisse in Deutschland. Wir sagen nicht, Ihr habt einen großen Kampf schlecht geführt, wir verurteilen diesen Kampf nicht. Wir bewundern Eure Kämpfe, Eure revolutionäre Betätigung, wir haben Euren Kampf in keiner einzigen Weise irgendwie verurteilt. Aber das muß ich sagen, was Ihr leistet, mit Ausnahme des Kampfes mit dem Maschinengewehr, ist ja natürlich ungeheuer, und es ist uns ja klar, aber mit Ausnahme dessen habt Ihr ja noch andere Leistungen zu vollbringen in der Presse, in den Organisationen, im Kampf mit den Gewerkschaften. Das alles, was Eure vorzügliche und außerordentlich gute Kommunistische Partei in Deutschland leistet, das leisten auch wir. Ich kann das auf das bestimmteste verfolgen und kann darüber etwas aussagen.
Also wir haben keine Passivität. Und darum unsere Forderung nach Streichung dieser Sätze. Ich bitte, kritisieren Sie, soviel Sie wollen, kritisieren Sie in großzügiger Weise, oder kritisieren Sie, wie der Mann vom Monde die Zustände auf der Erde beurteilt, ohne Dokumente, ohne Anhaltspunkte, was ja auch geschehen ist, kritisieren Sie in verantwortlicher oder in unverantwortlicher Weise, das ist Ihre Sache. Aber unser Recht ist es, als Partei, nicht Smeral als Person, das zu verlangen und wir sehen in diesen Sätzen, wie sie hier sind, und wie sie anderswo vorgebracht wurden, eine Verurteilung nicht Smerals, sondern unserer Partei. Und Genossen, gegen diese Verurteilung wehren wir uns. Wir wollen nicht nach Hause kommen, damit man uns mit Hohn empfängt: Ihr habt Euch geschunden, Ihr habt bis zur Heiserkeit geschrien: hoch die Kommunistische Internationale, und dann hat sie Euch verurteilt. So faßt es unsere Delegation auf, Sie können darüber denken, wie Sie wollen.
Aber gestatten Sie zum Schlusse, daß auch wir über Sie urteilen. Sie haben wenig Geduld mit uns geübt. Ohne dokumentarische Belege zu haben, bitte, Gen. Radek, ich spreche nicht über Sie, der Sie Kenner unserer Sache sind, es sind andere Kritiker hier aufgetreten. Genossen, Sie haben wenig Geduld mit uns geübt. Gestatten Sie jetzt mir, daß ich auch Ihnen jetzt unser oder mein Urteil sage über so manche kommunistische Partei, die in der Internationale ist. Sie haben mit uns keine Geduld gehabt. Und Sie sagten, unsere Qualität sei nicht gut. Wir haben mit Ihnen viel mehr Geduld. Uns scheint es, daß vielfach die Stärke, der Anteil mancher Partei an der Arbeiterschaft nicht allzu groß ist. Und dennoch haben wir mit all diesen kommunistischen Parteien eine unbedingte Geduld. Aber wir können Ihnen sagen, wir haben nicht schlecht gearbeitet, wir wissen es und wir werden es nochmals und hundertmal beweisen, wir werden Ihnen noch viel beweisen können, wie gut wir gearbeitet haben. Und in dem Bewußtsein, daß wir gut, daß wir vorzüglich gearbeitet haben, können wir Ihnen nur das eine sagen: Genossen, Sie können hier über uns urteilen, wie Sie wollen, auch wir haben ein Recht des Urteils, und wir können Ihnen nur das sagen: Arbeiten, kämpfen Sie wie wir, und Sie werden dann ebenso sein wie wir. (Beifall.)
Malzahn. Genossen, ich werde jedenfalls dem Rat, den der Genosse Radek in seinem Referat gegeben hat, befolgen, daß wir in sachlicher Weise die Gegensätze zum Austrag bringen sollen. Ich werde mich in keiner Weise durch das provokatorische Vorgehen des Gen. Heckert beeinflussen lassen, möchte aber betonen, wenn der Ton, den Heckert hier angeschlagen hat, weiter fortgesetzt wird, und gar in Deutschland, daß es dann sehr schwer sein wird, zu einer Verständigung und zu gemeinsamer Arbeit zu kommen. Wir sind hier als oppositionelle Gruppe in der V.K.P.D. zum Weltkongreß gekommen, um die Gegensätze auszutragen, um die kommunistische Bewegung wieder auf eine gesunde Grundlage zu stellen, und wieder eine Arbeitsmöglichkeit zu schaffen.
Was hat Heckert in seinen Ausführungen von fast einer Stunde gesagt? Er hat heftige Angriffe gegen den Gen. Paul Levi gerichtet, dessen Fall bereits auf ausdrücklichen Wunsch der deutschen Delegation bei der Berichterstattung erledigt worden ist. Heckert hat weiter heftige Angriffe gegen die gerichtet, die sich mit Levi solidarisiert haben, und gegen Clara Zetkin. Wir kennen den Gen. Heckert. Wir wissen, daß sein Ton uns in der deutschen Bewegung sehr häufig großen Schaden zugefügt hat, soweit uns die Dinge bekannt sind, schon vom Spartakusbunde her. Aber das möchte ich Heckert sagen, er kann hier sehen, wie der Kongreß seine Ausführungen bewertet. Er hat dem Genossen Levi (Zuruf: Genosse?) Vorwürfe gemacht aus den Jahren 1919 und 1920, anläßlich des Kapp-Putsches. Wir kennen die Vorgänge im Spartakusbund nicht genau. Aber das steht fest, daß unmittelbar vor dem Vereinigungsparteitag Levi gerade von seiten Heckerts und Brandlers angebettelt wurde, den Vorsitz zu übernehmen (Zuruf Radeks: Ultimative Forderung der U. S. P.). Wenn das zutrifft, was man jetzt Levi vorwirft, dann können wir nicht verstehen, daß uns die Genossen vom Spartakusbund mit einem derartigen Vorsitzenden kommen konnten. Das zeugt davon, wie die Angriffe Heckerts zu bewerten sind. Ich bedaure, daß er die Genossin Zetkin, die sich wirklich in der internationalen kommunistischen Bewegung einen Namen erworben hat, als Verräter usw. beschimpft. Wir kennen Heckert, und darum läßt uns das vollkommen kalt.
Wir sagen, daß wir auf dem Weltkongreß keine Phrasen reden dürfen, daß wir ihn nicht anlügen und anschwindeln dürfen, sondern objektiv die Tatsachen zu schildern haben.
Wenn wir das Referat Trotzkis über die Weltwirtschaftslage mit dem Referat Radek — diese zwei Grundmomente gehören zur Beurteilung der Sache, — zusammenstellen, dann müssen wir sagen, daß durch diese Referate dem Kongreß und der Kommunistischen Internationale die Marschroute für die Zukunft vorgeschrieben ist. Ich und meine Freunde sind mit dem Referat Radeks im allgemeinen einverstanden. (Zuruf: Ihr waret auch mit der Offensive einverstanden.) Jedes Verschleiern der Schwierigkeiten, die uns in allen Ländern erwachsen werden, oder ein Verschweigen der gemachten Fehler, würde auf dem kommunistischen Kongreß zweifellos ein Zeichen der Schwäche sein. Wir müssen aus der Erkenntnis der Fehler heraus zu einem Urteil kommen. (Rufe: Und Claras Fehler?) Und ich verstehe nicht, wie man hier die Dinge schildert, um sich zu verteidigen.
Wie sah die Situation in Deutschland unmittelbar vor der Märzaktion aus? Als wir auf dem Vereinigungsparteitag als Spartakusbund und Linke U. S. P. zusammenkamen, haben wir zweifellos ein erhebendes Gefühl gehabt und haben uns feierlich verpflichtet, im Interesse der Revolution alle Kräfte anzustrengen und alles zu tun, was die Dinge vorwärts treiben kann. Wir, von der Opposition — man hat verhindert, daß andere Genossen hierhergekommen sind, als Neumann und ich — wir sind Mitglieder der Reichsgewerkschaftszentrale, einer Unterabteilung der Parteizentrale, die die gesamte Gewerkschaftsarbeit im Reiche zu erledigen hat. (Zuruf: Das ist charakteristisch.) Wir als Vertreter der Reichsgewerkschaftszentrale sind in den Bezirken Deutschlands unterwegs gewesen, um den Gewerkschaftsbürokraten in Konferenzen und Versammlungen entgegenzutreten, anderseits, um unsern Gewerkschaftsfunktionären, Betriebsräten usw. Anweisungen für ihre Arbeit zu geben. Sie können erkennen, daß wir so in engster Verbindung mit den Funktionären in den Betrieben standen, und daß wir ein Urteil abgeben können. Sie werden wissen, daß die Genossen leider zwei Seelen in ihrer Brust haben. In den Demonstrationsversammlungen sind sie begeistert, aber in den Betrieben sehen sie die Dinge viel realer an, weil sie dort vor Schwierigkeiten gestellt werden. Der Aufbau der Partei, die Verschmelzung der beiden Gruppen, Spartakusbund und U. S. P., und die geistige Einrangierung hat viele Schwierigkeiten verursacht. Es war aber doch möglich, besonders durch die Arbeit in den Gewerkschaften und Betrieben, vor der Märzaktion einen gewaltigen Einfluß zu gewinnen. Beigetragen hat dazu die Offensive der Unternehmer, die durch Provokation einzelne Betriebe in Streiks, Aussperrungen usw. trieben, um die Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu verschlechtern. Damals trat die V. K. P. D. mit dem Offenen Brief an die Parteien und anderen Organisationen heran. Dieser Offene Brief in Verbindung mit der Parole der Einheitsfront der Arbeiter und Angestellten gegenüber der Generaloffensive der Unternehmer hat uns das Vertrauen der Arbeiterklasse erworben. Der beste Maßstab, wie weit der Einfluß in den Gewerkschaften steht, ist der, daß die Gewerkschaftsbürokraten ihre Machtpositionen bedroht sahen und mit Entlassung von Angestellten und Ausschlüssen der Kommunisten vorgingen. Das alles hat uns nicht geschadet, sondern trug dazu bei, das Ansehen und den Einfluß der Partei zu stärken. Die Gewerkschaftsbürokratie mußte sich mehr und mehr entlarven. Auch die Streiks und Aussperrungen in Hamburg und in den Farbwerken Leverkusen trugen dazu bei, die Gewerkschaftsbürokratie, die an die Arbeitsgemeinschaft gebunden war, zu offenem Verrat zu bringen. Deshalb stieg unser Einfluß, obwohl der Parteiapparat noch nicht funktionierte. Wir haben auch bei den Preußenwahlen, obwohl wir sie nicht zur Mandatseroberung benutzten, sondern mit der Parole der Aktivierung der Massen in den Wahlkampf eintraten, zu verzeichnen, daß wir ein und einviertel Millionen Stimmen vereinigten und somit die U. S. P. um 250 000 überflügelten. Nun sagt Heckert mit Recht, daß sich die innerwirtschaftlichen Konflikte mehr und mehr zuspitzen. Er schilderte die Provokationen in der Industrie, das Anschwellen des Arbeitslosenheeres. Die Bergarbeiter hatten das Überschichtenabkommen gekündigt. Wir hatten unseren ganzen Apparat eingestellt, um die Bergarbeiter in ihrem Kampfe weiterzutreiben. Auch in der Kaliindustrie kam es zu scharfen Konflikten, weil auch dort die Unternehmer die Tarife nicht einhalten wollten. Ferner Konflikte in Mitteldeutschland ungefähr sechs Wochen vor der Märzaktion, die Bewegung der Landarbeiter in Pommern und Ostpreußen. Alle diese wirtschaftlichen Konflikte bildeten sich heraus. Es machte sich in Deutschland eine günstige Situation für uns geltend. Hinzu kam die außenpolitische Zuspitzung, das Pariser Diktat, die Besetzung Düsseldorfs, die Entwaffnungsgeschichte usw., so daß man sagen kann, daß sich der Horizont mit Konfliktsstoff umzog.
Und nun, Genossen, standen wir auf dem Standpunkt, daß in einem solchen Moment, wo sich zwei Machtfaktoren, die Bourgeoisie mit ihren konterrevolutionären Helfershelfern und das Proletariat, geführt von der V.K. P.D., gegenüberstanden, die Zentrale der Partei die Dinge genau beobachten mußte, wie ein Generalstab. (Friesland: Wir werden dich zum Vorsitzenden ernennen.) Das kann Friesland besser. Dann ist es natürlich notwendig, zu beobachten, daß auch die Regierung, das ausführende Organ der deutschen Bourgeoisie, mit ihren Trabanten Hörsing und Severing genau die Dinge sich entwickeln sahen. Auch sie sah, daß, wenn diese Konflikte zur Zusammenballung kämen, die Geschichte nicht mehr zu halten war. Und darum wurde von Hörsing und Severing der Plan gefaßt, den Einmarsch in Mitteldeutschland zu vollziehen, eine bewußte Provokation, um die Konflikte gerade in Mitteldeutschland vorzeitig zur Entladung zu bringen. Wir haben einen diesbezüglichen Fall in Deutschland schon einmal gehabt. Ich erinnere an die Januarkämpfe 1919, wo man durch Beseitigung des Polizeipräsidenten Eichhorn die Berliner Arbeiterschaft ebenfalls in Kämpfe trieb, um den Kampf damals in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet nicht zusammenfallen zu lassen. Und nebenher liefen nun die Dinge: 5 Mitglieder schieden aus der Zentrale aus, der 17. März brachte die Zentralausschußsitzung, und dort kam die bekannte theoretische Einstellung der sogenannten Offensive. (Zuruf: Was habt ihr dagegen gesagt?) Genossen, ich komme noch darauf. Da kam diese Sitzung und jeder, der in der Sitzung war, der konnte aus dem Referat Brandlers alles und gar nichts machen, wie es ihm beliebte.
Das Referat Brandlers, das die neue große Linie angeben sollte, war so verschwommen, und ich habe schon den Genossen Radek darauf aufmerksam gemacht, und er hat ja sein Urteil auch über diese Dinge gefällt. Aber die putschistische Einstellung war in den Köpfen einzelner Mitglieder der Zentrale vorhanden. Was hat denn ein Paul Fröhlich erklärt? Wir müssen mit der Vergangenheit brechen, wir wollen die Revolution zwingen. (Rufe: Sehr richtig!) Was? Soll er sie auch zwingen? Ja, wenn wir solche großen Geister in der Zentrale hätten, die die Revolution zwingen könnten. Allerdings macht sich da bis jetzt noch immer wenig von diesen großen Geistern bemerkbar. Und auch Genosse Friesland erklärte in der Zentralausschußsitzung, wir müssen zur Aktion kommen, selbst wenn nur die Kommunisten kämpfen. Und Genossen, wir haben nicht geschwiegen. Allerdings war durch den Geschäftsgang in der Zentralausschußsitzung vom 17. März keine Möglichkeit, zu den Fragen richtig Stellung zu nehmen. Die Redezeit habe ich benutzt und habe erklärt, man dürfe doch wohl die Rede Brandlers so auffassen, daß das keine Sanktionserteilung im voraus für eine kommende Aktion sein soll. Ich habe weiter dem Genossen Friesland geantwortet, daß es praktisch ganz unmöglich ist, einen Generalstreik, einen Kampf zu entfesseln, wenn sich nur die Kommunisten daran beteiligen. Denn wer die Dinge aus dem praktischen Betriebsleben, aus dem Gewerkschaftsleben kennt, der weiß, daß in einem Betriebe von etwa 1000 Arbeitern, wo wir eine Fraktion von 50—60 Kommunisten haben, es geradezu toll ist, wenn diese Kommunisten aus den Betrieben herausgehen, losgelöst werden von der Masse der Arbeiter. Und so lagen die Dinge. Genossen, ich habe ja schon von dem Umfang der Aktion bei der Berichterstattung des Genossen Sinowjew geschildert, und man hat nicht darauf reagiert, auch Genosse Heckert nicht. Man hat nicht die Zahlen bestritten, die genannt worden sind, man kann die Zahlen nicht bestreiten. Genosse Heckert stellte es so hin, als wenn die Arbeiterschaft nicht mehr zu halten gewesen wäre, und er führte dabei Hamburg an. Was ist damit? Hamburg ist eine Stadt, die ca. eine Million Einwohner hat. Und nach Angaben des Genossen Thälmann haben in Hamburg 10,000 Arbeiter gestreikt. (Zuruf des Genossen Thälmann: Ja, Werftarbeiter!) Ich habe mitgeteilt, wie die Ausdehnung des Kampfes in Berlin war. Ich meine, wir bedauern es, daß die Bewegung nicht im anderen Umfange stattgefunden hat.
Aber sollen wir uns Schaumschlägereien vormachen? Genossen, wenn wir die Nachwirkungen der Aktion betrachten, da sehen die Dinge so aus, daß wir durch die Kämpfe als Partei leider das Vertrauen der Arbeiter verloren haben. Schon während der Kämpfe trat es in fast allen Industriebezirken, wo gekämpft wurde, in Erscheinung, daß Arbeiter gegen Arbeiter kämpften. Und Genossen, weiter war es natürlich, daß das aktive Arbeiterelement, die Funktionäre in den Betrieben, entlassen wurden. Und die nicht entlassen wurden, nahmen auf Grund dieser falschen Einstellung, auf Grund dieser ganzen Vorkommnisse eine passive Haltung in den Betrieben ein, so daß wir unsere Stützpunkte in den Betrieben und den Gewerkschaften verloren haben. Diese Situation nutzte die Gewerkschaftsbürokratie, die Dißmänner und Graßmänner, aus, um nun erst recht den Kampf gegen die Kommunisten aufzunehmen. Und Genossen, die Folge davon war, daß man hätte erwarten müssen, wenn schon die Partei unmittelbar nach der Aktion geradezu vor einem Wirrwarr, einer Auflösung stand, daß dann wenigstens die Zentrale die Möglichkeiten, die Geschichte einzudämmen, geschaffen hätte. Die „Rote Fahne“ hat immer wieder erklärt, das war die revolutionäre Offensive, der Kampf wird fortgesetzt usw. usw. Durch dieses wüste Schimpfen und Toben sind die Arbeiter geradezu an die menschewistischen Führer herangepeitscht worden. Habt ihr nicht selbst die Schreibweise der „Roten Fahne“ verurteilt? Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, war ein Wirrwarr geschaffen, wo wir wirklich alle Veranlassung hatten, diese Dinge zu beseitigen, und alles zu tun, um die Partei und die Bewegung wieder auf eine vernünftige Basis zu bringen. (Zuruf: Durch Ihre Erklärung!) Und darin, was Genosse Radek in seinem Referat über die Märzaktion sagte, hat er voll und ganz unsere Kritik bestätigt. (Radek: Das ist nicht wahr!) Es ist interessant, daß Sie sagen, das ist nicht wahr; dann nehmen Sie allerdings eine eigentümliche Stellung ein, und Sie können auf dem Kongreß durch diesen Zwischenruf in der Achtung nicht mehr steigen. Sie haben die falsche Einstellung so beurteilt, wie wir sie beurteilt haben, und als wir damals eine Konferenz mit Ihnen hatten, als wir in Moskau ankamen, da haben Sie erklärt: „Jawohl, so beurteilen wir die Dinge auch. Und wenn Sie heute nicht den Mut haben, zu den Dingen zu stehen, dann werfen Sie uns bitte nicht Feigheit vor, sondern nehmen Sie sich Ihrer eigenen Feigheit an. (Radek: Unverschämtheit, ich werde mit Ihnen nicht mehr diskutieren.) Sie haben uns vorgeworfen, wir finden zu schwer den Übergang von der Propaganda zur Aktion, Sie haben uns bei dem Gedanken da mit einem Robert Dißmann oder Graßmann verglichen. Die Dinge stehen aber so, daß gerade wir, die wir von der oppositionellen Gruppe vertreten sind, in dem Kampfe während des Krieges und in den Kämpfen nach der Novemberrevolution an der Spitze gestanden haben. (Radek: Und wo waren Sie während der Revolution und bei den Januarkämpfen 1918?) Da war ich in dem Aktionsausschuß, wurde nach den Januarkämpfen eingezogen und bin nach Thorn gekommen. Und wenn Sie es genau wissen wollen: Von dort bin ich, als sich mir die erste Gelegenheit bot, desertiert, um mich sofort wieder in die ersten Reihen des Proletariats zu stellen. Mit diesen Sachen können Sie bei uns keinen Eindruck erwecken. Die hier vertreten sind, Malzahn und Neumann, sind keine theoretischen Federfuchser, sondern ihre Vergangenheit liegt offen wie ein Buch da, und sie haben während des Krieges, im Vollzugsrat, in den Betriebsräten voll und ganz ihren Mann gestanden. Wir haben allen Respekt, ein erhabenes Gefühl gehabt, als wir auf diesen Weltkongreß gekommen sind. Und wenn Genosse Sinowjew sagte, die Freundschaft zur III. Internationale muß bei uns stärker sein, als zu Levi, dann sage ich: „Jawohl, die Freundschaft zur III. Internationale ist zehnmal größer, als zu irgendeiner Person.“ Wir sind mit dem Willen hierhergekommen, für die deutsche Partei das feste Fundament zu schaffen, um zu einer großen revolutionären Bewegung zu kommen. (Zustimmung.)
Genosse Sinowjew sagte, wir sollen nicht allzusehr in die Vergangenheit schweifen, sondern sollen sagen, was in Zukunft geschehen soll. Jawohl, das wollen wir. (Zuruf: Wenn ihr nicht wieder sabotiert!) Genossen, auf die sich immer wiederholenden Zwischenrufe muß ich erklären: Als am Donnerstag in Berlin von seiten der Zentrale der Generalstreik proklamiert wurde, bin ich im Auftrag der Zentrale sofort nach dem Ruhrgebiet gefahren, wo die Kräfte bei den Bergarbeitern gebraucht wurden und habe während der Zeit der Aktion voll und ganz meinen Mann gestanden. (Zuruf Frieslands: Du weißt sehr gut, daß wir nicht von dir, sondern von deiner Gruppe reden!) Soweit Neumann, Franken, Genossin Clara Zetkin in Frage kommen, haben sie alle ihre Pflicht und Schuldigkeit getan. (Zuruf: Müller, Däumig!) Sabotiert hat keiner von den Genossen. (Zwischenrufe.) Die Genossen Geyer und Düwell sind, als die Zentrale sich irgendwo, ich weiß nicht in welchen Winkel, in welches Loch, verkrochen hatte, in das Pressebureau der Zentrale gegangen und haben unsere Parteipresse mit den notwendigen Nachrichten versorgt. (Zuruf: Und wie?) Das war ihre Arbeit und sie haben sie ausgeführt. Da kann man nicht von einer Sabotage sprechen. Eure Lügen, die ihr aufgebaut habt, haben kurze Beine. Ihr wollt an den Haaren etwas herbeiziehen, um den tatsächlichen Konsequenzen auszuweichen. (Heckert: Ihr hattet schon die deutsche Partei in der Tasche auf Grund eurer schnellen Beine.)
Bei uns liegen die Dinge so. Wie sich die Verhältnisse in Deutschland entwickeln, glauben wir, daß wir durch die gemeinsame Arbeit, durch den Kampf diese Differenzen, die bestehen, ausmerzen können auf Grund der sich jetzt immer mehr und mehr zusammenballenden Konflikte durch die Unternehmeroffensive. Denn ich glaube nicht, daß trotz aller Dinge, die vorgetragen wurden, bei uns in Deutschland die Sache lang hinausgeschoben werden kann. Ich bin der Auffassung, daß die Maßnahmen der Unternehmer immer schärfer in Erscheinung treten, daß wir in wenigen Monaten vielleicht schon gezwungen sind, den Kampf auf der ganzen Linie aufzunehmen, wenn die Arbeiterschaft nicht verelenden soll. Die Dinge liegen so, daß durch die zerrissenen deutschen Parteiverhältnisse die Arbeiterschaft so eingeschachtelt ist, daß es uns nur durch ganz intensive Arbeit in den Betrieben und Gewerkschaften möglich ist, sie von dem unheilvollen Einfluß der Gewerkschaftsbürokratie frei zu machen. Alle Kämpfe, die wir nach der Revolution in Deutschland geführt haben, kamen nicht zur Auswirkung bezw. gingen für das Proletariat verloren, weil die Gewerkschaftsbürokratie ideologisch und organisatorisch die Masse beherrschte. Ich sage, die Ausführungen des Genossen Radek verstehe ich und unterstütze sie in der Beziehung, daß wir als Kommunisten uns niemals von der Masse loslösen dürfen, sondern versuchen müssen, in engster Zusammenarbeit mit der Masse das Vertrauen derselben zu gewinnen. Das kann aber nicht geschehen, wenn wir unsere Parteipresse zu Aufrufen über Aufrufen benutzen, wenn eine Parole die andere jagt, (Zuruf: Aber die Erklärungen!) wenn auf die Gewerkschaftsbürokraten fortgesetzt in wüster Weise geschimpft wird. Dadurch treiben wir die Arbeiter, die noch nicht die politische Einsicht haben, direkt an diese Führer. Wir müssen durch eine aktive Arbeit in den Betrieben und Gewerkschaften die Arbeiter für uns zu gewinnen suchen. Ich wünsche nur, daß die Haarspalterei, die Spintisiererei, wie sie bisher in unserer Partei eingerissen ist, aufhört, daß die großen Theoretiker Thalheimer, Frölich, Friesland mal mitkommen würden in die Gewerkschaftsversammlungen, den Dittmännern mal entgegentreten müßten, dann würden sie von ihrem krankhaften Zustande, ob hier Opportunisten, ob dort Opportunisten, befreit werden. Das ist ja geradezu zu einer Krankheit innerhalb unseres Parteilebens geworden. Darum sagen wir, mit der Einstellung und dem Wissen und Wollen sind wir hierhergekommen: Soll die deutsche Parteibewegung, soll die kommunistische Bewegung gesunden, dann können wir uns nur durch die Arbeit und durch den Kampf zusammenfinden. (Zuruf: Wenn ihr dabei seid, ja!)
Ich sage, wir sprechen über den Fall Levi nicht mehr, weil auf Verlangen der deutschen Delegation der Fall Levi durch den Kongreß erledigt ist; und durch den Kongreß ist eben der Fall Levi für uns erledigt. Wenn hier gesprochen wird vom „Sowjet“, hier von Heckert erklärt wird, Malzahn sollte einen Artikel schreiben über die Märzaktion und Sie stimmen in Gelächter ein, Sie als proletarische Vertreter...
Ich habe einen Artikel geschrieben und dem Pressebureau geschickt. Dieses hat ihn der Zentrale gegeben, und die Zentrale hat ihn abgelehnt. Genosse Radek sagt hier in Moskau, Sie haben einen Artikel im „Sowjet“ geschrieben, warum haben Sie, Rindvieh, den Artikel nicht in der Parteipresse veröffentlicht? Ich antwortete ihm, die Zentrale hat ihn abgelehnt, da sagte er, ja, das weiß ich nicht. Ja, so liegen die Dinge. Ich habe den Artikel dem Genossen Walcher gegeben, weil Heckert abgereist war, und Walcher sein Nachfolger im „Kommunistischen Gewerkschafter“ ist. Er lautet: „Die Märzaktion und unsere Gewerkschaftsarbeit.“ Ich habe in dem Artikel die Dinge in meiner ehrlichen, proletarischen aufrichtigen Weise dargestellt. Walcher hat nun den Artikel nicht aufgenommen. Ich sage, „Sowjet“ und alle anderen Dinge kommen für mich im Moment jetzt nicht in Frage. Für mich kommt hier das Forum des Weltkongresses in Frage. Und was der Weltkongreß beschließt, ist für mich maßgebend. (Zuruf: Sehr richtig!)
Genossen, ich sagte schon, daß wir nach Moskau kamen mit einem wirklichen, proletarischen Empfinden, mit erhabenem Gefühl. Wir haben die Dinge gesehen und wir sehen auch die Schattenseiten hier in Rußland. Wir sind bestrebt, die deutsche Revolution so schnell wie möglich vorwärts zu treiben, damit wir unseren russischen Brüdern helfen können. Aber ich frage, ist denn derjenige, der als Maulheld die Parteiorgane mehr zu Auseinandersetzungen zwischen Führern und Führern benutzt — ein richtiger Führer? Nein, diese Art stößt die Arbeiter ab. Wir haben die beste Absicht und ich möchte nicht, daß der Ton, den Heckert angeschlagen hat, fortgesetzt wird. Wir haben unsere Stellung dargelegt. Die Genossen, die nach mir sprechen, werden auf die Einzelheiten, die Heckert vorgetragen hat, eingehen. Aber ich weise den Vorwurf, daß wir Sabotage getrieben haben, ganz entschieden zurück. Wir wollen das Beste und wir bitten den Kongreß: Helfen Sie uns, in Deutschland vernünftige Zustände zu schaffen. (Beifall.)
Bucharin. Genossen! Mein Vorredner, Genosse Malzahn, hat gegen den Ton, den Genosse Heckert in seiner Rede angeschlagen hat, protestiert, sprach aber selbst in einem ähnlichen Ton. Infolgedessen bin ich gezwungen, als vollständiges Lämmchen aufzutreten. (Heiterkeit.) Bei der Erörterung verschiedener Tendenzen und Probleme, hat man, meines Erachtens, in der gegenwärtigen Diskussion recht häufig über ganz selbstverständliche Dinge gesprochen. So, wenn zum Beispiel der Genosse Hempel von der K.A.P.D. hier über neue Methoden der Massenaktionen gesprochen hat, so sind das natürlich vollständig selbstverständliche Dinge. Wir haben diese Anschauung schon vor dem Kriege recht genau erörtert. Ebenso selbstverständlich ist es, was hier über die Offensive im allgemeinen gesprochen wird, sogar Genosse Lenin anerkennt, es gebe keinen Marxisten, der sich gegen die Offensive im allgemeinen aussprechen könnte. Es wäre vielleicht deshalb wünschenswert, diesen Satz aus der Rede des Genossen Lenin in die Thesen einzuflechten. (Heiterkeit.)
Trotzki. Aber nur in derselben Fassung, die Lenin gebraucht hat: „Nur Esel könnten das Gegenteil glauben“.
Bucharin. Wir müssen bei der Besprechung der gesamten Weltlage in Betracht ziehen, daß es keineswegs ausgeschlossen ist, daß das momentane Gleichgewicht, daß das relative, momentane Gleichgewicht, das jetzt in Europa vorzuherrschen scheint, plötzlich gestört werden, und daß sich die ganze Situation in diesem oder jenem Lande plötzlich verändern kann. Wenn Genosse Lenin hier in Verbindung mit dieser Frage über verschiedene Dinge gesprochen hat, so muß man diese Ausführungen des Genossen Lenin ein wenig interpretieren, und zwar interpretieren absolut im Leninschen Sinne. Ich werde hierfür einige Beispiele anführen.
In der ersten Phase unserer Revolution hat das Zentralkomitee unserer Partei an alle unsere Agitatoren folgende Direktive erteilt: protestiert gegen die unverschämten Lügen der Bourgeoisie, die behauptet, daß wir, Bolschewiki, für den Bürgerkrieg sind. So lautete unsere eigene Direktive. Und in der damaligen Situation war diese unsere Direktive vollständig richtig. Nehmen wir eine ganz andere Situation, z. B. die Situation vor der Oktoberrevolution, so wäre dieser Satz und diese Direktive nicht nur absolut unrichtig, sondern absolut verbrecherisch. Wir gaben natürlich damals allen unseren Agitatoren die Direktive: Aufstand, direkter Bürgerkrieg!
Nehmen wir ein zweites Beispiel. Es war schon nach der Eroberung der politischen Macht. Während des Brest-Litowsker Friedens war unsere Partei und Genosse Lenin, der anerkannte Führer unserer Partei, wie sie alle das wissen, für den Brest-Litowsker Frieden. Später, während der polnischen Ereignisse, war derselbe Genosse Lenin für die Offensive, für die militärische Taktik. Natürlich war das absolut richtig. Diese Beispiele beweisen, daß die taktische Linie keineswegs etwas allgemein Starres ist, sondern etwas ganz Bewegliches, das stets von der ganz konkreten Situation, von den ganz konkreten Bedingungen, von der ganz konkreten Lage bestimmt wird. Und wenn wir das begreifen, dann können wir eine Warnung an diejenigen unserer Genossen richten, die die Rede des Genossen Lenin undialektisch deuten. (Heiterkeit) Wir wissen alle ganz gut, daß die künftige Exekutive, wie immer sie auch zusammengesetzt sein wird, jene Partei tüchtig verprügeln wird, die unter ganz bestimmten Bedingungen nicht zur Offensive greifen wird. Mit anderen Worten: die allgemeine taktische Linie, die in den Thesen vorhanden ist, welche von der russischen Delegation vorgelegt wurden, kann keineswegs eine Rechtfertigung sein für alle möglichen zukünftigen Schwankungen, die durch die opportunistischen Elemente innerhalb der kommunistischen Partei verübt werden sollten. (Lebhafter Beifall.)
Jetzt noch einige Worte über die deutschen Verhältnisse, es besteht ein gewisser ganz undialektischer Widerspruch zwischen den einzelnen Genossen. Einerseits sagt man, wir müssen ganz sorgfältig unsere Fehler studieren, andererseits sagt man, wir brauchen nur über die Zukunft zu sprechen. Meines Erachtens nach ist das kein Widerspruch, sondern ein Widersinn. Wir müssen, dürfen und sollen über die Verhältnisse sprechen. Ich werde trotz der verschiedenen Bemerkungen des Genossen Malzahn noch ein wenig über den Fall Levi sprechen, denn dieser Fall ist keineswegs nur eine persönliche Sache, sondern auch die Sache einer Richtung, und wir wissen ganz genau, daß eine gewisse politische Verwandtschaft zwischen einzelnen Elementen der deutschen Partei und Paul Levi noch immer besteht. Ueber die Märzaktion jetzt und weiter zu sprechen, wäre ganz komisch. Man hat schon viel darüber gesprochen, aber ich könnte einige Stellen aus dem letzten Artikel des Herrn Levi analysieren, Stellen, die uns ganz deutlich zeigen, daß sich Herr Levi jetzt zum Menschewik reinsten Wassers entwickelt. Zunächst will ich folgende Frage berühren: Sekte oder Partei? Diese Frage spielt bekanntlich eine sehr große Rolle. Wenn wir über die Vergangenheit sprechen und uns erinnern, was Herr Levi während des II. Kongresses getan hat, so können wir feststellen: Während des II. Kongresses erklärte Levi, daß die Kommunistische Internationale eine reine Kommunistische Internationale sein soll, daß es ein Verbrechen gegenüber der Kommunistischen Internationale sei, die Gewerkschaftler, die Syndikalisten aufzunehmen. Wenn wir das tun, dann — wörtlich sagte er es — begraben wir an diesem Tage die Internationale. (Rufe: Hört, hört.) Das hat Paul Levi in der Sitzung der Exekutive erklärt. Nun ist eine vollständige Wendung bei ihm eingetreten. Jetzt behauptet Levi, wir wären gegen die Massenparteien und Massenorganisationen des Proletariats. Das ist wieder kein dialektischer Widerspruch, sondern bedeutet, daß Levi zu jedem Argument Zuflucht ergreift, um von der Partei loszukommen. In der Massen- und Führerschaftsfrage ist Paul Levi sehr scharf gegen die K.A. P.D. aufgetreten, und zwar mit vollem Recht, indem er auf das Unverständnis hinwies, mit dem diese Gruppe die Rolle der Führerschaft in der Massenpartei beurteilt. Jetzt aber erklärt sich Levi in seinem Artikel solidarisch mit einer der Gruppen innerhalb der russischen Partei, nämlich mit der sogenannten Arbeiteropposition, die im Keime die Tendenz entwickelt, die in der K.A.P.D. vorhanden ist. Das steht schwarz auf weiß im letzten Artikel Levis. Das bedeutet wieder: daß für Herrn Levi jedes Mittel gut ist, um die große Arbeiterpartei, die Kommunistische Partei zu zerstören. (Lebhafte Zustimmung.)
Nehmen wir dann die dritte Frage: „Kampf um die Diktatur des Proletariats“. Der Kampf um die Diktatur des Proletariats ist für uns natürlich eine Selbstverständlichkeit. Auch Levi konnte nicht anders denken. Nehmen wir nun seinen letzten Artikel, so lesen wir über die russischen Zustände folgendes:
„Uns scheint die Schaffung der Möglichkeit eines politischen Kampfes noch umso dringender zu sein, als Rußland in das Stadium der Konzessionen eingetreten ist.“
Was soll das bedeuten? Aus dem ganzen Text des Artikels wird es klar, was das bedeuten soll. Er meint, die Lage in Rußland sei nicht genug klar. In Rußland existiere jetzt eine politische und soziale Krise. Um den richtigen Weg zu finden, bedürfe die Kommunistische Partei einer Korrektur. Von welcher Seite könne diese Korrektur kommen? Natürlich von der Seite der Sozialrevolutionäre, von der Seite der Menschewiken, also gegen die Diktatur. Das steht hier ganz genau. Natürlich bedeutet dies ein Stoß gegen die gesamte Politik der russischen Partei. Das steht auch in einem gewissen Zusammenhang mit der früheren Rede des Herrn Levi gegen Moskau und die Moskauer Ukase. Im übrigen sind das psychologische Momente. Logisch betrachtet, bedeutet das: daß hier bereits ein Kern des Gedankens vorhanden ist, der gegen die Diktatur des Proletariats als solche gerichtet ist. (Lebhafte Zustimmung.) Natürlich in ganz menschewistischem Sinn. Man kann mit anderen Worten sagen, das ist der Uebertritt vom Standpunkt der Diktatur auf den Standpunkt der freien Demokratie. Anders kann man das nicht auslegen.
Dann haben wir des weiteren die Frage der Parteidiktatur. Wir Marxisten, wenigstens wir orthodoxe Kommunisten, haben alle stets behauptet, daß die Diktatur einer Klasse nur durch die Diktatur der Avantgarde dieser Klasse repräsentiert wird, d. h. die Diktatur der Klasse kann nur durch die Diktatur der Kommunistischen Partei verwirklicht werden. Wir haben den ganz absurden Gedanken stets abgelehnt, den Gedanken einer Gegenüberstellung der Diktatur der Klasse der Diktatur der Partei. Das ist Unsinn. Und Levi war darin mit uns vollständig solidarisch. Jetzt finden wir in seiner letzten Broschüre einen Gedanken über die russischen Dinge, aber es sind auch dort Gedankenvorgänge, die diese russischen Erfahrungen generalisieren wollen. Wir lesen dort:
„Jede Diktatur des Proletariats ist eine Diktatur der Kommunisten, aber nicht jede Diktatur der Kommunisten ist eine Diktatur des Proletariats.‘“
Also, wenn ein Riß zwischen dem Proletariat und der Kommunistischen Partei vorhanden ist, dann ist die Diktatur der Kommunistischen Partei nicht die Diktatur des Proletariats. Darauf frage ich: Wie bestimmen wir in diesem Falle die Klassen in der Partei? Kann vom marxistischen Standpunkte aus eine Partei klassenlos gebildet werden? Ja oder nein? Als Marxisten müssen wir selbstverständlich diese Frage verneinen. Es gibt keine klassenlose Partei. Wenn die Kommunistische Partei demnach am Ruder ist, so vertritt sie die Interessen irgendeiner Klasse. Welcher Klasse? Wenn sie eine Kommunistische Partei ist, so vertritt sie die Interessen des Proletariats. Was für einen Sinn kann also dieser Satz Levis haben? Dieser Satz hat und kann nur einen Sinn haben, nämlich den Gedanken gegen die Parteidiktatur. Rein theoretisch gesprochen, kann folgende Situation eintreten. Das Proletariat wird demoralisiert. Die Partei regiert. Nicht das ganze Proletariat, oder vielleicht nicht einmal die Mehrheit des Proletariats steht hinter dieser Partei. Nun sagen Sie mir bitte, soll in diesem Falle die regierende Partei gerade deshalb, weil ein Teil des Proletariats deklassiert ist, nicht die Interessen des Proletariats vertreten? Wer vertritt dann in diesem Falle die wirklichen Interessen des Proletariats? Gerade die Partei, die regierende Partei. Wozu dann das ganze Gerede? Dieses Geschwätz hat nur den Zweck, den Keim der Gedankengänge zu entwickeln, die gegen die Parteidiktatur, also gegen die Diktatur des Proletariats überhaupt gerichtet sind, demnach für die bürgerliche Freiheit, für die Demokratie. Es ist dies ein absolut klarer Gedankengang.
Und wir können sehen, daß auch bei der K.A.P.D. der Keim solcher liberaler Tendenzen vorhanden ist. Ich habe mit Absicht diese Frage berührt, weil ich diese Ideologie, dieses Symptom für sehr gefährlich halte und glaube, daß dieser Weg den Weg zu den Menschewiki bedeutet und den Weg aus der Kommunistischen Partei hinaus. (Lebhafte Zustimmung.) Wir müssen daraus folgende Schlüsse ziehen: Man muß gegen derartige Tendenzen oder gegen die Ueberreste derartiger Tendenzen innerhalb aller Parteien, die deutschen Parteien mitinbegriffen, einen energischen Kampf führen. Man muß jedes Gebilde, jede Gruppe, wo sich dieser Gedanke herauskristallisiert hat, unverzüglich auflösen. Meines Erachtens muß jetzt mit den oppositionellen Fraktionen als solchen innerhalb der deutschen Partei Schluß gemacht werden. (Lebhafte Zustimmung.)
Jetzt gehe ich über zu einer anderen Frage, zur Angelegenheit der K.A.P.D. Genosse Hempel hat erklärt, wir brauchen keine Führer, keine Theoretiker. Ich sehe in dieser Erklärung den Beweis, daß die Partei, die in dem Haß gegen die Führer so groß ist, ihre Führer sehr schlecht gewählt hat. (Heiterkeit.) Diese Partei gibt verschiedene Broschüren und Propagandaschriften zur Aufklärung heraus. Unter diesen Broschüren finden wir auch eine Broschüre ihres Haupttheoretikers Hermann Gorter: „Klassenkampf und Organisation des Proletariats“. In dieser Broschüre ist der Gedankengang der K.A. P.D.-Ideologie viel besser auseinandergesetzt als es in der heutigen Rede des Genossen Hempel der Fall war. Denn Gorter ist kein so großer Diplomat als Hempel, obwohl Genosse Gorter Literat, Hempel einfacher Arbeiter ist. Das Wort vom einfachen Arbeiter haben wir übrigens heute auch vom Genossen Burian gehört. Nun hören wir, was Gorter in dieser Broschüre sagt:
„Die größte Schwäche der deutschen und der Weltrevolution und eine der stärksten Ursachen ihrer Niederlagen ist, daß sie nicht nach einer wissenschaftlichen, d. h. historisch-internationalen Taktik geführt .. .“ Wie wir sehen, schreibt Gorter wie ein guter christlicher Pfaffe. Dann heißt es weiter:
„Man hat beim Feststellen der Taktik nicht an erster Stelle und vielfach überhaupt nicht nach den Produktions- und Klassenverhältnissen Deutschlands, Westeuropas und Amerikas gefragt. Die Hauptschuld traf daran die Russen, Lenin, Sinowjew, Radek u. a., und die ganze III. Internationale.“
Der Gedanke dieses Satzes wird dann in der Broschüre nach verschiedenen Richtlinien entwickelt. Das steht auf der Seite 1. Am Ende der Broschüre schreibt Gorter dann folgendes:
„Nachdem das Proletariat in Kronstadt gegen Euch, die Kommunistische Partei, aufgestanden ist, und nachdem Ihr in Petersburg den Belagerungszustand auch gegen das Proletariat habt verhängen müssen (was bei Euch, wie Eure ganze Taktik, notwendig war), ist Euch dann, auch dann noch nicht der Gedanke gekommen, daß es doch besser wäre, Klassendiktatur zu haben statt Parteidiktatur? Und daß es doch vielleicht besser wäre, wenn in Westeuropa und Nordamerika nicht die Partei — sondern die Klassendiktatur käme? Und daß die „Linke“ dort vielleicht Recht hat?“
Zum Schluß sagt er:
„Wenn jetzt noch die russische Taktik der Partei — und Führerdiktatur hier befolgt wird, nach den unheilvollen Folgen, die sie schon gebracht hat, ist das nicht mehr Dummheit, sondern ein Verbrechen. Ein Verbrechen an der Revolution.“
Also, zuerst sagt Gorter, für das agrarische Rußland sei die einzige richtige Taktik die Diktatur der Partei. Natürlich sei das für die westlichen kapitalistisch entwickelten Länder ungültig. Es sei daher ein Verbrechen gegen die Internationale, gegen die Revolution, wenn diese zwei verschiedenartigen Dinge verwechselt werden. Auf der letzten Seite sagt er dann, in Rußland habe man Fehler gemacht, man müsse unsere K. A. P. D.-Politik auch für Rußland anwenden. (Widerspruch bei den Vertretern der K.A.P.D.) Liebe Genossen von der K.A.P.D. das steht hier schwarz auf weiß. Ich will nun ein russisches Sprichwort anführen. Dieses Sprichwort sagt: Das Krokodil ist vom Schwanz bis zum Kopf ebenso lang, wie vom Kopf bis zum Schwanz. (Heiterkeit.) Dasselbe gilt auch für die Politik. Auf der letzten Seite der Broschüre widerlegt Gorter das vollständig, was er auf der ersten gesagt hat. Also keine Differenz zwischen Rußland und Nordamerika und umgekehrt. Dann erzählt Gorter uns über die Gewerkschaften, und daß es eine verfehlte Taktik sei, daß wir die Verhältnisse des agrarischen Rußland auf die entfernten Länder übertragen wollen. Die Gewerkschaften seien altmodische Einrichtungen, deswegen taugten die Gewerkschaften nicht. (Rufe der Vertreter der K.A. P.D.: Das stimmt nicht.) Liebe Genossen, das steht hier schwarz auf weiß. Sagen Sie mir, warum sollen wir buchstäblich dasselbe auch nicht auf die Parteien anwenden. Auch die Parteien sind früher entstanden, auch die Parteien sind in einer früheren Epoche entstanden. Sie antworten, ja, die Sozialdemokratie taugt deshalb nicht. Das bedeutet also, wenn Sie die Dinge analog betrachten, daß die alten Gewerkschaften auch nicht taugen. Was mit den Parteien geschehen ist, muß mutatis mutandis auch mit den Gewerkschaften geschehen. Entweder — oder. Und wenn Sie Ihren Gedankengang, den Sie den Parteien gegenüber anwenden, nach dieser Richtung hin auch den Gewerkschaften gegenüber anwenden, dann wird das Bild ganz klar. Die alten Gewerkschaften hatten wirklich andere Funktionen, was aber keineswegs die ganze Theorie des Genossen Hempel, die er in seiner heutigen Rede über die Gewerkschaften entwickelt hat, rechtfertigt. Wir hatten in Rußland und in anderen Ländern doch verschiedene theoretische und praktische Kämpfe gegen die Gewerkschaften. Wir haben die Ansichten über die Gewerkschaftsfrage immer bekämpft. Wir sagten, daß die Gewerkschaften Massenorganisationen des Proletariats sind, die erzogen werden müssen zum letzten Kampf gemeinsam mit der Partei, gemeinsam mit den übrigen Organisationen der Partei. Sie haben kein Gegenargument angeführt.
Gorter beruft sich auf ein ganz komisches Argument. Er erklärt bei vollständiger Verdrehung der Dinge:
„In unserer modernen westeuropäischen und amerikanischen, trustifizierten, bankkapitalistischen und imperialistischen Welt organisiert das Kapital sich nicht mehr nach Berufen, sondern nach Betrieben.“
Also nicht nach Berufen sondern nach Betrieben. Das ist ganz falsch. Nicht nach Betrieben, nicht einmal nach Produktionszweigen, sondern nach verschiedenen Kombinationen der Produktionszweige. Was Gorter sagt, ist eine vollkommene Dummheit. Und wenn das richtig wäre, was würde das nach Gorter beweisen. Es würde beweisen, daß wir unsere Gewerkschaftsorganisationen auch konsolidieren müssen. Einen anderen Beweis gibt es für Gorter nicht, auch der Genosse Hempel hat es nicht versucht, einen anderen Beweis zu erbringen. Man kann nicht sagen, neue Epochen, neue Organisationen. Neue Organisationen auch, allein die Erfahrung lehrt, daß man die alten Organisationen nicht aufgeben darf. Dieser Satz über Organisationen nach Betrieben ist materiell gesprochen unrichtig. Daraus folgt das einzige, man muß denselben Prozeß innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen machen, wie die Produktion sich organisiert. Wenn Sie sich mit solchen allgemeinen Phrasen begnügen wollen, warum wollen Sie dieselbe Operation nicht bei der Partei vornehmen.
Ebenso schwach sind die Argumente über die Konstellation der Parteien und über das Verhältnis zwischen Führerschaft und Massen. Gorter sagt, in Rußland sei das Proletariat klein gewesen, deshalb konnte die Partei siegen. In anderen Ländern sei der Kapitalismus riesengroß, der Feind viel größer, stärker, deswegen brauchen wir keine Führerschaft, keine Partei im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern ganz andere Organisationen. Darauf antworte ich: die ganze Argumentation ist vollständig falsch. Man kann nicht Partei und Führer einander gegenüberstellen. Wenn wir eine große Partei haben, so muß diese Partei ein Zentralkomitee besitzen. Was bedeutet dieses Zentralkomitee? Es bedeutet schon die Führerschaft.
Die Glocke gibt mir das Zeichen, darum will ich den Genossen der K.A.P.D. zum Schluß nur noch folgendes sagen: Sie behaupten, sie seien ganz gute Kommunisten, wie das ihr Theoretiker schreibt, der da erklärt, daß er eine proletarischerere Partei vertritt, als wir sind. Jeder halbwegs vernünftige Mensch versucht die soziale Grundlage der Krise aufzustellen. Was war der Ausdruck unserer Krise? Nichts anderes als ein Versuch der Bauernvendee, das Proletariat zu stürzen, und die Verbindung der Sozialrevolutionäre mit der Bauernvendee gegen das Proletariat. Das wollen Sie nicht sehen, und Sie sagen noch: Wir sind eine mehr proletarische Partei als Ihr. (Widerspruch bei den Vertretern der K.A.P.D. Rufe: das ist eine Unterschiebung.) Das ist keine Unterschiebung, auch das steht hier schwarz auf weiß. Was denn wäre der Sinn dieser Worte?
Radek. Gar kein Sinn, sondern Unsinn. (Heiterkeit.)
Bucharin. Meines Erachtens müssen wir den Genossen sagen: diese Ziele, diese Idee vereinigt die K. A. P. D. mit ihrem verhaßtesten Feind, mit Paul Levi vollständig. Sie stehen auf derselben theoretischen Basis wie Paul Levi. (Rufe der Vertreter der K.A.P.D.: und in der Praxis?) Wenn bei ihnen die Praxis etwas anderes ist und die Theorie etwas anderes, so bedeutet das, daß Sie vollständige Wirrköpfe sind. Deshalb stellen wir an die Genossen der K.A.P.D. die Forderung, sie sollen sich durch ihre Führer nicht in dieser Weise irre führen lassen. Ihre Führer sollen solche Dinge nicht schreiben, denn sonst müssen wir mit der ganzen Partei Schluß machen. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Koenen. Ich teile dem Kongreß mit, daß außer der deutschen, böhmischen und polnischen auch die Mehrheit der ungarischen Delegation in einer an das Präsidium gerichteten Erklärung für die unterbreiteten Amendements Stellung nimmt. Ferner teile ich mit, daß wir die Fortsetzung der Diskussion über die Frage der Taktik auf morgen vormittag um 11 Uhr vertagen.
Schluß der Sitzung 11 Uhr 30 Min. nachts
Die dreizehnte Sitzung (2. Juli 1921, 12 Uhr 30 Min. mittags)
Erklärung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Deutsche Abteilung). — Erklärung der Mehrheit der Ungarischen Delegation. — Erklärung Gennaris — Fortsetzung der Diskussion zum Referat Radek. Redner: Ballister, Friesland, Brand, Neumann, Münzenberg, Lukács, Thalheimer, Clara Zetkin, Vaillant- Couturier, Bell, Sachs.
Vors. Koenen. Die Sitzung ist eröffnet. Es liegt eine Erklärung mit persönlichen Bemerkungen vor, die Gen. Gennari zu dem vorigen Punkt der Tagesordnung noch nachträglich eingereicht hat. Wir geben sie zum Protokoll.
Ferner liegt eine Erklärung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und eine Erklärung der Mehrheit der ungarischen Delegation vor.
Die Erklärungen lauten:
„Die Delegation der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Deutsche Abteilung) schließt sich den von der deutschen, italienischen und österreichischen Delegation eingebrachten Amendements zu den Thesen über die Taktik an.“
Die Erklärung der Ungarischen Delegation lautet:
„Die Majorität der ungarischen Delegation billigt die Stellungnahme der durch die deutsche, italienische und österreichische Delegation eingebrachten Abänderungsvorschläge und unterstützt sie in der Kommission.“
Gennaris Erklärung lautet:
„Da die Debatte über die italienische Frage geschlossen wurde, hatte ich nicht die Möglichkeit, Maffi in der Kongreßsitzung zu widersprechen. Ich bitte daher in das Protokoll einzutragen, daß ich auf das entschiedenste gegen die Lügen protestiere, die der Delegierte der Sozialistischen Partei Italiens hier gegen mich vorgebracht hat. Ich erkläre:
Er hat gelogen, als er behauptete, daß ich eine reformistische, kompromißlerische Vergangenheit hinter mir habe. Ich habe mich im Gegenteil während der ganzen 24 Jahre, die ich Mitglied der Sozialistischen Partei bin, zu deren äußersten linken Flügel gehört; vom Jahre 1910 an bis auf den heutigen Tag habe ich den Reformismus und das Kompromißlertum in allen ihren Erscheinungen bekämpft.
Er hat gelogen, als er behauptete, daß ich als Sekretär vieles hätte tun können und nichts tat, als Turati sich im Jahre 1919 als Kandidat der Sozialistischen Partei für die Parlamentswahlen aufstellen ließ. Es ist nicht nur eine Lüge, sondern mehrere Lügen, die er hier vorgebracht hat. Tatsache ist: a) Ich war zu jener Zeit nicht Sekretär der Sozialistischen Partei; b) ich befürwortete auf dem Kongreß zu Rom im Jahre 1918 (in der maximalistischen Fraktion) die Notwendigkeit, Turati und seine Freunde aus der Sozialistischen Partei zu entfernen; c) vor dem Kongreß zu Bologna befürwortete ich, da man keine Spaltung wünschte, auf einer Sitzung der Parteileitung — man kann sich davon aus dem Bericht überzeugen, der in dem „Avanti“ abgedruckt war — die Notwendigkeit, diejenigen, die das neue, vom Bolognaer Kongreß votierte Programm nicht annehmen würden, aus der Kandidatenliste der Partei für die Parlaments- und Munizipalwahlen zu streichen. Die Mehrheit der Parteileitung und des Kongresses von Bologna bestimmte im Gegenteil, daß sogar die Reformisten als Kandidaten der Partei aufgestellt werden dürften; es wurde bloß ein gewisses Verhältnis festgesetzt, in dem die Wahlkandidaten der verschiedenen Fraktionen der Partei zu einander stehen müßten. Ich aber erklärte, und fand niemanden, der mich dabei unterstützt hätte, daß dies alles ein schwerer Mißgriff sei, der eine große Gefahr für die Partei in sich berge.
Als Turati, Modigliani und einige andere Reformisten, die von den provinziellen Föderationen als Kandidaten aufgestellt waren, vor den Wahlen des Jahres 1917 erklärten, daß sie einverstanden seien, sich in das Parlament wählen zu lassen, aber nur unter gewissen Vorbehalten über die Parteidisziplin, beantragte und formulierte ich gemeinsam mit Bombacci, der damals Sekretär der Partei war, eine Eingabe an das Sekretariat, in der ich mich gegen alle Vorbehalte aussprach, die diese Leute sich ausbedingen wollten. Dies alles war Maffi wohlbekannt.
Maffi hat gesagt, ich hätte meine Anklagen dem Kongresse zu Livorno vorlegen sollen. Und doch weiß er, daß ich in Livorno, trotz allen Wirrwarrs, den seine Freunde, d. h. die Reformisten und die Serratiner, hineinbrachten, in einer drei Stunden langen Rede meine Anklagen und die Notwendigkeit des Ausschlusses der Reformisten darlegte.
Er hat gesagt, daß ich nach den Gewalttaten der Faszisten in Bologna eingewilligt hätte, Turati als Vertreter der Sozialistischen Parlamentsgruppe auftreten zu lassen. Maffi weiß, daß die Sozialistische Parlamentsfraktion bei dieser Gelegenheit plötzlich und ohne mich zu benachrichtigen zusammentrat, und daß ich aus diesem Grunde an ihrer Beratung nicht teilnahm. Maffi weiß, daß ich in meiner Eigenschaft als Sekretär der Partei mit meinem Protest auch gelegentlich einer späteren Sitzung der Leitung der Parlamentsfraktion nicht zurückhielt. Maffi weiß ferner, daß ich auf der Tagung der Kommunistischen Fraktion in Imola Bombacci wegen der Vorbereitung des Kongresses und wegen seiner Haltung aus diesem Anlaß Vorwürfe machte. Maffi wußte dies alles sehr wohl. Er hat gelogen, und zwar hat er wissentlich gelogen. Er wollte dem Kongreß der Kommunistischen Internationale bloß ein Beispiel der Anschwärzungs- und Verleumdungsmethode vorführen, derer die italienischen Reformisten und Opportunisten sich stets bedienen. Fürwahr, auch Gen. Lazzari selbst könnte einiges über diese Kampfmethoden der Reformisten erzählen; er braucht sich nur an die unwürdige Kampagne Turatis und Konsorten gegen ihn zu erinnern, als er, Lazzari, nicht der Verteidiger, sondern der Ankläger des italienischen Reformismus war.“
Vors. Koenen. Die Diskussion über den gestrigen Tagesordnungspunkt, die Taktik der Kommunistischen Internationale, soll fortgesetzt werden. Gestern haben alle die Redner, die ausnahmsweise durch Beschluß des Präsidiums verlängerte Redezeit bekommen haben, das Wort bereits erhalten. Es liegen solche Beschlüsse für den heutigen Tag nicht mehr vor. Die Redner, die heute noch zum Wort kommen, müssen sich unbedingt an die Redezeit halten, wir kommen sonst nicht zu Ende. Ich werde so verfahren, wie bereits vor einigen Tagen, daß ich nach neun Minuten den Redner durch Klingelzeichen auffordere, zum Schluß zu kommen. Es sind 23 Redner eingezeichnet, und da wir heute diesen Punkt unbedingt zu Ende führen müssen, so werden Sie die Strenge des Präsidiums heute hoffentlich unterstützen.
Das Wort hat als erster Redner Gen. Ballister (Amerika).
Ballister (Amerika). Genossen! Die Delegation der Kommunistischen Partei Amerikas erklärt sich mit den vom Bureau der russischen Delegation vorgeschlagenen Leitsätzen über die Taktik einverstanden. Wir billigen alles, was auf die Grundsätze Bezug nimmt, bedingungslos und nehmen die niedergelegten Prinzipien vorbehaltlos an. Was die Notwendigkeit der Arbeit in den Gewerkschaften anbelangt, müssen wir hervorheben, daß die in den Leitsätzen enthaltenen Forderungen den Bedürfnissen der kommunistischen Bewegung in Amerika vollkommen entsprechen. Wir haben bereits begonnen, die Grundsätze, die in den Leitsätzen niedergelegt sind, in unserem Lande durchzuführen. Wir stimmen mit den Leitsätzen auch in dem Punkte überein, in welchem sie fordern, daß wir in Amerika eine politische Organisation schaffen, durch die wir mit den Massen in Fühlung treten und kommunistische Propaganda führen können. Es ist in unserem Lande zweifellos notwendig geworden, neben unserer illegalen Partei auch noch eine offene politische Organisation zu schaffen. Wir müssen jedoch unsere illegale Arbeit hauptsächlich infolge des weißen Terrors in Amerika fortsetzen, der dem weißen Terror z. B. in Polen in keiner Beziehung nachsteht. Wir betonen noch einmal, Genossen, daß wir die Leitsätze als Ganzes annehmen. Es sind da einige kleine, technische Punkte, die wir verbessert haben möchten. Die Anträge, die wir hierüber zu machen wünschen, ändern den Sinn und den Geist der Leitsätze jedoch nicht im geringsten. Die drei Punkte, die wir zu erwähnen wünschen, beziehen sich auf die Kenntnis der Tatsachen. Wir wissen wohl, daß die kleinen Fehler, die die Verfasser der Leitsätze gemacht haben, dem Umstand zuzuschreiben sind, daß die Thesen ausgearbeitet wurden, bevor die Nachrichten über die jüngsten Ereignisse in Amerika nach Rußland drangen. Die Leitsätze zeigen, daß die Verfasser von dem endlich erzielten Zusammenschluß der kommunistischen Kräfte in den Vereinigten Staaten nicht unterrichtet waren. Die zwei Delegierten, die soeben aus Amerika eintrafen, haben dem wichtigen politischen Kongreß beigewohnt, der in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat. Die Kommunistische Partei Amerikas und die Vereinigte Kommunistische Partei Amerikas haben sich voll und ganz verschmolzen. Nun gibt es nur eine einzige Kommunistische Partei in Amerika. Die Leitsätze sprechen von der Vereinigten Kommunistischen Partei. Sie besteht jedoch nicht mehr. Wir haben alle die Benennung „Kommunistische Partei Amerikas“ angenommen. Es kann daher selbstverständlich nicht der geringste Zweifel darüber bestehen, daß der Kongreß die Verbesserung dieses kleinen technischen Punktes annehmen wird; weder dieser, noch die anderen technischen Punkte brauchen hier erörtert zu werden. Die Sache kann leicht in der Kommission erledigt werden, die — wir sind dessen sicher — unsere Vorschläge ohne weiteres annehmen wird.
Da, wo die Leitsätze von den amerikanischen Parteien sprechen, finden wir die Behauptung, daß die amerikanischen Kommunisten noch vor der elementarsten, einfachsten Aufgabe stehen, eine kommunistische Keimzelle zu bilden. Da sämtliche kommunistische Kräfte Amerikas sich nun zusammengeschlossen haben, wird die Kommission wohl einwilligen, die Stelle dahin zu ändern, daß wir die Bildung einer kommunistischen Keimzelle soeben erst beendet haben und nun vor der Aufgabe stehen, diese Keimzelle mit. den Arbeitermassen Amerikas in Fühlung zu bringen. Wie Ihr seht, sind wir bescheiden genug, zuzugeben, daß wir tatsächlich eben erst beginnen, diese Verbindung der Keimzelle mit den Massen durch reale politische Agitation herzustellen.
Was den zweiten Punkt anbelangt, so ergibt unser Verbesserungsvorschlag sich ebenfalls aus dem Umstand, daß die Verfasser der Leitsätze nicht mit den jüngsten Ereignissen in Amerika bekannt waren. Die Kommunistische Internationale — heißt es in den Leitsätzen — lenkt die Aufmerksamkeit der Kommunistischen Partei Amerikas auf die Notwendigkeit, eine politische Organisation zu schaffen. Die Kommunistische Internationale braucht unsere Aufmerksamkeit nicht darauf zu lenken. Wir haben dieser Forderung bereits unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gewidmet. Unser Programm, das wir der Kommission vorlegen werden, liefert einen klaren Beweis dafür. Der Absatz der Thesen, der sich auf die Bildung einer politischen Partei als legale Organisation der Kommunistischen Partei Amerikas bezieht, ist ein wenig undeutlich gehalten; und zwar ist er in der englischen Übersetzung weniger verständlich als in deutscher oder russischer Sprache. Wir müssen darum bitten, daß die englischen Übersetzungen ein wenig sorgfältiger redigiert werden. Aber selbst in den anderen Übersetzungen — und dies ist der einzige Grund, weshalb wir davon sprechen — ist eine kleine Aufklärung hinsichtlich der legalen und der illegalen Organisationen der kommunistischen Parteien notwendig. Wir sind gezwungen, illegal zu arbeiten, weil der weiße Terror in Amerika so stark wütet, daß jeder, der eine kommunistische Zeitung bei sich trägt, Gefahr läuft, zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt zu werden. Wir sind gezwungen, illegal zu arbeiten. Ich nehme an, daß Ihr mit uns einverstanden seid, daß alle kommunistischen Parteien in einem Lande, wo die Bourgeoisie am Ruder steht, es tun müssen und daß eine illegale Organisation selbst dann bestehen muß, wenn die Partei die Möglichkeit hat, eine legale Organisation zu besitzen. Über diesen Punkt sind wir uns wohl einig. Wir müssen ihn bloß deutlich formulieren. Ich und unsere ganze Delegation stimmen mit dem Sinn der Leitsätze überein, aber die Formulierung muß, zum mindesten für amerikanische Verhältnisse, etwas präziser vorgenommen werden, damit kein Zweifel darüber aufkommen kann, daß die legale Organisation nur ein Zusatz zur illegalen Organisation sein darf und stets unter der unumschränkten Kontrolle der illegalen Organisation stehen muß. Es handelt sich hier jedoch nur um die Ausdrucksweise; mit den Absichten der Verfasser aber sind wir durchaus einverstanden.
Der dritte und letzte Punkt, den ich hier zu erwähnen habe, bezieht sich ebenfalls auf die Ausdrucksweise. Das Wort „Sabotage“ hat nämlich im englischen, namentlich aber im amerikanischen Sinne, eine andere Bedeutung als in Europa. Um große Mißverständnisse in Amerika zu vermeiden, müssen wir dieses Wort daher durch etwas anderes ersetzen. Wir bestehen darauf, daß es für amerikanischen Gebrauch unmöglich ist, die Sabotage als „Eroberung strategischer Punkte in unmittelbarem Kampf“ zu bezeichnen, und bitten daher um eine kleine Verbesserung.
‚ Genossen! Wir, die amerikanische Delegation, haben diese Leitsätze eingehend studiert, denn wir wissen, daß wir sie nur in dem Falle annehmen können, wenn sie uns die erforderlichen Richtlinien für unsere gewaltige geschichtliche Aufgabe, den Sturz des mächtigsten, reichsten, anmaßendsten kapitalistischen Staates der Welt vorzeichnen. Wir haben die Leitsätze scharf geprüft, und wir müssen Euch sagen, daß sie unseren Zwecken vollständig entsprechen; die amerikanische Delegation wird nicht verabsäumen, ihre Stimme zugunsten dieser Leitsätze abzugeben.
Vors. Koenen. Gen. Friesland hat das Wort.
Friesland (V.K.P.D.). Genossen und Genossinnen! Die Beurteilung der von Gen. Radek vorgelegten 'Thesen hängt natürlich aufs engste zusammen mit der tatsächlichen Darstellung der Grundlage dieser Thesen, der Kämpfe und Erfahrungen, die die Kommunistische Internationale gemacht hat, insbesondere mit der deutschen Märzaktion. Es ist zu begrüßen, daß die Genossen Neumann, Zetkin, Franken und Malzahn in ihrem heutigen Abänderungsantrag den Weg der sogenannten Verständigung zu beschreiten sich offenbar anschicken. Ich lese mit Freuden in diesem Abänderungsantrag Ausführungen, die absolut dem widersprechen, was bei uns in Deutschland eine große Rolle gespielt und zur Verwirrung der Sektionen der Internationale beigetragen hat. Aber wenn die Genossen dort sagen, daß die tatsächlich falsche Einstellung theoretisch führender Genossen gegen die Offensive eine verhängnisvolle Rolle spielte, so muß ich doch den Kongreß mit den Tatsachen bekannt machen. Aus dem großen Koffer des Gen. Radek bekam ich das Protokoll der Zentralausschußsitzung. Der „Federfuchser“ führte aus, daß mit den Ausführungen Brandlers nicht gemeint sein soll, daß die Kommunistische Partei Deutschlands am 15. oder 16. März die Regierung stürzen sollte, sondern daß die Kommunistische Partei sich so einstellen muß, daß sie bereit und fähig ist, den Kampf gegen diese Regierung auf breitester Grundlage aufzunehmen. Und er führte dabei aus, daß wir anknüpfen müssen an alle wirtschaftlichen und politischen Konflikte, daß wir kämpfen müssen unter allen Umständen, auch mit eigenen Kräften, daß wir die Vorstellung aufgeben müssen, die früher in der Partei herrschte: nur keine Teilaktionen, damit endlich die Kommunistische Partei eine kämpfende Partei werde. Und er führte weiter aus, daß wir sogar an die Forderungen des Offenen Briefes anknüpfen müssen. Der Gen. Malzahn, der ehrliche Arbeiter, der diese Federfuchstheorie gleich durchschaute, der sagte folgendermaßen: „Und da kann auch ich das sagen, was Gen. Friesland vorhin ausführte, auch wenn wir Kommunisten nur mit unserem Anhang eine Bewegung machen und wir dabei eine Niederlage erleiden, so kann dies unsere Partei nur stärken. Und da habe ich im Auge das ganze Ruhrgebiet.“
Also der ehrliche Arbeiter und der Federfuchser waren in dieser Frage absolut einer Meinung. Einen Tag darauf erschien in der „Roten Fahne“ jener ominöse Aufruf: „Kahr pfeift auf das Gesetz.“ Dieser Aufruf wird jetzt zitiert als Beweis unserer verbrecherischen und idiotischen Einstellung. Der ehrliche Arbeiter Neumann führte im Aktionsausschusse aus, daß das eine glänzende Sprache sei. Und der Federfuchser Friesland sagte, daß er diesen Aufruf für verkehrt halte, und er ging zur Zentrale und erklärte auch dort, diese Methoden halte er nicht für richtig, man muß langsam und systematisch die Aktion steigern. Und diese meine Auffassung wurde schon damals gebilligt, es wurde anerkannt, daß dieser Übergang zu schroff sei. Damals allerdings befand ich mich im Widerspruch mit Gen. Neumann. Nur der Unterschied zwischen Mehrheit und Minderheit bestand und besteht heute noch darin, daß wir aus unseren Fehlern keine Parole gemacht haben. Wir haben im entscheidenden Moment nicht gekämpft gegen die Partei, wir haben an den Fehlern besser und gründlicher Kritik geübt im Rahmen der Partei, zum Nutzen der Partei und auf dem Boden der kämpfenden Arbeitermassen. Und darin haben wir uns prinzipiell von diesen Genossen unterschieden. Die Genossen erklären, sie wünschen zu einer Verständigung zu kommen. Sie sagen, die Thesen des Gen. Radek seien eine geeignete Grundlage. Das ist möglich. Die Abänderungsanträge, die wir stellen, sind Abänderungsanträge zu einzelnen Punkten, die schärfer herausgearbeitet werden sollen. Aber Genossen, wenn Ihr eine Verständigung wollt, Ihr könnt sie sehr leicht und billig haben. Erklärungen habt Ihr doch wirklich sehr viele gemacht, in Erklärungen habt Ihr Euch wahrhaftig als Meister gezeigt. Warum sagt Ihr auf diesem Kongreß nicht klar und deutlich und mit dem Mut, den wir von Euch verlangen müssen, jawohl, wir haben im Verlauf dieser Parteidiskussionen einen schweren Fehler gemacht, wir haben den Fehler gemacht, daß wir im Verlaufe dieser Diskussion nicht auf dem Boden der Partei blieben, sondern daß wir uns solidarisierten mit Leuten, die außerhalb der Partei die Waffen gegen die Partei geführt haben. Warum sagt Ihr nicht klar und deutlich, daß es unsere Aufgabe ist, die Kräfte der Partei zu sammeln, die Partei wieder neu zusammenzuführen und zu neuen Kämpfen zu rüsten? Jetzt in Moskau — die Moskauer Luft wirkt ja auf manche sehr erfreulich — findet Ihr, daß es kein bakunistischer Putsch war; in Moskau findet Ihr, daß die Partei mutig den Kampf aufgenommen hat; in Moskau findet Ihr, daß die Aktion ein Schritt vorwärts war.
Warum wollt Ihr nicht so ehrlich sein, in Moskau auch zu finden, daß Ihr in der entscheidenden Stunde der deutschen kommunistischen Bewegung einen schweren Fehler gemacht habt! Und wenn Ihr davon sprecht, daß die kommunistische Bewegung in Deutschland an Einfluß verloren habe, so sagen wir, davon kann keine Rede sein. Wir haben bei den deutschen Arbeitermassen nicht an Einfluß verloren, sondern unser Einfluß ist von Tag zu Tag im Steigen, trotz der Fehler, trotz der vergiftenden Kampagne, die Ihr geführt habt, obwohl Ihr überall die Arbeitermassen davon abgehalten habt, zu neuen Kämpfen zu rüsten; trotzdem steigt die Verbindung der Kommunistischen Partei mit den Arbeitermassen. Ihr habt die wunderbarsten Märchen erzählt mit statistischen Angaben. Ihr habt ja viel Zeit für Statistiken, ich wünschte, wir hätten auch soviel Zeit dazu. Aber wir können auch mit statistischen Angaben dienen. Ihr habt den Genossen auf dem Kongreß erzählt, die „Rote Fahne“, alles ist dahin. Die „Rote Fahne“ hat am 1. Januar eine Auflage von 38000 gehabt, am 1. Mai 45000. Es bleibt jedem überlassen, zu beurteilen, ob unsere „Rote Fahne“ dahin ist. Wenn man bedenkt, daß die „Rote Fahne“ ein paarmal im Monat verboten wird, dann begreift ein jeder, daß unsere Partei nicht zusammengebrochen ist, sondern daß unser Einfluß wächst. Gen. Clara Zetkin hat gesagt, daß die Mitgliederzahl unserer Organisation zurückgegangen sei. Am 1. Juni dieses Jahres bewies der Kassenbericht unserer Berliner Organisation, daß 26000 Mitglieder ihre Beiträge abgerechnet haben. Wenn man hinzuzählt, daß soviele Arbeitslose vorhanden sind, so ist das ein Beweis, daß von einem Abfall nicht die Rede sein kann. Bei den letzten Wahlen zum Eisenbahnerverband unterlag die Partei mit 70 Stimmen gegen die U.S.P. und S.P.D. Im Metallarbeiterverband ist die Bürokratie gezwungen, Konzessionen an die U.S.P. und S. P. D. zu machen, und nur so ist es ihr möglich, die Mehrheit zu bekommen. In den Kampfgebieten, wo unsere ganzen Organisationen zerstört sind, unsere Presse monatelang verboten war, z.B. in Mansfeld, haben wir früher eine Zeitungsauflage von 10000 Exemplaren gehabt; und nach acht Wochen, wo die Zeitung jetzt wieder erscheinen kann, haben wir bereits wieder 8000. Jeder, der die Dinge kennt, weiß, daß von einem Verlust des Einflusses nicht die Rede sein kann. In Halle war unsere Partei vor der Aktion die stärkste. Nach Levi ist sie durch die Aktion zertrümmert worden. Als Gareis erschossen wurde, waren die Organisationen der S.P.D. und U.S.P.D. genötigt, den Aufruf der V.K.P.D. mit zu unterschreiben.
Und in diesem Aufruf wird der Sturz der alten bürgerlichen Regierung verlangt, und die Arbeiterschaft wird zu dem entscheidenden Kampf gegen das blutbeladene System aufgefordert. Und es gab bei uns Leute, die das Wort: Sturz der Regierung nicht gerne hören. Wir haben in der letzten Zeit beobachten müssen, daß sogar schwankende U. S. P.-Führer, wie Rosenfeld, diese Theorie aufgestellt haben, daß die Arbeiterschaft nur das eine Ziel haben kann, diese Regierung zu stürzen. Und wenn der Gen. Lenin sagte, jede revolutionäre Partei müsse für Offensiven sein, und nur Esel seien nicht für Offensiven (Zuruf des Gen. Trotzki); gestatten Sie, Gen. Trotzki, solche Esel gibt es leider auch in Deutschland unter uns noch. Und wenn Sie sich die Verhältnisse in Deutschland ansehen, da können Sie die Esel sehen, die immer ja, ja, ja schreien (Heiterkeit); es geht ihnen nur wie dem Esel Buridans.
Es kommt uns nicht darauf an, daß diese Genossen hinterher noch einmal 24 Bedingungen und Thesen unterschreiben, uns kommt es darauf an, daß in der kommunistischen Bewegung sich alle Elemente auf den Boden der Partei stellen, und das nicht mit Worten, sondern mit Taten. Und nur diese Genossen haben das Recht, uns die Fehler, die gemacht worden sind, vorzuwerfen. (Zustimmung.) Wir glauben, daß nur eine solche Partei imstande ist, die Mehrheit des Proletariats zu gewinnen. Und wenn hier diskutiert wurde über die Mehrheit des Proletariats, so ist niemand so naiv, um zu sagen, wir brauchten die Mehrheit des Proletariats nicht. Das wußten wir schon zu Beginn der Revolution. Das Problem ist, wie die Mehrheit des Proletariats zu gewinnen ist. Darüber ist nicht gesprochen worden.
Und eine Partei, die Mitglieder gewinnen und Propaganda machen muß und revolutionäre Phrasen drischt, das haben die Arbeiter von der U.S.P. mehr als einmal erlebt. Und wenn unsere Partei die Mehrheit des Proletariats sich erwerben will, dann muß sie zeigen, daß sie entschlossen ist, in jeder Situation für die Interessen des gesamten Proletariats einzutreten. Und darum ist es von uns keine Rechthaberei, wenn wir auf diesem Kongreß so hartnäckig darauf bestehen, daß diejenigen Genossen, die in verschiedenen Fragen anderer Ansicht waren, klipp und klar erklären, daß sie diese Politik der Parteizertrümmerung nicht mehr mitmachen, daß sie mit der Vergangenheit brechen. Das ist für uns nicht Rechthaberei, sondern das ist das entscheidende Problem der Revolution gewesen. Und sie können vielleicht sagen, wir sind Federfuchser und Ihr seid einfache Arbeiter. Wir können darauf antworten, wir Federfuchser drücken das Empfinden der Arbeitermassen besser aus als Ihr einfache Arbeiter, die Ihr die Verbindung mit der Arbeiterschaft vollständig verloren habt. Wir erwarten von dem Kongreß, daß er sich in dieser Frage absolut auf unseren Boden stellen wird. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Koenen. Die französische Delegation hat uns den Wunsch mitgeteilt, daß wir strenge darauf achten sollen, daß alle Redner die vorgeschriebene Redezeit genau einhalten.
Brand (Polen). Genossen und Genossinnen! Die polnische Delegation erklärte, daß sie die Tendenz der Abänderungsvorschläge unterstützt, daß sie weitere Vorschläge in der Kommission im gleichen Sinne einbringen will. Ich will diese Deklaration begründen.
Radek. Michalak hat das schon gestern getan.
Brand. Worin besteht diese Tendenz? Besteht sie im Putschismus, im K.A.P.-Geist? Nein. Wir wollen in den Thesen eine Handhabe zur Erziehung der Kommunistischen Parteien in Westeuropa zu wirklichen kommunistischen Kampfparteien bekommen. Wir wollen in diesen Thesen eine Handhabe haben, um ohne die Mithilfe des Exekutivkomitees gegen all das in unseren Parteien anzukämpfen, was der Gen. Bucharin „opportunistische Schweinereien“ genannt hat. Gen. Lenin hat behauptet, die opportunistische Gefahr besteht nicht mehr, wir haben die Zentristen vor die Türe gesetzt. Jetzt müssen wir gegen die linken Dummheiten kämpfen. Ich sage, mit den Zentristen ist es nicht so einfach, es ist keine rein mechanische Sache, einige Zentristen aus der Partei hinauszuwerfen, damit die Partei wirklich eine revolutionäre Massenpartei wird. Wir wissen, daß eine Massenpartei nur dann revolutionär bleiben kann, wenn in ihr immerfort revolutionäre Kritik geübt wird, wenn ständig gegen alle opportunistischen Tendenzen gekämpft wird. Nur so kann eine Massenpartei gleichzeitig eine revolutionäre Partei bleiben. Dagegen finden wir hier in den Thesen eine ganze Reihe von Formulierungen, die nicht scharf genug sind und den Opportunisten die Möglichkeit geben, sie in ihrem Sinne zu interpretieren. Der Sinn ist der: Die Opportunisten arbeiten immer mit Statistiken und sagen, wir sind noch nicht stark genug, nicht nur um die Revolution zu machen, sondern wir sind nicht stark genug, um zu kämpfen.
Trotzki. Darum waren Sie gegen die Statistik und für das Schwert!
Brand. Die Opportunisten sagen, wir sind nicht stark genug, um zu kämpfen. Das ist nicht unsere Meinung. Das ist auch nicht die Meinung der Thesen. In den Thesen ist eine Reihe von ausgezeichneten Absätzen, wo die Idee klar ausgesprochen ist, daß die Kommunistische Partei sich nur im Kampfe entwickeln könne. Aber neben diesen Stellen gibt es andere, die die Sache verwischen und den Opportunisten die Handhabe geben, gegen uns aufzutreten. Darum glaubten wir, eine Reihe von Abänderungsvorschlägen einbringen zu müssen. Damit ist die Sache aber nicht erschöpft. Es ist in den Thesen eine übertriebene Angst vor dem Putschismus zutage getreten. Ich glaube, die russische Delegation hat einen Teufel an die Wand gemalt und kämpft jetzt gegen diesen Teufel. Ich glaube, die Gefahr ist wirklich nicht so groß. Aber wenn gegen diesen Teufel so viel, mit so langen Absätzen gekämpft wird, so ist das wieder nur Wasser auf die Mühle der Opportunisten.
Darum glauben wir, daß diese langen Absätze gegen die Abenteuerlust kaum in den Thesen bleiben können oder auf kurze Sätze zusammengestrichen werden müssen.
Noch einige Worte über den „Offenen Brief“. Gen. Lenin sieht die Gefahr schon so groß, daß er glaubt, die Kommunistischen Parteien in Westeuropa, insbesondere die Deutsche Kommunistische Partei, wollen keine konkreten Forderungen aufstellen, wollen nicht den Offenen Brief anerkennen und streichen ihn deshalb in den Abänderungsvorschlägen. Er sieht die Gefahr als groß an. Das ist ein Mißverständnis. Die deutsche Partei denkt nicht daran, den Offenen Brief zu streichen. Er soll nur gestrichen werden an der Stelle im Text, wo er nicht hinpaßt. Der Abänderungsvorschlag setzt dort ein, wo in den Thesen steht: „Dank der Taktik der Kommunistischen Internationale, Offener Brief, revolutionäre Arbeit in den Gewerkschaften ist die deutsche Kommunistische Partei 'eine revolutionäre Massenpartei geworden.“ Es ist hierzu zu bemerken, daß der Offene Brief diese Wirkung nicht gehabt hat. Er konnte sie nicht haben. Ein anderes Beispiel der übertriebenen Angst vor dem Putschismus ist, wenn der Gen. Trotzki auch die polnische Partei des Putschismus bezichtigt. Die Praxis spricht dagegen. Ich behaupte, daß wir, obgleich eine kleine illegale Partei, uns ständig bemüht haben, mit den Massen in Verbindung zu stehen, und nicht nur bemüht haben wir uns, es ist uns auch gelungen, große Massenaktionen auszulösen, die große Teile der nichtkommunistischen Arbeiterschaft bis zu den christlich organisierten Arbeitern mit in den Kampf gerissen haben. Die Kämpfe gingen um konkrete Forderungen, um die politische Freiheit, gegen die Lohnsteuer. Darum verdienen wir nicht den Vorwurf. Wir sagen, die Gefahr ist nicht so groß, und der Kampf ist ein Kampf mit einem nicht existierenden Teufel.
Trotzki. Der sich jetzt ganz klein macht.
Walecki. Eine gute Taktik.
Brand. Das ist der negative Teil, den wir hier streichen möchten. Es ist aber noch ein positiver Teil zu streichen. Nachdem man diese Tendenzen, die zutage getreten sind, diskreditiert hat, die Tendenzen zur revolutionären Tat, die wir von Euch gelernt haben, läßt man das Proletariat aufmerksam auf die „Stimmen“ hören, die die Schwierigkeit der Aktion zeigen. Selbstverständlich muß man Schwierigkeiten in Betracht ziehen, und ich glaube, in jeder Sitzung wird das oft erwogen, aber daß wir in den kommunistischen Parteien ein besonderes Amt von Warnern einführen sollen, Stimmen, die man besonders aufmerksam hören soll, das ist sehr zweideutig oder nicht einmal zweideutig. Wer sind diese Stimmen, die immer nur Schwierigkeiten sehen? Serrati, Levi und andere. Wenn wir das in den Thesen lassen, werden wir solche Stimmen in Hülle und Fülle haben. Dann kommen Genossen wie der Genosse Malzahn, die sagen, wir können nur auf 200 000 Arbeiter rechnen, die mit uns gehen. Wenn wir so gehandelt hätten, würden wir zwei Jahre hindurch in Polen überhaupt keine Bewegung ausgelöst haben. Wir haben das nicht gemacht. Wir haben die Arbeiter gegen den Krieg aufgerufen, obgleich die Mehrheit der Arbeiter nicht verstanden hat, warum sie gegen den Krieg kämpfen soll. Wir haben das gemacht in den schwierigsten Momenten, im Juni 1920. Es ist wenig bekannt, wie überhaupt über unsere politischen Bewegungen wenig bekannt ist. Wir haben zum Generalstreik im ganzen Lande aufgerufen, aber nur die Bergleute im Dombrova-Gebiet haben sich erhoben, und nicht alle, ich glaube zehn Gruben. Die Belegschaften wurden verhaftet und die Bewegung unterdrückt, aber sie hat die Ehre des polnischen Proletariats gerettet. Hätten wir das nicht getan, so wären wir keine Kommunisten. Wir haben es getan und werden es in solchen Verhältnissen wieder tun und werden nicht auf die Stimmen derer hören, die uns vor der Aktion warnen. Bei uns in Polen haben wir solche Stimmen nicht gehabt.
Wir sind für die Streichung dieser besonderen „Stimmen“, dagegen bitten wir den Kongreß und die russischen Genossen, sie sollen auf die Stimmen der unterschriebenen und der sich anschließenden Delegationen hören, die Euch sagen, daß die Thesen der Verbesserung bedürfen. (Lebhafter Beifall.)
Neumann (Oppositionelle Gruppe der V.K.P.D.). Ich bin leider nicht in der glücklichen Lage, an den mysteriösen Materialkoffer des Gen. Radek heranzukommen, denn sonst wäre es vielleicht möglich, in diesem Koffer Material herauszufinden, das nicht erfreulich für die Verteidiger der Märzaktion ist. Aber, Genossen, eine andere Frage. Es wurde ständig hier behauptet, daß wir so feige wären, zugleich aber erklärte gestern Gen. Heckert, daß er es bedauere, gegen Neumann und Malzahn kämpfen zu müssen, denn die anderen wären die Hauptschuldigen, die würden jedoch nicht kommen. Genossen, nun behauptete er das, obwohl er Kenntnis von einer Tatsache hatte, die recht bezeichnend ist für einige Genossen. Ich habe die Abschrift eines Telegramms in der Hand, und zwar eines Telegramms an die Zentrale der V.K.P.D. Das Telegramm lau- ' tet: „Abreise Braß und Anna Geyer mit allen Mitteln verhindern.“ (Rufe: Hört, Hört!) Aus parteitaktischen Gründen. (Lärm. Rufe: Hört, Hört!) Es muß der Schein vermieden werden, als ob eine Macht hinter ihnen stünde.“ Unterzeichnet August. (Lärm. Rufe: Hört, Hört!) Wer ist dieser August? Das ist August Thalheimer. Und in derselben Zeit, kurz nachdem wir hier ankamen und eine Besprechung hatten, erklärte uns Gen. Sinowjew, er werde ein Telegramm nach Deutschland schicken, worin gesagt werden sollte, es müßte jede Möglichkeit geschaffen werden, damit Genossin Geyer nach Moskau komme. Das hat Genosse Koenen mitunterschrieben, das ist bezeichnend, weil er auch von dem anderen Telegramm Kenntnis hatte.
Koenen. Nein, ich wußte davon nichts.
Neumann (fortfahrend). Das ist bezeichnend für Dich und für die Zentrale, und es ist bezeichnend, daß wir deutsche Kommunisten in Moskau den Inhalt dieses Telegramms aus menschewistischen Zeitungen, aus der „Freiheit“ und der „Leipziger Volkszeitung‘, erfahren müssen.
Maslow. Wie kommt das in diese Zeitungen?
Neumann. Friesland hat es uns erzählt und heute steht es in der „Moskau“, wie das Material in die „Freiheit“ gekommen ist. Ich erkläre hier im Namen unserer Delegation, daß wir das nicht nachprüfen können, und zwar deswegen nicht, weil wir überhaupt von einem Telegramm, das an die Zentrale geht, nichts wissen können. Man müßte bei derartigen Behauptungen etwas vorsichtiger sein. Wir haben kein Interesse daran, daß derartiges Material in die Öffentlichkeit kommt. Man kann nur glauben, daß andere so was tun, um es uns anzuhängen und dann mit frommem Augenaufschlag zu sagen: „Ich danke dir, Gott, daß wir nicht so sind, wie andere Leute!“
Wenn hier von dem Gen. Friesland über die Aufrufe in der „Roten Fahne“ vor der Märzaktion gesprochen wurde, so habe ich dazu folgendes zu erklären: Als die Aufrufe der „Roten Fahne“ in der Aktionsausschußsitzung von Berlin- Brandenburg besprochen wurden, habe ich erklärt, ich freue mich darüber, daß endlich einmal ein frischerer Ton in der „Roten Fahne‘ herrscht. Man kann über die Stilart und über das, was in dem Aufruf stand, trotzdem anderer Meinung sein.
Friesland. Darauf kann ich mich nicht besinnen.
Neumann. Das weiß ich, auf unangenehme Dinge besinnst Du Dich nie. Ich erinnere daran, als die Frage der revolutionären Offensive ständig in die Massen hineingeworfen wurde, in den Versammlungen, wo diskutiert werden sollte über die Märzaktion, da war Gen. Maslow der Hauptverteidiger der Offensive, der ständig diese revolutionäre Offensive betonte. Und Gen. Friesland nahm keine Gelegenheit, gegen die Auffassung Maslows zu sprechen und diese revolutionäre Offensive in die Ecke zu werfen. Und, Genossen, als die Aktion vorüber war, da betonte man weiter die revolutionäre Offensive.
Wir erklärten, wenn das die revolutionäre Offensive ist, von der allgemein gesprochen wird, dann bedanken wir uns dafür. Über die Frage der Offensive wurde vorher in der Partei anders diskutiert, nämlich die Partei aktiv einstellen, zu Aktionen fähig machen, aber nicht blindwütig in die gestellten Fallen von Hörsing hineinspringen. Der theoretische Gen. Thalheimer hat eine Materialsammlung herausgegeben. In einem Artikel dieser Broschüre sagte Thalheimer folgendes: „Die Märzaktion als Einzelaktion betrachtet, darin haben unsere Gegner recht, wäre ein Verbrechen. Aber die Märzaktion als erstes Glied einer Kette von Aktionen, das ist die revolutionäre Offensive“ (Zuruf: Sehr richtig!) Wenn Sie schreien: sehr richtig, so bestätigt man das, was man in Berlin betont hat, diese Art Aktionen machen wir weiter. Aber Gen. Friesland sagte, Genossen, gebt doch Eure Fehler zu. Wir sind so unschuldig, und wenn man weiter sagt, man gibt selbst die Fehler zu, dann sage ich, das hat man erst auf Moskauer Boden gelernt und nicht in Berlin. Und ich werde das beweisen. In der Zentralausschußsitzung vom 7. April hatte die deutsche Zentrale und der Zentralausschuß genügend Gelegenheit, die Diskussion über die Märzaktion auf andere Bahnen zu treiben. Aber Ihr wißt doch genau, daß der Zentralausschuß nicht zugegeben hat, daß die Märzaktion in ihrer Einleitung und Durchführung ein Fehler war, daß im Zentralausschuß vielmehr dieser Fehler bestritten wurde und daß im Großen und Ganzen festgestellt wurde, daß die Märzaktion gut war. Und als ich drei Tage in Moskau war, da hörte ich zu meinem Erstaunen von den Mitgliedern der Zentrale: Was, die Märzaktion war ein Offensivkampf? das ist ja Unsinn, sie war ein Abwehrkampf. Ja, Gen. Radek, wenn die Märzaktion ein Abwehrkampf war, dann kommt die Diskussion über den bakunistischen Putsch überhaupt in ganz andere Bahnen. Und wenn Sie, Gen. Radek, als Fraktionsführer der deutschen Sektion das bestreiten, so will ich doch feststellen, daß man bei der Frage des Putsches einfach gesagt hat, das war von Brandler mit dem Sturz der Regierung nicht so gemeint. Der Zentralausschuß war bloß so dumm und hat das verkehrt verstanden, denn Gen. Brandler hätte es ganz richtig gemeint, etappenweise bis zum Sturz der Regierung. Ich will feststellen: in der deutschen Zentrale war schon am Mittwoch nach Ostern, also nach zwei Tagen, als der Kampf überhaupt erst wirken konnte, folgende Situation: der Gen. Franken von Rheinland-Westfalen kam nach Berlin und gab einen Bericht über den Stand der Bewegung, er verlangte den Abbruch. Da standen sofort die Gen. Brandler, Heckert, Thalheimer und Stöcker auf und sprachen auch für den Abbruch des Kampfes. Und als dann ein Mitglied der Zentrale aufsprang, mit der Faust auf den Tisch schlug und sagte, wir haben noch Steigerungen zu erwarten, in Ostpreußen und Pommern könnten die Landarbeiter streiken, außerdem sei allgemein eine aufsteigende Linie zu erwarten, fielen sie wieder um. In Mitteldeutschland, sagte das betreffende Mitglied der Zentrale, kommen wir über drei bis vier Tage hinweg. Wir halten die Bewegung im Schwebezustand und führen einen Bandenkrieg. Nach dieser Erklärung in der Zentrale waren die Gen. Heckert, Brandler, Thalheimer und Stöcker damit einverstanden, den Kampf weitergehen zu lassen. Gen. Thalheimer, der schon einen Entwurf zum Abbruch des Kampfes schreiben wollte, sagte: „Wir machen den Aufruf fertig, lassen ihn bis zum Abbruch des Kampfes noch ein paar Tage liegen.“ (Zuruf Thalheimers: Glatt erfunden!) Bitte sehr, Gen. Franken ist hier als Zeuge, der wird das, was ich behaupte, bestätigen. Aber, Genossen, wenn man in dieser Art einen Aufruf zum Abbruch des Kampfes schreibt, beweist man damit, daß man außerordentlich wenig Verbindung mit den Massen hat. Denn ich glaube sicher, daß es nicht geht, Aufrufe zum Abbruch eines Kampfes zu schreiben, sie ein paar Tage liegen zu lassen wie einen Käse, der je länger er liegt, in seiner Güte zunimmt.
Und wenn Sie sagen, wir haben jetzt in Moskau erklärt, daß der Kampf ein Schritt vorwärts wäre, Gen. Radek, ich habe verschiedene Abhandlungen von Rosa Luxemburg gelesen; sie stand auf dem Standpunkt, daß jeder Kampf der Arbeiter ein Schritt vorwärts sein kann, weil er nämlich den Kampfesgeist weckt. (Radek: Warum haben Sie das vergessen?) Aber wenn man sagt, die ganze Märzaktion war ein Schritt vorwärts, dann sage ich nein. (Zuruf: Da steht in unserem Abänderungsantrag die Märzaktion als „Kampf“ und nicht die „gesamte“ Märzaktion. Heiterkeit.) Ja, Genossen, das ist und bleibt ein Unterschied. Ich sage, die Märzaktion als Ganzes betrachtet, sie besteht nicht nur aus Kampf, sie besteht aus Einleitung, Durchführung, Abbruch. Es war kein Schritt vorwärts, sondern ein Rückfall. Gen. Radek, ich bin auch nur ein einfacher Prolet, keiner von den berüchtigten Thesenschustern, wie wir sie in Berlin haben, und deren hervorragender Vertreter, Gen. Maslow, ja hier ist. Ich betrachte alles vom praktischen und revolutionären Standpunkt und da sage ich nochmals: Die Märzaktion als Kampf bedeutet einen Schritt vorwärts, als Gesamtaktion einen verhängnisvollen Fehler.
Genossen, jetzt komme ich kurz zur Frage der Zukunft. Gen. Malzahn hat gestern hier erklärt, daß wir der Überzeugung sind, daß sich die Situation in Deutschland zuspitzt, weil die Ausführung der Sanktionen die deutschen Unternehmer zwingt, eine ungeheure Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiter durch Herabsetzung der Löhne, Verlängerung der Arbeitszeit vorzunehmen, wodurch wir noch mehr Arbeitslose bekommen werden usw. Da hat die Kommunistische Partei die Aufgabe, diese sich zuspitzende Situation soweit wie möglich auszunützen, die Massen vorwärts zu treiben, und nicht, wie Gen. Maslow sagt und worüber wir oft gestritten haben, jede Bewegung vorwärts zu treiben; sondern wir sagen: möglichst jede Bewegung. Aber wenn wir das wollen, dann müssen wir versuchen, die Industriegruppen zentral in den Kampf zu bringen und die Gewerkschaftsbürokratie vorwärtspeitschen, soweit es in unserer Kraft steht. Aber wenn diese Arbeit geschaffen werden soll, dann ist es notwendig, daß wir mit einem klaren grundsätzlichen Programm nach Hause fahren. Dazu ist es notwendig, daß dieser persönliche Kampf innerhalb der Partei, diese persönliche Gehässigkeit und dieses krankhafte Suchen nach Opportunisten unterbleibt. Und ich sage, wenn Malzahn und ich hierher gekommen sind, so gehört auch schon ein gewisser Mut dazu, hier vor dem Kongreß einen Standpunkt zu vertreten, wenn man weiß, daß die gesamte deutsche Delegation ihre Beziehungen ausnützt und versuchen wird, uns ins Unrecht zu setzen. (Lärm.) Aber wir haben uns gefreut, daß die Vertreter der Exekutive erkannt haben, warum es sich dreht, so daß wir sagen können, daß das Referat des Gen. Radek im allgemeinen der Situation in Deutschland entsprach, auch das Referat des Gen. Trotzki, die Reden der Gen. Lenin und Sinowjew. Und, Gen. Radek, wenn Sie Ihr gestriges Referat am 17. April in Deutschland gehalten hätten, dann hätte es die Broschüre Levis nicht gegeben. Aber man hat uns überall als Verbrecher bezeichnet, die nicht kämpfen wollen. Ich erkläre jeden Genossen, der hier noch einmal auftritt mit der Behauptung, wir wollten und wollen nicht kämpfen, ohne den Beweis für die Behauptung zu erbringen, für einen elenden Verleumder. Und wenn man hier Däumig anführt, ja Gen. Radek, der Brief von Däumig ist unterschrieben von Däumig, und der Brief von Neumann würde unterschrieben sein von Neumann. Aber Gen. Däumig wird seinen Brief verantworten. Mit dem Briefeschreiben ist es eine heikle Sache, denn ich habe auch keine Kontrolle darüber, was Gen. Friesland nach Moskau schreibt. Man soll die Briefe verteidigen lassen von denjenigen, die sie geschrieben haben und nicht von uns. Wenn es gelingt, die ganze Parteimisere und diese Zustände aus der Welt zu schaffen, und wenn wir die Partei kampfbereit machen können, so soll uns das freuen. Wir werden abwarten und arbeiten und verlangen das von jedem andern auch. (Beifall.)
Münzenberg. Genossen, ich hoffe, daß es nicht als Störung empfunden wird, wenn ich wieder einmal zu den Thesen und Abänderungsvorschlägen spreche, was ja seit gestern vormittag nicht der Fall ist. Genossen, wir haben uns in der Fraktion der Jugendinternationale mit dem Vorschlage der Russischen Partei wie auch mit den deutschen Abänderungsvorschlägen beschäftigt, und wir sind zu dem Ergebnis gelangt, daß wir in den grundsätzlichen Linien eines Sinnes sind mit den Vorschlägen der Russischen Partei, daß aber die Notwendigkeit unerläßlicher Korrekturen der Thesen, wie sie in den deutschen Vorschlägen angegeben sind, vorhanden ist, und daß wir eben deshalb im Prinzip den deutschen Abänderungsvorschlägen zustimmen.
Genossen, wir finden, daß in der jetzigen Formulierung und Fassung des russischen Vorschlages man allzustark mit Holzhämmern auf die Linke eingehauen hat, allzusanft und allzuweich aber die Fehler und Unterlassungen der sogenannten Rechten festgestellt hat. Und wir sehen nun in der Geschichte der proletarischen. Revolution in den letzten drei Jahren, daß die sogenannten linken Sünden und linken Dummheiten bei weitem nicht so viel Unheil und Verderben angerichtet haben, als ein Zehntel der Dummheiten der Rechten. Wir meinen, daß unbedingt Korrekturen stattfinden müssen. Ich glaube, Gen. Lenin hat Unrecht, wenn er die Sache so darzustellen sucht, als ob die Linke darauf ausginge, eine kleine Partei von wenigen Genossen zu bilden, die mit Handgranaten und Maschinengewehren Revolution machen würden, und die Rechte seien Genossen, die die Massenbewegung nach großen Grundsätzen der politischen Perspektive und mit musterhaften Aktionen bilden wollten. So sieht es in Wahrheit nicht aus. Alle jene Parteien, die man hier als böse Parteien verschrieen hat, wie die Französische und Tschechoslowakische und auch andere, verdienen die Kritik, die Gen. Lenin in seinen gestrigen Ausführungen so streng geübt hat, zum mindesten in denselben Maße. Zwar sagte gestern Gen. Burian, daß in der Tschechoslowakei in den Organisationsarbeiten und in den Gewerkschaftsarbeiten mehr geleistet wird als in Deutschland und bei den übrigen Parteien. Ich glaube, das stimmt nicht ganz. Gerade wir stehen auf der Grundlage der Aktivität der Partei und verstehen darunter Aktivität in der Propaganda, Aktivität in der Organisation. Freilich gehen wir noch weiter und erklären, es genügt nicht für eine kommunistische Partei und es ist auch ganz unmöglich, daß eine kommunistische Partei, die in Westeuropa tagtäglich in dem größten Kampf gegen die Zentristen und Sozialpatrioten steht, sich wesentlich auf die Propaganda beschränken kann, wenn sie nicht schon innerhalb einer kurzen Zeit ein völliges Fiasko bei den Massen erleiden soll. Die Probleme der Arbeitslosigkeit, der Kurzarbeiter, kurz Probleme, wie sie durch die Sanktionen ausgelöst wurden, genügen nicht, um uns, wie die Sozialpatrioten und U.S.P. im politischen Leben zu binden, sondern es ist auch notwendig, sie durch tatsächliche Aktionen zu ersetzen und zu unterstreichen. (Zustimmung.)
Niemand von uns hat verlangt, daß die Französische Partei bei der Mobilmachung des Jahrganges 1919 in die Revolution eintreten oder die Mobilisierung zwangsweise verhindern sollte. Unsere Forderung war, daß die Französische Partei durch eine scharfe Propaganda, durch Aktionen im Ausmaß der Kräfte, durch Kundgebungen, Demonstrationen, die sich vielleicht zu einem allgemeinen Streik entwickeln, versuchen sollte, die Krisis im Lande auszunutzen und auf diese Weise eventuell die Besetzung des Ruhrgebietes zu verhindern und im Endergebnis die schwere Stellung der Kommunistischen Partei in Deutschland zu unterstützen und dieser Partei beizustehen. Und ich möchte schon sagen, die heutigen Thesen und Reden, die bisher gehalten wurden gegen die sogenannte Linke, müßten mindestens in demselben Ausmaß, mit derselben Schärfe gegen die rechten Parteien zur Anwendung gebracht werden. Die Notwendigkeit der Massenpartei wird von uns nicht abgelehnt. Gen. Burian hat gestern ausgeführt, daß, wenn die Tschechoslowakische Partei will und die Rufe ertönen, dann folgen über eine Million.
Gen. Smeral, der ja zu Worte kommen wird, erklärt, daß man in der Tschechoslowakei, wenn man wollte, auch die Revolution machen könnte. Wir sagen folgendes: Es genügt nicht, daß man eine Massenbewegung, eine Massenpartei hat. Worin unterscheiden wir uns von den früheren Massenparteien ? Darin, daß wir erklären, daß unsere Massenpartei, unsere Massenbewegung revolutionär sein solle In diesem Sinne müssen unbedingt Ergänzungen in den Thesen vorgenommen werden. Gen. Lenin hat erklärt, die Thesen der russischen Genossen entspringen den Lebensbedürfnissen der ganzen Welt. Die Linke wird aber in den Thesen sehr streng kritisiert. Mit der Rechten geht man glimpflicher um. Recht liebenswürdig. Ich will nur ganz kurz den Teil der Thesen kritisieren, der sich mit der Französischen Partei und ihrer Politik beschäftigt. Da heißt es:
„Die Versuche revolutionär ungeduldiger und politisch unerfahrener Elemente, die die äußersten Methoden, die ihrem Wesen nach Methoden des entscheidenden revolutionären Aufstandes des Proletariats sind, bei einzelnen Fragen und Aufgaben anwenden wollen, enthalten Elemente des allergefährlichsten Abenteuertums und können im Falle ihrer Anwendung die wahrhaft revolutionäre Vorbereitung des Proletariats zur Eroberung der Macht auf lange Zeit vereiteln.“
Ich muß feststellen, daß in Frankreich niemand den Vorschlag machte, gegen die Mobilisierung mit der Revolution zu antworten. Was wollte die französische Jugend? Die französische Jugend forderte die Französische Partei auf, die kritische Situation gegen die französische Bourgeoisie und damit gegen den Imperialismus auszunutzen, und die Jugend hat zu Kundgebungen gegen die Mobilmachung gedrängt. Weil nun in einer Sitzung des Exekutivkomitees ein Vertreter der Jugend in etwas unglücklicher Weise diese Geschichte zur Sprache brachte, versucht man gegen die französische Jugend in den Thesen mit solchen Schlägen loszudreschen. Gegen diejenigen, die die schlimmste Abenteuerpolitik treiben, gegen die Rechte, geht man nicht in dieser strengen Weise vor. Das bedarf einer unbedingten Korrektur in den Thesen, indem auf die Gefahr von rechts zum mindesten in dem gleichen Maße hingewiesen wird. Wo ist denn die Gefahr von links, da ja nunmehr die K.A. P. D.-Frage liquidiert ist. Ich erinnere mich, daß wir auf dem II. Kongreß auf die Gefahren aufmerksam machten, die uns von rechts drohten. Gen. Lenin hat das nun in seinem Schlußwort der Linken als Verbrechen angekreidet. Die Gefahr von links ist absolut nicht in dem Maße vorhanden, wie im Vorjahre von rechts. Die Gefahr von rechts ist, wenn wir nur die Rede von Burian und das Verhalten Smerals und der Französischen Partei in Betracht ziehen, eine viel größere, und wir müssen deshalb fordern, daß diese Gefahr in gleich starkem Maße in den taktischen Linien genannt wird. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Das Wort hat Genosse Lukács; zu dieser Wortmeldung liegt eine Erklärung der Mehrheit der ungarischen Delegation vor, die feststellt, daß sie zu dieser Debatte keinen Redner stellt, und daß Gen. Lukács nur im Namen der Minderheit der ungarischen Delegation spricht. Die Minderheit der Delegation hat eine Erklärung eingereicht, die folgendermaßen lautet:
„In der gestrigen Sitzung des Kongresses verlas das Präsidium eine Erklärung der „Mehrheit“ der ungarischen Delegation, in der sich diese auf den Standpunkt der deutschen Abänderungsvorschläge gestellt hat. Diese Erklärung bedarf einiger Korrekturen. In den letzten Monaten entstanden in der K.P.U. Differenzen zwischen der Mehrheit des Zentralkomitees und zwischen Bela Kun und einigen seiner Anhänger. Auf Initiative des Zentralkomitees wurde die Frage dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale zur Entscheidung unterbreitet. Das Exekutivkomitee entschied, daß die Frage während des Kongresses erledigt werden solle. Da das Präsidium des Exekutivkomitees Bela Kun und seine Anhänger als selbständige Fraktion anerkannt hat, besteht die ungarische Delegation aus zwei Teilen. Außerdem wurden die mit beratender Stimme abgesandten Vertreter des Gebietes Pecs-Baranya ebenfalls Mitglieder dieser Delegation. Die zur Zeit dieser Entscheidung in Moskau weilenden Anhänger der Bela Kun-Gruppe bildeten eine numerische Majorität den Abgesandten der K.P.U. gegenüber. Diese haben gegen eine solche Zusammenstellung der Delegation nicht protestiert, weil eine Übereinkunft getroffen wurde, daß die beiden Fraktionen gleiche Stimmen besitzen. Unter solchen Umständen kann von einer Mehrheit der ungarischen Delegation nicht gesprochen werden.
Die unterzeichneten Delegierten der K.P.U. stehen prinzipiell auf dem Boden der russischen Thesen. Sie wollen aber‘ in der Kommission dahin wirken, daß die gegen Zentristen und Halbzentristen gerichteten Tendenzen nur die Betonung der Rolle der Partei in der Revolution, der Bedeutung der revolutionären Disziplin in einer jeden Mißdeutung ausschließenden Weise zum Ausdruck gelangen.
Vorsitzender der ungarischen Delegation:
Eugen Landler.
Johan Hirossik, Albert Király, Georg Lukács.
Lukács (K.P.U.). Genossen, die Vertreter der Kommunistischen Partei Ungarns, „Minderheitsfraktion“, die diese Erklärung abgegeben haben, stehen grundsätzlich auf dem Boden der Thesen, die die russische Partei eingereicht hat. Sie sind aber der Ansicht, daß es in diesen Thesen einzelne Stellen gibt, die, ohne zentristische oder halbzentristische Tendenzen zu unterstützen, doch geeignet sind, eventuell von diesen Richtungen als solche Tendenzen umgedeutet zu werden. Darum werden wir Abänderungsvorschläge in dieser Richtung machen und ähnliche Vorschläge unterstützen. Das bedeutet also nicht, daß wir alle bis jetzt vorliegenden Änderungsanträge mißbilligten, sondern bloß, daß wir uns ihnen nicht vollinhaltlich anschließen können.
Wir wollen hauptsächlich unseren Standpunkt in bezug auf die Rolle der Partei in der Revolution präzisieren. Das ist das wesentlichste Problem der Taktik, und es hängt wesentlich mit der Märzaktion zusammen. Es ist deshalb verständlich, daß sich fast alle Ausführungen hier in positiver und negativer Weise, zustimmend oder ablehnend um die Märzaktion gedreht haben. Es handelt sich aber bei der Märzaktion um zwei prinzipiell, theoretisch und auch taktisch unterscheidbare Dinge: 1. Das reale Wesen, das in der Märzaktion steckt, woraus wir zu lernen haben. 2. Wie die Märzaktion durchgeführt und von ihren Initiatoren begründet wurde. Es muß hier eine eigentümliche Erscheinung konstatiert werden. Während wir sonst beobachten konnten, daß putschistische Unternehmungen nachträglich marxistisch begründet wurden, wurde hier eine große revolutionäre Massenbewegung, die ein wesentlicher Schritt vorwärts war, so hingestellt, als ob es sich um einen Putsch gehandelt habe. Die theoretische Verirrung entsteht aus der Theorie, die um die Märzaktion gemacht wurde. Ich will einige Zitate aus dem Sammelband vorlesen, die die einseitige militärische und vollkommen putschistische Auffassung kennzeichnen, die aber mit der Märzaktion selber nichts zu tun hat. Es heißt an einer Stelle in dem Sammelband: „Wenn aber das Proletariat die Offensive ergreift, hat die Reaktion keine Zeit, diese verstreuten Massen zu bewaffnen und sie rechtzeitig zu sammeln.“
Wenn hier vom Gen. Pogány behauptet wird, daß die heutige Arbeitslosigkeit ökonomisch der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln in der Periode der ursprünglichen Akkumulation entspreche, so ist das ein vollkommener Unsinn. Der Arbeiter in dem Betrieb ist ökonomisch genau so von den Produktionsmitteln getrennt, wie der Arbeitslose. Der Geist dieser putschistischen Auffassung kommt am klarsten zum Ausdruck in folgender Stelle:
„Die Parole der Partei kann also nicht anders sein als: Offensive, Offensive um jeden Preis, mit allen Mitteln, in dieser Situation, in der sich ernste Möglichkeiten zum Erfolg bieten.“
(Pogany: Sie zitieren falsch.)
(Radek: Das steht in dem Artikel von Lukács in der „Internationale“.)
Lukács. Ich gehe weiter. Dieser selbe Artikel behauptet, daß es sich um eine Teilaktion gehandelt habe und in ihrem Ziel wird diese Teilaktion folgendermaßen bestimmt:
„Stellt sie doch das Endziel, nicht die Eroberung der Macht, sondern bloß die Entwaffnung der Bourgeoisie und die Bewaffnung des Proletariats auf.‘ Damit ist das wichtigste Problem, das in der Märzaktion steckt, vollkommen verdunkelt worden, denn worum handelt es sich in der Märzaktion? Was ist das Spezielle der Lage in Deutschland allen anderen’ Ländern gegenüber? Erstens, daß es in Deutschland eine Kommunistische Partei gibt, die eine viel gefestigtere Massenpartei ist als die Parteien anderer Länder. Daraus ergeben sich für diese Partei große Verpflichtungen. Auf der anderen Seite stehen die konterrevolutionären Arbeiterorganisationen. Die Thesen stellen die Gewerkschaften, die in den Händen einer konterrevolutionären Führerschaft sind, ungefähr auf die gleiche Linie mit den konterrevolutionären Arbeiterparteien, während die Funktion dieser Arbeiterparteien wesentlich anders und gefährlicher ist als die der konterrevolutionären Gewerkschaften. Dieser Unterschied drückt sich schon in unserer verschiedenen Stellung zu ihnen aus. Kurz gesagt: Wir wollen die Gewerkschaften den Händen der Sozialdemokraten und Zentristen entreißen, wir wollen aber die rechtsstehenden und zentristischen Parteien zertrümmern, vernichten. Es handelt sich also in beiden Fällen um etwas ganz anderes. Das Wesentliche des Unterschiedes steckt in der Wirkung. Die konterrevolutionäre Wirkung der Gewerkschaften spitzt sich in der Tendenz der Depolitisierung der Bewegung zu; sie machen die Arbeitermassen politisch desorganisiert, amorph. Dadurch können sie zwar sehr oft die Massen von spontanen Aktionen abhalten, ihre wichtigste Funktion besteht aber darin, die bereits ausgebrochenen Aktionen irrezuführen, zu sabotieren. Die konterrevolutionären Arbeiterparteien geben dagegen ihren Anhängern eine bestimmte, politisch klare reaktionäre Richtung. Dadurch vermögen sie selbst die Möglichkeit spontaner Massenaktionen zu unterbinden, selbst die Möglichkeit, daß das Proletariat in eine derartige Gärung gerät, die dann die Kommunistische Partei zur Weiterführung der Revolution benutzen kann. In Deutschland ist schon vor der Revolution eine gewisse Differenzierung in den Arbeiterparteien entstanden. Sie hat sich während der Revolution gefestigt, hat große Teile und ganz besonders die politisch interessiertesten aktivisiert, nicht nur im revolutionären Sinne, nicht nur in der Kommunistischen Partei, sondern auch in der U.S.P. und S.P.D. Diese Differenzierung hat sich in der letzten Zeit stark konsolidiert und ist ideologisch und organisatorisch in den Parteien festgelegt, während wir bei den bloß gewerkschaftlich organisierten Massen oder dort, wo die geistigen, taktischen Kämpfe noch nicht so tief gewirkt haben, keine derartig erstarrte Differenzierung bemerken. Wir sehen diesen Unterschied in einzelnen Gebieten, wo trotz der konterrevolutionären Gewerkschaften gewaltige spontane Aktionen ausbrechen können. Daraus entsteht das spezielle Problem, vor dem jetzt die V.K.P.D. steht.
Die Propaganda, selbst Aufrufe zu Aktionen können diesem Zwecke nicht genügen, weil man sich nicht mehr an eine amorphe politische Masse wendet, weil nicht bloß die Gewerkschaften da sind, die die Arbeiterschaft depolitisieren wollen, sondern konterrevolutionäre Arbeitsorganisationen mit bestimmten politischen Programmen. Hier mußte die V.K.P.D. mit Aktionen einsetzen, weil das organisatorische Losreißen dieser ideologisch festgelegten, politisch gebundenen Massen nur durch Initiativaktionen möglich ist. Hierzu sind die Teilaktionen da. Unter Teilaktionen können wir aber keineswegs solche Aktionen ansehen, deren Ziel etwa die Entwaffnung der Bourgeoisie und die Bewaffnung des Proletariats ist. Diese Parole muß uns am Ende des Kampfes als Ziel vor Augen stehen. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß die Bewegungen in die Bewaffnung des Proletariats auslaufen. Aber mit dieser Parole können wir heute die Aktionen nicht einleiten, weil die konterrevolutionär gewordenen Massen diesen Parolen nicht zugänglich sind. Wir müssen die Teilaktionen an die Tagesfragen anknüpfen; wir müssen dabei initiativ, also offensiv vorgehen, um die Arbeitermassen in Bewegung, in Gärung zu bringen; nicht nur durch Aufklärung, sondern durch Aktionen, durch das Handeln der V.K.P.D. Ist einmal diese Bewegung entstanden, sind die Massen von den konterrevolutionären Arbeiterorganisationen losgerissen, dann ist es möglich, mit anderen, weiter gestreckten Parolen zu kommen. Der große Fehler bestand darin, daß die Aktion mit eventuellen Schlußparolen begonnen hat und deshalb nicht erreichte, was erreicht werden konnte. Es war die falsche theoretische Einstellung eines Teiles der Führung der Partei, die das Problem nicht verstand, das hinter der Aktion steckt. In dieser Hinsicht werden wir Änderungsvorschläge machen, die wir Euch unterbreiten werden. (Lebhafter Beifall.)
Thalheimer (V.K.P.D.). Genossen, ich bin zunächst genötigt, einige einfache Tatsachen festzustellen, die sich noch auf die Märzaktion beziehen. Was die Wirkung der Märzaktion betrifft, so genügt es vielleicht, einige Tatsachen herauszugreifen. Wir haben heute die Führung der Arbeitslosenbewegung in Berlin in den Händen. Wir haben die Mehrheit im Arbeitslosenrat von Hamburg. Wir haben bei den Wahlen bei den Eisenbahnern in Berlin ungefähr 4900 Stimmen bekommen gegen etwas über 5000 Stimmen der U.S.P.D. und S.P.D. zusammen. Wir haben im Buchbinderverband die Mehrheit bekommen, wo die S.P.D. und U.S.P. zusammengingen; schließlich noch einige Tatsachen: Im Angestelltenverband wurde mit 69 gegen 63 Stimmen in der Funktionärversammlung beschlossen, die kommunistischen Funktionäre auszuschließen. Der Beschluß wurde am anderen Tage von dem Vorsitzenden Leipart zurückgenommen, da man nicht stark genug sei, um den Beschluß durchzuführen. Ähnliche Tatsachen liegen im Schiffszimmererverband vor. Ein Antrag gegen die Kommunisten wurde mit Dreiviertelmehrheit abgelehnt.
Zu den Ausführungen Neumanns einige Berichtigungen. Was er über das Telegramm wegen Anna Geyer mitgeteilt hat, stimmt. Ich habe nicht die Absicht, die Dinge irgendwie fallen zu lassen. Die Dinge liegen so, daß Anna Geyer unter grobem Vertrauensbruch ohne Protest innerhalb der Zentrale die Dinge mitgemacht hat und dann das Material an Paul Levi lieferte. (Pfui-Rufe.) Sie hat wiederholt gröbsten Disziplinbruch verübt, und es ist meine Meinung, daß eine Zentrale, die sich so auf der Nase herumtanzen ließe, nicht würdig wäre, die Partei zu leiten. Gen. Neumann hätte besser getan, darüber zu schweigen, daß die „Freiheit“ diese Dinge ausschlachtet, denn es erhebt sich dann unwillkürlich die Frage, wie kommen die Dinge in die „Freiheit“, und wem nützen sie in der „Freiheit“. (Lebhafte Zurufe.) Es wäre Vorsicht geboten, weil dies nicht der erste Fall gewesen ist.
Über den Abbruch der Bewegung verbreitet Neumann Angaben, die wir schon oft gehört haben, die aber dadurch nicht wahrer werden, daß man sie wiederholt. Er behauptet, die Mehrheit der Zentrale war für den Abbruch des Streiks und hat sich von Eberlein terrorisieren lassen. Ich habe hier das Protokoll vom 30. März. Nach diesem Protokoll hat Gen. Brandler dort ausgeführt:
„So einheitlich wie die Aktion begonnen, so einheitlich muß auch der Abbruch sein. Es scheint ein Mißverständnis darin vorzuliegen, daß meine Stellungnahme schon einen heutigen Abbruch besagt. Das ist nicht der Fall. Wenn die Beschlußfassung darüber erst in zwei bis drei Tagen merklich wird, so müssen wir uns aber doch heute schon darüber klar sein, um eine entsprechende Einstellung auch unseren Genossen und Bezirken gegenüber einzunehmen.“
Dann kommt der ‚„Theoretiker“ Thalheimer: „Bei der Majorität gegen den Abbruch bin ich nicht dagegen, noch ein oder zwei Tage diesen Genossen zu lassen, um auf dem schon heute eingenommenen Standpunkt gleicher Auffassung über die Notwendigkeit des Abbrechens der Bewegung zu sein, um einheitlich und geschlossen dies durchzuführen.“
Wir waren der Meinung, wenn auch starke Differenzen vorhanden waren, daß doch der Abbruch der Aktion von der Partei aus einheitlich vorzunehmen sei. (Radek: Sehr richtig!) Dann hat Neumann eine weitere Legende vorgetragen über einen Aufruf, der im vorhinein ausgearbeitet worden wäre. Ich brauche darüber nicht zu reden, denn das ist schon eine reine Legende.
Dann zur Abänderung der Thesen. Gen. Lenin ist mit der Energie, die wir an ihm bewundern, gegen die Anträge losgegangen, aber ich hatte den Eindruck, er habe mit großer Wucht offene Türen eingerannt. Der allgemeine Standpunkt der deutschen Delegation ist der, daß wir mit der Grundtendenz der Thesen einverstanden sind. Das drückt sich schon darin aus, daß wir keine besonderen Gegenthesen eingebracht haben. Wir sind aber der Meinung, daß in einer Reihe von Fällen die Akzente, das Schwergewicht verlegt werden muß, und zwar so, daß das Schwergewicht zwischen rechts und links zugunsten von Links verlegt werden muß, weil wir keine ernsthafte linke Gefahr in der Internationale sehen. Gen. Lenin hat ausgeführt, mit Rechts haben wir abgerechnet, man treibt weiter keinen Sport im Kampf gegen Rechts, es sei Zeit, ein anderes Kapitel anzufangen. Leider sind wir mit Rechts noch nicht fertig. Wir sind noch nicht einmal in der Russischen Partei so weit. Die Gesamtlage in der Internationale ist so und wird wahrscheinlich noch so bleiben, daß sowohl gegen rechte opportunistische Abirrungen wie gegen linke Abirrungen dauernd zu kämpfen sein wird. Die Frage ist, wo die größere und wo die geringere Gefahr ist. Gen. Lenin hat angeführt: Wir haben den Ausschluß Levis gebilligt, das ist eine politische Tatsache. Serrati steht außerhalb der Internationale, und das ist auch eine politische Tatsache. Wir haben der K.A.P. ein befristetes Ultimatum gestellt, und auch das ist eine politische Tatsache. Und wir haben in der italienischen Bewegung die antiparlamentarische Strömung besiegt, und das ist schließlich auch eine politische Tatsache. Wir kommen zu dem Schluß, daß die Gefahr von links nicht besonders hoch sein kann.
Dann die Grundtendenz der Abänderungen, die wir beantragen. Gen. Lenin hat als Grundtendenz herausgelesen, daß wir Bedenken haben gegen die Auffassung, daß große revolutionäre Massenparteien zu bilden seien und daß die Mehrheit der Arbeiterklasse, alle arbeitenden Schichten für den Kommunismus sein müssen, um den Ansturm gegen die bürgerliche Gesellschaft zu wagen. So liegen die Dinge aber nicht.
Die Auffassung, die die Deutsche Partei programmatisch vertrat und die sie praktisch vertreten hat, kann ich vielleicht ausführen, wie sie festgelegt ist schon im Programm des Spartakusbundes. Ich will diesen Abschnitt verlesen. Im Programm des Spartakusbundes, Ende 1918, hieß es: „Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in ganz Deutschland, nie anders als Kraft ihrer bewußten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes.“ Also, wir haben von vornherein nie programmatisch gegen die Stellung angekämpft, wir haben praktisch bewiesen, daß wir durchaus den Standpunkt teilen, der hier im Spartakusprogramm vertreten ist. Wir haben die Fassung kritisiert aus der Erwägung heraus, aus der Befürchtung heraus, daß diese Fassung opportunistischen Elementen Gelegenheit geben wird, eine rein zahlenmäßige Auffassung, eine rein statistische Auffassung über die Möglichkeiten des Kampfes zu entwickeln. Deshalb haben wir vorgeschlagen, „Mehrheit“ wegzunehmen und statt dessen zu setzen „Arbeiterklasse“ schlechtweg. Was besagt das? Es ist nicht weniger, sondern bedeutet mehr als die Hälfte der Arbeiterklasse. Und nun eine andere Stelle. Im Passus, der die Tschechoslowakei betrifft, haben wir nicht herausgestrichen, daß die Partei die Aufgabe hätte, noch größere Massen an sich heranzuziehen, sondern auch hier haben wir versucht, die Geschichte zu verlegen, eine Umstellung zu vollziehen, zu sagen, die Partei hat auch diese Aufgabe, aber sie hat vor allen Dingen die Aufgabe, die großen Massen, die sie hinter sich hat, kommunistisch zu schulen, propagandistisch auf sie zu wirken, sie in die kommenden Kämpfe hineinzuführen.
Das ist die Gesamtauffassung, die unseren Änderungen zugrunde liegt, eine Gesamtauffassung, die unserer Ansicht nach Berücksichtigung verdient, die berücksichtigt werden muß, wenn, wie es der Fall ist, eine Reihe von Parteien, eine Reihe von Delegationen sich uns anschließen. Der Genosse Lenin hat ganz richtig gesagt, die Thesen, wie sie vorliegen, sind ein Kompromiß, auf der Ebene des Kommunismus natürlich. Nun kommen eine Reihe weiterer Kräfte, die die Linie nicht aus der Ebene herausheben, sondern ihr eine Drehung geben wollen in dieser Ebene. Ich glaube deshalb, daß dieses Kräfteverhältnis im Endresultat unbedingt berücksichtigt werden muß. (Lebhafter Beifall.)
Clara Zetkin. Genossinnen und Genossen! Zuerst einige Feststellungen. Betreffend des Materials über die Wirkungen der Märzaktion, das von mir und meinen Freunden bekanntgegeben worden ist, habe ich folgendes zu erklären: Dieses Material ist uns übermittelt worden von den Revisoren der Partei. Da das Material trotzdem bestritten worden ist, habe ich das Ersuchen an die Exekutive gestellt, den einen oder den anderen dieser Revisoren mit den sachlichen Grundlagen ihres Revisionsergebnisses nach hier zu berufen, um das Material ganz einwandfrei und objektiv prüfen zu lassen. Es wird später noch etliches festgestellt werden, wie man das hier von der anderen Seite angeführte Material zu bewerten hat.
Es ist nicht meine Absicht, auf all die persönlichen Angriffe zu antworten, die seit gestern und schon vorher auf mich niedergeregnet sind. Zu einigen Behauptungen, die mir wichtig scheinen, habe ich eine schriftliche Erklärung zu Protokoll gegeben, die Sie am Ende der Sitzung hören werden. Zu einer anderen Behauptung habe ich gestern in einem Zwischenruf das Wichtigste gesagt, allerdings eins vergessen hinzuzufügen. Nämlich, daß Gen. Heckert sich über meine angebliche Mandatkleberei aus den Spalten der „Roten Fahne“ hätte unterrichten können. Dort war nach einer Rücksprache mit mir die Angelegenheit richtiggestellt worden, nachdem am Tage vorher die „Freiheit“ zu einem sehr durchsichtigen Zwecke ihren Lesern diese Ente aufgetischt hatte.
Über den Fall Levi und meine angebliche Schuld daran will ich hier nicht sprechen. In den Anklagen des Gen. Heckert habe ich gestern nur noch die eine Behauptung vermißt, daß Gen. Paul Levi gar nicht von seiner Mutter geboren worden sei, sondern daß ich das verfehmte schwefelgelbe politische Ungeheuer in die Welt gesetzt hätte (Heiterkeit). Für den Kongreß und damit auch für mich ist diese Seite der Sache mit dem Fall Levi beim Bericht der Exekutive — gegen unseren Widerspruch — erledigt worden. Freilich meine persönliche Ansicht ist, daß das letzte Wort dazu Paul Levi selbst sprechen wird, wenn er, wie ich hoffe, trotz allem als Kommunist auf einem grundsätzlichen Boden mit uns und in der gleichen Linie mit der Kommunistischen Partei auch in Zukunft arbeiten und kämpfen wird.
Genossinnen und Genossen! Es ist Ihnen dann hier erzählt worden, daß ich seit Gründung der Kommunistischen Partei überhaupt eine schwankende, unsichere Gestalt gewesen wäre. Ich stelle zu der Behauptung Etliches später in meiner Erklärung fest, will aber jetzt das eine bemerken. Über die Attestierung meiner Schwäche und Unzulänglichkeit durch den Genossen Heckert habe ich mich wesentlich getröstet gefühlt, als nach den Ausführungen des Genossen Lenin mir gestern klar geworden ist, welch treffliche Erzieher, welche starke Rückenstütze für Theorie und politische Praxis ich in den Mitgliedern der Zentrale der deutschen Kommunistischen Partei besitze.
Ich wehre mich dagegen, daß man hier einen Fall Zetkin konstruiert und nach dem Fall Levi einen Fall Zetkin behandelt. Es hat meines Dafürhaltens der grundsätzlichen Erörterung und Klärung der umstrittenen Frage in Deutschland und hier außerordentlich geschadet, daß statt des Bankrotts der revolutionären Offensivtheorie der Zentrale und ihres Rückzugs auf die nötige Defensive der Märzaktion, der Fall Levi breit erörtert worden ist. Ich möchte nicht dazu beitragen, daß nun ein Fall Zetkin für den Kongreß die gleiche Rolle weiter spielt.
Zur Sache selbst das folgende. Ich bekenne, ich spreche es rückhaltslos aus, daß ich nicht nur einen, sondern zwei Fehler gemacht habe, und zwar zwei große Fehler. Nämlich erstens, daß ich in der Märzaktion nicht scharf und klar genug die Aktion, den Kampf proletarischer Massen von der Leitung durch die Zentrale der Partei unterschieden habe. Zweitens, daß ich nicht scharf genug den sicherlich guten, ehrlichen Willen der Partei von der Propaganda zur Aktion fortzuschreiten, von der ganz unzulänglichen theoretischen und politischen Einstellung der Zentrale zu der Aktion getrennt habe. Sehen Sie, ich habe mich noch nie gescheut zu sagen, ich habe einen Fehler begangen und aus den Ereignissen gelernt.
Nun ist mir zwar vom Genossen Radek vorgeworfen worden: „Sie selbst haben ja auch von der revolutionären Offensive geredet und damit zum Entstehen der falschen Theorie beigetragen.“ Ja, Gen. Radek, es kann einem manchmal etwas passieren, woran man nie gedacht hat. Und wenn ich dadurch schuldig geworden sein soll, daß die falsche Theorie der Zentrale entstanden ist, weil ich von „revolutionärer Offensive“ geredet habe, dann sind Sie, Gen. Radek, mein Mitschuldiger. Denn Sie haben in der „Internationale“ am 15. März nach einer Charakterisierung der früheren Haltung der V.K.P.D. geschrieben: „Diese Tatsachen sind gewiß ein genügender Beweis dafür, wie schwer es einem Teil der führenden Genossen des Spartakusbundes wurde, aus der aufgezwungenen Defensive des Jahres 1919 zu der sich steigernden Offensive überzugehen, wie sie seit der Radikalisierung der Arbeitermassen der U.S.P. im Jahre 1920 möglich wurde.“ Genossen, ich finde mich betreffs der „revolutionären Offensive in Übereinstimmung mit dem Gen. Radek, aber er wie ich, wir haben mit den Worten „revolutionäre Offensive“ nicht das Gleiche gemeint, was der politischen Einstellung der Zentrale in dem kritischen Augenblick entsprach, sondern den Übergang zur höchsten gesteigerten Aktivität der Partei, die in engster Verbindung mit den Massen zur revolutionären Aktion führen mußte. Und in diesem Sinne bin ich bereit, noch heute den Ausdruck „revolutionäre Offensive“ zu gebrauchen, obgleich ich weiß, daß die Übertragung des Militärtechnischen auf das Politische, auf das Gebiet des Klassenkampfes nicht ganz zutrifft, sondern hinkt wie alle Vergleiche. Sachlich hat bereits Genosse Michalak das Nötige darüber trefflich gesagt. Für Proletarier gibt es nur revolutionären Kampf, weil die Defensive sofort in die Offensive und die Offensive sofort in die Defensive umschlägt. Und weder die eine noch die andere ist möglich ohne die stete, wegsichere Aktivität nicht nur der Partei, sondern der breitesten Massen außerhalb der Partei.
In diesem Sinne, Genossinnen und Genossen, habe ich von der Möglichkeit, ja mehr noch von der Notwendigkeit einer revolutionären Offensive gesprochen. Aber ich war zur geforderten Offensive ganz anders eingestellt wie die Zentrale. Ich habe genau die Bedingungen umgrenzt, die meiner Ansicht nach Voraussetzungen für eine solche Offensive waren. Das war zuerst der genaueste Überblick über die gesamte wirtschaftliche und politische Situation. Das war insbesondere auch Klarheit darüber, welche Position in dem gegebenen Augenblick die Gewerkschaftsführer und die Gewerkschaftsmitglieder einnehmen würden. Das war ferner die Notwendigkeit innigster, engster Fühlung der Partei mit den Massen. Weiter die Wahl von Kampfeszielen, merken Sie wohl auf, nicht von propagandistischen Sammlungsparolen der Kommunistischen Partei, sondern von konkreten Zielen des proletarischen Massenkampfes, die — ich möchte sagen — naturgegeben aus der Situation hervorwuchsen, von den breitesten Massen als Lebensnotwendigkeit empfunden wurden und deshalb deren Erkenntnis, Willen und höchste Energie zu entfesseln und zu beleben versprachen. Endlich auch die notwendige organisatorische Einstellung der Partei.
Meines Erachtens hat die revolutionäre Offensive, wie die Zentrale sie sich dachte, gegen diese elementarsten Vorbedingungen eines Vorstoßes gesündigt. Die Zentrale würdigte nicht die gesamte konkrete Situation, sondern ging von theoretischen Spekulationen über einseitig gesehene wirtschaftliche, politische Möglichkeiten aus, die nahe lagen, die eintreten konnten, denen aber auch wieder andere Tendenzen entgegenwirkten. Sie bewertete dann diese bestimmten Tendenzen des wirtschaftlichen und politischen Lebens als bereits verwirklichte Tatbestände und mehr noch: als solche Tatbestände. die bereits im Bewußtsein der Massen lebendig, willenskräftig geworden waren. Über dem, was möglich sein konnte, hatte man übersehen, was wirklich war. Man glaubte, die Situation durch einen Beschluß zwingen zu können, der in der Retorte von Parteiinstanzen fabriziert wurde, und der die sofortige Umstellung einer innerlich, politisch, geistig noch nicht vorbereiteten Parteimasse herbeiführen sollte. Das alles kam recht deutlich zum Ausdruck in der Hauptlosung: Sturz der Regierung. Es ist bestritten worden, daß sie gegeben wurde. Jedoch dafür liegen genug Beweise vor. Sie geht auch hervor aus der Reichstagsrede Frölichs, in der dieser den meines Dafürhaltens sehr kühnen Ausspruch tat, die historische Situation in Deutschland sei die gleiche, wie am Vorabend der Erklärung der Rätediktatur in Ungarn. Frölich schloss seine Rede damit: Wir rufen die Proletarier auf zum Kampf für den Sturz der Regierung. Gewiß, Sturz der Regierung! Ich wäre die Letzte, die davor zurückschrecken würde, ihn herbeizuführen. Aber es kamen damals nicht unsere Wünsche in Betracht, sondern ein Anderes: Erkannten in jenem Augenblick breiteste Massen den Sturz der Regierung als ihr nächstes, unmittelbares Kampfziel?
(Der Vorsitzende klingelt zum Zeichen, daß die Redezeit abgelaufen sei.)
Genossen, ich frage an, ob ich etwas länger sprechen darf. Ich bin hier so viel verprügelt worden, daß ich unmöglich in zehn Minuten darauf antworten kann.
Sinowjew. Ich schlage vor, der Gen. Zetkin noch eine Viertelstunde Redezeit zu gewähren. (Zustimmung.)
Zetkin (fortfahrend). Genossinnen und Genossen, ich will kurz zusammenfassen. Meiner Ansicht nach war die Einstellung... .
Vaughan. Ich bin gegen die Verlängerung der Redezeit.
Zetkin. Dann stelle ich fest, daß es mir unmöglich gewesen ist, meine Auffassung zu vertreten.
Vors. Koenen. Erhebt sich Widerspruch gegen die Verlängerung der Redezeit? Ich lasse abstimmen, ob die Genossin Zetkin nach dem Vorschlag des Präsidiums noch eine Viertelstunde Redezeit bekommen soll.
Der Antrag wird angenommen.
Vors. Koenen. Gen. Zetkin darf also noch eine Viertelstunde reden.
Zetkin (fortfahrend). Genossinnen und Genossen, meine Auffassung ist diese: Weil die Zentrale eine irrige politische Einstellung zu der revolutionären Offensive hatte, kam sie zu einer falschen Einstellung zu dem Märzkampf, und war sie außerstande, die Märzaktion so durchzuführen, wie es notwendig gewesen wäre. Wie das geschehen mußte, hat Gen. Radek geschildert. Ich will nicht darauf eingehen, ich hebe nur das hervor, was meine Auffassung der Dinge von diesen Ausführungen unterscheidet. Meiner Ansicht nach waren die Fehler der Märzaktion nicht Fehler wie sie bei jedem Kampfe vorkommen und zum Teil unvermeidlich sind. Sondern die Fehler waren organisch begründet in der irrigen "Theorie von der Offensive selbst. Und die Klärung der Streitfrage wäre viel leichter und schmerzloser gewesen, wenn die Verteidiger der revolutionären Offensive in eine unbefangene Kritik und Prüfung der Aktion eingetreten wären. Was geschah statt dessen? In der „Roten Fahne“ erschien an Stelle objektiver, ruhiger Kritik der Bewegung eine einseitige und tendenziöse Verherrlichung und Rechtfertigung. Und das nicht etwa des Märzkampfes als Abwehraktion proletarischer Massen, sondern der meines Dafürhaltens irreführenden, schädlichen Theorie. Es wurde erklärt, diese Theorie muß maßgebend sein für die Aktivisierung der Partei und der Massen für die künftigen revolutionären Kämpfe. In dem Sammelband der Zentrale „Taktik und Organisation der revolutionären Offensive“ heißt es ausdrücklich: „Die Märzaktion als Einzelhandlung der Partei wäre, — soweit haben unsere Gegner recht — ein Verbrechen am Proletariat. Die Märzoffensive als Einleitung einer Reihe von sich steigernden Aktionen ist eine erlösende Tat.“
Sehen Sie, Genossen, aus dieser Situation heraus entstand in Deutschland die heiße, leidenschaftliche Atmosphäre der Kritik und Auseinandersetzung über die Frage.
Thalheimer. Das Buch kenne ich ja garnicht.
Zetkin. Das ist nicht veröffentlicht worden. Die Lobpreisung der Theorie der revolutionären Theorie hat in der „Roten Fahne“ Tag für Tag gestanden. Der Kampf gegen sie und ihre angelobte Praxis ist herausgewachsen aus dieser bangen Sorge. Wenn die künftig notwendigen Aktionen, die eine Frage von Leben und Tod für die Partei sind, nach dem gleichen Schema der neuen Theorie weitergeführt werden sollten, dann geht die Partei daran zugrunde und das revolutionäre Proletariat Deutschlands verliert damit die notwendige Führung.
Ich muß hier noch eines feststellen. Unsere Überzeugung ist, daß die falsche Theorie von der revolutionären Offensive, die in den Thesen unserer russischen Freunde verurteilt wird, nicht die Folge, sondern der Ausgangspunkt der Praxis war, daß die Märzaktion, die Art und Weise ihrer Durchführung die erste praktische Probe aufs Exempel dieser Theorie war. Aus dieser Überzeugung heraus ist unser Abänderungsantrag zu dem entsprechenden Abschnitt der Thesen zur Taktik gestellt worden. Und noch in einem unterscheidet sich unsere Auffassung von der unserer russischen Freunde. Ich spreche diese unsere Auffassung unumwunden aus, obgleich ich dabei auf schärfsten Widerstand stoßen werde. Ich und viele Genossen in Deutschland und in andern Ländern stehen grundsätzlich auf dem Boden, daß die Kritik an den Fehlern und Irrtümern der Partei nicht beschränkt werden darf auf die Parteiorganisationen; auf die Parteiorgane. Diese Kritik gehört hinaus in die breiteste Öffentlichkeit und vor die Massen selbst. Wir verstehen die andere Auffassung unserer russischen Freunde aus der Geschichte der Partei, aus der Situation in Rußland. Bei uns in Westeuropa liegen die Verhältnisse jedoch anders. Nehmen Sie an, wir kommen in eine Massenversammlung, und die Scheidemänner und Dittmänner greifen uns an und fragen: „Wie stehst du zu dieser oder jener Handlung deiner Partei?“ Wollten wir dann erklären, darüber diskutiere ich nur mit Leuten, die durch Mitgliedsbuch ihre Zugehörigkeit zu unserer Partei ausweisen können, so würden wir uns in der Öffentlichkeit einfach unmöglich machen. Aber noch ein Wichtigeres. Unsere Arbeiter selbst würden sich das nicht bieten lassen. Sie verlangen, daß man über die Fehler und Schwächen der Partei offen diskutiert, weil solche Auseinandersetzungen, wenn sie sachlich gehalten werden, Erziehung und Aufklärung für sie sind. Die Proletarier haben noch ein anderes Recht darauf. Sie müssen mit ihren Opfern, mit ihrer Freiheit, mit ihrem Leben für unsere Politik und für ihre Irrtümer zahlen. (Zustimmung.)
Was die hier vorgelegten Thesen zur Taktik anbetrifft, so bin ich der Ansicht, daß manche Stellen noch schärferer Formulierung bedürfen, daß der Wille zum Kampfe, zum kräftigen Vorstoß noch deutlicher, kräftiger ausgesprochen werden muß. Das sind aber kleine stilistische Korrekturen für die Redaktionskommission. Ich halte es sachlich für wichtig, daß auf Seite 16 ein Absatz eingefügt wird. Nämlich ein Passus, der die Parteien von Frankreich, Deutschland, Belgien und Luxemburg verpflichtet, planmäßig und dauernd zusammenzuarbeiten,. um die Arbeitermassen in den großen Westzentren der Kohlen- und Erzgewinnung von Mitteleuropa für den revolutionären Kampf zu mobilisieren. Und die entsprechende Verpflichtung soll auch gelten für das Zusammenwirken unserer kommunistischen Parteien in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei, in dem östlichen Zentrum der Kohlen- und Erzproduktion von Mitteleuropa. Ich glaube, das sind Forderungen, die sich von selbst begründen und über die ich hier nicht zu sprechen brauche. Ich kann die Begründung in der Kommission geben.
Ich will damit schließen, daß meiner Auffassung nach es sich nicht darum handeln darf, Personen miteinander zu versöhnen, Vertuschungspolitik zu treiben. Wir alle sind persönlich ein Nichts vor der Revolution. Es handelt sich darum, den grundsätzlichen Boden zu schaffen, auf dem die Kommunistische Partei Deutschlands den gewaltigen Zukunftsschlachten entgegensehen kann. Dieser grundsätzliche Boden wird meines Dafürhaltens geschaffen durch die Thesen Trotzkis, durch die Thesen des Genossen Radek. Beide gehören zusammen, sind ein untrennbares Ganze. Sie enthalten zusammen die gewaltige Aufforderung an die Proletarier aller Länder: Wie immer die Situation sein mag, Ihr seid zur Aufbringung der äußersten Energie, zum revolutionären Kampfe verpflichtet. Die Thesen vereint, als Ganzes rufen allen Kommunistischen Parteien zu: Ihr müßt Eurer Taktik die nötige Elastizität bewahren, um für alle Situationen gerüstet zu sein. Ihr müßt die Vorstoßkraft gewinnen, um in jeden Augenblick den Endkampf aufnehmen zu können, denn wir wissen nicht, ob nicht irgendwelche Ereignisse ihn herbeiführen, wie der Dieb in der Nacht kommt. Ihr müßt aber auch die Tragkraft bewahren, um auszuhalten, wenn der Endkampf noch nicht so rasch naht. Ich begrüße es, daß die Thesen, die sich zusammenschließen zur Einheit, hervorgegangen sind aus den Reihen unserer russischen Genossen, daß sie getragen sind von ihrer theoretischen Einsicht und vor allem von ihrer revolutionären Erfahrung. Wir verdanken unseren russischen Brüdern, wir verdanken dem russischen Proletariat mehr noch als bloß die Erkenntnis der Methoden und der Wege des Kampfes in dieser Periode, wo die alte Welt in dem Wettern und Flammen der Weltrevolution zugrunde geht. Wir verdanken unseren russischen Brüdern vor allen Dingen auch daß ihr Beispiel gezeigt hat, welche wichtige, welche zuletzt entscheidende Kraft und Macht im revolutionären Kampf der Wille ist. Ein Wille, der mit klarem Blick alle konkreten Möglichkeiten erfaßt, ein Wille, der dabei unverrückbar auf das Endziel gerichtet ist oder richtiger: auf die nächste Etappe des Zieles: die Eroberung der politischen Macht und die Aufrichtung der proletarischen Rätediktatur, als das große Tor, durch das die Weltrevolution schreitet. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vaillant-Couturier (K.P.F.). Genossen, es ist eigentlich zu bedauern, daß man in den Debatten, die ausschließlich dem Bericht des Gen. Radek gelten sollten, die Leitsätze über die Taktik und den Bericht des Gen. Radek durcheinandergemischt hat. Dies hat zu einer gewissen Verwirrung geführt. Ich möchte Euch nun den Standpunkt der französischen Delegation in bezug auf Radeks Bericht, wie auch auf die Leitsätze im allgemeinen darlegen.
Die französische Delegation ist mit den von der Kommunistischen Partei Rußlands beantragten Leitsätzen im Großen und Ganzen einverstanden. Sie möchte bloß einige Abänderungen an einzelnen Punkten vorgenommen, gewisse Fragen der Form geregelt wissen. Sie möchte vorschlagen, daß einige Tatsachen, die ganz aus dem Auge gelassen wurden, behandelt werden. Die Kommission wird sich mit diesen Fragen beschäftigen müssen, sobald sie zusammentritt.
Es erscheint der Französischen Partei wünschenswert, daß der Absatz, der sich auf den Parlamentarismus bezieht, etwas präziser formuliert werde. Ich will meine persönlichen Ansichten ganz aus dem Spiel lassen und hier nur mit möglichst großer Objektivität den Standpunkt der französischen Delegation darlegen.
In bezug auf den Parlamentarismus wäre es übrigens wünschenswert, daß man unsere Genossen im Parlament genauer instruiere. Ihr kennt die Gefahr, die die parlamentarischen Höflichkeitsformen in Frankreich, und die Gewohnheiten, die sich im französischen Parlament eingebürgert haben, in sich bergen. Ihr erwähnt ja selbst, daß unsere Genossen im Parlament sich leicht einen gewissen Unfug zu Schulden kommen lassen. Es ist daher notwendig, unseren Standpunkt in dieser Angelegenheit in der Kommission klarzulegen.
Was die sogenannte Frage der Linken anbelangt, die in den Leitsätzen mit voller Strenge behandelt wird, so sind wir uns darüber einig, daß man in unserer Partei bis jetzt noch nicht von der Existenz einer Linken mit einer eigenen Doktrin sprechen kann. Alles, was wir sagen können, ist, daß es in unserer Partei — wie Ihr wißt — gewisse zentristische Tendenzen gibt. Wir sind eine sozialdemokratische Partei — ich muß es sagen, obgleich ich dem Gen. Radek für seine spöttischen Redensarten keine Komplimente machen will — und zwar eine alte sozialdemokratische Partei, die jetzt dem Kommunismus entgegengeht. Es herrscht jedoch ein gewisser Geist in unserer Partei, der uns ein wenig zurückhält. Gewisse Elemente, die zu unserer Mehrheit gehören, werden zur sogenannten Linken hingezogen; die Leitsätze sprechen in bezug auf diese Elemente von Abenteuertum.
Unserer Ansicht nach muß man der Rechten einen starken Faustschlag versetzen; andererseits aber könnte der Linken ein freundschaftlicher, jedoch harter Klaps auch nicht schaden.
Genossen, auf die Ereignisse, die in den Leitsätzen erwähnt sind, d. h. die Rekrutierung des Jahrgangs 19 usw., will ich nicht mehr zurückkommen. Der Text ist hier recht undeutlich gehalten. In der Frage der Luxemburger Ereignisse besteht meiner Ansicht nach ein Mißverständnis. Wie Gen. Overstraaten gesagt hat, existiert diese Frage überhaupt nicht.
Die deutschen Leitsätze, die mir zu Augen kamen, enthalten in bezug auf Frankreich eine Ungenauigkeit. Sie führen einzelne Tatsachen an, lassen sich aber in bezug auf die Krise der Reparationsfrage eine Ungenauigkeit zu Schulden kommen. Wir, die alte Mehrheit der Partei, wünschen nun unseren Standpunkt hierüber klarzulegen. Unserer Ansicht nach handelt es sich nicht nur um gerechte Ansprüche, wie der deutsche Text es ausdrückt; wir waren bestrebt, uns mit den deutschen Genossen hierüber zu verständigen, und wir haben uns auf den Standpunkt gestellt, daß hier von einer Reparationsfrage nicht die Rede sein kann; es handelt sich vielmehr darum, die Revolution zu machen und sie zum Siege zu führen.
Es wird dem französischen und dem deutschen Kapital nicht gelingen, uns irgend etwas zu erwidern, das uns veranlassen könnte, die Reparationsfrage aufzuwerfen.
Wir haben hier viele Reden gehört. Ich, der ich deutsch zu lernen wünsche, bin von diesen deutschen Reden entzückt. Es wurde viel über die Märzaktion gesprochen. Dies ist zweifelsohne eine grundlegende, überaus wichtige Frage. Trotzdem sollte man ein wenig anders vorgehen. Wir würden dann eher die Möglichkeit gewinnen, gewissen Fragen auf den Grund zu gehen. Dies ist meine persönliche Ansicht.
Das französische Proletariat hat die Märzereignisse mit angespanntem Interesse verfolgt. Wir ehren das Andenken der kämpfenden Arbeiter, die während der Märzaktion gefallen sind. Gewiß, es wurden Fehler begangen; man kann aus diesen Kämpfen, wie auch aus der Doktrine, von der man bei der Vorbereitung der Kämpfe ausging, wichtige Lehren ziehen. Übrigens kann man aus jedem Kampf, aus jeder Schlacht Lehren ziehen. Was speziell den Fall Levi anbetrifft, so ist der Zwischenfall — wie bereits gesagt wurde — durch den Beschluß der Exekutive erledigt.
Bei der Behandlung der Leitsätze komme ich zum Schluß noch einmal auf Frankreich zurück. Die Leitsätze führen aus, daß Frankreich eine Kolonialmacht ist. Sie enthalten eine Mahnung an die Französische Partei, sich ihrer Aufgaben in bezug auf die farbigen Truppen zu erinnern. Ich meinerseits hätte gewünscht, daß man gerade die Kolonialfrage in den Leitsätzen aufrolle und eingehend behandle. In Anbetracht der Thesen des Zweiten Kongresses ist es wohl notwendig, auf die Kolonialfrage näher einzugehen und folgendes im Auge zu behalten: Wenn wir auch weit davon entfernt sind, mit gewissen Elementen, die zu gewissen, längst nicht kommunistischen Zwecken im Nahen oder im Fernen Osten Bewegungen hervorrufen, einig zu sein, oder wenn wir mit diesen Elementen überhaupt nicht einig sind, so ist es doch unsere Aufgabe, sie in ihrem Kampf gegen den Weltimperialismus mit aller Kraft zu unterstützen, und die Aufgabe der Internationale, ihnen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Wir haben in diesen unterdrückten Völkern, die unter dem doppelten Joch ihrer Kapitalisten und ihrer Großgrundbesitzer einerseits und der westlichen Großkapitalisten andererseits stöhnen, große Hoffnungen erweckt. Wir dürfen ihnen nicht den Eindruck geben, daß man sie verlassen hat; wir müssen ihnen tatsächlich mit unserer ganzen Kraft beistehen.
Genossen! Gen. Radek behandelt in seinem Referat die Frage der internationalen Beziehungen und des Zusammenschlusses der Kräfte, In dieser Hinsicht wollen wir hoffen — ich wende mich hier an die deutschen Genossen, weil es mit ihnen zu einem Mißverständnis kam — daß die Verbindung mit den großen Parteien in den Nachbarstaaten sich immer wirksamer gestalten wird. Denn dem Mißverständnis lag gerade die Tatsache zugrunde, daß wir mit den anderen Parteien nicht häufig genug verkehrten, nicht genügend enge Beziehungen zu ihnen unterhielten. Dies ist wohl aber nur eine vorübergehende Erscheinung. Wenn wir sie beseitigt haben, werden wir desto besser für das Wohl der Revolution arbeiten können.
Was die Kommunistische Internationale anbelangt, so sind wir wohl alle damit einverstanden, daß sie große internationale Kundgebungen organisiere. Wir erlangen dadurch die Möglichkeit, die bürgerliche Welt durch die Tat von der Lebensfähigkeit und der Kraft der Kommunistischen Internationale zu überzeugen.
Endlich glaube ich auch, daß wir alle damit einverstanden sind, daß die Internationale durch die Wahl von Agenten für die großen Parteien diesen die ernste, durchdachte, strenge Arbeit der Internationale vor Augen führe.
Zum Schluß muß ich sagen, daß wir vollkommen einverstanden sind mit dem Inhalt der Leitsätze, die ausführen, daß die Internationale eine Internationale der kommunistischen Tat und nicht der Phrasen und Theorie sein muß. Wir treten jetzt in Frankreich in eine Periode der Verfolgungen ein. Bis jetzt beschränkte die Bourgeoisie sich auf Teilaktionen, auf kleine Angriffe gegen diese oder jene revolutionäre Gruppe. Mit Hilfe der Gesetze, die eben im Parlament ausgearbeitet werden, mit Hilfe von Gesetzen, die sie in Zukunft herauszugeben beabsichtigt, bereitet die Bourgeoisie eine große Generaloffensive vor. Deshalb ist es meiner Meinung nach unsere Pflicht. in Frankreich alle unsere Kräfte zu sammeln, auch diejenigen, die man als Linke bezeichnet, denn sie können uns, vorausgesetzt, daß wir sie in Disziplin halten, bei der Aktion gute Dienste leisten, (Trotzki: Einverstanden!) und auch diejenigen, die noch gestern zur Rechten gehörten, sich aber von der immer steigernden Notwendigkeit Rechenschaft ablegen, ein gemeinsames Feld für die Agitation und die Propaganda zu finden, um in geschlossenen, disziplinierten Reihen bis zum Siege vorzugehen. (Lebhafter Beifall.)
Bell (K.P.E.). Genossen! Auf diesem Kongreß ist den Angelegenheiten der Deutschen Partei meiner Ansicht nach zu viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Es mag zwar nützlich sein, aus den Mißgriffen der Deutschen Partei und aus ihren Erfahrungen im allgemeinen Lehren zu ziehen. Ich hoffe jedoch, daß Gen. Radek sich in seiner Antwort nicht ausschließlich den deutschen Angelegenheiten widmen, sondern im Auge behalten wird, daß die anglosächsischen und die übrigen Länder ebenso großes Interesse darbieten und in der Frage der Taktik sowie der allgemeinen internationalen Politik ungeduldig auf die Führung der Internationale warten. Gen. Bucharin sagte gestern abend, daß die Frage der Massenaktion, oder vielmehr der Streit darüber, ob es eine „offensive oder eine defensive“ Aktion sein solle, veraltet sei. Ich bin geneigt, dem Zwischenruf des Gen. Trotzki beizustimmen, als er sagte, wir sollten in die Leitsätze eintragen, „daß derjenige, der Diese Sache nicht ernst nimmt, ein Esel sei.“ Es gibt wohl noch so manchen Kommunisten, noch so manches Mitglied in der Kommunistischen Internationale, dessen Ohren ein wenig zu lang geraten sind; es ist daher notwendig, daß wir uns ein für allemal darüber klar werden, was wir unter Massenorganisation, unter Massenpartei verstehen. Die Frage ist auf diesem Kongreß noch längst nicht gründlich genug durchgekaut worden. Es ist längst nicht genug klar gemacht worden, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Massenparteien sprechen. Dies bezieht sich namentlich auf England und Amerika, wo wir bis jetzt leider noch keine Massenorganisationen oder Massenparteien hatten. Von besonders großer Bedeutung ist die Frage für die anglosächsischen Länder, und ich muß sagen, daß die Kommunistische Partei Groß-Britanniens mit den Leitsätzen, die hier vorgeschlagen wurden, im wesentlichen einverstanden ist. Die Kommunistische Partei Groß-Britanniens weiß sehr wohl, daß die internationale kommunistische Bewegung auf der Grundlage des Sektierertums nicht siegen kann; daß diese Bewegung immer mehr um sich greifen und immer breitere Schichten der Arbeitermassen umspannen muß, die noch nicht alle Grundsätze der Partei, noch nicht alle Doktrinen des Kommunismus anerkennen. Es hat in England eine bedeutende Anzahl solcher sektiererischer Gruppen gegeben, die zweifelsohne wertvolle Propaganda und erzieherische Arbeit geleistet haben, denen es jedoch nie gelang, die Arbeiter gründlich in die Hand zu bekommen. Wir müssen nun endlich einsehen, daß wir uns nicht mehr auf Erziehungs- und Propagandaarbeit allein beschränken dürfen. Wir sind nun in das Stadium des Kampfes um die Machtergreifung in der ganzen Welt eingetreten. Wir müssen unsere Erziehungsarbeit im Einklang mit den Anforderungen entwickeln, die der Kampf um die Macht an uns stellt. Nur in dem Falle, wenn unsere Arbeit in der Richtung entwickelt wird, daß sie uns den Weg zum Siege ebnet, ist sie überhaupt von irgendwelchem Wert. Diese Frage interessiert uns in England besonders, weil England das klassische Land des Kompromisses ist. Die britische Bourgeoisie ist die klassische Vertreterin des Kompromisses in der Weltgeschichte, und die Labour Party ist par excellence eine opportunistisch-kompromißlerische Organisation. Die Kommunistische Partei Groß-Britanniens hat nach beiden Seiten hin zu lernen. Wir haben das Sektierertum und seine Ergebnisse gesehen. Wir haben auch den Opportunismus der Labour Party kennengelernt. Die Kommunistische Partei Groß-Britanniens ist bestrebt, einen Mittelweg zwischen der erstarrten Doktrin des linken Flügels und der Geschmeidigkeit der Labour Party einzuschlagen, einer Elastizität, die ihrem Wesen nach nichts anderes als reiner bürgerlicher Opportunismus ist.
Ich muß unsere ultrarevolutionären Delegierten hier darauf aufmerksam machen, daß ihre Methoden wohl den Bedürfnissen ihrer eigenen Organisation entsprechen und die Reinheit ihrer Grundsätze gewährleisten mögen; sie müssen jedoch verstehen lernen, daß solche Methode ihnen in England nie zu der Führerschaft und dem Einfluß über die Arbeitermassen verhelfen werden, die für die Entwicklung unserer revolutionären Bewegung durchaus notwendig sind. Ich muß ferner hervorheben, daß es für uns zwecklos wäre, zu sehr nach rechts zu steuern und den Opportunisten in dieser Richtung zu folgen. Wir dürfen uns von der Idee einer Massenpartei als einer bloßen zahlenmäßigen Anhäufung nicht fortreißen lassen; denn wir könnten sonst eines unschönen Tages die Entdeckung machen, daß wir es mit einer großen Anzahl von Opportunisten zu tun haben, die gegenwärtig auf Rechnung der Arbeiterbewegungen leben. Die Kommunistische Partei Groß- Britanniens hat den Beschluß der Exekutive in der tschechoslowakischen, der italienischen und der französischen Frage unterstützt. Unserer Ansicht nach dürfen wir es getrost dem größten Teil der Arbeiter überlassen, die Smeral, die Turati, die Serrati und alle übrigen Anhänger der II. Internationale selbst ausfindig zu machen. Wir dürfen auf ihren gesunden Menschenverstand bauen; sie werden ihre Opportunisten schon entlarven. Die Kommunistische Internationale darf diese Frage getrost den Arbeitern überlassen.
Die Kommunistische Partei Groß-Britanniens hat die Internationale in diesen drei Fragen deshalb unterstützt, weil wir überzeugt sind, daß die Logik der Ereignisse in dem gegenwärtigen Kampf, die Arbeitermassen das Nötige lehren und uns die Möglichkeit geben wird, die Bewegung von den Smeral, den Levi, den Serrati und den Turati zu säubern.
Unsere Freunde von der Linken befürchten, daß die Partei, falls wir sie zu einer Massenpartei gestalten sollten, sich allzu sehr auswachsen und im wesentlichen eine Partei des Opportunismus ohne jede revolutionäre Begeisterung werden könne. Wir müssen uns nun ein für allemal klarmachen, wie wir am besten verhindern können, daß unsere Bewegung zu sehr nach rechts oder nach links abschwenke. Man hat uns gefragt, welche Probe wir zu diesem Zweck anstellen wollen. Wir besitzen einen vortrefflichen Prüfstein. Wir urteilen nicht danach, ob man Dogmen, Theorien, Formeln oder Doktrinen anerkennt, ob man abstrakte Leitsätze aufstellt und schöne Artikel schreibt, wie Levi und andere bürgerliche Intellektuelle es taten. Der Prüfstein, dessen wir uns bedienen, ist die Tat. Sie gestattet uns, die Opportunisten, die sich durch die Arbeitermassen hindurch in unsere Organisation einschleichen, leicht ausfindig zu machen. So wurde Levi entlarvt. Hätte es keine Märzaktion gegeben, so wäre Levi möglicherweise heute wieder hier und würde eine große Rolle unter uns spielen. Das gleiche bezieht sich auf die Tschechoslowakei; sie behaupten, daß sie einen riesigen Einfluß auf die Massen ausüben können, jedoch von ihren Führern zurückgehalten werden. Genau so liegen auch die Dinge in der italienischen Sektion. Der Prüfstein der Tat zeigt nicht nur, wer Opportunist ist, sondern auch wer unter den Führern zu sehr nach links neigt. Was diese Frage anbelangt, so birgt die Linke meiner Ansicht nach weniger Gefahr in sich als die Rechte.
Ich komme nun auf England zu sprechen. In den Leitsätzen ist der Absatz, der sich auf England bezieht, im englischen Text recht unklar. Der betreffende Absatz soll wohl heißen: „Auch der englischen kommunistischen Bewegung ist es noch nicht gelungen, trotz der Konzentration ihrer Kräfte in eine einheitliche Kommunistische Partei, zur Massenpartei zu werden.“ Die Partei besteht gegenwärtig aus 10000 Mitgliedern; wie ich mich erinnere, erwähnt Gen. Sinowjew in seinem Bericht, daß in England und Amerika die Gefahr des Sektierertums besteht.
Fürwahr, die Englische Partei ist noch klein; die Ursache ist jedoch keineswegs darin zu suchen, daß wir nicht den Wünschen der Exekutive der Kommunistischen Internationale nachzukommen wünschen. Sie liegt vielmehr in den politischen und psychologischen Verhältnissen, die jetzt in England vorherrschen. Überdies ist die Partei tatsächlich erst 3 Monate alt, obgleich die erste Kommunistische Partei schon seit vorigem August besteht. Den Wünschen der Kommunistischen Internationale entsprechend, unternahmen wir keinerlei Schritte, bevor wir die übrigen kommunistischen Elemente für uns gewannen. Die Kommunistische Partei besteht daher eigentlich bloß seit der Zeit der Konferenz zu Leeds, d. h. seit dem 31. Januar. Wir haben somit viel mehr zur Vergrößerung der Partei getan, als man in Rußland annimmt. Es hat in England nie eine große politische Partei gegeben. Die liberale und die konservative Partei sind recht klein. Sie sind nichts weiter als Wahlmaschinen, die mit den Massen manipulieren und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen. Sogar die Labour Party, die als Vertreterin der englischen Arbeitermassen gilt, ist keine Massenpartei in dem Sinne, in dem der Ausdruck auf dem europäischen Festlande gebraucht wird. Sie ist eigentlich überhaupt keine Partei, sondern bloß eine koordinierende Kraft auf dem Gebiet der Industrie und der Politik. Sie zählt zwar 4½ Millionen Mitglieder; aber diese Mitglieder sind kein wesentlicher Bestandteil einer politischen Partei, wie wir sie uns denken. Man kann sich nicht darauf verlassen, daß sie sich irgend einer Disziplin unterordnen werden. So sehen wir z. B. daß Mitglieder dieser angeblichen Partei der Arbeitermassen Englands bei den Wahlen für liberale, konservative und andere bürgerliche Kandidaten stimmen. In dieser Hinsicht kann man die englischen Arbeiterorganisationen nicht nach europäischem Maßstabe messen.
Genosse Lenin erkundigt sich über die Labour Party, über die Gewerkschaftsbewegung und sagt: „Wie viele Mitglieder zählt die Kommunistische Partei? Nur 10000! Wie kommt es, daß Millionen Arbeiter, in den Aufstand getreten sind und doch nicht zur Kommunistischen Partei gehören?“
Eine große politische Partei wird man in England wohl nie organisieren können. Die Labour Party in England ist einfach ein Wiederschein der unzufriedenen Arbeitermassen, denen jedes politische Bewußtsein fehlt. Die Kommunistische Partei ist die größte revolutionäre Partei, die bis jetzt in England existiert hat. Bevor diese Partei gebildet wurde, gab es keine einzige revolutionäre Gruppe, die mehr als 2 oder höchstens 5 Tausend Mitglieder aufweisen konnte. Die alte Sozialdemokratische Partei, Huysmans Schoßkind, besaß nie mehr als 2000 aktive Mitglieder. Die Sozialistische Arbeiterpartei Englands verfügte nie über mehr als 500, und andere Gruppen hatten nie mehr als 200—300 Mitglieder. Die Kommunistische Partei mit ihren 10000 Mitgliedern stellt somit einen großen Fortschritt vor. Wir sollten ihr nicht den Mut rauben, indem wir sie eine sektiererische Partei nennen; vielmehr sollten wir unser Möglichstes tun, um ihr zu helfen. Der revolutionäre Geist in der Kommunistischen Partei Englands darf demnach nicht mit der deutschen Partei, die 300 000 Mitglieder zählt, oder mit der tschechoslowakischen Partei, der 400 000 Mitglieder angehören, verglichen werden. Es ist festgestellt worden, daß die Zahlengröße nicht die Hauptsache ist, wir haben daher in England auch nicht gestrebt, die Partei auf der Grundlage einer großen Mitgliederzahl aufzubauen. Wir lassen uns nicht von dem Wunsch fortreißen, 500000 oder 600 000 Mitglieder anzuwerben, nur damit der Internationale Kongreß den größten Teil seiner Zeit auf die Erörterung unserer inneren Zwistigkeiten verschwende.
Ich beantrage daher die Annahme folgender Abänderung in den Leitsätzen:
Seite 6, Spalte 1, unten soll heißen: „Auch ist es der englischen kommunistischen Bewegung trotz des Zusammenschlusses ihrer Kräfte bis jetzt noch nicht gelungen, zur Massenpartei zu werden.“
Die britischen Kommunisten stehen infolge des geschichtlichen, traditionellen und politischen Hintergrundes der britischen Arbeiterbewegung vor einer schwierigen Aufgabe. Trotzdem aber muß ohne weiteren Aufschub daran geschritten werden, die Britische Kommunistische Partei zu einer wahren Partei zu gestalten.
Die politischen Parteien, unabhängig davon, ob sie konservativ, liberal oder sozialistisch waren, haben in England nie über eine große Mitgliederzahl verfügt. Selbst die Labour Party entwickelte sich nur dank dem Umstande, daß die Gewerkschaftsbürokratie auf die Loyalität der Gewerkschaftler zu Wahlzwecken spekulierte. Die politischen Parteien standen den Massen stets fern. Sie waren nichts anderes als sektiererische Gruppen oder Parteien, die sich damit begnügten, die übrigen Organisationen allein zu führen. Während die britischen Kommunisten also gegen die Verhältnisse ankämpfen müssen, die durch das Sektierertum und die scharfe Preßopposition geschaffen wurden, während sie die Idee der Trennung des wirtschaftlichen vom politischen Kampfe usw. bekämpfen müssen, liegt ein großer Vorteil für sie darin, daß die Arbeiter an organisierte, wirtschaftliche Massenaktion gewöhnt sind, wenn sie in politischer Hinsicht auch noch stark zurückgeblieben sind.
Man muß dafür Sorge tragen, die Kommunistische Partei den alten Überlieferungen fernzuhalten.
Es genügt nicht, in die übrigen Arbeiterorganisationen einzudringen und sie zur Tat zu veranlassen; denn die Partei würde in diesem Falle zu einem verwässerten Organ werden, ohne eigene Kraft, den Kampf der werktätigen Massen zu führen. Sie muß alles daransetzen, um die revolutionären Arbeiter in immer größeren Massen der Partei zuzuführen. Sie muß eine wahre Massenpartei, ein wahres Kampforgan sein. Sie muß es den Arbeitern ein für allemal klarlegen, daß die wirtschaftlichen und politischen Ziele unzertrennlich zusammenhängen. Sie muß mit ganzer Kraft bestrebt sein, die wirtschaftlichen Kämpfe im Zaume zu halten und die politischen Probleme und Ziele, die sich aus diesen Kämpfen ergeben, in den Vordergrund zu rücken.
Seite 6, Spalte 2, in der Mitte von § 3 soll es statt ‚kein Einfluß der Partei“ heißen: ‚Keine abstrakte Kritik durch die Partei kann einen solchen Einfluß auf die Massen ausüben, wie die beharrliche, unausgesetzte Arbeit der kommunistischen Keimzellen in den Gewerkschaften, wie die Entlarvung und Diskreditierung der Sozialverräter und der Gewerkschaftsbürokratie, die in England mehr als in jedem anderen Lande das politische Werkzeug des Kapitalismus sind.
Wir sind jedoch vollkommen damit einverstanden, daß die Kommunisten — wie es in den Leitsätzen heißt — sich an jeder industriellen, sozialen und politischen Tätigkeit beteiligen müssen, die mit dem Wohl und Wehe der Arbeiter im Zusammenhang steht; und daß man die Arbeiter auf diese Weise für den Kommunismus gewinnen muß.
Zum Schluß möchte ich sagen, daß wir die beantragten Leitsätze dem Geiste nach annehmen. Wir bitten Euch, der englischen kommunistischen Bewegung und der englischen Arbeiterbewegung im allgemeinen in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr werdet Euch dann überzeugen, daß die englische Bewegung Euch mit einer Loyalität danken wird, wie keine einzige andere Bewegung sie bis jetzt der Kommunistischen Internationale gegenüber gezeigt hat.
Sachs (K.A.P.D.). Genossen und Genossinnen! Ich könnte meine Ausführungen an die letzte Rede des Gen. Bell von England knüpfen, da mir scheint, daß er in einem recht wesentlichen Punkte, nämlich in der Frage der Größe der Partei, unserer Auffassung Recht gegeben hat. Aber ich will auf diesen Punkt nachher noch zurückkommen. Ich greife zunächst lieber zurück auf die Ausführungen des Gen. Heckert von gestern und stelle fest, daß er zugegeben hat, was ja auch nicht abzuleugnen ist, das Versagen der alten K.P.D. im Kapp-Putsch in Deutschland. Er ist weiterhin über den August 1920, über das Versagen der K.P.D., offizielle Sektion der III. Internationale, beim Vorstoß der russischen Armee auf Warschau mit höflichem Schweigen hinweggeglitten, mit einer Höflichkeit, die zwar seiner Partei gilt, uns anderen aber leider wenig Aufklärung über die damalige Situation gegeben hat. Er hat drittens die gefährliche, bedenkliche Schwankung der Partei beim Elektrikerstreik in Berlin zugegeben. Und übrigens, von wem stammte diese Schwankung, wer hat dieses Versagen der Partei beim Elektrikerstreik, diese Inaktivität praktisch durchgesetzt? Das war nicht Paul Levi. Es war in einer Versammlung, in der ich anwesend war, der Gen. Brandler, der heutige linke revolutionäre Vorsitzende der verbesserten Auflage der V.K.P.D., der Gen. Brandler, unter dessen Ehrenvorsitz zu tagen wir alle das Vergnügen haben, teils mit beratender, teils mit beschließender Stimme. Ich habe ihn nicht gewählt. Es war Brandler, über den man noch mehr sprechen könnte (Lärm), der sich denkt, daß die Revolution und die Diktatur des Proletariats in der Form des Rätesystems durchzuführen sei, selbst unter Berücksichtigung und im Rahmen der deutschen Reichsverfassung. (Lärm.) Er hat das gesagt in seinem Prozeß. Hier ist die Zeitung, in der es steht. Vielleicht wird der Gen. Heckert und mit ihm noch andere aus der Partei eines Tages auch noch zugeben, daß auch diesmal, bei der Einleitung der Kämpfe dieser Märzaktion, wiederum dieselbe verbesserte Auflage der K.P.D. versagt hat, bei der Einleitung, ganz abgesehen von all dem, was bisher gesagt worden ist in einem Punkt, der noch nicht berührt wurde, nämlich deswegen, weil sie erst am Freitag vor Ostern die Parole des Generalstreiks herausgab. Heckert hat es für nötig gehalten, die Partei lang und breit zu entschuldigen, daß sie schon am Freitag mit der Generalstreikparole hervorkam, obwohl sie wußte, daß Ostern dazwischen liegt, wo die Arbeiter nicht in den Fabriken sind. Es ist ihm nicht die Tatsache eingefallen, daß am Dienstag vor Ostern die Arbeiter der Gaswerke, der Wasserwerke, der Elektrizitätswerke in Halle im Streik ohne Parole waren zur Unterstützung der Arbeiter in Mitteldeutschland, und dann diese Arbeiter, als sie allein gelassen wurden, und als weder die Hallesche Bezirksleitung, die Leitung des stärksten Bezirks der V.K.P.D., noch die Reichszentrale ihnen zu Hilfe kam, in die Betriebe zurückgingen, um nicht allein im Kampf zu bleiben, daß dann erst, nachdem wir in allen Städten des Reiches gedrängt hatten: macht rasch, damit der Generalstreik vor Ostern einsetzen und über Ostern gehalten werden kann, man endlich am Freitag es so weit gebracht hat, die Generalstreikparole herauszugeben. Ich sage, Genosse Heckert hat drei Fälle des Versagens zugegeben. Vielleicht wird er noch eines Tages den vierten Fall zugeben. Nun ist das sehr merkwürdig, daß diese einzig echte und patentierte Kommunistische Partei Deutschlands hier in allen diesen Fällen versagte und in allen diesen Fällen durch einen merkwürdigen Zufall die K.A.P.D. oder vielmehr die frühere Opposition, aus der dann die K. A.P.D. entstand, immer das Richtige getan hat. Die Bezirke, die in den Tagen des Kapp-Putsches sofort in den Kampf traten, das waren die damaligen oppositionellen Bezirke, und diejenigen, die den August auszunützen versuchten, was an Eurem und der U.S.P. gemeinsamem Widerstand scheiterte, das war wiederum die K. A. P., diejenigen, die die Schwankungen im Elektrikerstreik nicht mitgemacht haben, sondern, mit allen Kräften dafür zu sorgen versuchten, die solidarische Unterstützung der Arbeiter herbeizuführen, war wiederum die K.A.P. Ich sage, entweder sind es merkwürdige Zufälle, daß sich diese Gegenüberstellung machen läßt, oder es liegt eine tiefere Ursache zugrunde.
Rogalski. Phantasie!
Sachs. Gen. Rogalski, ich habe das alles miterlebt, da kann von Phantasie keine Rede sein. Nun, die Tatsache, die dieser Gegenüberstellung zugrunde liegt, die diesen merkwürdigen Erscheinungen auf beiden Seiten zugrunde liegt, kann nicht nur im Rahmen des deutschen Interesses liegen, sondern daran muß die ganze Internationale interessiert sein. Das muß für sie von Wichtigkeit sein. Es ist im Grunde genommen einfach die Tatsache, daß die K. A. P. in ihrem Programm, in ihrer Organisation, in ihrer Taktik, auch wenn sie erst langsam und in einer schweren Entwicklung vollkommen klar wird, trotzdem in ihrer Grundeinstellung von vorneherein eine Garantie dafür gibt, daß sie in solchen Fällen als ganzes genommen nicht versagen kann.
Gen. Lenin hat gestern merkwürdigerweise ganz ähnlich wie Gen. Bell heute von den Möglichkeiten einer kleinen Partei gesprochen. Er hat zu unserer großen Überraschung auseinandergesetzt, daß auch, auch sagte er, eine kleine Partei sehr wohl in der Lage sein könnte, revolutionäre Kämpfe und sogar den revolutionären und entscheidenden Endkampf zu beginnen und auch siegreich durchzuführen. Er sagte auch: ja, wo bleibt denn das bisher krampfhaft festgehaltene Prinzip der Massenpartei, wohin ist das plötzlich entschwunden? Wenn Gen. Lenin sagt, auch eine kleine Partei kann das, nämlich dann, wenn sie — sehr richtig — die Masse und sogar die Mehrheit des Proletariats, die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung überhaupt, für ihre Politik zu gewinnen vermag. Ausgezeichnet. Da sind wir mit ihm vollkommen einig und wissen nicht, soweit es diesen einen Punkt anlangt, weshalb er in diesem Punkt sich über unsere linken Dummheiten weiter erregen will. Wir fragen ihn, wenn auch eine kleine Partei das kann, so möge er einmal sagen, wie er sich nun dazu stellt, daß wir sagen: eine kleine Partei kann es, aber wenn es eine Massenpartei versucht — eine Massenpartei in dem Sinne, wie es bisher als Dogma gepredigt worden ist —, so besteht die große Wahrscheinlichkeit, daß es ihr mißlingt. Was wird er zu dieser Frage sagen? Wir sagen, eine solche Massenpartei, die geschaffen wird nach dem Prinzip, möglichst viel hereinholen, wir werden sie dann schon zusammenprügeln, damit sie unter dem Prügeln und dem Druck der Zentrale ordentlich revolutionär wird. Eine solche Massenpartei, so zusammengeprügelt, wie man jetzt die V.K.P.D. zusammenzuprügeln versucht, trägt in sich, in ihrer gesamten Struktur, die größte Wahrscheinlichkeit, daß sie versagen wird. Denn diese Massen, sie sind ja nicht nur da als tote Zahlen in den Büchern, in den Listen da, sondern es sind lebendige Arbeiter, die zu den Sitzungen kommen, die ihre Delegierten aus den Gruppen in die Ortszentrale schicken und aus den Orten in die Bezirke, sie machen ihren Willen und ihre Einstellung mit geltend. Und wenn es sonst irgendwo in der Welt möglich sein sollte, eine Partei so zu bauen, daß sie von der Zentrale aus mit dem Korporalstock in der Hand dirigiert und militärisch kommandiert wird, und daß die Mitglieder als Nasen oder tote Zahlen rechnen, so ist das in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und England usw. heute nicht mehr möglich. Gewiß wissen auch wir und sagen auch wir, daß für den Sieg der Revolution in den industriell entwickelten Ländern große Massen nötig sind, und daß natürlich die Kommunistische Partei diese großen Massen gewinnen muß. Aber wenn wir dann hören, daß als das vorbildliche Mittel für die Gewinnung der Masse der „Offene Brief“ empfohlen wird, der damals bei uns in Deutschland erschienen ist, den, wie ich hoffe, auch die Genossen des Auslandes kennen, der „Offene Brief“, der ein Sammelsurium von allem möglichen enthielt, so sagen wir, daß natürlich bei der Abfassung dieses „Offenen Briefes“ der gute Wille vorgelegen hat, die Massen zu gewinnen und sie dadurch vorwärts zu bringen.
Es gibt allerdings böse Seelen, die behaupten, die wirkliche Absicht des „Offenen Briefes“ war in Wahrheit nur Wahlpropaganda. Ich will im Moment nicht darüber streiten, aber ich sage, daß diese Methode des „Offenen Briefes“ eine unmögliche und undialektische ist. Es ist eine Methode, mit der man die Massen, so wie sie sind, heranziehen will, indem man nicht nur eingehen will auf ihre Not und Bedrückung, sondern indem man zugleich eingeht auf die Gedanken, die die Massen sich machen. Man sagt zwar in einem Schlußsatz: Wir wissen wohl, daß das nicht geht, aber wir fordern doch usw. Diesen Widerspruch verstehen die Massen nicht, aber sie wissen, daß es so nicht geht. Oder aber sie sind noch blind, sie sehen noch nicht, was ist, und dann sagen sie sich, gut, wenn selbst die Kommunisten sagen, daß man das verlangen muß, so wird es wohl gut sein. Kurz und gut, man bestärkt diese Massen in ihren opportunistischen Illusionen. Wenn man die Massen gewinnen will, so muß ich sagen, daß die letzte Märzaktion mit all ihren Fehlern und Schwächen als Ganzes genommen eine viel bessere Methode war, Massen zu gewinnen, als der „Offene Brief“.
Zwar haben sich zu dem „Offenen Brief“ Hunderttausende, vielleicht Millionen Hände in die Luft gehoben, aber gewonnen für die Sache des Kommunismus waren sie damit nicht. Und auf der anderen Seite haben zwar bei der Märzaktion breite Massen sich gegen die Kämpfenden gewandt, nicht nur in Worten, sondern in den Betrieben mit Eisenstangen, indem sie aus den Betrieben diejenigen hinausjagten, die zum Streik aufforderten. Aber der dialektische Prozeß vollzieht sich doch so, daß man zunächst die, die kämpfen wollen und kämpfen können, losreißt, daß sie vorangehen, und daß diese Wenigen dann ganz gewiß geschlagen werden, und daß dann nach einer gewissen Zeit die Massen, die damals gegen die Aktion waren, einsehen und lernen werden, wir waren gegen diesen Kampf, wir dachten, es würde besser werden, es ist aber nicht anders geworden, wir sehen, daß sie Recht gehabt haben, sie, die wir damals mit Eisenstangen auf den Kopf geschlagen haben. Das ist im ganzen genommen die wahre Methode, Massen zu gewinnen.
Und, Genossen, die Thesen, die uns vorgelegt worden sind und die Verbesserungsvorschläge, sie sind beide für uns von der K.A.P.D. nicht das Wesentliche. Ich habe keinen Auftrag und keine Möglichkeit, mich für oder gegen das eine oder andere auszusprechen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diese Thesen, im ganzen genommen, selbstverständlich aufgebaut sind auf der bisher noch bestehenden Basis und Grundlage der Beschlüsse des II. Kongresses. Sie bilden eine Fortführung, in manchem sicherlich eine Verbesserung; das mag nett und uns willkommen sein, es ist aber nicht wichtig. Für wichtig halten wir noch immer die Änderung der prinzipiellen Taktikbeschlüsse der großen taktischen Richtlinien, die der II. Kongreß gegeben hat. Darum legen wir, wohl wissend, daß an irgendeine Reform natürlich nicht zu denken ist, den Delegationen und dem Präsidium unsere Thesen für den Il. Kongreß vor, die sich mit der Gewerkschaftsbewegung beschäftigen, mit den Betriebsräten und der Produktionskontrolle sowie die Thesen über die proletarische Revolution. Wir glauben, daß diese Thesen nicht zu spät kommen; wenn sie etwas verspätet kommen, so liegt das an Euch, die Ihr uns nicht früher gehört habt. Diese Thesen werden, wie wir hoffen, von manchen Delegationen mit nach Hause genommen werden und werden der Same sein zu einer Diskussion, die uns noch immer rascher und besser auf den Weg zum Sieg führen wird, als die Thesen, die der II. Kongreß über diese Themen angenommen hat.
Ich möchte noch kurz eingehen auf die Angriffe des Genossen Bucharin von gestern. Genosse Bucharin hat uns gestern sehr scharf angegriffen, aber allerdings mit Argumenten, die ausschließlich papierne Argumente waren. Denn er hat einige Sätze zitiert aus einer Broschüre des Genossen Gorter, und er hat geglaubt, mit diesen Sätzen auf uns losschlagen zu können. Dabei hat er einen entscheidenden Satz zwar mit vorgelesen, aber die meisten werden ihn nicht gehört haben. Es war der Satz: Nachdem das Proletariat in Kronstadt sich gegen Euch, die Kommunistische Partei, erhoben hat, und nachdem Ihr in Petersburg den Belagerungszustand auch gegen das Proletariat habt verhängen müssen...! Diese innere Konsequenz der Ereignisse sowohl in der russischen Taktik hier, als auch in Widerständen, die sich dagegen bemerkbar machen, diese Notwendigkeit hat Gorter immer anerkannt und hervorgehoben, und dieser Satz ist der Satz, den man lesen muß, um zu wissen, daß der Genosse Gorter nicht Partei ergreift für die Kronstädter Aufrührer, und daß auch die K.A.P.D. nicht Partei ergreift für die Kronstädter Aufrührer, sondern daß sie sagen, das sind Schwierigkeiten der hiesigen Situation. Und wenn Genosse Gorter, wie Bucharin es darstellt, unser bester Theoretiker ist, so mag das stimmen. Aber er hat aus unserer Praxis so viel gelernt und wir von ihm, so daß ich heute sagen kann: Wenn Gorter in seinen theoretischen Schriften von der Linie, die die Linie der Partei ist, abweichen würde; er hat das bisher nicht getan, so bleibt die Linie der Partei bestehen und nicht die Linie des Genossen Gorter. Genosse Bucharin hat gestern, wie ich noch einmal sage, mit rein papiernen Argumenten gegen uns operiert. Er hat keinerlei Argumente aus dem Leben, weder unserer Partei, noch der V.K.P.D. gebracht, und er kann keine bringen. Mit solchen Wortspielereien, wie sie Genosse Bucharin gestern gegen uns gebraucht hat, kann man uns vielleicht auf einem Kongreß etwas anhaben, der die Tatsachen nicht kennt und nicht kennen kann, aber nicht in Deutschland, wohin wir zurückkehren, um zu berichten, was für Dinge hier bereits als „linke Dummheiten“ von manchen Genossen bekämpft werden.
Vors. Koenen. Genossen und Genossinnen, die Zeit ist schon etwas vorgerückt. Wir haben noch 14 Redner auf der Liste. Nur zwei Redner haben das gute Beispiel gegeben, auf das Wort zu verzichten. Erst waren es sechzehn Redner. Das Präsidium hofft, daß noch eine Reihe Genossen diesem Beispiel folgen wird. Es ist zu überlegen, ob nicht an geeigneter Stelle die Debatte geschlossen werden sollte. Würde man sich darauf einrichten, dann wäre die Möglichkeit gegeben, mit der Sitzung von ungefähr noch zwei Stunden die Tagesordnung zu erledigen. Wir schlagen vor, jetzt die Sitzung abzubrechen und auf 7 Uhr zu vertagen. Als nächster Redner folgen die Genossen Sinowjew und Trotzki.
(Schluß der Sitzung 5 Uhr nachmittag.)
Die vierzehnte Sitzung (2. Juli 1921, 8 Uhr 45 Min. abends)
Fortsetzung der Diskussion zum Referat Radek. — Redner: Sinowjew, Thälmann, Trotzki. — Radek: Schlusswort. — Erklärung Clara Zetkin. — Erklärung der italienischen Delegation. — Erklärung der Jugendinternationale. — Erklärung der deutschen, deutschösterreichischen, polnischen, ungarischen, tschechischen (deutsche
Sektion), Jugendinternationale-Delegationen.
Sinowjew. Genossen, es wurde hier ziemlich viel darüber gestritten, ob man die Politik gegenüber links und rechts gerecht verteilt hat. Ich habe das Gefühl, daß man in dieser Frage die Lage etwas zu primitiv beurteilt. Man sagt, wenn man schon irgendwelche Politik gegen links treibt, dann soll man sie sofort in viel größerem Maße gegen rechts führen. Es scheint, als ob man die Sache auf die Wage der Gerechtigkeit legen will, als ob das eine Frage der Gerechtigkeit, der Höflichkeit. oder der Konvenienz sei. Wenn man die Frage so stellt: ist die Linke als organisierte Macht wirklich eine große Macht und deshalb eine große Gefahr, so muß man selbstverständlich sagen, daß im Verhältnis zu den zentristischen Parteien und den halbzentristischen Gruppen die sogenannte Linke als organisierte Kraft eine verschwindende Größe ist. Aber wir können die Frage nicht so primitiv stellen, es handelt sich nicht um die Frage der organisierten Macht. Wir können nicht behaupten, daß diejenigen, die links von der Dritten Internationale stehen eine ungeheuer große Kraft und eine ungeheure Gefahr bilden, wenn man überhaupt von einer Linken neben der Kommunistischen Internationale sprechen kann.
Man muß die Frage nach der Tendenz aufwerfen, und ich kehre noch einmal zum Zweiten Kongreß zurück. Während des Zweiten Kongresses war die sogenannte linke Gefahr als organisierte Kraft nicht groß, aber die Tendenz war eine große Gefahr für die Internationale. Erinnern Sie sich an die Frage der Gewerkschaften, als eine Gruppe Genossen mit unserem verstorbenen Genossen John Reed an der Spitze und andere englische und amerikanische Genossen uns auch auf die Negierung der Gewerkschaften verpflichten wollten. Als organisierte Kraft war diese Gefahr von links fast gleich Null, Aber die Tendenz war das gefährlichste. Wo wären wir jetzt, wenn wir 1920 in dieser Frage nachgegeben hätten? Wo wäre die Kommunistische Internationale? Wir hätten den Herren Jouhaux und den anderen Herren von der Amsterdamer Internationale geholfen. Man kann nicht sagen, von rechts drohen uns große Gefahren mit halbbürgerlichen Ideologien, von links aber kleine Gruppen, die nicht organisiert sind. Die Frage ist, ob die Tendenz nicht gefährlich ist, wenn sie in unseren Reihen Fuß faßt. Im Gang der Entwicklung kann es kommen, daß gerade sie in einem Moment für unsere Bewegung viel gefährlicher wird.
Die Diskussionen während des Kongresses haben mich persönlich ein wenig darüber belehrt, daß die Tendenz nicht zu unterschätzen ist, daß man sie im Auge behalten muß, wie wir sie auf dem Zweiten Kongreß ins Auge gefaßt haben. Es ist historisch leicht zu erklären, woher diese Tendenz kommt. Während des Zweiten Kongresses sahen wir deutlich die Gefahr des Sektierertums. Genosse Bell war böse wegen meiner Rede, weil ich sagte, daß in England und Amerika diese Gefahr noch jetzt bestehe. Sie kommt nicht daher, daß unsere Partei sektiererisch sein will, es ist die große historische Entwicklung, die das hervorgerufen hat. Es sind die großen ökonomischen Dinge im Spiel, die Lage der englischen Industrie, ihre Monopolstellung usw. Aber die Sache hängt auch viel von der Einsicht unserer Partei ab und wir müssen die englischen und amerikanischen Genossen daran erinnern, daß die Gefahr weiter besteht, daß sie fern von den Massen stehen bleiben. Die Erfahrungen bei verschiedenen Gelegenheiten, z. B. der Bergarbeiterstreik, usw. beweisen das. Auf diesem Boden war unsere Partei noch nicht in der Lage, die Bewegung wirksam politisch zu befruchten. England hat doch wenigstens eine ebenso große Bedeutung wie die Tschechoslowakei und Bulgarien, wie können wir dann diese Gefahr vergessen. Der Zweite Kongreß hat alles mögliche getan, um die Genossen den Massen näher zu bringen. Während eines Jahres haben wir auf diesem Boden einige Erfolge gehabt. Aber der Dritte Kongreß kann nicht umhin, das nochmals eindringlich zu betonen.
Dann die zweite Gefahr, die auch historisch zu erklären ist. Kann jemand nach den Debatten in der Exekutive, nach dem Bericht über die italienische und über die deutsche Frage negieren, daß die Gefahr dort besteht, daß die schlaue Bourgeoisie unsere junge Partei doch zu früh zum Kampfe provozieren kann? Wenn ich die italienische Frage ansehe, dann verstehe ich, warum unsere italienischen Freunde so leicht reizbar sind. Die Schuld liegt bei den Sozialisten und Zentristen, bei Serrati. Wenn Terracini die ziemlich schlechten Amendements so schlecht verteidigt hat, dann ist das durch die Haltung von Serrati bedingt. 1920 war Serrati und die ganze italienische Delegation vollkommen überzeugt, daß die Lage in Italien reif sei für eine große revolutionäre Bewegung. Man fragte Terracini: Ist die Mehrheit der Armee und der Bauern für Euch? Das ist leider noch nicht der Fall. Aber gerade in Italien haben wir eine Entwicklung durchgemacht, welche zeigte, wie zentristisch verseucht die Partei war. 1920 aber war Serrati und die ganze italienische Delegation der Meinung, daß wir die Mehrheit der Proletarier besitzen, einen großen Teil der Bauernschaft und einen großen Teil der Armee. Das war die allgemeine Meinung aller Italiener, einschließlich Serrati. Jetzt aber ist die Lage eine andere und wir müssen von Anfang an anfangen. Die Arbeiterklasse muß diese Krise durchleben, muß aufs neue eine Umgruppierung vornehmen. Das wird vielleicht mehr als ein Jahr erfordern. Dort ist eine Zurückentwicklung zu konstatieren. Wenn ich diese Lage ins Auge fasse, verstehe ich, warum eine junge kommunistische Partei jetzt einer anderen Gefahr verfällt. Gewiß, wenn wir das erklären, so nicht, um das zu rechtfertigen. Diese Gefahr muß man doch sehen. Die Gefahr, daß man zu frühzeitig eine junge Partei zum Zuschlagen führt. Das hat der Zentrismus fertiggebracht, daß wir diese Gefahr in einer solchen Bewegung, wie sie die italienische ist, zu befürchten haben.
Bei den Deutschen liegen die Dinge ähnlich. Betrachten Sie den Kapp-Putsch. Wie war die Lage? Das Auftreten der Konterrevolution wirkte wie ein Funken in der ganzen Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse steht zusammen gegen die Konterrevolution, ist bereit zu kämpfen, 24 Stunden vor der Erlangung der Macht in Deutschland. Ganz plötzlich traten die Gewerkschaftsbürokratie, die alte Sozialdemokratie und die Unabhängigen auf und verpfuschten die Lage der Arbeiterklasse. Die Konterrevolution wurde gerettet und es kamen Scheidemann und die Bourgeoisie noch einmal in den Sattel. Die proletarische Partei hatte den Moment verpaßt. Gewiß, wenn der Kern der revolutionären deutschen Arbeiter diese Lage sieht, solch eine Krise durchmacht, so ist es leicht verständlich, daß auch dort ein Teil der Arbeiterklasse jetzt dem Versuch verfällt, etwas zu früh den Kampf aufzunehmen, daß er etwas ungeduldig wird. Noch einmal: die Schuld für die Vorbereitung dieser Ereignisse tragen im Grunde die Sozialpatrioten, die wirklichen Verräter der Arbeiterklasse. Wir, die Kommunistische Partei, müssen die Hauptschuldigen sehen, aber darum sollen wir nicht die Gefahr übersehen, die, obwohl von den Zentristen hervorgerufen, für uns lebensgefährlich wird. Hier liegt der Kern der Frage. Man kann die Lage nicht so primitiv beurteilen: bist du für rechts oder bist du für links? Gewiß, die Rechten sind unsere wahren Feinde, sie sind die bürgerlichen Agenten in unserem Lager, sie sind diejenigen, mit deren Hilfe die Bourgeoisie sich überhaupt hält. Wäre die Amsterdamer Internationale nicht auf Seiten der Bourgeoisie, so hätten wir den Sieg schon in der Tasche. Die Arbeiterklasse muß diese Barriere nehmen. Der Feind, das sind die Rechten. Soll das bedeuten, daß wir in der linken Tendenz die Gefahr unterschätzen, oder daß wir sagen, die Linken, sie sind so opferfreudige Revolutionäre, so gute Idealisten, wie Genossin Holst sagte, sie sind so gute Genossen, sie sind bereit in jeder Minute, ihr Leben für die proletarische Revolution zu geben, darum ist diese Gefahr nicht so groß? Eben darum, weil sie unsere Freunde und Genossen sind, eben darum, weil sie mit uns wirken und arbeiten, eben darum kann jeder Irrtum, den sie machen, jeder größere, bedeutendere Irrtum überaus gefährlich für die Kommunistische Internationale werden. Eben daraus erklärt sich die leidenschaftliche Polemik gegen den sogenannten linken Flügel. Das muß man verstehen, das macht man aus Liebe zur Sache. Es gibt ein russisches Sprichwort: Ich liebe dich aus der Tiefe meiner Seele und darum werde ich dich schütteln, wie man die Birnen vom Baume schüttelt. (Heiterkeit.) Das muß man sagen, wenn ein Lenin oder andere Genossen gegenüber denjenigen Genossen auftreten, welche, dieses scheint mir schon ein parlamentarisches Wort zu sein, „linke Dummheiten“ machen. Man soll es nicht auf einer Goldwage abwägen: Du hast eine Viertelstunde gegen die Linken und nur fünf Minuten gegen die Rechte gesprochen, das ist daher ein Beweis, daß du selbst schon eine Rechtsschwenkung durchgemacht hast; es genügt eine halbe Sekunde, um zu sagen, daß die ganze Rechte bürgerliche Agenten sind. Man muß sich viel mehr Zeit und Mühe nehmen, um die Fehler, die unsere Bewegung aus Unreife, aus diesen Schwierigkeiten der Uebergangsperiode macht, geduldig zu studieren. Das müssen wir im allgemeinen im Auge haben. Ich hörte z. B., daß die Genossen aus der Italienischen Sozialistischen Partei jetzt sagen, nun haben wir neue Argumente von Lenin gegen die Kommunistische Partei Italiens. Man hat den Ausschluß bestätigt, gesagt, vorläufig gehört ihr nicht der Kommunistischen Internationale an, vorläufig müßt ihr eure Pflicht erfüllen, die bürgerlichen Agenten hinauszujagen. Die Italienische Kommunistische Partei ist ein vollwertiges Mitglied der Kommunistischen Internationale, und mit ihr besprechen wir in Freundschaft, manchmal vielleicht auch leidenschaftlich, die Irrtümer, die in der Luft liegen, die man machen kann, wenn man nicht genug auf der Hut ist und auf die Provokationen der sehr schlauen und sehr gut organisierten Bourgeoisie eingeht. Auf welche Weise kann das ein Argument für die Zentristen sein? Im Munde der Genossen, die gegen den Zentrismus gekämpft haben, die wirkliche Kommunisten sind, haben diese Anschuldigungen, die gegen Terracini erhoben worden sind, großes Gewicht. Aber im Munde Serratis oder eines Serratiners wird es Heuchelei sein, wenn sie auftreten und sagen, sie gehen mit Turati, weil Terracini manche Irrtümer in der Frage des Tempos der Bewegung begeht.
Ich komme jetzt zur deutschen Frage. Ich will zunächst feststellen, daß die Frage der Märzaktion ziemlich nahe an einer Lösung ist, die vielleicht einstimmig beschlossen werden kann. Ich entnehme einem Antrag, der uns vorliegt, gezeichnet Franken, Neumann, Malzahn, Zetkin, folgenden Satz: „Trotz der irrigen Einstellung und der mangelhaften Durchführung der Märzaktion wertet der Dritte Kongreß der Kommunistischen internationale die Märzaktion als Kampf, der den Willen zur Aktivität bekundet und damit als einen Schritt nach vorwärts. Er gibt seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die V.K.P.D. mit höchster Energie daran gehen muß, durch die gesteigerte Aktivität auf allen Gebieten sich dauernd und stetig auf die Führung der Kämpfe einzustellen, die aus der Situation in Deutschland und außerhalb Deutschlands jederzeit hervorbrechen können.“
Genossen, wir können mit Genugtuung feststellen, daß wir nahe daran sind, in dieser heiß umstrittenen Frage einstimmig zu beschließen, was zu beweisen war, was das Ziel unseres Kongresses war. Dieser Satz bedeutet wirklich einen Schritt vorwärts, denn wenn man jetzt unsere russische Thesen, den Abänderungsantrag Zetkin und sogar den Abänderungsantrag, den die Delegation der V.K.P.D. vorschlägt, vergleicht, so sind noch manche Meinungsverschiedenheiten da, aber wir sind nahe an der Grenze. Einstimmigkeit zu erreichen. Das muß man konstatieren. Es wäre platt, von dieser Tribüne aus zu untersuchen, wer einen Schritt des Entgegenkommens gemacht hat. Wir sind hergekommen, um zu untersuchen, nicht um Rechthaberei zu treiben, nicht um die Lage in Deutschland noch mehr zuzuspitzen. Wir sind in der Tat nahe daran, einstimmig zu beschließen, das wird ein sehr wichtiges Resultat unseres Kongresses sein.
Genosse Malzahn hat sich gestern beschwert, daß Genosse Heckert etwas zu scharf gesprochen hat. Ich habe nur einen Teil von Heckerts Rede gehört, aber es ist klar, daß hier ziemlich heftig über die Lage in Deutschland gesprochen worden ist. Ich muß sagen, Genosse Malzahn war in dieser Beziehung auch nicht sanft. Aber das ist wirklich eine Frage, die nicht so große Bedeutung hat, ob sanft oder hart. Es handelt sich darum, was weiter werden soll. Malzahn hat sich auf den Satz berufen, den ich gesprochen habe, daß es sich nicht darum handelt, auf der Märzaktion herumzutrampeln, sondern darum, was weiter kommen soll. Diese Frage muß der Kongreß jetzt lösen. Die Antwort kann nur eine sein: Auf keinen Fall noch eine neue Spaltung in den Reihen der Deutschen Kommunistischen Partei. Ich weiß wirklich nicht, ob unsere Partei noch eine Spaltung vertragen kann. Es sind auch keine Gründe dafür vorhanden, nachdem man dazu gekommen ist, die Thesen, die unsere russische Delegation vorgeschlagen hat, einstimmig annehmen zu können. Darum muß der Kongreß auf die Verständigung drängen. Die deutsche Frage ist keine nationale, sondern eine im höchsten Grade internationale Frage; die deutschen Krankheiten sind internationale Krankheiten. Darum haben wir das höchste Interesse, im Namen des ganzen Kongresses auf eine Einheit zu drängen. Gewiß, wir wissen gut, daß mit Phrasen über Einheit nichts zu erreichen ist. Sollte die Lage so sein, daß eine Einheit unmöglich ist, so wären Phrasen über Einheit eine Dummheit. Aber liegen die Dinge in Deutschland so, daß die Einheit unmöglich ist, bestehen Meinungsverschiedenheiten, die unüberbrückbar sind? Ich sage nach dieser ganzen Diskussion: nein. Wenn wir jetzt von der deutschen Delegation die Einheit fordern, so geschieht das nicht aus Friedensduselei, sondern es ist ein Gebot der Internationalität, das die beiden Gruppen erfüllen müssen und werden. Wir reden nicht nur von Einheit, sondern wir geben auch den Boden, auf dem die Einheit vor sich gehen soll. Dieser Boden sind die Thesen, die wir Ihnen vorgeschlagen haben, zu denen fast alle Delegationen im Prinzip stehen. Darum schlagen wir den deutschen Genossen, die auf diesem Boden stehen, nicht nur jene papierne, sondern eine wirkliche Einheit vor, nicht nur in Worten eine Einheitlichkeit, sondern eine wirkliche Einheit und wir sind der Ueberzeugung, daß diese Einheit durchgeführt werden wird. Die Zentrale hat ihre Fehler, die sie gemacht hat, in vielen Beziehungen erkannt. Die Opposition hat hier durch den Mund der Genossin Zetkin erklärt, sie sehe jetzt ein, daß der Kampf große historische Bedeutung hatte. Das ist das wichtigste.
Ich komme nun auf Heckerts Rede zu sprechen. Sie werden sich erinnern, wie der Schluß dieser Rede aufgenommen worden ist. Mit großer Wärme. Warum? Glauben Sie wirklich, daß der ganze Kongreß dem Genossen Heckert in seiner scharfen Polemik gegen die Genossin Zetkin zustimmen wird? Ich glaube es nicht. Nur teilweise hat er zugestimmt. Warum war der ganze Kongreß mit seinem Herzen auf Seite dieses Genossen, wo es sich um die Hauptfrage, um die Märzaktion handelt? Darum, weil hinter diesem Genossen doch der Kampf der Proletarier steht, weil es ein großer Kampf war, weil wir trotz aller großen Fehler das Gefühl haben, daß das ein großer Kampf war, an dem große Massen, Hunderttausende von Proletariern teilgenommen haben, weil sich an diesen Kampf so große Opfer an Blut und Leben der besten Proletarier Deutschlands knüpften. Darum haben wir alle das Gefühl, daß trotz aller Fehler hier etwas ist, was wir doch mit der Seele unterstützen müssen. Wenn das jetzt von beiden Seiten verstanden worden ist, so glaube ich, ist das Haupthindernis überwunden. Es ist klar, daß man nicht von einem bakunistischen Putsch sprechen kann, sondern von großen Fehlern, daß man zu dieser Sache stehen muß, daß man jetzt aufhören wird, mit einem gewissen Behagen alles aufzugreifen, was die Schwäche der Partei nach der Bewegung beweisen soll. Gewiß hat unsere Partei sehr große Schwächen. Man soll sie nicht verhüllen, aber man soll nicht so selbstzufrieden alles das sammeln, was war und was nicht war, um zu beweisen, die Partei ist verloren, wie das Levi in seiner Broschüre von der ersten Zeile an ausgesprochen hat. Dieses alles ist vorüber. Es war eine Bewegung, man muß die schwachen Seiten sehen, man muß auch die großen Seiten der Bewegung schätzen und sie unterstützen und sie nicht so darstellen, als ob die Partei verloren sei. Dann ist die Brücke gebaut und die Einheit möglich. Organisatorisch muß die Internationale gewisse Garantien haben, daß die Mehrheit der Zentrale die Beschlüsse dieses Kongresses gewissenhaft ausführen wird, daß sie die Fehler nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis erkennen und versuchen wird, sie zu überwinden. Wir sind überzeugt, die Genossen werden es auch tun. Von der Gruppe der Opposition müssen wir auch organisatorische Garantien fordern. Diese Fraktion, die sich gebildet hat, muß als Fraktion aufhören zu existieren. Es darf keine Partei in der Partei geben. Es ist absolut ausgeschlossen, daß wir in der Kommunistischen Internationale so etwas vertragen Können. Wenn die Genossen wirklich die Beschlüsse der Kommunistischen Internationale gewissenhaft durchführen wollen, so muß ihr erster Entschluß sein: Loslösung von dieser Gruppe, keine Sonderbündelei.
Ich muß hier mitteilen, daß einer unserer Vertreter mir gestern einen Brief zugestellt hat, worin er mitteilt, daß Däumig Konferenzen der Opposition organisiert. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Ich weiß, daß in der Hitze des Gefechts oft Anschuldigungen erhoben werden, die bei näherer Prüfung nicht standhalten. Also man muß das cum grano salis nehmen. Aber nachdem Sie auf dem Kongreß die Fehler anerkannt und das gewissenhafte Urteil des Kongresses hervorgerufen haben, müssen wir Garantien haben, daß keine Sonderbündelei weiter bestehen bleibt.
Noch ein Wort über die tschechoslowakische Frage. Genosse Burian meinte, es gebe keinen Richtungsstreit in der Tschechoslowakischen Partei; das ist insofern richtig, als unsere Tschechoslowakische Bruderpartei noch nicht ganz klar organisiert und darum der Kampf der Richtungen etwas verschwommen ist. Wenn Genosse Bell hier in einer sektiererischen Art erklärt hat, Smeral sei ein bürgerlicher Opportunist, so ist das ein Beweis seiner mangelhaften Kenntnis der tschechoslowakischen Bewegung. Wir haben manches an Smeral auszusetzen, aber es ist ganz klar, daß man übertreibt, wenn man Genossen, wie Smeral, als bürgerlich hinstellt. Solche Uebertreibungen kräftigen nicht den Kampf gegen die zentristische Richtung, sie schwächen ihn. Also ich sage, wir werden mit Smeral vielleicht über einiges zu sprechen haben, denn es ist wahr, daß die Tschechoslowakische Partei, die eine gute proletarische Massenpartei ist, noch im Anfange ihrer klärenden Arbeit — im kommunistischen Sinne des Wortes — in der Partei selbst steht. (Widerspruch bei den Delegierten der Tschechoslowakischen Partei.) Ich glaube, Genosse Burian, ich beurteile die Lage richtig. Vielleicht irre ich mich aber, und die endgültige Konsolidierung wird bald kommen. Sie haben Jetzt die erste Etappe dieser Konsolidierung wirklich durchgemacht. Sie haben sich von den Sozialdemokraten und den ausgesprochen zentristischen Elementen losgelöst. Sie hatten doch noch vor zwei Monaten ein gemeinsames Zentralkomitee mit den Sozialdemokraten. Es ist nicht ihre Schuld. Es ist eine eigenartige Entwicklung der Tschechoslowakischen Partei. Die erste Phase ist durchgemacht, die Loslösung von der Sozialdemokratie und von den ausgesprochen zentristischen Elementen. Jetzt wird eine neue Phase kommen. Wir wünschen mit Ihnen, Genosse Burian, und mit Smeral und den anderen tschechoslowakischen Genossen, wir wünschen mit Ihnen aus tiefem Herzen, daß das möglichst ruhig vor sich geht, ohne Katastrophen, ohne neue Spaltungen. Aber wir sind überzeugt, daß Sie noch manches da in der Partei mitmachen müssen. Und dieser Kampf der Richtungen ist doch jetzt schon ziemlich scharf nuanciert. Gestern sagte Burian: kein Richtungsstreit, und hier habe ich eine Nummer der Wiener Rosta, in der ich eine Resolution finde, die am 12. Juni in einer Massenversammlung in Komarno angenommen wurde. Es heißt in diesem Beschlusse:
„Die Versammlung fordert die unverzügliche Einberufung des Vereinigungskongresses zwecks Gründung der Vereinigten Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Sie spricht ihr Mißtrauen gegen alle aus, die durch ihre Aufschubtaktik die Aktionsfähigkeit der Partei gefährden und fordert ihre Entfernung aus der Partei. Die Arbeit der Reinigung muß ohne Rücksicht auf Personen schleunigst verrichtet werden, denn nur so kann die K.P. der Tschechoslowakei als eine Sektion der III. Internationale wirken und für die Befreiung des Proletariats einen energischen und erfolgreichen Kampf führen.“
Also, Genossen, eine große Massenversammlung von über 10000 Arbeitern beschäftigt sich mit dieser Frage und faßte die Resolution, die ich Ihnen vorlas. Wir können darum nicht sagen, daß der Himmel in der Tschechoslowakei voller Geigen hängt und daß dort kein Richtungskampf vor sich geht. Der Richtungskampf ist nur noch nicht so klar. Wir hoffen, daß wir zusammen mit der tschechoslowakischen Delegation hier eine Reihe von Maßnahmen ausarbeiten werden, damit diese prächtige Massenpartei wirklich eine proletarische Partei werde. Wir hoffen, daß es dieser Partei gelingt, die Erfahrungen anderer Parteien zu beherzigen und mit möglichst wenigen Katastrophen, ruhig und möglichst schnell alles das zu überwinden, was zu überwinden ist. Es handelt sich nicht um eine Verschärfung der Politik. In der Partei ist aber noch manches, was man überwinden muß. Unsere tschechoslowakische Delegation wird das selbst einsehen. Je schärfer und entschlossener Sie bereit sein werden, diese Schwächen zu erkennen, desto leichter werden Sie alles überwinden, was zu überwinden ist.
Genossen, selbstverständlich müssen wir auf unserem Kongresse nicht die Sitten der II. Internationale wieder herstellen. Wir müssen nicht um jeden Preis Einstimmigkeit suchen, nicht Parade machen, nicht einander gratulieren, sondern klar und offen aussprechen, was wirklich ist. Aber dennoch, glaube ich, müssen wir alles Mögliche tun, um zu versuchen, Einstimmigkeit in unseren Reihen, in den Reihen der Kommunisten zu erreichen.
Ich glaube auf Grund der ganzen Debatte, die wir hier geführt haben, in den schwersten Fragen der Bewegung doch eine einheitliche Linie feststellen zu können. Man wird fragen: ist das ein Ruck nach rechts, wie es schon manche hier sagen? Das ist dummes Zeug. Wer dem II. Kongreß beigewohnt hat, der wird sich erinnern, daß wir auf dem II. grundlegenden Kongreß auch manches an der sogenannten Linken ausgesetzt, und daß aber das, was wir im großen und ganzen auf dem II. Kongreß ausgearbeitet haben, ein Schlag gegen die Rechte und den Zentrismus war. Und ich glaube, ein solcher Todesstoß werden auch unsere Beschlüsse des III. Weltkongresses für diese Herrschaften sein. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Thälmann (V.K.P.D.). Genossen und Genossinnen! Ich bedaure außerordentlich, daß es mir nicht gelungen ist, nach der Rede des Gen. Trotzki zu sprechen, weil der Gen. Trotzki, wie ich höre, eine scharfe Attacke gegen die Abänderungsvorschläge der deutschen Delegation zu reiten beabsichtigt. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit den Ausführungen des Gen. Sinowjew zu beschäftigen. Er sagte, hier sei zum Ausdruck gebracht worden, daß die Linke grausam und die Rechte sanft behandelt werde. Und er behauptet, die Diskussion habe ergeben, daß sich die Partei in manchen Ländern wegen der Einstellung der Linken von der schlauen Bourgeoisie aus dem Loche herauslocken lassen werde. Er hat die Tendenz in den Vordergrund gestellt. Ich bin der Meinung, daß es möglich ist, wenn innerhalb der Kommunistischen Internationale zwei Strömungen bestehen, diese künstlich zusammenzukitten. Sinowjew sagt: in Italien seien jetzt noch außerordentlich schwere Kämpfe durchzuführen, man sei gezwungen, dort die Massen zu wecken, die sich noch einbilden, daß Serrati heute noch für Sowjetrußland Sympathien habe. Die italienischen Arbeiter haben gesehen, daß die Serratiner, die ihr Vertrauen genossen, als die Kämpfe ausbrachen, diesen Kämpfen ausgewichen sind, sie nicht so auswirken ließen und nicht so unterstützten, daß sie sich in einen Kampf um die Erringung der politischen Macht einlassen konnten. Es besteht die Gefahr, daß die zentristischen Strömungen Gelegenheit haben werden, bei einem Vorgehen der Bourgeoisie dieselben Tendenzen durchzusetzen und zu sagen, wir dürfen nur Kämpfe aufnehmen, wenn die Mehrheit des Proletariats hinter uns steht. ich berufe mich auf das Wort, daß die Bourgeoisie die junge kommunistische Partei aus ihrem Loch herauslocken könnte. Es heißt, die Märzaktion ist ein Schritt vorwärts, ein aufgezwungener Kampf. Das heißt, daß die Kommunistische Partei, als ihr der Kampf aufgezwungen wurde, vor die Frage gestellt wurde, entweder mit Protesten demonstrativer Natur vorzugehen, oder, die in Mitteldeutschland kämpfenden Brüder zu unterstützen. Die Masse in Deutschland hätte es nicht verstanden, wenn man ihre mitteldeutschen Brüder hätte verbluten lassen. Auch am 17. März war es die Einstellung einzelner Bezirke, die verlangten, daß die Partei endlich aus ihrer Demonstrationspolitik herauskomme, nicht nur das Verlangen der Zentrale.
Es war die revolutionäre Ungeduld der Massen, die ein Symptom des Zerfalls der Gesellschaft ist und die zeigt, daß die Masse kämpfen will. Man kann die deutschen Verhältnisse nicht so beurteilen, wie das Trotzki beim ersten Tagesordnungspunkt getan hat. Ich bin überzeugt, daß eine allgemeine Prosperität in Deutschland einen anderen Charakter annehmen würde. Wir werden hier nicht eine erhöhte Produktion haben, sondern, nach den Verpflichtungen gegenüber der Entente, werden wir eine Verminderung der Produktion, erhöhte Erwerbslosigkeit und Gärung in der Arbeiterschaft haben. Die Deutsche Partei steht dann vor der schwierigen Aufgabe, ob die Sympathien der Mehrheit des Proletariats hinter ihr stehen. Wir haben uns in den Gewerkschaften und in allen sonstigen Institutionen darauf eingestellt, daß der Generalstreik den bewaffneten Aufstand bedeutet. Denn wenn die Partei zum Generalstreik auffordert, wird die Bourgeoisie alle Kräfte gegen das Proletariat ausspielen.
Wenn die Kommunistische Partei in der Märzaktion die Elite des kämpfenden revolutionären Proletariats im Stiche gelassen hätte, so hätte es bedeutet, daß man den revolutionären Flügel von der kommunistischen Partei getrennt hätte. Das ist das Wichtigste, und das haben wir in der Situation erkannt.
Aber wir haben in dieser Frage auch zu erkennen, daß Männer in der Partei, die sich noch vordem auf den Standpunkt gestellt haben, daß die Märzaktion ein bakunistischer Putsch sei, auf dem Kongreß zur Ueberzeugung gekommen sind, daß das eine falsche Auffassung gewesen ist.
Aber stellen Sie sich einmal vor: In einem Augenblick, wo alles gegen die auf Tod und Leben kämpfende Kommunistische Partei wütete, gehen die Genossen, die in der Partei sind und bereits in einer anderen Frage ganz klar gezeigt haben, daß der Weg der Partei ihnen nicht gefällt, dazu über, der Partei so in den Rücken zu fallen, wie Kautsky der russischen Revolution im Jahre 1918 Das war eine Situation, in die man sich hineindenken muß. Eine solche Kritik können vielleicht Männer begreifen, die in der Partei stehen und theoretisch in ihr arbeiten, aber wie sollen die Massen reagieren, wenn sie sehen, daß in einer Partei solche Strömungen vorhanden sind, wo die straffste Disziplin herrschen sollte? Innerhalb der Partei können solche Differenzen ausgetragen werden, aber nicht in der Oeffentlichkeit. Das ist das Verbrechen, das die Genossen begangen haben. Die Genossen hatten nichts anderes zu tun, als sich der Disziplin der Partei zu unterwerfen.
Sinowjew sagte, wir können in Deutschland eine Spaltung nicht vertragen. Das ist richtig. Aber wir haben die Beweise dafür in der Hand, daß man in der Partei schon heute dazu übergegangen ist, sich zur Spaltung zu organisieren. Gen. Däumig hat in Berlin bereits Versammlungen abgehalten, in denen man einen organisatorischen Apparat aufstellen will, der bezweckt, die Partei zu zerschlagen. Diese Gefahr besteht nicht von links, denn ich behaupte, daß in allen Bezirken Deutschlands die gesamte Arbeiterschaft, die in der V.K. P.D. organisiert ist, hinter der Partei stand, und daß Genossin Klara Zetkin und die anderen, die eine kleine Minorität, vielleicht 5—7%, hinter sich haben, doch versuchen, in der Oeffentlichkeit und hier auf dem Kongreß zu zeigen, welch mächtige Position sie einnehmen. Deswegen ist es eine Gefahr, wenn man ihnen Rechnung trägt und die scharfen Waffen gegen die Genossen anwendet, die auf Grund der ganzen ökonomischen Verhältnisse gezwungen sind, das Proletariat in die Aktivität hineinzubringen. Wir haben bereits auch in Hamburg in Mitgliederversammlungen über die großen Fehler, die organisatorischen Mängel, über die falsche theoretische Einstellung gesprochen, sie scharf kritisiert und zum Ausdruck gebracht, was wir für die Zukunft aus diesem Kampf gelernt haben. Deswegen ist dieser Kampf nicht eine Niederlage für die Partei gewesen, wohl eine für das Proletariat, aber für die Partei war es ein Sieg nach der Richtung hin, daß sie von den Massen gestärkt aus diesem Kampf hervorgegangen ist. Das Proletariat hatte selbst im März und Februar gesagt, daß wir immer zu Demonstrationen und dergleichen übergingen und dem Kampf auswichen, wenn es sich um große Lohnbewegungen, um Kämpfe handle. Wir stehen in Deutschland auf dem Standpunkt, daß die Partei sich bei den inneren Kämpfen und bei der Zuspitzung der auswärtigen Lage auf der Linie der Beschlüsse des II. Internationalen Kongresses entwickeln muß. Die Märzaktion hat uns in dieser Beziehung Recht gegeben. Man kann nicht sagen, wie Lenin gesagt hat, man soll den schärfsten Kampf denen ansagen, die die Abänderungsanträge gegen die russischen Thesen vorgelegt haben. In der Kommunistischen Partei ist es das gute Recht jedes Genossen, nach den ökonomischen Verhältnissen jedes Landes das in die Thesen hineinzubringen, was unbedingt hineingehört. Außerdem war die scharfe Waffe Lenins auch deswegen nicht am Platze, weil er am Schluß seiner Rede selbst sagte, daß eine kleine kommunistische Partei in der Lage sei, große Massen, sogar Millionen, bis zur Erringung der politischen Macht zu bringen. Das ist dasselbe, was in die Abänderungsanträge hineingebracht ist.
Genossin Zetkin hat deutlich zum Ausdruck gebracht, daß man sich für die Zukunft nicht binden will, über die Fehler, Mängel der Märzaktion nicht in aller Oeffentlichkeit zu sprechen. Stellen Sie sich vor, welche Situation sich daraus für die Kommunistische Partei ergibt? Alles ist gegen die Kommunistische Partei eingestellt, die mehrheitssozialistische, die bürgerliche Presse usw. Die suchen uns hinzustellen als die Henkersknechte. Und wenn man dann noch Versammlungen, durch Leitartikel usw. nach außen zeigt, daß in der Partei Strömungen vorhanden sind, die sagen, die Partei habe ein Blutbad angerichtet, dann muß man gegen die öffentliche Kritik sein. Aber ich bin noch aus einem anderen Grunde dagegen: die Genossen, die sich der Disziplin nicht fügen wollen, gehören nicht in die Partei. Innerhalb der Partei kann man sich über alle Dinge aussprechen, aber über den Rahmen der Partei hinaus die Oeffentlichkeit unterrichten, das ist ein Fehler, den ich verurteile. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß der Weg, der heute eingeschlagen worden ist, ein Weg ist, der krisenhaft sein kann.
Ich bin so diszipliniert, so zentralistisch; dazu habe ich mich durchgerungen. Ich bin so zentralistisch, daß ich die Beschlüsse befolge. Aber ich weise darauf hin, daß die Einstellung der Kommunistischen Partei in Deutschland eine andere ist und daß sie auf Grund der Abänderung der Thesen einen Umfang annehmen wird, der bei dem krisenhaften Zustand in Deutschland außerordentlich schwer ist. Wir werden einen schweren Kampf mit den Parteien haben, die rechts von uns stehen, sie werden uns alles unter die Nase reiben und sagen, es ist ja kein großer Unterschied zwischen euch und uns und ich bin so offen, das zu sagen, was bei den gegenwärtigen ökonomischen Verhältnissen in Deutschland wirklich vorhanden ist. (Lebhafte Zustimmung.)
Trotzki. Zunächst eine ganz kleine formelle Bemerkung. Gen. Thälmann, dessen leidenschaftliche Rede wir soeben hier gehört haben, beklagte sich darüber, daß es ihm nicht vergönnt war, nach mir zu sprechen. Nun wird ja die Reihenfolge durch die Rednerliste bestimmt. Gen. Thälmann sagte auch, er sei ein sehr disziplinierter Genosse. Als solcher mußte er sich auch der Disziplin der Rednerliste fügen und hatte eigentlich kein Recht, sich über diese objektive Tatsache zu beklagen.
Gen. Thälmann hat sich auch, und zwar ebenfalls mit Unrecht, über den Gen. Lenin beklagt und die Sache so hingestellt, als ob Gen. Lenin gesagt hätte: da schlagen wir ihnen taktische Thesen vor und die übrigen Delegationen haben nicht das Recht für sich in Anspruch zu nehmen, Amendements vorzuschlagen. So war es nicht gemeint und diese Einstellung des Gen. Thälmann ist in dieser Beziehung ganz falsch. Lenin hat gesagt: Die Thesen, die wir vorschlagen, sind nicht das Elaborat, nicht das Produkt der russischen Delegation, die sich in einem Stübchen versammelt und dann in einer kleinen Stunde die ‘Thesen ausgearbeitet hat. O nein, Genosse Thälmann kann diesbezügliche Erkundigungen bei den Mitgliedern seiner eigenen Delegation darüber einholen, daß wir ziemlich große, langwierige und stellenweise leidenschaftliche Verhandlungen und Diskussionen auch mit den Mitgliedern der deutschen Delegation über die Thesen hatten, daß verschiedene Vorschläge vorgelegt worden sind, auch von der deutschen Delegation, daß man einander Konzessionen machte. Aus diesem ziemlich langwierigen Prozeß sind diese Thesen entstanden. Und ich behaupte nicht, daß diese Thesen von allen Parteien, Gruppen und Tendenzen gebilligt worden sind, ich behaupte aber, daß diese Thesen unsererseits als Kompromiß betrachtet werden, als Kompromiß in der Richtung nach links. Was das Wort links hier bedeutet, werde ich später des näheren zu erörtern versuchen. Jetzt will ich nur noch mit Nachdruck feststellen, daß wir diese Thesen als maximale Zugeständnisse betrachten an diejenige Tendenz, die hier von vielen Genossen, so auch vom Gen. Thälmann verteidigt worden ist.
Genossen, mehrere Delegierte haben mir gegenüber privatim ihrer Ungeduld darüber Ausdruck verliehen, daß die deutsche Delegation hier ziemlich viel Zeit für sich in Anspruch nimmt und ihre internen Angelegenheiten so breit hier erörtert. Die Ungeduld dieser Genossen ist meines Erachtens nicht berechtigt. Es handelt sich hier in erster Linie um die Märzaktion. Selbstverständlich ist es etwas Menschliches, allzu Menschliches, daß mit dieser ganz politischen Frage auch persönliche Fragen, persönliche Reibungen, Leidenschaften zusammenhängen. Wohl haben manche unserer Genossen diese persönliche Seite der Frage und diese Leidenschaften etwas allzusehr zugespitzt, wie es Gen. Heckert tat, dessen Rede im übrigen recht interessant war. Aber ich meine, wir müssen doch die Hauptsache herausfinden, die Hauptfrage herausschälen, und diese Frage, diese Hauptfrage ist keine deutsche Frage, sie ist eine eminent internationale Frage. Die Deutsche Partei ist diejenige unter den westeuropäischen, vom russischen geographischen Standpunkte aus, die, nachdem sie sich zu einer selbständigen, festumrissenen, großen Partei entwickelt hatte, zum erstenmal selbständig eine Aktion leitete. Und weil die junge, ganz junge Italienische Partei, und die größere, aber als Kommunistische Partei ebenfalls junge Französische Partei in dieser Beziehung ähnlichen Situationen gegenüberstehen, glaube ich, daß alle Delegationen, und insbesondere die erwähnten, aus dieser Frage vieles zu lernen haben.
Ich werde meine Ausführungen über die Märzaktion mit der Erörterung der Amendements beginnen, die vorgeschlagen worden sind. Denn wir werden zwischen zwei Tendenzen zu wählen haben. Von redaktionellen und sachlichen Ergänzungen zu der ursprünglichen Fassung der Thesen will ich natürlich gar nicht sprechen. Wir werden also zwischen zwei Tendenzen zu wählen haben. Zwischen der einen Tendenz, die hier vom Gen. Lenin, Gen. Sinowjew und in erster Linie vom Gen. Radek, der ja den Bericht erstattete, und jetzt von mir verteidigt, und dann sind da diese Aenderungen. diese Vorschläge, in denen man eine andere Tendenz zum Ausdruck bringt, oder bringen möchte. Daher ist es wichtig, daß man sich mit diesen Abänderungsvorschlägen beschäftigt. Ich will mich nur auf jenen Passus beschränken, der sich auf die Märzaktion bezieht. Unsere Vorschläge sagen darüber, daß wir die Märzaktion „als einen der V.K.P.D. durch den Angriff der Regierung auf das mitteldeutsche Proletariat aufgezwungenen Kampf ansehen, daß wir das mutige Auftreten der V.K.P.D. anerkennen, die dadurch bewiesen hat, daß sie die Partei des revolutionären Proletariats Deutschlands ist“. Dann deckt man die wichtigen Fehler auf, die bei diesen Aktionen begangen worden sind, und dann erteilen wir zum Schluß folgenden Rat:
„Die V.K.P.D. muß im Interesse der sorgfältigen Abwägung der Kampfesmöglichkeiten aufmerksam die Stimmen berücksichtigen, die auf Schwierigkeiten der Aktionen hinweisen und sie auf ihre Berechtigung sorgfältig prüfen. Aber sobald eine Aktion von den Parteibehörden beschlossen wird, haben sich alle Genossen den Beschlüssen der Partei zu fügen, um diese Aktionen durchzuführen. Die Kritik an Aktionen darf nur nach ihrem Abschluß beginnen, sie darf nur in Parteiorganisationen geübt werden und muß Rücksicht nehmen auf die l.age, in der sich die Partei dem Klassengegner gegenüber befindet. Da Levi diese selbstverständlichen Forderungen der Parteidisziplin und die Bedingungen der Parteikritik mißachtet hat, heißt der Kongreß seinen Ausschluß aus der Partei gut und hält jede politische Mitarbeit der Mitglieder der Kommunistischen Internationale mit ihm für unzulässig.“
Nun. der Gen. Brand war ja entschieden dagegen, daß man eine Stelle errichte, auf deren mahnende Stimme die Partei zu horchen hat. Zu dem Gen. Brand, der verschiedenes, wie die mahnende Stimme, die Statistik und manches andere zurückweist, werden wir vielleicht noch zurückkehren. Was schlagen uns nun die deutschen und die anderen Genossen, die die Abänderungsvorschläge unterfertigt haben, zu diesen Paragraphen vor? Sie schlagen uns vor, anzuerkennen, daß der III. Kongreß der Kommunistischen Internationale die Märzaktion der V.K.P.D. für einen Schritt nach vorwärts halte und sagen: „Diese Aktion bedeutet den Uebergang der stärksten Massenpartei Mitteleuropas zum wirklichen Kampf, den ersten Versuch zur Verwirklichung der führenden Rolle der Kommunistischen Partei in den Kämpfen des deutschen Proletariats, zu der die Partei sich in ihrem Gründungsprogramm bekannt hatte. Die Märzaktion bedeutet die Enthüllung und Ueberwindung des offenen konterrevolutionären Charakters der U.S.P. und der verkappten zentristischen Elemente in den Reihen der V.K.P.D. selbst. Die Märzaktion hat infolge zahlreicher in der Aktion auftretender Fehler und organisatorischer Mängel der Partei ermöglicht, diese Mängel und Fehler klar zu sehen und mit ihrer Abstellung zu beginnen. Sie hat in ihrem Verlauf die nicht genügend straffe Kampfdisziplin der Partei aufgedeckt und zu ihrer Festigung beigetragen. Sie hat ferner nicht unbeträchtliche Massen sozialdemokratischer Arbeiter mitgerissen und eine revolutionäre Gärung in diesen Parteien veranlaßt. Die Aktion hat, weit davon entfernt, die Organisation zu zerrütten, ihren Kampfgeist gestärkt,“ usw. usw.
Wenn man vom Kongreß fordert, daß er feststelle, die Märzaktion war nicht nur ein Massenkampf, eine Massenaktion, der Arbeiterschaft und somit auch der Partei aufgezwungen, daß die Partei dabei sich mutig gehalten habe, wenn man vom Kongreß auch fordert, daß er anerkenne, die Partei habe den Versuch gemacht, die führende Rolle der Kommunistischen Partei in den Kämpfen zu verwirklichen, so muß ıman ja auch dem Kongreß das Recht überlassen, zu sagen, ob dieser Versuch glücklich oder unglücklich war. Wenn wir sagen, die Märzaktion war ein Schritt nach vorwärts, so verstehen wir darunter — ich wenigstens — die Tatsache, daß die Kommunistische Partei nicht mehr als Opposition innerhalb der Unabhängigen Sozialistischen Partei, oder als eine propagandistische kommunistische Organisation vor uns steht, sondern als eine einheitliche, selbständige, geschlossene, zentralistische Partei, die die Möglichkeit hat, selbständig in den Kampf des Proletariats einzugreifen, und daß dies zum erstenmal in der Märzaktion geschehen ist. Ich habe mit den französischen Freunden anläßlich des II. Kongresses oft über die Situation innerhalb der Gewerkschaften und der Partei gesprochen und habe gesagt: Ja, Ihr seid zusammen mit Syndikalisten, Anarchisten, Sozialisten und Ihr seid nichts mehr als eine Opposition, Man sieht ja die Tendenz, Nuancen in Erfolg, vielleicht auch die potentiellen Dummheiten. Es wird das ein großer Fortschritt sein in dem Moment, wo sie sich aus der alten Organisation loslösen und als selbständige Macht auftreten. Nun ist das im ganzen Umfange geschehen. Das will aber gar nicht sagen, daß dieses erste Auftreten, dieser Versuch, selbständig eine führende Rolle zu spielen, ein Glück war. Man sagt aber, wir haben daraus sehr viel gelernt und auch aus den Fehlern. So heißt es in den Abänderungsvorschlägen, ich will sie nicht verlesen, allein es wird dort gesagt, daß gerade das große Verdienst der Märzaktion darin bestehe, daß sie die Möglichkeit gegeben habe, die Fehler, die man dabei gemacht hatte, festzustellen. um sie dann später zu beseitigen. Ja, wenn wir auf diesem Wege Verdienste suchen, so ist das selbstverständlich eine ganz kühne Auffassung. Ich habe dem Gen. Thalheimer im Privatgespräch gesagt, es erinnere dies an einen russischen Uebersetzer, der in den siebziger Jahren ein englisches Buch übersetzt und im Vorwort vorausgeschickt hat, er habe das Buch übersetzt, damit die Welt sehe, wie wertlos dieses Buch ist. (Heiterkeit) Man beginnt doch eine Aktion nicht darum, daß man aus der Aktion ersehen soll, welche Fehler man dabei begeht, um sie dann zu beseitigen. Diese Abänderungsvorschläge sind im Geiste der Verteidigung geschrieben, nicht im Geiste der Analyse.
Gen. Heckert hat in seiner interessanten Rede uns ein Bild der Märzaktion gegeben in dem Sinne, man habe eine sehr stark zugespitzte Lage gehabt. Die Frage der Reparationen, die Ruhrbesetzung, Oberschlesien, ökonomische Krise, Arbeitslose, große Streiks. In diesem ganzen Rahmen der weltgeschichtlichen Bewegung verschärften sich noch die Gegensätze, und da gab sozusagen den letzten Anstoß für den Angriff der Partei die Bewegung der Arbeiter Mitteldeutschlands. Wahrlich ein schönes, ehrliches, ökonomisches Bild. Aber ein anderer Genosse, der dieselbe Aktion verteidigte, entwarf uns ein ganz entgegengesetztes Bild. Wenn Gen. Thalheimer nach 30 Jahren, wenn er schon ergraut sein wird, die Feder Mehrings nimmt, um die Geschichte der Kommunistischen Partei zu schreiben, so wird er Dokumente und Bücher .....
Radek. In meinem Zauberkoffer.... (Heiterkeit.)
Trotzki (fortfahrend). Dokumente und Bücher auftreiben, in denen man ein ganz anderes Bild der Bewegung findet. Nämlich die internationale Lage war ziemlich konfus, und sie steuerte im großen und ganzen einem Kompromiß zu. Die oberschlesische Frage schwebte in der Luft. Sie konnte auch keine revolutionäre Wirkung ausüben. Die Entwaffnungsfrage in Bayern. Die „Rote Fahne“ erklärte stets im Gegensatz zu Heckerts gestriger Rede, es werde immer klarer, daß man die Angelegenheit mit einem Kompromiß auf Kosten der revolutionären Arbeiterschaft Bayerns und ganz Deutschlands erledigen werde, und zwar ohne große weltpolitische Zusammenstöße und ohne Zusammenstöße zwischen der deutschen und bayerischen Regierung. Auch dafür wird Gen. Thalheimer nach 30 Jahren Artikel entdecken, die beweisen, daß die Krise in Deutschland einen ganz anderen Charakter hatte und hat, wie in den Vereinigten Staaten oder in. England, daß sie sich nicht so katastrophal zuspitzte, wie in diesen beiden Staaten, daß in Deutschland das ganze ökonomische Leben eine Fäulnis darstelle, und auch die Krise keine Kraft hatte, sich unter den ökonomischen Bedingungen Deutschlands so auszutoben. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist minimal im Vergleich zu der in den Vereinigten Staaten und England.
Und die innere Konstellation, die Sozialdemokraten nehmen an der Regierung zur Hälfte teil, zur Hälfte bilden sie Opposition. Die Unabhängige Partei verfährt ebenso, und sie nähert sich immer mehr den Sozialdemokraten. Die Gewerkschaften, die bürokratische Führerschaft ist ganz gegen uns. Und welcher Schluß ist daraus zu ziehen? Derselbe Genosse sagt uns ja, es herrschte in der Arbeiterschaft ein Wall der Passivität, und es galt, diesen Wall der Passivität zu brechen durch die revolutionäre Initiative einer entschlossenen Minderheit. Heckert sagte dagegen, alles war in Aufruhr, alles war aufgewühlt. Sturm und Drang. Und dann kam die mitteldeutsche Geschichte. Der andere Genosse sagt: Alles war versumpft. Es war ein Wall der Passivität vorhanden. Wir mußten durchbrechen, koste es, was es wolle. Jedes dieser Bilder ist ja vortrefflich als ein in sich geschlossenes logisches Bild, aber ich meine, sie passen kaum zueinander. Ein anderer Genosse wieder, es war Gen. Koenen, meinte, es herrschte in Mitteldeutschland heller Aufruhr, und ringsumher herrschte Passivität. Es war Aktivität in Passivität eingekapselt. Man gewinnt aus alledem den Eindruck, daß die Mitglieder der deutschen Delegation die Sache noch immer so ansehen, daß man sie um jeden Preis verteidigen muß, nicht untersuchen, nicht analysieren, und alles, was wir hören, ist so zu sagen nur das Mittel, der Zweck ist aber, daß man die Märzaktion vor der Internationale um jeden Preis verteidigt. Das wird ja kaum gelingen, und dabei ist für mich das die Hauptsache, worauf Gen. Thälman hingewiesen hat. Er hat gesagt, wenn wir die Thesen und sogar die Abänderungsvorschläge annehmen, so „werden wir in unserem Lande eine Umstellung machen‘, und ich glaube, unser tapferer und hartnäckiger Gen. Thälmann hat damit Recht, er muß eine sehr gute Fühlung mit den Massen haben.
Thälmann. Jawohl, ausgezeichnete Fühlung.
Trotzki (fortfahrend). Ich bezweifele das gar nicht, insbesondere, wenn ich den Geist der Verfassung in Betracht ziehe, in der manche Genossen aus Deutschland gekommen sind, oder in der sie in Deutschland manche Artikel und Broschüren veröffentlicht haben. Sie hatten ja eine ziemlich lange, unbequeme Reise nach Rußland, um etwas kühler die Situation zu betrachten. Es sind die Thesen dann gekommen, die auf harten Widerstand stießen. Später folgte die mündliche Aussprache mit anderen Delegationen und auch mit der russischen, und da mußten die deutschen Genossen bemerken, daß die Genossen der Internationale die Dinge nicht mit der Brille der Deutschen ansehen. Da beginnen sie einen gewissen strategischen Rückzug anzutreten.
Es ist ja nicht zu leugnen, daß diese Abänderungsvorschläge in erster Linie gefährlich sind, nicht darin, was sie direkt und unmittelbar zum Ausdruck bringen, sondern darin, daß sie ziemlich verkappt, in ziemlich konfuser Form diejenigen Gedanken zum Ausdruck bringen möchten, die man im Namen der Zentrale in den heißesten Tagen des Kampfes und nach dem Kampfe unter der deutschen Arbeiterschaft, im Apparat der Deutschen Kommunistischen Partei verbreitete. Und Gen. Thälmann und andere Genossen sagen sich, wir müssen mit Thesen zurückkommen, die uns nicht desavouieren. Wir wollen übrigens das auch nicht, wir wollen die Partei keineswegs desavouieren, denn die Deutsche Partei ist eine unserer besten Parteien. Aber die ganze Auffassung der Märzaktion, die Bedingungen des Kampfes und des Sieges sind hier so aufgerollt, daß manche Artikel, manche Reden, manche Zirkulare der Deutschen Zentrale, ihrer Mitglieder, als etwas ganz Schroffes und Gefährliches aufgefaßt werden müssen. Das ist die Hauptsache. Sie wollen die Situation in dem Sinne beeinflussen, daß man Ihnen keinen präzise Resolution gibt, sondern eine konfuse Resolution, in die Sie allmählich den neuen Sinn, dem Sie vielleicht doch ein wenig ihr Gehör leihen möchten, allmählich und unmerklich hineininterpretieren wollen. Das ist die Hauptsache. So kann es nicht gehen. Denn wie wir die Gefahr auffassen, ist sie viel zu groß, um diesen Spielraum für das allmähliche und unmerkliche Austoben dieses Offensivgeistes zuzulassen. Darauf werden wir in keinem Fall eingehen, das ist ausgeschlossen. Ja, Sie können uns durch den Beschluß der Mehrheit des Kongresses erdrücken. Dann werden wir innerhalb des Rahmens, den uns der Kongreß lassen wird, kämpfen. Aber ganz entschieden in dem Rahmen, den Sie uns lassen werden. Aber ich hoffe, daß es mit der taktischen Resolution ebenso gehen wird, wie mit der ökonomischen. Da haben auch die Genossen unserer deutschen Delegation aus dem linken Flügel paradieren wollen und haben diesen Thesen im Prinzip zugestimmt, doch eine Resolution unterbreitet, die ganz entschiedene Gegensätze enthielt. Dann hat sich aber erwiesen, daß sie das, was sie früher vorbringen wollten, nicht mehr wagten. Und in der Kommission sind nur ganz unbedeutende Reste geblieben. Ich glaube, ganz dasselbe wird mit den taktischen Fragen der Fall sein. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß es ziemlich unangenehm ist, von einem Parteikongreß, von einem Internationalen Kongreß desavouiert zu werden. Allein, Genossen, ich glaube, daß es für Ihre Situation in Deutschland besser ist, in diese Frage Klarheit zu bringen. Ich glaube nicht, was Levi behauptet hat, daß die Partei daran zugrunde gehen wird. Allein der Kongreß muß den deutschen Arbeitern sagen, daß das ein Fehler war, und daß der Versuch der Partei, eine führende Rolle in einer großen Massenbewegung zu spielen, nicht glücklich war. Wir müssen es verzeichnen, daß dieser Versuch ganz unglücklich war in dem Sinne, daß er, wenn er wiederholt werden sollte, diese gute Partei wirklich zugrunde richten könnte.
Thalheimer. Sie wissen, daß das ausgeschlossen ist.
Trotzki. Bei Ihnen ja, nicht aber bei den Tausenden der organisierten Arbeiter, die da meinten, der Kongreß werde mit Jubel das begrüßen, was wir als Fehler betrachten. (Lebhafte Zustimmung.) Dasselbe gilt auch für unsere jungen französischen Freunde. In der Exekutive haben wir die Frage der Einberufung des Jahrganges 1919 erörtert, und wir haben die Frage gestellt, ob die Französische Partei nicht die Parole hätte ausgeben müssen, daß man der Einberufungsorder nicht Folge leisten soll.
Da habe ich unseren jungen Freund Laporte gefragt: wie meinen Sie das, ob diejenigen, die zu mobilisieren waren, bewaffneten Widerstand leisten sollten oder rein passiven Widerstand? Und der Genosse hat aus vollem Herzen geantwortet: aber selbstverständlich mit dem Revolver in der Hand. Ja, er meinte auch, daß er dadurch aus ganzem Herzen mit der Dritten Internationale übereinstimme, daß er dadurch der Dritten Internationale die größte revolutionäre Freude erweise und seine Pflicht erfülle, wenn er das sagt, und er meinte es auch ganz ernst und ist vollkommen bereit, mit dem Revolver gegen die Einberufung zu kämpfen. Natürlich haben wir ein Gefäß kalten Wassers auf ihn gegossen, und ich glaube, der Kamerad wird sich eines besseren besinnen. Er ist hergekommen in ein neues Milieu, das er nicht jeden Tag hat, die Ecken werden etwas abgeschliffen. Aber in Deutschland, Frankreich, Ungarn: diese 2—3 Wochen, die hier in unseren Schädeln manches geändert haben, diese 2—3 Wochen, wo wir auf dem Kongreß zusammenkommen! Aber dort, in den Ländern, was hat sich dort geändert? Nichts. Und diese famose Offensivphilosophie, die absolut unmarxistisch ist, ist folgendem seltsamen Geist entsprungen: Es bildet sich allmählich der Wall der Passivität heraus und das ist ein Unglück, das die Bewegung versumpft. Also auf! diesen Wall zu brechen! Ich meine, in diesem Geist hatte man im Laufe einer gewissen Zeit eine ganze Schicht der leitenden, halbleitenden Genossen der Deutschen Partei erzogen, und sie warten, was der Kongreß darüber sagen wird. Und wenn wir nun sagen, wir schleudern Paul Levi zum Fenster hinaus und über die Märzaktion nur in ganz konfusen Redensarten sagen, sie sei der erste Versuch gewesen, ein Schritt nach vorwärts, mit einem Wort, daß wir die Kritik phraseologisch verdecken, so haben wir damit unsere Pflicht nicht erfüllt. Wir sind verpflichtet, der deutschen Arbeiterschaft klipp und klar zu sagen, daß wir diese Offensivphilosophie als die größte Gefahr und in der praktischen Anwendung als das größte politische Verbrechen auffassen.
Ich bin ganz mit dem Genossen Sinowjew einverstanden und hege wie er die Hoffnung, daß wir auf diesem Kongreß ganz einheitlich unsere Meinung festlegen werden, und ich glaube, daß wir in dieser hauptsächlichen, taktischen Frage keine großen Zugeständnisse an die sogenannte Linke werden machen können. Und manche Genossen, ich glaube, auch die französischen, waren etwas besorgt, daß man gegen die Linke kämpft; Genosse Sinowjew hat darüber gesprochen. Und glücklicherweise hat gerade in der französischen Sprache das Wort „la gauche“ zweierlei Bedeutung: gauche, d. h. was links steht, und gauche was unbeholfen und plump ist. (Zuruf: linkisch). Ja, linkisch aber im schlimmen Sinne des Wortes. Deutsch ist es auch halbwegs so. Also, ich meine, wir, die wir gegen die sogenannte Linke kämpfen, fühlen uns gar nicht rechts von dieser Linken.
Wir sehen keine Partei links von uns, denn wir sind die Internationale, die kommunistische, marxistische Internationale, wir sind die revolutionärste Partei, die es geben kann. Das bedeutet, diejenige Partei, die alle Situationen, alle Möglichkeiten auszubeuten imstande ist, und nicht nur Kämpfe zu führen, sondern auch den Sieg zu sichern vermag. Das ist das eigentliche Ziel und man vergißt manchmal, daß wir Strategie üben müssen, daß wir die Kraft des Feindes mit unserer eigenen kühlen Auges abzuschätzen, die Situation abzumessen und nicht in den Kampf zu gehen haben, um den Wall der Passivität zu brechen, oder wie ein anderer Genosse sagt: „um die Partei zu aktivisieren“. Dabei müssen wir selbstverständlich auch etwas Statistik treiben. Obwohl der Genosse Brand sagt, daß sich die Opportunisten viel mit Statistik beschäftigen, und wir in seiner Rede die Gegenüberstellung Schwert und Statistik gehört haben, und in einer zweiten Rede wurden uns die Opportunisten überhaupt als Beute entgegengeschleudert. Diese Einstellung ist gefährlich für unsere italienischen Genossen, die mit Statistik noch viel zu tun haben werden. Wenn ich im Sinne von Heckert und Thalheimer über Italien spräche, dann würde ich sagen: da hat man ein Land, in dem die Arbeiterschaft die Fabriken besetzt hat, wo die Serratiner ihren Verrat geübt haben, wo die Faszisten die Arbeiterdruckereien stürmen und die Bureaus in Brand stecken — wenn diese Partei nicht aufruft: „Mit aller Macht vorwärts gegen den Feind“, dann ist das eine feige Partei, die vor dem Gericht der Weltgeschichte vollkommen verurteilt dastehen wird. Aber wenn wir nicht vom Standpunkt dieser phraseologischen Auffassung, sondern vom Standpunkte des kühlen Abwägens die Situation betrachten, dann werden wir sagen müssen, was Sinowjew gesagt hat. Sie müssen das Vertrauen der Arbeiterschaft von neuem gewinnen, da eben der Verrat die Arbeiterschaft viel vorsichtiger gemacht hat. Sie werden sich sagen, wir haben die Phraseologie von Serrati gehört. Der hat ungefähr dasselbe gesagt und hat sie dann verraten. Wo ist die Bürgschaft, daß die neue Partei sie nicht verrät? Sie wird von der Partei Taten sehen wollen, bevor sie unter ihrer Führerschaft in entscheidende Kämpfe gehen wird.
Wir haben hier auf dem Kongreß drei einigermaßen ausgesprochene Tendenzen, drei Gruppen, die zeitweilig zu Tendenzen geworden sind und ohne deren Beachtung man das Spiel der Kräfte auf diesem Kongreß nicht recht beurteilen kann. Da ist in erster Linie die deutsche Delegation, die aus dem Feuer der Märzaktion herausgekommen ist und ihre Auffassung am schärfsten in der Offensivphilosophie zum Ausdruck gebracht hat, welche selbstverständlich von manchem deutschen Genossen aufgegeben worden ist.
Dann die italienischen Genossen, die sich auf denselben Wegen befinden, selbstverständlich, weil die Partei von den Zentristen abgeprallt ist. Die italienischen Genossen sagen, jetzt haben wir endlich die Hände frei, jetzt können wir unsere Pflicht erfüllen, in revolutionäre Massenaktionen einzutreten und uns für den Verrat Serratis zu revanchieren. Und nun, Genossen, — Sie wissen, daß darüber nicht nur von Levi gesprochen worden ist, sondern auch von der kapitalistischen und unabhängigen Presse, — daß die Märzaktion von der Exekutive befohlen und Levi ausgeschlossen worden sei, weil er den Ukas nicht befolgt habe. Mancher Genosse in der französischen und tschechischen Partei fragte sich — das beweist, daß er mit dem Geist der Exekutive nicht ganz vertraut ist, aber es existieren in der Kommunistischen Internationale bei manchen Genossen solche Befürchtungen — vielleicht wird man mir im Namen der Exekutive auch einmal solche Befehle geben, und wenn ich sie dann nicht erfülle, dann werde ich aus der Partei ausgewiesen. Diese zwei Stimmungen existieren bier. Auch eine dritte Stimmung, die, wie wir hoffen, in unseren Thesen zum Ausdruck gekommen ist. Die sagt, daß es, selbstverständlich, Unsinn gewesen wäre, wenn die Exekutive sich auf diese taktische Philosophie der Steigerung der Kämpfe durch mehr oder minder künstliche Massenaktionen stellen wollte und Befehle in mehrere Länder schicken würde. Im Gegenteil, weil wir jetzt stark geworden sind, und weil wir dadurch vor die Aufgabe gestellt wurden als selbständige, zentralisierte Partei, die Massenbewegung zu führen, vielmehr die Schuldigkeit haben, die Situation in jedem Lande ganz genau mit kühlen Augen zu analysieren und wenn es möglich und notwendig ist, mit der ganzen Leidenschaft anzugreifen und vorzugehen. Das eben sagen die taktischen Thesen, die wir vorgeschlagen haben. In Frankreich, sagt der Genosse, gibt es keine Linken. Ja, es gibt nicht. Die Französische Partei befindet sich im Zustande der Mauserung. Wenn Sie das Hauptorgan, die „Humanité“ lesen, so finden Sie einen ziemlich konfusen verschwommenen Ton in der Agitation, in der Rede. Also, man findet, selbstverständlich, in der „Humanite“ diejenigen — um mit dem Genossen Bucharin zu reden — Schweinereien, die Longuet und seine engeren Freunde geschrieben haben. Es ist ein vom kommunistischen Willen getragenes Blatt. Aber dieser Wille ist nicht genügend gespannt, der kommunistische Gedanke ist nicht genügend präzisiert und klar, man sieht nicht diesen Willen, der immer die Situation im revolutionären Sinne vorwärts treiben und aufklären muß. Wenn man das in dem Hauptorgan der Partei nicht sieht, so ist es für mich ausgeschlossen, daß so eine Partei von heute auf morgen die Möglichkeit bekommt, eine große, revolutionäre Massenaktion auszulösen und zu leiten. Die erste Voraussetzung ist, daß sich in ihm der klare revolutionäre Gedanke und Wille herauskristallisiert und in der gesamten Agitation und Propaganda zum Ausdruck kommt. Dieser Prozeß der Herauskristallisierung, er kann 2, 3, 6 Monate, vielleicht ein Jahr in Anspruch nehmen, das hängt von den Verhältnissen ab und wird für viele Genossen nicht genügend schnell vor sich gehen. Sie geben sich nicht die Rechenschaft ab von der inneren Lage dieses Prozesses, der revolutionären Mauserung einer großen Partei. Sie wollen das umgehen und es scheint, als ob ihnen nur der Vorwand mangelt, um die revolutionäre Aktion zu beginnen. Da sagen sie, Frossard und andere machen es nicht. Das ist ein ausgezeichneter Vorwand. Da beginnen wir erst recht. Der Appell der Klasse 19 — und gerade in Frankreich, wo die Anarchisten, Syndikalisten so stark sind, mit dem französischen Temperament, mit der Pariser Arbeiterklasse ist es möglich, daß mancher Teil dieser Arbeiterschaft, ein ausgezeichneter Teil, der in den großen Kämpfen ausschlaggebend sein wird, daß dieser Teil von den jüngeren, weniger erfahrenen, durch ihre Ungeduld getriebenen Genossen, in eine Aktion hineingetrieben wird, die für die Entwicklung in Frankreich für Jahre hinaus verhängnisvoll werden kann. Das ist die Situation. Selbstverständlich, kann man sagen, Sie greifen diesen oder jenen Genossen an. Das ist unbedeutend. Er hat eine falsche Rede gehalten. Ja, Genossen, wenn jeder sich ein Urteil bilden könnte, dann hätte man kein Bedürfnis, diese Internationale zu haben. Darin besteht die Aufgabe, daß man, wenn man die Gefahr sieht, sei sie noch so klein, sie scharf zum Ausdruck bringt, daß man auf sie aufmerksam macht, wenn Sie wollen, daß man sie übertreibt. Daß ich oder Sie die Gefahr übertreiben, ist doch ganz unbedeutend, also eine Mahnung mit etwas erhöhter Stimme. Aber die andere Gefahr, daß man es versäumt oder verpaßt, daß diese Tendenz heranwächst und mit einer Provokation zusammenstößt, daß daraus das Feuer des Abenteuers lodert, das ist die große Gefahr. Dadurch erklärt sich auch die Leidenschaft, mit der mancher Genosse darüber spricht. Und ich werde Ihnen sagen, wenn ich mit dem einen oder anderen Genossen privatim darüber spreche und merke, er versteht mich nicht, er denkt, ich bin älter, er ist jünger, ich habe schon etwas graue Haare, er ist etwas entschlossener, er faßt es als die Frage des Temperaments auf und sagt: „Du bist zu vorsichtig“, da sage ich mir: Die größte Gefahr besteht darin, daß mancher Genosse auch den Boden der Gefahr nicht versteht, daß er politisch, in revolutionärem Sinne, unerfahren ist, daß er diese Mahnung in ihrer Wirklichkeit, aber auch in ihrer Begrenztheit nicht versteht. Er meint, man rückt nach rechts. Nein, das ist nicht der Fall.
Man sagt, du bist jetzt von den Opportunisten abgeprallt und du machst diese Bewegung von innen, aber schau, auf der Welt existieren nicht nur die Opportunisten, sondern ie Klassen, die kapitalistische Gesellschaft, die Polizei, die Armee, bestimmte ökonomische Verhältnisse, ein Teil mit dir, ein anderer gegen dich, der dritte ziemlich neutral, der vierte gegen dich, eine ganz komplizierte Welt, in der sich zurechtzufinden eine große Aufgabe ist. Das mußt du lernen, wenn du mir antwortest. Ja, willst du, daß ich den Kampf mit den Zentristen aufnehme. Alle die Resolutionen des I. und II. Kongresses bleiben doch bestehen. Und die ganze Tätigkeit, die wir zu entfalten haben, ist doch immer für den Opportunismus ein Schlag ins Gesicht. Aber wir haben doch nicht nur die Aufgabe, den Opportunismus immer theoretisch zu verurteilen, wir haben praktisch die Kapitalistische (Gesellschaft zu überwinden, die Bourgeoisie auf den Rücken zu werfen und zu töten. Das ist die Aufgabe. Und für diese Aufgabe, — ich muß das wiederholen, muß man die kühle Sprache der Statistik mit der leidenschaftlichen Sprache der revolutionären Gewalt vereinigen. Wir werden das lernen und wir werden siegen. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Genossen, es liegt ein Antrag der amerikanischen Delegation vor, nachdem Gen. Trotzki gesprochen hat, die Diskussion zu schließen und dem Gen. Radek das Schlußwort zu geben. (Lärm und Widerspruch.)
Bela Kun (zur Geschäftsordnung). Genossen, ich beantrage: Schluß der Rednerliste, aber keinesfalls Schluß der Debatte. Gen. Trotzki hat jetzt in einer einstündigen Rede gegen die sogenannte Linke einen Vorstoß unternommen; er hat das in einem solchen Tone gemacht, daß wir auf diese Rede unbedingt antworten müssen. Eben darum glaube ich, daß Schluß der Debatte in diesem Falle Wortabschneiden bedeutet. Meines Erachtens bedeutet dieser amerikanische Antrag, in einem günstigen Moment aus der Tasche geholt, eine politische Schiebung, und gegen diese politische Schiebung protestiere ich entschieden. Ich beantrage Schluß der Rednerliste, aber keineswegs Schluß der Debatte.
Vors. Koenen. Ich stelle zunächst sachlich richtig, daß von einer Schiebung keine Rede sein kann. Der Antrag ist uns, bevor Gen. Trotzki mit seiner Rede begann, überreicht worden, und wir haben ihn nach der Rede des Gen. Trotzki, nach welcher er sachlich am Platze war, — denn erst nach der Rede des Gen. Trotzki wurde Schluß der Debatte verlangt — zur Verlesung gebracht.
Ich kann nicht einen Antrag vorbringen, wenn seine Unterbreitung erst nach der Rede Trotzkis verlangt wird. Aber ich bitte die Genossen, sich über den Schluß der Diskussion auszusprechen und abzustimmen. Wir sind absolut nicht festgelegt im Präsidium, sondern unterbreiten ihnen den Antrag der amerikanischen Delegation.
Frölich. Ich stelle fest, daß das Präsidium es zugelassen hat, ohne den Kongreß zu fragen, daß jetzt der Genosse Sinowjew ¾ Stunden sprach, darauf Gen. Trotzki eine volle Stunde gegen die sogenannte Linke. Ich stelle fest, daß der Antrag der amerikanischen Delegation vorgelegen hat, ehe Genosse Trotzki das Wort bekam. Ich bin der Meinung, wenn hier der Kongreß nicht aussprechen will, daß die Linke vergewaltigt werden soll, daß dann unbedingt die Debatte weiter gehen muß.
Marshall. Genossen, im Namen der amerikanischen Delegation möchte ich feststellen, daß absolut nicht die Absicht besteht oder bestand, irgend jemanden hier zu knebeln. Die amerikanische Delegation, und auch die englische waren der Ansicht, daß die ganze Debatte, so wie sie heute gepflogen wurde, nach den Debatten von gestern und nach den Debatten in der Exekutive nichts wesentlich neues mehr zu Tage gefördert hat. Und weder Trotzkis einstündige Rede, noch eine darauffolgende Rede der anderen Seite wird die Gemüter im Saal umzustimmen imstande sein. Und wir möchten gerne einmal Schluß machen und nicht dieselben Argumente immer wieder anhören.
Vors. Koenen. Es ist üblich, bei solchen Geschäftsordnungsdebatten auf Schluß der Diskussion einen Redner für und einen Redner gegen den Antrag sprechen zu lassen. Es haben bereits mehrere für und gegen den Antrag gesprochen, es liegen aber schon wieder eine ganze Reihe von Wortmeldungen vor, so daß ich glaube, daß nichts anderes übrig bleibt, als abstimmen zu lassen.
Friesland. Die deutsche Delegation bittet den Kongreß, die Sitzung auf 2—3 Minuten zu vertagen, damit die Delegationen sich darüber verständigen können. Der Schluß der Debatte kann in diesem Moment von entscheidender Bedeutung sein.
Sinowjew. Ich schlage vor, eine Unterbrechung von 10 Minuten vorzunehmen und dann abstimmen zu lassen. Ich glaube, das wird das Zweckmäßigste sein.
Vors. Koenen. Erhebt sich Widerspruch dagegen? Das ist nicht der Fall. Also in 10 Minuten wird die Sitzung wieder eröffnet.
Nach einer Unterbrechung von 10 Minuten wird die Sitzung wieder eröffnet.
Vors. Koenen. Ich eröffne wieder die Sitzung. Wir werden nunmehr über den Antrag auf Schluß der Debatte abstimmen.
Sinowjew. Ich bin auch der Ansicht, daß die Debatte geschlossen werden soll. Sollte der Fall eintreten, daß in der Kommission ein Mitglied Anträge prinzipieller Natur stellen wird, die von der Kommission abgelehnt werden, dann werden wir dem Kongreß vorschlagen, diese Genossen im Plenum zu Worte kommen zu lassen. (Zustimmung.)
(Der Kongreß beschließt in diesem Sinne.)
Vors. Koenen. Das Wort erhält Gen. Radek zum Schlußwort.
Radek. Nach den zwei Tagen Diskussion, in der einzelne der Reden wiederholte Schlußworte waren (Heiterkeit), erlauben Sie mir, Parteigenossen, im Namen der Exekutive das Schlußwort zu halten und die Thesen, die wir hier vorgelegt haben, im Zusammenhang mit allem, was die Debatte an Tatsachen ergeben hat, und das Ergebnis unserer Verhandlungen, die nicht ein Austausch einer Reihe persönlicher Meinungen waren, sondern die eine ganze Reihe Tatsachen ans Licht zu bringen hatten, zur Annahme zu empfehlen. Zuerst erlauben Sie mir, Genossen, das Auftreten einer Reihe von Vertretern verschiedener Delegationen zusammenzufassen.
Als erster erklärte sich zu den Thesen der Genosse Lazzari, noch bevor die Thesen hier begründet wurden. Er war mit den Thesen vollkommen einverstanden, nur nicht damit, was über Italien gesagt worden ist. Die Genossen aus der Tschechoslowakei erklärten wieder, sie seien vollkommen einverstanden mit den Thesen mit Ausnahme dessen, was sich auf die Tschechoslowakei bezieht, und die englischen Genossen erklärten ihr volle Liebe, ihre volle Zuneigung zu den Thesen, nur in Bezug auf England seien die Thesen nicht richtig. (Heiterkeit.) Diese Erklärungen erinnern mich an das Wort eines polnischen Dichters, der da sagt: „Du beichtest über fremde Sünden“.
Wenn man die Sünden der tschechischen Genossen öffentlich angreift, dann sagt Lazzari, das ist noch zu wenig, an den Galgen mit ihnen. Die Tschechen waren nicht so heiß in ihrem Wunsche, die Serratianer am Galgen zu sehen, aber sie gaben ihre Genehmigung dazu. (Heiterkeit.)
Das zeigt, daß wir bei unserer Beurteilung der Lage in der Internationale von folgendem ausgehen müssen: Die opportunistische Gefahr in der Arbeiterbewegung ist nicht überwunden. Wir haben die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, wir haben in jedem Lande starke opportunistische Parteien. Die Gefahr des Opportunismus ist auch in der kommunistischen Internationale nicht überwunden, sie wird noch größer werden, wenn die Bewegung ein langsameres Tempo anschlagen sollte. Ich sehe es als ein gefährliches Symptom des Opportunismus an, wenn hier Vertreter von Parteien auftreten, die erklären, alles in ihrer Partei sei schön. Genossen, wir haben hier über die Verhältnisse bei unserem jüngsten Kinde, bei unserer tschechischen Bruderpartei ganz gewiß anders gesprochen, als wir vor Beginn des Kongresses beabsichtigten. Wir haben in der schonendsten Weise gesprochen, weil wir uns überzeugt haben, daß es sich hier um einen zwar langsamen Entwicklungsprozeß, aber doch um eine Entwicklung nach links handelt. Aber wenn Genosse Burian hier, nachdem ich im Referat feststellte, der Dezemberstreik sei für die Partei vollkommen unerwartet gekommen, die Partei habe ihn weder organisatorisch, noch politisch geleitet und nach dem Kampf habe die Partei alles andere getan, nur nicht die Lehren des Streiks den Arbeitern zum Bewußtsein gebracht, wenn Genosse Burian dann hier auftritt und sagt: unsere Partei ist eine ausgezeichnete Partei, wenn die Parteileitung zum Kampfe rufen wird, so wird die Partei zur Stelle sein — so sagen wir: „Das ist Brauch bei der Zweiten und nicht bei der Kommunistischen Internationale‘“‘ Wir wären natürlich sehr zufrieden, wenn wir behaupten können, jede unserer Parteien stehe auf der Höhe ihrer Aufgaben. Aber wir wissen, daß die Revolution ein schwerer Weg ist, auf dem tausend Fehler gemacht werden. Und wenn wir aus einem Lande, in dem die Kommunisten vor einem Jahre noch mit Němec und Soukup einer Partei angehörten, die Versicherung hören: „Bei uns ist alles gut“, so sind wir mehr beunruhigt, als wenn der schlechteste Turkestaner seine schlechtesten Warnungen an die Exekutive schickt. Denn das zeigt uns, daß man in der tschechischen Partei nichts vom Geist des Kritizismus hat. Darum müssen wir den tschechischen Genossen sagen: Aus Euch wird keine gute, schlagfertige Partei, wenn ihr nach allem, was hinter Euch liegt, die Partei als gute Ware anpreist, anstatt zu versuchen, aus den Fehlern zu lernen.
Betrachten wir die Sache der englischen Genossen. Ich behauptete, daß man auf Grund der englischen Parteipresse nichts über die wirkliche Tätigkeit der Partei während des Streiks der Grubenarbeiter erfahren konnte. Ich mußte mich bei den Genossen informieren: Was habt Ihr getan? Sie gaben mir ein sehr trauriges Bild. Und hier trat der erste Vertreter der englischen Delegation auf und protestierte dagegen. Ich habe hier die Nummer des englischen Parteiblattes vom 11. Juni. Neben Illustrationen enthält die erste Seite eine politische Übersicht, die zweite eine wirtschaftliche Übersicht, auf der dritten schrieb man, daß man die Gefangenen befreien solle, und die nächsten drei Seiten brachten wieder Bilder. Ich bin nicht gegen die Agitation durch Bilder, aber eine Partei kann über Aktionen anders berichten als dadurch, daß man wie zu Blinden oder Tauben oder Stummen durch Zeichen spricht. Es ist sehr schlecht, wenn eine junge Partei nach der minimalen Rolle, die sie gespielt hat, hierherkommt und sagt: Alles ist gut; die liberale Partei ist auch sehr klein. Verehrte Genossen, wenn Ihr die Macht haben werdet, werden wir sehen, ob Ihr mit einer so kleinen Partei auskommen werdet, wie sie Lloyd George hat. Einstweilen ist es Tatsache, daß die Liberalen und Konservativen die Macht haben. Ihr habt ein Wochenblatt, von dessen Seiten Ihr Dreiviertel auf Illustrationen verwendet, und eine kleine Mitgliederzahl. Und in dem Moment, wo wir sagen: in die Massen hinein — sagt Ihr: Lloyd George hat auch eine kleine Partei.
So darf man die Dinge nicht nehmen, wenn man behauptet, man wolle an die Massen herankommen. (Genossen, wir haben die anderen Parteien, die französische Partei z. B. fast gar nicht erwähnt. Nur einige Bemerkungen haben wir über sie gemacht. Die französische Partei, ich stelle das fest, hat uns durch ihr Auftreten hier auf dem Kongreß nicht genügende Unterlagen für eine Klärung ihrer Politik gegeben. Aber wenn die französischen Genossen glauben, daß unser gemeinsames Verhältnis in der Zukunft darin bestehen kann, daß wir sie nicht anrühren und sie nicht uns, so sind: wir anderer Meinung. Und wenn die Exekutive der französischen Partei gegenüber auf dem Boden stand, die Dinge etwas ausreifen zu lassen, so glauben wir, daß wir in der Zukunft sehr darauf acht zu geben haben werden, wie die französische Partei in Wirklichkeit die Thesen, gegen die sie nicht gesprochen hat, ausführen wird.
Genossen, die Partei, über die am meisten hier gesprochen wurde, die Partei, über deren Fehler hier unsererseits und eurerseits am schärfsten gesprochen wurde, war unsere deutsche Partei. Und seitens der deutschen Partei haben wir hier eine ganze Reihe von Ausführungen gehört, die uns und dem Kongreß ein großes Material zur Beurteilung der Lage und zur Beurteilung unserer Taktik gegeben haben. Und ich bin überzeugt, Genossen, daß diese lebhafte Aussprache über die deutsche Angelegenheit nicht nur die größte Bedeutung für die innere Entwicklung der deutschen Partei, sondern auch die größte Bedeutung für die Kommunistische Internationale haben wird. Die deutschen Proletarier haben uns in all diesen drei Jahren durch große Kämpfe, durch unerhörte Leiden, die sie auf sich genommen haben, immerfort Lehren gegeben, die un: über den Kreis der Erfahrungen der russischen Revolution hinausgeführt haben. Es ist das Geschick der deutschen Arbeiterklasse, daß sie Träger der ersten großen revolutionären Bewegung außerhalb dieses halbagrarischen Rußlands. Träger der ersten Revolution in einem industriellen Lande ist. Und diese Tatsache macht die deutsche Arbeiterschaft zu einer Preiskämpferin des internationalen Proletariats, wie es bisher nur die russische war. Die Erfahrungen der russischen Revolution haben dem internationalen Proletariat die Losung der Diktatur und die Losung der Sowjets gegeben. Aber der Weg, auf dem wir in Rußland zum Siege gekommen sind, konnte kürzer sein als der Weg, den das Proletariat in allen kapitalistischen Ländern gehen wird. Und das Martyrium des deutschen Proletariats, der langsame Gang, die Kämpfe und die Niederlagen, das ist die wichtigste Quelle unserer neuen Erfahrungen, die wir für das internationale Proletariat erschließen wollen. Und wenn wir einerseits mit der V.K.P.D., anderseits mit der K.A. P.D. viel gestritten haben, so taten wir es nicht deshalb, weil sie im Gegensatz zu anderen musterhaften Parteien Fehler gemacht haben, sondern weil die kommunistische Bewegung Deutschlands es uns durch ihre Fehler und Niederlagen, durch ihre Siege erlaubt, den anderen Parteien Fehler zu ersparen.
Genossen, ich habe nicht zufälligerweise oder aus chronologischem Interesse die drei Beispiele zusammengestellt: italienische Partei bei der Besetzung der Fabriken, tschechoslowakische Partei bei dem Dezemberstreik und V.K.P.D. bei den Märzkämpfen. Nicht aus Freude an der Aneinanderreihung dieser Beispiele, sondern deswegen, weil wir durch den Vergleich dieser drei Bewegungen imstande sind, die Möglichkeiten der Aktionen, die Notwendigkeiten und Pflichten der Partei, die Gefahren, die der Partei drohen, abzuschätzen. An der tschechoslowakischen und an der italienischen Bewegung hatten wir ein Beispiel dafür, wie die Parteien angesichts einer großen, spontanen proletarischen Bewegung unfähig waren, diese zu leiten, weil sie nicht genügend kommunistisch sind, weil sie noch in ihrem Blute das Gift des Opportunismus haben. Die deutsche Bewegung zeigte, wie eine junge kommunistische Organisation in ihrem Drange zur Tat, zum Kampf, einerseits die Situation nicht genügend ausreifen läßt, andererseits in der Kampfleitung eine ganze Anzahl von Fehlern begeht, die sie mit der Gefahr bedrohen, ihr Verhältnis zu den breitesten Massen des Proletariats zu lockern. Genossen, es ist für mich sehr unverständlich, daß in der Debatte niemand auf das tschechoslowakische und italienische Beispiel eingegangen ist, daß sich das Interesse auf die Fehler der deutschen Märzaktion konzentriert hat. Die in Italien und der Tschechoslowakei gemachten Fehler bedeuten ein vollkommenes Versagen der Partei, bedeuten ihre Nichtexistenz, eine Todsünde gegen den Kommunismus. Wir halten es für unsere Aufgabe, wenn halbzentristische Elemente aus Anlaß unserer Auseinandersetzung über die Märzaktion rufen: Nostra vittoria! hier zu sagen: Wir kämpfen darum gegen die Linke, wenn sie Fehler macht, weil sie durch ihre Fehler den Opportunismus stärken kann, den Opportunismus, der unser Todfeind ist, und den zu bekämpfen wir in erster Linie verpflichtet sind. Wenn die Opportunisten glauben nostra vittoria, weil wir hier mit den Linken in der deutschen oder italienischen Partei hart gekämpft und sie auf ihre Fehler aufmerksam gemacht haben, so sagen wir ihnen: Ihr freut Euch zu früh! Wir sind überzeugt, diese Auseinandersetzungen, die sich auf alles das stützen, was der Kampf zustande gebracht hat, werden den guten kommunistischen Parteien helfen, ihre Kämpfe siegreich durchzuführen. Und dann werden diese kommunistischen Parteien den Opportunismus nicht mit der Waffe der Kritik, sondern im Kampfe zertrümmern. Und wenn Genosse Lenin hier sagte, wir haben auf dem ersten Kongreß vom Kampfe gegen den Opportunismus, wir haben auf dem zweiten Kongreß vom Kampfe gegen den Opportunismus gesprochen, so bedeutet das nicht, daß wir für die Opportunisten eine carte-blanche für den vierten Kongreß geben, sondern es ist die Aufforderung an die kommunistischen Parteien, zu lernen, durch praktische Massenpolitik dem Opportunismus den Boden bei dem Proletariat zu entziehen. Nicht in Worten, sondern durch ihre ganze Tätigkeit sollen sie das Vertrauen der Massen auf ihre Kraft, auf ihren Sieg stärken und so dem Opportunismus den Boden entziehen, der jetzt, nach der Zertrümmerung der Arbeiteraristokratie durch die wirtschaftliche Entwicklung seinen Nährboden allein in dem mangelnden Vertrauen zu den eigentlichen Kräften des Proletariats findet.
Um zu dem Fazit der deutschen Diskussion zu kommen, — was hat diese Diskussion gezeigt? Erstens, daß die Partei recht gehandelt hat, als sie bei dem Angriff der deutschen kapitalistischen Regierung auf den stärksten Trupp des deutschen kommunistischen Proletariats aufstand, um diesem Proletariat zu Hilfe zu eilen, daß die Partei in der Tat Recht hatte, daß diese Tat kein von oben kommandierter Putsch war, sondern daß sie eine revolutionäre Aktion von Hunderttausenden von Proletariern war. Die Debatte hat weiter gezeigt, daß die Parteileitung bei dieser Massenaktion eine Reihe von Fehlern in der praktischen Durchführung der Aktion begangen hat, und daß ein Teil der Genossen später aus dieser Aktion heraus, aus der Überzeugung heraus, daß neue Aktionen kommen werden, die falsche Theorie von der Verpflichtung der Partei zur Offensive in der gegebenen Situation schuf.
Ich habe schon in meinem Referat gesagt, ohne Offensive, ohne Angriff auf die Bastillen des Kapitalismus können wir nicht siegen. Und eine Partei, die den Geist des Angriffs gegen den Kapitalismus nicht in der Brust trägt, die nicht imstande ist, jedem Proletarier zum Bewußtsein zu bringen, daß das Proletariat nur in dem direkten Kampfe Brust an Brust sich befreien kann, daß es diesen Kampf nur unter Anstrengung aller Kräfte bestehen kann, eine solche Partei ist nicht wert, den Namen einer kommunistischen Partei zu tragen. Und hier habt Ihr aus dem Munde unseres zweifellos besonnensten Führers, des Genossen Lenin, gehört, daß jeder, der prinzipiell die Offensive verwirft, nicht in die Kommunistische Internationale gehört. Wir haben weiter, Genossen, hier festgestellt, daß diese Theorie darum falsch war, weil sie in der gegebenen Situation die Sachlage nicht scharf, nicht kühl genug beurteilte, weil sie in der gegebenen Situation, den Ereignissen vorauseilend, nicht imstande war, große, außerhalb der kommunistischen Partei stehende Massen des Proletariats um sich zu sammeln. Aber Genossen, gleichzeitig haben wir schon in unserer Resolution, in unseren Thesen, in unserem Vorschlag über die Märzaktion gesagt, die deutsche Partei beginne selbst diese Fehler anzuerkennen. Warum sagten wir das? Nur, um der deutschen Partei den Übergang zu erleichtern? Nein, wir hatten sachliche Gründe dazu. Diese Gründe sind: Es genügt, die Resolution vom 7. Mai mit der Resolution vom 7. April zu vergleichen, die Resolution über die Märzaktion und die Thesen, die die Partei im Zentralausschuß zum Internationalen Kongreß annahm, um zu sehen, wie die Partei den wichtigsten Fehler, die Gefahr der Lockerung ihrer Fühlung zu den Massen zu verstehen begann; dasselbe zeigte die Broschüre Brandlers und die Briefe, die Stöcker, der zweite Vorsitzende der Partei, an uns schrieb.
Und wenn hier darauf hingewiesen wird, daß zwei Genossen, ein deutscher Genosse und Genosse Kun, Thesen vorlegten, die wir abgelehnt haben, so habe ich als einer von denen, die mit ihnen verhandelten, festzustellen, daß die Genossen uns schon nach der ersten Unterredung sagten: „Wir haben die Sache allzu sehr zugespitzt, weil wir fürchteten, daß Ihr, eingeschüchtert durch unsere Niederlage, zu sehr die Gegenseite vorkehren würdet.“ Als Resultat der weiteren Verhandlungen mit den deutschen Genossen ergab sich, daß sie keine unseren Thesen prinzipiell entgegengesetzten einbrachten. Das gibt uns das Recht anzunehmen, daß, wenn die deutschen Genossen, die zusammen mit uns die Taktik der Kommunistischen Internationale festlegten, nach Hause zurückkehren, sie diese gemeinsam gewonnene Taktik als etwas durchführen werden, das sie gemeinsam mit uns im gemeinsamen geistigen Kampfe errungen haben. Und, Parteigenossen, wenn hier der Hamburger Delegierte, Gen. Thälmann, mit einer großen Erbitterung von der Notwendigkeit einer gewissen Umstellung sprach, so muß jeder, der die Lage in Deutschland, die Entwicklungsgeschichte der Partei kennt, diese Erregung des Genossen Thälmann verstehen. Thälmann und viele andere Genossen kamen zu uns von der U.S.P. Es kamen von dieser Partei zu uns: Organisatoren, Partei-Redakteure, Gewerkschaftsbeamte, weil sie in ihren Organisationen nicht in der Minderheit bleiben wollten. Diesen Genossen gefällt der Kommunismus am meisten, wenn er langsam marschiert, dann braucht man sich nicht so sehr anzustrengen. Aber es kamen noch Hunderttausende Proletarier, die gesehen haben, wie ein Kampf nach dem anderen durch die Führung der U.S.P. und der Sozialdemokraten niedergeschlagen oder verraten wurde; es kamen zu uns Proletarier, in denen sich der Wille zum Kampf verstärkt hatte, und diese Proletarier, sie lechzten nach dem Kampfe, nachdem sie die Hilferdinge los waren.
Es war keine Offensivpolitik, als in Halle das Proletariat aufstand und ohne Wissen der Zentrale den Massenstreik beschloß, weil der Genosse Stern ausgewiesen worden war. Was war in Flensburg? Die Vorgänge dort beweisen, daß sich in den Vorderreihen des Proletariats der Wille zum Kampfe bildete, er war der Hauptfaktor, der die Partei zum Kampf drängte, so daß sie in den Märztagen unter geringer Vorbereitung schneller in den Kampf kam, als es vielleicht notwendig und nützlich war. Und wenn wir nun nach diesem Kampf diesen Proletariern sagen: Nun verbindet Euch die Köpfe, Ihr habt tüchtig gekämpft, das nächstemal bereitet Euch besser vor, dann werden diese Proletarier, die viele revolutionäre Worte gehört und sehr oft das Umfallen der Führer gesehen haben, beunruhigt. Sie fragen sich, was werden die Arbeiter sagen, wenn wir das vortragen? Wir erklären: „Du wirst ihnen sagen, es ist notwendig, sich angesichts der Stärke des Feindes auf die Kämpfe vorzubereiten, denn es ist nicht unsere Aufgabe, zu zeigen, daß wir mutig sind, unsere Aufgabe besteht darin, den Feind zu schlagen.“ Ich bin überzeugt, daß Thälmann und andere Genossen nicht nur aus dem Gefühl der internationalen Disziplin heraus unsere Taktik durchführen werden, sondern daß sie sich auf die Erfahrung des Kampfes stützen und daß sie es verstehen werden, die revolutionäre Energie bei diesem Teil der Arbeiter umzugießen in ruhigen, proletarisch kühlen, berechnenden Kampf und, wenn es notwendig und möglich ist, auch in das Drauflosschlagen. Und weil es so ist, so stehen wir hier trotz seiner Fehler zum Märzkampf. Man sagt ja, man geht nicht in den Kampf, um danach Fehler festzustellen, aber ich antworte: „Wenn man in den Kampf gehen muß, so soll man danach die Fehler prüfen, um die nächsten Kämpfe, für die wir vielleicht auch nicht die Zeit und den Moment wählen können, siegreich zu bestehen.“ Denn wir haben es nicht mit einer roten Armee zu tun, sondern mit Massen, die sich im Aufmarsch, im Kampf organisieren und denen der Feind oft das Gesetz des Kampfes diktiert. Und dann noch eins: Wir russische Kommunisten haben vor einem Jahre eine Niederlage erlebt, obwohl wir Armeen kommandierten und größere Möglichkeiten hatten, die Kräfte zu berechnen, als in einem Kampf, wo sich erst Armeen bilden sollen. Wir haben Fehler gemacht, und deshalb ist unser Verhältnis zu den Fehlern nicht das Verhältnis von Menschen, die glauben, Fehler entstehen infolge schlechter Philosophien. Wir sehen in dieser schlechten Philosophie der Offensive einerseits ein Resultat der außerordentlich komplizierten Situation der Niederlage und andererseits in dem Kampf selbst das Mittel zur Überwindung dieser Fehler. Wenn unsere russischen Genossen gegen diese Fehler in erster Linie scharf vorgehen, so geschieht es, weil sie in diesen Fehlern Teile jener Ideologie sehen, die in Rußland in der abenteuerlichen Politik der Sozialrevolutionäre enthalten sind. Allein wir dürfen nicht vergessen, daß es in Deutschland keinen Boden für eine Partei, wie die der Sozialrevolutionäre gibt. Die Partei der Sozialrevolutionäre basiert auf den kleinbürgerlichen Intellektuellen und auf der Bauernschaft, und nur zu einem geringen Teil hatte sie in der Arbeiterklasse Wurzeln gefaßt. Wir halten es aber nicht für begründet, anzunehmen, daß dies in Deutschland ebenso ist: für eine Politik, wie die der russischen Sozialrevolutionäre fehlt in Deutschland der Boden. Wir sind Gegner der schlechten Offensivtheorie und wir werden gegen sie kämpfen, aber die theoretischen Fehler dürfen uns nicht über den großen Kampf der Massen die Augen verschließen.
Genossen, ein wenig anders verhält sich die Sache in Italien und Frankreich, in diesen beiden Ländern, wo kleinbürgerliche Traditionen einen größeren Einfluß ausüben. Und wenn wir sehen, wie die französischen Genossen einen dem Herveismus ähnelnden Standpunkt einnehmen, wenn wir den Übergang der Gewerkschaften in die Hände der Syndikalisten sehen, die ohne jeden marxistischen Kompaß segeln, so sind hier vielleicht die Gefahren größer. Darum haben die Genossen Lenin und Sinowjew so scharf gegen unseren Freund Terracini polemisiert.
Um zu der deutschen Sache zurückzukehren, so sind dort für uns nicht die Fehler die Hauptsache. Die Hauptsache ist der Kampf. Und wenn wir die Bilanz ziehen, so müssen wir die Tatsache feststellen, die wir aus unserer Bilanz nicht hinauswerfen wollen, die Tatsache, daß ein Teil der Führerschaft der Partei den Kampf direkt sabotierte. Ich nenne nur Levi, der die kämpfende Masse direkt an die Bourgeoisie verriet. Und ich stelle weiter fest, daß eine große Zahl tüchtiger Genossen, die wir in der Partei haben wollen, sich mit Levi solidarisiert haben, daß diese Genossen auch jetzt den Ausschluß Levis nur als eine vollzogene Tatsache ansehen, daß sie aber bisher mit keinem Worte von Levi merklich abgerückt sind. Und unter Würdigung dieser Tatsache sagen wir der deutschen Partei: du hast gekämpft und du hast im Kampfe Fehler begangen. Dadurch, daß du gekämpft hast, hast du gezeigt, daß du eine gute kommunistische Partei bist. Und den anderen deutschen Genossen sagen wir, Ihr habt nicht nur festgestellt, daß die Leitung Fehler gemacht hat. Ihr habt Euch solidarisiert mit einem Mann, der in dem Momente, wo siebentausend Proletarier — ich wiederhole das, denn das ist das Entscheidende für mich — in die Gefängnisse wandern mußten, diesen Kampf als einen Handstreich einiger Parteiführer und der Exekutive denunziert. Und wir sagen diesen Genossen: Wir brauchen Euch für die Bewegung, wir wollen Euch in der Bewegung haben. Eines müßt Ihr aber wissen: die Kommunistische Internationale wird Euch ein zweites Mal derartige Dinge nicht verzeihen. Noch eines wollen wir diesen Genossen sagen: In den Abänderungsvorschlägen der Genossen Zetkin, Malzahn, Neumann und Franken ist im Schlußpassus von der Freiheit der Kritik die Rede. Die Genossen schlagen diese Abänderungsanträge an Stelle jenes Teiles unserer Resolution vor, wo gesagt wird: Bruch mit Levi, Disziplin in der Partei, anregende Parteikritik in der Parteipresse und in den Organisationen. Vom Bruch mit Levi ist kein Wort in der Resolution. Von der Stellungnahme zum Ausschluß Levis ist kein Wort in der Resolution. Von dem Verbot der Mitarbeiterschaft an der Zeitschrift Levis kein Wort. Dagegen wird schrankenlose Freiheit der Kritik gefordert. Wir sagen Euch hier klar und offen: die Exekutive ist der deutschen Parteizentrale damals in den Arm gefallen, als Ihr nach dem Ausschluß Levis zusammen mit Levi in der Zeitschrift „Sowjet“ Artikel schriebt. Wir haben die deutsche Partei ernstlich ersucht, mit Beschlußfassungen abzuwarten, um erst mit Euch alle diese Fragen hier vor dem Kongreß zu besprechen, damit Ihr Eure Stellung zu den erbitterten Kämpfen in den Märztagen präzisiert. Denn wir wußten, daß in der Hitze des Gefechtes bei der Beurteilung des Vorgehens manchen Genossen Unrecht geschehen ist. Ich gestehe, daß ich bezüglich der Rolle Malzahns im Jahre 1918 durch eine Schrift Barths irregeführt worden bin. Allein, was jetzt hier in bezug auf die Freiheit der Kritik vorgeschlagen wird, ist ganz unmöglich. Natürlich hat Thälmann nicht Recht, wenn er behauptet, man dürfe in der Parteipresse nicht kritisieren, weil der Feind davon etwas erfahren kann. Nein, wir halten die Kritik unserer Aktionen für notwendig. Das Taktgefühl muß jedem Genossen sagen, ob in einem gegebenen Falle eine öffentliche Kritik zulässig ist oder nicht. Es können auch Situationen eintreten, wo die Parteizentrale sagen muß, jetzt ist eine Kritik nicht zulässig, Als wir die Niederlage im polnischen Feldzug erlitten, gab es bei uns sehr heftige Meinungsverschiedenheiten, und trotzdem schrieb keiner von uns darüber einen Artikel. Und diejenigen Genossen in führender Stellung, die während des Feldzuges eine kritische Stellung einnahmen — ich gehörte zu ihnen — sagten sich nach der Niederlage: es ist keineswegs das Wichtigste, für die Geschichte festzulegen, daß ich im Rechte war gegen andere Genossen. Und wir konnten auf öffentliche Kritik verzichten, weil wir alle die Gründe, die Ursachen für die Fehler verstanden und sie zu würdigen wußten. Aber im großen und ganzen muß jedes Mitglied einer Partei, wenn man von ihm Disziplin fordert und erwartet, das Recht erhalten, an der Ausarbeitung der Linien der Partei teilzunehmen. Dieses Recht besteht auch in der öffentlichen Austragung der Meinungsverschiedenheiten in der Presse, denn an den Parteiversammlungen nimmt nur ein Teil der Genossen teil, und was in den vier Wänden eines Saales geschieht, erfahren die übrigen Parteimitglieder nicht. Die Genossin Zetkin fragt: „Was soll ich antworten, wenn mich Crispien fragt, wie ich mich zur Märzaktion stelle?“ Sie soll antworten: „Mit Leuten, die geholfen haben, die Mansfelder Bewegung niederzuschlagen, mit solchen Leuten polemisiere ich nicht.“ (Lebhafter Beifall und Applaus.) Hier liegt die Grenze, die wir ziehen werden, und hier werden wir keine Zugeständnisse machen.
Genossen, wir sind jetzt dafür, daß die deutsche Partei an die Zukunft und nicht an die Vergangenheit denkt, die Lehren der Vergangenheit wohl würdigt, aber sich jetzt für die neuen Kämpfe einstellt, die da kommen werden, ob wir wollen oder nicht. Dazu ist es notwendig, alle Kräfte, die der Partei zur Verfügung stehen, in Bewegung zu setzen. Um das erreichen können, fordern wir die Auflösung jeder Sondergruppe, jeder Sonderfraktion in der Partei. Und wenn Däumig versucht, das zu durchkreuzen, so sagen wir: Däumig war schon auf Grund jenes Briefes an die Zentrale reif für den Ausschluß (Zustimmung). Und wir werden diesmal der Zentrale nicht in den Arm fallen, wenn er weiter solche Dinge versucht. Wir sagen den Genossen,-die die große Mehrheit in der Partei vertreten: der Kampf war notwendig und es ist ein Verdienst der Partei, daß sie ihn aufnahm. Es sind auch Fehler vorgekommen, und viele Genossen sind allzu weit getrieben worden, allein jetzt Schluß mit der persönlichen Abrechnung, Schluß mit der Vergangenheit. Wir wissen, es haben sich opportunistische Strömungen in die Partei eingeschlichen. Wir müssen wachsam sein. Was geschehen ist, kann man aus dem Bewußtsein der Partei nicht herausreißen. Aber jetzt müssen alle Kräfte, die zusammengehören, zum Zusammenarbeiten vereinigt werden, damit wir nach den Übergangsschwierigkeiten in Deutschland eine große, starke, aktive, revolutionäre, agierende Partei haben.
Genossen, ich komme jetzt zur Frage der K.A.P. Ich habe schon gesagt, die K.A.P. ist eine kleine Partei mit der Prätention, eine neue Internationale in nuce zu bilden. Daß wir sie als Extrawurst behandeln sollen, steht nicht im Verhältnis zu ihrer faktischen Kraft, aber sie stellt eine Richtung dar, und deshalb haben wir uns mit ihr beschäftigt. Wenn hier Sachs meint, Lenin habe auch gesagt, eine kleine Partei könne in einem Lande mit formlosen Massen Millionen mit sich führen, so ist darauf zu erwidern: Das kann geschehen, wo die Massen nicht in großen historischen Gebilden organisiert sind. Um diese zu zerstören, muß man selbst große Organisationen bilden. Und wie kann man sie bilden? Wie kann eine kleine Partei bei den Massen Vertrauen gewinnen? Nur, wenn sie Kämpfe um ihre unmittelbaren Lebensinteressen führt. Wenn Ihr sagt, daß es Opportunismus sei, die Partei für die Lebensnotwendigkeiten einzusetzen, dann werdet ihr gewiß eine kleine Partei bleiben, aber niemals das Vertrauen größerer Massen gewinnen können.
Genossen, verrennt Euch nicht in den Gedankengängen guter Proletarier, die aus Mißtrauen gegen das Parlament und gegen die Gewerkschaften das Leben nicht sehen. Wenn Ihr Euch darauf versteift, dann werden sich unsere Wege trennen und Ihr werdet hinter dem Wagen der Arbeiterklasse herlaufen und sie beschimpfen. Ihr habt diesen Weg schon beschritten.. Es wird keinen Kampf geben, dem Ihr Euch nicht sektiererisch in den Weg stellen werdet. Und wir fordern Euch auf, und um all dessen willen, was uns verbindet, geht auf in der Partei, die, wenn sie auch nicht eine ideale Partei ist, doch in der Märzaktion bewiesen hat, daß sie kämpfen will und kämpfen kann.
Genossen, ich will nicht zu lange Eure Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, wir werden in der Kommission Gelegenheit haben, an unseren Thesen zu feilen, und wenn dann als Rest prinzipielle Gegensätze bleiben, dann werden wir zu Euch zurückkehren und Ihr werdet die Fragen entscheiden.
Noch ein Wort zu den Abänderungsvorschlägen: Es ist ein Mißverständnis, wenn aus den Worten Lenins geschlossen wird: Roma locuta est, causa finita, die russische Delegation hat ihre Ansicht ausgesprochen, und nun ist die Sache erledigt. So ist es nicht gemeint. Die Thesen sind das Resultat langer Erwägungen. Hier wurde von einem Kompromiß gesprochen, und es wurde gesagt, die Thesen sind das Maß der Zugeständnisse nach links. An einem Kompromiß nehmen gewöhnlich zwei Seiten teil. Wenn jemand die Thesen als das Maß der Zugeständnisse ‚nach links empfindet, so haben andere sie als das Maß der Zugeständnisse nach rechts empfunden. Ihr habt sicher empfunden, daß wir vor dem Kongresse viel mehr den Kampf nach rechts trieben. Aber es ist kein Opportunismus, wenn ich jetzt sage: Ich habe Anzeichen gesehen, daß die Gefahr von links besteht und daß man den Kampf auch gegen links führen muß. In der früheren Fassung der Thesen ist sachlich auf alle Fehler eingegangen worden, aber es gab keinen Passus über die Märzaktion. Ich halte es für keinen Kompromiß, wenn ich diesem Passus zugestimmt habe, und ich habe ihn selbst verfaßt. Ich kam auf Grund von Unterredungen mit der deutschen Delegation zu der Überzeugung, daß es notwendig sei, über die Fehler offen zu sprechen. Inhaltlich wurde nichts geändert.
Es ist klar, würden die deutschen Genossen ihre Fehler nicht gemacht haben und würde sich trotzdem eine Opposition gegen die Märzaktion gebildet haben, so wäre diese Opposition reif für den Ausschluß. Die Fehler haben dazu genötigt, dieser Opposition gegenüber milder aufzutreten, weil nicht klar ist, ob sie alle Opportunisten sind oder nur Warner. Das nötigt zu Zugeständnissen nach rechts.
Wir werden in der Kommission prüfen, ob die Änderungsvorschläge bloß neue Formulierungen sind, oder ob sie die prinzipielle Linie ändern sollen. Auf die Änderung der politischen Linie wird die russische Delegation nicht eingehen. Das bedeutet nicht, daß Ihr nichts abändern könnt, Ihr könnt uns überstimmen.
Kampf gegen den Opportunismus: Kampf gegen rechts und Warnung vor den Fehlern von links. Das ist unsere Linie, an der wir nichts ändern können. Über einzelne Fassungen usw. werden wir in der Kommission entsprechende Formeln suchen und finden können.
Genossen, diese Auseinandersetzungen hier auf dem Kongreß geben nicht ein volles Bild dessen, was die Kommunistische Internationale darstellt. Eine Anzahl von Delegationen hat sich zu diesen Dingen wenig geäußert. Und ich persönlich und ein Teil der Genossen in der Exekutive haben das Empfinden, daß die Reden einzelner Genossen anders verstanden worden sind, als sie gehalten wurden. Wenn Leute, die selbst große revolutionäre Kämpfe hinter sich haben, hier aufstehen und vor Unüberlegtheiten, vor Fehlern von links warnen, dann muß jeder von uns verstehen: Das sagen Soldaten, die sich Narben in Schlachten geholt haben, und sie haben ein Recht zu warnen. Und wenn Opportunisten annehmen, das ist eine Warnung vor dem Kampf, so muß man ihnen sagen: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir! Die russische Kommunistische Partei fühlt die große Verantwortung als eine Partei, die den längsten revolutionären Weg hinter sich hat. Wenn sie warnt, so warnt sie nicht, weil es ihr so gut in Rußland geht, daß sie noch zwanzig Jahre warten kann, bis Ihr langsam siegt. Niemand von Euch nimmt das an. Wir hätten alle Ursache, hier andere Töne anzuschlagen, denn kein Proletariat kann lange im Kampfe isoliert stehen. Wenn die Exekutive Euch vor Fehlern warnt, so geschieht das aus dem Gefühle der Verantwortung, aus dem Gefühl, daß wir die erste Etappe der Weltrevolution sind und, daß der Weltrevolution nicht gedient wird, wenn das heiße Herz sich nicht mit einem kühlen Kopfe paart. Aus Verantwortungsgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung aller Länder wurde hier gewarnt. Aber Genosse Bucharin hatte tausendmal recht, als er Euch sagte: „Wer annehmen wird, daß diese Warnungsstimmen bedeuten, Du kannst Situationen vorübergehen lassen, die den Kampf erfordern, der würde gegebenenfalls von uns eine andere Sprache hören.“ Wenn wir Euch warnen, so tun wir das als ein Vorposten der Weltrevolution, der weiß: würden wir im Juli 1917 in den entscheidenden Kampf eingetreten sein, wir wären geschlagen worden, aber würden wir im Oktober 1917 nicht den Entschluß zum Kampfe um die Macht gefaßt haben, die Bauern hätten die Front verlassen, das bürgerliche Rußland hätte einen Separatfrieden abgeschlossen und die historische Situation, in der das Proletariat zur Macht greifen konnte, wäre vielleicht für lange Jahre vorüber. Auf Grund unserer Erfahrungen rufen wir Euch auf zur Stärkung der Aktionen der Partei, rufen wir Euch auf, alle Impulse der Arbeiterklasse zum Kampfe zu lenken, aber gleichzeitig fordern wir von Euch, daß Ihr bedenkt: Der Feind ist klug, er ist organisiert, er will uns schlagen, indem er unsere Unerfahrenheit ausnutzt. Das ist der Sinn der Warnung der Exekutive. Nicht Einstellung der Parteien auf die lange Zeit, in der wir statt des kommunistischen Manifestes die Broschüren von Lenin und Trotzki lesen und erklären werden, wo wir Bibliotheken zum Studium der Revolution gründen werden, damit unsere Enkel dann die Revolution durchführen. Unsere Linie ist gerichtet auf die Kämpfe, die früher kommen können als viele von uns annehmen. Aber sie besagt gleichzeitig: Stark ist der Feind, und die Kommunistische Internationale muß stark organisiert und klug berechnend sein, damit die großen Kämpfe, vor denen wir stehen, siegreich zu Ende geführt werden können. Genossen, in diesem Sinne ist unser Kampf gegen den Opportunismus eine Vorbedingung des Sieges. Jeden unserer Fehler nutzt der Gegner aus. Die Fehler, die wir im März gemacht haben, werden uns morgen helfen, besser zu siegen, aber heute nutzen sie die Scheidemänner und Crispiene aus. Aus diesem Grunde sagen wir: Kampf gegen den Opportunismus. Aber wir haben gleichzeitig zu beachten, wie wir durch unseren Kampf am besten die Massen unter unsere Fahne rufen, und in dieser Hinsicht haben wir noch überall vieles zu tun. Ich wiederhole, unsere Linie ist: Die Massen für die Kommunistische Internationale erobern, die Massen in den revolutionären Kampf führen, die Massen für diesen Kampf vorbereiten und jede Situation, die erlaubt, einen Schritt vorwärts zu tun, ausnutzen, aber darauf bedacht sein, jedes Opfer, das wir vermeiden können, zu vermeiden, indem wir unseren Schlachtplan dem Schlachtplan der Bourgeoisie entgegenstellen. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Koenen. Vor der Abstimmung müssen wir zwei persönliche Erklärungen entgegennehmen. Genossin Zetkin hat dem Präsidium zum Zwecke der Verlesung vor dem Plenum folgende Erklärung übermittelt:
Erklärung.
„1. Genosse Heckert hat mich gestern beschuldigt, ich habe Donnerstag, den 31. März, Kenntnis von der Absicht der Genossen Däumig, Levi, Geyer usw. gehabt, in einem Manifest kritische Stellung zur Haltung der Zentrale in der Märzaktion zu nehmen. Ich stelle fest, daß ich von dieser Absicht erst am 2. April bei meiner Ankunft in Berlin durch die Genossen Walcher und Hauth etwas gehört habe. Des weiteren, daß ich sofort alle mir verfügbaren Mittel angewendet habe, die opponierenden Genossen von der Verschickung des Manifestes zurückzuhalten. Gerade weil ich die schärfste, rücksichtsloseste Kritik der Märzaktion und der Haltung der Zentrale als eine Lebensfrage der Partei bewertete, hielt ich den Weg dazu für ungangbar, den manche opponierenden Genossen einschlagen wollten.
- Genosse Heckert hat ferner behauptet, mein Verhalten zur Kommunistischen Partei sei von Anfang an schwankend und unsicher gewesen, ich habe mich ihr nicht sofort bei der Gründung angeschlossen. Zu dieser Behauptung stelle ich das folgende fest: Vom Gründungsparteitag der K.P. wurde ich überrascht. Genossin Luxemburg hatte mir noch kurz vorher mitgeteilt, sie und stärker noch Genosse Leo Jogiches — hielten an der Auffassung fest, daß wir uns erst auf dem Parteitag der U.S.P. von dieser loslösen und als Kommunistische Partei konstituieren sollten. Ein Zusammentreffen äußerer Umstände hat bewirkt, daß ich keine Nachricht von der geänderten Auffassung und dem Stattfinden des Gründungsparteitags erhalten habe.
Kurz vor ihrer Ermordung schrieb mir Rosa, ich möge nicht so ungeduldig auf mein Kommen nach Berlin und meine offizielle Beitrittserklärung zur K.P. drängen. Nach Rücksprache mit Leo finde sie, es sei der Sache nützlicher, wenn ich bis zum Parteitag der U.S.P. dieser angehöre. Sie werde mir demnächst ausführlicher über das Warum schreiben.
Die feige Bluttat der betreßten Mörder hat die Absendung dieses Briefes verhindert. Bald darauf schrieb mir Genosse Leo, er wisse, wie peinlich mir die schiefe Situation sei. Ich müsse jedoch bis zum Parteitag der U.S.P. aushalten. Erstens, als Redakteurin der Frauenbeilage der Leipziger Volkszeitung sei ich ein vorgeschobener Posten in Feindesland. Zweitens, dieser Posten werde vielleicht den Vorstand der U.S.P. zu der politischen Dummheit verleiten, mich zu maßregeln. Drittens, ich dürfe die Möglichkeit nicht preisgeben, am Parteitag der U.S.P. teilzunehmen, dort von unserem Standpunkt aus Kritik an der Theorie und Praxis der Partei zu üben und dann meinen Austritt aus ihr zu erklären. Dadurch würde vielleicht ein Teil der opponierenden Linken mitgerissen und uns zugeführt werden. Er halte die Ausnutzung der vorliegenden Möglichkeit für um so wichtiger, als er nach wie vor der Meinung sei, die Gründung der K.P. sei zu früh erfolgt, man hätte für sie den Parteitag der U.S.P. abwarten müssen.
Ich habe dementsprechend gehandelt.
Clara Zetkin‘“
Vors. Koenen. Auch die italienische Delegation wünscht eine Erklärung abzugeben. Die Erklärung lautet:
„Die italienische Delegation erklärt, daß die Verbesserungsvorschläge, die sie unterstützt, nur genau so aufzufassen sind, wie sie von den Antragstellern gemeint waren und keineswegs so verstanden werden dürfen, wie Gen. Lenin sie in seiner Rede deutet. Die Kommunistische Partei Italiens hat die Theorie des Putschismus nie unterstützt und denkt nicht einmal daran, sie anzunehmen. Den besten Beweis dafür liefert der Kampf, den die Partei tagaus, tagein gegen die Anarchisten und die Syndikalisten führt. Die italienische Delegation ist nicht — wie die Interpretation des Gen. Lenin anzudeuten scheint, — gegen die täglich wachsende Organisation der proletarischen Massen. Dies wird schon allein durch die große Bekehrungsarbeit bezeugt, die die Kommunistische Partei Italiens unter den Arbeitermassen leistet. Die italienische Delegation ist nicht der Ansicht, daß man die Arbeiter nicht in Kämpfe oder Teilaktionen führen müsse. Und tatsächlich leitet die Kommunistische Partei Italiens sie in allen ihren Bewegungen und Erhebungen. Gen. Lenin kämpft in seiner Deutung der Verbesserungsvorschläge unerbittlich gegen das Schreckgespenst des Putschismus an, der, dort wo er besteht, tatsächlich gefährlich ist, — er besteht jedoch nicht in der Kommunistischen Partei Italiens. Gen. Lenin gibt hierdurch gegen seinen eigenen Willen den opportunistischen und zentristischen Tendenzen, gegen die der Kampf noch andauert, eine Waffe und ein Kampfinstrument in die Hand. Wie die italienische Delegation auch im Namen der anderen schon zu Anfang der Debatte erklärt hat, als sie ihre Verbesserungsvorschläge zu den Leitsätzen des Gen. Radek einbrachte, hat sie beschlossen, für die Leitsätze zu stimmen und sie in ihren allgemeinen Umrissen anzunehmen, bevor sie an die Kommission zurückgegeben werden.“
Gen. Polano gibt im Namen der Jugendinternationale folgende Erklärung ab:
„Im Einklang mit den Erklärungen, die Gen. Münzenberg in seiner Rede gemacht hat, und nach Anhörung der Debatte, erklärt die Delegation der Kommunistischen Jugendinternationale, daß sie die von der Kommunistischen Partei Rußlands beantragten Leitsätze mit folgenden Vorbehalten annimmt:
daß gewisse unrichtige Einschätzungen des Vorgehens der Jugend gegen die zentristischen und opportunistischen Tendenzen, die in einigen, der III. Internationale (Frankreich) angeschlossenen Parteien noch immer bestehen, in der Kommission richtiggestellt werden;
daß sie in der Kommission gemeinsam mit den anderen mitunterzeichneten Delegationen, die dem Kongreß vorgeschlagenen Verbesserungen unterstützen werde.
Polano. Tranquilli.
Laporte. Keller.“
Vors. Koenen. Gen. Heckert wünscht eine Erklärung abzugeben.
Heckert. Ich habe im Namen der deutschen, polnischen, der Mehrheit der ungarischen, der deutsch-österreichischen und der deutschen Sektion der tschechoslowakischen Delegation, sowie im Namen der Jugendexekutive folgende Erklärung abzugeben:
„Die unterzeichneten Delegationen erklären, daß sie die von der russischen Delegation vorgeschlagenen taktischen Thesen im Prinzip annehmen, daß sie aber ausdrücklich Vorbehalte machen, in bezug auf die Auslegung, die diese "Thesen in der Rede Trotzkis erfahren haben.
Für K.P. Polens: Brand.
» V.K.P. Deutschlands: Thalheimer.
„ Jugendinternationale: Keller.
„ die Majorität der ungarischen Delegation: Kun.
„» Deutschböhmen: Kreibich.
„ Deutschösterreich: Koritschoner.“
Vors. Koenen. Wir schreiten zur Abstimmung. Es wird ebenso verfahren, wie bei den Thesen des Gen. Trotzki. Es wird darüber abgestimmt, ob der Kongreß die Thesen im allgemeinen, im Prinzip annimmt und sie als Grundlage für die Beratung der Kommission überweist. Selbstverständlich werden außerdem die Abänderungsvorschläge der Kommission übergeben werden. Die Kommission wird uns dann über das Ergebnis der Beratungen Bericht zu erstatten haben. Wer für diese Vorschläge ist, der hebe die Karte. (Geschieht.) Wer ist dagegen? Ich stelle fest, daß der Kongreß den Vorschlag des Präsidiums angenommen hat.
Was nun die Tätigkeit des Kongresses betrifft, so teile ich mit, daß die nächste Sitzung morgen vormittag ein Uhr stattfindet. In dieser Sitzung gelangen Punkt 5 und 6 der Tagesordnung zur Verhandlung. Es sind dies die Punkte über die Gewerkschaftsfrage. Wir werden morgen die Referate der Genossen Sinowjew und Heckert entgegennehmen. Die Diskussion findet an einem späteren Tage statt. Morgen um 5 Uhr nachmittags ist nämlich die feierliche Denkmalsenthüllung unseres verstorbenen Genossen John Reed. Abends findet die Eröffnungssitzung des Gewerkschaftskongresses statt.
(Schluß der Sitzung 2 Uhr nachts.)
Die fünfzehnte Sitzung (3. Juli 1921, 2 Uhr nachmittags)
(Sinowjew und Heckert: Die Gewerkschaftsfrage. I. Das Verhältnis der Roten Gewerkschaftsinternationale zur Kommunistischen Internationale. 2. Der Kampf gegen die Amsterdamer gelbe Internationale.)
Vors. Koenen. Auf der Tagesordnung steht die Gewerkschaftsfrage. 1. Das Verhältnis der Roten Gewerkschaftsinternationale zur Kommunistischen Internationale. 2. Der Kampf gegen die Amsterdamer gelbe Internationale. Zum ersten Punkt der Tagesordnung hat der Genosse Sinowjew das Wort. Außer dem Genossen Sinowjew wird der Genosse Heckert von der deutschen Delegation über dasselbe Thema referieren.
Sinowjew. Genossen! Schon der II. Kongreß der Kommunistischen Internationale hat die prinzipielle Stellung der Kommunisten zur Gewerkschaftsfrage bestimmt. Ich glaube, es besteht wirklich kein Bedürfnis, die theoretischen Grundlagen derjenigen Lösung, die der 1I. Kongreß dieser Frage gegeben hat, irgendwie zu revidieren. Ein Jahr des Kampfes hat unserer Meinung nach wohl die Richtigkeit des Beschlusses des II. Kongresses bekräftigt. Schon die Tatsache, daß in verschiedenen Ländern, in England und in Deutschland, in Frankreich, in Amerika, die Herren Gewerkschaftsbürokraten zum Ausschluß der Kommunisten und kommunistischen Zellen geschritten sind, diese Tatsache allein ist, unserer Meinung nach, ein genügender Beweis dafür, daß wir einen richtigen Beschluß gefaßt, daß wir während des II. Kongresses den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Jetzt ist unsere Aufgabe eine neue. Es handelt sich nicht darum, theoretisch unser Verhalten zur Gewerkschaftsfrage zu formulieren, das ist bereits getan. Es handelt sich darum, den Kampf gegen die Gelbe Amsterdamer Internationale besser zu organisieren. Es handelt sich darum, die Beziehungen zwischen den revolutionären Gewerkschaften und den Parteien in jedem Lande praktisch zu präzisieren. Es handelt sich in erster Linie darum, das Verhältnis zwischen dem Roten Gewerkschaftsrat und der Kommunistischen Internationale genau zu formulieren. Das ist die Aufgabe des Kongresses,
Genossen, wir haben schon vor einem Jahr erklärt, die Amsterdamer Internationale sei eine gelbe bürgerliche Organisation. Diese unsere Behauptung hat uns sehr viel Gehässigkeiten eingebracht, sogar manche unserer nicht ganz klaren Freunde waren der Meinung, wir übertreiben da etwas in unserem polemischen Eifer, wenn wir erklären: die Amsterdamer Internationale sei eine gelbe Internationale. Ich erinnere daran, was wir in Halle erlebt haben, als wir dort im Namen der Exekutive aussprachen, die Amsterdamer Internationale sei eine gelbe Organisation, die Führer dieser Organisation seien für die Arbeiterklasse in mancher Beziehung schädlicher als die Herrschaften aus der Orgesch-Organisation. Auf unserem Kongreß handelt es sich darum, festzustellen, daß eine solche Einschätzung der Amsterdamer Internationale wirklich keine Übertreibung und kein polemischer Ausdruck ist. Es ist eine leider feststehende Tatsache, eine nackte Tatsache, daß diese Amsterdamer Organisation wirklich ein Spielzeug der Bourgeoisie ist. Ich habe vor mir einen Auszug aus einem Artikel des Herrn Albert Thomas, eines der Führer dieser Organisation, der in einem Bericht über das erste Jahr der Arbeit der Gewerkschaftsinternationale in der Revue ‚International de travail“ zu erklären versucht, auf welchem Wege diese Internationale entstanden ist; er sagt, nach dem Kriege war, erstens, eine große Spannung, ein großes Bedürfnis seitens der Arbeiterklasse, sich zu organisieren. Aber dieser Faktor allein hätte nicht genügt. Gleichzeitig hatte die Bourgeoisie die Not gespürt, eine Organisation zu schaffen. Er sagt: „D’autre part, responsables de la securit& publique, preoccupes de graves problemes de mobilisation, inquiets de la propagande r&volutionnaire universellement menede par la Russie bolcheviste, les gouvernements ne pouvaient que rechercher, eux aussi, le r&glement methodique et ordonne de l’immense conflit social et des miseres de la guerre.“
Das heißt, die Regierungen, die bürgerlichen Regierungen, die nach dem Kriege auch sehr beunruhigt waren durch die Krise, beunruhigt durch die revolutionäre Propaganda, die überall vom bolschewistischen Rußland getrieben wurde, haben sich ihrerseits dazu veranlaßt gefunden, diese Bewegung zu regulieren, zu unterstützen usw. Also, Sie sehen, es ist wirklich so, wie Herr Albert Thomas es hier ausspricht.
Die Amsterdamer Gelbe Internationale ist aus den Bemühungen der Gewerkschaftsbürokraten einerseits, der bürgerlichen Regierung andererseits geboren. Sie ist jetzt wirklich das wichtigste Bollwerk der internationalen Bourgeoisie. Ich werde nicht ausführlich über die Tätigkeit dieser Organisation referieren. Das lohnt sich nicht auf einem kommunistischen Kongreß. Ich werde nur einige Tatsachen hier anführen. Zunächst muß man feststellen, daß Herr Jouhaux, einer der Führer dieser Amsterdamer Internationale, zum Beispiel an der Versailler Friedenskonferenz als technischer Berater der französischen Regierung teilgenommen hat, eine Tatsache, die ziemlich große Bedeutung hat. Oder hören Sie einer Erklärung zu, die Herr Fimmen, einer der Führer der gelben Internationale, während des ungarischen Boykotts gemacht hat. Er erklärte wörtlich, daß er nach den Unterredungen, die er mit dem Vertreter der ungarischen Horthy-Regierung gehabt hat, zur Überzeugung gekommen ist, daß der weiße Terror in Ungarn nicht von der Regierung, sondern gegen den Willen der Regierung organisiert wird! Die Regierung — also die Regierung Horthy — tue alles Mögliche, um dem weißen Terror vorzubeugen! Diese arme weiße Regierung hatte aber keine Kraft, dem Terror vorzubeugen. Es genügt, wenn man noch die Worte zitiert, die Herr Thomas aussprach: daß „das Büro der Arbeit‘ — bekanntlich ein Zwischending zwischen der Amsterdamer Internationale und der Liga der Nationen — daß dieses Büro der Arbeit die Arbeiterklasse mit der einsichtigen Bourgeoisie vereinigt habe, und daß der vernünftige Teil der Arbeiterklasse zusammen mit diesem einsichtigen Teil der Bourgeoisie versuchen werde, die Krise zu überwinden.
Herr Oudegeest erklärt über Italien folgendes: „Die Amsterdamer Internationale hat sich sehr für die Bewegung interessiert, die Italien im vorigen Herbst durchlebt hat. Sie hat sofort eine ganze Anzahl ihrer Agenten und Delegierten nach Italien gesandt, und Herr Oudegeest konstatiert — sofort, von Anfang an hatte diese Bewegung den Charakter einer ganz gewöhnlichen Gewerkschaftsbewegung, dieselbe Behauptung, die auch Serrati und d’Aragona aufgestellt haben. Nebenbei bemerkt, in derselben Erzählung des Herrn Oudegeest heißt es, er habe eine Unterredung mit d’Aragona gehabt, der habe ihm erklärt, daß trotz aller Krisen, die die italienische Partei jetzt durchmache, die Zugehörigkeit der italienischen Konföderation zu Amsterdam jetzt mehr gesichert sei, als zu irgend einem anderen Zeitpunkt. Wir werden bald die Möglichkeit haben, uns zu überzeugen, ob d’Aragona wirklich in der Lage ist, dieses sein Versprechen zu halten. Gestern haben wir ein Telegramm erhalten, daß im Auftrage der italienischen Gewerkschaften zwei Delegierte hierherreisen. Wir werden also nach einigen Tagen das Vergnügen haben, diese zwei hervorragenden Vertreter der italienischen Gewerkschaftsbewegung hier zu sehen und uns zu überzeugen, inwiefern diese Herren ihre Abmachungen mit Herrn Oudegeest und anderen Führern der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale auch einhalten können.
Es genügen auch einige Äußerungen des letzten Präsidenten der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale. Sie wissen, daß früher Appleton der Vorsitzende war. Dann wurde er von den Arbeitern wegen seines allzu frechen Verrats abgesetzt. Das war die erste Präsidenten-Operation. Bald mußte auch der Engländer Herr Thomas abgesägt werden. Aber vorher hat er im „Manchester Guardian“, wo er viel Lobhudelei über den englischen König abgedruckt hat, auch das Programm von Amsterdam auseinandergesetzt und erklärt: Wenn andererseits zwischen dem Kapital und der Arbeit bessere und gesündere Beziehungen hergestellt und eine engere Arbeitsgemeinschaft geschaffen wird, dann wird dies das beste Mittel sein, das vollständige Vertrauen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder. herzustellen. Viele unserer Schwierigkeiten haben ihren Ursprung eben nur darin, daß wir uns den Standpunkt der Arbeitgeber nicht klar genug angeeignet haben. Es ist kein Wunder, daß wir Fehler machen, wenn wir keine Gelegenheit haben, diesen Standpunkt kennen zu lernen.
“Also es genügt, daß die Arbeiter den Standpunkt des Arbeitgebers gut verstehen, dann wird sich schon alles finden.
Das ist die Physiognomie dieser Organisation! Es ist keine Übertreibung. Diese Organisation ist wirklich die letzte Barrikade der internationalen Bourgeoisie. Nur mit Unterstützung dieser Organisation kann sich die internationale Bourgeoisie jetzt halten.
Sehen Sie die letzten Ereignisse. Welche Aufträge gibt man der Gewerkschaftsinternationale in Amsterdam? Wenn man einen verräterischen Kampf gegen, sagen wir, die englischen Grubenarbeiter anfängt, wer macht die schmutzigste Arbeit? Thomas, Präsident von Amsterdam! Wenn man in Deutschland ein Blutbad, ein Aderlassen der deutschen Arbeiterklasse braucht, wer macht das? Herr Hörsing, Gewerkschaftler, Teilnehmer der Gewerkschaftsinternationale von Amsterdam! Wenn man in Frankreich die Löhne reduzieren will, eine Kampfansage an die Arbeiterklasse ergehen läßt, wem wird der ehrenvolle Auftrag gegeben, das durchzuführen? Jouhaux und den anderen Herren, die Stützen und Säulen der Gewerkschaftsinternationale in Amsterdam sind. In der ganzen Offensive, die jetzt die internationale Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse ‘in den verschiedenen Ländern auf ökonomischem wie auf politischem Gebiet begonnen hat, spielt die führende Rolle die Amsterdamer Gelbe Internationale. Das ist die schwerwiegende, sehr traurige, aber doch reale Tatsache für die Arbeiterklasse, die jeder Gewerkschaftler einsehen muß. Leider muß man sagen, noch nicht alle haben das eingesehen. Manche verhalten sich Amsterdam gegenüber als einem Streit innerhalb des Sozialismus — einer Fraktion gegen eine andere Fraktion. Es ist in der Wirklichkeit nicht ein Kampf der Richtungen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung, es ist ein Kampf der Klassen, obwohl die soziale Zusammensetzung der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale auch eine proletarische ist. Wir können nicht in Abrede stellen, daß formell an Amsterdam Millionen von Proletariern teilnehmen. So einfach ist aber die Frage nicht, daß man eine Organisation nur aus der sozialen Zusammensetzung beurteilt. Das ist nicht marxistisch. Wir wissen, daß auch die christlichen Gewerkschaften Arbeiter vereinigen, auch die liberalen Gewerkschaften, wir wissen, daß auch jetzt noch Millionen von Arbeitern für die Bourgeoisie oder die Kleinbourgeoisie während der Wahlen stimmen. Das beweist noch nichts, und doch ist es ein Klassenkampf. Das zu verstehen, ist das erste Gebot der Stunde. Kein Richtungskampf, keine kleinen Fraktionskämpfe sind es, sondern es ist ein Klassenkampf in sehr eigenartigen, schwierigen, für uns sehr mühevollen Formen. Es ist die letzte Bastion der Bourgeoisie. Wenn wir diese Schwierigkeit überwunden haben, haben wir neun Zehntel aller unserer Schwierigkeiten überwunden. Die Bourgeoisie kann sich schon jetzt nicht mehr gegen den Willen der großen Mehrheit der Arbeiterklasse halten. Sie kann sich nur mit Unterstützung eines Teiles der Gewerkschaften behaupten, die dadurch zur Hauptstütze der Bourgeoisie werden.
Sie kann sich nur durch Verrat eines Teils der Arbeiterklasse in ihrer Macht halten. Und Amsterdam ist das moderne Produkt dieser Übergangsperiode nach dem Kriege, der eine Krise der ganzen internationalen Arbeiterbewegung mit sich gebracht hat. Das ist der wichtigste Punkt. an dem wir jetzt stehen: hie Rhodus, hie salta! Hier werden die Würfel unserer Bewegung fallen.
Darum, Genossen, glaube ich, es gibt wirklich keine praktisch wichtigere Frage für die Kommunistische. Internationale, überhaupt für die ganze proletarische revolutionäre Bewegung, als die, diesen Charakter der Amsterdamer Internationale vor den großen Massen der Arbeiterklasse zu enthüllen. Wir haben während dieses Jahres bedeutende Erfolge gehabt. Gen. Losowski. Sekretär des Internationalen Rates der Gewerkschaftsbewegung, hat mir eine Zusammenstellung derjenigen Organisationen gegeben, die sich zur Roten Gewerkschaftsinternationale zählen. Die Tabelle weist folgendes: Rußland 6½ Mill., Deutschland etwa 2 Mill., vielleicht mehr, Oesterreich 35 000, Schweiz 90.000, Tschechoslowakei 290 000, Polen 250000, Rumänien 90 000, Bulgarien 65 000, Jugoslawien 140 000. Griechenland 50000, Türkei 20000, Frankreich 300 000, Belgien 10 000, Italien 2—3 Mill., Spanien 900 000, Portugal 50 000, Schweden 85000, Norwegen 140000, Holland 93000, Dänemark 50 000, Finnland 60000, Lettland 30000, England 300 000, Vereinigte Staaten 300 000, Mexiko 119 000, Argentinien 214 000, Australien 400 000, — insgesamt etwas mehr als 18 Millionen. Man soil sich nicht täuschen, man soll diese Ziffern mit Vorsicht nehmen, man soll keinen Selbstbetrug begehen. Man soll sich an dieser Tabelle aber vergegenwärtigen, welche großen Aufgaben unseren Parteien noch bevorstehen. Wir haben, z. B., in der Tschechoslowakei 290000 Gewerkschaftsmitglieder, die der Roten Gewerkschaftsinternationale angehören, zu der Zeit, wo wir etwa 400000 kommunistische Parteimitglieder in der Tschechoslowakei haben. Was beweist das? Das beweist, daß es auch solche Länder gibt, in denen unsere Partei es trotz ihrer Stärke noch nicht verstanden hat, die Gewerkschaftsbewegung, die für die proletarische Revolution so wichtig ist, für uns zu gewinnen. Ich habe ein Flugblatt aus der Tschechoslowakei an die Textilarbeiter und Arbeiterinnen vor mir, das gegen die Textilarbeiterverbandsbürokratie herausgegeben ist. Der Kampf in der Tschechoslowakei ist erst im Anfang. Aber auch in der Tschechoslowakei, die sehr große organisatorische Traditionen hat, wo wir eine große Partei haben, finden wir dieselbe Erscheinung, wie in allen anderen Ländern. Unsere Parteien haben noch nicht genügend Kräfte. in der Gewerkschaftsbewegung, und sie haben dieser Frage noch nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Man muß im Namen dieses Kongresses als erste Forderung gegenüber allen Parteien aufstellen: viel mehr, hundertmal mehr Aufmerksamkeit der Gewerkschaftsbewegung zu schenken als bisher, mit allen Mitteln zu versuchen, die Mehrheit in diesen Gewerkschaften zu erringen, das ist das Hauptterrain unseres Kampfes, wo die entscheidenden Kämpfe der ganzen Epoche der proletarischen Revolution geschlagen werden. Die entscheidenden Kämpfe werden dort ausgefochten, und wir haben bis jetzt noch den Zustand, daß wir in einem Lande, wo wir eine halbe Million Parteimitglieder haben, nur eine Viertelmillion gewerkschaftlich organisierter Arbeiter in der Roten Gewerkschaftsinternationale haben. Es gibt auch noch andere Beispiele. Es gibt, z. B., Spanien mit einer, obwohl syndikalistischen, aber ziemlich klaren revolutionären Bewegung, die etwa 1 Million Mitglieder zählt und gleichzeitig eine Kommunistische Partei, die wenn wir sogar beide Flügel zusammennehmen, d. h., die Kommunistische Partei und die frühere Linke der Sozialdemokratischen Partei, nur etwa 15 000 Mitglieder zählt. In Spanien kann jetzt, selbstverständlich, noch nicht die Rede davon sein, daß unsere Partei die Gewerkschaftsbewegung vollkommen führen und geistig leiten wird, wo wir erst eine junge Partei von nur etwa 15000 Mitgliedern und gleichzeitig eine Million gewerkschaftlich organisierter, guter revolutionärer Proletarier haben. Wir haben eine ganz eigenartige, sehr komplizierte Lage auch in Italien. Eine junge Kommunistische Partei, eine prächtige revolutionäre Stimmung der Arbeiter, eine syndikalistische Bewegung, Unione Syndikala, etwas konfuse, revolutionäre Stimmung ohne jede theoretische Klarheit, ohne jede solide Basis; gleichzeitig eine 2 bis 3 Millionen starke Konföderation, die von Reformisten geführt wird und die ganz schlau jetzt zwischen der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei pendelt, und auf diesem Wege versucht, die Führung in den Händen der Reformisten zu halten. Unsere junge Kommunistische Partei in Italien hatte zwar auf dem ersten Kongreß der Gewerkschaften nach der Spaltung fast eine halbe Million Stimmen, aber das ist nur ein kleiner Anfang dessen, was gemacht werden soll. Wir haben eine merkwürdige Lage in Schweden, wo die Partei sich zu einer Kommunistischen Partei durchgearbeitet hat, wo die Partei die große Mehrheit der Arbeiterschaft des Landes hinter sich hat, und wo doch die Führung der Gewerkschaften teilweise in den Händen zentristischer Elemente blieb, die, obwohl sie der Kommunistischen Partei angehören, mit dem Herzen doch bei Amsterdam sind, das müssen unsere norwegischen Genossen ohne weiteres zugeben. Sie werden nicht bestreiten können, daß manche führenden Kräfte der norwegischen Bewegung mit ihrem Herzen nicht bei uns, sondern bei Amsterdam sind. Absolut unmittelbar bringt dieser Zustand für unsere Partei sehr große und sehr wichtige Aufgaben in dieser Beziehung. Wir haben in die Rote Gewerkschafts-Internationale auf die Initiative der Kommunistischen Internationale syndikalistische Elemente aufgenommen, und ich glaube, wir haben da richtig gehandelt. Der Syndikalismus hat eine große Evolution durchgemacht während und nach dem Kriege — eine Krise, die parallel verlief mit der Krise des Sozialismus. Es war unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, nach einer solchen gewaltigen revolutionären Krise mit den radikalen syndikalistischen Elementen zu verhandeln, zu versuchen, sorgfältig seine Evolution zu verfolgen. Jetzt können wir aber aus dieser Evolution des Syndikalismus ein gewisses Fazit ziehen.
Wir haben jetzt drei Spielarten des Syndikalismus, mit welchen wir zu rechnen haben: 1) die ausgesprochen reformistische Spielart, die von Jouhaux am besten repräsentiert wird, das ist die frühere syndikalistische Bewegung, welche während des Krieges denselben Bankerott durchgemacht hat, wie die Sozialdemokratie. Das ist eine ausgesprochen kleinbürgerliche Bewegung, welche jetzt auch die Führung von Amsterdam charakterisiert. Die zweite Spielart des Syndikalismus ist die, welche in den schwedischen und deutschen Syndikalisten zum Ausdruck gelangt. Das sind keine zahlreichen Gruppen, aber Gruppen, die zu uns gehören wollen. Und wir müssen den Charakter dieses Syndikalismus prüfen. Wenn Sie das Organ der deutschen Syndikalisten „Syndikalist‘ lesen, werden Sie oft das Gefühl haben, daß sie eine ganz ordinäre Scheidemannsche sozialdemokratische Zeitung vor sich haben. Die Einschätzung der Märzbewegung in Deutschland von Seiten dieser Herren Syndikalisten war niederträchtig und bürgerlich-sozialdemokratisch. Anders kann man das nicht nennen. Sie haben nicht Kritik geübt vom Standpunkt des Proletariats, wie es hier auf unserem Kongreß manchmal der Fall war, wo man vom Standpunkt des Kommunismus versucht hat, zu prüfen, ob diese Bewegung gut geleitet war, ob sie nicht verfrüht war usw. Nein, das war nicht eine solche Kritik, wie sie hier von verschiedenen Kritikern geübt worden ist. Nein, es war eine boshafte, verbissene. ganz ordinäre, kleinbürgerliche, konterrevolutionäre Kritik, wie man ihr bei unseren Klassenfeinden begegnet.
Dieselbe Erscheinung haben wir bei den schwedischen Syndikalisten, die sich für die Diktatur aussprechen, aber alles Mögliche tun, um den ersten proletarischen Klassenstaat zu kompromittieren. Das ist eine Art des syndikalistischen „Zentrum“, welche zwischen Jouhaux und den wirklich revolutionären Syndikalisten zu vermitteln sucht und mit einem Fuße in Moskau und mit dem anderen in Amsterdam steht.
Und dann, Genossen, haben wir eine dritte, für uns wichtigste, Spielart des Syndikalismus, mit dem wir uns ernst und freundschaftlich auseinandersetzen müssen. Ich meine die wirklich revolutionäre syndikalistische Richtung, welche sich jetzt von der Krise des Krieges erholt und ihren Ausdruck am klarsten in Frankreich findet.
Und für uns, wie auch für den Kongreß der Roten Gewerkschaften, dessen Eröffnung heute stattfindet, ist die wichtigste Frage, wie unser Verhalten zu dieser wirklich revolutionären, wenigstens in vieler Beziehung revolutionären syndikalistischen Richtung sein soll. Das ist eine große theoretische, wie auch praktische Frage. Ich muß sagen, Genossen, wenn man nur die Presse der revolutionären Syndikalisten in Frankreich verfolgt, nicht aber auch ihre Praxis, da hat man das Gefühl, daß uns in dieser Hinsicht große Schwierigkeiten im Wege stehen. Aber ich hoffe, daß die Ideologie, die in der Presse sich widerspiegelt, nicht ganz der adäquate Ausdruck dessen ist, was in den Massen der einfachen syndikalistischen Arbeiter jetzt gärt. Wir haben hier vielmehr einen veralteten ideologischen Streit, welcher nicht so große praktische Einwirkungen auf die Bewegung selbst haben wird. Es entsteht jetzt der ziemlich alte, aber in gewisser Beziehung ewig neue Streit zwischen uns und den Anarchisten, sowie Syndikalisten, über die Bedeutung des politischen Kampfes, über die Bedeutung der Parteien, und in der Frage, ob die Gewerkschaften politisch neutral sein sollen. Sie haben hier schon das moderne Stichwort der französischen revolutionären Syndikalisten gehört: „Charte d’Amiens“. Ich werde Ihnen dieses Dokument vollinhaltlich vorlesen, damit Sie es vor Augen haben, weil dieses ziemlich veraltete Stück Papier doch eine große Rolle in unserem Kampfe spielt. Im Jahre 1906 wurde die folgende Resolution, die von Griffuelles verfaßt ist, angenommen. Ich will das den deutschen und französischen Genossen ins Gedächtnis zurückrufen, damit sie sehen, ob es sich denn wirklich lohnt, für dieses veraltete Stück Papier so heftige Kämpfe zu führen. Also: „Der Kongreß von Amiens bestätigt den Artikel 2 des Statuts der C.G.T., welcher besagt:
„Die C.G.T. gruppiert außerhalb jeder politischen Richtung alle Arbeiter, die sich des Kampfes bewußt sind, der bis zur Abschaffung der Lohnarbeit und des Patronats zu führen ist.
Der Kongreß nimmt an, daß diese Erklärung gleichsam eine Anerkennung des Klassenkampfes ist, der auf wirtschaftlichem Gebiete die Arbeiter in starken Gegensatz bringt zu allen Formen der Ausbeutung und Bedrückung, sowohl materieller als auch moralischer Art, die von der kapitalistischen Klasse gegenüber der Arbeiterklasse angewendet werden.
Der Kongreß präzisiert diese theoretische Feststellung durch die nachstehenden Punkte:
In täglich wiederkehrender Arbeit verfolgt die Gewerkschaftsbewegung die Zusammenfassung der Anstrengungen der Arbeiter, die Erhöhung des Wohlbefindens der Arbeiter durch die Realisierung sofortiger Verbesserungen, wie z. B., Verminderung der Arbeitszeit, Erhöhung der Löhne usw. Dieses Bestreben ist jedoch nur ein Ziel der Gewerkschaftsbewegung; diese bereitet die vollständige Emanzipation vor, vermittels des Generalstreikes und Ausstandes als Hauptwaffe, und sie nimmt an, daß die Gewerkschaften, die heute Widerstandsgruppen darstellen, in Zukunft solche der Produktion und Verteilung, sowie Grundlagen der sozialen Reorganisation sein werden.
Der Kongreß erklärt, daß diese doppelte Arbeit der Gegenwart und auch der Zukunft von der Lohnfrage abhängt, die auf der Arbeiterklasse lastet und die alle Arbeiter, welcher Art immer auch ihre Meinungen oder Tendenzen in politischer und philosophischer Beziehung sind, zwingt, einer wesentlichen Gruppe; wie es die Gewerkschaft ist, anzugehören.
Deshalb gewährleistet der Kongreß, was die einzelnen Mitglieder anbetrifft, vollkommene Freiheit für den in einer Gewerkschaft Organisierten, außerhalb der gemeinsamen Gruppe sich an solchen Formen des Kampfes zu beteiligen, die seiner theoretischen oder politischen Vorstellung entsprechen, muß jedoch kategorisch als Gegenleistung von ihm verlangen, in die Gewerkschaft auf keinen Fall Meinungen einzuführen, die er außerhalb derselben vertritt.
Was die Organisationen anbetrifft, so erklärt der Kongreß, daß die Gewerkschaftsbewegung, um das Maximum an Erfolg zu erreichen, die wirtschaftliche Aktion direkt gegen das Patronat durchführen muß, während die konföderierten Organisationen sich nicht in dem Maße, wie die gewerkschaftlichen Gruppen, mit den Parteien und Sekten ausschließlich zu befassen haben, welche letztere übrigens außerhalb und nebenbei vollkommene Freiheit besitzen in ihrem Bestreben, die gesellschaftliche Umgestaltung im Auge zu behalten“.
Also Sie sehen, Genossen, Sie haben hier den Neutralismus, den ausgesprochenen Neutralismus. Du sollst in die Gewerkschaft nicht mit der Politik kommen! Du kannst dich irgendwo anders als Sozialist, als Kommunist mit dem Kommunismus beschäftigen, aber in der Gewerkschaft muß der Platz sein, wo sich alle auf neutralem Boden zusammenfinden. Das wurde 1906 gesagt, also vor dem Bankerott der Zweiten Internationale, vor dem Bankerott des Anarchismus. Und mit dieser geistigen Bettelsuppe — erlauben Sie mir das zu sagen — kommt man vor den Kongreß der Dritten Internationale und man will uns überzeugen, daß man auf diesem Standpunkt noch beharren kann. Schon Kautsky hat vor Jahren auseinandergesetzt, — er war damals noch Marxist, — daß der Neutralismus schon darum für uns nicht akzeptabel ist, weil er undurchführbar ist. Der Neutralismus hat eben den großen Mangel, daß er nicht durchzuführen ist. Und darin hatte Kautsky vollkommen recht. Nehmen Sie Frankreich. Wenn dort, z. B., die Frage der Mobilisation kommt, kann dann ein Gewerkschaftler erklären: „mich geht das nichts an. Das ist eine politische Frage, ich bleibe neutral“? Die Gewerkschaftler, die das behaupten würden, wären konterrevolutionär. Die Parteien verhielten sich verschieden. Die Kommunisten waren gegen die Mobilisation, die Sozialisten, weil sie kleinbürgerlich sind, schwankten, die C.G.T. mußte entweder sagen: gegen die Mobilisation, — dann unterstützt sie die Kommunisten; oder sie bleibt „neutral“, — dann unterstützt sie die bürgerlichen Parteien.
Nehmen Sie den Bergarbeiterstreik in England, äußerlich ein rein ökonomischer Kampf. Aber geht in Wirklichkeit dieser Streik nur die Gewerkschaften an? Und nicht auch die Partei? Selbstverständlich, ist das zur selben Zeit auch eine große politische Frage. Jetzt, nach dem Krieg, wo sich die Klassengegensätze so zugespitzt haben, gibt es fast keine einzige größere Frage in der Arbeiterklasse, die nicht gleichzeitig politisch und ökonomisch wäre. Die Neutralität ist ein Phantom, eine Phantasie und nicht Wirklichkeit. In Wirklichkeit kann keine Massenorganisation neutral sein und die Idee des Neutralismus ist ein reales Werkzeug der Bourgeoisie. Die Idee wird zur Macht, wenn sie richtig angewandt wird und die Massen “ergreift, — zur reaktionären Macht, wenn sie die Massen irreführt, wie in dem gegebenen Fall. Die Idee der Neutralität gehört zu den Ideen, die von der Bourgeoisie sehr gut ausgenutzt werden, um den Arbeitern zu suggerieren, sie müßten sich beiseitestellen. Welches ist die Lage der Bourgeoisie? Sie herrscht in vielen Ländern durch das Bajonett, aber es wäre falsch zu behaupten, sie herrsche nur durch die Gewalt, nur durch das Bajonett. Das ist nicht wahr. In den meisten Ländern herrscht sie durch das Bajonett und den Betrug. Und der Betrug hat wenigstens eine ebenso wichtige Rolle gespielt, wie das Bajonett. Der Betrug muß gut organisiert werden. Wenn die Bourgeoisie zu plump, zu grob auftritt, wird sie die Arbeiter nicht gewinnen. Die Bourgeoisie kann nicht zum französischen, zum deutschen Arbeiter kommen und sagen: ich bitte dich, du mußt in meine bürgerliche Partei eintreten. Das geht nicht, das wird der Arbeiter nicht tun. Und wenn er eintritt, in die Versammlungen geht und sieht die Bankiers usw. dort sitzen, so wird er erkennen, daß das nicht seine Leute sind, und wird nicht dort bleiben. Die Bourgeoisie kann also den Arbeiter nicht ganz offen auffordern, in die bürgerlichen Reihen zu treten. Sie kann aber den Arbeitern sagen, sie sollen sich überhaupt nicht mit Politik befassen, diese hätte keinen Wert für die Arbeiter. Sie sollen „neutral“ bleiben, die Politik wäre nicht für sie, sondern nur für die Gebildeten. Sie sollen sich mit den rein ökonomischen Fragen befassen und gegenüber allen Parteien „neutral“ bleiben. Auf diesem Gebiete hatte die Bourgeoisie Erfolge. Die Idee des Neutralismus ist eben die raffinierteste bürgerliche Idee, mit deren Hilfe die Bourgeoisie viele unserer Brüder fängt. Sie sagt ihnen: du mußt in der Politik neutral bleiben, begnüge dich nur mit ökonomischen Fragen, deine Sache ist nur eine kleine Vergrößerung des Lohnes usw. Aber wir wissen: die Gewerkschaft, die neutral bleibt, ist objektiv auf Seiten der Bourgeoisie, auch wenn sie syndikalistisch ist. denn jede Gewerkschaft, die von dem falschen Standpunkt der Neutralität ausgeht, sich neutral erklärt, wird in dem entscheidenden Kampf objektiv zu einem konterrevolutionären Faktor. Wie die Bourgeoisie die Idee des Jenseits, des lieben Gottes braucht, so braucht sie auch die Idee der Neutralität der Gewerkschaften. Ebenso wie die Bourgeoisie den Pfaffen, den Spitzel, den Advokaten, den bürgerlichen Parlamentarier, den bürgerlichen Journalisten braucht, braucht sie auch den bürokratischen Gewerkschaftsführer, der den Gewerkschaften diese Neutralität vorgaukelt.
Es ist so weit gekommen, daß viele prächtige revolutionäre Elemente, wie die revolutionären Syndikalisten, die Anarchisten in Frankreich in diese Falle geraten sind. Wo die ganze Sozialdemokratie opportunistisch war, da war das syndikalistische Mißtrauen an jede Partei leicht zu verstehen. Im Jahre 1906 konnte man die Charte d’Amiens begreifen. Man konnte verstehen, wie sie entstand. Aber wenn man damit jetzt im Jahre 1921, nach 15 Jahren, nach dem Krieg, nach der Geburt der Kommunistischen Internationale, nach der russischen Revolution, nach den Kämpfen der russischen Gewerkschaften, die eine so bedeutende Rolle in unserer Revolution gespielt haben, kommt, so ist das wirklich zu bedauern. Wenn Sie einen gewöhnlichen revolutionär-syndikalistischen Arbeiter nehmen, so wird er sich durch meine Ausführungen, daß er objektiv der Gefangene der Bourgeoisie ist, beleidigt fühlen. Das ist aber Tatsache. Derjenige, der noch immer auf dem Neutralismus besteht, zu den Arbeitern kommt, und ihnen sagt, die Gewerkschaften müssen neutral sein, ist objektiv ein Gefangener der Bourgeoisie, ein Werkzeug der Bourgeoisie. Es herrscht eine sehr reiche Nomenklatur bei den politischen Parteien in politisch so entwickelten Ländern, wie Frankreich. Sie haben dort ein Register von einigen Dutzend Parteien. Fast alles nennt sich „sozialistisch“, aber im Großen und Ganzen wissen wir doch, daß es im ganzen modernen Europa nur drei Gruppen von Parteien gibt: die erste, — die ausgesprochen bürgerliche, ob sie sich nun auch das Attribut „sozialistische“ beilegt; die zweite, — die kleinbürgerlichen Parteien, das sind die Sozialdemokraten, und die dritte Gruppe ist die Gruppe der proletarischen Parteien oder vielmehr die Partei der Kommunisten. Und wenn die Bourgeoisie von unseren Gewerkschaften verlangt, daß die Gewerkschaften erklären, sie seien neutral gegenüber allen Parteien, was heißt das? Was heißt das, wenn eine proletarische Organisation sich „neutral“ erklärt? Das heißt, daß sie in Wirklichkeit das tut, was der ersten oder der zweiten Gruppe nützlich ist. Daher ist es gekommen, daß die ganze II. Internationale für den Neutralismus eintrat. Die Charte d’Amiens war daher in vielen Beziehungen für die II. Internationale annehmbar. Die Idee des Neutralismus wurde aber fallen gelassen am 4. August 1914. Derselbe Legien, — seligen Angedenkens — der am 3. August 1914 für Neutralität eingetreten ist, mußte am 4. August für „seine“ Bourgeoisie eintreten. Während des Krieges wurde die Idee des Neutralismus fallen gelassen. Aber als man an die Organisation der Amsterdamer Internationale schritt, tauchte sofort die Idee des Neutralismus wieder auf. Amsterdam hat man auf dieser Idee aufgebaut. Noch einmal wurde die Idee des Neutralismus geboren. Merken Sie sich das. In Amsterdam ist diese Idee noch einmal geboren worden. Während des Krieges war die Lage zu klar. Die Bourgeoisie bekämpfte sich, und die Sozialpatrioten jedes Landes leisteten der „eigenen“ Bourgeoisie Dienste
Wo man aber noch einmal die Arbeiterklasse zu täuschen versucht, noch einmal eine sogenannte Internationale ausbilden will, da taucht noch einmal die Idee der Neutralität auf, und die Führer der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale haben es so weit gebracht, daß sie sich in einem Atemzug für die Neutralität und für die Ministerportefeuilles erklären. Herr Hörsing ist für Neutralität in der Gewerkschaftsbewegung, Noske ist für Neutralität in der Gewerkschaftsbewegung, Dittmann, Vandervelde, Jouhaux und alle übrigen, Auchsozialisten, sind gleichzeitig Minister, technische Berater, Sekretäre usw. in den bürgerlichen Regierungen. Was beweist das? Das ist ein eklatanter Ausdruck dieser ‚„neutralistischen“ Gaunertaktik. Und, Genossen, obwohl diese Taktik eigentlich zu plump ist, so kraß in die Augen springt, ist die Arbeiterklasse geistig doch noch so wenig reif, daß diesen Leuten diese Tricks immer noch gelingen, und daß noch viele ehrliche Arbeiter mit der Idee der Neutralität als mit einer neuen Idee kommen.
Darum glaube ich, Genossen, daß wir in diesem Punkt den französischen Syndikalisten und allen syndikalistischen Genossen ganz klar sagen müssen, was nötig ist. Mögen sie es uns jetzt auch noch übelnehmen, sie werden sich durch den Gang der Entwicklung mit jedem Tag mehr überzeugen, daß wir im Rechte sind. Die Charte d’Amiens muß man möglichst schnell zerschlagen, sie war einmal vielleicht ein Schritt vorwärts, als eine Aktion gegen den Opportunismus der damaligen Zeit verständlich. Aber, wer jetzt damit kommt, will die Bewegung um 15 Jahre zurückrücken, anstatt sie weiter zu führen.
So steht die Frage in Frankreich und auch in anderen Ländern. Was folgt daraus? Es folgt daraus nicht, daß die Gewerkschaften der Partei einfach unterzuordnen sind. Es ist jetzt eine Diskussion in Frankreich im Gange, die sehr lebhaft wird. Fast täglich erscheinen Artikel in der „Humanite“. Bisher, man muß es sagen. ist die Haltung unserer Bruderpartei in Frankreich noch nicht ganz klar, sie birgt noch viele Unklarheiten in sich. Die Genossen haben sich zunächst ein verzerrtes Bild gemacht und dann fühlen sie sich etwas unbehaglich. Das verzerrte Bild geht dahin, als ob wir wirklich eine direkte Unterordnung der Gewerkschaften unter die Partei fordern. Das ist nicht der Fall. Wir haben in Rußland diese Entwicklung am deutlichsten durchgemacht und müssen sagen, die Gewerkschaften als solche sind der Partei nicht unterzuordnen. Wir kämpften jahrelang um Einfluß innerhalb der Gewerkschaften. Noch während der Oktoberrevolution hatten wir die Minderheit in ihnen, etwa 40 %, erst nach der Oktoberrevolution haben wir die Mehrheit gewonnen.
Um geistigen Einfluß auszuüben, muß man auch zunächst die Mehrheit in den Gewerkschaften gewinnen. Also es handelt sich darum, daß die geistige politische Führung der Partei gehört, und daß die Partei sie erst durch lange harte Arbeit gewinnt, nicht durch Dekrete, nicht durch Resolutionen. Wir haben 15 Jahre mit den Menschewiki um den Einfluß in den Gewerkschaften gerungen. Das erfordert Zeit. Und wir haben immer unseren Genossen gesagt — ihr sollt den Einfluß in den Gewerkschaften durch tägliche Arbeit gewinnen, dadurch, daß der Kommunist sich in allen Alltagsfragen als der beste, der klügste, als derjenige zeigt, der am opferbereitesten ist. Durch diese alltägliche Arbeit während 15 Jahre haben wir den entscheidenden Einfluß in den Gewerkschaften gewonnen. Und wir haben auch jetzt die Gewerkschaften als solche der Partei nicht einfach untergeordnet, sondern wir haben die kommunistischen Zellen (Fraktionen) der Gewerkschaften als Glieder unserer Parteiorganisation betrachtet und die Parteiorganisation so ausgebaut, daß dieses Glied den Willen der Partei durchführt. Das ist ganz etwas anderes als einfache mechanische Unterordnung der Gewerkschaft unter die Partei.
Also die französischen Genossen brauchen sich gegenüber den Syndikalisten nicht zu entschuldigen. Sie brauchen an das Zerrbild nicht zu glauben, daß wir die einfache Unterordnung der Gewerkschaften unter die Partei fordern. Was der Dritte Kongreß von den Gewerkschaftlern fordern muß, das ist hundertmal mehr alltägliche Arbeit in den Gewerkschaften, überall dort, wo die Masse ist. Nicht nur während großer Bewegungen, sondern auch im alltäglichen Gewerkschaftskampfe, mag er auch noch so klein sein, überall soll der Kommunist Wegweiser sein, um den Einfluß seiner Partei jahrelang hartnäckig kämpfen, und, selbstverständlich, wo man den Einfluß gewonnen hat, den Einfluß der Partei auch durchsetzen. Wo wir auch nur drei Kommunisten haben, müssen sie sofort eine Zelle bilden. Die französischen Kommunisten müssen sich nur auf die Mitglieder ihrer eigenen Partei stützen. Mit allen anderen können wir einen Pakt schließen. aber verlassen können wir uns nur auf unsere Mitglieder. Das soll das Verhältnis der Gewerkschaften zur Partei sein: hartnäckiger ausdauernder Kampf um den Einfluß der Partei, Organisation der kommunistischen Elemente, Teilnahme an allen Alltagsarbeiten, keine mechanische Unterordnung.
Die Hauptaufgabe ist, wir wiederholen es: wie gewinnen wir die Mehrheit in den Gewerkschaften?
Man kann meinetwegen auch von Autonomie der Gewerkschaften im gewissen Sinne sprechen. Doch der Sinn der Autonomie ist nicht so zu verstehen, wie man sich das vielleicht vorstellt. Gewiß, es gibt Autonomie und „Autonomie“, Wir wissen aus dem Kampf mit den Reformisten, daß diese Herrschaften diese Autonomie so aufgefaßt haben, daß die Gewerkschaften eines sind, und die Partei etwas ganz anderes sein soll. Wir sind gegen eine solche Autonomie, gegen eine solche Unabhängigkeit, die auf sogenannten Neutralismus hinausläuft. Aber, selbstverständlich, sind wir auch dafür, daß die Gewerkschaftsbewegung einen gewissen freien Raum hat, daß die Partei sich nicht in alle kleinen Details einmengt, sondern daß sie nur die allgemeine Linie bestimmt, daß sie nur da eingreift, wo wirklich etwas politisch Wichtiges vorliegt — und das auch nur vermittels der kommunistischen Zellen (Fraktionen). In diesem Sinne können wir nichts gegen die Autonomie einwenden.
Und dadurch wird auch das Verhältnis der Kommunistischen Internationale zur Roten Gewerkschaftsinternationale entschieden. Auf die Initiative der Kommunistischen Internationale ist die Rote Gewerkschaftsinternationale gegründet worden. Sie besteht erst seit einem Jahre, sie steht noch im Anfang ihres Kampfes. Zunächst hatten wir eine fast einheitliche Organisation. Jetzt. wo die Rote Gewerkschaftsinternationale gewachsen ist, muß eine gewisse Differenzierung geschaffen werden, es muß der Roten Gewerkschaftsinternationale eine gewisse Selbständigkeit gegeben werden. Gewiß, der idealste Zustand wird sein, wenn wir eine einheitliche Internationale haben werden, die alle Zweige der Arbeiterbewegung zusammenfassen wird. Aber auch jetzt müssen wir sagen, die Kommunistische Internationale als Ganzes soll nicht eine einfache arithmetische Summe der verschiedenen kommunistischen Parteizentralen sein. Sie ist etwas mehr. Wir sind hier nicht nur 40 Zentralkomitees. wir wollen eine Zusammenfassung aller Bedürfnisse der Bewegung darstellen. Wir wollen dem gesamten Proletariat, das für seine Befreiung kämpft, die Orientierung geben. Wir wollen den Kampf leiten — in den Sowjets, in den Gewerkschaften, in den Bildungsorganisationen in den Konsumgenossenschaften usw. Das alles muß zusammengefaßt sein in der Kommunistischen Internationale. Sie ist der Kopf der ganzen Bewegung, sie leitet den ganzen Befreiungskampf des Proletariats, und nicht nur den politischen, im engeren Sinne des Wortes. Die Rote Gewerkschaftsinternationale muß eine gewisse Selbständigkeit erhalten. Zunächst müssen wir sie so ausbauen, daß wir eine gegenseitige Vertretung haben, und allmählich wird sie sich inniger verwachsen. Wir müssen das tun aus Gründen der Vorsicht. wir müssen das tun. weil das Bild der Gewerkschaftsbewegung in der ganzen Welt zu bunt, zu verschiedenartig ist. Vergleichen Sie Italien und Norwegen, Tschechoslowakei und England, Deutschland und Frankreich, — ein ganz verschiedenes Bild! Ganz verschiedene Stufen der Entwicklung! Und damit müssen wir rechnen und müssen darum eine solche elastische Organisationsform finden, die möglichst schnell dazu führt, daß wir allmählich verwachsen zu einer gemeinsamen einheitlichen Organisation, die die Kommunistische Internationale sein soll.
Was wir also vorschlagen. ist, daß wir auf dem Wege zur großen einheitlichen Internationale eine gewisse Differenzierung machen und uns nicht davor fürchten. Wir müssen den Bedürfnissen der Bewegung entgegenkommen, uns ihnen nicht hartnäckig entgegenstellen, sondern die organisatorischen Schwierigkeiten verstehen, in jedem Lande elastisch vorgehen, weil hier große Schwierigkeiten sind, kein Mittel vergessen, um die Gewerkschaften den gelben Führern aus der Hand zu reißen, weil das der springende Punkt ist, das Hauptmoment im Kampfe für die proletarische Revolution.
Das wird nicht bedeuten, daß wir zwei parallele Internationalen haben werden. Auch darin liegt eine große Gefahr, wenn sich zwei Internationalen bilden, die eifersüchtig nebeneinander stehen werden. Eine gewisse Autonomie und eine selbstverständliche Elastizität in organisatorischer Beziehung muß unbedingt darauf dringen. daß die politische Führung bei der Kommunistischen Internationale bleibt. daß wir täglich miteinander verhandeln, unsere gegenseitigen Vertretungen haben, uns auf Schritt und Tritt gegenseitig helfen, um die Schwächen der Bewegung zu überwinden. Wir müssen alles tun, daß beide Internationalen zusammenarbeiten, sie gehören zueinander wie zwei Arme.
Das ist unsere Marschroute. Wir sind überzeugt, daß wir auf diese Weise diese Schwierigkeiten überwinden, wir müssen den Genossen einprägen, daß es keine wichtigere Aufgabe gibt, als die Mehrheit in den Gewerkschaften zu gewinnen. Wenn wir das haben, dann haben wir alles. Wenn wir die letzte Bastion der Bourgeoisie zerstört und auf ihr die rote Fahne der Kommunistischen Internationale gehißt haben, dann können wir sagen, jetzt sind die größten Schwierigkeiten vorbei, jetzt ist uns der Sieg sicher.
Die Beschlüsse, die der Gewerkschaftskongreß fassen wird, werden von größter internationaler Bedeutung sein. Wir müssen alles versuchen, um zu gemeinsamen Beschlüssen zu kommen, alles tun, um die beiden Organisationen zusammenzuhalten. Wenn es gelingt, gemeinsam die Schwächen der Bewegung zu überwinden, gemeinsam gegen die Amsterdamer Internationale, gegen den Sozialpatriotismus und Sozialpazifismus vorzugehen, so ist unser Sieg absolut sicher, und zwar in ganz kurzer Zeit. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Das Wort hat Genosse Heckert.
Heckert. Genossen! Wenn wir an das Problem herangehen: was haben die Kommunisten in den Gewerkschaften zu tun, und was haben die Gewerkschaften überhaupt zu tun, ist es notwendig, daß wir uns ganz klar die Frage stellen, welche Aufgaben haben denn die Gewerkschaften überhaupt gehabt, und, zweitens, die Frage, was können in der gegenwärtigen Periode die Gewerkschaften tun, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Als man die Gewerkschaftsverbände gründete, da war die Frage, — was haben die Gewerkschaften zu tun, ganz eindeutig und klargestellt. Den Kampf der Arbeiter für verbesserte Lohn- und Arbeitsbedingungen zu führen, — das war die Aufgabe, das Ziel, das die Gewerkschaften erreichen wollten; verbesserte Lohn- und Arbeitsbedingungen, das konnte nach Meinung der einen innerhalb der kapitalistischen Ordnung erreicht werden und, nach Meinung der anderen, war das Ziel der Erreichung gesunder Lohn- und Arbeitsbedingungen innerhalb der kapitalistische Ordnung nicht möglich. Und darum gab es von vornherein in der Gewerkschaftsbewegung zwei Strömungen: die eine, die sich mit der Existenz der kapitalistischen Ordnung, innerhalb der der Gewerkschaftskampf geführt werden sollte, abfand, und die andere, die erklärte, es ist eine wirkliche Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen innerhalb der kapitalistischen Ordnung nicht möglich, man muß auf den Sturz der Kapitalisten hinwirken.
Wir müssen uns das alles bei unseren gegenwärtigen Betrachtungen: welche Aufgabe die Gewerkschaften haben ‚— vor Auge halten. Ist es möglich, daß das Problem der einen, die da erklärten, innerhalb der kapitalistischen Ordnung sei es möglich, bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erreichen, gelöst werde, oder ist das nicht möglich. Und zum anderen: was haben die Gewerkschaften zu tun, wenn es nicht mehr möglich ist, innerhalb der kapitalistischen Ordnung bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Wir Kommunisten untersuchen darum die wirtschaftliche Situation, die gegenwärtig auf der Erde herrscht. Das ist ja schon auf diesem Kongreß getan und reichlich darüber diskutiert worden. Jedes Wort erübrigt sich. Wir wissen, daß nach Beendigung des Weltkrieges die kapitalistische Wirtschaftsordnung in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Es ist lediglich eine Frage, wie lange es dauert, bis der Auflösungsprozeß innerhalb der kapitalistischen Ordnung zu einer Katastrophe führt, auch ohne organisierten Ansturm der Arbeiterbataillone; nun ist es aber eine Tatsache, daß, wenn die kapitalistische Wirtschaft sich in Auflösung befindet, wenn diese Wirtschaftsordnung auf der einen Seite Arbeitslosigkeit in dem riesigsten Umfange geboren hat, und auf der anderen Seite ein kolossaler Hunger nach Waren herrscht, nicht die Möglichkeit besteht, diesen Hunger nach Waren zu befriedigen, weil die große konsumierende Bevölkerung nicht im Besitz der Mittel ist, sich diese Waren anzueignen. Da fragen wir, wenn die Dinge so sind, was müssen die Gewerkschaften jetzt in dieser Periode der Krise tun? Sollen wir warten, bis irgend ein Wunder geschieht, das ihnen ermöglicht, bei einem eventuellen Aufleben des Kapitalismus innerhalb dieser kapitalistischen Wirtschaftsordnung noch einmal 50 oder 60 Jahre einen Kampf um Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen führen? Oder ist es nicht zugleich auch die Aufgabe der Gewerkschaften, diese Krisis des Kapitalismus, die nicht eine vorübergehende, sondern eine dauernde sein wird, auszunützen, um dieses kapitalistische System zu stürzen? Und von der Beurteilung dieser Konsistenz der kapitalistischen Ordnung, von dem Glauben daran ausgehend, ob der Kapitalismus einerseits noch lebensfähig und wiederaufbaufähig ist, oder ob er andererseits unter allen Umständen gegenwärtig schon überwunden werden muß, muß man sich taktisch einstellen. Und wir haben da zwei ausgeprägte Richtungen. Die kommunistische Richtung, die erklärt, der verfaulende Kapitalismus kann der Arbeiterklasse nur den Tod bringen, je länger dieser Kapitalismus noch besteht. Schneller und organisierter Kampf zur Schaffung eines anderen Gesellschaftssystems, so sagen wir. Aber die Sozialpatrioten erklären: wir müssen erst den Kapitalismus lebensfähig machen.
Es wurde schon in den Ausführungen des Genossen Radek darauf hingewiesen, daß Gewerkschaftsführer und sozialpatriotische Führer die Legende verbreiten, als könnte der Sozialismus, der Kommunismus überhaupt nur bestehen, wenn die kapitalistische Ordnung eine Überfülle des Reichtums hinterlasse. Nun ist es aber so, daß diese Überfülle nicht vorhanden ist und daß eine Überfülle von Reichtum unserer Anschauung nach nur für eine Minderheit von Menschen geschaffen werden könnte, und diese Überfülle müßten Millionen von Arbeitern mit ihrem Leben, ihrem Glück, ihrer ganzen Existenz bezahlen. Wir lehnen daher die Gedanken der Arbeitsgemeinschaft ab, nach denen wir den kapitalistischen Steinbruch erst wieder reparieren müßten, damit etwas zu sozialisieren ist. Ich will nicht über den Kampf, den die Kommunisten gegen diese arbeitsgemeinschaftlichen Ideen geführt haben, sprechen, dazu reicht nicht die Zeit. Ich kann alle die Dinge nur andeuten. Was haben wir nun in dieser Periode zu tun?
Wir sagen: Die Gewerkschaftsorganisationen, selbst wenn sie nur den Kampf für die Erhaltung der Arbeiterexistenz führen, müssen einen revolutionären Kampf führen. Die Zersetzung der kapitalistischen Ordnung gestattet nicht mehr, daß die Arbeitsexistenz erhalten wird. Darum können wir uns in unserem Kampf zur Verteidigung unserer Existenz auch nicht mehr auf die Mittel beschränken, die in der Vorkriegszeit angewendet worden sind, sondern wir müssen daran denken, auch andere Kampfmittel einzusetzen, und da sagen wir Kommunisten schlankweg: Alle Mittel, die dazu dienen, den Kapitalismus so schnell wie nur irgend möglich zu zerstören, aufzulösen, abzuschaffen, um einem neuen Gesellschaftssystem den Boden zu bereiten, sind Mittel, die auch die Gewerkschaften anwenden müssen. Diese können nur ihre Aufgabe in der Verschärfung der Aktion zur Zerstörung des kapitalistischen Systems erfüllen: also von dem gewöhnlichen Lohnstreit gegen einen einzelnen Unternehmer bis zum Generalstreik gegen die ganze kapitalistische Unternehmergruppe eines Staates mit Demonstrationen und letzten Endes mit einem bewaffneten Aufstand gegen die ökonomischen wie politischen Gewalten gilt es von seiten der gewerkschaftlichen Organisation anzustreben. Aber wenn wir uns in unseren Gewerkschaftsorganisationen umschauen, sagen wir uns: taugen diese Organisationen in der Form, wie wir sie jetzt haben, dazu, diese ihre Aufgabe zu erfüllen? Da müssen wir sagen: Ihre Form ist nicht gerade die zweckentsprechendste, sie ist eine in der Entstehungsperiode des Kapitalismus angenommene Form.
Wir haben zwar gesehen, daß mit dem Wachsen des kapitalistischen Systems auch die einzelnen Fachorganisationen, die erst lokal waren, sich mehr und mehr zentralisierten und wie jetzt Zentralorganisationen entstanden sind. Aber, Genossen, der Kapitalismus hat nicht nur eine solche Entwickelung durchgemacht, daß das Unternehmertum in einem Lande aus einem Agrarland einen Industriestaat schuf und die einzelnen Fachgruppen mehr und mehr miteinander in Verbindung brachte, sondern wir haben erlebt. wie innerhalb dieser kapitalistischen Wirtschaft Riesenkräfte entstanden sind, in denen Arbeiter der verschiedensten Berufsgruppen, 20 bis 30 Gruppen, in einem Werk beschäftigt werden. Und wenn nun die Arbeiter, sagen wir, z. B. in einem so großen Werk wie bei Armstrong oder bei Stinnes, in den Kampf treten, um ihre Lebensexistenz zu verbessern, so finden wir die Arbeiter in einer ganzen Anzahl verschiedener Berufsgruppen zersplittert, und es ist schwer, diese Arbeiter zu einem einheitlichen Kampf zu bringen.
Und das beweist uns, daß die gegenwärtige Form der Gewerkschaften nicht so weit entwickelt ist, wie die Struktur der kapitalistischen Ordnung, die wir vorfinden. Es muß also in den Gewerkschaften ein neuer Konzentrationsprozeß vor sich gehen, ganz gleichgültig, wie die Gewerkschaften auch sind. Es muß versucht werden, die Arbeiter, die in einem Betrieb beschäftigt sind, zusammenzufassen. Unsere russischen Genossen haben ja, als sie vor das Problem gestellt wurden, Gewerkschaftsverbände zu schaffen, die den modernen Bedingungen angepaßt sind, keine lokalen und Fachorganisationen geschaffen, sondern sie schufen große zentralisierte Organisationen, die auf Produktionszweige aufgebaut sind und faßten die Arbeiter zusammen in den Betrieben und Werkstätten, dort, wo gearbeitet wird, wo der Betrieb als die Zelle der Organisation gilt, und wo diese verschiedenen Fabriken und Werkstätten ein und desselben Produktionszweiges zusammengefaßt sind zu Zentralorganisationen des Landes. Das ist nach Meinung der Kommunisten die Form der Gewerkschaften, die wir benötigen, um in dieser Periode des Kapitalismus, in der wir leben, unsere Aufgaben erfüllen zu können. Und darum ist die Frage des direkten Kampfes zum Sturz der kapitalistischen Ordnung nicht nur eine Frage um den Inhalt der gewerkschaftlichen Organisation, sondern auch die Frage nach ihrer Organisationsform.
Aber eins sehen wir. Die Organisationsform, sie muß einen Inhalt in sich aufnehmen können, der den tatsächlichen Zuständen in der kapitalistischen Ordnung und den Bedürfnissen des Klassenkampfes der Arbeiter gegen den Kapitalismus entspricht. Die Kapitalisten haben ihre Macht außerordentlich stark vereinigt. Ich erinnere nur an solche Kapitalisten wie Stinnes, um sofort den Beweis zu haben, daß man gegen solch eine Kraft mit einer Summe kleiner föderierter Organisationen nicht ankämpfen kann.
Die Zentralisierung der gewerkschaftlichen Kräfte wird uns aufgenötigt durch die zentralisierte Kraft des Kapitals. Es wäre blödsinnig, gegen solche harte Tatsachen anstreiten zu wollen; wir werden, wenn wir ihnen nicht die gleiche zentralisierte Kraft der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft entgegensetzen können, immer unterliegen, und damit ist jedem Föderalismus das Todesurteil gesprochen. Was die deutschen Syndikalisten predigen und was die Gedankengänge vieler Syndikalisten in Frankreich und in anderen Ländern ausmacht, ist unmöglich. Der Zentralismus der Gewerkschaften ist die Vorbedingung für unseren Sieg.
Wir haben in den letzten Tagen in den Zeitungen gelesen, daß sich die Entente mit Deutschland darüber auseinandersetzt, wie der Friedensvertrag von Versailles erfüllt werden soll. Da wurde offen erklärt, Walter Rathenau, früher hieß es Stinnes, solle sich mit Loucheur zusammensetzen und, unbeeinflußt von anderen Kräften, darüber die Meinung austauschen, wie es möglich sei, daß Deutschland, d. h. die deutsche Arbeiterklasse, gegenüber dem englischen und französischen Imperialismus die Pflichten des unterlegenen deutschen Kapitals erfülle. Wie lächerlich ist es, wenn dann noch behauptet wird, daß, wenn in Deutschland und Frankreich die Kapitalsriesen, zwei Menschen an der Lösung der Frage arbeiten, die Arbeiter in ihrem Sinne diese Fragen lösen können, wenn sie in Lyon und Brest, in Posemuckel und Trippstrill selbständig ohne Zentralisation an die Aufgabe herangehen. Wie lächerlich ist es, den Gedanken zu predigen, in jeder Fabrik müsse die Autonomie von kleinen Betriebsorganisationen sein. wie das Otto Rühle will. Über solche Unmöglichkeiten. die lächerlich wirken, dürfen wir nicht mehr streiten. Wir müssen unsere Kraft einsetzen. um die revolutionären Arbeiter zu überzeugen, daß es ein Fehler ist, wenn sie meinen, man könne ohne Zentralismus auskommen, es sei noch möglich, dem Kapitalismus anders beizukommen als durch die organisierte Kraft der Arbeiter.
Wenn wir sagen. daß innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung es nicht mehr möglich ist. Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erreichen. dann könnte daraus der Schluß gezogen werden. daß es nicht mehr notwendig sei, für diese Verbesserung zu kämpfen und alles auf den Tag und die Stunde. wo der Kapitalismus über den Haufen geworfen wird, konzentriert werden müsse. Es gibt in Deutschland. in Frankreich und Amerika noch viele Elemente. die solche Gedankengänge als revolutionär verzapfen. Der Kapitalismus kann leider nicht in einer Stunde über den Haufen geworfen werden, die Überwindung der kapitalistischen Produktionsordnung hängt von Umständen ab, die wir alle beachten müssen. In der Periode, wo die Kräfte der Arbeiterklasse zum letzten Sturm gegen den Kapitalismus gesammelt werden, finden wir. daß noch mancher Tag und manche Stunde vergeht, wo die Arbeiter täglich Leid erfahren. Da gilt es, den täglichen Kampf um die Milderung dieser Nöte fest in das Bewußtsein der Massen zu rücken, daß der Arbeiter den Kampf um die Linderung der täglichen Nöte, und nicht nur einen Kampf darum, sondern auch gleichzeitig den Kampf um die Organisierung der Kräfte, um die Zentralisation der ganzen proletarischen Macht führen muß, um den Kapitalismus zu überwinden. In der Periode, in der wir leben, ist es tatsächlich so, daß auch der kleinste Kampf größte Auswirkungen haben wird. Wir sagen darum, die kommunistischen Gewerkschaftler und die Kommunisten in der Gewerkschaftsbewegung haben nicht nur die Aufgabe darauf hinzuweisen, daß man den Kapitalismus zerstören muß, sondern sie müssen an all den kleinen Kämpfen zur Linderung der Not, an all den kleinen Arbeiten teilnehmen, die notwendig sind, die Arbeitermasse zu sammeln und ihnen Vertrauen einzuflößen. Wir stehen vor einem Problem. Der kapitalistische Fäulnisprozeß hat Millionen von Arbeitern aus dem Produktionsprozeß herausgeworfen, hat sie arbeitslos gemacht. Können die Arbeitslosen so lange warten, bis der Kapitalismus über den Haufen geworfen ist, ehe die anderen Arbeiter sich um ihre Not kümmern? Da muß jeder sagen: nein! Und darum besteht für uns, Gewerkschaftler, die Aufgabe: Kampf für die Eingliederung dieser Arbeitslosen in den Produktionsprozeß führen, damit sie leben können. Das ist ein harter Kampf. Ein schwieriger Kampf. Und zwar deswegen hart und schwierig, weil wir diesen Kampf nicht allein mit den Arbeitslosen führen können, weil in diesem Kampf zur Eingliederung der Arbeitslosen in den Produktionsprozeß die Arbeitslosen sogar für die Vereinigung der Kräfte des Proletariats in gewissem Grade ein hemmender Faktor sind. Wir müssen bedenken, daß die kapitalistische Ordnung nicht mehr die Arbeitskräfte braucht. Und all die Millionen, die noch im Produktionsprozeß bleiben, haben Angst, sie könnten am anderen Tage hinausgeworfen werden. Der Unternehmer hat die Möglichkeit, mit einer entstandenen Reservearmee von Arbeitern auf die zu drücken, die noch im Produktionsprozeß stehen. Er droht, er werde den Lohn herabsetzen, denn vor den Fabriktoren ständen Tausende von Arbeitern, die er benutzen könne. Darum müssen wir an die herangehen, die noch im Produktionsprozeß stehen, wenn wir das Arbeitslosenproblem lösen wollen und müssen ihnen sagen: der Kampf für die Eingliederung der Arbeitslosen in den Produktionsprozeß, das ist der wichtigste Kampf, den wir, Arbeiter, führen müssen, denn es ist der Kampf zur Verteidigung eurer Lebensexistenz, und wenn ihr den Arbeitslosen nicht helft, werdet ihr arbeitslos werden, wenn ihr ihnen nicht helft, dann werdet ihr nichts zu essen bekommen. Mit ihnen wird man euch den Lohn herunterdrücken. Die erste Aufgabe, die wir zu erfüllen haben, ist ein Kampf für die arbeitslosen Brüder. In der Werkstätte muß dieser Kampf geführt werden. Das ist ganz klar. In den Werkstätten, dort wo die Arbeiter arbeiten, dort muß es ihnen zum Bewußtsein gebracht werden, und noch aus einem anderen Grunde muß es ihnen zum Bewußtsein gebracht werden, nämlich aus dem: Die Wirtschaft ist doch das, wovon wir uns erhalten und wenn die Wirtschaft stockt, wenn sie nicht vorwärts geht, werden wir nichts zu essen haben, zum mindesten weniger zu essen. Und weil der Arbeiter nicht damit einverstanden sein kann, arbeitslos zu werden, nicht nur, weil es schlecht ist, arbeitslos zu werden, sondern weil es gleichzeitig eine Vernichtung der Wirtschaft bedeutet, darum muß sich der Arbeiter mit ganzer Kraft gegen die Stillegung von Betrieben, gegen die Entlassung von Arbeitern wenden, weil bei dem gegenwärtigen Warenhunger, der vorhanden ist, jede Einschränkung der Produktion eine Verschlechterung der Lebenssituation bedeutet, eine noch größere Unmöglichkeit, einigermaßen gesund sein Leben fortsetzen zu können. Gewiß, das Problem der Arbeitslosigkeit läßt sich erst lösen mit dem Sieg der sozialen Revolution, mit der Aufrichtung der proletarischen Diktatur. Aber in dem lebendigen Kampf für die Interessen der Arbeiterschaft werden die Millionen von Arbeitern, die nichts von der proletarischen Diktatur wissen wollen, die nichts von der sozialen Revolution als Lebensnotwendigkeit für die Erhaltung der Wirtschaft und die Erhaltung der Arbeiterklasse begriffen haben, dies erst kennen lernen.
Wir sehen, Genossen, daß das Arbeitslosenproblem nicht nur uns beschäftigt. Die Amsterdamer müssen sich, und zwar schon lange, damit beschäftigen, und es ist immerhin angebracht, an zwei Beispielen will ich es zeigen, welche Gedanken sie sich über die Lösung des Problems machen. Der Gewerkschaftsredakteur des „Vorwärts“, Dr. Striemer, redete in einer Versammlung in Spandau vor ungefähr zwei Monaten über das Problem der Arbeitslosigkeit. Er sagte: Alles, was die Kommunisten darüber sagen, ist Unsinn. Es würde gar keine Arbeitslosigkeit geben, wenn man die Arbeitslosen auf dem Lande angesiedelt hätte, wenn man die Siedelungen fördern würde. Es ist natürlich lächerlich, einen solchen Gedanken auszusprechen. Aber die Leute, die zwei Jahre lang nur gesagt haben, sie allein helfen den Arbeitslosen, und die doch nicht geholfen haben, sie müssen jetzt Mittel gegen die Arbeitslosigkeit empfehlen, und da kommen sie a... so unsinnige Mittelchen, wie Doktor Striemer sie empfiehlt.
Ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Ernst Schulz, der die Gewerkschaftsorganisationen in Halle störte, weil dort die Kommunisten tonangebend waren, sagte: Daß wir eine Arbeitslosigkeit haben, liegt daran, daß die Menschen in ihrer Erzeugung keine Ökonomie : gehabt hätten. Sie hätten sich wie die Kaninchen vermehrt, wir müßten also zu einer weisen Ökonomie der Menschenerzeugung kommen. Das sagt solch ein Mensch nach dem Weltkrieg, der 16 Millionen Menschen verschlungen hat. Das sagt er, obwohl vor dem Weltkrieg ein Mangel an Arbeitskräften in den kapitalistischen Staaten geherrscht hat. Dieser Sozialist hat alles vergessen, was wir gelernt haben, was vor dem Kriege Tatsache war; er hat vergessen, daß der Krieg 16 Millionen Menschen umgebracht hat. Seine Ausführungen sind nur eine Rechtfertigung für einen neuen Krieg, wo man noch einmal 16 Millionen abschlachtet, eine Rechtfertigung für solche Leute, wie Prof. Gruber und Genossen, die erklärten, in Deutschland sind 15 Millionen Menschen zu viel, die müssen auswandern oder sterben, sonst wird der Kapitalismus nicht mehr leben.
Also bei den Amsterdamern denken die Spitzen daran, wie retten wir die Wirtschaft vor dem Untergang, wie machen wir die Arbeitslosenfrage zu einer Frage, die uns nicht mehr drückt. Und sie kommen zu derselben Lösung, wie die Kapitalisten, entweder auswandern — nur wissen sie nicht wohin — oder sterben, weil zu viel Menschen produziert werden. Es werden die alten Gedanken von Malthus wieder aufgewärmt und uns als die neuesten Ergänzungen marxistischen Gedankeninhalts präsentiert.
Die Unternehmer schließen aber die Betriebe in der gegenwärtigen Periode nicht nur deshalb, weil ihre Wirtschaft einen - Knacks bekommen hat, sondern um sie von revolutionären Elementen zu reinigen, die unter den Arbeitern der Betriebe sind. Und zu welchem Zweck? Sie wissen ganz genau, daß der Krieg ihrem gesellschaftlichen System einen Stoß ins Herz versetzt hat, der dem Kapitalismus das Gesunden nicht ermöglicht, wenn eine bolschewistische Welle weiter über die Erde hinschreitet und die Revolution zu einer Wirklichkeit werden läßt. Darum sagt sich der Kapitalist: Ich werde dafür sorgen, daß derjenige, der den Arbeiter mutig macht und ihm sagt, du darfst nicht ohne Widerstand untergehen, aus dem Betrieb hinauskommt; er schmeißt ihn hinaus.
Und so wird die Krise, die durch die kapitalistische Wirtschaft geht und Arbeitslosigkeit bringt, verschärft durch Aktionen des Kapitals, das die Fabriken in dieser großen Krise schließt, um sie von revolutionären Elementen zu reinigen, die revolutionären Elemente von der Arbeiterklasse abzusondern, um sie durch die Not und das Elend in das Lumpenproletariat sinken zu lassen, und wenn sie dann auf die Straße ziehen, mit Maschinengewehren auf sie schießen zu lassen, wie es nicht nur in Spanien geschieht, sondern das ist die Praxis, die in allen Ländern geübt wird. Genossen, welche Mittel sollen wir anwenden, um zu verhindern, daß der Kapitalismus etwas derartiges gegen uns tut? Es ist notwendig, daß wir die gewerkschaftlichen Kräfte, die wir haben, ausnutzen, und zwar nicht erst ausnutzen, wenn die Gefahr ihren Höhepunkt erreicht hat, sondern sofort. Wir müssen sofort, wenn die Unternehmer etwas zu unternehmen gedenken, versuchen, einen Gegenstoß zu machen. Und nicht nur das, wir müssen nicht nur einen Gegenhieb versuchen, wenn der Unternehmer uns schlagen will, sondern unaufhörlich zum Kampfe rüsten, damit der Unternehmer in die Defensive gedrängt wird, so daß er nicht mehr die Initiative des Handelns gegen uns hat. Und das hat wiederum zur Voraussetzung, daß wir, Arbeiter, unsere Kraft vereinigen. Ich möchte zwei Dinge hier anführen, die es notwendig machen, den geschlossenen Kampf gegen das Unternehmertum zu führen. In Deutschland z. B., — und auch in Österreich und in anderen Ländern ist das der Fall gewesen — haben die Kapitalisten, als sie die Produktion nicht mehr fortsetzen konnten, einfach den Abbruch der Produktionsmittel zu einer Verdienstquelle gemacht. Denn der Kapitalist produziert nicht, damit die Menschen etwas zu leben haben, er produziert, um zu verdienen. Verlohnt sich die Produktion nicht mehr, verlohnt sich vielleicht der Abbruch der Produktionsmittel. Unzählige Ziegeleien sind in Deutschland abgebrochen worden. Die deutsche Zuckerindustrie ist weit unter den Vorkriegszustand heruntergebracht worden. Und was ist dadurch geschehen? Einer großen Anzahl von Arbeitern ist die Möglichkeit genommen, überhaupt wieder in diesem Produktionszweige zu arbeiten, denn es ist der deutschen Wirtschaft die Möglichkeit genommen, aus dieser Krise wieder aufsteigen zu können, selbst dann, wenn wir den Kapitalismus überwinden. Was nutzt uns z. B. ein Sieg über den Kapitalismus, wenn der Kapitalismus zuvor alle Produktionsinstrumente zerstört?
Es ist notwendig, daß wir ihn daran hindern, etwas derartiges zu tun. Aber um das zu verhindern, brauchen wir natürlich die stärkste Kraft der Arbeiterklasse, den aktiven Kampf auf der ganzen Front. In Italien z. B., haben wir gesehen, was die Arbeiter in solchen Situationen tun, wenn der Unternehmer einfach die Produktion sabotiert; es ist auch in anderen Ländern vorgekommen. Ich meine die Betriebsbesetzungen, durch die die Arbeiterschaft verhindern will, daß die Produktion stillgelegt wird, die Produktionsmittel abgebrochen und ins Ausland verkauft werden, daß die Unternehmer eine Auslese unter den Arbeitern halten usw. Aber, Genossen, ist die Betriebsbesetzung denkbar als ein lokales auf eine gewisse Dauer beschränktes Kampfmittel gegen die Unternehmer, wie es z. B. die italienische Gewerkschaftsbürokratie gepredigt hat? Das ist etwas, was absolut unmöglich ist. In dem Moment, wo die Arbeiter dazu übergehen, die Betriebe und Werkstätten zu besetzen, um sie gegen die Kapitalisten zu verteidigen, erwächst für die gesamte Arbeiterklasse die Notwendigkeit, diese Arbeiter zu verteidigen. Denn das ist mehr als ein kleiner gewerkschaftlicher Kampf, den kann man nur auf die Dauer von wenigen Tagen führen. Was ergibt sich aus einer Betriebsbesetzung, wenn sie lokal ist? Wenn es eine lokale Besetzung ist, so muß man damit rechnen, daß die Polizei kommt und die Arbeiter mit Maschinengewehren aus den Betrieben hinausjagt. Eine Woche ist es möglich, aber dann stockt die Produktion, weil keine Zufuhr von Material erfolgt, weil die Banken kein Geld auszahlen, die Arbeiter also keine Löhne bekommen können. So kann man eine lokale Fabrikbesetzung für wenige Tage durchführen, aber das würde der Schutz der Arbeiter für die Fabriken der Unternehmer sein, und dazu brauchen sich die Arbeiter wahrhaftig nicht herzugeben. Es muß also den Arbeitern einleuchten, wenn schon ein Mittel angewandt wird zur Verteidigung der Existenz der Arbeiter, so muß auch die Kraft weiter ausgenutzt werden, um den Arbeitern Geld zuzuführen, damit die Löhne ausgezahlt werden können, damit den Fabriken Heizmaterial und Rohstoffe zugeführt werden, es müssen Verbindungen aufgenommen werden zwischen Stadt und Land, so daß ein Austausch von landwirtschaftlichen und industriellen Produkten erfolgen kann. Wir sehen also, wenn der Arbeiter die Produktion schützen will, so entwickelt sich daraus gleich der mächtigste Klassenkampf, den man sich nur denken kann. Das ist als lokales Ereignis nicht denkbar, denn da würden sofort die Maschinengewehre, Zuchthaus usw. kommen, um die Arbeiter niederzuringen. Genossen, wir müssen aber den Kampf der Arbeiterklasse im allgemeinen schüren, damit noch in der kapitalistischen Ordnung, in der wir leben, die Löhne erhöht, die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Es werden viele sagen, das geht nicht. Gewiß, das geht nicht an, der Kapitalismus kann das nicht ertragen. Das sagen auch die Amsterdamer. Wir haben das in Deutschland alle Tage zu hören bekommen, auch von den Sozialdemokraten unabhängiger Richtung, die uns sagen, es ist nicht möglich, einen Streik zu führen, der Unternehmer kann nicht zahlen, weil der Arbeitsertrag das nicht zuläßt usw. Und wir haben direkt ein großes geschichtliches Dokument bekommen für den vollständigen Bankerott der Amsterdamer, die innerhalb der kapitalistischen Ordnung für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen streiten wollen. Am 30. April d. J. haben sich in London die Führer der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale versammelt, um zu beraten, wie es möglich sei, ohne Waffengewalt in den verschiedenen Ländern die Verpflichtungen der Friedensverträge von Versailles zu erfüllen. Da wurde von französischen und englischen Gewerkschaftsführern erklärt, die Deutschen sollten ihre ganze Kraft einsetzen, damit die deutsche Regierung all ihre Verpflichtungen pünktlich erfüllt und die deutschen Gewerkschaftsführer erklärten, die anderen sollen sich verpflichten, daß ihre Regierungen keine Truppen in Deutschland einmarschieren lassen, dann würden die deutschen Arbeiter ihre Pflichten erfüllen. So dienen die Amsterdamer der Bourgeoisie, so helfen sie bei der Knebelung der Arbeiterklasse.
Aber solche Dinge haben ihre Konsequenzen. Beim Kohlenabkommen von Spaa hat es sich gezeigt. Da wurden die deutschen Bergarbeiter gezwungen, und der Abgesandte der „Confederation Generale du Travail‘“, Jouhaux, kam nach Deutschland und sagte den deutschen Bergarbeitern: Arbeitet fest, macht Überstunden, das französische Volk wird es euch danken. Die deutschen Bergarbeiter ließen sich verlocken, Überstunden zu machen, und was war der Erfolg? In Frankreich und Belgien. wurden die Bergleute arbeitslos, Schächte wurden stillgelegt, den Arbeitern wurde die Möglichkeit genommen, ihre Lebenshaltung zu verteidigen, die Bergleute in England wurden in die schlechteste materielle Position gebracht und den Unternehmern dieser Länder wurde es möglich, ihre eigene Arbeiterschaft niederzuhalten, indem sie durch die Gewerkschaftsführer dieser Länder die deutschen Arbeiter zur Mehrarbeit veranlaßten.
Wir sehen hier große Zusammenhänge, die in der Gewerkschaftsbewegung nicht außer acht gelassen werden dürfen und uns zwingen, die Konsequenzen auf uns zu nehmen. Welche Lehren ergeben sich für uns Kommunisten aus dem Kohlenabkommen? Es müssen sich die deutschen, französischen, englischen, belgischen Bergleute zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Lebensbedingungen verbinden. Damit ist schon der Rahmen der nationalen Autonomie gesprengt. Die Anerkennung der nationalen Organisationen, die tun können, was sie wollen, bedeutet schon den Untergang dieser Arbeiterkategorien in dieser Periode. Deshalb müssen wir sagen: die Zeit ist vorbei, wo die Arbeiter nur national organisiert sein können, wo die internationale Solidarität nur ein Kongreßgelöbnis ist. Es ist die zwingende Notwendigkeit, uns im Kampfe der Lebenslage der Arbeiter schon jetzt international zu verbinden.
Weiter ist zu sagen: In dem Maße, in dem die kapitalistische Wirtschaft in dem einen oder dem anderen Produktionszweige erschüttert wird, wird die Kapitalistenklasse das ausnützen und versuchen, die Arbeiterklasse zu spalten, einen Teil auf ein tiefes Niveau herabzudrücken, um ihn gegen die anderen Teile der Arbeiterklasse auszuspielen. Ein Beispiel geben die Textilarbeiter. In verschiedenen Ländern herrscht eine große Krisis. Die Menschen können keine Kleidung kaufen, deshalb werden die Textilarbeiter arbeitslos. Die Krise ist so groß, daß sie nicht imstande sind, mit Erfolg zu kämpfen. Daraus ergibt sich die Lehre, es muß den Arbeitern gesagt werden, daß sie zusammen mit denen in den Kampf treten müssen, die sich nicht allein verteidigen können. Nicht. um eine Humanität, um eine weitläufige Solidarität zu beweisen, sondern, damit sie, wenn sie in einer ähnlichen Situation die Hilfe der anderen brauchen, diese Hilfe erhalten, und daß sie verhindern, in eine solche Situation zu kommen. Wenn die Lage der Textilarbeiter, Bauarbeiter usw. heruntergeht, dann ist es den Kapitalisten möglich, auch die Lebenslage der anderen Arbeiter herabzudrücken. Hier zeigt sich die ganze Bedeutung des Verbrechens. das an dem bekannten schwarzen Freitag in England geschehen ist. Das Unternehmertum hatte sich eine Arbeiterschicht ausgesucht, um deren Lebenslage zu verschlechtern und ihre Kampfkraft zu brechen, damit dasselbe dann bei den anderen Schichten und in den anderen Ländern ausprobiert werden könne. Es wäre eine absolute Notwendigkeit für die Transportarbeiter und Eisenbahner gewesen, mit in den Kampf zu treten, nicht um den Bergleuten zu helfen, sondern um sich selber zu helfen.
Also Verbreiterung jeder Arbeiterbewegung in einem Lande zum Schutz dieser Bewegung selbst und zum Schutze der auch noch nicht in Bewegung stehenden Arbeiter. Das ist das, was wir in dieser Periode lernen müssen. Die Kapitalisten, wie richtig Genosse Sinowjew sagte, sind schlaue Leute. Sie wenden nicht mehr Gewaltmittel an, sondern sie benutzen Mittel anderer Art, um die Arbeiterklasse auseinander zu reißen. Ich muß wiederum einige Beispiele aus Deutschland anführen, weil es am nächsten liegt, und weil in diesem Lande die Arbeiter schon einmal eine Revolution gemacht, und wegen ihrer Unkenntnis verspielt haben, und weil aus solchen Beispielen das meiste zu lernen ist. Die Bergleute in Deutschland waren jederzeit die beste Waffe der deutschen Arbeiterklasse; die Bergleute heraus, und wir hätten jede Macht der Unternehmer zerschlagen können. Was machte das Kapital in unserem Lande und auch das Ententekapital? Es gab den Bergleuten die sogenannte „Goldprämie“, es gab ihnen Speck und Wurst. Man nahm die Nahrungsmittel einer anderen Arbeiterkategorie weg und fütterte dann die Bergleute damit. Die Bergleute wurden zufriedengestellt. Die anderen Arbeiter, denen man die Nahrungsmittel weggenommen hatte. wurden gegen die Bergleute erbittert, und so hatte man die Leute auseinandergesprengt. Es ist darum notwendig, daß jeder ehrliche Gewerkschaftler verhindert, daß solche Dinge angewandt werden.
Ein anderes Mittel wird noch, um die Produktion zu heben, angewandt. Nämlich — dem Arbeiter eine bestimmte Prämie zu geben, damit er viel arbeitet, ihm zu sagen: Du hast Anteil an dem Gewinn der Produktion. Es gibt viele Arbeiter, die glauben, daß das ehrlich gemeint ist. Wir Kommunisten müssen verhindern, daß etwas derartiges geschieht. Denn es kommt in dieser Periode nicht darauf an, teilzunehmen an dem Gewinn der Produktion — es wird ja nicht mehr so viel produziert, wie die Menschen brauchen —, es kommt darauf an, die kapitalistische Gewinnsucht zu vernichten; das ist die Aufgabe, die wir zu erfüllen haben.
Nun, Genossen, es treten aus der Mitte der Arbeiterklasse einige Leute auf — jetzt nur noch einige, früher jedoch viele —, die wollten die Probleme auf eine friedliche Weise lösen. Sie redeten von der Sozialisierung, sie redeten von der Nationalisierung. Darüber brauche ich nicht zu sprechen. Es wurde schon angeführt in anderen Referaten, daß das nichts anderes ist als ein gemeiner Schwindel, zur Betäubung der Arbeiterklasse mit dem Enderfolg, daß das Kapital eigentlich gesichert und garantiert wird, und die Arbeiter neue Fesseln bekommen. Will man einen wirklichen Kampf um die Sozialisierung führen, dann ist er nicht möglich auf friedlichem Wege, dann ist er nicht möglich in irgendeinem Berufszweig, dann kann er nur auf der ganzen Linie geführt werden. Also der wichtigste Kampf um die Sozialisierung ist ein Kampf um die Macht, um die Niederringung der ökonomischen Gewalt der Bourgeoisie und das bedeutet einen Kampf um die Gewinnung der Staatsgewalt, um die Sicherung der eroberten Staatsgewalt in den Händen der Arbeiter, um freie Bahn zu haben für den Aufbau.
Wir können in dieser Periode einen Gewerkschaftskampf führen, wie wir wollen, er hat immer politische Konsequenzen. Das haben die Kommunisten den Arbeitern zu sagen. Der Kapitalist stirbt, er reißt bei seinem Tode die Arbeiterschaft in das Elend. Die Arbeiter müssen sich gegen ihre Unternehmer wenden, mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie müssen solche Mittel im Kampfe anwenden, die jeder Arbeiter begreifen kann, die Mittel sind, von denen der Arbeiter glaubt und weiß, daß es Mittel zur Sicherung seiner Existenz sind. Es sind nicht immer Mittel, die das Kapital von heute auf morgen schon über den Haufen schmeißen, aber es sind solche Mittel, die die Arbeiterklasse vereinen, und die bei ihrer Anwendung erweisen, daß auch der geringste Kampf zur Verteidigung der Arbeiterklasse ein Kampf ist um die Macht, um die Gesellschaftsordnung, daß man die Produktion nicht durch Arbeitsgemeinschaft und andere Dinge retten kann, sondern nur dann, wenn man den Unternehmer davonjagt.
Also Vereinigung der Arbeiter in großen zentralen Organisationen nach Produktionszweigen ist eine Notwendigkeit. Internationale Verbindung, nicht mit Versprechungen, sondern mit der Möglichkeit, internationale Streiks zu führen, und mit dem Willen, solche internationale Streiks zu führen, Verbreiterung der ökonomischen Kämpfe im Lande. Und noch eins, was wir nicht vergessen dürfen. Wenn wir solch eine Aufgabe der Revolution erfüllen, wird das Proletariat nicht stillhalten. Wir haben in allen Ländern gesehen, was die Unternehmer machen. In Deutschland schufen sie die technische Nothilfe, in Italien die Fascistenhaufen, in Amerika gibt es die Pinkertons. Überhaupt hat das Kapital zum Schutze seines Eigentums, zur Niederringung, zur Zersprengung der Arbeiterklasse nicht nur die Organe der Staatsgewalt, sondern noch besondere Organe geschaffen. Und auch wir, Arbeiter, müssen in unseren Gewerkschaften organisierte Selbstschutzorganisationen der Arbeiter schaffen. Damit wir die Pinkertons von uns abhalten, damit wir die Fascistenbanden bekämpfen und ihre Einsetzung zur Verteidigung des Kapitals unmöglich machen können. Ihr seht, wie überall die Arbeiterführer wie räudige Hunde von der Bourgeoisie niedergeknallt werden. Deshalb sind die Selbstschutzorganisationen auch notwendig zum Schutze der eigenen Führer. Denn nichts dezimiert die Arbeiterklasse mehr, als wenn an ihrer Spitze einer ihrer Führer nach dem anderen von den weißen Garden totgeschlagen wird. Die Schutzorganisation des Proletariats ist außerdem in dem Kampf anzuwenden, den der Unternehmer gegen den Arbeiter führt, indem er ihn aussperrt, auf die Straße wirft, den Betrieb säubert, die technische Nothilfe, die Werkpolizei, die Pinkertons einsetzt. Er muß von den Organisationen der Arbeiter geschlagen werden, wo man ihn schlagen kann. Ich erinnere an eins, Als in Deutschland die Unternehmer auf breiter Front die Produktion abgebrochen haben, und die Arbeiter sich dagegen gar nicht wehren konnten, weil sie vom Produktionsplatz abgewandert waren, da sind die Arbeiter aufgestanden und haben erklärt: wir wollen Kontrolle der auf der Eisenbahn ankommenden Güter vornehmen, wir wollen sehen, ob die Arbeiter mit dem Abbruch der Produktion einverstanden sind. So wurde vieles verhindert. Es ist nur erst der Keim eines neuen Kampfmittels der Arbeiter gegen das Kapital, es muß ausgebaut werden.
Genossen, ich komme zum Schluß meines Referates und möchte zusammenfassend folgendes noch einmal wiederholen: Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist in ihren Grundfesten erschüttert. Die Verteidigung der Arbeiterklasse um die Erhaltung des gegenwärtigen Standards macht es notwendig, die gewerkschaftlich organisierte Kraft des Proletariats fest zusammenzufassen. Das kann nicht geschehen in lokalen, kleinen von einander abgesplitterten föderalistischen Organisationen, sondern nur durch die Schaffung großer zentraler Produktionsorganisationen. Die Verteidigung ist nur möglich im schroffsten Kampf gegen das Kapital, wenn man dem Kampf nicht ausweicht. Wir dürfen nicht in der Verteidigung bleiben, sondern müssen zum Angriff gegen den Kapitalismus übergehen. Wir können diesen Kampf, der derselbe Kampf ist, den die Kommunistische Internationale führt, nicht losgelöst von ihr führen, sondern nur Schulter an Schulter, mit ihr im Verein. Daraus gilt es die Lehren zu ziehen. Daraus werden wir, Kommunisten, die Lehren ziehen, wie wir schon die Lehren aus dem II. Weltkongreß gezogen haben.
Ich schließe, indem ich sage: Aufgabe der Kommunisten ist es, in diesen großen Kampf der Gewerkschaften einzutreten, um sie zu Klassenkampforganisationen zu machen, überall und überall diese Kraft zu zentralisieren und anzuspornen, damit der Kampf siegreich geführt werden kann. Wo nur die Genossen in einer Organisation beieinander sind, müssen sie eine Zelle bilden, um in diesen Organisationen unsere Gedanken zu verbreiten, damit es möglich ist, den Feind in engster Verbindung mit der Kommunistischen Internationale zu schlagen. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Kolarow. Die Delegationen werden ersucht, ihre Vertreter für die Gewerkschaftskommissionen zu ernennen.
Morgen vormittag 11 Uhr findet im „Kontinental“ die Sitzung der Kommission über die Taktik statt.
Im Anschluß an die heutige Sitzung mögen sich alle Kongreßteilnehmer auf dem Roten Platz zur Enthüllung des Denkmals John Reed einfinden, der im vorigen Jahre in Moskau gestorben ist.
Heute abend 6 Uhr wird der Gewerkschaftskongreß im Hause der Gewerkschaften eröffnet.
Nächste Sitzung morgen, den 4. Juli, nachmittags 6 Uhr.
(Schluß der Sitzung 5 Uhr 20 Minuten nachmittags.)
Die sechzehnte Sitzung (4. Juli 1921, 7 Uhr 30 Min. abends)
(Varga: Bericht der Wirtschaftskommission über die Wirtschaftsfrage. — Diskussion über die Gewerkschaftsfrage Redner: Bergmann, Earsman.)
Vors. Kolarow. Auf der Tagesordnung steht zunächst der Bericht der Wirtschaftskommission über die Weltwirtschaftsfrage.
Varga. Genossen und Genossinnen, die Kommission, welche der Kongreß zur endgültigen Redigierung der Thesen eingesetzt, hat ihre Arbeit beendigt. Es ist uns nach ziemlich eingehenden Beratungen gelungen, fast alle jene Einwendungen, welche von den verschiedenen Delegationen gegen einzelne Punkte der Thesen gemacht worden sind, zu erledigen — teils dadurch, daß wir die Genossen überzeugt haben, daß das, was sie vorschlugen, in den Thesen enthalten ist, teils durch Kompromisse, durch welche wir den Wünschen der einzelnen Delegationen entgegengekommen sind. Wenn wir die lange Reihe der Amendements, welche zu den Thesen gemacht worden sind. überblicken, so können wir darunter ziemlich leicht vier Gruppen unterscheiden. Die erste Gruppe bildeten jene Abänderungsanträge, welche den Zweck hatten, die speziellen Verhältnisse eines einzelnen Landes in ein besseres Licht zu rücken. Diesen Arten von Anträgen konnten wir den wenigsten Spielraum geben, denn, Genossen, es beziehen sich die Thesen selbstverständlich auf die Gesamtheit der kapitalistischen Welt und es war unmöglich, solche Thesen aufzustellen, in denen jedes Land seine eigene Spezialität wiederfinden würde. Diese Gruppe der Abänderungsanträge ist fast vollständig von der Kommission abgelehnt worden. Die zweite Gruppe der Anträge bezog sich auf die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage der europäischen Ententeländer. In diesem Punkte haben wir die Frage so gelöst, daß wir den betreffenden Punkt ganz neu redigiert haben. Die dritte Gruppe der Abänderungsanträge betraf die Lage der Bauern in Europa, die agrarischen Verhältnisse. Es ist den Genossen allgemein bekannt. daß überall die bäuerlichen, die agrarischen Verhältnisse sehr bunt sind, und daß es schwer fällt, eine Formel zu finden, welche sowohl für die agrarischen Verhältnisse Englands und Westeuropas, als für jene Mitteleuropas und des Balkans gleichmäßig gültig wäre. Wir haben also auch diesen Paragraphen neu textiert, und ich glaube, daß diese neue Textierung den Anforderungen entspricht. Hauptsächlich haben wir getrachtet. in diesem Punkte jenen Zwiespalt in der besitzenden Klasse. den Zwiespalt zwischen den Bauern in Mitteleuropa, wie wir ihn in Ungarn. in Polen. in Bayern, in Bulgarien finden, politisch herauszuarbeiten. Die Genossen wissen, daß die Lage in diesen Gebieten die folgende ist: Die Bourgeoisie steht im Kampfe mit dem Proletariat. In diesem Kampfe braucht sie die Unterstützung der Bauern in der Form der verschiedenen bewaffneten Truppen. Die Bauern sind im allgemeinen bereit, der Bourgeoisie mit den Waffen gegen das Proletariat beizustehen. Hingegen trachten die Bauern andererseits, sich von den Lasten des Wiederaufbaues zu befreien, konkret ausgedrückt. sie wollen keine Steuern zahlen. sie wollen ihre Lebensmittel dort. wo noch eine Zwangsablieferung besteht, nicht abliefern. und hierdurch sabotieren sie den Versuch der Bourgeoisie. die kapitalistische Wirtschaft wieder aufzubauen. Dieser Gedanke. den hauptsächlich der Gen. Brand vertreten hat, wurde in der neuen Textierung dieses Paragraphen, wie ich glaube. ziemlich glücklich zum Ausdruck gebracht.
Die vierte Gruppe endlich bildete eigentlich die Fortsetzung der taktischen Debatte in der Kommission. Es handelte sich dabei um folgende Fragen: die Genossen wissen, daß die Frage der Offensivtaktik. welche den Kongreß bisher beherrschte. auch in diesen Thesen zur Entscheidung stand, da doch diese Thesen die eigentliche Grundlage für die taktischen Thesen bilden. In den Diskussionen, welche in der Kommission über diese Frage geführt worden sind, hat sich folgendes geklärt. daß erstens nur die Rede sein kann von der Offensive der Arbeiterklasse im allgemeinen, im historischen Maßstabe gegen den Kapitalismus. Es ist das diese Art Offensive, welche Gen. Lenin und Gen. Radek hier im Auge hatten, als sie sagten, daß es für das Proletariat unmöglich sei, ohne eine Offensivtaktik die Bourgeoisie zu stürzen und die politische Macht an sich zu reißen. Nun innerhalb dieser Gesamtoffensive des Proletariats finden wir dann zwei Arten von Offensiven, eine wirtschaftliche Offensive. welche in der Gestalt von wirtschaftlichen Streiks innerhalb der Grenzen des Kapitalismus die Lage des Proletariats aufzubessern trachte, und die selbstverständlich bei dem gegenwärtigen zerrütteten Zustand des Kapitalismus, bei der Revolutionierung weiterer Arbeitermassen und bei der zielbewußten Führung der Kommunistischen Partei von dieser wirtschaftlichen Basis immer in das Politische, in den Kampf um die politische Macht umschlagen muß. Und dann, kann man eine politische Offensive, losgelöst von gewerkschaftlichen Forderungen, eine rein politische Offensive, einen politischen bewaffneten Kampf um die Macht ebenfalls als offensive Taktik bezeichnen.
Nun handelt es sich in den Debatten in der Kommission um folgende Frage. Ob die Zeit der wirtschaftlichen Krise oder die Zeit der wirtschaftlichen Prosperität für eine politische Offensive günstiger sei. Die Genossen wissen, daß Marx und Engels immer der Meinung waren und diese Meinung in vielen Schriften kundtaten, daß die politische Revolutionierung der Massen in Krisenzeiten besser vor sich gehen könne, als in Zeiten der Prosperität. Und jene Genossen, welche die Offensivtaktik in diesem dritten Sinne propagierten, sind der Meinung. daß gegenwärtig, in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise die beste Gelegenheit gegeben ist für eine politische, auf den Endkampf gerichtete Offensive. Und weil sie eben diesen Glauben haben, sind sie auch der Meinung, daß die gegenwärtige Wirtschaftskrise noch lange andauern wird. Und sie haben für den Fall, daß sich die gegenwärtige wirtschaftliche Krise noch in die Länge ziehen sollte, getrachtet, einen energischeren Passus in die Thesen hineinzubringen. Ich werde dann die vorgeschlagenen Änderungen und die von der Kommission angenommenen Änderungen verlesen. Das sind so die Hauptgegenstände der Diskussion. die Hauptgruppen gewesen. Nun werde ich mir gestatten. Genossen, die angenommenen Änderungen vorzulesen, um die Genossen darüber zu orientieren.
Neu textiert wurde der Punkt 11. Derselbe lautet in der neuen Fassung folgendermaßen:
„Frankreich, Belgien, Italien sind durch den Krieg wirtschaftlich unheilbar zerrüttet. Der Versuch, die Wirtschaft Frankreichs auf Kosten Deutschlands wiederherzustellen, ist roher Raub im Bunde mit diplomatischer Erpressung, bedeutet die weitere Verheerung Deutschlands (Kohle, Maschinen, Vieh, Gold), ohne Frankreich zu retten. Eine Gesamtwirtschaft Kontinental-Europas wird durch diesen Versuch schwer geschädigt; Frankreich erhält viel weniger als Deutschland verliert; obwohl die Bauern Frankreichs mit Überanstrengung ihrer Kräfte große Teile des verwüsteten Gebietes der Landwirtschaft wiedererobert haben; obwohl gewisse Industrieen (chemische, Kriegsindustrieen) während des Krieges sich neuentwickelten, steuert Frankreich dem wirtschaftlichen Ruin entgegen. Die Staatsschulden und staatlichen Ausgaben (Militarismus) haben eine unerträgliche Höhe erreicht. Am Ende des letzten Aufschwunges war die französische Valuta um 60 Prozent ihres Wertes gesunken. Die Wiederaufrichtung der französischen Wirtschaft wird durch die schweren Verluste an Menschenleben im Kriege — welche bei der ohnehin stagnierenden Bevölkerungszunahme nicht wettgemacht werden können — gehindert. Ähnlich steht es mit gewissen Abweichungen um die Wirtschaft Italiens und Belgiens.“
Das ist also die Textierung, in welcher wir die Wünsche der französischen Delegation, soweit als möglich, berücksichtigt haben.
Die nächste Änderung ist im § 18. Hier wurde die Tatsache, daß die fortwährenden Valutaschwankungen einen regelrechten kapitalistischen Warenverkehr verhindern und hierdurch einer neuen Erstarkung des Kapitalismus im Wege stehen, prägnanter ausgearbeitet. Nach dem Satze Punkt 18, 3. Absatz: „die Goldvaluta, das Weltgeld ist vernichtet“, folgt dann die Einschaltung: „Die Entwertung der Valuta der europäischen Länder (bis zu 99 Prozent) stellt dem Warenaustausch auf dem Weltmarkt die schwersten Hindernisse entgegen. Die unaufhörlichen jähen Schwankungen der Valutakurse verwandeln die kapitalistische Produktion in eine wüste Spekulation.“
In demselben Paragraphen wurde auch die Tatsache, daß jetzt alle Länder sich durch Ausfuhrverbote, durch Einfuhrverbote, durch Erhöhung der Schutzzölle aus dem Rahmen der kapitalistischen Weltwirtschaft selbst ausschalten, durch einen Zusatz stärker betont. Es ist der 5. Absatz in diesem Paragraphen. Nach dem ersten Satz: „Europa bleibt auch weiterhin ein Narrenhaus“, haben wir folgendes einzuschalten: „Die meisten Staaten erlassen Aus- und Einfuhrverbote, vervielfältigen ihre Schutzzölle; selbst England führt Schutzzölle ein.“
Es wurden noch im letzten Absatz des Paragraphen 18 einige kleine Veränderungen gemacht: Statt dem Worte „Pariser Spekulation“ wurde gesetzt: „Entente — insbesondere französische Spekulanten.“ In dem Satz: ... „verfügt über den deutschen Export, das ganze wirtschaftliche Leben Deutschlands‘ ist „Mitteleuropa“ statt „Deutschland“ eingesetzt. Und endlich an Stelle des Ausdruckes: „Versailler Frieden“ wurde allgemein geschrieben: „Friedensschlüsse“.
Die folgende Veränderung ist eigentlich nur zum besseren Übergang vom § 18 zu § 19 gemacht. Paragraph 19 beginnt also nach der neuen Fassung folgendermaßen: „Das Ausschalten Sowjetrußlands als Absatzmarktes für Industriewaren und als Lieferant von Rohstoffen hat zur Erschütterung des weltwirtschaftlichen Gleichgewichtes in hohem Maße beigetragen.“
Und dann folgt unverändert § 19.
Im Punkt 20 wurde bloß eine ganz kleine Veränderung eingeschaltet, einige Worte nur. Dort, wo von der Konzentration und der Pauperisierung der Arbeiter die Rede ist, wurde eingeschaltet: ‚Stinnesierung einerseits, Proletarisierung und Pauperisierung andererseits.“ Es ist eine Präzisierung des Punktes.
Es folgt dann Punkt 21, welcher ganz neu bearbeitet wurde. Der neue Text lautet folgendermaßen: „Die Steigerung der Preise der landwirtschaftlichen Produktion brachte bei einem allgemeinen Schein der Bereicherung des Dorfes den reichen Bauern einen wirklichen Zuwachs an Einkommen und Vermögen.“
Also während im Originaltext für das ganze Dorf nur von einem Schein der Bereicherung die Rede war, heißt es jetzt, daß die reichen Bauern sich wirklich bereichert haben. Ich glaube, daß der Kongreß dem zustimmen wird, da das der Wahrheit besser entspricht. Weiter: „Den Bauern gelang es mit dem entwerteten Papiergeld, welches sich in großen Mengen bei ihnen ansammelte, jene Schulden zu bezahlen, welche sie in vollwertiger Valuta gemacht hatten. Aber die Landwirtschaft pflegt sich nicht bloß mit der Lösung der Hypotheken zu befassen. Trotz der gewaltigen Erhöhung der Bodenpreise, trotz der skrupellosen Ausnützung des Lebensmittelmonopols, trotz der Bereicherung der Großgrundbesitzer und Großbauern ist der Rückgang der Landwirtschaft Europas unverkennbar vielfach der Rückgang in extensivere Wirtschaftsformen: Verwandlung von Ackerland in Weide, viehlose Wirtschaft, Dreifelderwirtschaft. Verursacht wurde dieser Rückgang auch durch den Mangel an Arbeitskraft, den Rückgang des Viehstandes, das Fehlen der künstlichen Düngung, die Teuerung der Industrieartikel und in Mittel- und Osteuropa infolge planmäßiger Einschränkung der Produktion als Reaktion gegen den Versuch der Staatsgewalt, die Verfügung über die landwirtschaftlichen Produkte an sich zu reißen.“
Es ist das eine neue Formulierung der Tatsache, daß, wie Sie wissen, in ganz Mittel- und Osteuropa, wo feste Preise bestehen oder bestanden haben, die Bauern planmäßig ihre Produktion eingeschränkt hatten, um nicht zu diesen niedrigen behördlichen Preisen abliefern zu müssen. Was ich jetzt vorlesen werde, ist der politische Teil des Punktes: „Die Groß- und zum Teil auch die Mittelbauern schaffen sich feste politische und wirtschaftliche Organisationen, um sich gegen die Lasten des Wiederaufbaues zu wehren und benutzen die bedrängte Lage der Bourgeoisie, um als Preis ihrer Unterstützung gegen das Proletariat dem Staate eine einseitig bäuerliche Zoll- und Steuerpolitik zu diktieren, wodurch sie den kapitalistischen Wiederaufbau hemmen. Es entsteht ein Zwiespalt zwischen der Stadt- und Dorfbourgeoisie, welche die Kraft der bürgerlichen Klasse schwächt.
Gleichzeitig wird ein größerer Teil der ärmeren Bauern proletarisiert und pauperisiert, das Dorf wird zu einem Herde der Unzufriedenheit, das Klassenbewußtsein des Landproletariats erstarkt.“
Der letzte Teil bleibt unverändert.
Neu textiert wurde dann im § 38 der auf England bezügliche Teil. Es waren die englischen Genossen, welche wünschten, daß die Tatsache, daß die Gewerkschaftsführer in England durch die Anwendung der Polizeimacht, der bewaffneten Gewalt des Staates eingeschüchtert wurden, daß sie feige sind, stärker zum Ausdruck gebracht werde. Dies geschah durch folgende neue Textierung: „Die gewaltige Streikbewegung des letzten Jahres in England brach sich wieder und wieder an der rücksichtslos eingesetzten Militärgewalt des Staates und der hierdurch erreichten Einschüchterung der Führer der Trade-Unions. Wären die Führer der Sache der Arbeiterklasse treu gewesen, so hätte die Maschinerie der Trade- Unions trotz ihrer Defekte zu revolutionären Kämpfen ausgenützt werden können. Die jüngste Krise der „Tripelalliance“ gab die Möglichkeit einer revolutionären Auseinandersetzung mit der Bourgeoisie; dies wurde durch den Konservatismus, die Feigheit und den Verrat der Gewerkschaftsführer verhindert.“
Ich komme nun, Genossen, zu jenen Punkten, wo also der politische, der taktische Teil der Thesen beginnt. Es sind das die Punkte 39, 40 und 41. Am Ende des § 39 wurde folgender Zusatz, welchen die deutsche Delegation vorschlug, angenommen: „Da die Wiederaufrichtung des Kapitalismus zur Voraussetzung hat die gewaltige Steigerung der Ausbeutung, die Vernichtung von Millionen Menschen, die Herabdrückung der Lebenslage anderer Millionen unter das Existenzminimum, die ständige Unsicherheit der Existenz des Proletariats, werden die Arbeiter immer wieder zur Empörung, zu ständigen Streiks und Aufständen gezwungen. Unter diesem Druck und in diesen Kämpfen wächst in den Massen der Wille zum Sturz der kapitalistischen Gesellschaft.“
Und nun komme ich zur letzten Änderung. Da sich diese sehr stark mit den taktischen Fragen hier berührt, so werde ich mir erlauben, zuerst jenen Abänderungsvorschlag vorzulesen, den der Gen. Pogany eingereicht und dann modifiziert hatte, und den Text, welchen die Kommission auf Antrag des Gen. Trotzki angenommen hat. Die Modifikation, die der Gen. Pogany vorgeschlagen hatte, lautete folgendermaßen: Das Proletariat wird jetzt durch die wirtschaftliche Krise in die Defensive gedrängt. In dieser wirtschaftlichen Defensive wird es große Verteidigungskämpfe führen müssen. Diese Kämpfe werden naturgemäß zu politischen Kämpfen, weil die Bourgeoisie in immer höherem Maße gegen sie die Staatsgewalt ins Treffen führt. Die wirtschaftliche Krise stellt die Epoche der gesteigerten proletarischen Aktionen, der Bürgerkriege dar. Wenn das Proletariat diesen Verteidigungskampf nicht mit dem erforderlichen offensiven Geist führt, wird die Bourgeoisie das Lebensniveau der Arbeiterklasse auf das Niveau der der Gewerkschaftsbewegung vorausgegangenen Epoche herabdrücken.
Dieser Abänderungsantrag wurde dann vom Gen. Pogany selbst etwas modifiziert. Die Abänderung, die der Gen. Trotzki vorgeschlagen hat, und die von der Kommission einstimmig, also mit Zustimmung des Gen. Pogany und der deutschen Delegation angenommen wurde, lautet folgendermaßen: Anfang Punkt 40: „Die jetzigen Verteidigungskämpfe des Proletariats zu leiten, zu erweitern, zu vertiefen, zu vereinigen und — dem Gange der Entwicklung entsprechend — zu politischen Endkämpfen zu steigern, ist und bleibt die Grundaufgabe der Kommunistischen Partei in der gegenwärtigen Krise.“
Wie die Genossen sehen, ist der Streitpunkt darin gelegen, ob man die Aufgaben der Kommunistischen Partei in der gegenwärtig noch vorhandenen Wirtschaftskrise, die nach meiner Auffassung von begrenzter Dauer sein wird, dagegen nach der Auffassung des Gen. Pogany noch vielleicht sehr lange dauern wird, schärfer herausarbeiten soll. Um weiter dieser Auffassung entgegenzukommen, wurde der Anfang des verbliebenen Textes von § 40 so geändert, daß das, was im Original, sagen wir, als eintretend bezeichnet ist, in der veränderten Weise als bloß vorausgesetzt dargestellt wird; daher folgende Veränderung: „Wenn aber das Entwicklungstempo sich verlangsamen sollte, und wenn in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in einer größeren oder kleineren Zahl von Ländern .. . usw. Also es wird bloß vorausgesetzt. Und im zweiten Absatz § 40 wird es heißen: „Gesetzt den Fall, daß das Proletariat im Laufe der jetzigen Krise durch den Ansturm des Kapitals zurückgeworfen würde, wird es bei Eintritt einer besseren Konjunktur sofort zum Angriff übergehen.“
Wie die Genossen sehen, ist es gelungen, diese Differenz zwischen den zwei Auffassungen so zu überbrücken, daß es beide Teile als ein ihren Ansichten entsprechendes Kompromiß auffassen und annehmen können. Hiermit, Genossen, habe ich alles gesagt, was wesentliches in den Kommissionsberatungen gesagt wurde. Einzelne kleine, rein stilistische, rein philologische Änderungen, halte ich nicht für notwendig hier vorzulesen. Ich glaube, daß diese Veränderungen von dem ganzen Kongreß ohne weitere Diskussion angenommen werden können, (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Kolarow. Genosse Frölich hat das Wort zu einer kurzen Erklärung,
Frölich. Genossen, bevor ich die Erklärung der deutschen Delegation abgebe, ein ganz kurzes Wort. Ich glaube, die Genossen, die an der Kommissionsarbeit teilgenommen haben, werden sich gewundert haben, als sie hier erfuhren, wir hätten in der Kommission über Offensivtaktik gestritten. Ich glaube auch, daß der andere Vorwurf unberechtigt ist, daß die Genossen, die den § 40 ungeändert haben wollten, sich dabei in der Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung von ihren besonderen politischen Wünschen hätten leiten lassen. Tatsache ist, daß in den Thesen, wie sie uns vorlagen, eine taktische Marschroute für die Zeit einer kommenden Konjunktur enthalten war, für die gegenwärtige Krise kein Wort, und daß daraus der Gedanke entstehen konnte, man habe die revolutionären Erwartungen für die Krise schon liquidiert. Das ist der Streitpunkt gewesen. Ich glaube, daß in den Auseinandersetzungen der Kommission eine Lösung gefunden worden ist, die außerordentlich glücklich ist. Ich kann im Namen der deutschen Delegation erklären, daß wir mit den Thesen, so wie sie jetzt vorliegen, einverstanden sind und daß wir für sie stimmen werden. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Kolarow. Genosse Trotzki hat zu einer kurzen Erklärung das Wort.
Trotzki. Nur eine kleine Richtigstellung. In dem Urtext finden wir im § 40 folgendes über den Angriffskampf der Arbeiter und den Verteidigungskampf. Gesetzt den Fall, daß die Prosperität wirklich eintritt, heißt es: „Sein ökonomischer Angriffskampf würde hierdurch ebenso die Tendenz zeigen, sich in einen offenen Bürgerkrieg zu verwandeln, wie der gegenwärtige Verteidigungskrieg.“.. Also es wird hier der Verteidigungskrieg konstatiert, dann weiter, daß er die Tendenz hat, sich in einen Bürgerkrieg zu verwandeln, und somit konnte niemand annehmen, daß man hier den Verteidigungskrieg und seine revolutionäre Tendenz außer acht läßt und nur den Angriffskrieg in der Zeit der Prosperität im Auge behält, weil es hier so kurz und somit wie eine Formulierung zugegeben ist, die den taktischen Thesen entnommen worden ist, und die auch früher in diesen Thesen enthalten war. Das ist eine kleine Rückwanderung zur Präzisierung des Textes, der in § 40 schon enthalten war.
Vors. Kolarow. Es hat sich niemand zum Wort gemeldet, die Debatte ist geschlossen. Wir kommen zur Abstimmung. Wir stimmen ab über die Thesen, wie sie Gen. Varga in der Erstattung des Berichts der Kommission hier vorgetragen hat mit ihren Ergänzungen.
Die Thesen sind einstimmig angenommen.
Wir schreiten in der Tagesordnung weiter und haben einige Kommissionsangelegenheiten zu besprechen. Zunächst haben wir eine Kommission für die Taktik einzusetzen. Das Präsidium schlägt dieselbe Kommission vor, die von der Exekutive eingesetzt worden ist, und schlägt vor, sie zur Beratung der taktischen Thesen unter der Leitung des Gen. Radek zusammentreten zu lassen. Es wird also nur die Kommission zusammentreten, die ursprünglich für die Taktik eingesetzt war. Die Kommissionsmitglieder, die zugezogen waren, würden also für die weitere Beratung über die Taktik nicht in Frage kommen. Da kein anderer Vorschlag gemacht wird, und kein Widerspruch erhoben wurde, ist der Vorschlag angenommen. Die Delegationen, die bisher keine Vertreter in diese Kommission für Taktik gesandt haben, werden aufgefordert, sie sofort zu nennen und zu den Sitzungen zu entsenden. Das Präsidium schlägt vor, als Vorsitzenden für die Kommission den Referenten Gen. Radek zu ernennen. Wird ein anderer Vorschlag gemacht? Ist Widerspruch vorhanden? Da beides nicht der Fall ist, ist der Antrag angenommen.
Wir schlagen nunmehr vor, eine Kommission für die Vorbereitung des Tagesordnungspunktes „Kooperative“ einzusetzen. Alle Delegationen mögen ihre Delegierten für diese Kommission bestimmen. Das Präsidium schlägt als Leiter dieser Kommission den Referenten Gen. Chintschuck vor. Wird ein anderer Vorschlag gemacht oder ist Widerspruch vorhanden? Nein. Der Vorschlag ist angenommen.
Wir schlagen vor, eine Kommission für die Vorbereitung des Tagesordnungspunktes „Orientfrage“ einzusetzen. Auch für diese Kommission sollen die Delegierten ebenso wie bei den vorherigen Kommissionen von den Delegationen jetzt vorgeschlagen werden. Die Einberufung dieser Kommission werden wir dem engeren Bureau überlassen, da dem Präsidium bisher kein Vorschlag über die Leitung dieser Kommission vorliegt. Wir bitten das engere Bureau, die Leitung dieser Kommission zu bestimmen. Wird ein anderer Vorschlag gemacht oder ist Widerspruch vorhanden? Da das nicht der Fall ist, ist der Vorschlag angenommen.
Vors. Kolarow. Für die Gewerkschaftskommission schlagen wir den Genossen Heckert als Vorsitzenden vor.
Gen. Gota. Die Kommission soll selbst ihren Vorsitzenden wählen. (Rufe: Rosmer.)
Vors. Kolarow. Wir müssen die Sicherheit haben, daß die Kommission arbeiten kann, deshalb schlagen wir einen Genossen vor, der die Kommission einberuft. Selbstverständlich bleibt es der Kommission überlassen, eine Änderung des Präsidenten zu bestimmen.
Radek schlägt, da es sich nicht nur um technische Dinge handelt, vor, einen deutschen und einen französischen Genossen zu bestimmen.
Das Präsidium ist mit dem Vorschlag einverstanden.
Vors. Kolarow. Danach sind die Genossen Heckert und Rosmer vorgeschlagen. Es erhebt sich kein Widerspruch, sie sind gewählt.
Die Leiter der beiden Kommissionen für Taktik und für die Gewerkschaftsfrage werden aufgefordert, ihre Kommissionen morgen abend 6 Uhr hier in den Nebenräumen zusammentreten und ihre Beratungen beginnen zu lassen.
Radek. Was die Gewerkschaftsfrage betrifft, schlage ich vor, den Zusammentritt der Kommission zu überlassen, er muß mit den Sitzungen des Gewerkschaftskongresses kombiniert werden.
Vors. Kolarow. Die Kommission für die Gewerkschaftsfrage wird ihre Beratungen, wenn möglich und notwendig, gemeinsam mit der parallel laufenden Kommission des Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale abhalten, da es notwendig ist, in dieser Frage für die Tagungen des politischen und des gewerkschaftlichen Kongresses eine übereinstimmende prinzipielle Erklärung herbeizuführen.
Genossen, wünschen Sie, nachdem wir die Berichte über die Gewerkschaftsfrage entgegengenommen haben, daß eine Generaldebatte über diesen Tagesordnungspunkt stattfindet oder wollen Sie den Bericht der Kommission abwarten?
Radek. Genossen, ich glaube, daß es viel angezeigter ist, eine Generaldebatte abzuhalten aus folgendem Grunde. Wenn die Kommission erst verschiedene Meinungen herauskristallisieren wird und wir nach der Sitzung der Kommission zum ersten Mal mit diesen Meinungen zu tun haben werden, müssen wir dann die Dinge zur endgültigen Erledigung erst wieder der Kommission überweisen; aus diesem Grunde halte ich es für angebracht, jetzt zu einer Generaldebatte überzugehen.
Vors. Kolarow. Gibt es einen anderen Vorschlag? Das scheint nicht der Fall zu sein. Nachdem der Kongreß sich für eine Generaldebatte entschieden hat, muß ich Ihnen im Namen des Präsidiums mitteilen, daß diese Debatte erst Mittwoch vormittag wird stattfinden können, weil Gen. Sinowjew plötzlich nach Petrograd berufen wurde, und er vor Mittwoch nicht wieder zurück sein kann, und zweitens, weil die Thesen noch nicht vorliegen und Mittwoch die Möglichkeit besteht, daß wir die Thesen bekommen werden.
Radek. Es ist natürlich sehr unangenehm, daß Genosse Sinowjew verhindert ist, heute hier zu sein. Aber vor der Entscheidung, vor dem Schlußwort, wird er doch die Möglichkeit haben, im Stenogramm die Diskussion zu lesen. Einstweilen handelt es sich nicht um den Referenten und das Referat, sondern darum, daß wir hier auf dem Kongreß die verschiedenen Meinungen hören und klarstellen. Wir können einstweilen z.B. auf eine Abstimmung der Thesen verzichten. Die große Linie war doch im Referat dargelegt. Also wenn es sich jetzt herausstellt, daß große Meinungsverschiedenheiten nicht bestehen, dann können wir die Abstimmung der Kommission überlassen. Jedenfalls ist das, was der Kongreß in dieser wichtigen organisatorischen Frage wissen muß, das: stehen wir auf einem Boden, gibt es große Meinungsverschiedenheiten oder nicht? Aus diesem Grunde schlage ich vor, heute in die Diskussion einzutreten, es sei denn, daß das Präsidium heute abend einen anderen wichtigen Gegenstand zur Verhandlung stellt. Wir müssen mit der Zeit sparen; die Delegierten sind heute ausgeruht, und aus diesem Grunde schlage ich vor, die Zeit für die Diskussion über diese Frage auszunutzen.
Vors. Kolarow. Gibt es einen anderen Vorschlag? Der Vorschlag des Gen. Radek wäre also angenommen. Das Präsidium muß Ihnen mitteilen, daß bereits vereinbart worden ist, daß morgen das Referat des Gen. Lenin über die wirtschaftliche und politische Lage Sowjetrußlands gehalten werden soll. Wenn wir also heute mit der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage beginnen, müssen wir sie morgen unterbrechen und erst Mittwoch fortsetzen. Sind Sie damit einverstanden?
Gen. Radek. Genossen, auf Grund dessen, was wir aus den Zeitungen und der Haltung der Parteien über die verschiedenen Strömungen wissen, ist es klar, daß unserer Auffassung in der Gewerkschaftsfrage nur eine prinzipielle Meinung entgegensteht, das ist die Auffassung, die die K.A.P.D. hier verteidigt. Zweitens, die wichtigen Meinungsunterschiede, die bestehen, ergeben sich aus der Lage, in der sich die Französische Kommunistische Partei dem Syndikalismus und den französischen Gewerkschaften gegenüber befindet. Aus diesem Grunde würde ich vorschlagen, daß wir heute den Genossen von der K.A.P.D. und auch den französischen Genossen, wenn Sie es wünschen sollten, die Möglichkeit geben, ihre Meinung hier darzulegen — das sind die wichtigsten Dinge — und dann die Diskussion weitergehen zu lassen.
Vors. Kolarow. Die K.A.P.D. hat einen Antrag eingereicht, ihr für diese Frage ein Korreferat zuzugestehen. Das Präsidium ist damit einverstanden, daß der K.A.P.D. eine verlängerte Redezeit von einer halben Stunde zu diesem Tagesordnungspunkt bewilligt wird.
Seemann (K.A.P.D.). Die Redezeit von einer halben Stunde scheint dem Präsidium für die K. A.P.D. angemessen zu sein. Wir möchten dagegen protestieren und bitten den Kongreß, uns diesmal endlich ein wirkliches Korreferat zuzugestehen. Ich kann dem Gen. Radek darin zustimmen, daß wir eine prinzipiell andere Meinung in dieser Frage zu vertreten haben, und ich hoffe, daß wir wenigstens in dieser wichtigen prinzipiellen Frage in einem Korreferat das Wort bekommen. Wir appellieren an Euer Interesse in dieser so wichtigen Frage und bitten, nicht dem Vorschlag des Präsidiums Folge zu leisten, uns mit einer halben Stunde abzuspeisen, während die französischen Genossen und andere Genossen eine viel längere Redezeit bekommen haben.
Radek. Ich schlage vor, statt eine halbe Stunde Zeit durch Geschäftsordnungsdebatten zu verlieren, der K.A.P.D. eine Stunde Redezeit zu geben. (Zustimmung.)
Vors. Kolarow. Wir lassen über den Vorschlag des Gen. Radek abstimmen. Wer dafür ist, daß der K.A.P.D. eine Stunde Redezeit gewährt wird, den bitte ich, die Hand zu erheben. Der Vorschlag des Gen. Radek auf eine Stunde Redezeit ist angenommen.
Bergmann (K.A.P.D.). Genossen, gestern betonte Gen. Sinowjew in seinem Referat, daß die Frage der Stellung zu den Gewerkschaften für die Entwicklung, für die Fortführung der Revolution von ausschlaggebender Bedeutung ist. Wir wissen, daß die Übernahme der politischen Macht mit der Übernahme der ökonomischen Macht Hand in Hand gehen muß; und zwar handelt es sich gar nicht nur um die Übernahme der politischen und ökonomischen Macht, sondern wir müssen schon jetzt uns darauf vorbereiten, daß mit der Übernahme nichts getan ist, wenn wir nicht die Vorbedingungen schaffen, daß wir diese Macht dann befestigen und erhalten können. Das ist die Aufgabe, für die wir hier eine Lösung finden müssen. Wir haben in der verflossenen Phase der Revolution der verschiedenen Länder gesehen, daß schon oft in einzelnen Ländern einzelne Teile daran waren, die Macht zu ergreifen, daß sie aber mehr oder weniger nicht verstanden haben, diese einmal ergriffene Macht zu befestigen und aufzubauen. Und es ist in den meisten Fällen gescheitert, weil man es nicht verstanden hat, nachdem man die politische Macht in Händen hatte, wie z.B. 1918 bei Ausbruch der deutschen Revolution, dann auch die ökonomische Macht zu festigen. Genossen, diese Ursache heißt es ergründen, und es ist von den Kommunisten zu prüfen, was zu tun ist, um diese Fehler auszuschalten und Mittel und Wege zu finden, daß sich solche Fälle in der Zukunft nicht wiederholen. Wir können und wir dürfen uns in den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern nicht auf Zufallsmöglichkeiten verlassen und dem Wahne hingeben, daß sich alles zum Guten wenden werde. Wir müssen versuchen, konkret, sowie es innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft möglich ist, Organe zu schaffen, die in dem Augenblick einspringen können, wo sie berufen sind, ihre Aufgabe zu erfüllen. Gen. Heckert hat uns gestern hier in seinem Referat eine Analyse gegeben, hat uns gezeigt, welche Aufgaben die alten Gewerkschaften sich gestellt hatten, wie sie versuchten, sie innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu lösen. Ebenso hat Gen. Sinowjew klar und scharf umrissen gezeigt, was Gewerkschaften in der Revolution zu tun haben und wie sie, wie ich schon ausgeführt habe, die ökonomische Macht nachher festigen und aufbauen helfen sollten.
Wenn wir die Aufgabe und die Struktur der Gewerkschaften der kapitalistischen Periode betrachten, so sehen wir überall in den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern, daß es die Aufgabe der Gewerkschaften war, die Lebenslage der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu verbessern. Diese Aufgabe, die sich die Gewerkschaften gestellt hatten, ist heute, darüber herrscht keine Meinungsverschiedenheit unter uns, nicht mehr zu lösen, nicht mehr zu erfüllen. Trotzdem sehen wir, daß viele der Gewerkschaften heute noch versuchen, diese ihre alten Aufgaben, die in der vorrevolutionären Periode richtig und gut waren, zu lösen, daß sie aber da, wo die Tatsachen offen zutage getreten sind, sie nicht mehr lösen können. Diese Gewerkschaften sind heute die zweite Waffe des kapitalistischen Staates geworden.
Gen. Sinowjew sagte gestern, daß die kapitalistischen Staaten heute die Arbeiterklasse niederhalten nicht allein mit dem Schwert, sondern auch mit dem Mittel des Betruges. Und dieser Apparat, dieser Staatsapparat des Betruges, der die Arbeiterklasse dauernd noch niederhält, sind heute die alten Gewerkschaften.
So sind sie heute, vor allen Dingen sehen wir es in Deutschland, ein direktes Werkzeug, ein Bollwerk der kapitalistischen Staaten geworden.
Genossen, solche Organisationen glaubt man heute erobern, zu Werkzeugen der Revolution umgestalten zu können. In diesem Punkt geht die Meinung der K.A.P.D. — und nicht allein ihre Meinung, wie es hier hingestellt wird — auseinander mit der der Mehrheit der in die Kommunistische Internationale aufgenommenen Parteien. Ich sagte, nicht allein die K. A. P. D. vertritt diesen Standpunkt, die Shop Stewards in England, die I. W. W. in Amerika, die syndikalistischen Organisationen in Frankreich, Spanien und Italien geben uns ein Beispiel dafür, daß auch sie der Meinung sind, daß man mit Hilfe der konterrevolutionären Gewerkschaften, durch ihre Eroberung nicht etwa die Arbeitermassen revolutionieren und sie zu Werkzeugen der Revolution machen kann. Wir sehen in Deutschland sich diese Dinge ganz klar entwickeln und vollziehen. Die Genossen der V.K.P.D. standen bisher auf dem Standpunkt der Eroberung der Gewerkschaften. Gestern allerdings hörten wir zum ersten Male aus Sinowjews und Heckerts Rede, wenn auch nicht wörtlich heraus, daß man die Gewerkschaften zertrümmern müsse. Wenn man so über diese Dinge redet, wenn man von der Zertrümmerung der Gewerkschaften spricht, dann werden sich vielleicht Verbindungsmöglichkeiten zwischen uns und der Mehrheit hier finden lassen. Wir stehen grundsätzlich auf dem Standpunkt, die alten konterrevolutionären Gewerkschaften aus dem Wege zu räumen. Nicht darum, weil wir eine Lust am Zerstören hätten, sondern weil wir sehen, daß diese Organe wirklich Organe des kapitalistischen Staates zur Niederhaltung der Revolution im schlimmsten Sinne geworden sind. Als 1918 durch den Zusammenbruch der deutschen Armee die Stunde gekommen zu sein schien, die Macht zu erobern, da waren es die deutschen Gewerkschaften, ihre führenden Organe, die während des Krieges die Durchhaltepolitik vom ersten Augenblick an bis zur letzten Stunde gepredigt und in der Tat betrieben haben. die damals, als wir auf Stunden, auf Augenblicke die politische Macht in der Hand hatten, den zusammengebrochenen Staat wieder zusammenfügten. Mit Hilfe der Offizierskamarilla waren es die Gewerkschaftsführer, Noske und andere, die die zersprengten Scharen der Bourgeoisie neu zusammenführten und so die Revolution in Deutschland verhinderten.
Und auf diese Einstellung geht heute noch die ganze Linie der alten Gewerkschaften. Genossen, man versucht, den offenen Kampf der Arbeitermassen durch Scheingefechte zu ersetzen, als die deutschen Arbeiter 1918 nach dem Vorbilde der russischen Revolution daran gingen, sich Arbeiterräte zu schaffen und als der Gedanke der Arbeiterräte in den deutschen Proletariermassen immer von neuem zum Durchbruch kam, als er sich nicht begraben und unterdrücken liess, da drehten und wendeten sich die Gewerkschaftsführer bis in den April und Mai 1919 hinein. Sie hatten zuerst den Gedanken der Arbeiterräte scharf bekämpft, mit dem Bajonett in der schärfsten Weise niedergedrückt. Als dann aber dieser Gedanke doch immer wieder an die Oberfläche tauchte, da wurde mit Hilfe dieser Gewerkschaftstrabanten das Rätegesetz geschaffen, das den Arbeitermassen angeblich den Einfluß auf die Produktion, auf den Konsum und auf den wirtschaftlichen Gang überhaupt sichern sollte. Damals ließen sich große Arbeitermassen täuschen, sie glaubten wirklich, daß ihnen durch die Schaffung des Rätegesetzes Einfluß auf die weitere Entwicklung gegeben würde. Nach und nach hat sich aber gezeigt, daß dieses Gesetz ein so raffiniert ausgeklügeltes ist, daß es ein Knebelungsgesetz der Revolution im schlimmsten Sinne des Wortes bedeutet. Heute sehen wir, daß sich die Arbeitermassen, die damals auf den hingeworfenen Köder des Rätegesetzes hineinfielen, von dem Gedanken abgewendet haben.
Damit soll nicht gesagt werden, daß alle Arbeiter schon diesen offenen Betrug durchschaut hätten. Aber große Teile der revolutionären Arbeiter sehen wir heute im schärfsten Kampf gegen dieses scheinbar revolutionäre, in Wirklichkeit reaktionäre Gesetz Sturm laufen. Die Räte, die damals gewählt und gebildet wurden, sind nicht Werkzeuge der Revolution der Massen, sondern sie sind Werkzeuge der Reaktion im schlimmsten Sinne. Wir sehen es bei jedem kleinen und großen Kampf. Ein Beispiel nur: Als im März dieses Jahres in Mitteldeutschland der Kampf begann, als er sich entwickelte, war in dem größten Betrieb Mitteldeutschlands, im Leunawerk, der Glaube an diese Räte soweit gesunken, daß die erste Aktion der 25000 Arbeiter des Leunawerks darin bestand, daß sie diesen gesetzlichen Rat absetzten und an seiner Stelle einen revolutionären Aktionsausschuß wählten.
Heckert. Das ist ja Unsinn!
Bergmann. Nun, Gen. Heckert, ich kenne die Dinge im Leunawerk besser als Du und weiß, wie sie sich entwickelt haben. Je ein Genosse von der V.K.P.D. und der K.A.P.D. waren es, die diesen Rat nach einem Kampf absetzten, und am Dienstag früh wurde ein revolutionärer Aktionsausschuß von den Arbeitern im Betriebe gewählt.
So liegen die Dinge fast überall da, wo die Arbeiter zum Kampf schreiten. Genossen, nun haben wir zu erwägen, ob diese Entwicklung so weitergehen kann und darf. Wenn wir sehen, daß die Arbeiter zu diesen, nach dem Betriebsrätegesetz geschaffenen Betriebsräten, kein Vertrauen haben können, dann müssen wir versuchen, die Arbeiter anders zusammenzufassen, ihnen andere Räte zu geben, die dann am Tage der siegreichen Revolution wirklich das Vertrauen der breiten Massen des Industrieproletariats genießen. Wie kann das geschehen? Ist das innerhalb der aktiven Gewerkschaftsbewegung möglich oder nicht! Wir sagen, innerhalb der alten Gewerkschaften, die durch die Tat bewiesen haben, daß sie ein Teil und zwar ein starker Teil des kapitalistischen Staates selbst geworden sind, ist es nicht möglich sie zu schaffen. Wir sehen überall nicht nur in Deutschland, daß sich die Gewerkschaften in diesem Sinne entwickelt haben. Wir sehen es in Amerika bei den großen Gomperschen Gewerkschaften, wir sehen es jetzt wieder in ganz neuester Zeit in den verflossenen Wochen in England, in Italien bei dem Riesenstreik, der mit der Hilfe der reaktionären sozialistischen Partei niedergeschlagen wurde. So sehen wir überall, daß sich die alten Gewerkschaften und die alten sozialdemokratischen Parteien die Hände reichen. Sie arbeiten beide Hand in Hand zur Überbrückung der Klassengegensätze, wo wir als Kommunisten die Aufgabe haben — die wir erfüllen müssen —, die Klassengegensätze schärfer herauszuschälen. Die alten Gewerkschaften in ihrem Aufbau und nach ihrer ganzen Struktur waren Organe, die innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft arbeiteten ihr angepaßt waren. Die Initiative, der Wille der einzelnen oder ganz großer Minderheiten, konnte in diesen Gewerkschaften sich nicht Luft verschaffen. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sich durch die feinmaschigen Gesetze Statuten und Paragraphen dieser einzelnen Verbände große Minderheiten gegen den Willen der Führer Bahn brechen konnten. Überall sehen wir, daß sogar die große Mehrheit der in der Gewerkschaft tätigen Mitglieder, der organisierten Mitglieder vergewaltigt wurde und noch heute gegen ihren Willen sich unter die Diktatur der Führer fügen muß, weil diese die Fäden der Organisation, den ganzen Organisationsapparat und auch den finanziellen Apparat fest in der Hand haben. Deswegen können diese großen Mitgliedermassen sich absolut nicht betätigen im revolutionären Sinne, sind zur Untätigkeit verdammt und werden somit gegen ihren Willen gezwungen, an der Erhaltung der heutigen kapitalistischen Gewerkschaften mitzuarbeiten. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Revolutionierung solcher Gewerkschaften nicht möglich ist. Die Versuche dazu sind mehrfach unternommen worden, den ersten, den nachdrücklichsten Versuch in dieser Beziehung, sehen wir jetzt in Deutschland sich entwickeln. Die Genossen der V.K.P.D., sie unternehmen den Versuch, die Gewerkschaften zu revolutionieren, indem sie Zellen in diesen Gewerkschaften bilden, kommunistische Zellen, die aber die Zersetzung und Zerstörung der Gewerkschaften logischerweise nach sich ziehen müssen. Man mag das ableugnen, soviel man will, überall, wo die Bildung dieser Zellen vorgenommen wird, sehen wir, wie in Wirklichkeit eine Zerstörung des Organismus der Zentralgewerkschaften vorgenommen wird. Und wir sehen überall, daß durch die Zellenbildung der Charakter der Gewerkschaften, der Bann, den die Führer über die Gewerkschaftsmitglieder haben, nicht gebrochen wird, sondern wir sehen, daß, solange die Massen mit diesen Führern organisatorisch vereint sind, sie den Parolen dieser ihrer gelben konterrevolutionären Gewerkschaftsführer mehr zuneigen als den Parolen der Kommunistischen Parteien. In Mitteldeutschland haben wir typische Beispiele erlebt, wie große Massen, Mitglieder der V.K.P.D. den Kampfparolen ihrer Partei nicht folgten, weil sie — gleichzeitig Mitglieder der Gewerkschaften — deren Antistreikparolen folgten. Und so ist es überall, wohin man blickt. Die Gewerkschaften, das sagte der Gen. Sinowjew hier gestern schon, müssen Organe sein, die den Aufbau der kommenden Gesellschaft vornehmen, die möglichst großen Einfluß bei dem Aufbau der kommunistischen Gesellschaft haben. Wenn wir uns die Vergangenheit der Gewerkschaften ansehen, die Aufgaben, die sie sich früher gestellt haben und ihren heutigen Kampf für die Revolution, so sehen wir das Gegenteil von dem, wozu sie in der Revolution gebraucht werden, und wozu sie also heute gemacht werden müssen. In Deutschland entstand schon während des Krieges in der Gewerkschaftsbewegung eine starke Abneigung, ja eine Absplitterung großer Teile der Arbeiter von den alten Gewerkschaften. Im Anfang der Revolution, in den ersten Revolutionswochen, glaubten wir, daß die Gewerkschaftsfrage nicht die brennendste sei. Auf dem Gründungsparteitag des Spartakusbundes wurde diese Frage nicht so gelöst, wie sie heute gelöst werden muß. Wir glaubten damals (und wir befanden uns nicht allein in diesem Glauben, auch andere Genossen, auch die russischen Genossen, haben sich über den Gang der Revolution getäuscht), daß die revolutionäre Welle eine schnellere sein würde, daß der Gang der Revolution in Deutschland und den anderen Ländern ein schnelleres Tempo annehmen und die Gewerkschaftsfrage dann nicht die ausschlaggebende Rolle spielen würde, die sie tatsächlich im Verlaufe der Revolution gespielt hat. Schon während des Krieges, sagte ich, hatten sich größere Teile der Arbeiter von diesen Gewerkschaften abgelöst, weil der Verrat der alten Gewerkschaften, der vor dem Kriege schon da war, dann schärfer hervortrat. Darum kam auch sehr bald in den ersten Revolutionsmonaten die Parole des Spartakusbundes an die Arbeitermassen: Heraus aus den Gewerkschaften. Diese Parole fand vor allen Dingen bei den Arbeitermassen im Ruhrgebiet starken Widerhall. Hier, bei dem deutschen Bergarbeiterverband, hatte der Betrug sich in so scharfer Weise gezeigt, daß ein großer Teil der Bergarbeiter diese Parole auffing und eigene Organisationen, Betriebsorganisationen gründete. Nachher allerdings, als die besten Führer der Revolution, als Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und Tausende und Abertausende Namenlose des Proletariats in den Staub gesunken waren, als Levi und sein Klüngel die Oberhand gewann, da wurde diese Parole umgewandelt, sie wurde umgedreht, weil man den Kampf fürchtete, weil man dem Kampfe aus dem Wege gehen wollte, dem Kampf mit der Reaktion der Gewerkschaftsbürokratie. Man gab die Parole heraus, hinein in die Gewerkschaften, sie von innen heraus revolutionieren, sie erobern.
Man ist dann im Verlaufe der Revolution dazu übergegangen, dies weiter auszubauen, Zellen zu bilden, die da. wo sie sich zeigten, sehr bald einsehen mußten, daß die Gewerkschaften so in ihrem ganzen Bestand nicht ein Ganzes bleiben konnten, sondern daß nicht nur Zellenleute, sondern ganze Organisationszahlstellen aus den deutschen Verbänden ausgeschlossen wurden. Wir haben heute in Deutschland Zahlstellen, wo alle Mitglieder, die in diesen Zellen waren, ja wo ganze fest zusammengeschlossene Organisationen aus diesen Verbänden ausgeschlossen werden und so in Wirklichkeit eine Zertrümmerung der Gewerkschaften vorgenommen wird. Wenn auf der einen Seite von der alten Gewerkschaftsbürokratie behauptet wird, was auch ich hier sage, daß die Gewerkschaften dadurch zertrümmert und zersplittert werden, so behaupten die Genossen von der V.K.P.D., daß das nicht der Fall sei, sondern daß sie diese Zellen zur Erhaltung der Gewerkschaften bilden. Sie glauben, daß sie die Gewerkschaften, die feste Bollwerke der Reaktion geworden sind, mit revolutionärem Geist erfüllen können.
Genossen, wenn schon gestern gesagt worden ist, daß die Niederhaltung der Arbeiterklasse mit dem Schwert und dem Revolver und mit Betrug vollzogen wird, daß hier das Heer und dort die Gewerkschaftsbürokratie ist, so haben wir gesehen, und darüber herrscht kein Meinungsstreit, daß man das stehende Heer nicht mit kommunistischem Geist erfüllen könnte. Ebensowenig, wie man das stehende Heer zu einem Werkzeug der Revolution machen kann, ebensowenig kann man die Organe des Betrugs, die Gewerkschaften, zu Werkzeugen der Revolution machen. Wir sehen die Dinge sich überall so entwickeln, überall geht der Gang so, und deswegen muß nicht Eroberung der Gewerkschaften, sondern Zertrümmerung und zu gleicher Zeit Aufbau neuer Organisationen die Losung der Kommunisten sein.
Genossen, wir müssen erkennen und scharf umrissen heute schon die Form zeigen, die das Proletariat braucht, um die Macht, nachdem es den Sieg errungen hat, festzuhalten und zu befestigen. Dafür ist es notwendig, vor allen Dingen in den hochentwickelten westeuropäischen Ländern, daß wir die Massen des Proletariats heute schon so weit wie möglich dazu bringen, daß sie sich Organe schaffen, die dann berufen sind, die Produktion in die Hand zu nehmen. Heckert sagte gestern hier, die Zellen, die die Betriebe erfassen müssen, müssen sich aus den Betrieben heraus zu Industrieorganisationen entwickeln; dieses Ziel, allerdings schärfer umrissen, erstreben die in der Revolution in Deutschland entstandenen Unionen der verschiedensten Richtungen in erster Linie.
Die alte Arbeiterunion der Bergarbeiter, die ich vorhin schon streifte, sie zeigt in ihrem Wesen und in ihrer ganzen Tendenz eine andere Richtung wie die alten Organe der früheren Periode. Sie steht im schärfsten Kampf zu der Reaktion, zu den Amsterdamern, und sie zeigt, daß sie die Organe schafft, die berufen sind, die Produktion in die Hand zu nehmen. Allerdings sind diese Organisationen heute noch nicht fehlerfrei, aber im Verlaufe der Revolution werden sie reiner und fester werden. Man glaubt zum Beispiel in der Bergarbeiterunion noch an die gesetzlichen Betriebsräte als ein revolutionäres Instrument. Aber auch die Betriebs- und Industrieorganisation der Bergarbeiter werden im Verlaufe der Revolution darauf kommen, daß dieses Betriebsrätegesetz das schärfste Mittel des Betruges bedeutet.
Die Allgemeine Arbeiterunion Deutschlands, die im engsten Zusammenhang mit der K.A.P.D. arbeitet, hat von ihrem ersten Anfang an erklärt und erkannt, daß die Gewerkschaften heute einen anderen Weg gehen, daß sie anders aufgebaut werden müssen, daß sie mit anderen Mitteln kämpfen und fechten müssen. Die Allgemeine Arbeiterunion lehnt konsequent die Mittel des Kampfes, die früher in den Gewerkschaften propagiert wurden, grundsätzlich ab. In ihren Statuten für die Aufnahme in die Betriebsorganisation steht als Vorbedingung an erster Stelle, daß die Mitglieder sich zur Diktatur des Proletariats bekennen müssen. Sie hat in ihren Statuten weiter stehen, daß die Mitglieder die alte verrostete Waffe auf politischem Gebiet, die Beteiligung an den Wahlen in das Parlament, abzulehnen haben. Sie schafft in ihren Reihen, aus ihren Organisationen im Betriebe heraus die Räte, die die Organe sein müssen, die am Tage des Kampfes die Macht ausüben werden, hinter denen am Tage des Kampfes die Massen des Proletariats stehen werden. Diese Räte, Genossen und Genossinnen, sind keine Räte im Sinne der verfälschten Räte, wie wir sie in Deutschland im Anfang des Jahres 1919 nach der Revolution entstehen sahen. Sie sind keine Räte, die im Gesetz des kapitalistischen Staats verankert sind, die nach dem Betriebsrätegesetz, auf dessen Boden sie gewählt worden sind und auf dem sie stehen, dafür zu sorgen haben, daß die Produktion im Betriebe gesteigert wird, daß Ruhe und Ordnung im Betriebe herrscht, sie sind Räte, die in den Arbeitermassen selbst stehen, die selbst am Schraubstock, an der Hobelbank arbeiten, die den Arbeitern im Betriebe im Tageskampf vorangehen, die den Willen der im Betriebe beschäftigten Genossen zum Ausdruck bringen. Sie sind Räte, die in den Massen wurzeln, ihnen den Weg des Kampfes zeigen. Diese Räte, diese Organe, Genossen, werden die Organe sein, die am Tage des Kampfes wirklich die Arbeitermassen hinter sich haben. Es muß die Vorbedingung geschaffen werden, daß nicht noch einmal in Deutschland Zustände eintreten können, wie wir sie 1918 sahen, als die Arbeitermassen und die Soldaten sich Räte geschaffen hatten. Damals verstand das deutsche Proletariat den Gedanken der Räte nicht, sie wußten nichts von ihm, außer den wenigen Brocken, die von Rußland zu uns gekommen waren. Und wenn wir heute in der revolutionären Epoche, in der wir uns befinden, nicht schon diese Räte vorbereiten, den Massen in der Praxis nicht den Weg zeigen, den sie zu gehen haben, dann liegt die Gefahr nahe, daß bei einer kommenden revolutionären Welle das Proletariat wiederum verraten wird, das Proletariat wiederum sieht, daß wir die Organe, die wir brauchen zur Festigung des Sieges, nicht haben werden. Darum, Genossen, sind wir gezwungen, uns überall diese Organe zu schaffen. Nicht nur in Deutschland sehen wir die Entwicklung so vor sich gehen, wir sehen sie in verschiedenen hochentwickelten kapitalistischen Ländern so vor sich gehen. In England sehen wir eine Richtung, die „Shop Stewards‘“, die den Kampf gegen die englischen Trade-Unionisten in schärfster Weise führen. Wir sehen, daß ihr Einfluß, den sie heute haben. zwar zahlenmäßig gering ist, weil diese Union, diese Organisation der Arbeiter nicht nur zu kämpfen hat gegen die Gewerkschaftsbürokratie, sondern zu gleicher Zeit zu kämpfen hat gegen die ganze Regierungsgewalt. Denn die Gewerkschaften der alten Schule sind in fast allen Ländern Regierungsorgane geworden. Sie genießen den Schutz der Regierung in weitestem Maße. Nach den mitteldeutschen Kämpfen sehen wir, daß in Riesenbetrieben heute die Arbeiter in die alten Gewerkschaftsorganisationen eintreten müssen; von seiten der Unternehmer wird der Druck auf sie ausgeübt, wenn sie wieder im Betriebe tätig sein wollen. Überall sehen wir also, daß die Dinge sich in dieser Linie entwickeln. Und wenn die Genossen noch behaupten, daß es möglich sein wird, diese Gewerkschaften von innen heraus zu erobern, sie im kommunistischen Geiste zu erfüllen, so ist das ein solcher Irrglaube, daß wir ihm nicht Raum geben können. Wir glauben und sehen diesen Glauben bestätigt durch die Praxis, daß diese Dinge nicht möglich sind. Wir müssen uns heute Organe schaffen, die den Kampf aufnehmen können gegen die Bollwerke, die den kapitalistischen Staat stützen.
Genossinnen und Genossen, die internationale Arbeiterbewegung, die internationale kommunistische Bewegung, sie wird hierauf ihr Hauptaugenmerk legen müssen. Sie wird, wenn sie nicht einen Fehlgriff tun will. wenn sie klar die Dinge sieht, wie sie sich in den kapitalistischen Ländern entwickeln, diesen Weg beschreiten müssen, wenn es möglich sein soll. die eroberte Macht in den kapitalistischen Ländern in Händen zu behalten. Wir sehen. daß die Aufgaben der alten Gewerkschaften noch heute darin bestehen, die Klassengegensätze, die sich mehr und mehr herausbilden, zu verschleiern, sie zu überbrücken, die Arbeiter zu belügen und zu betrügen. Um so mehr haben wir aber die Aufgabe. den Arbeitern durch die Praxis zu zeigen, daß es möglich ist, jetzt praktische Organe zu schaffen. die den Arbeitermassen den anderen Weg zeigen, die den Arbeitern den Weg in der Praxis zeigen, was ein Rätesystem bedeutet, was ihre Aufgabe ist. wie sie beschaffen sein müssen. Das kann innerhalb der alten Gewerkschaften nicht der Fall sein. Die Gewerkschaften, wie wir sie uns denken, sind aufgebaut in Betriebsorganisationen in den Betrieben, an der Quelle der Produktion, wo die Arbeitermassen zusammen sind, wo sie im Betrieb ein großes Ganzes bilden, hier müssen die Arbeiter jeder einzelne möglichst mitherangezogen werden zu der Arbeit selbst, zu der Gestaltung ihrer Organisationen, so daß er ein Interesse an der ganzen Entwicklung bekommt, an der ganzen Arbeit selbst. Genossinnen und Genossen, das kann nicht geschehen, indem wir Zentralgewerkschaften schaffen, in denen eine zentrale Diktatur von oben nach unten besteht, sondern umgekehrt, in denen der Wille der Massen, der hochentwickelten Industriearbeitermassen nach oben hin zur Auswirkung kommt. Im Betriebe selbst ist die Quelle dieser Kraft. Hier im Produktionsprozeß, müssen wir den Arbeiter heranbilden, müssen wir ihn schulen, so daß er wirklich selbst ein Werkzeug der Revolution wird. Da kann nicht die Zentralisation von oben die Grundlage der Bildung der Gewerkschaften sein, sondern umgekehrt muß diese Entwicklung vor sich gehen. In den Betrieben fassen wir die Arbeiter zusammen in den Betriebsorganisationen. In den Betrieben wählen sich die Arbeiter ihre Räte, ihre Organe, die ihre Interessen vertreten. Genosse Heckert sagte gestern, wir, die Kommunistische Arbeiterpartei. lehnten es ab, uns für die Tagesfragen einzusetzen, wir hätten immer nur das große Ziel von vornherein im Auge. Wir als Kommunisten haben die Aufgabe, nicht diese Parole des Tageskampfes unter die Arbeitermassen zu werfen, sondern diese Parole muß gestellt werden von den Arbeitermassen in den Betrieben. Wir haben diese Arbeitermassen immer wieder darauf hinzuweisen, daß durch die Lösung dieser Tagesfragen ihre Lage nicht verbessert wird oder gar der Sturz der kapitalistischen Gesellschaft herbeigeführt werden kann, sondern wir als Kommunisten haben die Aufgabe, den breiten Massen immer das große Ziel, die Niederwerfung des Kapitalismus und den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft vor Augen zu führen. In diesem Tageskampfe haben wir Kommunisten die Aufgabe, mitzukämpfen. voranzugehen in diesen Kämpfen. So, Genossen, lehnen wir nicht den Tageskampf ab. sondern wir stellen uns in diesem Tageskampfe vor die Massen, zeigen ihnen immer wieder den Weg, das hohe Ziel des Kommunismus.
Das ist die Aufgabe der kommunistischen Parteien, der kommunistischen Organisationen in diesen Arbeiterorganisationen.
Wir wissen, daß diese wirtschaftlichen Organisationen nur allzuleicht in Opportunismus verfallen können. Wir sehen diese Gefahren überall, daß sie nicht das Ziel erkennen. Wir sehen es nicht nur bei den deutschen Gewerkschaften, sondern überall auch bei den Gewerkschaften, die sich schon losgelöst haben von den alten Zentralverbänden, die mit revolutionären Mitteln kämpfen. Wir haben in Italien gesehen bei Besetzung der Fabriken und Betriebe, zum Teil bei den I. W. W., die den politischen Kampf grundsätzlich ablehnen, überall sehen wir, daß dadurch eine Verflachung dieser Organisation eintritt. Es ist die Aufgabe der Kommunisten, diese Gewerkschaften mit revolutionärem Geist. mit dem Geist des Kommunismus zu erfüllen, daß sie nicht auf die Bahn des Opportunismus geraten. So beteiligen wir uns an all diesen Kämpfen. überall, wo Kämpfe entstehen. haben die Kommunisten diese verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. voranzugehen im Kampf. Genossen. wenn wir diese Betriebsorganisationen gründen. dann können und dürfen wir allerdings nicht vergessen. diese Organisationen zusammenzufassen, sie zusammenzufassen zu einem großen Ganzen. zu einem Block. der in sich ein geschlossenes Ganzes bildet. Diese Betriebsorganisationen werden zusammengefaßt im Ort, im Bezirk. über das Reich. und so sehen wir den Grund des Rätesystems sich entwickeln innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. es ist möglich. das Rätesystem in seinen Grundzügen wenigstens festzuhalten. zu fügen und die Arbeiterklasse mit diesen Gedanken in der Praxis vertraut zu machen. Wenn wir den Kampf so aufnehmen. wenn wir so die Arbeiterklasse schulen. wenn wir sie fortbilden. daß sie Werkzeuge des Niederreißens des kapitalistischen Staates und des Aufbaues des kommunistischen Staates werde. dann, Genossen, haben wir in der kapitalistischen Gesellschaft die Vorbedingung schon geschaffen. Dann werden wir am Tage der Revolution wirklich nicht mit leeren Händen dastehen. dann werden wir die Arbeiterklasse vertraut gemacht haben mit dem Gedanken. den wir unbedingt in sie hineintragen müssen. Die Entwicklung dieser Organisationen müssen wir fördern und bilden helfen und sie mit dem Geist des Kommunismus erfüllen.
Schulz. Wieviel Prozent Dittmann steckt in diesem Gedanken?
Bergmann. Ich weiß nicht. wie Sie das mit Dittmann vergleichen wollen, Gen. Schulz. Wenn wir heute sehen, wie auch jetzt auf dem internationalen roten Gewerkschaftskongreß sich die Organisationen der verschiedenen Länder zusammenfinden, von dem einen Gedanken durchdrungen, die Revolution der Welt zu forcieren, die Masse mit revolutionärem Geist zu erfüllen, die kapitalistische Gesellschaft zu stürzen, so müssen wir Mittel und Wege finden, um diese Massen möglichst zusammenzubringen auf einer einheitlichen Grundlinie, sie möglichst zusammenzubringen, und zwar so, daß den einzelnen Ländern, angemessen der Struktur der verschiedenen Länder, möglichst weiter Spielraum gelassen wird. Nicht in allen Ländern ist die Bewegung eine gleiche, nicht in allen Ländern zeigen sich dieselben Tendenzen und Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn die amerikanische I. W.W. Leute zu gleicher Zeit in den alten Gewerkschaften sind, so sehen wir, daß sie in Amerika heute vielleicht nicht anders können, daß sie, wenn sie in diese Gewerkschaften hineingehen, zu gleicher Zeit eine Organisation daneben haben, eine neugebildete Organisation aufbauen und daß diese der Kern ihrer Bewegung ist.
So liegen aber die Dinge heute in Deutschland nicht. Wenn heute die Genossen der V.K.P.D. erkennen würden und, nach unserer Überzeugung. erkennen müßten, daß die Eroberung der Gewerkschaften ein Unsinn ist, daß es nicht geht, sie zu erobern. dann sollte man zu der Erkenntnis kommen, daß man andere Wege beschreiten muß. Wenn drei Millionen oder zweieinhalb Millionen der Gewerkschaftsmitglieder sich heute in Deutschland für den Anschluß an Moskau, an die rote Gewerkschaftsinternationale entschieden haben, so besagt das für uns nichts. wenn wir sie nicht zugleich loslösen aus dem Bann ihrer Führer. Diese programmatische Erklärung. diese Sympathie mit Moskau bedeutet gar nichts. Wenn man heute nicht versucht. sie loszulösen aus den alten Gewerkschaften, so sehen wir. daß diese Mitglieder, die zwar durch einen Stimmzettel oder durch das Handaufheben sich für Moskau entschieden haben, am Tage des Kampfes dem Ruf ihrer alten Gewerkschaftsbonzen und Führer folgen. Das sehen wir, Genosse Heckert, in Chemnitz, wo Du zu Hause bist, und wenn Du anderer Meinung bist, dann bringe Beweise dafür. Genossen, die Dinge entwickeln sich schnell. Wenn wir der Meinung sind. daß die Revolution sich entwickelt, dann müssen wir unbedingt zur Tat schreiten. wenn anders die Revolution uns nicht überraschen soll. Die einfache Erklärung für den Anschluß eines Teils der Gewerkschaftsmitglieder ist für uns kein Beweis für die Revolutionierung der Massen durch die Zellentaktik. Da muß man uns schon andere Beweise bringen.
Die Revolutionierung der Gewerkschaften in den Ländern, wo sie zu direkten festen Stützen des Kapitalismus geworden sind, ist heute ein Unsinn. Es ist ein verfehltes Beginnen, wenn man glaubt, daß man diese durchführen kann. Diese 9 bis 10 Millionen deutscher Gewerkschaftler, sie könnten, wenn sie revolutionär wären, wenn sie Organe der Revolution wären, tatsächlich heute die Macht an sich reißen, sie könnten, wenn wir sie auf unserer Seite hätten, an jedem Tag, in jeder Stunde die Situation ausnützen, um die kapitalistische Gesellschaft in Deutschland zu stürzen, die Revolution in Deutschland zu entfachen und damit die Weltrevolution vorwärts zu treiben. Wir sehen, daß überall diese Organe versagen, versagen müssen. und deswegen fordern und verlangen wir im Interesse und im Dienste der Revolution ihre Zertrümmerung. So wie man die politischen Parteien der vorrevolutionären Periode zersetzen, zerschlagen müßte, so wird man die Organe der wirtschaftlichen Organisation, die Gewerkschaften zertrümmern müssen, bevor wir zum Sieg der Revolution kommen.
Genossen, wenn die Zersetzung der Gewerkschaften, wenn der Kampf in den Gewerkschaften in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern sich bis heute noch nicht so scharf gezeigt hat, wenn heute von unserer Seite nicht soviel Gewicht darauf gelegt wurde, so deswegen, weil der Anfang der Revolution in diesen Ländern mehr politischen als den ökonomischen Charakter trug. Heute sehen wir, daß die ökonomische Frage vielleicht etwas mehr in den Vordergrund gerückt ist. daß die wirtschaftliche Basis der Kämpfe schärfer hervortritt, und deswegen geht jetzt die Zersetzung und Zertrümmerung in den Gewerkschaften immer mehr und mehr vor sich. Wir sehen in England, in Deutschland, obwohl die Gewerkschaftsbürokraten mindestens soviel Sünden während des Krieges auf sich geladen hatten wie die politischen Parteien der vorrevolutionären Periode, daß die Zersetzung in den Gewerkschaften nicht so schnell vor sich gegangen ist, weil die Forderungen nicht so stark an sie gestellt wurden. Damit, Genossen und Genossinnen, will ich allerdings nicht sagen und nicht behaupten, daß nunmehr die politischen Organisationen ihre Aufgabe erfüllt haben. So möchte ich das nicht ausgelegt wissen. Sondern wir sehen überall, daß, wie ich vorhin sagte, die wirtschaftliche Frage jetzt einen höheren Grad erreicht hat, sich mehr in den Vordergrund drängt. Weil die Gewerkschaften der vorrevolutionären Epoche diese Aufgaben der Revolution nicht lösen können, deswegen ihre Zertrümmerung.
Genossen, wir stehen also in einem scharfen Gegensatz in der Frage der Gewerkschaften zu der Mehrzahl der Genossen, die hier anwesend und vertreten sind. Wenn wir zu dieser Überzeugung gekommen sind, wenn wir uns fester an diesen Gedanken klammern, so nicht deswegen, weil es eine Idee von uns ist, die keinen Boden hat, sondern weil wir durch den Gang der Revolution in Deutschland und auch in den anderen Ländern, jetzt in England, wieder gesehen haben, daß wir schon jetzt Organe schaffen müssen, die zur Übernahme der Produktion berufen sind. Im Dienste der Revolution, zur Fortentwicklung der Revolution stehen wir auf diesem Boden und müssen daran festhalten, müssen deswegen auf diesem Standpunkt verharren, wenn nicht anders wir die Revolution in diesen Ländern hintanhalten wollen. Wir erkennen aus der ökonomischen Lage der einzelnen Länder die Dinge, wie sie sich entwickeln, und ziehen unsere Schlüsse daraus und werden danach handeln. Nur wenn wir so scharf die Lage sehen und sie erkennen und so uns einstellen, dann werden wir wirkliche revolutionäre Dienste leisten, wirklich vorbereitende Organe schaffen, die am Tage der siegreichen Revolution das Bollwerk sind, auf dem die Diktatur des Proletariats errichtet werden kann. Nicht anders wird es gehen, nicht indem wir die alten konterrevolutionären Organisationen bestehen lassen und versuchen, sie von innen heraus zu zersetzen, sondern indem wir neue Organe des Niederreißens des Kapitalismus und des Aufbaues zum Kommunismus zu gleicher Zeit schaffen. Nur dann wird der Sieg der Revolution gesichert sein.
Earsman (Australien). Genossen! Aus dem Vortrage des Gen. Sinowjew habe ich zu meiner großen Genugtuung entnommen, daß es nicht die Absicht der Dritten Kommunistischen Internationale ist, den Versuch zu machen, die Gewerkschaften zu beherrschen. In Australien hätten wir uns mit einer solchen Auffassung nicht einverstanden erklären können, wenn die Dritte Internationale den Gewerkschaften nicht die nötige Möglichkeit geben würde, sich zu entwickeln. Wenn ich das sage, so folgt daraus nicht, daß die Gewerkschaft überhaupt nicht beeinflußt sein sollte, aber nicht durch solch eine besondere Methode; und wenn ich Ihnen erzähle, was in Australien dazu getan worden ist, so werden Sie, und hauptsächlich unsere deutschen Genossen, beachten, daß Australien, was Organisation der Gewerkschaften anbetrifft, wahrscheinlich das höchstorganisierte Land außer Rußland ist. Ich sage das in vollem Bewußtsein dessen, was in anderen Ländern dafür getan worden ist.
Ich habe heute morgen die Nachricht bekommen, daß der erste Gewerkschaftskongreß in Australien, der in der ersten Juniwoche tagte, beschlossen hat, sich der Roten Gewerkschaftsinternationale anzugliedern. Ich glaube, das ist das erste Land, von dem man das sagen könnte.
Als ich im März abreiste, meinten die Kommunisten, daß sie rund gerechnet ungefähr 45 % der Kongreßstimmen erhalten würden. Nun aber finden wir, daß sie in den verflossenen drei Monaten 40 % hinzubekommen und jetzt ein Votum mit 85 % Stimmenzahl erhalten haben.
Unsere Position in Australien unterscheidet sich auch von der in vielen anderen Ländern dadurch, daß wir, denke ich, unseren Freunden von der K.A.P.D. beweisen können, daß wir imstande waren, mit den alten Gewerkschaften etwas anzufangen.
Die alten „Handwerkerverbände“, wie wir sie nennen, haben nach ungefähr dreijähriger Propaganda den Vorschlag, zu industriellen Vereinigungen zusammenzutreten, voll und ganz angenommen. Mit anderen Worten, sie haben rote Gewerkschaften gebildet, und indem sie dieses taten, haben sie nicht nur einfache Resolutionen angenommen und Bücher darüber verfaßt, sondern sie haben es auch praktisch angewandt: die australischen Werkstätten und Fabriken, deren es über 200 000 gibt. sind heute festgefügte Teile der sogenannten O.B.U.
Aber die O.B.U. oder „Eine Große Vereinigung“ ist nicht eine Vereinigung syndikalistischen Charakters, wie es in einigen Ländern verstanden wird. Sie hat keinen syndikalistischen Charakter, sondern erkennt nur die Grundlagen der Gewerkschaftsinternationale an. Wir waren sehr kurze Zeit an der Arbeit, den Gewerkschaften die kommunistischen Ideale einzuimpfen, und in den 18 letzten Monaten hatten die Führer der Gewerkschaften einen lauteren Charakter.
Und nun, Genossen, muß ich Euch folgende Lage klarlegen. Es ist eine Lage, die einigen unter Euch gefallen, den anderen mißfallen wird: das Parlament war das Reinigungsmittel für die Gewerkschaften in Australien.
Und zwar folgendermaßen:
Wir haben ungefähr 14 Parlamente in Australien; in jedem Staate zwei und eins für ganz Australien.
In jedem Staat, außer in Viktoria, war ein Arbeitsministerium. Nicht einmal und nicht zweimal, sondern durch eine größere Anzahl von Jahren, in den letzten 25 Jahren, werdet Ihr finden, daß die Arbeiterpartei die Gewalt öfters als die Nationalpartei in den Händen hielt.
Was soll das bedeuten? Das will heißen, daß, wenn sie offiziell eine Gewerkschaftsbewegung leiten, sie automatisch aus den Reihen der Gewerkschaft ins Parlament hinaufsteigen. Die Folge war, daß unsere Führer es mit den Massen hielten, denn sie wußten, daß sie eine leichtere, angenehmere Beschäftigung haben werden als die, die sie als Vertreter der Gewerkschaften hatten. Aber von 1917 bis 1920 lag die Gewerkschaftsbewegung in Australien brach. Sie war zwar nicht abgestorben, glimmte jedoch kaum, hauptsächlich war dies dadurch verursacht, daß eine große Anzahl industrieller Zwistigkeiten und der große Streik von Ende 1917 ausbrach, der sich von Neu-Süd-Wales bis nach Viktoria erstreckte und mit der Verfolgung und Einkerkerung einer großen Anzahl von Führern endete.
Die nächsten Jahre galten der Arbeit für die Befreiung der Führer. In dieser Zeit war eigentlich gar keine revolutionäre Bewegung im Lande. Als diese Männer befreit waren, waren wir gezwungen, die Bewegung in Europa einzuholen, und die Führer der Gewerkschaften dieser Zeit sahen und verstanden Europas Entwicklung in dieser Hinsicht und wußten auch ganz genau, daß, wenn sie zu der Arbeiterpartei, wie sie augenblicklich war, hielten, ihre Tage gezählt seien.
Sie verstanden, daß die Wellen der revolutionären Bewegung in Australien anschwollen, und wenn sie an diese Bewegung glaubten und dieselbe herbeiwünschten, ihr Platz nur in der einen Bewegung, und zwar in der kommunistischen, war. Es waren diese Führer, die die kommunistische Partei 1920 gründeten, und die mir heute morgen zugegangene Mitteilung zeigt, daß sie ihre Sache gut gemacht haben, da es ihnen gelang, auf dem im Juni abgehaltenen ersten Kongreß der Gewerkschaften die Stimmenmehrheit zu erhalten.
Und das ist zu bemerken, daß dieser Kongreß nicht etwa von den Revolutionären aus den Gewerkschaften einberufen wurde, sondern von der Arbeiterpartei, welche merkte, daß sie in sich selbst zusammenbrach und versuchte, die Massen wieder an sich zu bringen, indem sie die Gewerkschaften zu vereinigen trachtete und ein Programm aufstellte, das dieselben mit ihrer Vergangenheit verband.
Aber die Kommunisten paßten scharf auf und verstanden den Wert der Gewerkschaften. Trotz des früheren großen Einflusses und der Agitation der I. W. W. hatten dieselben auf die Gewerkschaften keinen Einfluß; im Gegenteil, die Kommunisten benutzten diesen Einfluß mit dem besten Resultat für ihre Zwecke, wie ich es Ihnen schon gesagt habe. Ich hoffe, daß wenn dieser Kongreß seine Beschlüsse in dieser Frage feststellt, dieselben im Einklang mit den Thesen des Gen. Sinowjew sein werden.
Noch eine andere Frage und ich schließe. Das ist die Frage der Neutralität. Ich glaube, daß diese Frage überhaupt nicht in Betracht gezogen werden kann. Ein solcher Vorschlag ist unmöglich. Ich gehe weiter und sage, daß die, die für die Neutralität sind, die Lage nicht verstehen, denn sie müssen wissen, daß über kurz oder lang sie von ihrem eigenen Platz doch vertrieben werden und dann an sie die Frage herantritt: Wohin, nach rechts oder links? — Warum also sich nicht gleich entscheiden? Warum den schlimmen Tag hinausschieben und sagen, daß man es tun wird, wenn man heruntergestoßen wird von seinem Platz?
Die Arbeiter haben heute ihre Position.
Diese Position ist heute ebenso klar, wie sie es im Moment der Unruhe oder der Möglichkeit einer sozialen Revolution sein wird. Und wenn das der Fall ist, so hoffe ich, daß unsere Freunde, die Syndikalisten selbst und die K.A. P.D., verstehen werden, noch bevor dieser Kongreß zu Ende ist, bevor er geschlossen wird, daß ihr Platz in den alten Gewerkschaften ist, daß dort gerade große Gelegenheit für Arbeit ist, die Früchte bringen wird und zu dem Ziele führen, das Sie alle herbeisehnen.
Vors. Kolarow. Die nächste Sitzung des Gewerkschaftskongresses findet morgen abend 7 Uhr im Gewerkschaftshaus statt. Die nächste Sitzung unseres Kongresses findet morgen vormittag 11 Uhr statt. Auf der Tagesordnung steht die Frage der Taktik der russischen Partei. Referent ist Gen. Lenin. Die Sitzung ist geschlossen.
Schluß der Sitzung um 12 Uhr nachts.
Die siebzehnte Sitzung (5. Juli 1921, 12 Uhr mittags)
(Ehrung der Genossin Clara Zetkin. — N. Lenin: Referat über die Taktik der Kommunistischen Partei Russlands. — Diskussion zum Referat Lenin. Redner: Sachs, Radek, Kollontai, Trotzki, Kerran, Hempel, Roland-Holst, Bucharin. — Resolution über die Taktik der Kommunistischen Partei Russlands.)
Vors. Loriot. Bevor wir zur Tagesordnung schreiten, um dem Genossen Lenin das Wort zu seinem Bericht über die russische Lage zu erteilen, teile ich dem Kongreß mit, daß heute der 65. Geburtstag unserer lieben Genossin Clara Zetkin ist. (Stürmischer Applaus.) Aus diesem Anlasse erteile ich das Wort dem Mitglied der deutschen Delegation, Genossen Heckert.
Heckert. Parteigenossen! Die deutsche Delegation erfüllt eine Freudenpflicht: In ihrer Mitte befindet sich eine alte Streiterin für den Sozialismus, unsere Genossin Clara Zetkin, die heute ihren 65. Geburtstag feiert. Und der Name Clara Zetkin ist für die ganze Internationale der Arbeiter ein Programm. Clara Zetkin ist nicht erst in späten Jahren zur sozialistischen Bewegung gekommen, in jungen Jahren mit heißem Herzen trat sie der Arbeiterbewegung bei und ist bis zum heutigen Tage ihr ein treuer, aufopferungsvoller Soldat gewesen.
Clara Zetkin hat ein außerordentlich reiches Kämpferleben hinter sich; verfolgt von den Tyrannen der Bourgeoisiestaaten, verleumdet von der Bourgeoisie und verleumdet auch von denen, die mit ihr lange Jahre in einer Front gekämpft haben. Clara Zetkin, unsere alte Genossin, hat unter dem Sozialistengesetz, daß auf der deutschen Arbeiterklasse Jahre hindurch lastete, auf der deutschen Arbeiterschicht, die in den vordersten Reihen der Bewegung gegen das alte Preußen, gegen das alte Deutschland kämpfte, in den ersten Reihen mitgestanden. Clara Zetkin hat dann, als in der deutschen Sozialdemokratie nach dem Fall des Sozialistengesetzes sich rechte Strömungen bemerkbar machten, sich auf den linken Flügel der Partei gestellt. Sie war es, die eine der heftigsten Kämpferinnen gegen die revisionistischen Ideen geworden ist; sie war es, die mit Rosa Luxemburg, mit Franz Mehring und einigen anderen von den ersten Tagen der revisionistischen Bewegung an ihre Feder der radikalen Richtung in der Internationale lieh; sie war es, die mit lebhaften Worten gegen die Idee der Bernstein stritt; sie war es, die lange Zeit, solange noch Karl Kautsky auf dem radikalen Flügel der deutschen sozialdemokratischen Partei stand, Karl Kautsky den Rücken stärkte. Sie war es auch, die kurz vor dem Krieg, als sich in der deutschen Sozialdemokratie ein wirklich linker Flügel herauskristallisierte, sich diesem linken Flügel anschloß. Immer war ihr Herz bei den wirklich kämpfenden Proletariern. Immer war sie ganz bei diesem kämpfenden Teil des Proletariats. Sie kannte keine Halbheiten. Und als dann der Krieg kam, da war es Clara Zetkin, die als Redakteurin der „Gleichheit“ Stellung nahm gegen die deutschen Sozialdemokraten, gegen den Hurrapatriotismus, gegen den Sozialchauvinismus. Sie war es, die da ebnen half den Weg zur Wiederherstellung der auseinandergerissenen Proletarier. Sie war es, die von Anfang des Krieges mitkämpfte für die Wiedervereinigung der revolutionären Arbeiter, um der proletarischen Revolution den Sieg bereiten zu helfen. Sie ist es auch gewesen, die, als in der deutschen Sozialdemokratie während des Krieges sich ein linker Teil absonderte und herauskristallisierte, die von den ersten Tagen sich diesem linken Flügel zugesellte und mit ihm stritt. Und nach dem Kriege, in der Revolution, ist Clara Zetkin zum Spartakusbund gekommen und war im Spartakusbund einer unserer besten Köpfe. Sie war eine Führerin, eine unerschrockene Führerin der kleinen Spartakusbewegung in Deutschland. Und dann, als wir die Vereinigte Kommunistische Partei geschaffen hatten, da trat sie in die Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei ein und wurde einer ihrer bedeutendsten Köpfe.
Wir haben hier auf diesem Kongreß gesehen, daß zwischen der gegenwärtigen Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands und Clara Zetkin Meinungsverschiedenheiten bestehen. Das hat aber nie dazu geführt, nicht eine einzige Stunde, daß aus dieser sachlichen Meinungsverschiedenheit zwischen uns irgendwelche persönlichen Gehässigkeiten entstanden wären, und das wird und kann es nicht sein, dazu ehren wir unsere alte Streiterin viel zu viel. Wir wissen, was sie unserer Bewegung gegeben hat; wir wissen, daß sie von Anfang an ganz bei uns war, und wir wissen, daß sie auch immer mit den proletarischen Massen sein wird. Und wir hoffen, nein, wir hoffen es nicht nur, wir wissen es genau, daß sie wieder mit uns sein wird; wir wissen, daß die Zwistigkeiten, die aus den sachlichen Gegenständen zwischen uns waren, nicht diesen Kongreß überdauern, und so glaube ich, daß die Internationale zusammen mit der deutschen Delegation in Clara Zetkin noch lange eine brave Streiterin auf dem linken Flügel der Arbeiterbewegung haben wird, einen roten General der großen proletarischen Armee, die uns helfen wird, vorwärts zu schreiten zum Sieg. Und wir begrüßen in diesem Sinne unsere Jubilarin und bitten, daß sich der ganze Kongreß unseren Grüßen anschließt. (Lebhafter, langandauernder Beifall und Applaus.)
Clara Zetkin. Genossinnen und Genossen, Ihr nehmt meine Kraft von mir, wenn Ihr mich anerkennt und lobt. Wenn Ihr auf mir herumtrampelt, so fühle ich mich ganz wohl dabei, denn da meine ich, in all diesen Kämpfen diene ich der Sache: der Erringung von Klarheit für das Weitertreiben der Revolution. Aber wenn Ihr mich lobt, da fühle ich mich gedemütigt. Denn ich empfinde alles, was ich gewollt habe, und was ich nicht durchsetzen konnte; ich fühle alles, was mir das Leben, die Idee der Revolution gegeben hat, und was ich leider der Revolution schuldig bleiben mußte, weil ich nicht über meine Kraft konnte. Genossinnen und Genossen, was ich getan habe, war so selbstverständlich wie nur etwas. Ich habe immer nur meiner Natur gehorcht und verdiene dafür kein Lob. Ich habe nicht anders sein können, als ich bin, nicht anders handeln können, als ich gehandelt habe. Und verdient der Fluß Lob dafür, daß er talwärts fließt, verdient der Vogel Lob, wenn er singt? Es ist ganz natürlich. Und so habe ich der Revolution gedient, weil ich aus innerer Notwendigkeit der Revolution dienen mußte.
Ich gehe auf all das Schöne nicht ein, was Genosse Heckert hier von mir erzählt hat. Es ist mir aber eine Pflicht, das eine hier vor Euch auszusprechen: für meine Entwicklung und für das, was ich leisten konnte, danke ich sehr viel der deutschen Theorie und Praxis, für die Praxis sehr viel der Geschichte und dem Beispiel unserer französischen und englischen Brüder. Aber die Empfindung für den Willen, den ich in den Dienst der Revolution gestellt habe, lassen Sie mich das Wort aussprechen ohne jeden bürgerlichen Beigeschmack: für meine revolutionäre Moral bleibe ich zu ewigem Dank verpflichtet dem Beispiel der russischen Revolutionäre, der russischen Sozialdemokratie und der Bolschewiki. Was ich moralisch geworden bin, das Maß der Energie, das ich an den Dienst der Revolution setze, ich verdanke es in erster Linie meinem innigen Verbundensein mit der russischen Revolution von ihren 70er Jahren an. Lassen Sie mich noch ein anderes hier aussprechen: ich kann hier nicht vor Ihnen stehen, ohne daß mich nicht die Erinnerung überwältigt an diejenige, die ein Teil meines Wesens war und bleiben wird, an Rosa Luxemburg. All das, was ich war und wirkte, es war gemeinsam Werk mit Rosa Luxemburg. Und ich kann den Schmerz nicht zurückhalten, daß sie heute nicht mehr neben mir steht, nicht unter uns ist. All diese Blumen hier, ich lege sie im Geiste auf ihr Grab.
Genossinnen und Genossen, ich bin zu ergriffen, um Euch eine schöne Rede zu halten. Ich sage, es gibt nur einen Herzenswunsch, den ich habe, und zu dessen Erfüllung Ihr alle beitragen könnt. Nämlich dafür zu arbeiten und zu kämpfen, daß ich nicht in die Grube fahre, ohne vorher noch die Revolution in Deutschland und womöglich auch in anderen Ländern gesehen zu haben. (Lebhafter Beifall.) Es gibt nur einen Entschluß für meine Arbeit, für meinen Kampf, das ist beizutragen zur proletarischen Revolution, zum Sieg des revolutionären Proletariats. (Langanhaltender, stürmischer Beifall und Applaus.)
Vors. Loriot. Teuere Genossin Clara Zetkin! Ich bin glücklich, daß mir die Ehre zufällt, den Ausdruck der brüderlichen Sympathie des ganzen Kongresses mit dem der deutschen Delegation zu vereinigen.
Teuere Genossin Zetkin! Ich kann keine großen Worte machen; ich werde mich lieber bemühen, einfach zu sprechen und bin überzeugt, daß, wenn ich mein Herz sprechen lasse, ich am besten die allgemeinen Gefühle zum Ausdruck bringe.
Es ist heute für die kommunistische Familie, die hier versammelt ist, ein Feiertag, Für einen Moment unterbricht sie ihre schwere Arbeit, das Revolutionsfeld urbar zu machen, um sich um Sie zu scharen und Ihr schönes und edles Leben zu grüßen. Die deutsche Delegation und der Genosse Heckert haben in großen Zügen die Etappen dieses glorreichen Lebens geschildert, aber Sie allein, teuere Genossin, wissen, was diese 45 Jahre rauhen Kampfes für Leiden in sich bargen, voll von steter Anstrengung, reiner und tiefer Freuden, aber auch bitterer Tränen.
Soeben haben Sie von dieser Tribüne uns den Tod Ihrer treuen Genossen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ins Gedächtnis gerufen. Ja, Sie allein können es sagen, was alle diese Erinnerungen und die, die sich mit den Bemühungen der 43 Jahre verbinden, zu bedeuten haben, die Anstrengungen in Stuttgart, Kopenhagen, wo Sie damals waren. — Wie lange liegt das alles schon zurück? Ohne Ihre Kämpfe auf der äußersten Linken der revolutionären Bewegung gegen die Tendenzen der alten Sozialdemokratie zu vergessen, steigt vor uns hauptsächlich Ihre Kriegsarbeit auf. Sie gehören dem internationalen Proletariat an, und dasselbe kann nicht ohne bewundernde Anerkennung Ihre Arbeit während der tragischen Jahre verfolgen. Dasselbe kann nicht vergessen, daß Sie diejenige waren, die auf dem von Ihnen ins Leben gerufenen Berner Kongreß, vor dem fast allgemeinen Zusammenbruch, die internationale Frauen-Konferenz veranlaßten, das zu sagen, was die verirrten Proletarier nicht zu sagen wußten. Ich werde nicht all die Etappen dieses Kampfes während des Krieges ins Gedächtnis zurückrufen; ich werde Euch nur an eines erinnern, das uns, den französischen Kommunisten, teuer ist.
Vor dem Kongreß in Tours wußten wir, daß Sie uns den Nimbus Ihrer Autorität beibringen wollten, doch wir zweifelten am Resultat dieses Versuches. Wir wußten, daß die französische Polizei Sie zu gut kannte, um Sie durchzulassen. Wir wußten, daß sie diese Reise nicht zulassen würde. Doch wir wußten auch, daß eine Frau wie Sie über die Polizei triumphieren würde. Wie groß war daher unsere Freude und das Entsetzen der Bourgeoisie, als man erfuhr, daß es Ihnen gelungen war, über die Grenzen zu kommen und wir Sie dort begrüßen konnten. Teuere Genossin Zetkin, die Sache der Revolution, für die Sie so viel getan, welche Sie so gefördert haben, sieht heute zum großen Teil Ihre Realisation. Die russische Revolution und die Entwicklung der Revolution in Deutschland, deren Anzeichen schon zu merken sind, mit den Bemühungen unserer anderen Genossen lassen schon erkennen und uns die Zuversicht hegen, daß es Ihnen, teuere Genossin Zetkin, vergönnt sein wird, Ihr Werk gekrönt zu sehen. Die Revolution ist im Gange, und Sie werden leben, um die Früchte Ihrer Arbeit zu sehen: Die völlige und endgültige Befreiung des Weltproletariats.
Das ist alles, was wir wünschen. (Ovationen.)
Vors. Loriot. Das Wort hat nun Genosse Lenin zu seinem Referat über die Taktik der Kommunistischen Partei Rußlands.
Lenin. Genossen und Genossinnen, ich war eigentlich nicht imstande, ein ordentliches Referat auszuarbeiten. Die Übersetzung meiner Broschüre über die Naturalsteuer und die Thesen über die Taktik der russischen Partei, sie sind eigentlich alles, was ich systematisch vorbereiten konnte. Daran will ich nur einige Erläuterungen und Bemerkungen knüpfen.
Die internationale Lage.
Um die Taktik unserer Partei zu begründen, glaube ich mit der internationalen Lage beginnen zu müssen. Sie haben schon die ökonomische Lage des Kapitalismus im internationalen Maßstabe eingehend diskutiert, und es gibt auch bereits eine Resolution des Kongresses darüber. Ich behandle diese Frage in meinen Thesen ganz kurz, nur vom politischen Standpunkte aus. Die ökonomische Grundlage berühre ich nicht. Ich glaube aber, daß in der internationalen Lage unserer Republik politisch damit zu rechnen ist, daß heute ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte eingetreten ist. Allerdings nur in ganz beschränktem Sinn, ein Gleichgewicht der Kräfte, die gegeneinander offen und militärisch den Kampf führten, um die Herrschaft der einen oder der anderen Hauptklasse, der Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft, der gesamten internationalen Bourgeoisie, gegen Sowjetrußland. Nur über diesen militärischen Kampf behaupte ich, daß ein gewisses Gleichgewicht in der internationalen Lage eingetreten ist. Es muß natürlich betont werden, daß hier nur von einem relativen Gleichgewicht, von einem höchst unsicheren Gleichgewicht die Rede ist. Es ist soviel Zündstoff in den kapitalistischen Ländern, die früher nur als Objekte der Geschichte und nicht als Subjekte betrachtet worden sind, in allen Kolonialländern und Halbkolonialländern, vorhanden, daß es absolut möglich ist, daß in diesen Ländern früher oder später ganz unerwartet revolutionäre Ausbrüche, große Kämpfe und Revolutionen entstehen werden. In den letzten Jahren haben wir die direkten Kämpfe der internationalen Bourgeoisie gesehen, um die erste proletarische Republik zu erwürgen. Darauf konzentrierte sich die ganze weltpolitische Situation, und eben in dieser weltpolitischen Situation ist jetzt eine Änderung eingetreten. Insofern der Versuch der internationalen Bourgeoisie mißlungen ist, unsere Republik zu erwürgen, insofern ist auch ein Gleichgewicht, natürlich ein sehr unsicheres Gleichgewicht, eingetreten. (Lebhafte Zustimmung.)
Natürlich verstehen wir ganz gut, daß die internationale Bourgeoisie jetzt viel stärker ist, als unsere Republik, und daß nur eine ganz eigenartige Summe von Erscheinungen diese internationale Bourgeoisie daran hindert, den Krieg gegen uns fortzusetzen. Schon in den letzten Wochen, in den letzten Tagen konnten wir wieder einen Versuch im Fernen Osten sehen, eine Invasion zu erneuern, und es unterliegt keinem Zweifel, daß derartige Versuche auch weiter fortgesetzt werden. Darüber herrscht in unserer Partei kein Zweifel. Wichtig ist aber für uns, offen festzustellen, daß wir dieses unsichere Gleichgewicht sehen, und daß wir diese Atempause ausnützen müssen, indem wir die charakteristischen Merkmale der momentanen Lage in Erwägung ziehen, und unsere Taktik den Eigenartigkeiten der gegenwärtigen Situation anpassen, ohne nur einen Augenblick zu vergessen, daß die Notwendigkeit militärischer Kämpfe für uns über Nacht wieder heranbrechen kann. Die Organisierung der Roten Armee, ihre Kräftigung bleibt nach wie vor unsere Aufgabe. Und bezüglich der Ernährungsfrage müssen wir ebenfalls noch auf dem Standpunkte verharren, daß wir in erster Reihe an unsere Rote Armee denken müssen. In der gegebenen internationalen Lage, jetzt, wo wir noch immer neue Angriffsversuche, neue Invasionsversuche der internationalen Bourgeoisie erwarten müssen, können wir keinen anderen Weg einschlagen. In bezug auf unsere praktische Politik aber hat die Tatsache und die Anerkennung der Tatsache, daß in der internationalen Lage ein gewisses Gleichgewicht eingetreten ist, die Bedeutung, daß wir anerkennen müssen, daß die revolutionäre Bewegung wohl vorwärts geschritten ist, daß aber die Entwicklung der internationalen Revolution in diesem Jahre nicht so gradlinig verlaufen ist, wie wir erwartet haben.
Als wir seinerzeit die internationale Revolution begannen, taten wir es nicht in dem Glauben, daß wir in der Entwicklung der Revolution vorausschreiten, sondern deshalb, weil eine Menge von Umständen uns veranlaßten, die Revolution beginnen zu lassen. Wir dachten uns, entweder kommt uns die internationale Revolution zu Hilfe, dann ist unser Sieg ganz sicher, oder wir machen unsere bescheidene revolutionäre Arbeit und machen das in dem Bewußtsein, daß in dem Fall, wenn wir eine Niederlage erleiden, wir damit der Sache der Revolution nützen, indem wir es ermöglichen, daß gewitzigt durch unsere Erfahrungen die anderen Revolutionen es besser machen werden. Es war uns klar, daß ohne die Unterstützung der internationalen Weltrevolution der Sieg der proletarischen Revolution unmöglich ist. Wir dachten schon vor der Revolution und auch später daran: Entweder kommt gleich oder zum mindestens in sehr rascher Aufeinanderfolge die Revolution in den übrigen Ländern, in den kapitalistisch mehr entwickelten Ländern, oder aber wir müssen unterliegen. Trotz dieses Bewußtseins taten wir alles, um das Sowjetsystem unter allen Umständen unbedingt aufrecht zu erhalten, denn wir wußten, daß wir nicht für uns, sondern auch für die internationale Revolution arbeiten. Wir haben das gewußt. Wir haben dieser unserer Auffassung wiederholt Ausdruck gegeben, vor der Oktoberrevolution ebenso wie unmittelbar nach der Oktoberrevolution und während des Brest-Litowsker Friedens. Das war natürlich richtig. Es war richtig im allgemeinen.
Indessen war die Bewegung in Wirklichkeit nicht so gradlinig, wie wir erwartet haben. In den anderen großen, kapitalistisch am meisten entwickelten Ländern ist die Revolution bisher nicht eingetreten. Die Revolution entwickelt sich wohl — wir können das mit Befriedigung feststellen — in der ganzen Welt. Und nur diesem Umstande haben wir es zu verdanken, daß die internationale Bourgeoisie, obwohl sie ökonomisch und militärisch hundertmal stärker ist als wir, nicht imstande ist, uns zu erwürgen. (Lebhafter Beifall.)
Wie diese Lage zustande gekommen ist, und welche Folgerungen wir daraus ziehen müssen, behandle ich im zweiten Paragraph der Thesen und will noch hinzufügen, daß die Schlußfolgerung, die ich daraus ziehe, die folgende ist: Die Entwicklung der internationalen Revolution, die wir prophezeit haben, macht Fortschritte. Aber dieser Fortschritt ist nicht so gradlinig, wie wir erwartet haben. Es ist vom ersten Augenblick an klar, daß in den anderen kapitalistischen Ländern nach dem Frieden, wie schlecht dieser Friede auch sein mag, es nicht gelungen ist, die Revolution zu entfachen, obwohl die Ansätze dafür — wie wir wissen — sehr groß und sehr zahlreich waren. Viel größer und viel zahlreicher, als wir glaubten. Jetzt beginnen Broschüren zu erscheinen, die uns zu erzählen wissen, daß in den letzten Jahren und in den letzten Monaten in Deutschland und in Holland diese revolutionären Ansätze viel größer waren als wir ahnten. Was sollen wir jetzt tun? Jetzt ist die gründliche Vorbereitung der Revolution und das grundsätzliche Studium der konkreten Entwicklung in den entwickelteren kapitalistischen Ländern notwendig. Das ist die erste Lehre, die wir aus der internationalen Lage ziehen müssen. Für unsere russische Republik aber müssen wir diese auch noch so kurze Atempause dazu benützen, unsere Taktik dieser Zickzacklinie der Geschichte anzupassen. Politisch ist dieses Gleichgewicht wichtig, weil wir klar sehen, daß eben in den westeuropäischen Ländern, wo die große Masse der Arbeiterklasse, in mehreren Ländern höchstwahrscheinlich auch die große Mehrheit der Bevölkerung organisiert ist, die Hauptstütze der Bourgeoisie gerade die feindlichen Organisationen der Arbeiterklasse in der 2. und der 2½ Internationale bilden. Hierüber spreche ich im Paragraph 2 der Thesen und glaube hier nur zwei Punkte berühren zu müssen, die in unserer Diskussion über die Frage der Taktik schon erörtert wurden. Erstens, die Eroberung der Mehrheit des Proletariats. Je organisierter das Proletariat in einem entwickelten kapitalistischen Lande ist, um so mehr Gründlichkeit in der Vorbereitung der Revolution erfordert die Geschichte von uns, und mit um so mehr Gründlichkeit müssen wir die Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft erobern. Andererseits ist die Hauptstütze des Kapitalismus in den industriell entwickelten kapitalistischen Ländern gerade der Teil der Arbeiterschaft, der in der 2. und 2½ Internationale organisiert ist. Ohne sich auf diesen Teil der Arbeiter stützen zu können, ohne innerhalb der Arbeiterschaft diese Elemente der Gegenrevolution zu heben, würde die internationale Bourgeoisie absolut außerstande sein, sich weiter zu halten. (Lebhafte Zustimmung.)
Die Bewegung in den Kolonien.
Ich möchte noch hier die Bedeutung der Bewegung in den Kolonien betonen. In bezug auf diese Frage sehen wir in allen alten Parteien, in allen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Arbeiterparteien der 2. und 2½ Internationale noch immer die Reste der sentimentalen Auffassung; sie sind voller Sympathie für die unterdrückten Kolonial- und Halbkolonialvölker. Man betrachtet die Bewegung in den Kolonialländern noch immer als kleine nationale friedliche Bewegung. Dem ist aber nicht so. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist in dieser Beziehung eine große Veränderung eingetreten, nämlich Millionen und Hundertmillionen, die faktische große Mehrheit der Bevölkerung der Erde, treten jetzt als selbständige aktive revolutionäre Faktoren auf. Und es ist klar, daß in den kommenden entscheidenden Schlachten der Weltrevolution, die ursprünglich auf die nationale Befreiung gerichtete Bewegung der Mehrheit der Bevölkerung der Erde gegen den Kapitalismus und Imperialismus vielleicht eine viel größere revolutionäre Rolle spielen wird, als wir alle erwartet haben. Es ist wichtig zu betonen, daß wir zum erstenmal in unserer Internationale die Vorbereitungen für diesen Kampf in Angriff genommen haben. Natürlich sind auf diesem großen Gebiete die Schwierigkeiten viel größer, aber jedenfalls geht die Bewegung vorwärts. Und die Massen der Arbeitenden, die Bauern der Kolonialländer werden, obwohl sie jetzt noch sehr zurückgeblieben sind, in den folgenden Phasen der Weltrevolution eine sehr große revolutionäre Rolle spielen. (Lebhafte Zustimmung.)
Die innere Lage Sowjetrußlands.
Was die innere politische Lage unserer Republik betrifft, so muß ich damit beginnen, ganz genau die Verhältnisse der Klassen zu schildern. Es ist in den letzten Monaten insofern eine Änderung eingetreten, als wir eine neue Organisation der Ausbeuterklasse gegen uns sehen. Die Aufgabe des Sozialismus besteht darin, die Klassen abzuschaffen. In den vordersten Reihen der Ausbeuterklasse stehen der Großgrundbesitz und die Kapitalisten — die Industriellen. Hier ist die Arbeit der Zerstörung ziemlich leicht und kann in einigen Monaten, bisweilen in einigen Wochen, oder auch in einigen Tagen zu Ende geführt werden. Wir in Rußland haben unsere Ausbeuterklasse expropriiert, sowohl die Großgrundbesitzer als auch die Kapitalisten. Während des Krieges hatten sie keine eigenen Organisationen und handelten nur als Anhängsel der militärischen Kräfte, der internationalen Bourgeoisie. Jetzt, nachdem wir diesen Angriffskrieg der internationalen Konterrevolution zurückgeschlagen haben, bildete sich eine ausländische Organisation der russischen Bourgeoisie und aller russischen konterrevolutionären Parteien. Man kann die Zahl der russischen Emigranten, die in allen Ländern des Auslandes zerstreut leben, auf anderthalb oder zwei Millionen schätzen. Fast in jedem Land geben sie Tageszeitungen heraus, und alle Parteien, Großgrundbesitzer und kleinbürgerliche Partei, Sozialrevolutionäre und Menschewisten nicht ausgeschlossen, verfügen über zahlreiche Verbindungen mit fremden bürgerlichen Elementen, das heißt, sie bekommen Geld genug, um sich eine Presse zu halten, und wir sehen jetzt alle Schattierungen ohne Ausnahme, die Vertreter aller unserer ehemaligen politischen Parteien, im Auslande in gemeinsamer Arbeit, und wir sehen, wie die „freie“ russische Presse im Auslande, angefangen von den Sozialrevolutionären und Menschewisten bis zu den reaktionärsten Monarchisten, den Großgrundbesitz verteidigt. In einem gewissen Grad erleichtert uns das unsere Aufgabe, weil wir die Kräfte des Feindes, seine Organisierung, die politischen Strömungen im Lager des Feindes leichter übersehen können. In anderer Hinsicht erschwert uns natürlich das unsere Arbeit, weil diese russischen konterrevolutionären Emigranten alle Mittel ausnützen, um den Kampf gegen uns vorzubereiten. Und dieser Kampf beweist von neuem, daß im ganzen genommen der Klasseninstinkt und das Bewußtsein der herrschenden Klassen noch immer höher steht, als das Bewußtsein der unterdrückten Klassen, obwohl die russische Revolution in dieser Hinsicht mehr getan hat, als alle früheren Revolutionen. Es ist kein einziges Dorf in Rußland geblieben, wo das Volk und die Unterdrückten nicht aufgerüttelt sind. Trotzdem sehen wir, wenn wir kaltblütig die Organisierung und die politische Klarheit des Blickes der im Ausland lebenden russischen konterrevolutionären Emigranten betrachten, daß das Klassenbewußtsein der Bourgeoisie auch jetzt noch größer ist als das Klassenbewußtsein der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Natürlich machen diese Leute alle Anstrengungen, sie nützen jede Gelegenheit sehr geschickt aus, um, wenn nicht in dieser, so doch in anderer Form, Sowjetrußland anzugreifen und zu zertrümmern. Es wäre höchst lehrreich und ich glaube, die ausländischen Genossen werden das tun, systematisch die wichtigsten Bestrebungen, die wichtigsten taktischen Manöver, die wichtigsten Strömungen dieser russischen Konterrevolution zu beobachten. Sie arbeitet zumeist im Ausland, und es kann den ausländischen Genossen nicht besonders schwer fallen, diese Bewegungen zu beobachten. In gewisser Hinsicht müssen wir von diesem Feinde lernen. Diese konterrevolutionären Emigranten sind sehr gescheit, sehr gut organisiert, sie sind sehr gute Strategen, und ich glaube, der systematische Vergleich dessen, wie sie sich organisieren, wie sie diese oder jene Gelegenheit ausnützen, müßte eine große propagandistische Wirkung auch auf die Arbeiterklasse ausüben. Das ist keine allgemeine Theorie, das ist praktische Politik, und man sieht hier, was der Feind gelernt hat.
Die russische Bourgeoisie hat in den letzten Jahren furchtbare Niederlagen erlitten. Ein altes geflügeltes Wort sagt: eine geschlagene Armee kann gut lernen. Die geschlagene reaktionäre Armee hat gut gelernt, ausgezeichnet gelernt. Sie lernt so gierig, wie nur möglich, und sie hat wirklich große Erfolge erzielt. Damals, als wir die Macht mit einem einzigen Angriff genommen hatten, war die russische Bourgeoisie unorganisiert, politisch unentwickelt. Jetzt, glaube ich, steht sie auf der Höhe der modernen westeuropäischen Entwicklung, wir müssen auch unsere Organisationen und Methoden verbessern, was wir auch mit allen Kräften tun wollen. Es war also ziemlich leicht für uns, und ich glaube, es wird auch für die anderen Revolutionen leicht sein, mit diesen zwei großen Ausbeuterklassen fertig zu werden.
Das Verhältnis zwischen Proletariat und Bauerntum.
Außerhalb dieser Ausbeuterklasse gibt es aber eine Klasse der Warenproduzenten und der kleinen Ackerbautreibenden fast in allen kapitalistischen Ländern, vielleicht England ausgenommen. Die große Frage der Revolution ist eben nun der Kampf gegen diese zwei letzten Klassen. Um diese Klassen los zu werden, müssen wir andere Methoden anwenden als gegen die Großgrundbesitzer und Kapitalisten. Diese beiden Klassen konnten wir einfach expropriieren, fortjagen. Das haben wir auch getan. Aber mit den letzten kapitalistischen Klassen, mit den kleinen Produzenten, mit den Kleinbürgern, die in allen Ländern existieren, konnten wir es nicht so machen, In den meisten kapitalistischen Ländern stellen diese Klassen eine sehr große Minderheit, etwa 30 bis 45 % der Bevölkerung dar. Wenn wir die kleinbürgerlichen Elemente der Arbeiterschaft hinzunehmen, sogar mehr als 50%. Hier kann man nicht expropriieren, nicht fortjagen, hier muß der Kampf anders geführt werden. Die Bedeutung der Periode, mit der wir jetzt in Rußland beginnen, besteht vom internationalen Standpunkte aus, wenn wir die internationale Revolution als einheitlichen Prozeß betrachten, wesentlich darin, daß wir praktisch die Frage des Verhältnisses des Proletariats zur letzten kapitalistischen Klasse in Rußland zu lösen haben. Theoretisch haben alle Marxisten diese Frage gut und leicht gelöst. Aber Theorie und Praxis ist zweierlei, und diese Frage praktisch und theoretisch zu lösen, ist ganz verschieden. Wir wissen ganz sicher, daß wir große Fehler gemacht haben, es ist aber ein sehr schwieriges Problem. Vom internationalen Standpunkt aus ist es aber ein enormer Fortschritt, daß wir das Verhältnis des Proletariats, das die Staatsmacht in den Händen hat, zu der letzten kapitalistischen Klasse, zur tiefsten Grundlage des Kapitalismus, zum kleinen Eigentum, zu den Kleinproduzenten zu lösen bestrebt sind. Diese Frage ist uns jetzt praktisch gestellt. Ich glaube, daß wir diese Aufgabe lösen können. Jedenfalls werden aber die Erfahrungen, die wir machen, für die kommenden proletarischen Revolutionen von Nutzen sein, und sie werden bessere technische Vorbereitungen zur Lösung dieser Frage treffen können.
Ich versuchte in meinen Thesen, die Frage des Verhältnisses des Proletariats zum Bauerntum zu analysieren. Zum erstenmal in der Geschichte gibt es in einem Staate nur diese zwei Klassen: Nur Proletariat und Bauerntum. Das Bauerntum bildet die große Mehrheit der Bevölkerung. Es ist natürlich sehr zurückgeblieben. Wie gestaltet sich nun praktisch, in der Entwicklung der Revolution, das Verhältnis des Proletariats, das die Macht in den Händen hat, zur Bauernschaft? Die erste Form ist die eines Bündnisses, eines kräftigen Bündnisses. Es ist das eine sehr schwierige Aufgabe, aber jedenfalls ökonomisch und politisch möglich.
Wie gingen wir nun praktisch vor? Wir schlossen ein Bündnis mit der Bauernschaft. Wir verstehen dieses Bündnis so: Das Proletariat befreit die Bauernschaft von der Ausbeutung der Bourgeoisie, befreit sie von der Führung und Beeinflussung durch die Bourgeoisie, es zieht sie an sich, um die Ausbeuter gemeinsam zu besiegen.
Die Menschewiki sprechen folgendermaßen: die Bauernschaft hat die Mehrheit, wir sind reine Demokraten, die Mehrheit soll beschließen. Da aber die Bauernschaft nicht selbständig sein kann, so bedeutet das praktisch nichts anderes als die Restauration des Kapitalismus. Die Losung ist dieselbe: Bündnis mit den Bauern. Wenn wir davon sprechen, so verstehen wir darunter die Stärkung und Kräftigung des Proletariats. Wir haben dieses Bündnis zwischen dem Proletariat und Bauerntum versucht, und die erste Etappe war ein Kriegsbündnis. Der dreijährige Bürgerkrieg schuf enorme Schwierigkeiten, aber er erleichterte in gewisser Hinsicht unsere Aufgabe. Es mag dies seltsam klingen, aber es ist so. Der Krieg ist nichts neues für die Bauernschaft. Der Krieg gegen die Ausbeuter, gegen die Großgrundbesitzer war ihnen leicht verständlich. Die Bauern waren in riesigen Massen für uns. Trotz der großen Distanzen, obwohl die meisten unserer Bauern nicht lesen und schreiben konnten, ging unsere Propaganda leicht von statten. Es ist ein Beweis dafür, daß die großen Massen auch in den vorgeschrittenen Ländern viel eher aus ihren eigenen praktischen Erfahrungen lernen, wie aus Büchern. Und bei uns wurde die praktische Erfahrung für die Bauernschaft dadurch erleichtert, daß Rußland enorm groß ist und verschiedene Teile Rußlands nebeneinander verschiedene Stadien der Entwickelung durchmachen konnten. In Sibirien und in der Ukraine konnte die Konterrevolution zeitweilig siegen, weil die Bourgeoisie in Sibirien und in der Ukraine die Bauernschaft hinter sich hatte, weil die Bauern gegen uns, gegen die Bolschewiki, waren. Die Bauern erklärten sehr oft ganz einfach: wir sind Bolschewiki und nicht Kommunisten. Wir sind Bolschewiki, weil sie die Großgrundbesitzer fortgejagt haben, wir sind aber keine Kommunisten, weil die Kommunisten gegen die persönliche Wirtschaft sind. Für eine gewisse kurze Zeit konnte die Konterrevolution in Sibirien und in der Ukraine siegen, weil die Bourgeoisie im Kampfe um den Einfluß bei der Bauernschaft gegen uns erfolgreich war. Allein eine kurze Zeit genügte, um den Bauern die Augen zu öffnen. Schon nach einer kurzen Zeit konnten sie praktische Erfahrungen machen. Und bald sagten sie: ja, die Bolschewiki sind recht unangenehme Leute, wir haben sie nicht gern, allein sie sind jedenfalls besser, als die Weißgardisten und die Konstituante. Konstituante ist bei uns ein Schimpfwort, nicht nur bei den gebildeten Kommunisten, sondern auch bei den Bauern. Sie wissen aus dem praktischen Leben, daß Konstituante und Weiße Garde das Gleiche bedeutet, daß der Konstituante die Weiße Garde auf dem Fuß folgt. Auch die Menschewiki nützen die Tatsache des Kriegsbündnisses mit dem Bauerntum aus, ohne aber daran zu denken, daß dieses Bündnis nicht genüge. Ein Kriegsbündnis ohne ein ökonomisches Bündnis kann nicht existieren. Wir leben ja nicht aus der Luft. Unser Bündnis mit den Bauern hätte sich dauernd keineswegs halten können, ohne eine wirtschaftliche Grundlage, und ohne diese wirtschaftliche Grundlage hätten wir auch den Krieg gegen unsere Bourgeoisie nicht gewinnen können. Unsere Bourgeoisie vereinigte sich ja mit der ganzen internationalen Bourgeoisie.
Die Grundlage dieses ökonomischen Bündnisses zwischen uns und dem Bauerntum war natürlich sehr einfach, sehr roh. Der Bauer bekam von uns das ganze Land und die Unterstützung gegen den Großgrundbesitz. Wir mußten dafür Lebensmittel erhalten. Dieses Bündnis war ganz neuer Art und beruhte nicht auf dem gewöhnlichen Verhältnis zwischen Warenproduzenten und Warenkonsumenten. Unsere Bauern verstanden das viel besser, als die Helden der 2. und 2½ Internationale. Sie sagten sich, diese Bolschewiki sind rauhe Führer, aber sie sind doch unsere Leute. Wir schufen jedenfalls auf diese Weise die Grundlage eines neuen wirtschaftlichen Bündnisses. Die Bauern gaben der Roten Armee ihre Produkte und bekamen von ihr Unterstützung bei der Verteidigung ihres Besitzes. Und das vergessen immer wieder die Helden dieser 2. Internationale, die, wie Otto Bauer, die ganze Situation verkennen. Wir gestehen, daß die erste Form des Bündnisses sehr primitiv war, und daß wir viele Fehler gemacht haben. Allein, wir mußten so schnell als möglich handeln, wir mußten die Ernährung organisieren. Während des Bürgerkrieges waren wir von allen Teilen Rußlands, die viel Brot hatten, abgeschnitten. Unsere Lage war furchtbar, und es ist schier ein Wunder, daß das russische Volk und die Arbeiterklasse so viele Leiden, Not und Entbehrungen ertragen hat, und ertragen konnte, stets nur von dem Bewußtsein getragen, den Sieg davonzutragen. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Nach dem Bürgerkrieg war unsere Aufgabe jedenfalls eine andere. Wäre das Land nicht in der Weise ruiniert gewesen, wie es nach dem sieben Jahre dauernden Krieg der Fall war, so wäre vielleicht der Übergang zu einer neuen Form des Bündnisses zwischen dem Proletariat und dem Bauerntum jedenfalls leichter gewesen. Allein zu den ohnehin schwierigen Verhältnissen im Lande kamen noch die Mißernte, der Mangel an Futtermitteln usw. Die Entbehrungen der Bauernschaft wurden dadurch unerträglich. Wir mußten sofort etwas unternehmen, um der großen Masse der Bauernschaft klar zu zeigen, daß wir bereit sind, auf revolutionärem Wege unsere Politik unbedingt so zu ändern, daß sie sich sagen, diese Bolschewiki sind Leute, die unsere unerträgliche Lage unverzüglich verbessern wollen, koste es, was es kosten mag.
Die Änderung der ökonomischen Politik.
Und so kam dann die Änderung unserer ökonomischen Politik — an Stelle der Requisition die Naturalsteuer. Das war nicht sofort ausgedacht. In der bolschewistischen Presse können Sie natürlich Monate hindurch Vorschläge finden, allein, ein wirklich erfolgversprechendes Projekt wurde nicht ersonnen. Das ist aber nicht wichtig. Wichtig ist die Tatsache, daß wir diese Änderung unserer ökonomischen Politik durchgeführt haben, nur der praktischen Lage, der Notwendigkeit der Lage gehorchend. Die Mißernte, Mangel an Futtermitteln, dazu noch der Mangel an Brennmaterial, dies alles hat natürlich Einfluß auf die ganze Wirtschaft. Auch auf die Bauernwirtschaft. Streikt die Bauernschaft, bekommen wir auch kein Holz. Und bekommen wir kein Holz, dann müssen auch die Fabriken stillstehen. Die ökonomische Krise war daher infolge der großen Mißernte und des Mangels an Futtermitteln im Frühjahr 1921 riesig groß. Sie waren alle Folgen des dreijährigen Bürgerkrieges. Es galt nun, der Bauernschaft zu zeigen, daß wir unsere Politik auch sehr schnell verändern können und wollen, um die Not der Bauernschaft unverzüglich zu lindern. Wir sagen immer, auch auf dem 2. Kongreß wurde es gesagt, die Revolution koste Opfer. Es gibt Genossen, die in ihrer Propaganda so argumentieren. Wir sind bereit die Revolution zu machen, doch soll sie nicht sehr schwierig sein. Wenn ich nicht irre, hat Genosse Smeral diesen Satz in seiner Rede auf dem tschechoslowakischen Parteitag gebraucht. Ich habe das im Berichte des Reichenberger „Vorwärts“ gelesen. Dort gibt es wohl einen ein klein wenig linken Flügel. Also ganz unparteiisch ist diese Quelle nicht. Jedenfalls muß ich aber erklären, daß Smeral, wenn er dieses gesagt hat, unrecht hat. Einige Redner, die nach Smeral sprechen, sagten auf jenem Parteitag: ja, wir gehen mit Smeral, weil wir dann den Bürgerkrieg los werden. (Heiterkeit.) Ist das alles wahr, so muß ich erklären, daß eine solche Agitation nicht kommunistisch ist, nicht revolutionär ist. Natürlich bedeutet jede Revolution große Opfer für die Klasse, die die Revolution macht. Die Revolution unterscheidet sich von den gewöhnlichen Kämpfen dadurch, daß zehnmal, hundertmal mehr Leute an der Bewegung teilnehmen und in dieser Hinsicht bedeutet jede Revolution Opfer, nicht nur für die Person, sondern für die ganze Klasse. Die Diktatur des Proletariats in Rußland bedeutet so viel Opfer, so viel Not und Entbehrungen für die herrschende Klasse, für das Proletariat, wie sie nirgends in der Geschichte zu verzeichnen sind, und, höchstwahrscheinlich, wird es in keinem anderen Lande anders gehen.
Die Verteilung der Entbehrungen.
Die Frage ist, wie verteilen wir diese Entbehrungen? Wir sind die Staatsmacht. Wir sind bis zu einem gewissen Grade imstande, die Entbehrungen zu verteilen, auf mehrere Klassen abzuwälzen und dadurch verhältnismäßig die Lage der einzelnen Klassen zu erleichtern. Nach welchem Grundsatz müssen wir verfahren? Auf Grund der Gerechtigkeit oder der Mehrheit? Nein. Wir müssen praktisch handeln, wir müssen die Verteilung so vornehmen, daß wir die Macht des Proletariats erhalten können. Das ist unser einziger Grundsatz. Am Anfang der Revolution mußte die Arbeiterklasse enorme Entbehrungen erdulden. Ich stelle jetzt fest, daß unsere Ernährungspolitik von Jahr zu Jahr größere Erfolge hat. Und die Lage hat sich im allgemeinen zweifellos verbessert. Allein, die Bauern Rußlands haben von der Revolution unbedingt mehr gewonnen, als die Arbeiterklasse. Darüber besteht kein Zweifel. Vom theoretischen Standpunkt aus beweist das natürlich, daß bis zu einem gewissen Grade unsere Revolution eine bürgerliche Revolution war. Wenn Kautsky dieses Argument gegen uns vorbrachte, dann lachten wir. Es ist natürlich, daß es ohne Expropriierung des Großgrundbesitzes, ohne Fortjagung der Großgrundbesitzer und ohne Verteidigung des Grund und Bodens, nur eine bürgerliche und keine soziale Revolution gibt. Allein, wir waren die einzige Partei, die die bürgerliche Revolution zu Ende führen und den Kampf für die soziale Revolution erleichtern konnte. Sowjetmacht und Sowjetsystem sind Institutionen des sozialen Staates. Wir haben diese Institutionen schon verwirklicht, allein das Problem des ökonomischen Verhältnisses der Bauernschaft zum Proletariat ist noch nicht gelöst. Vieles ist noch nicht gemacht, vieles ist schon durchgeführt, und das Resultat des Kampfes wird davon abhängen, ob wir diese Aufgabe lösen können oder nicht. Also die praktische Verteilung der Entbehrungen ist eine der schwierigsten Aufgaben. Im allgemeinen ist eine Besserung der Lage in der Bauernschaft eingetreten, und die schwierigsten Entbehrungen sind der Arbeiterklasse auferlegt, eben weil diese Arbeiterklasse die Diktatur ausübt.
Ich sagte schon, der Mangel an Futtermitteln und die Mißernte brachte im Frühling 1921 der Bauernschaft die furchtbarste Not. Die Bauernschaft bildet die Mehrheit. Ohne mit diesen Massen in einem guten Verhältnis zu stehen, können wir nicht existieren. Es war daher unsere Aufgabe, der Bauernschaft sofort zu helfen. Für die Arbeiterschaft ist die Lage sehr schwierig, sie leidet furchtbar. Allein sie sind die politisch entwickelteren Elemente, und auch von diesen verstanden es nur die besten Elemente, daß wir im Interesse der Diktatur der Arbeiterschaft die größten Anstrengungen machen müssen, um der Bauernschaft zu helfen, koste es, was es wolle. Die Avantgarde der Arbeiterschaft verstand dies. Es waren aber Teile der Arbeiterschaft, sogar Teile der Avantgarde, die das nicht verstanden, die zu müde waren, um das zu verstehen. Sie sahen darin einen Fehler, sie gebrauchten das Wort Opportunismus, sie erblickten darin eine gewisse Art des Opportunismus. Man sagte, jetzt helfen die Bolschewiki den Bauern. Der Bauer, der unser Ausbeuter ist, bekommt alles, was er will, der Arbeiter hungert.
Ist das Opportunismus? Wir helfen den Bauern aus dem Grunde, weil ohne das Bündnis mit der Bauernschaft die politische Macht des Proletariats unmöglich ist, sie nicht zu halten ist. Diese Zweckmäßigkeitsgründe waren für uns entscheidend, und nicht die allgemein gerechte Verteilung. Wir helfen den Bauern, weil das unerläßlich ist dafür, daß wir die politische Macht erhalten. Das ist der höchste Grundsatz der Diktatur, das Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft zu bewahren, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behalten kann.
Die Naturalsteuer.
Das einzige Mittel, das wir hierfür gefunden haben, war der Übergang zur Naturalsteuer. Praktisch ist dies durch die Notwendigkeit des Kampfes entstanden. Wir werden die Naturalsteuer im nächsten Jahre zum erstenmal probieren. Praktisch ist die Frage noch nicht verwertet, noch nicht erprobt. Wir müssen vom militärischen Bündnis auf das ökonomische übergehen, und theoretisch ist die einzige Grundlage für dieses ökonomische Bündnis die Einführung der Naturalsteuer. Es ist die einzige theoretische Möglichkeit, um zur wirklichen soliden ökonomischen Basis der sozialistischen Gesellschaft zu kommen. Die sozialisierte Fabrik gibt dem Bauern ihre Produkte und der Bauer gibt dafür Getreide. Das ist die einzig mögliche Form für die Existenz der sozialistischen Gesellschaft, der einzig mögliche Aufbau in einem Lande, wo der Kleinbauer die Mehrheit oder zumindest eine sehr große Minderheit bildet. Ein Teil als Steuer, der andere Teil als Austausch gegen die Produkte der sozialisierten Fabrik oder als Warenaustausch.
Freiheit des Handels.
Und hier kommen wir zu dem schwierigsten Punkte. Die Naturalsteuer bedeutet, selbstverständlich, Freiheit des Handels. Der Bauer kann den Rest seines Getreides, der ihm nach der Naturalsteuer bleibt, frei austauschen. Diese Freiheit des Austausches bedeutet Freiheit des Kapitalismus. Wir sagen das offen und wiederholen das. Wir verhehlen das nicht. Es wäre sehr schlimm um uns bestellt, wenn wir das verheimlichen wollten. Freiheit des Handels bedeutet Freiheit des Kapitalismus, es bedeutet aber eine neue Form des Kapitalismus, es bedeutet, daß wir den Kapitalismus bis zu einem gewissen Grad neu schaffen. Wir machen das ganz offen. Es ist Staatskapitalismus. Allein Staatskapitalismus in einer Gesellschaft, in der der Kapitalismus die Macht hat, und der Staatskapitalismus in einem proletarischen Staat sind zwei verschiedene Begriffe. In einem kapitalistischen Staat bedeutet der Staatskapitalismus, daß der Kapitalismus vom Staate anerkannt, vom Staate kontrolliert wird zum Nutzen der Bourgeoisie gegen das Proletariat. In einem Proletariatsstaate geschieht dies zum Nutzen der Arbeiterschaft, um gegen die noch immer allzu starke Bourgeoisie bestehen und kämpfen zu können. Wir müssen also der fremden Bourgeoisie, dem ausländischen Kapital Konzessionen gewähren. Wir geben ohne die geringste Entstaatlichung Bergwerke, Wälder, Naphthagruben an auswärtige Kapitalisten, um von ihnen industrielle Artikel, Maschinen usw. zu erhalten, um auf diese Weise unsere Industrie herzustellen.
Staatskapitalismus.
Über den Staatskapitalismus waren wir, selbstverständlich, nicht gleich alle einig. Wir konnten aber bei diesem Anlasse mit großer Freude feststellen, daß unsere Bauernschaft in erfreulicher Weise sich entwickelt, und daß sie die historische Bedeutung des Kampfes, den wir jetzt führen, vollständig begriffen hat. Ganz einfache Bauern aus den entlegensten Teilen kamen zu uns und sagten: „Wie? Unsere Kapitalisten, die russisch sprechen, hat man verjagt, und jetzt sollen fremde Kapitalisten zu uns kommen?“ Zeugt dies nicht für die Entwicklung unserer Bauern? Für den ökonomisch gebildeten Arbeiter brauchen wir nicht zu erörtern, warum das notwendig ist. Durch den siebenjährigen Krieg sind wir so ruiniert, daß die Wiederherstellung unserer Industrie mehrere Jahre erfordert. Wir müssen für unsere Zurückgebliebenheit, für unsere Schwäche, dafür, daß wir jetzt lernen und lernen müssen, zahlen. Wenn man lernen will, muß man dafür zahlen. Wir müssen das allen in praktischer Weise vor Augen führen. Und wenn wir das praktisch beweisen, werden die enormen Massen der Bauern- und Arbeiterschaft mit uns einverstanden sein, weil dadurch ihre Lage sofort verbessert wird, weil dadurch der Aufbau unserer Industrie ermöglicht wird. Was zwingt uns dazu? Wir sind nicht allein auf der Welt. Wir existieren in einem System der kapitalistischen Staaten als Glied der Weltwirtschaft. Auf der einen Seite — Kolonialländer, sie können uns noch nicht helfen, auf der anderen Seite — kapitalistische Länder, sie sind unsere Feinde. Es ist ein Gleichgewicht, wohl ein sehr schlechtes Gleichgewicht, aber wir müssen doch mit dieser Tatsache rechnen. Wir dürfen uns vor dieser Tatsache nicht verschließen, wenn wir existieren wollen. Entweder sofortiger Sieg über die gesamte Bourgeoisie, oder Tribut zahlen. Wir gestehen ganz offen, verheimlichen es nicht, Konzessionen im Staatskapitalismus, das heißt, Tribut an den Kapitalismus. Aber wir gewinnen Zeit, und Zeit gewinnen, heißt alles gewinnen, insbesondere in der Epoche des Gleichgewichts, in der Epoche, in der die ausländischen Genossen ihre Revolution gründlich vorbereiten. Je gründlicher wir sie vorbereiten, desto sicherer wird der Sieg. Bis dahin zahlen wir Tribut.
Die Elektrifizierung Rußlands.
Einige Worte über unsere Ernährungspolitik. Unsere Ernährungspolitik war zweifellos sehr primitiv und schlecht, doch haben wir auch Erfolge. Bei diesem Anlaß muß ich abermals betonen, daß wir nie vergessen dürfen, daß die einzig mögliche ökonomische Grundlage — eine große Maschinenindustrie ist. Wer das vergißt, ist kein Kommunist. Wir müssen das konkret ausarbeiten. Wir dürfen die Fragen nicht so stellen, wie die Theoretiker des alten Sozialismus es tun, sondern praktisch. Was heißt moderne Großindustrie? Das heißt die Elektrifizierung ganz Rußlands. Schweden, Deutschland und Amerika sind schon daran, das zu verwirklichen, obwohl sie noch bürgerliche Länder sind. Ein Genosse aus Schweden erzählt mir, daß dort ein großer Teil der Industrie elektrifiziert ist, und auch 30% der Landwirtschaft. In Deutschland und Amerika als in noch entwickelteren kapitalistischen Ländern ist das in noch weit höherem Maße der Fall. Große Maschinenindustrie ist gleichbedeutend mit der Elektrifizierung des ganzen Landes. Wir haben schon eine Spezialkommission ernannt, bestehend aus den besten ökonomischen und technischen Kräften. Diese ökonomischen und technischen Kräfte sind fast alle gegen die Sowjetmacht. Diese Spezialisten werden zum Kommunismus kommen, aber nicht so wie wir durch 20 jährige unterirdische Arbeit, während welcher Zeit wir das ABC des Kommunismus fortgesetzt studiert, wiederholt und wiedergekaut haben.
Fast alle Organe der Sowjetmacht sind dafür, daß wir den Weg zu den Spezialisten gehen müssen. Die Spezialisten, die Ingenieure werden zu uns kommen, wenn wir ihnen praktisch beweisen, daß auf diese Art die Produktionskräfte des Landes gehoben werden. Es genügt nicht ihnen das theoretisch zu zeigen. Wir müssen ihnen das praktisch beweisen. Und wir gewinnen diese Leute für uns, wenn wir die Frage anders stellen, nicht so, daß wir den Kommunismus theoretisch propagieren. Wir sagen: die Großindustrie ist die einzige Möglichkeit, die Bauernschaft vor Not und Hunger zu retten. Damit sind alle einverstanden. Aber wie ist das zu machen? Die alte Industrie rekonstruieren, erfordert allzu viel Arbeit und Zeit. Wir müssen diese Industrie moderner gestalten, und zwar dadurch, daß wir zur Elektrifizierung übergehen. Die Elektrifizierung nimmt viel weniger Zeit in Anspruch. Die Pläne der Elektrifizierung haben wir schon ausgearbeitet. Mehr als zweihundert Spezialisten haben daran mit Interesse gearbeitet, obwohl sie nicht Kommunisten sind, sondern sie taten das, weil sie vom Standpunkt der technischen Wissenschaft anerkennen mußten, daß das der einzige Weg ist. Natürlich ist vom Plan bis zur Verwirklichung ein sehr langer Weg. Die vorsichtigen Spezialisten sagen, die erste Reihe der Arbeit erfordere nicht weniger als zehn Jahre. Für Deutschland hat Professor Ballod berechnet, daß drei bis vier Jahre genügen, um Deutschland zu elektrifizieren. Für uns sind zehn Jahre zu wenig. Ich gebe in meinen Thesen die faktischen Zahlen an, damit sie sehen, wie wenig bisher bei uns auf diesem Gebiete gemacht werden konnte. Die Ziffern, die ich anführe, sind so bescheiden, daß man sofort sieht, sie haben mehr propagandistische Wirkung als wissenschaftliche. Wir müssen aber mit der Propaganda beginnen. Der russische Bauer, der an dem Weltkrieg teilgenommen hat und mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat, hat in Deutschland gesehen, wie man modern wirtschaften muß, um den Hunger zu besiegen. Wir müssen eine große Propaganda dafür machen. Die Anlagen haben bisher an und für sich eine winzige praktische Bedeutung, allein eine um so größere propagandistische Wirkung. Der Bauer sieht, daß etwas neues gemacht werden muß, der Bauer versteht, daß nicht jeder für sich, sondern der ganze Staat daran arbeiten muß. Der Bauer hat in der Kriegsgefangenschaft in Deutschland gesehen und gelernt, was die wirkliche Grundlage des kulturellen Lebens ist. Zwölftausend Kilowatt ist ein sehr bescheidener Anfang. Vielleicht wird der Ausländer, der die amerikanische, deutsche oder schwedische Elektrifizierung kennt, darüber lachen. Aber ich sage, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ein bescheidener Anfang. Die Massen der Bauernschaft beginnen zu verstehen, daß neue Arbeiten in großem Maßstab zu machen sind und schon in Angriff genommen werden. Es sind enorme Schwierigkeiten zu überwinden. Wir werden versuchen mit den kapitalistischen Ländern in Beziehung zu treten. Man soll es nicht bedauern, wenn wir den Kapitalisten einige Hundertmillionen Kilogramm Naphtha zur Verfügung stellen unter der Bedingung, sie sollen uns helfen, unser Land zu elektrifizieren.
Die „reine Demokratie“.
Und nun zum Schluß einige Worte über die „reine Demokratie“. Ich zitiere, was Engels in seinem Briefe an Bebel am 11. Dezember 1884 schrieb: „...Die reine Demokratie kann im Momente der Revolution...als letzter Rettungsanker der ganzen bürgerlichen, selbst feudalen Wirtschaft momentan Bedeutung bekommen ....'So verstärkte die gesamte feudal-bürokratische Masse (1848 März bis September) die Liberalen, um die revolutionäre Masse niederzuhalten.... Jedenfalls ist unser einziger Gegner am Tage der Krise und am Tage nachher die um die reine Demokratie sich gruppierende Gesamtreaktion, und das, glaube ich, darf nicht aus den Augen verloren werden.“
Wir können unsere Fragen nicht so stellen, wie die Theoretiker. Die gesamte Reaktion, nicht nur die bürgerliche, sondern auch die feudale, gruppiert sich um die „reine Demokratie“. Die Deutschen wissen am besten, was die „reine Demokratie“ bedeutet, weil Kautsky und die anderen Führer der 2. und 2½ Internationale diese „reine Demokratie“ gegen die „bösen“ Bolschewiki verteidigen. Analysieren wir die russischen Sozialrevolutionäre und die Menschewiki nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten, dann ist es nichts anderes als eine kleinbürgerliche „reine Demokratie“. In unserer Revolution haben sie mit klassischer Reinheit gezeigt, was die „reine Demokratie“ bedeutet, ebenso auch während der letzten Krise, während des Aufstandes in Kronstadt. Die Gärung unter der Bauernschaft war enorm, auch in der Arbeiterschaft herrschte Unzufriedenheit. Sie waren müde und erschöpft. Es gibt ja auch menschliche Grenzen. Drei Jahre lang hat man gehungert. Man kann nicht vier oder fünf Jahre lang hungern. Natürlich hat der Hunger einen sehr großen Einfluß auf die politische Aktivität. Was taten die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki? Während der ganzen Zeit schwankten sie und stärkten dadurch die Bourgeoisie. Die Organisierung aller russischen Parteien im Auslande hat gezeigt, wie jetzt die Sache steht. Die klügsten Führer der russischen Großbourgeoisie haben sich gesagt, wir können in Rußland nicht sofort siegen. Demnach muß unsere Losung sein: Sowjets ohne Bolschewiki. Der Führer der Kadetten Miljukow verteidigte die Sowjetmacht gegen die Sozialrevolutionäre. Das ist höchst seltsam. Das ist aber die praktische Dialektik, die wir in unserer Revolution auf eigenartige Weise aus der Praxis unseres Kampfes und des Kampfes unserer Gegner studieren. Die Kadetten verteidigen die Sowjets nur ohne Bolschewiki, weil sie gut die Lage verstehen und weil sie hoffen, auf diese Weise werden sie einen Teil der Bevölkerung ködern. Das sagen die klugen Kadetten. Nicht alle Kadetten sind klug, allein ein Teil ist klug und hat gewisse Erfahrungen aus der französischen Revolution geschöpft. Die Parole ist jetzt: Kampf gegen die Bolschewiki um jeden Preis, koste es, was es wolle. Die gesamte Bourgeoisie hilft jetzt den Menschewisten und den Sozialrevolutionären. Die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki bilden jetzt die Avantgarde der gesamten Reaktion. Wir haben in diesem Frühling Proben dieser konterrevolutionären Verbrüderung gesehen.
Daher müssen wir den rücksichtslosen Kampf gegen diese Elemente fortsetzen. Die Diktatur ist der Zustand des verschärften Krieges. Wir befinden uns in einem Zustand des verschärften Krieges. Eine militärische Invasion ist jetzt nicht vorhanden. Allein, wir stehen isoliert da. Insofern stehen wir aber nicht isoliert da, als die gesamte internationale Bourgeoisie der Welt nicht imstande ist, den Krieg sofort offen gegen uns zu führen, weil die gesamte Arbeiterklasse, obwohl die Mehrheit noch nicht kommunistisch ist, doch so weit ist, daß sie die Intervention nicht zuläßt, so daß die Bourgeoisie schon mit diesem Instrument der Massen rechnen muß. Deshalb ist sie nicht imstande, sofort die Offensive gegen uns zu ergreifen, obwohl das nicht ausgeschlossen ist. Bis das allgemeine definitive Resultat nicht da sein wird, kommt ein Zustand des furchtbaren Krieges, und wir sagen, im Kriege handeln wir kriegsgemäß, wir versprechen keine Freiheiten und keine Demokratie, sondern wir erklären ganz offen den Bauern, daß sie wählen müssen: entweder die Bolschewistenmacht: dann werden wir ihnen Konzessionen machen bis zu den Grenzen, bis zu denen es möglich ist, die Macht zu behalten. So führen wir sie zum Sozialismus. Es ist das ein schwieriger Weg. Oder aber die bürgerliche Macht. Alles andere ist Humbug, reinste Demagogie. Den Kampf bis aufs Messer gegen diesen Humbug, gegen diese Demagogie. Unser Standpunkt ist: Einstweilen große Konzessionen, die größte Vorsicht, eben weil ein gewisses Gleichgewicht vorhanden ist, weil wir schwächer sind als unsere vereinigten Gegner, weil unsere ökonomische Basis zu schwach ist, weil wir eine stärkere wirtschaftliche Basis haben müssen. Das ist, was ich den Genossen über unsere Taktik, über die Taktik der Kommunistischen Partei Rußlands zu sagen habe. (Lang andauernder lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Loriot. Genossen! Die Diskussion über den Bericht des Genossen Lenin ist eröffnet. Bisher ist, kein Redner vorgemerkt. Es ist von größter Bedeutung, daß das Referat eine lebhafte Diskussion unmittelbar herbeiführt. Ich ersuche die Delegationen, ihre Vertreter anzumelden, die zur Diskussion das Wort ergreifen wollen.
Sachs (K.A.P.D.). Genossen und Genossinnen! Nachdem keine andere Delegation bisher um das Wort gebeten hat, ist es meine Pflicht, dem Auftrag meiner Delegation entsprechend als erster in die Bresche zu springen und die undankbare Aufgabe zu übernehmen, als erster diese Diskussion einzuleiten.
Die Ausführungen des Genossen Lenin waren deshalb für uns von hohem Interesse, weil sie gezeigt haben, in welcher Weise die Russische Kommunistische Partei der Schwierigkeiten Herr zu werden gedenkt, die einerseits aus der zurückgebliebenen wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands, andererseits aus dem langsamen Fortschreiten der Weltrevolution für sie erwachsen sind. Genosse Lenin sagte an entscheidender Stelle das entscheidende Wort. Er sagte, solange wir, die Genossen in den industriell entwickelten Ländern, die Revolution vorbereiten und gründlich vorbereiten, so lange werden wir in Rußland Tribut zahlen müssen. Der Gedanke ist also offensichtlich der, und das hat auch Genosse Lenin ganz deutlich ausgesprochen: Zeit gewonnen ist in dem gegenwärtigen Zustand alles gewonnen.
Aber ich muß aussprechen, daß uns gewisse Sorgen gegenüber diesem Zustand nicht vollkommen verlassen wollen. (Zuruf: uns auch nicht!) Das glaube ich gewiß. Ich glaube auch, daß es richtig ist, diese Sorgen, die nicht nur Sorgen der westeuropäischen Genossen sind, sondern auch Sorgen der russischen Genossen, diese Sorgen einmal ganz offen auszusprechen. Ich sage, daß diese Sorgen, die uns nicht verlassen wollen, die sind, daß natürlich die Politik der russischen Partei, die wirtschaftliche Politik, sowohl innerhalb Rußlands, wie auch in ihrer Beziehung zu den kapitalistischen Staaten eine Rückwirkung haben müssen, nicht nur die Rückwirkung einer wirtschaftlichen Stärkung Rußlands zu Beginn eines wirtschaftlichen Aufbaues der Sowjetmacht, sondern was unvermeidlich ist, auch eine Rückwirkung nach der anderen, nach der gefährlichen und bedenklichen Seite hin, Innerhalb Rußlands, das werden wir als Marxisten zugeben müssen, kann eine politische Partei, welche sie auch sein mag, so straff und so diszipliniert sie auch sein mag, niemals ganz unabhängig bleiben von der ökonomischen Basis, auf der sie sich aufbaut. Das Parteileben, das politische Leben, kann ja doch auf die Dauer nicht, für einige Zeit wohl gewiß, sich den Einwirkungen entziehen, die von einer Veränderung der ökonomischen Basis in das politische Leben hinein ausstrahlen, und so sehen wir als die erste Sorge, daß auch die strengste Geschlossenheit, die strengste Disziplin und die klarste und die rücksichtsloseste Machtanwendung seitens der russischen Kommunistischen Partei nicht unbedingt eine Garantie geben kann, daß diese Partei bei Veränderung der ökonomischen Basis dieselbe bleibt in sich selbst und, was die Beziehungen zum Ausland anbetrifft, so haben wir darüber bei der Besprechung der Thesen des Genossen Trotzki bereits gesprochen, wenigstens in der Kommission. In den Thesen des Genossen Trotzki steht ein Satz, der besagt, daß die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen Sowjetrußlands zu den kapitalistischen Ländern in der nächsten Zeit keine erheblichen Veränderungen mit sich bringen wird. Diesen Satz habe ich in der Kommission bestritten, und ich bin gegenüber der Mehrheit der Kommission unterlegen.
Die Thesen sind vom Kongreß angenommen worden, aber hier bei diesem Thema taucht dieselbe Frage von neuem auf, und da sie von neuem auftaucht, fühle ich mich berechtigt, auch formal diese Frage wieder anzuschneiden und zu sagen, daß nach meiner Überzeugung die Wiederanknüpfung der internationalen wirtschaftlichen Beziehungen in kapitalistischer Form möglich ist, entweder, daß es sich in der Hauptsache um Verträge handelt, deren wesentliches Ziel eine politische Anerkennung der Sowjetregierung und deren wirtschaftlicher Charakter mehr eine Art von Vorwand ist. In diesem Fall ist dem wirtschaftlichen Aufbau nicht geholfen, oder aber, das ist uns das Wahrscheinliche, diese Verträge sollen tatsächlich als die Basis dienen, auf der dann konkrete, ganz reelle wirtschaftliche Beziehungen sich aufbauen: entweder auf dem Weg der Konzessionen, oder vielleicht auch solche auf dem Weg des großen Einfuhrhandels mit Kreditunterlage.
Wenn nun diese Verträge wirtschaftlich ausgefüllt werden und ebenso zum wirtschaftlichen Aufbau Sowjetrußlands beitragen, so ist es unvermeidlich, daß sie gleichzeitig auch zu einer Stärkung des Kapitalismus in den betreffenden kapitalistischen Ländern beitragen. Wenn die russischen Genossen diese Rückwirkungen sehen und die Gefahr dieser Rückwirkung gleichfalls beachten, müssen wir fragen, soweit nun unsere Politik als Kommunistische Internationale in Frage kommt, was wir als kommunistische Parteien und als Kommunistische Internationale mit dieser Angelegenheit zu tun haben. Man muß sagen, jetzt ist Rußland gezwungen, durch die Verhältnisse genötigt, auf dieser Bahn vorwärts zu gehen, denn das muß doch ohne weiteres zugestanden werden, daß dieser Zwang da ist. Desto mehr müssen die kommunistischen Parteien der industriell entwickelten Länder, und müßte die Kommunistische Internationale im ganzen darauf hinarbeiten, die stärkende Auswirkung, die diese Politik für den Kapitalismus haben muß, ihrerseits zu paralysieren. Und da haben wir nun allerdings den Eindruck, daß die Politik der Kommunistischen Internationale, so wie sie in der letzten Zeit geführt wurde, so wie sie anscheinend von diesem Kongreß durch das bisherige Resultat festgelegt ist, nicht genügend ist, diese Gefahr zu konstatieren. Es ist klar vorauszusehen, ja nicht nur vorauszusehen, man hat bereits konstatieren können, daß ein gewisser Interessengegensatz sich notwendig zeigt, gelegentlich zwischen den Interessen der revolutionären Arbeiter in westlichen Ländern und den Interessen der Sowjetmacht. Daraus ist niemandem ein persönlicher Vorwurf zu machen. Das sind objektive Tatsachen. Interessengegensatz, der sich in der Tatsache zeigt, daß der englische Bergarbeiterstreik faktisch eine praktische Auswertung des russisch-englischen Handelsvertrages schwer gestört hat, wie Krassin in einem Interview der „Roten Fahne“ ausführte. Auf der anderen Seite, wenn den Bergarbeitern dort ausdrücklich gesagt worden wäre: ihr dürft nicht streiken, denn Rußland braucht die Kohle und die Maschinen, dadurch wäre der westeuropäischen Revolution nicht geholfen worden. Der Weg, den man da gesucht hat, scheint mir ein Mittelweg zu sein, ein Mittelweg, der für beide Teile verhängnisvoll ist. Denn ich spreche offen aus: Die Unterstützung des englischen Bergarbeiterstreiks war absolut unzulänglich. Andererseits hat man nicht gesagt: ihr dürft nicht streiken wegen der russischen Interessen, aber wenn das bis jetzt auch nicht geschehen ist, so sehen wir im voraus die große Gefahr, daß sicherlich entgegen dem Willen der russischen Genossen hier die Opportunisten bei uns diese Gelegenheit gerne, herzlich gerne, ergreifen werden und den Arbeitern bei der Einleitung von ökonomischen Bewegungen sagen werden: ja, gewiß, wir sind mit dem Herzen auf eurer Seite, aber denkt an Rußland, streikt nicht, denn Sowjetrußland ist von Euren Lieferungen abhängig. Genosse Radek meinte, das ist ein guter Witz. Wenn er das meint, dann kennt er die Verhältnisse bei uns leider nicht genügend.
Genossen, dem gegenüber eine Sicherung zu schaffen, ist Aufgabe; es wäre Aufgabe der kommunistischen Parteien und natürlich damit auch dieses Kongresses. Nun. wenn dieser Kongreß tatsächlich geistig sein Gepräge von den russischen Genossen erhält, seine Leitung in der Hauptsache in Händen der russischen Genossen liegt, was eine Tatsache ist, so ist das nicht die Schuld der russischen Genossen, das ist Schuld derjenigen anderen Parteien, die durch ihre praktische Haltung, durch den Mangel an Kritik nicht dazu beigetragen haben, diesen Kongreß und damit der Kommunistischen Internationale ein anderes Gepräge zu geben und ein Gegengewicht zu schaffen. Aber was ich zu sagen habe in diesem Zusammenhang, ist eigentlich noch das eine. Es ist eine Warnung an die kommunistischen Parteien der industriell entwickelten Länder insgesamt, eine Warnung, daß sie auf dem jetzigen Wege, der sehr scharf bestimmt und nach unseren Gefühlen zu scharf bestimmt ist von den Interessen der russischen Staatspolitik, ein Gegengewicht schaffen müssen, nicht durch Reden, sondern durch ihre praktisch reelle Leistung und durch die Offenheit ihrer Kritik, die sie hier auszuüben haben.
Radek. Genossen, ich rechne es wirklich der K.A.P.D. als Verdienst an, daß ihr Vertreter hier zu dieser Frage gesprochen hat stelle zugleich fest, daß zu den Ausführungen, die wir vom Genossen Sachs soeben gehört haben, ein gewisses Maß von Mut gehört, den Tatsachen und dem Kongreß gegenüber. Die Stellungnahme der K.A.P.D. ist deshalb für uns so wertvoll, weil auf dem Kongreß der Kommunistischen Internationale die Menschewiki nicht auftreten können, und so sagte uns der Vertreter der K. A.P.D. nur das, was die Menschewiki während der ganzen Zeit in ihrer Presse über die Politik der Sowjetregierung und über die Politik der Internationale sagen. Ich will nicht weit und breit auf die wirtschaftlichen Theorien eingehen, die den Ausführungen des Genossen Sachs zugrunde lagen. Ich will nicht die glorreiche Idee analysieren, daß Rußland durch den Ankauf von Waren in Westeuropa in der ganzen Welt die Krise des Imperialismus aufhalten kann und anderes ähnliches. Wobei ich mich aufhalten will, sind folgende Fragen. Ist die Politik der Kommunistischen Partei Rußlands, die sie im Innern Rußlands und nach außen befolgt, eine notwendige Politik vom Standpunkte des russischen Proletariats und nicht nur der russischen Kräfteverhältnisse, sondern auch vom Standpunkte des internationalen Proletariats? Ich glaube, daß nach den Ausführungen des Genossen Lenin ich nicht erst zu beweisen habe, daß eine andere Politik. als die wir treiben, nicht nur in der gegebenen Übergangssituation vom Krieg zum Frieden unmöglich ist, sondern daß sie überhaupt unmöglich ist in einem Lande mit überwiegend landwirtschaftlicher Bevölkerung, und das theoretisch Wichtige, daß die kommunistischen Parteien an dieser Politik begreifen müssen, ist das typische an dieser Politik. Die Menschewiki haben jahrelang gesagt, das Kräfteverhältnis in Rußland erlaube nicht den Versuch der Verwirklichung des Sozialismus. Aus diesem Grunde müsse man bewußt dahin steuern, die Bourgeoisie ans Ruder zu bringen, die dann die wirtschaftlichen Kräfte des Landes so weit entwickelt, daß der Sozialismus einmal verwirklicht werden kann. Die Bolschewiki in der alten Partei, wo sie 15 Jahre zurück in der ersten Revolution standen, vertraten den Standpunkt, daß damals eine proletarische Revolution, ein Sieg der Diktatur der proletarischen Klasse unmöglich sei. Sie wiesen darauf hin, daß der Sieg über den Zarismus indessen nicht anders möglich ist, als durch das Bündnis des Proletariats mit dem Bauerntum. Und Genosse Trotzki wies darauf hin, daß, falls die Arbeiterklasse auch in einem wirtschaftlich unentwickelten Lande zur Macht kommt, sie durch die innere Logik getrieben wird, zu versuchen, ihrer Macht auch wirtschaftlich in dem Versuch der Durchführung des Sozialismus Ausdruck zu verleihen. Er stellte die praktische Frage: Was wird die Regierung, die revolutionäre Regierung, die sich auf das Bündnis der Bauern und Arbeiter stützt, tun, wenn die Arbeitslosigkeit eintritt, wenn die Kapitalisten sabotieren? Wir müssen versuchen, den Sozialismus zu verwirklichen. In der ersten Revolution sind wir nicht soweit gekommen dank der damaligen Wirtschaftsstufe, dank der Tatsache, daß das westeuropäische Kapital imstande war, dem russischen Zarismus über Wasser zu helfen, und daß die in Uniform gekleideten Bauernsöhne die Revolution erdrückten. In der Revolution, an ihrem Anfang stellte die Kommunistische Partei sehr vorsichtig die Frage auf: Was tun wir, wenn wir zur Macht gelangen? Genosse Lenin schrieb in seinen Aprilthesen 1917, wir werden nun die ersten Schritte zum Kommunismus tun können, denn Kommunismus als eine allgemeine Organisation der Gesellschaft in einem Lande mit einer Mehrheit der Bauernbevölkerung, des Kleinbürgertums, in einem Lande, in dem die Wirtschaft zersplittert ist. ist unmöglich. Man kann nur an die Sozialisierung der Großindustrie, des Transportwesens. der Banken, an die Monopolisierung des Außenhandels denken. Wir sind in unserer Entwicklung über dieses Programm hinausgegangen. Der Genosse Lenin erklärt dies in seiner Broschüre über die Naturalsteuer. indem er sagt: Wenn man in einem Lande alles schon zusammenfassen muß, um den Krieg zu führen, dann muß man das nicht nur gegenüber der Großindustrie tun. sondern auch gegenüber der kleinen, der mittleren Industrie. Es können aber noch tiefere Notwendigkeiten in unserer Politik sein. Man muß in erster Linie die Bourgeoisie schlagen. Sie leistet aber noch Widerstand. Man müßte die Wurzeln ihrer Kraft expropriieren. Und die Wurzel ihrer Kraft war das Privateigentum an Produktionsmitteln, an Waren. Und dann kommt noch eine Ursache. In dem Lande der größten Entbehrungen, der größten Not mußte die Arbeiterklasse natürlich einen rohen Gleichheitskommunismus einzuführen suchen. Sie mußte gestern etwas besseres geben. Etwas mehr Brot oder bessere Kleidung war ein Ansporn bei der Arbeiterklasse zur Förderung des Gleichmachens. Jetzt sind wir beim Übergang vom Äußeren Krieg für eine gewisse Zeit zum Frieden, der die wirtschaftlichen Fragen in die erste Linie stellt. Und da wendet sich die Politik den konkreten Möglichkeiten zu. Sie war durch den Krieg angetrieben, dazu genötigt, darüber hinauszugehen. Und jetzt entsteht die Frage der wirklichen Sozialisierung auf der Grundlage der Sowjetmacht, der kommunistischen Partei, und das ist die Großindustrie. Und was die andere Frage betrifft, so handelt es sich nicht um die Sozialisierung, sondern um das Verhältnis zwischen der sozialistischen Großindustrie und der kleinen bürgerlichen Wirtschaft. Ist das eine Notwendigkeit vom Standpunkt Sowjetrußlands, so ist es dann auch vom Standpunkt der Weltrevolution. Wenn Ihr nicht leugnet, daß Sowjetrußland einstweilen der stärkste Posten der Weltrevolution ist, daß Sowjetrußland negativ die Kräfte der Konterrevolution bindet, positiv die Möglichkeit schafft, nicht nur der Durchführung einer kommunistischen Wirtschaftsordnung für die Großindustrie, sondern auch der Benutzung der Kräfte des russischen Bauerntums für die verschiedenen revolutionären Möglichkeiten, die sonst nur im Dienste der Konterrevolution ständen, dann ist das, was wir tun, eine Notwendigkeit vom Standpunkt der Weltrevolution. Erinnert Euch an die Debatten mit Laufenberg, Wolffheim usw., in welchen Ihr sehr geschwankt habt, wo diese sagten für Deutschland: Wenn wir die Macht haben — Bruch mit dem Versailler Frieden. Und wo ich vielleicht vom Standpunkt des russischen Proletariats, in dem Moment, wo wir blockiert wurden, demgegenüber folgendes ausführte: Man kann diese Politik jetzt nicht verhindern. Es wird vielleicht notwendig sein, um eine Atempause für die deutsche Revolution zu gewinnen, den Versailler Frieden anzuerkennen, Entweder ist die Politik, die wir treiben, eine notwendige Politik für die Weltrevolution. dann ist sie nur möglich mit Zustimmung der Kommunistischen Internationale, und jedes ihrer Teile, dann trägt die gesamte Kommunistische Internationale die Verantwortung dafür. Unsere Politik ist dann die Politik, die wir nicht im Interesse des isolierten russischen Staates, sondern im Interesse des Weltproletariats, dem wir diese Position erhalten müssen, führen.
Und jetzt kommt die zweite Frage, die Frage des Verhältnisses der Kommunistischen Internationale zu dieser Politik. Ich kann hier an einem konkreten Fall den ganzen Unsinn der Behauptungen darstellen, die in Verbindung mit dieser Frage gemacht worden sind,
Genosse Sachs fragte: Und der englische Bergarbeiterstreik? Warum habt Ihr nicht eingegriffen, warum habt Ihr nicht aufgefordert zu einer Unterstützung? Weil Ihr den Handelsvertrag abgeschlossen habt, da war Euch der Mund verschlossen. Genossen, ich kann Euch das Geheimnis erklären, weshalb wir nicht eingegriffen haben. Aus dem Grunde, weil wir wußten, den englischen Bergarbeitern kann man nicht mit Phrasen helfen. Wir konnten den englischen Bergarbeitern nur helfen mit der Mobilmachung der deutschen und amerikanischen Bergarbeiter, daß sie keine Kohle für England liefern. In Deutschland hatten wir gerade die Märzniederlage hinter uns, und es wäre nur eine Manifestation gewesen, wenn wir aufgefordert hätten, liefert keine Kohlen an England. Unsere Beziehungen zu den amerikanischen Bergarbeitern sind leider so gering, daß der Aufruf nichts bedeutet hätte. Und da wir immer mehr von der Politik der allgemeinen Aufrufe zur konkreten Arbeit der Kommunistischen Internationale übergehen, haben wir uns nach reiflicher Überlegung gesagt, es hat keinen Sinn, die Luft zu erschüttern. Und wenn Sie sagen, das mag in diesem Falle so sein, aber wir beeinflussen die Politik der Sowjetregierung auch, dann antworten wir: In der Exekutive haben die Vertreter aller anderen Kommunistischen Parteien die Mehrheit. Ich stelle fest, daß die Exekutive keinen einzigen Antrag auf irgend welche Tätigkeit vorgelegt hat. Und was unsere russischen Vertreter in der Exekutive anbetrifft, so haben wir gelernt, eine so elastische Politik zu führen, daß wir in keiner Verlegenheit wären, unsere revolutionäre Pflicht sogar in Honolulu und Haiti zu erfüllen, auch wenn wir mit diesen Staaten einen Bündnisvertrag hätten.
Ich komme jetzt mit ein paar Worten zu der Schlußfolgerung aus dieser Situation. Das, was die Politik Sowjetrußlands ist, liegt klar vor Ihren Augen. Es ist eine Notwendigkeit, die sich aus den jetzigen Kräfteverhältnis nicht nur für Rußland ergibt, sondern für das internationale Proletariat. Wenn jetzt die Frage gestellt wird: ja, enthält diese Politik nicht Gefahren, dann sagen wir, natürlich. große Gefahren. Genosse Lenin sagt in seinen Thesen, nur eine Zeitlang kann sich eine Proletarierregierung isoliert halten.
Wir führen auf unseren Kongressen eine lebhafte Diskussion über diese Gefahren. Gegen diese Gefahren gilt nur eines: Die beschleunigte Weltrevolution.
Jetzt komme ich zu dem logisch Widerspruchvollsten, was in der Kritik des Genossen Sachs und seiner Gesinnungsfreunde liegt. Sie sagen: Ihr seid isoliert, Eure Politik enthält für Euch große Gefahren, die Ihr selbst anerkennt. Welche Schlüsse zieht Ihr vom Standpunkt der russischen Staatspolitik? Wir brauchen dabei nur zu bedenken, wenn es sich für uns um russische Staatspolitik handelt, wir müßten dann die Putschisten sein, als die wir immer dargestellt werden. Ich erinnere mich daran, als ich in Deutschland aus dem Gefängnis kam, besuchte mich der Chefredakteur des „Vorwärts“, Stampfer, und sagte: Als ich Ihre Akten sah, war ich verwundert; ich glaubte, daß Sie, da ihr Land ziemlich zerrüttet ist, nach Deutschland gekommen sind, um die Entente zu nötigen, Deutschland zu besetzen. Denselben Standpunkt nehmt Ihr in Eurer Seele ein, wenn Gorter und Pannekoek uns vorwerfen, der Märzkampf sei ein Putsch gewesen. Gleichzeitig sagt Ihr, wir suchen die Partei möglichst opportunistisch zu gestalten. Die Widersprüche liegen auf der Hand. Weder sind wir Putschisten, noch sind wir diese Opportunisten. Wir sind der Überzeugung, Sowjetrußland könne sich schlecht halten, wenn die Arbeiterklasse geschlagen wird. Wir haben den Mut, auf die Gefahr hin zu sagen, wir wollen mit blutenden Händen unsere Position selbst verteidigen, aber Ihr sollt die Schlacht nicht verlieren, sondern Eure Kämpfe so verbreiten, daß Ihr wirklich siegen könnt.
Seemann. Revolutionen mit Garantieschein gibt es nicht.
Radek. Die Revolution mit Garantieschein gibt es nicht! Sehr richtig! Aber die Revolution mit dem Schein der sicheren Niederlage nimmt nur ein Ochs an, und wir wollen nicht, daß Ihr Ochsen seid! (Lebhafte Zustimmung.) Als Ihr im Jahre 1919 gegen uns im Spartakusbund wütende Kämpfe geführt habt, da stand die Frage so. Ihr habt damals gesagt, die Revolution ist reif, nur der Spartakusbund sieht es nicht. Es hat sich gezeigt, daß wir nicht vor der Türe der Revolution standen, sie war nicht reif. Zwei Jahre sind vorüber und wir stehen nicht vor der Tür zu ihr, sondern vor der Tür zu ihrem Vorzimmer. Wir formieren erst die Kämpfe und der Gegner hat Interesse, uns beim Aufmarsch zu zerstören. Und wir sagen Euch: Weicht nicht den Kämpfen aus dem Wege, die notwendig sind, aber versteht eins — je breiter unsere Grundlage, desto sicherer unser Sieg. Und aus diesem Grunde ist meine Schlußfolgerung: Die Zugeständnisse, die wir hier machen, die Kompromißpolitik, die wir hier treiben, und wir schließen Kompromisse mit harten Tatsachen und es stolpert, der sie nicht sieht — diese Politik liegt im Interesse der Internationale. Und das Interesse der Internationale geht dahin, die Parteien mit aller Kraft zu mobilisieren, mit allem Interesse und aller Energie sie bereit zu machen zu ausschlaggebenden Kämpfen, aber freiwillig keinen entscheidenden Kampf zu suchen, ohne daß man Chancen für den Sieg hat, keine Police, keinen Sicherungsschein, aber Chancen für Sieg. In diesem Sinne wirkt die Politik der Kommunistischen Internationale und die Politik der Partei Sowjetrußlands belehrend, wie Genosse Lenin das sagte. Wir haben gelernt, daß man durch eine nicht genügende Betrachtung des Kräfteverhältnisses nur der Sache schadet. Und wir schlagen Euch dasselbe vor, was wir tun, die Kräfte zusammenhalten, und wenn man dann selbst wählen kann, zu schlagen, wenn man auf den Sieg Aussicht hat. Wir haben den Kampf unter sehr ungünstigen Bedingungen aufgenommen. Ende des Jahres 1918, als die Intervention der Entente begann, haben wir den Kampf aufgenommen, und Trotzki, der hier so vorsichtig auftrat, Trotzki hat in dieser Situation die Aufgabe des Revolutionärs erfüllt, mit Hilfe der Partei die Rote Armee organisiert, wo sie noch schwach war, in der ungünstigsten Situation. Aber gleichzeitig hatte die Regierung vermocht, sogar Wilson zu sagen: Wieviel Pfund Fleisch wollen Sie von unserem Leibe? Wir suchten Zeit zu gewinnen. Als es unmöglich war, haben wir gekämpft mit der Kraft unseres Vertrauens zur Weltrevolution und mit der Kraft der Verzweiflung, weil wir wußten, in Rußland steht und fällt der stärkste Pfeiler der Weltrevolution. Aber wir suchten gleichzeitig wieder Zeit zu gewinnen, und in dieser Periode befinden wir uns noch. Daraus ergibt sich eines: Die Politik der Sowjetregierung und der Internationale muß eine Politik sein, die sich an die veränderten Situationen anpaßt. Die Parole ist folgende: Zeitgewinnung zur Organisierung des Sieges, Organisierung, wie Lenin es gesagt hat, nicht nur Bücher lesen, sondern Organisierung auf Grund der Lehren des Lebens, in den Kämpfen, die das Leben uns aufbürdet. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Kollontai. Genossen und Genossinnen, ich ergreife hier das Wort nicht im Namen der russischen Delegation, sondern ich spreche nur im Namen einer kleinen Minderheit der russischen Kommunistischen Partei. Wir Kommunisten haben nach unserer Auffassung auch höhere Pflichten, als die Pflicht, die die Parteidisziplin uns auferlegt und das ist die Disziplin und unsere Pflichten der ganzen kommunistischen Internationale gegenüber. Ich habe das Wort auch aus dem Grunde ergriffen, damit die Genossen aus anderen Ländern es wissen, daß es eine Anzahl von Genossen in unseren eigenen Reihen der K.P.R. gibt, die große Bedenken gegenüber der gegenwärtigen Politik Rußlands hegen. Bedenken wegen der Wendung in der inneren Politik Rußlands, und wir halten es für unsere Pflicht, diese unsere Bedenken den Genossen aus den übrigen Ländern mitzuteilen.
Die erste und Hauptfrage ist, ob diese Wendung und diese Politik tatsächlich dazu dienen wird, ein neues kommunistisches Produktionssystem in Rußland zu befestigen und zu fördern? Wir als Marxisten wissen ja, Genossen, daß eigentlich nur durch ein neues kommunistisches Produktionssystem tatsächlich die Möglichkeit gegeben wird, die Entwicklung der Produktionskräfte zu fördern, die Entwicklung dieser Kräfte zu erleichtern. Solange das alte System mit seinen verschiedenen Stufen und seinen verschiedenen Abgliederungen, d. h. das kapitalistische System besteht, solange gibt es keine Möglichkeit der Ausdehnung der Produktionskräfte, keine Möglichkeit, ihre weitere Entwicklung abzuwarten. Genossen, wir stützen uns darauf, daß das kapitalistische System, die kapitalistische Wirtschaftsordnung, in der ganzen Welt sich ausgelebt hat, wir wissen auch, daß die soziale Revolution gerade dadurch bedingt ist, denn entweder wird die ganze Menschheit zugrunde gehen oder die emporsteigende neue Klasse wird ein neues Produktionssystem erfinden, das die Rahmen der Produktion erweitert. Also, wenn wir jetzt Rußland beobachten, wenn wir sehen, wie die Verhältnisse sich hier gestalten, so müssen wir die Frage stellen: ob diese Wendung der inneren Politik nicht zur Wiederherstellung der alten Produktionssysteme auf kapitalistischer Basis führt? Wir wollen es nicht leugnen, daß in Rußland durch die neue Wirtschaftspolitik dem Kapitalismus die Möglichkeit gegeben ist, wieder Fuß zu fassen, es die Möglichkeit gibt, das kapitalistische System in Rußland wieder herzustellen. Die Frage ist, wir fördern die Möglichkeit, die Entwicklung der Produktionskräfte, das Aufblühen des ganzen wirtschaftlichen Systems Rußlands, wenn wir die Wiederherstellung des Kapitalismus in Rußland ermöglichen. Werden wir durch diese Wiederherstellung des Kapitalismus einen Ausweg aus dem Wirtschaftszerfall finden? Wir halten diese Auffassung für falsch. Die Wiederherstellung des Privateigentums ist in Rußland durch die Möglichkeit des freien Handels gegeben. Die Wiederherstellung des Kapitalismus ist durch die Entstehung und Bestätigung kleiner Unternehmungen in Rußland erleichtert, die neben den Apparaten unserer wirtschaftlichen Zentralorgane existieren. Das ist schon eine Feststellung der Möglichkeit einer Anzahl von Konzessionen an das Kapital. Wir verstehen es, Genossen, daß Rußland noch immer nicht eine einheitliche Bevölkerung darstellt, daß drei soziale Schichten noch immer auf unsere Politik einwirken. Die Mehrzahl unserer Bevölkerung besteht aus Bauern, dann aus dem absterbenden Bürgertum, das unter der Form unserer Bürokratie existiert und zu dem alle diejenigen Spezialisten zählen, die in Verbindung, selbstverständlich nicht materieller, sondern geistiger Verbindung, mit dem ausländischen Kapital stehen, und drittens, die soziale Kraft und soziale Schicht, die Arbeiterklasse.
Ist es tatsächlich die Arbeiterklasse, die die Wiederherstellung des alten Produktionssystems im großen und ganzen, die Möglichkeit der Wiederherstellung des Kapitalismus fordert? Ist es das Proletariat und nicht das Kleinbürgertum, das Bauerntum, das von seinen alten Traditionen durchdrungen, von seiner Idee vom Privateigentum, von seiner Liebe zum kleinen Stück Land, das der Bauer ansieht, als ob es sein Eigentum ist. die neue Wendung in der Wirtschaftspolitik bedingt? Ist es nicht auch die Kraft der auswärtigen Kapitalisten, die doch ihre, sozusagen, ideologischen Agenten in Rußland haben und die auf unsere Politik einwirken? Genosse Lenin leugnet es auch nicht, daß wir jetzt ein Bündnis mit dem Bauerntum Rußlands machen. Aber was ist dieses Bündnis? Ist es nicht eigentlich eine kolossale Konzession in unserer ganzen Wirtschaftspolitik an das Kleinbürgertum Rußlands? Und da müssen wir aufrichtig sagen: es ist eine Konzession. Genosse Lenin und andere Genossen sagen: ja, es gibt aber keinen anderen Ausweg! Wir brauchen die Konzessionen, damit wir ausharren können, es ist ein Ausweg für die Zeit, bis unsere Genossen in den anderen Ländern die soziale Revolution vollbringen. Aber gerade solange die Genossen in den anderen Ländern die soziale Revolution nicht durchführen, besteht eine kolossale Drohung für Rußland, wegen dieser Konzessionen, besonders falls diese Periode einige Jahre dauert, falls die soziale Revolution in den anderen Ländern nicht rasch genug ausbricht. Ich habe ja die Überzeugung, daß sie rascher kommt, aber wenn sie nicht schnell genug kommen wird, was bringen diese Konzessionen mit sich? Sie bringen mit sich die Erkenntnis, daß diejenigen kommunistischen Prinzipien, auf denen unsere Politik aufgebaut war, nicht imstande waren, das zu leisten, was wir gehofft haben. Das entmutigt die Arbeiter. Die Konzessionen geben dagegen den Bauern die Überzeugung, daß gerade die Bauern diejenige Schicht sind, auf der unsere ganze ökonomische Blüte beruht und die infolgedessen eigentlich in der Praxis, faktisch, auch auf die Politik einwirken können und einwirken werden. Drittens rauben diese Konzessionen den Arbeitermassen das Vertrauen zum Kommunismus. Sie nehmen das Vertrauen, daß die Arbeiter durch ihre Selbstbetätigung etwas erreichen können, daß sie ein neues System, das kommunistische Wirtschaftssystem in Rußland herstellen können. Und ich habe große Angst, daß wir, wenn wir mit allen diesen Konzessionen immer weiter fortschreiten, dazu gelangen werden, daß, wenn in den anderen Ländern die soziale Revolution ausbricht, es zu spät sein wird, daß hier ein richtiger, fester, proletarischer, klassenbewußter Kern der Arbeiter fehlen wird, auf den sich die Revolution stützen kann. Zu der Zeit kann ökonomisch und auch politisch das Bauerntum einerseits und das Bürgertum andererseits so befestigt werden, daß es tatsächlich für die Proletarier notwendig sein wird, in Rußland noch eine Revolution gegen diese fremden sozialen Kräfte durchzuführen, um den Kommunismus zu verwirklichen. Diese Sorge besteht bei sehr vielen unserer Genossen, und deshalb ist es meine Pflicht, noch ein paar Minuten Ihre Geduld in Anspruch zu nehmen.
Genosse Lenin sagte hier, daß es keinen anderen Ausweg gibt. Und ich weiß, daß viele unserer Genossen auch auf diesem Standpunkt stehen. Aber, Genossen, weshalb vergessen wir immer, wenn wir den Ausweg suchen, daß es noch eine große Kraft in Rußland gibt, die noch nicht bis zu Ende ausgenützt ist? Und diese Kraft ist — die schöpferische Kraft unserer Arbeiterklasse. Die Genossen werden sagen: aber es besteht doch die Möglichkeit für die proletarische Klasse, sich zu äußern. Genossen, Sie wissen selber, daß gerade in der letzten Zeit diese schöpferische Kraft zu wenig ausgenutzt wird. Und wenn tatsächlich in den ersten Jahren der Revolution die breiten Massen der Proletarier schöpferisch mitgearbeitet haben, so werden die Arbeiter jetzt immer mehr zurückgedrängt durch eine Reihe von sozial fremden Kräften, die in Rußland immer stärker Einfluß auf unser ganzes Leben gewinnen. Es ist bezeichnend, daß Genosse Lenin in seinen Thesen so viel Gewicht bei dem Wiederaufblühen der Produktion auf die mechanische Kraft und ihre Entwicklung in Rußland legt und in keinem einzigen Passus seiner Thesen gesagt hat, wie die schöpferische Arbeiterklasse, diese neue lebendige Kraft, eigentlich auf die Produktion wirkt, neue Produktionsmethoden schafft und dadurch sie fördert. Kein Wort, wie die Arbeiter dazu erzogen sein sollen, wie sie zum Schaffen eines neuen Produktionssystems angespornt werden sollen, darauf legt man kein Gewicht. Aber gerade die schaffende, lebendige Kraft des Proletariats ist es, die die neuen Methoden der Produktion schafft, die die Produktionskraft erzeugen. Aber damit das Proletariat schaffen kann, muß es auch Raum haben, muß es die Möglichkeit haben, seine Initiative zu äußern. Und diese Initiative wird bei uns immer mehr gelähmt durch unser gegenwärtiges System. Wir sollten daran denken, dieses System, nicht bloß auf dem Papier, sondern in der Praxis so zu ändern, daß wir den neuen Geist der Massen erziehen. Und solange wir das nicht tun, werden wir immer genötigt sein, fremde Kraft zu suchen, die uns aus unserer Notlage heraushelfen. Genossen, wie wir uns zu der schöpferischen Kraft des Proletariats stellen, können Sie aus einigen Beispielen sehen. Wir haben eben ein Beispiel, welches zeigt, wie wenig wir uns damit beschäftigen, die schöpferische Kraft der Masse tatsächlich zu erziehen und zu fördern. Es gibt, wie Sie wissen, Genossen, zurzeit eine große Hungersnot im Lande. Und statt zu versuchen, die Arbeiter zur Hilfe der Notleidenden durch freie Initiative heranzuziehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich dazu zu organisieren, was wir in diesem Moment tun sollen; in diesem Moment wird in Rußland ein Hilfskomitee für das hungernde Bauerntum und das Proletariat gebildet, an dessen Spitze fremde und politisch feindliche Elemente gestellt werden, eine Fr. Kuskowa, eine russische Beatrice. Und wir dulden das, anstatt das ganze Gewicht darauf zu legen, daß die Arbeiter Vertrauen auf ihre eigenen Kräfte gewinnen und dadurch auch das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern zu stärken. Wir vergessen auch, daß in dem Moment, wo wir diese neue Wendung in unserer Wirtschaftspolitik gemacht haben, unsere ganze Arbeit mit einem Striche annulliert wird. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Arbeiter sich schon an das neue System gewöhnt haben, statt des Steuersystems ein anderes System, was ihnen garantiert, daß sie alles vom Staate erhalten. Dieses System haben sie schon fest im Auge. Auch ihre Psychologie, ihre Anschauungen ändern sich, wurden dem Kommunismus angepaßt. Die Arbeiter sagten, wenn ich auch spekuliere, so ist das doch eigentlich ein Verbrechen, und wenn ich es tue, so nur deshalb, weil wir noch nicht genügend von unserem eigenen Staatsspeicher bekommen, weil unsere Rationen noch immer nicht genügend sind. Aber sie fingen schon an, zu verstehen die Idee des Gemeinbesitzes, gemeinsamen Wohls, und das ist ein großer Gewinn, und das ist das, was unsere Revolution tatsächlich erkämpft und erreicht hat.
Diese neue schaffende Kraft des Proletariats, den neuen Menschen zu erziehen, der uns helfen wird, die neue Gesellschaftsordnung tatsächlich durchzuführen, diese Aufgabe vergessen wir jetzt, wir geben sie preis, wenn wir diese Wendung in der Politik tun. Mit Hilfe dieser Wendung, Genossen, ist es vielleicht möglich, daß wir für eine Zeit die Produktionskräfte in Rußland heben, aber nur in gewissen Grenzen. Es gibt keine große Grenze dafür in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Aber wenn wir sogar es erreichen, wenn wir zeitweilig die Produktion in Rußland retten, so besteht die große Gefahr, daß wir gleichzeitig das Vertrauen der Arbeitermassen zu unserer Partei damit verlieren. Und infolgedessen glauben wir, daß man dieser Politik keinesfalls sympathisch gegenüberstehen darf, wie wir es bei den vielen Genossen sehen. Wir sollten im Gegenteil kritisch diese Politik behandeln, damit die Genossen in allen anderen noch kapitalistischen Ländern eine Lehre daraus ziehen können. Das einzige, womit wir uns retten können, ist: in unserer Partei einen starken Kern zu haben, der für unsere alten, festen Prinzipien einsteht, der vorhanden sein wird in dem Moment, wenn die Revolution bei Euch ausbricht. Und wenn die Wendung in der ganzen Sowjetpolitik immer weiter stattfindet und wenn aus unserer kommunistischen Republik eine nicht kommunistische, sondern bloß eine sowjetistische Republik geschaffen wird, daß dann dieser Kern der festen Kommunisten da ist, um die Rote Fahne der Revolution zu ergreifen und dem Kommunismus zum Sieg in der ganzen Welt zu verhelfen.
Trotzki. Genossen, ich habe nicht die Möglichkeit, regelmäßig die „Neue Zeit“ zu lesen, das theoretische Organ der sogenannten Sozialdemokratie, von Heinrich Cunow geleitet. Aber von Zeit zu Zeit fällt mir eine Nummer in die Hand, und da habe ich gerade einen Artikel von Heinrich Cunow über die Zersetzung des Bolschewismus gelesen, in dem er die Frage behandelt, die jetzt bei uns zur Diskussion steht. Er formuliert die Frage folgendermaßen: wie kann der völlige wirtschaftliche Zusammenbruch vermieden, die industrielle und landwirtschaftliche Erzeugung vermehrt, den städtischen Arbeitern, Angestellten und Gelehrten eine einigermaßen ausreichende Nahrungsmenge gesichert und die steigende Unzufriedenheit dieser Kreise abgewehrt werden?
Die Formulierung ist polemisch gegen uns zugespitzt, aber dem Kern nach doch richtig. Dann schildert er die Tendenzen, die vermeintlichen Tendenzen innerhalb unserer Partei und sagt weiter: „Trotzki ist unterstützt von Bucharin, Rakowski, Piatakow, Larin, Scholnikow“...
Wer Scholnikow ist, weiß ich nicht, vielleicht eine Synthese von Sokolnikow und Schljapnikow. Genossin Kollontai ist wohl hier ausgefallen. Ich weiß nicht, warum „und anderen Linkskommunisten“.
Hören Sie, Genosse Bela Kun, Linkskommunisten! (Heiterkeit) „und anderen Linkskommunisten bei der Betrachtung dieser Frage zu der Folgerung gekommen, daß nur eine noch strengere Durchführung des kommunistischen Arbeitssystems zu helfen vermag. Die Fabriken wie die landwirtschaftlichen Betriebe müssen seiner Ansicht nach unter strengere Aufsicht gestellt. die noch selbständigen Wirtschaftsorganisationen ebenfalls verstaatlicht, die Bauern zur Hergabe ihrer Überschußerzeugung an die notleidenden Städte gezwungen und die Gesetze gegen Schleichhandel und Lebensmittelwucher verschärft werden. Überhaupt sei dringend nötig, daß das Wirtschaftsgetriebe energischer diszipliniert und zentralisiert werde Ein Ziel, das nur dann zu erreichen sei, wenn die Wahl der Aufsichtsfunktionäre usw. durch die Arbeiter aufhöre — die Arbeiter wählen nämlich vielfach solche Personen, die fünf grade sein lassen — und an die Stelle dieser Funktionäre von den politischen Sowjetbehörden ernannte Personen treten. Zum Zweck einer solchen Vermehrung der Produktion will Trotzki die Gewerkschaften anspannen und diese, die größtenteils nicht kommunistisch gesinnt sind, politisieren, das heißt unter die Kontrolle der politischen Organisationen stellen. Ferner soll auf die Bauern ein Produktionszwang ausgeübt, die Bestellung der Felder für eine „Staatsdienstpflicht“ erklärt und die Bauern energisch angehalten werden, von den nötigsten Lebensmitteln bestimmte Mengen anzubauen und abzuliefern. Zudem bekämpft Trotzki die Verpachtung großer Landstrecken an fremde kapitalistische Ausbeutungsgesellschaften als antikommunistisch“.
Also mit einem Wort, wir haben hier in diesem Artikel das politische Porträt unserer Freundin Kollontai, nur unter dem Pseudonym von Trotzki. Der Artikel ist sonst, wie überhaupt das ganze, was der Mann zusammenschmiert, die Wiederholung des plattesten Bernsteinismus der neunziger Jahre. Und das erscheint jetzt als die neue Lehre nach dem Kriege, das ist die geistige Nahrung der deutschen Sozialdemokratie. Bei Bernstein war es viel systematischer, durchdachter, planmäßiger geschildert als bei diesem Herrn Heinrich Cunow. Es tut nichts zur Sache. Ich komme also auf die russische Frage. Das ist nicht nur die Meinung des Herrn Heinrich Cunow, daß wir große Streitigkeiten haben und daß ich persönlich in der Frage der Konzessionen, in der Frage der Änderung unserer wirtschaftlichen Politik zu der Opposition gehöre. Das geht nicht nur durch die sozialdemokratische, sondern auch durch die kapitalistische Presse. Jeder Genosse, der überhaupt nur etwas von unseren internen Angelegenheiten weiß, der ist sich im klaren darüber, daß bei uns in der Partei darüber keine ernsthaften Meinungsdifferenzen bestehen, ausgenommen eine ganz kleine Gruppe, deren Repräsentantin wir heute hier gehört haben. Wenn bei uns im Zentral-Komitee überhaupt diese Frage jemals zur Diskussion gekommen war, so nur in der Beziehung, ob man auf diesem oder jenem Gebiet diese oder jene Konzessionen machen soll oder nicht. Also in rein praktischer Form. Und gerade in dieser praktischen Form war ich mit Lenin einverstanden. Weder Genosse Bucharin noch Rakowski, niemand von den Genannten, hat prinzipiell gegen die Konzessionen und gegen die neue Landwirtschaftliche oder Bauernpolitik je Stellung genommen. Das charakterisiert also sehr gut die geistige Verfassung der deutschen Sozialdemokratie. Denn inwieweit man wirklich zur Internationale gehört — wie es auch in den besten Zeiten der 2. Internationale war —, so hat man doch ein großes Interesse, ehrlich das, was in der Bruderpartei vor sich geht, zu verfolgen und zu verstehen, wenn man auch mit der Partei im Streite ist. Wenn man über den Zarismus eine Lüge in die Welt schleuderte, so sagte man, der Zarismus habe einen breiten Rücken, der werde es ertragen. Aber von dem theoretischen Vertreter einer Partei, der ruhig die Dinge betrachten müßte, könnte man doch fordern — nicht, daß er uns versteht und rechtfertigt, Gott bewahre —, aber daß er wenigstens eine Ahnung von den Dingen hat. Doch er hat auch diese nicht.
Also ist es festgestellt, darüber bestehen bei uns keine Meinungsverschiedenheiten. 99 Hundertstel wäre eine bescheidene quantitative Begrenzung der Mehrheit der Partei in dieser Frage. Nun, wie steht es aber mit der Gefahr, die der Vertreter der kommunistischen Arbeiterpartei und die Genossin Kollontai uns hier von zwei verschiedenen Seiten, der eine von der Seite des westeuropäischen Kapitalismus, die andere von der Seite des russischen Kommunismus, geschildert haben. Die Frage ist auch bei uns in der ökonomischen Kommission zur Besprechung gekommen. Ein Genosse hatte festzustellen versucht, daß die Möglichkeit für den Kapitalismus, sich auf diesen weiten russischen Steppen auszuwirken, auch für ihn, den Kapitalismus, den Weg, den Ausweg zur Rettung bedeutet. Nun, der Kapitalismus kann sich ja nur in dem Rahmen bewegen, den unser Eisenbahnnetz, unsere Transportmöglichkeiten, unsere Dimensionen, überhaupt unsere ganze wirtschaftliche Kultur darstellt. Wir sprechen nicht etwa von der Firma Gerngroß von Wien, die sich ganz gut auf Kosten der Sowjetrepublik retten könnte, wenn sie zum Lieferanten würde, sondern wir sprechen vom Kapitalismus.
Wenn der Kapitalismus die Möglichkeit hätte, sich auf Rußland stützend, sein Gleichgewicht herzustellen, das Gleichgewicht in den nächsten Dezennien, so würde das bedeuten. daß für uns absolut keine Notwendigkeit besteht, an den westeuropäischen Kapitalismus zu appellieren; denn das würde bedeuten, daß wir mächtig und kräftig genug sind, um auf die Kooperation des westeuropäischen und amerikanischen Kapitalismus zu pfeifen. Nun steht die Sache aber nicht so. Wir sind nicht genügend stark und mächtig, um auf die kapitalistische Technik. die sich auch in kapitalistischer Form präsentiert, verzichten zu können, und wir sind eben nicht stark und mächtig genug, um dem Kapitalismus die Möglichkeit zu geben. alle seine Wunden durch Unterstützung Rußlands zu heilen. Das ist die innere Logik der Sache. Jedenfalls, die Genossen. die Furcht haben, der Kapitalismus könnte sich dadurch. daß er sich hier auswirkt, stärken, müssen sich darüber Rechenschaft geben, daß zwischen diesem sich in Rußland auswirkenden Kapitalismus und der Weltrevolution sich Sowjetrußland befindet, und lange, ehe der russische Kapitalismus sich auf russischen Steppen erholt und dadurch viel stärker erscheinen könnte, würde er unsere beginnende kommunistische Wirtschaft erdrücken. Also zuerst würde selbstverständlich unsere im Beginn begriffene sozialistische Organisation zum Opfer fallen. Nun habe ich in der Kommission gesagt: ja. die Hauptsache bleibt doch, daß die Avantgarde des Proletariats die Macht hierzulande hat, die Arbeiterklasse, durch ihre Avantgarde politisch und staatlich verkörpert, und daß wir insoweit Konzessionen zu geben haben, insoweit es unserer Sache nützlich ist. Das ist die selbstverständliche Voraussetzung. Wenn der Kapitalismus militärisch gesiegt hätte, so gäbe es überhaupt keine Frage über die Konzessionen, er hätte sie auf eigene Faust gelöst, dann hätten wir keine taktische Frage. Jetzt haben wir diese Frage. Warum? Weil die Arbeiterklasse hier die Macht im Lande hat, d. h. sie verhandelt mit dem Kapitalismus, sie hat die Möglichkeit, den einen Konzessionen zu geben und sie den anderen zu versagen, d. h. sie hat die Möglichkeit zu kombinieren, das gesamte Feld in seiner wirtschaftlichen Entwicklung und in seiner Weltentwicklung abzuschätzen, zu erwägen, um Rat zu fragen, um dann ihre Entscheidung zu fällen. So steht die Sache.
Und da habe ich die Schlußfolgerung daraus gezogen, daß diejenigen westeuropäischen Genossen und auch die aus Amerika, die eine wirkliche Furcht davor bekommen, der Kapitalismus könnte sich in Rußland erholen, damit beweisen, daß sie unsere technischen und auch unsere Transportmittel überschätzen und unseren kommunistischen Verstand unterschätzen. Ich habe gesagt, daß hier die Genossin Kollontai, die zu denjenigen Genossen gehört, die als Linkskommunisten bezeichnet werden, in der Frage in bezug auf die Konzessionen nicht genannt worden ist. Nun hat sie sich aber selbst genannt. Das ist ihr gutes Recht. Sie stellt die Disziplin der Internationale über die Disziplin der Partei. Ich weiß nicht, vielleicht gehört es auch zur Frage der Konzessionen, daß man etwas übertrieben ritterlich — in diesem Falle weiß ich den deutschen Ausdruck nicht —, vielleicht amazonenhaft.... (Radek: walkürenhaft!) walkürenhaft auftreten will; ich überlasse die Verantwortung für diesen Ausdruck dem Genossen Radek (Heiterkeit), indem die Genossin Kollontai sich in die Rednerliste eingetragen hat, da es bei uns doch Usus ist, daß wir in der Delegation, im Büro, im Zentralkomitee die Frage behandeln. Man hat es als natürlich gefunden, daß eine, obwohl ganz kleine, politisch für diese Frage kaum in Betracht kommende Minderheit ihre Schattierung, ihre Tendenz doch zur Kenntnis des Internationalen Kongresses bringen will.
Nun aber zum Material der Rede der Genossin Kollontai. Ihr Hauptgedanke ist der: das kapitalistische System hat sich ausgelebt, und daher kann man ja von diesem System geschichtlich, sozusagen. nichts mehr zum eigenen Profit ausleihen. Das war die Basis. Alles andere war ihr überflüssig. Das gibt uns ja das volle Maß der geschichtlich ökonomisch politischen Anschauungen der Genossin Kollontai. Das ist, philosophisch gesprochen, eine vollständig metaphysische Auffassung, die mit unbeweglichen, nicht geschichtlichen, dogmatischen Begriffen operiert. Der Kapitalismus habe sich ausgelebt und es sei ganz unmöglich, von ihm etwas zu bekommen, was uns zur Hilfe sein könnte. Nun, Genossen, wenn dem wirklich so wäre, daß der Kapitalismus sich ausgelebt hat, so könnte ich sagen, wenn uns eine englische oder französische Armee jetzt angreift, vielleicht am Schwarzen Meer, ja, der Kapitalismus hat sich ausgelebt, und lege dann die Hände in den Schoß. (Lebhafte Zustimmung.) Ja. ich glaube, da gehen wir zum Teufel — mit Verlaub der Genossin Kollontai. (Lebhafter Beifall.)
Denn der Kapitalismus wird ja nicht fragen, ob er nach ihrem dogmatischen Begriffe sich schon ausgelebt hat, sondern er wird uns mit Bajonetten, die in seinen kapitalistischen Fabriken angefertigt werden, durch seine Soldaten, die durch seine kapitalistische Disziplin gedrillt worden sind, töten und begraben. Und wenn der sich ausgelebte Kapitalismus sich als so stark erweisen kann, um uns zu töten und zu begraben, so beweist das, daß er noch ziemlich stark ist. Und auch die Tatsache selbst, daß Genossin Kollontai, die in der russischen Partei in der Opposition steht, gezwungen ist, ihre oppositionellen Ansichten auf einem Internationalen Kongreß, der in Moskau tagen muß, vorzubringen, ist ein kleiner Beweis dafür, daß der Kapitalismus sich ausgelebt hat — im großen geschichtlichen Sinne, daß er keine neuen Möglichkeiten für die Menschheit eröffnen kann, aber daß er noch genügend stark ist, um uns sogar zu untersagen, einen Kongreß in Paris oder Berlin abzuhalten. (Zustimmung.) Das ist auch eine kleine Tatsache. Und die kapitalistische Technik, z. B: Wie denkt die Genossin Kollontai über eine gute Lokomotive, eine ehrliche, deutsche, kapitalistische Lokomotive? Das ist eine interessante Frage. Ja, ich fürchte, daß das deutsche Proletariat, nachdem es schon die Macht erobert hat, noch ein paar Jahre auf den echten kapitalistischen Lokomotiven seine Reisen durch das Land wird machen müssen. Noch mindestens zwei Jahre.
Denn es wird vieles zu tun haben, und ich glaube kaum, daß es sogleich in den ersten Monaten an die Erzeugung neuer Lokomotiven wird herantreten können. Nun, Genossen, ist es erlaubt — vom Standpunkt der zehn Gebote der Genossin Kollontai —, sich eine neue deutsche Lokomotive mit der Marke der Firma Ebert Co. zu kaufen oder nicht? Das ist die eine Frage. Ich glaube, daß uns die Genossin Kollontai in dieser Frage, die so schroff gestellt ist, nicht das Recht versagen wird, eine Lokomotive bei Ebert zu kaufen. Und wenn wir die Lokomotive dort kaufen, so müssen wir sie auch dort bezahlen, müssen mit Gold bezahlen. Und, Genossen, das Gold, das aus Rußland in die kapitalistische Kasse kommt, das stärkt diese kapitalistische Kasse. Allerdings bei weitem nicht in dem Maße, um die deutschen Schulden zu bezahlen. So viel Gold haben wir glücklicherweise nicht. (Heiterkeit.) Aber, wenn wir prinzipiell fest sein wollen, dürfen wir das Gold nicht an die Kapitalisten zahlen. Oder nehmen wir an, wir zahlen nicht mit Gold, sondern mit Holz, was auch möglich ist. Nun sagt vielleicht Genossin Kollontai, ja, den Handel Sowjetrußlands mit dem kapitalistischen Deutschland oder England dulde ich noch, aber die Konzessionen nicht mehr. Was bedeuten aber die Konzessionen? Um Lokomotiven zu bekommen, müssen wir Holz verkaufen. Wenn wir nicht die genügende Zahl von Sägen und mechanischen Einrichtungen haben, so sagen wir, da wächst das Holz im Walde, und der englische Kapitalist kommt mit seinen Maschinen und technischen Einrichtungen, um sich dieses Holz herauszuholen und uns dafür Lokomotiven zu liefern. Also ich möchte gern wissen, wo die prinzipielle Opposition der Genossin Kollontai anfängt und wo sie aufhört, bei dem Ankauf von Lokomotiven, bei der Bezahlung mit Gold, bei der Bezahlung mit Holz, oder bei der Bezahlung mit Holz in der Form eines Waldes. Ich fürchte, daß die Opposition erst mit dem Fällen des Waldes beginnt.
Dann sagt die Genossin Kollontai, wir wollen ja die Arbeiterklasse überhaupt durch Spezialisten und andere Kräfte ersetzen. Die anderen Kräfte, das sind die Techniker.
Kollontai. Das habe ich nicht gesagt!
Trotzki. Sie haben gesagt, daß man die Initiative der Arbeiterklasse durch andere Kräfte ersetzt, daß man die Avantgarde der Arbeiterklasse zwingt, das Feld anderen Kräften zu überlassen. Also diese anderen Kräfte sind einerseits die sogenannte technische Intelligenz, andererseits ist es die Bauernschaft. Daß man die Bauernschaft ersetzen will, ist ja ausgeschlossen. Aber die Klasse, die die Macht in Händen hat, verhandelt mit der Bauernschaft. Was die Techniker anlangt, so ist es Tatsache, daß wir auch in dieser Frage eine Diskussion in der Partei hatten. Zurzeit sind nur die letzten Nachklänge dieser Diskussion in der Partei zu spüren. Und vielleicht der, wenn nicht letzte, so doch der vorletzte Nachklang erscholl hier aus dem Munde der Genossin Kollontai. Prinzipiell gesprochen, Genossen, hat, selbstverständlich, das Proletariat eine ziemlich große Kraft und Initiative, und wir hoffen auch, daß die ganze Menschheit ihr Antlitz etwas durch die Kraft der Arbeiterklasse verändern wird. Aber wir haben nie gesagt, daß die Arbeiterklasse von Geburt aus alle die Fähigkeiten besitzt, um die neue Gesellschaft zu konstruieren. Sie kann sozial und politisch die notwendigen Voraussetzungen für die neue Gesellschaft schaffen. Und weiter: indem sie unmittelbar die Macht ergreift, kann sie die notwendigen Hilfskräfte ausfindig machen, diese Kräfte an den erforderlichen Ort, in den Dienst der Kommunistischen Wirtschaft stellen, um dadurch die ganze Maschinerie in Bewegung zu setzen. Aber wir haben nie gesagt, daß der einfache Arbeiter nur dadurch, daß er zum Kommunisten geworden ist, die Fähigkeiten besitzt, die Arbeit eines Technikers, eines Astronomen oder Ingenieurs zu verrichten. Und wenn man nun diese technischen Kräfte einfach mit dem allgemeinen Begriff „andere soziale Kräfte“ bezeichnet, und wenn man die Tatsache, daß man diese Kräfte in die Dienste unserer Sache stellt, als Mangel des Vertrauens zur Arbeiterklasse charakterisiert, so muß ich feststellen, daß das mit Marxismus und Kommunismus absolut nichts zu tun hat.
Genossen und Genossinnen, von Anfang an hatten wir auf dem einfachsten Gebiete, das wir bis jetzt zu bearbeiten hatten, auf militärischem Gebiete, fremde technische Kräfte verwendet, und wir hatten deshalb manche Reibungen. Es wurden von seiten des Zentralkomitees manche Fehler begangen und unsere militärische Organisation stieß oft auf Widerstand. Man sagte, ihr stellt fremde technische Kräfte — es waren darunter die Offiziere gemeint — in den Dienst des Proletariats. Und es hat sich doch herausgestellt, daß, wenn wir uns nur auf die Energie, den Opfermut der eigenen Genossen, die sicherlich ihre Pflicht im höchsten Maße erfüllt hatten, gestützt und die fremde militärische Kraft unberücksichtigt gelassen hätten, so hätten wir schon längst aufgehört zu existieren. Das ist ganz klar. Die russische Arbeiterschaft hat durch ihre Fähigkeiten und durch ihre Opferfreudigkeit das Größte geleistet. Sie hat aber auch große Initiative erwiesen, indem sie, obwohl sie zurückgeblieben war und in einem bäuerlichen Lande lebte, imstande war, nachdem sie die Macht ergriffen hatte, die Offiziere durch Gewalt, durch Propaganda, durch neue Gewalt und neue Propaganda an sich zu reißen und in ihre Dienste zu stellen. (Lebhafte Zustimmung.) Wir mußten eine Armee haben. Die Arbeiterschaft hatte keine genügenden Erfahrungen und Kenntnisse, und wir konnten nicht überall gleich aus der Arbeiterschaft die Offiziere stellen. Jetzt haben wir schon zahlreiche Rote Offiziere aus der Reihe der Arbeiterschaft, fast bis in die höchsten Stellen hinauf, und ihre Zahl nimmt von Tag zu Tag zu.
Ganz das Gleiche ist nun auf technischem Gebiete der Fall. Die Tatsache, daß wir noch von einer kapitalistischen Welt umkreist sind, zwingt uns zu den Konzessionen, die wir auf technischem Gebiete erreichen müssen. Wir haben aber das volle Vertrauen, daß unsere Arbeiterklasse, indem sie sich jetzt immer mehr als Mitglied der großen Internationale fühlt. diese Atempause des Kapitalismus. dieses labile Gleichgewicht. das jetzt herrscht und das noch eine Weile bleiben wird, aushält und in dieser Pause sich fremde Kräfte, fremde Mittel ausleiht und in den Dienst der eigenen Sache stellt. Wenn wir der russischen Arbeiterschaft sagen, wir verhandeln mit fremden Kapitalisten, doch werden wir alles anwenden, um auf eigenen Beinen zu bleiben. Wenn wir haben wollen, daß diese Arbeiterschaft das gesamte Feld übersehen und sagen soll: dieses Feld kann ich ja den deutschen und amerikanischen Kapitalisten als Konzessionen überlassen, und dafür bekomme ich diese und diese Maschinen, ist das Mangel an Vertrauen in die Kraft der russischen Arbeiterschaft, des russischen Proletariats? Wenn jemand unter uns des Mangels an Vertrauen in die Kraft der Arbeiterklasse geziehen werden kann, so sind das nicht wir, sondern die kleine Gruppe, in deren Namen hier heute die Genossin Kollontai gesprochen hat. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Kerran. Genossen, es wundert mich, daß sich für die Debatte über die politische Lage Rußlands so wenig Redner gemeldet haben. Auf der heutigen Sitzung hat sich nur ein einziger Deutscher an der Debatte beteiligt. Ich persönlich bin der Ansicht, daß die wirtschaftliche Lage Rußlands bedeutend wichtiger ist, als die politische Lage. Ich fürchte, daß viele Delegierte mit dem Eindruck heimreisen werden, daß hier alles in bester Ordnung ist, und daß es an nichts fehlt. Ich kann Ihnen jedoch versichern, daß hier keineswegs Überfluß herrscht. Wenn nun die Delegierten sich eine derartige Vorstellung von der Lage Rußlands machen, so sind sie im Irrtum. Wer die wahren Verhältnisse in Rußland kennen lernen will, darf sich nicht darauf beschränken, sich die Dinge oberflächlich anzusehen. Da ich in der glücklichen Lage bin, außer englisch auch noch andere Sprachen zu verstehen, hatte ich die Möglichkeit, einen tieferen Einblick in die Lage dieses Landes zu gewinnen. Und ich kann die Delegierten versichern, daß hier eine außerordentlich scharfe Krise herrscht. Das schlimmste an der Sache ist, daß diese Krise voraussichtlich noch recht lange andauern wird.
Wie ich in Erfahrung gebracht habe, sind die diesjährigen Ernteaussichten in einigen der wichtigsten Korngebiete Rußlands außerordentlich schlecht, so daß die wirtschaftliche Krise noch wenigstens zwei Jahre währen wird. Es handelt sich aber nicht nur um die Erntefrage. Auch das Industrieleben Rußlands steht tatsächlich still.
Was die Möglichkeit für Rußland anbelangt, Ware aus dem Auslande zu beziehen, so bin ich der Ansicht — und ich bin sicher, daß unsere russischen Genossen mir auf Grund ihrer praktischen Erfahrungen beistimmen werden —, daß Rußland nicht imstande ist, auch nur den tausendsten Teil der Ware, deren es bedarf, für Gold zu erstehen. Der gesamte Goldvorrat der Welt würde nicht ausreichen, um all das zu bezahlen, was Rußland braucht. Es ist daher für Rußland überaus schwierig, Abkommen abzuschließen und von den Kapitalisten Konzessionen zu erhalten oder sie ihnen zu geben. In dieser Hinsicht könnten wir Kommunisten Rußland wesentliche Dienste leisten, indem wir uns in den Genossenschaften unserer eigenen Länder entsprechend betätigen. Kurz vor meiner Abreise aus England fand eine Konferenz der Genossenschaften statt. Der Vollzugsrat der Engros-Einkaufsgenossenschaft wurde von den Delegierten darüber befragt, weshalb die Genossenschaft mit Rußland bis jetzt keine Geschäfte gemacht hat. Der Rat antwortete, er würde gern mit Rußland in Geschäftsverbindung treten, es sei ihm jedoch noch nicht gelungen, eine Verständigung mit den Russen zu erzielen. Wenn man aber den richtigen Weg zu diesen Leuten finden würde, wenn man ihnen Konzessionen anbieten würde, könnten die britischen Genossenschaften zweifelsohne leicht dazu bewegt werden, recht bedeutende Summen in Rußland anzulegen. Ich bin davon überzeugt. Die Genossin Kollontai hat uns heute dargelegt. daß die Konzessionen an auswärtige Kapitalisten Gefahren in sich bergen. Ich aber muß sagen, daß ich in dieser Hinsicht mit der Mehrheit der russischen Genossen vollkommen einverstanden bin. Not kennt kein Gebot. Wenn Ihr die ausländischen Kapitalisten veranlassen könnt, Euch in irgendwelcher Weise zu helfen, so müßt Ihr es meiner Ansicht nach um jeden Preis tun — ich für meine Person würde sogar den Teufel anrufen, wenn er mir irgendwie nützen könnte. Wir müssen uns in dieser Hinsicht ans Reale halten. Ich kann deshalb unseren russischen Genossen durchaus keinen Vorwurf daraus machen. daß sie den ausländischen Kapitalisten Konzessionen anbieten, um so mehr, da wir noch nicht so weit sind, ihnen helfen zu können.
In Deutschland hatte ich unter anderem eine Unterredung mit Wiegand. Er meinte, daß das Experiment des Kommunismus in Rußland die grellrote Farbe verloren und rosa Färbung angenommen habe; anständige Leute hätten jetzt daher die volle Möglichkeit, nach Rußland zu gehen. Als ich Belgien und Deutschland passierte und mit dortigen Kapitalisten in Berührung kam, konnte ich beobachten, daß sie sämtlich sehnsüchtige Blicke gen Rußland warfen. Sie glaubten, in Rußland die einzige Rettung finden zu können. Jeder einzige von ihnen meinte: „Ach, wenn ich bloß mit Rußland Geschäfte machen könnte...“ Dasselbe habe ich in England, Belgien und in Deutschland beobachten können. Ein gewisser Multimillionär in Deutschland — ich muß zugeben, er ist gewissermaßen Idealist — drückte seinen Wunsch aus, mit mir nach Rußland zu reisen, weil das Experiment, das hier gemacht wird. ihn so sehr interessiere. Ich glaube, er meinte es ganz aufrichtig. Er sagte, daß er Rußland all sein Kapital, alle seine Betriebe zur Verfügung stellen wollte, wenn er nur sehen würde, daß das Experiment Aussicht auf Erfolg hat. Zum Schluß will ich daher sagen. daß wir in unserer Eigenschaft als Delegierte der Sache mehr auf den Grund gehen müssen. Wenn wir mit unseren russischen Genossen eine Verständigung über die Hersendung von Fachleuten aus Deutschland, England, Frankreich und anderen Ländern erzielen, so müssen diesen Arbeitern, meiner Ansicht nach, besondere Vergünstigungen gewährt werden. An Stelle der Russen würde ich, wenn ich die Möglichkeit hätte, hunderttausend Fachmänner anzuwerben, ihnen alles geben, was sie brauchen, selbst wenn es auf Kosten von Hunderttausenden anderer geschehen müßte. Es ist überaus wichtig, daß die gesamte technische Erfahrung der Arbeiter anderer Länder für das Wohl Rußlands ausgenutzt werde. Denn sollte das russische Experiment mit einem Mißerfolge enden. sollten die Russen sich außerstande erweisen, ihr wirtschaftliches und ihr Industrieleben aufzubauen, so werden alle unsere Ideale ins Wasser fallen, denn es wird uns in diesem Falle unmöglich sein, den Widerstand der Bourgeoisie zu brechen. Wir müssen zeigen, daß wir erstens eine Revolution machen und. zweitens ein wirtschaftliches und Industriesystem errichten können. das der ganzen Bevölkerung Nahrung, Kleidung und Obdach sichert.
Da ich mich für Rußland und die Russen lebhaft interessiere, möchte ich nun gern wissen, was wir Ausländer tun können. um Rußland beim Einrenken seines wirtschaftlichen Apparates zu helfen. Ich habe darüber nachgeforscht und festgestellt, daß die meisten Industrieunternehmen in Rußland vor dem Kriege in Händen von Ausländern lagen. Es lebten etwa vier Millionen Ausländer in Rußland, die die russischen Betriebe leiteten. Die meisten haben Rußland verlassen. Das ist der offensichtliche Grund des jetzigen wirtschaftlichen Stillstands in Rußland. Die Russen sind zwar die größten Propagandisten in der Welt. bei der Organisation haben sie sich aber nicht ganz so gut bewährt. Ich halte es daher für unumgänglich notwendig. daß die kommunistischen Parteien der anderen Länder der Sache ordentlich auf den Grund gehen, und Mittel und Wege suchen, um unseren russischen Genossen beim Wiederaufbau ihres Industrielebens zu helfen. Ich will den Russen keinen Vorwurf machen, ich glaube aber doch, daß es Ausländer gegeben hat, die hierher kamen und den Russen beim Wiederaufrichten ihres Industrielebens helfen wollten.
Hempel (K.A.P.D.). Genossen, zuerst muß ich dem Genossen Radek, der scheinbar nicht anwesend ist (Zuruf: er ist da!), einiges zurufen. Ich rufe dem Genossen Radek zu, daß er sich die Späße, uns mit den Menschewisten zu identifizieren, sparen möge, weil diese Späße, wenn sie so oft wiederholt werden, lächerlich wirken.
Dann, Genossen, hat Genosse Radek uns die Frage vorgelegt, hat uns aufgefordert, wir sollen die Fragen beantworten, ob die russische Politik für Rußland und für die Internationale richtig sei, und darauf sagen wir kurz: ob die innere Politik der R.K.P. richtig ist, das mögen die russischen Genossen selber beurteilen. Wir waren immer der Auffassung, daß die Taktik der russischen Genossen, die sie in ihrem eigenen Lande durchführen, richtig ist. Nachdem heute Genossin Kollontai gesprochen, hören wir, daß mehr Gewicht auf die Hebung der Initiative bei der Arbeiterschaft gelegt werden soll, um nicht so viele Konzessionen an die Kapitalisten machen zu müssen. Wenn die Verhältnisse so sind, wie die Genossin Kollontai sie schildert, so müssen wir sagen, daß dort ein Fehler der russischen Politik liegt. Wir sagen dies deshalb. weil wir für Deutschland und Westeuropa eine andere Auffassung von der Parteidiktatur des Proletariats haben. Wir waren allerdings der Auffassung, daß die Diktatur in Rußland für russische Verhältnisse richtig sei, weil nicht genügend Kräfte, nicht genug entwickelte Kräfte innerhalb des Proletariats da sind, und die Diktatur mehr von oben ausgeübt werden muß. Wenn wir aber jetzt sehen, daß sich Bestrebungen geltend machen innerhalb des russischen Proletariats, das auch mithelfen will, das die Entwicklung auch tragen will, dann muß man diese Bestrebungen unterstützen, dann muß man diesem Drängen von unten nach oben auch Rechnung tragen und hat so eine Kraft, die besser als das ausländische Kapital die proletarische Diktatur trägt. Wenn wir diese Kraft möglichst weit ausnützen, brauchen wir einen Teil weniger Konzessionen an die Kapitalisten zu machen.
Zweitens also ist die Frage zu untersuchen, wie die russische Politik auf die Internationale wirkt. Da sagen wir allerdings, wir können im Moment noch nicht sehen, ob sie schon vollständig falsch ist. Wir sehen aber, daß die Vorbereitungen, die getroffen werden, falsch sind, und das muß auseinandergesetzt werden.
Die Frage ist: sind die Genossen in Rußland Übermenschen, sind es Menschen, die sich aus den Verhältnissen loslösen können oder werden auch ihre Handlungen bestimmt von den Dingen, die sie umgeben? Das haben wir zu beobachten. Uns leitet also nicht das Interesse, Kritik zu üben, sondern wir sehen den Fehler und auch, daß er größer wird und werden muß. Der Genosse Trotzki sagt es deutlich, und es ist auch so, wir stimmen dem alle zu: Zeit gewinnen. Es kommt alles darauf an, daß die Avantgarde durchkommt, daß wir über diesen Schwebezustand, wie der Genosse Lenin sagt, hinwegkommen, daß dann die Hilfe durch die Weltrevolution kommt, oder durch die Revolution in irgendeinem Lande. Wird nun also diese Avantgarde, wird nun also diese Staatsmacht, wird sie diesen Schwebezustand überdauern können? Das ist die Frage. Die eine Seite beantwortete Trotzki: wir gehen zugrunde, wenn wir nicht diesen einfachen Weg gehen, nämlich, Konzessionen an das Kleinbürgertum zu machen, das bedeutet Kleinkapitalismus, an das ausländische Kapital, das bedeutet Staatskapitalismus. Das ist notwendig. Wer will sich dagegen wehren, daß etwas getan wird, was nicht anders geht? Aber wenn man dieses tut, kann man dann zu gleicher Zeit ein Kommunist bleiben? Wird man so fest sein? Ja. nun, ich wollte die Dinge auf den Kern zurückführen: wird diese Kommunistische Partei während dieser Tätigkeit. wenn es ein Jahr oder Jahre dauert, dieses überdauern können? Wird diese Kommunistische Partei so bleiben, wie sie heute ist? Wird sie dann nicht ein größeres Interesse, vielleicht aus irgendwelchen Ursachen, daran haben, nicht die Revolution nach dem Drüben zu tragen? Denn das bedeutet erneutes Elend. Wenn drüben in Deutschland die Revolution ausbricht. und sie wird vielleicht ein Jahr oder noch länger dauern, dann können wir Rußland nicht helfen. Wir müssen überlegen, die ganze Bevölkerung und mit ihr die russische Partei hat sich dann an den Wiederaufbau gewöhnt, an eine Periode der Ruhe, der gewissen Stabilität. Wie selbstverständlich ist das! Diese Bevölkerung wird dann in Wallung gegen die herrschende Staatsmacht geraten, wenn wiederum die Dinge in Unruhe kommen, wenn die Handelsbeziehungen aufhören, wenn das Elend wiederkommt. So steht die Frage. Und demnach ist das ein Beweis, daß ein revolutionäres Ruhebedürfnis in der breiten Masse liegt, ein Ruhebedürfnis nach der Revolution. Das hat sich jetzt schon bemerkbar gemacht. Weiter wird dieses auf die Kommunistische Partei einwirken. Sie muß dem Rechnung tragen. Ich frage, ob sie da genügend stark sein wird.
Weiter verweise ich auf etwas. Wir wissen, daß in jedem Lande, wir erleben es heute wieder in Deutschland, wenn die Wirtschaft zerrüttet ist, wenn dem Kapitalismus der Aufbau übertragen wird, daß das eine ungeheure Korruption mit sich bringt. Wir sehen den Schleichhandel, der ist auch hier. Wir haben noch manche Dinge gehört. das sind Sachen, die in die Kommunistische Partei hineinschlagen, wogegen auch solche tüchtige Leute wie Lenin und Trotzki machtlos sind. Das ist die größte Gefahr. Das soll man im Auge behalten. Und deshalb sagen wir, es liegt im Interesse der Russischen Revolution, im Interesse der Weltrevolution und des Kommunismus, daß wir nicht zu lange den Schwebezustand haben. Wir werden schon kommen. Wir werden uns in der Angelegenheit beinahe einig werden. Wir werden sehen, wie man zur Beschleunigung kommt. Es mangelt den russischen Genossen ein Verständnis der Dinge. wie sie in Westeuropa vorhanden sind. Die russischen Genossen rechnen mit einer solchen Bevölkerung, wie sie sie in Rußland haben, die Russen haben unter einer langen zaristischen Herrschaft gelebt. sie sind hart und fest, während bei uns das Proletariat durch den Parlamentarismus gegangen und vollständig verseucht ist. Da gilt es, etwas anderes zu tun. Da gilt es. ihnen den Weg zum Opportunismus zu versperren. (Zuruf: Scheidemanntheorie!) Unsinn! Scheidemanntheorie ist es nicht! Seit wann will Scheidemann den Weg zum Opportunismus versperren? Es gilt, dem kämpfenden Proletariat. den Kommunistischen Parteien, die doch vorankämpfen sollen, den Ausweg zum Opportunismus zu versperren. und Opportunismus ist bei uns die Ausnutzung des Parlamentarismus. ist bei uns die Ausnutzung der bürgerlichen Institutionen auf wirtschaftlichem Gebiet. Dann auch der Versuch, die Konsumvereine als Kampfmittel zu verwenden: nämlich, daß man Rußland helfen möge, nicht mit revolutionären Mitteln. sondern aus Mitteln des Kapitalismus. soweit das Proletariat darüber verfügt. Ja, Genossen, was heißt das, man wirkt auf das internationale Proletariat ein? Wenn Ihr Euern Konsumverein veranlaßt, mit Rußland in Handelsbeziehungen einzutreten, tut Ihr dann etwas für Rußland? Nein, nichts. Die Konsumvereine müssen, genau wie jeder andere Unternehmer, mit Kapitalien rechnen. Sie werden sogar teurer sein. Das lenkt von dem richtigen Weg ab. Das ist der Kernpunkt. Die III. Internationale hat dafür zu sorgen, daß Rußland nicht mit kapitalistischen Mitteln von außen her unterstützt wird, sondern durch das Proletariat, mit revolutionären Mitteln. Da liegt der Punkt. Und das geschieht nicht durch die Einschlagung der Taktik, wie sie die III. Internationale verfolgt. Wir verlangen eine schärfere Linie. Da liegt der Haken. (Heiterkeit.) Die Genossen mögen darüber lachen. Auch der Genosse Lenin lacht, wir können uns nicht helfen. Das ist unsere ehrliche Überzeugung. (Zwischenruf: Genosse Bucharin wird antworten, warum wir lachen.) Lachen kann jeder. Ich weise nochmals auf diesen Punkt hin, daß in Deutschland, in allen Ländern der Welt, aus der langjährigen Entwicklung der Demokratie, die nicht revolutionär ist, die Arbeiterschaft und damit auch die große Kommunistische Massenpartei, in der alle diese vielen opportunistischen Elemente sind, ohne weiteres leicht auf den Weg geht, nicht scharfe Mittel anzuwenden, sondern Parlamente und Gewerkschaften und andere Mittel ausnutzt. um Rußland zu helfen. Das ist aber keine Unterstützung. sondern das ist ein Ausweichen jeglichen Kampfes. Nun sagt Trotzki: möglichst schnell aus diesem Schwebezustand heraus! Da komme ich zum nächsten Punkt, welche Gefahr das in sich birgt, wenn man nicht mit allen Mitteln dahin strebt, den ausländischen Kapitalisten hier möglichst wenig Möglichkeiten zu bieten, sich auszudehnen, wenn man da nicht ganz scharf aufpaßt und Proletarier hineinblicken läßt, um zu kontrollieren. dann wird man erleben, daß Sowjetrußland unserer Ansicht nach ganz anders noch, als es Genosse Trotzki meint, zu dem Feld wird, auf dem sich das internationale Kapital unter den Qualen des internationalen Proletariats wieder aufrichtet, nicht in dem Maße aufrichtet, daß es überhaupt wieder gesunden kann, aber daß es sich eine längere Periode hindurch hinschleicht. Und diese Periode, diese Entwicklung des Kapitalismus unmöglich zu machen, das soll die Politik der III. internationale sein. Und zwar kann das geschehen durch die Sabotage in den Betrieben, durch Sabotage der Produktion, worunter wir natürlich nicht das Zerstören der Produktionsmittel verstehen, sondern die Aufgabe, den Kapitalisten das Geschäft unrentabel zu machen. Das ist die Aufgabe der Proletarier der ganzen Welt, um die Revolution in kürzester Zeit vorwärts zu treiben. Denn es dürfte auch wahr sein, daß die Revolution aus der Notlage der arbeitenden Bevölkerung heraus entsteht.
Also, Genossen, was wir zur III. Internationale zu sagen haben, ist, daß die russische Partei die Gefahren mehr erkennen und diese offen aussprechen soll; dann werden die Gefahren nicht so groß sein. Weiter soll sich die russische Partei bewußt sein, daß sie der Boden der III. Internationale ist, daß andere Parteien geistig und materiell gar nicht gegen die russische Partei aufkommen können. Und das zeigt sich darin, daß hier gar keine Meinung gegen die russischen Genossen auftreten kann. Also das sollen die russischen Genossen sehen. und sie sollen erkennen, daß, wenn sie selber durch die Entwicklung gezwungen werden, mehr und mehr — sagen wir einmal — nach der rechten Seite ihrer russischen Staatspolitik zu steuern, sie auch keine Übermenschen sind. sie ein Gegengewicht nötig haben. und sie sollen sich ein Gegengewicht schaffen durch die III. Internationale, die mit aller kompromißlerischen Taktik. mit dem Parlamentarismus, mit den alten Gewerkschaften aufräumt.
Roland-Holst. Genossen, ich hatte nicht die Absicht, in der Diskussion das Wort zu ergreifen. Da aber die Diskussion diesen Charakter angenommen hat, habe ich mich zum Worte gemeldet, da ich es für meine Pflicht halte, zu zeigen, daß in der Beurteilung der russischen Politik die Meinungen der sogenannten Linken in der III. Internationale auseinandergehen. Ich möchte gern zu drei von den Punkten, die hier berührt worden sind. einige Worte sagen. Und zwar, erstens zu dem Punkt. der sich auf die Initiative der Massen und auf diejenigen Maßnahmen bezieht, die die russische Partei getroffen hat. um sich auf die Initiative und auf die schöpferische Aktivität der Massen zu stützen. Ich kann nicht genau beurteilen. wie es sich mit den Schwierigkeiten des Augenblicks verhält und mit den Gesetzen und neuen Regierungsmaßnahmen, die ja offenbar unter dem direkten Drucke dieser Schwierigkeiten getroffen worden sind. Doch möchte ich betonen, daß wir im großen und ganzen in den vergangenen Jahren prächtige und nie dagewesene Beispiele erhalten haben, wie man die Initiative und die schöpferische Kraft der Arbeitermassen wachruft, und wie man diese Initiative lebendig erhält. Wäre das nicht der Fall gewesen, so ist klar, daß die Sowjetrepublik überhaupt nicht mehr bestehen würde. Wenn die schöpferische Kraft der russischen Proletarier nicht immer wieder die Felder der Revolution befruchtet hätte, so wäre doch all das, was in der Organisation des Lebens, der Organisation der Bildung, in der Organisation der militärischen Macht geschehen ist, nicht möglich gewesen. (Zustimmung.)
Zweitens, die Frage: sind die Russen, ist die russische Partei wirklich interessiert an dem Fortbestehen eines gewissen Gleichgewichtes, an der Stabilisierung des europäischen Kapitalismus? Wäre das wirklich der Fall, so wäre das, selbstverständlich, ein furchtbarer Konflikt, ein tragischer Konflikt, aus dem man keinen Ausweg finden könnte. Allein ich sehe die Sache anders. Die russische Partei ist nicht interessiert an der Wahrung des Gleichgewichts, sondern sie ist im höchsten Maße interessiert an der Entwicklung der europäischen Revolution, der Weltrevolution. Wenn die russischen Genossen uns gegenüber das wiederholt versichert haben, so können wir ihren Ausführungen vollen Glauben schenken, weil diese Ausführungen mit all dem übereinstimmen, was wir mit unserem eigenen Kopf begreifen und denken können, wenn wir versuchen, die Sachlage ruhig und ohne Vorurteil zu überblicken. Es ist gewiß, Sowjetrußland wird vielleicht durch die Konzessionen mit Mühe und Not Waren aus dem kapitalistischen Europa und Amerika herausschlagen. Allein von der anderen Seite bleibt die Gefahr bestehen, daß Sowjetrußland vom kapitalistischen Europa angegriffen wird. Es bleibt daher für Sowjetrußland die Notwendigkeit, sich gegen diese Gefahr zu schützen, die Notwendigkeit, die militärische Organisation, wenn auch nicht in früherem Umfange, so doch in ziemlich beträchtlichem Umfange aufrecht zu erhalten. Wir haben ja gewußt, als wir hierherkamen, wir haben es oft gelesen, wir haben es aus dem Munde des Genossen Trotzki gehört, daß der unerläßliche Militarismus an den Kräften Sowjetrußlands zehrt, in diesen historischen Augenblicken, wo die Wirtschaft so zerrüttet, wo die Not so schrecklich ist, wo Rußland über seine Kräfte gelebt hat, um seine Position zu erhalten, um die Weltrevolution zu schützen, als äußerster Vorposten der Weltrevolution. Daher ist es für Sowjetrußland von größter Bedeutung, daß die Revolution in den anderen Ländern gestärkt werde. Wenn Rußland vielleicht eine Zeitlang weniger industrielle Waren bekommen wird, hoffen wir doch mit Sicherheit, daß der Frieden imstande sein wird, seine Armee zu demobilisieren, imstande sein wird, mit vollem Herzen alle seine Kraft dem Aufbau der kommunistischen Wirtschaft zu widmen.
Und jetzt noch einige Worte zu dem dritten Punkt, die Stellung der Russischen Partei zur III. Internationale Es hat den Anschein, als ob Rußland jetzt in der revolutionären Entwicklung etwas bremsen würde. Ich bin aber überzeugt, daß das nur Schein ist, und daß die Tatsachen diesen Schein widerlegen. Zu Hause habe ich auch vielleicht geschwankt, allein hier habe ich vieles gehört und gesehen, ich habe versucht, tiefer in die Dinge zu blicken und ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß ich vielleicht irre. Wenn die großen Führer der Revolution zu uns über die Notwendigkeit der guten und gründlichen Vorbereitung der Revolution reden, wie das auch Genosse Lenin in seiner heutigen Rede einigemal unterstrichen hat, wenn sie sich gegen die Gefahren von links, gegen die Gefahren des Putschismus, gegen den vorzeitigen Ausbruch der Revolution wenden, weshalb machen sie das? Tun sie es aus denselben Gründen, wie die westeuropäischen Opportunisten, die keine Revolution wollen? Wir alle wissen: sie tun es, weil sie Vertrauen zur Revolution haben, sie tun es, weil sie die feste, unerschütterliche Überzeugung haben, daß der Kapitalismus wohl noch einmal aufflackern, nicht mehr aber zu neuem, wirklichem Leben werden kann. Das haben wir gesehen in der Diskussion über die Weltlage, in der Kommission standen gerade die russischen Genossen auf der Grundlage: ja, es geht bergauf, bergab, wir sind aber entschieden auf einer niedersteigenden Linie, d. h., wir befinden uns in der revolutionären Entwicklung. Das müssen wir stets vor Augen halten. Erst wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus die russische Politik und auch die Politik der III. Internationale beurteilen, können wir ein richtiges Urteil fällen. Da müssen wir feststellen: die Russen stehen nicht rechts, die Russen stehen links, sie stehen noch immer links. Es ist dies meine Überzeugung, die ich hier in Rußland gewonnen habe, und ich halte es für meine Pflicht, dieser meiner Überzeugung hier öffentlich Ausdruck zu verleihen. Die Russen stehen im großen und ganzen links, weil sie das große und unerschütterliche Vertrauen zur Revolution haben. Wir, in Westeuropa und Mitteleuropa, leben unter anderen Verhältnissen, haben diesen Gedanken vielleicht noch weniger im Kopf, weil wir die Revolution noch nicht haben, weil wir den Kapitalismus haben, weil wir unter dem Drucke der furchtbaren Macht des westeuropäischen Kapitalismus leben und kämpfen müssen, Wenn unsere Revisionisten und Opportunisten dasselbe sagen: „Nur vorsichtig, nur nicht zu schnell,“ so sagen sie das, weil sie die Revolution nicht wollen. Wenn die Russen das sagen, so sagen sie es gerade deshalb, weil sie die Revolution wollen, weil sie auf die Revolution vertrauen, weil sie wissen, welche Kraft in den Massen der Arbeiterschaft liegt. Sie wissen, die Arbeiterschaft wird Revolution machen. Wenn nicht heute, in dieser schlechten Zeit, in der Zeit einer vielleicht beginnenden Prosperität, so morgen oder übermorgen. sie wird sie aber unbedingt machen. Die III. Internationale kann im Augenblick, da die revolutionäre Kraft noch so gering ist, in Westeuropa ein revolutionäres Gegenstück zu Rußland erblicken, denn die Russen sind noch immer die festesten Pole der Weltrevolution. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Bucharin. Genossinnen und Genossen! Ich möchte hier einige Bemerkungen machen über die Reden verschiedener Genossen der Vertreter der K.A.P.D., der Genossen Sachs und Hempel. Genosse Sachs hat als bestes Argument gegen uns folgendes angeführt: unsere Konzessionen und -verschiedenen Handelsbeziehungen zu den kapitalistischen Staaten unterstützen den Kapitalismus in den westeuropäischen Ländern, und deswegen hemmen sie die Sache der Revolution. Meines Erachtens trifft dies nicht zu, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens, unsere Hilfe ist quantitativ vollständig ungenügend für den westeuropäischen Kapitalismus. Das Quantum der Materialien, die wir von den westeuropäischen Ländern erhalten, bleibt nur auf uns konzentriert. Was wir dagegen ausführen, wird auf die verschiedenen Länder der kapitalistischen Welt verteilt. Natürlich ist das zahlenmäßige Verhältnis viel günstiger für uns, als für den Kapitalismus. Das zweite Gegenargument ist: diese ökonomische Tatsache wird auch von der Tatsache der Verschärfung der politischen Konkurrenz zwischen den verschiedenen kapitalistischen Staaten begleitet. Dieses Argument kann man nicht vernachlässigen. Soweit wir wirklich Konzessionen schließen, desorganisieren wir dadurch die ganze politische Struktur des gesamten Weltkapitalismus, was auch ökonomische Folgen hat; denn jede politische Desorganisation bedeutet auch die Lahmlegung des ökonomischen Lebens. Drittens: Man muß hier die Bilanz ziehen. Wenn wir etwas geben, in demselben Moment erhalten wir auch etwas. Und wenn Sie diese Tatsache schätzen wollen, so müssen Sie sie in allen Teilen vergleichen, und dann werden Sie sofort feststellen, daß wir uns mehr stärken, als wir dem Kapitalismus Hilfe leisten. Diese drei Argumente genügen vollständig, um den Gedankengang des Genossen Sachs zu vernichten.
Jetzt zur Rede der Genossin Kollontai. Bei der Genossin Kollontai — das ist sehr begreiflich — regenerieren sich in dieser Periode ihrer geistigen Entwicklung alle ihre alten menschewistischen Erinnerungen. (Heiterkeit) Und deswegen bemerken wir natürlich Sachen, die fast ganz menschewistisch klingen, man merkt, daß hier auch ein gewisser Kontakt mit der K.A.P.D. vorhanden ist. Aber die Beweisführung der Genossin Kollontai ist ziemlich komisch. Zuerst stellt sie die Diagnose und Prognose: hier bildet sich eine neue Klasse von Spezialisten der Bürokratie und Bourgeoisie. Das ist eine neue Klasse, sie wird immer stärker werden, und wir werden eine dritte Revolution gegen diese Klasse brauchen. Aber wenn wir diese sogenannte dritte Revolution unter die Lupe nehmen, dann bekommen wir dieselbe dritte Revolution, wie bei den Menschewisten und Sozialrevolutionären. Aber bei ihnen ist die Sache viel logischer konstruiert. Sie betrachten die Oktoberrevolution als eine Konterrevolution, und nach ihrer Auffassung ist die dritte Revolution die wirkliche Revolution, die die unterdrückte Februarrevolution wiederherstellen soll. Aber die dritte zukünftige Revolution der Genossin Kollontai ist eine proletarische Revolution. Was sagt Genossin Kollontai? Die wirklich regierende Klasse ist beinahe schon jetzt die gewesene Bourgeoisie; dann sofort ein Sprung aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit, und eine ganz andere Behauptung, daß bei uns in Wirklichkeit nicht das Proletariat, und auch nicht diese neue Bürokratie regiert, sondern die Bauernschaft. Das ist sofort eine andere These, die von der Genossin Kollontai aufgestellt wird. Nun betrachten wir diese zweite These materiell. Womit begründet sie diese These? Damit, daß wir der Bauernschaft große ökonomische Konzessionen machen. Genossen, ich erlaube mir, hier ein Analogon aufzuführen. Stellen Sie sich vor, daß sie einen kapitalistischen Fabrikdirektor haben und einen Streik der Arbeiterschaft. Unter dem Druck der Arbeiterschaft verdoppelt der Fabrikdirektor die Löhne der Arbeiterschaft, macht der Arbeiterschaft große ökonomische Konzessionen. Nun kommt Genossin Kollontai und sagt: Nun ja, was ist jetzt? Der Fabrikdirektor hat ja große Konzessionen an die Arbeiterschaft gemacht, er hat aufgehört Kapitalist zu sein. Dieselbe Argumentation. Betrachten Sie sie logisch. Was bedeutet das? Das bedeutet eine wirklich revisionistische Theorie. Es ist dasselbe, wenn man die bürgerliche Regierung, die während des Krieges den Arbeitern große Konzessionen gemacht hat. und sogar schon Figuren aus den Reihen der Arbeiterschaft brauchte, die als Minister fungierten, nicht mehr als bürgerliche, sondern als über den Klassen stehende Regierung bezeichnen wollte.
Das ist derselbe Gedankengang. Er hat nichts mit dem Marxismus zu tun. (Zustimmung.)
Nun die dritte Sache: die Frage über den Staatskapitalismus. Wenn Genosse Lenin hier über Staatskapitalismus spricht, so ist das nicht derselbe Begriff „Staatskapitalismus“, wie er sonst in Westeuropa üblich ist. Das ist etwas ganz anderes. Unter dem Staatskapitalismus wurde in Westeuropa, vollständig mit Recht, ein Kapital, das Staatsmonopol, seitens des bürgerlichen Staates verstanden. Das ist der reine Begriff des Staatskapitalismus. Das ist etwas anderes. Im wirklichen Staatskapitalismus ist der wirkliche Eigentümer aller Produktionsmittel die Bourgeoisie, durch ihren Staat vertreten. Bei uns sind andere Eigentumsverhältnisse. Der wirkliche Eigentümer selbst bei den Konzessionen ist das Proletariat. Und dieses Proletariat verpachtet sein Eigentum an einen kapitalistischen Konzessionär. Die Eigentumsverhältnisse und die entsprechenden Produktionsverhältnisse sind ganz anders. Das ist eine eigenartige ökonomische Struktur, die man, theoretisch gesprochen, nicht mit dem üblichen „Staatskapitalismus“ in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes verwechseln kann.
Die Genossin Kollontai — und das ist das merkwürdige bei allen diesen Kritiken — sagt, es drohen große Gefahren. Ihre glänzende Formel lautet: Ich habe große Angst. Was folgt daraus? Mit der großen Angst kann man keine große Taten vollbringen.
Radek. Aber eine große Rede halten!
Bucharin. Was hat sie uns vorgeschlagen? Wir haben z. B. das System der Requisitionen durch die Naturalsteuer ersetzt. Das war der Anfang unserer Neuorientierung. Nun hat uns die Genossin Kollontai vorgeschlagen, wir sollen wieder zum Requisitionssystem zurückgreifen? Nein! Über die Konzessionen hat die Gruppe der Arbeiter auf unserem Parteikongreß kein Wort verloren, kein Wort dagegen vorgebracht. Ich weiß nicht, im Namen welcher Gruppe die Genossin Kollontai aufgetreten ist. Ich glaube, diese Gruppe ist sehr monolit, sie vertritt sie ganz allein. (Heiterkeit.) Ich stelle fest, daß keine Argumente gegen unsere Taktik vorgebracht wurden. Man kann doch wirklich nicht die Manipulationen mit schöpferischer Kraft, mit dem Geiste der Mechanik als wirkliches Argument ansehen und sich damit begnügen.
Genossen, Gorter sagt in seiner vielberühmten Broschüre, daß die Welt zugrunde geht. weil die russischen Genossen nicht auf dem historisch-materialistischen Standpunkt stehen. Jetzt begreifen wir, was historischer Materialismus ist. Das ist der historische Materialismus der Genossin Kollontai. die sehr viel über den Geist der Schöpfung und derartige Dinge gesagt hat, über den Geist. der da auf die niederträchtigen materiellen Bedingungen und auf die mechanische Vorstellung pfeift, die Genosse Lenin hier erwähnt hat.
Also, ich meine, das Mangelhafteste in der ganzen Rede der Genossin Kollontai ist, daß niemand begreifen kann, was sie eigentlich vorschlägt. Man kann verschiedenes sagen, z. B., bei uns herrscht Korruption, wir sind schlechte Organisatoren, wir haben verschiedene Fehler gemacht. Das ist alles richtig. Aber. Genossen, sagen Sie, wie wir es machen sollen. Wir wenden alle Mittel an, um diese Mängel zu beheben. Aber wenn Sie ein so schönes Wunderrezept haben, schämen Sie sich nicht. nennen Sie uns dieses Wunderrezept, wir sind Ihnen sehr dankbar dafür. (Heiterkeit.)
Was die Rede des Genossen Kerran betrifft, so sagte er ganz richtig, daß wir die Kooperative — und hier hat Genosse Hempel ganz recht, wenn er sagt, daß die Kooperative in Westeuropa kapitalistisch organisiert sind — ausnützen müssen. Aber die ganze Geschichte geht nicht nach der Linie der Kommunistischen Internationale, sondern nach der Linie der Sowjetregierung. Die Rede des Genossen Kerran wäre eine gute Rede, wenn sie nicht auf dem Kongresse der Kommunistischen Internationale, sondern im Kommissariat für Außenhandel gehalten worden wäre. Es wird gesagt. wir wollen mit den Sozialpatrioten Handel treiben, mit den Kommunisten aber Revolution machen. Das sind keineswegs sich ausschließende Dinge.
Dann hat uns Genosse Hempel gesagt, die Frage, ob diese Politik für Sowjetrußland gut ist oder nicht, brauche er nicht zu bewerten, das sei die Sache der russischen Genossen. Gerade deswegen kritisiert er in seiner ganzen Rede unsere Haltung. Aber wir meinen. daß es die Sache jeder kommunistischen Partei ist, sich in die Sachen einer anderen kommunistischen Partei einzumengen, um die Erfahrungen zu verallgemeinern. Das ist ein ganz gewöhnlicher internationaler Standpunkt. Genosse Hempel sagt, daß er die größte Aufklärung in seinem Leben,was die russische Politik betrifft, von der Genossin Kollontai in dieser Sitzung erhalten habe. Und er sagt weiter: Hebung der Initiative. Ja, Genossen. wir können tausendmal Initiative schreien. aber sagen Sie uns, wie man diese Initiative hebt. Wir haben parteilose Konferenzen, verschiedene Einrichtungen. Arbeiterinspektionen versucht, schlagen Sie uns etwas Konkretes vor. Und wenn Sie uns das nicht vorschlagen, dann sagen wir Ihnen: Genossen, das ist gegenstandslose Kritik. Legen Sie uns etwas vor, dann gut, wir werden es mit dankbarem Herzen annehmen; aber nicht bloß ein Geschrei machen: Hebung der Initiative. Wir haben das tausendmal gehört. Das ist neutrale Politik. Wenn Sie die Sache nicht praktisch auffassen. dann ist es zwecklos. (Lebhafte Zustimmung.) Dann sagte Genosse Hempel: Wenn Sie die Schichten von unten nach oben drängen. dann hat man eine Kraft. Und wenn man eine Kraft hat. dann braucht man dem Kapital keine Konzessionen zu machen. Wenn Sie unter diesem Drängen von unten nach oben, z. B., den Aufklärungsprozeß. den Prozeß der Entwicklung unserer Arbeiter verstehen. dann müssen wir dieser neuen, wachsenden Kraft Raum geben. das ist unsere größte Pflicht. Aber manchmal verwechselt man diese Bewegung von unten nach oben mit etwas. was wir in Kronstadt erlebt haben. Hier ist es auch von unten nach oben.
Trotzki. Aber mit dem Zwecke von oben nach unten. (Lebhafte Zustimmung.)
Bucharin. Und was den Klassencharakter des Kampfes mit dem Bauerntum betrifft. so habe ich bei anderer Gelegenheit darüber gesprochen. Hempel spricht nun auch von dem internationalen Standpunkt der Konzessionen. Wir sind. sagt er, daran interessiert. die richtige Funktionierung des Wirtschaftslebens im Westen aufrechtzuerhalten und deswegen kann man diese Taktik der Handelsbeziehungen. der Konzessionen nicht weiter machen. Hier vielleicht paßt eine Analogie. Diese Analogie wurde von Karl Renner verwendet. Er sagt, die Arbeiter und die Kapitalisten sind korrelative Begriffe. Das Kapital kann nicht ohne Arbeiter existieren, und die Arbeiter nicht ohne Kapital. Es gibt daher eine Interessengemeinschaft zwischen Kapital und Proletariat. Deswegen ist die Revolution unmöglich. Natürlich gibt es eine relative Interessengemeinschaft in jedem Moment der Entwicklung. Es gibt aber auch viel größere und dauerhaftere Interessen der Arbeiterklasse. die diese Interessengemeinschaft brechen. Hier ist dieselbe Situation. Es wäre gut, daß wir von England etwas bekämen, aber wir wissen wohl, daß die Entwicklung der Arbeiterbewegung viel größere und endgültigere Garantien für uns gewährleistet. Die Interessen der russischen Revolution sind aber im Grunde genommen die Interessen der Weltrevolution. Deswegen sind wir der aktivste Teil der Kommunistischen Internationale.
Natürlich werde ich nicht das Argument widerlegen, das Genosse Hempel hier vorgebracht hat. Das grenzt an Beschimpfungen der deutschen Arbeiterklasse, nämlich, daß die ganze deutsche Arbeiterschaft vollständig verseucht ist. Wenn die ganze deutsche Arbeiterschaft verseucht ist. welche Revolution wollen Sie, liebe Freunde, von der K.A.P.D., da machen? Dann können Sie doch nur eine verseuchte Revolution machen. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Was aber die Argumentation des Genossen Hempel betrifft, wenn er die Sabotage befürwortet, so ist das wirklich etwas Komisches. Er sagt, wir müssen die Betriebe unrentabel machen. Also hier ist der Gedankengang offen. Das Proletariat muß die wirtschaftliche Lage verschlechtern, um sich wegen dieser schlechten Lage zu revolutionieren. Also, allgemeiner Boykott der Erhaltung der Löhne. Dann wird kein Arbeiter zufrieden sein, er wird hungern, deshalb wird er revoltieren, Revolution machen und die ganze kapitalistische Gesellschaft davonjagen.
Genosse Hempel sagt auch, wenn Sie die Handelsbeziehungen mit den verschiedenen kapitalistischen Staaten aufnehmen, so können Sie keine Kommunisten sein. Genossen, dasselbe konnte man während des Brest-Litowsker Friedens hören. Man sagte, sie sitzen an einem Tische mit den Generälen usw. Deswegen verwandeln sie sich plötzlich in Generäle. Aber wissen Sie, wir haben eine viel günstigere Lage, denn das Kapital und die kapitalistische Gesellschaft fürchtet, daß wir diese Gesellschaft mit dem Gift des Bolschewismus infizieren. Umgekehrt gibt es auch vielleicht Gefahren, aber nicht so große. Wir haben schon eine gewisse Immunität erworben. Nun ist die Frage der Zeit: können wir aushalten oder nicht? Werden wir aushalten oder nicht? Man kann nicht mit absoluter Sicherheit diese Frage beantworten. Aber für uns ist die Hauptaufgabe. jetzt Zeit zu gewinnen. Wenn wir aber zugrunde gehen, so ist damit nicht gesagt, daß auch die westeuropäische Revolution zugrunde geht. Sie werden unsere Erfahrungen beherzigen. Wir sind aber noch nicht zugrunde gerichtet. Nun was die Rede des Genossen Hempel betrifft, so weiß ich eigentlich nicht. ob er gegen die Handelsverbindungen ist oder nicht. Er hat die Frage nicht beantwortet, ob er gegen die Konzessionen ist oder nicht. Das sind aber die springenden Punkte. Und hier begegnen wir auch derselben phrasenhaften Kritik, wie bei der Genossin Kollontai. Wenn Genosse Hempel sagt, die russische Partei soll die Gefahren sehen, so sagen wir, wir sehen diese Gefahren. Wenn alle Russen auf die Tribüne kommen und sagen: das Klassenverhältnis ist so, daß wir um die Macht des Proletariats zu bewahren, große Konzessionen an die Bauernschaft zu machen gezwungen sind, was bedeutet das? Das bedeutet. daß wir diese Gefahren sehen. Der Kampf im Interesse der Säuberung unserer Partei von den Bürokraten hat bereits begonnen. In diesen Tagen hat das Zentralkomitee beschlossen, mehrere Tausend, vielleicht mehr als 100 000 aus der Partei hinauszuwerfen unter der strengsten Kontrolle der Kommissäre. Das bedeutet, daß wir die Gefahr sehen. Also, dieser Rat des Genossen Hempel ist ganz gut, aber er ist etwas zu spät gekommen. Das, was er gesagt hat, ist nur ein anderer Ausdruck für das sogenannte „russische Diktat“, eine theoretische Hetze von seiten der K.A.P. und man will damit sagen: die Delegationen können nicht selbständig handeln, sie werden von uns kommandiert. Diese Hetze wird nicht gelingen. Was aber die III. Internationale als Gegengewicht gegen die Sowjetmacht betrifft, so ist das absolut unlogisch von Seiten des Genossen Hempel, denn die III. Internationale ist kontradiktorisch zur Liga der Nationen. Aber was wichtig ist, ist das, daß eine Arbeitsteilung zwischen unseren staatlichen Organen und der III. Internationale als einer selbständigen revolutionären Organisation der Arbeiterklasse stattfindet.
Im großen und ganzen muß ich feststellen, daß die ganze Kritik, die gegen uns gerichtet worden ist, keine Kritik ist, sondern nur aus Phrasen bestand. (Lebhafte Zustimmung.)
Vors. Kolarow. Auf der Rednerliste ist niemand mehr eingezeichnet. Die Debatte ist daher geschlossen. Genosse Lenin hat das Schlußwort.
Lenin. Genossen, ich bin vollständig damit einverstanden, was mein Freund Bucharin gesagt hat. Ich habe dem nichts hinzuzufügen und verzichte daher auf das Schlußwort. (Lebhafte Heiterkeit.)
Vors. Kolarow. Dem Präsidium wurde eine Resolution in der russischen Frage zum Zwecke der Unterbreitung an den Kongreß übermittelt. Die Resolution wird Genosse Koenen verlesen.
Koenen. Es folgt die vom Kongreß angenommene „Resolution über die Taktik der Kommunistischen Partei Rußlands“: siehe die Seite des Kongresses.
Für die Kommunistische Partei Deutschlands:
Thalheimer. Friesland.
Für die Kommunistische Partei Polens:
Michalak. Glinski.
Für die Jugendinternationale:
W. Münzenberg.
Für die Kommunistische Partei Hollands:
Roland-Holst. J. C. Ceton.
Für die Kommunistische Partei Bulgariens:
Kolarow.
K.P. Tschechoslowakei: Deutsche Abteilung:
Kreibich.
Italien: (Unterschrift).
Belgien: (Unterschrift).
Vors. Kolarow. Wir schreiten zur Abstimmung über diese Resolution. Ich teile mit, daß auch die tschechoslowakische Delegation ihre Zustimmung schriftlich dem Präsidium überreicht hat.
Delagrange. Im Namen der französischen Delegation erkläre ich, daß auch sie der Resolution zustimmt.
Vors. Kolarow. Ist jemand gegen die Resolution? Die Resolution ist daher einstimmig angenommen. (Langdauernder lebhafter Beifall und Applaus.) Ich teile mit, daß unsere nächste Sitzung morgen, Mittwoch nachmittag 6 Uhr stattfindet. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage.
Schluß der Sitzung 7 Uhr abends.
Die achtzehnte Sitzung (6. Juli 1921, 8 Uhr abends)
(Fortsetzung der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage. Redner: Malzahn, Missiano, Rwal, Haywood, Brand, Losowski, Marshall).
Vors. Kolarow. Als erster Redner hat Genosse Malzahn das Wort.
Malzahn. Genossinnen und Genossen! Gen. Sinowjew hat in seinem Referat über die Gewerkschaftsfrage mit vollem Recht erklärt, daß die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale der Hauptstützpunkt der Bourgeoisie sei. Er sagte weiter, daß der Kampf gegen die Amsterdamer Internationale nicht ein Richtungskampf, sondern ein Klassenkampf im wahrsten Sinne des Wortes sei, und daß es ferner unsere Aufgabe sei, den Knotenpunkt, den die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale bildet, zu zerschlagen. Wir stimmen mit dem Genossen Sinowjew vollständig überein auch in der Hinsicht, wie das Verhältnis zur Roten Gewerkschaftsinternationale geregelt werden soll, ebenso seine Stellung über die Aufhebung der politischen Neutralität in den Gewerkschaften. Aber das wesentlichste, Genossen, ist, daß der Kongreß sich darüber klar werden muß, wie dieser Kampf geführt werden soll, zur Eroberung der Gewerkschaften, um die Gewerkschaften zu Werkzeugen der sozialen Revolution zu machen. Und da müssen wir zurückblicken. Der Zweite Kongreß der Kommunistischen Internationale hat beschlossen, daß es Pflicht der Kommunisten sei, die Eroberung der Gewerkschaften durch den Kampf innerhalb der Gewerkschaften durchzuführen. Und da ist es unsere Aufgabe, alle Tendenzen, die sich dem entgegenstellen, die uns von diesem Weg abbringen wollen, zu unterbinden. Denn jede Absplitterung der revolutionären Elemente von den Gewerkschaften, von den wirtschaftlichen Massenorganisationen bedeutet zweifellos eine Schwächung unseres Kampfes, bedeutet damit auch eine Schwächung für die Vorbereitung der proletarischen Revolution.
Genossen, das Aussichtslose dieser Absplitterung läßt sich am besten durch die deutsche Gewerkschaftsbewegung nachweisen. Im Frühjahr 1919 hatten wir nach den Berichten des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in den freien Gewerkschaften eine Mitgliederzahl von drei Millionen zu verzeichnen. Nach dieser Zeit hat sich diese Mitgliederzahl bis zum Berichtsjahre 1920 rapid gesteigert, und zwar von drei Millionen auf neun Millionen Mitglieder. Wenn wir dem die Freie Arbeiterunion Gelsenkirchen, die Syndikalistische Gruppe, gegenüberstellen, die Allgemeine Arbeiterunion, dann müssen wir als Tatsache feststellen, daß trotz aller Propaganda es diesen Splittern, diesen Organisationsgruppen nicht gelungen ist, über die Gesamtmitgliedschaft von 300 000 hinauszukommen. Also auf der einen Seite 9 Millionen Mitglieder in den freien Gewerkschaften, auf der anderen Seite trotz allen Verrats der Gewerkschaften 300 000 zusammengenommen in der Freien Arbeiterunion, in der Allgemeinen Arbeiterunion und den syndikalistischen Gruppen in Deutschland. Genossen, die Wirkung der Absplitterung haben wir aber in Deutschland sehr stark bei unserer Tätigkeit in den Gewerkschaften spüren müssen. Denn erstens besteht keine einheitliche Front bei diesen revolutionären Elementen, sondern durch diesen Kampf der Absplitterung wird die Kampfesfront der revolutionären Arbeiter geteilt, und den Vorteil und Nutzen hat lediglich die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, hat der A.D.G.B., die konterrevolutionäre Gewerkschaftsbürokratie. Und unserer Partei in Deutschland wird die Parole, die von diesen Gruppen herausgegeben wird, die Parole: „Heraus aus den Gewerkschaften“ in einer sehr geschickten Weise an die Rockschöße gehangen. Die Kommunistische Arbeiterpartei, die als sympathisierende Partei der Kommunistischen Internationale in Frage kommt, gibt eben dieser Gewerkschaftsbürokratie durch die ständige Parole: „Heraus aus den Gewerkschaften!“ die beste Propaganda und die Möglichkeit, gegen die kommunistische Gewerkschaftsarbeit Front zu machen. Wir begrüßen deshalb den Beschluß, den der Kongreß in der K. A. P.-Frage gefaßt hat. Aber auch die bisherige Erfahrung in den einzelnen Bezirken Deutschlands, selbst in den Bezirken, wo die Unionen eine einigermaßen ausschlaggebende Rolle spielen, wo sie sich einigermaßen konsolidiert haben, vornehmlich in Rheinland- Westfalen bei den Bergarbeitern, hat gezeigt, daß sie nicht in der Lage sind, die notwendigen Kämpfe, die wirtschaftlichen Kämpfe zu führen, daß sie auch vollständig bei diesen und jenen Maßnahmen versagen und damit wiederum in erster Linie dem Bergarbeiterverband die besten Argumente gegen die Kommunisten in die Hände spielen.
Die deutsche Gewerkschaftsbewegung befindet sich in einer Krise. In fast allen Verbänden ist ein Rückgang der Mitglieder zu verzeichnen. So hat der deutsche Metallarbeiterverband, die stärkste Organisation, im letzten Jahre einen Rückgang von 100 000 Mitgliedern. Der Gesamtrückgang in den Freien Gewerkschaften beziffert sich auf 1 Million. Diese rückgängige Bewegung macht sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in der gesamten internationalen Gewerkschaftsbewegung bemerkbar. Ich hätte gewünscht, daß dieses Problem auch im Referat eingehend behandelt worden wäre. Diese rückläufige Bewegung bedeutet zweifellos eine Gefahr für die Revolution. Darum ist es unsere Aufgabe, die Ursachen zu prüfen, die zu diesem Mitgliederverlust in den Gewerkschaften führen. Die Massen sind nach der Novemberrevolution den Gewerkschaften zugeströmt. Instinktiv erwarteten sie eine Besserung ihrer Lebenslage. Sie glaubten, daß sie ihrer revolutionären Pflicht genügen würden, wenn sie sich den Gewerkschaften anschlössen, daß die Gewerkschaften die Kämpfe für die Massen führen würden. Wir haben aber feststellen müssen, daß sie nicht eine Politik des aktiven Kampfes treiben, daß sie nicht die Masse zu einem bewußt revolutionären Kampftrupp erziehen, sondern daß sie durch die Arbeitsgemeinschaftspolitik gezwungen sind, jeden wirtschaftlichen oder politischen revolutionären Machtkampf zu verraten, und daß die Masse, die noch von der bürgerlichen Ideologie befangen war, enttäuscht wurde. Die Gewerkschaften sabotieren den revolutionären Kampf, trieben die Arbeitsgemeinschaftspolitik, die Sozialreform, und weil die Kommunisten als vorwärts drängendes Element diese Politik unter allen Umständen durchkreuzen wollen, darum geht die Gewerkschaftsbürokratie dazu über, sie und vor allem die kommunistischen Führer aus den Verbänden herauszudrängen. Man führt nicht die wahren Argumente an, sondern sagt, die Kommunisten wollten die Gewerkschaften spalten, zerschlagen, zerstören. Die Propaganda der Unionen und der K.A.P. liefert dabei der Gewerkschaftsbürokratie die besten Möglichkeiten. Der Standpunkt der K.A.P., der die rückläufige Bewegung in den Gewerkschaften als einen Vorteil für die Revolution betrachtet, ist zweifellos grundfalsch. Denn diese Massen, die von den Gewerkschaften abfluten, schließen sich nicht den Unionen an, sondern fallen in den Sumpf der Indifferenz zurück. Das ist eine Gefahr für die Gewerkschaftsbewegung, und darum ist es Aufgabe der Kommunisten in den Gewerkschaften, mit aller Macht die Gewerkschaften zu revolutionieren. Darum ist die Gewerkschaftsfrage eine Lebensfrage der Revolution, und die Revolutionierung der Gewerkschaften eine Voraussetzung für die Durchführung der Revolution. Wenn Bergmann erklärt, die Unionen seien notwendig, nach der Eroberung der Macht die Wirtschaft zu halten, dann hätte Bergmann sein Referat besser ausnützen sollen, um den inneren Kern der Gewerkschaftsbewegung zu erfassen und zu erkennen, daß die Gewerkschaften für die Eroberung der politischen Macht einzusetzen sind. Die Auffassung ist falsch, daß die Eroberung der Gewerkschaften zahlenmäßig erfolgen, daß der letzte Funktionärposten von Kommunisten besetzt sein, oder daß man mindestens 60 % der Mitglieder zu Kommunisten machen müsse. Sie wissen, daß nur ein bestimmter Prozentsatz der Gewerkschaftsmitglieder politisch aktiv tätig ist. Und diesen Teil, der die Versammlungen und das Funktionärleben beherrscht, gilt es zu erobern. Bei den Angriffen der Unternehmer zur Unterdrückung der Arbeiter ist die Entlarvung der Gewerkschaftsbürokratie auf Grund ihres Aufrufes zur Arbeitsgemeinschaftspolitik nicht schwer. Wenn die Genossen von der K.A.P. davor zurückschrecken, die Gewerkschaften zuerobern, möchten wir wissen, wie sie zur Revolution kommen wollen. Der Weltkongreß und der Rote Gewerkschaftskongreß muß eine klare Grundlinie für die Tätigkeit der Kommunisten aller Länder in den Gewerkschaften schaffen. (Lebhafte Zustimmung.)
Missiano (K.P.I.). Wir müssen der Frage, die gegenwärtig hier behandelt wird, die allergrößte Aufmerksamkeit schenken. Im Kampf muß es einen Generalstab geben, der die Lage klar überblicken, den Kampfplatz kennen und wissen soll, welche Waffen man gegen den Feind gebrauchen muß. Es muß aber auch ein geschlossenes, diszipliniertes Heer geben, das zu jeder Zeit sämtlichen Anforderungen des Kampfes entspricht. Wir brauchen in unserer internationalen politischen Organisation, der III. Internationale, klare Gedanken. Noch viel mehr aber brauchen wir eine Armee, die Gewerkschaften, die unserem Ruf folgen würden, wenn es heißt, sich in den Kampf stürzen.
Die Parole, das Programm der III. Internationale in der Gewerkschaftsfrage muß daher jedem einzelnen so klar gemacht werden, wie irgend möglich.
Die Leitsätze, die die Exekutive ausgearbeitet hat, liegen uns heute noch nicht vor. Es ist daher vorläufig eine schwierige Aufgabe, unsere Ansichten über die verschiedenen Punkte in eine konkrete Form zu fassen. Erst morgen werden wir die einzelnen Punkte gründlich durchnehmen können. Wir müssen also bei unserer Erörterung erstens unsere persönliche Erfahrung und zweitens die Leitsätze des II. Kongresses der III. Internationale in Betracht ziehen. Der Zweite Kongreß der Internationale hat uns gezeigt, welches die grundlegenden Punkte unseres Programms über die vorliegende Frage sind. Wir sind im großen und ganzen mit den Leitsätzen des II. Kongresses vollkommen einverstanden, namentlich mit dem Punkt, der besagt, daß die wirtschaftlichen und die gewerkschaftlichen Organisationen von der politischen Partei abhängig sein müssen und daß die Kommunisten zur Aufgabe haben, sich die leitenden Posten in den Gewerkschaften zu erobern. Die Frage muß augenscheinlich so gestellt werden: Falls die Gewerkschaften eine gewisse Autonomie besitzen müssen, so muß in gewissem Maße auch mit der Notwendigkeit einer formellen, äußeren Autonomie gerechnet werden, dem Wesen nach aber müssen die Gewerkschaften sich voll und ganz der politischen Bewegung unterordnen. Um diese Disziplin zu erzielen, müssen wir uns hauptsächlich auf die kommunistischen Mitglieder der politischen Partei verlassen und in die leitenden Organe, ins Herz der Gewerkschaften eindringen.
Wir müssen danach streben, zwischen den gewerkschaftlichen und den politischen Organisationen eine vollkommene Einigkeit herzustellen; sobald die politische Organisation, der Generalstab unserer Armee, eine Order ausgibt, müssen wir imstande sein, unverzüglich eine geschlossene, disziplinierte Armee ins Feld zu führen.
Unser Kongreß muß daher das Programm der formellen Autonomie ein für allemal klarlegen. Man muß den Arbeitern zu verstehen geben, daß es von nun an bloß einen einzigen Kampf geben kann, den endgültigen Kampf für die Revolution der Arbeitermassen, für den Sieg des Kommunismus.
Wir dürfen bei den kleinen Kämpfen der Vorkriegszeit nicht stehen bleiben. Wir müssen es klar machen, daß die kleinen Kämpfe nur den endgültigen Kampf aufhalten.
Wir werden diese kleinen Kämpfe nicht vermeiden können; aber durch diese kleinen Zusammenstöße hindurch müssen wir stets daran denken und es den Arbeitern vor Augen führen, daß der große, endgültige Kampf unumgänglich notwendig ist. Nur durch den revolutionären Sturz der kapitalistischen Klasse werden wir alle diese kleinen und großen Probleme der Arbeiterklasse lösen können. Es darf daher bei uns nicht der geringste Zweifel über die Politik der Kommunisten in den Gewerkschaften bestehen.
Auch in den kleinen Kämpfen, die uns bevorstehen (in den Lohnkämpfen, den Streiks zur Erzielung eines verkürzten Arbeitstages) müssen wir unser Programm im Gegensatz zum Programm der Reformisten und der Sozialdemokraten klar formulieren. Es geschah nämlich öfters in Italien (und ich glaube auch in anderen Ländern), daß die Kommunisten sich bei der Aktion ebenso benahmen wie die Reformisten, weil es ihnen an Klarheit mangelte. Unsere Partei sah sich mehrmals gezwungen, gewissen Kommunisten ihre Irrungen vorzuhalten. Wir bitten nun alle Genossen, die russischen wie die ausländischen, uns bei der Formulierung unserer Leitsätze zu helfen, damit wir den Unterschied zwischen dem Kampf der Kommunisten und dem der Sozialdemokraten um die Gewerkschaften für die Zukunft feststellen können. Wir müssen nun eine Frage aufwerfen, die in Italien, ebenso wie in den übrigen Ländern besteht, nämlich die Frage der Fabriksräte. Wir haben in Italien, namentlich in der Stadt Turin, in dieser Frage reiche Erfahrungen gesammelt. In Turin wie auch in anderen Städten haben wir Betriebsräte geschaffen; es ist uns jedoch nicht gelungen, in ganz Italien eine tatsächliche Organisation der Betriebsräte ins Leben zu rufen. Die Leitsätze des II. Kongresses drücken sich in diesem Punkt durchaus klar aus. Der Gedanke der Organisation von Betriebsräten darf jedoch nicht auf dem Papier bleiben. Die Delegierten, die diesem Kongreß beiwohnen, müssen nach ihrer Rückkehr in die Heimat ihr möglichstes daran setzen, um in den Fabriken, wie überall, wo Arbeitermassen sich befinden, Betriebsräte zu gründen. Denn diese Fabriksräte sind für den Kampf gegen den Bürokratismus der alten Sozialdemokraten, die sich jetzt fast in allen Ländern in den Gewerkschaften, in den wirtschaftlichen Organisationen breit machen, von allergrößter Bedeutung. Wir können die Ansicht der K.A.P.D. nicht teilen, daß die Gewerkschaften die Hauptsache sind; wir vertreten die Ansicht, daß die Betriebsräte das richtigste Mittel sind, mit dessen Hilfe wir die Gewerkschaften bekämpfen können. Wir müssen die Gewerkschaften für uns gewinnen, und um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Betriebsräte uns tatkräftig beistehen.
Von den Betrieben aus können wir den Kampf gegen die Sozialdemokraten aufnehmen und sie von den leitenden Posten in den wirtschaftlichen Organisationen verjagen.
Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, von den Betriebsräten zu sprechen, sondern wir müssen dafür sorgen, daß sie in allen Ländern, in allen Gebieten errichtet werden. Ich will mich nicht länger bei dieser ersten Frage der Leitsätze aufhalten, da wir sie morgen noch eingehender erörtern werden. Ueberdies hat es keinen Zweck, den Delegierten, die auf dem II. Kongreß der III. Internationale für die Resolution in dieser Frage gestimmt haben, die Sache noch einmal darzulegen.
Ich bitte um Verzeihung, daß ich einen Augenblick lang auf die italienische Lage zu sprechen komme. Wir müssen uns darüber klar werden, wie unser einheitlicher Kampf in der ganzen Welt steht, wir müssen diesen Kampf auf den verschiedenen Gebieten einheitlich führen.
Wir haben in Italien kommunistische Gruppen, die in politischen Organisationen arbeiten. Sie wirken unter den Arbeitern in den Betrieben und haben zur Aufgabe, die Agitation und die Gewerkschaftskämpfe zu leiten. Wir haben überall kommunistische Gruppen geschaffen. Uns steht auf diesem Gebiet noch ein Stück Arbeit bevor. Ich bitte den Kongreß, durch die Autorität unserer Weltorganisation die Festigung der kommunistischen Gruppen zu fördern und ihnen die Willenskraft einzuflößen, die für die Fortsetzung unserer Arbeit notwendig ist.
Ihr wißt, daß die Italienische Allgemeine Konföderation der Arbeit von Reformisten und Sozialdemokraten geführt wird. Auf dem II. Kongreß habt Ihr unseren D’Aragona und andere gesehen, die an der Spitze der großen Organisationen der Arbeitskonföderation stehen. Wir Kommunisten Italiens haben einen erbitterten Kampf zum Sturz der Reformisten begonnen, und wir haben sie besiegt. Wir haben noch eine große Frage zu lösen, und zwar die Lage der politischen Parteien, damit die italienischen Kommunisten die Möglichkeit gewinnen, die Arbeitskonföderation in ihre Hände zu bekommen. Wir müssen die zweideutige Politik der italienischen Sozialpatrioten und Sozialdemokraten, die zwischen Turati und Serrati hin und her schwanken, endgültig bloßstellen, um den revolutionären Massen Italiens die Möglichkeit zu geben, den Weg zur Kommunistischen Internationale einzuschlagen. Man muß den Arbeitermassen Italiens einschärfen, daß die III. Internationale eine wahrhaft revolutionäre Weltorganisation ist und daß alle diejenigen, die noch außerhalb dieser Organisation bleiben, keine Revolutionäre oder nur sogenannte Revolutionäre sind, die man entlarven muß. denn ihren Taten nach sind sie Gegenrevolutionäre; sie glauben vom Bureautisch aus Revolutionäre zu sein. Die Arbeitskonföderation war ein starkes Bollwerk der Bourgeoisie gegen unsere kommunistische Bewegung. Wir müssen hier erklären, daß die italienischen Kommunisten ihrer Aufgabe gewachsen sind und nicht zulassen werden, — wie es in Livorno und auf dem II. Kongreß der III. Internationale der Fall war — daß eine Stellung eingenommen wird, die an Klarheit und Bestimmtheit viel zu wünschen übrig läßt. Um die Arbeitermassen in den Gewerkschaften für den revolutionären Kampf zu gewinnen, müssen wir mit den doppelzüngigen Reformisten und den falschen Maximalisten brechen. die die schlimmsten Feinde der Sache des Weltproletariats sind.
Wir müssen Euch sagen, Genossen, daß wir es auf dem Kongreß zu Livorno für notwendig hielten, von nun an mit der III. Internationale zusammenzugehen. Die Reformisten hatten jedoch Angst davor, daß die Sozialistische Partei Italiens in der III. Internationale bleiben könnte. Da sie die Mehrheit für sich hatten, begannen sie auf die Organisation einer Arbeiterpartei (il partito di lavoro) hinzuarbeiten. Sie gaben ihr Vorhaben aber auf, als sie sahen, daß die große Mehrheit der italienischen Sozialisten außerhalb der III. Internationale blieb. Die Arbeitskonföderation hat einen erbitterten Kampf gegen die Kommunisten begonnen, um sie aus den Betrieben, von den Sekretärsplätzen in den Gewerkschaften zu verjagen. Nun geht die Konföderation Hand in Hand mit den Bürgerlichen und den Werkführern im Boykott der Kommunisten die die Organisationsarbeit leisten.
Ich muß ferner erwähnen, daß auf dem letzten Kongreß der Arbeitskonföderation in dieser brennenden Frage eine Resolution angenommen wurde, die erklärt, daß die Konföderation in dem Amsterdamer Gewerkschaftsbureau bleibt, jedoch zu diesem Kongreß kommen will, um zu sehen, ob es für sie möglich wäre, der Roten Gewerkschaftsinternationale beizutreten, die mit der III. Internationale Hand in Hand geht. Die russischen Genossen, denen die Führung der Arbeiterbewegung obliegt und die auswärtigen Genossen, die diese Frage auf dem Gewerkschaftskongreß erörtern werden, dürfen daher nicht vergessen, daß diese Führer der Arbeitskonföderation, die hierher kommen, um die Frage der internationalen Lage der Roten Gewerkschaften zu erörtern, die schlimmsten Reformisten sind, die in der ganzen Welt auf das erbitterste gegen die revolutionären kommunistischen Organisationen vorgehen. Man muß achtgeben, nicht in die Falle zu gehen, die sie bestrebt sein werden, unseren kommunistischen Genossen zu stellen. Die italienischen Revolutionäre fühlen sich mit den italienischen Genossen und mit Sowjetrußland durch und durch solidarisch. Gerade deshalb sind die italienischen Reformisten und die falschen Maximalisten bestrebt, mit Moskau und der Kommunistischen Internationale in Verbindung zu treten, um ihre Herrschaft über die Arbeitermassen zu bewahren. Wir müssen diesem Versuch, der einen wahrhaft gegenrevolutionären Charakter trägt, vorbeugen. Wir müssen diese Herren so behandeln, wie sie es verdienen.
Und nun, Genossen, da meine Zeit um ist, möchte ich eine kurze Erklärung abgeben. Die italienische Arbeitskonföderation trägt die Schuld daran, daß die gegenrevolutionären Organisationen. wie z. B. die der Fascisten, aufgeschossen sind. Die Reformisten, die auf dem Standpunkt der Defensive gegen den Angriff der Bourgeoisie und der Weißen Garde standen, sind daran schuld. Wenn die Kommunisten verfolgt wurden, wenn sie nicht die Kraft hatten, den Kampf gegen die Bourgeoisie zu Ende zu führen, so waren es wiederum die Reformisten, die die Schuld daran trugen. Wir lasen heute in den Zeitungen, daß noch weitere 15 kommunistische Arbeiter in Grosseto von den Fascisten und den Bürgerlichen ermordet worden sind. Ich glaube der Stimmung des ganzen Kongresses Ausdruck zu geben, indem ich unser Bedauern und unsere Sympathie für diese Opfer äußere.
Ich bitte den Kongreß um Entschuldigung, da ich noch einige Minuten in Anspruch nehmen will, um Eure Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß die italienischen Reformisten jetzt bestrebt sind, die Gewerkschaften aus Widerstandsorganisationen in genossenschaftliche Organisationen zu verwandeln. Wir haben hier eine Erscheinung vor uns, die sich aus Italien leicht in die anderen Länder verpflanzen kann. Die Gewerkschaften können sich leicht in Organisationen verwandeln, deren einzige Tätigkeit darin besteht, Wäsche, Hüte und Stiefel einzukaufen, um sie den Arbeitern zu billigen Preisen zu verkaufen. So sehen wir z.B., daß die Konföderation der Textilarbeiter Italiens sich seit Monaten mit nichts anderem beschäftigt als mit dem Einkauf von Wäsche und Kleidung für die Arbeiter. Statt gegen die Bourgeoisie zu kämpfen, beschränken sie sich darauf, mit den Fascisten auf diesem Gebiet zu wetteifern.
Bedenkt nun, Genossen, welches neue Kampfinstrument die Organisationen, die Amsterdam gegen die revolutionäre Bewegung unserer politischen Organisationen innerhalb der Gewerkschaften auftreten, dadurch in die Hand bekommen.
Wir haben in Italien ferner einen sogenannten Gewerkschaftsverband. Er steht außerhalb der Arbeitskonföderation. Wir haben unser möglichstes getan, um diesen Gewerkschaftsverband zum Eintritt in die Arbeitskonföderation zu veranlassen, damit alle Arbeiter in derselben Organisation zusammengeschlossen seien. Wir erhielten zur Antwort, daß die Anarchisten und Syndikalisten, die an der Spitze dieses Verbandes stehen, nicht darauf eingehen. Sie sind gegen die Diktatur des Proletariats und gegen den Kommunismus und wollen unserer Organisation nicht beitreten. Man darf sich über diese Organisation keine Illusionen machen. Sie ist nichts weiter als eine fruchtlose, ohnmächtige Kundgebung gewisser Arbeiterelemente.
Ich schließe nun, Genossen. Wir müssen über diese Frage klare Ideen haben, Wir müssen ein bestimmtes Programm aufstellen, das den Beschlüssen des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale und der Erfahrung, die wir gewonnen haben, Rechnung tragen wird. Dies wird uns die Kraft und den klaren Blick verleihen, deren wir bedürfen, um den endgültigen Kampf aufzunehmen und die Arbeiterklasse der Internationale, dem Kommunismus zuzuführen.
Rwal (Oberschlesien). In der Frage der Gewerkschaften möchte ich daran erinnern, daß die Arbeit, welche vor uns steht, die schwierigste in einem Land sein wird, wie z. B. in Oberschlesien oder in manchen Gebieten der Tschechoslowakei, wo nicht eine einheitliche Front des Proletariats gebildet werden kann, wo das Proletariat gemischt ist, was selbstverständlich die Bourgeoisie und die gesamte Konterrevolution ausnutzt. Wir haben sehr viele Erfahrungen, die uns überzeugen können, daß wir besonders in solchen Gebieten in den Gewerkschaften sehr tätig sein müssen, d. h., wir können unsere Tätigkeit in diesen Gewerkschaften, polnischen und deutschen, wie wir sie in Oberschlesien haben, nicht zersplittern, wir müssen sie auf einen Standpunkt stellen und mit großer Mühe, mit allen Kräften sie zu erobern und so eine einheitliche Front des Klassenkampfes zu bilden suchen. Genossen, in Deutschland, wo wir so viele Erfahrungen in der gewerkschaftlichen Arbeit gewonnen haben, wo es so schwer ist, die Gewerkschaften zu erobern, wo die Gewerkschaftsbürokratie heute eine Stütze des gesamten Kapitalismus ist, ist es doch nicht so schwer, die Gewerkschaften zu erobern, wie bei uns in Oberschlesien. Was die Rolle der Gewerkschaftsbureaukratie, der sogenannten Gewerkschaftsbonzen betrifft, so möchte ich hier folgendes betonen: wenn solche Leute wie Noske, der frühere Gewerkschaftsführer, nachdem sie aus den Gewerkschaften weggegangen sind, und sich an die Spitze der sozialbürgerlichen Regierung stellten, um die Arbeiterklasse zu morden, wenn solche Leute, wie Noske, in Deutschland sich für alle Zeiten gebrandmarkt haben, so ist das noch nicht so weit gegangen, wie bei uns, wo die Gewerkschaftsführer noch an der Spitze der Gewerkschaften und gleichzeitig an der Spitze der Konterrevolution stehen. Und wir sehen anläßlich der letzten Ereignisse, wie die Führer der bei uns stärksten polnischen Gewerkschaften — die polnische Berufsvereinigung allein zählt mehr als 120.000 organisierte Arbeiter, die sogenannten klassenbewußten Gewerkschaften zählen mehr als 60 000 organisierte Mitglieder — wie die Führer dieser Gewerkschaften in einen Vollzugsausschuß des polnischen Aufstandes eintreten und mit Herrn Korfanty, dem Führer des Aufstandes, einen Ukas unterschreiben, welcher für die streikenden Arbeiter das Todesurteil bedeutet. Das tun die polnischen Gewerkschaften. Aber andererseits tun dasselbe die deutschen Gewerkschaften, die Kameraden von Noske, und wir sehen in demselben Moment, wo die polnischen Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse losstürmen, die Führer der deutschen Gewerkschaften in einen sogenannten Vollzugsausschuß eintreten, der auf der anderen Seite der Oder in Oberschlesien gebildet wurde. und gemeinsam mit der deutschen Orgesch gegen die gesamte Arbeiterschaft vorgehen. Einige deutsche Gewerkschaftsführer vereinigten sich mit General Höfer und nahmen an der Mobilisierung der Orgesch teil. Während der ganzen Plebiszit-Periode haben sowohl die deutschen, wie die polnischen Gewerkschaften nicht nur die Arbeiterbewegung selbst sabotiert, sondern sie traten direkt als Agenten des deutschen und polnischen Imperialismus auf.
Genossen, in Oberschlesien haben wir auch revolutionäre Gewerkschaften, und ich möchte speziell hier in Oberschlesien eine Union betonen, die ca. 20000 Arbeiter zählt. Selbstverständlich sind diese 20000 Arbeiter revolutionär, sie sind die einzigen klassenbewußten Proletarier, die in diesen letzten, für uns schrecklichen Tagen auf dem Boden des Klassenkampfes gestanden und die nicht in die Orgescharmee eingetreten sind. Es entsteht jetzt die Frage, ob für die weitere revolutionäre Entwickelung, für den Kampf die Union notwendig sein wird, eine Organisation, die auch in Deutschland besteht, die in Deutschland einen Stützpunkt hat. Ich sage auf Grund der Erfahrungen, die wir in unserem Gebiet gemacht haben, daß sie überflüssig ist. Selbstverständlich können wir unsere Kräfte, die dort so schwach sind, nicht in allen Gewerkschaften zersplittern. Das heißt, wir können unsere revolutionären, gewerkschaftlichen Kräfte nicht im Deutschen Allgemeinen Gewerkschaftsbund, in polnischen Berufsvereinigungen oder polnischen P.P.S.-Gewerkschaften oder in syndikalistischen Gewerkschaften zersplittern, die auch dort bestehen. Wir müssen endlich sagen, wie werden wir in den Gewerkschaften, in den Betrieben die Arbeiter organisieren. Und deshalb war bis jetzt die Frage so gelöst, weil es anders nicht möglich war. Und wir in Oberschlesien haben gesagt, es war ein Fehler, daß vor zwei Jahren die Parole: heraus aus den Gewerkschaften! ausgegeben wurde. Der Fehler hat dazu geführt, daß die besten Kräfte wirklich herausgegangen sind und auf die weiteren Kampfereignisse gar nicht einwirken konnten, sie sind isoliert geblieben. Die weitere Entwicklung können wir nicht voraussehen, und wenn Genosse Malzahn sagt, daß wir in den letzten Jahren erlebt haben, daß eine Million gewerkschaftlich organisierter Arbeiter zurückgetreten ist, so ist der Umstand, daß das nicht zu einer weiteren revolutionären Bewegung geführt hat und, daß die Million nicht zu uns gekommen ist und sich nicht in den Unionen organisiert hat, ein Beweis dafür, daß sich die Gewerkschaftsbewegung jetzt im großen und ganzen im Rückgang befindet. Und die Erfahrungen lehren uns, wir müssen die Gewerkschaften erobern, denn wir wissen ganz genau, daß wir ohne die Eroberung der Gewerkschaften keinen entscheidenden Kampf führen können, daß es ohne die Gewerkschaften für die Arbeiterklasse nicht möglich ist, endgültig gegen kapitalistische Ordnung vorzugehen. Deshalb müssen wir auch die Politik des Hineingehens in die Gewerkschaften treiben und in den Gewerkschaften unsere Organisationen ausbauen. Als Beweis, wie stark jetzt die Gewerkschaften sind, muß ich hier wiederholen, daß in der ganzen Plebiszitperiode, also fast anderthalb Jahre, die deutschen wie die polnischen Gewerkschaften die wirklichen Werkzeuge, nicht des revolutionären Kampfes, aber die wirklichen Werkzeuge der imperialistischen Politik des bürgerlichen Polens und des bürgerlichen Deutschlands waren. Die Gewerkschaftsführer und die Gewerkschaften, polnische und deutsche, anstatt den Klassenkampf zu führen, anstatt den Kampf gegen die Herabdrückung der Löhne, gegen die sogenannte siebente Schicht zu führen, haben sich alle nur mit nationalistischen Kämpfen befaßt, und zwar nicht nur ideell, sondern praktisch. Die polnischen Berufsvereinigungen haben militärische Arbeiterorganisationen für einen eventuellen Aufstandsputsch aber mehr noch für den alltäglichen Kampf gegen die revolutionären Arbeiter organisiert. Und dasselbe haben die deutschen Gewerkschaftsbonzen getan: sie waren während der ganzen Zeit Stützpunkte der Orgesch. Jetzt sehen wir, Genossen, daß in der letzten Zeit — ich möchte bei diesem Anlasse die großen Führer des Amsterdamer Gewerkschaftsbundes brandmarken — in Oberschlesien, wo die Bewegung sich in eine revolutionäre Bewegung umwandeln konnte, die Arbeiter in einzelnen Gruben. wo sie sich nationalistisch organisiert hatten, nach ein paar Wochen enttäuscht, auf einzelnen Gruben die Rote Fahne hissen, und gleichzeitig die Gewerkschaftsbonzen, die Bürokratie, mit der Bourgeoisie den Aufstand liquidiert haben. Noch mehr, der Präsident von Amsterdam, Jouhaux, und seine Kameraden sind speziell zu uns gekommen, um die Arbeiter, die revolutionär werden, mit der Lüge zu beruhigen, die Oberschlesische Frage werde angeblich in einer für die Arbeiterklasse günstigen Weise gelöst werden, jeder Arbeiter solle in die Grube gehen und seine Waffe niederlegen. Hier möchte ich nochmal betonen, daß wir in den weiteren Kämpfen auf dem Standpunkt stehen: hinein in die Gewerkschaften, Eroberung der Gewerkschaften durch die revolutionären Betriebsräte. (Lebhafter Beifall.)
Haywood (Amerika). Zuerst möchte ich die Thesen des Genossen Sinowjew an derjenigen Stelle verbessern, wo es heißt, daß seit Schluß des Krieges die Mitgliederzahl der Gewerkschaftsvereine gerade in den Vereinigten Staaten gestiegen sei; beim Lesen dieser Thesen könnte man glauben, daß schlechte Zeiten und Arbeitslosigkeit die Arbeiter der Vereinigten Staaten in die Vereine getrieben haben. Dieses entspricht nicht den Tatsachen. Tatsächlich hat sich die Mitgliederzahl der amerikanischen Arbeiterföderation merklich vermindert. In schlechten Zeiten kann die amerikanische Arbeiterföderation (American Federation of Labour) nicht wachsen. Ihre Verstärkung war vom Kriege und von vielen mit dem Kriege verbundenen Bedingungen abhängig. Den größten Zuwachs an Mitgliedern in kürzester Zeit erlebten wir während des Krieges. als die Regierung alle auf den Werften, Munitionswerken und an der unmittelbaren Kriegsindustrie tätigen Arbeiter aufforderte, in die Amerikanische Arbeiterföderation einzutreten. Ich wollte, ich könnte in den mir gegebenen 10 Minuten diesem Kongreß zeigen, was die amerikanische Arbeiterföderation vorstellt. Jedes Stück Mörtel, welches zu ihrem Aufbau gebraucht wurde, ist aus dem Blute des Haymarketmordes gemacht worden. Ich hoffe, daß ich in Zukunft Gelegenheit dazu finden werde, die Geschichte dieser sogenannten Arbeiterorganisation, die nichts anderes, als ein Partner und ein Werkzeug der Regierung und der kapitalistischen Klasse ist, klarzulegen. Die amerikanische Arbeiterföderation legte durch ihr Exekutivkomitee der Versammlung in Denver, die im vorigen Monat stattfand, das folgende eigentümliche Dokument vor:
„Die organisierten Arbeiter der Vereinigten Staaten dürfen keinen Schritt unternehmen, der wie eine Unterstützung oder Billigung der Sowjetregierung Rußlands ausgelegt werden kann. Die Exekutivversammlung der Amerikanischen Arbeiterföderation warnte in ihrem Jahresbericht, der hier ergänzt werden soll. die Föderation in einer langen Deklaration, die der jährlichen Versammlung in Denver vorgelegt werden soll, vor der Sowjetregierung, die nicht als Vertreter des russischen Volkes gelten kann, und erklärte, daß diese Regierung der gewerkschaftlichen Bewegung feindlich gegenüberstehe.“
In den Thesen des Genossen Sinowjew sind zwei Abschnitte, die dringend besprochen werden müssen, und die diese Konferenz ernstlich in Betracht ziehen muß. Es sind die Abschnitte 5 und 6 des Paragraphen 1, in denen von der Notwendigkeit der Arbeit in revolutionären Organisationen und von der Unterstützung der kleinen revolutionären Zellen jedes Landes die Rede ist; hier müssen wir uns auf die Organisation der „Industriearbeiter der Welt“ (Industrial Workers of the World) der Vereinigten Staaten Amerikas berufen. Ich betone dies, weil ich weiß, daß es in der amerikanischen Delegation Elemente gibt, die für die Amerikanische Arbeiterföderation stehen, Elemente, die den Wunsch hegen, die I. W.W. zu liquidieren. Genossen, die Vereinigten Staaten haben 15 Jahre lang versucht. die I.W.W. zu liquidieren. Jede kapitalistische Institution im einzelnen. alle vereinigten kapitalistischen Institutionen und die Presse der Vereinigten Staaten haben dies versucht. Jetzt haben diese Gewerkschaftsvereinler einen anderen Weg eingeschlagen: sie sind nach Moskau gekommen, um es bei der Roten Internationale, wenn möglich, durchzusetzen, daß sie dem Bureau der Kommunistischen Partei die Instruktion zukommen läßt, die I. W.W. zu liquidieren. Und weshalb? Weil wir nicht so viel Mitglieder zählen, wie es nötig wäre. Sie führen das Wachstum der Amerikanischen Arbeiterföderation als Beispiel an und sagen von uns, den Mitgliedern der I. W.W.:
„Ihr bringt es ja zu nichts, Ihr seid nur eine Handvoll“. Sie lügen, sie wissen nichts von der I.W.W. Die I.W.W. ist eine Organisation, die für den revolutionären Arbeiter der Vereinigten Staaten von ungeheurer Bedeutung ist. Diese Organisation zählte zu ihren Mitgliedern zuerst die westliche Föderation der Grubenarbeiter, späterhin die „Arbeitsritter“ (Knights of Labour), welche von der amerikanischen Arbeiterföderation während des Prozesses anläßlich der Haymarket- Affaire ausgestoßen wurden, als die kapitalistische Presse diese Organisation töten wollte, und der alte Trunkenbold und Wüstling Sam Gompers die Gelegenheit benutzte, um den Arbeitern der Vereinigten Staaten die Amerikanische Arbeiterföderation unterzuschieben.
Die I. W.W. wurde beschuldigt, daß sie für den Austritt der Arbeiter aus den Gewerkschaftsvereinen stehe. Aber dies ist auch nicht wahr. Tausende von Mitgliedern der I.W.W. gehören auch der Amerikanischen Arbeiterföderation an. Die I.W.W. aber ist eine revolutionäre Organisation. Sie betont die Notwendigkeit der Vernichtung des Lohnarbeitssystems. Sie erkennt den Klassenkampf an. Nicht weniger als 30 000 ihrer Mitglieder waren verhaftet und in Gefängnissen eingeschlossen. Viele sind ermordet worden. Sie sind verleumdet, verlästert und erniedrigt worden. Es gibt keine kapitalistische Zeitung in den Vereinigten Staaten, die es wagt, über diese Organisation der I. W. W. die Wahrheit zu sagen. Die I. W.W, besteht aus Männern und Frauen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die kapitalistische Ordnung zu vernichten. und sie wird beim Klassenkampf in der vordersten Reihe stehen. Sie hat dies schon bewiesen. Sie ist von der Amerikanischen Arbeiterföderation angegriffen und angeschwärzt worden. Jedes Mal aber, wenn die Amerikanische Arbeiterföderation gestreikt hat. hat die I. W.W. die Arbeiter unterstützt. Ich mache, selbstredend, die ganze Organisation, die Massen, die hinter der Amerikanischen Arbeiterföderation stehen, nicht verantwortlich für die Schurkereien eines Sam Gompers, aber wir wissen, daß solche Menschen wie er, nicht die einzigen reaktionären Elemente der Amerikanischen Arbeiterföderation sind, und wenn es gelingt, die Führer dieser Organisation zu demaskieren, so sind wir dem Übel noch nicht auf den Grund gekommen. Diese Bestechlichkeit, diese Fähigkeit, von den Kapitalisten hier und da einen Nebenverdienst zu ergattern, ist nicht allein unter den Führern verbreitet, sondern erstreckt sich bis auf die allerunansehnlichsten Agenten. Die ganze Organisation ist verderbt. Die Kommunisten erkennen überall die Notwendigkeit der industriellen Organisationen an. Gerade hier in Rußland sind sie nötig. Die russische Revolution haben nicht die Kommunisten, aber die Arbeiter gewonnen, diese Klasse jedoch war in Rußland in industrieller Hinsicht nicht organisiert, das Resultat könnt Ihr jetzt sehen. Sie haben den Klassenkampf durchgefochten, sie haben im Bürgerkrieg gesiegt. Sie kämpfen eben noch unter der Diktatur des Proletariats: aber weil sie nicht wirtschaftlich organisiert sind, ist die russische Industrie eben fast ganz paralysiert. Ich erkenne die große Entwässerungsarbeit an, die in dem Bergdistrikt des Don-Bassins durchgeführt wurde. Ich ziehe die 4 Kriegsjahre, die 3 Jahre der mannigfaltigen Konflikte, die dieses große Land durchzumachen hatte, in Betracht, aber ich bin doch überzeugt, daß es für Rußland viel leichter wäre, wieder hochzukommen. wenn die russischen Arbeiter dieselbe revolutionäre wirtschaftliche Bildung genossen hätten, wie die Mitglieder der I. W.W. Diese Organisation hat 800 000 Mitgliedskarten herausgegeben, der Delegierte aus der Roten Internationale ist der Vertreter von 80--100 000 Mitgliedern. Wir sind in sechs Sektionen organisiert, die sich wiederum in industrielle Vereine verteilen. so daß die I.W.W. alle Arten der Arbeit umfaßt. Einige dieser industriellen Vereine besitzen, trotz der Intriguen und Machinationen der amerikanischen Arbeiterföderation und der kapitalistischen Klasse, den Vorrang. Die I.W.W. hatte viele schwere Kämpfe in den Vereinigten Staaten zu bestehen. Sie war so vielen Kränkungen ausgesetzt und hat so viel Opfer gebracht, wie keine andere Organisation. Sie hat den Stahlstreik in der McKees Rocks ausgefochten und ist die einzige Organisation, die sich rühmen kann, den Stahltrust geschlagen zu haben. Die I. W.W. organisierte den nordkanadischen Streik und errang bessere Bedingungen für die Arbeiter. Sie führte den Textilstreik in Lawrence, und erhielt 25—30 % Lohnerhöhung für die unqualifizierten Arbeiter. Keine andere Organisation kann sich dessen rühmen. Sie führte den Streik der Seidenindustriearbeiter von Paterson und Streiks für Redefreiheit in fast allen Städten Amerikas. Wir haben so ehrlich gekämpft. daß alle Staaten, außer einem einzigen, antianarchistische Gesetze gegen uns, die I.W.W, eingeführt haben, und doch hat die I. W.W. ihre große Bedeutung erhalten, obwohl Hunderte ihrer Mitglieder im Gefängnis schmachten, auch ich als Flüchtling hier in Rußland leben muß. Ich bin hier aus demselben Grunde, dessentwegen die Russen ihre große und ruhmreiche Heimat seinerzeit verlassen mußten, als noch der Zar in diesem Saal auf dem Throne saß.
Die I.W.W. besitzt eine große Druckerei. in der revolutionäre Literatur gedruckt wird. Wir haben Hallen und Lager und Kooperativ-Hotels in dem Westen der Vereinigten Staaten. besonders dort, wo die finnischen Arbeiter versammelt sind. Und nun hören wir hier. in der Roten Internationale Stimmen. die für die Liquidierung der I. W. W. agitieren; diese Menschen verstehen nicht, was es für die Revolution bedeutet, eine revolutionäre Gruppe zu besitzen, einen Kern, auf den man sich verlassen kann, der in seiner Entwicklung gezeigt hat, daß er für die Revolution reif ist, der im Klassenkampf und im Bürgerkrieg seinen Mann stellen kann, der die Bedeutung der Diktatur des Proletariats voll zu schätzen versteht. Solch ein Kern ist die I.W.W. Und deshalb möchte ich den Kongreß der Roten Internationale überzeugen. keine Resolution, die gegen die I. W. W. gerichtet ist. zu unterstützen.
Brand (Polen). Ich möchte einige Worte an die Syndikalisten aus Frankreich. Spanien und anderen Ländern richten. die diesem Kongreß beiwohnen. Genossen, Ihr seid hierher gekommen, um mit uns zusammen für die Befreiung von der kapitalistischen Herrschaft, für die Befreiung der Arbeiterklasse zu arbeiten. Wir wissen, daß Ihr in der Frage der Beziehung der Parteien zu den Gewerkschaften andere Ansichten habt. als wir, aber keiner von Euch hat die Tribüne bestiegen, um uns seine Stellungnahme darzulegen. Wir möchten gern die Ansicht authentischer Personen hören. Wir bitten Euch daher, von Eurer beratenden Stimme Gebrauch zu machen und uns hier Eure Anschauungen zu entwickeln.
Losowski. Genossen. ich bin kein revolutionärer Syndikalist und bedaure, mich nicht auf ihren Standpunkt stellen zu können. Was die Frage des revolutionären Syndikalismus anbelangt, die Genosse Brand soeben behandelt hat, so können wir ein Dokument anführen, das in der „Humanité“ vom 21. Mai abgedruckt ist: die Deklaration des Zentralkomitees des revolutionären Gewerkschaftsrats. Die Deklaration beginnt. wie folgt: ..Das Revolutionäre Gewerkschaftskomitee verkündet die volle Unabhängigkeit und Autonomie des französischen Syndikalismus und stellt sie außer jeden Zweifel.“
Hier liest die ganze Philosophie des Syndikalismus, die vollständige Unabhängigkeit und die Autonomie.
Es handelt sich nun darum, festzustellen: Unabhängigkeit, von wem, und Autonomie, mit wem? Es fragt sich, worum es sich in diesen Unabhängigkeitsformeln handelt, und wie der Begriff der Autonomie aufgefaßt wird? Es handelt sich darum, die Idee, welche die Kommunisten von der gemeinsamen Arbeit ausschließt. derjenigen gegenüberzustellen, welche durch das Zusammenarbeiten der Kommunisten und Syndikalisten dem gemeinsamen Ziel zustrebt. Es handelt sich darum, die Richtlinien der kommunistischen Bewegung einer anderen Idee gegenüberzustellen, nämlich der, welche der revolutionäre Syndikalismus für genügend hält, um die soziale Revolution herbeizuführen und die künftige Gesellschaft aufzubauen. Hierin liegt der Sinn des revolutionären Syndikalismus. Aber man muß wissen, ob es für den Kampf, den wir in England, Deutschland und Frankreich führen, genügt, eine vom Kommunismus unabhängige Arbeiterbewegung zu haben. Ist dies überhaupt möglich oder nicht? Ich will Euch durch Tatsachen beweisen, daß die Formel. die von der heiligen Charte d’Amiens vom Jahre 1906 herstammt, schon recht veraltet ist und daß es an der Zeit wäre, sie gründlich zu verbessern. Weil wir die Unabhängigkeit und die Autonomie der Gewerkschaftsbewegung verkündigen, so sagen wir damit, daß es zwei Bewegungen gibt, die parallel laufen. aber nicht demselben Ziel zustreben. Wir sagen damit, daß es einen Syndikalismus gibt, der den Kommunismus ersetzen will und außerdem noch einen anderen; daß es zwei gleichlaufende Bewegungen gibt. die wohl gute Nachbarschaft miteinander halten und einander begrüßen, um gleich darauf auseinanderzugehen. Aber ist es im sozialen Kampf möglich. daß das Proletariat sich in zwei Organismen spalte. daß es zwei Seelen habe, von denen die eine syndikalistisch und die andere kommunistisch ist? Ist es möglich. daß irgendein vom Kommunismus durchdrungener Organismus völlig autonom sei? Ich habe unsere Genossen. die Syndikalisten. gefragt: wenn es nun zwei parallele Organisationen gibt. soll man eine Brücke zwischen ihnen errichten? Sie antworten: Keine Brücke, sondern einen Steg. und zwar keinen festen, damit man ihn nicht überschreiten kann. Wenn sie unter einem engen Bündnis nichts anderes verstehen, als einen Steg. so wird der Syndikalismus geschlagen werden, ebenso wie der Kommunismus. Denn die Bourgeoisie kann nur dann besiegt werden. wenn die Vorbedingungen des Sieges und der Einheit — Einheit des Zieles, der Tat. des Willens und des Kampfes vorhanden sind. Die Ideen. die unsere syndikalistischen Genossen verfechten.. gehen aber sämtlich dem Siege der Arbeiterklasse zuwider.
Die syndikalistischen Genossen befinden sich auf falschem Wege: schon nach wenigen Monaten werden sie einsehen müssen. daß diejenigen, die für die Charte d’Amiens sind. gegen uns sind und mit denjenigen Leuten einen Block eingehen werden. die für die Reformisten sind. Die Charte d’Amiens ist aber nicht nur die Parole des C.C.R., der Jouhaux usw.; auch Merrheim und andere verkünden es an allen Straßenecken. daß sie für die Charte d’Amiens sind. Auch die syndikalistischen Kommunisten reiten dasselbe Steckenpferd. Ihr wißt recht gut. daß diese beiden Tendenzen. der reformistische Syndikalismus und der revolutionäre Syndikalismus. einander in der Arbeiterbewegung als Klassenfeinde gegenüberstehen. Es ist merkwürdig, daß die Gewerkschaftsführer stets von der Charte d’Amiens sprechen und nicht bemerken. daß ihre Feinde unter derselben Fahne der Charte d’Amiens die syndikalistische Bewegung zu erdrosseln suchen und Gott ums Wohl der heiligen Charte d’Amiens anflehen.
Genossen, in diesem erbitterten Kampf müssen der Kommunismus und der Syndikalismus Hand in Hand gehen. Wenn sie nicht zusammengehen, so werden sie gegeneinander vorgehen. Dies ist die einzige Alternative. Ihr werdet Euch in Eurem eigenen Lande davon überzeugen. Um Euch nun zu beweisen, daß man in der internationalen Politik nicht zwischen der II. und der III. Internationale hin- und her schwanken kann, will ich Euch eine kleine Episode aus den Verhandlungen zwischen der Italienischen Konföderation der Arbeit und dem offiziellen Vertreter des Amsterdamer Gewerkschaftsbüros Oudegeest erzählen. Oudegeest begab sich nach Mailand und wurde von der Arbeitskonföderation auf das herzlichste empfangen. Wie Oudegeest sagt, war er von dem warmen Empfang, den die Vertreter der italienischen Arbeitskonföderation bereitet hatten, aufs höchste gerührt. Genossen, sagte er. wir dürfen uns nicht durch theoretische Unstimmigkeiten entzweien lassen. Wir müssen uns auf dem Gebiete der Praxis verständigen. Also Oudegeest war tief gerührt. Ich führe dieses Beispiel an. um Euch zu zeigen, daß zwischen dem Amsterdamer Gewerkschaftsbüro und der Italienischen Arbeitskonföderation nur theoretische Differenzen bestehen.
Nun, noch ein zweites Beispiel. Wie Ihr wißt, Genossen, herrscht in Spanien der weiße Terror. Vor einigen Tagen erfuhren wir, daß eine Anzahl von Syndikalisten in Spanien ermordet wurden. Tag für Tag werden dort revolutionäre Arbeiter auf Befehl der Regierung massenweise aufs grausamste hingemordet. Sogar dem Amsterdamer Gewerkschaftsbüro wird die Geschichte zu bunt, es schreibt an die spanische Regierung einen Brief, in dem es wörtlich heißt:
„Das Internationale Gewerkschaftsbüro wünscht der Madrider Regierung in Erinnerung zu bringen, daß sie sich dem Punkt 13 des Versailler Vertrags angeschlossen hat, der die Anerkennung der Gewerkschaftsorganisation feierlichst bestätigt: daß diese Regierung auf der Internationalen Konferenz in Washington vertreten war und durch ihren Vertreter, den Vicomte de Eza sich den Abkommen angeschlossen hat, die durch den Versailler Vertrag und den Völkerbund die Grundsätze der Freiheit und der Rechte der Arbeit ratifizieren und in Kraft setzen; daß die spanische Regierung in dem Verwaltungsrat des Arbeitsbüros ihren Vertreter — Vicomte de Eza besitzt, und daß die Hauptfunktion dieses Büros darin besteht, über die Respektierung der Rechte der Arbeiter und die Durchführung der internationalen Abkommen zu wachen.“
In solchem freundschaftlichen Tone verkehrt die Amsterdamer Organisation mit der spanischen Regierung, die solche Grausamkeiten veranlaßt. Es wird ihr gesagt: Du hast doch den berühmten Versailler Vertrag unterschrieben, in dem von der Freiheit der Arbeiter die Rede ist. Und nachdem Amsterdam solch süßliche Worte an die spanische Regierung richtet, begibt sich sein Vertreter nach Italien und sagt: Italienische Arbeiter, fort mit den theoretischen Zwistigkeiten, wir müssen uns über wirtschaftliche und andere Fragen einigen.
Führen wir noch ein anderes Beispiel an. Die Amerikanische Arbeitsföderation ist von dem revolutionären Vorgehen des Amsterdamer Gewerkschaftsbüros vollständig befriedigt. Aber nein, für Gompers ist selbst die Amsterdamer Internationale zu revolutionär. Er wirft ihr vor, ein Manifest herausgegeben zu haben, in dem erklärt wird, daß diese revolutionäre Internationale Appleton ihr Vertrauen entzogen hat. Jouhaux, Mertens und andere schreiben nun an Gompers: Aber, mein lieber Gompers, wie kommst Du nur darauf, daß wir revolutionär sind? Und über die Appletonische Frage sagen sie: Aber höre doch mal, wir sind doch wirklich nicht schuld daran, daß Appleton gehen mußte; es passierte ihm ja auf dem Kongreß von Portsmouth ein kleines Malheur. Die englischen Trade Unionisten drücken sich also aus: „Dies geschah keineswegs deshalb, weil wir zu revolutionär sind, sondern weil die 8 Millionen Gewerkschaftsmitglieder, die in dem Parlamentskomitee der Trade Unions ihres eigenen Landes organisiert sind, ihm ihr Vertrauen entzogen.“ Ihr seht also, daß es nur theoretische, abstrakte Meinungsverschiedenheiten sind, die Amsterdam von Moskau trennen!! Die Vertreter von Amsterdam begeben sich also zur Italienischen Arbeitskonföderation, wo sie nicht nur mit schönen Begrüßungsreden empfangen werden, denn Oudegeest begab sich sicherlich nur der Reden wegen nach Mailand. Er fuhr dorthin, um sich mit der Arbeitskonföderation über praktische Fragen der Zusammenarbeit zu verständigen. Mit einem Wort, wir haben hier eine zweite Auflage des Romans von Washington vor uns. Die Vertreter der Delegation der Italienischen Arbeitskonföderation sagen: wir wollen auf die Rückkehr unserer Delegierten aus Moskau warten. Sie wissen noch nicht, ob sie es mit Moskau oder mit Amsterdam halten werden. Sie stehen vor zwei Heubündeln: Moskau und Amsterdam. Sie wissen noch nicht, wohin sie ihre Schritte lenken wollen. Sie entsenden Delegierte nach Moskau und warten, bis das Tor sich öffnet und sie mit Herrn Oudegeest verhandeln können.
Ich frage Euch nun, Genossen, ist diese Politik der Neutralität etwa eine Politik der Unabhängigkeit, der Autonomie? Nein, sicherlich nicht. Waren die revolutionären Syndikalisten in ihren kommunistischen Aktionen unabhängig, autonom? Nehmen wir die berühmte Charte d’Amiens, die 1906 ausgearbeitet wurde. Ich frage nun die alten Syndikalisten, die Mitglieder der italienischen Partei: War die Italienische Arbeitskonföderation etwa nach der Charte d’Amiens der ganzen Schule der Autonomie gegenüber neutral? Nein, sie hielt es mit den Anarchisten. Die anarchistischen Führer schrieben für alle Organe der Arbeitskonföderation; es wurden anarchistische Redakteure aufgefordert. Ist das etwa nicht wahr? Seht Euch bloß das „Voix du Peuple“ an, seht Euch die ganze Literatur der Italienischen Arbeitskonföderation seit 1906 an. Ich behaupte, daß sie nie neutral gewesen ist, denn die Neutralität ist eine Unmöglichkeit, sie besteht in der Wirklichkeit nicht. Sie sitzt nur in den Köpfen der Führer. die damit ihren Standpunkt gegen die Neutralität und ihre Opposition gegen gewisse Begriffe und gegen den wahren Kommunismus verhüllen wollen. Das ist der ganze Sinn, den wir in dieser Theorie der Unabhängigkeit und Autonomie entdecken können.
Was die Charte d’Amiens anbelangt, so werfen uns die Genossen vor, daß wir zurückgeblieben sind. Dies wundert mich. Ich frage die revolutionären Syndikalisten, die die Revolution machen wollen: Ist im Zeitraum von 1906—1921 außer der Charte d’Amiens irgend etwas getan worden? Man hat den Weltkrieg gemacht, wir aber haben die soziale Revolution ins Leben gerufen. Hat sie nicht die ganze Welt verändert? Die Charte d’Amiens aber steht für alle Zeiten unerschütterlich da! Dies ist unbegreiflich. Dies ist aber eine Taktik, die sich hinter der Autonomie und der Unabhängigkeit versteckt, sie ist nichts anderes, als die Furcht, daß jemand von auswärts das Gebiet besetzen, sich der Gewerkschaftsbewegung bemächtigen und die Arbeiterorganisationen zerstören könnte. Sie ist ein Mangel an Vertrauen in die eigene Kraft, in sich selbst. Dies liegt der ganzen Theorie zugrunde.
In der Charte d’Amiens heißt es: „Was Einzelpersonen anbetrifft, so erkennt der Kongreß folglich die volle Freiheit der Gewerkschaftsmitglieder an, außerhalb der kooperativen Gruppierungen sich an Kampfformen zu beteiligen, die ihrer philosophischen oder politischen Auffassung entsprechen. Der Kongreß bittet sie bloß, die Ansichten, die sie außerhalb der Gewerkschaften vertreten, nicht in die Gewerkschaften mit hineinzubringen.“
Genossen, dies ist ein Blödsinn, es sind blödsinnige Bagatellen, wie ein großer russischer Schriftsteller sagt. Kann man von irgend jemandem verlangen, daß er seine Auffassungen nicht mitbringt? Könnt Ihr etwa zwei Auffassungen haben, eine außerhalb und eine innerhalb der Gewerkschaften, eine in der Partei und eine in den Gewerkschaften? Ihr habt zwei Taschen, in der einen tragt Ihr kommunistische, in der anderen sozialistische Auffassungen. Wenn Ihr in den Gewerkschaften seid, so zieht Ihr aus einer Tasche die passenden Auffassungen hervor, wie wenn man Ware einem bestimmten Schrank entnimmt. Genossen, es ist mir unbegreiflich, und ich frage mich, wie diese große syndikalistische Bewegung, diese große Revolution in den 15 Jahren ihres Bestehens die Genossen nicht gelehrt hat, daß es unmöglich ist, solch ein Doppelleben zu führen. Denn man kann niemandem sagen: laß deine eigenen Auffassungen beiseite. Lieber Gott, ich kann doch nicht ohne Ansichten in die Gewerkschaft gehen. Was soll das heißen?
Statt sich immer wieder auf die Charte d’Amiens zu beziehen. ist es meiner Ansicht nach die höchste Zeit, daß eine neue Charte ausgearbeitet wird. Wir haben hierfür die nötigen Dokumente, wir haben Tatsachen, wir haben Revolutionen; mit einem Wort, wir besitzen alles erforderliche Material, um ein neues Gebäude zu errichten.
Man kann nicht ewig von dieser kleinen Charte d’Amiens zehren. Es muß ein neues Gebäude errichtet werden, das den jetzigen Anforderungen entspricht. Deshalb ist selbst die Parole der Charte d’Amiens irrig und wird keine Ergebnisse zeitigen. Die Bewegung der Massen wird Euch zwingen. eine andere Charte auszuarbeiten, keine Charte d’Amiens, sondern eine, die den Anforderungen der Zeit entspricht.
Und nun zum letzten Absatz der berühmten heiligen Charte d’Amiens: „Wir fordern, daß Einzelpersonen nicht mit ihren eigenen Auffassungen zu uns kommen; was aber die Organisationen anbelangt, so erklärt der Kongreß folgendes: damit der Syndikalismus möglichst große Wirksamkeit erziele, muß die wirtschaftliche Aktion sich unmittelbar gegen die Arbeitgeber richten; die konföderierten Organisationen haben sich als gewerkschaftliche Gruppierungen nicht mit Parteien und Sekten abzugeben, die außerhalb und abseits in voller Freiheit die soziale Umgestaltung anstreben können.“
Gewissen Gruppen wird die Möglichkeit gegeben, sich frei zu betätigen. Wie kulant von der Charte d’Amiens!
Genossen, handelt es sich etwa darum, ob diese Gruppen sich betätigen können oder wollen? Nein. Es handelt sich darum, die Bestrebungen der Organisationen, die das gleiche Ziel haben, zusammenzuschließen. Wenn Ihr nun in Frankreich die „Unabhängigkeit und Autonomie“ zur Grundlage Eurer Organisation macht, so muß ich Euch sagen, daß Ihr einen Schritt rückwärts tut. Wenn Ihr die Reformisten verjagt, wenn Ihr sie durch Fenster und Türen hinauswerft, so macht Ihr einen Schritt vorwärts, Wenn Ihr aber die Autonomie und Unabhängigkeit verkündet, so macht Ihr zwei Schritte rückwärts, denn Eure Auffassung ist irrig. Den Verfechtern der Unabhängigkeit und Autonomie sagen die Jouhaux und Konsorten: „über die Charte d’Amiens sind wir schon einig.“
Dies erinnert mich an die Zeit, als ich in Deutschland war. Als ich hinkam, erzählte man mir, daß die Regierung aus Unabhängigen und Mehrheitssozialisten besteht. Eine Woche lang zerbrachen sich die Unabhängigen und die Mehrheitler die Köpfe darüber, wie sie irgend ein Programm zusammenstoppeln könnten. Schließlich sagten sie sich: „Laßt uns auf der Grundlage des Programms vom Jahre 1891 eine Regierung aus fünf Mitgliedern bilden.“ Ich fürchte nun, Genossen, daß es eine überaus gefährliche Taktik ist, noch weiter über die Charte d’Amiens zu grübeln. Ich sage Euch dies in aller Freundschaft; wir sehen alle Schwierigkeiten, die in Frankreich bestehen, die Stimmung der Arbeiter, den Verrat der Parteiführer. Die Parteiführer, die die Arbeiter verraten haben, halten gute Kameradschaft mit den Führern des Syndikalismus; man kann sie alle in denselben Sack stecken. Es handelt sich aber nicht um die Führer, es handelt sich um die Richtung der Bewegung. Dieser Kongreß, die Aktion, die wir in jedem einzelnen Lande führen, müssen eine geradlinige, kraftvolle Aktion fördern. Eure Parolen taugen nichts, was Ihr sagt, führt nur zum Wirrwarr, von dem wir in der Charte d’Amiens ein Beispiel haben.
Ich mache nun Schluß mit der Charte d’Amiens und hoffe, daß auch Ihr recht bald mit ihr fertig sein werdet. Und nun noch einige Worte über die Frage der Gewerkschaften, der Kommunistischen Internationale und der K.A.P.D. Die Genossen aus der K.A.P.D. haben ihre eigene Charte d’Amiens. Sie besteht darin, daß die Gewerkschaften zerstört werden müssen. Ja, diese Gewerkschaften! Sie stehen an der Spitze der Banditen, der Reformisten. Man muß das Haus in Brand stecken, es verlassen und eine kleine Hütte bauen, die ausschließlich die Gerechten beherbergen wird. Es ist wahr, wir werden dann keine zehn Millionen haben; aber fünfzig Tausend werden mit uns sein, sie werden mit uns die Revolution machen.
Diese Auffassung ist nicht nur irrig, sie ist direkt gegenrevolutionär. Weshalb? Weil die Gewerkschaften ihrem Wesen nach Massenorganisationen sind. In Deutschland haben wir zehn Millionen Arbeiter in den Gewerkschaften. Wenn sich nun ehrliche revolutionäre Arbeiter finden, die da sagen: „Wir wollen mit diesen 10 Millionen nichts zu tun haben, wir wollen sie nicht haben, denn wir sind besser als sie“, so sagen wir ihnen: „Ihr werdet nie die Revolution machen, denn Ihr riecht nicht das Pulver der Revolution. Ihr fühlt nicht, wie sie gemacht werden muß, und Ihr werdet sie nie zustandebringen, denn man muß dort sein, wo die Arbeiter sind. Wenn es im Arbeitertempel Händler gibt, so muß man sie verjagen. Aber deswegen den Tempel in Brand zu stecken, wäre das Dümmste, das man tun kann.“ Die Gewerkschaften sind unsere Schöpfung. Wenn wir nun sagen, daß wir uns die Gewerkschaften erobern wollen, so handelt es sich nicht um Geldkassen oder um Gebäude, sondern um die Arbeitermassen, um deren Gedankenwelt. Solange Ihr keine Massen in Euerer Organisation haben werdet. werdet Ihr die Revolution nicht machen. Von diesem Standpunkt aus haben unsere französischen Genossen gezeigt, daß das Programm der Genossen aus der K. A. P. D. völlig irrig ist.
Unsere französischen Genossen haben jetzt schon fast die Hälfte der organisierten Arbeiter für sich; in wenigen Monaten werden sie in der Mehrheit sein. Und dies nur deshalb, weil sie mit den Arbeitern gehen. Wenn sie aber die Arbeiter für sich haben, so haben sie auch die Gewerkschaften für sich, denn die Arbeiterklasse ist es, die die Gewerkschaften bildet.
Wir müssen die Auffassung, die die Arbeiter gegen uns aufbringt, aufs entschiedenste verdammen; „wie!“ — heißt es — „wir haben durch langjährige Arbeit die Gewerkschaften geschaffen, wir haben Jahrzehnte geopfert, um die Gewerkschaften auszubauen, und nun haben sich Banditen eingeschlichen ...... “ Nun, wir müssen die organisierten Massen für uns gewinnen, die Banditen vertreiben, und damit ist die Geschichte erledigt.
Sollten die revolutionären Massen in Deutschland die Parole der Vernichtung der Gewerkschaften aufgreifen, so wird die konvulsive Evolution in Deutschland dadurch nur noch verlängert werden; es wird eine gewaltige Erschütterung geben. Stets wird unter den Linken Spaltung herrschen, die die Revolution nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt verzögern wird.
Wenn wir nun unsere Formen, unsere Methoden und Ziele betrachten, so müssen wir sagen: Nein, Genossen, es darf nicht zwei parallele Linien geben, wie in den Schulen oder in den Kasernen. Wir müssen in geschlossenen Reihen vorgehen, damit wir schneller zum Ziel gelangen. Wir müssen uns enger zusammenschließen, wir müssen uns über Ideen und Taktik einigen. Nur dann werden wir die soziale Revolution zu Ende führen können. Die Autonomie und die Unabhängigkeit aber laufen den Interessen der Arbeiterklasse, der revolutionären Taktik zuwider. Sie ziehen die Verwirklichung der Revolution und der Diktatur des Proletariats hinaus.
Marshall (Amerika). Genossen, im Namen der amerikanischen Delegation muß ich zwei Begriffe, die Ihr Euch vielleicht nicht ganz richtig gebildet habt, aufklären. Erstens hinsichtlich der Delegation der amerikanischen Partei zum II. Kongreß, die wiederholt als mit der „radikalen Kinderkrankheit“ behaftet angesehen wurde, und, zweitens, hinsichtlich der hier vor einigen Minuten gehaltenen Rede des Gen. Haywood.
Es ist wahr, daß, was den ersten Punkt betrifft, die Delegation der amerikanischen Partei im vorigen Jahre einige Zeichen solcher Infektion an sich hatte, einer Infektion, die das Resultat der Praxis der revolutionären Bewegung in Amerika während der letzten 26 Jahre war.
Die Auffassung, daß es unmöglich sei, die Gewerkschaftsverbände zu reformieren, daß ihre Formen konterrevolutionär seien, und daß selbst zahllose Gewerkschaftsvereine nicht imstande wären, den Revolutionären zu helfen, die Arbeiter in die revolutionäre Aktion hineinzuziehen, ist dort zur Losung geworden, und diese Erbschaft von 26 Propagandajahren hat ihren Einfluß auf die junge kommunistische Bewegung in Amerika gehabt. Nach dem Zweiten Kongreß, ehe noch die Thesen nach Amerika gebracht worden waren, verschlossen sich die amerikanischen Genossen nicht vor der Notwendigkeit, die Wahlen in Verbindung mit den großen Arbeitermassen vorzunehmen und einen wesentlichen Teil dieser Massen für sich zu gewinnen.
Was wir gesehen haben, ist, daß die 26-jährige Praxis der Trennung der Revolutionäre von den Gewerkschaftsverbänden keine guten Resultate gegeben hat. Wir haben gesehen, daß die Zahl der Revolutionäre. die sich abtrennten. höchstens 10000 betrug und daß ihr Ausscheiden aus den Gewerkschaftsverbänden diese Organe des Klassenkampfes noch reaktionärer machte. Eine andere wichtige Tatsache öffnete die Augen der amerikanischen Genossen über die falsche Stellung, die sie eingenommen hatten, das war die Losung. welche von der revolutionären und der reaktionären gewerkschaftlichen Bewegung vorgebracht wurde. Wir sprechen von dem revolutionären William Haywood und von dem reaktionären Samuel Gompers, die alle beide dasselbe wollten, nämlich das Ausscheiden der Revolutionäre aus den Gewerkschaftsverbänden. Nun, es ist doch offenbar, daß, wenn der Revolutionär zu derselben Schlußfolgerung wie der Reaktionär kommt, da etwas nicht stimmt.
Nun sehen wir, daß von diesem Geiste noch immer etwas übrig geblieben ist, und dessen hat sich heute der Genosse Haywood hier gerühmt. Er fordert. daß die allererste Bedingung der Revolution, die revolutionären, oder sogar die industriellen Gewerkschaftsverbände seien, und er zieht sogar den Schluß, daß die Revolution in Rußland viel erfolgreicher gewesen wäre, wenn die I. W. W. oder vielmehr der Geist der I. W.W. hier gewesen wäre. Er zieht den noch viel absonderlicheren Schluß, daß nicht die Kommunisten die Revolution gemacht und gesiegt hätten, sondern die Arbeiterklasse im allgemeinen. Nun, wir wollen diese Tatsache nicht bestreiten, denn schließlich war es die Arbeiterklasse in ihrer Mehrzahl; es waren die Kommunisten, die die Arbeiterklasse durchtränkten und sie vorwärts und aufwärts in die Revolution und zur endgültigen Gründung der proletarischen Diktatur brachten. Wir und Genosse Haywood von der I. W. W. sind zu der Schlußfolgerung gekommen, daß es schließlich nicht die Form, sondern der Geist und das Verständnis der Arbeitermassen ist, die die Revolution machen und daß, wie gesagt, nicht die Form die Revolution, sondern die Revolution die Formen schafft.
Wir haben die revolutionären Möglichkeiten der I.W.W. zu gut verstanden und anerkannt, sonst könnten wir eine ganze Reihe von Beweisen bringen, daß diese Stellung der I. W. W. sie nicht davor geschützt hat, eine Feindin Räterußlands zu sein, wenigstens nicht davor, ihren Redakteuren, und zwar nicht nur einem, sondern einer Anzahl von ihnen, zu gestatten, die Sowjetrepublik Rußland schlecht zu machen. Ich könnte ein kleines Ereignis hervorheben, um Euch zu zeigen, welcher Geist unter den Mitgliedern der I. W. W., dieser revolutionären Organisation, herrschte, als einmal in der „Solidarity“ ein Artikel gegen die Diktatur des Proletariates erschien, in welchem darauf hingewiesen wurde, daß Rußland nicht ein Staat der Arbeiterklasse sei. Und warum? Weil es den Arbeitern nicht gestattet ist, frei von einer Stelle zur anderen zu gehen, frei eine Anstellung dort zu suchen, wo es ihnen paßt, eine Freiheit, die den Arbeitern in Amerika gewährleistet wird, vorausgesetzt, daß sie irgendwo eine andere Arbeit finden. Nun haben wir Kommunisten gemeint, daß es nicht die Form sein kann, die eine Organisation am Revolutionismus verhindern kann, sondern daß im Gegenteil der revolutionäre Geist die Arbeiter fähig macht, alle ihnen im Wege stehenden Formen niederzureißen.
Nun komme ich zu der Frage der Liquidation der I. W.W. Wir, oder vielmehr die Delegierten der Roten Internationalen Gewerkschaftsverbände, sind beschuldigt worden, die Liquidation der I. W. W. zuwege bringen zu wollen, oder wenigstens dabei zu helfen. Der Gen. Haywood führte Euch einige Ziffern an. Ich möchte Euch auch einige Zahlen nennen. Er versuchte Euch zu beweisen, daß die A. F. of L. an Vollständigkeit und an Mitgliedern abnimmt, während die Kräfte der I.W.W. zunehmen. Ich möchte darauf hinweisen, daß den Ziffern, welche die A.F. of L. in ihren jährlichen Berichten anführt, gemäß, im Jahre 1918, nach dem Kriege, die A. F. of L. 2 726 478 Mitglieder zählte. Im Jahre 1919 wuchs die Zahl zu 3 260 068 Mitgliedern an. Im Jahre 1920 war sie auf 4 078 740 angewachsen, während im Jahre 1921 sie auf 3906528 fiel. Die Ziffern des ersten Jahres nach dem Kriege zeigten einen Zuwachs von 533 000, der Zuwachs des zweiten Jahres war 818 600 und das letzte Jahr hatte einen Verlust von 172000 Mitgliedern aufzuweisen.
Das macht einen reinen Zuwachs von 1280000. Aber dieser Zuwachs der Mitgliederzahl darf in keiner Weise als Beweis angesehen werden, daß der revolutionäre Geist der A.F. of L. auch gewachsen sei. Wir kennen die Schattenseiten der A. F. of L. Wir wissen, daß die Korruption ihr Wesen in der A. F. of L. treibt. Wir wollen nur das Faktum konstatieren, daß dieselbe selbst nach dem Kriege angewachsen ist. Andererseits haben wir die I. W. W., die 15 bis 16 Jahre existiert und laut ihren offiziellen Berichten 15 674 Mitglieder zählt. Ich glaube, ich bin berechtigt, die Mitgliederzahl auf der Basis von Mitgliederbeiträgen festzustellen, und die obengenannte Zahl ist aus dieser Basis herausgenommen. Selbstverständlich können diese Zahlen nicht als absolut richtig angesehen werden; diese Ziffer entstand, indem man die ganzen eingezahlten Mitgliederbeiträge durch den Betrag von 25 Cents, die jedes Mitglied zu entrichten hat, dividierte. Arbeitslosigkeit und andere Ursachen wirkten auf das Fallen der Mitgliedeinzahlungen, was aber nicht auch den Rückgang der Mitgliederanzahl bedeuten soll; aber irgend etwas spielt da mit. Jedenfalls kann man annehmen, daß momentan die I. W. W. nicht mehr als 25000 Mitglieder hat, eher weniger als mehr. Man hat Ihnen gesagt, daß die I. W.W. eine industrielle Vereinigung ist. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich auf dieses Thema näher eingehe, da es eigentlich nicht programmäßig ist: aber da der Genosse Haywood dasselbe nur berührt hat, nur von der I.W.W. und nicht vom Unionismus gesprochen hat, muß ich mir erlauben, darüber zu sprechen.
Diese Organisation selbst ist in industrielle Organisationen eingeteilt, kann sinnbildlich als ein Rad dargestellt werden, in dem jede Sprosse eine bestimmte Industrie und eine bestimmte Abteilung bedeutet.
Nun geht der Vorschlag darauf hinaus, daß in den Abteilungen bestimmter Industrien, wo die I. W.W. nicht ausgesprochenen Einfluß hat, die Revolutionäre ihre Energie zur Arbeit in und durch die Verbände und Gewerkschaften mit aller Kraft anspannen; in den Abteilungen der Industrie aber, wo andere Organisationen außer der I.W.W. ihren Einfluß ausüben, wie z. B. in den Metall-, Holz-, Agrikultur-, Nahrungsmittel-Industrien, wo der größte Einfluß auf seiten der I. W. W. ist, die anderen Organisationen aber fast keinen haben, auf diese Abteilungen müssen die Revolutionäre, die Kommunisten ihre ganze Energie konzentrieren. Dies müßte das Zentrum und die Basis der Organisation sein. Das ist das Programm, das von einigen Genossen vorgelegt wurde, die Delegierte bei den Gewerkschaften waren.
Meine Zeit ist um, und ich muß schließen. Ich will nur zum Schluß sagen, daß die Kommunisten Amerikas gelernt haben, daß es unmöglich ist, die Arbeiter dadurch zu revolutionären Aktionen zu treiben, daß man neue Organisationen schafft, die in sich selbst das revolutionäre Ziel garantieren würden. Wir haben gelernt, daß es nicht die Form, sondern der Geist und der Eifer ist, den man in die bereits existierenden Organisationen tragen muß, in die Organisationen der Werke, Minen, Fabriken; man muß sie zu Grundlagen revolutionärer Aktionen machen. Die wahren Revolutionäre und Kommunisten können viel besser arbeiten, wenn sie sich nicht von den Massen trennen, wenn sie ein unlösbarer Teil derselben bleiben, im Interesse der Revolution arbeiten. ihnen durch dieselben zeigen, daß nicht ‚Alles gut im Staate Dänemark“ ist, ihnen die reine Taktik der Revolution für jede Organisation zeigen.
Nieder mit den Schranken dieser ungenügenden Formen der Organisationen; schafft solche, die wirklich Nutzen bringen, zu Führern der Revolution werden, Amerikas Arbeiterklasse vorwärts zu dem gleichen Ziel mit den Arbeitern Rußlands führen — zur Diktatur des Proletariats!
Vors. Kolarow. Ich schließe die heutige Sitzung. Nächste Sitzung morgen abend 6 Uhr.
Tagesordnung: Fortsetzung der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage. Jugendorganisation, Organisation des Frauensekretariats.
(Schluß der Sitzung um 11¾ Uhr nachts.)
Die neunzehnte Sitzung (7. Juli 1921, 7 Uhr 30 Min. abends)
(Fortsetzung der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage. Redner: Landler, Ries, Rice, Morgan, Hurwitsch, Torralba Beci, Kolarow, Tomasi, Bell, Leo Pivio, Markovic. — Erklärung der norwegischen Delegation.)
Vors. Gennari. Zur Frage der Gewerkschaften sind noch dreizehn Redner vorgemerkt. Das Präsidium hat beschlossen, zunächst den Vertretern jener Parteien das Wort zu erteilen, die bisher in diese Debatte nicht eingegriffen haben. Dann wird es dem Kongreß anheimgestellt bleiben, darüber zu entscheiden, ob er den übrigen Rednern das Wort erteilen will. Das Wort hat jetzt Genosse Landler (Ungarn).
Landler (Ungarn). Genossen! Genosse Sinowjew stellte in seinem Referat fest, daß die Gewerkschaftsfrage die wichtigste Frage der Internationale ist. Aeußerlich hat es den Anschein, daß der Kongreß diese Auffassung nicht teilt. Schon gestern und auch heute demonstriert der Kongreß sein Desinteressement durch seine Gleichgültigkeit. Ich hätte das nicht erwähnt, wenn ich daraus keine weitergehenden Folgerungen ziehen müßte. Diese Gleichgültigkeit ist nämlich umso interessanter, als ja Genosse Sinowjew in diplomatischer Weise sagte, daß sämtliche Fraktionen der Internationale es nicht verstanden haben, die diesbezüglichen Thesen des Zweiten Kongresses der III. Internationale durchzuführen. Genossen, wir wissen, z. B. von dem Genossen Loriot, daß er in der Exekutive sagte, sie hätten einfach bei den Syndikalisten keine Zellen gebaut, die Ursachen wären nebensächlich, sie hätten das aber nicht getan. Wir wissen vom Genossen Radek, wie auch von den englischen Delegierten, wie sich unsere englischen Genossen dem Bergarbeiterstreik gegenübergestellt haben.
Genossen! Genosse Sinowjew berichtete kurz auch darüber, was die Tschechoslowakische Partei in der Gewerkschaftsfrage gemacht oder, besser gesagt, nicht gemacht hat. Und wir haben auch gesehen, daß z. B. die jugoslawische Bruderpartei, als man wegen eines politischen Streiks die Gewerkschaften aufgelöst hatte, im Parlament keine entsprechende parlamentarische Aktion durchführte. Also, ein Teil der Parteien hat so gehandelt wie Modigliani, als er sagte, er schließe sich der III. Internationale an — er werde höchstens eine Ansichtskarte schreiben. Die Fraktionen erkannten in der Theorie an, daß man die Gewerkschaften beeinflussen muß, aber sie machten alles, daß in der Praxis die Gewerkschaften ja nicht von der Partei beeinflußt werden. Andere Fraktionen glaubten einfach, der Berg müsse zu Mohammed kommen, sie wollten die Gewerkschaften durch Ukase erobern. Genossen, ich frage, wie es möglich ist, die Gewerkschaften zu erobern, wenn man in dieser Weise vorgeht. Wenn angenommen wird, daß die Eroberung der Gewerkschaften eine Lebensfrage der revolutionären Entwicklung ist, wie kann die Gewerkschaftsfrage in der Partei behandelt werden? Genosse Sinowjew hat in seinem Referat richtig bemerkt, daß man die Gewerkschaften nicht mechanisch beeinflussen kann, und er sagte auch, auf welchem Wege man das bewerkstelligen kann. Nicht durch mechanische Arbeit, nicht durch Ukase, sondern durch revolutionäre Kleinarbeit, also dadurch, daß man sich mit den täglichen Fragen der Arbeiterschaft, der organisierten Arbeiterschaft befaßt und diese revolutionäre Kleinarbeit in den Gewerkschaften vollführt. Nur so können wir die Gewerkschaften erobern. Wenn wir nun die Gleichgültigkeit während der Verhandlung dieser Frage in Berücksichtigung ziehen, müssen wir offen sagen, daß der große Teil des Kongresses viel mehr Verständnis für sogenannte revolutionäre Phrasendrescherei zeigt, als für revolutionäre, organisatorische Kleinarbeit. Und das ist sehr merkwürdig. Hier sind auch sehr viel Arbeiter. In den Thesen steht, daß man die Parlamentarier, die Diplomaten etc. aus den Vertrauensstellen hinauswerfen, wenn es nicht anders geht, durch unerfahrene Arbeiter ersetzen soll. Aber, Genossen, man hat dies in der Voraussetzung gesagt, weil man glaubte, die unerfahrenen Arbeiter wurzelten in den Massen, sie lebten mit den Massen. Aber, Genossen, wenn man solche unerfahrenen Arbeiter an verantwortliche Stellen setzt und diese dann die Verbindung mit den Massen unterbrechen, wenn sie dann sogenannte „große Führer“ werden, dann profitieren wir aus dem ganzen Führerwechsel nur das eine, daß man an Stelle erfahrener schlauer Diplomaten, Führer bekommt, deren einzige Tugend die Unerfahrenheit ist. Ich glaube aber, daß solche Genossen, wenn sie die Führerstelle erlangen, noch mehr revolutionäre Kleinarbeit verrichten müssen, um die Massen zu gewinnen. Es ist eine internationale Erscheinung, daß man sich dies in den meisten kommunistischen Parteien nicht vor Augen hält. Es gibt auch ganz gewiß viele Ausnahmen, aber es sieht so aus, als ob das die Regel wäre. In dieser Weise ist es aber ganz ausgeschlossen, daß man die Gewerkschaften beeinflussen, daß die Partei einen Einfluß auf die Gewerkschaften bekommen kann. Wenn man sich dies immer vor Augen hält, wenn so gearbeitet wird, dann kann die Frage nicht auftauchen: ob man die Organisationen zu zertrümmern hat? Dann wird das keinesfalls die erste organisatorische Frage sein. Wenn man diese revolutionäre organisatorische Kleinarbeit verrichtet, und das nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit einer revolutionären Liebe tut, wenn man von dem Standpunkt ausgeht, daß das eine wichtige Frage ist, daß das verrichtet werden muß, dann ist es keine Frage mehr, wo man in erster Reihe die Revolution vorbereiten muß. Wenn entscheidende soziale Schichten organisiert sind, und sie sind in Westeuropa organisiert, wenn die Arbeitslosen auch organisiert sind, und sie sind organisiert, dann ist es selbstverständlich, daß man diese, die Revolution vorbereitende Arbeit in erster Reihe dort verrichten muß, wo die entscheidenden Schichten und auch die Arbeitslosen organisiert vorhanden sind, also in den Gewerkschaften. Ob syndikalistische oder menschewistische Organisationen, das bleibt sich in dieser Hinsicht gleich. Wenn wir den Kernpunkt der Frage richtig erfassen, dann ist die Frage, ob diese Gewerkschaften Kampforganisationen sind oder nicht, ganz nebensächlich. Die Gewerkschaften sind nämlich, nach der Auffassung Bebels, Legiens etc., auf Tagesfragen eingestellt. Sie befassen sich nicht mit dem Endziel, sie wollen einfach die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern. Aber wenn es, wie man hier richtig festgestellt hat, jetzt in der Krise unmöglich ist, die Lebensmöglichkeiten zu verbessern, Lohnforderungen durchzusetzen, dann können wir eben deshalb, weil sie nur auf Fragen der Gegenwart eingerichtet sind, durch auf Tagesfragen eingestellte Arbeit, durch solche Agitation und auch durch solche Aktionen das Klassenbewußtsein der organisierten Massen beeinflussen, und können eben deshalb, weil die Gewerkschaften in der Krise gar nichts leisten können, auch diese Arbeit so verrichten, daß wir die Arbeiter von den Menschewisten und auch von den syndikalistischen Führern losreißen.
Es ist selbstverständlich, daß die kommunistischen Parteien nicht alles nur auf diese Karte setzen dürfen, sie müssen die revolutionäre vorbereitende Arbeit auf anderen Gebieten ebenfalls verrichten, aber das ist ganz sicher, Genossen, daß, wenn wir Aktionen machen, es sehr günstig ist, in welchem historischen, in welchem psychologischen Moment es auch sei, die Aktion so vorzubereiten, daß dieselbe möglichst von den Gewerkschaften ausgehe, weil wir dann einigermaßen Garantie dafür haben, daß bei einer derartigen Initiative die Gewerkschaftler, die Bonzen, die Menschewiki etc. schon während der Aktion nicht unbeschränkte Macht über die Massen haben werden. Außerdem halte ich es für notwendig, bei dieser Frage zu betonen, daß es richtig wäre, den parlamentarischen Fraktionen, den kommunistischen Parteien die Weisung zu geben, in jeder wichtigen Frage, die die Gewerkschaften und die organisierten Arbeiter betrifft, immer große kommunistische Aktionen zu machen, weil das eine sehr gute Wirkung auf die organisierten Massen hat.
Noch eins, und damit komme ich zum Schluß.
Das ist die allgemeine internationale Erscheinung des Lohnabbaues. Ich glaube, daß dies eine so wichtige Frage für die III. Internationale bildet, daß die III. Internationale selbst und nicht nur die Gewerkschaftsinternationale eine große internationale Agitation in dieser Krise sofort beginnen und großzügig in allen Ländern führen muß. Wir müssen in dieser Hinsicht die ganze Arbeiterschaft der Welt aufklären und aufrütteln, und wir können vielleicht dadurch, daß wir die Arbeiterschaft aufrütteln, noch in dieser Krise größere Aktionen vorbereiten. Und wenn das nicht möglich ist und eine Prosperität kommt, dann werden wenigstens die Arbeiter aufgeklärter sein, und sofort klassenbewußte Aktionen wegen der gedrückten Löhne unternehmen: Aktionen, welche wir dann viel leichter steigern können, wenn wir jetzt schon die aufklärende Arbeit, welche gleichzeitig eine vorbereitende ist, energisch und zielbewußt in Angriff nehmen. (Lebhafte Zustimmung.)
Ries (Oesterreich). Genossinnen und Genossen! Es ist Tatsache, daß am Kongreß eine Flauheit herrscht. Und es ist nicht zu verwundern, wenn von einem großen Teil, der hier ist, gesagt wird, daß man Revolution nur mit Ausrüstungen machen kann. Aber diese Frage, die hier behandelt wird, ist eine Wesensfrage für die Agitation.
Und darum darf uns diese Arbeit hier nicht langweilen. Es besteht ja gewiß eine Einigkeit gegenüber unseren Feinden, die wir zu bekämpfen haben. Dagegen sehen wir große Differenzen, z. B. bei den Genossen der K.A.P.D., die glauben, daß wir imstande sind, gegen einen so mächtigen Apparat, wie die Gewerkschaften, mit Erfolg anzukämpfen. Genossen, darin besteht der große Fehler, daß diese Genossen in der Beurteilung, wohin sie das Schwergewicht unserer Kämpfe zu verlegen haben, irren. Es genügt nicht immer, über die Sozialpatrioten und Sozialpazifisten zu schimpfen. Sie haben in Wirklichkeit die Macht, die man uns entgegenstellt. Ihre Macht schöpfen sie nur aus den Gewerkschaften. Durch die gegenseitige Ergänzung sind sie imstande, jenen Schutzwall aufzurichten und sich vor das Kapital zu stellen, so daß wir bei jeder Gelegenheit, wenn wir in den Kampf eintreten, mit unseren eigenen Brüdern, mit den Arbeitern in den Betrieben und auf der Straße in Kämpfe geraten. Und darin liegt der große Fehler. Wenn Sie glauben, daß die Gewerkschaften keine Betätigung haben, daß wir imstande sind, separate Gewerkschaften zu gründen — und kein einziger von uns wird annehmen, daß die Genossen von der K.A.P.D. nicht mit ganzem Herzen bei der Sache der Revolution sind —, so müssen wir bedenken, daß sie mit den Methoden, die sie anwenden wollen, auf dem Mond sind, wenn sie nicht die große Macht der Gewerkschaften beachten. Denn in Oesterreich, dem organisatorisch am besten durchgearbeiteten Lande, gibt es achthunderttausend gewerkschaftlich organisierte Arbeiter. Die politische Partei, die Sozialdemokratie, ist 250000 Mitglieder stark, den größten Teil der Mitglieder gewinnt sie durch die Betriebsräte oder die Vertrauensmänner. Aber sie ist trotzdem imstande, etwa 200000 bis 400 000 Arbeiter, die nicht in ihrer Organisation sind, binnen 24 Stunden auf die Straße zu bringen. Und da sollen wir nicht erkennen, daß wir alle Ursache haben, die indifferenten Elemente, die in den Gewerkschaften vorhanden sind, für uns zu gewinnen! Und das ist nicht so schwer. Solange wir uns mit anderen Sachen in den Gewerkschaften befaßten, hat die Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsbürokratie uns ziemlich ignoriert. In dem Moment aber, in dem wir begonnen haben, in den Betrieben und Gewerkschaften unsere Zellen zu gründen, in dem Moment ist sofort der Kampf entbrannt, weil sie sofort erkannt haben, worum es geht.
In diesem Augenblick wurden unsere Genossen, die in den Betrieben tätig waren, entfernt. Das beweist, Genossen, daß wir auf den Nerv gestoßen sind. Nicht nur in Versammlungen, sondern durch wirkliche agitatorische Arbeit in den Gewerkschaften können wir die Massen für uns gewinnen. Und deshalb begrüßen wir die Thesen, die uns sagen, daß wir genau so, wie die Sozialdemokratie sich gegenseitig ergänzt, uns in den Gewerkschaften als revolutionäre Arbeiter, wie auch in der Kommunistischen Partei gegenseitig ergänzen müssen. Wenn wir das tun, dann, Genossen, glaube ich, werden wir in kurzer Zeit dahin kommen, daß wir auch imstande sind, weit über unsere Mitgliederzahl hinaus die Arbeiter in den Kampf zu bringen. Wenn es sich um Theoretiker handelt, die es gewiß auch ehrlich meinen, so könnte man diese Kurzsichtigkeit begreifen, aber wenn Arbeiter, die in den Betrieben stehen, so sprechen, dann können wir nicht verstehen, daß sie so kurzsichtig sind und nicht sehen, wohin das führt. Wir müssen laut unseren Instruktionen und laut unseren Direktiven in den Gewerkschaften für die Revolution, für den Kommunismus wirken. (Zustimmung.)
Rice (Australien). Ich spreche im Namen der Delegation der Australischen Kommunistischen Partei. Ich möchte zwei Behauptungen des Genossen Earsman widerlegen. Genosse Earsman vertrat einen Standpunkt, der für einen Kommunisten schwer verständlich, ja wenig glaubwürdig ist. Er sagte, daß die Kommunistische Partei Australiens von den Führern der Gewerkschaftsvereine gegründet wurde. Wir haben uns in den letzten vier Jahren an manche große Ueberraschung gewöhnen müssen, aber wenn ein Kommunist glauben soll, daß die Kommunistische Partei von den Führern der Gewerkschaften gegründet wurde, so ist das doch zu stark. Ich werde Euch zeigen, daß die Australische Kommunistische Partei als solche im Jahre 1920 entstand, aber es war die Sozialistische Partei Australiens, welche sie gegründet hat. Wie wichtig diese Tatsache ist, werdet Ihr im Laufe meiner Rede verstehen lernen. Die Australische Sozialistische Partei war schon bei meinem Eintritt im Jahre 1910 — ein sehr wichtiger revolutionärer Faktor.
Nach dem Ersten Kongreß der III. Internationale wandte sich unsere Partei mit der Bitte um ihre Eingliederung in die Internationale nach Moskau, bekam aber keine Antwort. Nach dem Zweiten Kongreß unternahmen wir wieder Schritte, um unsere Aufnahme durchzuführen, bekamen aber wieder keine Antwort, obwohl es uns gelang, festzustellen, daß unsere Partei schon als Mitglied in der Internationale registriert war. Auf die Anfrage des Zweiten Kongresses der III. Internationale an die Sozialistische Partei Australiens hinsichtlich der Maßregeln gegen den Radikalismus als „Kinderkrankheit“ und das Sektierertum in Australien, setzte sich die Australische Partei mit den radikalen Elementen Australiens zur Berufung einer Konferenz in Verbindung, auf der die Frage der Gründung einer Kommunistischen Massenpartei aufgeworfen werden sollte. Auf dieser Konferenz entstand unsere Kommunistische Partei. Aber während dieser Konferenz entstanden Meinungsverschiedenheiten, die Sozialistische Partei berief ihre Delegierten zurück und registrierte sich als Kommunistische Partei Australiens. Der Rest der Delegierten setzte die Konferenz fort, und so haben wir in Australien zwei kommunistische Parteien. Ihr begreift, daß nicht Gewerkschaftsmitglieder die Kommunistische Partei Australiens gegründet haben.
Die andere Behauptung, die ich auch widerlegen möchte, wird mehr und mehr Gegenstand der Diskussion. Es ist dies das Verhältnis der Kommunistischen Partei zu den Gewerkschaften und die Arbeit, die innerhalb derselben getan werden kann. Genosse Earsman sagte, daß in der Zeit von 1912 bis 1920 keine revolutionäre Agitation oder Arbeit in Australien vollbracht worden ist. Ich muß diesem widersprechen. Die Sozialistische Partei Australiens ist nie in ihrer revolutionären Arbeit stillgestanden und hat sich nie gescheut, für den Kampf um die Diktatur des Proletariats und für die Vereinigung mit den Arbeitern Rußlands zu agitieren. Ich kann ein Beispiel anführen, welches zeigt, wie zweckmäßig sich unsere Arbeit in den Gewerkschaften gestaltet hat. Im Jahre 1916 beschlossen die Kapitalisten Australiens die Organisation der Industriearbeiter der Welt (Industrial Workers of the World — I.W.W.) zu vernichten. Im Jahre 1916 und 1917 wurden viele Mitglieder der I. W. W. für 10 bis 15 Jahre ins Gefängnis geworfen. Für die übrigen Mitglieder wurde ein bestimmter Termin festgesetzt, bis zu welchem sie aus dieser Organisation austreten mußten, nach diesem Datum wurde Jeder, dessen Namen noch in den Büchern der I. W.W. verzeichnet war, eingekerkert. Viele weigerten sich und erlitten die Strafe. Die I. W.W. als Organisation war vernichtet, aber damit haben die Kapitalisten Australiens den Arbeitern einen Weg gezeigt, den wir hier auf unserem Kongreß befolgen wollen. Die I.W.W. drang in die Gewerkschaften ein und begann Hand in Hand mit der Sozialistischen Partei eine intensive Propaganda innerhalb der Arbeitervereine; das Resultat dieser Arbeit war, daß wir auf dem Kongreß im Jahre 1920 feststellen konnten, daß die Gewerkschaftsorganisationen Australiens besser als in allen anderen Ländern funktionierten.
Die dritte Behauptung des Genossen Earsman, der ich widersprechen muß, ist folgende: er behauptet, daß der Kongreß der Gewerkschaften, der im Juni in Australien stattfand, mit einer Stimmenzahl von 80 % für die Eingliederung in die Dritte Internationale gestimmt habe. Auf der ersten Seite unserer Thesen hinsichtlich der Kommunistischen Sektion. am Ende des ersten Paragraphen, ist es klar und deutlich gesagt, daß es kein Land gibt, wo die Kommunistische Partei die Mehrzahl der Arbeiter unter ihrem Einfluß hat. Genosse Earsman aber sagt, daß 80% der Arbeiter Australiens beschlossen hätten, sich der Roten Gewerkschaftsinternationale anzuschließen. Wenn das wahr wäre, so gäbe es heute in Australien keinen Mann mehr, der zu 15 jähriger Kerkerhaft verurteilt wäre. Wenn wir so stark wären, hätten wir sie längst befreit. Wenn nur 51 % der Arbeiter — also viel weniger als 80% — für die Rote Internationale gestimmt hätten, so hätten sie sofort die Diktatur des Proletariats eingeführt, und wenn nicht — so wäre sie keine kommunistische Partei.
Ich wiederhole die drei Punkte, die ich behandelt habe, noch einmal. Erstens, wollte ich beweisen, daß nicht die Gewerkschaftsvereine Australiens die Kommunistische Partei gegründet haben. Zweitens, bitte ich Euch, zu glauben, daß von 1917 bis 1920 von seiten der Kommunistischen Partei Australiens im Verein mit den Mitgliedern der I. W.W. eine intensive erfolgreiche Propaganda geführt worden ist. Drittens, möchte ich Euch nicht glauben machen, daß wir innerhalb der Australischen Unionen 80 % Stimmen bekommen haben und daß wir noch nicht imstande sind, die Diktatur des Proletariats einzuführen.
Morgan (Amerika). Genossen! Die Beziehungen der III. Kommunistischen Internationale zur Gewerkschaftsbewegung sind für die Gewerkschafts- und auch für die kommunistische Bewegung der Vereinigten Staaten und Kanadas von besonderer Bedeutung. Es ist Tatsache, daß es in diesen Ländern keine Arbeiterbewegung gibt, die fähig wäre, die revolutionären Massen mit sich fortzureißen. Ich erinnere Euch an die Tatsachen, die Genosse Haywood in seiner Rede angeführt hat, und fürwahr, es sind inhaltsreiche Tatsachen. Es muß denen, die gegen diesen Trug ankämpfen, zu Gemüte geführt werden, es muß ihnen klar gemacht werden, daß die Organisation, die man ihnen vor Augen geführt hat, vorgibt, eine Arbeiterorganisation nicht allein Amerikas, sondern der ganzen Welt zu sein; daß es eine Organisation ist, die an allen vier Enden der Welt als Arbeiterorganisation ausgeschrien wurde. Sie sollten Haywood nicht Gehör schenken, wenn er von der Tribüne des III. Internationalen Kongresses herab leere Redensarten vorbringt. Die inhaltlose Reklame der I.W.W. in Amerika hat uns großen Schaden zugefügt. Die Organisation hat behauptet, daß sie 800 000 Mitglieder habe. Wie großartig das klingt: 800 000 Mitglieder und eine 15 jährige Tätigkeit! Und doch ersehen wir aus den letzten Berichten dieser Organisationen, daß sie nicht mehr als 15—16000 Mitglieder zählt! Ich möchte den Mitgliedern der K.A.P.D. empfehlen, die Geschichte der I. W. W. in Amerika genau zu studieren. Sie werden sich dann ein Bild davon machen können, was sie in der Zukunft erwartet.
Der Versuch, im Rahmen eines Sklavensystems eine ideale Industrieorganisation zu gründen, ist schon an und für sich kindisch und lächerlich. Die Tatsache, daß alle Versuche bis jetzt gescheitert sind, ist ein Beweis dafür. Ist es etwa nicht widersinnig, eine neue Gesellschaft in der „Hülle der alten“ errichten zu wollen? In einer ihrer Zeitschriften sah ich unlängst ein interessantes Bild. Es war eine Karte der Verbände der I. W.W. Sie war auf eine Weltkarte so gelegt, daß ihre Mitte auf New York zu liegen kam, und da hätten wir also die Organisation der Industriearbeiter der Welt. Ich dachte mir dabei: wer soll denn eigentlich in der Mitte sitzen? Entweder Daniel de Leon oder William Haywood. Die Vereinigten Staaten und Kanada sind von Bildern, Karten und Zeichnungen der I. W. W. überschwemmt. Das Losungswort ihrer Propaganda lautet aber nicht: „Stürzt den Kapitalismus“, sondern „Bewundert unsere vollendeten Organisationsformen“. Dies ist die reine Wahrheit, sie läßt sich nicht abstreiten. Ich habe hier ein Exemplar eines offiziellen Organs der I.W.W. bei mir und will Euch folgenden Abschnitt daraus vorlesen: „Die I. W. W. hat bis jetzt noch nicht die Möglichkeit gehabt, sich mit den russischen Gewerkschaften unmittelbar in Verbindung zu setzen. Wir sind jedoch überzeugt, daß sich keine einzige Stimme gegen die Angliederung an solch eine Gewerkschaftsinternationale erheben wird. Andererseits glauben wir, daß nur wenige Mitglieder der I. W.W. bereit sein werden, sich unmittelbar der politischen III. Internationale anzuschließen.“ Das ist wahr. „Wir sind immer nur eine Arbeiterorganisation gewesen. Wir sind es auch jetzt und hoffen, das ganze soziale Problem auf der Grundlage des Industrieunionismus zu lösen. Wir wollen Industrieverbände als Organe der Produktion und der Verteilung aufbauen. Die Zentralräte dieser Industrieverbände werden als Organe der lokalen und Bezirksverwaltung dienen. Industrieverbände sowie Zentralräte müssen der Generalverwaltung der I. W. W. untergeordnet sein. Dies ist unser Vorschlag zur Lösung der sozialen Probleme. Sobald wir eine politische Partei, sei sie kommunistisch oder nicht, in unseren Plan einschließen, weichen wir von unseren Grundsätzen ab und vernichten unsere eigene Unabhängigkeit. Wenn wir den Plan der III. Internationale annehmen, so geben wir unsere Position als Führer der Weltarbeiterbewegung auf, und erkennen die aus allen Schichten der Gesellschaft angeworbenen Mitglieder einer politischen Partei als unsere Meister und Führer an. Die Industriearbeiter der Welt haben von der Frucht der geistigen Unabhängigkeit gekostet und fühlen sich jetzt Herren über ihr eigenes Schicksal. Sie werden daher nie ernsthaft auf einen derartigen Vorschlag eingehen. Ihr Ziel ist es, die Herrschaft der Arbeiter zu errichten. Sie bemühen sich schon 15 Jahre darum und sind nun zu einer Weltbewegung geworden. Sie werden wohl kaum auf ein Programm eingehen, das eine politische Partei als Vormund einsetzt.“
Ich entnehme diesen Auszug dem Organ der Industriearbeiter der Welt. Wie Ihr seht, fürchten sie die III. Internationale, weil sie die Weltführerschaft der I. W. W. in Frage stellt. „Weltführerschaft“ — und dies mit einer Mitgliederzahl von 15—16 000.
Nehmen wir nun den Hauptgrundsatz, von dem die I.W.W. ausgehen: die Frage des Austritts aus den alten Verbänden. Auf Grund meiner Erfahrung kann ich mit einer gewissen Autorität darüber sprechen. Dieser oder jener wird wohl sagen: „Du selbst gehörst doch zu einem Doppelverbande. Du gehörst ja zur kanadischen One Big Union.“ Das ist wahr. Ich gehöre zu diesem Verbande, der nicht mit der I.W.W. konkurriert. Die „One Big Union“ maßt sich jedoch nicht an, eine Weltorganisation zu sein. Sie betrachtet sich bloß als revolutionärer Stromleiter. Sie wurde aus gewissen Verhältnissen heraus geboren, gegen die wir ohnmächtig waren. Gleich zum Anfang der Kriegsperiode, 1914—15, wurden die Arbeiter Kanadas nicht nur von ihrer Regierung, sondern auch von ihrer reaktionären Beamtenschaft in die Enge getrieben. Sie wurden dem Militärapparat zum Opfer gebracht. In welcher Lage befand sich nun die Sozialistische Partei, die einzige revolutionäre Partei in Amerika zu jener Zeit? Sie mußte entweder in die Gewerkschaften gehen und an den Kämpfen der Arbeiter dort teilnehmen, oder aber sie mußte den Versuch machen, ihre alte Erziehungs- und Propagandatätigkeit fortzusetzen, auf die Gefahr hin, unterzugehen, ohne ihre geschichtliche revolutionäre Rolle erfüllt zu haben. Unter dem Druck der Verhältnisse traten wir also in die Gewerkschaften Westkanadas ein. Revolutionäre gingen, nicht als Einzelpersonen, in die Gewerkschaften, um sie von innen auszuhöhlen, oder ihre Individualität um eines guten Postens willen aufzugeben. Sie waren in gewissem Sinne durch die Organisation diszipliniert. Die Organisation übte Kontrolle über ihre Mitglieder. Von Vancouver bis Winnipeg, eine Landstrecke von 2000 Meilen, wurde unter den Revolutionären ständig briefliche Beratung über die Taktik geführt. Es wurde darüber beraten, wie man den Verband ausbauen, die Massen für sich gewinnen, Delegierte für Kongresse und Konferenzen wählen müsse. Dank der Taktik der „Aushöhlung von innen“ konnten die Sozialisten im Jahre 1917 auf dem Kongress von Ottawa 51 Delegierte aufweisen, die eine machtvolle Fraktion darstellten. Von jener Zeit an beginnt die neue Geschichte der kanadischen Bewegung. Was war nun das Ergebnis dieser Taktik? Hier werden sich wohl einige Opponenten melden und uns zurufen: „Du sollst nicht auf Kompromisse eingehen.“ Was geschah aber tatsächlich? Wir hatten den Rat, d. h. den alten Gewerkschaftsrat von Winnipeg in unsere Hände bekommen, die verschiedenen Gewerkschaften hatten Sozialisten zu Delegierten gewählt und diese waren zum Wohle der Arbeiter tätig. Sie waren Revolutionäre. Sie hatten nicht nur den parlamentarischen Kampf zur Aufgabe, es war ihr Ziel, die Bewegung für revolutionäre Zwecke auszunützen. Dann kam der Streik, oder — wie einige sich hier ausgedrückt haben — das „kollektive Handeln der Arbeiter mit den Arbeitgebern“. Ein „kollektives Handeln“! Der ganze Streik von Winnipeg war eigentlich Taktik, Revolution. Man benutzte etwas so Alltägliches, wie das kollektive Handeln, um die Arbeiter zusammenzuschließen. Die Metallarbeiter streikten. Sie streikten, um bessere Bedingungen zu erzielen. Die Arbeitgeber wollten nur mit einzelnen Gruppen verhandeln, wie mit den Bleiarbeitern, den Kanalisationsarbeitern, den Kesselschmieden usw. Die Metallarbeiter aber sagten: „Nein, wir werden uns zusammenschließen, wir werden einen Ausschuß bilden, und Ihr sollt mit uns kollektiv verhandeln.“ Die Genossen vom Rat faßten die Gelegenheit sofort beim Schopf. „Kollektives Handeln in solch einem kleinen Maßstab, — nein. Wir müssen sämtliche Arbeiter des Bezirks in den Kampf der Metallarbeiter hineinziehen.“ Sie arbeiteten so vorzüglich, es gelang ihnen so vortrefflich, die Arbeiter zusammenzuschweißen, daß der Streik von Winnipeg vom Jahre 1919 zu einem Markstein in der Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung wurde. Nicht nur zwei, drei Verbände, sondern alle begriffen die Bedeutung der Aktion; sämtliche Arbeiter, auch die Staatsangestellten, die Post- und Telegraphenangestellten schlossen sich dem Streik an. Sie nahmen alle an der großen allgemeinen Kundgebung, an dem Streik teil, der 7 Wochen dauerte. Es wurde eine Situation geschaffen, von der es bis zur Machtergreifung nur noch ein Schritt war. Nichts wurde in Winnipeg ohne Order des Streikkomitees getan. Das Streikkomitee war nicht weniger machtvoll, als der Staat selbst. Winnipeg bedeutet natürlich nicht ganz Kanada. Hätte der Kampf von Winnipeg ganz Kanada ergriffen, so würde er sicherlich mit der Revolution geendet haben. Wir hatten einen reaktionären Staat gegen uns, die Massen gingen nicht mit uns. Der Streik mußte abgebrochen werden, nachdem man die meisten unserer Leute eingekerkert hatte.
Ich frage Euch: findet Ihr die Taktik der Revolutionäre von Winnipeg nicht für richtig? Wir hielten die Organisation in Händen, und falls es Euch nicht gelungen ist, so dürft Ihr die Schuld nicht den Grundsätzen, nicht der Starrheit der Organisation, nicht den Funktionären zuschreiben; sondern nur Euch selbst, die Ihr nicht den richtigen Weg zu den Arbeitern finden konntet. Das ist meine Erfahrung. Ich teile sie den Kommunisten und den Gewerkschaftlern mit, damit sie in der Zukunft Nutzen aus ihr ziehen können.
Und nun noch einen Augenblick. Es besteht auch noch die Frage der Herrschaft der Kommunistischen Partei. Jene dort haben Angst vor dieser Herrschaft. Welcher Blödsinn! Wie wollen jene die Gewerkschaften beherrschen? Können sie es etwa tun, indem sie zu den Gewerkschaften gehen und sagen: Wir sind gekommen, um Euch zu beherrschen. Nein. Man muß von innen heraus arbeiten, sich an ihrem Kampf beteiligen, ihr Vertrauen gewinnen und danach streben, von ihnen auf die wichtigsten Posten in der revolutionären Bewegung gewählt zu werden. Ich bin also vollkommen damit einverstanden, daß wir in die Gewerkschaften gehen müssen. Ich füge noch hinzu, daß wir in den Gewerkschaften eine möglichst enge Verbindung mit der Kommunistischen Partei aufrechterhalten müssen, denn ihr Ziel besteht nicht darin, als politische und industrielle Organisationen tätig zu sein, sondern eine einheitliche, große revolutionäre Armee der Arbeiter der Welt zum Sturz des Kapitalismus zu bilden.
Hurwitsch (Amerika). Ich ergreife das Wort, um einige Bemerkungen zu machen. Ich möchte, ebenso wie der Genosse Marshall, offiziell im Namen der amerikanischen Delegation einige falsche Behauptungen des Genossen William Haywood widerlegen. Genosse Haywood sagte in seiner gestrigen Rede, daß, seiner Meinung nach, der russischen Arbeiterklasse die wissenschaftliche Organisation und der revolutionäre Geist der I. W. W. fehle. Wenn das russische Proletariat sie gehabt hätte, wäre keine solche Desorganisation in der Industrie entstanden, wie wir sie augenblicklich in Rußland beobachten. Solch eine Behauptung zeigt den Mangel an wissenschaftlichem Verständnis sogar unter den Führern der I. W. W. Ich finde, es muß jedem klar sein, daß die Desorganisation der Industrie Rußlands nicht von dem Mangel an wissenschaftlichem Geiste oder wissenschaftlicher Organisation, sondern von den sieben Kriegsjahren und vielen anderen Gründen herrührt. Was den revolutionären Geist anbetrifft, so verdient die russische Arbeiterklasse diesen Vorwurf von seiten der I. W. W. nicht. Die Russen haben ihren revolutionären Geist nicht mit Worten, sondern mit Taten bewiesen. Mehr als das, wir, die amerikanischen Delegierten, können bezeugen, daß alle Forderungen einer wissenschaftlichen Organisation von seiten der I. W. W. nur Worte sind und auf die „Unionstheorie“ der I. W. W. und anderer Syndikalisten hinweisen.
Ihre Idee besteht darin, daß man Verbände (Unions) in der kapitalistischen Gesellschaft gründen müsse, die die Träger einer neuen ökonomischen Grundlage sein sollen. Die russische Revolution beweist jedoch, daß Verbände, die vor der proletarischen Revolution, und solche, die nach dieser Revolution entstanden — zwei verschiedene Dinge sind. Die Vereine, die in dem kapitalistischen Staat existieren, können die Industrieorganisation der kommunistischen Gesellschaft nicht vorbereiten, da ihre größte und einzige Aufgabe in dem Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft besteht.
Wir finden unter den Mitgliedern der I. W. W. kein besonders großes wissenschaftliches Verständnis, keine wissenschaftlichen Vorbereitungen der neuen Industrieorganisation. Wir wollen nicht zu viel von der I. W. W. sprechen. Wir schätzen sie als revolutionäre Organisation, denken jedoch, daß Genosse Haywood, als enthusiastischer Anhänger dieser Organisation, in ihrem Lobe nicht nur die Grenzen der konkreten Tatsachen, sondern auch diejenigen des einfachen Verständnisses für den Kommunismus überschritten hat. Er berührte die Frage anläßlich der Liquidation der I. W.W. Unter einigen Vertretern der Roten Gewerkschaftsinternationale, nicht der kommunistischen Delegation, gibt sich eine Strömung kund, die diese Liquidation tatsächlich erstrebt. Wir sind mit ihnen nicht einverstanden. Wir finden, daß die Liquidation der I. W. W. oder irgendeines ihrer Teile ebenso den Thesen der Kommunistischen Internationale widerspricht, ebenso unnütz ist, wie ein Versuch, die Amerikanische Arbeitsföderation zu liquidieren. Die I. W. W. existiert, mit dieser Tatsache müssen wir rechnen. Wenn sie noch nicht existieren würde, und man die Amerikanische Kommunistische Partei fragen würde, ob man eine ähnliche Organisation außer der amerikanischen Arbeitsföderation gründen sollte, so würde die Kommunistische Partei dagegen und für eine einheitliche Organisation stimmen. Aber da die I. W. W. existiert, erkennen wir sie an. Wir müssen sie ebenso gewinnen, wie die Amerikanische Arbeitsföderation. Wenn wir einigen Kommunisten, die zur I. W.W. gehören, raten, in die Amerikanische Arbeitsföderation überzutreten, so tun wir dies, um sie dem anarchistischen und syndikalistischen Einfluß zu entziehen, der in der I. W. W. sehr stark vertreten ist. Aus diesem Grunde arbeiten wir gleichzeitig in der I. W. W. und der Amerikanischen Arbeitsföderation, ohne die eine oder die andere zu verlassen. Wir wollen uns nicht zu Verteidigern dieser Organisation aufwerfen. Wir können jedoch nicht umhin, anzuerkennen, daß ein revolutionärer Geist in ihr herrscht, wenn es ihr auch an revolutionärem Verständnis für den Kommunismus fehlt. Die Ausführungen des Genossen Haywood bestätigen meine Worte.
Die I. W. W. behauptet, daß sie den ganzen Boden der revolutionären Bewegung so zu umspannen vermag, daß keine andere revolutionäre Organisation notwendig ist. Auch Genosse Haywood drückte sich in diesem Sinne aus. Ebenso ist es wahr, daß die I. W. W. fordert, daß die Kommunisten im Rahmen der Organisation arbeiten und kämpfen sollen, um unter den I. W. W.-Mitgliedern ein Verständnis für den Kommunismus zu erwecken.
Ich gehe nun zur Frage der Neutralität über, die Genosse Sinowjew in seinen Leitsätzen erwähnt. Ich halte es für überaus wichtig, daß dem, was Genosse Sinowjew gesagt hat, Aufmerksamkeit geschenkt werde. Die I. W. W. behauptet zwar, daß sie eine durchaus revolutionäre Organisation ist; ihr geht jedoch das kommunistische Verständnis ab. Was die übrigen Organisationen in Amerika anbelangt, so macht sich namentlich unter den Gewerkschaften, sogar unter den kommunistischen, eine Neigung zur Neutralität geltend.
Man findet oft, daß sogar angesehene Gewerkschaftsführer und Kommunisten nur solange kommunistische Anschauungen vertreten, bis sie die Tür ihrer Gewerkschaft erreicht haben. Sobald sie sich in den Räumen ihrer Gewerkschaft befinden, ziehen sie ihre kommunistischen Kleider aus und legen ihre Alltagskleidung — Gewerkschaftskleidung — an. So mancher kommunistische Gewerkschaftler scheut die Einmischung in die Angelegenheiten der Gewerkschaften. Wir müssen in den Gewerkschaften, namentlich in den amerikanischen, das Verständnis dafür erwecken, daß die kommunistische Disziplin für die zur kommunistischen Partei gehörenden Gewerkschaftsmitglieder ebenso bindend, ja vielleicht noch mehr bindend ist, als für irgend jemand anders.
Unsere Aushöhlungsarbeit in der Amerikanischen Föderation der Arbeit würde denselben Erfolg gehabt haben, wie unsere Arbeit in der Sozialistischen Partei. Wenn wir die Tätigkeit unserer Mitglieder, die in der A. F. of L. arbeiten, überwacht hätten, so hätten wir unsere Mitglieder in den Gewerkschaften unter Disziplin stellen können. Es muß besonders hervorgehoben werden, daß alle zur Kommunistischen Partei gehörenden Gewerkschaftsmitglieder, die sich in den Gewerkschaften aktiv betätigen, sich unter der Kontrolle und Disziplin der Kommunistischen Partei befinden. Wir können und wollen den Gewerkschaften nicht unmittelbar Befehle erteilen; unsere Mitglieder aber, die in den Gewerkschaften tätig sind, sollten sich in erster Reihe als Kommunisten und erst in zweiter Reihe als Gewerkschaftler fühlen. In Amerika ist oft das Umgekehrte der Fall. Man muß dem Gewerkschaftler das Verständnis für den Kommunismus einimpfen; von selbst kann er nicht dazu gelangen, denn das kommunistische Verständnis steht höher als gewöhnliche Gewerkschaftsphilosophie.
Und nun noch einige Bemerkungen. Unserer Ansicht nach muß in den Leitsätzen, die dieser Kongreß annehmen wird, den Beziehungen zwischen den Bureaus der Roten Gewerkschaftsinternationale in den verschiedenen Ländern und den kommunistischen Parteien in den entsprechenden Ländern besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dies ist überaus wichtig, um Doppelautorität zu vermeiden.
Das Bureau in Amerika würde die Trägerin der Instruktionen der Roten Gewerkschaftsinternationale sein und zugleich in voller Harmonie mit der Kommunistischen Partei Amerikas arbeiten. Auf diese Weise werden Reibungen ausgeschlossen sein. Natürlich müssen entsprechende Regeln der Zusammenarbeit aufgestellt werden.
Unsere Delegation hält es für notwendig, durch diese Bemerkungen die Ausführungen des Genossen Marshall zu ergänzen und die Behauptungen des Genossen Haywood richtig zu stellen, der als Mitglied mit beratender Stimme unserer Delegation angehört, aber kein offizieller Vertreter der Delegation ist.
Torralba Beci (Spanien). Die Debatte, die jetzt über die Gewerkschaftsfrage eröffnet wird, interessiert besonders die Spanische Kommunistische Partei. Die Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei Spaniens und zwischen den Syndikaten sind erst vor kurzer Zeit aufgenommen worden, und zwar nach dem Kongreß der Kommunistischen Internationale Durch die Thesen des II. Kongresses ist es möglich gewesen, in den Syndikalistengruppen kommunistische Zellen zu gründen und dort eine wahrhaft gute Propaganda im Sinne der III. Internationale zu eröffnen. Wenn man nun aber heute auf diesem Kongreß Thesen über die Gewerkschaftsfrage aufstellt, die gegenüber den Thesen des II. Kongresses eine gewisse Variante zeigen, so würde das für die Kommunistische Partei Spaniens und für die ganze kommunistische Bewegung sicherlich schädlich sein. Die Syndikalisten in Spanien haben sich bereits ‘ an die Losung der Thesen des II. Kongresses gewöhnt und würden nun, wenn diese Losung umgestellt würde, sicherlich mißtrauisch auf die kommunistische Bewegung, auf die kommunistischen Zellen blicken und in die Gewerkschaften abgestoßen werden. In Spanien gibt es zwei große Richtungen. Erstens die Sozialdemokratische Partei, deren Hauptvorteil es ist, daß sie gute marxistische Schulung besitzt. Diese Partei ist die Führerin der Allgemeinen Gewerkschaftsunion in Spanien, die ungefähr 100 000 Mitglieder besitzt. Natürlich wird dadurch diese Allgemeine Gewerkschaftsunion ganz im Sinne von Jouhaux und der Gelben Amsterdamer Internationale geleitet. Dagegen ist die zweite starke Strömung die syndikalistische Union in Spanien. Diese ist in Wirklichkeit von dem Geist der Kommunistischen Internationale erfüllt. Was ihre Formen, ihre Organisationsformen anbetrifft, so ist sie syndikalistisch und anarchistisch. Es handelt sich nun aber für die kommunistischen Gruppen darum, die syndikalistisch-anarchistischen Syndikate zu erobern. Diese Syndikate haben allerdings keine marxistische Grundlage, aber die kommunistischen Gruppen sorgen dafür, daß sie ihnen beigebracht wird. In Spanien haben sich in letzter Zeit zwei kommunistische Parteien gebildet. Erstens eine Vereinigung der Linken der alten Sozialdemokratischen Partei mit der Kommunistischen Jugendorganisation von Spanien, und zweitens eine Allgemeine Kommunistische Arbeiterpartei.
Es ist die Möglichkeit vorhanden, daß diese beiden Parteien in der nächsten Zeit zu einer Einigung gelangen. Die Massen, welche einen mächtigen Faktor in Spanien darstellen, werden dann gemeinschaftlich die Gewerkschaften und Syndikalisten leiten können. Sehr wenig Schwierigkeiten sind zu überwinden. Allein nach der Stellung, die hier gegenüber den Genossen aus der K.A.P.D. eingenommen wurde und gegenüber einigen Genossen der Italienischen Partei, könnten sie nicht mit derselben Losung zurückkehren; denn sonst würde dies die Vereinigung dieser beiden kommunistischen Parteien, also der Vereinigten Kommunistischen und der Kommunistischen Arbeiterpartei verhindern. Ich hoffe, daß es uns gelingen wird, hier in Moskau von der Exekutive einen gewissen Zeitabschnitt zu erlangen, damit in Spanien die Lösung dieser Frage vollzogen werden kann. Die Vereinigte Kommunistische Partei in Spanien umfaßt die Metallarbeiter, die Minenarbeiter und eine große Majorität der Gewerkschaften von Madrid, und stellt somit bereits heute eine der revolutionären Hauptkräfte in Spanien dar. In Spanien arbeiten wir immer noch ganz im Sinne der Thesen des Il. Kongresses und müssen unbedingt noch eine Zeit lang in diesem Sinne fortarbeiten, um die Vereinigung der beiden kommunistischen Parteien nicht zu gefährden, und um mit aller Sicherheit die Eroberung sowohl der Gewerkschaften, wie auch der Syndikalisten durchführen zu können. (Zustimmung.)
Kolarow (Bulgarien). Die Gewerkschaften in Bulgarien sind verhältnismäßig jung. Die Sozialdemokratische Partei entstand viel früher als sie. Dadurch erklärt sich die überaus wichtige Rolle, die die Partei in der wirtschaftlichen Organisation der Arbeiter gespielt hat. Die Sozialisten versammelten die Arbeiter, unterrichteten sie in den Anfangsgründen der Gewerkschaftsbewegung und riefen sie auf, sich zu organisieren. Auch später spielten die Sozialisten eine hervorragende Rolle im Leben der Gewerkschaften.
Vom ersten Augenblick an entstand die Frage, welchen Charakter die Gewerkschaftsbewegung annehmen sollte, und wie die Beziehungen zwischen den Gewerkschaftsorganisationen und der Sozialistischen Partei sich gestalten sollten. Die Sozialreformisten wollten in den Gewerkschaften nichts weiter sehen, als eine genossenschaftliche Organisation, die die unmittelbaren, rein gewerkschaftlichen Interessen der Arbeiter verteidigt. Sie predigten daher die Neutralität der Gewerkschaften. Die revolutionären Sozialisten (Tesnjaki) dagegen gingen vom Standpunkt aus, daß der wirtschaftliche Kampf nur eine der Formen des Kampfes der Arbeiterklasse ist, daß die Gewerkschaften sich in ihrer Tätigkeit nur nach den Interessen der Arbeiterklasse richten müssen und daß zwischen den Gewerkschaften und der Sozialistischen Partei daher von Neutralität nicht die Rede sein kann.
Den zwei Doktrinen entsprechend entstanden zwei verschiedene Gewerkschaftsorganisationen; die eine verhielt sich neutral, die andere arbeitete Hand in Hand mit der Sozialistischen Partei der Tesnjaki.
Was war das Schicksal dieser beiden Organisationen?
In den ersten Jahren hatte die neutrale Organisation die Ueberhand. Dank der beharrlichen Arbeit der Tesnjaki wurden die Roten Gewerkschaften jedoch immer mehr zum Mittelpunkt der Arbeiterbewegung. Als das Industrieproletariat zu erwachen begann, schloß es sich nur den revolutionären Gewerkschaften an.
Dank dem Vorgehen der Sozialistischen Partei der Tesnjaki während des Krieges, dank ihrer unerschütterlichen Treue der Arbeiterklasse gegenüber, ihrer Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse unter den schwierigsten Verhältnissen und der eifrigen Propaganda der sozialistischen Ideen in den Gewerkschaften, wurde der Rote Gewerkschaftsverband alsbald zur alleinigen Gewerkschaftsorganisation in Bulgarien. Nach dem Kriege löste der neutrale Gewerkschaftsverband sich rasch auf. Sogar die einzige neutrale Organisation, die noch eine gewisse Stabilität aufwies, nämlich der Verband der Eisenbahner und Post- und Telegraphenangestellten, konnte der Probe des Generalstreiks vom Jahre 1919 nicht standhalten. Im vorigen Jahre schlossen sich die Ueberreste aller dieser neutralen Organisationen dem Roten Gewerkschaftsverbande an. Tatsächlich gibt es heute nur noch revolutionäre Gewerkschaften in Bulgarien.
Unser Gewerkschaftsverband ist im wahren Sinne des Wortes eine Rote Organisation. Er ist durch unlösbare Bande organisch mit der Kommunistischen Partei verknüpft. Alle Genossen aus den Gewerkschaftskomitees und alle Gewerkschaftsführer sind bewährte Kommunisten; sie arbeiten gleichzeitig in den Gewerkschaften und in der Partei. Ein großer Teil der Gewerkschaftsmitglieder gehört auch zur Partei; die übrigen sympathisieren mit ihr, und man ist bestrebt, gute Kommunisten aus ihnen zu machen. Die kommunistische Erziehungsarbeit der Partei umspannt die großen Massen der Gewerkschaftsmitglieder. In allen ihren Kämpfen haben die Gewerkschaften die machtvolle materielle, moralische und politische Stütze der Kommunistischen Partei hinter sich gehabt. Die Partei ihrerseits wurde von den Gewerkschaften unterstützt. Die Gewerkschaften und die Partei haben überall gemeinsame Lokale, die Arbeiterklubs, in denen ihre Tätigkeit sich konzentriert.
Die Gewerkschafts- und die politische Bewegung bilden somit eigentlich nur zwei Bestandteile einer einzigen grossen revolutionären Bewegung, deren dritter Bestandteil die Arbeitergenossenschaften sind. Sind sie alle gleichwertig? Die gewerkschaftlichen und die politischen Organisationen der Arbeiterklasse sind für die großen revolutionären Kämpfe gleich unentbehrlich. Ihrem Charakter und ihren Kampfmitteln nach aber ist die Kommunistische Partei allein berufen, die revolutionäre Bewegung zu lenken. Ihrem Wesen nach steht die Partei über den Berufsorganisationen und vereinigt alle unterdrückten Gesellschaftsschichten in der revolutionären Bewegung. Was den Charakter der revolutionären Kämpfe anbelangt, die ihrem Wesen nach Kämpfe zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat sind, kann die Partei durch keine einzige andere Organisation ersetzt werden. In gleicher Weise gestatten die Kampfmittel, über die die Partei verfügt, indem sie die Initiative zum Streik gibt. die gesamte Tatkraft und Kampffähigkeit der ausgebeuteten und unterdrückten Massen für die Revolution auszunutzen.
Die Kommunistische Partei ist die Zusammenballung aller revolutionären Kräfte in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Geschichtlich wird sie im Prozeß der Kämpfe selbst notwendigerweise zum Mittelpunkt aller revolutionären Aktionen. Diese Evolution ist eine geschichtliche Notwendigkeit; sie vollzieht sich vor unseren Augen. Die zu den gelben Gewerkschaften gehörenden Massen brechen in immer größerer Anzahl mit Amsterdam ab und drängen nach dem Roten Moskau hin. Nichts vermag diesen revolutionären Strom aufzuhalten. Auch unsere syndikalistischen Genossen haben dieselbe Richtung eingeschlagen. Sie haben den ersten Schritt getan, indem sie zum Kongreß der Roten Gewerkschaften hierher kamen. Nun müssen sie auch noch den zweiten Schritt, tun, und ich bin sicher, sie werden nicht lange damit zögern. Sie werden den revolutionären Kräften der ganzen Welt, die sich um die Kommunistische Internationale zusammengeschlossen haben, nicht mehr lange standhalten können. Diese Evolution wird um so rascher vor sich gehen, je rascher und entschlossener die kommunistischen Parteien aller Länder mit den Methoden der alten opportunistischen Parteien brechen und durch ihre Hingebung und ihre revolutionären Taten das Vertrauen der Arbeitermassen gewinnen.
Tommasi (Frankreich). Genossen, eigentlich sollte Euch Genosse Loriot den Standpunkt der Franzosen in der Frage der Beziehungen zwischen der Kommunistischen Partei und den Gewerkschaften darlegen. Da er unwohl ist, sehe ich mich gezwungen, es statt seiner zu tun. Nach Behandlung dieser Frage will ich mit Eurer Genehmigung versuchen, auf die Ausführungen des Genossen Losowski, die mir ein wenig tendenziös scheinen, zu erwidern. Genosse Losowski forderte uns gestern auf, die Ansicht der französischen Syndikalisten darzulegen. Wir sehen wohl ein, wie wichtig es ist, daß Ihr unseren Standpunkt kennt. Es ist für uns selbst wichtig, unserer Anschauung hier rückhaltlos Ausdruck zu geben, es ist auch für diejenigen wichtig, die heute noch nicht ganz auf dem Wege des Kommunismus wandeln, weil sie glauben, zur Ablehnung der Aktion, zu der man sie aufruft, noch einigen Grund zu haben.
Genossen, wenn wir die Frage der Gewerkschaften und der Beziehung zwischen den Gewerkschaften und der Partei vom kommunistischen Standpunkt aus betrachten, so sehen wir, daß diese Frage als Ganzes und in allen ihren Einzelheiten mit den großen Problemen der Revolution eng verbunden ist. Die Gewerkschaften wollen apolitisch, im Prinzip neutrale Organisationen sein, sie sind es jedoch nie, aus dem einfachen Grunde, daß sie es nicht sein können. Die Grundsätze des Syndikalismus und namentlich der Begriff des Syndikalismus, der in der Charte d'Amiens — der heiligen Charte d’Amiens, wie Genosse Losowski sich ausdrückt — gegeben wird, besagen:
„Die Allgemeine Konföderation der Arbeit gruppiert außerhalb jeder politischen Schule alle Arbeiter, die sich des Kampfes bewußt sind, den sie zur Vernichtung des Lohnarbeits- und Herrschersystems führen müssen.“
Unserer Ansicht nach, Genossen, besteht hier ein offensichtlicher Widerspruch. Wenn die also gruppierten Werktätigen sich des Kampfes bewußt wären, den sie zur Niederringung der Arbeitgeber führen müssen, so würden sie auch wissen, daß sie es nicht tun können, solange sie auf dem Boden der politischen Neutralität verharren. Sie würden einsehen, daß jeder Klassenkampf ein politischer Kampf ist, daß man die Arbeitgeber nicht niederringen kann, ohne den politischen Apparat der kapitalistischen Ordnung zu vernichten. Die Ansichten hierüber gehen auseinander, Genossen. Ich will es meinen Kameraden aus den anderen syndikalistischen Lagern überlassen (ich bin sicher, sie werden sich hier einstellen, denn es ist wichtig, daß Ihr unsere, sowie deren Ansichten über die verschiedenen Fragen kennen lernt), Euch den Grund dieses Auseinandergehens zu erklären. Ich glaube jedoch nicht, daß es die verschiedenen Ansichten über die Taktik sind, die uns trennen, wenn wir behaupten, daß sogar diejenigen sich nicht von der Politik lossagen können, die da sagen: „Heraus mit der Politik aus den Gewerkschaften.“ Wir wollen Euch hierfür gleich den Beweis liefern.
Tatsächlich verdeckt sich hinter diesen unklaren Formen eine ganze Tonleiter verschiedener politischer Ansichten, und zwar der schlimmsten. Die Gewerkschaft ist ein offenes Feld für alle Parteien, die einander mit wechselndem Erfolge den Einfluß streitig machen, von den Gelben Gewerkschaften, in denen dennoch eine große Anzahl von Arbeitern organisiert sind, gar nicht zu sprechen. Die bürgerlichen Parteien haben ihre Agenten. Sie schicken Leute in die Gewerkschaften, die kommen und sagen: Die Gewerkschaft ist eine Organisation. die sich damit abgeben muß, die Lage der Arbeiterklasse zu verbessern. Sie hat sich nicht mit der Politik zu beschäftigen. Die Gewerkschaft gibt ihren Massen die Kraft, sich zu bestimmten Zeitpunkten gegen die Macht, gegen jede Art von Macht, gegen die Politik, gegen jede Art von Politik aufzulehnen, um ihre sofortigen materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Es genügt, eine streng korporative Politik durchzuführen, um die nötigen Ergebnisse zu erzielen. Es gibt auch noch andere Politiker außer den bürgerlichen Parteien und den Gelben Gewerkschaften, die sich hinter dem Deckmantel der politischen Neutralität verbergen, um zu ihrem Ziele zu gelangen, denn nur diese Neutralität gewährt ihnen die Möglichkeit zu handeln. Sie neutralisiert aber nicht die Gewerkschaften gegenüber den politischen Parteien, sie entwaffnet sie einfach. Tatsächlich bringen diese Agenten die Politik der bürgerlichen Parteien nicht offen zum Ausdruck, sie verbergen sich hinter der politischen Neutralität, die eigentlich nur den Klassenkampf neutralisiert und die Gewerkschaften der Bourgeoisie ausliefert.
Andererseits haben wir es mit den Genossen aus den Schulen des Anarchismus zu tun, die bestrebt sind, den Gewerkschaften ihre Doktrinen aufzuzwingen. Es ist interessant, daß diese eifrigen Propagandisten gleichzeitig die Klausel der Charte d‘Amiens anerkennen und sagen: „Die französischen Gewerkschaften brauchen keine Politik zu machen. Sie müssen bei sich zuhause ihre eigene Politik machen. Man kann außerhalb der Gewerkschaften jede beliebige Ansicht vertreten, man kann sagen, was man will, man kann sich jeder beliebigen Doktrin, jeder beliebigen Partei anschließen. Wenn man aber in die Gewerkschaft hineingeht, muß man einfach Gewerkschaftler sein.“ Unsere anarchistischen Genossen haben uns gezeigt, daß sie es recht wohl verstanden, ihre eigene Politik in den Gewerkschaften zu betreiben, während sie die politische Neutralität forderten. Man muß zugeben, daß insbesondere die Stellungnahme der Sozialistischen Partei, die in den letzten 50 Jahren in Frankreich tatsächlich nichts anderes war, als ein Laboratorium, ein Forum zur Vorbereitung der Wahlen, diesen Genossen ein gewisses Recht gegeben hat, sich gegen die Politik aufzulehnen, die die Mitglieder der Partei verfolgten, als sie versuchten, die Herrschaft über die Gewerkschaften zu gewinnen. Und dennoch ist die Gewerkschaft ein Schlachtfeld geblieben, auf dem alle politischen Tendenzen einander unbarmherzig bekämpfen. Es kann auch garnicht anders sein, denn die Gewerkschaft kann nicht existieren, sie kann nicht handeln, ohne eine gewisse Politik zu verfolgen. Und tatsächlich, sobald in der Gewerkschaft eine Frage aufgeworfen wird, machen sich politische Strömungen geltend, ob man es will oder nicht, und bestimmen die Richtlinie der Gewerkschaftsbewegung. Ich will bloß zwei Bewegungen anführen, die wir in einem Zwischenraum von zehn Jahren erlebt haben und die durchaus ähnliche Formen aufweisen. Im Jahre 1910 organisierte der Eisenbahnerverband einen Streik zur Erzielung eines Lohnes von fünf Franken, da die Arbeiter von einem geringeren Lohn zu jener Zeit nicht leben konnten. Obgleich man vorgab, den politischen Parteien gegenüber die Neutralität zu beobachten, war es doch unter dem Einfluß der Politiker, daß unsere Genossen in den Kampf gingen. Sie wurden geschlagen, und zwar gerade deshalb, weil diese Politiker sich nicht der sprichwörtlichen politischen Ehrlichkeit rühmen konnten, weil sie fortfuhren, ihre eigenen Kombinationen zu machen, während die Gewerkschaften und die Bewegung selbst sie sehr wenig interessierten. Sie richteten die Bewegung zugrunde, obgleich die Leute, die an der Spitze standen, vorgaben, apolitisch zu sein. Tatsächlich waren sie Leute einer „gewissen“ politischen Richtung, die zu jener Zeit vorherrschte, und dazu welcher: Bidegaray, der Sekretär und einer der Führer der Gewerkschaften, befand sich in Händen eines Politikers. Ich spreche von dem Herrn Rabier, dessen Werkzeug Bidegaray noch 1920 war (Beifall).
1920 sehen wir das gleiche Bild. Die Gewerkschaft geht mit allen Elementen, den Kommunisten, den reinen Syndikalisten und den Anarchisten gemeinsam in den Kampf. Gleich von vornherein zeigt es sich, daß die Bewegung nur dann Erfolg haben kann, wenn sie ihre korporative Form aufgibt und eine ausgesprochen politische Form annimmt. Die Feiglinge, die Leute, die nicht mehr entschlossene Revolutionäre waren, die geholfen hatten, die Charte d‘Amiens auf die Beine zu stellen als Antwort auf die reformistische Politik der Sozialistischen Partei, sie alle erhoben sich sofort und sagten: „Fort mit der Politik!‘ Und dies bedeutet, daß man in den engen korporativen Kaders bleiben soll; wenn es sich darum handeln wird, den Feind an der Gurgel zu packen, alle Offensivkräfte der Arbeiter in die Hände zu bekommen, sich in die illegalen Kaders einzureihen, wenn es nötig sein wird, wissentlich Sabotageakte durchzuführen, dann werden sie „nein“ sagen. Dies sind Fremdkörper, die in die Gewerkschaftsbewegung eindringen und versuchen, ihnen andere Formen zu geben. Das können wir nicht zulassen. Nachdem der Streik einen Monat gedauert hatte, waren die Eisenbahner unter dem Druck der reformistischen Führer der Arbeitskonföderation gezwungen, den Kampf aufzugeben.
Die revolutionäre Aktion, die allein zum Erfolg hätte führen können, konnte nicht erfolgen, weil diese Leute nicht mehr Revolutionäre waren, weil sie jede revolutionäre Aktion verlernt hatten. Wir behaupten also, daß die Gewerkschaften nie außerhalb der Politik stehen. Und nun, da wir den Beweis geliefert haben, daß man die Politik nicht aus den Gewerkschaften verbannen kann, daß die politischen Kräfte in die Gewerkschaften eindringen und dort arbeiten, nun handelt es sich darum, diese Kräfte festzustellen. Was Frankreich anbelangt, Genossen, so habt Ihr nicht das Recht, außer acht zu lassen, welche Kraft die Syndikalisten vorstellen, wie stark jede einzelne Tendenz ist und wie diese Tendenzen aussehen. Die französische Gewerkschaftsbewegung hat eine 50jährige Geschichte hinter sich. Sie wurde aus dem Bestreben von Leuten geboren, die sich in einer politischen Organisation betätigten, von Leuten aus der Sozialistischen Partei, und sie hatte zum Ziel, gegen den individualistischen Geist anzukämpfen, der zu jener Zeit herrschte. Statt sich jedoch an die revolutionäre Aktion zu halten, statt die Massen zur entschlossenen Aktion vorzubereiten, statt einem Ziel, dem Bruch zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, der vollen Machtergreifung zu alleinigen Gunsten der Werktätigen, entgegenzuschreiten, blieben sie bei der Wahlpolitik stehen. Dies war die Ursache, daß Schulen entstanden und sich herauskrystallisierten. Es ist falsch, zu behaupten, daß die Charte d’Amiens unwandelbar, unverändert dasteht. Wir können das Gegenteil beweisen. Wir können bezeugen, daß die Leute, die bei der Charte d’Amiens mithalfen, ebenfalls evolutioniert haben und sich uns täglich mehr anschließen. Ihr dürft nicht glauben, daß die Elemente, die der kommunistischen Tat heute am fernsten zu stehen scheinen, Gegner des Kommunismus sind. Sie sind keine Gegner des Kommunismus; sie fordern bloß, daß die Kommunistische Partei wahrhaft kommunistisch handle.
An dem Tage, an dem die Partei die reformistischen Elemente von sich abschüttelte, an dem Tage, an dem sie all das reformistische Gewürm, das die Partei schon viel zu lange an der revolutionären Aktion gehindert hatte, von sich stieß, konnte folgende Hypothese aufgestellt werden: „Die Gewerkschaftsmitglieder, die eine rein syndikalistische oder eine syndikalistisch-anarchistische Tendenz verfolgen, würden sich der kommunistischen Partei anschließen, um diese Evolution zu beschleunigen und zu präzisieren.“ Sie haben es aber nicht getan. Wenn diese Möglichkeit sich verwirklicht hätte, so hätte sie den Beweisführungen derjenigen Recht gegeben, die in gutem Glauben dem Krieg und der russischen Revolution auf den Grund gehen wollten. Diesen Elementen muß die Partei etwas anderes geben als bloße Formeln. Sie muß ihnen etwas anderes bieten als bloße Befehle, als Kongreßresolutionen; sie muß sie davon überzeugen, daß die Partei zur Tat fähig ist, daß nur sie die Arbeiter zur Freiheit führen kann. Die Arbeiter werden dann einsehen, daß nicht alle politischen Organisationen, nicht alle politischen Parteien nach einem Maß gemessen werden können. Sie werden einsehen, daß zwischen dieser und jener politischen Partei und der ihrigen ein Unterschied besteht, und sie alle werden zu ihr zurückkehren, oder zum mindesten der größte Teil von denen, die begreifen, daß es in den Gewerkschaften politische Keimzellen, daß es im Schoße der Gewerkschaften Politik geben muß, die aber noch daran zweifeln, daß die Kommunistische Partei die Trägerin dieser unumgänglichen Politik ist. Man muß in die Gewerkschaften eindringen, und es wird von dem Kongreß abhängen, ob wir es zustande bringen oder nicht. Die III. Internationale darf nicht sagen: „Von morgen an dürft ihr mit diesen oder jenen Elementen nichts mehr zu schaffen haben. Von morgen an müßt ihr mit denjenigen brechen, die gestern euere Genossen zur Linken waren.“ Wir sind überzeugt, daß die linken Elemente der Arbeitskonföderation mit wenigen Ausnahmen die Notwendigkeit der Evolution eingesehen haben. Bloß über die Fragen der Taktik, der Stellungnahme, der Debatte, der Aufnahme haben wir uns noch nicht einigen können, und zwar aus dem Grunde, weil man zu lange eine schlechte Politik geführt hatte. Gewisse Mitglieder der Sozialistischen Partei, ja, sogar mancher, der heute zur Kommunistischen Partei gehört, sagen: „Es genügt, wenn man sich in den Gewerkschaften mit Gewerkschaftsfragen beschäftigt.“ Tatsächlich machen wir alle Politik. Wir müssen uns nur darüber klar werden, weshalb wir Politik machen, und ich bin überzeugt, daß wir uns darüber einigen werden.
In einer Beziehung übertrieb Genosse Losowski jedoch, als er zu sagen schien, daß die heilige Charte d’Amiens außer Kraft gesetzt werden muß, daß man sie mit Füßen treten könne und sie ohne weiteres verwerfen müsse. Wir können diese Ansicht nicht teilen. Wir ziehen es vor — möge Genosse Losowski es uns verzeihen, eine weise, geschmeidige Politik zu führen, die uns die Möglichkeit gibt, uns miteinander zu verständigen. Wir wissen, daß wir in dem einen Punkt miteinander einverstanden sind, in der Frage der revolutionären Aktion. Wir sind uns mit wenigen Ausnahmen vollkommen darüber einig, daß die revolutionäre Aktion im Schoße der Gewerkschaften, im Schoße der Arbeitskonföderation geboren werden muß. Auf dem Kongreß zu Lille werden die Vertreter der französischen Gewerkschaftsorganisation es genau darlegen, weshalb wir keine Spaltung wünschen. Sie werden es gerade heraussagen, denn sie wollen die gesamte Arbeitskonföderation für sich gewinnen. Unmittelbar nach dem Kongreß aber werden wir in unserer Organisation, in sämtlichen Organisationen der französischen Gewerkschaftsbewegung die Aktionen, die taktischen Grundsätze, die wir vorschlagen, in die Tat umsetzen müssen. Wir müssen aufhören, gegeneinander vorzugehen, wir müssen es klarlegen, welche Gründe, welche taktischen Fragen uns trennen. Und ich bin überzeugt, daß die Rote Gewerkschaftsinternationale in Frankreich dann eine geschlossene Front für die revolutionäre Aktion haben wird. Man braucht in unserem Lande nicht von der Unterordnung der Gewerkschaftsaktion zu sprechen. Ihr könnt uns jedoch glauben, daß die Kommunisten, daß diejenigen, die heute den kommunistischen Organisationen angehören, ihre Fahne nicht mehr in die Tasche stecken werden. Sie werden mit der wehenden Fahne ihrer Überzeugung, ihrer Ideen in die Gewerkschaften gehen. Wir werden sie unseren Genossen Auge in Auge gegenüberstellen. Dann wird es unseren Gegnern nicht mehr möglich sein, die Politik und die Neutralität ins Spiel zu führen.
Wir sind mit Euch einverstanden, daß diese beiden Kräfte nicht nur parallel laufen, sondern in tiefer Einigkeit zusammengehen müssen. Es muß eine Zusammenarbeit hergestellt werden, die mit jedem Tage enger wird. Übrigens hat niemand, der noch heute in seinen Gedanken zaudert, sich dieser Notwendigkeit widersetzt oder versucht, ihr zu entgehen. Kein einziger von denen, die zur äußersten Linken oder zum Zentrum gehören, niemand aus der französischen Minderheit hat daran gedacht, die Kommunistische Partei beiseite zu schieben. Als die ernsten Ereignisse der Mobilisation eintraten, sagten alle einstimmig: wir müssen gemeinsam mit der Kommunistischen Partei vorgehen. Wir fragten die Kommunistische Partei nicht, ob sie beabsichtige, uns zu unterordnen. Man unterordnet nur die Schwachen; eine Kraft läßt sich nicht unterordnen. Was jedoch getan werden muß — und zwar muß es die Aufgabe derjenigen sein, die sich für Kommunisten ausgeben, die uns noch ein wenig fern zu stehen scheinen — es wird auch unsere Aufgabe sein, unsere Auffassung genau darzulegen, zu sagen, daß wir tatsächlich Politik in den Gewerkschaften machen wollen, eine vernünftige, klare, präzise, revolutionäre Politik. Und ich mache mir darüber keine Sorge: man mag so viele Anklagen gegen unsere Auffassung und Gewerkschaftsorganisation, gegen die Kommunistische Partei erheben, wie man will. Es gibt ein gewisses Etwas, das die Arbeiter mehr schätzen als Formeln, und zwar — die Tat. Die revolutionären Gewerkschaftsfraktionen sind bereit, zur Tat zu schreiten.
Zum Schluß dieser kurzen Übersicht will ich Euch nun die Ansicht von Leuten darlegen, die man aus der Gewerkschaftsbewegung nicht ausschließen kann. Es gibt Leute, die 20 Jahre in der Bewegung gearbeitet und gezeigt haben, daß sie es begreifen, daß die Charte d’Amiens bloß ein Moment im Leben der Gewerkschaften ist, nicht aber das gesamte Gewerkschaftsleben verkörpert. Sie haben es begriffen; es gibt heute keinen Einzigen unter ihnen. der anderer Ansicht wäre.
Wollt Ihr wissen, was unsere Genossen, die Metallarbeiter, sagen, die zu Anfang des Krieges das einzige Element waren, das Merrheim unterstützte? Merrheim war zu jener Zeit noch nicht das geworden, was er heute ist — der Verleumder der russischen Revolution, deren Lobhudler er anfangs war. Eigentlich tragen die russischen Genossen an dieser Umwandlung Merrheims selbst die Schuld. Sie unterließen es, sich seine Erlaubnis einzuholen, ehe sie die Revolution machten. Sie vergaßen es, ihn um seine Meinung zu befragen. Zu unserer großen Schande sehen wir ein, daß wir ihn allzulange geachtet haben, ihm allzulange gefolgt sind. Aber er hatte so viel Sympathie für sich, daß wir uns leicht irren konnten.
Jetzt ist die Organisation der Metallarbeiter wieder zu sich gekommen. Sie nimmt im revolutionären Gewerkschaftskomitee einen hervorragenden Platz ein und verspricht viel für die Zukunft. Nun, da die Föderationen der Bauarbeiter und der Eisenbahner für unsere Sache gewonnen sind, werden die Metallarbeiter — wir sind dessen sicher — wieder auf den Weg zurückkehren, von dem sie einen Augenblick lang abgewichen waren. Seite an Seite, Hand in Hand mit uns werden sie zur revolutionären Aktion schreiten. Ich bitte den Genosse Losowski und diejenigen, die seine Ansichten teilen, folgende Erklärung des Subkomitees der Revolutionären Opposition im Verband der Metallarbeiter im Auge zu behalten:
Der Anschluß an Zimmerwald war die Folge unserer pazifistischen Auffassung; der Anschluß an Moskau muß die Folge unserer revolutionären Anschauungen sein. Wir wiederholen es: die revolutionären Gewerkschaftskomitees sind als Organismen in Moskau nicht einheimisch. In Lyon wurde bereits die Frage der Organisation der Minderheit aufgeworfen; was in Lyon vorausgesehen wurde, wird sich in Orleans verwirklichen; die Minderheitler werden dort ihre Studien- und Propagandagruppen bilden. Es ist ebenfalls unrichtig, daß die Revolutionären Gewerkschaftskomitees das Ziel verfolgen, die Gewerkschaftsbewegung unter die Vormundschaft der Kommunistischen Partei zu stellen. Weder Spaltung noch Unterordnung; dies war und ist unsere Parole, um so mehr, da die Minderheitsresolution in Orleans die Zusammenarbeit mit jeder revolutionär auftretenden Partei vorsieht, eine Zusammenarbeit, bei der die Gewerkschaftsbewegung ihre Autonomie bewahrt.
Indem wir den Anschluß an die Rote Gewerkschaftsinternationale fordern, bleiben wir unserem internationalistischen Glauben treu. Niemand könnte ernsthaft behaupten, daß die Amsterdamer Internationale, deren Führer während der ganzen Kriegszeit an der Spitze der nationalistischen Bewegung standen, eine wahre Internationale ist. Sie ist vielmehr eine Gruppierung ohne Inhalt, deren äußerliche Einigkeit durch die kleinste Gefahr eines Krieges vernichtet werden wird. Wenn die Syndikalisten auf dem Wege nach Moskau mit Anhängern politischer Parteien zusammengetroffen sind, so geschah es deshalb, weil wir und sie gleiche Ziele verfolgen. Wir können ihnen nicht verbieten, denselben Weg zu gehen wie wir, ebenso wenig, wie wir gewisse Politiker daran hindern können, mit der Arbeitskonföderation in der Kampagne zugunsten der verheerten Gebiete zusammenzuarbeiten; ebenso wenig, wie wir dem bekannten Hai Noblemaire, der die Entlassung Tausender Arbeiter auf seinem Gewissen hat, daran hindern können, dem Internationalen Arbeitsbüro, an dem der Delegierte der Arbeitskonföderation tätig ist, Lobhymnen zu singen. Wie dem auch sei, eins steht fest: trotz der verschiedenen Standpunkte, trotz der Verschiedenheit der Ideen, gibt es nur zwei Gruppen: eine strebt die Aufrechterhaltung der jetzigen sozialen Ordnung an, die andere geht mutig der Revolution entgegen. Es darf nicht mehr neutrale Zonen geben, wohin die Zauderer und die Feiglinge flüchten können. Das Schwanken wird gefährlich. Es ist die höchste Zeit, Stellung zu nehmen. Was uns anbelangt, so sind wir bestrebt, unsere Föderation aus dem Konfusionismus zu befreien, in dem sie sich jetzt befindet und der sie vom revolutionären Syndikalismus vollständig abzubringen droht.
Diejenigen, die die französische Gewerkschaftsbewegung kennen, die wissen, durch welche Schwierigkeiten hindurch sie sich entwickeln mußte, verweise ich auf die Erklärung unserer Genossen, der Metallarbeiter, die ihnen die Verhältnisse genauer darlegen wird. Dieselben Elemente, die noch gestern höchstens in eine Art Zusammenarbeit einwilligen wollten, anerkennen heute, daß es einen wichtigen Punkt gibt, über den man nicht mehr streitet: der Austritt aus dem Amsterdamer Gewerkschaftsbüro und der Eintritt in die Moskauer Internationale.
Auf nationalem Gebiet gibt es noch einen zweiten Punkt, der eine ernste Annäherung möglich machen könnte. Wenn man sagt, daß man auf die Zusammenarbeit mit einer revolutionär handelnden politischen Partei eingeht, so bezeugt das, daß man diese schlechte Politik der Partei sanktioniert. Es genügt, daß diese Partei zur Tat schreitet, damit diejenigen, die heute mit uns in Opposition stehen, sich bereit zeigen, mit uns zu verhandeln und gemeinsam in den Kampf zu ziehen.
Ich möchte Euch die Ansicht eines Genossen anführen, die ich Euch bitte, im Auge zu behalten, weil dieser Genosse, wie er sagt, rein syndikalistische Ideen vertritt. Er gehört zu denen, die der revolutionären Bewegung in unserem Lande wieder aufgeholfen haben. Ich meine unseren Genossen Monatte. Er gehört zu denen, die ebenfalls sagen, daß die Charte d’Amiens im Jahre 1906 Wert hatte, aber daß es zwei wichtige Momente gibt, die den Geist und die Seele des Menschen beeinflussen mußten. Er glaubt, daß der Krieg und die russische Revolution der Mühe wert sind, daß man einen Augenblick vor der Charte d’Amiens stehen bleibt, sie erörtert und diejenigen Punkte zurückzieht, die den gegenwärtigen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Was sagte Genosse Monatte jedoch auf dem Kongreß einer Sektion der Minderheitssyndikalisten von St. Etienne?
„Wenn es eine unbegründete Beschuldigung gibt — sprach Monatte —, so ist es diejenige, die das Zentralkomitee der Autoritätssucht und des Zentralismus anklagt. Man könnte dem Komitee viel eher das entgegengesetzte vorwerfen, was man übrigens auch tut. Tatsächlich führen unsere revolutionären Gewerkschaftskomitees ein allzu wenig aktives Leben, daher der Eindruck, daß nur das Zentrum spricht, handelt, befiehlt. Man muß in den Bezirken arbeiten, sich für alle Probleme interessieren, dann wird dieser Eindruck schwinden. Was die Delegation nach Rußland anbelangt, so besteht sie aus Genossen der verschiedensten Minderheitsströmungen. Wenn die Beteiligung der Genossen aus der Provinz eine verhältnismäßig geringe ist, so liegt es daran, daß mehrere in Aussicht genommene Genossen abgesagt haben. Über das Mandat gab es zwei Ansichten: die einen waren für das imperative Mandat, die anderen für ein festes Mandat, das jedoch eine Organisationsform zuläßt, der sich alle Bewegungen anschließen können, trotzdem sie einander ganz und gar nicht gleichen und nichts gemeinsam haben, als den revolutionären Geist...“
Frankreich steht mit seiner Forderung der Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung nicht allein da, und Monatte ist überzeugt, daß die russischen Genossen in dieser Hinsicht nachgeben werden. Wichtig ist allein, daß unsere Gewerkschaften sich der Roten Gewerkschaftsinternationale anschließen können, ohne etwas von ihrem Charakter einzubüßen.
Genossen, die Ihr hier auf dem III. Kongreß versammelt seid, bedenket bloß, welche Schwierigkeiten wir noch zu überwinden haben! Da ist die Gefahr der Rechten, die, was man auch immer über sie sagen möge, noch sehr ernst ist. Vergeßt nicht, daß die Arbeiterklasse Frankreichs noch immer an die Möglichkeit einer Reparation durch den Sieg glaubt. Vier bis fünf Jahre einer schlechten Politik haben unseren Arbeitern einen schlechten Chauvinismus und Nationalismus eingeflößt. Zu viel Egoismus ist in Herz und Geist der Arbeiter eingedrungen. All diesem muß ein Ende gemacht werden. Und es wird uns sicherlich gelingen. Das steht fest. Denen, die seit 1914 den Syndikalismus verraten haben, werden wir sagen: es ist genug, der Augenblick ist gekommen, zieht nun Eurer Wege; wir werden nicht auf das geringste Zugeständnis eingehen. Aber es gibt andere Elemente, mit denen wir rechnen müssen. Wir französischen Syndikalisten und — ich darf es sagen — die ganze Kommunistische Partei bitten Euch, uns Vertrauen zu schenken, uns zu gestatten, einen Berührungspunkt zwischen den verschiedenen Genossen und den verschiedenen Tendenzen zu finden.
Zum Schluß muß ich noch einmal wiederholen, daß es einen Punkt gibt, über den bei uns nie Meinungsverschiedenheiten bestehen werden: die revolutionäre Aktion. Auf diesem Gebiet sind wir vollkommen einig. Unseren Standpunkt zu präzisieren, uns miteinander zu beraten, wird unsere nächste Aufgabe sein müssen. Ich bin überzeugt, daß die Beratungen, die wir im Laufe dieses Jahres miteinander pflegen werden, das erwünschte Ergebnis zeitigen werden. Wenn wir uns im nächsten Jahr auf dem Kongreß der Roten Gewerkschaften wiedersehen, so werden wir schon eine einheitliche Front vorstellen.
Bell (England). Genossen! Wir sind im wesentlichen mit den Behauptungen des Genossen Sinowjew einverstanden, daß die Erfahrungen des letzten Jahres die Richtigkeit der Thesen des vorigen Kongresses bestätigt haben. Diese Thesen stellten fest, daß die Kommunisten in allerengstem Kontakt mit dem größten Teil der Arbeitermassen bleiben müßten. Die Gewerkschaftsbewegung und die Bewegung der Industrieverbände vertreten und enthalten heutzutage die zahlreichsten und besten Elemente der internationalen Arbeiterbewegung, und die Aufgabe der Kommunistischen Partei besteht darin, diese Massen oder allenfalls den größten Teil dieser Massen dem Kommunismus und der Kommunistischen Partei zuzuführen. Auf unserem Kongreß wurde der Vorschlag gemacht, die Arbeiter zum Austritt aus den Gewerkschaftsvereinen zu bewegen, die Losung: „Verlaßt die Verbände!“ aufzustellen. Ich möchte Euch hier eine Erfahrung mitteilen, die wir in England machten, als wir versuchten, diese Losung durchzuführen.
Nach der Konferenz in Chicago im Jahre 1905 verbreitete sich in England die Idee der industriellen Vereine, und die Anhänger dieser Idee agitierten für die Durchführung dieses Prinzips. Zu dieser Zeit wollten wir versuchen, ganz neue Vereine zu gründen, Gewerkschaftsvereine, die auf der industriellen Struktur, nicht wie bisher auf dem Prinzip des Gewerbes begründet sein sollten. Wir hatten damals denselben Gedanken, der auch auf diesem Kongreß ausgesprochen wurde, besonders von unseren Genossen aus der K.A.P.D.,, nämlich, daß die ökonomische Organisation der Revolution, der politischen Tätigkeit und dem politischen Erfolge vorangehen müsse. Diese Meinung war auch bei uns in England eine beträchtliche Zeit lang verbreitet. Aber unsere Erfahrung in England zeigt uns die Nutzlosigkeit der Versuche, mit der Losung: ‚„Verlaßt die Gewerkschaften!“ auch nur den kleinsten Erfolg zu erzielen.
Wir haben die alten Gewerkschaften nie erschüttern können, obwohl eine bedeutende Propaganda mit Hilfe von Proklamationen und Vorlesungen, nicht allein bei den Arbeitern in der Fabrik, sondern auch in den verschiedenen Vereinen getrieben wurde. Die Erfahrung hat uns gezeigt, daß die beste Erziehungsschule der Arbeiterbewegung doch der aktuelle Kampf ist. Nur in einigen wenigen Fällen, z. B. in neuen Industriezweigen, wie die Produktion der wissenschaftlichen Instrumente oder die Motorenindustrie, gelang es uns, Mitglieder zu erwerben, die die alte Gewerkschaftsorganisation mit ihrem Grundprinzip der Einteilung nach Gewerben verwarfen. Außerdem muß ich Euch warnen, da diese Losung: „Verlaßt die Gewerkschaften!“ für die Unternehmer von großem Vorteil ist. Sie werden die Streitfragen dieser oppositionellen Gewerkschaftssektionen in die Hände der Führer der alten Gewerbevereine legen. Deshalb ist diese Agitation nur im Interesse der Unternehmer. Die revolutionären Elemente sind am besten zum Kampfe geeignet und können die Schliche der Unternehmer am besten verstehen, so daß mit dem vollständigen Siege der alten Gewerkschaften die stärksten Waffen in die Hände der Unternehmer übergehen. Deshalb hat Genosse Sinowjew Recht, wenn er sagt, daß die Unternehmer sich nicht allein auf die Gewalt stützen, sondern daß sie die Arbeiter zu hintergehen, zu betrügen suchen. Am allerbesten aber können sie die Arbeiter mit Hilfe der sogenannten Arbeiterleader hinters Licht führen, die man in England die „Arbeitsfakire‘“ nennt. Deshalb führt diese Losung: „Verlaßt die Gewerkschaften!“, die die Gewerkschaften gänzlich in die Hände der „Arbeitsfakire“ gibt, nur zur Verstärkung der Unternehmer.
Was das Prinzip der Arbeit innerhalb der Gewerkschaften anbetrifft, so zeigt unsere zehnjährige Erfahrung, die wir in England vor dem Kriege machten, daß eine völlig neue Taktik angewandt werden müsse, um einen, wenn auch nur minimalen Rest von industrieller Freiheit in unserem Lande zu retten. Dieses war eine der Ursachen, die zu der Arbeiterkomiteebewegung (Workers Committee Movement) oder, wie man sie jetzt nennt, zu der Bewegung der Fabrikältesten (Shop Steward Movement) geführt haben. Diese Bewegung war die Antwort auf die Herausforderung der Unternehmer, die die Gewerkschaftsvereine ihrer bürgerlichen Rechte beraubten. Diese Arbeiterkomiteebewegung verteidigte die elementaren Prinzipien der Arbeiterorganisation in den Fabriken. Aber diese Bewegung dachte nicht daran, wie unsere Freunde aus der K.A.P.D. annehmen, besondere Gewerkschaftsvereine zu gründen. Sie erstrebte etwas ganz anderes: Sie wollte den Arbeitern die Idee und das Prinzip der Notwendigkeit einer Arbeiterkontrolle über den Betrieb zum Bewußtsein bringen. Wir haben diese Shop Steward-Bewegung hervorgerufen, um dieses Prinzip in den Gewerkschaftsverbänden durchzuführen, sie zur energischen Teilnahme an dem Revolutionskampf zu zwingen und zu verhüten, daß die reaktionären Führer dem revolutionären Werk der Agitation hemmend im Wege stehen. Wir setzen unsere unermüdliche Kritik der alten Gewerkschaften, der Führer und ihrer Methoden fort; aber diese alten Gewerkschaften zu verlassen und damit im Interesse der „Arbeitsfakire“ zu handeln, ist uns nie in den Sinn gekommen.
Indem wir die Arbeiter die ganze Zeit in Atem halten, indem wir jedes kleine Ereignis des Fabriklebens ins richtige Licht rücken und die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf die gewöhnlichsten Formen des alltäglichen Klassenkampfes lenken, erklären wir ihnen unseren Standpunkt und gewinnen ihre Sympathie. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich viele Tatsachen anführen, die beweisen würden, daß die aktive Propaganda und die Arbeit dieser Arbeitskomitees und der Shop Stewards- Bewegung in vielen Fällen zur Vernichtung des Geistes der Zersplitterung, zur Konzentration der besten Elemente der Gewerkschaftsverbände, zur Verschmelzung der verschiedenen Verbände geführt hat,
Ich möchte auf einige Tatsachen hinweisen, die wert sind, auf diesem Kongreß besprochen zu werden. In Verbindung mit der Charakteristik der Funktionen der Gewerkschaftsverbände hatten wir hier Diskussionen über den Punkt, ob die Gewerkschaften Schulen des Kommunismus genannt werden können. Es ist mir nicht ganz klar, was damit gemeint ist, aber ich nehme an, daß die Gewerkschaftsverbände der kommunistischen Agitation und der Propaganda für die Kommunistische Partei den Weg ebnen sollen. Mir scheint, man kann hieraus nur einen Schluß ziehen: Wenn die Gewerkschaften Schulen des Kommunismus sein sollen, so müssen wir in diesen Schulen tätig sein. Ihre Leistungsfähigkeit und die durch die Propaganda und Agitation erzielten Erfolge werden hauptsächlich von den Fähigkeiten der Kommunisten, die als Lehrer tätig sein werden, abhängen. Wenn die Schüler nicht zu den Kommunisten kommen wollen, so müssen die Lehrer eben zu ihnen gehen. Das ist das Argument, welches man der Betrachtung entgegenstellen kann, daß die Arbeiter so indifferent sind, daß sie die Kommunisten nicht beachten werden. Die Kommunisten müssen zu den Arbeitern gehen, wenn diese nicht von selbst zu ihnen kommen. In diesen Schulen des Kommunismus — in diesen Arbeiterverbänden — muß aber den Arbeitern mehr beigebracht werden als die gewöhnliche Schulbildung, muß mehr getan werden als die Verteilung von Literatur und die gewöhnlichen Vorlesungen. Wir müssen besonders in Betracht ziehen, daß der Durchschnittsarbeiter, der nicht so sehr in den ökonomischen Theorien, in der Geschichte usw. beschlagen ist, an konkrete Begriffe gewöhnt ist. Er versteht sehr gut, wenn es sich um die Verminderung seines Lohnes handelt; er begreift, wenn er mißbraucht wird; er hat ein klares Urteil über die täglichen Ereignisse seines Lebens in der Fabrik. Die Kommunisten müssen sich derart organisieren, daß sie im engsten Kontakt mit den alltäglichen Interessen und Bedürfnissen der Arbeiter bleiben. Hier werden sie das beste Material, die beste Methode der Erziehung der Arbeiter zum Kommunismus finden. Die Gewerkschaftsverbände müssen aber nicht allein Schulen des Kommunismus, sondern auch Schulen des Kampfes sein, denn ob ihr wollt oder nicht, die Verbände werden fortfahren, diesen Kampf im Einklang mit ihren Anschauungen zu beeinflussen, ihn in ihrem eigenen Lichte darzustellen. Die wichtigste Arbeit der Kommunisten besteht darin, daß sie die Leitung dieser Organisationen in ihre Hände bekommen, daß sie den kommunistischen Standpunkt mit dem Standpunkt und dem Sehnen der Arbeiter in Einklang bringen oder umgekehrt. Ich hoffe, es ist nun klar, was ich meine, nämlich, daß die Arbeit der Kommunisten in den Gewerkschaftsverbänden nicht allein darin besteht, den Arbeitern im alltäglichen Kampf Hilfe zu leisten, sondern hauptsächlich darin, diesen Verbänden den Geist des Kommunismus einzupflanzen, und die alte Tendenz der Zersplitterung dieser Verbände in verschiedene Gewerbesektionen auszumerzen. Wir müssen den Versuchen der verschiedenen Sektionen, vereinzelt vorzugehen, entgegenarbeiten, wir müssen sie verwandeln, bis wir endlich die Losung: „Ein einheitlicher Verband für einen ganzen Industriezweig!“ durchführen können. Unter dieser Fahne müssen wir kämpfen; die Kommunisten müssen begreifen lernen, daß die Funktionen der Verbände nicht allein in der Förderung und Leitung des Kampfes bestehen, sondern in der Arbeit an der Gründung einer neuen kommunistischen Gesellschaft, die wir ja alle aufzubauen suchen. Darin liegt eben die Ursache der augenblicklichen Krise in diesem Lande.
Wären die Arbeiter ebenso industriell wie politisch organisiert gewesen, so wäre das industrielle Leben Rußlands vorwärts gekommen. Das ist, wonach wir streben; ein wirksamer Verein für einen Industriezweig — „ein Verein für eine Industrie“ muß die Parole sein, die die Kommunisten im Auge behalten müssen.
Was den Vorschlag der politiklosen Gewerkschaft anbetrifft, so sind die Erfahrungen, die wir in England in dieser Hinsicht gemacht haben, von größtem Interesse. Wir haben in England momentan eine Gewerkschaftsbewegung, die industrielle Fragen nicht auf politischer Grundlage lösen will. Das ist eine charakteristische Schwäche unserer Gewerkschaftsbewegung der Gegenwart. Das Faktum, daß in der Gewerkschaft keine Politik betrieben wird und daß sie gegen politische Aktionen gesinnt ist, ist von Bedeutung. Es ist Sache der Kommunisten, den Arbeitern klarzumachen, daß man heute industrielle und politische Fragen nicht trennen kann und daß in jedem industriellen Kampf früher oder später eine Zeit kommt, die politischen Charakter annimmt. Es liegt an den Kommunisten, diese beiden Kampfmomente zu verschmelzen.
Und jetzt zum Schluß noch von den Beziehungen der Kommunistischen Internationale zur Roten Gewerkschaftsinternationale. Was die englische Delegation anbetrifft, so sehen wir die industrielle Bewegung, die Rote Gewerkschaftsbewegung als Ergänzungsteil unserer kommunistischen Arbeit und unserer höchsten Energie an.
In unseren Vorbereitungen für die kommunistische Revolution erhoffen wir von den organisierten Arbeitern, daß dieselben uns mit den erforderlichen Kräften versehen, um uns in unseren Errungenschaften in der kommunistischen politischen Bewegung zu unterstützen. Wenn das der Fall ist, ist es ersichtlich, daß die Kommunisten die Rote Gewerkschaftsinternationale beeinflussen, führen und ein großes Interesse daran haben, dieselbe kontrollieren zu können, und deshalb muß eine nahe Verwandtschaft zwischen der Kommunistischen Internationale einerseits und der Roten Gewerkschaftsinternationale andererseits geschaffen werden, und eine Koalition zwischen ihnen durch gegenseitige Delegierte.
Was Amsterdam anbetrifft, dürfen wir nicht vergessen, daß es gefährlich ist, aus Amsterdam einen Fetisch zu machen. In England besteht darüber keine Frage. Wir haben gefunden, daß der beste Weg der Kritik der ist, nicht zu viel Gewicht auf die Kritik desselben zu legen.
Der beste Weg ist, diese Internationale von den nationalen Organisationen aus anzugreifen, indem man in die Gewerk schaften geht und die reaktionären Führer absetzt, wodurch es möglich wird, der Amsterdamer Internationale diese Gewerkschaften und deren Unterstützung zu entziehen.
Das ist einiges, das wir dem Kongreß unterbreiten wollen in der Hoffnung, daß er all dem die nötige Aufmerksamkeit schenkt.
Vors. Gennari. Es sind noch zwei Redner vorgemerkt. Dann wird die Debatte geschlossen. Die Berichterstatter werden erst nach der Beendigung der Kommissionsarbeit das Wort ergreifen.
Leo Pivio (Finnland, Amerika). Genossen, ich beabsichtige nicht gegen die vom Genossen Sinowjew eingebrachten Leitsätze zu sprechen. Ich möchte auch gleich zu Anfang sagen, daß ich mit den Ausführungen des Genossen Bell über die Beziehungen zu den Gewerkschaften einverstanden bin. Ich muß hier jedoch einige Worte über die Industrieverbände, über die amerikanische I. W.W. sagen. Seit ich 1907 nach Amerika kam, bin ich Mitglied der Organisation, und als solches habe ich die ganze Zeit hindurch an der Arbeiterbewegung Amerikas teilgenommen. Ich halte es für meine Pflicht, die falschen und ungenügenden Angaben, die hier über die I. W.W. gemacht wurden, richtigzustellen. Namentlich muß ich hervorheben, daß die hier vorgelesenen Zitate aus den Druckwerken der I. W.W. nicht den Standpunkt der Organisation wiedergeben. Die meisten dieser Zitate sind falsch. Tatsächlich wurde keine einzige Stimme gegen Sowjetrußland abgegeben. Was in den Auszügen gegen die III. Internationale und gegen den Kommunismus gerichtet ist, wurde von der I. W.W. widerrufen. Sandgren, der an dieser Sache Schuld hatte, wurde seines Redakteurpostens an der größten Monatsschrift, der „One Big Union“, enthoben. Er appellierte an den Kongreß der I. W.W., der vor einigen Wochen in Chicago stattfand; die Delegierten schenkten ihm jedoch kein Gehör. So im Gegenteil, der Kongreß billigte die Stellung, die die Exekutive im Falle Sandgren eingenommen hatte. Der Vorschlag, den ich hier machen will, ist in diesem Zusammenhang überaus wichtig. Es ist wahr, daß es in Organisationen, wie die I. W. W. manchmal Einzelpersonen gibt, die mit der Stellungnahme der Organisation nicht einverstanden sind. Sie gehen sogar so weit, die Überlieferungen der Organisation zu verwerfen. Dies war im Jahre 1917 in der I. W.W. der Fall. Mehrere Mitglieder und Funktionäre stellten sich auf einen Standpunkt, der den Traditionen, den Grundsätzen und dem guten Ruf der Organisation zuwiderlief. Sie verfaßten Schmähschriften gegen Sowjetrußland. Sie schrieben gegenrevolutionäre Artikel und gaben gegenrevolutionäre Literatur heraus. Sobald die Organisationen und Ortsverbände der I. W. W. davon Kenntnis erhielten, legten sie Protest ein. Sie forderten, daß man diese Literatur und diese Artikel widerrufe. Die Exekutive der I. W. W. verabsäumte nicht, es zu tun. Die Artikel wurden nicht nur widerrufen, sondern auch vernichtet. Wenn Ihr also die hier angeführten Zitate der Organisation zur Last legt, so befindet Ihr Euch auf dem Holzwege. Die Organisation trägt keine Schuld daran. Die Frage muß jedoch aufgeklärt werden, damit die russischen Genossen die Lage der I.W.W. in den Jahren 1917/18/19 verstehen können. Einige Genossen hier haben den Kopf geschüttelt, als man die Zitate verlas. Sie mögen sich gedacht haben: „Was das wohl für eine reaktionäre Organisation sein muß!“
Die I. W.W. war im Kriegsjahre 1917 eine große Organisation. Sie war die einzige Organisation, die mutig gegen den Krieg kämpfte. Die I.W.W. erklärte in den westlichen Staaten den Generalstreik, organisierte einen Streik in den Grubenbezirken. Sie setzte den ganzen Westen gegen den Krieg, gegen die Regierung Wilsons und gegen die amerikanische Plutokratie in Flammen. Sie fand jedoch keinerlei Beistand in den Reihen der Sozialistischen Partei oder der Leute, die heute hier die Gewerkschaften vertreten. Sie alle ließen die I. W.W. in ihrem Kampf gegen die Regierung im Stich. Die Folge war, daß die amerikanischen Kapitalisten sich zusammenschlossen und über die I. W. W. herstürzten. Dreitausend Redakteure, Redner, Organisatoren und aktive Mitglieder wurden eingekerkert, ermordet usw. Die ganze Organisation wurde zertrümmert. Die Söldlinge der Kapitalisten drangen in die Lokale der I. W. W. ein, vernichteten und verbrannten Bücher und Schriftstücke, zertrümmerten die Schreibmaschinen usw. Natürlich trat hernach die Reaktion ein. Die Ursache hierzu waren die erbitterten Streiks — einige darunter überaus erfolgreiche —, die die I. W. W. kurz vor der Missetat der amerikanischen Regierung und Bourgeoisie geführt hatte. Ich brauche den russischen Genossen nicht erst zu erklären, was wirtschaftliche Streiks bedeuten. Es genügt, wenn ich sie an die Lage der russischen Arbeiterbewegung in den Jahren 1896 bis 1900 erinnere. Sogar die Sozialisten erließen damals ein Manifest, in dem es hieß, daß kein einziger Revolutionär in die Gewerkschaften gehen darf, weil zahlreiche Spitzel dort ihr Handwerk treiben. Genau dasselbe war im Jahre 1917 in der I. W. W. der Fall. Die Organisation war zertrümmert, alle die besten Kräfte, die ein ganzes Jahrzehnt in der I. W.W. gekämpft hatten, ihre Lehrer, Organisatoren, Redner und Redakteure wurden ins Gefängnis geworfen.
Was war da zu erwarten? Die Arbeiter glaubten an die wirtschaftliche Aktion, weil sie auf diesem Gebiet etwas erzielt hatten. Es waren nur junge Leute in der Organisation geblieben. Sie waren unerfahren, die Überlieferungen der Organisation, ihre Grundprinzipien waren ihnen unbekannt. Wie in allen übrigen Organisationen, konnte man auch hier zahlreiche Spitzel finden. Gelegentlich des Prozesses gegen uns in Chicago erklärte die Regierung, daß sie seit 1916 in der I. W. W. 86 Spitzel zu Provokationszwecken unterhalten habe. Es waren entweder 56 oder 86 — ich erinnere mich nicht mehr genau.
Ich wiederhole daher, daß man der Organisation keinen Vorwurf daraus machen kann. Im Gegenteil. eine Organisation, die so tatkräftig gegen die Kapitalisten und die Plutokratie angekämpft hat, muß einen gesunden Kern haben, sie muß eine starke Organisation sein und muß recht kühne Angriffe gegen die Kapitalisten geführt haben, wenn die Bourgeoisie gezwungen war, alle ihre Kräfte zusammenzuschließen, um die I. W. W. niederzuringen, wie es 1917 geschah. Natürlich hatte die I. W. W. ihre Sandgrens und Konsorten. Unsere Genossen hier aber beschuldigten Haywood und andere, obgleich alle Mitglieder der Organisation, die sich auf freiem Fuße befanden, auf das eifrigste gegen die Ausführungen Sandgrens protestierten und die Widerrufung seiner Behauptungen forderten. Fürwahr, die I. W.W. war die erste Organisation, die sich für den Bolschewismus erklärte. Im Jahre 1917 waren es die I. W. W.-Organe, die auf das eifrigste für das Sowjetsystem und den Bolschewismus eintraten. Die amerikanischen Kommunisten sammeln die Ernte ein. Das Säen aber wurde von der I. W. W. besorgt.
Ich muß nun eine andere Frage in diesem Zusammenhang behandeln, und zwar die Beziehungen der Kommunistischen Internationale zu den revolutionären Gewerkschaften, namentlich was die diesbezügliche Fassung des Genossen Sinowjew anbelangt. Es wäre ein großer Fehler, wenn man den revolutionären Gewerkschaften Amerikas gegenüber sich auf einen Standpunkt stellen wollte, der sich gegen die I. W. W. und den Industrieunionismus richtet. Sollten die amerikanischen Kommunisten denselben Mißgriff begehen, wie ihrerzeit die amerikanischen Sozialisten, sollten sie sich den Industrieverbänden, den Tausenden und Millionen Anhängern des Industrieunionismus feindlich gegenüberstellen, so erwartet sie dasselbe Schicksal, wie die Sozialistische Partei. Erstens wird sie dann eine kleine Organisation bleiben. Die Hauptsache ist, daß die Kommunistische Partei Amerikas ihre Mitgliederzahl vergrößert. Heute ist sie eher eine Sekte als eine Partei. Es ist wichtig, daß sie zur Massenpartei wird. Wo soll sie aber ihre Mitglieder herbekommen, wenn sie sie nicht unter den aktiven revolutionären Elementen anwirbt? Es gibt Hunderttausende aktive, klassenbewußte Revolutionäre in Amerika. Sie sind zwar noch nicht Kommunisten, aber sie haben den Mut der Kommunisten, sie befolgen deren Taktik und arbeiten unermüdlich für die Revolution. Sie stellen sich niemals auf die Seite der Kapitalisten, um die jetzige soziale Ordnung aufrechtzuerhalten.
Es ist daher wichtig, daß die Kommunistische Partei Amerikas ihre Mitglieder unter diesen Massen, unter den Hunderttausenden wahrer Revolutionäre, den aktiven Mitgliedern der I. W. W. und unter den Industrieverbänden anwirbt, die außerhalb der I. W. W. stehen. Diese jungen, starken, kampfbereiten Revolutionäre muß die Partei für sich gewinnen. Dies ist die Aufgabe der Amerikanischen Partei, und wenn sie es nicht begreift, so hat sie keine Aussicht auf eine weitere Entwicklung.
Die amerikanische Kommunistische Partei darf nicht gegen den Industrieunionismus ankämpfen, sonst wird es ihr ebenso gehen wie der Sozialistischen Partei. Es wird sich in diesem Falle ein linker Flügel bilden; die Partei wird sich spalten, wie die Sozialistische Partei sich gespalten hat. Wenn Ihr Euch auf einen antagonistischen Standpunkt stellt, so beschleunigt Ihr dadurch nur die Spaltung in der Partei. Hunderte von Mitgliedern der I. W. W. gehören zur Kommunistischen Partei. Ich kenne alle die finnischen Genossen und weiß, daß jeder einzelne von ihnen Industrieunionist ist. Auch viele amerikanische Kommunisten, die ich kenne, sind für den Industrieunionismus, Wenn Ihr Euch also auf einen feindlichen Standpunkt stellt, so fördert Ihr den Zwiespalt in der Kommunistischen Partei und tragt dazu bei, daß sie gleich der S.L. P. zur doktrinären Sekte wird.
Ich möchte nun noch eine Behauptung widerlegen, die in bezug auf den Genossen Haywood aufgestellt wurde Es wurde hier gesagt, daß er für eine Art von „Dualunion“ sei. Ich habe hier die Leitsätze vor mir, die er dem Roten Gewerkschaftskongreß vorzuschlagen beabsichtigt und möchte ein Zitat anführen, das seinen Standpunkt klarlegt:
„Die revolutionäre politische Bewegung der Kommunistischen Partei kann nur ein einziges Ziel haben, und zwar den gewaltsamen Sturz der kapitalistischen Produktions- und Verteilungsordnung in dem bürgerlichen Staat und ihre Ersetzung durch die Diktatur des Proletariats mittels des Sowjetsystems. Es ist daher eine geschichtliche und taktische Notwendigkeit, daß die Arbeiterverbände sich diesem Ziel unterordnen und an der kommunistischen politischen Bewegung teilnehmen.“ — Hierzu — glaube ich — brauche ich nichts hinzuzufügen.
Markovic (Jugoslawien). Genossen, ich habe das Wort ergriffen, um eine sehr leichtfertige Behauptung des Genossen Landler zu widerlegen. Der Genosse Landler hat nach dem Stenogramm folgende Behauptung aufgestellt: die jugoslawische Bruderpartei habe von einem politischen Streik abgesehen, als man die jugoslawischen Gewerkschaften auflöste. Sie habe nicht einmal im Parlament eine parlamentarische Aktion gemacht. Diese Behauptung steht in vollständigem Widerspruch zu der Wahrheit. Sie muß aus einer sehr schmutzigen Quelle stammen, nämlich, aus der sozialpatriotischen und zentristischen Presse. Die Sache steht so: der politische Streik, der anläßlich der Militarisierung der Bergarbeiter, die im Streik waren, proklamiert wurde, war der Anlaß nicht nur zur Auflösung der Gewerkschaften, sondern auch der Kommunistischen Partei Jugoslawiens.. Wie hat unsere Partei darauf reagiert? Der proklamierte Generalstreik dauerte ein, zwei oder drei Tage. Der Bergarbeiterstreik dauerte. trotz des größten Terrors noch 14 Tage an. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens hat alle ihre Kräfte darauf konzentriert, diesen Generalbergarbeiterstreik zu erweitern und zu verschärfen. Und das ist uns vollkommen gelungen. Durch diesen Generalbergarbeiterstreik konnten wir momentan der jugoslawischen Bourgeoisie den größten Schaden zufügen. Und das ist uns, das betone ich, vollkommen gelungen. In einem großen Gebiete Jugoslawiens verwandelte sich der Bergarbeiterstreik in einen offenen Bürgerkrieg. Es kam vielerorts zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei und der Armee, wobei einige Tote und viele Verwundete auf beiden Seiten blieben. In dieser Weise hat die Jugoslawische Kommunistische Partei auf diesen Staatsstreich reagiert. Ich muß aus diesem Anlaß folgendes sagen: Hätten die ungarischen Gewerkschaften bei dem Zusammenbruch der Rätediktatur in Ungarn wenigstens so reagiert, so würde vielleicht noch heute die Situation in Ungarn etwas anders aussehen. Was die parlamentarische Aktion betrifft, habe ich folgendes festzustellen: In Jugoslawien tagt zurzeit nicht ein gewöhnliches Parlament, sondern eine Konstituante mit speziellen Arbeitsbedingungen, nämlich mit der speziellen Aufgabe, sobald als möglich eine Verfassung auszuarbeiten. Nach der Geschäftsordnung der Konstituante wurden alle anderen Arbeiten fast vollständig ausgeschlossen. Trotz alledem gelang es unserer parlamentarischen Fraktion, der Konstituante durch energisches Auftreten dreimal die Diskussion über die Auflösung der Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei aufzudrängen, und bei diesen Diskussionen im Parlament kam es zu stürmischen Szenen, zu großen Demonstrationen, die ein revolutionäres Echo in breitesten proletarischen Massen außerhalb des Parlaments gefunden haben. So stehen die Sachen; wie Sie sehen, ganz anders, als Genosse Landler, ich weiß nicht aus welchen Gründen, aber vollkommen tendenziös, sie darzustellen versucht hat.
Vors. Gennari. Es ist eine Erklärung der norwegischen Delegation eingelaufen. Sie lautet:
„Was Genosse Sinowjew über die Bewegung in Norwegen gesagt hat, stimmt mit der Wirklichkeit nicht ganz überein. Er behauptete, die Führung der norwegischen Gewerkschaften sei in den Händen der Zentristen geblieben. Die Lage ist die folgende: Auf dem letzten Gewerkschaftskongreß im vorigen Jahre wurden zu Mitgliedern der Generalkommission sechs Kommunisten und drei Zentristen gewählt. Einer unter diesen ist Vorsitzender. Wir wagten nicht, alle Posten in der Generalkommission mit Kommunisten zu besetzen, weil die Gefahr bestand, daß dadurch die Landesorganisation gesprengt würde. Die Leitung einer Reihe von Fachverbänden, und zwar nicht der größten, ist noch in den Händen der Zentristen und Sozialdemokraten.
In einigen Monaten wird ein neuer Kongreß abgehalten, und zwar auf Wunsch großer Massen innerhalb der Bewegung. Diese großen Massen sind über den Abschluß des großen Streiks im Juni erbittert. Ganz gewiß wird auf diesem Kongreß eine neue Landesorientierung stattfinden. Es werden wahrscheinlich viele unter den alten Fachverbänden aufgelöst, wodurch der Bürokratismus in der Gewerkschaftsbewegung den Todesstoß erhalten wird.“
Vors. Gennari. Sonnabend um 7 Uhr wird im Theater „Simina“ der Jugendkongreß eröffnet werden. Alle Delegierten sind zu der Eröffnungsfeier eingeladen.
Die nächste Sitzung findet morgen abend 6 Uhr statt.
Schluß der Sitzung 12 Uhr nachts.
Die zwanzigste Sitzung (8. Juli 1921, 8 Uhr abends)
(Die Kommunistische Internationale und die kommunistische Jugendbewegung. Redner: Münzenberg, Frölich. Resolution über die Kommunistische Internationale und die kommunistische Jugendbewegung — Clara Zetkin: Bericht über die Frauenbewegung. — Rednerinnen: Luise Colliard, Kollontai. — Resolution über die internationale Verbindung der Kommunistinnen und das Internationale Kommunistische Frauensekretariat. — Resolution über die Formen und Methoden der kommunistischen Arbeit unter den Frauen.)
Vors. Kolarow. Das Wort hat Genosse Münzenberg, um über die Jugendfrage zu berichten.
Münzenberg. Genossinnen und Genossen! Bereits in seinem Bericht über die Tätigkeit der Exekutive hat Genosse Sinowjew darauf hingewiesen, daß der Frage der kommunistischen Jugendbewegung bedeutend mehr Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt werden sollte. Genossen, diese Mahnung des Genossen Sinowjew erfolgte mit Recht. Es gibt trotz der Geschichte der kommunistischen Jugendbewegung heute noch zahlreiche Genossen, die die Frage der kommunistischen Jugendbewegung als eine Nebensächlichkeit, als etwas Unreifes, als etwas Kindisches betrachten, während andere Genossen befürchten, daß separate kommunistische Jugendvereine sich leicht zu parallelen kommunistischen Parteien entwickeln können. Beide Auffassungen treffen nicht das Wesen der kommunistischen Jugendbewegung. Das Problem der Jugendbewegung ist für die Kommunistische Internationale ein viel größeres und ein viel ernsteres. Durch die besonderen Methoden der kapitalistischen Produktionsweise, durch die Einführung der Maschinen, Teilarbeit in den Fabriken usw. war es möglich, eine ganze Masse Frauen und Jugendliche in den Produktionsprozeß mit einzubeziehen. Wenn ich an dieser Stelle und im Laufe der Ausführungen das Wort Jugendliche gebrauche, so verstehen wir darunter jene Schicht der Arbeiterklasse im Alter von 14, 15 Jahren (nach der Schulentlassung) bis zum 19. und 20. Jahre. Diese Schicht der Arbeiterklasse bezeichnen wir mit dem Wort Jugendliche, wenn wir daran denken, sie in besonderen kommunistischen Jugendorganisationen zusammenzufassen. Schon vor dem Kriege war eine ziemlich große Anzahl solcher Jugendlicher als Hilfs- und Fabrikarbeiter in den allgemeinen Produktionsprozeß mit einbezogen. Durch die Kriegsindustrie, durch die rapide Entwicklung des Kapitalismus und Imperialismus ist dieser Prozeß ganz gewaltig beschleunigt worden. Und durch diesen Prozeß sind immer größere Scharen Jugendlicher, die in früheren Jahren als Landarbeiter und Lehrlinge arbeiteten, als Fabrikarbeiter und Hilfsarbeiter in die großen Betriebe hineingezogen worden. Dieser Prozeß dauert heute noch fort. Heute schon ist das Heer der Jugendlichen, die diese Stellung im Produktionsprozeß einnehmen, viele Millionen stark. Genossen, gleichzeitig erfolgte eine vollständige Änderung der ökonomischen Stellung der Jugendlichen im Produktionsprozeß. Mit der Zunahme der direkten, aktiven Mitarbeit der Jugendlichen in der Produktion erfolgte auch eine soziale Verschiebung; die noch in den 60er, 70er und 80er Jahren vorherrschende handwerksmäßige Lehrlingsausbeutung tritt immer mehr zurück. Im großen und ganzen ist das den Genossen sehr wohl bekannt. Aber mit welcher rapiden Geschwindigkeit dieser Prozeß vor sich geht, dafür nur einige Zahlen, nur einige Hinweise. In der Schweiz z. B. waren 1912 400000 Lohnarbeiter, davon waren nicht einmal 30000 Lehrlinge, aber weit über 60 000 jugendliche Hilfsarbeiter. In einer ausgesprochen kapitalistischen Industrie der Schweiz, in der Textilindustrie, gab es 97000 Arbeiter. Davon waren allerdings nur 1500 Lehrlinge, aber jugendliche Fabrikarbeiter 22500. Hier standen 1500 Lehrlingen bereits 22000 jugendliche Hilfsarbeiter gegenüber. In Wien gab es im Jahre 1913 61500 Lehrlinge, 1916 nur 29000 und 1917 nur noch 18000. In einer ganz rapiden Geschwindigkeit gehen hier die berufsmäßigen Lehrlinge zurück zugunsten der jugendlichen Hilfs- und Fabrikarbeiter. Diese Tendenzen lassen sich in allen Ländern und bei allen Industrien verfolgen. Das Entscheidende bei der Veränderung ist, daß die Lehrlinge und Gesellen heute nicht mehr wie früher die Aussicht und die Hoffnung haben, nach einer dreijährigen Lehrzeit als eigene Meister selbständig zu werden. Das Entscheidende ist, daß der Jugendliche mit seinem Eintritt in die Fabrik von vornherein ein Leben als Fabrikarbeiter bis in das Greisenalter vor sich hat. Das ist das Entscheidende bei unserer Betrachtung. Seine Interessen fallen grundsätzlich zusammen mit den Interessen der erwachsenen Arbeiter. Er kann sie ebenso wie der erwachsene Arbeiter nur verteidigen, indem er versucht, wie der erwachsene Arbeiter seine Arbeitskraft zu möglichst teurem Preise zu verkaufen. Genossen, und trotzdem sind die Verhältnisse des Jugendlichen in jeder Beziehung die denkbar schlechtesten, der Jugendliche gehört wirtschaftlich zu der am schlechtesten dastehenden Kategorie der Arbeiter. Wenn wir die Statistik verfolgen, so finden wir, daß in allen Ländern die Löhne der Jugendlichen die geringste Steigerung im Laufe der letzten Jahre aufzuweisen haben.
Wir haben in Deutschland eine ganze Anzahl Lehrlingsgruppen, Gruppen jugendlicher Arbeiter, die die gleichen Löhne, nur mit einer ganz geringen Erhöhung, wie vor dem Kriege und während des Krieges beziehen, obwohl die allgemeine Teuerung mehrere Hundert Prozent beträgt. Die jugendlichen Arbeiter haben bei einer fast gleich wichtigen Arbeit wie die Erwachsenen in der Fabrik den verhältnismäßig schlechtesten Lohn. Sie gehören durch den schlechtesten Lohn, durch die schlechte Behandlung, die sie von Vorgesetzten oft erfahren, durch ihre große Anzahl, die sie zu dem arbeitslosen Heer stellen, zu den wirtschaftlich am miserabelsten gestellten Kategorien der Arbeiterklasse. Schon allein diese Tatsache stellt sie auf die gleiche Stufe wie die Arbeitslosen, die auch in jedem Lande zu der Schicht der Arbeiterklasse gehören, die am frühesten von den kommunistischen Ideen ergriffen wird. Zu der schlechten wirtschaftlichen Lage kommt noch ihre politisch und kulturell schlechte Stellung. Die Jugendlichen sind in allen kapitalistischen Ländern politisch völlig entrechtet, sowohl bei der aktiven Teilnahme am Parlament, wie auch überall dort, wo Betriebs- oder andere Räte vom Gesetz geschaffen wurden, überall dort sind sie von der aktiven Mitbestimmung ausgeschlossen. Ja, die Kriegszeit hat in einzelnen kapitalistischen Ländern besondere Ausnahmegesetze gegenüber den jugendlichen Arbeitern gebracht. Dazu kommt noch die kulturelle Rückständigkeit. Taugten schon vor dem Kriege die bürgerlichen Volksschulen sehr wenig, so sind durch den ganzen Kriegstaumel die Schulen noch mehr verschlechtert worden. Dazu kommt, daß auch bis zu einem gewissen Grade die besondere psychologische Eigenheit der Jugend, ihre Empfänglichkeit für das Neue, das Revolutionäre sie in erster Linie geeignet macht, die kommunistischen Ideen aufzunehmen. Speziell in den Kolonialländern, im Orient hat sich erwiesen, daß die Schichten, die zuerst von der kommunistischen Bewegung erfaßt wurden, durchweg die jüngeren Generationen sind.
In einzelnen Ländern betrug die Masse der jugendlichen Arbeiter mehrere Millionen, in Deutschland z. B. annähernd vier Millionen. Mit 20 Millionen dürfte die Zahl der Jugendlichen in den kapitalistischen Ländern nicht zu hoch geschätzt sein. Genossen, ich glaube durch diese flüchtige Skizzierung Ihnen nachgewiesen zu haben, daß die gesamtwirtschaftliche Lage, die politisch-kulturelle Lage, die psychologischen Eigenschaften diese Schicht von 20 Millionen jugendlicher Arbeiter für die Aufnahme der kommunistischen Ideen ganz besonders empfänglich macht. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß aus diesem Grunde die Kommunistische Internationale, die kommunistischen Parteien alles tun sollten, um speziell die kommunistische Propaganda unter diesen 20 Millionen junger Arbeiter und Arbeiterinnen zu treiben, zu steigern und zu erweitern, die ihrer ganzen Lage nach besonders geeignet sind. von uns gewonnen zu werden. Die Gewinnung einer großen Anzahl aus diesen 20 Millionen würde einen mächtigen Erfolg für die allgemeine kommunistische Bewegung bedeuten. Schon allein dadurch, daß diese Jugendlichen in die allgemeine Kampfeslinie der Kommunistischen Internationale eingereiht würden, würde diese Linie ganz gewaltig verbreitert und erweitert. Aber es kommt noch mehr dazu. Die Geschichte der revolutionären Bewegung und vor allen Dingen die Geschichte der proletarischen Bewegung der letzten Jahre beweisen, daß sowohl in Finnland wie in Ungarn, in den Randstaaten wie in Rußland speziell aus den Reihen der Jugendlichen die aufopferungsfähigsten Kämpfer für die proletarische Revolution gewonnen werden können. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, warum wir gerade die Masse der Jugendlichen für die Bewegung gewinnen müssen. Die alten sozialdemokratischen Führer, die in mancher Beziehung sehr gute Strategen waren, haben aber gerade in der Beziehung der Ausnützung der Begeisterung der jugendlichen Arbeiter völlig versagt. Legien und andere haben 1908 in einer Diskussion über dieses Thema nichts als faule Witze für den Opferdrang der Jugendlichen gehabt. Hindenburg, Ludendorff und Wilhelm haben während des Krieges sehr geschickt die Begeisterung und den Opferdrang der Jugendlichen ausgenützt. Zu Hunderttausenden hat sich die Jugend freiwillig für den Krieg gemeldet.
Noch etwas; es hat sich bei uns in Deutschland gezeigt, daß bei der Spaltung der S.P.D. und später U.S.P.D. der alte erprobte Stamm der Funktionäre und Aktivarbeiter bei den alten Parteien geblieben ist, daß es der Kommunistischen Partei nur möglich war, einen ziemlich geringen Prozentsatz dieser Schichten mit hinüber zu nehmen. Durch die Gewinnung der Jugend und durch eine systematische Erziehung der Jugendorganisationen ist die Möglichkeit geboten, in wenigen Jahren den neuen kommunistischen Parteien einen sehr guten Stamm erprobter Funktionäre, Aktivarbeiter und Leiter heranzubilden.
Dazu kommt noch, daß heute schon für die unmittelbare aktive Parteiarbeit ein großer Teil der Jugendlichen herangezogen werden kann. Es gibt im Parteileben, in der Parteiarbeit eine ganze Menge von Arbeiten, zu deren Erledigung sich die Jugendlichen ganz besonders eignen. Ich denke z.B. an verschiedene Arbeiten in der illegalen Bewegung, an den Kurierdienst, an die illegale Propaganda, vor allen Dingen an die antimilitaristische Propaganda.
Es kam anläßlich der französischen Diskussion im Exekutivkomitee zu einer kurzen Erörterung dieser Aufgabe. Man hat mit Unrecht der französischen kommunistischen Jugend vorgeworfen, daß sie zu weit gegangen sei, daß sie unrichtige Stellung genommen habe, indem sie die Dienstverweigerung propagiert hat. Aber wir haben mit folgender Tatsache zu rechnen: Wir haben in Mittel- und Westeuropa in den stehenden Heeren, die nach Hunderttausenden zählen, in der Tschechoslowakei, Italien, Frankreich und in den neuen Staaten, in Polen innerhalb dieser Heere eine systematische und ununterbrochene Unterminierungsarbeit geleistet. Das ist eine zu schätzende Aufgabe der kommunistischen Jugend, wozu diese sich dank ihrer gesellschaftlichen Stellung besonders eignet. Außer dieser Arbeit gibt es eine ganze Anzahl anderer Arbeiten. Wir haben es in Deutschland während des Kapp-Putsches erlebt, daß in den Druckereien zum Plakatkleben, in erster Linie in Berlin, die Masse der Jugendlichen herangezogen wurde. Hier liegt ebenfalls ein ganz ungeheuerlicher Vorteil für die Kommunistische Partei. Die Aufgaben erschöpfen sich nicht durch die Übernahme der Macht. Gerade das Beispiel Rußlands und des Kommunistischen Jugendverbandes Rußlands beweist, daß auch nach Übernahme der Macht während der Zeit der proletarischen Diktatur die kommunistischen Jugendorganisationen sehr gute und nützliche Arbeit für die kommunistische Bewegung. für die kommunistischen Parteien leisten können, durch Erziehung und Heranbildung von proletarischen Instrukteuren, von proletarischen Leitern in den einzelnen Kommissariaten, in der Roten Armee, durch Stellung von Instrukteuren und späteren Offizieren. Hier liegt das eigentliche große Wirkungsfeld der kommunistischen Jugend, daß aus ihren Reihen alle jene hervorwachsen, die an Stelle der bürgerlichen Intelligenzen als proletarische Instrukteure der neuen Wirtschaft treten. Die Kommunistische Internationale und die kommunistischen Parteien haben um so mehr Grund, der Gewinnung dieser 20 Millionen ihre Aufmerksamkeit zu schenken, als die Gegner aller Schattierungen der Kommunistischen Internationale nichts unversucht lassen, um sich ihrerseits den proletarischen Nachwuchs zu sichern. Ich erinnere Sie an das, was der bürgerliche Staat durch seine alten Organisationen, Schule, Kirche, Presse, Jugendzeitung, tut. Der bürgerliche Staat ist weitergegangen. Wir haben in Deutschland, Frankreich, England Hunderte von Spielarten der bürgerlichen Jugendvereine, von den religiösen bis zu den sogenannten Sportvereinen. Mit der fortschreitenden Entwicklung der proletarischen Revolution entwickelt sich auch der Klassencharakter dieser bürgerlichen Institute. Wir haben in Deutschland erlebt, daß ein großer Teil dieser Vereine unter Führung der bürgerlichen Studenten zum Kampfe gegen die revolutionären Arbeiter aufgeboten wurde und gekämpft hat. Dazu kommt, daß ebenfalls die sozialdemokratischen Parteien, die II. Internationale, alles versuchen, um den proletarischen Nachwuchs für ihre Partei und Organisation zu sichern.
In letzter Zeit, vor einigen Wochen, ist man dazu übergegangen, eine besondere gelbe Internationale zu schaffen. Wir haben noch in einzelnen Ländern starke, zahlenmäßig starke sozialdemokratische Jugendvereine. In Deutschland, wo der kommunistische Jugendverband 25000 Mitglieder zählt, ist ein sozialdemokratischer jugendlicher Anhang von über 70000. Gleichzeitig haben wir in den fast auf die gleiche Linie abgestimmten Gewerkschaften Jugendgruppen. die 250000 Mitglieder umschließen. Wir haben in Holland kaum 500 Mitglieder, während die sozialdemokratischen Vereine 10000 Mitglieder zählen. Vor einiger Zeit ist die II. Internationale dazu übergegangen, diese Gruppen zusammenzufassen, sie beginnt systematisch die Jugendbewegung zu entwickeln. Sie wissen, welche Bedeutung das hat, und welche Aufmerksamkeit die II. Internationale der Jugendbewegung geschenkt hat. Kein geringerer als der jetzige Präsident der deutschen Republik, Fritz Ebert, war jahrelang Vorsitzender des Ausschusses für Jugendpropaganda in Deutschland.
Als die 2½ Internationale in Wien tagte, hat Vater Kautsky alles aufgeboten, um die Jugend unter seinem Schutz und Szepter zu sammeln, und es wurde damals gleichzeitig eine 2½ Jugendinternationale gegründet, und zwar mit einigen Sektionen in Österreich mit 25000 Mitgliedern usw. Genossen, wir brauchen die Anstrengungen, wir brauchen die Bemühungen unserer Gegner auf diesem Gebiet nicht zu überschätzen, wir wissen sehr gut, welche Grenzen ungefähr die Sozialpatrioten, die Zentristen bei ihren Bemühungen erreichen können, aber wir dürfen auch diese Arbeit unserer Gegner nicht unterschätzen. Es gilt hier, den Versuchen der Sozialpatrioten, der Gewerkschaftsinternationale, der Zentristen, sich den proletarischen Nachwuchs zu sichern, ihm den Weg zu uns zu erschweren, ihn aufzuhalten und seinen Anschluß an die kommunistische Bewegung zu verhindern, es gilt, diesen Bestrebungen gegenüberzutreten und sie zu verhindern. Die Kommunistische Internationale, die kommunistischen Parteien können um so mehr tun, als die Jugend selbst zu der kommunistischen Bewegung drängt. Die Jugend fühlt instinktiv, daß ihre wirklichen und wahren Interessen zusammenfallen mit dem Interesse der Kommunistischen Internationale, daß ihre Interessen wirklich und wahr nur vertreten werden durch die kommunistischen Parteien, und überall dort, wo kommunistische Parteien mitgearbeitet haben, um die Jugend sich zu sichern, und wo es möglich gewesen ist, wo die Möglichkeit einer offenen freien Propaganda bestand, wie in Italien bis vor kurzer Zeit, in Skandinavien, Dänemark und Norwegen, in der Tschechoslowakei, wo die kommunistische Jugendorganisation sich im freien Spiel mit den Spielarten der bürgerlichen, der sozialpatriotischen Jugendvereine messen konnte, überall dort hat sich die Jugend in einer übergroßen Mehrheit auf Seite der Kommunisten gegen die Sozialpatrioten und gegen die Bürgerlichen geschlagen. Erst in den letzten Tagen wurde aus der Tschechoslowakei, wo besonders der rechte Flügel, die alten Sozialpatrioten, versuchten, in Pfadfinderorganisationen sich den proletarischen Nachwuchs zu sichern, berichtet, daß diese Pfadfinderorganisationen in ihrer großen Mehrheit zu der kommunistischen Jugendbewegung übergetreten sind. Die proletarische Jugend, die instinktiv die Richtigkeit der revolutionären Taktik der Kommunistischen Internationale fühlte, gehörte mit zu den ersten Gruppen, die während des Krieges unter Führung Karl Liebknechts. Rosa Luxemburgs, Clara Zetkins und anderer in Deutschland, Höglunds in Schweden, Koritschoners in Österreich und anderen Genossen den Kampf gegen den Krieg aufnahmen. Als Zimmerwald-Kiental sich bildete, da hatte bereits die Jugend ihren ersten internationalen Kongreß hinter sich. Der Schwedische Jugendverband, die Norwegische, die Schweizerische Jugendorganisation, in Deutschland die oppositionellen Gruppen waren die ersten, die sich für Zimmerwald-Kiental erklärten und später für die Zimmerwalder Linke. Und kein geringerer als der Genosse Sinowjew hat in einer kurzen Broschüre an die russische Jugend die große Bedeutung des damaligen Wirkens der revolutionären Jugendvereine im Kampfe gegen den Krieg, für die Sammlung aller revolutionären Elemente gekennzeichnet. Im Herbst 1919 versammelten sich 12 dieser Verbände zu einer Konferenz in Berlin und beschlossen die Reorganisation der Jugendinternationale in eine Kommunistische Jugendinternationale. Damals zählte die Jugendinternationale in diesen zwölf Verbänden etwas über 300 000 Mitglieder. Durch eine Reihe unglücklicher Zufälle und Widerwärtigkeiten war es dem in Berlin eingesetzten Exekutivkomitee erst im Hochsommer des letzten Jahres möglich, eine große planmäßige Agitations- und Organisationsarbeit zur Erweiterung und Stärkung der internationalen Jugendbewegung durchzuführen. Genossen, wie berechtigt meine eingangs gemachte Behauptung ist, daß diese 20 000 000 zu jenen Schichten gehören, die in erster Linie von uns erfaßt werden, beweist die Tatsache, daß trotz der Kürze der Zeit, in den wenigen Monaten seit dem Herbst 1920 die Verbände, die der Jugendinternationale angehören, von zwölf auf fünfzig gestiegen sind, und daß weit über 800000 Jugendliche gesammelt werden konnten, trotz der geringen Mittel, die uns zur Verfügung standen und der geringen Anstrengungen, die wir in den ersten Monaten machen konnten. Diese Monate waren ausgefüllt durch eine rege Propagandatätigkeit zur Gewinnung der damals noch abseits von der kommunistischen Jugendinternationale stehenden Verbände, hauptsächlich durch den Kampf gegen die zentristischen Organisationen, die bis vor einigen Monaten noch die gesamte proletarische Jugendbewegung Mitteleuropas beherrschten. Die gesamte französische Jugend war bis vor wenigen Monaten in den Händen der Zentristen. Und mit vollem Erfolg waren die letzten Monate der Gewinnung dieser Jugendlichen gewidmet. Die Jugendinternationale hat versucht, durch ihre Presse, durch Zeitungen, ich erinnere an die „Jugendinternationale“, die gegenwärtig monatlich in Sammelheften in französisch, russisch, jüdisch, englisch und ungarisch herauskommt in einer Gesamtauflage von 160000 die gesamte kommunistische Jugendbewegung nach den einheitlichen Richtlinien der Kommunistischen Internationale einzustellen. Die Verbände selbst haben in den einzelnen Ländern trotz der Kürze ihres Bestehens eine sehr intensive Agitations- und Organisationsarbeit geleistet. Und im Laufe der Diskussion sowohl bei der tschechischen, wie auch bei der französischen Frage wurde immer und immer wieder auf die Mitwirkung der Kommunistischen Jugendverbände bei allen revolutionären Arbeiten und Kämpfen hingewiesen. Ganz besonders eifrig haben sich die kommunistischen Jugendorganisationen benommen in Italien, in den Randstaaten, wo sie heute noch die Träger der illegalen Tätigkeit der kommunistischen Parteien sind. Man erkennt die Bedeutung der kommunistischen Jugendbewegung vor allem auch durch die Beachtung, die die Kommunistische Jugendorganisation durch die bürgerlichen Regierungen genießt. Erst in den letzten Tagen ist die französische Regierung dazu übergegangen, ein neues Ausnahmegesetz gegen die kommunistische Jugendbewegung vorzubereiten, um ihre antimilitärische Propaganda zu unterbinden. Dergleichen Verfolgungen der kommunistischen Jugendorganisationen finden wir fast in allen Ländern; in Frankreich, Elsaß- Lothringen und Bayern ist die „Jugendinternationale“ verboten. Wie ein schlechter Witz klingend, aber doch als Wahrheit, wurde uns in diesen Tagen berichtet, daß die Kahrregierung in Bayern sogar die kommunistische Kinderzeitung, „Der junge Genosse“, wegen Aufreizung zum Klassenhaß verboten hat. (Heiterkeit.) Das zeugt natürlich mehr für die Aengstlichkeit der Kahrregierung, als für den Klassenkampf unserer jungen Kommunisten. Unsere jungen Kommunisten werden natürlich alles tun, um diese Kinder zu erziehen.
Genossen, ich begnüge mich mit einzelnen dieser Hinweise. Das Entscheidende, weshalb ich das Wort genommen habe, ist: es ist unbedingt notwendig, die bisher geleistete Arbeit zu erweitern. Den Löwenanteil an dieser Arbeit muß die Jugend selbst übernehmen und das wird sie auch. Jugendliche, die bisher die eigentlichen Gestalter, die eigentlichen Agitatoren, die eigentlichen Träger dieser kommunistischen Jugendbewegung gewesen sind, sie werden und müssen auch in Zukunft die Tätigsten auf diesem Gebiete sein. Sie können das umsomehr, als die Entwicklung der gesamten kommunistischen Bewegung es ihnen ermöglicht und erlaubt, sich speziell wieder ihrer Jugendarbeit zuzuwenden. Genossen, es ist Ihnen nicht unbekannt, daß ähnlich wie die gesamte Arbeiterbewegung auch die proletarische Jugendbewegung eine Entwicklungsphase durchlebt hat. Vor dem Kriege gegründet, in erster Linie in Mitteleuropa als Abwehr. und Hilfsorganisation gegen die kapitalistische Ausbeutung, wurde sie während des Krieges, als die sozialdemokratischen Parteien versagten, zu dem eigentlichen revolutionären Propagandaherd gegen den Krieg. Dabei ist es vorgekommen, daß sie in einzelnen Ländern und später auch in der Jugendinternationale Funktionen erfüllte, die eigentlich den Erwachsenen zukamen.
Eine Zeitlang waren die Jugendorganisationen der Sammelpunkt aller revolutionären Bestrebungen gegen den Krieg, sie erfüllten also die Funktion einer Kommunistischen Partei. Durch die Entwicklung, durch das Aufkommen revolutionärer kommunistischer Massenparteien, durch das Bestehen der Kommunistischen Internationale ist die proletarische Jugend dieser Aufgabe überhoben. Sie braucht sie nicht mehr zu erfüllen. Im Gegenteil, würde sie sie trotz des Bestehens der Kommunistischen Parteien noch weiter ausüben, so müßte das zu unheilvollen Folgen für die kommunistische Bewegung selbst führen. Es würden dann zwei kommunistische Parteien in den Ländern bestehen, die sich durch das Alter der Mitglieder unterschieden.
Aus diesem Grunde ist der Hauptsatz in den Thesen, die dem Kongreß von einer dreigliedrigen Kommission im Einverständnis und mit der Zustimmung der gesamten Jugendlichen auf dem Kongreß vorgelegt werden, auf den Punkt gelegt worden, daß jetzt, in dieser Phase, bei diesem Reifegrad der internationalen kommunistischen Bewegung die Jugend aufhört, eine politisch führende, eine politisch selbständige Organisation zu sein, daß sie vielmehr politisch zur Partei gehört und sich politisch den Anweisungen der Partei unterwirft. Die Jugendinternationale soll nicht mehr sein, als die Vermittlerin des politischen Willens der Kommunistischen Internationale an die Massen der Arbeiterjugend der Erde. Das ist das Entscheidende, der Kernpunkt in den vorgelegten Thesen. Genossen, aus diesem Grunde, weil die politischen Aufgaben, die die Jugend während des Krieges erfüllte als revolutionäre Welle gegen den Krieg, von den Kommunistischen Parteien übernommen wurden, so können die Jugendlichen sich wieder ihren speziellen Jugendaufgaben widmen, in erster Linie der Führung, der Entfesselung des wirtschaftlichen Kampfes der Jugendlichen, indem sie versuchen, die notwendigen Lebensinteressen der Jugendlichen in den Betrieben, in den Fabriken wahrzunehmen, die Forderungen und Parolen für diesen Kampf aufzustellen; in den Betrieben, Fabriken und Werkstätten sollen die kommunistischen Jugendvereine für diese Parolen Propaganda machen, indem sie hineingehen in die Jugendsektionen der Gewerkschaften. in die Gewerkschaften selbst, um für diese Kampfparolen des wirtschaftlichen Kampfes zu agitieren, indem sie versuchen, die kommunistischen Parteien bei steigenden Aktionen für diese Wahrnehmung der wirtschaftlichen Interessen der Jugend zu gewinnen, indem die Jugend sich dieses Kampfes annimmt; und der vor der Türe stehende Zweite Kongreß der Kommunistischen Jugendinternationale wird, das ist heute schon sicher —, unbedingt in diesem Sinne direkt für alle diese Verbände in der nächsten Zeit beschließen. Dadurch wird die Jugend selbst die Verbindung mit den großen breiten Massen der Jugendlichen, mit diesen 20 Millionen herstellen, und wird in Deutschland, wie in Holland, in Italien wie in Frankreich aus kleinen Zirkeln bewußter, intelligenter, gebildeter jugendlicher Arbeiter wachsen, wie die Parteien zu Massenbewegungen.
Eine zweite große Aufgabe wird die Agitation, eine verbesserte, vergrößerte Agitation durch die Jugendinternationale und die Jugendverbände sein. Es gibt manche für die kapitalistische Entwicklung entscheidende Länder, wo überhaupt noch keine oder ganz geringfügige Jugendsektionen bestehen. Dann ist vor allen Dingen wichtig die Propaganda unter den ländlichen, jugendlichen Arbeitern, unter den kleinen Bauern. Darum die Versuche, die Agitationsmethoden zu vergrößern, das gesprochene Wort durch die bildliche Darstellung zu unterstützen. Eine große Aufgabe, die die Jugendorganisationen durch die veränderte Stellung in der allgemeinen Arbeiterbewegung hat, fällt ihr durch die Leistungen einer allgemeinen Bildungsarbeit zu, die sich zum Ziel setzen muß, die jungen Arbeiter zu marxistisch denkenden, tüchtigen, revolutionären Kämpfern heranzubilden, die Bildungsarbeit innerhalb der Jugendsektionen durch Kurse, durch öffentliche Versammlungen, Meetings, Kinos, zu fördern, durch alle möglichen Mittel auf das Gehirn der Jugendlichen einzuwirken.
Genossen, noch ein Wort über die Agitationsform. Wie und wo sollen diese Jugendlichen gesammelt werden? Da stehen wir auf dem Standpunkt, daß dazu sich eine besondere Jugendorganisation am besten eignet. Ich erwähnte schon, politisch taktisch sollen die Jugendorganisationen untergeordnet, geführt werden durch die kommunistischen Parteien, was den Jugendlichen nicht das Recht raubt, innerhalb ihrer eigenen Vereine alle politischen Tagesfragen, alle aktuellen taktischen Fragen zu besprechen, Stellung zu nehmen und Beschlüsse zu fassen.
Genossen, Sie wissen ja, daß zu den Linksstehenden in der Internationale bisher immer die Jugend gehört hat. Gen. Lenin sagte ja einmal, das sei ein hoffnungsloser Fall, die Jugend werde immer auf der linken Seite stehen. Die Jugendlichen sollen das Recht haben, auch fernerhin innerhalb ihrer Vereine zu all diesen Fragen Stellung zu nehmen, und zu versuchen, innerhalb der Partei im Sinne ihrer Beschlüsse einzuwirken, indem sie versuchen, sich als jugendliche Partei Gehör zu verschaffen durch ihre Zeitungen, durch ihre Vertretungen usw. Aber was wir in unseren Thesen sagen, ist, daß die kommunistischen Jugendorganisationen nie gegen die Partei Stellung nehmen und kämpfen dürfen. Nicht wie früher, wo die sozialistischen und revolutionären Jugendorganisationen das Recht und sogar die Pflicht hatten, öffentlich mit Flugblättern, mit Broschüren gegen die versumpfte reformistische Partei zu kämpfen. Wir fühlen uns als ein Glied der gesamten Kommunistischen Partei; aber innerhalb der Partei soll die Jugend wie jedes andere Glied der Partei selbst das Recht haben, in ihrem Sinn und nach ihrer Ansicht auf die Partei einzuwirken. Wir sind dafür, daß die Sammlung der jugendlichen Arbeiter in eigenen besonderen Jugendorganisationen erfolgt. Vor allen Dingen aus erzieherischen Gründen. Wir sind dagegen, daß man die Jugendorganisationen vielleicht überhaupt auflöst und die einzelnen Jugendlichen als jugendliche Parteimitglieder der Partei direkt anschließt. Das wird nicht nur ihre organisatorische Kraft lähmen, sondern es wird von nachteiligen Folgen für die Erziehungsarbeit der Jugend sein. Die selbständigen Organisationen ermöglichen der Jugend eine Selbstbetätigung, ermöglichen, daß sie früh Verantwortungsgefühl, Pflichtgefühl entwickeln kann in ihrer eigenen Organisationsarbeit. Die Organisationstüchtigkeit wird früh geschult. Alle diese gewaltigen Vorteile der eigenen organisatorischen Vereinstätigkeit sollen und müssen der Jugend weiterhin erhalten bleiben, um möglichst gut geschulte. erprobte und fähige Rekruten an die Kommunistische Partei abgeben zu können. Auf diese Weise, die ich nur ganz kurz zeigen konnte. hoffen wir, daß die Jugend selbst bei der Agitation und bei der Gewinnung der 20 Millionen jugendlicher Arbeiter tätig und aktiv mitarbeitet. Aber die kommunistischen Parteien selbst können und müssen jeden Kampf unterstützen. Und da müssen wir heute feststellen. daß trotz der Verpflichtung, die der II. Kongreß der Kommunistischen Internationale allen Parteien auferlegt hat, nur ganz wenige Parteien im Ausmaß ihrer Kräfte dieser Verpflichtung nachgekommen sind. Wir müssen an die Parteien appellieren, unbedingt auch auf Diesem Gebiet. wie auf jedem anderen Gebiet. die Beschlüsse der Internationalen Kongresse nicht als Papierbeschlüsse zu betrachten. sondern tatsächlich gemäß diesen Beschlüssen zu arbeiten und zu handeln.
Genossen, die Unterstützung der kommunistischen Jugendbewegung, die Gewinnung der großen Massen der jugendlichen Arbeiter für die kommunistische Bewegung kann geschehen durch die politische, durch die moralische Unterstützung und Hilfe der kommunistischen Parteien. Die gegenseitige Vertretung beginnt von der untersten Gruppe, von untersten Ortsvereinen und geht fort bis zur Zentrale. Die jugendlichen Gruppen, Verbände delegieren einen Vertreter in die Partei, umgekehrt die Partei einen Vertreter in die Jugend. Das ermöglicht der Partei die stete Kontrolle, die dauernde politische Einwirkung auf die Jugendlichen, und umgekehrt stellen sie für die Jugend den Kontakt mit der Partei her. Auf diese Weise können die Erfahrungen der Erwachsenen der Partei den Jugendlichen zugute kommen. Es sollte in jeder kommunistischen Zeitung, wie es in der letzten Zeit in deutschen Parteiblättern geschieht, mindestens einmal in der Woche eine besondere Beilage für die Jugendlichen gebracht werden. Durch Einrichtung von Schulen, durch Berücksichtigung der Jugendlichen bei den Parteikursen, durch Einführung von Stunden über die Entwicklung und das Wesen der Jugendbewegung. durch materielle und finanzielle Hilfe kann von Seiten der Kommunistischen Partei Unendliches geleistet werden. Hauptsächlich in jenen Ländern, wo die Partei verhältnismäßig stark und die ‚Jugendbewegung verhältnismäßig schwach ist. Ich erinnere an Deutschland und an jene Länder, wo die Jugendbewegung erst keimt, und die Parteien bereits festen Fuß gefaßt haben. England und Amerika scheinen Länder zu sein, wo wir gerade in der nächsten Zeit den Jugendlichen zu Hilfe eilen müssen. Auch auf internationalem Gebiete ist es möglich, die Jugendbewegung in einem größeren Ausmaß als bisher zu unterstützen, indem die Kommunistische Internationale und die Exekutive die ganze Autorität in die Wagschale werfen müssen, um tatsächlich die Durchführung der Beschlüsse für die Arbeit unter den Jugendlichen zu überwachen. Und weitere Hinweise an die einzelnen Parteien, Einführung einer besonderen Beilage in der Kommunistischen Internationale über die Jugendprobleme, Hilfe und Unterstützung bei der Organisierung internationaler Kurse, Agitatorenschulen usw. Auf diese Weise ist es unbedingt notwendig. daß die kommunistischen Parteien :die Kommunistische Internationale der von den Jugendlichen selbst geleisteten Arbeit unter der Masse der Jugendlichen zu Hilfe kommen.
Ich möchte am Schlusse noch einmal die ganze große Bedeutung der Gewinnung der Jugend für die Kommunistische Internationale, für die kommunistische Bewegung in den Vordergrund rücken.
Es war der Gen. Trotzki, der mit Recht darauf hingewiesen hat. wie durch den jahrelangen Krieg, durch die jahrelange Entbehrung, ein großer Teil der Arbeiter in Mitteleuropa, in Oesterreich und in einzelnen Teilen Deutschlands völlig erschöpft, physisch entnervt und daher unbrauchbar geworden ist für die Fortführung des proletarischen Kampfes. Es war Genosse Trotzki. der darauf hingewiesen hat, wie ein anderer Teil der mitteleuropäischen Arbeiterschaft durch die jahrzehntelange Vergiftung der sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaftsbürokratie ebenfalls rettungslos verloren gegangen ist für die proletarische Revolution. Und er war es, der erklärte, hier hilft nur eins: Daß wir uns rechtzeitig die neue junge Generation sichern, die die jahrzehntelange sozialdemokratische Verblödungsschule nicht durchgemacht hat, die physisch und geistig in der Lage ist, die proletarische Revolution vorwärts zu treiben. Ich weise darauf hin, daß das Bürgertum in der Nachkriegszeit versucht. den jungen Nachwuchs des Proletariats für sich und gegen das Proletariat zu gewinnen. Der größte Teil der Noskearmee. mit der wir uns herumgeschlagen haben, waren junge Arbeiter. die durch die Not und den Hunger gezwungen, vorübergehend in diese Armee eintraten. Gerade die Freiwilligenarmee. ein ganz besonderer Typ des Militarismus, rekrutiert sich heute noch aus jungen Arbeitern. Genossen, die Frage der jugendlichen Arbeiter ist wahrlich eine ernste Frage. Vor allen verdient sie nicht, daß man mit einem Lachen über sie hinweggeht, indem man versucht, sie als etwas Kindisches und Unreifes hinzustellen. Es gilt tatsächlich, uns diese Jugendlichen zu sichern, damit sie das Werk der Revolution fortführen und vollenden auf der ganzen Welt. (Lebhafter Beifall.)
Ich empfehle die vorgelegten Thesen der Aufmerksamkeit des Kongresses.
Vors. Kolarow. Das Wort hat Gen. Frölich.
Gen. Frölich. Genossen, die Thesen, die uns hier vorgeschlagen werden, bedeuten einen gewaltigen Fortschritt in der Entwicklung der Jugendbewegung. Einen historischen Fortschritt deshalb, weil die Jugendbewegung jetzt mit gutem Gewissen im Interesse der revolutionären Bewegung verzichten kann auf ihre politische Selbständigkeit. Diese politische Selbständigkeit — das müssen wir bei dieser entscheidenden Wendung anerkennen — hat für die Kommunisten, für die revolutionäre Bewegung, eine außerordentlich hohe Bedeutung gehabt. Das Entstehen der Kommunistischen Internationale und der kommunistischen Parteien überhaupt ist wesentlich gefördert worden dadurch, daß die Jugend bereit war, die alten Fesseln, die sie an die sozialdemokratischen Parteien banden. zu sprengen, und selbständig, politisch aktiv, unkontrolliert durch irgend welche Parteien aufzutreten. In der Kriegszeit und in den ersten Jahren der Revolution hat diese politische Selbständigkeit der Jugendorganisationen außerordentlich reiche Früchte für uns getragen. Und es ist ein wesentliches Verdienst dieser Arbeit selber, wenn wir jetzt zu dem Schluß kommen können, die Selbständigkeit der Jugendorganisationen in politischer Hinsicht aufzuheben. Denn nur dadurch ist es möglich geworden, daß wir in den wichtigsten Ländern große, starke kommunistische Massenparteien haben, die eine revolutionäre kommunistische Politik treiben. Es ist meines Erachtens notwendig, angesichts dieser Wendung innerhalb der Jugendbewegung mit aller Energie hinzuweisen auf die Bedeutung, die die Jugendorganisationen für die einzelnen kommunistischen Parteien und für die gesamte Kommunistische Internationale haben. Es kann nicht stark genug betont werden, daß für uns die Jugendbewegung eine wichtige Arbeit übernimmt: die Erziehung unseres Nachwuchses für den Kampf. Die Jugendorganisation hat sich erwiesen als eines der besten Reservoirs für die Kräfte, die wir in der Partei brauchen. Wir in Deutschland haben die Erfahrung gemacht, daß unsere besten Parteiarbeiter aus der Jugendorganisation hervorgegangen sind. Und wir sind überzeugt, daß jetzt und in Zukunft auch in den anderen Parteien die besten Kräfte hervorgehen werden aus der Jugendorganisation, die Kräfte, die dort ihre erste politische Ausbildung gewinnen, um sie dann der allgemeinen kommunistischen Bewegung widmen zu können. Wir wissen aber auch, daß die Jugendorganisation als solche in unseren politischen Kämpfen ein außerordentlich wichtiger Faktor ist. Nicht allein deshalb, weil sie in der Lage ist, die große Masse revolutionär empfindender Jugendlicher mit heranzubilden und sie organisiert in den Kampf hineinzuziehen, sondern weil die Jugendorganisation bestimmte Aufgaben viel besser erfüllen kann, als die Kommunistische Partei überhaupt vermag. Wir haben in unserer deutschen kommunistischen Bewegung die Erfahrung gemacht, daß ganz bestimmte Aufgaben illegaler Natur von den Jugendorganisationen viel besser, viel gefahrloser und mit viel größerem Erfolg erledigt werden, als sie innerhalb der Partei und durch die Parteigenossen selbst erledigt werden können. Wir wissen weiter, daß eine der wichtigsten Aufgaben, die wir haben, die Militärpropaganda, von den Jugendorganisationen mit viel größerem Erfolg und viel größerem Nachdruck betrieben werden kann, als durch die Kommunistische Partei. Diese Aufgaben können die Jugendlichen nur leisten, wenn sie im innigsten Kontakt mit der Partei selbst stehen, mit den Institutionen, die die Partei für diese bestimmten Zwecke ihrerseits einrichten läßt. Und die Wendung, die jetzt in der Jugendbewegung vorgenommen wird, die völlige politische Unterordnung der Jugendorganisation unter die Partei, bedingt eine ganz wesentliche Einstellung der Partei gegenüber der Jugendorganisation. Wir haben zwei selbständige Organisationen, zwei Organisationen, die aktiv an politischen Kämpfen teilnehmen sollen. Soll ein Unterordnungsverhältnis zwischen diesen beiden Organisationen bestehen, und wird es im Ernste durchgeführt werden, dann ist nur eine Möglichkeit dazu vorhanden, nämlich dann, wenn die Jugendorganisation zu der gesamten Parteiarbeit und zu allen wichtigen politischen Entscheidungen herangeholt wird. Genossen, ich glaube, wir haben darauf das allergrößte Gewicht zu legen, weil wir alle die Erfahrung gemacht haben, Daß in der Partei vielfach noch die Auffassung herrscht, daß man die Jugendorganisation, die Jugendlichen überhaupt in politischer Hinsicht nicht für voll anzusehen braucht. Ich möchte darauf hinweisen, daß es unbedingt notwendig ist, in dieser Hinsicht jede Überhebung, alle Vorurteile aufzuheben und dafür zu sorgen, daß der gesamte Partei- und Jugendapparat trotz organisatorischer Selbständigkeit ganz eng miteinander verbunden und daß bewirkt wird, daß von der Spitze der Partei bis hinunter zu den kleinsten Zellen, die wir haben, die Jugendorganisation ihren Einfluß auf die Entscheidungen der Partei ausüben kann, daß auf diese Weise zu gleicher Zeit das ganze politische Denken, das in der Partei lebt, auf die Jugendorganisation zurückwirken, sie mobilisieren kann, sie in ständigem Kontakt hält mit dem, was die Partei will und tut. Nur auf dieser Grundlage, meine ich, ist die Jugendorganisation imstande, diesen großen Schritt zu wagen und die völlige Unterordnung unter die politische Leitung der Partei anzunehmen. Das allein ist die Garantie dafür.
Ich meine weiter, daß die Voraussetzung, unter der wirklich eine solche Unterordnung zustande kommen kann, die kräftigste Förderung der Jugendbewegung durch die einzelnen Parteien selbst ist. Und ich möchte gerade den Parteien, die noch keine besondere Erfahrungen mit den revolutionären Kämpfen gemacht haben, sagen. daß sie wohl viel größere Schwierigkeiten zu überwinden haben, wenn ihnen nicht der Organisationsapparat der Jugendorganisation in großen politischen Kämpfen zur Verfügung steht. Sie haben diesen Organisationsapparat zu pflegen, dadurch, daß sie ihre besten Kräfte, die sie entbehren können, für diese Arbeit frei machen, dadurch, daß sie mit allen Mitteln, über die die Partei verfügt, die Jugendorganisation unterstützen und sie fördern. Wenn das von den Parteien geschieht, dann wird dieser Schritt, der jetzt von der Jugendorganisation unternommen wird, den der Kongreß beschließen soll, zum Nutzen für die kommunistische Bewegung ausschlagen. (Lebhafter Beifall.)
Es folgt die vom Kongreß angenommene „Resolution über die Kommunistische Internationale und die Kommunistische Jugendbewegung“: siehe die Seite des Kongresses.
Vors. Kolarow. Es ist niemand mehr in die Rednerliste eingetragen, infolgedessen ist die Debatte geschlossen. Zu den Thesen, die Genosse Münzenberg unterbreitet hat, sind einige Amendements vorgeschlagen worden. Infolgedessen beantragt das Präsidium eine Kommission, bestehend aus fünf Mitgliedern, zu bilden, die die notwendigen Abänderungen vornehmen und morgen hierüber dem Kongreß Bericht erstatten soll. Als Mitglieder dieser Kommission schlägt das Präsidium die Genossen Frölich, Kolarow, Bucharin, Münzenberg und Schatzkin vor. Werden Einwendungen dagegen erhoben? Nein. Die Liste ist angenommen.
Es folgt jetzt der
Bericht über die Frauenbewegung.
Das Wort hat Gen. Clara Zetkin.
Clara Zetkin. Genossinnen und Genossen! Im Auftrage des Internationalen Sekretariats der Exekutive für die kommunistische Arbeit unter den Frauen werde ich einen kurzen Überblick über die kommunistische Frauenbewegung und die Kommunistische Frauenkonferenz geben.
Es ist kein Zweifel, daß wir in dem letzten Jahr einen sehr erfreulichen Fortschritt zu verzeichnen haben, sowohl was die Entwicklung der kommunistischen Frauenbewegung in den einzelnen Ländern anbelangt, wo immer größere Massen von Genossinnen sich zielbewußt in der Kommunistischen Partei zusammenschließen, wie auch betreffs der internationalen Zusammenfassung der Bemühungen, die breitesten politischen Frauenmassen in den Dienst der proletarischen Revolution zu stellen. Das gilt für die Kämpfe zur Eroberung der politischen Macht und die Aufrichtung der Diktatur durch das Proletariat, wie auch für die Verteidigung dieser Errungenschaften und für den kommunistischen Aufbau in solchen Ländern, wo — wie in Rußland — das Proletariat bereits die Macht errungen hat. Aber in die Freude über die erzielten Fortschritte mischt sich ein bitterer Tropfen. In den meisten Ländern sind die Fortschritte der kommunistischen Frauenbewegung erzielt worden ohne die Unterstützung der Kommunistischen Partei, ja hier und dort sogar gegen den offenen oder den heimlichen Widerstand der Kommunistischen Partei. Es fehlt noch an dem Verständnis für die Tatsache, daß ohne die bewußte, zielklare, wegsichere, opferbereite Beteiligung der Frauen am revolutionären Kampfe weder im Bürgerkrieg das Proletariat seine Macht erringen, noch nach der Aufrichtung seiner Diktatur den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft beginnen kann.
Schon vor dem Kriege galt es innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung geradezu als eine Binsenwahrheit, daß das Proletariat seine wirtschaftlichen und politischen Kämpfe nicht ohne die Beteiligung der Frauenmassen durchführen könne. Gewiß, die Praxis der alten sozialdemokratischen Parteien, die Praxis der Gewerkschaften ist weit hinter dem Lippenbekenntnis zurückgeblieben. Die Betätigung der Frau wurde mehr oder weniger als eine politische und gewerkschaftliche Dienstbotenarbeit betrachtet und nicht nach ihrer wahren Bedeutung als ein wesentlicher Faktor des proletarischen Befreiungskampfes.
Aber Genossinnen und Genossen, wie anders liegen jetzt die Dinge für das Proletariat. Jetzt spielen sich die wirtschaftlichen Kämpfe des Proletariats im Zeichen des steigenden Verfalls des Kapitalismus ab. Was besagt das? Daß sie bitterer, opferreicher, schwieriger sind wie je zuvor. Und noch ein anderes. Daß auch sie letzten Endes einem höheren Ziel zustreben. Nicht bloß der Linderung der Not durch die Verkürzung der Arbeitszeit, durch ein paar Pfennige mehr Lohn, durch günstigere Arbeitsbedingungen! Nein, all die wirtschaftlichen Kämpfe sind letzten Endes gegenwärtig zugespitzt auf ein Ziel: die Übernahme der Kontrolle der Produktion und dann des Besitzes der Produktionsmittel durch das revolutionäre Proletariat. Die politischen Kämpfe des Proletariats gehen nicht mehr um kleine Reformen und Zugeständnisse, nicht um Bettelsuppen und formale politische Rechte. Mit einem Wort: sie gehen nicht um die Reform der bürgerlichen Gesellschaft, sondern um die Zertrümmerung der bürgerlichen Gesellschaft. Sie gehen um Sein oder Nichtsein des Kapitalismus, um Sein oder Nichtsein des Kommunismus. Sie finden statt in der glutheißen Atmosphäre des Zerfalls der kapitalistischen Wirtschaft und des Bürgerkriegs. Angesichts dieser Bedeutung der Kämpfe des Proletariats ist es ganz ausgeschlossen, daß dieses auf Mitbeteiligung der Frauen verzichten kann. Dazu kommt eine andere Tatsache. Es handelt sich jetzt darum, größere Frauenmassen als je zuvor in den revolutionären Kampf zu werfen zum Sturz des Kapitalismus, des bürgerlichen Staates, sie zu mobilisieren und zu schulen, bereit und tüchtig zu machen für den kommunistischen Aufbau. (Lebhafte Zustimmung.)
Schon vor dem Kriege hatte Europa einen Frauenüberschuß von 5—6 Millionen. Jetzt soll dieser Überschuß nach Berechnungen rund 15 Millionen betragen. Gab es früher nur einen Frauenüberschuß in den großen Industriestaaten, hatten die Balkanländer einen Überschuß an männlicher Bevölkerung, so ist in den größeren industriellen Staaten der Frauenüberschuß beträchtlich gewachsen, und auch die Balkanländer weisen nicht mehr einen Überschuß an männlicher Bevölkerung auf, sondern die umgekehrte Erscheinung tritt selbst hier immer auffälliger zu Tage. Wie denkt man sich da den Kampf um die Eroberung der politischen Macht, wie denkt man sich den Aufbau der kommunistischen Ordnung, ohne die bewußte und ohne die freudige, verständnisvolle Mitwirkung der Frau? Die Zahlen, die ich angeführt hatte, künden uns eines: daß immer größere proletarische Frauenmassen unmittelbar unter die Fuchtel der kapitalistischen Ausbeutung geraten und deshalb durch ihre unmittelbaren Lebensnöte zum Kampf gegen die bürgerliche Ordnung getrieben werden. Sie zeigen aber auch ein anderes. Nämlich, daß die Zahl der bürgerlichen Frauen abnimmt, die in dem Heim, die in der Familie ein Paradiesgärtlein zu besitzen scheinen, voller Frieden und Freude. Nein, heutzutage können auch die bürgerlichen Frauen nicht mehr in der Passivität und Gleichgültigkeit dem öffentlichen Leben, dem Kampfe unserer Zeit gegenüber verharren. Zu Millionen sind sie Berufstätige geworden, denen heute, solange der Kapitalismus herrscht, unter dem Stachel des Konkurrenzkampfes zwischen den Geschlechtern Lebensunterhalt und Lebensinhalt von den Männern streitig gemacht wird. Und der Bürgerkrieg mit seinen Folgen greift so hart auch in das bürgerliche Familienleben ein, daß dessen alte Mauern der Gleichgültigkeit und des politischen Stumpfsinns zu zerbröckeln anfangen.
Genossinnen und Genossen, ich bin die Letzte, die überschätzt, was dieser Entwicklungsprozeß in der bürgerlichen Frauenwelt bedeutet. Aber wir dürfen ihn auch nicht unterschätzen. Gewiß, jene Frauenmassen, die im Bürgertum im Zeitalter des zerfallenden Kapitalismus und der Verschärfung des Klassenkampfes entwurzelt werden, verwandeln sich schwerlich in revolutionäre Vorstoßtruppen. Wir können nicht mit solcher Entwicklung rechnen, wir wären töricht, damit zu rechnen. Bürgerliche Frauenmassen werden auch nie die breiten Sturmkolonnen des Proletariats verstärken helfen, die die entscheidenden Schlachten für die Aufrichtung der Diktatur schlagen werden. Wir wollen aber nicht übersehen, daß sie Plänkeldienste zu leisten vermögen in der Zeit des Bürgerkriegs. Ferner, daß sie Unruhe, Gärung, Zersetzung und damit Schwächung in das Lager der Bourgeoisie, in das Lager unseres Todfeindes hineintragen können.
Deshalb ist es — um alles zusammenzufassen — nach meiner Auffassung eine ungeheure Schädigung der Revolution und der Aktivisierung der Massen für die Revolution, wenn nicht die Kommunistische Partei eines jeden Landes mit der gleichen Energie wie für die revolutionäre Mobilisierung der Männer auch für die revolutionäre Einbeziehung, für die revolutionäre Schulung der Frauen zu den Schlachten des Proletariats wirkt. Ich nenne bewußte Saboteure der Revolution jene Genossen, die nicht auch die Frauen zu bewußten Mitträgerinnen der Revolution sammeln und erziehen.
Genossinnen und Genossen, was die kommunistischen Parteien fast aller Länder in dieser Beziehung gesündigt haben, das ist weniger fühlbar in Erscheinung getreten, weil die Exekutive bemüht gewesen ist, mit Rat und Tat die Bestrebungen zu fördern, die breitesten Frauenmassen um das Banner der III. Internationale zu scharen. Der Vorsitzende der Exekutive, Genosse Sinowjew, hat volles Verständnis dafür gezeigt, daß die kommunistische Arbeit unter den Frauen nichts anderes bedeutet, als die Hälfte der kommunistischen Arbeit überhaupt. ""nd so ist die Exekutive nach dem Zweiten Weltkongreß mit moralischen, politischen und finanziellen Mitteln hinter die Bestrebungen getreten, die Kommunistinnen in den einzelnen Ländern, in den Parteien zu sammeln und sie dann international zusammengeballt in den Kampf zu führen. Die Exekutive hat dadurch den leidenschaftlichen Kampf der kleinen Vortrupps überzeugter und geschulter Kommunistinnen in den verschiedenen Ländern erleichtert, gefördert und erfolgreicher gestaltet. Was wir erzielt haben, ist die Ehre und das Glück der kleinen Fähnlein von Kommunistinnen gewesen, die sich in den einzelnen Ländern, oft ohne jede Unterstützung, ja gegen heftige Widerstände, um das Banner der Dritten Internationale gesammelt haben.
So ist seit dem vorigen Jahre in einer ganzen Reihe von Ländern eine planmäßige Arbeit von Kommunistinnen zur revolutionären Mobilisierung und Erziehung der breitesten proletarischen Frauenmassen in die Wege geleitet worden. Bahnbrechend, beispielgebend ist dafür die Arbeit unserer russischen Kommunistischen Partei gewesen. Auch die Kommunisten Deutschlands haben im alten Spartakusbund und später in der Vereinigten Kommunistischen Partei von ersten Tage der Gründung an planmäßig und eifrig darauf hingearbeitet, die Frauen innerhalb der Organisationen zu Mitträgerinnen des Kampfes zu machen. Ebenfalls in Bulgarien haben wir eine kraftvolle, eine zielbewußte kommunistische Frauenbewegung, eine Frauenbewegung in dem wirklich kommunistischen Sinne, daß es sich um gemeinsame Arbeit, um gemeinsame Betätigung von Männern und Frauen zu dem Ziele handelt, die breiten Massen der: Proletarierinnen und Bäuerinnen für den revolutionären Kampf zu gewinnen. Aber in den anderen Ländern sind eigentlich erst Ansätze, in einigen sogar noch nicht einmal Ansätze, zu einer solchen planmäßigen Arbeit vorhanden.
Wir hoffen, daß unsere Internationale Frauenkonferenz und dieser Kongreß alle jene kommunistischen Parteien an ihre Pflicht erinnern werden, die sie bis jetzt noch versäumen oder nur mit süßsaurer Miene erfüllen, um den äußeren Anstand zu wahren. Unsere Zweite Internationale Frauenkonferenz war der Beweis dafür, mit welcher Tatkraft und welchem Erfolge die Kommunistinnen der verschiedenen Länder und die Exekutive zusammengewirkt haben. Die Erste Internationale Konferenz kommunistischer Frauen zu Moskau im vorigen Jahre war aus 16 Ländern beschickt, und nur 20 Delegierte mit beschließender Stimme nahmen an ihr teil, dazu noch einige beratende Gäste. Heuer dagegen, Genossen und Genossinnen, waren aus 28 Ländern Vertreterinnen oder Vertreter zu der internationalen Tagung gekommen. 82 Delegierte nahmen an ihr teil, davon 61 mit beschließender Stimme und 21 mit nur beratender Stimme. Die Bemühungen, im Zeichen der Zweiten Internationale den internationalen revolutionären Vormarsch der Frauen herbeizuführen, haben nie eine gleich erfolgreiche Tagung gezeitigt. Ja, wenn wir von der Zahl der Vertreterinnen absehen, wenn wir nur den Blick auf die große Zahl der Länder richten, die sich um das Banner der Dritten Internationale gruppiert haben, so können wir sagen, daß auch keine einzige internationale bürgerliche Frauentagung umfassender nach Beschickung und weitreichender an Bedeutung gewesen ist als diese Moskauer Konferenz. Und ein besonders hervorstechender, geschichtlich bedeutsamer Zug: An dieser Konferenz nahmen die Vertreterinnen der Frauen der Ostvölker teil.
Genossinnen und Genossen, es mag vielleicht nahe liegen und verführerisch sein, daß der eine oder andere das Erscheinen der Delegationen aus dem nahen und fernen Orient lediglich im Lichte des Ästhetischen sah. Aber es war mehr als das fremdländische, das außergewöhnliche, ja märchenhafte des Orients, das in den delegierten Frauen verkörpert in die Konferenz einzog. Es war ein gewaltiger historischer Moment von unvergeßlicher. unsterblicher Bedeutung, den die Konferenz erlebte. Was denn besagte das Erscheinen der Frauendelegation aus dem Osten? Es besagte, daß die Ostvölker anfangen zu erwachen und sich zum Kampfe stellen, daß sogar die Unterdrücktesten der Unterdrückten, die Frauen, die Jahrhunderte lang, Jahrtausende lang im Banne uralter religiöser und sozialer Überzeugung, Satzungen, Gewohnheiten, Sitten gelebt haben, den revolutionären Kampf aufnehmen. Das Erscheinen der Frauen aus dem nahen und fernen Orient auf der Konferenz war ein Zeichen dafür, wie weit- und wie tiefreichend die Revolutionierung des Ostens vorgeschritten ist. Und das ist für uns im Westen, das ist für die Proletarier in allen kapitalistischen Ländern von äußerster Wichtigkeit. Denn die Befreiungsschlachten des englischen, des französischen Proletariats werden nicht nur auf heimischem Boden geschlagen, sie werden auch geschlagen in den glutheißen Gefilden von Indien und Persien, auf dem vielgestaltigen Boden von China und überall in dem nahen und fernen Osten. Genossinnen und Genossen! Daß die Frauen des Orients zu uns kamen, beweist die außerordentliche, die weitfassende Bedeutung des revolutionären Kampfes der Dritten Internationale. Sie ist die erste und bis jetzt die einzige Organisation, die wirklich die Hoffnung, das Vertrauen der Völker des Ostens besitzt und die als erste Internationale die ganze Menschheit umfaßt. „Die Internationale wird die Menschheit sein“, die ganze Menschheit sein. Das war der Sinn, der mit dem Erscheinen der Vertreterinnen der Frauen des Ostens für die Konferenz verbunden war.
Werfen wir nun einen kurzen Rückblick auf die internationale Konferenz der Kommunistinnen selbst. Die Ziele und die Aufgaben dessen, was man kommunistische Frauenbewegung nennt, sind durch die Ziele, durch die Aufgaben, durch die Grundsätze und die Taktik der Dritten Internationale gegeben, zu der zu gehören, wir stolz sind. Für die Konferenz handelte es sich darum, das Rüstzeug zu schaffen, um diese Grundsätze zu verteidigen, diese Taktik im Kampfe gegen die kapitalistische Welt, im Kampfe gegen alles, was zu ihr steht. Deshalb hat die Konferenz einen großen Teil ihrer Arbeiten den beiden Fragen gewidmet, welche Formen und Methoden für die kommunistische Arbeit unter den Frauen von den kommunistischen Parteien angewendet werden müssen, und wie engste und feste internationale Beziehungen hergestellt werden können zwischen den Kommunistinnen der einzelnen Länder und ihren Parteien wie auch mit der kommunistischen Fraueninternationale in Moskau und durch ihre Vermittlung mit der Exekutive der III. Internationale als der gemeinsamen einheitlichen Leitung und Führung.
Genossinnen und Genossen! Die Konferenz war bei der Erörterung dieser Fragen und bei der Beschlußfassung darüber von einem obersten Grundsatz geleitet. Es gibt keine besondere kommunistische Frauenorganisation. Es gibt nur eine Bewegung, es gibt nur eine Organisation der Kommunistinnen innerhalb der Kommunistischen Partei zusammen mit den Kommunisten. Die Aufgaben und Ziele der Kommunisten sind unsere Aufgaben, unsere Ziele. Keine Sonderbündelei, keine Eigenbrödelei, die irgendwie geeignet wäre, die revolutionären Kräfte zu zersplittern und abzulenken von ihren großen Zielen der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und dem Aufbau der kommunistischen Gesellschaft. Die kommunistische Frauenbewegung bedeutet nichts anderes als planmäßige Verteilung, planmäßige Organisierung der Kräfte, sowohl der Frauen, wie der Männer in der Kommunistischen Partei, um die breitesten Frauenmassen für den revolutionären Klassenkampf des Proletariats, für den Kampf zur Niederzwingung des Kapitalismus und den kommunistischen Aufbau zu gewinnen.
Aber Genossinnen und Genossen, dieser Grundsatz der Gemeinsamkeit der Organisation und der Arbeit ist auch von den alten sozialdemokratischen Parteien anerkannt worden. Er wurde jedoch von ihnen mit einer Engherzigkeit und Kleinlichkeit, mit einer mechanischen Anwendung des Gleichheitsprinzips durchgeführt, daß er nicht Entfesselung und stärkste Auswirkung der weiblichen Kräfte im Dienste der Revolution bedeutet hat. Wir Kommunisten sind Revolutionäre der Tat, des Handelns. Ohne irgendwie den obersten Grundsatz der Gemeinsamkeit der Interessen und des Kampfes der Proletarier und Proletarierinnen aus dem Auge zu verlieren, halten wir die Augen offen für die gegebenen konkreten Verhältnisse, mit denen bei der kommunistischen Arbeit unter den Frauen gerechnet werden muß. Wir vergessen nicht die sozialen Bedingungen, die als Hemmnisse für die Betätigung der Frau, für ihr politisches Erwachen, ihren politischen Kampf noch vielfach in den gesellschaftlichen Einrichtungen, im Familienleben und auch in sozialen Vorurteilen vorhanden sind. Wir sehen klar den Niederschlag, den die Jahrtausende alte Knechtschaft in der Seele, der Psyche der Frau zurückgelassen hat. Deshalb bedarf es trotz der Gemeinsamkeit der Organisation besonderer Organe, besonderer Maßnahmen, um an die Frauenmassen heranzukommen und sie als Kommunistinnen zu sammeln und zu erziehen.
Als Solche Organe schlagen wir vor, bei den leitenden und verwaltenden Parteiinstanzen Frauenagitationsausschüsse oder Kommissionen zu errichten oder wie die Parteien sonst das Ding nennen wollen. Und zwar sollen solche Ausschüsse bestehen, von der Leitung der kleinen örtlichen Gruppe an, bis hinauf zu der obersten Zentralleitung. Wir nennen diese Organe Frauenausschüsse, weil sie die Arbeit unter den Frauen betreiben sollen, aber nicht weil wir Gewicht darauf legen, daß sie nur aus Frauen bestehen. Umgekehrt. Wir begrüßen es, wenn den Frauenausschüssen auch Männer mit ihrer größeren politischen Erfahrung und ihrem Können angehören. Worauf es uns ankommt, ist, daß diese Ausschüsse planmäßig und dauernd unter den Frauenmassen tätig sind; daß sie Stellung nehmen zu allen Nöten, zu allen Interessen, die das Frauenleben berühren; daß sie auf allen Gebieten des sozialen Lebens für das Wohl der Millionen und Abermillionen Proletarierinnen und Halbproletarierinnen mit Sachkenntnis und Energie eingreifen. Diese Frauenausschüsse können und dürfen selbstverständlich nur in engster organisatorischer und ideologischer Gemeinschaft mit den Organen der Gesamtpartei wirken. Aber es ist auch selbstverständlich, wenn sie ihre Aufgabe erfolgreich erfüllen sollen, daß sie des Rechtes der Initiative und einer gewissen Bewegungsfreiheit bedürfen. Die Kommunistischen Parteien Rußlands, Deutschlands, Bulgariens haben, soviel mir bekannt ist, diesen Forderungen entsprochen oder bemühen sich ernstlich, ihnen zu entsprechen. Und, wahrhaftig, sie haben keine schlechten Erfahrungen gemacht.
Die Parteiorgane zur Arbeit unter den Frauen sollen planmäßig Agitations-, Organisierungs- und Erziehungsarbeit leisten. Mit Wort, mit Schrift, mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Sie dürfen bei ihrer Arbeit eines nicht vergessen, daß nicht nur das gesprochene und geschriebene Wort, daß vor allen Dingen auch die Arbeit und der Kampf das wichtigste und unentbehrlichste Mittel zur Sammlung und zur Erziehung der breitesten Massen bildet. Deshalb müssen die Frauenausschüsse ihr Streben darauf richten, zu allen Aktionen der Kommunistischen Partei, zu allen Kämpfen der proletarischen Massen die Frau als selbständiges und aktives Element heranzuziehen. Die Frauen, die jetzt vielfach Hindernisse des revolutionären Kampfes sind, müssen zu treibenden Kräften des Kampfes werden. Denn, Genossinnen und Genossen, täuschen wir uns nicht: Entweder wird die Revolution die Frauenmassen haben oder die Gegenrevolution hat sie! Bauen Sie nicht darauf, daß, da der Bürgerkrieg immer schärfere Formen annimmt, auch die Frau sich entscheiden müsse, wo sie steht und für was sie kämpft. Wenn Ihr Kommunisten nicht dafür sorgt, daß die breitesten Frauenmassen im Lager der Revolution stehen, so werden die bürgerlichen Parteien dafür Sorge tragen, daß sie sich im Lager der Gegenrevolution sammeln, und die Scheidemänner und Dittmänner, alle halben, alle viertel Internationalen, werden bestrebt sein, die Frauen auf jenem Grenzgebiet zwischen der Revolution und Gegenrevolution zu halten, das heute der festeste Schutzwall der Gegenrevolution und der bürgerlichen Gesellschaft ist.
Angesichts dieser Tatsache, Genossen und Genossinnen, müssen die Kommunistischen Parteien bestrebt sein, durch die Frauenausschüsse die Proletarierinnen, die Kommunistinnen nicht nur zur legalen Arbeit heranzuziehen, sondern ebenso zur illegalen Arbeit. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Es gibt illegale Arbeiten, vom Kurierdienst angefangen, die mit Treue und Gewandtheit durchzuführen die Frauen außerordentlich geeignet sind. Ebenso ist es selbstverständlich, daß die kommunistischen Parteien danach trachten müssen, allen Kämpfen des Proletariats die breitesten Frauenmassen als aktives Element einzugliedern. Von dem Streik, der auf die Abwehr der Verlängerung der Arbeitszeit gerichtet ist, bis zur Straßendemonstration, bis zu dem Aufstand, bis zu den Kämpfen mit bewaffneter Hand. Es gibt keine Phase, es gibt keine Form des revolutionären Kampfes, des Bürgerkriegs die nicht auch Sache der Frauen wäre, die ihre Freiheit durch den Kommunismus wollen. Die Resolution, die wir Ihnen vorlegen, enthält eingehend formuliert die Grundsätze, die ich hier vor Ihnen entwickelt habe.
Was die internationale Verbindung der Kommunistinnen der einzelnen Länder untereinander und mit dem Sekretariat in Moskau anbelangt, so fordern wir von den Kommunistischen Parteien folgendes: Zunächst, daß sie in jedem einzelnen Lande internationale Korrespondentinnen wählen, die untereinander und mit dem Sekretariat in Moskau in Verbindung stehen; ferner, daß dem Internationalen Frauensekretariat in Moskau ein Hilfsorgan in Westeuropa zur Seite gestellt wird.
Ich hatte bei der Würdigung der Arbeit unserer Konferenz vergessen, auf einen besonders wichtigen Beschluß hinzuweisen. Wir müssen die Aufmerksamkeit der kommunistischen Zellen in den Gewerkschaften auf die dringliche Aufgabe lenken, mit ihrem Wirken auch die Arbeiterinnen zu erfassen. Die Arbeiterinnen, sofern es sich um den gewerkschaftlichen Kampf handelt gegen das Ausbeutertum, aber auch soweit es gilt, den Kampf gegen die Gewerkschaftsbürokratie zu führen. Gerade was die Interessenvertretung der berufstätigen Frauen anbetrifft, ist eine breite Front vorhanden, an der die kommunistischen Genossen in den Gewerkschaften die Gewerkschaftsbürokratie angreifen können. Diese Gewerkschaftsbürokratie hat die Interessen der berufstätigen Frauen dreifach verraten. Sie hat sie verraten, indem sie zu Nutz und Frommen des Kapitalismus auf den Kampf für die Losung verzichtete: gleicher Lohn für gleiche Leistung, ohne Unterschied, ob Mann oder Weib. Sie hat sie ein zweites Mal verraten, indem sie es widerstandslos geschehen ließ, ja es billigte, daß nach Kriegsende in erster Linie die Frauen aus den Betrieben, aus den Amtsstellen hinausflogen, Warum das? Weil man die hungernde Frau wegen ihrer politischen Rückständigkeit weniger fürchtet als den Mann. Außerdem weil man vorheuchelt, sie sei versorgt, da ihr ja der Weg zur Prostitution in der Straße oder in einer Schacherehe offen stehe. Die Gewerkschaftsbürokratie verriet die Interessen der berufstätigen Frau ein drittes Mal, indem sie nicht den Kampf gegen das schreiende Unrecht aufnahm, daß die erwerbslose Frau mit einer kleineren Entschädigung abgespeist wird, als der erwerbslose Mann, oder gar leer ausgeht. Das sind meines Erachtens Momente, die von unseren kommunistischen Zellen in den Gewerkschaften beachtet und ausgenützt werden müssen, um die Frauen in den Betrieben zu revolutionären Kämpferinnen zu erziehen. Zu würdigen ist lg ferner die große Bedeutung der beruflichen, der gewerkschaftlichen Schulung der Frauen für den kommunistischen Aufbau nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.
Doch weiter mit dem, was die Konferenz beschlossen hat oder richtiger, was sie beschlossen hat, dem Kongreß vorzulegen, zum Zwecke der besseren internationalen Verbindung der Kommunistinnen der einzelnen Länder. Ich habe schon angeführt, daß die Parteien internationale Korrespondentinnen wählen sollen, die miteinander und mit den Kommunistischen Frauensekretariat in Moskau in regelmäßiger, dauernder Verbindung stehen. Aber dieses Sekretariat selbst muß leistungsfähiger gemacht werden. Wir wollen, daß es nicht bloß Informationsorgan für die Arbeit, den Kampf der Kommunistinnen sein soll, sondern führendes und leitendes Organ, das die revolutionäre Betätigung, die Beteiligung der Proletarierinnen an den Kämpfen des Proletariats vereinheitlicht, verschärft und steigert. Zu diesen Zwecke soll im Auslande ein internationales Hilfsorgan geschaffen werden. Das Sekretariat selbst muß in Moskau bleiben, nicht bloß wegen der engen organisatorischen Verbindung mit der Exekutive. Nein, aus demselben sachlichen,-historischen Grunde. aus dem die Exekutive selbst in Moskau ihren Sitz haben muß. Weil Moskau das Herz der Revolution, weil Moskau die Hauptstadt des revolutionären Rußlands ist, weil hier die Erfahrungen des revolutionären Kampfes zusammenströmen und zu theoretischen Erkenntnissen und praktischer Wegweisung ausgenützt werden können. Genossinnen und Genossen! Wir sind überzeugt, daß ein bescheidenes Hilfsorgan in Westeuropa dem Frauensekretariat der Exekutive zu Moskau wertvolle Dienste leisten kann, und wir ersuchen Sie deshalb, unserer einschlägigen Resolution zuzustimmen.
Die Konferenz hat noch geprüft, was Pflicht, was Leistungsmöglichkeit der Frauen im Kampfe für die Erringung und Behauptung der proletarischen Diktatur, der Räteordnung ist. Wir haben diese Frage zuerst und vor allem erörtert nach ihrer allgemeinen grundsätzlichen Bedeutung für den revolutionären Kampf des Proletariats und damit für die volle Befreiung des weiblichen Geschlechts. Wir haben sie folglich betrachtet im Zusammenhang mit der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Lage, jener Lage, angesichts deren dem Proletariat nur eine Wahl frei steht: entweder revolutionär die Macht zu erobern oder sich unter verschärfte Ausbeutung und Knechtschaft zu beugen. Freiheit oder Rückfall in die Barbarei, das ist die Entscheidung, vor die das Proletariat und auch die Frauen der breitesten Massen von der Geschichte gestellt worden sind. Wir haben dann die Frage erörtert im Zusammenhang mit der Beteiligung der Frauen an der Arbeit, am Kampf für die Verteidigung der Diktatur, was in sich begreift ihre Mitwirkung am Wiederaufbau des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens nach der Eroberung der Diktatur. Wir haben die Frage des proletarischen Klassenkampfes für die Eroberung und Behauptung der politischen Macht endlich behandelt im Zusammenhang mit dem Kampfe für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts vor dem Gesetz und in der Praxis.
Die Konferenz war einmütig der Überzeugung, alle Wege führen nach Rom. Mit anderen Worten: alle Forderungen, die die Frauen als Berufstätige, als Mütter, als Menschen zu erheben haben, alle Forderungen, die sie erheben müssen, um auf der Grundlage sozialer Arbeit vollberechtigte und vollverpflichtete Glieder der Gesellschaft zu werden, alle Schmerzen und Nöte ihres Lebens, alle Sehnsüchte ihres Strebens, sie laufen zusammen in der einen Mahnung: aktive, kühne, hingebungsvolle Beteiligung an den revolutionären Kämpfen für die Eroberung der Diktatur des Proletariats, für die Aufrichtung der Räteordnung. Und nach Erreichung dieses Zieles: opferfreudige Arbeit bis zum letzten Fünkchen Kraft, um die Sowjetordnung zu verteidigen, nicht nur mit der Waffe in der Hand, sondern auch mit der Kelle am Aufbau des neuen gesellschaftlichen Lebens, das die Rechtfertigung, das die festeste Grundlage ist für die Behauptung der Diktatur des Proletariats, für die Räteherrschaft.
Genossen, wir haben bei der Erörterung dieser Fragen keinen Zweifel darüber gelassen, daß die kommunistische Frauenbewegung nicht lebt und webt in einer Wolke der poli tischen Neutralität. Auch wenn unsere Tagung nicht die »grundsätzlichen und taktischen Fragen behandelt hat, die im gegebenen Augenblick zur Entscheidung vor der Dritten internationale standen und stehen, so ist doch eins selbstverständlich: Jede Kommunistin hat ihrer allgemeinen grundsätzlichen und taktischen Überzeugung entsprechend selbständig nachgedacht und Stellung zu den Problemen genommen, die uns in ihrer Rückwirkung auf die Frauenbewegung beschäftigen. Und ein anderes versteht sich noch. Daß innerhalb jeder Kommunistischen Partei Eure Kämpfe um Grundsätze und Taktik unsere Kämpfe sein werden und müssen.
Genossen und Genossinnen! Wir Delegierte der Internationalen Konferenz der Kommunistinnen wollen hinausgehen in alle Länder, um den Frauen dort zu zeigen, daß Rußland ein großes geschichtliches Beispiel ist. Es lehrt: ohne Eroberung der politischen Macht, ohne Aufrichtung der Rätediktatur kein kommunistischer Aufbau, keine Befreiung, keine Gleichberechtigung der Frauen. Aber es sagt auch den Kommunistischen Parteien aller Länder: ohne Mitarbeit, ohne den Mitkampf der Frauen keine Eroberung der politischen Macht, kein kommunistischer Aufbau. Das Proletariat bedarf für seine Schlachten zur Überwindung des Kapitalismus, wie für die Verwirklichung des Kommunismus der Mitarbeit der Frauen nicht bloß der Quantität nach, wie die Zahlen zeigen, die ich früher angeführt habe. Nein, Ihr befreiungssehnsüchtigen, Ihr befreiten Proletarier, Ihr könnt unserer Mitarbeit nicht entraten, auch der Qualität unserer Leistungen nach. Wir sind, dem Himmel sei Dank, nicht Eure Affen, nicht Eure mißratenen, schlechten Kopien. Wir setzen unsere eigenen geistigen und sittlichen Werte ein, sowohl in den revolutionären Kampf, wie an den revolutionären Aufbau. Und das bedeutet nicht etwa eine Bedrohung, eine Abschwächung des revolutionären Kampfes, nein, es bedeutet seine Steigerung und Verschärfung. Und es bedeutet nicht eine Verarmung und Verpfuschung, Verflachung des neuen gesellschaftlichen Lebens, sondern seine Bereicherung, seine größere Mannigfaltigkeit, Vertiefung und Verfeinerung.
Deshalb hinein mit den Frauen der Sowjetstaaten in alle beschließenden, verwaltenden, kontrollierenden, aufbauenden, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen Organe und Organisationen! Deshalb hinein mit den Proletarierinnen, mit den unfreien, unterdrückten Frauen der Länder, die noch unter kapitalistischer Herrschaft schmachten, in alle Kämpfe, in alle Schlachten des Proletariats. Vergessen wir nicht, was einer der besten Kenner der früheren revolutionären Bewegung Rußlands geschrieben hat. Stepniak sagte in seinem berühmten Buche: „Das unterirdische Rußland“, daß die revolutionäre Bewegung in diesem Lande ihren hohen idealen Schwung, ihre geradezu religiöse Begeisterung und Kraft der Mitarbeit, dem Mitkämpfen, dem Mitleben und Mitsterben der Frauen verdankte. Das ist die große Tradition, die in Rußland lebendig geblieben ist, das muß die große Tradition werden, die für den Kampf des Proletariats in allen kapitalistischen Ländern, in allen Ländern des Ostens leitend ist.
Genossen und Genossinnen, wir haben hier auf diesem Kongreß gehört: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht, um nicht die Fühlung mit den breiten proletarischen Massen zu verlieren, die die entscheidenden Schlachten der proletarischen Revolution schlagen. Und wir wissen, wie wahr, wie richtig das ist. Wir haben aber aus der Geschichte der Revolution auch noch ein anderes gelernt: Kühnheit, Kühnheit und nochmals Kühnheit, um die Massen, die revolutionären Massen voranstürmen zu machen. Und ich versichere Euch: wir Frauen, die wir das Land des Kommunismus mit glühender Seele suchen, wir, die wir die stärksten, die unversöhnlichsten Hasserinnen des Kapitalismus sein müssen, wir wollen danach streben, das kühle Wägen der konkreten Verhältnisse mit dem kühnen Wagen für das hohe Ziel, für den Sieg zu verbinden. Wir wissen, in welcher gefährlichen Situation wir stehen. Nicht bloß dort, wo wir um die Eroberung der Macht ringen, auch dort, wo die Macht schon errungen ist und bedroht wird von der ausländischen und inländischen Gegenrevolution und allen Schwierigkeiten des Aufbaues unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen. Uns Frauen aber entmutigt nicht, was hinter uns liegt, uns schreckt nicht, was vor uns dräut. Wir haben die Augen unverwandt gerichtet auf das leuchtende Ziel, den menschheitsbefreienden Kommunismus. Wir sehen klar den Weg zum Ziel: den Bürgerkrieg, den revolutionären Kampf mit seinen Schrecken und Gefahren. Und trotz alledem haben wir nur eine Losung: Durch! (Langanhaltender, lebhafter Beifall.)
Luise Colliard. Genossen, ich bin von den kommunistischen Frauen gewählt worden, hier Bericht zu erstatten; vorher aber muß ich bekennen, daß ich die Delegierte einer ron) Kommunistischen Partei bin, die nie etwas für das Hereinziehen der Frau in die Parteiarbeit getan hat. Trotzdem haben wir in Frankreich doch einige weibliche Mitglieder. Aber wir sind über das ganze Land zerstreut und kennen uns kaum. In der letzten Zeit haben wir eingesehen, daß für die Frauen eine besondere Propaganda nötig ist. Aber als wir die Unterstützung der Partei erhalten wollten, da wurde uns die Antwort zuteil, daß es genüge, eine Frau für diese Arbeit zu bestimmen, die aber nicht allein unter Frauen agitieren, sondern die allgemeine Propaganda leiten sollte. Wir haben es beim Zentralkomitee doch durchgesetzt, daß eine besondere Sektion für die Organisation der Frauen gegründet wurde, ebenso wie es eine besondere Sektion für die Propaganda unter den Bauern gibt. Die Frauen haben dieselben Interessen wie die Männer, und wenn sie der Partei angehören wollen, so müssen sie dieselben Pflichten erfüllen. Es wäre jedoch besser, ihre Fähigkeiten zuerst zu entwickeln, z. B. mit Hilfe der Krippen, die in den einzelnen Fabriken eingerichtet werden müssen. Man wird mir sagen, daß dies die spezielle Arbeit der Gewerkschaften sei, aber ich finde nicht, daß die Gewerkschaften allein sich mit diesen Fragen beschäftigen müssen. Die Kommunistische Partei, ebenso wie die revolutionären Gewerkschaften, müssen die Organisation alles dessen, was in Verbindung mit den Interessen der Frau und des Kindes steht, übernehmen. Bis jetzt hat man bei uns dies noch nicht in Betracht gezogen. Man hat uns zur Seite geschoben, man glaubte nicht, daß die Frau imstande sei, den Kampf Schulter an Schulter mit dem Manne zu führen. Sie haben wahrscheinlich von dem Zurückweichen der Frau vor ihrer revolutionären Pflicht während des Krieges gehört. Ich ertrage es nicht, wenn die Männer uns diesen Vorwurf machen. Wir müssen eingestehen, daß wir alle unsere Pflicht schmachvoll versäumt haben. Aber in dieser, der Revolution vorangehenden Periode, in dieser Zeit der Vorbereitung zu unserem Kriege, wollen wir einander nichts vorwerfen. Wir müssen eine gründliche Erziehung der Massen erstreben. Es genügt nicht, die Frauen in Sektionen oder Unterabteilungen zu organisieren, wo wir sie erziehen können, oder wo sie sich an der Seite der Männer weiter entwickeln können. Wir müssen. ihnen das Bewußtsein ihrer Pflicht vor der Arbeiterklasse einflößen, damit sie im Momente der Revolution nicht wieder versagen, wie es vor dem Kriege geschah.
Die Männer müssen jedoch jetzt anerkennen, daß sie ihre Pflicht in bezug auf das Hereinziehen der Frau in die Arbeit der Partei nicht getan haben. Jetzt wissen sie es: Wenn man auch die Frau nicht in die Organisationen eingliedert, so muß man sie wenigstens neutralisieren, damit sie die Männer bei ihrer Tätigkeit nicht stört. Die Gewerkschaften mußten im vorigen Jahr bei unserer Maibewegung anerkennen, daß der Streik viel energischer, andauernder und tatkräftiger in denjenigen Gebieten geführt wurde, wo die Arbeiterinnen daran teilgenommen, wo auch nur die Hausfrauen den Kommunisten und Syndikalisten beigestanden haben. Jetzt versteht die Partei, daß es nicht im Interesse der Frau und der allgemeinen Frauenbewegung. sondern in ihrem eigenen Interesse ist, die Frau in die Kommunistische Partei und in die revolutionären Gewerkschaften hereinzuziehen. Wir haben beantragt, die Frauen so zu organisieren, wie wir es in Rußland, Deutschland. Bulgarien sehen. Wir wollen sie zuerst gewöhnen, in ihrer eigenen Gesellschaft zu diskutieren, damit sie die zur Diskussion in Anwesenheit der Männer nötige Sicherheit erlangen. Wir müssen eine Zeitung gründen, die diese Erziehung leiten kann. Wir haben bis jetzt kein spezielles Organ, obwohl die Partei in Paris allein zwei Tageszeitungen herausgibt, obwohl sogar die Jugend ihre spezielle Zeitung hat. Das Organ, das existiert, „Die Stimme der Frau“ (La voix des femmes) ist nur für einige Genossinnen bestimmt. gehört jedoch nicht der Partei. Die III. Internationale muß unserem Zentralkomitee. auf welches wir unsererseits auch Druck ausüben werden, auferlegen, die Arbeit weiterzuführen, mit unserer Hilfe die Frauen zu organisieren, sie in die Arbeit hereinzuziehen, sie zu erziehen. Dies tut not. um der Revolution den Weg zu ebnen, der Revolution, die wir alle ersehnen. die wir seit langer Zeit herbeiwünschen; deshalb müssen wir die Frauen und die Männer organisieren, damit die Revolution nicht fehlschlägt, wie unsere revolutionäre Propaganda während des Krieges fehlgeschlagen ist.
Kollontai. Genossinnen und Genossen: Ich glaube, das Referat der Genossin Zetkin war so ausführlich, daß es genügt, wenn wir nur einige Worte hinzufügen. Die Hauptsache ist die Frage, wie die Kommunistischen Parteien ihren Einfluß auf die breiten Massen ausüben können, um diese breiten Massen für den Kommunismus zu gewinnen. Das ist eine der Hauptfragen unserer ganzen Methode der Arbeit der Kommunistischen Partei. Es ist auch eine taktische Frage, wie die Kommunistischen Parteien auf die breiten parteilosen Massen ihren Einfluß ausüben können, um sie für den Kommunismus zu gewinnen. Aber woraus bestehen die breitesten Schichten der parteilosen Bevölkerung in allen Ländern, sowohl in den bürgerlichen, kapitalistischen als auch in den Sowjetländern. Selbstverständlich aus den arbeitenden Frauen, denn die Männer, die Arbeiter, gehören entweder zu einer bestimmten Organisation, zu einer bestimmten bürgerlichen oder sozialpatriotischen, zur 2¼, 2½ Internationale, zu irgendeiner politischen Organisation oder Partei. Es gibt viele Frauen, die nicht organisiert waren. Sie sind in den bürgerlichen Ländern von den bürgerlichen Anschauungen korrumpiert, und infolgedessen wird es der Kommunistischen Partei erleichtert, gerade diese breiten Schichten für sich zu gewinnen, aus diesen breiten Schichten, die bis jetzt noch immer passiv waren, diejenigen frischen kämpfenden Kräfte zu erzeugen, die für unsere großen Ziele in diesem Moment des Kampfes so kolossal notwendig sind. Wie können wir aber an die breiten Massen der Frauen herankommen? Die Kommunistische Partei, wie auch früher die sozialdemokratische Partei, hat uns immer gesagt, die Türen der Kommunistischen Partei stehen für die Frauen weit offen. Also die Frauen sollen zu uns kommen, in unsere Partei. Wir müssen aber leider sehen, daß wir die Frauen noch immer nicht für unsere Ziele gewonnen haben. Da erhebt sich die Frage, ob wir nicht andere Methoden benutzen müssen, damit wir diese breiten Schichten der Frauen für uns gewinnen. Wenn wir aber neue Methoden brauchen, die mit der eigenartigen Stellung der Frau in der Gesellschaft, sowohl in der bürgerlichen, wie auch bis zu einem gewissen Grade in der Sowjetrepublik rechnen, wo die Frau sich noch immer in der eigenartigen sozialen Lage, sogar innerhalb der Familie befindet, in einer Lage, die eine andere als die der Männer ist, wenn wir das berücksichtigen, so müssen wir auch einen neuen Apparat haben. Infolgedessen sahen wir auch, daß es notwendig ist, diesen Apparat. diese: Organ in jeder Partei zu haben. Dieser Beschluß, Genossen, ist kein neuer Beschluß. Er wurde im vorigen Jahre schon einmal auf unserer ersten Internationalen Konferenz der Kommunistinnen gefaßt.
Aber bis jetzt, wie die Genossin Zetkin sagte, sind es nur die Parteien einiger Länder, die diesen Beschluß durchgeführt haben, weil dieser Beschluß nur auf unserer Konferenz gefaßt und nicht von dem Internationalen Kongreß angenommen wurde. Wir glauben, daß, wenn es jetzt hier gelingt, diesen Beschluß durchzuführen, es vielleicht die Genossen anspornen wird, auch in ihren Ländern, wo es möglich ist, in diesem Jahre diesen Apparat einzuführen. Ich glaube, daß wir jetzt eben in der Lage sind, diese Apparate zu schaffen, die nur ganz spezielle Apparate der Partei sein müssen. Sie dürfen so wenig als möglich den Anschein erwecken und auch in der Arbeit nicht den Charakter tragen, als ob sie nur bestimmte Interessen der Frauen verträten und nur für die Frauen arbeiten wollten. Das sind spezielle Apparate mit speziell ausgearbeiteten Kräften, die eine bestimmte Aufgabe der Partei erfüllen. Diese Apparate müssen nicht nur zwischen den Frauen arbeiten, sondern ich möchte sagen, z. B. bei uns in Rußland ist es ganz klar, daß die Frauen, die wir schon erfaßt haben, die große Masse der Arbeiterinnen und Bäuerinnen, uns schon sympathisch gegenüberstehen. Aber leider wehren sich noch immer unsere eigenen Genossinnen der Partei gegen die Heranziehung der Frau zu einer aktiven Arbeit, zu einem Posten, für den sie von der großen Masse auserwählt worden ist und auf dem sie eine große Arbeit verrichten soll. Also ich glaube, Genossen, diesen Apparat müssen Sie als Ziel haben. Es handelt sich hier nicht nur um die Arbeit bei den Frauen, sondern es muß ein Apparat sein für die Arbeit auch zwischen unseren Genossen. Wir nennen diesen Apparat auch nicht nur Frauenkommissionen, sondern Kommissionen für die Propaganda unter unseren Genossen, damit wir einmal das überwinden, was bis jetzt noch immer besteht. Die Frau steht in der Partei; in Sowjetrußland trägt sie die ganze Last der großen Aufbauarbeit. Aber wenn eine Frau auf einen verantwortlicheren Posten gestellt werden soll, dann denkt man immer: Ja, ein Mann würde doch besser dazu passen. In kapitalistischen Ländern ist noch die Frage, die Frauen selbst in die Reihen der Organisation hineinzuziehen. In Sowjetrußland besteht aber noch eine Aufgabe, die Frauen zu aktiver, schöpferischer Arbeit zu erziehen und sie auf verantwortliche Posten zu stellen. Dabei, Genossen, wollte ich noch betonen, daß wir gerade in unserer Arbeit unter den Frauen durch unsere Methode, durch die Praxis zur Erkenntnis der kommunistischen Idee, von dem Konkreten zu dem Weiten und Großen kommen; nach diesem Hauptprinzip muß die Arbeit bei den Frauen aufgebaut sein. Und auch dabei betonen wir, daß alle kommunistischen Parteien jetzt nicht nur deshalb das Interesse haben, die Frauen in die Reihen der Partei hineinzuziehen, weil die Frauen zu Kämpferinnen erzogen werden sollen, sondern weil wir immer den Tag nach der Revolution vor Augen haben müssen, die Phase, die wir jetzt in Rußland durchmachen. Es ist ja die große Frage, wie wir die neuen Kräfte, die Produktion entwickeln können. Durch die Heranziehung aller lebendigen Kräfte. Alle müssen zum schaffenden Volke gehören, Mann und Frau. Und in Sowjetrußland, wo die allgemeine Arbeitspflicht besteht, da haben wir schon das große und neue Problem, nicht nur die Heranziehung der Frau zur Organisation, sondern die Ausnützung der Kräfte der proletarischen Frau, der Frau des Bauerntums zur Schaffung einer neuen Produktionsordnung, zur Schaffung einer neuen sozialen Ordnung. Jede Kraft ist jetzt in Anspruch genommen, ist registriert und infolgedessen ändert sich auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Es ist eine Revolution, viel größer vielleicht als die Gleichberechtigung der Frau, die die Sowjetrepublik und die Oktoberrevolution mit sich gebracht hat. Das ist einerseits. Andererseits steht aber vor der Partei die Frage der Erziehung der Frau zur Aktivität und zur schaffenden Kraft.
In all den kapitalistischen Ländern besteht eine neue Aufgabe für die Kommunistischen Parteien: nicht nur die Frau in die Reihen hineinzuziehen und sie zu Kämpfen anzuspornen, um sie zusammen mit den Männern in die Kämpfe zu führen, sondern gleichzeitig ihre ganze Aktivität zu erwecken gerade durch den Kampf, durch die Tat, durch die Heranziehung zu allen denjenigen Arbeiten, allen denjenigen Pflichten, die in ihr die alte Passivität vernichten und die neue schaffende Kraft, die Aktivität, das Gefühl, daß sie auch etwas leisten kann, erziehen und befestigen. Und Gen. Zetkin hat Recht. Sie hat mit Recht betont, daß wir die Initiative, die schaffende Kraft der Arbeiterinnen brauchen, da dadurch die Entwicklung beschleunigt und das Leben der Partei bereichert wird. Z. B, Genossen, in Rußland: Wir haben unseren Spezialapparat zur Arbeit bei den Frauen. Vergessen Sie nicht, daß es keine spezielle Organisation ist, es ist ein Apparat, in dem unsere Genossen und Genossinnen zusammenarbeiten, leider die Genossen zu wenig. Wir versuchen sie zu erziehen, es als ihre Pflicht anzusehen, auch diese spezielle Arbeit in der Partei zu erfüllen. Diese Organisationen sind nicht nur Organisationen, die dasselbe wiederholen, was die Partei sagt. Nein. Wenn auch nicht immer, so bringen wir doch sehr oft auch unsere eigene Initiative hinein. Eine ganze Anzahl von Fragen, wie z. B. die Frage der allgemeinen Arbeitspflicht, wurden dort gelöst. Wir begrüßen ja diese großen kolossalen Schritte in den Reformen des sozialen und ökonomischen Leben Rußlands, aber gleichzeitig sagten unsere Apparate, unsere Ausschüsse: Ja, aber die Partei, die soll und muß gleichzeitig auch die speziellen Interessen der Arbeiterinnen als Mütter berücksichtigen, und in dieser Hinsicht stellen wir eine ganze Anzahl Grenzen, weil wir uns immer erinnern, daß die Frau zwei Pflichten im kommunistischen Staat haben wird. Einerseits wird sie immer mehr zum Mensch, zur Kämpferin und zur schaffenden Kraft werden, andererseits bleibt sie auch diejenige, die die neue Generation hervorbringt, eine gesunde Generation. Sie ist Mutter. Als Mutter muß sie von dem ganzen Staate, von der Gesellschaft kollektiv geschützt werden. Und in einer ganzen Anzahl von Fragen war es gerade unsere Initiative, z. B. in der Frage der Abschaffung der alten Gesetze in der Frage des Abortus, der Bekämpfung der Prostitution, des Mutterschutzes und auch in anderen Fragen, wie der allgemeinen Volkswehr waren es unsere Ausschüsse, die eine gewisse Initiative und Leben hineinbrachten. Haben wir damit unsere Sowjetarbeit im Aufbau geschwächt? Nein. Wir haben sie bereichert und das ist die Initiative, von der Gen. Zetkin gesprochen hat, und deshalb glauben wir auch, daß diese Apparate spezielle Apparate sein sollen, die für die Heranziehung der breiten Massen spezielle Methoden, eine spezielle Taktik und Organisationsformen ausarbeiten. Die Frauen erhalten eine gewisse Bewegungsfreiheit und bleiben dabei eingegliedert in den ganzen Kampf. Gleichzeitig sind es auch Apparate, die uns dazu verhelfen werden, im Momente des Kampfes in den bürgerlichen Ländern Die Frage so zu gestalten, daß wir in den schwersten Momenten aus den rückständigen Frauen Kommunistinnen machen können und ihnen klarmachen, daß nur durch die Diktatur des Proletariats tatsächlich die Erlösung der Frau kommen wird. In den Sowjetländern, wo unsere Apparate unseren Parteien helfen, die große und schwierige, aber notwendige und kolossale Arbeit des Aufbaues eines neuen Gesellschaftssystems und einer neuen sozialistischen Ordnung zu verrichten, da müssen wir die Arbeiter und Arbeiterinnen ermuntern, auch weiterhin den großen Kampf für den Kommunismus im Weltmaßstab zu führen. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Kolarow. Die Rednerliste ist erschöpft. Ich schließe daher die Debatte. Es folgt die Abstimmung. Es liegen zwei Thesen und zwei Resolutionen über die Frauenbewegung vor. Die Resolutionen lauten:
Es folgt die vom Kongreß angenommene „Resolution über die internationale Verbindung der Kommunistinnen und das Internationale Kommunistische Frauensekretariat“: siehe die Seite des Kongresses.
Es folgt die vom Kongreß angenommene „Resolution über die Formen und Methoden der kommunistischen Arbeit unter den Frauen“: siehe die Seite des Kongresses.
Vors. Kolarow. Diese Resolutionen bilden mit den Thesen ein gemeinsames Ganzes. Die eine Resolution widerspricht der anderen nicht. Wir können daher darüber gemeinsam abstimmen.
Ist jemand gegen diese Resolutionen? Niemand. Enthält sich jemand der Abstimmung? Nein. Die Resolution und die Thesen sind daher einstimmig angenommen. (Lebhafter Beifall.)
Schluß der Sitzung 12 Uhr 15 Min. nachts.
Die einundzwanzigste Sitzung (9. Juli 1921, 8 Uhr 30 Min. abends)
(Radek: Bericht der Taktikkommission. — Erklärung der Delegation der K.A P.D. — Resolution zur Lage in der V.K. P.D. Erklärung der deutschen Opposition zur Lage in der V.K. P.D. Erklärung der Delegation der V. K. P.D. — Sinowjew: Schlusswort zur Resolution. — Meschtscherjakow: Die Genossenschaftsbewegung. ' Thesen über die Arbeit der Kommunisten in den Kooperativen.)
Vors. Gennari. Als erster Redner hat Genosse Radek zum Bericht der Taktikkommission das Wort.
Radek. Genossen, die Taktikkommission hat ihre Arbeit beendet mit der einstimmigen Annahme aller ausschlaggebenden Änderungen. Ich werde nicht alle Änderungen, die größtenteils rein redaktionellen Charakters sind, hier der Reihe nach verlesen. Sie werden den Delegierten innerhalb der nächsten zwei bis drei Tage zugestellt werden. Ich will nur bei den wichtigsten politischen Änderungen einen Augenblick verweilen. Es sind dies die Änderungen, die sich auf die Darstellung der Lage in der Kommunistischen Internationale beziehen. Die Änderungen sind folgende:
Der Passus über Frankreich wurde noch einmal durchgearbeitet, und es wurde die Charakteristik der Tendenzen zum verfrühten Losschlagen, die, wie Sie wissen, in dem früheren Vorschlag sehr scharf hervorgehoben wurden, gemildert.
Was die Lage in der Tschechoslowakei anbetrifft, so erinnern Sie sich, daß die Exekutive der Kommunistischen Internationale eine ausführliche Resolution über diese Frage angenommen hat. In dieser Resolution wurde die Existenz der zentristischen Tendenzen beleuchtet und diese Tendenzen wurden als die Richtung Smeral charakterisiert und bekämpft. Yan In unserer Resolution haben wir die Charakteristik dieser Tendenzen stehen gelassen, umsomehr, als auch Genosse Smeral, der inzwischen angekommen ist, in seinen Ausführungen die Existenz zentristischer Eigenschaften in der Partei gar nicht leugnete, sondern umgekehrt, zu beweisen suchte, daß, da die Mehrheit der alten Partei ohne größere Spaltungen zum Kommunismus überging, es auch unvermeidbar war, daß diese Tendenzen in der Partei existieren. In der Kommission spielte die tschechoslowakische Frage eine große Rolle. Sie war Gegenstand einer besonderen Sitzung, in der wir einerseits die Darlegungen des Genossen Smeral, andererseits die des Gen. Kreibich angehört haben. Und die Diskussion — das können wir sagen — endete damit, daß wir der Meinung waren, daß einerseits die führende Gruppe der Tschechoslowakischen Partei zwei bis drei Schritte nach links, wie Genosse Lenin sagte, machen müsse, während wir gleichzeitig den deutschtschechischen Organisationen und ihrer Leitung, dem Gen. Kreibich, den Rat geben, vielleicht einen Schritt mehr in der Richtung der großen Massen der Tschechoslowakischen Partei zu machen. Am wichtigsten war die Überzeugung, die wir gewonnen haben, daß Genosse Smeral gewillt ist, vollkommen die Linie der Exekutive durchzuführen. Aus diesem Grunde wurde beschlossen, daß wir uns einerseits über die Fehler und rechten Strömungen in der Partei in einem Briefe an die Parteileitung ausführlich äußern, andererseits aber, daß wir den Namen des Genossen Smeral streichen. Das bedeutet nicht irgendwelche Abschwächung des Kampfes gegen die halbzentristischen Tendenzen der Partei, es bedeutet aber, daß wir damit ausdrücken, es handelt sich hier nicht um einen Kampf gegen die Person des Genossen Smeral.
In den Thesen über die Teilaktionen zur Vorbereitung des Kampfes wurde der Gedanke aufgenommen, daß derjenige, der prinzipiell gegen den Offensivcharakter des Kampfes der Kommunistischen Internationale, gegen die Offensive in konkreten Beziehungen auftritt, gegen die Grundsätze der Kommunistischen Internationale verstößt.
In den Thesen über die Lehren der Märzaktion haben wir folgende Änderung vorgenommen: dort, wo wir sagen, die Märzaktion ist ein Schritt vorwärts. haben wir konkret charakterisiert, worin der Schritt vorwärts besteht. damit niemand sagen kann, es handelte sich hier nur um eine Redefloskel Wir sagen — der Schritt vorwärts besteht: 1. darin, daß Tausende von Arbeitern mutig gekämpft haben, 2. darin, daß die Partei sich an die Spitze des Kampfes gestellt hat.
Weitere Änderungen, die vorgenommen worden sind, sind mehr redaktionellen Charakters. So z. B.. hat es keine Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen. daß wir in dem Passus über die Balkanländer darauf hinweisen, daß die Ausgestaltung der Kommunistischen Balkanföderation von der größten Wichtigkeit für diesen Kampf ist.
Wir haben beschlossen, dem Kongreß vorzuschlagen. diese Thesen, die nicht nur als Grundlage von uns angenommen, in ihren politischen Richtungen aber gar nicht geändert worden sind, einstimmig anzunehmen.
Die Abänderungen, die die Kommission in der ursprünglichen Fassung der Thesen vorschlägt, sind die folgenden:
Seite 2. letzter Absatz, 6. Zeile, linke Spalte streichen: „sogar kapitalistisch. d. h.. auf Grundlage der Ausbeutung“.
Seite 2, rechte Spalte, 25. Zeile, statt: geht — ging.
Seite 2, rechte Spalte. 17. Zeile, von unten einfügen nach dem Wort Rumänien: in Lettland und Estland, die Legali...
Seite 2. rechte Spalte, 14. Zeile von unten einfügen nach: Kommunistengesetz in: Frankreich, der Schweiz.
Seite 2, rechte Spalte, 3. Zeile von unten, statt unmöglich machen: verhindern.
Seite 3, rechte Spalte, 18. Zeile, einfügen nach — aufforderte, sich an den Gewerkschaften zu beteiligen.
Seite 3, linke Spalte, 25. Zeile einfügen nach: Partei als einer Massenpartei. In Polen hatten wir im Februar unter der Führung der Kommunistischen Partei den Eisenbahnerstreik und den sich ihm anschließenden Generalstreik und wohnen dem fortschreitenden Prozeß der Zersetzung der sozialpatriotischen Poln. Soz. Partei bei. Nicht...
Seite 4, linke Spalte, 16. Zeile, einfügen nach: die Gewerkschaftsbürokratie veranlaßte, aus Furcht vor der revolutionierenden Wirkung der kommunistischen Gewerkschaftsarbeit, zahlreiche Kommunisten aus der Gewerkschaft auszuschließen und sie nötigte, das Odium der Spaltung der Gewerkschaften auf sich zu nehmen. In der Tschecho...
Seite 4, linke Spalte, 29. Zeile, statt: ihren Einfluß auf sie dauernd zu erhöhen: als ihre Führerin in Massenkämpfen aufzutreten.
Seite 5, rechte Spalte, 31. Zeile, statt: Zentristen — Reformisten.
Seite 5, rechte Spalte, 34. Zeile, statt: Zentristen — Reformisten.
Seite 5, rechte Spalte, 40. Zeile, statt: 2. Wort stärkte: schuf.
Seite 5, rechte Spalte, 40. Zeile einfügen nach: auf der anderen Seite die Gefahr des Einflusses der Anar...
Seite 5, rechte Spalte, 16., 15. und 14. Zeile von unten streichen: in denen die Masse Führer im Kampfe gegen den Kapitalismus...
Seite 5, rechte Spalte, 14. Zeile von unten ändern: und der Erzeugung antiparlamentarischer wortradikaler...
Seite 6, linke und rechte Spalte, Seite 7, linke Spalte, statt: In Frankreich (letzter Absatz, Seite 6, linke Spalte) bis Frankreich verwandelt.
Schlußworte erster Absatz, Seite 7, linke Spalte, muß es heißen: In Frankreich, wo das chauvinistische Gift der „nationalen Verteidigung“ und nachher der Siegestaumel stärker waren, als in irgend einem anderen Lande, entwickelte sich die Reaktion gegen den Krieg langsamer, als in den übrigen Ländern. Dank dem moralischen Einfluß der russischen Revolution, der revolutionären Kämpfe in den kapitalistischen Ländern und dank der Erfahrung der ersten Kämpfe des von seinen Führern verratenen französischen Proletariats, entwickelte sich die Französische Sozialistische Partei in ihrer Mehrheit in der Richtung des Kommunismus, noch bevor sie durch die Entwicklung der Ereignisse vor die entscheidenden Fragen der revolutionären Aktion gestellt wurde. Diese Lage kann die Französische Kommunistische Partei um so besser und in um so vollerem Maße ausnützen, je entschiedener sie in der eigenen Mitte — besonders in den führenden Kreisen — die noch allzu starken Überbleibsel der nationalpazifistischen parlamentarisch-reformistischen Ideologie beseitigt. Die Partei muß sich in weit größerem Maße nicht nur im Vergleich mit der Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart, den Massen und ihren am meisten unterdrückten Schichten in Stadt RS und Land nähern, und die Leiden und Bedürfnisse dieser Massen klar und voll zum Ausdruck bringen. Im parlamentarischen Kampfe muß (die Partei entschieden mit jenen heuchlerischen Formalitäten des französischen Parlamentarismus und seinen verlogenen Höflichkeitsformen brechen, die von der Bourgeoisie bewußt unterstützt werden, um die Vertreter der Arbeiterklasse einzuschüchtern und zu hypnotisieren. Die Vertreter der Kommunistischen Partei im Parlament müssen bestrebt sein, in ihrem streng kontrollierten Auftreten den Betrug des nationalistischen Demokratismus und des traditionellen Revolutionarismus zu entlarven und jede Frage als eine Frage der Klasseninteressen und des unerbittlichen Klassenkampfes hinzustellen.
Die Agitation in der Presse muß einen viel konzentrierteren und energischeren Charakter annehmen. Sie darf sich nicht in den veränderlichen und wechselvollen Situationen und Kombinationen der laufenden Politik auflösen. Sie muß aus allen Ereignissen, kleinen und großen, revolutionäre Grundfolgerungen ziehen und sie auch den zurückgebliebensten Arbeitermassen einprägen. Nur bei einer derartigen, wirklich revolutionären Haltung wird die Kommunistische Partei nicht einfach als der linke Flügel jenes radikalen longuetistischen Blocks erscheinen, der mit immer größerer Energie und immer größerem Erfolge der bürgerlichen Gesellschaft seine Dienste anbietet, um sie vor jenen Erschütterungen zu schützen, die in Frankreich mit unabwendbarer Konsequenz herannahen. Unabhängig davon, ob diese entscheidenden revolutionären Ereignisse früher oder später eintreten werden, wird eine disziplinierte, von revolutionärem Willen ganz erfüllte Kommunistische Partei auch jetzt in der Epoche der Vorbereitung, die Möglichkeit finden, die Arbeitermassen auf ökonomischer und politischer Grundlage zu mobilisieren, ihrem Kampfe einen weiteren und klareren Charakter zu geben.
Die Versuche revolutionär ungeduldiger und politisch unerfahrener Elemente, die die äußersten Methoden, die ihrem Wesen nach Methoden des entscheidenden revolutionären Aufstandes des Proletariats sind, bei einzelnen Fragen und Aufgaben anwenden wollen (der Vorschlag, den Jahrgang 19 aufzufordern, sich der Mobilisierung zu widersetzen) können im Falle ihrer Anwendung die wahrhaft revolutionäre Vorbereitung des Proletariats zur Eroberung der Macht auf lange Zeit vereiteln.
Die Kommunistische Partei Frankreichs, ebenso die Parteien aller anderen Länder haben zur Aufgabe, diese äußerst gefährlichen Methoden zu verwerfen. Diese Pflicht darf in keinem Falle die Partei zur Inaktivität veranlassen. Ganz im Gegenteil.
Die verstärkte Verbindung der Partei mit den Massen bedeutet vor'allem die engere Verknüpfung mit den Gewerkschaften. Die Aufgabe der Partei besteht nicht darin, daß die Gewerkschaften mechanisch äußerlich der Partei unterstellt werden, und der durch den Charakter ihrer Arbeit erforderlichen Autonomie entsagen, sondern darin, daß die wahrhaft revolutionären von der Kommunistischen Partei vereinigten und geleiteten Elemente im Rahmen der Gewerkschaften selbst der Arbeit derselben eine Richtung geben, die den allgemeinen Interessen des um die Eroberung der Macht kämpfenden Proletariats entspricht. Mit Rücksicht darauf ist die Kommunistische Partei Frankreichs verpflichtet, in freundschaftlicher, aber entschlossener und klarer Form mit einer Kritik gegen jene anarcho-syndikalistischen Tendenzen hervorzutreten, die die Diktatur des Proletariats verwerfen, und die Notwendigkeit einer Vereinigung seines Vortruppes in einer zentralisierten, führenden Organisation, d. h., in der Kommunistischen Partei verneinen. Auch jene syndikalistischen Übergangstendenzen, die hinter der Charte d’Amiens verschanzt, die 8 Jahre vor dem Kriege ausgearbeitet wurde, jetzt keine klare und offene Antwort auf grundlegende Fragen der neuen, auf den Krieg folgenden Epoche geben wollen, muß die Partei in gleicher Weise kritisieren.
Der sich in dem französischen Syndikalismus geltend machende Haß des Politikastertums ist in erster Reihe der gerechtfertigtste Haß gegen den traditionellen „sozialistischen“ Parlamentarier. Der rein revolutionäre Charakter der Kommunistischen Partei wird die Möglichkeit schaffen, allen revolutionären Elementen die Notwendigkeit der politischen Gruppierung zur Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse klar zu beweisen.
Die Verschmelzung der revolutionär-syndikalistischen mit der kommunistischen Organisation in ein Ganzes ist eine notwendige Bedingung jedes ernsthaften Kampfes des französischen Proletariats.
Sowohl die Überwindung und Beseitigung der Tendenzen zu verfrühter Aktion, als auch die Bezwingung der prinzipiellen Formlosigkeit und des organisatorischen Separatismus der revolutionären Syndikalisten können und werden nur in dem Falle in vollem Maße erreicht werden, wenn die Partei selbst — wie oben gesagt — durch wirklich revolutionäre Behandlung einer jeden Frage des alltäglichen Lebens und Kampfes sich in ein mächtiges Anziehungszentrum für die Arbeitermassen Frankreichs verwandelt.
Seite 7, rechte Spalte, 17. Zeile statt: sie, die alten und neu gewonnenen Mitglieder.
Seite 7, rechte Spalte, 22, 17. Zeile von unten streichen: wie sie in der Politik der Richtung Smeral zum Ausdruck gelangen, wenn sie den Ratschlägen folgt, die ihr ihre besten eingekerkerten Genossen Muna, Hula, Sabototzki wie die Kommunistische Internationale gibt.
Seite 7, rechte Spalte, 12. Zeile anzuschließen an: durchzuführen. Der Kongreß beschließt, daß die Tschechoslowakische und Deutsch-Böhmische Kommunistische Partei ihre Organisationen zu verschmelzen und zu einer einheitlichen Partei auszugestalten haben; in einer Frist, die von der Exekutive zu bestimmen ist.
Seite 8, linke Spalte, letzte Zeile anfügen nach: brechen, und in den kommenden Kämpfen des Proletariats Führerin der Massenbewegung zu werden. Diese ihre...
Seite 8, linke Spalte, 14. Zeile einfügen nach: des Proletariats und der vor...
Seite 8, linke Spalte, 20. Zeile von unten einfügen nach: nicht entgegengestellt, sondern wenn sie den Geist der Kampfbereitschaft in ihren Organisationen ständig wach hält, wenn sie ihre...
Seite 8, rechte Spalte, 14. Zeile, einfügen nach: verraten. Die Parolen und Grundsätze.
Seite 9, rechte Spalte, 27. Zeile statt: das aus einer Illusion, das sich in offenkundigen...
Seite 9, rechte Spalte, 18. Zeile von unten statt Flaumacherei — Planmacherei zu tun. Die Arbeiter...
Seite 9, rechte Spalte, 12. und 11. Zeile von unten statt: in das Bett des Kampfes um festgestellte Etappen doktrinär zu leiten — auf einen doktrinär ausgeklügelten Gegenstand zu konzentrieren.
Seite 9, rechte Spalte, 6/7. Zeile von unten statt: ausmachen — bilden.
Seite 9, rechte Spalte, 5. Zeile von unten statt: diesen Kampf — diese Kämpfe.
Seite 10, linke Spalte, 31/32. Zeile statt: den Inhalt der Übergangsmaßregeln zu Etappen im Kampfe um die proletarische Diktatur...
Seite 10, linke Spalte, 5. Zeile von unten einfügen nach: zu vertiefen und zu verbinden. Jede Teilaktion, die von den arbeitenden Massen zwecks Erreichung einer Teilforderung unternommen wird, jeder ernstere ökonomische Streik mobilisiert zugleich die ganze Bourgeoisie, die als Klasse sich an die Seite der bedrohten Teile der Unternehmer stellt, um jeden auch nur teilweisen Sieg des Proletariats unmöglich zu machen (technische Nothilfe, bürgerliche Streikbrecher im englischen Eisenbahnerstreik, Faszisten).. Die Bourgeoisie mobilisiert auch die ganze Staatsmaschine zum Kampfe gegen die Arbeiter (Militarisierung der Arbeiter in Frankreich und in Polen, Ausnahmezustand während des Bergarbeiterstreiks in England). Die Arbeiter, die um ihre Teilforderungen kämpfen, werden automatisch zum Kampfe mit der ganzen Bourgeoisie und ihrem Staatsapparat gezwungen.
Seite 10, rechte Spalte, 23. Zeile von oben streichen: Betriebs-Organisationen, nur durch ihre...
Seite 12, rechte Spalte, 10. Zeile von unten anfügen an: vorhanden sind. Wer prinzipiell gegen die Politik der Offensive gegen die kapitalistische Gesellschaft auftritt, der verstößt gegen die Grundsätze des Kommunismus.
Seite 13, linke Spalte, 7. Zeile von unten bis zur 3. streichen: Indem die V.K. P. D. mutig zur Verteidigung der mitteldeutschen Arbeiter auftrat, hat sie bewiesen, daß sie die Partei des revolutionären Proletariats Deutschlands ist.
Seite 13, rechte Spalte, 12. Zeile statt: als das hauptsächlichste Mittel -- als die hauptsächlichste Methode.
Seite 13, rechte Spalte, 10/11. Zeile statt: Parteitheoretikern — Parteigenossen.
Seite 13, rechte Spalte, 19. Zeile einfügen nach: als einen Schritt vorwärts. Die Märzaktion war ein heldenhafter Kampf von Hunderttausenden von Proletariern gegen die Bourgeoisie. Und indem die V. K. P. D. sich mutig an die Spitze zur Verteidigung der mitteldeutschen Arbeiter stellte, hat sie bewiesen, daß sie die Partei des revolutionären Proletariats Deutschlands ist.
Seite 13, rechte Spalte, 30. Zeile statt: Stimmen — Tatsachen und Erwägungen.
Seite 13, rechte Spalte, 40. Zeile einfügen nach: nur in Parteiorganisationen geübt...
Seite 14, linke Spalte, 19. Zeile statt: Platz machen — ablösen.
Seite 14, rechte Spalte, 6. Zeile statt: seiner — ihrer.
Seite 14, rechte Spalte, 29. Zeile statt — Organe — Organisationen.
Seite 15, linke Spalte, 4. Zeile einfügen nach: aktivsten Elemente in den Betrieben und den Gewerk..
Seite 15, linke Spalte, 18. Zeile statt: die militärischen Organe — die Kampforgane.
Seite 15, linke Spalte, 19. Zeile statt: Kräfte des Feindes, sein.: Stäbe — Kräfte der Weißgardisten, ihre Stäbe....
Seite 15, linke Spalte, 7. /c:le von unten anfügen nach: hat der Waffengebrauch und die Akte der Sabotage nur dann Zweck, wenn sie zur Verhinderung der Truppentransports gegen kämpfende Proletariermassen dienen, oder um den Gegner im direkten Kampfe wichtige Positionen zu entreißen.
Seite 15, linke Spalte, 5. Zeile von unten statt: Beweis — Symptom.
Seite 15, linke Spalte, 3. Zeile von unten statt: Gärung — Empörung.
Seite 15, rechte Spalte, 4/9. Zeile einfügen nach: Kampfbereitschaft zu erhöhen, da sie in den Massen die Illusion erwecken, die Heldentaten einzelner könnten den revolutionären Kampf des Proletariats ersetzen.
Seite 15, rechte Spalte, 2. Zeile von unten einfügen nach: Kreise der kaufmännischen, technischen Angestellten, der unteren und. mittleren Beamten....
gr Seite 16, linke Spalte, 4. Zeile statt: Industrie — der Wirtschafts- und Staatsverwaltung.
Seite 16, linke Spalte, 17. Zeile statt: Organisierung — Heranziehung.
Seite 17, rechte Spalte, 4. Zeile lautet: für die Revolution in den meisten entwickelten Nachbarländern erweitern. Die rück....
Seite 17, rechte Spalte, 2. Absatz, 28. Zeile lautet: Nicht nur in Demonstrationen.
Seite 17, linke Spalte, 8. Zeile von unten einfügen nach: anzustrengen, durch den Ausbau der Kommunistischen Balkanföderation, dem Nationalismus die Stirn bieten, nichts zu...
Vors. Gennari. Es wird abgestimmt. Wir fragen, welche Delegation gegen den einstimmigen Antrag der Kommission stimmt?
Sachs (K. A. P. D.). Genossen! Die Kommunistische Arbeiterpartei hat zu den Thesen über die Taktik folgende Erklärung zu Protokoll zu geben.
„Die dem III. Kongreß zur Abstimmung vorliegenden Thesen über die Taktik bedeuten die gradlinige konsequente Fortsetzung der vom II. Kongreß begonnenen grundsätzlichen Linie und der bisher vom E. K. geführten Politik. Sie lassen der verräterischen Intelligenz der Opportunisten und Reformisten aller Länder unbegrenzten Spielraum für ihre Auslegungskünste, insbesondere in ihrem Zusammenhang mit den Thesen über die Weltwirtschaftsfrage. Einer Vieldeutigkeit ist Raum gegeben, die dem Begriff der Revolution widerspricht. Jede klare Trennungslinie gegen die Hilferdinge ist verwischt; jeder innere Zusammenhang mit dem Wesen des modernen Klassenkampfes ist aufgegeben.
Die sogenannte Linke dieses Kongresses hat, getrieben von den hinter ihr stehenden revolutionären Arbeitern. schwache Versuche zur Korrektur der taktischen Thesen unternommen. Diese Versuche sind als inkonsequent von der Mehrheit mit Recht abgelehnt worden, auch wir haben sie durchaus nicht unterstützt: sie zeigten zwar den guten Willen zu erhöhter revolutionärer Aktivität, ließen aber jede Einsicht in die konkreten Kampfbedingungen vermissen, griffen weder die bürgerlich parlamentarische Grundlage der 21 Punkte, noch die damit übereinstimmende Gesamttendenz der Thesen an, und wären somit ein Hindernis jeder weiteren Klärung geworden.
Die Vorbereitung des Sieges der proletarischen Revolution in den kapitalistischen Ländern kann nur in den Kämpfen selbst erfolgen. Diese Kämpfe erwachsen mit Notwendigkeit aus dem ökonomischen und politischen Angriff des Kapitals. Die Kommunistische Partei kann diese Kämpfe nicht kommandieren, sie darf ihnen auch nicht ausweichen, sonst sabotiert sie die Vorbereitung des Sieges. Sie kann die Führung in diesen Kämpfen auf die Dauer nur bekommen. wenn sie allen Illusionen der Massen die volle Klarheit des Ziels und der Kampfmethoden entgegensetzt. Nur so wird sie im dialektischen Prozeß zum Kristallisationskern jener revolutionären Kämpfer, die im Laufe des Kampfes das Vertrauen der Massen erringen.
Indem wir, in Konsequenz dieser Erklärung, in aller Form der Annahme der Thesen über die Taktik widersprechen, verweisen wir auf die von uns aufgestellten Thesen über die Rolle der Partei in der proletarischen Revolution.
Die K. A. P. D.-Delegation.
Vors. Gennari. Wer hat andere Vorschläge gegenüber den von der Kommission ausgearbeiteten Thesen zu machen. Es wird zur Abstimmung geschritten und ersucht, Gegenanträge vorzubringen.
Sinowjew. Diejenigen Delegationen. (die dagegen stimmen oder sich der Stimme enthalten, mögen das erklären. Eine neue Diskussion ist unmöglich. Also keine Delegation stimmt dagegen, die Abänderungen sind einstimmig angenommen. (Lebhafter Beifall.)
Genossen, im Namen der russischen Delegation beantrage ich folgendes: Der Kongreß hat sich hier ziemlich ausführlich mit der Lage in der V. K. P. D beschäftigt. Wir schlagen jetzt folgende Resolution vor:
Es folgt die vom Kongreß angenommene „Resolution zur Märzaktion und über die Lage in der V.K.P.D.“: siehe die Seite des Kongresses.
Sinowjew. Ich möchte noch folgendes Zitat aus einem Brief eines unserer Vertreter aus Deutschland vom 30. Juni mitteilen. Den Brief habe ich gestern erhalten. Es ist Darin zu lesen: Die Rechte der Partei konzentriert sich immer mehr. Am 25. fand eine neuerliche Versammlung der Opposition statt. Es waren ca. 60 Personen mit Levi und Däumig zusammen anwesend. Es wurde beschlossen, regelmäßig wöchentliche Konferenzen abzuhalten, um die Opposition fester auszubauen und um die Möglichkeit zu haben, Stellung zum III. Kongreß zu nehmen. Däumig hielt ein ausführliches Referat, Heidelberg war nach seiner Meinung eine siegreiche Schlacht des revolutionären Marxismus gegen die anarchosyndikalistischen Tendenzen und ermöglichte den revolutionären Arbeitern in der U.S.P.D., sich mit dem Spartakusbund zu vereinigen. Nach dem Vereinigungsparteitag machte sich der K.A.P.D.-Geist in der V.K.P.D. stärker bemerkbar. Die V. K. P. D. entwickelte sich hinter Heidelberg zurück. Heute hat die V. K. P. D. nur das eine Ziel, sich organisatorisch mit der K. A. P. D. zu verbinden. Levi vervollständigte diese Ausführungen Däumigs, erzählte von den Auseinandersetzungen Rosas mit Lenin, schilderte den Stand der Russischen Partei, die angeblich in der Luft schwebe.
Ich halte es für meine Pflicht, dem Kongreß dieses mitzuteilen, damit alle Genossen darüber urteilen können, daß die Lage in der V.K. P. D. doch in mancher Beziehung ziemlich gefährlich ist. Wir haben über die Fehler unserer Freunde aus der Zentrale ganz offen gesprochen und der Kongreß hat seine Meinung gesagt. Er soll auch laut der Resolution der russischen Delegation von der Zentrale und von der Mehrheit der Partei die toleranteste Behandlung der Opposition wirklich fordern, falls diese Opposition sich den Beschlüssen des Kongresses fügt. Der Kongreß muß mit voller Schärfe betonen, daß, nachdem der Kongreß gesprochen hat, wirklich die Kommunistische Internationale keine Sonderbündeleien in der deutschen Partei dulden kann. Wenn das noch bis zu dem Kongresse möglich war, so ist es nach dem Kongreß absolut unzulässig. Wir sind fest überzeugt, und wir sagen das auf Grund unserer vielen Unterredungen mit den Genossen Zetkin, Neumann, Malzahn und anderen Genossen aus der Opposition, daß die Genossen, die hier anwesend sind, absolut loyal die Beschlüsse des Kongresses durchführen wollen und sie genug Einfluß in Deutschland haben werden, das durchzudrücken. Diejenigen Gruppen und Genossen aber, die sich den Beschlüssen des Kongresses nicht fügen wollen, mit denen, glaube ich, muß die neue Exekutive ganz ernst sprechen, muß ihnen im voraus klar machen, daß, wer sich den Beschlüssen nicht fügt, und weiter Sonderbündelei in der Deutschen Partei treibt, der Kommunistischen Internationale nicht angehören kann und wird. (Lebhafte Zustimmung.)
Vors. GENNARI Verlangt jemand das Wort zu der Resolution der russischen Delegation?
Malzahn. Genossen und Genossinnen, wir haben selbstverständlich das größte Interesse daran, daß die Konflikte, die auf Grund der Märzaktion in Deutschland vorhanden waren, voll und ganz geklärt werden sollten. Auf diesen Kongreß und durch die Thesen über die Taktik, in denen die Märzaktion behandelt wird, ist das in vollem Umfange erfolgt und wir haben alles Interesse daran, daß eine Verständigung zwischen der deutschen Delegation und uns stattfindet; denn die Verhältnisse in Deutschland, — daß gerade nach der Märzaktion die menschewistischen Parteien, die S. P. D. und die U. S. P. D., einen Ansturm gegen die V. K. P. D. unternehmen, ferner, daß wir in Deutschland die scharfen wirtschaftlichen Konflikte haben und daß auch die politischen Konflikte sich immer mehr und mehr zuspitzen —, sind so, daß wir ein Interesse daran haben, daß die Partei mit voller Klarheit nach Deutschland zurückkehrt, um die Krise der Partei auf dem schnellsten Wege zu klären und um jede innere Streitigkeit zu vermeiden, um die volle Stoßkraft der Partei nach außen hin zur Revolutionierung der Arbeiterschaft zu erhalten. Aber ich muß schon erklären, daß die Fassung, die von der russischen Sektion vorgeschlagen ist, nicht dazu beiträgt, Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen. (Zuruf: Sehr richtig!), sondern daß mindestens diese Resolution die Linie, die durch den Kongreß gegeben ist, nicht klarer zieht, sondern daß durch die ganze geschickte Fassung der Eindruck erweckt werden soll, als ob die Opposition hier auf dem Kongreß ins Unrecht gesetzt worden ist. Wir sagten schon, daß nach jeder Richtung hin für uns die Beschlüsse dieses Kongresses maßgebend sind, daß wir, auch wenn wir die proletarischen Vertreter der Opposition sind, unsere ganze Kraft in Deutschland dafür einsetzen würden, auch die Opposition im Interesse der Partei zum Schweigen zu bringen. Aber andererseits soll man auch Einsicht haben, daß man durch diese Resolution nicht wieder neuen Anstoß erwecken darf; darum haben wir eine Fassung geschaffen, die viel klarer, viel präziser zum Ausdruck bringt, was für beide streitende Teile zutreffen kann; und welche zweifellos dazu beitragen wird, daß die inneren Streitigkeiten aufhören, und eine gemeinsame Arbeit in Deutschland möglich ist. Darum schlagen wir folgende Fassung vor:
„Der III. Weltkongreß stellt mit Befriedigung fest, daß die Resolutionen zur Frage der Taktik und, insbesondere der Teil, der die heißumstrittene Märzaktion behandelt, einstimmig angenommen worden ist.
Der Kongreß erklärt es als selbstverständliche Verpflichtung, daß alle Anhänger der miteinander um Geltung ringenden Meinungen mit ganzer Energie für die Durchführung des Kongreßbeschlusses eintreten, jeden Versuch zu Fraktionsbildungen und Sonderbestrebungen abweisen und einheitlich, geschlossen auf dem Boden der grundsätzlichen und taktischen Auffassungen der K. I. und mit Einhaltung der Parteidisziplin zusammen arbeiten und zusammen kämpfen. Die wirtschaftliche und politische Lage in Deutschland, die Verschärfung des Kampfes auf der ganzen Linie, das Anrennen der S. P.D. und der U. S. P. D. gegen die Kommunistische Partei fordern von dieser die höchste Aktivität auf allen Gebieten, das stete Gerüstet- und Bereitsein für entscheidende Kämpfe, immer engere Verbindung mit den proletarischen Massen, steigenden politischen und moralischen Einfluß auf sie. Eine unerläßliche Voraussetzung dafür ist die feste Geschlossenheit der Partei und die Geltung der Parteidisziplin für alle Genossen ohne Unterschied, für alle Parteiorgane und Parteikörperschaften, entsprechend den 21 Bedingungen des Zweiten Weltkongresses der K. I.
Der Kongreß beauftragt die Exekutive, die weitere Entwicklung der Bewegung in Deutschland sorgfältig zu verfolgen und alle Maßregeln zu ergreifen. die zur Durchführung der einschlägigen Beschlüsse nötig werden.
Paul Franken. H.Malzahn. P.Neumann. Clara Zetkin.
Hier in dieser Entschließung ist allgemein von dem Verhalten der gesamten Parteimitglieder in der V. K. P. D. gesprochen, in der russischen Entschließung ist die ganze Tendenz und Fassung darauf eingestellt, einseitig den Eindruck gegen die Opposition zu erwecken. Wollen Sie als Kongreß, daß wir in Deutschland schnell die Krise überwinden und schnell im Interesse der Revolution zu einer einheitlichen Arbeit kommen, dann fordern wir und bitten wir Sie, daß Sie die Entschließung, die wir eingebracht haben, annehmen.
Thalheimer. Genossen, ich habe im Namen der deutschen Delegation zu erklären, daß die deutsche Delegation sich auf den Boden des Antrags der russischen Delegation stellen wird. Wir bitten Sie, diesen Antrag möglichst einstimmig anzunehmen, dagegen den Antrag, der von der Opposition ausgeht, abzulehnen, weil er sich sehr in Allgemeinheiten bewegt. Der Antrag der russischen Delegation entspricht in seiner Bestimmtheit und Präzision durchaus der Lage, die in Deutschland vorhanden ist, während die andere Resolution sehr vage und unbestimmt gehalten ist. Aus diesem Grunde bitten wir, die präzisere und klarere Resolution der russischen Delegation anzunehmen.
Sinowjew. Die Genossen aus der Oppositionsgruppe bitten, zu erklären, daß sie nicht darauf bestehen, den Text, den Malzahn vorgelesen hat, zur Abstimmung zu bringen, sondern sie möchten das nur als Erklärung zu Protokoll bringen mit den Unterschriften Malzahn, Neumann, Franken und Zetkin. Also wir brauchen nicht mehr darüber zu sprechen, und es ist klar, daß nur eine Abstimmung vorzunehmen ist, nämlich über die Resolution der russischen Delegation.
Ich möchte noch zwei Worte der Erwiderung zu den Ausführungen des Genossen Malzahn sagen. Er sagt, die Resolution sei künstlich zugespitzt. Sie ist bestimmt und klar, aber nichts anderes. Und ich meine, daß vielleicht Neumann und Malzahn an der Resolution selbst noch Freude haben werden, wenn sie nach einigen Wochen in Deutschland einen Widerstand seitens der Genossen finden werden, die gegenüber den Beschlüssen des Kongresses nicht so gesinnt sind wie Neumann, Malzahn und die anderen Genossen. Ich habe ja vorhin aus dem Brief aus Deutschland einige diesbezügliche Tatsachen mitgeteilt. Wir haben keinen Anlaß, daran zu zweifeln. Sollte sich herausstellen, daß in Deutschland alle so gesinnt sind:’jetzt Schluß mit dem alten Streit, desto besser. Unsere Resolution erschwert die Lage nicht. Aber die Genossen in Deutschland, die Sonderbündelei wollen, die das alte fortsetzen wollen, gegenüber diesen wird die Resolution in den Händen der Genossen Neumann und Malzahn eine ganz gute Waffe sein. Darum bitte ich Sie, unsere Resolution einstimmig anzunehmen, damit wir im Namen des Kongresses, der höchsten Instanz der Kommunistischen Internationale, alles Mögliche zu tun, um eine wirkliche Einheit in der V.K.P.D. zu schaffen. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Gennari. Es sind noch zwei Diskussionsredner eingetragen, die Gen. Neumann und Radek. Das Präsidium schlägt Ihnen Schluss der Debatte vor. Erhebt sich dagegen Widerspruch? Das ist nicht der Fall.
Wir kommen jetzt zur Abstimmung über die von der russischen Delegation vorgeschlagene Resolution. Ist jemand gegen die Resolution? Enthält sich jemand der Abstimmung? Das ist nicht der Fall. Die Resolution ist einstimmig angenommen.
Als nächster Punkt kommt zur Beratung die Frage der Genossenschaftsbewegung. Referent ist der Genosse Meschtscherjakow.
Meschtscherjakow. Ich bitte die französischen Genossen mein schlechtes Französisch zu entschuldigen, da ich während 14 Jahre keine Gelegenheit gehabt hatte, französisch zu sprechen.
Genossen, vor der Revolution bestand die Arbeiterbewegung aus 3 Teilen: Erstens, die politische Arbeit in der politischen Partei, zweitens, die Gewerkschaftsvereine und drittens, die kooperative Bewegung. Und diese drei Bewegungen verliefen ganz getrennt voneinander. Vor der Revolution nahmen die Kommunisten und die Sozialrevolutionäre an den Arbeiten in den Kooperativen, die ihnen zu fade schienen, keinen großen Anteil; daher wurde die Arbeit in den Kooperativen den Reformisten überlassen, was der Grund ist, warum die Arbeit in den Kooperativen bis jetzt noch nicht von revolutionären und kommunistischen Ideen durchdrungen ist.
Aber die Kommunistischen Parteien dürfen die Dinge nicht weiter in dieser Lage lassen. Die Kommunistischen Parteien müssen sich selbst, das Proletariat und die Kooperative zu der großen Rolle, die diese Organisationen während der Revolution spielen sollen, vorbereiten. Daher hat der Internationale Kongreß die Frage der Kooperative der Tagesordnung eingefügt. Ich kann und will keine große Rede über diese Frage halten. Ich will Euch nur einige wesentliche Punkte andeuten. Die Revolution, die schon stattgefunden hat, ändert das Wesen der Arbeit der Kooperative vollständig. Bis jetzt hatte die kooperative Bewegung nicht den Zweck, den Kapitalismus zu bekämpfen, sondern suchte nur, die vom Kapitalismus verursachten Leiden zu erleichtern. Die kooperative Bewegung hatte den Zweck, ihre Organisationen dem kapitalistischen Milieu anzupassen, während die heutigen Kooperative den Kapitalismus bekämpfen müssen.
Bis jetzt nahm nur ein Teil der Bevölkerung an den Kooperativen teil. Jetzt sind ohne Ausnahme alle russischen Untertanen Mitglieder von Kooperativen. Die Revolution hat sie dazu gezwungen. Ich will Euch keinen großen Vortrag über die Lage der genossenschaftlichen Bewegung Rußlands halten. Wir werden das später in den Aufsätzen, die nach der Eröffnung der kooperativen Sektion der Internationale veröffentlicht werden sollen, tun. Jetzt will ich Euch nur die Thesen, die von einer kleinen, aus verschiedenen Mitgliedern des Kongresses gebildeten Kommission ausgearbeitet worden sind, und die dem Kongreß zur Abstimmung vorgeschlagen worden sind, vorlesen:
Es folgen die vom Kongreß angenommenen „Thesen über die Arbeit der Kommunisten in den Kooperativen“: siehe die Seite des Kongresses.
Vors. Gennari. Es finden soeben wichtige Ausschußberatungen statt, es ist daher unmöglich, die Sitzung fortzusetzen. Infolgedessen macht Ihnen das Präsidium den Vorschlag, die Sitzung heute zu schließen. Erhebt sich dagegen Widerspruch? Das ist nicht der Fall. Die nächste Sitzung findet morgen abend 6 Uhr statt. Tagesordnung: Organisationsbericht, Bericht über den Orient.
Schluß der Sitzung 10½ Uhr abends.
Die zweiundzwanzigste Sitzung (10. Juli 1921, 7 Uhr abends)
(Abstimmung über die Thesen über die Arbeit der Kommunisten in den Kooperativen. — Koenen: Referat über den organisatorischen Aufbau der Kommunistischen Parteien, über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit. Der organisatorische Aufbau der Kommunistischen Internationale. — Diskussion. Redner: Schaffner Sinowjew.)
Vors. Kolarow. Die Sitzung ist eröffnet. Auf der Tagesordnung steht die Frage der Organisation der Kommunistischen Partei und der Organisation der Kommunistischen Internationale Bevor wir aber zur Tagesordnung schreiten, müssen wir die Übersetzung des Berichtes über die Frage der Genossenschaften, die gestern begonnen wurde, beenden. Ich ersuche die Übersetzer, dies jetzt vorzunehmen. (Erfolgt.) Damit ist diese Frage erledigt. Wünscht jemand das Wort zu diesem Bericht? Niemand. Dann schreiten wir an die Abstimmung. Diejenigen, die die Thesen über die Genossenschaften annehmen, mögen die Hand erheben. (Erfolgt.) Ist jemand gegen die Thesen? Niemand. Enthält sich jemand der Abstimmung? (Rufe: Ja.) Ich erkläre demnach, daß diese Thesen mit allen gegen eine Stimme angenommen sind.
Es folgt nun die Verhandlung der
Organisationsfragen.
Das Wort hat Berichterstatter Gen. Koenen.
Koenen. Genossinnen und Genossen, vorerst eine kleine Entschuldigung. Das Referat über die Organisation der Parteien, die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit ist mir erst im Laufe der letzten Woche übertragen worden, sodaß dadurch eine gewisse Verzögerung der Behandlung eintrat, und auch in der Bearbeitung der Thesen eine nicht ganz geregelte Erledigung stattfinden konnte. Sie müssen auch entschuldigen, wenn infolge dieser erst in der letzten Woche übertragenen Aufgabe die Erledigung dieser Aufgabe keine umfassende und gründliche sein konnte. Das Referat. das ich zu halten habe, ist dem Thema nach sehr umfangreich. Nicht nur die organisatorischen Aufgaben, sondern auch die Methoden und der Inhalt ihrer Arbeit und ebenso der organisatorische Aufbau der Kommunistischen Internationale und ihr Verhältnis zu den verschiedenen Parteien soll behandelt werden, ein Fragenkomplex, der eine sehr umfassende Darstellung erfordern würde. Ich will im voraus sagen, daß ich wegen der Breite des Themas ganz darauf verzichten muß, irgendwelche historische Einleitungen über die Entwicklung der verschiedenen Parteien oder der Idee der Kommunistischen Partei zu geben. Soweit es notwendig ist, auf die ökonomischen Voraussetzungen der Parteien, auf die Methoden der Arbeit der Parteien einzugehen, wird das im Laufe des Referats an einzelnen Stellen geschehen müssen.
Es ist wohl in allen Parteien bereits Gemeineigentum, daß die Organisation für eine Kommunistische Partei nicht Selbstzweck ist, sondern daß die Organisation, insbesondere der Organisationsapparat nur ein Mittel zu dem höheren Zweck ist, die revolutionäre Sache zu fördern, die Revolution voranzutreiben, unser Ziel, die kommunistische Gesellschaft aufzurichten. Schon in den ersten Generalstatuten der I. Internationalen Arbeiterassoziation prägte Karl Marx den Satz, daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse das große Ziel ist, dem jede Bewegung als Mittel untergeordnet sein muß. Und im Sinne dieser Statuten wird eine Organisation dann am wirksamsten für die Lösung des sozialen Problems wirken. wenn sie das theoretische und praktische Zusammenwirken der fortgeschrittensten Gruppen verwirklicht. Der Organisationsapparat muß in der modernen Arbeiterbewegung so gestaltet sein, daß er den Proletariern in ihren Kämpfen die Gewähr bietet, in jedem gegebenen Moment die größtmögliche Hilfe der gleich ihnen organisierten Proletariergruppen zu erhalten. In den jetzigen bewegten Zeiten des latenten Bürgerkrieges ist es selbstverständlich, daß die Kommunistische Internationale die gegenseitige Stärkung der organisatorischen und aktiven Kräfte durch eine straffe Zentralisation herbeizuführen versucht. Das Ziel der Organisation ist klar. Die Organisation hat als nächstes Ziel, die Eroberung der politischen Macht für das Proletariat herbeizuführen. Die darauf gerichtete Kampfführung muß innerhalb der kommunistischen Organisationen nach einem festen Plan mit gesicherten Kräften auftreten können. Der Kampf erfordert konzentrierte Vorbereitung durch Aufklärung und werbende Agitation, durch die die ganze Aufmerksamkeit des kämpfenden Proletariats in jedem Augenblick auf das große, der ganzen Klasse gemeinsame Ziel gerichtet wird. welches alle Kräfte, die sich überhaupt für den Kampf einsetzen wollen, wirklich vereinigt. Die Organisation muß deswegen als eine Kräftevereinigung zentral zusammengefaßt werden, sie muß als Vereinigung der revolutionär nicht nur bewußten, sondern auch wirklich revolutionär empfindenden Arbeiter zusammengehalten werden
Es war sehr richtig, wenn der Genosse Bela Kun, der zunächst das Referat halten sollte, in seinen Ausführungen über die organisatorischen Lehren der Märzaktion den Satz prägte, die Frage der Revolution ist nicht in letzter Hinsicht eine organisatorische Frage. Wir müssen eingedenk sein, daß wir bei der Erledigung dieser Frage, bei der Lösung dieses Problems eine wichtige revolutionäre Arbeit leisten müssen.
Wenn wir einen Blick über die Organisationsformen in den verschiedenen Staaten werfen, so müssen wir zugeben, daß die Internationale noch ein sehr buntes Gemisch verschiedenster Organisationsformen darstellt. Und wir dürfen nicht glauben, daß der Zweite Kongreß in der Hinsicht schon entscheidenden Wandel geschaffen hat, wir dürfen sogar nicht hoffen, daß der III. Kongreß schon den Wandel bringen kann und wird. Aber trotzdem wir diese Mannigfaltigkeit der Organisationsformen kennen, müssen wir mit allem Nachdruck, auf eine Vereinheitlichung der Organisationsformen hinwirken, weil wir genau wissen, daß trotz der verschiedenen Bedingungen der verschiedenen Länder, trotz der Bedingtheit der verschiedenen Formen der Organisationen in verschiedenen Ländern doch eine gewisse Gleichheit der Methoden, des Inhalts erreicht werden muß, weil das Ziel — die Eroberung der Macht — das gleiche ist, und auch der Gegner, nämlich die Bourgeoisie, durchweg überall der gleiche ist, der auch die gleichen Kampfformen gegen uns anwendet. Das zwingt uns, zu einer gewissen Gleichartigkeit der Kampfmethoden und des Inhalts der Arbeit der Kommunistischen Parteien hinzudrängen. Manche Parteien haben noch alle Schwächen der alten bürokratischen Zentralisation, der alten sozialdemokratischen Parteien in sich. Sie schleppen diese alte Tradition noch mit sich herum, weil sie eine ganz kurze kommunistische Vergangenheit haben. Man darf wohl sagen, daß die großen Massenparteien Reste dieser alten sozialdemokratischen Bürokratie mit sich schleppen. Andere Parteien sind so zustandegekommen, daß gegen diesen bürokratischen Zentralismus, gegen diese bürokratische Art des Parteiaufbaues eine Rebellion einsetzte. Das war, z. B., auch bei dem einen Flügel der Fall, aus dem die Deutsche Partei mit hervorgegangen ist. Die U. S. P. D. war typisch eine Partei, die aus der Rebellion der aktiven Elemente gegen das passive Zentrum entstand. Dieses passive Zentrum mußte in der alten Sozialdemokratie während des Krieges ganz von selbst die Rebellion der aktiven Elemente hervorrufen, und so kam es dazu, daß sich nunmehr die rebellierenden einzelnen Bezirke zusammenschlossen und eine gewisse föderalistische Grundlage der Partei zustande kam. Diese Elemente schleppten die Reste des Föderalismus mit sich herum, sie mußten die Selbständigkeit der einzelnen Bezirke brechen und betonen, daß nur dieser Föderalismus ein Recht auf Selbständigkeit und das passive Zentrum nichts mehr zu gelten hat.
Man muß sich gegenüber diesen föderalistischen Erscheinungen ebenso energisch wehren, wie gegen die zentralistische Überlieferung der alten sozialdemokratischen Partei.
Die Parteien müssen immer mehr das Zentrum der Aktion, der Aktivisierung werden. Es steht die Aufgabe vor uns: wie gestalten wir die Organe der Partei, den Zielen gemäß, die uns in dem Kommunistischen Manifest gestellt sind. Da ist zunächst als erste Aufgabe die Sicherung einer festen Führung an der Spitze einer zentralistischen Organisation. Man muß diese feste Führung, überhaupt eine Führung, die eine hervorragende Stelle einnimmt, leider noch betonen, weil sich in der K. A. P. selbst dagegen noch gewisse Tendenzen bemerkbar machen. Gegenüber diesen Tendenzen muß die einheitliche straffe Führung ausdrücklich betont werden. Einer breiteren Begründung bedarf es wohl auf diesem Kongreß nicht. Ich brauche nur zu erklären, daß wir diese zentralistische klare Führung für notwendig halten. Aber eine ebenso dringende Notwendigkeit für die Erledigung der Aufgaben, die die Organe der Partei haben, ist die gute Verbindung, die diese Führung mit den Massen haben muß. So konkretisiert sich also die Aufgabe, daß wir neben der zentralistischen, straffen, einheitlichen, klaren, festen Führung eine gute, ausgebildete und bis in die Einzelheiten ausgiebige Verbindung mit den Massen herstellen müssen.
Die Verbindung zwischen der Führung und den Massen soll geschaffen werden, indem nach den Beschlüssen des II. Kongresses die Partei auf dem Boden des demokratischen Zentralismus aufgebaut wird. Diese demokratische Zentralismus ist kein bureaukratischer Formelkram, sondern heißt in einem anderen Ausdruck: die Zentralisation der Tätigkeit, die Konzentration der Arbeitsleistungen und der Kampfleistungen für die Partei. Nur so kann die Zentralisation aufgefaßt werden. Wir haben es in unseren Thesen bei der letzten Ausarbeitung für notwendig gehalten, diesen Gedanken noch deutlicher auszudrücken. Der Absatz 2 und 6 bringt einen mißverständlichen Satz, den wir gestrichen haben und der ersetzt worden ist durch eine neue Formel, die den Gedanken des demokratischen Zentralismus noch deutlicher, klarer ausdrücken soll. Es heißt in unserem neuen Vorschlag:
„Der demokratische Zentralismus in der kommunistischen Parteiorganisation soll eine wirkliche Synthese, Verschmelzung des Zentralismus und der proletarischen Demokratie sein. Diese Verschmelzung ist nur auf der Grundlage der ständigen gemeinschaftlichen Tätigkeit, des ständigen gemeinschaftlichen Kampfes der gesamten Parteiorganisation erreichbar.
Die Zentralisation in der kommunistischen Parteiorganisation bedeutet keine formale und mechanische Zentralisation, sondern eine Zentralisation der kommunistischen Tätigkeit, d. h., die Bildung einer starken, schlagfertigen und zugleich auch anpassungsfähigen Führung.
Eine formale oder mechanische Zentralisation wäre die Zentralisation zur Beherrschung der übrigen Mitglieder oder der außenstehenden Massen des revolutionären Proletariats. Aber nur die Feinde des Kommunismus können behaupten, daß die Kommunistische Partei durch die Funktion der Führung der proletarischen Klassenkämpfe und durch die Zentralisation dieser kommunistischen Führung des revolutionären Proletariats herrschen will. Das ist eine Lüge, und ebensowenig ist innerhalb der Partei ein Machtgegensatz oder ein Kampf um die Herrschaft mit den von der Kommunistischen Internationale angenommenen (Grundsätzen des demokratischen Zentralismus vereinbar‘.
Es soll damit ausgedrückt werden, um es noch einmal kurz zu unterstreichen, daß sich in der Partei keine Führerclique bilden soll, die etwa glaubt, daß, weil man ihr die Führung eines zentralen Apparates in die Hände gegeben hat, sie nunmehr berechtigt sei, mit diesem zentralen Apparat gegen den ausgeprägten Willen der Mehrheit der Partei zu arbeiten, daß sie, als engere Führerclique aus diesem Apparat einen Herrschaftsapparat für sich macht. Auf Gefahren dieser Art ist oft aufmerksam gemacht worden. Es muß an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht werden, daß es nicht dem Willen der Internationale entspricht, solche Führerherrschaft erwachsen zu lassen. Nur die Tätigkeit und die Leitung der Tätigkeit soll eine zentralistische sein. So werden wir unsere Arbeit, unsere Kämpfe beginnen und wirklich zentralistisch führen können. Der Weg zu der wirklichen Herausbildung dieser demokratischen Zentralisation ist weit. Schon auf dem 2. Kongreß wurde in den Leitsätzen ausgesprochen, daß die Herbeiführung einer solchen demokratischen Zentralisation nicht die Sache einer kurzen Frist oder nur eines Jahres sein sollte.
Es wurde betont, daß es ein langwieriger und schwieriger Prozeß ist, die Konzentration und Zentralisation der wirklichen Leitung der Partei herauszukristallisieren, und wir betonen in den Leitsätzen, daß die Parteien durch Verbesserungen und fleißige Prüfung ihres Apparates darauf Acht geben sollen, ob sie wirklich eine Zentralisation der Tätigkeit und keinen bürokratischen Zentralismus haben, damit sie zur wirklichen Konzentration der Führung der Arbeit kommen. Die lebendigste Verbindung zwischen der Parteileitung und allen Parteiorganen ist das sicherste Mittel gegen die Bürokratisierung des Apparats. Diese lebendige Verbindung muß dazu führen, daß auch die Mitgliedermassen durch ständige Fühlung mit der Zentrale einsehen und begreifen, daß die Zentralisation eine sachlich begründete Verstärkung und Entfaltung der gemeinsamen Tätigkeit und Kämpfe ist. Die Mitglieder müssen selber fühlen und erleben, daß dies wirklich keine fremde Führung, sondern eine Stärkung ihrer eigenen Kampfkraft bedeutet. Wenn so der Zentralismus Leben bekommt, wenn er nicht Form bleibt, sondern lebendig pulsiert, dann werden wir vor der Gefahr des Bürokratismus und der Verkalkung des Apparats am besten gesichert sein. Es muß zugegeben werden, was Genosse Bela Kun in seinem Aufsatz erklärt, daß wir außer der russischen und dieser oder jener kleinen Partei kaum eine Partei haben, die bereits den notwendigen lebendigen Zentralismus erreicht hat, daß der Zentralismus vielmehr noch zu sehr in rein mechanisch-im Sinne angewendet wird, daß von seiner politischen Anwendung noch keine Rede ist.
Wie kommen wir zur wirklich politischen Anwendung dieses Begriffes. Um das zu erreichen, haben wir einen Absatz über die Arbeitspflicht gleich hinter dem über demokratischen Zentralismus eingefügt. Dadurch, daß alle Mitglieder zur Arbeit herangezogen werden, werden sie selber in die intensivste Verbindung mit der Leitung gebracht und wenn die Arbeitspflicht, ergänzt durch die Kampfpflicht der Kommunisten, durchgeführt ist, haben wir die Sicherheit, daß kein Bürokratismus walten kann. Wollen wir zu einem lebendigen Zentralismus kommen, wollen wir eine pulsierende Konzentration der Kräfte haben, so müssen wir die Arbeitspflicht energisch betonen. Bis jetzt war es den allermeisten Parteien noch nicht möglich, die gesamten Kräfte der Partei für ein Ziel, eine Bewegung, einen Kampf in Tätigkeit zu bringen. Das muß das Ziel der Leitungen in den Kommunistischen Parteien sein. Sie müssen eifrig anstreben, die gesamte Mitgliederschaft der Partei nicht nur in die Arbeit, sondern auch in die Bewegungen der Partei einzuführen. Wir haben dafür in den Leitsätzen eine Reihe von Anweisungen gegeben. Der Absatz ist so lang gehalten, um das im einzelnen klar zu machen. Es würde nicht genügen, wenn der Kongreß die Arbeitspflicht beschließen würde, dann würde sich noch nichts ändern. Es kommt darauf an, mit konkreten Ratschlägen zu sagen, wie sie durchgeführt werden soll. Wir haben organisatorische Anleitungen für die Parteileitungen für nötig gehalten: wie die Heranziehung, die Organisierung, die Arbeitsteilung geschehen soll, wie die Gruppen und Zellen wirken sollen. Und haben gesagt, daß die Parteileitungen selber herangehen sollen, solche Arbeitsgruppen selber zu organisieren und in Arbeit zu setzen. Das ist absolut notwendig, denn wir wissen, daß sie in der Internationale noch kaum) Fuß gefaßt haben.
Es gibt wohl auf dem Papier, in einer Reihe von Parteien solche angeblichen Zellen in den Betrieben und Gewerkschaften und solche Kommissionen und Ausschüsse oder Komitees, die angeblich besondere Arbeitsaufträge haben. Aber ich behaupte, daß sie eben nur auf dem Papier stehen. Damit ist aber der kommunistischen Bewegung nicht gedient, sondern es kommt darauf an, die papierenen Dinge auch in die nüchterne Wirklichkeit umzusetzen und die ganze Partei zu einem Arbeitskörper zu machen. Dieser Hinweis gilt insbesondere für legale Parteien. Man kann zwar legale und illegale Parteien im Grunde nicht trennen, aber in der Tat sind sie noch sehr verschieden. In der illegalen Partei ist es so, daß der Partei nur solche Mitglieder angehören, die wirklich arbeiten; denn wer nicht arbeitet, würde auffallen, würde sich verdächtig machen. Man kann in einer illegalen Partei Kräfte, die schmarotzen, nicht dulden. Insofern besteht ein Unterschied zwischen illegalen und legalen Parteien, den man aber überwinden muß dadurch, daß man in der legalen Partei jedes einzelne Mitglied mit einem Auftrage bedenkt. Erst dann werden wir den Unterschied zwischen diesen Parteien überwinden und werden wirklich eine genaue Art der Parteiorganisation schaffen. Wir hielten es für notwendig, diese Anweisung zu geben. Aber es besteht noch eine gewisse Differenz, die, glaube ich, auf diesem Kongreß auch noch nicht endgültig erledigt werden kann, und zwar darüber, ob die Organisationen jetzt schon endgültig auf die Zellen in den Betrieben, als Grundlage der Organisationen aufgebaut werden können. Die Tendenz ist auf dem II. Kongreß festgelegt worden, daß die Zellen in den Betrieben die Grundlage der Organisationen sein sollen. Es ist auch bekannt aus Berichten, die uns zugegangen sind, da eine Reihe von Organisationen, eine Reihe illegaler Organisationen, diese Zellen wirklich als Grundlage ihrer Organisationen betrachten. Für die breiten Massenparteien ist es aber durchaus nicht der Fall. Bei dem Kapitel Parteiorganismus werde ich noch darauf zu sprechen kommen.
Wir haben, weil in der Allgemeinheit der Partei dieser Begriff Zelle in den Betrieben noch nicht die Grundlage bildet, noch von den Arbeitsgruppen nicht gesprochen. Die Arbeitsgruppen sind die Einrichtungen der Parteien, die sich noch auf Wohnbezirke aufbauen, die aber doch verpflichtet sein müssen, in ihren Wohnbezirken, wenn sie schon eine solche Bezirksorganisation haben, nunmehr eine Mobilisation der Parteikräfte herbeizuführen. Sie sollen ihre Gruppen einteilen, damit jede Gruppe ihre Arbeit hat. Es gibt da ein Zehnersystem, wo jede 10—20 Genossen zusammengefaßt werden, um sie nunmehr mit besonderen Aufträgen auszustatten. Es ist absolut nicht notwendig, die Sache so mechanisch zu machen, sondern es kommt darauf an, daß diese Aufträge sachlich gegeben werden, daß tatsächlich alle Mitglieder in die Arbeit eingeführt werden. Solche Arbeitsmöglichkeiten' gibt es mannigfaltig. Es ist eine Reihe solcher Arbeiten angeführt, Zeitungsagitationen, Hausagitationen, Gewerkschaftsarbeit, Frauenarbeit, Jugendagitation und vieles andere mehr. Für alle diese verschiedenen Arbeiten sollen eben in der Organisation solche Arbeitsgruppen gebildet werden, die durch die Leitung der Partei auf die Beine gestellt werden müssen, wenn sie überhaupt funktionieren sollen. Es wäre falsch, wenn eine Partei herkommen würde, wir teilen alles auf dem Papier ein und schicken nun dieses Schema in die Welt und wenn sie nun von den einzelnen Bezirken erwarten würde, daß sie ebenso schematisch ihre Mitglieder einteilen und dann alles gut sein lassen soll. Eine solche schematische Einteilung wäre ein bürokratischer Zentralismus. Umgekehrt müssen zunächst nur wenige Gruppen und Zellen angepaßt werden. diese Zellen muß man aber wirklich zur Arbeit bringen, um dann weitere Arbeitsgruppen in Bewegung zu setzen. Zu dieser Mobilisierung der Arbeitsgruppen gehört sehr viel Ausdauer, sehr viel Energie, sehr viel Tatkraft, sehr viel Zeit, und die Parteien werden im Laufe des Jahres zu beweisen haben, ob sie das Wesen des Zentralismus begriffen haben, indem sie wirklich an die Organisierung der Arbeitsgruppen herangehen. Nur dadurch werden wir zu leistungsfähigen Parteien kommen. Daneben ist es notwendig, diesen Arbeitsgruppen in der Art ihrer Arbeit zu Hilfe zu kommen, ihnen eine ganze Reihe spezieller Anweisungen zu geben, damit sie aus ihrer Arbeit auch die notwendigen Folgerungen ziehen. Die Lehren und Folgerungen, die sich aus dieser praktischen Arbeit ergeben werden, ist die Lehre der Spezialisierung. Wir werden eine Reihe von Spezialisten aus den Arbeitsgruppen herauswachsen sehen. Diese Spezialisierung ist eine absolute Notwendigkeit. Wir müssen verschieden ausgebildete Kräfte auf den verschiedenen Kampfgebieten haben. Ohne diese Spezialisierung werden die zukünftigen Kämpfe nicht bestehen können; wir werden das Proletariat nicht erfassen können, wenn wir nicht die Ausbildung der Spezialisten vornehmen. Diese Spezialisierung muß kultiviert werden, aber man muß, wenn man von Spezialisierung spricht, warnen vor ihrer Übertreibung. Wenn der Partei das pulsierende Leben entzogen wird, so werden wir nur eine aus Spezialisten bestehende Partei, in der einer vom anderen nichts weiß, haben. Und das wird keinen Sinn haben. Es wird also notwendig sein, gerade denjenigen Genossen, der sich in einer Gruppe zum Spezialisten entwickelt, in eine andere Gruppe zu versetzen, damit er auch das Leben und Bestreben anderer Gruppen kennen lernt. Keineswegs soll damit ein fortwährender Wechsel und ein Durcheinander der Aufträge verbunden sein. Die Ausbildung gewisser Spezialisten ist notwendig, doch ist auch ein Wechsel der Funktionen zweckmäßig, um einen inneren Ausgleich der Kräfte herzustellen und auf diese Weise das wirkliche Arbeitsleben der Partei zu verkörpern.
Bei der Betonung dessen, daß man die Spezialisierung nicht übertreiben soll, halte ich es für notwendig, auch auf die Einrichtung einer regelmäßigen Berichterstattung für diese Arbeits- und Kampforganisation nachdrücklich hinzuweisen. Die Berichterstattung ergibt sich ganz von selbst bei einer Reihe von Organisationen, die auf die zukünftigen Kämpfe eingestellt sind, für den Kurierdienst, Nachrichtendienst, Besorgung illegaler Wohnungen, illegaler Druckereien usw. Bei dieser Arbeit ist die Berichterstattung ziemlich selbstverständlich, leider ist sie nicht selbstverständlich bei einer Reihe anderer Tätigkeitsarten. Es kann z. B. vorkommen, daß Gruppen, die die Versammlungslokale zu besorgen und die Vorbereitungen für die Versammlungen zu treffen haben, in sich verkapselt werden, so daß nur diese Gruppe allein über diese Lokale Bescheid weiß. Das ist ein großer Fehler, und es besteht die Gefahr, daß, wenn solche Kolonnen in Brüche gehen, der ganze Apparat lahmgelegt wird. Die Berichterstattung dieser Gruppen ist daher absolut notwendig. Diese Berichterstattung wird in den Thesen nachdrücklich betont, und wir glauben, daß sie zur ständigen Einrichtung in allen Gruppen wird, damit auf diese Weise die Partei über alles orientiert werde, und sie die Erfahrungen dieser oder jener Gruppe wirklich verwerten kann. Diese Berichterstattung wird auch zur Belehrung neuer Gruppen. in anderen Städten sehr erfolgreich sein. Durch eine solche Berichterstattung wird auch die Aktivierung der Partei ganz außerordentlich gesteigert. Denn, wenn der Zentrale aus den verschiedensten Arbeitsgruppen Berichte über ihre Tätigkeit zufließen, so wird die Parteileitung daraus erst die wirklichen Schlüsse ziehen, wie weit die Aktivität der Partei gesteigert werden kann. Dort, wo keine Berichte eingehen, müssen Änderungen herbeigeführt werden. Durch diese Wechselwirkung wird die wirkliche Aktisierung der Partei vor sich gehen können.
Ich gehe nun zu dem Kapitel „Propaganda und Aktion‘ über. Da muß ich Ihnen gleich die einleitende Mitteilung machen, daß infolge einer falschen Auslegung, die der erste Satz erfahren hat, wir zu einer Korrektur dieses Textes gekommen sind. Es heißt nun dieser Satz: unsere allgemeinste Aufgabe vor der offenen revolutionären Erhebung ist die revolutionäre Propaganda und Agitation. Als allgemeine Aufgabe der Vorbereitung wird die revolutionäre Propaganda und Agitation bezeichnet. In dem Bericht ist der Abschnitt, der vom Kampfe handelt, zu kurz weggekommen. Diesem Abschnitt über Organisation und Propaganda ist noch ein Abschnitt über die Organisation des politischen Kampfes anzufügen, über den ich nachher zu berichten haben werde. Der Abschnitt über Agitation und Propaganda ist deshalb so ausführlich gehalten, weil es eine Reihe kleinerer Parteien gibt, wie die englische und amerikanische, die hier noch besondere Prinzipien anwenden zu müssen glauben, weil es noch in unserer Partei gewisse syndikalistische Überreste gibt, die immer noch nur an kämpfende Vortruppen denken, und die nicht glauben, daß es notwendig ist, parallel laufend neben den sonstigen Kämpfen auch die Propaganda einhergehen zu lassen. Es muß gesagt werden, daß sogar nach der Revolution die Agitation und Propaganda nicht aufhören dürfen. Die Revolution schaltet Propaganda und Agitation nicht aus, sondern wir wissen, daß in Rußland nach der Revolution, nach der Eroberung der politischen Macht, in der Phase der höchsten revolutionären Tätigkeit die Agitation und Propaganda auf das höchste Maß gesteigert worden sind. Nirgends wurde eine größere Agitation, eine umfassendere Propaganda betrieben, als in Rußland nach der Eroberung der politischen Macht. Es muß gerade deswegen, weil man hie und da auf die Aktivität in der Form der Einzelkämpfe allzusehr eingestellt ist, auf die Notwendigkeit der revolutionären Propaganda mit allem Nachdruck hingewiesen werden. Es sind in dem Bericht verschiedene Methoden dieser Agitation geschildert, und ich glaube, ich brauche darüber hier kein weiteres Wort zu verlieren. Wesentlich in der Propaganda ist die direkte Verbindung mit allen Bewegungen, die in der Internationale aus-- brechen. Die Propaganda soll an die wirklichen Bedingungen anknüpfen. Dort, wo das Proletariat im Kampfe steht, wo es um die Beseitigung der sozialen Not kämpft, da sollen wir mit der Propaganda heranrücken. Und die Propaganda soll nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten geführt werden. Das Beispiel ist die beste Propaganda. Wenn wir uns als Mitkämpfer bewähren, dann wird man unseren Worten, unseren Ideen den größten Glauben schenken. Wenn wir uns als gute Führer, als gute Strategen bewähren, wird man allen unseren Zeitungsartikeln, unseren theoretischen Auseinandersetzungen am innigsten Glauben schenken. So ist es notwendig, nicht nur die Propaganda mit Worten zu führen, sondern sie auch mit der Tat zu vereinigen, mit dem wirklichen Hineingehen in alle auch die kleinsten Bewegungen der Arbeiter. Auch dafür haben wir eine Reihe ganz einfacher Beispiele angeführt, um ganz deutlich zu zeigen, daß kein Kampf zu klein ist, um die Kommunisten nicht zu veranlassen, sich daran zu beteiligen. Und jede Frage, für die die Arbeiter wirklich zu kämpfen bereit sind, muß die Arbeit der Kommunisten sein. Wenn wir uns so an alle Bewegungen anketten, werden wir unsere Propaganda und Agitation am besten betreiben. Propaganda und Agitation in Verbindung mit Arbeit, mit der Tat, mit dem Kampf sind Dinge, die die Kommunistische Partei wirklich vorwärts bringen können. Diese engsten Verbindungen haben wir mit allem Nachdruck zu betonen. Es kommt darauf an, in diesen Kleinkampf nicht nur die Propaganda hineinzutragen, sondern daraus auch den Nutzen zu ziehen, daß wir die Führung erlangen. Wir haben den festen Willen dazu, diese Führung zu erlangen, und wir können das nur dadurch erreichen, daß wir auch die kleinen Kämpfe führen, daß wir in jedem Kampf, in jeder Bewegung an der Spitze schreiten, daß wir systematisch alle Bewegungen ausnutzen. In den Thesen sind hierfür Beispiele angeführt, und es ist notwendig, daß sie jeder nachliest und sie nicht als leere Worte nimmt, sondern als dringende Gebote für jeden Kommunisten. Es ist dort insbesondere auch die Art des Kampfes, wie er in den Gewerkschaften geführt werden soll, bis in die Einzelheiten angedeutet, so daß aus diesen Andeutungen jedermann praktische Anweisungen für die Überwindung der Gewerkschaftsbürokratie und die jetzige Form der Gewerkschaften finden kann. Diese Vorstöße, die zur Überwindung der Gewerkschaftsbürokratie, zur Beseitigung der jetzt führenden Schicht gemacht werden sollen, das ist ja das Ziel unserer Propaganda und Agitation. Diese Vorstöße müssen ganz planmäßig und systematisch durchgeführt werden, nicht um mit gelegentlichen einzelnen Vorstößen, sozusagen die anderen zu ärgern, zu zwiebeln, zur Verzweiflung zu bringen.
Nur wenn diese Zweckmäßigkeit einheitlich ausgebildet wird, werden wir von der Propaganda zur wirklichen Führung des Proletariats übergehen können. Notwendig ist noch zu betonen, daß es in manchen Ländern, wie insbesondere in den Gebieten, wo die Partei illegal arbeiten muß, angebracht ist, Organisationen zu schaffen, die als sogenannte sympathisierende Organisationen die Propaganda und Agitation der Kommunistischen Partei weiter zu tragen erlauben. Denn solche Organisationen gibt es in verschiedenen Ländern. Wenn sie nicht bestehen, soll man versuchen, aus den Reihen der anders Organisierten oder nicht Organisierten unter mehr oder weniger kommunistischer Führung solche Organe zu gründen, die uns die Möglichkeit geben, mit unserer Organisation wirklich in die breiteren Massen hineinzugehen. In den Organisationen, die bisher nur unterirdisch arbeiten konnten, wird dieser Vorschlag wirklich die Möglichkeit der Verbindung mit den breiteren Massen schaffen.
Wir machen diese Organisation ganz dringend auf ihre besondere Aufgabe aufmerksam, die Verbindung mit den Massen um jeden Preis zu finden. Um an die Massen heranzukommen, muß jedes organisatorische Mittel, jede Art der Propaganda unter diesen Massen recht sein. Die Frauen und die Jugendorganisationen müssen, da sie ja mitunter abseits von den eigentlichen legalen Organisationen eine besondere Aufgabe ermöglichen, dabei sehr wertvolle Dienste leisten. Wir haben ja solcher Beispiele, wie die Jugendorganisation als Vortrupp für die Partei gewirkt hat, schon eine ganze Reihe, überall da, wo man aus der Illegalität heraus sich eine breitere Möglichkeit schaffen will, diese Möglichkeiten auch wirklich organisatorisch und propagandistisch auszunutzen. Die Propaganda muß aber auch in die Kreise der halbproletarischen Schichten getragen werden, in die Kreise der Bauern, des Mittelstandes, der Angestellten usw. Die Propaganda unter diesen Schichten ist deswegen von so großer Notwendigkeit, weil wir zwar noch nicht darauf rechnen können, sie für die Eroberung der politischen Macht als Kerntrupp zu gewinnen, aber den Schrecken vor dem Kommunismus können wir ihnen rauben. Das Schreckgespenst des Kommunismus, das in den Augen dieser Mittelschichten besteht, können wir vernichten. Darauf muß die Propaganda ganz besonders eingestellt sein. Haben wir sie erst von dieser Idee des Schreckgespenstes befreit, sie bis zu einem gewissen Grade neutralisiert, dann wird es in kritischen Situationen viel leichter möglich sein, unsere großen entscheidenden Kämpfe zu führen, ohne daß wir mit dem Widerstand dieser Kreise besonders rechnen, ohne daß wir überhaupt auf sie Rücksicht zu nehmen brauchen. Diese halbproletarischen Schichten finden wir besonders auf dem Lande. Die Notwendigkeit der Neutralität und Gewinnung eines gewissen Zutrauens der Landbevölkerung ist von dieser Stelle aus schon verschiedentlich erwähnt worden. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß die Organisationen ihre Propaganda systematisch in diese Kreise bringen sollen. Die Organisationen müssen sich an die Landarbeiter wenden, aber auch an die kleinen Bauern, um sie für die Ideen des Kommunismus wenigstens empfänglich zu machen. Wir müssen aber auch organisatorisch das Notwendige tun, um an sie heranzukommen. Es genügt nicht, ein Blatt zu haben, das auf dem Organisationsbüro liegen bleibt, sondern das Blatt muß auch wirklich in die Häuser der Landbevölkerung getragen werden. Diese Landagitation ist sehr mühevoll und unter Umständen auch gefährlich. Die Junker verstehen es meisterhaft, die Landbevölkerung gegen uns aufzuhetzen. Trotz dieser Gefahr müssen wir an diese Schichten heran, weil wir in den Zeiten der Machteroberung und nach der Machteroberung nicht ihren bewußten Widerstand haben dürfen. Wir müssen bis dahin Bresche in sie hineingelegt haben. Deshalb muß eine Organisation bestehen, die in diese Landorte die Propaganda trägt. Das kann geschehen, erstens, indem die Stadtbezirke, die Kräfteüberschuß haben, Ortschaften zugeteilt erhalten, in welche sie die Flugblätter usw., die die Kommunistische Partei herausgibt, tragen. Oder es kann dadurch geschehen, daß Organisationen, die wir schon auf dem Lande haben, Nachbardörfer mit bearbeiten. Radfahrer oder Sportgruppen und Jugendvereine kann man zu dieser Propaganda mit heranziehen und dafür sorgen, daß der kommunistische Geist auch in die Landgemeinden getragen und es verhindert wird, daß sich dort ein dumpfer Wall gegen den Kommunismus aufbaut. Diesen Wall zu zerstören, ist eine der wichtigsten Aufgaben vor der Eroberung der politischen Macht, damit wir dann nicht vor den Toren der großen Städte überall die Vendee haben, aus der sich die Truppen der Konterrevolution rekrutieren können.
Ein nicht minder wichtiges Gebiet ist die Propaganda unter den Soldaten, insbesondere dort, wo es noch stehende Heere gibt. Darüber ausführlich zu sprechen, ist kaum angebracht. Man muß unbedingt dafür in den einzelnen Ländern besondere Informationsstellen einrichten, die dafür sorgen, daß mit aller Schärfe und Sorgfalt das herausgearbeitet wird, was geeignet ist, aufklärend unter den Soldaten zu wirken. Die Arbeit zu schablonisieren oder allgemeine Wege zu zeigen, ist unnütz, es hängt von den besonderen Umständen jedes einzelnen Landes ab. Nur ein Allgemeines muß ich noch erwähnen. Man muß in die Armee die Differenz, den Gegensatz zwischen Offizieren und Mannschaften hineintragen. Man muß den Mannschaften klarmachen, wie die Offiziere über sie hervorgehoben werden, nicht nur durch die äußeren Abzeichen, sondern auch durch die wirtschaftliche Position. Wie auf der einen Seite das Leben der Offiziere glänzend und gesichert ist, wie aber auf der anderen Seite die Zukunft des einfachen Soldaten absolut hoffnungslos ist. Daß er nach seiner militärischen Entlassung nichts weiter tun als für andere arbeiten muß und keine Aussicht vorhanden ist, diesen Klassengegensatz zu überwinden. Immer wieder Betonung des Klassengegensatzes im Militarismus, das ist das beste Mittel der Zersetzung der militärischen Klasse. Wo es nur angeht, soll dieser Klassengegensatz in die Reihen des Militärs hineingetragen werden. Ich glaube auch, daß dies bei den bewaffneten Banden, den Freischärlern auch möglich ist, weil sich die Korruption bei diesen Freischärlerbanden in der kapitalistischen Zeit gar nicht aufhalten läßt, man muß dort immer den Gegensatz hervorkehren und Zersetzung hineintragen. Nur diese allgemeinen Prinzipien wollte ich kurz betonen.
Ich gehe zu dem Kapitel über die Parteipresse über. Ich glaube, daß ich hierüber sehr wenig zu sagen brauche. Das Kapitel ist ausführlich gehalten, aus ganz besonderen Gesichtspunkten wurde darüber eingehend geschrieben, weil die leitenden Genossen in Rußland der Überzeugung sind, daß das beste Mittel zur Organisierung breiter Massen der Bevölkerung zum Kommunismus die Presse ist. Und um die Propaganda für die Presse in den Vordergrund zu schieben, wurde dieses Kapitel bis in alle Einzelheiten aufs klarste ausgearbeitet. Es soll sich nächstes Jahr keine Partei darüber beschweren können, daß sie eine niedrige Abonnentenzahl hat, daß sie nicht gewußt hat, wie man Zeitungen auf die Höhe bringt. Es wird vor dem nächsten Kongreß keine solche Ausrede gelten, keine Partei wird sagen können, daß sie nicht gewußt habe, wie sie die Zeitungen an die Masse bringt. In aller Ausführlichkeit ist geschildert, wie die Presse ein Kampforgan wird, wie sie durch die regelmäßige Mitarbeit der Einzelnen wirklich zu einem lebendigen Organismus im Rahmen der Partei wird. Ich weise darauf mit allem Nachdruck hin und bemerke, daß diese Kapitel geschrieben sind, um den Genossen jede Ausrede für die Rückständigkeit der Presse in ihrem Lande aus den Händen zu nehmen. Die Genossen sollen sich auf dem wichtigsten Gebiete keine Unterlassungssünden zuschulden kommen lassen.
Ich komme jetzt zum Thema der allgemeinen Struktur des Parteiorganismus. Oder nein, ich muß an dieser Stelle, nachdem ich die Agitation und Propaganda behandelt habe, zu dem Kapitel übergehen, das wir noch einfügen wollen, dem Kapitel über die politischen Kämpfe. Wir haben es für notwendig gehalten, dieses Kapitel einzufügen, weil es möglich ist, über die Organisation von Bewegungen, der kleinsten und größten Aktionen 'gewisse Leitsätze aufzustellen. Trotz der Verschiedenheit der Situationen sind doch einige allgemeine Anweisungen notwendig. In Verbindung mit der Arbeitspflicht leiten wir die Darlegungen über die Organisation der politischen Kämpfe damit ein: für die Kommunistische Partei gibt es keine Zeit, in der nicht große Bewegungen möglich sein könnten. In jeder Situation gibt es verschiedene Methoden, um doch politisch aktiv zu werden. Es kommt darauf an, die Fähigkeit der Ausnutzung ökonomischer und politischer Situationen so zu steigern, daß sie sich zu einer Kunst der Strategie und Taktik entwickelt. Nach den objektiven Möglichkeiten werden die Methoden und Mittel verschieden sein. Man muß sie klug auswählen. Aber wo der entschlossene Wille zur lebendigen Aktivität vorhanden ist und die Partei mit Berechnung klug und vorsichtig arbeitet, wird es möglich sein, die geeigneten Mittel für die Aktionen zu gewinnen. Wichtig ist, daß jede Sektion der Internationale sorgfältig beobachtet, was in den Nachbarländern vorgeht, um aus den Aktionen der anderen Sektionen zu lernen, um die gemeinsamen Erfahrungen für Aktivierung der eigenen Aktionen zweckmäßig zu verwerten. Auf diesem Gebiete geschieht bisher so gut wie gar nichts.
Schwache Parteien, die noch nicht über einen genügenden Stamm von Funktionären verfügen, können doch anknüpfend an die ökonomischen und politischen Ereignisse eine revolutionäre Propaganda entwickeln. die die allge- Im meinen Losungen der Kommunisten den Arbeitern verständlich macht. Dazu sind die Verbindungen auszunutzen, die man in den Betrieben, den Gewerkschaften, durch die Zellen, durch Arbeitsgruppen hat. Überall, wo man solche Zellen hat, und sich Hauptorte der Bewegung herauskristallisieren, haben wir mit Versammlungen einzugreifen, um die Losungen der Partei in die Massen zu werfen. Wo es nicht möglich ist, eigene Versammlungen einzuberufen, hilft es, gegnerische Versammlungen auszunutzen. Auch diese müssen organisiert werden, damit keine Blamage, sondern ein Gewinn für unsere Propaganda herauskommt. Wenn Aussicht besteht, in solcher radikalen Propaganda die Massen für unsere Losungen zu gewinnen, soll man diese Losungen geschickt zusammenfassen und darauf hinwirken, daß gleichmäßig übereinstimmende Losungen, wenigstens dem Sinne nach übereinstimmende, in einer großen Zahl von Versammlungen gestellt und angenommen werden, oder wenigstens große Minderheiten dafür gewinnen. Das wird den geistigen Einfluß der Partei auf die Massen wirklich zum Ausdruck bringen. Wir werden den steigenden Einfluß auch zur Verstärkung unserer Reihen verwerten können und werden auf die Proletarierschichten einwirken, indem sie eine Gemeinsamkeit fühlen. Sie sehen die neue Führung in dieser Idee. Sie begreifen, daß hier etwas kommt, was für sie kämpfen will, und sie werden dadurch in ihrem Kampfeswillen und Kampfesgeiste gestärkt. Allgemein müssen die Gruppen, die diese Versammlungen vorbereiten und aktiv in ihnen auftreten, nach den Versammlungen zusammenkommen, um die Lehren zu ziehen. Es sollen auch Berichte an die leitenden Parteikomitees gegeben werden, damit die allgemeinen Lehren gezogen werden können. Da solche Propagandaaktionen durch Plakate, Handzetteln usw. unterstützt werden, kommt es darauf an, daß Kolonnen organisiert werden müssen, die es verstehen, diese Arbeit durchzuführen, vor den Betrieben, den Bahnhöfen, den Arbeitsnachweisen soll die Handzettelverbreitung vor sich gehen.
Es hat sich in manchen Bezirken bewährt, daß man solche Genossen ausfindig gemacht hat, die es verstehen, solche Handzettelverteilung mit schlagfertigen Diskussionen zu verbinden, die Diskussionen werden dann in der sich fortbewegenden Arbeitermasse fortgesetzt und auf diese Weise wird die Propaganda auch selbsttätig weiter in die Betriebe getragen. Diese gesteigerte Propaganda muß natürlich parallel mit der gleichmäßig gesteigerten Tätigkeit in den Gewerkschafts- und Betriebsversammlungen laufen. Die Genossen müssen nötigenfalls auch solche Versammlungen in den Betrieben und Gewerkschaften organisieren und müssen darauf achten, daß Redner zur Verfügung stehen, die ihre Tätigkeit unterstützen. Die Zeitungen unserer Partei müssen tagtäglich immer wieder die Ideen der besonderen Aktionen propagieren, sie müssen ihre besten Argumente und den größten Teil ihres Raumes für solche Aktionen zur Verfügung stellen, wie überhaupt der ganze Organisationsapparat diese Generalidee, die die Partei durchzusetzen bestrebt ist, mitvorantragen muß. Es kommt darauf an, daß die Parteien lernen, einen Gedanken, der in die Masse getragen wird, auch wirklich für längere Zeit, für Wochen, wenn es notwendig ist, für Monate, lebendig zu erhalten, damit das Proletariat von dieser Propaganda wirklich erleuchtet würde und begreifen, worum es sich handelt.
Kleine Parteien können noch andere Möglichkeiten der Aktivität haben, wenn sie es verstehen, ihre historische Mission wirklich zu erkennen. Sie sollen ja als nächstes Ziel haben, die Eroberung der führenden Rolle in dem Proletariat für die Partei zu erreichen. Deswegen ist es notwendig, sich zu überlegen, ob es nicht angebracht ist, aus der Phase der Propaganda zu Demonstrations-Aktionen überzugehen. Solche Demonstrations-Aktionen können sowohl von legalen als auch illegalen Parteien durchgeführt werden. Man braucht nur an das leuchtende Beispiel des Spartakusbundes und der linken U.S.P.D. zu erinnern, die während des Krieges in Deutschland trotz schwerster Gefahren Aktionen unter dem Ruf: Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! führten. Wir brauchen nur an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu erinnern, die die Opfer dieser Propaganda geworden sind. Ein anderes Beispiel ist die Arbeit der kleinen sozialistischen Gruppe in England, die in der „Hands off Russia“ Bewegung gezeigt hat, daß man durch immer erneutes Demonstrieren für eine Idee schließlich doch die Allgemeinheit für dieselbe interessieren kann. Ebenso hat die Polnische Kommunistische Partei versucht, während des letzten polnisch-russischen Krieges wirklich durch eine umfassende Propagandaaktion die Sowjetidee und die Idee des Friedens mit Rußland für Wochen und Monate immer auf der Tagesordnung zu halten, dafür zu sorgen, daß doch schließlich einmal diese Idee zum Durchbruch kam. Kritisch kann man bemerken, daß auch für die französische Partei diese Gelegen heit bestanden hätte, wenn die ganze Partei auf diese Aktionen konzentriert gewesen wäre. Sie hätte eine solche Gelegenheit gehabt bei der Mobilmachung, die gegen Deutschland gerichtet war. Es war nur eine Gelegenheit, wo nicht die genügenden Vorbereitungen vorhanden waren, wo die Demonstrationen zu spät einsetzten und infolgedessen auch nicht ganz zur Auswirkung kamen. Wie neuerdings die Meldungen aus Italien besagen, ist dort die Stimmung gegenüber den Faszisten bereits so weit, daß unsere Partei in Verbindung mit anderen Parteien eine sehr aktive Tätigkeit durch Demonstrationen einleiten kann. Riesendemonstrationen haben bereits stattgefunden. Es scheint die Zeit gekommen zu sein, wo der Geist der Faszisten doch so heftig mit dem aktiven Gedankengang der Arbeiter zusammenprallt, daß sie sich jetzt auflehnen und sich in Massenaktionen gegen die faszistischen Strömungen wenden. Ich glaube, daß die Italienische Partei vor einer solchen Bewegung steht, die auszunutzen ihr die Möglichkeit gibt, die führende Rolle zu übernehmen und das Proletariat sehr weit vorauszubringen. Die Länder, wo die Erfahrungen der Aktion nach rechts gegangen sind, können doch einiges über die Demonstrationsaktionen mit auf den Weg geben. Demonstrationsaktionen erfordern zunächst eines: eine sehr bewegliche und aufopfernde Führung. Ist in einer solchen Bewegung eine Führung vorhanden, die es versteht, das abgegrenzte Ziel dieser Aktion, dieser Demonstration wirklich fest im Auge zu haben, die in der Lage ist, jeden Augenblick die wechselnden Situationen zu übersehen, dann ist es notwendig, über die Formen dieser Bewegung sich klar zu werden, jede Situation zu prüfen, womit in diesen Demonstrationen die Bewegung gesteigert werden kann, um zu überlegen, ob nicht die Zeit gekommen ist. daß diese Demonstrationsaktion zu großen Aktionen verbreitert werden kann. Die Friedensdemonstrationen während des Krieges haben klar gezeigt, daß die Niederwerfung solcher Demonstrationen durchaus nicht naturnotwendig ist, daß die Niederwerfung solcher Aktionen keineswegs schon den Zusammenbruch der ganzen Demonstrationsaktion herbeiführen muß. Selbst wenn solche Demonstrationen Opfer fordern, kann und wird es Situationen geben, wo das Abstoppen solcher Demonstrationen nicht zulässig ist. Selbst bei der Gefahr solcher Opfer müssen solche Kundgebungen immer wieder erneuert werden, wobei eine gute organisatorische Vorbereitung nicht nur die Wirksamkeit steigern, sondern auch die Zahl der Opfer vermindern wird.
Neben der Opferbereitschaft der Proletarier erblicken wir in der guten Organisation, in der wirklich straffen Durchführung einer Demonstration die Sicherung ihrer Wirksamkeit. Es kommt darauf an, daß man lernt, solche Aktionen wirklich diszipliniert und gut organisiert durchzuführen. Straßendemonstrationen stützen sich nach den eigenen Erfahrungen am besten auf die größeren Betriebe. Gewiß können auch große Kundgebungen an Feiertagen von den Wohnbezirken aus mit Fahnen gleichsam als Parade veranstaltet werden. Solche Demonstrationen haben aber gewöhnlich keine revolutionäre Wirkung, sondern einen gewissen demonstrativen festlichen ‘'Charakter, einen gewissen Propagandacharakter. Aber soll wirklich eine revolutionäre Wirkung erzielt werden, so ist es notwendig, die Arbeiter direkt aus den Betrieben heraus für diese Kundgebung zu mobilisieren. Dabei haben die Zellen und Fraktionen außerordentlich wichtige Vorbereitungen zu treffen. Nachdem die planmäßigen Vorbesprechungen erfolgt sind und eine einheitliche Stimmung hergestellt ist, die absolut unerläßlich ist, um solche Aktionen durchzuführen, dann kann man es wagen, einen Schritt vorwärts zu gehen. Aber diese einheitliche Stimmung in den Betrieben muß durch die Organisation, durch die Zellen und Fraktionen einigermaßen gesichert werden, damit wir nicht als lose, von verschiedenen Ideen beseelte Massen auf die Straße gehen, sondern als eine Gruppe der Proletarier, die wohl weiß, wofür sie demonstriert. Um ein festes Gerippe für solche Demonstrationen zu besitzen, muß ein System der Betriebsvertrauensleute, der Leiter der Zellen festgestellt werden, zugleich mit der politischen Leitung. Wird die Zeit für solche Demonstrationen für reif befunden, dann müssen die verantwortlichen Führer der Arbeiter, die leitenden Funktionäre mit den Betriebsvertrauensleuten zusammentreten, um alle Einzelheiten der Aktion durchzusprechen. um dann nach solchen genauen Vorbesprechungen am nächsten Tag wirklich die Demonstration einheitlich geschlossen. gut organisiert, diszipliniert durchzuführen. Aber auch an dem Tag der Demonstrationen braucht man ein gutes Instrument. das den Abmarsch bis zur Auflösung, das Rückgrat der Demonstration bildet und überall zur Stelle ist. Nur auf diese Weise kann die Demonstration mit den geringsten Opfern, aber mit dem größten Effekt durchgeführt werden. Das Studium der Erfahrungen aus dieser Aktion wird dann in der Gruppe der Funktionäre und Betriebsräte der Fraktionen kritisiert werden müssen, damit die Voraussetzungen für die Erneuerung und Verstärkung solcher Demonstrationen wirklich geschaffen werden, damit die Steigerung solcher Aktionen zu revolutionären Massenaktionen möglich wird. Es gibt auch andere Möglichkeiten der Aktionen für die Aktivisierung der Massen. Man hat stets die Aufgabe in allen Bewegungen der Arbeiterschaft, sich wirklich als Führer des Proletariats zu erweisen. Man muß alles daran setzen, den Einfluß der sozialverräterischen Führer zu überwinden und diese Leute beiseite zu drängen. Ist eine Stagnation vorhanden. muß man diese Stagnation in der politischen und ökonomischen Lage zu überwinden trachten, indem man andere Mittel der Agitation anwendet, wie z. B. die V.K.P.D. im Vorjahre durch den „Offenen Brief“. Diese Fragen hier ausführlich zu besprechen, halte ich wohl für überflüssig.
Sie werden nachlesen können. wie man durch die Betriebsfraktionen, Gewerkschaftsfunktionäre, Heranziehung der Zeitungen, der Parlamentsfraktionen die Idee, die dieser Aktion zugrunde liegt. wirksam dargestellt zum Ausdruck bringen muß. Die Organisation muß beweisen, daß sie eine Sache, wenn sie einmal von ihr geschrieben hat, nicht schon für erledigt hält; sie muß beweisen, daß sie imstande ist. wenn sie von der Güte ihrer Aktion überzeugt ist, diese auch wirklich auf Wochen und Monate durchzuführen und zu steigern. Aber es darf nicht der Fehler gemacht werden, nachdem man etwa in zahlreichen Versammlungen, durch Stimmungsmache in den Zeitungen, durch Redner in den Parlamenten, Zustimmungen für diese Form. wie den ..Offenen Brief“ erreicht hat, daß man dann diese Aktion nicht fortführt, sondern erlahmen läßt.
Dieses Erlahmen in der Aktion ist der schwerste Fehler, den die Organisationen machen können. Wenn sie eine Aktion nicht tragen, nicht durchführen können, dann sollen sie sie gar nicht erst anfangen, sondern sich mit weniger bescheiden, sollen sich mit organisatorischer Festigung begnügen. Ist es so gelungen, in einem gewissen Wirtschaftsgebiet, in dem unsere Partei über unsere besten Organisationen verfügt, wo sie die zahlreichste Zustimmung zu ihren Forderungen gefunden hat, eine gewisse Führung zu erreichen, so muß der organisatorische Druck propagandistisch ausgenutzt werden, innerhalb der Gewerkschaften usw. die führende Rolle der Partei auch zur Anerkennung zu bringen. Es muß dann unseren Genossen gelingen, solche örtliche Körperschaften, die sich für unsere Forderungen erklären, zu Konferenzen zusammenzufassen, in denen wiederum die gemeinsamen Forderungen zur Anerkennung zu bringen sind. Es ist dann notwendig, neben diesen Beschlüssen auch die wirklichen Bewegungen zu konzentrieren, dafür zu sorgen, daß alle, die sich an diesen Aktionen beteiligen, alles daran setzen, die Bewegungen, die etwa schon im Gange sind oder ausbrechen könnten, zusammenzuführen, daß sie eine einheitliche Bewegung werden. In dieser wird dann die kommunistische Führung eine neue Kraftkonzentrierung herbeiführen, die ihrerseits auf die sozialverräterischen Führer einwirken wird. Denn gegenüber solchen einheitlich geführten Kämpfen können diese Führer nicht mehr ausweichen, müssen sie Farbe bekennen, klar sagen, was sie wollen. Und gelingt es nicht, sie wirklich vor den Karren zu spannen, so gilt es, sie zu entlarven, nicht nur politisch, auch praktisch organisatorisch zu enthüllen, daß sie nicht gewillt sind, gemeinsame Kampfbewegungen des Proletariats überhaupt zu führen. Es gilt dann selbständig aufzutreten. Aber muß eine kommunistische Partei den Versuch unternehmen, die Massenführung an sich zu reißen, in einer Zeit schwerer Erschütterung, ökonomischer und politischer Zuspitzung, so wird sie andere Methoden anwenden müssen, als die der bloßen Propaganda. Sie kann sogar davon absehen, noch irgendwelche besonderen Losungen und Forderungen aufzustellen. Sie wird sich in solchen Zeiten, in denen die Bewegungen im Wachsen sind und förmlich zu Explosionen drängen, mit öffentlichen Aufrufen an die Proletarier, die der Verelendung nahe stehen und deswegen zu Aktionen drängen, wenden müssen, an die organisierten -Proletarier, die die Führung solcher Kämpfe durchweg in Händen haben, wenden müssen, um ihnen zu zeigen, daß es kein Ausweichen in diesen Kämpfen mehr geben kann. Daß die Führung dieser Kämpfe aber nicht in den Händen der Sozialverräter bleiben darf, sondern daß man jetzt eine kampfbereite, entschlossene Führung braucht, und daß die Kommunisten kampfbereit genug sind, um diese kleinen Kämpfe des Proletariats zu führen, diese kleinen Kämpfe zu großen politischen Kämpfen zusammenzufassen. Es gilt in diesen Kämpfen zu beweisen, daß trotz der Untergrabung der letzten Lebensmöglichkeiten des Proletariats die alten Organisationen diesen Kampf zu vermeiden und zu verhindern suchen. Die Betriebs- und Gewerkschaftsorganisationen müssen unter ständiger Berufung auf die Kampfbereitschaft der kommunistischen Arbeiterschaft in Versammlungen klarmachen, daß es kein Ausweichen mehr geben darf, und wenn keine andere Partei die Führung übernehmen will, die Kommunistische Partei die einzige ist, die noch den Ausweg aus dieser Verelendung zeigt. Die Hauptsache aber ist die Vereinheitlichung der aus der Situation geborenen Kämpfe. Die Zellen und Fraktionen der in solche Bewegung gezogenen Berufe und Betriebe müssen nicht nur in engster organisatorischer Fühlung sich halten, sondern auch zu den Bezirkskommissionen und Zentralen Beziehungen aufrechterhalten. Und diese müssen sich verpflichtet halten, in alle Gebiete, wo Bewegungen stattfinden, besondere Beauftragte zu schicken, die nunmehr versuchen, die Führung in diesen Bezirken an sich zu reißen und dafür zu sorgen, daß der Einheitsgedanke, der diesen Kämpfen zugrunde liegt, auch wirklich herausgearbeitet wird, damit alle Arbeiter diesen einheitlichen Charakter erkennen und schließlich den politischen Charakter dieser Kämpfe auch herausfühlen.
Im Laufe der Verallgemeinerung solcher Kämpfe wird es notwendig sein. sich einheitliche Organe der Kampfführung zu schaffen. Bei dem vorzeitigen Versagen der bürokratischen Streikleitungen der Gewerkschaften ist rechtzeitig auf eine Neuwahl zu drängen, wobei versucht werden soll, die Streikleitung mit Kommunisten zu besetzen. Ist es bereits gelungen, mehrere Lohnbewegungen zu kombinieren, mehrere politische Erhebungen mit diesen Bewegungen zu verbinden, z. B. Truppentransporte zu verhindern, so ist es notwendig eine gemeinsame Aktionsleitung einzusetzen, die nach Möglichkeit aus Kommunisten bestehen muß, die die Führung haben sollen. Auf diesem Wege können Gewerkschaftsfraktionen, Betriebsräte, Betriebsrätevollversammlungen solche gemeinsamen Aktionen liefern, die den Kern, die Grundlage für die kommunistische Führung darstellen, die die notwendigen Vorbereitungen treffen soll.
Nimmt aber die Bewegung den erwünschten politischen Charakter an, indem sich Unternehmerorganisationen einmischen oder behördliche Organisationen eingreifen, dann ist es notwendig, die Propaganda für die politischen Arbeiterräte mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit auch ohne Gewerkschaften durchzusetzen. In dieser Weise organisierte Teilaktionen können bei vorsichtiger, intensiver, abwägender Arbeit den Kommunisten in weiten Bezirken die Führung des Proletariats bringen und sie zu größeren Kämpfen befähigen. Bereits gekräftigte Parteien, insbesondere die Massenparteien, sollen aber auch auf entscheidende politische Massenaktionen durch besondere organisatorische Maßnahmen eingestellt sein. Bei Massenaktionen, Teilaktionen usw. ist ständig daran zu denken, daß die Erfahrungen dieser Bewegungen für eine immer festere Verbindung mit den breiteren Massen nachdrücklich ausgenutzt werden müssen. Die Verbindung mit den Massen ist die Hauptsache. In den Betriebskonferenzen müssen die verantwortlichen Parteileiter mit den Betriebsvertrauensleuten, mit den Betriebsfraktionen, Gewerkschaftsfraktionen immer erneut die Erfahrungen der Massenaktionen besprechen, um ihr Verhältnis zu diesen Betriebsvertrauensleuten immer fester zu gestalten. Ein enges Vertrauensverhältnis der leitenden Funktionäre zu den Betriebsvertrauensleuten ist organisatorisch die beste Gewähr dafür, politische Massenaktionen nicht vorzeitig und immer nur in dem Umfange einzuleiten, wie die Umstände unter dem jeweiligen Einfluß der Partei es ermöglichen. Gestützt auf ein solches Netz bewährter Vertrauensleute in den Betrieben, hat eine ganze Reihe von Organisationen erfolgreiche Bewegungen geführt. Sehen wir uns die Revolution der Russen an, so wissen wir, daß in Petersburg durch ein solches Netz von Betriebsfraktionen, Betriebsvertrauensleuten und Zellen, die ganz eng mit der Leitung verbunden waren, die entscheidenden Kämpfe geführt wurden. Aber auch für Deutschland können wir sagen, daß die letzten entscheidenden Kämpfe im letzten Generalstreik vor Beendigung des Krieges 1917, in Mitteldeutschland, im Frühjahr in Berlin, im Winter 1918 in Berlin, die Novemberrevolution und die nachfolgenden Märzkämpfe ganz besonders nur deswegen ausgeführt und durchgeführt werden konnten, weil mehr und mehr sich ein festes Netz von Betriebsvertrauensleuten herausgebildet hat, der in engster Verbindung mit den politischen Leitern stand. Diese, die sich mit den Betriebsvertrauensleuten verbündet hatten, hatten den größten Einfluß auf die Massen. Ich erinnere wiederum daran, daß unter zahlreichen anderen Karl Liebknecht es war, der die engste Verbindung mit den Obleuten der Betriebe immer suchte. So sollen alle Parteien daran gehen, mit der größten Energie diese Verbindung durch die Betriebsvertrauensleute mit den Betrieben herzustellen. Größte Beweglichkeit wird dadurch garantiert. Wir haben in Deutschland gesehen, daß gerade durch diese sehr vollkommene organisatorische Verbindung, die nichts Mechanisches an sich hatte, sondern ganz aus der Bewegung hervorwuchs, die Betriebsvertrauensleute es waren, die imstande waren, die Massen in den notwendigen bewaffneten Kämpfen selbst voranzuführen. Im vorigen Jahre ist in Italien, kann man kritisch sagen, die Bewegung, die zweifellos eine revolutionäre war und in der Betriebsbesetzung ihren stärksten Ausdruck fand, durch den Verrat der Gewerkschaftsbureaukratie und durch die nicht genügende Führung der Partei zugrunde gegangen. Aber man muß andererseits sagen, daß einer der Hauptgründe des Zusammenbruches der Bewegung war, daß man die Betriebe besetzte, ohne daran zu denken, durch Betriebsvertrauensleute eine intime Verbindung mit allen Betrieben und der politischen Führung herzustellen. Also auch dort wäre durch ein wirkliches ausgiebiges Vertrauensmännersystem es möglich gewesen, die Aktivität weiterzuführen, zu einer wirklichen revolutionären Massenbewegung voranzutreiben, wenn zwischen diesen Gruppen die enge Verbindung bestanden hätte. Ich glaube auch, daß die Ausnutzung der großen englischen Bergarbeiterbewegung möglich gewesen wäre, wenn die Englische Partei imstande gewesen wäre, durch die Betriebsvertrauensleute bei allen Belegschaften die engste Verbindung mit den Massen herzustellen.
Wir sehen, wie notwendig es ist, wegen der Ausnutzung der Situation ein solches wirklich aktives Netz von Betriebsvertrauensleuten, -fraktionen usw. zu bilden, die das Rückgrat aller wirklichen Aktivität der Parteien sind.
Durch solche Betriebsvertrauensleute und -fraktionen wird man nicht nur die Gesamtpartei aktiver machen können und sie befähigen, die Aktionen auszuführen, sondern auch die Arbeitermassen dadurch, daß sie eine Führung sehen, im Vertrauen zu dieser Führung stärken. Man wird sie dazu führen, daß sie gerade dieser Führung, die sich in enger Fühlung mit den Betrieben zeigt, das größte Vertrauen entgegenbringen.
Ich komme zu dem Kapitel über die Struktur des Parteiorganismus. Man kann es allgemein, so wie das Kapitel über die Presse, kürzer fassen, obwohl Sie verlangen könnten, daß man im einzelnen über den Aufbau der Partei reden sollte. Aber wir reden nicht vom Aufbau des Parteiapparats, sondern von der Bewegung, von der Formierung unserer Truppen und unserer Gruppen. Wir können uns begnügen, über das Gerippe des Parteiapparats allgemeine Anweisungen zu geben, die sich bewährt haben. Auch hier soll man daran denken, daß die Organisation nur dann wirken kann, wenn sie sich von den Kraftzentren, von den Hauptstädten und Industriezentren ausbreitet. Es wäre falsch, wenn man jetzt von Moskau zurückkehren würde und sagen würde, daß man ein Netz von Organisationen über das ganze Land ziehen müsse; denn das würde dann unter Umständen so schwach werden, daß man die Kräfte nicht ausnützen könnte. Viel wichtiger ist es, für die Hauptstädte und Industriezentren, wo die Masse vorhanden ist, wo die Organisation wirklich von Bedeutung sein kann, Organisationen aufzubauen. Hat man in den großen Orten eine Organisation gefestigt, dann soll von den Zentren aus mit den überschüssigen Kräften das Netz der Organisation über die Umgebung ausgebreitet werden, aber immer nur so, daß erst, wenn an den einzelnen Orten ein Stamm vorhanden ist, die Ortsgruppen und neue Distrikte gebildet werden. Dadurch wird die Gewähr für die Leistungsfähigkeit der Organisation gegeben. Nicht die Partei hat die beste Organisation, die die meisten Ortsgruppen hat, sondern vielmehr diejenige, die viele leistungsfähige, starke Ortsgruppen hat, und auch nur dann, wenn sich diese Leistungsfähigkeit im Charakter der politischen Propaganda und Aktivität zeigt. Bei dem Ausbau der Organisation wird man oft mehr komplizierte Situationen vorfinden, vielleicht eine Häufung von großen Städten. Unter Umständen wird man sich auch auf die ländlichen Organisationen stützen müssen.
Wichtig ist noch, die Verbindung zwischen den Bezirken und den Leitungen in beweglicher Form herzustellen. Es ist dabei nicht nötig, eine hierarchische Konstruktion von Ortsgruppen, Kreisen, Bezirken, Oberbezirken und der Zentrale herauszustellen. Das könnte eine schwere Gefahr für die politische Beweglichkeit der Partei sein. Es kommt darauf an, alle Kraftzentren der Partei in lebendige Fühlung mit der Zentrale zu bringen, indem man das Land in Bezirke aufteilt, da, wo eine Reihe von Städten sich häuft, selbständige Bezirke schafft, die auch direkt Informationen von der Partei erhalten. Überhaupt ist die gegenseitige Information und Instruktion eine wichtige Aufgabe, die der organisatorische Apparat zu erfüllen hat. Es ist richtig, was Bela Kun darüber in seiner Broschüre sagt:
„Es hat überhaupt in der Partei gefehlt die politische Korrespondenz und die ständige, unmittelbare und systematische mündliche Instruktion. Die natürliche Grundlage der Instruktion ist der systematische Informationsdienst.“
Ein solcher gründlicher systematischer Informationsdienst, der das Leben ausmacht, muß die Partei vor Schablonisierung und Bureaukratisierung schützen. Bela Kun sagt an anderer Stelle:
„Nur ein solcher mechanisch gewordener, aber von den Schäden einer jeden Schablonisierung reiner Informationsdienst ermöglicht eine solche Informationstätigkeit, die die Arbeit der Partei völlig vereinheitlicht und eine wirkliche und feste Zentralisation schafft.“
Durch diese laufende, regelmäßige, gute Information wird am besten neben der Arbeitspflicht der Bürokratismus überwunden.
Wir geben in unseren Leitsätzen über die Struktur auch noch eine Reihe von Anweisungen, wie der Aufbau der Parteizentrale geschehen soll, damit er beweglich ist. Ich möchte allen Parteien diesen Absatz 40 in Erinnerung rufen. Wir verweisen da auf die Arbeitsteilung. Wir machen darauf aufmerksam, daß die Arbeitsteilung in den Bezirken zentral durchgeführt werden muß. Aber auch da muß ein ständiger Wechsel der Kräfte vor sich gehen. Über den Wechsel der Kräfte noch ein Wort. Die Genossen, die lange Zeit als politische Sekretäre tätig waren, waren in dieser Tätigkeit mitunter sehr bureaukratisch geworden. Es hat ihnen sehr gut getan, wenn wir sie von diesen Posten wegnahmen und sie zu Redakteuren machten. Andererseits waren die Redakteure geneigt, die Organisationsarbeit geringzuschätzen, und es war sehr gut, daß man die Redakteure auf solche Organisationsposten setzte und die Genossen von der Organisation in die Redaktion. Davon hatte die Partei unbedingt Nutzen: denn die früheren Redakteure arbeiteten in der Organisation vorzüglich, wie umgekehrt die gewesenen Sekretäre gut in der Redaktion arbeiteten. Aber auch bei Aktionen machten wir mit dem Wechsel solcher Funktionäre gute Erfahrungen. Funktionäre, die in den Bezirken, wo sie sich verwurzelt hatten, wo sie eng verbrüdert und verschwägert waren, absolut nicht zu einer Bewegung zu bringen waren, waren die besten Kräfte, wenn wir sie in einen anderen Bezirk versetzten. Und so war dieser Wechsel ein Mittel der Belebung der Partei. Es sind in diesem Kapitel doch eine Reihe von Änderungen, die Ihnen zugegangen sind.
Ich gehe nun zu dem letzten Absatz: legale und illegale Arbeit über. Die Überschrift des Absatzes ist irreführend, sie wird auch geändert werden. Es wird dort geschildert, daß illegale und legale Partei nicht zwei verschiedene Dinge sind, sondern wie sie ständig ineinander übergreifen. Hier müssen wir die Beschlüsse des 2. Kongresses ein bißchen korrigieren. Gen. Bela Kun hat in seiner Broschüre das Richtige getroffen, indem er sagt: „Die große organisatorische Aufgabe, die Einstellung der ganzen Partei in den Dienst der illegalen organisatorischen Vorbereitung zur Verwirklichung der revolutionären Kämpfe.“
Der Genosse zeigt dann einige Beispiele, wie sich der illegale Apparat, der parallel lief, verselbständigt hat, in Berlin, wo dieser Apparat sich loslöste und sich in kriegerische Kämpfe in Mansfeld stürzte. „Es ist notwendig,“ sagt Kun, „daß die gesamte Organisation der Partei den Erscheinungen der Kämpfe so angepaßt wird, daß sie sich schon aus der Natur ihrer organisatorischen Einstellung heraus weder organisatorisch noch politisch von der legalen Organisation, wenn auch nur für noch so kurze Zeit, loslösen kann.“ Er verwahrt sich dann gegen die Thesen, die da über die Aufgaben der Partei sagen: „Infolge des Belagerungszustandes, der Ausnahmegesetze haben diese Parteien nicht die Möglichkeit, ihre gesamte Arbeit legal zu führen,“ und er meint, daß es notwendig ist, einen illegalen Apparat herbeizuführen, indem er betont, daß der ganze Organisationsapparat der Partei auf legale oder illegale Tätigkeit der Partei eingestellt sein muß. Und wir versuchen, diese legale und illegale Tätigkeit deutlich werden zu lassen, damit jeder sieht, daß man schon die Organisationen für die legale und illegale Arbeit schulen soll. Nun wird einer sagen, es steht zu wenig darin. Sehr richtig. Der andere wird sagen: zu viel. Wir glauben, daß wir den Mittelweg gefunden haben, um darauf hinzuweisen, um das Ineinanderübergehen deutlich werden zu lassen. Nur wenn die Partei wirklich in der Lage ist, dieses Organisationsprinzip der Arbeitspflicht des demokratischen Zentralismus zu begreifen, wenn sie in der Agitation und Propaganda in der Durchführung der politischen Kämpfe, in der Bearbeitung der Presse als eine wirkliche Kampfgemeinschaft figuriert, wenn sie bei der Struktur ihres Parteiorganismus berücksichtigt, was wir gesagt haben, dann darf man annehmen, daß der nächste Kongreß uns Parteien erleben läßt, die man wirklich mit dem Ehrentitel Kommunistische Parteien belegen darf.
Genossen, damit bin ich am Schluß des Hauptabschnittes meines Vortrages. Ich muß noch einige Worte. sagen über den zweiten Abschnitt, der viel kürzer sein kann, über den organisatorischen Aufbau der Kommunistischen Internationale und ihr Verhältnis zu den angeschlossenen Parteien. Sie haben in der „Moskau“ einen Vorschlag gefunden, den die Deutsche Kommunistische Partei in ihrer Parteiausschußsitzung vom 5. Mai machte. Auf Grund dieses Vorschlages haben mit Vertretern der Exekutive Verhandlungen stattgefunden, und es ist daraus jetzt eine Resolution geworden, die ich Ihnen zur Annahme vorlege, die alle wesentlichen Wünsche, die in der deutschen Resolution enthalten sind, wirklich erfüllt. Welches sind nun die Wünsche, die wir erfüllt haben möchten? Von einigen war schon die Rede, als wir den Gewerkschaftsbericht der Exekutive entgegennahmen. Diese Dinge wurden schon bei der Resolution erledigt, die beim Abschluß der Diskussion über den Bericht der Exekutive vorgelegt wurde. Es heißt in dieser Resolution: „Der Kongreß erwartet, daß die Exekutive unter verstärkter Mitwirkung der angeschlossenen Parteien zur Herstellung eines besseren Verbindungsapparats und durch verstärkte Mitarbeit der Parteien in der Exekutive ihre steigende Aufgabe in noch größerem Maße als bisher zu erfüllen in der Lage sein wird.“
Es wird weiter in dieser Resolution noch gefordert, daß die Parteien ihre besten Kräfte für die Exekutive als die Leitung der ganzen internationalen Kampfbewegung hergeben. Von diesem politischen Gesichtspunkte ausgehend, ist die Resolution, die ich Ihnen zur Annahme empfehle, entworfen. Ich werde sie zunächst verlesen und vielleicht noch einige kurze Worte der Begründung anführen. Die Resolution lautet:
Der III. Weltkongreß stellt fest, daß in der Entwicklung der Kommunistischen Internationale der Zeitpunkt gekommen ist, von der Etappe der propagandistisch-agitatorischen Beeinflussung der Massen der kapitalistischen und Kolonial-Länder überzugehen zu einer immer straffer auszubauenden wirklichen politischen, organisatorischen Leitung der revolutionären proletarischen Kräfte aller Länder. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale soll so ausgebaut werden, daß es ihr möglich wird, zu allen Aktionsfragen des Proletariats, wie z. B. zu den immer brennender werdenden Problemen der Massenarbeitslosigkeit, der gewaltsam konfliktschwangeren Verschärfungen der politischen Beziehungen der kapitalistischen Regierungen (wie Sanktionen und Durchführung von Sanktionen, Friedensverträge und des neuen Wettrüstens von Amerika, England und Japan) Stellung zu nehmen. Über die bisherigen Aufrufe hinaus zu solchen kritischen Fragen soll die Exekutive mehr und mehr dazu übergehen, Mittel und Wege zu finden, um die praktische Initiative für ein einheitliches organisatorisches und propagandistisches Auftreten der verschiedenen Sektionen zu den internationalen Streitfragen herbeizuführen. Die Kommunistische Internationale muß zu einer Internationale der Tat heranreifen, zur internationalen Leitung des gemeinsamen täglichen Kampfes des revolutionären Proletariats aller Länder. Voraussetzung dafür ist:
I. Die der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien müssen alles daran setzen, um mit der Exekutive die engste und eifrigste Verbindung aufrechtzuerhalten, sie müssen nicht nur die besten Vertreter ihres Landes für die Exekutive stellen, sondern mit Umsicht und Zähigkeit die dauernde gute Information der Exekutive betreiben, damit die Exekutive auf Grund wirklicher Dokumente und gründlicher Materialien zu den auftauchenden politischen Problemen Stellung nehmen kann.
II. Die angeschlossenen Parteien müssen sich immer mehr tatsächlich als Sektionen einer gemeinsamen internationalen Partei fühlen.
Sie müssen deshalb untereinander, insbesondere wenn sie benachbart sind und deshalb an den sich aus den kapitalistischen Gegensätzen ergebenden politischen Konflikten gleich stark interessiert sind, die engsten informatorischen und organisatorischen Verbindungen unterhalten, Durch gegenseitige Beschickung ihrer wichtigsten Konferenzen und durch den Austausch geeigneter leitender Kräfte kann dieses gemeinsame Aktionsverhältnis gegenwärtig am zweckmäßigsten angebahnt werden. Dieser Austausch leitender Kräfte muß unverzüglich zu einer obligatorischen Einrichtung aller irgendwie leistungsfähigen Sektionen werden.
III. Die Exekutive soll diese notwendige Verschmelzung aller nationalen Sektionen zu einer einzigen Internationalen Partei der gemeinsamen proletarischen Propaganda und Aktion dadurch fördern, daß sie in Westeuropa eine in allen wichtigeren Sprachen erscheinende Zeitungs-Korrespondenz herausgibt, durch die die Auswertung der kommunistischen Idee immer einheitlicher und klarer gestaltet werden muß, und die durch zuverlässige und gleichmäßige Informationen die Grundlagen für ein aktives gleichzeitiges Auftreten verschiedener Sektionen herstellen soll.
IV. Durch Entsendung bevollmächtigter Mitglieder der Exekutive nach Westeuropa und Amerika hat die Exekutive das Streben nach einer wirklichen Internationale des gemeinsamen täglichen Kampfes des Proletariats aller Länder organisatorisch wirksam zu unterstützen. Diese Vertreter hätten zur Aufgabe, das Exekutivkomitee mit den besonderen Bedingungen bekanntzumachen, unter denen die Kommunistischen Parteien der kapitalistischen und der Kolonialländer zu kämpfen haben, und sie hätten ferner dafür zu sorgen, daß diese Parteien in der engsten intimsten Verbindung sowohl mit der Exekutive als auch untereinander bleiben, um ihre gemeinsame Schlagkraft zu erhöhen. Die Exekutive soll ebenso wie die Parteien dafür Sorge tragen, daß der Verkehr zwischen ihr und den einzelnen Kommunistischen Parteien sowohl persönlich durch Vertrauensmänner, als auch durch schriftliche Korrespondenten häufiger und schneller vor sich geht, als es bisher möglich war, so daß zu allen großen politischen Fragen eine übereinstimmende Stellungnahme herbeigeführt werden kann.
V. Um diese außerordentlich gesteigerte Tätigkeit übernehmen zu können, muß die Exekutive erheblich erweitert werden. Der Kongreß wählt den Präsidenten und beauftragt die Exekutive, drei leitende Sekretäre zu bestellen, die möglichst aus verschiedenen Parteien zu entnehmen sind. Neben ihnen sind die Mitglieder der Exekutive, die von den verschiedenen Sektionen nach Moskau entsandt werden, verpflichtet, durch ihre besonderen nationalen, Abteilungen oder durch Übernahme der Bearbeitung ganzer Sachgebiete als Referenten sich an der Erledigung der laufenden Arbeiten der Exekutive und des Sekretariats zu beteiligen. Die Länder, die die stimmberechtigten Mitglieder der Exekutive stellen, werden vom Kongreß durch besonderen Beschluß bestimmt, und so wird ihre Stimmenzahl durch Kongreßbeschluß geregelt. Die Mitglieder des geschäftsführenden engeren Büros werden durch die Exekutive besonders gewählt.
VI. Der Sitz der Exekutivkomitees ist Rußland, der erste proletarische Staat. Wenn möglich, sollte jedoch die Exekutive auch durch Konferenzen, die sie außerhalb Rußland organisiert, ihren Wirkungskreis zu erweitern versuchen, immer fester die organisatorische und politische Führung der gesamten Internationale zu zentralisieren.
Diese Resolution empfehle ich Ihnen zur Annahme, nachdem eine Vorberatung darüber stattgefunden hat. Zu ihrer Erläuterung ist nicht viel zu sagen, nur möchte ich ganz besonders betonen, daß die Parteien sich wirklich entschließen müssen, ihre besten Kräfte der Exekutive zur Verfügung zu stellen, damit auch hierin verwirklicht wird, was die Resolution fordert, daß die einzelnen Vertreter in der Exekutive nicht nur als Referenten für ihre Länder, sondern auch als Sachverständige für bestimmte Probleme dienen sollen. Solche Kräfte brauchen wir. Wir können nicht weiter von Rußland fordern, daß es alle diese Kräfte stelle, sondern wir müssen führende Genossen hierher schicken und dafür sorgen, daß die Exekutive aktiver wird. Es ist sehr billig, zu sagen, die Exekutive soll uns über diesen oder jenen Fall informieren, wie etwa über den Fall Levi, wo doch die Vertreter der Delegationen durch Deutschland durchgereist sind und zumindest 24 Stunden in Berlin weilten, wo sie sich hätten genau informieren können. Solche Einwände sind unzulässig in einer internationalen Partei, die sich kommunistisch nennt. Es muß eine engere Verbindung in der Internationale hergestellt werden, und die einzelnen Sektionen müssen alles tun, um eine solche engere Verbindung herbeizuführen. Gemeinsame Aktionen, gemeinsame Unterstützung können sehr verschieden aussehen. Man darf nicht daran glauben, daß überall gleichmäßig die Revolution sich herausbildet. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung in der verschiedensten Form der Aktion und der Propaganda. Wenn z. B. schon in einem Lande, große Demonstrationen stattfinden, so kann das andere Land durch die Presse, durch die Propaganda auf diese Demonstrationen Rücksicht nehmen.
Wenn in dem einen Lande Demonstrationen für irgendeine internationale Frage zu schweren Opfern und Kämpfen geführt haben, so können die anderen Länder sich wenigstens durch Parlamentsreden mit dem Nachbarproletariat unbedingt solidarisieren. Wenn große wirtschaftliche Kämpfe ausbrechen, in denen es noch nicht möglich ist, wirklich aktive Hilfe zu leisten, so muß durch die Nachbarländer ein Kampfgeist gehen, der die brüderliche Unterstützung der Arbeiter durch Aufrufe, durch Kundgebungen, durch Geldunterstützungen wirklich zum Ausdruck bringt. So wird es eine ganze Reihe von Möglichkeiten geben, die die Verbindung zwischen den nationalen Organisationen fester schmieden, nicht nur die Verbindungen der Exekutive mit den einzelnen Parteien. Die Bourgeoisie schafft sich eine solche Zentralisation. Ich habe schon auf dem Kongreß der Gewerkschaftsinternationale darauf hinweisen können, daß kürzlich in Berlin erst wieder der Oberleiter des politischen Spitzeldienstes Staatsanwalt Weißmann eine Verhandlung mit dem Chef der französischen und englischen Geheimpolizei hatte, um eine Organisation für den Zweck zu schaffen, daß, falls Rußland zusammenbricht oder sonst Verwicklungen entstehen, ein Entrinnen der kommunistischen Hetzer nicht möglich ist. Sie bereiten sich vor auf alle Fälle, sogar auf die ausgeklügelsten und raffiniertesten Möglichkeiten. So müssen wir, wenn die internationale Bourgeoisie schon über alle Grenzen hinaus zu so komplizierten Vereinbarungen kommt, die Anfangsschritte machen für internationale Parteien, nicht nur durch Resolutionen, sondern durch praktische organisatorische Maßnahmen. Nur dann wird es wahr werden, daß die Internationale wirklich die Menschheit sein wird. (Lebhafter Beifall.)
Schaffner (Schweiz). Genossinnen und Genossen! Ich stelle den Antrag, diese Thesen über die Organisationsfragen ohne Diskussion an die Kommission zurückzuweisen, und zwar als ungeeignet für eine Basis zur Diskussion. Es wurde seinerzeit eine Kommission ernannt, die diese Thesen ausarbeiten sollte. Statt dessen haben wir hier 18 Seiten, in einem ziemlich anfechtbaren, journalistischen Stil geschrieben, 18 Seiten Elaborat, das gewiß einige gute Gedanken enthält, das aber so vage, so verschwommen gehalten ist, daß es den Namen Thesen überhaupt nicht verdient, denn, wenn wir anfangen würden, hier zu kritisieren, müßten wir mit Stilkorrekturen, Textkorrekturen anfangen, wir müßten die ganze Geschichte umschreiben, so daß überhaupt eine Diskussion fruchtlos sein würde. Ich verlange also oder stelle den Antrag, ohne Diskussion diese Thesen zurückzuweisen, und der Kommission den Auftrag zu geben, daß sie morgen, nicht erst um 1 Uhr, sondern so früh wie möglich, zusammentritt, damit es möglich ist, neue Thesen, die vielleicht das Gute, Brauchbare aus diesen Thesen herausnehmen, auszuarbeiten und sie dem Kongreß vorzulegen. Ich stelle auch den Antrag, die außerordentlich wichtigen Fragen der Reorganisation der Internationale und der Exekutive nicht so durch eine Resolution, die sehr anfechtbar ist und die im ganzen Saal, glaube ich, nur die wenigsten Leute kennen, unter den Tisch zu wischen, sondern diese für die Internationale sehr wichtigen Fragen durch eine Kommission, in der alle Delegationen vertreten sind, richtig vorbereiten zu lassen und für diese spezielle Frage auch eine Kommission zu ernennen, die ebenfalls morgen früh anzutreten und diese Arbeit morgen abend vorzulegen hat.
Sinowjew. Genossen! Es scheint mir, daß der Genosse Schaffner doch etwas zu kategorisch über diese Thesen geurteilt hat. Er hat den Antrag gestellt, dieses Elaborat ohne Diskussion zurückzuweisen. Ich meine, er ist vollkommen in Unrecht. Die Thesen sind von einer Anzahl Genossen ausgearbeitet. Vielleicht ist die deutsche Sprache, die die internationale bunte Gesellschaft ausgearbeitet hat, wirklich etwas schwer verständlich. Aber der Inhalt dieser Thesen ist meiner Meinung nach sehr richtig und sehr gut. Wir haben darin eine ganze Anzahl kostbarer und sehr wichtiger Sachen für alle Parteien. Ich werde nur ein Kapitel anführen, z. B. die Arbeitspflicht der Mitglieder, Propaganda usw. Ich glaube, Genossen, daß wir diese Thesen im großen und ganzen unbedingt annehmen müssen und werden. Aber, selbstverständlich, soll das nach einer Diskussion geschehen. Wenn die Genossen so ermüdet sind, daß keine Diskussion stattfinden kann oder wenn die französische Ausgabe noch nicht verteilt ist, soll man mit der Diskussion warten. Zunächst soll die Kommission morgen arbeiten, aber keineswegs soll man die Thesen einfach zurückweisen. Ich wiederhole: Derjenige, der die Thesen aufmerksam gelesen hat, wird zur Auffassung kommen, daß sie im großen und ganzen sehr gut, sehr richtig und sehr wichtig für die Bewegung sind. (Zustimmung.) Genossen! Es wurde kein Antrag gegen den zweiten Antrag des Genossen Schaffner gestellt. Ich habe es überhört. Aber man sagt, Genosse Schaffner sollte den Antrag gestellt haben, eine spezielle Kommission zur Frage der Zusammensetzung der Exekutive einzusetzen. Ich meine, Genossen, alle Parteien hatten die Möglichkeit und haben noch heute die Möglichkeit, ihre Vertreter in die Organisationskommission zu entsenden. Diese Kommission soll die Frage diskutieren. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß wir sehr ermüdet sind, daß man wohl schwer eine besondere Kommission zustande bringen könnte. Man soll die Parteien bitten, sie mögen in die Organisationskommission ihre Vertreter entsenden, damit beide Fragen in einer einzigen Kommission behandelt werden. ( Zustimmung.)
Genossen, die Französische Delegation hat sich mit der uns vorher vom Gen. Koenen eingebrachten Frage der Organisation der Internationale beschäftigt, und gestern abend wurde in unserer Sektionssitzung beschlossen, den Kongreß zu ersuchen, eine Kommission zum Studium dieser Frage einzusetzen. Da wir aber vor der Tatsache stehen, daß eine Kommission zum Studium der Organisation bereits ernannt ist, bitten wir, daß sofort zwei Unterkommissionen geschaffen werden: eine zum Studium der Organisationsfragen und die andere für die Organisation der Internationale. Wir verlangen, daß diese Kommissionen sofort eingesetzt werden, da die Fragen der Organisation des Exekutivkomitees von hervorragender Wichtigkeit sind.
Vors. Kolarow. Der Kongreß kann den Vorschlag der französischen Delegation zur Kenntnis nehmen und der Kommission übergeben, weil derselbe praktisch ist.
Da niemand sich weiter zum Worte gemeldet hat, schließe ich die Debatte über diese Frage mit der Bedingung, daß die Kommission sich mit allen diesen höchst wichtigen Fragen aufs gründlichste beschäftigt.
Bevor die Sitzung geschlossen wird, werden noch einige Mitteilungen gemacht.
Vaillant-Couturier. Es ist selbstverständlich, daß mehrere Delegierte von jedem Land geschickt werden können.
Vors. Kolarow. Von der Kommission können mehrere Delegierte abgesandt werden, da zwei Unterkommissionen vorhanden sind.
De-La-Grange. Sie verstehen, daß wir über die vorgeschlagenen Thesen nicht debattieren können, da wir dieselben noch gar nicht haben. Dasselbe wird auch morgen in der Kommissionssitzung der Fall sein, wenn die Thesen nicht abgedruckt sein werden. Deshalb bittet die französische Delegation, ihr die Thesen noch vor Anfang der Kommissionssitzung vorzulegen.
Vors. Kolarow. Zu diesem Zweck sind schon Vorkehrungen getroffen worden.
Schluß der Sitzung 10½ Uhr abends.
Die dreiundzwanzigste Sitzung (12. Juli 1921, 1 Uhr mittags)
(Die Orientfrage. — Redner: Tom Mann, Suleiman-Nuri, Dimitratos, Agasada, Machul Bey, Sinowjew, Kassian, Zchakaja, Awilow, Roy, Chang-Tai-Lai, Nach-Man-Tchoun, Taro Joshithara. Kara-Gadijew, Julien, Colliard, Kolarow.)
Vors. Sinowjew. Wir werden heute die Orientfrage behandeln. Als erster Redner zu dieser Frage wird einer der besten Vertreter der englischen Arbeiterklasse, der Gen. Tom Mann das Wort ergreifen.
Tom Mann (England). Genossen! Ich benutze die Gelegenheit, hier über die Orientfrage zu berichten. Zufällig hörte ich in einem Gespräch die Behauptung, England sei kein freies Land, und ich bin bestrebt, Euch das Gegenteil zu beweisen. In England ist es nicht allein der Bourgeoisie, sondern auch dem Proletariat erlaubt, sich mit wissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Wir dürfen glauben, was man uns in unseren Kindertagen gesagt hat, nämlich, daß die Erde vor ungefähr 6000 Jahren geschaffen wurde, aber wir dürfen auch der Ansicht sein, daß sie vor 600 000 Jahren oder vor Millionen von Zeitaltern entstand; solch ein freies Land ist England — nur dürfen wir bei aller Gedankenfreiheit die einkömmliche Position der offiziellen Vertreter der Geistlichkeit nicht ernstlich antasten. Einem jeden steht es frei, eine beliebige Wissenschaft, mag sie praktisch oder theoretisch sein, zu studieren: der Arbeiter kann jede Gelegenheit benutzen, um immer tiefer in die Rätsel der Natur einzudringen. Vor kurzem fand in England ein sehr wichtiges Ereignis statt. Ich meine den Besuch des Berliner Professors Einstein. Er hielt in London Vorlesungen über die Relativitätstheorie und betonte dabei die Tatsache, daß die Wissenschaft über dem Prinzip der Nationalität stehe; als Beweis führte er die höchst wichtige Tatsache an, daß die britische Regierung während des Krieges zwei Expeditionen ausgerüstet und an zwei verschiedene Punkte der Erde ausgesandt hat, um die Richtigkeit seiner Theorie, der Theorie eines deutschen Professors mit Hilfe wissenschaftlicher Beobachtung zu beweisen. Folglich, was die Wissenschaft anbetrifft, stehen die Gelehrten und sogar die Regierungen über allen nationalistischen Interessen. Vielleicht seid Ihr nicht ganz mit dieser Relativitätstheorie vertraut, und wißt nicht, von welch großer Bedeutung sie für die Arbeiter ist.
Zur Erklärung will ich Euch nur einen Paragraphen anführen. Dieser Paragraph behandelt den Beweis für das neue Prinzip der Relativität, welches sich auf die Lösung des allbekannten, früher unerklärlichen Widerspruches zwischen der astronomischen Berechnung des Prozesses des Merkur und den Resultaten der Beobachtung stützt. Außerdem, heißt es in diesem Paragraphen, gelang es dank der Lösung dieses Widerspruches, die Brechung des Lichtes jedes beliebigen Sternes bei seiner Kreuzung mit der Sonne während einer totalen Sonnenfinsternis festzustellen, was auch durch die Beobachtungen während der Sonnenfinsternis im Mai 1919 bestätigt wurde.
Wir besitzen die vollste Freiheit, diese wichtige Frage und andere ähnliche zu studieren, weil, wie mir scheint, das Studium solcher Fragen der wirtschaftlichen Lage der herrschenden Klassen nicht gefährlich werden kann. Wir können unsere Zeit und unsere Energie auch dem Studium der praktischen Wissenschaften widmen, wir können die Technik vervollkommnen helfen — man ermutigt uns sogar dazu. Wir dürfen technische Neuerungen einführen, die eine größere Produktion mit Hilfe einer kleineren Anzahl von Arbeitern ermöglichen. Dazu erhalten wir den Segen der herrschenden Klasse. Wir können nicht allein die Dampflokomotive durch die Lokomotive mit Ölheizung ersetzen, die Kessel abschaffen und das Prinzip der Dieselmotore einführen, wir können sogar die Kesselschmiede abschaffen, weil sie ja nun keine Gelegenheit mehr haben, Kessel zu fabrizieren, folglich dürfen wir sogar die Möglichkeit der Arbeit und des Erwerbs aus der Welt schaffen. In dieser Richtung ist es uns erlaubt überhaupt vorwärts zu schreiten. Es gibt aber auch eine oder zwei Arten der Tätigkeit, die nicht solch eine völlige Freiheit genießen. Wir dürfen uns z. B., mit der Soziologie beschäftigen; wir dürfen Anhänger sozialer Reformen sein; wir dürfen uns auch in das Verhältnis der herrschenden Klasse zu der unterdrückten vertiefen. Selbstredend mit dem Vorbehalt, daß wir keine bestimmten Maßnahmen zur Befreiung dieser unterdrückten Klassen planen, denn in dieser Hinsicht ist die Freiheit doch etwas beschränkt. Aber England bleibt doch ein großes Land. Die Wissenschaften werden ja unterstützt. Worauf aber dieses Land am meisten stolz sein kann, ist doch die Freiheit jedes einzelnen Engländers. Ich werde immer älter, aber noch nie in meinem ganzen Leben habe ich behaupten können, daß die Kinder dieses so sehr freien Landes genügend ernährt und gekleidet waren und in menschenwürdigen Wohnungen lebten. Dieses ist für uns ein Grund des tiefsten Bedauerns. Aber darauf antwortet man uns, daß das Britische Reich so groß ist, daß jedermann mit Achtung von ihm spricht, und daß wir dankbar sein sollen, einem so großen Reich anzugehören. Wir erfahren, wie ausgedehnt und mächtig dieses Reich ist, und was die Orientvölker anbetrifft, so hören wir, daß in Indien 200 Millionen der 320 Millionen Einwohner sich unter der unmittelbaren und vollständigen Herrschaft nicht ganz Englands, sondern einer Handvoll Engländer befinden. Die herrschende englische Bourgeoisie, die in diesem Lande eine diktatorische Macht besitzt, versucht mit Hilfe von Maschinengewehren und anderen Waffen, ihre Herrschaft zu befestigen und zu bewahren. Ich bedaure die Ausbeutung und die Knechtschaft, die in Indien herrschen, schmerzlich. 250 Millionen Inder stehen unter britischer Herrschaft. 85 % dieser Sklaven sind Bauern, die das vollste Recht besitzen, ökonomische Freiheit zu verlangen. Die Engländer fördern die Entwicklung der indischen Industrie und folglich auch diejenige der Bourgeoisie; englische Spinnereibesitzer aus Lancastershire haben in Indien Baumwollspinnereien gegründet, den elfstündigen Arbeitstag statt des achtstündigen in England erzwungen; dabei geben sie den Arbeitern nur einige Pence Lohn pro Tag, was zu noch größerer Bedrückung der Völker Indiens beiträgt.
Die Industrie und der Reichtum der Bourgeoisie wächst mit unheimlicher Schnelligkeit, das Volk ist aber unterdrückt. Wir möchten, daß Ihr wißt, daß es noch einen anderen Teil der Bevölkerung gibt, der nicht stolz darauf ist, dem Britischen Reiche anzugehören, sondern sich dessen doppelt schämt. Wir sind empört über die Tyrannei, die uns bedrückt, doppelt empört über die Bedrückung der fremden Völker. Wenn man im Interesse der indischen Bevölkerung handeln will, so muß man sich bemühen, diese Tyrannei abzuschaffen. Wir sind nicht zahlreich genug, aber wir besitzen einen klaren objektiven Blick auf die Zukunft und einen ungetrübten Verstand, deshalb suchen wir jede Gelegenheit, benutzen jedes Mittel, um die Befreiung der Völker Indiens zu beschleunigen. Dasselbe tun wir auch in Ägypten. Hier lebt ein Volk, welches nicht nur eine alte Zivilisation, sondern die augenscheinliche Fähigkeit und den Wunsch, sich selbst zu regieren, besitzt. Aber die britische Bourgeoisie ist auf der Hut, britische Gewehre und britische Soldaten sind jederzeit in Bereitschaft; man bedenke bloß, daß die englische Regierung ihre Bedrückung so organisiert hat, daß sie die Bevölkerung Ägyptens und Indiens mit Steuern zu belegen wagt, damit sie besser geknechtet werden könne. Die Ausbeutung Indiens ist zweifellos enorm. Die systematische Ausraubung der indischen Erzeugnisse, mit Hilfe der Steuern und des Mehrgewinnes, geht ins Ungeheuerliche. An diesem Reichtum hat aber der englische Arbeiter keinen Anteil, er will auch nichts damit zu tun haben. Diese Schätze wandern vollzählig in die Tasche der herrschenden Klassen. Übrigens saugen sie die Bevölkerung Englands, Schottlands, Wales und Irlands nicht weniger aus. Die Bourgeoisie beherrscht das ganze Vereinigte Königreich. Wir wenden unsere ganze Energie an, um die Befreiung des englischen Arbeiters zu beschleunigen, aber wir lassen auch keine Gelegenheit vorübergehen, um dasselbe für die andern Völker zu tun. Eine rein nationalistische Bewegung kann nicht stark genug werden, um mit der über die ganze Erde verzweigten Plutokratie zu kämpfen. Deshalb wollen wir den Klassenkampf in jedem dieser unterdrückten Völker unterstützen, damit sie die revolutionäre Bewegung in ihrer Mitte mit eigenen Kräften entwickeln und sich mit den revolutionären Bewegungen anderer Länder verbinden können. Wenn dieses eintritt, dann wird die Sonne der Freiheit für alle unterdrückten Völker aufgehen. Mittlerweile leiten wir, die Kommunisten Englands, die Propaganda in unserem eigenen Lande und protestieren energisch gegen die Unterdrückung der Völker. Von allen englischen Genossen, die den zwei Kongressen in Moskau beigewohnt haben, habt Ihr immer und immer wieder gehört, wie scharf sie jegliche imperialistische Ausdehnungsbestrebungen verurteilen.
Ich bin überzeugt, daß die Stunde kommen wird, wo die europäischen Länder ebenso aufgerüttelt werden, wie es mit Rußland geschehen ist. Unten im Hofe des Kreml steht die Große Moskauer Glocke, deren Klang weithin hörbar sein könnte. So ist auch Sowjetrußland für uns einer Riesenglocke gleich, die das Heil der ganzen Welt verkündigt.
Möge der Tag bald anbrechen, an dem die Weltrevolution die volle, soziale, politische und ökonomische Freiheit bringen wird.
Vors. Sinowjew. Genossen, es wird mitgeteilt, daß die Organisationskommission heute um 6 Uhr hier tagen wird. Alle Sektionen werden ersucht, ihre Delegierten zu dieser Sitzung zu senden.
Suleiman-Nuri (Türkei). Genossen, im Namen der Türkischen Kommunistischen Partei will ich dem Kongreß von der Arbeit und der nationalen Bewegung in Anatolien berichten. Die türkische Unabhängigkeitsbewegung hat für den Osten eine sehr große Bedeutung. Bis zum Weltkriege befand sich die Türkei, wie auch die übrigen Länder des Ostens, unter dem Joche des Imperialismus. Das türkische Volk, Bauern und Arbeiter, wurden gegen ihren Willen und Wunsch durch ihre Unterdrücker — die Paschas — in diesen imperialistischen Krieg hineingezogen. Während dieses Krieges wurde ein großer Teil der türkischen Jugend, Offiziere und Asker, gefangen genommen und in Rußland, Deutschland und anderen Ländern interniert. Dort lernten sie die Bedeutung und die Ursachen dieses Krieges kennen, und kehrten nach Hause zurück, den Geist der sozialistischen und kommunistischen Bewegung mit sich bringend. Und nach dem Weltkriege, als die Paschas den Versailler Frieden schlossen, erhoben sich die anatolischen Arbeiter und Bauern, um sich die Unabhängigkeit mit bewaffneter Hand zu erkämpfen. An die Spitze dieser Unabhängigkeitsbewegung stellten sich wieder dieselben Paschas, wie Kemal-Pascha und andere. Die Rolle und die Tendenzen Kemal-Paschas waren dieselben wie beim früheren türkischen Regime. Die Regierung Angora führt einerseits einen bewaffneten Unabhängigkeitskampf gegen die Entente und sucht andererseits jede kommunistische Bewegung zu unterdrücken. Der Tod unserer Genossen, mit Genossen Subchi an der Spitze, und die Gefängnishaft vieler unserer Genossen bezeugen, daß Kemal einen erbitterten Kampf gegen die Kommunisten führt.
Die von Kemal organisierte Partei ist von ihm zu Provokationszwecken, zur Verfolgung der Kommunisten, und zur Vernichtung jeden kommunistischen Einflusses gegründet worden. Unsere Kommunistische Arbeiterpartei hat mit der erwähnten Partei nichts gemein. Aber den anatolischen Bauern und Arbeitern ist es bewußt, daß, so lange die nationale Unabhängigkeitsbewegung anhält, sie, sowohl als auch wir Kommunisten, dieselbe unterstützen müssen, da die Vernichtung der Entente und der Imperialisten die Grundlage und der Anfang der Weltrevolution, die jede Sklaverei vernichten wird, ist. Und daher werden die anatolischen Arbeiter und Bauern diesen Kampf, so lange er gegen die Entente geführt wird, unterstützen. Aber wenn Kemal-Pascha es wagt, diesen Unabhängigkeitskampf zu unterbrechen und auf ein Kompromiß einzugehen, werden sich die anatolischen Arbeiter und Bauern wie ein Mann erheben, Kemal stürzen, und über seine Leiche hinweg auf die Front übergehen, auf der sie mit dem ganzen Osten um ihre Unabhängigkeit kämpfen werden. Unsere Kommunistische Partei, die ihren I. Kongreß in Baku und in Asserbeidschan, abhielt, setzt, ungeachtet aller Verfolgungen, ihre Agitationstätigkeit in der Türkei fort, und spricht die Hoffnung aus, daß die Weltrevolution, unter der Fahne der III. Internationale, den Sieg davontragen und die unterdrückten Völker und die Arbeiterklasse der ganzen Welt befreien wird.
Dimitratos (Griechenland). Griechenland war die letzte Macht, die in den europäischen Krieg eintrat. Sie wurde vielmehr durch den Druck der Ententemächte in den Krieg hineingezogen. Griechenland verfolgte dabei nicht die Interessen seines eigenen Volkes, sondern diejenigen der Entente-Kapitalisten. Der Krieg ist für das griechische Volk noch nicht zu Ende. Gegenwärtig hat es gegen die Türkei zu kämpfen. Das griechische Volk hat mehrmals versucht, durch Kundgebungen gegen den Krieg, der noch jetzt in Klein-Asien fortdauert, zu protestieren. Das Proletariat Griechenlands versteht sehr gut, daß der Krieg nur den Kapitalisten seines eigenen Landes und der Entente, namentlich aber dem englischen Kapital dient. Griechenland ist zur Kolonie der Entente, oder vielmehr Englands geworden. Das griechische Volk ist viel schlimmer daran, als die Bevölkerung der Kolonien, denn es zahlt dem Weltkapitalismus nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch Tribut. Es zahlt den Tribut in Blut, das es auch noch heute in Klein-Asien für die englischen Kapitalisten vergießt. Das Volk, d. h. das Proletariat hat mehrmals gegen diesen Krieg protestiert, es hat mehrmals durch unsere Partei erklärt, daß es dieses Gemetzel nicht unterstützen will.
Die unausgesetzten Kriege, in die das griechische Volk seit 1912 hineingezogen wurde — es hatte erst gegen Bulgarien und dann gegen die Türkei zu kämpfen — und die Höhe der Staatsschulden, die den Nationalreichtum des Landes um das Doppelte übersteigen, haben eine unerträgliche Lage geschaffen. Einen Beweis für die Unzufriedenheit der Massen mit der Politik der griechischen Regierung liefert die Tatsache, daß eine ungeheure Masse der Soldaten fahnenflüchtig geworden ist. Es gibt mehr als Hunderttausend Fahnenflüchtige in der Armee. Es gibt mehr als Hunderttausend Bauern und Arbeiter, die die Armee verlassen und dadurch erklärt haben, daß sie die Regierung Griechenlands bei der Fortsetzung dieser Politik nicht mehr unterstützen wollen, daß sie nicht weiter mithelfen wollen bei dem Gemetzel, das weder im Interesse der türkischen, noch im Interesse der griechischen Arbeiter ist.
Unsere Partei hat zweifellos ihre Pflicht getan, sie hat keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, um die unzufriedenen Elemente gegen die Regierung aufzustacheln. Unsere Partei hat sich mehrmals an die Spitze der Unzufriedenen gestellt, die gegen die Regierung vorgingen und wurde deswegen von den Behörden verfolgt. Noch vor zwei Monaten wurden in einer einzigen Stadt 160 Personen wegen Widersetzung gegen den Krieg verhaftet. Augenblicklich stehen in verschiedenen Städten ungefähr 40 Personen wegen Hochverrats unter Anklage.
Die griechische Bourgeoisie bekämpft uns mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln. Sie sieht in uns ihren Feind. Sie weiß, daß wir gegen sie kämpfen und dem Volke über die Verbrechen, die sie gemeinsam mit den europäischen Kapitalisten und Imperialisten begeht, die Augen öffnen. Die Kommunistische Partei Griechenlands erklärt den Mitgliedern dieses Kongresses, daß das griechische Proletariat, die griechischen Arbeiter und Bauern zwischen sich und dem Volke, den Proletariern und Bauern der Türkei keinen Unterschied machen. Unsere Partei wünscht, daß zwischen den Arbeitern und Bauern beider Länder Friede und Freundschaft herrsche. Alles Wünschen und Wollen, die ganze Tätigkeit unserer Partei richtet sich darauf, die Regierung zur Einstellung dieses Krieges zu zwingen, der das Proletariat beider Länder ausrottet. Unsere Partei erklärt, daß sie für die Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Völkern, zwischen dem Proletariat der Türkei und Griechenlands arbeiten wird. Sie wird dafür arbeiten, mit dem Proletariat des gesamten Balkans, d. h. Bulgariens, Rumäniens und Serbiens, ja mit dem Proletariat der ganzen Welt in Verbindung zu treten. Die Kommunistische Partei Griechenlands wird ihre ganze Kraft daran setzen, um die Bande der Freundschaft und der Brüderlichkeit mit dem Proletariat des Orients fester zu knüpfen, zur Bekämpfung unserer Bourgeoisie, die das Werkzeug des Ententekapitalismus, der Ententebourgeoisie geworden ist und unsere Völker tyrannisiert, denn wir sind überzeugt, daß nur ein enges Bündnis der Kommunisten aller Länder des Orients die Macht des Kapitalismus zu stürzen, dem Gemetzel ein Ende zu machen und die Völker des Orients zu befreien vermag.
Im Namen des klassenbewußten Proletariats Griechenlands begrüßen wir die Bestrebungen der Internationale zur Befreiung der Völker des Orients. Wir sprechen die Überzeugung aus, daß die Orientvölker, durch die russische Revolution angefeuert, nicht zögern werden, ihre Ketten zu zerreißen und das Joch der einheimischen und ausländischen Imperialisten und Kapitalisten abzuschütteln.
Agasada (Iranische Kommunistische Partei). Genossen, wir stimmen vollkommen darin überein, daß die auf dem II. Kongreß angenommenen Leitsätze über die nationale und koloniale Frage diese in erschöpfender Weise behandeln und möchten jetzt hier nur auf die Erfahrung des letzten Jahres hinweisen, die wir bei unserer Arbeit in Persien, diesem ökonomisch rückständigen, aber überaus reichen Lande, gesammelt haben. Vor allem muß hervorgehoben werden, daß Persien während der letzten Jahrzehnte der Schauplatz des Kampfes zwischen dem russischen Zarismus und der englischen Okkupation war, die mit der größten Entschiedenheit die schwärzeste Reaktion unterstützt. Und erst nach der Oktoberrevolution, als das russische Proletariat sich von den räuberischen Verträgen, die die russischen Gutsbesitzer abgeschlossen hatten, lossagte, nahm die revolutionäre Bewegung einen größeren Umfang an, und dies um so mehr, da die Engländer an die Besetzung und Ausraubung Persiens gingen. Diese zynische Offenherzigkeit verstärkte den Haß gegen die englischen Imperialisten ungeheuer und der Kampf gegen ihre Gewaltherrschaft wurde zur populärsten revolutionären Losung unter den breiten Schichten der Bevölkerung.
Im Laufe der Jahre 1919—20 wuchs die gegen die Engländer und den Schah gerichtete revolutionäre Bewegung in vielen Gebieten Persiens, in Chorassan, Masandaran, Gilan, Aserbeidshan, Kurdistan und anderen Orten mit solcher Kraft an, daß die Regierung von Teheran, ungeachtet des Ueberflusses an englischer Munition, die Aufstände dennoch nicht unterdrücken konnte.
Den größten Umfang nahm die nationale Befreiungsbewegung in Gilan an, wo die Engländer alle ihre Kräfte zusammengezogen hatten. Die Ursachen des mißglückten Ausganges dieses Kampfes bestanden auch hier hauptsächlich darin, daß die gilanischen Nationalisten mit Hilfe des ganzen Volkes, d. h. mit Hilfe nicht nur der Bourgeoisie und der Bauern, sondern auch der Fürsten und Gutsbesitzer die Engländer zu besiegen und den Schah zu stützen gedachten: das war der größte Fehler der gilanischen Nationalisten, denn sowohl die englischen Imperialisten als auch die Regierung des Schahs stützen sich gerade auf diese Gutsbesitzeraristokratie. Die neue, nach dem Februarumsturz in Teheran gebildete Regierung war augenscheinlich bestrebt, diesen Umstand in Betracht zu ziehen, und wies in ihrer, an das persische Volk gerichteten Deklaration neben der Erklärung der Annullierung des räuberischen englisch-persischen Vertrages vom 9. August 1919 auf die häßliche Rolle hin, die die Gutsbesitzeraristokratie beständig in Persien spielte.
Und in der Tat hätten die Engländer sich ohne die Beteiligung und Unterstützung der persischen Gutsbesitzer nicht einen Tag in unserem Lande halten können. Die Iranische Kommunistische Partei hat sich während ihrer vierjährigen praktischen Tätigkeit davon überzeugt, daß sogar die bürgerlich-demokratische Revolution in Persien nicht denkbar ist, ohne die Befreiung der Bauern von einer ganzen Reihe feudaler Lasten und ohne die Erleichterung ihrer ökonomischen Lage auf Kosten der Gutsbesitzer.
In unserem Programme stellen wir als die nächste Aufgabe nicht nur die Vertreibung der Engländer und den Sturz der Regierung des Schahs auf, sondern auch die Einberufung der Konstituierenden Versammlung, die in erster Reihe alle Überbleibsel des Feudalismus abschaffen und die Produktivkräfte von den außerordentlich schweren Fesseln befreien muß, in denen sie sich bis jetzt befinden. Unsere Partei, die die nationale Befreiungsbewegung in entschiedener Weise unterstützt, ist gleichzeitig bestrebt, durch Schaffung von Gewerkschaftsverbänden der Arbeiter und Handwerkergesellen in den Städten und von Bauernverbänden auf dem Lande diese breiten Massen in die Bahn des revolutionären Kampfes hineinzuziehen und sie durch Hebung ihres Klassenbewußtseins allmählich zu dem Kampfe vorzubereiten, der nach dem Siege der bürgerlichen Revolution einsetzen wird.
Der Prozeß der Machtergreifung durch die Werktätigen kann in unserem Lande ein sehr langwieriger sein und ist mit der proletarischen Weltrevolution eng verbunden. Nur nachdem die soziale Revolution, wenn auch nur in einigen vorgeschrittenen kapitalistischen Ländern Europas gesiegt haben wird, können die persischen Kommunisten im Bunde mit den persischen Massen die Frage der Ergreifung der politischen Macht und der Schaffung von Arbeiter- und Bauernräten stellen. Und wir sind fest überzeugt davon, daß der Sieg des internationalen Proletariats bedeutend früher, als wir annehmen, eintreten und dadurch ein für allemal die unterdrückten Völker Persiens und der ganzen Welt vom Joch und von der Ausbeutung durch die eigene und die ausländische Bourgeoisie befreien wird.
Vors. Sinowjew. Genossen, eine revolutionäre, aber nicht kommunistische Organisation der Muselmanen hat sich an das Präsidium gewandt mit der Bitte, man möge ihr erlauben, dem Kongreß eine Deklaration vorzulegen. Es ist das Komitee des revolutionären Muselmanentums, das im Jahre 1919 gegründet wurde. Sie arbeiten in der Türkei, Ägypten, Tripolis, in den französischen Kolonien und Indien. Ich wiederhole, es ist keine kommunistische Organisation, aber eine Organisation, die gegen die Knechtung der Muselmanen und gegen den Imperialismus ankämpft. Das Präsidium schlägt dem Kongreß vor, eine solche Deklaration anzuhören. Ich werde also den Kongreß fragen, ob er damit einverstanden ist. Ist jemand dagegen? Das scheint nicht der Fall zu sein. Also der Vorschlag des Präsidiums ist angenommen. Das Wort hat Machul Bey.
Machul Bey. Fast ein Jahr ist seit dem Kongreß der Orientvölker in Baku ins Land gegangen. Mit voller Genugtuung verfolgen wir die Entwicklung der Freiheitsbewegung unter der Fünfhundert-Millionen-Bevölkerung der Orientländer vom Atlantischen Ozean über Nordafrika und China bis zum Stillen Ozean, einer Bevölkerung, von der etwa vier Fünftel demselben Glauben, dem Islam, angehören, dessen Hauptgrundsatz die Freiheit ist.
Die Tätigkeit der revolutionären Organisationen in Marokko, Algier, Tunis, Tripolis, Syrien, Ägypten, Albanien, Yemen, Mesopotamien, Persien und Indien, die sämtlich zum Verband der Revolutionären Muselmännischen Organisationen gehören und die Ergebnisse dieser Tätigkeit verleihen uns feste Hoffnung auf den endgültigen Sieg.
Unsere Genossen in der Türkei, dem einzigen Lande, das sich noch die Freiheit bewahrt hat und den Stützpunkt aller revolutionären Organisationen bildet, legen, dank dem Umstande, daß Sowjetrußland nun in eine Epoche des Friedens und des Wiederaufbaus eingetreten ist, die Waffen nicht nieder und setzen ihren Kampf gegen die Welt des Verbrechens und der Unterdrückung fort.
Wenn man die Lage in der Türkei betrachtet, muß man zugeben, daß sie in diesem Jahre unvergleichlich besser ist als im vorigen. Die Verhältnisse, die dem Sturz der imperialistischen Armenier, der Daschnaken folgten — die Daschnaken mußten bekanntlich den Kommunisten die Macht abtreten — machten dem blutigen türkisch-armenischen Gemetzel, das den Vorteil der westlichen Imperialisten verfolgte, für die kämpfenden Völker aber keinerlei Vorteil bot, ein Ende. Nachdem die Türkei diese Gefahr, die ihr vom Osten her drohte, beseitigt hatte, versetzte sie dem blinden Werkzeug Englands, Griechenland, zwei fühlbare Schläge. Wir sind überzeugt, daß auch diese Gefahr bald schwinden wird, und daß der Sieg den Völkern Anatoliens den Frieden sichern wird, dessen sie so sehr bedürfen.
Diese erfolgreiche Verteidigung wurde dadurch möglich, daß die Völker Anatoliens sich eng zusammenschlossen und mit vereinten Kräften gegen den Feind vorgingen. Angesichts der gemeinsamen Gefahr vergaßen sie alle ihre Meinungsverschiedenheiten und das Auseinandergehen ihrer Ziele. Sämtliche unterdrückte Völker könnten sich in ihrem Kampf für die Befreiung ein Beispiel an ihnen nehmen.
Marokko: Die Milliarden, die die Franzosen für Marokko ausgegeben haben, hindern keineswegs die Tätigkeit der marokkanischen Revolutionäre. Sie haben dem französischen Imperialisten unzählige Niederlagen zugefügt.
Wir können nicht umhin, an dieser Stelle Abdul Maliks, des Sohnes des Emir Abdul Kadir zu erwähnen, der zu den tätigsten Mitgliedern unserer Organisation gehört und gemeinsam mit seinen Genossen im östlichen Marokko kämpft. Im vorigen Jahre ist es uns gelungen, die Führer, die in einzelnen Gegenden Marokkos Aufstände organisierten, in einem einzigen leitenden Zentrum zusammenzuschließen. Dies veranlaßt uns, für die Zukunft das Beste zu erhoffen.
Algier: Die revolutionäre Bewegung in Algier und Tunis befindet sich noch im Vorbereitungsstadium, doch dürfen wir für die Zukunft zweifellos Hoffnung hegen.
Tripolis: Um ein Bild über die Lage in Tripolis zu geben, genügt es zu sagen, daß der Kampf, der nun schon 10 Jahre lang dauert, die Italiener in Ausgaben gestürzt hat, die sich auf Milliarden Lire und ca. hunderttausend Menschenleben beziffern. Das Volk aber hat einen ungeteilten Sieg über die Italiener davongetragen. Allein während der letzten drei Jahre wurden den Italienern in Osttripolis über 70000 Gewehre abgenommen. Italien verlor dabei ca. 35000 Mann.
Die Macht befindet sich augenblicklich völlig in den Händen eines vom Volke gewählten Zentralkomitees. In diesem Lande hat unsere Organisation das Vorbereitungsstadium schon längst überschritten. Sie ist zur direkten Aktion und zur Revolution übergegangen, hat dem Volke die Freiheit gesichert und ist in die Lage gekommen, unmittelbar die Regierungsmacht zu übernehmen. Die Italiener sahen sich gezwungen, sich an die Meeresküste zurückzuziehen, wo sie eine Landstrecke von über tausend Kilometer besetzt halten. Jedoch ziehen sie keinen Vorteil daraus, sondern sind gezwungen, viele Milliarden Frank jährlich dafür auszugeben. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem man sie völlig aus dem Lande verjagen wird.
Ägypten: Wir wollen uns über Ägypten nicht allzu sehr verbreiten. Noch vor kurzem erhob sich die dortige Bevölkerung gegen die Engländer und ging, nur mit Steinen und Stöcken bewaffnet, gegen ihre Unterdrücker vor. Wenn die Bevölkerung Ägyptens erst bewaffnet sein wird, so werden wir noch ganz anderen Auftritten beiwohnen. Die Partei „Hizb-ul-Vatani“, der „Freie Nil“ und die terroristischen Organisationen, die sämtlich zu unserem Verbande gehören, machen sich, namentlich nach der Aktion Zaglul Paschas, immer mehr unseren Grundgedanken zu eigen, daß man die Freiheit nur durch Waffengewalt erringen kann und daß es fruchtlos ist, zu erwarten, daß der Unterdrückerstaat etwas aus freiem Willen für die einheimischen Völker tun werde. Im Einklang mit dieser Überzeugung ergreifen die ägyptischen Revolutionäre entsprechende Maßnahmen.
Albanien: Bevor wir von den mehr westlich liegenden Ländern sprechen, müssen wir einige Worte über die Befreiungsbewegung in Albanien sagen. Dieses tapfere Volk, das von allen Seiten von den Imperialisten bedrängt wird, von den Italienern im Westen, den Griechen im Süden, den Serben im Norden und Osten, ist aus dem bitteren Kampf, den es zu führen hatte, als Sieger hervorgegangen. Der westliche Teil Albaniens ist heute von allen Eindringlingen vollständig befreit. Obgleich die Besiegten von gestern, die früheren Unterdrücker des Landes, die Unabhängigkeit Albaniens offiziell noch nicht anerkennen wollen, hoffen wir doch, daß das freie Rußland den Imperialisten eine gute Lehre verabfolgen und sie veranlassen wird, offizielle Beziehungen mit Albanien anzuknüpfen.
Thrazien: Es wäre überflüssig, noch einmal auf die Türkei zurückzukommen. Wir können jedoch nicht umhin, in Erinnerung zu bringen, daß in Thrazien Tausende von Menschen umgekommen sind und daß Thrazien seinen Kampf gegen die Invasion noch bis heute fortsetzt. Im westlichen Anatolien, hinter der griechischen Front sind ungefähr 200 000 Männer, Frauen und Kinder der Barbarei des griechischen Imperialismus zum Opfer gefallen. Viele unter ihnen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Trotz alledem ließ der Kampf jedoch keinen Augenblick nach.
Persien: Das unglückliche persische Volk hat von keiner Seite Hilfe zu erwarten. Es ist also gezwungen, sich mit eigener Kraft zur Freiheit durchzuringen.
Wir können mit Genugtuung feststellen, daß die Organisationen in Persien sich unserem Verbande anschließen und sich täglich mehr entfalten.
Indien: Bis vor kurzem glaubten unsere Genossen in Indien, trotzdem sie unserem Verbande angehörten, daß sie auf friedlichem Wege zur Freiheit gelangen könnten. Nun aber sehen sie täglich mehr ein, daß man auf Gewalt nur mit Gewalt antworten kann. Nun haben sie den wahren revolutionären Weg betreten. Der Verband „Cheratule Islam“ und die übrigen revolutionären Organisationen auf Java gehen Hand in Hand mit uns vor. Wir arbeiten in vollem Einklang mit den Kopten in Ägypten, den Christen in Syrien, den Hindus in Indien. Wir arbeiten mit allen Völkern zusammen, die unter demselben Joch stöhnen, wie wir.
Genossen, wir bleiben der Verpflichtung treu, die wir in Baku übernommen haben, d. h. gemeinsam mit Euch gegen die Imperialisten zu kämpfen. Wir begrüßen Euch heute mit denselben Gefühlen, wie vor einem Jahre. Insbesondere danken wir den französischen und italienischen Genossen für die Aufrichtigkeit, die sie an den Tag gelegt haben. Solange die III. Internationale den Versprechungen treu bleibt, die sie den Orientvölkern in bezug auf den Freiheitskampf gegeben hat, werden wir als wahre und aufrichtige Kampfgenossen Euch zur Seite bleiben. Wir sind überzeugt, daß der Kommunistischen Partei Rußlands das Werk der Befreiung des Orients stets am Herzen liegen wird, daß sie den nötigen Druck auf die Regierungsorgane ausüben wird, um den Völkern des alten Zarenreichs, namentlich der muselmännischen Bevölkerung, die unter dem Zarenregime Unsagbares zu erdulden hatte und mit ihrem Blute bei der Errichtung der Sowjetordnung mitgeholfen hat, den kommunistischen Grundsätzen gemäß Rechte und Freiheit zu sichern.
Auf diese Weise wird die Propaganda, die die Imperialisten unter den Orientvölkern führen, von selbst zusammenfallen.
Arabien: Wie wir alle wissen, wurde Arabien dem Ottomanenreiche unter dem Vorwand entrissen, daß man die arabische Bevölkerung von der Barbarei der Türkei befreien wolle. Man versprach Arabien volle Gleichberechtigung; tatsächlich aber fiel das Land den französischen und englischen Eroberern in die Hände. Jedermann weiß auch, daß in Arabien, trotz der ungeheuren Summen, die die französische und die englische Regierung für das Land ausgeben, statt Frieden, Unterdrückung und Pogroms herrschen.
Die zwei Kugeln, die am 24. Juni v. J. die Manschetten des General Gouroud streiften, die Kugeln, die am selben Tage seinen Dragoman niederstreckten und Hakki Asmi, den die Franzosen an die Spitze der syrischen Regierung gestellt hatten, verwundeten, zeigen klar, inwiefern man den Franzosen glauben kann, die es an allen Ecken verkünden, daß die Bevölkerung Syriens sie voller Entzücken und Begeisterung begrüßt. Genossen, Syrien wird das Grab des französischen Imperialismus sein. Genossen, die französischen Kolonialtruppen bilden für Euch eine ebensolche Gefahr, wie für uns, Wenn wir uns jedoch an den Aufstand der Cipayer in Indien im Jahre 1857 erinnern, so werden wir einsehen, daß wir aus diesen Truppen großen Nutzen ziehen können. Die Tatsache, daß die Verbündeten der Franzosen, die Engländer, den französischen Imperialisten durch die Errichtung eines Fürstentums im Osten vom Jordan und die Einsetzung des früheren Emirs von Syrien, Faical, als König von Mesopotamien, den französischen Imperialisten eine Falle stellen, läßt uns hoffen, daß schon nach kurzer Zeit zwischen den Franzosen und den Engländern Konflikte entstehen werden, die uns zu großem Nutzen gereichen werden.
Arabien: In Zentralarabien setzt der Emir Ibn-Seoud die Bekämpfung der ausländischen Invasion eifrig fort. In Mesopotamien hat der Großscheik von Senoussis, Seyd Ahmed-Cherif mit seiner Organisation, die in Afrika unter einer Bevölkerung von 20 Millionen wirkt, tatkräftig dazu beigetragen, die italienischen Eroberer zurückzuwerfen. Gemeinsam mit anderen Führern, die sich um ihn gruppieren, dem Emir von Nejed, Ibn-Rechied, dem Führer der Anexeh, Hajim dem Führer der Chammar, Hougeimi, entwickelt er die revolutionäre Organisation und leistet einen Widerstand, dem die von den Engländern eingesetzten falschen Könige nicht standhalten können. Schon die Tatsache, daß die Engländer in Mesopotamien gegenwärtig 120000 Mann unterhalten und 60 Millionen Pfund Sterling verausgaben, beweist, welche Bedeutung die revolutionäre Bewegung in diesem Lande erlangt hat.
Yemen: In Yemen leistet der von den vier Millionen Bevölkerung erwählte Imam Jahia den ausländischen Unterdrückern tatkräftigen Widerstand. Die Revolutionäre in Yemen, die Hand in Hand mit unseren Genossen arbeiten, haben vor kurzem die Engländer aus Hodeida vertrieben.
Genossen, wir sind fest entschlossen, den Grundsätzen zu folgen, zu denen wir uns im vorigen Jahre in Baku bekannt haben. Wir werden stets in engster Gemeinschaft mit den unterdrückten Völkern arbeiten und sind überzeugt, daß der Endsieg unser sein wird.
Genossen, wir müssen nun wiederholen, was wir im vorigen Jahre gesagt haben: der imperialistische Krieg, der 1914 begann, ist noch immer nicht zu Ende. Noch lange werden die unersättlichen imperialistischen Raubtiere einander um der Herrschaft über die Orientvölker willen an die Gurgel greifen, um zuguterletzt von den Unterdrückten abgeschüttelt zu werden. Laßt uns alles für die Weltrevolution vorbereiten und im geeigneten Augenblick uns einmütig erheben, um unsere Freiheit zu gewinnen. Die Zeit reift unsere Sache. Laßt uns mutig und selbstverleugnend arbeiten.
Der Endsieg ist uns sicher, denn wir sind die Unterdrückten, wir haben das Recht auf unserer Seite. Gegen Recht und Gerechtigkeit kann aber nichts aufkommen.
Genossen, die Delegierten jedes einzelnen der oben erwähnten Länder, haben dem Bureau bereits einen Bericht über ihr eigenes Land unterbreitet. Wir hoffen, durch den Zusammenschluß aller dieser Bestrebungen ihnen bedeutend größere Wirksamkeit zu verleihen. Genossen, wir sind überzeugt, daß diese Bewegung, die die Bekämpfung des Imperialismus zum Ziele hat, siegen wird, und daß Eure Unterstützung ihren Sieg beschleunigen wird.
Vors. Sinowjew. Genossen, Sie werden erlauben, daß man dieses Dokument in der Presse publiziert und es ins Protokoll nimmt. Denn es ist unmöglich, so schnell eine Übersetzung davon zu machen. Im Namen des Bureaus möchte ich noch erklären: es ist bekannt, daß die Kommunistische Internationale seit dem ersten Gründungskongreß eine ganz klare Stellung in der nationalen Frage eingenommen hat. Die Kommunistische Internationale hat beschlossen, in allen unterdrückten Nationen, in allen Kolonialländern die Ansätze der Arbeiterbewegung mit allen möglichen Mitteln zu fördern, die Ansätze zu einer kommunistischen Bewegung zu fördern; darin besteht die erste Aufgabe der Kommunistischen Internationale. Die Kommunistische Internationale hat aber gleichzeitig beschlossen, jede wirklich revolutionäre Bewegung der unterdrückten Völker, der kolonialen Länder gegenüber dem Imperialismus zu unterstützen, weil die Kommunistische Internationale überzeugt ist, daß nur der Sieg der proletarischen Revolution die unterdrückten Völker auch wirklich befreien kann. Unsere Losung heißt: Proletarier aller Länder und die unterdrückten Nationen aller Länder, Ihr müßt Euch vereinigen zu einem gemeinsamen Kampf gegen den Imperialismus, für den Kommunismus. Wir müssen selbstverständlich jeden Nationalismus bekämpfen. Wir wissen ganz gut, daß z. B. in der Kemalistischen Türkei die Kommunisten ebenso niederträchtig gemordet werden, wie im sozialdemokratisch-bürgerlichen Deutschland. Selbstverständlich wird die Kommunistische Internationale gegen solche Methoden des Kampfes und gegen die Bekämpfung der Kommunisten überhaupt auf das schärfste kämpfen. Die Kommunistische Internationale wird es aber verstehen, dort, wo eine wirklich große revolutionäre, vielleicht auch halbnationalistische, aber wirklich revolutionäre Bewegung im Gange ist, diese Bewegung, insofern sie gegen jeden Imperialismus gerichtet ist, zu unterstützen, und das Weltproletariat wird führend allen diesen Bewegungen vorangehen. (Beifall.)
Vors. Kolarow. Genossen, das Wort hat Genosse Kassian, Delegierter der Armenischen Kommunistischen Partei.
Die Geschichte des armenischen Volkes ist eine der tragischsten, die die Weltgeschichte aufzuweisen hat. Es war immer ein Opfer des Rassenhasses, der von dem barbarischen türkischen Despotismus unterstützt und ausgenützt wurde. Umsonst hat dieses Volk an die menschlichen Gefühle der sogenannten zivilisierten Nationen appelliert. Metzeleien waren stets die Resultate seines Flehens. Während des europäischen Krieges hat das armenische Volk zum letzten Mal versucht mit Hilfe der mächtigen Entente, welcher es seine Kräfte zur Verfügung stellte, seine Freiheit und sein Lebensrecht zu erringen; aber wieder mußte es eine Enttäuschung erleben. Es ist dem erneuten Fanatismus zum Opfer gefallen. Nach diesen letzten Metzeleien hat sich das armenische Volk Rußland zugewandt, hat fest beschlossen, dem Beispiel des russischen Proletariats zu folgen. Das armenische Volk hat sich unter der Führung Sowjetrußlands gegen seine eigene Bourgeoisie, gegen seine eigenen Sozialpatrioten empört, es hat die Sowjetrepublik Armeniens proklamiert. (Applaus.)
Der Genosse Kassian, der als Vertreter des armenischen Volkes hergekommen ist, ist einer der ältesten und der tapfersten Mitglieder der Armenischen und der Russischen Kommunistischen Partei: Er hat die Erfahrungen, den Enthusiasmus des russischen Proletariats mitgemacht, und hat verstanden, diese Ideen der Masse der armenischen Proletarier und Bauern anzupassen. Ich bin überzeugt, daß ich die Gefühle des ganzen Kongresses ausdrücke, wenn ich in dem Genossen Kassian die armenische Sowjetrepublik und das revolutionäre armenische Volk begrüße. (Applaus.)
Kassian (Kommunistische Partei Armeniens). Genossen! Es gibt keinen Winkel in der Welt, wo die Imperialisten nicht Schändlichkeiten und Gemeinheiten unter dem Deckmantel schöner und geschwollener Phrasen begehen. Einer dieser Winkel im nahen Osten ist Armenien. Die Imperialisten der Entente, insbesondere Englands, waren seit Beginn der Oktoberrevolution bemüht, sich in Armenien eine Basis für ihren Kampf gegen Sowjetrußland, eine Basis für den Kampf gegen die sich im Osten verbreitenden kommunistischen und sozialistischen Ideen zu schaffen, um ihren Einfluß zu erweitern, um ihre räuberischen Interessen zu verwirklichen. Anfangs befand sich dieses sogenannte unabhängige Armenien, das von der kleinbürgerlichen Partei der Daschnaki, einer Partei, die den Menschewiki und Sozialrevolutionären gleicht, geleitet wurde, in der Gefangenschaft der Entente und diente als Werkzeug in deren Händen. Als treue Dienerin der Entente verwirklichte diese Partei voll und ganz die Pläne derselben, den breiten Schichten der Bevölkerung des Landes zum Schaden. Der beständige Krieg mit den Nachbarvölkern, die blutigen Zusammenstöße innerhalb des Landes, die Verfolgungen und Repressalien gegen die Arbeiter und Bauern, die es gewagt hatten, mit der sozialen und der Agrarpolitik der Regierung unzufrieden zu sein, brachten das Land an den Rand des Abgrundes. Angesichts dieser Richtung der Regierungspolitik des Schahs wurde beschlossen, die Türken mit Waffengewalt abzuwehren. Das Volk, das die dreijährige Wirtschaft der Partei der Daschnaki durchgemacht hatte, das sich in der Praxis davon überzeugt hatte, daß die Orientierung auf England zum Untergange führt, konnte nicht länger dulden und erhob sich gegen die Führung dieser Partei, gegen die Regierung, um gegen den Imperialismus zu kämpfen. Mit der Errichtung der Sowjetmacht wurde den nationalen Zusammenstößen ein Ende gemacht. Die Armenier und Mohamedaner begannen wie Brüder zu leben, als ob zwischen ihnen niemals Feindschaft geherrscht hätte. Dafür aber war das Land, dank dem Einfall der Imperialisten und den nationalen Kämpfen, ruiniert und verheert. Mit eigenen Kräften konnten wir in kurzer Frist die Wirtschaft des Landes nicht wiederherstellen, aus den eigenen Hilfsquellen konnten wir die dringenden Bedürfnisse der Bevölkerung nicht befriedigen. Aber auch Hilfe war von nirgends zu erwarten, obgleich unsere große Mutter — Sowjetrußland und das brüderliche Aserbeidshan bemüht waren, uns alle mögliche Hilfe zu erweisen. Wir wurden blockiert. Einerseits ließ das menschewistische Georgien die Marschroutenzüge nicht durch, und wenn es sie durchließ, so hielt das türkische Kommando sie auf. Andererseits erlaubte das türkische Kommando nicht, unsere Waren zum Austausch gegen Getreide nach Persien auszuführen. Diese unsere hoffnungslose Lage wollte dieselbe verbrecherische und gegenrevolutionäre Partei der Daschnaki, in der Hoffnung auf die Unterstützung der grusinischen Menschewiki und der Wucherelemente im Lande selbst, ausnützen und inszenierte einen Aufstand gegen die Sowjetregierung. Daran waren zum Teil auch wir schuld: unsere Partei konnte den bestimmten Kurs, der den objektiven Verhältnissen des örtlichen Lebens entsprach, nicht einhalten, sondern hegte den ungeduldigen Wunsch, schneller den Umbau des bürgerlichen Regimes zu vollziehen. Es gelang uns aber dennoch, den Feind zu verdrängen, der in das Berggelände flüchtete, wo ihm die Hilfe der englischen Imperialisten zuteil wurde. Der Versuch, den Bürgerkrieg auf friedlichem Wege zu beendigen, war in unserem Lande nicht von Erfolg, aber im Zusammenhange mit dem Umsturz in Georgien und dem Abzug der Türken hat sich die Lage der Sowjetregierung in Armenien ohne Zweifel gefestigt. Die einzige Gefahr, die uns drohen kann, das, Genossen, ist die Türkei. An unserer Grenze offenbart die Türkei fortgesetzt imperialistische Bestrebungen. Jetzt, mit der Nationalisierung Armeniens, haben wir erklärt, daß Sowjetarmenien sich vom Vertrage lossagt und daß man für die Lösung der Streitfragen eine revolutionäre Sprache finden kann. Wir wünschen aufrichtig den Frieden mit der Türkei und hegen keine Feindschaft gegen sie, sollte uns aber von ihrer Seite irgendeine reale Gefahr drohen, so werden die Arbeiter und Bauern mit bewaffneter Hand ihre Freiheit, ihre Heimat verteidigen, in der festen Überzeugung, daß die Große Russische Sozialistische Sowjetrepublik uns unterstützen wird. (Beifall.)
Vors. Kolarow. Genossen, das Wort hat Genosse Zchakaja, Vertreter der Kommunistischen Partei Georgiens.
Das Volk, die Arbeiter und Bauern Georgiens, sind auch dem ruhmreichen Beispiel des russischen Proletariats gefolgt, und ganz vor kurzem haben sie auch eine Sowjetrepublik gegründet.
Indem ich den Genossen Zchakaja begrüße, kann ich die Tatsache nicht verschweigen, daß andere Vertreter der georgischen Bauern und Arbeiter zur selben Zeit in Europa daran arbeiten, das internationale Proletariat zu betrügen und es für die Sache der Konterrevolution zu gewinnen.
Dschordania, Tschscheidse und andere Verräter der Sache des Sozialismus und des Proletariats haben sich an ihre Brüder, die Sozialverräter Europas, an die Internationale 2 und 2½ gewandt, um ihre Unterstützung zu gewinnen. Aber wir können das georgische Volk beruhigen. Die Versuche dieser Sozialverräter werden ohne Resultate bleiben. Der Empfang, der dem Genossen Zchakaja von dem Kongresse der Kommunistischen Internationale zuteil wurde, bezeugt vor dem Antlitz der ganzen Welt, daß das internationale revolutionäre Proletariat für die Sowjetrepublik, für die Diktatur der Proletarier und Bauern Georgiens einsteht.
Das Wort hat Genosse Zchakaja (Georgien).
Zchakaja (Georgien). Redner verweist auf die verräterische Rolle der georgischen Menschewiki, die diese schon während der Revolution von 1905 und 1917 und besonders nach dem Oktoberumsturz gespielt haben, und verweilt bei der politischen und ökonomischen Lage des Landes am Vorabende der Umwälzung im Februar-März 1921.
Die Ablehnung des Brest-Litowsker Vertrages, der Bruch mit Sowjetrußland, die selbständigen Beziehungen zu den Imperialisten und Türken und die Unterwerfung des ganzen Landes unter dieselben, dies alles, sagt er, öffnete den Arbeitern und Bauern Georgiens die Augen. Der Imperialismus der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer und der Nationalismus der Menschewiki wurde enthüllt. Diese, die den Bürgerkrieg ablehnten, führten ihn selbst im Bunde mit den Imperialisten gegen die eigenen Arbeiter und Bauern. Eigentlich wurde der Bürgerkrieg in Georgien seit Ende des Jahres 1917 bis zum Augenblick der Sowjetisierung Georgiens, d. h. bis zum Februar-März 1921, in mehr oder minderem Grade ununterbrochen geführt. In der letzten Periode hatten die Menschewiki vollständig abgewirtschaftet, sie waren sowohl auf ökonomischem als auch auf politischem Gebiet bankrott und hatten das Land ruiniert. Da erhob sich das Volk, überall in Georgien flammten Aufstände auf. Dort, wo der Zarismus 60 Jahre gekämpft hatte, brauchte die von den aufständischen Arbeitern und Bauern organisierte Rote Armee nicht einmal die Hälfte von 60 Tagen. Georgien wurde dank dem vollständigen Bankrott der Menschewiki zum Sowjetstaat. Gegensätzliche Behauptungen widersprechen den Tatsachen der jüngsten Vergangenheit und dem Bekenntnis der Menschewiki selbst, das diese einige Wochen vor dem Umsturz machten. Nur die weißgardistische Ideologie kann Sowjetrußland, das mit allen Kräften bemüht war, seine Wirtschaft wiederherzustellen, des Strebens nach Eroberungen oder Okkupationen verdächtigen. Wenn die Herren Tschscheidse, Zeretelli & Co. jetzt in Westeuropa versuchen, die historischen Tatsachen zu entstellen und zu zeigen, daß sie ein ideales demokratisches Reich, eine Paradies, organisiert hatten, wo sogar ihre Meister, die Helden der II. Internationale zu Besuch weilten, warum hat dann Herr Dschordania im November-Dezember 1920, fast am Vorabende des Umsturzes, in seinen Berichten unumwunden eingestanden, daß die Lage katastrophal sei, daß kein Ausweg vorhanden sei, wenn nicht irgendein Lebenselixier, irgendein neuer demokratischer Imperialismus erfunden werde. Aber mit Alchimie und Astrologie kommt man nicht weit. Die georgischen Menschewiki haben sich selbst durch ihre Verräterpolitik in bezug auf die Arbeiter und Bauern des eigenen Landes zum Untergange verurteilt.
Besonders schändlich war das Verhalten der Menschewiki in den ersten Tagen nach dem Umsturz. Sie plünderten das ganze Land und führten auf französischen Schiffen alles fort, was das drei- bis vierjährige Bacchanal der deutsch-türkischen und der Ententeimperialisten dem unglücklichen Lande noch gelassen hatte. Sie führten nicht nur Gold, Brillanten und andere Wertsachen, sondern die letzten Waggons Zucker fort, nahmen den ganzen Vorrat an Chinin mit und verurteilten die Arbeiter und Bauern Georgiens zum Untergange durch die dort herrschende Malaria. Das Volk begleitete sie mit Flüchen, ihre Armee schmolz in Batum von 30000 zu 3000 Mann zusammen und auch von diesen letzten folgten ihnen, ungeachtet des Versprechens, daß sie für fünf Jahre voraus Gehalt und Kleidung erhalten würden, nur 20 Mann. Diese Herrschaften flüchteten in dunkler Nacht mit dem zusammengeraubten Volkseigentum und retteten sich vor der Volkswut unter dem Schutze der französischen Kanonen. Ungeachtet der vom Zentralen Revolutionskomitee wiederholt zugesicherten Amnestie für die ganze Vergangenheit, entschlossen sich die menschewistischen Führer nicht, im Lande zu bleiben, das sie so lange und so schändlich betrogen und wo sie außer Verachtung und Haß nichts zu erwarten hatten.
Umsonst sind Eure Hoffnungen, vergeblich sind Eure Anstrengungen, Ihr Herren Dschordania, Tschscheidse & Co.! Das Arbeiter- und Bauerngeorgien, das einen vierjährigen Bürgerkrieg durchgemacht hat, wird nicht unter Euren Schutz zurückkehren. Euch wird weder die Entstellung der historischen Tatsachen noch der Umstand retten, daß Ihr Lloyd George, Millerand, Pilsudsky u. a. das Haus einlauft. Wir sind überzeugt, daß Georgien im Bunde mit den brüderlichen Sowjetrepubliken unter der Leitung der Kommunistischen Internationale sowohl auf den Getreidefeldern als auch auf dem Gebiet des Sozialismus, des Kommunismus, der neuen kommunistischen Ordnung eine reiche Ernte bevorsteht. Und der ganze Osten wird angesichts des wirklich flammenden Kolchis dasselbe säen, nämlich die Ideen des Kommunismus und der Sowjetregierung.
Vors. Kolarow. Genossen, auf unserer Liste stehen noch acht Redner der verschiedenen Länder des Ostens. Alle diese Genossen müssen das Wort erhalten. Aber da man die Frage unbedingt in dieser Sitzung erledigen muß, beantragt das Präsidium, die Reden nicht gleich zu übersetzen. Sie werden später übersetzt.
Zweitens schlägt das Präsidium vor, die Zeit der Redner auf 5 Minuten zu kürzen.
Hat jemand etwas dagegen einzuwenden? Da keine Einwendung erfolgt, ist der Vorschlag angenommen.
Jetzt hat der Genosse Awilow, der Delegierte der Kommunistischen Partei Aserbeidshans, die auch eine Sowjetrepublik gegründet hat, das Wort.
Awilow (Kommunistische Partei Aserbeidshans). Genossen! In fünf Minuten ist es natürlich unmöglich, alles das zu sagen, was über Aserbeidshan gesagt werden müßte. Ich werde mich bemühen, mich kurz zu fassen. Viele Genossen, die aus Westeuropa hergekommen sind, kennen augenscheinlich Aserbeidshan nicht. Deshalb werde ich hier, wie auch auf dem Gewerkschaftskongreß, sagen, daß das Proletariat Aserbeidshans, Bakus seinen Kampf in den 90er Jahren neben dem russischen Proletariat begann und die ganze Zeit hindurch ununterbrochen an seiner Sowjetisierung gearbeitet hat. Ebenso wie Georgien, Armenien, die Ukraine, gehörte Aserbeidshan zum Russischen Kaiserreich. Nach der Oktoberrevolution ergriff das Proletariat von Baku die Macht und rief die Sowjetregierung aus, die nur in Baku bestand und sich nicht auf das ganze Aserbeidshan ausdehnen konnte. Infolge des Verrates der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Engländer nach Baku riefen, wurde die Sowjetregierung in Aserbeidshan im Jahre 1918 gestürzt, und als Opfer fielen 26 unserer ruhmvollen Genossen, die Kommissare, die von englischen und denikinischen Henkern erschossen wurden. Nachdem die Engländer die Zügel ergriffen hatten, riefen sie die Unabhängigkeit aus, die aber nur auf dem Papier existierte. Die englischen Okkupationstruppen befanden sich in Aserbeidshan und unterdrückten jede revolutionäre Bewegung, indem sie die Arbeiter, deren Vertreter und Führer verhafteten. Das Proletariat setzte dennoch unermüdlich seinen Kampf fort. Am 27. April erhob es sich und rief mit Hilfe der ruhmvollen russischen Roten Armee die Diktatur des Proletariats aus. Die Gegenrevolution beruhigte sich jedoch nicht und setzte ihr Werk fort. Aber alle diese Versuche wurden von der mächtigen Kraft der Roten Armee und des aserbeidshanischen Proletariats unterdrückt und die Sowjetregierung befestigte sich. Vor kurzem wurde in Aserbeidshan der I. Rätekongreß einberufen. Dieser Kongreß setzte die zentrale und die örtliche Sowjetregierung ein. Jetzt besteht in allen Kreisstädten und auf dem Lande eine feste Sowjetregierung, an der sich die besitzlose Bauernschaft und die Arbeiter beteiligen. Die Kommunistische Partei Aserbeidshan, die in diesen Tagen ihren 4. Kongreß einberuft, leitet seit der Oktoberrevolution bis auf den heutigen Tag die Arbeiterschaft Bakus und Aserbeidshans. Die Kommunistische Partei Aserbeidshans zählt gegenwärtig 16000 Mitglieder und dies nach viermaliger Umregistrierung, während welcher aus der Partei diejenigen Elemente entfernt wurden, die sich ihr aus egoistischen Beweggründen aufgedrängt hatten. Die Gewerkschaften Aserbeidshans haben in ihren Reihen 150 000 organisierte Arbeiter, die von unserer Partei und dem Aserbeidshanschen Gewerkschaftsrat geführt werden. Genossen, die Bedeutung Aserbeidshans für die Revolution des Ostens ist ungeheuer groß. Aserbeidshan ist die einzige mohammedanische Republik, in der die Macht den Räten gehört. Aserbeidshan steht in der Vorhalle des Ostens und dient unseren östlichen Genossen als Beispiel. Das aserbeidshanische Proletariat führt den Kampf nicht nur um die Befestigung seiner Macht, das aserbeidshanische Proletariat hat auch um die Befreiung Georgiens und Armeniens gekämpft, es wirft seine besten Parteiarbeiter, seine besten Kräfte nach dem Osten. In Baku werden alle revolutionären Elemente des Ostens politisch erzogen und vorbereitet, um darauf nach dem Osten befördert zu werden. Demgemäß ist die Bedeutung Aserbeidshans für die Revolution im Osten gewaltig, deshalb wurde nach dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale der I. Kongreß der Völker des Ostens in Baku einberufen, wo der Propaganda- und Aktionsrat der Völker des Ostens organisiert wurde, der die Parteiarbeiter für den Osten unter der Leitung der Kommunistischen Internationale vorbereitet und die ganze Bewegung im Osten leitet. (Beifall.)
Manabendra Nath Roy (Indien). Man hat mir 5 Minuten für meinen Bericht gestattet. Da dieses Thema nicht einmal in einer Stunde erschöpft werden kann, will ich diese 5 Minuten zu einem energischen Protest benutzen.
Die Art und Weise, in der die Orientfrage auf diesem Kongreß behandelt wurde, ist rein opportunistisch und paßt mehr für einen Kongreß der II. Internationale. Es ist nicht möglich, aus den wenigen Phrasen, die den orientalischen Delegationen zu sprechen gestattet ist, irgendwelche konkreten Schlüsse zu ziehen.
Ich protestiere gegen diese Art, die Orientfrage zu erledigen. Sie wurde auf einer Sitzung der Exekutive in die Tagesordnung des Kongresses eingeschlossen. Aber während der ganzen Session des Kongresses wurde dieser Frage gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Endlich fand gestern eine Kommissionssitzung statt, aber sie bot ein sehr trauriges Bild. Nicht ein einziger Vertreter der europäischen und amerikanischen Delegationen war zugegen. Diese Kommission, die dank der auf dem Kongreß herrschenden Unordnung nicht konstituiert war, beschloß, keine theoretische Resolution über die Orientfrage anzunehmen: Dieser Beschluß ist absolut falsch und darf nicht aufrecht erhalten werden. Deshalb rufe ich den Kongreß an, für den Beschluß zu stimmen, daß die Orientfrage einer konstituierten Kommission überlassen und mit dem ihr gebührenden Ernst behandelt werden muß.
Chang-Tai-Lai (China). Ich beabsichtigte, Euch einen Begriff von der kommunistischen Bewegung Chinas und ein abgerundetes Bild der revolutionären Kräfte zum Kampfe gegen den Imperialismus zu geben, aber meine Zeit ist zu begrenzt. Ich möchte nur auf die Bedeutung der Bewegung im Fernen Osten hinweisen.
Der japanische Imperialismus ist nicht allein für den Fernen Osten ein wichtiges und dringendes Problem, welches gelöst werden muß, sondern er ist auch für das ganze Weltproletariat von großer Bedeutung. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, wird Japan eine ständige Gefahr für Sowjetrußland bleiben und wird den Völkern des Fernen Ostens den Weg zum Kommunismus versperren. Aber dies ist nicht alles. Japan ist seit dem Kriege ein ebenso starker imperialistischer Staat geworden, wie England und die Vereinigten Staaten; wenn das imperialistische Japan fähig sein wird, über ganz China eine solche Kontrolle auszuüben, wie es jetzt schon in Nord-China der Fall ist, wird die japanische Regierung nicht nur das reichste Einkommen und die besten Arbeitskräfte zu ihrer Verfügung haben, sondern wird sie zum Kampfe gegen das Proletariat benützen; dieses ist ein wichtiges Hemmnis für die Weltrevolution. Deshalb ist es für die Kommunistische Internationale und für die Kommunistischen Parteien des Westens notwendig, der Bewegung im Fernen Osten viel mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung zu widmen, als sie es bis jetzt getan haben. Die Zerstörung des japanischen Imperialismus bedeutet den Zusammenbruch einer der drei kapitalistischen Stützen der Welt. Dann erst können wir den Weltkapitalismus niederwerfen, dann erst wird die Weltrevolution ihr Werk vollenden können.
Bei diesem großen Werke kann das chinesische Proletariat und die anderen revolutionären Kräfte Chinas Euch große Hilfe leisten, wenn Ihr der Entwicklung Chinas mehr Aufmerksamkeit schenken werdet. Jetzt ist es bei uns gerade an der Zeit, für den Kommunismus zu arbeiten. Die jungen Studenten revoltieren augenblicklich gegen die alte soziale Struktur Chinas. Viele unter ihnen stehen am Scheidewege und werden uns folgen, wenn wir ihnen Hilfe leisten. Wir müßten diese Kräfte in die richtigen Bahnen leiten und sie nicht dem Anarchismus und Reformismus ausliefern. Seit der russischen proletarischen Revolution beginnen die chinesischen Arbeiter auch zu erwachen. Streiks in kleinerem Maßstab kommen in China sehr häufig vor. Wir müssen diese im Werden begriffene Bewegung unter unsere rote Fahne stellen, und sie nicht gelb werden lassen, späterhin wird es uns große Mühe kosten, ihre Sympathien zu gewinnen. Das Lumpenproletariat stellt einen ziemlich großen Prozentsatz der Bevölkerung Chinas. Obwohl es nicht klassenbewußt ist, so ist es doch revolutionär. Wenn wir es in unsere Partei einreihen können, so wird es unsere Sache sehr fördern. Durch die Teilnahme an dem Kriege gegen Koltschak und Denikin in den Reihen der Roten Armee hat das chinesische Proletariat sich bereits als ein guter Kämpfer bewiesen. Aber es könnte uns auch gefährlich werden, wenn wir es nicht beachten würden, und es von den Kapitalisten zum Kampfe gegen das Proletariat mißbraucht würde, wie es von den russischen und französischen Imperialisten zur Arbeit in den Trancheen und von der japanischen imperialistischen Regierung zur Polizeiaufsicht über die Mandschurei und Schantung mißbraucht wird.
In der kommenden Weltrevolution wird es von der Kommunistischen Partei Chinas und hauptsächlich von der Unterstützung der Kommunistischen Internationale abhängen, ob die reichsten Schätze der Natur und die großen Kräfte Chinas mit den Kapitalisten gegen das Proletariat oder mit dem Proletariat gegen den Kapitalismus kämpfen werden.
Es lebe die Weltrevolution!
Es lebe die Kommunistische Internationale!
NACH-MAN-TAHOUN (Kommunistische Partei Koreas.) Das von 20 Millionen Menschen bevölkerte Korea, das lange der Vasall des ökonomisch rückständigen Chinas war und von Unruhen zerrissen wurde, konnte seine Produktionskräfte nicht entwickeln und befand sich im Zustande der Stagnation. Es ist vornehmlich ein Agrarstaat. Seine Naturschätze wurden bald zum Zankapfel zwischen den Imperialisten Japans und dem zaristischen Rußland. Der japanische Imperialismus, der sich als der stärkere und hartnäckigere erwies, verdrängte das zaristische Rußland und beraubte Korea im Jahre 1910 seiner Selbständigkeit, indem er es zu seiner Kolonie machte.
Von diesem Augenblicke an wird das Land der „Morgenruhe“ zum Gegenstand der Tätigkeit des gierigen und räuberischen japanischen Imperialismus und mit schwindelnder Geschwindigkeit wechseln in ihm die ökonomischen wie die sozialen Lebensbedingungen.
Ohne für die Entwicklung der Produktionskräfte und die Hebung des ökonomischen Wohlstandes des Landes zu sorgen, widmete der gierige japanische Imperialismus seine ganze Aufmerksamkeit dem Aussaugen aller Lebenssäfte aus dem Lande, um aus der Kolonie einen möglichst großen Profit herauszuschlagen.
Als Resultat der zehnjährigen Tätigkeit des japanischen Okkupationsapparates in der Person der kapitalistischen Kolonisierungsgesellschaft „Tschek-Si-Choi-Sa“ (Gesellschaft für Ausbeutung der Kolonie), die von der japanischen Regierung materiell und moralisch unterstützt wurde und das nominelle Recht genoß, auf der Halbinsel Ländereien zu erwerben, brachte die „Tschek-Si-Choi-Sa“ alle Kronsländereien und fast alle Bauernländereien in ihren Besitz. Von ihrem Grund und Boden vertrieben, waren die Bauernmassen gezwungen, entweder ins Ausland, in die Mandschurei, zu emigrieren oder bei der „Tschek-Si-Choi-Sa“ zu Wucherbedingungen Land zu pachten — der Pachtzins betrug 50—70% der Ernte in Natur oder in Geld, in Jahren der Mißernte aber 100% (und mehr) des Wertes der eigenen Ernte — oder sich als Tagelöhner bei der „Tschek-Si-Choi-Sa“ oder deren Agenten zu verdingen, oder in den Bergwerken, Gruben oder Fabriken zu arbeiten, wo sie bei einem Arbeitstage von 12—13 Stunden einen dreimal geringeren Lohn erhielten als der japanische Arbeiter, oder aber die immer mehr anwachsenden Reihen der Arbeitslosen zu füllen.
Die letzte japanische Statistik (von 1920) führt aus der Gesamtzahl der einheimischen Bevölkerung von 16 912 800 Menschen 7843658 als Tagelöhner und bei Holzbeschaffungsarbeiten und 518906 in der Berg- und Fabrikindustrie, auf dem Gebiet des Transport und der Fischerei beschäftigte Arbeiter an. Die übrigen Massen sind: Arbeitslose, Landpächter, die entweder gar kein Land oder eigene Landstücke haben, und endlich eine dünne Schicht der einheimischen Bourgeoisie, die in ihrer Mehrzahl bei den japanischen Kapitalisten im Dienst steht. Das ist in groben Umrissen die ökonomische Lage der Bevölkerung. Die Werktätigen sind jedoch in nicht geringerem Maße auch politisch geknechtet. Vor allem sind sie der Teilnahme am politischen Leben des Landes beraubt; sie sind rechtlos, sie stehen außerhalb des Gesetzes, denn die von der Japanischen Regierung auf der Halbinsel eingeführten Gesetze schützen nur die Interessen der Japaner auf Kosten der Interessen der Koreaner. So kommt z. B. ein Japaner, der einen Koreaner getötet hat, mit einer kleinen Geldstrafe davon, während ein Koreaner, der dasselbe Verbrechen begangen hat, vom Gericht zum Tode verurteilt wird. Die Schulen sind geschlossen, in den bestehenden aber wird eine eifrige Japanisierung durchgeführt.
Die von Natur friedliebenden Massen wurden durch diese Politik des japanischen Imperialismus zur Verzweiflung gebracht, und der ganze im Laufe von zehn Jahren gegen den fremdländischen Räuber angehäufte Haß nahm am 1. März 1919 überall die Form des Aufstandes an. Um den Aufstand zu unterdrücken, führte die japanische Regierung drei Divisionen Gendarmerie ins Land ein. Die Schrecken der Grausamkeiten des japanischen Militarismus veranlassen sogar die kalten leidenschaftslosen englischen und amerikanischen Journalisten zu hysterischen Ausrufen. 40 für die Revolutionäre erfundene Folterqualen übertreffen an Grausamkeit und Unmenschlichkeit die mittelalterliche Inquisition. Im Jahre 1919 wurden in Suven wegen Ermordung eines japanischen Spitzels alle Bewohner des Dorfes in die Kirche getrieben, diese verbarrikadiert und mit den Frauen und Kindern verbrannt. Die Schreckenstaten des japanischen Militärs in Kando im November— Dezember 1920, wo 70 Dörfer buchstäblich vom Erdboden vertilgt wurden, Tausende friedlicher Bewohner, darunter Frauen und Kinder erschossen wurden, sind nicht zu beschreiben. Während zweier Jahre des Kampfes (1919—1920) kamen durch die Hand des japanischen Henkers 80000 Menschen um, 150 000 wurden ins Gefängnis geworfen. Hier muß die Gleichheit der Kampfmethoden der japanischen Imperialisten in Korea und im russischen Fernen Osten betont werden, wo sie in derselben Weise mit der friedlichen Bevölkerung abrechneten.
Ungeachtet aller dieser Schreckenstaten und Folterqualen, sind die Massen unversöhnlich. Die russische proletarische Revolution hat den proletarischen Massen noch mehr Begeisterung eingeflößt. Die Massen fühlen, daß es keine Rückkehr gibt. Ihre Losung lautet: „Bis zum Endsiege oder zum Tode!“ Die ganze Tragik besteht für die koreanischen Arbeiter und Bauern darin, daß sie, sich selbst überlassen, als unvermeidliche Folge der Raubpolitik des japanischen Imperialismus zum Aussterben verurteilt sind oder im ungleichen Kampfe verbluten werden. Ein Drittes gibt es nicht.
Die werktätigen Massen Koreas setzen ihre ganze Hoffnung auf die soziale Weltrevolution, deren Unterstützung ihren Interessen entspricht. Wer wird jetzt, wo die revolutionäre Bewegung in eine neue Phase eintritt, diese Bewegung leiten? Die Nationalisten haben in diesen beiden Jahren ihre volle Unfähigkeit, die Führer des revolutionären Kampfes zu sein, bewiesen und haben abgewirtschaftet. Daher kann es nur eine Antwort auf diese Frage geben: die junge, auf der konstituierenden Versammlung im Mai 1921 in Irkutsk geschaffene Kommunistische Partei Koreas, mit Unterstützung der von der Kommunistischen Internationale geleiteten Kommunisten, der Proletarier aller Länder.
Taro Yoshihara (Kommunistische Partei Japans). Genossen, ich übermittle Euch die revolutionären Grüße der Kommunistischen Partei, die soeben in Japan organisiert wurde. Erst vor wenigen Tagen erhielt ich die Resolutionen, die Statuten und das Manifest der Partei.
Da es sich um Japan handelt, ein Land, das so reaktionär ist, daß unsere revolutionären Genossen im Westen es fast für unmöglich hielten, die dortige Bevölkerung zu organisieren, haben wir um so mehr Grund, uns dazu zu gratulieren, daß die radikale Bewegung in Japan ihre ersten Gehversuche gemacht hat. Es muß nun unser Hauptziel sein, diese Bewegung zu entwickeln, bis wir die kapitalistische Ordnung endgültig stürzen und die Diktatur des Proletariats errichten.
Während in Europa das blutige Gemetzel vor sich ging, hatten die Vereinigten Staaten Amerikas und Japan, die im Trüben fischten, auf allen Weltmärkten freie Hand. Amerika monopolisierte den gesamten europäischen Markt, während Japan sich im Fernen Osten breit machte.
Die japanischen Imperialisten waren damit jedoch nicht befriedigt. Schon seit Jahren richtet sich ihr Augenmerk auf die unbegrenzten Naturschätze Sibiriens und Zentralasiens, die ihnen die Möglichkeit geben würden, die stetig wachsende Industrie Japans mit den nötigen Rohstoffen zu versorgen.
Nach der Oktoberrevolution organisierten die Verbündeten die Tschechoslowaken gegen Sowjetrußland. Sie bedienten sich dabei des Vorwands, daß die deutsche und die magyarische Gefahr in Sibirien bekämpft werden müßte. Die Ententeregierungen sandten auch ihre eigenen Expeditionstruppen hin, um die Tschechen in ihrem großen Vorhaben zu unterstützen.
Japan, das stets von den Naturschätzen Sibiriens geträumt hatte, wollte natürlich nicht aus dem Spiel bleiben. Es begnügte sich nicht damit, den Verbündeten in ihrer menschenfreundlichen Mission — der Unterstützung der Tschechen — zu helfen, sondern übertraf die Ententeregierungen in der Anzahl der hingesandten Truppen, sowie in dem Charakter des Kampfes selbst.
Die Tschechen haben in Sibirien ausgespielt, die Verbündeten haben ihre Truppen zurückgezogen. Koltschak und seine Regierung sind tot. Semjonow ist von den Arbeitern und Bauern des Fernen Ostens aus seinem „Königreich“ Tschita vertrieben worden. Die Japaner aber sind noch immer in Sibirien. Japanische Truppen halten den südlichen Teil des Primorski-Gebiets besetzt. Sie halten ein Gebiet in den Händen, das den werktätigen Massen des Fernen Ostens gehört. Dies genügt ihnen aber nicht. Sie setzen auch alle möglichen gegenrevolutionären Verschwörungen gegen die Arbeiter und Bauern der Republik des Fernen Ostens und Sowjetrußlands ins Werk. Ein Beispiel dafür liefert die vor kurzem, unter dem Schutz japanischer Bajonette durchgeführte „Besetzung“, von Wladiwostok durch die blutdürstigen Banden Semionows. Wladiwostok und der südliche Teil des Primorski-Gebiets sind jedoch nur ein Glied in der Kette der Einmischung und der gegenrevolutionären Pläne der japanischen Imperialisten. Die ost-chinesische Eisenbahn und das anliegende Territorium, eine Landstrecke von 20 Meilen nach beiden Seiten der Eisenbahn hin, sind von japanischen Truppen besetzt und werden als Operationsbasis der russischen Gegenrevolutionäre gebraucht. Sie dienen auch als Verkehrslinie zwischen den Gegenrevolutionären in der Mandschurei, die von den Japanern unmittelbar unterstützt werden, und den von dem blutdürstigen Baron Ungern geführten Gegenrevolutionären in der Mongolei. Die einen wie die anderen werden von den Japanern reichlich mit Munition versorgt.
Während des Krieges überschwemmte Japan die Märkte des Fernen Ostens (einschließlich Holländisch-Indiens) mit seiner minderwertigen Ware. Sobald der Krieg aufhörte, zeigte es sich jedoch, daß Japan mit Amerika, das bessere Ware produziert, nicht konkurrieren konnte. Das Ergebnis war eine wirtschaftliche Krise in Japan. Die Betriebe wurden geschlossen, die Arbeiten in den Bergwerken eingestellt. Die Arbeitslosigkeit wuchs, Banken, große und kleine Unternehmen machten Bankerott, die Löhne wurden herabgesetzt. Was Wunder, daß die Unzufriedenheit der Arbeiter und die soziale Gärung immer mehr zunehmen.
Den amerikanischen Kapitalisten genügt es nicht, die europäischen Märkte zu beherrschen. Sie betrachten Europa als unzuverlässiges Gebiet für große und kleine Kapitalsanlagen, die revolutionäre Gärung in den europäischen Staaten veranlaßt die amerikanischen Kapitalisten, ihre Augen auf den Orient zu richten, der ihnen als sicheres Ausbeutungsfeld erscheint. Während sie einerseits danach trachten, die Märkte des Fernen Ostens mit ihrem Warenüberschuß zu überschwemmen, erwecken andererseits die Naturschätze Chinas ihren Appetit. Die japanischen Imperialisten jagen derselben Beute nach. Ein Zusammenstoß zwischen diesen beiden Geiern ist daher unvermeidlich. Inzwischen stöhnen die Arbeiter Chinas unter dem Joch nicht nur ihrer eigenen Grundbesitzer, ihrer Bourgeoisie und ihrer Herrscher, sondern auch der ausländischen Imperialisten.
Korea, das japanische Irland, ist von den japanischen Imperialisten mit Hilfe der koreanischen Gutsbesitzer, Verrätern und Spionen ans Kreuz genagelt worden. Korea ist wohl das unglücklichste Land in der Welt. Denn die japanischen Henker sprechen seiner Bevölkerung selbst die elementarsten politischen und wirtschaftlichen Menschenrecht ab. Alle Versuche der koreanischen Arbeiter und Bauern, sich auch nur das geringste Maß von Freiheit zu erobern, sind durch japanisches Militär auf das Unbarmherzigste unterdrückt worden. Trotzdem geht jetzt in Korea eine recht starke Bewegung gegen die japanischen Imperialisten und zugunsten der nationalen Unabhängigkeit vor sich. Wenn diese Bewegung auch gewissermaßen einen nationalen Charakter trägt, so sollten wir alle, namentlich aber die Kommunisten, sie doch freudig begrüßen. Sollte es den Koreanern gelingen, ihre nationale Unabhängigkeit zu erringen, so wird der japanische Imperialismus dadurch bedeutend geschwächt, die revolutionäre Bewegung im Fernen Osten, namentlich aber in Korea und in Japan bedeutend gestärkt werden.
Japan bietet einen günstigen Boden für kommunistische Propaganda. Die Propagandamöglichkeiten, die wir dort haben, dürfen keineswegs unterschätzt werden. Infolge des Aufschwunges der Großindustrie und des Großhandels in Japan gehen die kleinen Unternehmen allmählich ein. Dies führt zur Vergrößerung des Industrieproletariats. Das japanische Proletariat organisiert sich auf industrieller Grundlage, um gegen die wachsende Macht der Kapitalisten anzukämpfen. Die Reisunruhen vom Jahre 1918 haben die japanischen Arbeiter den Wert der Massenaktion gelehrt. Während der Streiks wurden die Führer stets eingekerkert, trotzdem nimmt die Streikbewegung unausgesetzt zu.
Seit kurzem ist die Sabotage eine starke Waffe in den Händen der japanischen Arbeiter geworden. Im Mai vorigen Jahres setzten die streikenden Elektrizitätsarbeiter von Osaka mittels Sabotage die Befreiung ihrer Führer durch. Dies war die erste derartige Erfahrung in Japan.
Die Kommunisten Koreas und Japans sollten die Lage ausnutzen und unermüdlich unter den breiten Massen agitieren, sie organisieren, und sich unmittelbar sowie mittelbar an jeder Bewegung beteiligen, um ihre Wirksamkeit zu erhöhen. Der Schlag gegen die Kapitalisten muß von den revolutionären Elementen Japans selbst geführt werden.
Das Wachsen der Bevölkerung in Japan zwingt die imperialistische Regierung, nach neuen Kolonien Ausschau zu halten. Die Vergrößerung seiner kolonialen Besitzungen ist für Japan zur dringenden wirtschaftlichen Notwendigkeit geworden. Der japanische Imperialismus hat unter dem Weltkriege nicht gelitten. Seine Bedürfnisse an Territorien sind jetzt größer, als vor dem Kriege.
Der japanische Imperialismus datiert seit dem 16. Jahrhundert. Zu jener Zeit forderten die Feudalherren, daß die Macht Japans über Korea und China ausgedehnt werde. Diese Länder vermochten es jedoch, sich gegen die Anschläge Japans zu wehren.
In den letzten 50 Jahren ist es Japan gelungen, durch methodisches, systematisches Vorgehen sich Koreas und eines Teils von China zu bemächtigen. Die Politik, die es in den Jahren 1894, 1904, 1914, 1921 führte, kennzeichnet bestimmte Perioden im Leben der japanischen Regierung.
Die revolutionären Kräfte in Japan sind bedeutend schwächer, als in irgendeinem anderen wachsenden Industrielande. Die japanischen Kapitalisten dagegen werden immer stärker, weil sie ihre Kräfte zusammenschließen und die kleineren Kapitalisten verdrängen. Korea ist jetzt unterjocht und völlig hilflos.
Japan besitzt nicht weniger schlaue Diplomaten, als die anderen Länder. Während Japan nach außen hin freundschaftliche Beziehungen zu Großbritannien unterhält, ist es mit allen Mitteln bestrebt, in Indien einen Aufstand gegen die britische Regierung zu entfachen. Ebenso half Japan Dr. Sun Yat Sen, das chinesische Kaiserhaus zu verjagen; als es Sun Yat Sen aber fast gelungen war, eine Republik zu errichten, begann Japan Yen Sen Gai zu unterstützen, der für die Monarchie war. Auf diese Weise wurde China durch Japan in innerer Spaltung und Aufruhr erhalten.
Die Kraft, die im chinesischen Volke schlummert, ist vorläufig untätig, sie wird erst in späteren Zeiten im Klassenkampf gute Dienste leisten. China besitzt ungeheure Schätze aller Art von Rohstoffen. Sollte man es versäumen, die riesige Bevölkerung Chinas zur revolutionären Taktik zu erziehen, so kann sie von der japanischen Bourgeoisie leicht veranlaßt werden, den ausländischen Kapitalisten in der Bekämpfung der Weltrevolution zum Werkzeug zu werden.
Wir sehen also, daß der japanische Imperialismus für die kommunistische Weltrevolution eine große Gefahr darstellt. Ich wende mich daher an die Kommunistische Internationale und an die Kommunistischen Parteien in den europäischen Ländern und bitte sie, den Genossen des Fernen Osten, die unter fürchterlichen Bedingungen gegen den Imperialismus in ihrem Lande zu kämpfen haben, zu Hilfe zu kommen.
Es lebe die Kommunistische Internationale!
Kara-Gadijew (Turkestan). Genossen, wir haben gehört, wie einer der Redner hier davon sprach, daß die japanischen Imperialisten die Koreaner schlecht behandeln, daß sie sie so unterdrücken und systematisch ausrotten, daß uns hier bei dieser Schilderung die Haare zu Berge standen. Ein anderer Redner klagte darüber, daß die englischen Imperialisten Indien bedrücken, wo die Lage noch schlimmer ist. Nehmen Sie Afrika, dort herrschen die französischen Imperialisten oder in irgendeinem Winkel die italienischen, am Atlantischen Ozean beschäftigen sich die Amerikaner mit der systematischen Ausrottung usw. Ich werde nicht über die Vergangenheit sprechen, denn die Oktoberrevolution ist allen Arbeitern, allen unterdrückten Völkern bekannt, ich werde das nicht schildern und werde nur berühren, wo die Wurzel des Übels liegt. Wenn es in Europa eine Ostfrage gibt, so gibt es bei uns in Asien eine englische Frage. Die englischen Imperialisten, das ist der Herd der Provokation, das ist die Wurzel des Übels. Lösen wir die englische Frage nicht, so können wir auch die Ostfrage nicht lösen. Hier sagten die Genossen, daß ein vorsichtiges Verhalten nötig sei, daß man sich zuerst vorbereiten müsse usw. Ich kann sagen, daß die Ostvölker eine eigene Art haben, daß sie eine rein Suvorowsche Taktik anwenden. Muß denn viel nachgedacht werden, um an einem Tage die ganze kapitalistische Ordnung umzustoßen, hinwegzufegen? Auf welche Weise kann man dies erreichen? Wenn wir den chinesischen Turkestanern die Möglichkeit geben, bei sich mit Sowjetmitteln, unter der Sowjetkontrolle eine, wenn auch anfangs nur illegale Organisation zu gründen, wenn wir dort einige auch nur kleine Keimzellen schaffen, so werden wir im chinesischen Turkestan nach einem halben Jahre 100 000 revolutionär gestimmte Arbeiter sehen.
Genossen, mit diesen 100 000 Arbeitern werden wir Wunder verrichten, können wir diese Fischer — so nenne ich die Engländer — veranlassen, sich einzuschiffen und abzufahren. Dann wird in Europa die Revolution ausbrechen, und die englischen Arbeiter werden ihre Regierung, wenn auch nicht ins Gefängnis werfen, so doch Rechenschaft von ihr verlangen. Mögen die englischen Arbeiter die Revolution in Indien nicht fürchten. Wenn die englische imperialistische Regierung es verstanden hat, sich mit Indien zu verständigen, weshalb werden denn die englischen Arbeiter sich mit dem indischen unterdrückten Volk nicht verständigen können? Und nicht nur die englischen, auch die Arbeiter Deutschlands, Frankreichs, Österreichs u. a. sogar mikroskopischer Republiken. Ich sehe, daß zwischen den europäischen Delegierten eine kleine Spaltung stattgefunden hat, daß bei den Deutschen zwei Strömungen bestehen. Das ist vollständig unzulässig. Ich bin ein Asiat, ich verstehe wenig von Politik, aber dennoch sehe ich, daß diese beiden Parteien das Volk an den Rand des Abgrunds bringen, denn die englischen, französischen und anderen Kapitalisten werden sich bemühen, einen Keil zwischen diesen beiden Parteien zu bilden, und dann wird nicht nur das deutsche Volk noch jahrhundertelang geknechtet werden; sondern dies kann vielleicht auch die ganze Revolution in Frage stellen. Deutsche Genossen, Ihr müßt Euch untereinander einigen, Ihr müßt Euch an den russischen Genossen ein Beispiel nehmen.
Jetzt will ich einige Worte über den Nahen Osten sagen. Der Nahe Osten ist der Schlüssel zu Indien, der Schlüssel zu China. Im Nahen Osten kann jede revolutionäre Bewegung anfangs einen rein nationalen Charakter tragen. Und ich bin der Meinung, daß uns nicht nur die russischen Arbeiter, sondern auch die deutschen, französischen, englischen und die Arbeiter der anderen Länder unterstützen müssen. Im Nahen Osten leben die Arbeiter, die am meisten unterdrückt werden, die sich in der Gewalt religiöser Vorurteile befinden. Mich z. B. erzog man, um mich zum Mullah zu machen. Mit 12 Jahren begann ich den Koran zu studieren und habe ihn durchstudiert, denn sonst hätte man mich nicht aus dem Seminar entlassen. Als man mich jedoch aus dem Seminar entlassen hatte, da weigerte ich mich, ein Mullah zu werden.
Genossen, wir haben schon in einigen Gebieten Sowjetrepubliken — Aserbeidshan, Turkestan. Ich kann nicht sagen, daß die Sachlage dort eine schlechte ist. Dort bessert sich die Lage allmählich, es sind nur noch mehr Anstrengungen, noch mehr Mühe nötig. Einige Genossen werfen mir vor, daß ich ein Parteiloser bin und manchmal nicht so spreche, wie es nötig ist. Ich sage aber, daß ich die Festigung der Sowjetmacht wünsche und nicht nur in Turkestan und Aserbeidshan, ich wünsche die Sowjetmacht auf dem ganzen Erdball. Ich werde glücklich sein, den Tag zu erleben, wo die Sowjetgewalt in der ganzen Welt die kapitalistische Ordnung abschaffen wird.
Julien (Frankreich). Genossen, die französische Delegation schließt sich aus Prinzip dem Protest des Genossen Roy an, der gegen die Art, in der man die Orientfrage behandelte, Einspruch erhoben hat.
Die Exekutive hatte vorgeschlagen, daß man diese Frage in die Tagesordnung einschließe. Aller Wahrscheinlichkeit nach hielt sie es für notwendig. Trotzdem wurde die Behandlung dieser Frage auf das Ende des Kongresses verschoben, so daß die Erörterung notwendigerweise in gedrängter Kürze vor sich gehen muß. Überdies hat die Kommission, die gestern hier zum ersten Mal zusammentrat, sich hauptsächlich mit der Festsetzung der Rednerliste beschäftigt. Mit einem Wort, wir haben heute abend einer Sitzung beigewohnt, in der der Kinematograph die Hauptrolle spielte.
Nach den Ausführungen der verschiedenen Genossen ist es nun die Aufgabe des Berichterstatters der Kommission, festzustellen, inwiefern die verschiedenen Völker, die verschiedenen Kolonien, die verschiedenen Nationen, die — wie wir hier gehört haben — größtenteils auch in Veranlagung und Fähigkeiten verschieden sind, gemeinsame Tendenzen aufweisen, die sich sämtlich auf das eine Ziel richten: den Kampf gegen den Imperialismus. Es handelt sich nun darum, festzustellen, welche Form dieser Imperialismus trägt und ob es um die Orientfrage heute ebenso steht, wie vor dem Kriege und vor der russischen Revolution.
Die Tatsache, daß die Orientvölker heute sämtlich das gleiche Bestreben haben, erklärt sich dadurch, daß nicht die normale Entwicklung des Kapitalismus, sondern einzig und allein die Entfaltung ihres eigenen Klassenbewußtseins ihnen Befreiung bringen kann. Der Kapitalismus hat in den Orientländern andere Formen angenommen, als im Westen. Er hat die Produktivität im Orient nicht im selben Maße aufgesaugt, wie im Westen und auch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gesellschaftsklassen nicht in gleichem Maße umgewandelt. Der Kapitalismus war im Orient bloß ein Überbau, eine Zugabe zu den bereits bestehenden Organisationen, die er in den meisten Fällen respektierte. Er ließ den herrschenden Klassen die Vorrechte, die sie besaßen, unangetastet. Er tat also nichts weiter, als der nationalen Herrschaft in den einzelnen Ländern eine ausländische Herrschaft hinzuzufügen. Hieraus ergaben sich gewisse wirtschaftliche Folgen, die das Problem in allen Orientländern zu einem gleichen oder zum mindesten zu einem ähnlichen machen. Vor dem Kriege war es hauptsächlich die Handwerkerklasse, die unterdrückt wurde. Zum Unterschied vom Westen jedoch, wo der Handwerker, wenn er ruiniert ist, zum Proletarier wird, wurde der Handwerker im Orient zum Landarbeiter. Er kehrt zum Lande zurück und wird eine Art von Halbsklave der Grundbesitzer. Auch die landwirtschaftliche Ordnung, die durch den Kapitalismus im Orient eingeführt wurde, ähnelt der unserigen nicht. Diese Ordnung stützt sich auf die Aufrechterhaltung des Großgrundbesitzers, wie es namentlich in Indien und in Persien der Fall ist. Es ist aber kein Regime intensiver Ausbeutung, wie im Westen. Die kapitalistische Ordnung im Orient ist eine Ordnung der extensiven Produktion, die den örtlichen Ackerbauern nicht die Möglichkeit gibt, ihre Produktionsmittel zu vervollkommnen und sie stets in untergeordneter, sozialer Lage erhält.
Industrie, Handel, Agrikultur werden im Orient somit auf andere Weise betrieben als im Westen. Das gesamte Problem des Kapitalismus nimmt im Orient einen eigenartigen Charakter an, der übrigens allen Orientvölkern gemeinsam ist. Hieraus ergeben sich vom wirtschaftlichen sowie vom politischen Standpunkt aus gewisse interessante Schlußfolgerungen. Einerseits gibt es in jedem Lande eine Klasse, die mehr oder weniger Interesse daran hat, sich der Kapitalistenklasse zu nähern. Andererseits gibt es Klassen, die, trotz der Verschiedenheit ihrer Interessen, ein Interesse gemeinsam haben: den Kampf gegen den Imperialismus, unter dem sie alle leiden. Dies vereinfacht das Problem, führt es zugleich aber auf Nebengleise. Wir haben im Orient erstens eine Großgrundbesitzerklasse, die in mehreren Orientländern von dem Kapitalismus erhalten wird; sie ist mit der vom Imperialismus eingeführten Ordnung eng verbunden und zieht aus ihm Nutzen ebenso wie die ausländischen Ausbeuter. Zweitens gibt es eine intellektuelle Bourgeoisie, eine Kleinbourgeoisie, der die herrschende Ordnung nur wenig Vorteil bietet; sie leidet tief darunter, daß ihre nationalen Überlieferungen und Bestrebungen, ihr Kulturbedürfnis, ihr Konservativismus von ihrer Feudalaristokratie und vom ausländischen Kapitalismus vergewaltigt und mit Füßen getreten werden. Diese Kleinbourgeoisie hat somit gemeinsame Interessen mit dem Fabrikarbeiter, mit dem ruinierten Handwerker, mit dem Ackerbauer, von denen wir eben sprachen. Obgleich die Bestrebungen dieser Klasse ihrem Wesen nach demokratisch und nicht kommunistisch sind und sich von den Klassenbedürfnissen der Arbeiter und Bauern scharf unterscheiden, muß man anerkennen und in Betracht ziehen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Kampf gegen den Imperialismus alle diese Klassen vereinigt. In dieser Form muß die Kommunistische Partei diese Frage behandeln.
Dieses Problem ist durch die russische Revolution und durch den Krieg außerordentlich präzisiert worden. Denn die russische Revolution hat die Rechte der Völker nicht nur verkündet, sondern auch versucht, sie praktisch durchzuführen; sie hat eine neue Organisationsform, die Sowjets errichtet, die sich viel biegsamer gezeigt haben als es sich voraussehen ließ und sich nicht nur für die kulturell fortgeschrittenen, sondern auch für die mehr primitiven Völker eignen. Überdies hat der Krieg die wirtschaftliche Weltordnung von Grund aus umgestaltet. Die Beziehungen zwischen dem westlichen Kapitalismus und den Orientländern haben sich verschoben. Die Produktion in den westlichen Ländern sank bedeutend, auch konnte der Westen aus der Produktion des Orients nicht mehr so ausgiebig wie früher schöpfen. Es bildete sich infolgedessen in gewissen Orientländern eine neue Handwerkerklasse heraus, die ihr Handwerk oder ihr Kleingewerbe seit dem Kriege betreibt und täglich größere Bedeutung erlangt. Die Tatsache, daß in Ländern wie die Türkei gegenwärtig die Einführung des Schutzzolls in Aussicht genommen wird, zeigt, daß die industrielle Umwandlung in manchen Orientländern eine tiefere ist, als es auf den ersten Blick erscheint.
Aus allen diesen Tatsachen, aus allen diesen aufeinander einwirkenden Erscheinungen heraus wird ein gemeinsamer Geist der Auflehnung, der Unabhängigkeit, ein Streben nach Klarheit geboren, das vor dem Kriege nicht vorhanden war. Der Krieg hat diese Völker wirtschaftlich mehr oder weniger isoliert und sie vor neue Organisationsaufgaben gestellt. Sie waren gezwungen, auf dem Gebiete der Industrie und der Agrikultur bedeutend mehr Initiative zu entfalten. Auf diese Weise entwickelte sich unter den Orientvölkern das Bewußtsein ihres eigenen Könnens, das Bedürfnis, sich auszubreiten und Unabhängigkeit zu erringen. Hierin aber liegt eine dynamische Kraft von ungeheurem Wert für den Kampf gegen den Imperialismus im Orient. Wir, die kommunistischen Parteien, müssen alle diese Kräfte genau im Auge behalten, wir haben nicht das Recht, auch nur eine einzige von ihnen unbeachtet zu lassen, wir müssen sie alle für die revolutionäre Aktion ausnutzen, so gut es geht. Falls der Kampf gegen den Imperialismus unumgänglich ist, falls der Orient seine Bestrebungen nicht verwirklichen kann, ohne daß der Imperialismus vernichtet wird, dürfen wir uns nicht in eine überlegene kommunistische Abgeschlossenheit zurückziehen, wir dürfen uns nicht darauf beschränken, zuzusehen, ohne zu handeln. Ja, wir müssen den Kommunismus im Orient verbreiten, wir müssen kommunistische Parteien bilden, wir müssen alle kommunistischen Bestrebungen unterstützen. Wir dürfen uns aber hierbei keinen falschen Hoffnungen hingeben: in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage, in dem Kampf gegen den Imperialismus, rücken die nationalen Fragen unvermeidlich in den Vordergrund. Die kommunistischen Probleme und die kommunistische Organisation dagegen müssen notgedrungen zurückstehen. Es ist daher eine dringende Aufgabe, sofern es möglich ist, zu der kommunistischen Aktion zu schreiten und zugleich die nationalen Bestrebungen zu überwachen, um sie in das richtige Flußbett zu leiten. Natürlich dürfen wir uns dieser nationalen Bewegung vom prinzipiellen Standpunkte aus nicht anschließen. Wir müssen stets unseren eigenen Standpunkt sorgfältigst bewahren, wir müssen stets auf dem Boden bleiben, auf den der II. Kongreß der Kommunistischen Internationale sich im vorigen Jahre gestellt hat. Dies ist auch der Grund, daß unsere Kommission beschlossen hat, bei den im vorigen Jahre niedergelegten Grundsätzen zu bleiben, obgleich die französische Delegation hierher kam, um eine Abänderung des Textes der Leitsätze zu fordern. Aber unabhängig von den Grundsätzen haben wir das Leben, die alltäglichen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Es gibt nur ein Mittel, um sich dem Volke zu nähern. Wir müssen unser Möglichstes tun, um das Proletariat des Orients für uns zu gewinnen; deshalb dürfen wir es auch nicht verabsäumen, mit den Nationalisten des Orients in Verbindung zu treten. Freilich betrügt uns diese Klasse in dem, was sie uns über das Volk sagt. Sie betrügt das Volk in Bezug auf das, was wir sagen. Trotzdem aber haben wir, wenn wir sie den Regierungspflichten gegenüberstellen, ein überaus machtvolles Mittel in der Hand, um dieses Volk, das von ihr betrogen wird, heranzuziehen. Wir können dem Volk auf diese Weise zeigen, daß die orientalischen Nationalisten genau so vorgehen wie die Kapitalisten und Imperialisten des Westens. Wir müssen diese nationalistischen Bewegungen folglich überwachen, dürfen ihnen aber nicht von vornherein den Mut rauben. Wir müssen sie so lenken, wie es uns günstiger ist, oder vielmehr wir müssen die Massen aufklären und die Sache so einrichten, den Boden so vorbereiten, daß, wenn der geeignete Augenblick kommt, die Befreiungsbewegung über die Köpfe dieser nationalistischen Führer hinweg und gegen die Nationalisten, unter Leitung der Kommunisten ihren Weg nehmen kann. Dies muß unserer Ansicht nach der Standpunkt der Kommunistischen Partei in der Orientfrage sein. Was wir heute hier gehört haben, ist sehr erbaulich, Genossen, es ist eine Art von Bilanz der gleichartigen Freveltaten des Kapitalismus in allen Orientländern. Es ist zu gleicher Zeit eine Verkündigung, daß es in allen Ländern ohne Ausnahme, in welchen Formen es auch sei, mit welchen Mißgriffen es auch sei, doch ein Freiheitsbestreben gibt, das im Wirtschaftsleben der ganzen Welt, und namentlich vom politischen Standpunkte aus eine Bedeutung haben kann, die nicht unterschätzt werden darf. Wir können nur bedauern, daß die Orientfrage hier in solcher Kürze behandelt wurde. Unserer Ansicht nach ist diese Frage eine der wichtigsten internationalen Fragen. Wir dürfen sie auf keinen Fall außeracht lassen, und der Kongreß muß heute klar und bestimmt sagen, daß man sich auch ferner mit ihr beschäftigen muß, und zwar in einer wirksameren Weise als es bis heute der Fall war. Das Orientbüro spielt unserer Ansicht nach bloß eine platonische Rolle; so hat es sich z. B. mit den kommunistischen Parteien des Westens noch bis heute nicht in Verbindung gesetzt. Uns, die wir durch unsere Kolonien an der Orientfrage interessiert sind, erscheint dies ein wenig befremdend. Der Kongreß muß bestimmen, daß das Büro sich von nun an eifriger zu betätigen hat, und zwar nicht allein, sondern in enger Zusammenarbeit mit dem Proletariat des Westens; daß diese Arbeit mit jedem Tage mehr unterstrichen, mehr präzisiert werden muß. Wenn wir so handeln, dann wird die Orientfrage, wir sind dessen sicher, berufen sein, der bedeutendste Faktor der Weltrevolution zu sein.
Genossen, heute abend wird man Euch den Entwurf der Exekutive über diese Frage vorlegen. Vorläufig bitte ich den Kongreß, sich den Ausführungen des Berichterstatters der Kommission anzuschließen, es zu sagen, welches Interesse wir den Genossen im Orient entgegenbringen, und denjenigen unserer Brüder, die uns von den Leiden der Völker Asiens erzählt haben, zu versprechen, daß sie auf die wirksame, unverzügliche Unterstützung der Kommunistischen Internationale rechnen können.
Colliard (Frankreich). Anläßlich des Protestes des Genossen Julien erkläre ich im Namen einiger Genossen der französischen Delegation, daß wir uns seinem Proteste nicht anschließen. Er hat gesagt, daß wir uns auf einem Kongreß befinden, wo der Film die Hauptrolle spielt. Wir protestieren gegen diese Worte.
Vors. Kolarow. Im Namen des Präsidiums schließe ich mich der Erklärung der Genossin Colliard an und protestiere im Namen des Kongresses gegen die Worte des Genossen Julien. Dieser Kongreß hat allen Vertretern der orientalischen Länder die Möglichkeit gegeben, herzukommen und sich mit dem internationalen Proletariat in Verbindung zu setzen.
Ich finde, wir haben keinen Grund, die große Arbeit des Kongresses zu schmälern. Wir bedauern, daß der Kongreß keine Zeit hat, die Orientfrage mit der notwendigen Ausführlichkeit zu behandeln; aber dieses Unglück ist nicht groß, da diese Frage schon auf dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale gründlich durchgenommen wurde, von dem die Thesen über die Frage der Kolonien angenommen wurden. Diese Frage wurde ebenfalls auf dem Kongreß der Völker des Ostens, der im August des vorigen Jahres stattfand, zur Diskussion gestellt, und ich bin überzeugt, daß man sich auf anderen Kongressen, auf anderen Versammlungen ausführlich mit dieser Frage beschäftigen wird.
Für uns war es das Wichtigste, bei dieser Gelegenheit eine Manifestation der internationalen Solidarität des westlichen Proletariats und der bedrückten Völker der Kolonien und der anderen Länder des Ostens zu veranstalten. Die Manifestation ist zustande gekommen; das ist die Hauptsache.
Die Debatte ist geschlossen. Die Fortsetzung der Sitzung wird auf 8 Uhr abends festgelegt.
Die vierundzwanzigste Sitzung (12. Juli 1921, 9 Uhr abends)
(Mitteilungen des Präsidiums. Frölich: Bericht der Jugendkommission. — Abstimmung. Koenen: Bericht der Organisationskommission. — Abstimmung. Heckert: Bericht der Gewerkschaftskommission. — Abstimmung. Wahl des Vorsitzenden der Exekutive. Koenen: Schlusswort. Sinowjew: Schlusswort.)
Vors. Koenen. Die Schlußsitzung des Kongresses ist eröffnet. Genossen, auf der Tagesordnung haben wir zunächst eine Reihe von Manifesten, die vorliegen resp. von der Exekutive herausgegeben werden sollen, außerdem die Berichte der Jugendkommission, der Gewerkschaftskommission, der Organisationskommission und zum Schluß die Wahl des Vorsitzenden.
Zunächst liegt uns im Anschluß an die Diskussion über die Orientfrage der Entwurf eines Manifestes vor, der sich auch im Rahmen der bisherigen Diskussion bewegt. Das Präsidium schlägt dem Kongreß vor, diesen Entwurf noch einmal der Exekutive zu überweisen und die Exekutive zu beauftragen, dieses Manifest im Auftrage des Kongresses herauszugeben. Ich glaube, daß dagegen kein Widerspruch erfolgt.
Da kein Widerspruch erhoben wird, wird der Entwurf der Exekutive überwiesen.
Es liegt dazu noch ein Vorschlag der südafrikanischen Delegation vor, die Exekutive zu beauftragen, auch die Negerfrage oder die proletarische Bewegung unter den Negern zu berücksichtigen als einen wichtigen Teil des Orientproblems. Das Präsidium schlägt vor, auch diese Angelegenheit der Exekutive zur weiteren Bearbeitung zu überweisen. Erfolgt dagegen Widerspruch? Das ist nicht der Fall, dann ist der Vorschlag angenommen.
Es liegt uns ein Manifest an die italienische Arbeiterschaft vor. Dieses Manifest ist in Übereinstimmung mit der italienischen Delegation ausgearbeitet und wendet sich gegen die Serratigruppe, macht die Arbeiter Italiens auf die Schwächen und Fehler dieser Gruppe aufmerksam und fordert sie auf, für den Kommunismus einzutreten. Wir schlagen Ihnen vor, die redaktionelle Fassung dieses Manifestes, das mit der italienischen Delegation besprochen worden ist, endgültig der Exekutive zu übertragen und sie zu beauftragen, dieses Manifest ebenfalls im Auftrage des Weltkongresses herauszugeben.
Dem Präsidium sind außerdem Leitsätze zu einem Aufruf des III Weltkongresses der Kommunistischen Internationale an die rumänische Arbeiterschaft vorgelegt worden. Die Leitsätze sind insbesondere gegen den Terror gerichtet, der von der Regierung gegen die dortige Arbeiterschaft ausgeübt wird. Wir schlagen im Einverständnis mit den Verfassern vor, die Leitsätze dem Exekutivkomitee als Grundlage für ein Manifest an die rumänische Arbeiterschaft zu überweisen und die Exekutive zu beauftragen, auch dieses Manifest als im Auftrage des Kongresses herausgegeben erscheinen zu lassen. Wenn kein Widerspruch erfolgt, ist so beschlossen.
Außerdem hat der Kongreß im Anschluß an die Verhandlungen über den ersten Tagesordnungspunkt dem damaligen Antrage des Genossen Radek zugestimmt, einen Aufruf an die Arbeiter der ganzen Welt zu richten über die Kämpfe in der jetzigen Situation. Es liegt bisher ein fertiger Entwurf noch nicht vor. Wir schlagen vor, dem Exekutivkomitee Vollmacht zu geben, ein solches Manifest an die Arbeiter der ganzen Welt über die jetzige Situation im Auftrage des Kongresses herauszugeben.
Es liegen uns schließlich noch drei Resolutionen resp. Vorschläge zu Manifesten vor, eines über allgemeine Judenpogrome, eines über die besonderen Verhältnisse in Palästina und, schließlich, ein Vorschlag zur Herausgabe eines Manifestes über die Lage in Weißrußland. Das Präsidium schlägt vor, diese Manifeste jetzt noch nicht zu formulieren, sondern alle diese Aufgaben dem neuen Exekutivkomitee zur Stellungnahme zu überweisen. Es wird noch hinzugefügt: eine Resolution der Kommunistischen Arbeiterschaft Polens, die auch die Verhältnisse in Weißrußland betrifft. Alles bitten wir der Exekutive zu überweisen.
Für den letzten soeben eingegangenen Vorschlag wird noch gebeten, zu beschließen, daß diese Resolution auch ausdrücklich im Auftrage des Kongresses herausgegeben wird.
Dann noch eine Mitteilung. Die Mandatprüfungskommission teilt mit, daß die griechischen Mandate, die inzwischen geprüft wurden, anerkannt worden sind. Griechenland figuriert demnach in der vierten Kategorie mit zehn Stimmen. Die Mandatsprüfungskommission bittet, diesen Bericht nachträglich entgegenzunehmen und zu beschließen, die Mandate, wie vorgeschlagen, anzuerkennen und Griechenland in die vierte Kategorie aufzunehmen.
Wir treten nunmehr in die weitere Tagesordnung ein. Für den Bericht der Jugendkommission hat Gen. Frölich das Wort.
Frölich (V.K.P.D.). Genossen und Genossinnen, die Kommission, die die Thesen für die Organisation der Jugendinternationale und das Verhältnis zwischen den Jugendorganisationen und den Kommunistischen Parteien nachprüfen sollte, macht Ihnen nur drei Abänderungsvorschläge. Bei den ersten beiden handelt es sich nur um die Verbesserung einiger Schönheitsfehler. Es wird im § 2, auf Seite 2 der Vorlage, im letzten Abschnitt, die Avantgarderolle der Jugendorganisation in den verschiedenen Ländern dargestellt, und es wird gesagt, daß diese Jugendorganisation die Rolle der fehlenden revolutionären Kommunistischen Parteien gespielt haben. Damit nicht mißverstanden werden kann, daß auch in einzelnen Ländern revolutionäre Parteien da waren, wo die Jugendorganisationen diese Rolle nicht zu spielen hatten, soll bei der Stelle „Damit hatten die Jugendorganisationen die Funktionen“ — „der in den meisten Ländern fehlenden revolutionären Parteien“ eingesetzt werden. Das ist eine Kleinigkeit.
Weiter ist im § 4 der Vorlage erklärt, in welcher Weise die wirtschaftlichen Kämpfe, in die die Jugendorganisationen eintreten sollen, geführt werden. Es ist ganz klar, daß die Jugendorganisationen solche wirtschaftliche Kämpfe nicht führen können, und es wird eingeschaltet, daß sie diese Kämpfe in Verbindung mit den Kommunistischen Parteien und den Gewerkschaften führen sollen,
Und dann ist schließlich noch ein Zusatz zum § 5 gemacht worden. In diesem Paragraphen wird das Verhältnis der Jugendorganisationen zu den Kommunistischen Parteien geklärt, und es wird gesagt, daß sich die Jugendorganisationen politisch den Parteien unterzuordnen haben, daß sie aber organisatorisch autonom bleiben sollen. Es bestehen nun einzelne Parteien, in denen die Jugendorganisation schon in einem innigeren organisatorischen Verhältnis mit der Partei ist, als in den Ländern, für die dieser Paragraph vorgesehen ist. Und es wird deshalb vorgeschlagen, dieses Verhältnis nicht zu ändern, sondern dort, wo die Verschmelzung zwischen Jugend und Kommunistischer Partei schon weiter gegangen ist, dieses Verhältnis anzuerkennen, sobald kein Einspruch dagegen erhoben wird. Es wird deshalb vorgeschlagen, am Ende des § 5, Seite 4, den Satz anzuhängen: „Da zur erfolgreichen Führung des revolutionären Kampfes die stärkste Zentralisation und die größte Einheitlichkeit notwendig ist, soll in jenen Ländern, wo infolge der historischen Entwicklung eine größere Abhängigkeit der Jugend in der Regel besteht, dieses Verhältnis in der Regel aufrecht erhalten werden; bei Differenzen zwischen beiden Organen entscheidet das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale in Gemeinschaft mit dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternationale.“
Das sind alle Vorschläge, die zu machen sind. (Zustimmung.)
Vors. Koenen. Eine Diskussion über den Bericht wird nicht gewünscht, wie es scheint. Wir kommen zur Abstimmung. Wer nunmehr nach den Abänderungsvorschlägen der Kommission den Thesen über das Verhältnis der Jugendinternationale zur Kommunistischen Internationale und den angeschlossenen Parteien zu der Jugend ihres Landes zustimmt, den bitten wir, die blaue Karte zu erheben. (Erfolgt.) Einstimmig angenommen.
Koenen. Genossen und Genossinnen! Die Organisationskommission hat in zwei Unterkommissionen ausführliche Sitzungen gehabt und den ganzen Entwurf durchberaten. Es sind eine ganze Reihe von kleinen Änderungen vorgenommen, die alle einstimmig von der Kommission akzeptiert wurden. Es sind außerdem eine Reihe von Kürzungen vorgenommen worden, die ebenfalls von der Organisationskommission einstimmig akzeptiert wurden. Dann sind noch eine Reihe von Zusatzanträgen ausgearbeitet worden, die ich bekannt geben werde,
Zunächst ist ein wesentlicher Änderungs- und Zusatzantrag bei dem Kapitel über den demokratischen Zentralismus vorgelegt worden. Dieser Änderungsantrag ist Ihnen schon in der Druckvorlage in allen Sprachen vorgelegt worden und ich brauche ihn nicht bekannt zu geben. Dieser Änderungsvorschlag ist ebenfalls einstimmig angenommen worden. Er macht den Gedanken des demokratischen Zentralismus etwas deutlicher und verständlicher.
Der nächste wichtige Zusatz betrifft die Agitation und Propaganda unter den nationalen Minderheiten. Es ist eine besondere Aufforderung eingegliedert worden, diese Agitation und Propaganda recht lebhaft zu betreiben, und zwar womöglich in der Sprache dieser Minderheiten. Die Formulierung der Gewerkschaftsfrage, die Behandlung der Tarifverträge ist klarer gefaßt, damit keine prinzipiellen Streitigkeiten über die Tarifverträge entstehen können.
Der Absatz über die „Propaganda in Armee und Flotte“ wurde neu formuliert und insbesondere hinzugesetzt, daß die Agitation darauf Rücksicht nehmen soll, daß in den Ländern, wo man noch das stehende Heer hat, die Mannschaft in Zukunft mit dem Schicksal der ausgebeuteten Klasse engstens verbunden ist. — Schließlich ist über die Art und Weise, wie man den Offizierstruppen und Studentenkorps entgegentreten soll, ein besonderer Vorschlag angenommen worden.
Der Ergänzungsvorschlag, den ich Ihnen in meinem Berichte über die Organisation der politischen Kämpfe gemacht und den ich in meinem Referat fast vollinhaltlich verlesen habe, ist im wesentlichen angenommen. Es sind nur einige Streichungen gemacht worden, und zwar deshalb, weil diese Gedanken im wesentlichen schon in den Thesen über die Taktik enthalten waren.
Ein Zusatz ist noch über die Mitarbeit der Presse bei der Durchführung politischer Kampagnen gemacht worden, insbesondere auch darüber, wie die Redakteure mit der ganzen Tätigkeit der Partei enger verbunden werden, und wie Einheitlichkeit in die Parteipresse für ihre revolutionäre Arbeit gebracht werden soll, sowie auch ein Ergänzungsvorschlag, der die Zeitschriften, Broschüren und sonstigen wissenschaftlichen und propagandistischen Veröffentlichungen der Partei betrifft. All diese Dinge sollen zentralistisch in dem Sinne der Kampagnen der Partei hier eingefügt werden.
Es ist ein Zusatz gemacht worden, der die sozialdemokratische und die unabhängige sozialistische Presse betrifft und sagt, wie man gegen sie die Werbearbeit durchführen soll. Auch hier herrschte in der Kommission darüber Einstimmigkeit, daß eine solche Ergänzung vorgenommen werden müßte.
Bei der Wahl der Zentralleitungen in dem Kapitel über die „Struktur des Parteiorganismus“ fand eine Auseinandersetzung darüber statt, ob die Parteileitung nur dem Parteitag oder auch dem Internationalen Exekutivkomitee verantwortlich sein soll. Letzterer Vorschlag wurde von der Kommission einstimmig akzeptiert.
Die Vorschläge, die Wahl der Leitung, auch der engeren, nur durch den Parteitag vorzunehmen, wurden revidiert und beschlossen, daß es freigestellt werden soll, ob die Wahl der engeren Leitung direkt auf dem Parteitag erfolgen, oder von den gewählten Zentralkomitees oder aber von dem Beirat oder Zentralausschuß vorgenommen werden soll. Die Änderungen wurden einstimmig vorgenommen.
An verschiedenen Stellen wurde eingefügt, daß es für die Frauen- und Landagitation notwendig ist, besondere Arbeitergruppen und unter Umständen Spezialleitungen einzusetzen. Dasselbe wurde auch für die Rote Hilfe beschlossen. Man nimmt an, daß für die Opfer des weißen Schreckens besondere Hilfsabteilungen bei den einzelnen Parteien geschaffen werden sollen.
Bei der Unterstellung der verschiedenen Organe der Partei wurde in den Thesen ein deutlicher Ausdruck dessen vermißt, daß auch die Parlamentarier der Zentrale der Partei unterstellt sind. Durch eine Einschaltung ist das nachgeholt worden. Auf Vorschlag wurde auch noch eingefügt, daß eine besondere Revisionskommission allen Parteien empfohlen wird, die die Kontrolle über die Kassen- und Rechnungsführung hat und dem erweiterten Ausschuß, Beirat usw. regelmäßig über ihre Tätigkeit und Feststellungen Bericht erstatten soll.
Die Freiheit der Kritik wünschten einige Genossen in der Kommission wenigstens in den Thesen mit einiger Begrenztheit festzulegen. Die Kommission ist diesem Wunsche gefolgt und hat eine Formulierung gefunden, die ich des allgemeinen Interesses wegen verlesen möchte.
„Damit jedoch jeder Parteibeschluß durch alle Parteiorganisationen und Mitglieder mit Energie durchgeführt wird, muß, womöglich, die breiteste Parteimasse zur Prüfung und Entscheidung jeder Frage herangezogen werden. Den Parteiorganisationen und Parteiinstanzen obliegt auch die Pflicht zu entscheiden, ob überhaupt und in welcher Form und welchen Umfang in der Öffentlichkeit (Presse, Broschüren) Fragen von einzelnen Genossen diskutiert werden sollen“.
Auf diesen Vorschlag hat man sich einstimmig geeinigt. Es ist auch der Satz geändert worden, daß man nur ein schlechter Kommunist ist, wenn man sich vergißt und die Kommunistische Partei in der Öffentlichkeit angreift.
Der Absatz über die „illegale und legale Arbeit“ heißt jetzt: „über die Verbindung der legalen und illegalen Arbeit“. Es soll dadurch zum Ausdruck gebracht werden, daß zwischen der legalen und illegalen Arbeit kein Gegensatz besteht, sondern daß beide ineinander übergreifen müssen. Einige Absätze dieses Kapitels sind vorsichtiger gefaßt worden, es sind einige Streichungen vorgenommen worden, damit dabei nicht allzuviel für die Bourgeoisieregierungen herauskomme. Auch ist es für notwendig gehalten worden, einige Formulierungen einzufügen, die bei Aufnahme neuer Mitglieder zur Vorsicht mahnen. Das Eindringen unzuverlässiger Mitglieder soll durch Anlegung von Kandidatenlisten verhindert werden. Jedoch bleibt es einzelnen Genossen überlassen, diese Regelung vorläufig noch bei sich zu treffen, so wie es möglich ist. Um zu verhindern, daß Spitzel und Provokateure in die illegale Arbeit eindringen, wird vorgeschlagen, daß man die Genossen, die illegal arbeiten wollen, zunächst in der legalen Tätigkeit besonders prüft. Schließlich noch die Bemerkung, daß der Ausdruck: vor der Revolution, Widerspruch hervorgerufen hat; er ist überall durch den Ausdruck „vor der offenen revolutionären Erhebung“ ersetzt worden.
Das sind also die wesentlichen Änderungen, die wir Ihnen an dem jetzigen Entwurf über die Organisation der Partei vorschlagen. Der Titel lautet dann: „Leitsätze über den organisatorischen Aufbau der Kommunistischen Partei, über die Methoden und den Inhalt ihrer Arbeit“.
Ich komme jetzt zu dem Abschnitt, der die Resolution zur Organisation der Kommunistischen Internationale behandelt. Die Resolution ist noch in einigen Teilen geändert worden. In der Einleitung sind einige unwesentliche Streichungen gemacht worden. Man nahm an, daß das Gestrichene in früheren Resolutionen schon gesagt worden sei. Ebenso ist im ersten Absatz im 1. Punkt der Satz gestrichen worden, daß die Sektionen der Internationale untereinander die engste Fühlung behalten sollen, es ist dafür gleich gesagt worden, wie sie es machen sollen. Wesentliche Änderungen sind eigentlich nur im letzten Absatz vorgenommen worden. Der lautet jetzt folgendermaßen:
„V. Um diese außerordentlich gesteigerte Tätigkeit entfalten zu können, muß die Exekutive erheblich erweitert werden. Jene Sektionen, denen vom Kongreß 40 Stimmen zugesprochen wurden, sowie die Exekutive der Kommunistischen Jugendinternationale haben in der Exekutive je 2 Stimmen, jene Sektionen, welche auf dem Kongreß 30 und 20 Stimmen haben, je 1 Stimme. Die Kommunistische Partei Rußlands verfügt wie bisher über 5 Stimmen. Die Vertreter der übrigen Sektionen haben beratende Stimmen. Den Präsidenten der Exekutive wählt der Kongreß. Die Exekutive wird beauftragt, 3 Sekretäre zu bestellen, die womöglich verschiedenen Sektionen zu entnehmen sind. Neben ihnen sind die Mitglieder der Exekutive, die von den Sektionen entsendet werden, verpflichtet, sich an der Erledigung der laufenden Arbeiten durch ihre besonderen nationalen Abteilungen oder durch die Übernahme der Bearbeitung ganzer Fachgebiete als Referenten zu beteiligen. Die Mitglieder des geschäftsführenden Engeren Büros werden von der Exekutive besonders gewählt.“
Über diesen Punkt waren einige Differenzen, es fanden Abstimmungen darüber statt, welche Sektionen 2 Stimmen bekommen sollten. Jedoch wurde mit großer Mehrheit der Vorschlag angenommen, der Ihnen jetzt hier vorliegt.
Eine Auseinandersetzung fand noch über den Punkt statt, ob die Mitglieder des geschäftsführenden Engeren Büros von der Exekutive aus den Reihen der Exekutive gewählt werden sollen, oder ob die Exekutive berechtigt sein soll, auch Genossen, die zufällig nicht zur Exekutive gehören, in das Engere Büro zu nehmen. Es ist schließlich beschlossen worden, den Satz so zu formulieren, daß die Exekutive darin Freiheit besitzt. Jedoch herrschen darüber noch getrennte Meinungen, und man muß sich darüber noch verständigen.
Schließlich hat die Kommission, die sich mit internationalen Fragen beschäftigte, noch eine Reihe anderer Wünsche erörtert. Diese Wünsche, die man nicht in einer öffentlichen Verhandlung ohne weiteres zu besprechen braucht, sind der neuen Exekutive zum größten Teil zur Berücksichtigung überwiesen worden. Es wurde vorgeschlagen, daß man für die Tätigkeit der Exekutive eine Kontrollkommission einsetzt und insbesondere für das, was die Exekutive mit den Parteien draußen im Lande unternimmt und was die Sektionen leisten. Es war nicht möglich, darüber ein fertiges Projekt vorzulegen. Die Kommission hielt diese Frage aber für so wichtig, daß man sie nicht bis zum nächsten Kongreß unerledigt lassen wollte, sondern sie war der Meinung, daß man schon jetzt einen Ausweg finden soll. Die Kommission schlägt übereinstimmend vor, zunächst ein Provisorium zu schaffen, eine provisorische Kontrollkommission einzusetzen, damit die neue Exekutive sich mit der ersten Stimmgruppe, also mit den Leitungen der größten Delegationen einmütig verständigt. Kommt zwischen der ersten Stimmgruppe und der Exekutive eine Verständigung zustande, dann soll diese provisorische Kontrollkommission für dieses Jahr funktionieren. Zu diesen beiden Gruppen und der Exekutive soll auch provisorisch die Abgrenzung der Tätigkeit erfolgen. Jedoch schlägt die Kommission einmütig vor, schon jetzt zu bestimmen, daß diese Kommission im allgemeinen keine größeren Rechte haben soll, wie die Kontrollkommission der einzelnen Landesorganisationen, und daß sie im allgemeinen politische Angelegenheiten nicht zu entscheiden hat. Das ist der Vorschlag, den wir dem Kongreß in diesen Angelegenheiten unterbreiten. Wir bitten alle, diese Vorschläge möglichst ohne große Auseinandersetzung anzunehmen. (Lebhafte Zustimmung.)
Es liegt ein Vorschlag vor, die Exekutive um einen Vertreter zu erweitern, und zwar der indischen kommunistischen Bewegung einen stimmberechtigten Vertreter zu geben, der bisher nur mit beratender Stimme an den Verhandlungen teilnehmen konnte. Das Präsidium hat nichts dagegen einzuwenden. Wir glauben, daß man diesem Vorschlag zustimmen kann.
Es liegt außerdem ein Ergänzungsantrag vor, die Mitglieder des Engeren Büros nur aus den Reihen der Mitglieder der Exekutive zu wählen. Wünscht jemand dazu das Wort?
Souvarine fordert, daß hier im Plenum die Abstimmung nach den Stimmen der Delegationen vorgenommen wird.
Radek. Genossen! Im Namen der Russischen Delegation widerspreche ich diesem Antrag, und zwar aus folgenden Gründen. Alle politischen Entscheidungen werden durch die Exekutive gefällt. Das Kleine Büro hat in erster Linie auf Grund der politischen Entscheidung der Exekutive die illegale Arbeit zu führen. Zu dieser Arbeit können wir in verschiedenen Situationen Genossen brauchen, die im gegebenen Moment, größtenteils aus zufälligen Gründen, weil sie nicht auf dem Kongreß waren, nicht in die Exekutive gewählt werden, nicht gewählt werden konnten.
Ebenso haben wir, wenn wir einen Vertreter ins Ausland senden, uns in der Auswahl der Vertreter nicht auf Mitglieder der Exekutive beschränken können, sondern haben auch verantwortliche Genossen außerhalb der Exekutive zu dieser Arbeit entsenden müssen. Wir haben es immer getan. Ebenso muß die Exekutive die Möglichkeit haben, daß mit ihrer Zustimmung dem Kleinen Büro Genossen angehören, die nicht Mitglieder der Exekutive sind. Es ist ein rein formaler schematischer Gedanke, der dagegen spricht, dafür aber sprechen die Erfahrungen unserer Bewegung. Die Erledigung illegaler Dinge erfordert eine viel größere Elastizität. Es ist charakteristisch, daß dieser Antrag von Vertretern solcher Organisationen gestellt worden ist, die keine größere illegale Arbeit zu leisten genötigt waren. (Widerspruch.) Ich bitte den Antrag abzulehnen. Es ist keine große prinzipielle Frage. Wenn der Kongreß anders beschließt, werden wir auch so arbeiten müssen. Aber dieser Beschluß würde uns die Arbeit erschweren.
Koenen. Wünscht jemand das Wort?
Koritschoner. Wir ersuchen Sie, für den Antrag des Genossen Souvarine zu stimmen. Es geht nicht an, daß Genossen, die nicht von der Delegation ihres Landes entsendet werden, in das Engere Büro der Exekutive gelangen. Das Engere Büro ist ein Ausschuß der Exekutive und als solches muß es analog zusammengesetzt sein und muß sich organisch herausentwickeln. Man ist doch sonst immer so für die organische Entwicklung. Ich möchte darauf hinweisen, daß es eine unumgängliche Notwendigkeit ist, organisatorische Klarheit zu schaffen und dies kann nur auf diese Weise geschehen. Wir müssen gleichzeitig aber auch feststellen, daß der Antrag auch von Delegationen unterschrieben ist, die gezwungen waren, zu wiederholten Malen illegale Arbeit zu leisten.
Walecki. Genossen, ich muß gegen den Verbesserungsvorschlag, den eine Gruppe von Delegierten eingebracht hat, sprechen, und zwar aus folgendem Grunde: Wir hatten bis jetzt eine Exekutive, die weder ziffernmäßig, noch in anderer Beziehung ausreichte, um Kandidaten für das Engere Büro zu beschaffen. Wir haben auf diesem Kongreß beschlossen, die Exekutive zu verstärken und die Parteien der anderen Länder aufzufordern, ihre besten Kräfte als Delegierte nach Moskau zu senden. Jedoch können wir in diesem Augenblick noch nicht voraussehen, inwiefern die Parteien diesem Aufruf folgen werden. Wir können noch nicht wissen, ob es nicht in der Zukunft auch noch nötig sein wird, außerhalb des Exekutivkomitees Kräfte zu suchen, die imstande wären, sämtliche Funktionen von Mitgliedern des Engeren Büros auszuüben. Man darf dem Exekutivkomitee in dieser Hinsicht nicht die Hände binden. Man muß ihm die Verantwortung der Wahl überlassen. Vom formellen Standpunkte aus ist diese Art der Vertretung ebenfalls zulässig. So werden von verschiedenen Parteien Genossen in die Exekutive delegiert, die nicht direkt Mitglieder der Parteileitung sind. In der Regel wird die Exekutive sicherlich ihre eigenen Mitglieder in das Engere Büro wählen. Man darf ihr jedoch nicht im voraus verbieten, in Ausnahmefällen 1—2 Personen heranzuziehen, die im gegebenen Augenblick nicht Mitglieder der Exekutive sind.
Koenen. Es liegen weitere Wortmeldungen nicht mehr vor. Wir müssen also über den Antrag abstimmen.
Radek. Wenn ein Antrag von einer Reihe von Delegationen unterzeichnet ist, Australien, Österreich usw., so muß man anfragen, ob andere Delegationen diesen Antrag unterstützen, denn mit der Kartenerhebung wird die Geschichte nicht erledigt.
Vors. Koenen. Wir kommen zur Abstimmung nach Delegationen. Die Delegationen, die dafür sind, daß nur Mitglieder der Exekutive Mitglieder des Engeren Büros sein sollen, sollen mit ja stimmen. Diejenigen aber, die den ursprünglichen Text, wie ich ihn für die Kommission vorgetragen habe, annehmen wollen, werden mit nein stimmen, lehnen also den Zusatzantrag ab.
Pogany. Die Fragestellung ist nicht richtig. Mit ja müssen diejenigen stimmen, die den Kommissionsvorschlag annehmen.
Vors. Koenen. Um die Sache noch deutlicher zu machen, soll erklärt werden: Für Änderungsantrag Souvarine oder für Kommissionsantrag. Dann kann es, glaube ich, keine Verwirrung mehr geben.
Souvarine. Diese Fragestellung ist für uns unannehmbar. Wir rühren ja den Text der Kommission eigentlich nicht an. Man muß für oder gegen das Amendement stimmen.
Vaillant-Couturier. Ich bitte alle die Länder zu verlesen, die das Amendement mit unterzeichnet haben.
Radek. Genossen, Genosse Souvarine treibt hier ein Versteckenspiel. Es ist Tatsache, daß der Antrag in der Kommission zweimal abgelehnt worden ist. Es ist also der Antrag gegen den Antrag der Kommission. Der Antrag der Kommission gewährt der Exekutive das Recht, Genossen außerhalb der Exekutive für die notwendige Arbeit heranzuziehen. Die französischen Genossen lehnen das ab. Ihr Amendement ist also ein Gegenantrag. Aus diesem Grunde muß abgestimmt werden: Für die Kommission oder für den Antrag Souvarine.
Vors. Koenen. Das Präsidium wird nunmehr niemand mehr das Wort geben, sondern abstimmen lassen, Also es wird abgestimmt folgendermaßen: wer für den Kommissionsantrag ist, hat zu erklären, daß er für den Antrag der Kommission stimmt. Wer für den Abänderungsantrag ist, hat zu erklären: für den Abänderungsantrag Souvarine. Ich komme noch dem Wunsche nach, die Delegationen mitzuteilen, die den Antrag unterschrieben haben: die französische, spanische, schweizerische, jugoslawische, österreichische und australische Delegation.
Wir kommen zur Abstimmung. Ich frage die Delegationen, für welchen Antrag sie stimmen. Rußland: für die Kommission. Deutschland: Kommission. Frankreich: gegen die Kommission. Italien: Kommission. Tschechoslowakei: 30 für Souvarine, 10 für die Kommission. Jugendgruppe: gegen den Antrag der Kommission. Polen: für die Kommission. Ukraine: Kommission. Bulgarien: Abänderungsantrag. Jugoslawien: Abänderungsantrag. Norwegen: Kommission. England: Kommission. Amerika: Kommission. Spanien: Abänderungsantrag. Finnland: Kommission. Holland: Kommission. Belgien: Abänderungsantrag. Rumänien: 5 für die Kommission, 15 Abänderungsantrag. Lettland: Kommission. Schweiz: Abänderungsantrag. Ungarn: 16 für Kommission, 10 für Abänderungsantrag. Schweden: bereits abgereist. Oesterreich: Abänderungsantrag. Aserbeidshan: Kommission. Grusien: Kommission. Litauen: Kommission. Luxemburg: Abänderungsantrag. Türkei: nicht anwesend. Estland: abwesend. Dänemark: Kommission. Griechenland: Abänderungsantrag. Süd-Afrika: Kommission. Island: Kommission. Korea: abwesend. Mexiko: abwesend. Armenien: Kommission. Argentinien: Kommission. Australien: Kommission. Neu-Seeland: abwesend. Holl. Indien: abwesend.
Die Abstimmung ist geschlossen.
Genossen, obwohl das Resultat ziffernmäßig noch nicht genau festgestellt werden konnte, so ist doch festgestellt worden, daß eine große Mehrheit für den Kommissionsantrag vorhanden ist. (Beifall.) Die Mehrheit beträgt nach der Durchschnittsrechnung ungefähr 150 Stimmen.
Nach der Abstimmung hat jetzt Gen. Sinowjew das Wort.
Sinowjew. Genossen, es ist die einzige namentliche Abstimmung während des ganzen Kongresses, und es handelt sich eigentlich nur um eine ganz kleine Sache. Darum glaube ich, sollen wir versuchen, eine solche Formel zu finden, die uns vielleicht alle einigt. Ich schlage vor, daß man trotz dieses glänzenden Sieges (Heiterkeit) eine Konzession an die Antragsteller macht, und zwar, indem man sagt, die Mitglieder des Engeren Büros sollen in der Regel nur aus Mitgliedern der Exekutive bestehen und nur ausnahmsweise kann anders verfahren werden. Denn wirklich handelt es sich nur um einen Ausnahmefall. Selbstverständlich, in der Regel sollen und werden es nur Mitglieder der Exekutive sein. Das einzige, was man für die Not der Arbeit braucht, ist, daß die Mitglieder der Exekutive nicht gebunden sein sollen. Es handelt sich, selbstverständlich, nicht um ein Mißtrauen der Antragsteller, sondern nur um die Methode der Arbeit. Und da wir die Erfahrungen der Exekutive der letzten zwei Jahre haben, bitten wir doch zu glauben, daß es nützlicher sein wird, daß man eine solche Ausnahme zuläßt, und in der Regel soll es so sein, wie es die Genossen der französischen Delegation fordern. Ich glaube, bei einer solchen Abstimmung — einige Genossen haben das versprochen — werden wir eine kompakte Mehrheit erhalten.
Vors. Koenen. Also die Formulierung ist jetzt folgende: Die Mitglieder des geschäftsführenden Kleinen Büros werden von der Exekutive besonders gewählt. Sie sollen in der Regel aus den Mitgliedern der Exekutive entnommen werden. Ausnahmsweise kann anders verfahren werden. Das ist der Vorschlag des Genossen Sinowjew.
Es liegt kein Widerspruch zu dieser Formulierung vor. Wir kommen deshalb unter Aufhebung der vorigen Abstimmung nochmals zur Abstimmung. Ich bitte nunmehr alle, die diesem Änderungsvorschlag zustimmen, die grüne Karte zu erheben. (Erfolgt) Angenommen bis auf eine Stimme, die sich dagegen erhebt.
Nach dieser Abstimmung darf ich nun wohl annehmen, daß der gesamte Entwurf der Organisationskommission über die Methoden der Arbeit, ebenso die Resolution über die internationale Organisation angenommen worden ist. Wer das zum Ausdruck bringen will, bitte ich die Karte zu erheben. (Erfolgt.) Einstimmig angenommen.
Wir kommen zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Bericht der Gewerkschaftskommission. Das Wort hat Genosse Heckert.
Heckert. Parteigenossen! Wir haben am Schluß des Kongresses noch über die Thesen der Gewerkschaftsfragen zu berichten. An den Thesen, die Ihnen im Druck vorliegen, sind verhältnismäßig wenig sachliche Änderungen vorgenommen worden, obwohl eine ganze Reihe von Anträgen vorhanden waren, auch sachliche Änderungen vorzunehmen. Aber verschiedene, oder besser gesagt, die meisten Anträge resultieren daraus, daß eine ganz unglückliche Übersetzung im englischen, sowie im französischen Text vorliegt. In beiden Texten sind eine ganze Reihe Stellen falsch übersetzt. Als wir die falschen Übersetzungen korrigierten, stellte sich heraus, daß die Mehrzahl der geforderten Abänderungen überflüssig ist. Eigentlich sind von der Kommission nur 2 Abänderungsanträge von Bedeutung erledigt worden, oder vielmehr nur ein einziger Abänderungsantrag, und zwar, daß auch noch die Gewerkschaften den Kampf gegen einige staatliche Einrichtungen führen müssen, die geschaffen worden sind, um das Kapital vor dem geschlossenen Angriff der Arbeiterklasse auch auf gewerkschaftlichem Gebiet zu schützen, erstens einmal, daß in vielen Staaten die Militarisierung einzelner Betriebe oder Industriezweige vorgenommen worden ist, um angeblich lebenswichtige Betriebe möglichst vor der Stillegung zu bewahren, zum anderen, daß die kapitalistischen Staaten Gesetze geschaffen haben, nach denen die Gewerkschaften verpflichtet sind, ehe sie einen Streik machen, ein obligatorisches Schlichtungsgericht, einen Schlichtungsausschuß anzurufen, und dort ihre Angelegenheiten vorzubringen. In beiden Fällen ist die Kommission der Meinung, und das ist wohl auch Tatsache, daß das nur Mittel sind, um die Kampfkraft der Arbeiterklasse zu lähmen und zu schwächen. Und, drittens, wird noch eine Abänderung vorgenommen, und zwar wird der Kampf proklamiert gegen den staatlichen Steuerabzug, der in einer Reihe von Ländern vorgenommen wird. Die Kapitalisten sind zu Steuereinnehmern gemacht worden. Es werden in einer Summe von Ländern vom Arbeitslohn, den der Arbeiter am Zahltag erhält, 10% und auch mehr vom Lohn abgezogen. Die Kommission ist der Meinung, daß dieser Steuerabzug ein Mittel ist, um die gesamten Lasten des Krieges den Kapitalisten abzunehmen und sie auf die Schultern der Arbeiter zu wälzen; daß es also eine Maßnahme ist, um den Lohn, das Einkommen des Arbeiters herabzumindern, und sie schlägt vor, die Gewerkschaften zu verpflichten, gegen die Militarisierung der Betriebe, gegen die obligatorischen Schlichtungsausschüsse und gegen diesen Steuerabzug alle Mittel des gewerkschaftlichen Kampfes auch in Anwendung zu bringen.
Wir waren leider nicht in der Lage, die Texte im englischen, französischen und russischen zu revidieren. Wir müssen das erst später machen. Ich kann Ihnen aber nur mitteilen, daß alle die Thesen, wie sie Ihnen hier im gedruckten Exemplar vorliegen, von der erdrückenden Majorität angenommen worden sind, meist einstimmig, nur bei ganz wenigen Punkten waren Differenzen vorhanden.
In dem Absatz über das Aktionsprogramm, Abteilung 8, ist dagegen auf Antrag der Kommissionsmehrheit die Streichung eines Gedankens vorgenommen worden. Dieser § 8 des Aktionsprogramms hat in sich den Gedanken, daß die Entkräftung der Arbeiterklasse, die durch den Krieg hervorgerufen wurde, durch eine verkürzte Arbeitszeit und durch verbesserte Lebensbedingungen kompensiert werden muß, damit der Arbeiter imstande ist, seine geschwächte Kraft wieder herzustellen. Die Kommissionsmehrheit war der Meinung, man dürfe diesen Gedanken nicht ausdrücken, weil die Forderung, innerhalb dieser Gesellschaft dem Arbeiter eine Kompensation für die Entkräftigung zu geben durch verkürzte Arbeitszeit und besseren Lohn eine Utopie sei.
Aber, Genossen, die Kommissionsminderheit ist der Meinung, daß dieser Gedanke stehen bleiben muß, und zwar, erstens, weil er doch den Tatsachen entspricht, und weil es kein Argument ist, ihn als utopistisch zu bezeichnen, weil er in der kapitalistischen Ordnung nicht zu verwirklichen sei, denn von diesem Gesichtspunkt aus waren auch fast alle anderen Vorschläge des Aktionsprogramms utopistischer Natur; die Kommissionsminderheit schlägt darum vor, diesen Passus stehen zu lassen.
Die Kommunistische Arbeiterpartei, die hier auf dem Kongreß vertreten ist, machte bei Beginn der Kommissionsverhandlungen den Vorschlag, ihr Programm, ihre Thesen, die sie vorgeschlagen hat, zur Grundlage der Diskussion, zur Grundlage der Verhandlungen zu machen. Die Kommission aber. mit Ausnahme der Vertreter der K.A.P., war der Meinung, daß die Gedankengänge der K. A. P. nicht die Gedankengänge der erdrückenden Majorität des Kongresses sind, und daß man darum ihre Abänderungvorschläge oder ihre Thesen nicht zu der Grundlage der Verhandlungen machen kann.
Soweit der Bericht über die Thesen. Nun noch einige Worte zu dem Problem überhaupt. In der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage, und zwar, erstens, über die Frage der Beziehungen der Kommunistischen Internationale zu den Roten Gewerkschaften und, zweitens, über die Frage des Aktionsprogramms sind von allen Rednern, die hier auf dem Kongreß gesprochen haben, mit Ausnahme der Redner der I.W.W. und K. A. P., die in den Thesen niedergelegten Grundsätze zu den ihrigen gemacht worden. Damit hat der Kongreß durch seine Wortführer schon zum Ausdruck gebracht, daß er nicht die Gewerkschaften zerstören will, wie die K.A.P. das von uns fordert, sondern daß man die Gewerkschaften erobern muß, so wie das klar und eindeutig niedergelegt worden ist.
Und weiter hat der Kongreß zum Ausdruck gebracht, und zwar wiederum ganz einmütig durch die Redner, die hier gesprochen haben, daß es absolut notwendig ist, mit den Roten Gewerkschaften in die engste Beziehung zu treten und jeden Gedanken der Neutralität und der Unabhängigkeit der gewerkschaftlichen Organisationen rücksichtslos zu bekämpfen. Auf diesem Gebiete ist die Front derjenigen, die nicht mit uns einverstanden sind, noch kleiner als in der anderen Frage der Zerstörung der Gewerkschaften. Wir haben eigentlich nur bei einem Teil der französischen Syndikalisten die Abneigung gesehen, mit der Kommunistischen Internationale in enge Beziehungen zu treten und bei einem Redner der I. W.W. Ich glaube, und auch die Kommission glaubt es, daß der Kongreß auch durch die Abstimmung den Gedanken der Zerstörung der Gewerkschaften ablehnen und sich für ihre Eroberung aussprechen wird, der Kongreß wird den Gedanken der Neutralität ablehnen und sich dafür aussprechen, engste Beziehungen mit den Roten Gewerkschaften zu halten.
Aber ich muß einige Gedankengänge der Genossen, die mit uns getagt haben und die gegen uns gestanden sind, noch ein wenig beleuchten. Hier vor dem Kongreß hat die K. A.P. erklärt, die Gewerkschaftsfrage, das sei die Frage, wo man sich ihr nähern müsse, damit sie uns die Grundgedanken ihrer Kampfmethode, ihres Kampfplanes, überhaupt der ganzen revolutionären Bewegung, entwickeln. Wir sind aus den Ausführungen, die der Genosse der K.A.P. gemacht hat, nicht recht klug geworden, was die K. A.P. eigentlich will. Aber einige Dokumente der K.A.P., die in unseren Händen sind, beweisen uns, daß die K.A.P. einen gänzlich unkommunistischen Standpunkt einnimmt und daß sie auch nicht einen einwandfreien Standpunkt vertritt insofern, daß sie eine feste und klare Linie hätte und uns mit aller Offenheit entgegentritt.
Hier auf dem Kongreß erklärte der Redner der K. A. P., die Kommunisten wollen in den Gewerkschaften Zellen bauen, um die Gewerkschaften durch die Zellentaktik zu erobern. Und trotzdem alle Redner hier, außer denen der K. A. P., erklärten, daß die Zellentaktik die richtige sei, erklärt die K.A.P. durch ihre Redner und Schriften, die Zellentaktik zerstöre die Gewerkschaften. Sie sagt: Ihr Kommunisten seht das nur nicht, aber in Tat und Wahrheit tut ihr das. Sie haben auch umfangreiche Thesen über diese Zellentaktik vorgelegt. Aber neben diesen Thesen haben sie noch ein sogenanntes wissenschaftliches Organ, und in diesem wissenschaftlichen Organ „Der Proletarier“ wird die Stellung der Allgemeinen Arbeiter-Union zu der Roten Gewerkschaftsinternationale so formuliert, daß man in diesen Organisationen K. A. P.-Zellen bilden müsse, um die Kommunistische Internationale und die Rote Gewerkschaftsinternationale, die nicht ihrem Gedanken entgegenkomme, zu bremsen und sie umzuformen. Das heißt also, die K.A.P. ist gegen die Zellen, wenn die Kommunisten sie in den Gewerkschaften gründen, aber dafür, wenn sie sie selbst innerhalb der Roten Gewerkschaften und der Kommunistischen Internationale bilden können. Die K.A.P. sagt in einer ihrer Broschüren, warum die Kommunisten in den Gewerkschaften Zellen bilden wollen, folgendes: „Die Moskauer wollen die Gewerkschaften spalten. Wenn sie die Zellen bauen, wird ihre Eroberung nichts anderes als die Spaltung. Wenn ihre Bonzen rufen, man muß die Gewerkschaften erobern, so ist das nichts anderes als das Verlangen dieser Bonzen, sich Sessel zu erobern. Und wenn diese Bonzen gegen die Taktik der Zerstörung der Gewerkschaften Front machen, so ist das nichts anderes als der Wutschrei betrogener Betrüger.“ Und weiter sagt die K.A.P., unsere Zellentaktik führe zu nichts anderem, als in den Organisationen Radau zu machen. Für eine solche Arbeit des Radaumachens innerhalb der Arbeiterbewegung würden sie sich schönstens bedanken. Aber damit noch nicht genug, daß sie ablehnen, mit uns den gemeinsamen Weg zu gehen, erklären sie, daß sie grundsätzlich diese Politik ablehnen; das soll aber die Kommunistische Internationale und die Roten Gewerkschaften nicht verhindern, dennoch die Kommunistische Arbeiterpartei und die Allgemeine Arbeiterunion anzuerkennen.
Also sie wollen uns bekämpfen. Sie lehnen ab, was wir wollen. Dennoch sind wir ihrer Meinung nach verpflichtet, ihre Organisation als eine kommunistische anzuerkennen, auch ihre Taktik als berechtigt anzuerkennen. Genossen, aber am besten lernen wir die Bedeutung dieser berühmten klaren Opposition gegen die allgemeine Taktik, die wir hier auf dem Kongreß beschließen werden können, wenn wir ein Rundschreiben der K.A.P. lesen, in dem wir folgende Sätze finden:
„Unsere Propaganda versagt vollkommen. Die Auflage der Zeitung stagniert. Die Nummern, die außerhalb unserer Abonnenten umgesetzt werden, sind das Werk einzelner Genossen. So ist es in der ganzen Organisation. Die übrigen befinden sich anscheinend auf der Bonzenjagd.“
Also, wer kann besser die K.A.P. und ihre schönen Ideen kritisieren, als diese eigene Partei, die sagt, unsere Organisation ist vollständig im Bruch, die Mitglieder, die etwas tun, sind nur wenige. Die anderen befinden sich auf der Bonzenjagd. Damit ist die Kritik, die der Kongreß an der K.A.P. üben kann, genügend durch die K.A.P. selbst erfolgt. Und noch zu einer kleinen Organisation, die hier einige Worte gesprochen hat, müssen wir etwas sagen, und das ist die I.W.W. Hier haben die Genossen mit Wärme für ihre Organisation gesprochen. Und wir verstehen sehr gut, daß diese Genossen der Meinung sind, sie sind auf dem rechten Wege. Ein Kampf, den man 15 Jahre lang in dieser Front gegen einen bösartigen Feind wie Samuel Gompers kämpfte, der läßt sich nicht so ohne weiteres negieren. Die amerikanischen Genossen forderten auf dem Kongreß, man möge von der I.W.W. die Liquidation ihrer Organisation verlangen. Wir sind nicht der Meinung, daß man das darf. Man kann nicht verlangen, daß diese Kämpfer jetzt in die Organisation Samuel Gompers eintreten, das wäre zu viel auf einmal verlangt.
Aber wenn wir die I. W. W. anschauen und finden, daß sie nach ihrem eigenen Geschäftsbericht nur noch 15 614 Mitglieder in 13 verschiedenen Organisationen hat, da sagen wir uns doch: der Weg, den die Genossen gegangen sind, für den sie ihr Blut und ihre Freiheit gaben, er hat nicht zu einem Erfolge geführt. Er führte nur dazu, daß sie sich von der breiten Masse der Arbeiterklasse isoliert haben, er führte dazu, daß auch in Amerika in den Arbeiterorganisationen die Massen bei Samuel Gompers waren und bei ihnen nur die wenigen Kämpfer. Und darum ist es gut, den Genossen zu sagen: überprüft eure Stellung, die ihr eingenommen habt, verständigt euch mit den Genossen, die revolutionäre Arbeit machen! Vielleicht ist es Eueren vereinten Kämpfen möglich, die reaktionären Gedanken unter den anarchistischen Arbeitern zu zertrümmern. Ihr werdet mehr Erfolg haben, als wenn Ihr nur immer schreit: „Heraus aus den Gewerkschaften“! und dadurch die braven revolutionären Kämpfer von der Masse isoliert. Also auch in Amerika, wo wir fünfzehn Jahre Erfahrungen gesammelt haben, sehen wir, daß diese Parole „Heraus aus den Gewerkschaften“ ebenso Bankerott gemacht hat, wie in der deutschen Arbeiterbewegung bei der K.A.P.D. Und darum, Genossen, wenn es uns auch schwer fällt, in den Reihen der Amsterdamer für unsere Ideen, für die Vernichtung der Ideen der Amsterdamer zu kämpfen, um die Massenorgane des Proletariats zu uns zu reißen und zu Werkzeugen der Revolution zu machen, müssen wir es doch tun. Die kurze Geschichte unserer Tätigkeit — ein Jahr der Zellentätigkeit — beweist, daß wir überall siegreiche Schlachten schlagen, während mit den Parolen der anderen nichts anderes als Trümmerhaufen bei der revolutionären Arbeiterschaft entstehen. Wir bitten Sie darum: nehmen Sie die Thesen mit den wenigen Abänderungen, die vorgeschlagen sind, an, und setzen Sie die Gedankengänge dieser Thesen in lebendiges Leben um, in den Kampf aller organisierten Proletarier gegen die Bourgeoisie und ihre Helfershelfer, und auf dem nächsten Kongreß, wenn wir uns wieder zusammenfinden, ist es vielleicht schon wahrscheinlich, daß auch die breite Masse der in den professionellen Verbänden organisierten Arbeiter sich eingegliedert hat in die große Heersäule, die in der III. Internationale ihr Banner aufgerichtet hat, unter dem die III. Internationale alles revolutionäre Proletariat sammelt, alle Massen der Arbeiterschaft zum Sturz des Kapitalismus, zum Sieg unserer Ideen, für die internationale Befreiung des Proletariats, für die Räterepublik der Arbeiter. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Sie haben soeben gleichzeitig den Bericht der Gewerkschaftskommission, den Vorschlag über die Abänderungsanträge und das Schlußwort des Berichterstatters entgegengenommen. Wir können also zur Abstimmung schreiten.
Sachs (K.A.P.D.). Ich erbitte zur Geschäftsordnung das Wort. Genossen, Sie haben aus dem Berichte des Genossen Heckert gehört und gesehen, daß die K. A.P.D. der Gewerkschaftskommission Thesen vorgelegt hat, ausführliche Thesen über die gesamten Fragen der Gewerkschaften und über alles, was damit zusammenhängt. Sie haben ferner gehört, daß die Kommission es abgelehnt hat, die Thesen zu prüfen. Daher stellen wir den Antrag, unserem Genossen Hempel noch für eine ganz kurze Zeit das Wort zu erteilen zur Begründung der von uns vorgelegten Thesen, und zugleich beantragen wir, daß die von uns der Kommission vorgelegten Thesen ebenfalls zur Abstimmung gebracht werden.
Vors. Koenen. Genossen! Ich stelle fest, daß wir den Vertretern der K.A.P. schon zur Begründung ihrer Thesen eine längere Redezeit gewährt haben, daß die Vertreter der K.A.P. wiederholt in die Diskussion im Plenum und in der Kommission eingegriffen haben, und daß sie daher wiederholt Gelegenheit hatten, ihre Thesen zu vertreten. Infolgedessen ist das Präsidium einstimmig der Meinung, daß gegenwärtig eine neue Diskussion nicht zulässig ist. (Lebhafte Zustimmung.) Sind andere Meinungen vorhanden? Nein, also die Diskussion wird nicht wieder eröffnet. Wir schreiten daher zur Abstimmung über die gesamten Thesen gemeinsam mit den Abänderungen, die Genosse Heckert heute hier vorgeschlagen hat. Wer die Thesen und die Änderungen in der Gewerkschaftsfrage annimmt, erhebe seine Karte. (Erfolgt.) Gegenprobe. (Niemand.) Enthält sich jemand der Abstimmung? (Rufe: Ja.) Also ich stelle fest, daß die Thesen und Abänderungvorschläge einstimmig mit einer einzigen Stimmenthaltung angenommen worden sind. (Lebhafter Beifall und Applaus.)
Wir kommen zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Wahl des Vorsitzenden der Exekutive.
Belloni. Im Auftrage einer Reihe von Delegationen, und zwar der italienischen, deutschen, bulgarischen, polnischen und ungarischen Delegationen beantrage ich, unseren Genossen Sinowjew zum Präsidenten zu wählen. (Lebhafter Beifall.)
Vors. Koenen. Wir schreiten zur Wahl. Wer dem durch den Gen. Belloni unterbreiteten Vorschlag zustimmt, wird gebeten, seine Karte zu erheben. (Erfolgt.) Gegenprobe. Niemand. Ich stelle fest, daß der bisherige Präsident der Exekutive, Gen. Sinowjew, einstimmig wiedergewählt ist. (Stürmischer, langdauernder Beifall und Applaus.)
Dem Präsidium liegt ein Antrag vor, einen Ausschuß, bestehend aus Mitgliedern der verschiedenen Parteien zu entsenden zum Zwecke der Feststellung einer internationalen Hilfssprache. Ich schlage vor, diesen Antrag zum Zwecke der Prüfung an die Exekutive zu leiten. (Zustimmung.)
Genossen! Es liegt hier ein ganzer Sammelband von Depeschen vor uns, die den Kongreß begrüßen. Die Zahl der bisher eingelaufenen Depeschen beträgt 381. Ich glaube, es würde allzuviel Zeit in Anspruch nehmen, alle diese Kundgebungen an den Kongreß zu verlesen. Ich will nur mitteilen, daß, was ja begreiflich ist, die meisten Telegramme uns von unseren russischen Brüdern zugegangen sind, davon ein sehr erheblicher Teil von verschiedenen Truppenteilen der Roten Armee. (Stürmischer Applaus, lebhafte Rufe: Hoch die Rote Armee!) Außerdem stammt ein erheblicher Teil der Telegramme von den russischen Parteiorganisationen der Städte und Dörfer her. (Lebhafter Beifall.)
Genossen! Es ist unmöglich, daß wir den Absendern dieser Telegramme durch den Kongreß einzeln unseren Dank für diese Begrüßung aussprechen. Ich glaube, der Kongreß wird einmütig damit einverstanden sein, daß wir das Sekretariat der Kommunistischen Internationale beauftragen, allen Absendern dieser Begrüßungstelegramme und Begrüßungsresolutionen den tiefstgefühlten Dank des Kongresses zu übermitteln. (Stürmischer Beifall.)
Das Präsidium teilt mit, daß die neue Exekutive sich morgen nachmittag 1 Uhr hier im Kreml konstituieren wird. Alle Delegationen werden aufgefordert, ihre Vertreter, die sie in die neue Exekutive entsenden wollen, in der morgigen Sitzung erscheinen zu lassen.
Genossen! Gestatten Sie mir einige Worte des heißesten Dankes an die Veranstalter dieses Kongresses. Ich glaube, daß ich im Sinne aller Anwesenden, aller Teilnehmer dieses III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale spreche, wenn ich unseren russischen Parteigenossen, den Mitgliedern der Russischen Kommunistischen Partei, dem Zentralkomitee, den Mitgliedern der Exekutive den heißesten Dank dafür zum Ausdruck bringe, daß sie es ermöglicht haben, hier in Moskau, in der Hauptstadt der Weltrevolution, diesen Kongreß wiederum tagen zu lassen und so glücklich zu Ende führen zu können. (Stürmischer Beifall.) Genossen, wir wissen alle auf das Innigste die große und herzliche Gastfreundschaft zu würdigen, die das russische Volk, die Russische Kommunistische Partei den Kommunisten aller Länder hier in den letzten Wochen gewährt hat. (Stürmischer Beifall.) Trotz der riesigen Entbehrungen, trotz der Leiden, trotz der Sorgen. die das russische Volk, die russische Kommunistische Partei belasten, haben sie uns mit der herzlichsten Gastfreundschaft aufgenommen. Wir hielten unsere Beratungen in diesen von Gold strotzenden Prunksälen ab, und wir blicken mit Stolz auf die Partei, die mit einer sprunghaften Entwicklung gewalttätig die Bastionen des Zarismus erstürmen konnte und dadurch die Möglichkeit schuf, daß die Vertreter des Proletariats aller Länder in einem solchen Palast, in solchen Räumen ihre Beratungen zum Wohle des Proletariats abhalten können. (Lebhafter Beifall.)
Genossen! Indessen schulden wir unseren russischen Genossen viel mehr Dank als nur für diese Veranstaltung. Sie haben uns, um es ganz kurz zu sagen, nicht nur eine Theorie gegeben, sie haben uns eine bewährte Praxis der Revolution beigebracht. Und wenn wir hier zusammengekommen und wenn wir so gern nach Moskau geeilt sind, um mit unseren russischen Brüdern zu beraten, so geschah es deswegen, weil wir uns alle als Schüler dieser großen revolutionären Kämpfer fühlen, weil wir alle wissen, daß wir nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis, ja sogar menschlich vieles von unseren ausgezeichneten russischen Brüdern zu lernen haben. (Lebhafter Beifall.) Wir sind auf das tiefste erschüttert, wenn wir daran denken, daß nicht nur die russischen Kommunisten, sondern das gesamte russische Volk, nicht Zehntausende, sondern Hunderttausende von Opfern in den revolutionären Kämpfen gebracht haben, und daß nur durch die Hunderttausende der Opfer es möglich war, überhaupt dem kommunistischen Gedanken in der Welt ein festes Gepräge, ein festes Leben zu verleihen, ein Leben, das jetzt nie und nimmer mehr erstickt werden kann. (Stürmischer Beifall.) Nur durch diese riesigen Opfer war es überhaupt möglich, die Kommunistische Internationale ins Leben zu rufen, die Kommunistische Internationale zu errichten. Und so aufopferungsvoll wie unsere russischen Brüder die langen Jahre der Revolution dagestanden haben, so aufopferungsvoll stehen sie auch jetzt da. Das Volk, das Leiden, Not, Entbehrungen, Kümmernisse sonder Zahl durchzumachen hat, es wankt nicht und weicht nicht und hält fest an der Sowjetrepublik, hält fest an den revolutionären Errungenschaften, hält fest an der Kommunistischen Partei.
Und in der Partei sehen wir nicht nur die einfachen Parteigenossen, sondern auch diejenigen, die man die Führer nennt, in einfachster Weise durch das Leben dahingehen, wie sie ohne jede Einlenkung oder jede Abweichung, ohne jede Zerstreuung an nichts anderes denken, als an Kampf, Kampf und wieder Kampf, wie sie an nichts anderes denken und nichts anderes wünschen, als revolutionär zu sein, revolutionär für Rußland, revolutionär für die ganze Welt. Wir sehen, wie dies und nichts anderes ihr Dasein ausfüllt und wie sie den letzten revolutionären Kampf fast bis zum Zusammenbrechen, fast bis zum Untergang ihres persönlichen Seins, fast bis zur Erschöpfung tragen. Aber immer wieder rafft sie die große Idee empor, immer wieder sehen wir, wie sie den großen Kampf neu beleben. wie sie ihn neu aufrichten, wie sie immer wieder vorangehen, wie sie immer wieder den Weg finden, den ersten proletarischen Staat, die erste Proletariermacht über alle Schwierigkeiten hinüberzubringen. (Lebhafter Beifall.)
Genossen! Deshalb gebührt dem russischen Volk, der russischen Partei, den russischen Führern unser heißester Dank. Ich glaube, daß wir alle mit Begeisterung in den Ruf einstimmen: Es lebe Sowjetrußland, es lebe die Russische Kommunistische Partei, es lebe ihre Führung, es lebe die III. Internationale. (Langandauernder, lebhafter Beifall und Applaus.)
Vors. Koenen. Das Schlußwort hat Genosse Sinowjew.
Sinowjew. (Stürmischer Applaus.) Genossen und Genossinnen. Ich muß zunächst meinen tiefsten Dank für die einstimmige Wahl aussprechen und selbstverständlich betonen, daß es sich hier nicht um ein Vertrauen zu meiner Person handelt, sondern um ein Vertrauen zu derjenigen Partei, in der zu kämpfen manche von uns schon Jahrzehnte die große Ehre haben. Unsere Partei wird auch für das nächste Jahr alles mögliche tun, sich des höchsten Vertrauens, das ihr die Kommunistische Internationale heute ausgedrückt hat, auch verdient zu machen.
Genossen, wir sind am Ende des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale angelangt. Als wir unser erstes Manifest schon Ende 1917 an die Kommunisten aller Länder richteten und sie aufriefen, eine Kommunistische Internationale zu gründen, wurden wir in der ganzen Welt als eine Gruppe von Träumern ausgelacht. Es wurde gesagt, wenn wir sogar eine solche Internationale bilden werden, werde das eine Eintagsfliege sein, keine solide Organisation. Nun, Genossen, wir haben den I. Kongreß erlebt, auf dem sich wirklich nur ein Häuflein von kommunistischen Revolutionären zusammengefunden hat, dann den II. Kongreß, der schon so manche bedeutende Partei hier unter der Fahne der Kommunistischen Internationale vereinigt hat. Und jetzt haben wir den III. Kongreß erlebt, der uns doch bewiesen hat, wie trotz aller Mängel, trotz aller Niederlagen unsere Arbeitervereinigung während des letzten Jahres doch kolossal gewachsen ist. Wir stehen jetzt als eine riesige Organisation da, als die stärkste Weltorganisation des Proletariats, in Europa wenigstens, in der nächsten Zeit hoffentlich auch in Amerika. Genossen, es war uns nicht ganz leicht, während dieses Kongresses in den akuten Fragen die Beschlüsse zu fassen. Wir mußten hier um die Wahrheit, um den richtigen Standpunkt ringen. Das kam, glaube ich, daher, daß wir unseren Kongreß in einer ganz ausgesprochenen Übergangsperiode einberufen haben, in einer Periode, in der sich herausgestellt hat, daß die Revolution leider nicht so schnell vor sich geht, wie es jeder aufrichtige Revolutionär wünscht und wünschen soll. Es ist eine bunte Lage in Europa, die Lage unserer verschiedenen Bruderparteien ist ganz verschiedenartig.
Wir hatten in der Exekutive, wie auch in den verschiedenen Parteien das Gefühl, daß wir gerade jetzt, wo diese Übergangsepoche eingetreten ist, zusammenkommen und brüderlich die Lage beraten, alle Schwierigkeiten prüfen sollen, daß wir die begangenen Fehler gutmachen und für die Zukunft eine klarere und präzisere Linie aufstellen sollen. Daher die Schwierigkeiten bei den Lösungen der wichtigsten Fragen während dieses Kongresses. Wir haben dennoch alles Wichtige einstimmig beschlossen. Und, Genossen, ich glaube, wir haben das Recht zu sagen, unsere Einstimmigkeit ist ‘nicht die „Einstimmigkeit‘“, die in der Zweiten Internationale herrscht. Sie ist keine scheinbare, keine Parade-Einstimmigkeit. Hätte sich während des Kongresses herausgestellt, daß wir größere Meinungsverschiedenheiten unter uns haben, so hätten wir sie selbstverständlich nicht zugedeckt, sondern wir hätten einen ganz klaren Richtungskampf gehabt, und das hätte sich vielleicht auch in den Abstimmungen ausgedrückt. Unsere Einstimmigkeit ist auch nicht die Einstimmigkeit eines faulen Kompromisses, sie ist die Einstimmigkeit einer internationalen Kampforganisation, die sich bewußt ist, daß sie, da sie von einer Welt von Feinden umzingelt ist, sich im Kampf zusammenschmieden muß, und keinesfalls zulassen darf, daß durch die kleinen Meinungsverschiedenheiten in unseren Reihen auch nur das Gespenst eines Zwiespalts auftauchen darf. Unsere Einstimmigkeit ist eine wirkliche Einstimmigkeit des revolutionären Proletariats der Welt, der klassenbewußten Proletarier der ganzen Erde.
Das, was wir in unseren Resolutionen niedergelegt haben, ist wirklich die gemeinsame Meinung alles dessen im Proletariat, was kommunistisch denkt, was kommunistisch fühlt und was für den Kommunismus zu kämpfen bereit ist. Wir haben über drei große Fragen verhandelt: Taktik, Gewerkschaft, Organisation. Wir haben in der taktischen Resolution nicht gescheut, über unsere Fehler zu sprechen, offen zu sprechen, so wie es, nebenbei gesagt, die russische bolschewistische Partei jahrzehntelang getan hat und sich nicht fürchtete, ob sich die Feinde die Hände reiben und Schadenfreude haben werden. Wir haben manche theoretische Fassungen hier kritisieren müssen. Man hat, Genossen, gegen die Offensivtheorie gesprochen, aber nicht darum, weil wir keine wirkliche Offensive wollen, sondern eben darum, um eine bessere Offensive vorzubereiten. Während des III. Kongresses haben wir die Offensivtheorie kritisiert, während des Jahres, das zwischen dem III.—IV. Kongreß liegen wird, da wollen wir die wirkliche Offensive vorbereiten und in manchen Ländern die wirkliche Offensive des revolutionären Proletariats gegenüber unserem Feinde, der Bourgeoisie, durchführen. (Lebhafter Beifall.)
Genossen, der Hauptgedanke unserer taktischen Resolution besteht darin, daß wir alle Bruderparteien, besonders die europäischen Bruderparteien, darauf aufmerksam machen, was sie inzwischen auch schon selbst verstehen müssen, daß sie einen ganz anderen Feind gegen sich haben, als es die russische Partei während der Oktoberrevolution hatte. Sie haben in Europa und Amerika eine klügere, eine besser organisierte Bourgeoisie als wir in Rußland hatten. Sie haben einen Feind, der bis an die Zähne bewaffnet ist, der klug und schlau ist, der gute Strategen besitzt, der auch etwas von der russischen Revolution gelernt hat, der jetzt seine Söhne bewaffnet, der alles ausnutzt, um das Proletariat waffenlos zu belassen. Unsere Bruderparteien in Europa werden daher viel schwerere Kämpfe ausfechten müssen. Und aus dieser einzigen, aber sehr gewichtigen Tatsache mußten wir den ganz einfachen Schluß ziehen, daß auch die Vorbereitung der proletarischen Kämpfe in Europa viel solider, sorgfältiger erfolgen muß, als es in Rußland der Fall war und als es der Fall war, während dieser zwei letzten Jahre in Europa. Der Feind ist stärker und schlauer, deshalb müssen wir unsere Kämpfe besser vorbereiten. Das ist der Hauptgedanke, der sehr schlicht, sehr einfach, aber sehr wichtig ist für jeden kommunistischen Arbeiter der ganzen Welt. Und diesen Gedanken müssen wir jetzt in der ganzen Welt bei allen Parteien, jedem einfachen Arbeiter ins Herz einprägen und alle nötigen praktischen Schlußfolgerungen daraus ziehen.
Ich glaube, Genossen, das, was unserem III. Kongreß den Stempel aufdrückt, sind zwei Tatsachen: 1. unsere taktische Resolution, die manche Fehler offen kritisiert, die zur solideren Vorbereitung auffordert, die mehr Vorsicht von allen Parteien fordert, die bessere Vorbereitung jeglichen Kampfes; 2. die Tatsache, die unserem Kongreß den Stempel aufprägt, ist die Antwort, die der Kongreß einstimmig der Sozialistischen Partei Italiens gegeben hat. Wir haben diese Partei zunächst in der Exekutive aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen. Der III. Weltkongreß hat diesen Ausschluß bestätigt. Selbstverständlich soll das nicht bedeuten, daß wir ruhig und gelassen mit Hunderttausenden italienischen Arbeitern brechen wollen. Nein, wir werden leidenschaftlich dafür kämpfen, daß die Arbeiter, die zu uns gehören, auch in unsere Reihen kommen. Aber der Kongreß hat vor der ganzen Welt klar ausgesprochen, das, was die Sozialistische Partei Italiens unter Führung Serratis getan hat, das gehört keinesfalls in die Kommunistische Internationale. Sie wissen, daß diese Fraktion sich Kommunisten und Unitarier nennt. Und wir behaupten, sie sind weder Kommunisten noch Unitarier. Sie haben 12000 Reformisten zuliebe mit 60000 kommunistischen Arbeitern gebrochen. Was ist das für ein Unitarismus? Es sind keine Kommunisten, weil sie den Reformisten zuliebe aus der Kommunistischen Internationale ausgetreten sind.
Sie sehen, die Leute nennen sich sogar Kommunisten und dennoch sind es eine Spezies der letzten Mohikaner des zentralistischen Lagers. Die Kommunistische Internationale mußte klar und offen sagen, ob solche Leute zu uns gehören können oder nicht. Sie wissen, daß manchmal vor dem Kongreß Stimmen laut wurden, daß wir vielleicht im Irrtum seien, daß solche Leute vielleicht doch zu uns gehören müssen. Der dritte Kongreß hat in dieser Frage volle Klarheit geschaffen. Er sagte: wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Die Kommunistische Internationale besteht fest und entschlossen darauf, daß solche Elemente nicht zu ihr gehören können, daß wir über die Köpfe der Führer hinweg dafür ringen müssen, daß diese Arbeiter zu uns kommen.
In diesem Komplex der Entscheidungen kann man die Physiognomie unseres Kongresses verstehen. Wenn wir verschiedene Fehler, mag man sie auch links oder wie immer nennen, wenn sie unserer Sache schaden, ganz offen kritisiert, aber zu gleicher Zeit erklärt haben, daß halbzentristische Elemente nicht zu uns gehören, so ist das eine ganz klare Linie, die jeder einfache Arbeiter, wie ich hoffe, verstehen wird. Wir haben auch Klarheit in der Gewerkschaftsfrage geschaffen. Mit Recht wurde gesagt, daß die Resolution unseres Kongresses denselben Geist atmet, wie die Resolution des II. Kongresses. Wir wollen auch diese Linie weiterführen. Wir haben nicht nur abstrakte Grundlinien aufgestellt. Gleichzeitig mit unserem Kongreß tagt der erste Weltkongreß der Gewerkschaften und während dieses Kongresses hat sich, was vielleicht noch wichtiger ist, eine ganze Anzahl internationaler Verbindungen der wichtigsten Branchen gebildet. Sie werden einen entschiedenen wichtigen ökonomischen Kampf gegen die Bourgeoisie und die Amsterdamer Internationale anfangen müssen.
Wir haben, Genossen, weiter einen Jugendkongreß, der jetzt noch tagt und der selbstverständlich, sehr viel dazu beitragen wird, um unsere Vortruppe, unsere heißgeliebte jugendliche Avantgarde besser zu schulen und besser zu organisieren, und den weiteren Kampf zu führen. Ebenso hatten wir eine Frauenkonferenz, die unseren Kongreß vorangegangen ist.
Wir haben heute in der Frage der Organisation eine Resolution angenommen, die, wie ich hoffe, viel dazu beitragen wird, die Partei zu stärken. Das Kapitel über die Arbeitspflicht ist meiner Meinung nach von der größten Bedeutung, niemand darf es übersehen. Wir hatten bisher wirklich allzu lose Parteien, allzu wenig stramm organisierte Parteien. Der einfachste Arbeiter hat zu wissen, wie er an der legalen und illegalen Arbeit der Partei teilnehmen soll und muß. Das Kapitel über die Arbeitspflicht muß überall auseinandergesetzt werden, in allen kleineren Versammlungen muß den Arbeitern dringend ans Herz gelegt werden, daß sie an dieser Arbeit teilnehmen müssen. Das wird einen großen Schritt vorwärts bedeuten.
Genossen, gerade in den letzten Tagen, als wir mit unserer Arbeit zu Ende gingen, erhielten wir eine große Anzahl Nachrichten aus Europa, die von neuem beweisen, wie scharf die allgemeine Lage in Europa ist, und daß man in jedem Augenblick den Zusammenbruch des Gleichgewichtes gewärtigen muß. Bedenken Sie nur das Telegramm aus Rom, demzufolge 50 000 oder noch mehr Arbeiter ohne Unterschied der Partei unter Führung der Kommunisten sich gegen die Faszisten zum Kampfe vereinigten. Zwei Tage, nachdem die Serrati-Partei eine Waffenbrüderschaft mit den Faszisten abgeschlossen hatte unter der Bedingung der Entwaffnung der italienischen Proletarier, stehen in Rom 50000 Arbeiter auf, gehen auf die Straße und bilden Bataillone von Kriegskämpfern und erklären den heiligen Krieg an die Bourgeoisie. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß Europa sich doch in einer revolutionären Lage befindet. Die Mitteilung aus Berlin über die sich ausbreitenden Streiks der Munizipalarbeiter, sie beweisen, daß Zündstoff übergenug vorhanden ist; sie beweisen, daß wir im Recht waren, als wir sagten, die Lage in Europa ist und bleibt revolutionär, und darum müssen wir uns besser vorbereiten, um sicherer zu schlagen. Wir haben gesagt, nicht nur ein heißes Herz, sondern eine starke Hand und ein richtiges Auge muß ein Revolutionär haben, um unsere Niederlagen auf ein Minimum zu reduzieren, und daß man jeden Schlag gegen die Bourgeoisie zehnmal berät, ehe man einmal losschlägt. Aber wenn wir losschlagen, dann soll der Schlag das Herz des Feindes treffen. Und die organisatorische Zusammenfassung, die wir hier getroffen haben, wird uns helfen eine wirkliche internationale Verbrüderung des revolutionären Proletariats zu schaffen. Keine großen Worte, wohl aber müssen wir versuchen, in der nächsten Zeit etwas zur wirklichen internationalen Koordination zu tun, nicht nur davon sprechen. Wir müssen versuchen, die revolutionären Parteien zusammenzuschmieden und die Parteien in Mitteleuropa einander näherzubringen. — Mitteleuropa, im breiten Sinne dieses Wortes genommen, Italien, Balkan, einbegriffen, von der Tschechoslowakei, selbstverständlich, gar nicht zu sprechen. Wir müssen als neue Exekutive alles mögliche tun, um diese Parteien näher zueinander zu bringen. Sie müssen auf allen möglichen Wegen versuchen. näherzukommen, wirklich gemeinsame Demonstrationen, gemeinsame entscheidende Kämpfe vorzubereiten. Das soll der Sinn unserer Beschlüsse sein. Wir werden jetzt nicht nur propagandistisch vorgehen müssen, sondern auch darangehen, vorsichtig, aber unaufhaltsam und energisch, zäh und hartnäckig diese Kämpfe, die jetzt nahen, auch wirklich vorzubereiten. Der Kongreß hat unserem Lande und unserer Partei noch einmal die Ehre erteilt, den Sitz der Exekutive bei uns zu belassen. Wir hoffen, daß das nur provisorisch ist. In diesem Jahr noch Moskau, für das nächste Jahr haben wir alle den heißen Wunsch, möge es Berlin, möge es Paris sein, aber unseretwegen möge es auch Mailand sein. Wir sind sogar bereit, Genossen, obwohl in London die Luft etwas schlimm, das Klima etwas naß ist, für das nächste Jahr für London zu stimmen. (Heiterkeit.)
Genossen, wenn Sie jetzt in den nächsten Tagen von uns Abschied nehmen werden, so denken wir russischen Revolutionäre tief gerührt an den Kampf, dem Sie jetzt entgegengehen. Ja, wir haben in Rußland noch schwere Zeiten durchzumachen, das ist wahr, unser Volk, unsere Arbeiterklasse duldet sehr viel. Aber, Genossen, wir sagen doch mit Recht: das Schwierigste ist bei uns schon vorüber. Es ist vorüber, es bleibt nur ein Zeitabschnitt des Anstrengens, und wir werden mit fester Hand das Proletariat unseres Landes zum vollen Siege führen.
Aber Ihr alle, Genossen, Ihr geht in Länder, wo die Kapitalisten, die Diktatur der Bourgeoisie herrscht, wo tausende unserer besten Brüder in den Gefängnissen schmachten, wo Hunderte täglich erschossen werden, und Ihr alle lauft Gefahr, nach einer kurzen Zeit eingesperrt zu werden, oder vielleicht noch ärgeres für die Sache des Kommunismus zu erleiden. Wir müssen jetzt dem einfachen Arbeiter, der vielleicht heute noch nicht zu unserer Partei gehört, aber morgen zu ihr gehören wird, einprägen, daß jeder von uns gewillt ist, alles, was er hat, für die Partei zu opfern. (Lebhafter Beifall.) Wir sollen die Jugend, wir sollen die erwachsenen Proletarier in dem Sinne erziehen, daß es nichts Höheres und Heiligeres in der Welt geben kann, als eine Kommunistische Partei, als eine Kommunistische Weltpartei, als die Kommunistische Internationale. (Lebhafter Beifall.) Und, Genossen, möge kommen was will, mag das Schicksal von uns noch größere Opfer fordern, als bisher. mögen die Kämpfe noch so hart sein — und sie werden hart sein — wir leben und sterben in einem Rufe: Es lebe die Kommunistische Internationale. (Langandauernder lebhafter Beifall und Applaus.)
Die Mitglieder des Kongresses erheben sich von ihren Sitzen und stimmen die Internationale an.
Vors. Koenen. Der Dritte Weltkongreß der Kommunistischen Internationale ist geschlossen.
Schluß der Sitzung 2 Uhr 30 Min. nachts.